Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

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