Archive for Juli 2019

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 3

20. Juli 2019

Auswahl von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde

In Apostelgeschichte 14:23 wird der Prozess der Einsetzung von Ältesten in neugegründeten Gemeinden mit dem griechischen Wort cheirotonéo beschrieben. Wörtlich bedeutet es „durch Handaufheben bestätigen“. („Einsetzen“ ist also keine genaue Übersetzung.) Die Idee dahinter ist, dass Paulus gewisse Männer als Älteste vorschlug, aber die gesamte Gemeinde musste ihre Einsetzung bestätigen. Es handelte sich also um eine Art Mischform zwischen einer Einsetzung durch eine übergeordnete Leiterschaft (der Apostel) und einer demokratischen Wahl.
Aber wenn wir uns nur bei diesen Einzelheiten der äusserlichen Form aufhalten, verpassen wir das Wichtigste: Dieser Prozess wird vor dem Hintergrund der familiären Struktur der jüdischen Gesellschaft beschrieben. Das Entscheidende ist, dass die Apostel und die Gemeinden ein Vorgehen wählten, durch das sie zu einem geistlichen Konsens kommen konnten. Die hier beschriebene „Einsetzung“ war nur die Endphase. Dieser muss ein längerer Prozess vorangegangen sein des Sich-Kennenlernens in den Familien, des Kennenlernens der Weisheit und des Erziehungsstils eines jeden der möglichen Ältesten, und alles weitere, was nötig war, um zu einer Gott wohlgefälligen Entscheidung zu kommen.

Ein biblischer Ältester ist also etwas ganz anderes als ein „Mitglied eines Leitungsgremiums“ in einem Verein oder in einer heutigen Kirche. In heutigen Kirchen werden Leiter auf eine viel unpersönlichere und vom Familienleben abgeschnittene Weise gewählt. Es gibt dabei demokratischere und diktatorischere Varianten; aber so oder so werden selten die Weisesten oder die Geistlichsten gewählt. Oft haben menschliche Fähigkeiten das grössere Gewicht: Redebegabung, Durchsetzungsvermögen, eine gute äussere Erscheinung, theologische Ausbildung, usw. Aber nichts von dem ist eine Garantie für Geistlichkeit oder Integrität.
Infolgedessen funktionieren viele dieser Leitungsgremien eher wie weltliche Regierungen, oder wie die Verwaltung eines Grossunternehmens, als wie eine Familie. Dann gibt es Heuchelei, Bürokratie, Korruption, Habsucht, Intrigen, Machtkämpfe, Unmoral (mit den darauffolgenden Vertuschungsmanövern), und was man sonst noch in der nichtchristlichen Welt beobachten kann. In einem solchen System können Leiter ihre wahre Persönlichkeit hinter der Kanzel verstecken, weil ihnen niemand genügend nahe steht, um sie so kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Deshalb kann sie auch niemand warnen oder zurechtweisen, wenn sie in Gefahr stehen, abzuirren oder in Sünde zu fallen. Der Verlust der familiären Strukturen hat die Leiterschaft in vielen Kirchen derart verzerrt, dass es heute schwierig ist, sich überhaupt vorzustellen, was echte geistliche Leiterschaft ist.

In der neutestamentlichen Gemeinde geht Ältestenschaft auf natürliche Weise aus der Familie hervor, aus der Vaterschaft,
und aus den Versammlungen in den Häusern. Das wichtigste Kriterium für die Eignung als Ältester ist, ob jemand ein guter Ehemann und Vater ist. In der familiären Umgebung der neutestamentlichen Gemeinde, wo das tägliche Leben miteinander geteilt wurde, konnten die Mitglieder leicht das Familienleben anderer Mitglieder beobachten, und so deren wahren Charakter kennenlernen. So funktionierte die Anerkennung der weisesten und geistlichsten Väter als Älteste, und die gegenseitige Korrektur, wenn einer von ihnen in Gefahr kam, von den Wegen Gottes abzuweichen.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 2

14. Juli 2019

Ältestenschaft als familiäre Leiterschaft

Im Alten Testament wurde die jüdische Gesellschaft auf all ihren Ebenen von „Ältesten“ geleitet. Es gab Älteste der erweiterten Familien, der Sippen und der Stämme.

Ältestenschaft im Alten Testament

Das Wort „Ältester“ entstammt dem Familienleben. Die Leiterschaft der Ältesten war eine erweiterte Vaterschaft. Die Ältesten wurden als solche anerkannt, weil sie in ihren eigenen Familien die weisesten Väter waren. Ihre Autorität ging auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den erweiterten Familien, und so Schritt für Schritt bis zur Ebene des ganzen Volkes. Um die Qualität eines Ältesten zu bezeugen, sind dessen eigene Familienmitglieder die geeignetsten Personen. So war jeder Älteste umgeben von einem „Sicherheitsnetz“ aus ihm nahestehenden Personen, die ihn seit langer Zeit persönlich kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten verbürgen und stützen; aber sie konnten ihn auch zurechtweisen, wenn er irrte.

Die Ältesten wurden also nicht demokratisch gewählt; aber sie wurden auch nicht von einer höheren Leiterschaft „eingesetzt“. Sie wurden anerkannt von ihrer erweiterten Familie und Sippe, von Personen, die sie persönlich kannten, und aufgrund ihrer persönlichen Tugenden und ihrer geistlichen Reife, die diese nahestehenden Personen in ihnen sehen konnten. Der ganze Prozess der Auswahl der Ältesten war ein beziehungsmässiger, nicht ein institutioneller Prozess.

Im biblischen Umfeld blieb die eigene Familie die wichtigste Priorität im Leben eines Ältesten, auch wenn er zu einer sehr hohen Ebene von Leiterschaft aufstieg. Wenn er diese Priorität vernachlässigte, konnte er seine Autorität verlieren, und sogar unter das Gericht Gottes fallen. So erging es dem Priester Eli, der eine sehr wichtige Stellung innehatte, aber es versäumte, seine Söhne zu korrigieren. (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Ältestenschaft im Neuen Testament

Dasselbe Konzept von Ältestenschaft wurde auch von der neutestamentlichen Gemeinde angewandt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Leiter in der neutestamentlichen Gemeinde, dass er „seinem eigenen Heim gut vorsteht, seine Kinder in Unterordnung hält, in aller Ehrbarkeit – denn wenn jemand seinem eigenen Heim nicht vorzustehen weiss, wie wird er auf die Gemeinde Gottes achten?“ (1.Timotheus 3,4-5). – Die eigenen Kinder gut zu erziehen, ist eine unverzichtbare Vorbereitung darauf, Ältester zu sein. In der neutestamentlichen Gemeinde konnte niemand als Ältester anerkannt werden, der nicht zuerst während vielen Jahren als guter Ehemann und Vater ein Beispiel gegeben hatte.
Diese Begründung der Ältestenschaft in der Familie ist eine der stärksten Sicherheiten gegen das Eindringen falscher Brüder oder ungeistlicher Menschen in der Leiterschaft. Das eigene Heim ist der Ort, wo es am schwierigsten ist, etwas vorzutäuschen, was man nicht ist. Wenn jemand ein Lügner ist, ein Heuchler, ein Habgieriger, ein Manipulator … dann werden seine Familienmitglieder das merken. Und wenn die ganze Gemeinde auf Familien gegründet ist und sich in den Häusern versammelt, dann werden es auch andere Gemeindeglieder merken. Wenn das Familienleben das wichtigste Kriterium ist, um einen weisen, integren und reifen Leiter zu erkennen, dann ist es wahrscheinlicher, dass wirklich die geistlichen, integren und transparenten Väter als Älteste anerkannt werden.

Natürlich wird auch im neutestamentlichen Gottesvolk ein Vater weiterhin seinem Heim gut vorstehen, auch nachdem er eine grössere Verantwortung als Ältester übernimmt. Die Verantwortung für die Gemeinde sollte nicht dazu führen, dass der Vater zu oft von zuhause fort ist; denn sonst würde er den Grund und die Legitimierung seiner Gemeindeverantwortung verlieren. Die Verantwortung ausserhalb des Heims sollte kein Ersatz für das Ausüben der Vaterschaft sein, sondern deren Erweiterung.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.