Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

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