Nochmals Autoritarismus: Gibt es eine gemässigte Form von G12?

Als ferner Beobachter lese ich, dass eine ganze Anzahl Freikirchen im deutschsprachigen Raum, u.a. die ICF-Gemeinden (International Christian Fellowship), schon vor manchen Jahren aus Südamerika das Gemeindemodell „G12“ importiert haben und als effizientes Jüngerschaftskonzept anpreisen. Darüber sind mehrere kritische Artikel erschienen, sowohl in christlichen wie nichtchristlichen Nachrichtenmedien, und auch auf den Webseiten von Sektenberatungsstellen. Aber in keinem der kritischen Artikel, die ich bisher gefunden habe, wurden die zwei Kernfragen angeschnitten, die jeder Kenner des südamerikanischen Originalmodells vermutlich zuerst stellen würde:

– Was lehrt und praktiziert ihr betreffend „geistliche Abdeckung“, Autorität, und Unterordnung?

Und: – Was geht an euren „Begegnungswochenenden“ vor sich?

In einem idea-Interview las ich zwar, dass einer der ICF-Leiter sagte, sie hätten verschiedene Aspekte des originalen G12-Modells, die ihnen zu extrem erschienen, „angepasst“. Er bezog sich damit aber nicht auf die beiden erwähnten Punkte, sondern lediglich auf die zeitliche Überbelastung der Mitglieder durch mehrere Zellgruppentreffen pro Woche. Bei „infosekta“ ist auch zu lesen, ICF habe das G12-Zellgruppenmodell inzwischen wieder abgeschafft, weil dessen pyramidale Struktur stark kritisiert wurde, und sei zu einem „hauskreis-ähnlicheren“ Kleingruppenmodell zurückgekehrt. Das sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Dennoch frage ich mich, wieviel von der ursprünglichen „G12-Erbmasse“ bei deren europäischen Ablegern weiterhin vorhanden ist.

G12 ist wahrscheinlich, neben Bill Gothards „Basic Life Principles“ und dessen Ablegern, und möglicherweise einigen katholischen Ordensgemeinschaften, gegenwärtig die einflussreichste und aggressivste Bewegung zur Verbreitung eines extremen Autoritarismus in christlichem Gewand. Ähnlich wie bei den anderen genannten Bewegungen, sind jedoch auch bei G12 ihre eigentlichen Lehren und Praktiken nur Insidern zugänglich. Wer in einer G12-Gemeinde lediglich Gottesdienstbesucher ist, der wird nur selten mit den überzogenen Forderungen nach „Unterordnung“ konfrontiert werden. (Er wird aber wahrscheinlich mit der Zeit angeworben werden, an einem „Begegnungswochenende“ teilzunehmen und sich dem „inneren Kreis“ von Zellgruppenteilnehmern und -leitern anzuschliessen.)

Ich kenne die südamerikanische – also die originale – Version von G12 aus eigener Teilnahme an einer Gemeinde, die angefangen hatte, diese Methode zu übernehmen; sowie aus verschiedenen weiteren Zeugenberichten. Praktisch alle autoritären Lehren, die ich in meiner Artikelserie über dieses Thema beschrieben habe, werden dort in extremer Form vertreten und durchgesetzt. U.a. wird gelehrt: „Du dienst Gott dadurch, dass du deinem Leiter dienst.“ In der Praxis fühlen sich dann die Mitglieder verpflichtet, ihren Zellenleitern z.B. die Wohnung aufzuräumen und sauberzumachen, deren Auto zu waschen, usw.
Die Pyramidenstruktur wird bei G12 mit militärischer Konsequenz umgesetzt: Jedes Mitglied gehört zu einer Zelle von 12 Personen (der Zahl 12 wird eine magische Bedeutung zugeschrieben). Diese Zellen sind streng nach Alter und Geschlecht getrennt (sodass also Ehepaare und Familien nicht gemeinsam an den Zellgruppentreffen teilnehmen können).* Jeder Zellenleiter gehört wiederum zu einer Gruppe von 12 Leitern derselben hierarchischen Stufe, die einen Leiter über sich haben. Und so weiter bis zum örtlichen, regionalen oder nationalen Hauptleiter an der Spitze. Bei den Gemeinden, die der originalen G12-Organisation angeschlossen sind, geht das international weiter bis zum Gründer César Castellanos, der wie ein Papst unumschränkt herrscht. – Die Abkürzung G12 bedeutet „Gobierno – Regierung (!) – der 12″.
Mitglieder werden ausserdem angehalten, selber weitere 12 „Jünger“ anzuwerben und mit ihnen eine neue Zellgruppe zu beginnen.

*Meines Wissens haben einige Gemeinden später Ehepaar-Zellen eingeführt, um diesen Umstand wenigstens für die Ehepaare ein wenig zu lindern. In der Original-„Vision“ wurden jedoch auch Ehepaare getrennt.

Über die verschiedenen Auswüchse autoritärer Lehren und Praktiken habe ich schon in früheren Artikeln geschrieben. Bei G12 kommt noch dazu, dass oft mit der Angst vor Flüchen operiert wird. Ich war selber Zeuge, wie ein G12-Pastor einmal seine nächste Lehrstunde (Vorbereitung zu einem „Begegnungswochenende“) folgendermassen ankündigte: „Wusstet ihr, dass die Bibel über achtzig Arten erwähnt, wie man unter einen Fluch kommen kann? Von all diesen Flüchen braucht ihr Befreiung! Darüber werde ich an der nächsten Vorbereitungsstunde sprechen. Ihr müsst deshalb unbedingt an dieser Vorbereitung und am Begegnungswochenende teilnehmen.“
Es ist auch gängige Praxis, dass Mitglieder, die eine G12-Gemeinde verlassen wollen, von der Kanzel herab „offiziell“ unter einen Fluch gestellt werden, und den anderen Mitgliedern verboten wird, mit ihnen irgendwelchen Kontakt zu haben. Ablehnung der G12-„Vision“ wird gleichgesetzt mit dem endgültigen Abfall vom Glauben. Damit erwischt man zwei Fliegen auf einen Streich: Die verbleibenden Mitglieder werden abgeschreckt, sodass sie es nicht wagen, an die Möglichkeit eines Austritts zu denken; und dem austretenden Mitglied wird es verunmöglicht, den verbleibenden seine Bedenken gegenüber G12 mitzuteilen.

Kommen wir nun zu den berüchtigten „Begegnungswochenenden“. Im Originalmodell ist so ein Wochenende der Grundstein der Indoktrinierung in die „Vision“ von G12. Das geschieht mit äusserst invasiven Manipulationstechniken.
Schon im Vorfeld wird den Teilnehmern vermittelt, ein „Begegnungswochenende“ sei das absolut wundervollste Erlebnis, das man machen könne. Sie würden eine „gewaltige“ Begegnung mit Gott erleben wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und würden von allen Problemen und Hindernissen in ihrem Glaubensleben befreit werden.
Sie müssen an mehreren Vorbereitungstreffen teilnehmen. Dort wird ihnen nicht nur aufgezeigt, wie nötig sie das Wochenende hätten (siehe obiges Beispiel), sondern sie werden bereits auf einige der Regeln während des Wochenendes vorbereitet. Dazu gehört u.a, dass es strengstens verboten ist, Handys, Radios, Kameras, oder irgendwelche anderen Kommunikationsmittel mitzunehmen. Es wird alles getan, um die Teilnehmer während des Wochenendes so vollständig wie möglich von der Umwelt und von anderen Menschen abzuschirmen. Es wird darauf geachtet, dass sogar Küchen- und Reinigungspersonal ausschliesslich aus „Eingeweihten“ besteht. Die Wochenenden werden vorzugsweise an einem möglichst abgelegenen Ort durchgeführt. Es gibt Gemeinden, wo die Teilnehmer nicht einmal darüber informiert werden, wo das Wochenende stattfindet.

Die Atmosphäre eines „Begegnungswochenendes“ muss einem Mysterienkult ähneln. Es gibt zwei strenge Schweigegebote: Die Mitglieder müssen sich verpflichten, zu niemandem darüber zu sprechen, was an einem solchen Wochenende geschieht. Sie dürfen nur sagen: „Es war gewaltig!“ Und wenn jemand genauer nachfragt, müssen sie sagen: „Das kann man nicht beschreiben, das kann man nur selber erleben.“ Und vielleicht noch: „Du solltest auch an einem solchen Wochenende teilnehmen!“ (Diese Sätze werden ihnen wörtlich so vorgeschrieben.) – Ausserdem dürfen die Teilnehmer während des Wochenendes auch untereinander nicht sprechen! Damit soll offenbar verhindert werden, dass über fragwürdige Praktiken kritisch reflektiert wird. Sie dürfen nur in den gemeinsamen Versammlungen vor allen sprechen, wenn sie dazu aufgefordert werden; z.B. um ein öffentliches Sündenbekenntnis abzulegen. Wenn sie Fragen haben, oder irgendetwas nötig haben, dann dürfen sie das nur einem Leiter mitteilen, aber nicht anderen Teilnehmern.

Dennoch sind Informationen nach draussen gedrungen, dank einiger weniger „Whistleblower“, die es wagten, das Schweigegebot zu übertreten. Ich weiss von mindestens zwei Pastoren, die an einem solchen Wochenende teilnahmen – der eine ahnungslos, der andere absichtlich als „Spion“ -, und sich nachher klar gegen G12 aussprachen und Erlebnisse mitteilten. Auch andere Teilnehmer haben es gewagt, Erlebnisse zu veröffentlichen. Die ganze G12-Bewegung (zumindest im Originalmodell) ist stark zentralistisch gesteuert und vereinheitlicht, sodass anzunehmen ist, dass die „Begegnungswochenenden“ überall etwa nach demselben Schema ablaufen. Es gibt anscheinend ein Handbuch für „Begegnungswochenenden“, das die im folgenden erwähnten Praktiken detailliert beschreibt. Aber natürlich darf dieses Handbuch von „Unbefugten“ nicht eingesehen werden.

– Den Teilnehmern (egal ob bereits wiedergeboren oder nicht) wird gesagt, sie würden an diesem Wochenende ihre erste wirkliche Begegnung mit Gott erleben; alle ihre vorangegangenen christlichen Erfahrungen seien nichts dagegen. Infolgedessen müssen sie u.a. alle Sünden und alle „geistlich hinderlichen Gewohnheiten“ ihres Lebens bekennen (auch wenn diese schon längst bekannt und vergeben sind). Sie werden sogar dahingehend beeinflusst, frühere Erfahrungen mit Gott und in anderen christlichen Gemeinden in Frage zu stellen.

– Um das Erlebnis emotionell intensiver zu gestalten, werden alle möglichen Symbolhandlungen durchgeführt. Z.B. werden Papierblätter mit den aufgeschriebenen Sünden der Teilnehmer an ein Kreuz genagelt; oder in eine Urne gelegt und anschliessend verbrannt oder in der Erde vergraben. Den Teilnehmern werden Hände und Füsse mit schwarzen Papierstreifen zusammengebunden, die okkulte Belastungen und Flüche darstellen; dann müssen alle in einem bestimmten Moment diese Streifen zerreissen, worauf ihnen erklärt wird, sie seien jetzt frei davon. Jemand berichtete, die Teilnehmer seien angewiesen worden, ihre Geschlechtsorgane mit Öl zu salben, um von Krankheiten und von sündigen Gewohnheiten frei zu werden. Es wird den Teilnehmern gesagt, sie sollten immer eine Papier- oder Plastiktüte dabeihaben, weil manche Personen erbrechen müssten, wenn Dämonen aus ihnen ausfahren. Das hat anscheinend eine Suggestivwirkung, sodass viele Teilnehmer tatsächlich erbrechen müssen.

Es mag evtl. vertretbar sein, gewisse Symbolhandlungen zu verwenden, sofern die Teilnehmer aus eigenem Entschluss daran teilnehmen (was im Rahmen der „Begegnungswochenenden“ aber nicht der Fall ist!), und sofern allen Beteiligten klar ist, dass es in Wirklichkeit nicht auf das Symbol ankommt, sondern allein auf das Wirken Gottes. Doch besteht immer die ganz grosse Gefahr des sakramentalen Missverständnisses: Die Teilnehmer nehmen an (oder es wird ihnen sogar suggeriert), das Symbol oder Zeichen an sich bewirke eine geistliche Realität. Also z.B, sie würden tatsächlich durch das Zerreissen eines Papierbands von Belastungen befreit. Damit setzen sie ihr Vertrauen auf ein Symbol statt auf Gott.
Dazu kommt das priesterliche Missverständnis: Es wird der Eindruck erweckt, die Leiter einer solchen Veranstaltung hätten die Macht, nach ihrem Gutdünken Gottes Wirken herbeizubefehlen oder zu „spenden“. Dadurch machen sie sich fälschlicherweise zu „Mittlern zwischen Gott und Menschen“ (siehe 1.Tim.2,5), und stehlen Gott die Ehre.
Sehr bedenklich scheint mir auch die gruppenweise Abfertigung von sehr persönlichen Angelegenheiten wie okkulte Belastungen oder sexuelle Probleme, die eigentlich in die persönliche Seelsorge gehören und zu einer ernsthaften Aufarbeitung längere Zeit benötigen. Es wird damit suggeriert, alle Teilnehmer seien belastet, und alle würden durch die vollzogenen Riten frei – was sehr oft nicht der Wirklichkeit entspricht.

– Um „die Vergangenheit aufzuarbeiten“, werden die Teilnehmer psychologisch in ihre Kindheit zurückversetzt. Zu diesem Zweck müssen z.B. die Männer mit Spielzeugautos spielen und die Frauen mit Puppen. Dann müssen sie sich auf die Kniee eines Leiters oder einer Leiterin setzen, welche(r) stellvertretend Vater oder Mutter darstellen, und ihnen „alles sagen, was sie ihren Eltern schon immer sagen wollten, aber nicht konnten“; insbesondere um Vergebung bitten und Vergebung zusprechen. Das wird sogar dann durchgeführt, wenn die betreffenden Eltern gar nicht mehr leben. (Ein verhüllter Versuch zur Kontaktaufnahme mit Toten??) Es wurde berichtet, einzelne Teilnehmer hätten nach diesem Ritual nicht mehr in die Gegenwart zurückgefunden und hätten während des ganzen Wochenendes nur noch wie Kleinkinder sprechen können.

Psychologen kennen solche Methoden unter der Bezeichnung „Regressionstherapie“, und warnen, solche nur unter der Aufsicht von gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten anzuwenden, da diese sonst mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Bei G12 aber sind es psychologische Laien, die auf fahrlässige Weise sämtliche Teilnehmer einer solchen „Behandlung“ unterziehen, ohne Rücksicht darauf, ob eine solche überhaupt angezeigt wäre.

Mir ist persönlich der Fall einer jungen Frau bekannt, die nach einer schwierigen Lebensphase einen Neuanfang im Glauben machte und von verschiedenen Belastungen befreit wurde. Etwas später wurde sie von einer G12-Gemeinde an ein „Begegnungswochenende“ eingeladen und nahm teil. Sie hatte eine sehr problematische Beziehung zu ihrer Mutter. Natürlich ging sie am Wochenende auch durch diese ganze Regression und „stellvertretende Versöhnung“. Zudem hatten die Veranstalter die Eltern aller teilnehmenden Jugendlichen aufgeboten, diese bei der Rückkehr vom Wochenende festlich in Empfang zu nehmen mit Plakaten wie: „Wir lieben dich!“ „Wir freuen uns, dass du da bist!“, usw. Die Mutter jener jungen Frau hatte dem Aufruf auch Folge geleistet. Die Tochter war überwältigt und dachte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter sei jetzt tatsächlich wiederhergestellt. Aber bald musste sie feststellen, dass jener Empfang nur Theater gewesen war, und dass sich in Wirklichkeit nichts geändert hatte. Enttäuscht zog sie von zuhause aus an einen weit entfernten Ort, begann mit einem ungläubigen Mann zusammenzuleben, und verlor jedes Interesse am christlichen Glauben.

– Aus persönlichen Gesprächen erfuhr ich zudem, dass die Teilnehmer sich formell zu unbedingtem Gehorsam ihren Leitern gegenüber verpflichten müssen. Aus einer Gemeinde hörte ich auch, dass die Teilnehmer sich zu speziellen Kleidungs- und Verhaltensnormen verpflichten mussten, insbesondere während der Sonntagsgottesdienste. Ich weiss nicht, ob das Sonderregeln jener Gemeinde waren, oder ob das für G12-Gemeinden allgemein zutrifft.

Soweit also die originale G12-Vision. Angesichts dieser Hintergründe wäre es interessant zu wissen, wie viel von diesem Modell in europäischen G12-Gemeinden tatsächlich umgesetzt wird. Journalisten, Kritiker, und interessierte Aussenstehende haben die entsprechenden Fragen anscheinend noch nicht gestellt – oder wenn, dann sind diese nicht beantwortet worden. Der geneigte Leser wird unschwer verstehen, dass da, wo das Originalmodell angewandt wird, man von gegenwärtigen Mitgliedern und Leitern kaum wahrheitsgemässe Antworten auf diese Fragen erhalten wird. Man wird sich in diesem Fall wahrscheinlich nach ausgetretenen Ex-Mitgliedern umsehen müssen, die bereit wären, das Schweigegebot zu übertreten und damit möglicherweise ihren Frieden und ihre seelische und körperliche Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Vielleicht sind ja die deutschsprachigen Freikirchen, die mit G12 liebäugeln, nicht so extrem. Aber dann müsste gefragt werden, warum sie überhaupt Konzepte von G12 aufnehmen. Man sollte dazu wissen, dass César Castellanos selber seinen Anhängern streng verboten hat, auch nur das Geringste an seiner „Vision“ zu ändern. „Man kann die Vision nicht adaptieren (anpassen), man kann sie nur adoptieren (d.h. detailgetreu 1:1 übernehmen)“, soll er kategorisch festgestellt haben. Von daher ist sehr fraglich, ob es eine „gemässigte“ Version von G12 überhaupt geben kann. Bzw, falls es eine solche gäbe, dürfte sie sich eigentlich (nach dem Diktat des Gründers) nicht mehr G12 nennen.

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