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David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 2

28. August 2019

Im ersten Teil haben wir betrachtet, wie Livingstone in seiner Missionstätigkeit ein „nicht-institutionelles“ Gemeindemodell vertrat und lebte. Ist es mehr als ein Zufall, dass sein Name übersetzt „lebendiger Stein“ bedeutet? In 1.Petrus 2,4-5 heisst es: „Tretet hinzu zu ihm (Jesus), dem lebendigen Stein, von den Menschen zwar verworfen, von Gott aber auserwählt und wertgeschätzt; und lasst auch euch selber als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, einer heiligen Priesterschaft…“ – Livingstone hat nie eine „Kirche“ aus toten Steinen gebaut; aber er liess sich als „lebendiger Stein“ da einsetzen, wo Gott ihn haben wollte. Das entsprach nicht immer dem Willen der Vertreter irdischer Institutionen und Kirchen.
Englische Expeditionsgefährten, die ihn eine Zeitlang begleiteten, beschrieben ihn als eigensinnig, unberechenbar, und als einen „höchst unzuverlässigen Leiter“. Sie zweifelten sogar daran, ob er noch bei Verstand sei. Eine Beurteilung, die auch anderen „lebendigen Steinen“ vor und nach ihm zuteil geworden ist.

1857 trennte sich Livingstone von der London Missionary Society (LMS), und unternahm seine nächste Expedition mit Unterstützung der Royal Geographical Society und der englischen Regierung. Über die Hintergründe der Trennung gibt es widersprüchliche Versionen. Einige Biographen schreiben, nachdem Livingstone hauptsächlich zu einem Entdecker geworden war, fühlte er sich nicht mehr berechtigt, von einer Missionsgesellschaft unterstützt zu werden, und sei deshalb aus eigenem Entschluss zurückgetreten. Ähnlich Thomas Hughes (1889):
„Durch die Veröffentlichung seines Buches war er plötzlich zu einem reichen Mann geworden. Deswegen, und weil er zum Konsul für die afrikanische Westküste ernannt worden war, (…) beschloss er nach langem Überlegen, von der London Missionary Society zurückzutreten. Sie trennten sich sehr freundschaftlich, obwohl sein Handeln in der (sogenannten) religiösen Presse missverstanden und scharf kritisiert wurde.“

Andere Versionen sprechen jedoch von persönlichen und sachlichen Differenzen. So im englischsprachigen Wikipedia-Artikel:
„Livingstone hatte sich der Missionsleitung gegenüber beklagt über deren Politik, zu viele Missionare in der Gegend am Kap zu konzentrieren, obwohl die einheimische Bevölkerung dort gering war (Blaikie). (…) In Quelimane erhielt Livingstone einen Brief von der Leitung der Missionsgesellschaft, in welchem sie ihm zu der vollbrachten Reise gratulierten, aber gleichzeitig sagten, die Leitung sei ‚limitiert in ihrer Vollmacht, Pläne zu unterstützen, die nur ganz entfernt mit der Ausbreitung des Evangeliums zu tun haben‘ (Tim Jeal 2013).“

Livingstone selber sah sich bis an sein Lebensende als ein von Gott beauftragter Missionar. Mit seinen Reisegefährten und Helfern hielt er tägliche Andachten (die aber zu keiner weiteren Bekehrung mehr führten). Seine Entdeckungsreisen sah er nur als ein Mittel zum Zweck, weitere Missionare in das zuvor unerforschte Innere Afrikas bringen zu können. Darin sah er seinen eigentlichen Beitrag zum Missionsauftrag und seine eigentliche Berufung – während offenbar Setschele dazu ausersehen war, die direkte Missionsarbeit zu leisten, die Livingstone anfangs selber tun wollte. (Siehe Teil 1.)

Silvester Horne (1916) beurteilt seine Trennung von der LMS folgendermassen:

„Da Livingstone glaubte, es sei seine Lebensaufgabe, das Innere dieses grossen Landes zu erschliessen, fühlte er sich verpflichtet, von der LMS zurückzutreten, da einige ihrer Unterstützer nicht mit dieser Art von Arbeit einverstanden wären. Zugleich war er sehr besorgt um den Fortgang der Arbeit der Missionsgesellschaft, und fühlte sich verpflichtet, selber für einen Stellvertreter zu sorgen. Er kam mit seinem Schwager John Moffat überein, dass dieser als Missionar zu den Makololo ginge, und versprach ihm (…) ingesamt eine Summe von 1400 Pfund.
Seine eigene Zukunft war bestimmt durch die Ernennung zum Konsul in Quelimane, und zum Leiter einer Expedition zur Erforschung von Ost- und Zentralafrika. (…)
Es wird immer einige Menschen geben – Opfer einer Theorie, die das Leben in wasserdichte Abteilungen unterteilt -, die argumentieren, jemand könne kein Diener Gottes oder Missionar sein, wenn er zugleich etwas anderes ist. Diese Menschen glauben, wenn jemand zu einem Entdecker werde, dann höre er auf, ein Missionar zu sein. Konsequenterweise müssten sie glauben, dass Paulus aufhörte, ein Apostel zu sein, als er als Zeltmacher arbeitete (…) Livingstone betrachtete alle seine Arbeit als heilig, weil er sie zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschheit tat. Die Ziele, die er gegen sein Lebensende verfolgte, waren im wesentlichen dieselben wie zuvor: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.“

Aus dieser Perspektive gesehen, war Livingstone nicht nur aus einer Institution ausgetreten. Er war zugleich aus einer institutionellen Weltanschauung „ausgestiegen“ bezüglich der Frage, was unter „Gott dienen“ zu verstehen sei. Ist nur der institutionell anerkannte „Pastor“ oder „Missionar“ ein Diener Gottes? – oder auch der Entdecker, der nachkommenden Missionaren den Weg öffnen will, der seinen Reisebegleitern mit Wort und Tat das Evangelium bezeugt, und der aus christlicher Überzeugung gegen den Sklavenhandel kämpft?

U.a. ging es dabei auch um die Frage, was wichtiger ist: die persönliche Berufung, die Gott einem Menschen gegeben hat, oder die institutionellen Vorgaben irdischer Vorgesetzter, z.B. einer Missionsgesellschaft? In einer Firma, die weltliche Interessen verfolgt, gelten die Mitarbeiter als Untergebene des Chefs und müssen, was ihre Arbeit anbelangt, den Anweisungen des Chefs folgen. Im Reich Gottes dagegen gibt es nur einen einzigen „Chef“, der Herr selber, „und ihr alle seid Brüder“ (Matth.23,8). Im „Leib Christi“ sind wir alle unterschiedliche Glieder unter einem einzigen Haupt (1.Kor.12,18-27, Kol.2,18-19); und die Glieder erteilen einander keine Befehle. In einer Vereinigung, die sich der Ausbreitung des Reiches Gottes verpflichtet hat, ist deshalb zu erwarten, dass die persönliche Berufung jedes einzelnen respektiert und wertgeschätzt wird. (Im Falle der LMS sollte erwähnt werden, dass sie dies Livingstone gegenüber bis vor seiner Ganz-Durchquerung des afrikanischen Kontinents auch getan hat. Die Leitung der Missionsgesellschaft liess ihm volle Freiheit bei der Wahl seines jeweiligen Wohn- und Arbeitsortes, seiner Reisepläne, usw.)

Leider muss ich beobachten, dass heutzutage in vielen freikirchlichen Kreisen nicht nur Missionsleiter, sondern auch örtliche Gemeindeleiter ihren Mitarbeitern Vorschriften machen, die weit über das hinausgehen, was zur Funktion der jeweiligen Organisation gehört oder vom Wort Gottes vorgeschrieben wird. Es wird ihnen gesagt, wo sie wohnen sollen, was sie arbeiten sollen, sogar wen sie heiraten dürfen und wen nicht. Wenn sich Livingstone von seiner Missionsgesellschaft trennte, weil diese seine persönliche Berufung nicht mehr unterstützte, wieviel mehr Grund besteht dann, zum „Aussteiger“ zu werden, wenn religiöse Leiter, angeblich im Namen Gottes, ihr Mikromanagement über persönliche Entscheidungen durchsetzen wollen, die überhaupt nicht zum Kompetenzbereich dieser Leiter gehören?!

Wie in seinen Missionsmethoden (siehe Teil 1), so hat Livingstone auch in seinen persönlichen Entscheidungen gezeigt, dass ihm die persönliche Beziehung zu Gott wichtiger war als alle institutionellen Formen, Regeln und Beschränkungen. Und das, denke ich, ist das hervorstechendste Merkmal eines „christlichen Aussteigers“.

David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 1

21. August 2019

Eines der ersten Lernprojekte unserer eigenen Kinder kreiste um das Leben des berühmten Missionars und Entdeckers David Livingstone. Kürzlich haben wir dieses Thema „wiederbelebt“, als Leitthema unseres Kinder-Ferienprogramms. Als ich zur Vorbereitung einige Livingstone-Biographien las, stiess ich auf mehrere interessante Einzelheiten, die mir zuvor nicht bekannt gewesen waren.

Livingstone, ebenso wie seine Eltern, war zwar Mitglied der offiziellen Kirche von Schottland. Als er 19 Jahre alt war, trat die Familie zu den Kongregationalisten über. (Diese Richtung betont die Unabhängigkeit jeder einzelnen örtlichen Gemeinde.) Doch das Zentrum des christlichen Lebens der Familie Livingstone war von Anfang an nicht die Kirche, sondern die tägliche Familienandacht. Diese Gewohnheit behielt Livingstone auch auf seinen Missions- und Entdeckungsreisen bei: mit seiner Frau und Kindern, soweit es ihm vergönnt war, mit ihnen zusammen zu sein; und mit seinen einheimischen Reisebegleitern und Helfern.

Die Familie Livingstone war „arm und gottesfürchtig“, wie es auf dem Grabstein von Davids Eltern heisst. Bis zum Alter von zehn Jahren half David im Haushalt der Familie mit, und wurde von seinen Eltern unterrichtet. Er ist also ein weiteres Beispiel von „Homeschooling“. Dann begann er in einer Baumwollspinnerei zu arbeiten, und besuchte nach Feierabend jeweils zwei Stunden lang eine Abendschule, die eigens von der Spinnerei eingerichtet worden war. Zusätzlich brachte er sich selber Latein- und andere Kenntnisse bei, indem er jeweils ein Buch auf die Maschine legte und während der Fabrikarbeit so oft wie möglich darin las.

Mit dem Erlös seiner Arbeit trug Livingstone einerseits zum Unterhalt der Familie bei, und finanzierte andererseits sein eigenes Medizin- und Theologiestudium. Er plante auch seine spätere Missionstätigkeit vollständig aus eigenen Mitteln zu finanzieren, um von niemandem abhängig zu sein. Von Freunden wurde er aber auf die London Missionary Society hingewiesen. Diese Organisation „sendet weder Episkopalismus, noch Presbyterianismus, noch Freikirchentum zu den Heiden, sondern nichts als das Evangelium von Christus“. Das sagte Livingstone zu, und so bot er nach einigem Zögern dieser Missionsgesellschaft seine Dienste an.

Heutzutage ist Livingstone hauptsächlich als Entdecker bekannt. Z.B. der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über ihn erwähnt gerade mit einem einzigen Wort, dass er Missionar war, berichtet dann aber ausschliesslich über seine Entdeckungsreisen und sagt nichts über seine Missionstätigkeit.

Livingstone wandte nie Zwang, Druck oder Manipulation an. „‚In unserem Umgang mit dem Menschen‘, schreibt er, ‚waren wir einfache Fremde, die keinerlei Autorität oder Kontrolle ausübten. Unser Einfluss beruhte ausschliesslich auf Überzeugungskraft. Nachdem wir sie im freundlichen Gespräch und in öffentlichen Vorträgen belehrt hatten, verliess ich mich darauf, dass sie tun würden, was ihnen ihr eigener Sinn für Richtig und Falsch sagte.‘ Dann beschreibt er ‚fünf Anlässe, bei welchen durch unseren Einfluss auf die öffentliche Meinung ein Krieg verhindert wurde‘. Er preist die Intelligenz der Einheimischen, die in mancherlei Hinsicht ‚unseren eigenen ungebildeten Bauern überlegen sind‘. Diese Haltung der Wertschätzung und der respektvollen Sympathie war das Geheimnis von Livingstones unvergleichlichem Einfluss auf die afrikanischen Stämme.“ (Thomas Hughes 1889)

Seine erste eigentliche Missionsstation war in Mabotsa. Dort arbeitete er mit einem anderen Missionar zusammen, mit dem er aber grosse Schwierigkeiten hatte. „Statt einen Skandal unter den Einheimischen zu verursachen“, schreibt der Biograph Silvester Horne (1916), „beschloss er, alles aufzugeben und woandershin zu gehen.“ Er verliess sein Haus, das er eigenhändig erbaut hatte, und zog mit seiner Familie ins Gebiet des Stammeshäuptlings Setschele. Mit ihm schloss er eine enge Freundschaft. Setschele lernte sehr schnell das Lesen und die englische Sprache, und begann eifrig die Bibel zu lesen. Nach zwei Jahren bekehrte er sich zu Jesus Christus. Er war es, der Livingstone die berühmt gewordene Frage stellte:
„Wenn deine Vorväter in deinem Land schon vor so langer Zeit von Jesus Christus hörten, warum sind sie dann nicht schon viel früher zu meinen Vorvätern gekommen, um ihnen darüber zu berichten?“

Nach Livingstones Vorbild begann auch Setschele mit seiner eigenen Familie tägliche Andachten zu halten. „Livingstone war überrascht von seiner einfachen und schönen Art, diese Andachten zu leiten. Aber zur Enttäuschung Setscheles nahm ausser seiner Familie niemand sonst an diesen Andachten teil.“ (Hughes)

Als Livingstone zu seinen grösseren Entdeckungsreisen aufbrach, musste er Setschele und dessen Stamm in diesem, vom missionarischen Standpunkt aus äusserst unbefriedigenden Zustand zurücklassen (ein einziger Jünger!). Erst viele Jahre später erfuhr er, was Setschele in der Zwischenzeit geleistet hatte: Er hatte seinen ganzen Stamm über die Bibel belehrt, und die meisten von ihnen waren Christen geworden. Er hatte die ganze Bibel in seine eigene Sprache übersetzt. Und er hatte Missionare zu benachbarten Stämmen geführt. Livingstone schreibt:
„Ohne dass ihn irgendjemand dazu aufgefordert hätte, hat Setschele sein eigenes Volk belehrt. Er hat tatsächlich all das getan, was ich tun wollte und es nicht konnte, weil ich mit Entdeckungsreisen beschäftigt war – eine Arbeit, die ich zuvor nicht geplant hatte. Ich denke, ich sehe das Wirken der unsichtbaren Hand [Gottes] in alldem.“
Gemäss dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Livingstone sagte Neil Parsons von der Universität von Botswana, Setschele habe „mehr dazu beigetragen, das Christentum im südlichen Afrika des 19.Jahrhunderts zu verbreiten, als jeder europäische Missionar.“

Damit hat Livingstone ein Prinzip umgesetzt, das meines Wissens erst gegen Ende des 20.Jahrhunderts wieder deutlich ausgesprochen wurde, und das von manchen kirchlichen Missionen und Missionaren bis heute nicht verstanden wird: Es ist im allgemeinen viel effektiver, wenn einheimische Mitarbeiter die direkte Evangelisation ihrer Landsleute übernehmen (und es auf ihre eigene Weise tun), statt dass kulturfremde Missionare dies selber zu tun versuchen.
– Voraussetzung dazu ist natürlich, dass diese einheimischen Mitarbeiter eine echte Bekehrung und Wiedergeburt erlebt haben; nicht eine oberflächliche Scheinbekehrung, wie es bei den heutigen manipulativen Evangelisationsmethoden allzu oft vorkommt. Hier in Perú z.B. muss ich zu meinem Leidwesen beobachten, dass die meisten einheimischen evangelikalen Leiter von den ausländischen Missionaren deren Methodengläubigkeit übernommen haben, und sich jeweils auf die neusten „Strategien“ und „Programme“ stürzen, die „Gemeindewachstum“ versprechen (insbesondere, wenn diese Programme zudem aus dem Ausland finanziert werden). Oft gewinnen die Kirchen dadurch tatsächlich neue Mitglieder. Aber da diese nie wirklich Jesus kennengelernt haben, sondern lediglich mit Marketing-Methoden angelockt wurden, wenden sie sich in der Regel nach wenigen Jahren enttäuscht wieder ab. (Siehe „Krise in den evangelikalen Gemeinden“.)
Ich habe aber auch persönlich ein Beispiel kennengelernt, wo vor drei Generationen zwei Personen zum lebendigen Glauben kamen, und sich daraufhin fast ihr ganzer Bezirk bekehrt hat, ohne Mitwirkung irgendeines fremden Missionars. Ich denke, das ist es, was wir auch heute suchen und dafür beten sollten. Und dass dann nicht eine lauwarme institutionelle Denomination kommt, welche die ganze Erweckung wieder unter Menschengebote und unter irdische Leitungsgremien stellt, und damit auslöscht (wie im obigen Beispiel leider geschehen).

Zurück zu Livingstone. Wir sehen also, dass er keineswegs versuchte, in Afrika ein traditionelles oder institutionelles Kirchentum zu reproduzieren. Im Gegenteil, er hat nie ein Kirchen- oder Schulgebäude errichtet; und er hat nie eine Institution gegründet, die sich „Kirche“ oder „Schule“ nannte. Er hielt zwar „Gottesdienste“ ab und erteilte Schulunterricht; aber das geschah jeweils in einem informellen Rahmen in seinem eigenen Heim oder im Freien. Wie schon in Livingstones elterlichen Familie, kreiste auch im Stamm Setscheles die christliche Gemeinschaft um die tägliche Familienandacht, die um zusätzliche Besucher erweitert werden konnte – nicht viel anders als in einer Hausgemeinde nach neutestamentlichem Muster. Livingstone sah in dem missionarischen Erfolg Setscheles nicht etwa einen gefährlichen „Wildwuchs“, sondern im Gegenteil das Wirken Gottes. Er versuchte auch nicht, diese neue christliche Gemeinschaft nachträglich zu „organisieren“ oder unter institutionelle Kontrolle zu bringen.

Livingstone war zwar kein „Aussteiger“ in dem Sinn, dass er ausdrücklich die institutionellen Kirchen verlassen hätte. Wenn er in seine Heimat kam, sprach er durchaus auch in Kirchen über seine Reisen und seine Missionstätigkeit. (Im übrigen besuchte er keine Gottesdienste, weil er den Rummel vermeiden wollte, den seine Berühmtheit unweigerlich verursacht hätte. Doch das ist ein anderes Thema.)
Aber seine Missionstätigkeit in Afrika war eindeutig und entschieden „nicht-institutionell“. In dieser Hinsicht fühle ich als „christlicher Aussteiger“ durchaus eine Geistesverwandtschaft mit ihm.

(Fortsetzung folgt)

Kinder-Ferienprogramm: Livingstone reloaded

15. August 2019

Als unsere Kinder noch klein waren, wählten wir das Leben von David Livingstone als Kernthema eines ihrer ersten Lernprojekte. Jetzt sind unsere eigenen Kinder gross, und eine neue Generation nimmt an unseren Kinder-Ferienprogrammen teil. Für diese haben wir kürzlich das Thema „Livingstone“ wiederbelebt. Einige Aktivitäten (z.B. die „Expeditionen“) führten wir fast genauso durch, wie wir es damals mit unseren Kindern getan hatten. Andere Aktivitäten fielen entsprechend der Zusammensetzung und den Bedürfnissen der Gruppe anders aus.

Wie seinerzeit Livingstone, erforschten wir eine Flusslandschaft und schrieben Berichte darüber.

Unten: Ein gefrorener Wasserfall am Ursprung eines der Quellflüsse des Amazonas. Um ein solches Naturschauspiel zu sehen, muss man hier in Perú auf 4500 Meter Höhe aufsteigen.

Die Grundidee solcher Lernprojekte besteht darin, ausgehend von einem Thema, das die Kinder interessiert, ein breites Spektrum von Aktivitäten anzubieten oder vorzuschlagen, in deren Verlauf Kenntnisse aus Geschichte, Geographie, Naturwissenschaft, Sprache, Mathematik, u.a. vermittelt werden können. In einer grösseren Gruppe, wie es diesmal der Fall war, kann jedes Kind selber entscheiden, bei welchen Aktivitäten es mitmachen will.
Wir kennen mehrere alternative Schulen, die mit solchen Methoden funktionieren. Auch unsere eigenen Kinder haben wir weitgehend auf diese Weise ausgebildet. Im Vergleich mit ihren Altersgenossen hatten sie dadurch viel mehr Gelegenheiten zu praktischen Erfahrungen, zu körperlicher Betätigung und zum Spielen. Wissensmässig hatten sie dennoch keinen Nachteil: sie schafften den Eintritt in die Universität auf Anhieb.

Bild: Teilnehmer des Ferienprogramms im grossen Kreis. Nebst anderen Aktivitäten, erzählten wir im Kreis jeden Tag ein Stück der Lebensgeschichte Livingstones.

„Aber in den Ferien?“, werden jetzt einige Leser befremdet fragen. „Und sogar Mathematik??“ – Dazu muss man wissen, dass die meisten peruanischen Eltern in der Erziehung ihrer Kinder eine einzige Priorität kennen: den akademischen „Erfolg“. Deshalb florieren hierzulande sogenannte „academias“, d.h. „Ferienschulen“, die während den Schulferien genau dasselbe intelligenztötende Programm von Auswendiglernen und Abfragen anbieten wie die herkömmlichen Schulen. Wir mussten feststellen, dass neuerdings sogar die Schulen selber den Kindern ihre Ferien wegnehmen: Einige Kinder in unserem Programm nahmen an gewissen angebotenen Aktivitäten nicht teil, nicht etwa weil sie stattdessen spielen oder etwas anderes machen wollten, sondern weil sie ihre Schulaufgaben machen mussten. Z.B. fünfundzwanzig Seiten im Mathematikbuch selbständig durcharbeiten – innerhalb von zwei Wochen Ferien.

Wenn also Eltern etwas bemängeln an unserem Programm, dann nicht, dass wir sogar in den Ferien noch Sprach- und Mathematikstunden anbieten. Sondern im Gegenteil, dass wir so wenig „schulische“ Aktivitäten haben, und dass wir erst noch den Kindern die Freiheit lassen, zu diesen Angeboten nein zu sagen. Wir pflegen deshalb vor jedem Ferienprogramm einen Elternabend durchzuführen, wo wir den Eltern unsere Methoden und die Gründe dafür ausführlich erklären. Wir können das sogar mit Publikationen des staatlichen Bildungsministeriums begründen, die im wesentlichen dasselbe sagen wie wir: dass Kinder zu ihrer gesunden Entwicklung auch körperliche Betätigung und Spiel brauchen; dass sie nicht gezwungen werden sollen, Dinge zu lernen, die sie von ihrem Entwicklungsstand her noch nicht verstehen können; dass sie Gelegenheit erhalten sollen, ihre Gaben und Talente zu entfalten; usw. Doch die Schulen funktionieren weiterhin so, als ob diese Publikationen nicht existierten: Es wird weiterhin verlangt, dass die Kinder bereits im Kindergarten Lesen und Schreiben lernen (obwohl der offizielle Lehrplan ihnen dazu bis zum Ende der 2.Klasse Zeit lässt); Drittklässler müssen weiterhin Gleichungen lösen, bevor sie auch nur das Einmaleins beherrschen; und Primarschüler sitzen weiterhin bis spät in der Nacht an ihren Hausaufgaben.

In unserem Ferienprogramm gaben wir manchen Interessengruppen die Namen von Berufen. Einige davon hatten natürlich mit dem Leben Livingstones zu tun.

Oben: Die „Ärzte“ lernten u.a, einander das Herz und die Lungen abzuhören. (Livingstone war Arzt.)

Die „Bibelforscher“ erhielten anhand eines „Bibelpanoramas“ einen Überblick über die biblische Geschichte vom Anfang bis zum Ende. (Als Missionar musste Livingstone natürlich die Bibel studieren.)

Bild: Zwei Schüler stellen am Schlussabend ihr Bibelpanorama vor.

Die „Geographen“ zeichneten während unserer „Expeditionen“ interessante Tier- und Pflanzenarten, und andere Beobachtungen auf. Einige Fortgeschrittenere vermassen unseren Weg mit Hilfe eines Kompasses und dem Zählen von Schritten, und konstruierten später aufgrund dieser Angaben eine einfache Landkarte.

Die „Journalisten“ schrieben einen Bericht über die Expeditionen. (Livingstone war zwar kein Journalist, aber in seinem Tagebuch schrieb er ebenfalls ausführliche Berichte über seine Reisen. Und der Journalist Henry Morton Stanley war es, der 1871 den verschollenen Livingstone in Ujiji am Tanganyikasee auffand.)

Die „Übersetzer“ lernten eine Fremdsprache, so wie Livingstone die einheimischen afrikanischen Sprachen lernen musste. Wir hatten, wie in früheren Ferienprogrammen, Englisch vorgeschlagen; aber auf Wunsch mehrerer Teilnehmer ersetzten wir es durch Quechua. Das ist die ursprüngliche Sprache weiter Teile des peruanischen Hochlandes; aber in den Städten verstehen selbst von den Einheimischen manche kein Quechua mehr, und müssen es deshalb als Schulfach lernen. – Am nächsten Tag schrieben sich manche Kinder zusätzlich für „Englisch“ ein. Anscheinend hatten ihre Eltern sie gefragt, wozu sie Quechua lernen wollten; Englisch sei doch viel wichtiger. Aber wir hatten unsere Entscheidung bereits getroffen, sodass es dieses Mal keinen Englischkurs gab.

Bild: Die „Übersetzer“ lernen ein Lied auf Quechua.

Dann gab es einige weitere Gruppen, die keinen direkten Zusammenhang mit Livingstone hatten:

Die „Ingenieure“ bauten kunstvolle Kugelbahnen aus Kartonröhren.

Unten: Auch der Kleinste muss es ausprobieren…

Die „Köche“ bereiteten zweimal ein Mittagessen mit Nachtisch zu.

Oben: Gemeinsames Mittagessen.
Unten: Beim Zubereiten eines Kuchenteigs.

In der Schachgruppe hatten wir sowohl Anfänger, die erst die Bewegungen der Figuren lernen mussten, wie auch Fortgeschrittenere, die in einer separaten Gruppe mehr über Strategie und über weniger bekannte Regeln lernten.

In der Bastelgruppe fertigten die Teilnehmer verschiedene Handarbeiten an.

Oben: Die Kleineren basteln Blumen aus Papier und Karton.
Unten: Stoffmalen mit den Grösseren.

Und es gab sogar eine beträchtliche Zahl von Interessenten für jene Gruppe, die vor allem von den Eltern gewünscht wurde (für ihre Kinder natürlich, nicht für sie selber…): die „Mathematiker“. Wir versuchten diese Gruppe so praktisch und spielerisch wie möglich zu gestalten. Im Bild unten zwei Kinder beim Üben der Division mit Rest, anhand einer Montessori-Aktivität.

Noch nie zuvor hatten wir so viele Interessengruppen! Bei früheren Gelegenheiten gab es meistens nur für vier oder fünf Gruppen genügend Interessenten, sodass uns viel Zeit blieb für freie Aktivitäten, Spiele, und zum spontanen Eingehen auf zusätzliche Ideen, die im Lauf der Ferien aufkamen. Dieses Mal jedoch hatten sich für die meisten Gruppen mehr als die Hälfte der Teilnehmer eingetragen, sodass wir fast die gesamte Zeit für die Gruppen einsetzen mussten. Ob die Kinder „aktiver“ geworden sind? Oder ob sie einen stärkeren „Herdentrieb“ entwickelt haben (wenn einer sich für eine Gruppe einträgt, wollen die anderen dasselbe auch)?

Bei meiner eigenen Beschäftigung mit Livingstone fand ich übrigens, dass sein Leben auch einen Zusammenhang hat mit dem Thema dieses Blogs: „Christlicher Aussteiger“. Doch davon in einem späteren Artikel …