Autoritarismus bei Aussteigern aus der kirchlichen Welt

In vergangenen Artikeln habe ich aus verschiedenen Perspektiven die Themen „Autoritarismus“ und „Machtmissbrauch“ beleuchtet. Oft geschehen solche Dinge in Freikirchen und ähnlichen Organisationen. Als Gegenbewegung dazu hörte man in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Richtungen von nicht-institutionellen christlichen Gemeinschaften, „einfachen Gemeinden“, „Out-of-Church-Christians“ („Christen ausserhalb der Kirche“), usw. Ich nehme an, dass nicht wenige Menschen, die sich mit solchen Bewegungen identifizieren, vor dem Machtmissbrauch in institutionellen Kirchen geflüchtet sind.

Doch auch solche Bewegungen sind vor hierarchischem Denken und autoritären Lehren nicht sicher. Manche Hausgemeindebewegungen sind von Anfang an mit einer klaren hierarchischen Struktur und dem Konzept von „Unterordnung“ gegründet worden, und sind in dieser Hinsicht nicht besser als die institutionellen Kirchen. Bei anderen kommen die autoritären Ideen und Praktiken eher durch die Hintertür herein.

– So fand ich einmal eine Webseite einer „nicht-institutionellen“ christlichen Gemeinschaft, die viel von der Rückkehr zum neutestamentlichen Gemeindemodell sprach, wo jeder nach seinen Gaben beiträgt, die Mitglieder ihr Leben miteinander teilen, und echte Bruderschaft gelebt wird. Auf der Webseite selber teilten Mitglieder Gedanken, Gebete und Lieder mit. Alles sah sehr ansprechend und harmonisch aus.
Später fand ich Zeugnisse von ehemaligen Mitgliedern, wonach im Innern dieser Gemeinschaft die Dinge ganz anders aussahen. Von Mitgliedern wurde erwartet, dass sie in dasselbe Wohnviertel umzogen, wo bereits die anderen Mitglieder lebten. Das „gemeinsame Leben“ wurde derart überbetont, dass Mitglieder unter ständige Überwachung gestellt wurden, sodass sie nicht einmal allein zum Einkaufen gehen durften. Sie mussten den Kontakt zu Verwandten abbrechen, die der Gruppe skeptisch gegenüberstanden; und wenn sie doch einmal Verwandte besuchten, mussten sie dabei von einem „gut indoktrinierten“ Mitglied begleitet werden. Sie durften nicht einmal allein die Bibel lesen oder beten; alles musste „in Gemeinschaft“ geschehen. Obwohl es offiziell „keine Hierarchie“ gab, war allen Insidern völlig klar, wer die Leiter waren; und den Anordnungen des Hauptleiters durfte auf keinen Fall widersprochen werden. Neue Mitglieder mussten beim Eintritt eine Generalbeichte ablegen über sämtliche Sünden, die sie je begangen hatten. Diese Beichte wurde protokolliert, sodass die Leiter diese Liste später dazu gebrauchen konnten, „rebellische“ Mitglieder zu erpressen. – Ausserdem wurde vermeldet, dass Internetseiten, die negative Informationen über die Gruppe enthielten, jeweils nach kurzer Zeit auf mysteriöse Weise zu verschwinden pflegten.

– Mike Dowgiewicz ist ein Autor, der stark das Engagement christlicher Väter in ihren eigenen Familien betont, vor allen Verantwortungen in Beruf, Gemeinde, usw. Ich verdanke ihm wertvolle Einsichten über biblische Ältestenschaft vor dem Hintergrund der altjüdischen Kultur. Doch fand ich heraus, dass auch er ein Verfechter der unbiblischen „Chain of command“ ist (militärische Befehlshierarchie innerhalb der christlichen Gemeinschaft). Als ich ihm deswegen schrieb, antwortete er sehr unwirsch, und warf mir vor, ich versuchte ihn „psychologisch zu manipulieren“. Leider ein typisches Reaktionsmuster: Wenn autoritäre Leiter wegen eines konkreten Punktes in Frage gestellt werden und die Argumente nicht entkräften können, dann gehen sie zu persönlichen Angriffen über und unterstellen dem Fragesteller unlautere Motive.

– In diesem Zusammenhang beobachte ich schon seit längerer Zeit mit einiger Besorgnis die Entwicklung von Wolfgang Simson. Während langer Zeit hat er in seinen Veröffentlichungen hauptsächlich nicht-hierarchische, z.T. sogar fast familiäre Strukturen und Modelle von Gemeinschaft beschrieben. In einer Hausgemeinden-Konferenz 2006 in Spokane (USA) [eine Aufnahme davon war seinerzeit im Internet veröffentlicht] machte er eine Aussage, die mich sehr berührte und mich hoffen liess, er sei drauf und dran, die Familienstruktur christlicher Gemeinschaft zu entdecken: „Wenn wir glauben, dass Gott ein Richter ist, dann wird die Kirche wie ein Gerichtssaal. Wenn wir glauben, dass Gott ein Arzt ist, dann wird die Kirche wie ein Spital, wo wir unsere Wunden pflegen, und nachher einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, dass Gott ein General ist, dann wird die Kirche wie eine Kaserne. Wenn wir aber Gott als unseren Vater sehen, dann wird die Kirche wie eine Familie sein.“

Aber leider ist er von dieser Idee wieder abgedriftet. Seine neueren Publikationen neigen immer mehr zu autoritär-hierarchischen Vorstellungen. Statt vom „Haus“ (Familie), von „organischer Gemeinschaft“, oder ähnlichen Konzepten, spricht er nun fast ausschliesslich vom „Königreich“. Zugleich beobachte ich eine abnehmende Transparenz darüber, was er nun wirklich lehrt über die praktische Verwirklichung dieses Konzepts.

Schon in jenen Aufnahmen von 2006 waren einige alarmierende Aussagen zu finden, die ich damals einfach „übersah“ – bzw. ich verfiel in den Fehler, auch das Problematische einfach hinzunehmen, weil mir der Mann und seine Ideen sympathisch waren. Im Rückblick sehe ich, dass er schon damals seine spätere Entwicklung klar vorgezeichnet hat. Ich möchte nur den „dicksten Hund“ erwähnen:

In Simsons Königreich ist es obligatorisch, dass Neubekehrte alle ihre Güter, die über das Lebensnotwenige hinausgehen, „den Aposteln zu Füssen legen“. Diese Apostel entscheiden dann darüber, was für Personen bzw. Projekte mit diesem Geld unterstützt werden sollen. Wolfgang Simson sagt in seinem Vortrag: „Das waren also ganz enorme Summen, die den Aposteln zu Füssen gelegt wurden. Der Gegenwert vieler Häuser und Grundstücke! Das war praktisch der Eintrittspreis, den alle bezahlten, die ins Christentum eintraten. Sie gaben alle Sicherheiten auf, weil sie zwei neue Sicherheiten gefunden hatten: in Gott und in der Gemeinde. Was brauchten sie mehr? Die Schlussfolgerung war deshalb, in der Urgemeinde, dass wenn jemand reich werden wollte, dann war er besessen …“ – Auch der Ausdruck „Idiot“ bezeichne jemanden, der nicht bereit sei, sich von überflüssigen Gütern zu trennen und diese „den Aposteln zu Füssen zu legen“. – Etwas später sagt er: „Das heutige Äquivalent des Ortes ‚zu Füssen der Apostel‘ wäre eine apostolische Stiftung in einer Region, verwaltet von Personen, die an Ort eine ‚Geschichte des Vertrauens‘ haben, d.h. von den anderen als echte Apostel anerkannt sind … Ich schlage vor, dass einfach jemand mit einer solchen Stiftung anfangen sollte; und die Beiträge der neuen Hausgemeinden und der vielen Christen, die keiner Kirche mehr vertrauen, und der Geschäfte und der Neubekehrten werden dort einbezahlt; und dann gäbe es genügend Geld, um 50, 100 oder 200 Erntearbeiter zu bezahlen …“
In seinem Buch „Die Verfassung des Königreichs“ (2014) erscheint dieser Gedanke wieder (S.134):
„Das Königreich kennt, wie jedes andere Land, eine zentrale Finanzverwaltung. Die Bibel benutzt dafür Ausdrücke wie (…) der Platz vor den Füssen der Apostel (Apg.4,34-35; 5,1-2) (…) So wie Judas der Banker von Jesus war (er hatte „den Beutel“ Joh.13,29), waren (und sind) die Apostel Gottes Banker.“ [Hervorhebungen im Original.]

Dazu ist einiges zu sagen. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse unter jenen, die sich Christen (oder auch „Königreichsbürger“) nennen, ist ein solcher Vorschlag zumindest blauäugig, wenn nicht Schlimmeres. Integrität – besonders finanzielle Integrität – ist eine derartige Mangelware, dass überall da, wo in „christlichen“ Kreisen bisher ein paar tausend Dollars veruntreut werden, diese Summe sofort in Millionenhöhe schnellen würde.
Zweitens würde ein solches Vorgehen den Einzelnen entmündigen. Was ist dann mit den Aufrufen an die Verantwortung des Einzelnen, selber mit den Bedürftigen, von denen er Kenntnis hat, zu teilen? (Z.B. Gal.6,6.9-10; Eph.4,28; Jak.1,27) Zum reichen Jüngling sagte Jesus: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ (Matth.19,21 und Parallelen.) Er sagte nicht: „Lege es den Aposteln zu Füssen.“ Und auch nicht: „Gib es mir, damit ich es so verteilen kann, wie es recht ist.“ Jesus traute dem reichen Jüngling zu, selber bedürftige Personen zu finden und seinen Besitz angemessen verteilen zu können. Bestimmt traut er das auch jedem seiner Nachfolger zu.
Im Neuen Testament ist Geben freiwillig. Die Mitglieder der Urgemeinde gaben grosszügig, weil der Heilige Geist sie so leitete. (Auf weitere Faktoren gehe ich weiter unten ein.) Es wäre aber anmassend und tyrannisch, dasselbe als Obligatorium von Menschen zu fordern, in denen der Heilige Geist nicht auf diese Weise gewirkt hat. Tatsächlich liefe dies auf eine zwangsweise Umverteilung von Gütern nach kommunistischem Muster hinaus.

Von der Bibel her ist dazu zu sagen, dass Geschehnisse, die berichtet werden, nicht einfach so als normativ und „obligatorisch“ für alle Zeiten und alle Orte erklärt werden können. Es gibt kein neutestamentliches Gebot, Häuser und Grundstücke zu verkaufen und den Erlös „den Aposteln zu Füssen“ zu legen. Ebensowenig wurden Mitglieder der Urgemeinde als „besessen“ oder „Idioten“ beschimpft und beschämt, wenn sie dies nicht taten. Wolfgang Simson begeht den Fehler, die besondere Situation der Urgemeinde in Jerusalem für die Gemeinde aller Zeiten und aller Orte verpflichtend zu machen. Dabei lässt er folgende Umstände ausser Acht:
– Jesus hat die Zerstörung Jerusalems (und nur Jerusalems) prophetisch vorhergesagt. Deshalb war es sinnvoll, Häuser und Grundstücke in dieser Stadt zu verkaufen, denn die Jünger wussten, dass diese nach relativ kurzer Zeit sowieso zerstört werden würden. Aus anderen Städten berichtet das Neue Testament nichts vom Verkaufen von Liegenschaften.
– Auch in der Jerusalemer Gemeinde war das kein Obligatorium. Ananias und Saphira wurden nicht deshalb gerichtet, weil sie Geld zurückbehalten hatten, sondern weil sie deswegen gelogen hatten (Apg.5,4). Es wäre besser für sie gewesen, alles Geld für sich zu behalten; denn das wäre wenigstens ein ehrlicher Ausdruck ihrer Herzenshaltung gewesen, und wäre nicht verurteilt worden: „Bliebe es nicht unverkauft dein [Eigentum]; und [auch] nach dem Verkauf war es in deiner Gewalt?“
– In der Urgemeinde herrschte eine aussergewöhnliche Heiligkeit und Integrität. Deshalb war es dort möglich, den Aposteln zu vertrauen hinsichtlich der Verwaltung der Güter. Nie in ihrer weiteren Geschichte hat die christliche Gemeinde auch nur annähernd diese Höhe wieder erreicht. Später war es deshalb vernünftiger, im Normalfall das Geben der Verantwortung des Einzelnen zu überlassen (siehe die weiter oben angeführten Stellen), und nur in Ausnahmefällen Spenden zentral zu verwalten. (Die Sammlungen für Jerusalem – Apg.11,29-30; 2.Kor.8 und 9 – waren solche Ausnahmen; die einzigen, die im Neuen Testament berichtet werden.)
– Die Apostel selber haben nie eine Verantwortung als „Banker“ gesucht oder gar gefordert. Sie sahen darin keine von Gott gegebene Berufung, sondern im Gegenteil eine unangemessene Last, die sehr bald zu Problemen führte, und die sie so bald wie möglich wieder loswerden wollten: „Es ist nicht angemessen, dass wir das Wort vernachlässigen und bei den Tischen Dienst tun. (…) Wir jedoch wollen beim Gebet und beim Dienst des Wortes verharren.“ (Apg.6,1-4.)

Nun wird eine Beurteilung der Lehren Simsons erschwert dadurch, dass er sich widersprüchlich äussert. Er weiss offenbar um die Problematik des Autoritarismus und kritisiert ganz direkt gewisse autoritäre Strömungen, z.B. den Dominionismus oder Rekonstruktionismus (eine v.a. in den USA verbreitete Strömung mit dem Ziel, dass Christen politischen und gesellschaftlichen Einfluss gewinnen sollen, um biblische Werte in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen und so das Königreich Gottes herbeizuführen). In einem Rundbrief vom Januar 2018 beklagte er auch, wie die Ausbreitung des Christentums oft mit der Kolonisierung Hand in Hand ging, und statt des Königreichs Gottes nur westlich-kulturelle kirchliche Formen exportiert wurden. (Seltsamerweise erwähnt er dabei aber nur reformierte und evangelikale Kirchen. In einem persönlichen Mail bagatellisierte er dagegen die Eroberung und Unterwerfung eines grossen Teils Amerikas durch die Spanier auf Geheiss des Vatikans, und zeigte kein Interesse, eine Initiative amerikanischer Eingeborener zu unterstützen, die seit 1992 Petitionen an den Papst richten, um die diesbezügliche Bulle von 1493 endlich(!) widerrufen zu lassen.)
Öfters warnt Simson vor „religiösen Stars“, Personenkult, und vor Leitern, die andere zu ihren eigenen Jüngern machen wollen. Dem traditionellen institutionellen Kirchensystem wirft er vor, aus eigenmächtig aufgebauten Königreichen zu bestehen, die Menschen folgen statt Gott.

Doch dann baut er genau dasselbe wieder auf, was er soeben niedergerissen hat. Z.B. scheut er sich nicht, gewisse Menschen als „seine“ Jünger zu bezeichnen.
– In den kolonialisierten Ländern wurde das Evangelium nicht als Erlösungsbotschaft verkündet, sondern als Botschaft der Unterwerfung unter die „christliche“ Kolonialmacht, die angeblich Gottes Reich verkörperte. Wolfgang Simsons Königreichstheologie begeht genau denselben kolonialen Fehler: Aus der von Jesus begründeten Bruderschaft ohne Hierarchie (Matth.23,8-12), bzw. „Schafherde“ mit Jesus als einzigem Hirten (Joh.10), macht er ein reglementiertes „Königreich“. In dieses Reich einzutreten wird gleichgesetzt mit der Unterordnung unter „apostolische Menschen“, die Gottes „Regierungsvertreter“ auf dieser Erde seien. Damit wird der Grundstein gelegt zu einer neuen Generation von entmündigten, indoktrinierten Nachfolgern, die ihre Gottesbeziehung aus zweiter Hand leben. Ja, Simsons „Kingdom Manifesto“ spricht ausdrücklich von „Kolonien des Königreichs Gottes auf Erden“.

Von diesem Königreich spricht Simson fast ausschliesslich in einer amtlichen, institutionellen Sprache. Es geht um „Regierung“, „Gesetze“, „Legalität“, „Einbürgerung“, „Staatsbank“, sogar „Staatsgeheimnisse“ und einen „Amtseid“. Die neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft und christliches Leben, die mehr beziehungsmässige und organische Aspekte betonen, treten dagegen in den Hintergrund, oder kommen in Simsons neueren Verlautbarungen überhaupt nicht mehr vor.

In einem neueren Rundbrief (März 2019) sagte er u.a: „Viele Bibelübersetzer mögen den Gedanken nicht, dass der Mensch im Königreich ein Untergebener, und damit ein Befehlsempfänger Gottes ist.“ Das ist zwar richtig, wenn es über unsere Stellung vor Gott gesagt wird. Aber:
– Es ist nur eine Teilwahrheit. Wir sind nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch geliebte Kinder, Freunde und Mitarbeiter Gottes, Glieder am Leib Christi, und noch so manches mehr!
– Diese Teilwahrheit wird regelmässig von autoritären Leitern dazu missbraucht, Gehorsam und Unterordnung ihnen gegenüber zu erzwingen. Wo immer die Wahrheit über Gott als König überbetont wurde, da erschienen sofort zahlreiche Unterkönige, die ihren Anteil an Gottes Befehlsgewalt beanspruchten. Sogar wenn Simson das nicht vorhätte: garantiert werden es zahlreiche seiner Anhänger tun.

Über seinen „Plan B“, seine Alternative zur herkömmlichen Kirche, schrieb er im Oktober 2018: „Es geht ja hier um viel mehr als darum, die klassische Kirche mit ihren Synagogenstrukturen in ein Privathaus zu verlegen und es „Hauskirche“ zu nennen. Es geht um die Frage, wie das Haus Gottes, die Nation Gottes, Gestalt gewinnt. Es ist fast wie eine Wiedererfindung der römisch-katholischen Kirche, nur dass das Ergebnis weder römisch ist, noch katholisch, noch eine klassische Kirche.“
Und ähnlich im März 2019: „Es geht ja um nicht weniger als um eine biblische Alternative zum Kirchgänger-tum, und letztlich um eine neue Landeskirche auf der Basis der Hauptbotschaft von Jesus – dem Königreich.“
Diese Aussagen machen sehr deutlich, wohin die Reise geht. Nicht zurück zum Neuen Testament, sondern zurück zum konstantinischen Zeitalter. Zurück zu genau jener „Erfindung“, die von den meisten anderen Kritikern des traditionellen Kirchensystems als der katastrophalste Tiefpunkt der ganzen Kirchengeschichte angesehen wird.

Simsons Königreich hat eine „Verfassung“, auf die jeder „Bürger“ einen „Loyalitätseid“ schwören muss – entgegen Matth.5,34-37, und entgegen Simsons eigener Beteuerung, es sei nicht richtig, einer irdischen Leiterschaft gegenüber irgendeine „Bundesverpflichtung“ einzugehen. Diese „Verfassung“ ist nun aber nicht die Bibel, sondern Simsons eigener Extrakt und eigenwillige Auslegung davon, die er unter dem Titel „Die 75 Gebote Jesu“ zusammenfasst. Seine Nachfolger sollen also offenbar nicht eine eigenständige Beziehung zu Jesus aufbauen oder selber um ein richtiges Verständnis der biblischen Aussagen ringen, sondern exakt Simsons spezieller Auswahl und Auslegung folgen. Unter seiner Auslegung des Gebots „Hortet nicht …“ findet man z.B. die eingangs zitierte Forderung, aller nicht lebensnotwendige Besitz müsse zentralistisch „zu Füssen der Apostel“ gesammelt werden.

Liebe Nachfolger von Jesus Christus, bitte lasst euch von niemandem enteignen, weder materiell noch geistlich. Jesus allein hat die Verfügungsgewalt über unsere Zeit, unseren Besitz, unsere Talente und Fähigkeiten, unsere Beziehungen, unsere Berufung und unseren Platz in seinem Reich. Er hat nie irgendeinen seiner Jünger bevollmächtigt, diese Verfügungsgewalt über andere Jünger auszuüben. Deshalb wollten die neutestamentlichen Apostel weder Vermögensverwalter (Apg.6,2-4) noch „Herren über jemandes Glauben“ (2.Kor.1,24) sein. Erst neuere Strömungen wie Dominionismus, Peter Wagners „Neue Apostolische Reformation“ (NAR), und eben Wolfgang Simsons „Königreichslehre“, wollen Apostel zu Herrschern, Regierungsfunktionären und Bankern machen.

In der Bibel ist klar, dass die sichtbare Aufrichtung des Reiches Gottes dann geschieht, wenn Jesus wiederkommt (Matth.25,31-34; Luk.19,11-15; Offb.19,11-16; 20,4). Zu jenem Zeitpunkt werden tatsächlich manche seiner Jünger „Regierungsfunktionen“ erhalten (Luk.19,16-19; 22,29-30; Offb.20,4.6) – aber nicht vorher.
Wolfgang Simson erklärt aber Stellen wie Daniel 2,44-45 als eine esoterische „Kingdom Singularity“, einen nahe bevorstehenden Moment, wo sich Gottes Königreich auf der Erde manifestieren würde aufgrund der Wirksamkeit der „Königreichsbürger“. (So in seinem „Kingdom Manifesto“.) Die Wiederkunft Jesu kommt in diesem Zusammenhang nicht vor! Das ist genau die „Kingdom Now“ („Königreich jetzt“) – Theologie, die den Kern des Dominionismus und verwandter Strömungen bildet: Nachfolger Jesu würden schon vor seiner Wiederkunft auf dieser Erde die Zustände des Reiches Gottes einführen, und würden damit zu einem dominierenden Einfluss werden.
Der Verdacht liegt daher nahe, dass Simson Strömungen wie Dominionismus, „Neue Apostolische Reformation“ (NAR) und ähnliche nur deshalb kritisiert, damit er umso einfacher seine eigene Konkurrenzversion davon einführen kann.

Man mag mir vorwerfen, ich hätte seine Anliegen falsch verstanden. Doch in diesem Fall hätte er über ein Jahr Zeit gehabt für eine Klarstellung. Ich habe ihm per e-Mail mehrmals meine Bedenken unterbreitet, und er hat jedes Mal ausweichend oder gar nicht darauf geantwortet. Dies ist mein letztes Mail an ihn, vom März 2018 (nicht 2019!), welches bis heute ohne Antwort blieb:

Lieber Wolfgang,

danke für Dein Mail. Danke für den Hinweis, dass nicht nur das Königtum, sondern auch die Vaterschaft Gottes von Menschen usurpiert und verfälscht werden kann.

Eine Antwort auf meine Anfragen finde ich in Deinem Artikel („Father-Son-Wineskins“) allerdings nicht. Er hat ja nur ganz am Rande etwas zu tun mit dem, was ich Dir geschrieben habe. Ja, Du grenzt Dich darin verbal von autoritären Strömungen ab, und sprichst schön von „horizontaler Bruderschaft“ usw… – aber nur da, wo Du andere kritisierst. Dein eigenes Konzept kommt in diesem Artikel ja gar nicht zur Sprache. Wo kommen diese Gedanken in Deinem eigenen Modell vor, und wie werden sie da praktisch verwirklicht? Du sprichst ja u.a. von einer „Regierungsbildung im Königreich Gottes“, die gegenwärtig vorbereitet werden soll; und Du forderst sogar, Apostel zu Verwaltern von Millionen- und gar Milliardenbeträgen zu machen – also praktisch eine Enteignung der Staatsbürger nach kommunistischem Muster. Damit gehst Du bezüglich Autoritarismus noch weiter als die meisten Vertreter von Dominionismus, NAR, usw. – in eklatantem Widerspruch zu dem, was Du in dem mir zugesandten Artikel schreibst. Und einer Beantwortung meiner diesbezüglichen Anfragen bist Du nun zum zweiten Mal ausgewichen.

Also, zum dritten Mal, und etwas klarer ausgeführt:

– Was für Machtbefugnisse haben Apostel genau, gemäss Deinem Modell?
– Was verstehst Du unter der „Regierungsbildung im Königreich Gottes“ in der gegenwärtigen Zeit, und wie soll diese konkret verwirklicht bzw. vorbereitet werden?
– Inwiefern unterscheidet sich Deiner Meinung nach Dein eigener Ansatz wesensmässig von den autoritären Strömungen, die Du kritisierst?
– Und was triffst Du konkret für Vorkehrungen, damit dieser wesensmässige Unterschied nicht nur in der Theorie besteht, sondern auch in der Praxis? D.h. was tust Du konkret, um der Errichtung autoritärer Strukturen unter Deinen Mitarbeitern und Nachfolgern vorzubeugen?

Falls ich etwas an Deinen Aussagen missverstanden haben sollte, wäre ich für eine Klarstellung dankbar. Solange Du aber meine Anfragen einfach nicht oder nur ausweichend beantwortest, trägt das nur dazu bei, meine Bedenken zu verstärken und Dich und Deine Projekte als zumindest „verdächtig“ einzustufen. Ich hoffe, Du verstehst das. Mangelnde Transparenz ist auch ein Kennzeichen autoritärer Strukturen und Leiter.

Mit vielen Grüssen,

Hans

Abschliessend möchte ich kurz versuchen, ein biblisches Gegengewicht zu Simsons Königreichslehre aufzuzeigen.

Das Königtum und die Souveränität Gottes sind tatsächlich wichtige biblische Wahrheiten. Und ich habe den Eindruck, manche christliche Gemeinschaften brauchen tatsächlich eine Korrektur in dieser Richtung. Doch wenn dieser Aspekt einseitig überhöht wird, dann entsteht auch wieder ein verzerrtes Bild von Gottes Plan, und führt zu einer frommen Diktatur.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Völker über sie dominieren, und ihre Grossen unterdrücken sie. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch gross werden will, sei euer Diener; und wer unter euch der erste sein will, sei euer Sklave; so wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden sondern zu dienen, und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matth.20,25-28; ebenso Mk.10,42-25; Luk.22,25-27.)
Bezeichnenderweise hat Wolfgang Simson genau dieses Gebot in seiner „Verfassung des Königreichs“ ausgelassen. Jesus sagt, dass in seinem Reich Autorität gerade nicht so verstanden und ausgeübt werden solle wie in einem weltlichen Staat. Das bedeutet aber auch, dass der Begriff „Reich Gottes“ nicht mit Inhalten gefüllt werden darf, die weltlichen Regierungsformen entnommen sind. Damit werden alle Vergleiche hinfällig, welche das Reich Gottes in den Begriffen eines heutigen Staatswesens erklären wollen.

So sagt z.B. das Neue Testament nicht, man werde „ins Reich Gottes eingebürgert“, sondern man werde „in Gottes Familie hineingeboren“. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Metaphern besteht darin, dass Einbürgerung ein bürokratisch-institutioneller Vorgang ist, Geburt dagegen ein natürlich-organischer. Wer daraus eine „Einbürgerung“ machen möchte, der ist mit Volldampf auf dem Weg zurück zur institutionellen Amtskirche, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. – Und wer sind dann die „Einbürgerungsbeamten“ (die ein Gesuch annehmen oder ablehnen können)? Muss sich von jetzt an jeder Anwärter auf das Reich Gottes von einem Simson-Anhänger überprüfen lassen, ob er Simsons Eintrittsbedingungen erfüllt?

Im übrigen ist das „Königreich Gottes“ nur eines von mehreren Bildern, die uns die Ordnungen Gottes verdeutlichen wollen. Dieses Bild wird aber nirgends im Neuen Testament mit bürokratischen und aus weltlichen Regierungsordnungen übernommenen Details ausgestaltet.
Ein anderes Bild ist z.B. die Familie Gottes. Die Vorstellung von Gott als gestrengem König wandelt sich sofort, wenn wir in Betracht ziehen, dass dieser König zugleich unser liebender Vater ist. Wir sind dann nicht einfach „Befehlsempfänger“, sondern Söhne und Töchter im königlichen Haushalt. Und insbesondere haben wir dann keinerlei Veranlassung, von irgendwelchen Unterkönigen oder Funktionären Befehle entgegenzunehmen, sondern nur von unserem Vater selber.
Wieder ein anderes Bild ist der Leib Christi. Im Gegensatz zu einem Staat ist ein Leib kein künstliches oder institutionelles Gebilde, sondern ein organisch gewachsenes. Die Glieder eines Leibes brauchen kein Organigramm und keine „Regierungsorgane“. Sie üben auf natürlich-organische Weise ihre jeweilige Funktion aus. Sie werden alle gleichermassen vom „Haupt“ (bzw. Zentralnervensystem) koordiniert, ohne dass ein Glied dem anderen Befehle erteilen müsste.

Den aktuellen Gegensatz zwischen der neutestamentlichen christlichen Gemeinschaft und dem traditionellen institutionellen Kirchensystem sehe ich hauptsächlich in den folgenden Aspekten:

– Ist die Struktur der christlichen Gemeinschaft organisch, lebendig, aus der Beziehung zum lebendigen Herrn und zueinander gewachsen; oder ist sie mechanistisch, institutionell, und bürokratisch reglementiert?

– Beruht Autorität in der christlichen Gemeinschaft auf gegenseitiger Anerkennung, Integrität, Transparenz, geistlicher Reife, usw; oder beruht sie auf einer hierarchischen Stellung, Dominanz, und der Forderung nach Gehorsam und Unterordnung?

– Beruht geistliches Leben und eine gottgefällige Lebensweise auf der direkten, persönlichen Beziehung zu Gott und der Befähigung durch den Heiligen Geist, oder auf dem Befolgen äusserlicher Anweisungen und auf der Vermittlung durch Personen mit „priesterlichen“ Funktionen?

– Ist die geistliche Wiedergeburt eine von Gott übernatürlich bewirkte Herzens- und Wesenveränderung, oder ist sie ein ritueller Vorgang, der vom Menschen selbst (oder von anderen Menschen mit „priesterlichen“ Funktionen) vollzogen oder vermittelt wird?

Simson ist zwar weiterhin ein heftiger Kirchenkritiker. Aber in den vier genannten Punkten widerspiegelt sein eigenes neueres Modell, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, den Standpunkt der institutionellen Amtskirche. In der Vergangenheit hat er viel Gutes und Wichtiges gesagt. Sein Buch „Häuser, die die Welt verändern“ würde ich auch heute noch empfehlen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass er, nach den vielversprechenden Anfängen, nun bei solchen Positionen landet.

Es ist natürlich eine raffinierte Strategie, eine neue Kolonialisierung der Welt ausgerechnet unter dem Banner des Antikolonialismus voranzutreiben. Und mit Hilfe der Kritik an autoritärer Leiterschaft ein Machtvakuum zu schaffen, das man dann selber ausfüllen kann. Aber wenn wir einmal den „Hype“ weglassen, das verbale Brimborium, das Simson so meisterhaft beherrscht, dann steckt dahinter wohl „nichts Neues unter der Sonne“. Anscheinend nur ein weiterer Versuch zur Errichtung einer irdischen Autoritätspyramide, die dann als das Reich Gottes gelten soll. Falls das nicht Simsons eigene Absicht sein sollte, so werden zumindest seine Anhänger dafür sorgen, dass es so weit kommt.

Werbeanzeigen

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: