Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 4)

Die neutestamentliche Gemeinde überschreitet kulturelle und nationale Grenzen.

Der Missionsbefehl schliesst ein, „alle Völker“ zu Jüngern zu machen (Matth.28,19), „in alle Welt“ zu gehen (Markus 16,15). Das bedingt, dass die Boten des Evangeliums geographische, nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen überwinden. Für die ersten Jünger war das nicht einfach zu verstehen, da sie alle Juden waren, und von ihrer Geschichte her daran gewöhnt waren, dass Gott nur mit dem jüdischen Volk handelte.
Deshalb brauchte Philippus eine besondere Engelserscheinung, um die Begegnung mit dem äthiopischen Beamten zu suchen (Apg.8,26-40). Auch zu Petrus musste Gott auf besondere Weise sprechen, damit er dazu bereit war, das Evangelium zu einer nichtjüdischen Familie zu bringen (Apg.10). Aber allmählich begannen die Jünger die Tatsache zu akzeptieren, dass das Evangelium für alle Nationen bestimmt ist. In Antiochien entstand zum ersten Mal eine Gemeinde, wo sich Juden und Griechen gemeinsam versammelten (Apg.11,19-21). Vielleicht ist das der Grund, warum in Antiochien die Jünger zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (Apg.11,26): Als sie begannen, mit Jüngern aus anderen Nationen Gemeinschaft zu haben, sahen sie sich gezwungen, ihre nationalen Eigenheiten abzulegen und bewusst eine neue „Nationalität“ anzunehmen als Bürger des Reiches Gottes.
Paulus sprach dies klar aus in Kolosser 3,11: „… wo weder Grieche noch Jude ist, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit, weder Barbar noch Skythe noch Sklave noch Freier; sondern alles und in allen ist Christus.“

Aufgrund historischer Umstände war die Verbreitung des christlichen Glaubens während vieler Jahrhunderte fast ausschliesslich auf den europäischen Kontinent beschränkt geblieben. So war es unumgänglich, dass bei der erneuten Ausbreitung auf andere Kontinente die ersten Boten des Evangeliums zu all diesen Kontinenten europäischer Abstammung waren. Das brachte es aber mit sich, dass ein europäisiertes Christentum exportiert wurde, und dass häufig europäische oder abendländische Kultur praktisch mit „christlicher Kultur“ gleichgesetzt wurde.

In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen abendländischer Kultur und biblischem Christentum sehr kompliziert. Einerseits ist die abendländische Kultur tatsächlich stark von biblisch-christlichen Ideen geprägt worden – so stark wie keine andere Kultur -, insbesondere während den drei Jahrhunderten, die auf die Reformation folgten. Viele Errungenschaften, die heute als allgemeine kulturelle Errungenschaften gelten, sind in Wirklichkeit aus christlichem Gedankengut und christlichem Engagement herausgewachsen und erst später von der weltlichen Gesellschaft und dem weltlichen Staat übernommen worden: Fürsorge für Arme und Kranke; Rechtsstaatlichkeit; Religions- und Gewissensfreiheit; die „Gewohnheit“, Verpflichtungen und Verabredungen einzuhalten sowie für verursachte Schäden zu haften (das gehört alles zur sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“). Selbst die Grundlagen der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik sind hauptsächlich von Forschern gelegt worden, die innerhalb eines biblisch-christlichen Paradigmas dachten und arbeiteten: Johannes Kepler, Isaac Newton, Blaise Pascal, Leonhard Euler, Michael Faraday, James Clerk Maxwell, u.v.a.*
Gegenwärtig stehen alle die genannten Errungenschaften in Gefahr, wieder verlorenzugehen, weil der christliche Nährboden nicht mehr existiert, auf dem sie seinerzeit gewachsen waren.

Andererseits ist die abendländische Kultur seit jeher (und insbesondere während der letzten 150 Jahre) auch von anderen, nichtchristlichen oder sogar antichristlichen Strömungen geprägt worden: Klerikalismus, Humanismus, Rationalismus, ein materialistischer Lebensstil, Individualismus, Liberalismus, Sozialismus – um nur einige Beispiele zu nennen. (Es würde zu weit führen, hier im einzelnen zu untersuchen, inwiefern die genannten Strömungen dem biblischen Evangelium entgegenstehen.) Diese Geistesströmungen haben nicht nur die Gesamtgesellschaft beeinflusst, sondern auch die christlichen Kirchen. Wir haben also in Europa einerseits eine nichtchristliche Gesellschaft, die immer noch von einem Erbe christlicher Werte zehrt; andererseits aber „christliche“ Kirchen, die in vielerlei Hinsicht nichtchristlichen Ideen und Werten folgen.
Diese verworrene Situation macht es sehr schwierig, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, was abendländische Kultur ist, was biblisches Christentum ist, und wie diese beiden Dinge auseinanderzuhalten sind. Gerade die gegenwärtige Flüchtlingskrise macht dieses Dilemma sehr deutlich: Da gibt es jene, die eine multikulturelle Gesellschaft fordern, und sich nicht im Klaren sind darüber, dass die Idee eines multikulturellen Zusammenlebens nur auf der Basis einer gemeinsamen Nachfolge Jesu überhaupt je gedacht und verwirklicht werden konnte, aber nicht gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden kann. Und es gibt andere, welche fordern, dass Immigranten sich an die abendländische Kultur anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Kultur inzwischen in sich selbst zutiefst gespalten ist und nach aussen hin höchst widersprüchliche Signale aussendet – was dann z.B. dazu führt, dass Moslems denken, „Christentum“ sei gleichzusetzen mit Feminismus, Pornographie und Homosexualität. (Für sie nicht gerade ein Anreiz, sich dieser Kultur anzupassen…)

Um hier klar zu sehen, sollten wir zuallererst verstehen, dass es für uns als Christen nicht darum gehen kann, zwischen der „abendländischen“ und irgendeiner anderen irdischen Kultur zu wählen; und auch nicht darum, eine „abendländische Kultur“ gegen andere Kulturen zu verteidigen. Der grosse Unterschied besteht vielmehr zwischen allen menschlichen Kulturen auf der einen Seite, und der Kultur des Reiches Gottes auf der anderen Seite. Jede irdische Kultur (mit Ausnahme der jüdischen, als sie noch ursprünglich war) hat heidnische Wurzeln. Deshalb muss jede Person, die sich zu Jesus Christus bekehrt, von ihrer angestammten Kultur Abstand nehmen, diese Kultur im Licht des Wortes Gottes untersuchen, und verwerfen, was nicht Gottes Willen entspricht. Wir alle müssen „freigekauft werden von unserer nichtigen Lebensweise, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben“ (1.Petrus 1,18).
„Kultur des Reiches Gottes“ bedeutet dabei keineswegs die Sitten einer bestimmten Kirche oder Denomination. Im Gegenteil: Wer „christlich sozialisiert“ worden ist, der wird beim Eintritt ins Reich Gottes auch viele Aspekte seiner „kirchlichen Kultur“ hinter sich lassen müssen. Kirchliche Sitten, Umgangsformen und Denkweisen sind in der Regel ebenso von „dieser Welt“ geprägt wie jene der „weltlichen“ Gesellschaft.
Der „alte Mensch“ wurde nach dem Vorbild der ihn umgebenden Kultur geformt. Wenn es in dieser Kultur normal ist, sich zu betrinken oder Unzucht zu treiben, dann wird der alte Mensch einen Hang zum Alkoholismus und zur Unzucht haben. – Wenn diese Kultur sehr intellektuell und „wissenschaftlich“ ist, dann wird der alte Mensch dem Intellektualismus, dem Rationalismus und der „Weisheit dieser Welt“ zugeneigt sein und die Weisheit Gottes verachten. – Wenn diese Kultur religiös ist, dann wird der alte Mensch denken, religiöse Riten und Vorschriften seien ein gültiger Ersatz für eine Beziehung zu Gott. – Usw.
Deshalb muss jeder Christ einen Prozess der „Erneuerung des Sinnes“ durchlaufen (Römer 12,1-2). Er muss die Einflüsse seiner ererbten Kultur entdecken, die der Wahrheit Gottes entgegengesetzt sind; muss diesen Einflüssen absagen, und muss anfangen, dem Willen Gottes gemäss zu denken und zu handeln. Die Einflüsse, die aus der eigenen Familie und Kultur kommen, sind am schwierigsten zu identifizieren, denn sie verkörpern das, was jemand als „normal“ ansieht. So finden es die meisten Europäer „normal“, ihrem Terminplan Vorrang zu geben vor allem anderen, und können aufgrund dessen z.B. ohne weiteres die Gastfreundschaft verletzen. („Ich habe jetzt keine Zeit!“). – Bibellesen allein reicht möglicherweise nicht aus, um zu erkennen, dass hier eine grobe Verschiebung der Prioritäten stattgefunden hat. Um das zu erkennen, muss man wahrscheinlich eine Zeitlang in einer anderen Kultur gelebt haben. Das ist ein weiterer Grund, warum Gott möchte, dass Christen kulturelle Grenzen überschreiten: Es hilft einem, die eigene Kultur objektiver beurteilen zu können.

„Das Evangelium für alle Nationen“ bedeutet, dass Christen aus allen Nationen in harmonischer Gemeinschaft zusammenleben können und ihre gegenseitigen kulturellen Unterschiede tolerieren können, solange diese nicht in geistlicher oder ethischer Hinsicht dem Willen Gottes entgegenstehen. Es bedeutet aber nicht, dass alle Nationen alle ihre Gewohnheiten und Gebräuche (inbegriffen heidnische und unmoralische) in die Gemeinde mitbringen könnten. Es bedeutet vielmehr, dass Jünger aus allen Nationen Bürger des Reiches Gottes werden können. Das schliesst ein, jene Aspekte der eigenen Kultur hinter sich zu lassen, welche dem Evangelium widersprechen, und zu lernen, nach den Massstäben einer neuen Kultur zu leben, nämlich der Kultur des Reiches Gottes.

Befindest du dich bewusst in diesem Prozess des Übergangs von deiner ererbten Kultur zur Kultur des Reiches Gottes? Was beeinflusst deine Gemeinde stärker: die menschlichen Kulturen oder die Kultur des Reiches Gottes? Ist es deiner Gemeinde überhaupt bewusst, dass eine Kultur des Reiches Gottes existiert?


*Verschiedene Autoren haben die Zusammenhänge zwischen den genannten Errungenschaften und einer biblisch-christlichen Weltanschauung untersucht; so z.B. Vishal Mangalwadi in „Das Buch der Mitte“; Francis Schaeffer in seinem Werk über die europäische Geistesgeschichte, „Wie können wir denn leben?“; früher u.a. auch Abraham Kuyper in seinen „Vorlesungen über den Calvinismus“.

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