Archive for the ‘Die neutestamentliche Gemeinde – Biblische Betrachtungen’ Category

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 3

20. Juli 2019

Auswahl von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde

In Apostelgeschichte 14:23 wird der Prozess der Einsetzung von Ältesten in neugegründeten Gemeinden mit dem griechischen Wort cheirotonéo beschrieben. Wörtlich bedeutet es „durch Handaufheben bestätigen“. („Einsetzen“ ist also keine genaue Übersetzung.) Die Idee dahinter ist, dass Paulus gewisse Männer als Älteste vorschlug, aber die gesamte Gemeinde musste ihre Einsetzung bestätigen. Es handelte sich also um eine Art Mischform zwischen einer Einsetzung durch eine übergeordnete Leiterschaft (der Apostel) und einer demokratischen Wahl.
Aber wenn wir uns nur bei diesen Einzelheiten der äusserlichen Form aufhalten, verpassen wir das Wichtigste: Dieser Prozess wird vor dem Hintergrund der familiären Struktur der jüdischen Gesellschaft beschrieben. Das Entscheidende ist, dass die Apostel und die Gemeinden ein Vorgehen wählten, durch das sie zu einem geistlichen Konsens kommen konnten. Die hier beschriebene „Einsetzung“ war nur die Endphase. Dieser muss ein längerer Prozess vorangegangen sein des Sich-Kennenlernens in den Familien, des Kennenlernens der Weisheit und des Erziehungsstils eines jeden der möglichen Ältesten, und alles weitere, was nötig war, um zu einer Gott wohlgefälligen Entscheidung zu kommen.

Ein biblischer Ältester ist also etwas ganz anderes als ein „Mitglied eines Leitungsgremiums“ in einem Verein oder in einer heutigen Kirche. In heutigen Kirchen werden Leiter auf eine viel unpersönlichere und vom Familienleben abgeschnittene Weise gewählt. Es gibt dabei demokratischere und diktatorischere Varianten; aber so oder so werden selten die Weisesten oder die Geistlichsten gewählt. Oft haben menschliche Fähigkeiten das grössere Gewicht: Redebegabung, Durchsetzungsvermögen, eine gute äussere Erscheinung, theologische Ausbildung, usw. Aber nichts von dem ist eine Garantie für Geistlichkeit oder Integrität.
Infolgedessen funktionieren viele dieser Leitungsgremien eher wie weltliche Regierungen, oder wie die Verwaltung eines Grossunternehmens, als wie eine Familie. Dann gibt es Heuchelei, Bürokratie, Korruption, Habsucht, Intrigen, Machtkämpfe, Unmoral (mit den darauffolgenden Vertuschungsmanövern), und was man sonst noch in der nichtchristlichen Welt beobachten kann. In einem solchen System können Leiter ihre wahre Persönlichkeit hinter der Kanzel verstecken, weil ihnen niemand genügend nahe steht, um sie so kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Deshalb kann sie auch niemand warnen oder zurechtweisen, wenn sie in Gefahr stehen, abzuirren oder in Sünde zu fallen. Der Verlust der familiären Strukturen hat die Leiterschaft in vielen Kirchen derart verzerrt, dass es heute schwierig ist, sich überhaupt vorzustellen, was echte geistliche Leiterschaft ist.

In der neutestamentlichen Gemeinde geht Ältestenschaft auf natürliche Weise aus der Familie hervor, aus der Vaterschaft,
und aus den Versammlungen in den Häusern. Das wichtigste Kriterium für die Eignung als Ältester ist, ob jemand ein guter Ehemann und Vater ist. In der familiären Umgebung der neutestamentlichen Gemeinde, wo das tägliche Leben miteinander geteilt wurde, konnten die Mitglieder leicht das Familienleben anderer Mitglieder beobachten, und so deren wahren Charakter kennenlernen. So funktionierte die Anerkennung der weisesten und geistlichsten Väter als Älteste, und die gegenseitige Korrektur, wenn einer von ihnen in Gefahr kam, von den Wegen Gottes abzuweichen.

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Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 2

14. Juli 2019

Ältestenschaft als familiäre Leiterschaft

Im Alten Testament wurde die jüdische Gesellschaft auf all ihren Ebenen von „Ältesten“ geleitet. Es gab Älteste der erweiterten Familien, der Sippen und der Stämme.

Ältestenschaft im Alten Testament

Das Wort „Ältester“ entstammt dem Familienleben. Die Leiterschaft der Ältesten war eine erweiterte Vaterschaft. Die Ältesten wurden als solche anerkannt, weil sie in ihren eigenen Familien die weisesten Väter waren. Ihre Autorität ging auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den erweiterten Familien, und so Schritt für Schritt bis zur Ebene des ganzen Volkes. Um die Qualität eines Ältesten zu bezeugen, sind dessen eigene Familienmitglieder die geeignetsten Personen. So war jeder Älteste umgeben von einem „Sicherheitsnetz“ aus ihm nahestehenden Personen, die ihn seit langer Zeit persönlich kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten verbürgen und stützen; aber sie konnten ihn auch zurechtweisen, wenn er irrte.

Die Ältesten wurden also nicht demokratisch gewählt; aber sie wurden auch nicht von einer höheren Leiterschaft „eingesetzt“. Sie wurden anerkannt von ihrer erweiterten Familie und Sippe, von Personen, die sie persönlich kannten, und aufgrund ihrer persönlichen Tugenden und ihrer geistlichen Reife, die diese nahestehenden Personen in ihnen sehen konnten. Der ganze Prozess der Auswahl der Ältesten war ein beziehungsmässiger, nicht ein institutioneller Prozess.

Im biblischen Umfeld blieb die eigene Familie die wichtigste Priorität im Leben eines Ältesten, auch wenn er zu einer sehr hohen Ebene von Leiterschaft aufstieg. Wenn er diese Priorität vernachlässigte, konnte er seine Autorität verlieren, und sogar unter das Gericht Gottes fallen. So erging es dem Priester Eli, der eine sehr wichtige Stellung innehatte, aber es versäumte, seine Söhne zu korrigieren. (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Ältestenschaft im Neuen Testament

Dasselbe Konzept von Ältestenschaft wurde auch von der neutestamentlichen Gemeinde angewandt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Leiter in der neutestamentlichen Gemeinde, dass er „seinem eigenen Heim gut vorsteht, seine Kinder in Unterordnung hält, in aller Ehrbarkeit – denn wenn jemand seinem eigenen Heim nicht vorzustehen weiss, wie wird er auf die Gemeinde Gottes achten?“ (1.Timotheus 3,4-5). – Die eigenen Kinder gut zu erziehen, ist eine unverzichtbare Vorbereitung darauf, Ältester zu sein. In der neutestamentlichen Gemeinde konnte niemand als Ältester anerkannt werden, der nicht zuerst während vielen Jahren als guter Ehemann und Vater ein Beispiel gegeben hatte.
Diese Begründung der Ältestenschaft in der Familie ist eine der stärksten Sicherheiten gegen das Eindringen falscher Brüder oder ungeistlicher Menschen in der Leiterschaft. Das eigene Heim ist der Ort, wo es am schwierigsten ist, etwas vorzutäuschen, was man nicht ist. Wenn jemand ein Lügner ist, ein Heuchler, ein Habgieriger, ein Manipulator … dann werden seine Familienmitglieder das merken. Und wenn die ganze Gemeinde auf Familien gegründet ist und sich in den Häusern versammelt, dann werden es auch andere Gemeindeglieder merken. Wenn das Familienleben das wichtigste Kriterium ist, um einen weisen, integren und reifen Leiter zu erkennen, dann ist es wahrscheinlicher, dass wirklich die geistlichen, integren und transparenten Väter als Älteste anerkannt werden.

Natürlich wird auch im neutestamentlichen Gottesvolk ein Vater weiterhin seinem Heim gut vorstehen, auch nachdem er eine grössere Verantwortung als Ältester übernimmt. Die Verantwortung für die Gemeinde sollte nicht dazu führen, dass der Vater zu oft von zuhause fort ist; denn sonst würde er den Grund und die Legitimierung seiner Gemeindeverantwortung verlieren. Die Verantwortung ausserhalb des Heims sollte kein Ersatz für das Ausüben der Vaterschaft sein, sondern deren Erweiterung.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Leib Christi" – Teil 5

24. Juni 2019

Zur vorhergehenden Folge

Geistliche Gaben

Die Gaben des Heiligen Geistes sind Fähigkeiten, die der Heilige Geist den Gliedern des Leibes Christi gibt, um ihre besondere Funktion im Leib auszuüben. Deshalb definieren die geistlichen Gaben weitgehend die besondere Funktion jedes Christen. „Denn so wie wir in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, … da sie unterschiedliche Gaben haben gemäss der Gnade, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Paulus spricht in drei Abschnitten seiner Briefe über geistliche Gaben: Römer 12,4-8, 1.Korinther 12 (ganzes Kapitel), und Epheser 4,7-16. Alle drei Stellen stehen im Zusammenhang mit der Lehre über den „Leib Christi“. Wir können die geistlichen Gaben nicht richtig verstehen, solange wir nicht die Funktionsweise des Leibes Christi verstehen, wie in den vorhergehenden Betrachtungen beschrieben. Die Gaben des Heiligen Geistes sind zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi gegeben. Das heisst, die geistlichen Gaben werden hauptsächlich im Rahmen von „Einander“-Beziehungen ausgeübt.
Insbesondere:
– sind sie nicht zur Selbst-Auferbauung gegeben,
– und sind sie nicht gegeben, um die Aufmerksamkeit auf die „Gabenträger“ zu lenken oder diesen eine besondere Stellung in der Gemeinde zu geben aufgrund ihrer Gaben.

Die geistlichen Gaben sind kein Selbstzweck. Sie dienen einem höheren Zweck: den Leib Christi in Liebe aufzuerbauen. Die drei Abschnitte, wo Paulus über den Leib Christi und die geistlichen Gaben spricht, enden alle mit der Erinnerung daran, dass die Liebe das Wichtigste ist (Römer 12,9, 1.Korinther 12,31-13,13, Epheser 4,16).

Ziehen wir zudem in Betracht, dass der Heilige Geist immer Christus verherrlicht (Johannes 16,14), dann sollen auch seine Gaben dazu dienen, den Herrn zu erhöhen und zu verherrlichen, und sollen nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden. (Siehe auch 1.Korinther 12,3.)

Ein anderes wichtiges Prinzip finden wir in 1.Korinther 12,4.7.11: „Die Gaben werden auf unterschiedliche Weise ausgeteilt, aber sie kommen vom selben Geist … Und Gott gab jedem den Erweis des Geistes zum Nutzen. … Aber alles wirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem für sich zu, wie er will.“
Daraus können wir schliessen:
– Es gibt eine grosse Vielfalt an geistlichen Gaben. Nicht alle Glieder des Leibes Christi haben dieselben Gaben.
– Jedes echte Glied des Leibes Christi erhielt mindestens eine geistliche Gabe. („Er teilt jedem zu…“)
– Kein Glied hat alle Gaben. Darum brauchen wir die gegenseitige Ergänzung. (1.Korinther 12,21-25.)
– Der Heilige Geist entscheidet selber, wem er welche Gaben zuteilt. Wir dürfen zwar um bestimmte Gaben bitten oder „eifern“ (1.Korinther 14,1); aber es gibt keine Verheissung und kein Recht darauf, dass wir genau das erhalten, worum wir bitten. Der Heilige Geist teilt zu, „wie er will.“

Infolgedessen respektiert die neutestamentliche Gemeinde die Vielfalt der Gaben in ihren Mitgliedern; gibt jedem Gelegenheit, seine besonderen Gaben auszuüben; und jedes Glied anerkennt sein Bedürfnis, durch die anderen Glieder ergänzt zu werden.
Das ist etwas ganz anderes als das „pfarrherrliche“ System vieler heutiger Kirchen: dort wird erwartet, dass der „Pastor“ alle Gaben ausübt. So wird dem „Pastor“ eine Last auferlegt, die kein Mensch tragen kann. Die „gewöhnlichen Mitglieder“ dagegen erhalten in einem solchen System kaum Gelegenheit, ihre geistlichen Gaben auszuüben, und sie werden auch nicht dazu ermutigt. – Die Vielfalt der Gaben ist einer der Gründe, warum alle Gemeinden im Neuen Testament von einer Mehrzahl von Leitern geleitet wurden: sie benötigten die gegenseitige Ergänzung durch die verschiedenen Gaben, die jeder von ihnen besass.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu verlangen, dass z.B. „alle Glieder prophetisch reden“ oder „alle Glieder Kranke heilen“ sollten. Gott gab „dem einen, Wunder zu tun“ (aber nicht allen); „einem anderen, prophetisches Reden“ (aber nicht allen); usw. (1.Korinther 12,8-10). Nicht alle Glieder sind Augen; nicht alle Glieder sind Füsse. Der Leib Christi kann nur dann funktionieren, wenn jedes Glied die Freiheit hat, genau seine spezifische Funktion zu erfüllen.

Die Gaben sind „geistlich“, d.h. übernatürlich. Sie sind nicht zu verwechseln mit den natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Das ist offensichtlich bei den „aussergewöhnlichen“ Gaben wie prophetisches Reden oder Wundertaten. Es gibt andere geistliche Gaben, die natürlichen Fähigkeiten ähnlich sehen; z.B. Lehren, Verwalten/Organisieren, Barmherzigkeit. Aber auch in diesen Fällen, wenn es sich um eine echte geistliche Gabe handelt, dann wird diese eine übernatürliche Komponente enthalten, die den Charakter Gottes hervorhebt, wenn sie ausgeübt wird. Wer z.B. die geistliche Gabe des Lehrens hat, der ist nicht einfach jemand, der gut erklären kann. Er wird ausserdem so lehren, dass seine Zuhörer sich mit der Wahrheit Gottes konfrontiert sehen und sich gezwungen sehen, darauf zu antworten, sei es indem sie die Wahrheit, die sie erkannt haben, annehmen oder aber ablehnen. Ebenso ist jemand mit der geistlichen Gabe der Barmherzigkeit nicht einfach jemand, der den Armen hilft. Wenn diese Person ein Werk der Barmherzigkeit tut, dann tut sie es so, dass die Empfänger sich der Barmherzigkeit Gottes gegenübersehen und herausgefordert sind, auf seine Barmherzigkeit zu antworten.

Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt jedes Glied, die Gaben auszuüben, die Gott ihm gegeben hat, zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi in Liebe, und in gegenseitiger Ergänzung. Sie konzentriert sich nicht auf den Dienst einiger weniger „Leiter“ oder „Gottesmänner“, sondern schafft Raum für die „Aktivität jedes seiner Glieder“ (Epheser 4,16). Sie betrachtet die „aussergewöhnlichen“ Gaben nicht als wichtiger als die übrigen, lehnt sie aber auch nicht ab.
Andererseits ist sich die neutestamentliche Gemeinde bewusst, dass der Teufel alles Gute, was Gott gibt, nachzuahmen versucht. Deshalb übt sie Unterscheidungsvermögen aus, „behält das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21) und scheidet die Fälschungen aus.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 4

14. Februar 2019

„Einander“ (Fortsetzung)

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, wie wichtig die „Einander“-Beziehungen in der neutestamentlichen Gemeinde sind – viel wichtiger als die Beziehungen vom Typ „Leiter-Nachfolger“. Wir haben einige der Anweisungen in den apostolischen Briefen angesehen, die darüber sprechen; aber es gibt noch weitere:

„Und beteiligt euch nicht an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern konfrontiert sie.“ (Epheser 5,11)
„… Lehrt einander und weist einander zurecht in aller Weisheit…“ (Kolosser 3,16)
„Verfolgt den Frieden mit allen und die Heiligung … und achtet darauf, dass niemand hinter der Gnade Gottes zurückbleibe …“ (Hebäer 12,15)
(Vgl. auch Römer 15,14, 1.Thessalonicher 5,14)
Gott gab jedem Glied am Leib Christi die Fähigkeit – im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit eines jeden -, andere zu ermahnen und böses Handeln zu konfrontieren. Die Glieder am Leib Christi sollen „aufeinander achten“. Das griechische Wort, das hierfür in Hebräer 12,15 verwendet wird, ist „episkopeo“, verwandt mit „epískopos“ (Aufseher; von da kommt das Wort „Bischof“). Damit der Leib Christi funktioniert, darf also die „Aufsichtsfunktion“ nicht das Privileg einiger weniger Leiter sein; sie soll von allen Gliedern geteilt werden. Nur dass die Ältesten diese Funktion mit grösserer Intensität und Verantwortung ausüben werden.
Aber bei diesem „Ermahnen“ und „Zurechtweisen“ ist es äusserst wichtig, dass es aus Liebe geschieht. Wenn ein Glaubensbruder „zurechtgewiesen“ werden muss, dann immer mit dem Ziel, seine Beziehung zum Herrn wiederherzustellen; nicht um ihn blosszustellen oder zu entmutigen. In 1.Thessalonicher 5,14 sehen wir, dass die Anweisung zum „Ermahnen“ kompensiert wird mit „ermutigen“ oder „trösten“, „unterstützen“ und „geduldig sein“.

In Kolosser 3,16 sehen wir, dass Lehren eine weitere Funktion ist, die jedes Glied ausüben kann. Das sehen wir auch in 1.Korinther 14,26, wo „Lehre“ als eines der Dinge erwähnt wird, die „jeder hat“. In der neutestamentlichen Gemeinde ist Lehren nicht das Vorrecht einiger weniger „Leiter“ oder „Theologen“. Der Neue Bund besteht darin, dass Gott sein Gesetz in den Sinn und in die Herzen der Wiedergeborenen schreibt, so dass sie „nicht nötig haben, dass jemand euch lehrt“, denn „alle werden von Gott gelehrt sein“. (Jeremia 31,33-34, Jesaja 54,13, Johannes 6,45, 1.Johannes 2,27.) Also kann jeder Wiedergeborene auch seinen Bruder etwas lehren, worüber Gott ihm Verständnis gegeben hat – wiederum im Rahmen des individuellen Masses an Weisheit, das Gott einem jeden gegeben hat.

„Ermutigt einander, und erbaut einander“ (1.Thessalonicher 5,11)
„…sondern ermutigt einander täglich, solange es ‚Heute‘ heisst, damit nicht einer unter euch verhärtet werde durch den Betrug der Sünde.“ (Hebräer 3,13)
„… um einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen…“ (Hebräer 10,24)
Die positive Seite des „Ermahnens“ ist das „Ermutigen“ oder „Anspornen“. Einander zu ermutigen und aufzuerbauen ist eine der wichtigsten Funktionen im Leib Christi.
Hebräer 10,24 fährt im folgenden Vers fort: „… und nicht unsere Versammlungen zu verlassen, nach der Gewohnheit einiger…“. Dieser Vers ist von vielen „Pastoren“ dazu missbraucht worden, ihre Geschwister unter Druck zu setzen, damit sie alle Predigtversammlungen (sog. „Gottesdienste“) besuchen. Aber wenn wir diesen Vers im Zusammenhang von Vers 24 lesen, dann sehen wir, dass dieser Vers nicht von Predigtversammlungen spricht. Vers 24 sagt uns nämlich, was der Zweck christlicher Versammlungen sein sollte: „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Wenn aber eine einzige Person „predigt“ und alle anderen zuhören, dann wird dieser Zweck des „Einander“ nicht erfüllt. Eine Predigtversammlung ist also keine „Versammlung“ im Sinn von Hebräer 10,25. Um diesen Vers anwenden zu können, müsste in den Versammlungen das geschehen, was Vers 24 sagt: Jeder sollte seine Nächsten „zur Liebe und zu guten Werken anspornen“.

„…indem ihr untereinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern…“ (Epheser 5,19)
„Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung; alles soll zur Auferbauung geschehen.“ (1.Korinther 14,26)
Diese Verse geben einige detaillierte Beispiele, wie die „gegenseitige Auferbauung“ in christlichen Zusammenkünften geschehen kann. Die Liste ist sicher nicht vollständig. „Jeder hat“ etwas, was Gott ihm gegeben hat zur Auferbauung der anderen Glieder. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Glieder zur gegenseitigen Auferbauung bei mit den Gaben, die der Heilige Geist ihnen gegeben hatte.

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen unterscheiden.“ (1.Korinther 14,29)
„Verachtet das prophetische Reden nicht. Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1.Thessalonicher 5,20-21)
Bei so viel Freiheit in den Versammlungen zum Mitteilen von Worten, Lehren, Prophezeiungen, usw, konnte die Gefahr falscher Lehren und falscher Prophezeiungen auftauchen – sei es aus Unkenntnis, oder vorsätzlich von seiten falscher Brüder, um die Gläubigen vom Weg abzubringen. Deshalb sollten Lehren und Prophezeiungen nicht ohne weiteres akzeptiert werden. Jedes Glied war dafür verantwortlich, sein Unterscheidungsvermögen anzuwenden und das Gesagte zu „prüfen“. Die Ältesten übten zweifellos einen grösseren Teil dieser Verantwortung aus; aber die zitierten Verse richten sich an die gesamte Gemeinde.
Wenn also eine Gruppierung verlangt, das Wort eines „Pastors“, Lehrers, Propheten oder Predigers solle ohne nachzufragen akzeptiert werden, dann ist das keine neutestamentliche Gemeinde, denn sie beraubt ihre Mitglieder dieser Verantwortung des Prüfens und Unterscheidens. Falsche Lehren werden selten von „gewöhnlichen Mitgliedern“ erfunden. Ihre Urheber sind meistens Personen, die einen Ruf als Leiter, Prediger oder Theologen haben. Deshalb sind es gerade die Lehren der Leiter, die im Licht der Heiligen Schrift geprüft werden sollen.

„Seid gütig zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Epheser 4,32)
„Ertragt einander [ständig] und vergebt einander, wenn jemand eine Klage hat gegen jemanden.“ (Kolosser 3,13)
Diese Stellen sprechen vom Umgang mit Konflikten zwischen Gliedern des Leibes Christi. Hier sehen wir wiederum, dass die Glieder der neutestamentlichen Gemeinde ihr tägliches Leben weitgehend miteinander teilten; denn das ist normalerweise der Ort, wo Konflikte entstehen, und das ist auch der Ort, wo sie gelöst werden sollen. Das „Einander vergeben“ ist also nicht ein „Ritual“, das man in einer besonderen Versammlung der Gemeinde durchführt (wie es in einigen Kreisen Brauch ist). Es ist etwas, was im täglichen Leben getan wird; und da, im täglichen Zusammenleben, muss sich zeigen, ob die Umkehr und die Vergebung echt waren.

„Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes.“ (Epheser 5,21)
„… und alle, einander untergeordnet, kleidet euch mit Demut…“ (1.Petrus 5,5)
Fast alle neutestamentlichen Stellen, die über Unterordnung sprechen, betonen im selben Zusammenhang, dass Unterordnung gegenseitig ist: Nicht nur soll sich die Frau dem Mann unterordnen oder die Jungen den Älteren, sondern alle „einander“. Das stimmt überein mit der Aussage Jesu, dass in seinem Reich die „Leiterschaft“ im wesentlichen Dienst ist. Also auch das „hierarchischste“ Konzept des Neuen Testamentes, die Unterordnung, muss im Zusammenhang des „Einander“ verstanden werden.

Damit der Leib Christi so funktioniert, wie es von Gott vorgesehen ist, müssen diese verschiedenen Aspekte der „Einander“-Beziehungen funktionieren. Wo das „Einander“ nicht funktioniert, wo alles sich auf einige wenige Personen konzentriert, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
Praktizieren die Mitglieder deiner Gemeinde ständig diese verschiedenen Aspekte des „Einander“? Werden sie von den Leitern dazu ermutigt? Kannst du mindestens drei oder vier Personen ausserhalb deines Familienkreises nennen, mit denen du im täglichen Leben in einer nahen „Einander“-Beziehung
stehst?

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 3

8. Februar 2019

„Einander“

In den meisten neutestamentlichen Stellen, die das Zusammenwirken der Glieder am Leib Christi beschreiben, erscheinen die Worte „einander“, „gegenseitig“, oder ähnliche. Die Beziehungen zwischen den Gliedern sind gegenseitig: alle geben und erhalten gleichzeitig. Nur in sehr wenigen Stellen (die wir bei anderer Gelegenheit betrachten werden) erscheinen Beziehungen, die in irgendeiner Weise asymmetrisch oder „hierarchisch“ sind.

Viele heutige christliche Gruppierungen sind dagegen auf eine „besondere Person“ (oder auf einige wenige „besondere Personen“) ausgerichtet. Dort herrschen Beziehungen von „einem zu vielen“ und „vielen zu einem“ vor: Einer predigt vielen, und die vielen hören einem zu. Einer berät viele, und die vielen folgen den Ratschlägen dieses einen. Sie nehmen jene Art von Beziehungen am wichtigsten, die im Neuen Testament die geringste Bedeutung haben. So kann der Leib Christi nicht funktionieren, denn die meisten Glieder sind passiv, üben ihre Funktion nicht aus, und die meisten von ihnen wissen nicht einmal, was ihre Funktion im Leib ist.
Es gibt sogar Gruppierungen, wo die Leiter die Glieder davon abhalten oder ihnen gar verbieten, das „Einander“ zu praktizieren: Sie wollen nicht, dass die Mitglieder einander besuchen oder dass sie miteinander beten, ohne dass ein „Pastor“ zugegen ist; auch nicht, dass sie einander praktisch oder finanziell helfen. So verhindern sie, dass ihre Gruppierung als Leib Christi funktioniert.

In den Zusammenkünften der ersten Christen wirkten alle Mitglieder mit zur gegenseitigen Auferbauung. „Jeder hat …“ etwas, was er mit den anderen teilen kann (1.Korinther 14,26). Im Leib Christi gibt es keine Passivmitglieder. Die Zusammenkünfte in den Häusern waren der bevorzugte Ort, wo jeder seine besondere Funktion im Leib ausübte. Das war zugleich ihre Ausbildung zum Dienst jedes einzelnen in der Welt, wo sie vor Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, usw, mit ihren Worten und mit ihrem Leben ihren Glauben bezeugten.

Wir werden auch sehen, dass einige der biblischen „Einander“-Anweisungen nicht einmal im Rahmen von wöchentlichen (oder häufigeren) Zusammenkünften erfüllt werden können. Einige dieser Anweisungen wurden offenbar für Personen geschrieben, die ihr tägliches Leben miteinander teilen.

„Wir sind … Glieder voneinander.“ (Römer 12,5, Epheser 4,25)
Wir sind nicht nur Glieder Christi; ich bin auch ein Glied meines Bruders, und er ist eines meiner Glieder. – Andererseits erscheint im Neuen Testament nirgends der Ausdruck „Mitglied einer Gemeinde“. Ein neutestamentlicher Christ hat keine Beziehung der „Mitgliedschaft“ zu einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt. Er hat aber eine persönliche Beziehung zu Christus, und er hat persönliche Beziehungen zu den anderen Gliedern des Leibes Christi.

„Liebt einander.“ (Johannes 13,34-35, 3.Mose 19,18, Römer12,10, 13,8-10, 1.Petrus 1,22, 1.Johannes 3,11.23, 2.Johannes 5, u.a.)
Das ist die Grundlage für alles andere, was wir für „einander“ tun können. Wenn der Beweggrund nicht die Liebe ist, dann erfüllen wir höchstens eine routinemässige Prozedur.
Zu lieben schliesst ein, einander persönlich zu kennen. Es ist kaum möglich, jemanden zu lieben, den wir nur ein- oder zweimal wöchentlich in einer formellen Versammlung treffen. Deshalb rief Jesus seine Jünger dazu, ihr ganzes Leben mit ihm und miteinander zu teilen. Nur so konnten sie einander wirklich kennenlernen und einander wirklich lieben – und auch zur Einsicht kommen, wie viel ihnen noch an Liebe fehlte.

„Und wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit ihm; und wenn ein Glied geehrt wird, dann freuen sich alle Glieder mit ihm.“ (1.Korinther 12,26)
„Freut euch mit den Freudigen, weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15)
Meinen Bruder zu lieben bedeutet auch, mit ihm mitzufühlen. Echte Liebe drückt sich darin aus, Freuden und Leiden miteinander zu teilen. Auch das ist fast unmöglich im Rahmen einer formellen Versammlung. Der Apostel spricht zu Menschen, die daran gewöhnt sind, ihr tägliches Leben miteinander zu teilen, zuhause, in der Gemeinschaft, und möglicherweise auch am Arbeitsplatz.

„Und vergesst nicht, Gutes zu tun und Gemeinschaft (koinonía) zu haben …“ (Hebräer 13,16)
„Was ihr übrig habt, soll ihren Mangel ausfüllen, damit auch das, was sie übrig haben, ausfüllt, was euch fehlt, damit ein Ausgleich stattfindet …“ (2.Korinther 8,14)
„Beherbergt einander ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
(Siehe auch Galater 6,2, 1.Korinther 12,25)
In all diesen Stellen sehen wir, dass die Bruderliebe sich in praktischen Taten der Hilfe und Unterstützung zeigt. Jedes Glied am Leib Christi half seinen Glaubensgeschwistern, wie es das (normalerweise) auch mit seinen eigenen Geschwistern „nach dem Fleisch“ tun würde.

„… Legt die Lüge ab und sprecht die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten …“ (Epheser 4,25)
Damit die Gemeinschaft im Leib Christi funktioniert, müssen seine Glieder wahrhaftig und transparent miteinander umgehen. Wir haben in Apostelgeschichte 5 gesehen, wie Gott selber die Sünde der Lüge in der Urgemeinde aufs schwerste richtete.

„Bekennt einander eure Vergehen, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jakobus 5,16)
„…wenn jemand von einer Übertretung überrascht wird, sollt ihr, die Geistlichen, den Betreffenden wieder zurechtbringen in demütigem Geist…“ (Galater 6,1)
In der kirchlichen Tradition wurde die Anweisung in Jakobus 5,16 zum Sakrament der Beichte. Deshalb haben auch einige Evangelische noch die Idee, Sünden müssten vor einer speziellen Person bekannt werden, einem „Priester“ oder „Pastor“. Andere evangelische Gruppierungen dagegen haben das Sündenbekenntnis überhaupt abgeschafft. Beide Gruppen vergessen, dass im Neuen Testament die Sünden „einander“ bekannt werden. Wenn also mein Gewissen mit einer Sünde belastet ist und ich keinen Frieden mit Gott finde, dann kann ich irgendeinen Bruder suchen, dem ich vertraue, und ihm meine Sünde bekennen. Dann kann der Bruder für mich beten, und ich werde geheilt werden – geheilt von der Krankheit meines Gewissens, aber das kann auch die Heilung körperlicher Krankheiten einschliessen, wie der Zusammenhang nahelegt (Verse 14-15).
Etwas Ähnliches sehen wir in Galater 6,1; nur geht hier die Initiative nicht von dem aus, der gesündigt hat, sondern von anderen „geistlichen“ Geschwistern, die seine Sünde beobachteten und auf ihn zugehen, um ihm zu helfen, seine Beziehung zum Herrn in Ordnung zu bringen. (Natürlich handelt es sich hier nicht um „Geistliche“ im kirchlichen Sinn von „Pfarrern“. Im Leib Christi sollte wenn möglich jedes Glied „geistlich“ sein!)

Das sind einige der apostolischen Anweisungen über die „Einander“-Beziehungen. Es gibt noch mehr…

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 2

16. Dezember 2017

Alle Glieder verbunden mit dem Haupt

Der folgende Punkt scheint schwerverständlich zu sein für jene, die sich an eine institutionalisierte Form von „Kirche“ gewöhnt haben. Dort wirkt einerseits das erdrückende Gewicht der römisch-katholischen Tradition (die in den reformierten und evangelikalen Kirchen weiter fortwirkt), wonach eine „Kirche“ von einem „Priester“ oder „Pastor“ geleitet werden müsse; somit glauben sie, dieser „Priester“ oder „Pastor“ hätte eine Stellung als „Haupt“ über seine „Kirche“ inne. Und andererseits haben manche „Pastoren“ grosses Interesse daran, dass diese Tradition weiter aufrechterhalten wird, weil ihre einflussreiche Machtposition darauf beruht.

In Wirklichkeit war dies einer der grossen Streitpunkte in der Reformation des 16.Jahrhunderts. Die Reformatoren betonten, dass jeder Christ direkten Zugang zu Gott hat. Kein „Priester“ braucht zwischen einem Jünger Jesu und seinem Herrn zu vermitteln. Das ist ein biblisches Prinzip, das u.a. in folgenden Aussagen zum Ausdruck kommt:

„Da wir also einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns am Bekenntnis festhalten. (…) Nähern wir uns also mit Freimut dem Gnadenthron, damit wir Barmherzigkeit erhalten und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebräer 4,14-16)

„Da wir also, ihr Brüder, Freimut haben, um ins Heiligtum einzutreten durch das Blut Jesu als einen neuartigen und lebendigen Weg, den er für uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das heisst, durch sein Fleisch; und einen grossen Priester über die Familie Gottes, nähern wir uns [also] mit wahrhaftigem Herzen und vollem Glauben, die Herzen besprengt [zur Reinigung] von bösem Gewissen, und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebräer 10,19-22)

„Denn Gott ist ein einziger; und ein einziger ist Vermittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus. …“ (1.Timotheus 2,5)

Leider zogen die Reformationskirchen nicht die Konsequenzen aus diesem Prinzip. Sie nannten ihre Kirchenführer zwar nicht mehr „Priester“, aber sie behielten die Unterscheidung zwischen „Klerus“ und „Laien“ bei. Deshalb stellen auch viele evangelische und evangelikale Leiter das Recht eines Christen in Frage, sich Gott direkt zu nähern, ohne die Vermittlung eines „Pastors“. So schrieb mir z.B. ein evangelikaler „Pastor“: „Einige sagen: – Ah, ich bin direkt Christus untergeordnet. Aber die Kirche ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Können Sie sich einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Kopf befestigt sind? Ein Monster!“

Solche Worte hätten genausogut aus dem Munde eines katholischen Apologeten kommen können. Die hierarchischen Kirchen (ob katholisch oder evangelisch) wollen immer den direkten Zugang ihrer Glieder zu Christus, dem Haupt, begrenzen; und wollen „Priester“, „Pastoren“, „geistliche Abdeckungen“ usw. dazwischenschalten. Aber die Bibel behauptet ausdrücklich, was jener „Pastor“ verneint:

„Niemand soll euch willkürlich den Preis vorenthalten, durch demütige Verehrung der Engel, indem er sich [untersuchend] dem nähert, was er nicht gesehen hat, grundlos aufgebläht durch seinen fleischlichen Sinn, und sich nicht an dem Haupt festhält, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, wächst mit dem Wachstum von Gott her.“ (Kolosser 2,18-19)

Jedes Glied am Leib Christi soll sich also „am Haupt festhalten“, das Christus ist. So ist es auch eine Tatsache der menschlichen Anatomie, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Arm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer vom Zentralnervensystem). Durch das Nervensystem steht tatsächlich jedes Glied des Leibes in direkter Kommunikation zum Haupt; dagegen geben die Glieder einander keine Befehle.

Die Einheit und Ordnung im Leib Christi beruht genau auf dieser Tatsache: dass jedes Glied direkt dem Haupt untergeordnet ist. Nur Jesus, der Herr, ist in der Lage, jedes Glied an den ihm zukommenden Platz zu stellen und ihm die angemessenen Funktionen und Aufgaben zuzuteilen. Wenn irgendein „übergeordnetes Glied“ versucht, die Organisation des Leibes zu übernehmen, dann wird nur Unordnung geschaffen. Die Funktion der „übergeordneten Glieder“ (wenn wir überhaupt diesen Ausdruck verwenden wollen) besteht darin, den mit ihnen verbundenen Gliedern zu helfen, jene Aufgaben besser zu erfüllen, die der Herr ihnen aufgetragen hat.

Nun müssen wir verstehen, dass der Herr nicht wie ein menschlicher Vorgesetzter handelt, wenn er seine Arbeiter da hinstellt, wo er will, und ihnen Aufgaben zuteilt. Der Herr ist ja nicht nur „Vorgesetzter“; er ist zugleich unser Schöpfer. Er hat zum voraus jedes Glied für seine besondere Funktion geschaffen, mit den nötigen natürlichen Fähigkeiten und geistlichen Gaben. Wenn also ein Glied des Leibes Christi diese Fähigkeiten kennt, die Gott ihm gegeben hat, dann kennt es bereits einen grossen Teil von Gottes Willen für sein Leben: diese Fähigkeiten auszuüben zur Ehre des Herrn und zur Auferbauung seines Leibes. – Das ist ein weiterer Grund, warum ein menschlicher Leiter die anderen Glieder nicht so „organisieren“ kann, wie Gott es will: Nur Gott selber, der Schöpfer, kann uns sagen, zu was für einer spezifischen Funktion er uns geschaffen hat.
Ausserdem ist, im Gegensatz zu den Gliedern unseres menschlichen Körpers, jedes Glied des Leibes Christi ausgestattet mit Weisheit, mit Denk- und Entscheidungsfähigkeit. Deshalb funktioniert der Leib Christi nicht wie eine Maschine und auch nicht wie eine Armee, deren Teile nichts anderes tun, als passiv die erhaltenen Befehle auszuführen. Jedes Glied hat einen grossen Entscheidungsspielraum in der Ausübung seiner Funktionen. Deshalb heisst es in Epheser 4,16: „…von dem aus der ganze Leib … nach dem Mass der Aktivität jedes seiner Glieder das Wachstum des Leibes hervorbringt zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe.“

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 1

10. November 2017

In den früheren Betrachtungen dieser Serie haben wir die neutestamentliche Gemeinde in den Worten Jesu untersucht, und in der Apostelgeschichte. Die Apostelgeschichte zeigte uns die ursprüngliche Praxis des neuen Gottesvolkes, nach dem vollkommenen Muster Gottes.
Nun gehen wir zu den apostolischen Briefen über. Viele dieser Briefe richten sich an das gesamte Volk Gottes. Hier finden wir also nicht konkrete historische Begebenheiten als Ausdruck der Gemeinde, aber allgemeine Prinzipien und Anweisungen. Versuchen wir das Grundmuster zu entdecken, das hinter diesen Anweisungen steckt – aber ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was wir bereits gefunden haben in den Worten Jesu und in der Apostelgeschichte.

Die Apostel gebrauchten verschiedene Bilder und Vergleiche als Beschreibung der Gemeinde, des Volkes Gottes. Am häufigsten finden wir den Vergleich mit einem „Leib“. Untersuchen wir einige dieser Stellen, um herauszufinden, wie dieser „Leib“ funktioniert.

Einheit in der Verschiedenheit

Die ausgedehntesten Abschnitte zu diesem Thema sind Römer 12,3-10, und das ganze Kapitel 12 im 1.Korintherbrief. Paulus betont die Unterschiedlichkeit der Gaben und Funktionen der verschiedenen Glieder des Leibes:

„Denn so wie wie in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, so sind wir, die vielen, ein einziger Leib in dem Christus, aber individuell Glieder voneinander, die wir unterschiedliche Gaben haben, nach der Gnade Gottes, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Es ist also kein biblisches Ziel, dass alle Glieder demselben Schema entsprechen sollten. Im Gegenteil, in ihrer Verschiedenheit ergänzen sie sich gegenseitig:

„Denn der Leib ist nicht ein einziges Glied, sondern viele. Wenn der Fuss sagte: ‚Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib‘, gehört er etwa deswegen nicht zum Leib? Und wenn das Ohr sagte: ‚Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib‘, gehört es etwa deswegen nicht zum Leib? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo wäre das Gehör? Wenn das Ganze Ohr wäre, wo wäre der Geruchssinn? Nun aber setzte Gott jedes einzelne Glied in den Leib, wie er wollte. Wenn alles ein einziges Glied wäre, wo wäre der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber ein einziger Leib. Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht‘; und auch nicht der Kopf zu den Füssen: ‚Ich brauche euch nicht‘. “ (1.Korinther 12,14-21)

Im Zusammenhang dieses Textes ist offensichtlich, dass kein Glied des „Leibes Christi“ mehr wert ist als ein anderes. Die Glieder haben unterschiedliche Funktionen; aber alle sind nötig zum Funktionieren des Leibes, und sie haben einander nötig.

Die Beziehung zwischen Paulus und Apollos gibt uns ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Glieder gegenseitig ergänzen. Beide arbeiteten in der korinthischen Gemeinde – aber zu unterschiedlichen Zeiten -, jeder mit seinen besonderen Gaben. Sie mussten untereinander keine formelle Vereinbarung treffen, denn Gott selber koordinierte diese Form der Zusammenarbeit. Ihre Funktionen ergänzten sich gegenseitig. – Es scheint, dass einige der Korinther dies nicht verstanden, denn sie begannen sich als „Nachfolger von Paulus“ bzw. als „Nachfolger von Apollos“ zu identifizieren. Deshalb musste Paulus klarstellen, dass zwischen ihm und Apollos keine Konkurrenz bestand, im Gegenteil, der Beitrag von beiden war notwendig:
„Wer ist Paulus? Und wer ist Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder dient, wie es ihm der Herr gab. Ich pflanzte, Apollos begoss, aber Gott liess es wachsen. So kommt es also nicht auf den an, der pflanzt, noch auf den, der begiesst, sondern auf den, der wachsen lässt, Gott. Und der pflanzt und der begiesst sind eins, aber jeder wird seinen eigenen Lohn empfangen gemäss seiner eigenen Mühe.“ (1.Korinther 3,5-8)

Es fällt auch auf, dass die neutestamentliche Gemeinde mit einem lebendigen Organismus verglichen wird, nicht mit einer Maschine, auch nicht mit einem Verein oder einer Institution. Wir finden keine Organigramme, Statuten oder Reglemente. Das muss betont werden in unserer heutigen Zeit, wo fast alle Gruppen der Christenheit sich eine reglementierte und (mehr oder weniger) hierarchische institutionelle Form gegeben haben. Wie wir in einer früheren Betrachtung gesehen haben, war diese Organisationsform von der römischen Militärdiktatur inspiriert worden, nicht vom Neuen Testament.

Diese Struktur eines „lebendigen Organismus“ bedeutet aber nicht, dass die Gemeinde „ungeordnet“ wäre. Der Leib Christi wächst, „zusammengefügt und geeint durch jedes unterstützende Gelenk, nach dem Mass der Aktivität jedes seiner Glieder …“ (Epheser 4,16). Nur dass diese lebendige und natürliche Ordnung von einer anderen Art ist als die institutionelle und künstliche Ordnung, die so viele heutige christliche Gruppierungen kennzeichnet. Eine Institution hält ihre innere Ordnung aufrecht mittels Organigrammen und Reglementen, die festlegen, wer was für Kompetenzen hat, und wer über wen bestimmt. In einem lebendigen Organismus dagegen bestimmen die Glieder nicht übereinander. Der Organismus hält seine innere Ordnung aufrecht, indem jedes Glied seine natürliche Funktion ausübt, zu der es geschaffen wurde; und indem jedes Glied mit dem Haupt kommuniziert.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 4)

31. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde überschreitet kulturelle und nationale Grenzen.

Der Missionsbefehl schliesst ein, „alle Völker“ zu Jüngern zu machen (Matth.28,19), „in alle Welt“ zu gehen (Markus 16,15). Das bedingt, dass die Boten des Evangeliums geographische, nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen überwinden. Für die ersten Jünger war das nicht einfach zu verstehen, da sie alle Juden waren, und von ihrer Geschichte her daran gewöhnt waren, dass Gott nur mit dem jüdischen Volk handelte.
Deshalb brauchte Philippus eine besondere Engelserscheinung, um die Begegnung mit dem äthiopischen Beamten zu suchen (Apg.8,26-40). Auch zu Petrus musste Gott auf besondere Weise sprechen, damit er dazu bereit war, das Evangelium zu einer nichtjüdischen Familie zu bringen (Apg.10). Aber allmählich begannen die Jünger die Tatsache zu akzeptieren, dass das Evangelium für alle Nationen bestimmt ist. In Antiochien entstand zum ersten Mal eine Gemeinde, wo sich Juden und Griechen gemeinsam versammelten (Apg.11,19-21). Vielleicht ist das der Grund, warum in Antiochien die Jünger zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (Apg.11,26): Als sie begannen, mit Jüngern aus anderen Nationen Gemeinschaft zu haben, sahen sie sich gezwungen, ihre nationalen Eigenheiten abzulegen und bewusst eine neue „Nationalität“ anzunehmen als Bürger des Reiches Gottes.
Paulus sprach dies klar aus in Kolosser 3,11: „… wo weder Grieche noch Jude ist, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit, weder Barbar noch Skythe noch Sklave noch Freier; sondern alles und in allen ist Christus.“

Aufgrund historischer Umstände war die Verbreitung des christlichen Glaubens während vieler Jahrhunderte fast ausschliesslich auf den europäischen Kontinent beschränkt geblieben. So war es unumgänglich, dass bei der erneuten Ausbreitung auf andere Kontinente die ersten Boten des Evangeliums zu all diesen Kontinenten europäischer Abstammung waren. Das brachte es aber mit sich, dass ein europäisiertes Christentum exportiert wurde, und dass häufig europäische oder abendländische Kultur praktisch mit „christlicher Kultur“ gleichgesetzt wurde.

In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen abendländischer Kultur und biblischem Christentum sehr kompliziert. Einerseits ist die abendländische Kultur tatsächlich stark von biblisch-christlichen Ideen geprägt worden – so stark wie keine andere Kultur -, insbesondere während den drei Jahrhunderten, die auf die Reformation folgten. Viele Errungenschaften, die heute als allgemeine kulturelle Errungenschaften gelten, sind in Wirklichkeit aus christlichem Gedankengut und christlichem Engagement herausgewachsen und erst später von der weltlichen Gesellschaft und dem weltlichen Staat übernommen worden: Fürsorge für Arme und Kranke; Rechtsstaatlichkeit; Religions- und Gewissensfreiheit; die „Gewohnheit“, Verpflichtungen und Verabredungen einzuhalten sowie für verursachte Schäden zu haften (das gehört alles zur sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“). Selbst die Grundlagen der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik sind hauptsächlich von Forschern gelegt worden, die innerhalb eines biblisch-christlichen Paradigmas dachten und arbeiteten: Johannes Kepler, Isaac Newton, Blaise Pascal, Leonhard Euler, Michael Faraday, James Clerk Maxwell, u.v.a.*
Gegenwärtig stehen alle die genannten Errungenschaften in Gefahr, wieder verlorenzugehen, weil der christliche Nährboden nicht mehr existiert, auf dem sie seinerzeit gewachsen waren.

Andererseits ist die abendländische Kultur seit jeher (und insbesondere während der letzten 150 Jahre) auch von anderen, nichtchristlichen oder sogar antichristlichen Strömungen geprägt worden: Klerikalismus, Humanismus, Rationalismus, ein materialistischer Lebensstil, Individualismus, Liberalismus, Sozialismus – um nur einige Beispiele zu nennen. (Es würde zu weit führen, hier im einzelnen zu untersuchen, inwiefern die genannten Strömungen dem biblischen Evangelium entgegenstehen.) Diese Geistesströmungen haben nicht nur die Gesamtgesellschaft beeinflusst, sondern auch die christlichen Kirchen. Wir haben also in Europa einerseits eine nichtchristliche Gesellschaft, die immer noch von einem Erbe christlicher Werte zehrt; andererseits aber „christliche“ Kirchen, die in vielerlei Hinsicht nichtchristlichen Ideen und Werten folgen.
Diese verworrene Situation macht es sehr schwierig, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, was abendländische Kultur ist, was biblisches Christentum ist, und wie diese beiden Dinge auseinanderzuhalten sind. Gerade die gegenwärtige Flüchtlingskrise macht dieses Dilemma sehr deutlich: Da gibt es jene, die eine multikulturelle Gesellschaft fordern, und sich nicht im Klaren sind darüber, dass die Idee eines multikulturellen Zusammenlebens nur auf der Basis einer gemeinsamen Nachfolge Jesu überhaupt je gedacht und verwirklicht werden konnte, aber nicht gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden kann. Und es gibt andere, welche fordern, dass Immigranten sich an die abendländische Kultur anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Kultur inzwischen in sich selbst zutiefst gespalten ist und nach aussen hin höchst widersprüchliche Signale aussendet – was dann z.B. dazu führt, dass Moslems denken, „Christentum“ sei gleichzusetzen mit Feminismus, Pornographie und Homosexualität. (Für sie nicht gerade ein Anreiz, sich dieser Kultur anzupassen…)

Um hier klar zu sehen, sollten wir zuallererst verstehen, dass es für uns als Christen nicht darum gehen kann, zwischen der „abendländischen“ und irgendeiner anderen irdischen Kultur zu wählen; und auch nicht darum, eine „abendländische Kultur“ gegen andere Kulturen zu verteidigen. Der grosse Unterschied besteht vielmehr zwischen allen menschlichen Kulturen auf der einen Seite, und der Kultur des Reiches Gottes auf der anderen Seite. Jede irdische Kultur (mit Ausnahme der jüdischen, als sie noch ursprünglich war) hat heidnische Wurzeln. Deshalb muss jede Person, die sich zu Jesus Christus bekehrt, von ihrer angestammten Kultur Abstand nehmen, diese Kultur im Licht des Wortes Gottes untersuchen, und verwerfen, was nicht Gottes Willen entspricht. Wir alle müssen „freigekauft werden von unserer nichtigen Lebensweise, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben“ (1.Petrus 1,18).
„Kultur des Reiches Gottes“ bedeutet dabei keineswegs die Sitten einer bestimmten Kirche oder Denomination. Im Gegenteil: Wer „christlich sozialisiert“ worden ist, der wird beim Eintritt ins Reich Gottes auch viele Aspekte seiner „kirchlichen Kultur“ hinter sich lassen müssen. Kirchliche Sitten, Umgangsformen und Denkweisen sind in der Regel ebenso von „dieser Welt“ geprägt wie jene der „weltlichen“ Gesellschaft.
Der „alte Mensch“ wurde nach dem Vorbild der ihn umgebenden Kultur geformt. Wenn es in dieser Kultur normal ist, sich zu betrinken oder Unzucht zu treiben, dann wird der alte Mensch einen Hang zum Alkoholismus und zur Unzucht haben. – Wenn diese Kultur sehr intellektuell und „wissenschaftlich“ ist, dann wird der alte Mensch dem Intellektualismus, dem Rationalismus und der „Weisheit dieser Welt“ zugeneigt sein und die Weisheit Gottes verachten. – Wenn diese Kultur religiös ist, dann wird der alte Mensch denken, religiöse Riten und Vorschriften seien ein gültiger Ersatz für eine Beziehung zu Gott. – Usw.
Deshalb muss jeder Christ einen Prozess der „Erneuerung des Sinnes“ durchlaufen (Römer 12,1-2). Er muss die Einflüsse seiner ererbten Kultur entdecken, die der Wahrheit Gottes entgegengesetzt sind; muss diesen Einflüssen absagen, und muss anfangen, dem Willen Gottes gemäss zu denken und zu handeln. Die Einflüsse, die aus der eigenen Familie und Kultur kommen, sind am schwierigsten zu identifizieren, denn sie verkörpern das, was jemand als „normal“ ansieht. So finden es die meisten Europäer „normal“, ihrem Terminplan Vorrang zu geben vor allem anderen, und können aufgrund dessen z.B. ohne weiteres die Gastfreundschaft verletzen. („Ich habe jetzt keine Zeit!“). – Bibellesen allein reicht möglicherweise nicht aus, um zu erkennen, dass hier eine grobe Verschiebung der Prioritäten stattgefunden hat. Um das zu erkennen, muss man wahrscheinlich eine Zeitlang in einer anderen Kultur gelebt haben. Das ist ein weiterer Grund, warum Gott möchte, dass Christen kulturelle Grenzen überschreiten: Es hilft einem, die eigene Kultur objektiver beurteilen zu können.

„Das Evangelium für alle Nationen“ bedeutet, dass Christen aus allen Nationen in harmonischer Gemeinschaft zusammenleben können und ihre gegenseitigen kulturellen Unterschiede tolerieren können, solange diese nicht in geistlicher oder ethischer Hinsicht dem Willen Gottes entgegenstehen. Es bedeutet aber nicht, dass alle Nationen alle ihre Gewohnheiten und Gebräuche (inbegriffen heidnische und unmoralische) in die Gemeinde mitbringen könnten. Es bedeutet vielmehr, dass Jünger aus allen Nationen Bürger des Reiches Gottes werden können. Das schliesst ein, jene Aspekte der eigenen Kultur hinter sich zu lassen, welche dem Evangelium widersprechen, und zu lernen, nach den Massstäben einer neuen Kultur zu leben, nämlich der Kultur des Reiches Gottes.

Befindest du dich bewusst in diesem Prozess des Übergangs von deiner ererbten Kultur zur Kultur des Reiches Gottes? Was beeinflusst deine Gemeinde stärker: die menschlichen Kulturen oder die Kultur des Reiches Gottes? Ist es deiner Gemeinde überhaupt bewusst, dass eine Kultur des Reiches Gottes existiert?


*Verschiedene Autoren haben die Zusammenhänge zwischen den genannten Errungenschaften und einer biblisch-christlichen Weltanschauung untersucht; so z.B. Vishal Mangalwadi in „Das Buch der Mitte“; Francis Schaeffer in seinem Werk über die europäische Geistesgeschichte, „Wie können wir denn leben?“; früher u.a. auch Abraham Kuyper in seinen „Vorlesungen über den Calvinismus“.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 3)

21. Oktober 2017

In der neutestamentlichen Gemeinde kann Sünde nicht verborgen bleiben.

Das ist eines der auffälligsten Kennzeichen der Urgemeinde; und eines, das die heutigen Kirchen fast vollständig verloren haben.

Wenn wir eine Fensterscheibe reinigen, während es draussen bewölkt und dunkel ist, dann kann das Fenster sauber aussehen. Aber sobald das direkte Sonnenlicht darauf fällt, sehen wir unzählige Unreinheiten und Flecken.
So ist es auch mit der Gemeinde. Wärend eine Gruppe in geistlichem Halbdunkel lebt, und alle ihre Mitglieder sich an die Wege der Welt angepasst haben und sich daran gewöhnt haben, alle möglichen Sünden und unmoralischen Verhaltensweisen zu tolerieren, so lange lebt jeder von ihnen unbekümmert in der Täuschung, er sei rein. Aber wenn es am selben Ort eine Gruppe von Christen gäbe, die in Heiligkeit und im Licht des Heiligen Geistes lebt, und ein Mitglied der ersteren Gruppe käme in eine Versammlung der letzteren, dann würde er sehr bald „von allen überführt, von allen untersucht, und so käme das Verborgene seines Herzens ans Licht…“ (1.Korinther 14,24-25).

Die Urgemeinde lebte in einer solchen Atmosphäre der Heiligkeit und Reinheit, dass Sünde nicht verborgen bleiben konnte. Jede Unreinheit kam sofort ans Licht. Beim ersten Mal, als in der Jerusalemer Urgemeinde eine Sünde begangen wurde, starben die Schuldigen im selben Moment, als ihre Sünde ans Licht kam (Apg.5,1-11). Und es war nicht einmal eine „grosse“ Sünde nach den Massstäben der heutigen Christenheit. Es war eine Sünde, die manche Mitglieder heutiger Kirchen fast täglich begehen: eine Lüge. Wir müssen also annehmen, dass von Pfingsten bis zu jenem Tag kein Mitglied der Urgemeinde je gelogen hatte!
(Einige Ausleger sagen, die Sünde von Ananias und Saphira hätte darin bestanden, dass sie Geld veruntreut hätten. Aber das trifft nicht zu. Das Geld war ihr Eigentum, und Petrus erklärte, dass sie auch nach dem Verkauf ihres Grundstücks voll und ganz darüber verfügen konnten (Apg.5,4). Ihre Sünde bestand darin, dass sie den Anschein erweckten, grosszügiger zu sein als sie in Wirklichkeit waren; und das war es, was Petrus als „den Heiligen Geist belügen“ bezeichnet (Vers 3). )
Diese Geschichte ist für viele moderne Leser unbequem. „Wie kann Gott eine so kleine Sünde so drastisch bestrafen?“ Aber es ist umgekehrt. Könnte ein Miglied der Urgemeinde die heutigen Kirchen sehen, so würde er sagen: „Wie kann Gott alle die groben Sünden einfach übersehen, die sie begehen?“

– Ja, es gab wenige Fälle, wo Gott auf eine Sünde in der Gemeinde auf derart aufsehenerregende Weise antwortete. Aber das bedeutet nicht, dass der Fall von Ananias und Saphira aussergewöhnlich schwerwiegend gewesen wäre. Vielmehr war die Gemeinde zu jener Zeit noch genügend sensibel, um Gottes Botschaft zu verstehen. „Und es kam grosse Furcht über die Gemeinde und über alle, die davon hörten. Durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk. (…) Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die an den Herrn glaubten, eine grosse Menge von Männern und Frauen …“ (Apg.5,11-14). Das war das Ergebnis des drastischen Handeln Gottes: viel geistliche Frucht.
Aber die heutige Christenheit, die in geistlichem Halbdunkel lebt – könnte sie ein solches Zeichen Gottes überhaupt verstehen? Nein, moderne Christen würden kategorisch verneinen, dass dieser plötzliche Tod in irgendeinem Zusammenhang stünde mit einer Sünde der betreffenden Personen. Dann würden sie einfach in ihrer Sünde weiterleben wie vorher. Warum also sollte Gott seine aufsehenerregenden Zeichen an ein Volk verschwenden, das diese gar nicht zur Kenntnis nehmen will? Warum sollte er mit seinem Licht jene erleuchten, die sich lieber im Schatten eines äusseren Anscheins versteckt halten? Wenn in einer Kirche die Sünde verborgen bleiben kann, dann ist das ein Zeichen, dass sich die ganze Kirche weit vom Licht Gottes entfernt hat.

In den apostolischen Briefen haben wir die Bestätigung, dass es tatsächlich in der frühen Kirche als normal angesehen wurde, dass verborgene Sünden ans Licht kamen:

„Aber wenn alle prophetisch reden, und es kommt ein Ungläubiger oder Unverständiger herein, dann wird er von allen überführt, von allen untersucht, und so kommt das Verborgene seines Herzens ans Licht, und er wird auf sein Angesicht niederfallen und Gott anbeten und erklären, dass Gott wirklich in eurer Mitte ist.“ (1.Korinther 14,24-25)

So schreibt Paulus etwa fünfundzwanzig Jahre später an die weit entfernte griechische Stadt Korinth. Auch dort, und auch in jener Epoche der zweiten Generation, galt es immer noch als normal, dass Gott verborgene Sünden ans Licht bringt. Und nicht nur durch die besonderen Gaben eines Apostels, sondern aufgrund dessen, dass „alle“ prophetisch reden. Das heisst, Gott kann irgendein „gewöhnliches Mitglied“ gebrauchen, um verborgene Sünden aufzudecken und „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ zu bewirken. Wenn er es heute so selten tut, dann nur deshalb, weil die geistliche Finsternis in den Kirchen so gross ist.