Archive for the ‘Die neutestamentliche Gemeinde – Biblische Betrachtungen’ Category

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 2

1. November 2019

Aufseher bzw. Fürsorger

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeinde keine „Pastoren/Pfarrer/Hirten“ gab, die über den Ältesten gestanden wären oder ein spezielles „Amt“ neben dem Ältestendienst gebildet hätten. Im Gegenteil, der „Hirtendienst“ ist eine Funktion der Ältesten selbst.

Es gibt ein weiteres neutestamentliches Wort, das fälschlicherweise als eine besondere „Leiterschaftsposition“ verstanden wurde, und zwar das griechische Wort „epískopos“ (Plural „epískopoi“), das in manchen Bibelausgaben als „Bischof“ übersetzt wird. Eine sinngemässere Übersetzung wäre „Aufseher“ oder „Fürsorger“. Zwei griechische Verben sind mit diesem Wort verwandt: „Episkopéo“ bedeutet „achtgeben, Aufsicht üben“ oder „sorgen für“. – „Episképtomai“ bedeutet „besuchen“ (fürsorglich oder prüfend), „nach etwas oder jemandem sehen“.
Diese Verben drücken nicht spezifisch „Leiterschaftsfunktionen“ aus. Im Gegenteil, sie werden mehrmals als „Einander“-Funktionen erwähnt, also als Funktionen aller Glieder im allgemeinen:

  • „Seht/Findet (episképtomai) also, ihr Brüder, sieben Männer von gutem Zeugnis unter euch …“ (Apg. 6,3)
  • „Ich war krank, und ihr habt mich besucht (episképtomai) … Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht …“ (Matthäus 25,36.43)
  • „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater ist es, Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen (episképtomai) …“ (Jakobus 1,27)
  • „Trachtet nach dem Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird; und achtet darauf (episkopéo), dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibt …“ (Hebräer 12,14-15)

Das Verb „episkopéo“ erscheint auch in einer der Stellen, die wir schon in der vorhergehenden Betrachtung zitierten, als eine Funktion der Ältesten:
„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt (episkopéo), …“ (1.Petrus 5,2)

Das Substantiv „epískopos“ kommt fünfmal im Neuen Testament vor. Eine dieser Stellen bezieht sich auf den Herrn Jesus (1.Petrus 2,25). In zwei Stellen werden „epískopoi“ zusammen mit „Dienern“ erwähnt, ohne dass daraus Genaueres über ihre Stellung geschlossen werden könnte (1.Tim.3,2, Phil.1,1). Die verbleibenden zwei Stellen sind jene, die uns klar Aufschluss geben über die Identität der „epískopoi“:

„Dazu liess ich dich in Kreta zurück, dass du das übrige in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, wie ich dich anwies: Wenn jemand untadelig ist (usw. …) Denn der Aufseher/Fürsorger (epískopos) muss untadelig sein als Verwalter [im Auftrag] Gottes, nicht eingebildet, nicht jähzornig, (usw. …) (Titus 1,5-7) – Hier erscheint das Wort „epískopos“ im Zusammenhang mit der Einsetzung von Ältesten. Der Vers, der über den „epískopos“ spricht, beginnt mit „Denn …“ und schliesst damit unmittelbar an den Vers an, der über die Ältesten spricht. Von daher ist es offensichtlich, dass „Aufseher/Fürsorger“ (epískopos) und „Älteste“ sich auf dieselben Personen beziehen.

– Schliesslich finden wir das Wort „epískopos“ in der Abschiedsrede von Paulus an die Ältesten in Ephesus: „„Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger (epískopoi) gesetzt hat …“ (Apg.20,28). Paulus spricht also die Ältesten als „epískopoi“ an.

Damit sollte klargestellt sein, dass im Neuen Testament „Bischof“ (epískopos) und „Ältester“ gleichbedeutend sind. Die „Aufsicht“ oder „Fürsorge“ ist eine Funktion der Ältesten, nicht ein besonderes „Amt“.

Funktionen der Ältesten in der Familie Gottes – Teil 1

25. Oktober 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen fanden wir, dass die neutestamentliche Gemeinde eine familiäre, nicht eine institutionalisierte Struktur hatte; und dass die Ältestenschaft als erweiterte Vaterschaft ein besonderer Ausdruck dieser familiären Struktur ist. Sehen wir nun, was das Neue Testament als Funktionen der Ältesten beschreibt.

„Hirtendienst“

Zuallererst müssen wir verstehen, dass es in der neutestamentlichen Gemeindestruktur kein „Pfarramt“ oder „Hirtenamt“ gibt in der Art, wie es in den meisten gegenwärtigen Kirchen besteht. Das evangelische „Pfarramt“ ist in Wirklichkeit die Fortsetzung des römisch-katholischen Priestertums, nur unter einem anderen Namen und mit leicht veränderten Funktionen. Im Urtext des Neuen Testamentes erscheint das Wort „Pfarrer/Hirte“ (griechisch „poimén“) nur ein einziges Mal als eine Funktion in der Gemeinde (Epheser 4,11). Und dort bedeutet es nicht einen Leiter einer örtlichen Gemeinde, sondern eine Funktion zur „Zurüstung der Heiligen zu (ihrem) Dienst“.

Ausserdem finden wir in drei neutestamentlichen Stellen das Verb „(als Hirte) weiden (griechisch „poimáino“) als eine Funktion in der Gemeinde:
– In Johannes 21,6 sagt Jesus zu Petrus: „Weide meine Schafe.“ Das ist ein Aspekt der apostolischen Funktion des Petrus. Kein „Pastor“ einer örtlichen Gemeinde kann dieses Wort auf sich selber anwenden, denn es richtete sich an Petrus persönlich in seiner Funktion, die über die örtliche Gemeinde hinausging.
– Petrus selber benutzt das Wort „weiden“, wo er sich an die Ältesten richtet: „Ich ermutige die Ältesten unter euch (…): Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr [für sie] sorgt, nicht gezwungenermassen, sondern freiwillig; nicht um Habsucht nach schändlichem Gewinn, sondern guten Willens; nicht als solche, die über die ihnen Anvertrauten herrschen, sondern als Beispiele der Herde …“ (1.Petrus 5,1-3). Das „Weiden“ in der örtlichen Gemeinde ist also eine Funktion der Ältesten.
– In Apostelgeschichte 20,17 lesen wir, dass Paulus „nach Ephesus sandte, um die Ältesten der Gemeinden kommen zu lassen“. Und in Vers 28 sagt er zu ihnen: „Achtet auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher/Fürsorger gesetzt hat, um die Gemeinde des Herrn und Gottes zu weiden, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.“ – Auch diese Stelle bestätigt, dass das „Weiden“ (Hirten-/Pastorendienst) eine Funktion der Ältesten ist.

Die zitierten Stellen sind die einzigen im ganzen Neuen Testament, wo die Worte „Hirte“ oder „(als Hirte) weiden“ im Sinne einer Funktion in der christlichen Gemeinde gebraucht werden.

Wenn wir nun genauer wissen wollen, was „weiden“ im Volk Gottes bedeutet, dann müssen wir ins Alte Testament gehen. Dort finden wir im 34.Kapitel des Buches Ezechiel die Prophetie über die bösen Hirten und den Guten Hirten. Da werden als Funktionen eines rechtmässigen „Hirten“ genannt: Die Schwachen stärken; die Kranken heilen (oder pflegen); die Verletzten verbinden; die Verirrten zurückbringen; die Verlorenen suchen. „Weiden“ hat also zu tun mit Ermutigen, Trösten, liebevoll Rat geben, Wiederherstellen, Aufbauen. Das ist nicht gerade das, was heutzutage weithin unter „Leiterschaft“ verstanden wird. Sowohl Ezechiel wie auch Petrus warnen die Ältesten davor, über die Herde „herrschen“ zu wollen. Die Idee des „Hirtendienstes“ wird in sein Gegenteil verkehrt, wo ein Leiter unter dem Vorwand eines „Pastorenamtes“ seine Glaubensgeschwister ausnützt und sie zwingt oder dahingehend manipuliert, für seine eigenen Pläne zu arbeiten; oder wo ein Leiter sich in das Privatleben seiner Glaubengeschwister einmischt und „Unterordnung“ unter willkürliche Menschengebote einfordert.

Frauen im Ältestendienst

13. Oktober 2019

Die Paulusbriefe sprechen an zwei Stellen von Frauen in leitender Funktion in der Gemeinde:

„Ebenso die Frauen sollen aufrichtig sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem.“ (1.Timotheus 3,11)

„Ebenso die Ältesten [Frauen] sollen ehrerbietig sein in ihrer Haltung, nicht verleumderisch, nicht dem vielen Wein ergeben, sondern die das Gute lehren, die die jüngeren [Frauen] anleiten, ihre Männer und Kinder zu lieben, massvoll, rein, gute Haushälterinnen, gütig, ihren eigenen Männern untergeordnet, damit niemand das Wort Gottes in Verruf bringe.“ (Titus 2,3-5)

Der Vers 1.Timotheus 3,11 befindet sich mitten im Abschnitt über die „Diener“ (manchmal als „Diakone“ übersetzt); der Vers im Titusbrief steht unmittelbar nach einem Abschnitt über die Ältesten. Beide Verse beginnen mit „Ebenso …“. Sie können sich deshalb nicht auf Frauen im allgemeinen beziehen; sie müssen im Zusammenhang mit den leitenden Funktionen in der Gemeinde verstanden werden. Das könnte auf zwei Arten gesehen werden: Entweder konnten als „Diener“ bzw. Älteste unterschiedslos sowohl Männer wie auch Frauen anerkannt werden; oder diese Verse sprechen von den Ehefrauen der „Diener“ bzw. der Ältesten.

Angesichts der hohen Priorität der Familienstrukturen in der Bibel (siehe die vorangegangenen Betrachtungen) erscheint mir die erstere Auslegung höchst unwahrscheinlich. Aus biblischer Sicht bilden Ehemann und Ehefrau zusammen „ein Fleisch“ (1.Mose 2,24). Die Voraussetzungen für Leiter, wie sie im 1.Timotheus- und im Titusbrief ausgeführt werden, legen grosses Gewicht auf das Familienleben. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass ein Mann als Ältester anerkannt worden wäre, ohne den Lebenswandel seiner Frau in Betracht zu ziehen; oder eine Frau, ohne Rücksicht auf die Qualifikationen und den Lebenswandel ihres Mannes. Zudem: Wenn eine Frau „Ältestin“ wäre, ohne dass ihr Mann Ältester wäre, dann würde dies die „Unterordnungsstruktur“ in der Ehe und Familie durcheinanderbringen – eine Struktur, die viel grösseres Gewicht hat als die Struktur der Gemeinde (siehe die vorherige Betrachtung).

Viel naheliegender ist deshalb, dass die Ältesten als Ehepaare gewählt wurden, und dass Mann und Frau gemeinsam die Funktionen von Ältesten ausübten; aber die Frau unter der Autorität ihres Mannes. Die Stelle im Titusbrief zeigt, dass der Ältestendienst der Frauen hauptsächlich in ihren Beziehungen zu anderen Frauen ausgeübt wurde, durch Lehre und Beratung über gute Mutterschaft; ähnlich wie auch der Ältestendienst des Mannes sich hauptsächlich auf gute Vaterschaft konzentriert. Wir können annehmen, dass die Frauen der Ältesten ausserdem als „geeignete Hilfe“ und Beraterinnen ihrer Männer fungierten, indem sie ihnen bei der Ausübung ihrer Funktionen zur Seite standen.

An einigen Orten kreist die Diskussion um die Leiterschaft der Frauen hauptsächlich um die Frage, ob eine Frau „predigen“ dürfe oder „Pastorin“ sein könne. Aber im Licht des neutestamentlichen Zeugnisses über die Gemeinde werden solche Fragen irrelevant. Wir haben in früheren Betrachtungen gesehen, dass die Gemeinden hauptsächlich zur gegenseitigen Auferbauung zusammenkamen. Daran nahmen die Frauen selbstverständlich auch teil: 1.Kor.11,5 spricht von Frauen, die in den (Haus-)Versammlungen beteten und prophezeiten; Philippus hatte vier Töchter, die prophezeiten (Apg.21,9). So etwas wie ein „Pfarramt“ existierte in den neutestamentlichen Gemeinden gar nicht, jedenfalls nicht in der Form, wie es heute verstanden wird.

Im übrigen scheint mir wichtig, dass diese Frage der Funktion der Frauen in der Gemeinde nicht unter den heutigen postmodernen Gesichtspunkten von „Frauenrechten“ oder „Geschlechtergleichheit“ betrachtet werden sollte. Eine solche Perspektive würde von Anfang an Mann und Frau in Konkurrenz und Rivalität gegeneinander positionieren; und eine solche Mentalität widerspricht schon von ihren Voraussetzungen her dem Willen Gottes. Wo das Neue Testament über die jeweiligen Funktionen von Mann und Frau spricht, oder über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, da ist der zentrale Wert immer die Einheit der Ehe. „Im Herrn existiert die Frau nicht ohne den Mann, und der Mann nicht ohne die Frau …“ (1.Kor.11,11). Von diesem Gesichtspunkt her sollten auch jene Stellen verstanden werden, die aus der Sicht des heutigen Zeitgeistes die Möglichkeiten der Frau einzuschränken scheinen: Es ist ein äusserst wichtiges Anliegen im Herzen Gottes, die Einheit der Ehe zu bewahren und Praktiken zu vermeiden, die Mann und Frau allzu „unabhängig“ voneinander machen würden. Die familiären Strukturen haben Vorrang vor den Gemeindestrukturen. Nicht die Gemeinde als Institution sollte fragen: „Ist eine Frau berechtigt, dies oder jenes zu tun?“ Eine solche Frage ist falsch gestellt. Mann und Frau sollten sich fragen: „Handeln wir noch als ‚ein Fleisch‘; bewahren wir noch die richtige Beziehung zwischen uns?“

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 5

2. Oktober 2019

Die Unterordnung im Neuen Testament

Untersuchen wir nun den „hierarchischsten“ Begriff, den es im Neuen Testament gibt: die „Unterordnung“. Das griechische Wort für „sich unterordnen“ ist „hypotássomai“. Wenn wir die neutestamentlichen Stellen untersuchen, wo dieses Wort vorkommt, dann stellen wir zuerst fest, dass Gott der Einzige ist, der aktiv jemanden oder etwas ihm „unterordnet“. Nirgends heisst es, dass ein Mensch einen anderen ihm unterordnen solle, oder von jemandem Unterordnung verlangen solle. Das ist ein wichtiges Prinzip: Unterordnung im Sinne des Neuen Testamentes ist etwas, was man von sich aus tut. Es ist nicht etwas, was jemand von anderen Menschen einfordern könnte. – Mit anderen Worten: Es gibt verschiedene Stellen im Neuen Testament, die bestimmten Personen sagen, sie sollten sich anderen Personen unterordnen. Aber nie wird diesen anderen Personen gesagt, sie sollten von den ersteren Unterordnung verlangen.
So lesen wir auch mehrmals, dass die Apostel den Mitgliedern der Familie Gottes sagen, sie sollten sich bestimmten Personen unterordnen; aber kein Apostel oder Leiter im Neuen Testament sagte je: „Ordnet euch mir unter.“

Nun finden wir unter den Stellen, die von „Unterordnung“ zwischen Menschen sprechen, nur eine einzige, die sich auf das eigentliche Gemeindeleben bezieht: „Ihr kennt die Familie des Stephanas, die die Erstlingsfrucht von Achaja sind, und sich selbst zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben; damit auch ihr euch solchen unterordnet, und jedem, der mitarbeitet und sich abmüht.“ (1.Korinther 16,15-16).
Es fällt auf, dass hier keine spezifische Leiterschaftsposition erwähnt wird (wie wenn z.B. gesagt würde: „Ordnet euch den Aufsehern unter“, oder „Ordnet euch den Aposteln unter“). Stattdessen spricht Paulus auf ziemlich allgemeine Weise von „jedem, der mitarbeitet und sich abmüht“. Es gibt also keinen fest definierten Kreis von Personen in der Gemeinde, die von sich aus ein Anrecht darauf hätten, dass sich die übrigen ihnen unterordneten. Paulus empfiehlt Stephanas und seine Familie namentlich, überlässt es aber den Gemeindegliedern zu erkennen und zu entscheiden, wer die anderen sind, die „mitarbeiten und sich abmühen“. Das liegt natürlich auf einer Linie mit der Aussage Jesu: „Der Grösste von euch sei euer Diener“ (Matthäus 23,12). Es liegt auch auf einer Linie mit dem früher Gesagten, dass Ältestenschaft weder durch demokratische Wahl noch durch Einsetzung „von oben“ definiert wird, sondern durch die Anerkennung von seiten der Gemeinde.

Diese Beobachtungen sind noch auffälliger, wenn wir sie damit vergleichen, dass in anderen Lebensbereichen das Neue Testament sehr wohl klare „Unterordnungsstrukturen“ festlegt: nämlich inbezug auf die staatliche Regierung, und noch klarer im Familienleben. Allen wird gesagt, sie sollten sich der Regierung unterordnen (Römer 13,1.5, Titus 3,1, 1.Petrus 2,13). (Wenn auch diese Unterordnung ihre Grenzen hat, wo es um die Gebote Gottes geht; aber es ist hier nicht der Ort, darauf einzugehen.) – Noch klarer und detaillierter sind die Worte, die eine „Unterordnungsstruktur“ in der Familie definieren:

– Die Frauen sollen sich ihren Ehemännern unterordnen. (Epheser 5,22, Kolosser 3,18, Titus 2,5, 1.Petrus 3,1.5). – Zusätzlich gibt es zwei Stellen, die sagen, die Frauen sollten in Unterordnung sein, ohne anzugeben wem gegenüber (1.Korinther 14,34, 1.Timotheus 2,11). Aber vor dem klaren Hintergrund der Ehestruktur können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass auch hier die Unterordnung dem eigenen Ehemann gegenüber gemeint ist (und nicht irgendwelchen anderen Männern gegenüber).

– Kinder sollen sich ihren Eltern unterordnen. Das wird in Lukas 2,51 und 1.Timotheus 3,4 impliziert.

– Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen. (Titus 2,9, 1.Petrus 2,18). Das ist auch eine familiäre Beziehung, da Bedienstete und Sklaven zur Familie des Hausherrn gezählt wurden.

– Die Jüngeren sollen sich den Älteren unterordnen (1.Petrus 5,5). Einige denken, es handle sich hier um eine „kirchliche“ Beziehung, da die vorangehenden Verse über die Gemeindeältesten sprechen. Aber durch den Gebrauch des Wortes „die Jüngeren“ stellt Petrus klar, dass der Grund für die Unterordnung nicht in einer „Leiterschaftsposition“ der Älteren besteht, sondern im Altersunterschied (der zugleich als Unterschied an Erfahrung und Weisheit verstanden wird). Auch wo es sich um die Gemeindeältesten handelt, so ist der Hintergrund dieses Prinzips doch der gewöhnliche Brauch in der erweiterten Familie. Deshalb gehört dieser Vers in die Kategorie der familiären Beziehungen (die sich in der Gemeinde fortsetzen), nicht der „institutionellen“.

Dasselbe beobachten wir, wenn wir den Gebrauch des griechischen Wortes „hypakoúo“ (gehorchen) untersuchen. Die grosse Mehrheit der entsprechenden Stellen sprechen vom Gehorsam Gott und seinem Wort gegenüber. Die übrigen beziehen sich alle auf innerfamiliäre Beziehungen:

– Sarah gehorchte ihrem Mann Abraham (1.Petrus 3,6).

– Kinder sollen ihren Eltern gehorchen (Epheser 6,1, Kolosser 3,20).

– Sklaven sollen ihren Herren gehorchen (Epheser 6,5, Kolosser 3,22).

Es gibt keine neutestamentliche Stelle, wo das Wort „hypakoúo“ den Gehorsam gegenüber einem Leiter in der Gemeinde bezeichnen würde.

Einige zitieren Hebräer 13,17, um einen „Gehorsam“ gegenüber Gemeindeleitern oder „Pastoren“ zu begründen. Leider wird dieser Vers in einigen Bibelübersetzungen ungenau oder irreführend übersetzt. Im griechischen Original steht hier weder das Wort „hypotássomai“ (sich unterordnen) noch das Wort „hypakoúo“ (gehorchen). Stattdessen befinden sich hier zwei andere Worte von wesentlich schwächerer Bedeutung: „peíthomai“ =“sich (freiwillig) überzeugen lassen“, und „hypeíko“= „nachgeben“. Eine genauere Übersetzung wäre: „Lasst euch von euren Leitern überzeugen und gebt ihnen nach, denn sie wachen zum Besten eurer Seelen …“

Das Neue Testament verwendet also recht viele Worte darauf, die „richtige Ordnung“ in den Familienbeziehungen darzulegen; aber es sagt beinahe nichts über eine derartige „Unterordnungsstruktur“ in der christlichen Gemeinde!

Wir finden ausserdem im Zusammenhang mit den bereits zitierten Stellen zwei Verse, die sagen: „Ordnet euch einander unter“ (Epheser 5,21, 1.Petrus 5,5). Die „Unterordnungsstrukturen“, die wir bis jetzt betrachtet haben, sind also nicht absolut. Sie müssen eingebettet sein in eine Umgebung von gegenseitigem Respekt und Unterordnung – sowohl in der Familie als auch in der Gemeinde.

Wir kommen also zu folgendem Schluss:

Die Unterordnung in der Gemeinde des Herrn soll nicht als Ausdruck einer hierarchischen und künstlichen Struktur verstanden werden, wie es z.B. in den Institutionen des Staates der Fall ist. In der Gemeinde ist die Unterordnung vielmehr eine natürliche Folge der familiären Beziehungen, die in den Kern- und erweiterten Familien existieren. Aus biblischer Sicht besteht in den Familien eine viel stärkere und wichtigere „Unterordnungsstruktur“ als in der Gemeinde. Diese Familienstrukturen sind der natürliche Ursprung der Ältestenschaft in der Gemeinde, und sie sind auch der Ursprung des Respekts und der Unterordnung, die freiwillig den Ältesten als weisen und reifen Vätern im Herrn entgegengebracht werden.
Jene Personen, die würdig sind, dass man sich ihnen auf diese Weise unterordnet, unterscheiden sich nicht durch ein definiertes „Amt“ oder eine „Position“, sondern dadurch, dass sie sich freiwillig „zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben“ (1.Korinther 16,15-16), und dass sie als solche von der Gemeinde anerkannt wurden. All das ist eingebettet in die gegenseitige Unterordnung, die allen Gliedern der Familie Gottes entgegengebracht wird, unabhängig von ihrer Funktion in der Gemeinde oder Familie.

Im Licht der neutestamentlichen Lehre sollte jedem Leiter misstraut werden, der Unterordnung unter seine Person einfordert; und insbesondere dann, wenn diese Unterordnung kollidiert mit den von Gott eingesetzten familiären Beziehungen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 4

24. September 2019

Plurale Ältestenschaft

Soweit wir Informationen über Gemeindestrukturen haben, wurde keine im Neuen Testament beschriebene Gemeinde von einer einzigen Person geleitet. Überall finden wir ein Team von mehreren Personen, die gemeinsam die Verantwortung für die Gemeinde wahrnahmen:
– Jerusalem: die elf Apostel.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1)
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg. 14:23)
– Ephesus: Älteste (Apg. 20,17)
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11)
– Philippi: „Aufseher und Diener“ (Philipper 1,1)
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Vorsteher“ (Hebräer 13,7.17.24)
– Die Gemeinden im allgemeinen: Älteste (Titus 1,5, Jakobus 5,14, 1.Petrus 5,1)

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete mir einmal, in 1.Timotheus 3,2 stehe „der Bischof“ im Singular: „Der Aufseher („Bischof“) soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, …“ (usw.) Ja, aber hier wird die Einzahl repräsentativ für alle Aufseher verwendet. Das ist so, wie wenn eine Anweisung lautet: „Der Feuerwehrmann hält sich ständig bereit“; damit soll auch nicht ausgesagt werden, die Feuerwehr bestünde nur aus einem einzigen Feuerwehrmann.

Die Verantwortung mit mehreren Ältesten zu teilen, hat verschiedene Vorteile:

  • Ein Ältestenteam wird eher die Notwendigkeit verspüren, Gott ernsthaft zu suchen, um zu einmütigen Entscheidungen nach dem Willen Gottes zu kommen. „Wo viele Ratgeber sind, herrscht Sicherheit“ (Sprüche 11,14).
  • Die Gefahr ist geringer, dass einer der Ältesten anfängt, seine Macht auf autoritäre Weise zu missbrauchen.
  • In einem Team gibt es eine grössere Vielfalt an geistlichen Gaben. Das ist nötig für die gesunde Auferbauung der Gemeinde.

Man vergleiche die folgenden Stellen miteinander: Apg.20,17.28, 1.Petrus 5,1-3, Titus 1,5-7. Wir stellen fest, dass die „Aufseher“ („Bischöfe“) mit den Ältesten identisch sind, und dass auch das „Weiden“ (Hirtendienst, „Pfarramt“) eine Funktion der Ältesten ist. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es also keine „Pastoren über Ältesten“, keine „Bischöfe über Pastoren“, und keine „Bischöfe über Ältesten“. Verantwortlich für die örtliche Gemeinde waren die Ältesten (im Plural). Punkt.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 3

20. Juli 2019

Auswahl von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde

In Apostelgeschichte 14:23 wird der Prozess der Einsetzung von Ältesten in neugegründeten Gemeinden mit dem griechischen Wort cheirotonéo beschrieben. Wörtlich bedeutet es „durch Handaufheben bestätigen“. („Einsetzen“ ist also keine genaue Übersetzung.) Die Idee dahinter ist, dass Paulus gewisse Männer als Älteste vorschlug, aber die gesamte Gemeinde musste ihre Einsetzung bestätigen. Es handelte sich also um eine Art Mischform zwischen einer Einsetzung durch eine übergeordnete Leiterschaft (der Apostel) und einer demokratischen Wahl.
Aber wenn wir uns nur bei diesen Einzelheiten der äusserlichen Form aufhalten, verpassen wir das Wichtigste: Dieser Prozess wird vor dem Hintergrund der familiären Struktur der jüdischen Gesellschaft beschrieben. Das Entscheidende ist, dass die Apostel und die Gemeinden ein Vorgehen wählten, durch das sie zu einem geistlichen Konsens kommen konnten. Die hier beschriebene „Einsetzung“ war nur die Endphase. Dieser muss ein längerer Prozess vorangegangen sein des Sich-Kennenlernens in den Familien, des Kennenlernens der Weisheit und des Erziehungsstils eines jeden der möglichen Ältesten, und alles weitere, was nötig war, um zu einer Gott wohlgefälligen Entscheidung zu kommen.

Ein biblischer Ältester ist also etwas ganz anderes als ein „Mitglied eines Leitungsgremiums“ in einem Verein oder in einer heutigen Kirche. In heutigen Kirchen werden Leiter auf eine viel unpersönlichere und vom Familienleben abgeschnittene Weise gewählt. Es gibt dabei demokratischere und diktatorischere Varianten; aber so oder so werden selten die Weisesten oder die Geistlichsten gewählt. Oft haben menschliche Fähigkeiten das grössere Gewicht: Redebegabung, Durchsetzungsvermögen, eine gute äussere Erscheinung, theologische Ausbildung, usw. Aber nichts von dem ist eine Garantie für Geistlichkeit oder Integrität.
Infolgedessen funktionieren viele dieser Leitungsgremien eher wie weltliche Regierungen, oder wie die Verwaltung eines Grossunternehmens, als wie eine Familie. Dann gibt es Heuchelei, Bürokratie, Korruption, Habsucht, Intrigen, Machtkämpfe, Unmoral (mit den darauffolgenden Vertuschungsmanövern), und was man sonst noch in der nichtchristlichen Welt beobachten kann. In einem solchen System können Leiter ihre wahre Persönlichkeit hinter der Kanzel verstecken, weil ihnen niemand genügend nahe steht, um sie so kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Deshalb kann sie auch niemand warnen oder zurechtweisen, wenn sie in Gefahr stehen, abzuirren oder in Sünde zu fallen. Der Verlust der familiären Strukturen hat die Leiterschaft in vielen Kirchen derart verzerrt, dass es heute schwierig ist, sich überhaupt vorzustellen, was echte geistliche Leiterschaft ist.

In der neutestamentlichen Gemeinde geht Ältestenschaft auf natürliche Weise aus der Familie hervor, aus der Vaterschaft,
und aus den Versammlungen in den Häusern. Das wichtigste Kriterium für die Eignung als Ältester ist, ob jemand ein guter Ehemann und Vater ist. In der familiären Umgebung der neutestamentlichen Gemeinde, wo das tägliche Leben miteinander geteilt wurde, konnten die Mitglieder leicht das Familienleben anderer Mitglieder beobachten, und so deren wahren Charakter kennenlernen. So funktionierte die Anerkennung der weisesten und geistlichsten Väter als Älteste, und die gegenseitige Korrektur, wenn einer von ihnen in Gefahr kam, von den Wegen Gottes abzuweichen.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 2

14. Juli 2019

Ältestenschaft als familiäre Leiterschaft

Im Alten Testament wurde die jüdische Gesellschaft auf all ihren Ebenen von „Ältesten“ geleitet. Es gab Älteste der erweiterten Familien, der Sippen und der Stämme.

Ältestenschaft im Alten Testament

Das Wort „Ältester“ entstammt dem Familienleben. Die Leiterschaft der Ältesten war eine erweiterte Vaterschaft. Die Ältesten wurden als solche anerkannt, weil sie in ihren eigenen Familien die weisesten Väter waren. Ihre Autorität ging auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den erweiterten Familien, und so Schritt für Schritt bis zur Ebene des ganzen Volkes. Um die Qualität eines Ältesten zu bezeugen, sind dessen eigene Familienmitglieder die geeignetsten Personen. So war jeder Älteste umgeben von einem „Sicherheitsnetz“ aus ihm nahestehenden Personen, die ihn seit langer Zeit persönlich kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten verbürgen und stützen; aber sie konnten ihn auch zurechtweisen, wenn er irrte.

Die Ältesten wurden also nicht demokratisch gewählt; aber sie wurden auch nicht von einer höheren Leiterschaft „eingesetzt“. Sie wurden anerkannt von ihrer erweiterten Familie und Sippe, von Personen, die sie persönlich kannten, und aufgrund ihrer persönlichen Tugenden und ihrer geistlichen Reife, die diese nahestehenden Personen in ihnen sehen konnten. Der ganze Prozess der Auswahl der Ältesten war ein beziehungsmässiger, nicht ein institutioneller Prozess.

Im biblischen Umfeld blieb die eigene Familie die wichtigste Priorität im Leben eines Ältesten, auch wenn er zu einer sehr hohen Ebene von Leiterschaft aufstieg. Wenn er diese Priorität vernachlässigte, konnte er seine Autorität verlieren, und sogar unter das Gericht Gottes fallen. So erging es dem Priester Eli, der eine sehr wichtige Stellung innehatte, aber es versäumte, seine Söhne zu korrigieren. (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Ältestenschaft im Neuen Testament

Dasselbe Konzept von Ältestenschaft wurde auch von der neutestamentlichen Gemeinde angewandt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Leiter in der neutestamentlichen Gemeinde, dass er „seinem eigenen Heim gut vorsteht, seine Kinder in Unterordnung hält, in aller Ehrbarkeit – denn wenn jemand seinem eigenen Heim nicht vorzustehen weiss, wie wird er auf die Gemeinde Gottes achten?“ (1.Timotheus 3,4-5). – Die eigenen Kinder gut zu erziehen, ist eine unverzichtbare Vorbereitung darauf, Ältester zu sein. In der neutestamentlichen Gemeinde konnte niemand als Ältester anerkannt werden, der nicht zuerst während vielen Jahren als guter Ehemann und Vater ein Beispiel gegeben hatte.
Diese Begründung der Ältestenschaft in der Familie ist eine der stärksten Sicherheiten gegen das Eindringen falscher Brüder oder ungeistlicher Menschen in der Leiterschaft. Das eigene Heim ist der Ort, wo es am schwierigsten ist, etwas vorzutäuschen, was man nicht ist. Wenn jemand ein Lügner ist, ein Heuchler, ein Habgieriger, ein Manipulator … dann werden seine Familienmitglieder das merken. Und wenn die ganze Gemeinde auf Familien gegründet ist und sich in den Häusern versammelt, dann werden es auch andere Gemeindeglieder merken. Wenn das Familienleben das wichtigste Kriterium ist, um einen weisen, integren und reifen Leiter zu erkennen, dann ist es wahrscheinlicher, dass wirklich die geistlichen, integren und transparenten Väter als Älteste anerkannt werden.

Natürlich wird auch im neutestamentlichen Gottesvolk ein Vater weiterhin seinem Heim gut vorstehen, auch nachdem er eine grössere Verantwortung als Ältester übernimmt. Die Verantwortung für die Gemeinde sollte nicht dazu führen, dass der Vater zu oft von zuhause fort ist; denn sonst würde er den Grund und die Legitimierung seiner Gemeindeverantwortung verlieren. Die Verantwortung ausserhalb des Heims sollte kein Ersatz für das Ausüben der Vaterschaft sein, sondern deren Erweiterung.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Leib Christi" – Teil 5

24. Juni 2019

Zur vorhergehenden Folge

Geistliche Gaben

Die Gaben des Heiligen Geistes sind Fähigkeiten, die der Heilige Geist den Gliedern des Leibes Christi gibt, um ihre besondere Funktion im Leib auszuüben. Deshalb definieren die geistlichen Gaben weitgehend die besondere Funktion jedes Christen. „Denn so wie wir in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, … da sie unterschiedliche Gaben haben gemäss der Gnade, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Paulus spricht in drei Abschnitten seiner Briefe über geistliche Gaben: Römer 12,4-8, 1.Korinther 12 (ganzes Kapitel), und Epheser 4,7-16. Alle drei Stellen stehen im Zusammenhang mit der Lehre über den „Leib Christi“. Wir können die geistlichen Gaben nicht richtig verstehen, solange wir nicht die Funktionsweise des Leibes Christi verstehen, wie in den vorhergehenden Betrachtungen beschrieben. Die Gaben des Heiligen Geistes sind zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi gegeben. Das heisst, die geistlichen Gaben werden hauptsächlich im Rahmen von „Einander“-Beziehungen ausgeübt.
Insbesondere:
– sind sie nicht zur Selbst-Auferbauung gegeben,
– und sind sie nicht gegeben, um die Aufmerksamkeit auf die „Gabenträger“ zu lenken oder diesen eine besondere Stellung in der Gemeinde zu geben aufgrund ihrer Gaben.

Die geistlichen Gaben sind kein Selbstzweck. Sie dienen einem höheren Zweck: den Leib Christi in Liebe aufzuerbauen. Die drei Abschnitte, wo Paulus über den Leib Christi und die geistlichen Gaben spricht, enden alle mit der Erinnerung daran, dass die Liebe das Wichtigste ist (Römer 12,9, 1.Korinther 12,31-13,13, Epheser 4,16).

Ziehen wir zudem in Betracht, dass der Heilige Geist immer Christus verherrlicht (Johannes 16,14), dann sollen auch seine Gaben dazu dienen, den Herrn zu erhöhen und zu verherrlichen, und sollen nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden. (Siehe auch 1.Korinther 12,3.)

Ein anderes wichtiges Prinzip finden wir in 1.Korinther 12,4.7.11: „Die Gaben werden auf unterschiedliche Weise ausgeteilt, aber sie kommen vom selben Geist … Und Gott gab jedem den Erweis des Geistes zum Nutzen. … Aber alles wirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem für sich zu, wie er will.“
Daraus können wir schliessen:
– Es gibt eine grosse Vielfalt an geistlichen Gaben. Nicht alle Glieder des Leibes Christi haben dieselben Gaben.
– Jedes echte Glied des Leibes Christi erhielt mindestens eine geistliche Gabe. („Er teilt jedem zu…“)
– Kein Glied hat alle Gaben. Darum brauchen wir die gegenseitige Ergänzung. (1.Korinther 12,21-25.)
– Der Heilige Geist entscheidet selber, wem er welche Gaben zuteilt. Wir dürfen zwar um bestimmte Gaben bitten oder „eifern“ (1.Korinther 14,1); aber es gibt keine Verheissung und kein Recht darauf, dass wir genau das erhalten, worum wir bitten. Der Heilige Geist teilt zu, „wie er will.“

Infolgedessen respektiert die neutestamentliche Gemeinde die Vielfalt der Gaben in ihren Mitgliedern; gibt jedem Gelegenheit, seine besonderen Gaben auszuüben; und jedes Glied anerkennt sein Bedürfnis, durch die anderen Glieder ergänzt zu werden.
Das ist etwas ganz anderes als das „pfarrherrliche“ System vieler heutiger Kirchen: dort wird erwartet, dass der „Pastor“ alle Gaben ausübt. So wird dem „Pastor“ eine Last auferlegt, die kein Mensch tragen kann. Die „gewöhnlichen Mitglieder“ dagegen erhalten in einem solchen System kaum Gelegenheit, ihre geistlichen Gaben auszuüben, und sie werden auch nicht dazu ermutigt. – Die Vielfalt der Gaben ist einer der Gründe, warum alle Gemeinden im Neuen Testament von einer Mehrzahl von Leitern geleitet wurden: sie benötigten die gegenseitige Ergänzung durch die verschiedenen Gaben, die jeder von ihnen besass.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu verlangen, dass z.B. „alle Glieder prophetisch reden“ oder „alle Glieder Kranke heilen“ sollten. Gott gab „dem einen, Wunder zu tun“ (aber nicht allen); „einem anderen, prophetisches Reden“ (aber nicht allen); usw. (1.Korinther 12,8-10). Nicht alle Glieder sind Augen; nicht alle Glieder sind Füsse. Der Leib Christi kann nur dann funktionieren, wenn jedes Glied die Freiheit hat, genau seine spezifische Funktion zu erfüllen.

Die Gaben sind „geistlich“, d.h. übernatürlich. Sie sind nicht zu verwechseln mit den natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Das ist offensichtlich bei den „aussergewöhnlichen“ Gaben wie prophetisches Reden oder Wundertaten. Es gibt andere geistliche Gaben, die natürlichen Fähigkeiten ähnlich sehen; z.B. Lehren, Verwalten/Organisieren, Barmherzigkeit. Aber auch in diesen Fällen, wenn es sich um eine echte geistliche Gabe handelt, dann wird diese eine übernatürliche Komponente enthalten, die den Charakter Gottes hervorhebt, wenn sie ausgeübt wird. Wer z.B. die geistliche Gabe des Lehrens hat, der ist nicht einfach jemand, der gut erklären kann. Er wird ausserdem so lehren, dass seine Zuhörer sich mit der Wahrheit Gottes konfrontiert sehen und sich gezwungen sehen, darauf zu antworten, sei es indem sie die Wahrheit, die sie erkannt haben, annehmen oder aber ablehnen. Ebenso ist jemand mit der geistlichen Gabe der Barmherzigkeit nicht einfach jemand, der den Armen hilft. Wenn diese Person ein Werk der Barmherzigkeit tut, dann tut sie es so, dass die Empfänger sich der Barmherzigkeit Gottes gegenübersehen und herausgefordert sind, auf seine Barmherzigkeit zu antworten.

Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt jedes Glied, die Gaben auszuüben, die Gott ihm gegeben hat, zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi in Liebe, und in gegenseitiger Ergänzung. Sie konzentriert sich nicht auf den Dienst einiger weniger „Leiter“ oder „Gottesmänner“, sondern schafft Raum für die „Aktivität jedes seiner Glieder“ (Epheser 4,16). Sie betrachtet die „aussergewöhnlichen“ Gaben nicht als wichtiger als die übrigen, lehnt sie aber auch nicht ab.
Andererseits ist sich die neutestamentliche Gemeinde bewusst, dass der Teufel alles Gute, was Gott gibt, nachzuahmen versucht. Deshalb übt sie Unterscheidungsvermögen aus, „behält das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21) und scheidet die Fälschungen aus.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 4

14. Februar 2019

„Einander“ (Fortsetzung)

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, wie wichtig die „Einander“-Beziehungen in der neutestamentlichen Gemeinde sind – viel wichtiger als die Beziehungen vom Typ „Leiter-Nachfolger“. Wir haben einige der Anweisungen in den apostolischen Briefen angesehen, die darüber sprechen; aber es gibt noch weitere:

„Und beteiligt euch nicht an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern konfrontiert sie.“ (Epheser 5,11)
„… Lehrt einander und weist einander zurecht in aller Weisheit…“ (Kolosser 3,16)
„Verfolgt den Frieden mit allen und die Heiligung … und achtet darauf, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibe …“ (Hebäer 12,15)
(Vgl. auch Römer 15,14, 1.Thessalonicher 5,14)
Gott gab jedem Glied am Leib Christi die Fähigkeit – im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit eines jeden -, andere zu ermahnen und böses Handeln zu konfrontieren. Die Glieder am Leib Christi sollen „aufeinander achten“. Das griechische Wort, das hierfür in Hebräer 12,15 verwendet wird, ist „episkopeo“, verwandt mit „epískopos“ (Aufseher; von da kommt das Wort „Bischof“). Damit der Leib Christi funktioniert, darf also die „Aufsichtsfunktion“ nicht das Privileg einiger weniger Leiter sein; sie soll von allen Gliedern geteilt werden. Nur dass die Ältesten diese Funktion mit grösserer Intensität und Verantwortung ausüben werden.
Aber bei diesem „Ermahnen“ und „Zurechtweisen“ ist es äusserst wichtig, dass es aus Liebe geschieht. Wenn ein Glaubensbruder „zurechtgewiesen“ werden muss, dann immer mit dem Ziel, seine Beziehung zum Herrn wiederherzustellen; nicht um ihn blosszustellen oder zu entmutigen. In 1.Thessalonicher 5,14 sehen wir, dass die Anweisung zum „Ermahnen“ kompensiert wird mit „ermutigen“ oder „trösten“, „unterstützen“ und „geduldig sein“.

In Kolosser 3,16 sehen wir, dass Lehren eine weitere Funktion ist, die jedes Glied ausüben kann. Das sehen wir auch in 1.Korinther 14,26, wo „Lehre“ als eines der Dinge erwähnt wird, die „jeder hat“. In der neutestamentlichen Gemeinde ist Lehren nicht das Vorrecht einiger weniger „Leiter“ oder „Theologen“. Der Neue Bund besteht darin, dass Gott sein Gesetz in den Sinn und in die Herzen der Wiedergeborenen schreibt, so dass sie „nicht nötig haben, dass jemand euch lehrt“, denn „alle werden von Gott gelehrt sein“. (Jeremia 31,33-34, Jesaja 54,13, Johannes 6,45, 1.Johannes 2,27.) Also kann jeder Wiedergeborene auch seinen Bruder etwas lehren, worüber Gott ihm Verständnis gegeben hat – wiederum im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit, das Gott einem jeden gegeben hat.

„Ermutigt einander, und erbaut einander“ (1.Thessalonicher 5,11)
„…sondern ermutigt einander täglich, solange es ‚Heute‘ heisst, damit nicht einer unter euch verhärtet werde durch den Betrug der Sünde.“ (Hebräer 3,13)
„… um einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen…“ (Hebräer 10,24)
Die positive Seite des „Ermahnens“ ist das „Ermutigen“ oder „Anspornen“. Einander zu ermutigen und aufzuerbauen ist eine der wichtigsten Funktionen im Leib Christi.
Hebräer 10,24 fährt im folgenden Vers fort: „… und nicht unsere Versammlungen zu verlassen, nach der Gewohnheit einiger…“. Dieser Vers ist von vielen „Pastoren“ dazu missbraucht worden, ihre Geschwister unter Druck zu setzen, damit sie alle Predigtversammlungen (sog. „Gottesdienste“) besuchen. Aber wenn wir diesen Vers im Zusammenhang von Vers 24 lesen, dann sehen wir, dass dieser Vers nicht von Predigtversammlungen spricht. Vers 24 sagt uns nämlich, was der Zweck christlicher Versammlungen sein sollte: „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Wenn aber eine einzige Person „predigt“ und alle anderen zuhören, dann wird dieser Zweck des „Einander“ nicht erfüllt. Eine Predigtversammlung ist also keine „Versammlung“ im Sinn von Hebräer 10,25. Um diesen Vers anwenden zu können, müsste in den Versammlungen das geschehen, was Vers 24 sagt: Jeder sollte seine Nächsten „zur Liebe und zu guten Werken anspornen“.

„…indem ihr untereinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern…“ (Epheser 5,19)
„Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung; alles soll zur Auferbauung geschehen.“ (1.Korinther 14,26)
Diese Verse geben einige detaillierte Beispiele, wie die „gegenseitige Auferbauung“ in christlichen Zusammenkünften geschehen kann. Die Liste ist sicher nicht vollständig. „Jeder hat“ etwas, was Gott ihm gegeben hat zur Auferbauung der anderen Glieder. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Glieder zur gegenseitigen Auferbauung bei mit den Gaben, die der Heilige Geist ihnen gegeben hatte.

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen unterscheiden.“ (1.Korinther 14,29)
„Verachtet das prophetische Reden nicht. Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1.Thessalonicher 5,20-21)
Bei so viel Freiheit in den Versammlungen zum Mitteilen von Worten, Lehren, Prophezeiungen, usw, konnte die Gefahr falscher Lehren und falscher Prophezeiungen auftauchen – sei es aus Unkenntnis, oder vorsätzlich von seiten falscher Brüder, um die Gläubigen vom Weg abzubringen. Deshalb sollten Lehren und Prophezeiungen nicht ohne weiteres akzeptiert werden. Jedes Glied war dafür verantwortlich, sein Unterscheidungsvermögen anzuwenden und das Gesagte zu „prüfen“. Die Ältesten übten zweifellos einen grösseren Teil dieser Verantwortung aus; aber die zitierten Verse richten sich an die gesamte Gemeinde.
Wenn also eine Gruppierung verlangt, das Wort eines „Pastors“, Lehrers, Propheten oder Predigers solle ohne nachzufragen akzeptiert werden, dann ist das keine neutestamentliche Gemeinde, denn sie beraubt ihre Mitglieder dieser Verantwortung des Prüfens und Unterscheidens. Falsche Lehren werden selten von „gewöhnlichen Mitgliedern“ erfunden. Ihre Urheber sind meistens Personen, die einen Ruf als Leiter, Prediger oder Theologen haben. Deshalb sind es gerade die Lehren der Leiter, die im Licht der Heiligen Schrift geprüft werden sollen.

„Seid gütig zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Epheser 4,32)
„Ertragt einander [ständig] und vergebt einander, wenn jemand eine Klage hat gegen jemanden.“ (Kolosser 3,13)
Diese Stellen sprechen vom Umgang mit Konflikten zwischen Gliedern des Leibes Christi. Hier sehen wir wiederum, dass die Glieder der neutestamentlichen Gemeinde ihr tägliches Leben weitgehend miteinander teilten; denn das ist normalerweise der Ort, wo Konflikte entstehen, und das ist auch der Ort, wo sie gelöst werden sollen. Das „Einander vergeben“ ist also nicht ein „Ritual“, das man in einer besonderen Versammlung der Gemeinde durchführt (wie es in einigen Kreisen Brauch ist). Es ist etwas, was im täglichen Leben getan wird; und da, im täglichen Zusammenleben, muss sich zeigen, ob die Umkehr und die Vergebung echt waren.

„Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes.“ (Epheser 5,21)
„… und alle, einander untergeordnet, kleidet euch mit Demut…“ (1.Petrus 5,5)
Fast alle neutestamentlichen Stellen, die über Unterordnung sprechen, betonen im selben Zusammenhang, dass Unterordnung gegenseitig ist: Nicht nur soll sich die Frau dem Mann unterordnen oder die Jungen den Älteren, sondern alle „einander“. Das stimmt überein mit der Aussage Jesu, dass in seinem Reich die „Leiterschaft“ im wesentlichen Dienst ist. Also auch das „hierarchischste“ Konzept des Neuen Testamentes, die Unterordnung, muss im Zusammenhang des „Einander“ verstanden werden.

Damit der Leib Christi so funktioniert, wie es von Gott vorgesehen ist, müssen diese verschiedenen Aspekte der „Einander“-Beziehungen funktionieren. Wo das „Einander“ nicht funktioniert, wo alles sich auf einige wenige Personen konzentriert, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
Praktizieren die Mitglieder deiner Gemeinde ständig diese verschiedenen Aspekte des „Einander“? Werden sie von den Leitern dazu ermutigt? Kannst du mindestens drei oder vier Personen ausserhalb deines Familienkreises nennen, mit denen du im täglichen Leben in einer nahen „Einander“-Beziehung
stehst?