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David und Goliath – Eine endzeitliche Perspektive

19. September 2016

Von Hadyn Olsen, Neuseeland

Kürzlich, nachdem ich die Geschichte des historischen Zusammentreffens zwischen David und Goliath gelesen hatte, war ich betroffen über die Bedeutung dieser Botschaft für die endzeitliche Periode, in die wir eintreten.

Viel mehr als eine Kindergeschichte, spricht diese Geschichte vom Zusammenprall zweier Reiche. Das Reich Gottes und das Reich satans.

Die Heiligen Schriften bezeugen mehrere solche dramatischen Zusammenstösse zwischen diesen beiden Reichen. Denken wir an die Zeit Moses und den Auszug aus Ägypten, die Plagen, und das Rote Meer. Denken wir an Josua vor Jericho; oder an Elias auf dem Karmel. Und da ist natürlich der Herr Jesus selber und die vielen Gelegenheiten, wo er die Macht des Königreiches unter Beweis stellte.

In all diesen Ereignissen sehen wir etwas von der Natur dieser entgegengesetzten Reiche, und von der Überlegenheit des Reiches Gottes über das Reich satans. Wir können auch etwas lernen über unser eigenes Leben und über den Konflikt, dem wir selber täglich gegenüberstehen. Jedes dieser historischen Ereignisse kann uns Dinge lehren, die Gott uns wissen lassen möchte; und über den Sieg, den er mit uns teilen möchte.

Wir werden einen weiteren grossen Zusammenstoss zwischen Gottes Reich und dem Reich satans erleben. Zweifellos wird er ebenso gross, oder sogar noch grösser sein, als alle vorhergehenden. Und dann wird Gott einmal mehr seine alles überragende Grösse und seine Macht über satan zeigen.

Auf dieses Ziel hin ruft unser Geist aus: „Komm, Herr Jesus!“

Wenn wir in 1.Samuel 17 über die Schlacht zwischen David und Goliath lesen, können wir zuallererst sehen, dass es drei Hauptpersonen gibt, die drei verschiedene „Völker“ repräsentieren.

Da ist Goliath und die Philister. Sie stellen die Welt dar; oder genauer, die unerlösten, rebellischen Menschen. Sie können beschrieben werden mit „Der Geist dieser Weltzeit“.

Da stehen sie, herausfordernd und spottend. Absichtlich und arrogant stossen sie Beleidigungen gegen Gott und sein Volk aus. Sie repräsentieren den Menschen, voll von seiner eigenen Macht und Herrlichkeit.

Das ist die voll ausgereifte Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: Der Stolz des Lebens, der herablassend auf Gott hinunterblickt. Die Fülle des Menschen, der „wie Gott“ sein möchte und sogar alles, was Gottes ist, zerstören möchte in seinem Drang, die Erde zu beherrschen.

Wir bemerken in der Beschreibung Goliaths wiederholt die Zahl sechs, die Zahl des Menschen. Er war sechs Ellen gross; seine Rüstung bestand aus sechs Stücken; und seine Lanzenspitze wog sechshundert Schekel. Wir könnten sagen, er repräsentiert alles, was im Begriff „Antichrist“ enthalten ist, so wie er dasteht, Gott lächerlich macht, und Gottes Volk zum Kampf herausfordert.

Wenn wir die heutige Welt ansehen, dann sehen wir, dass sich Goliath wiederum zum Kampf rüstet. Wir hören wieder die Herausforderung: „Wo ist euer Gott?“, und die Beleidigungen, die über die Gemeinde Jesu spotten und sie zur Konfrontation herausfordern. Das war schon immer das Wesen des antichristlichen Geistes.

Die zweite Hauptperson in dieser Geschichte ist König Saul und sein Heer. Diese Gruppe repräsentiert das Volk Gottes, aber unter der Herrschaft des Fleisches.
Sie sind ein geschlagenes Heer. Da stehen sie Goliath gegenüber, ängstlich, eingeschüchtert, ohne Salbung oder Kraft von Gott.

Wir mögen fragen: „Warum? Wie kann das sein?“

Wie kann das Volk Gottes sich in einer solchen Situation und in einer solchen Verfassung befinden? Die Antwort ist: Obwohl sie das Volk Gottes sind, werden sie immer noch vom Geist dieser Weltzeit beherrscht. Sie stehen unter der Herrschaft Sauls – die Herrschaft des Fleisches.

Lasst uns sie ansehen. Da stehen sie in ihrer ganzen weltlichen Rüstung. Sie sind ausgerüstet mit allem, was die Welt für wertvoll ansieht. Sie haben ihre Pferde und Wagen und fleischlichen Waffen – und natürlich haben sie ihren König, der so hoch über alle anderen erhoben steht. In so mancher Hinsicht sehen sie genau wie alle anderen Völker aus.

Ich kann nicht umhin mich zu fragen, wie viele unserer Denominationen und kirchlichen Organisationen genau wie die Armee Sauls sind. Sie sind voll von den Wegen der Welt, und ihre Macht kommt vom Geld, von Organisation, und von der Kraft des Fleisches. Wir sehen in ihnen denselben Geist dieser Welt, der sich selbst anpreist mit Werbetricks, Verkaufstechniken und allen Arten menschlicher Gewandtheit.

Es gibt noch eine weitere charakteristische Eigenschaft der „Saulskirche“: Ungehorsam gegen das Wort Gottes.

König Saul kümmerte sich mehr um den äusserlichen Anschein von Erfolg und Macht, als um den Gehorsam Gottes Wort gegenüber. Er gehorchte Gott, solange es ihm diente, und so lange sein eigener Ehrgeiz und sein eigener Wunsch, in den Augen des Volkes erfolgreich zu sein, nicht in Gefahr standen.

Dasselbe sehen wir heute in den Denominationen. Erfolg, Macht, und äussere Erscheinung sind die wichtigsten Kriterien. Gottes Willen und seine Ziele werden oft kompromittiert zugunsten von menschlichen Interessen und menschlichen Traditionen.

Deshalb werden sie an dem Tag, wo Goliath sie konfrontiert, alleingelassen werden. Sie werden entdecken, dass nach den Massstäben dieser Welt Goliath viel mächtiger ist als sie, und dass sie gegen ihn keine Chance haben.

Wie erschreckend wird jener Tag sein … auch wenn sie heute noch so erfüllt sind von ihrer eigenen Kraft, und hypnotisiert von ihrem eigenen Lobpreis und ihren positiven Bekenntnissen.

Dank sei Gott, gibt es eine dritte Gruppe in dieser Geschichte. Sie wird durch David repräsentiert.

Ja, David war einer vom Volk Gottes. Aber er gehörte nicht zu Sauls Armee. Ebenso gibt es auch heute eine dritte Gruppe. Sie sind überall zerstreut. Sie haben keinen besonderen Ort und keine besondere Organisation, die sie ihr eigen nennen könnten. Aber sie sind ausgesondert durch zwei besondere Kennzeichen:

Sie haben ein Herz nach Gottes Herz, und … sie gehören nicht zu König Saul.

Diese „David-Gruppe“ ist klein, unbedeutend, unbeeindruckend und unwichtig; genauso wie David damals. Aber Gottes Hand liegt auf ihnen.

David hütete seine Schafe draussen in der Wüste, als ihn der Ruf erreichte, aufs Schlachtfeld zu gehen. Er tat, was Gott seiner Obhut anvertraut hatte – obwohl es etwas Unbedeutendes und nach aussen hin Unwichtiges war.

Ebenso fragen auch heute manche: „Was tust du für Gott? Was ist dabei herausgekommen, dass du das System verlassen hast?“ Sie messen alles nach äusserlichen Kriterien und verbringen ihre Leben damit, umherzurennen und grosse Dinge für Gott zu organisieren, aber letzten Endes erreichen sie damit wenig.

David kannte Sauls Wege nicht. Er hatte keine von Sauls Vorbereitungsschulen besucht. Er wusste nicht einmal, wie man eine Rüstung saubermacht; geschweige denn, wie man sie in der Schlacht benützt. Alles, was David wusste, hatte er draussen in den gewöhnlichen Umständen des täglichen Lebens gelernt. Er hatte die einfachen Dinge wie Wahrheit, Liebe und Treue gelernt. Er hatte gelernt, jeden Tag mit Gott zu leben.

Aber das ist der Weg Gottes. Er nimmt immer die niedrigen Dinge, die närrischen Dinge, und die Dinge, die nichts gelten, um jene zunichte zu machen, die etwas gelten.

Ebenso bereitet Gott auch heute ein Volk zu. Sie gelten gegenwärtig nichts. Einige von ihnen haben die Denominationen verlassen; andere befinden sich noch in ihnen und fragen sich, warum sie sich dem allem nicht mehr zugehörig fühlen. Sie können sich nicht mehr für das neuste Seminar oder die neuste Evangelisationsmethode begeistern. Stattdessen seufzen und weinen sie über den Mangel an Gottes Gegenwart in der Gemeinde; und sie trauern über die Art und Weise, wie menschliche Macht diesen Mangel ausgefüllt hat.

Als David auf dem Schauplatz erschien, unterstützte ihn keine Organisation. Er hatte keine Ausweise oder Empfehlungsschreiben. Er hatte nur die Salbung. Gott wusste, wo er David haben wollte. Gott brachte die Dinge zusammen, so wie er es immer tut … als die Zeit erfüllt war.

David konnte vor Goliath standhalten, weil Gott mit ihm war. Nicht mehr und nichts weniger. Sein Geist stand furchtlos auf gegen dieses Monster. Er wusste, dass ein noch viel Mächtigerer an seiner Seite stand.

Als David zu Goliath sprach, um ihn herauszufordern, war es vielmehr Gott selber, der sprach.

Als David den Stein nahm und ihn in seine Schleuder legte, war es Gott, der ihn auswählte und vorbereitete.

Als David den Stein gegen sein Ziel schleuderte, da war es wiederum Gott, der ihn an die richtige Stelle lenkte.

So ist aller echte Dienst für Gott. Es ist Gott im Menschen, der die Arbeit tut und die Frucht hervorbringt.

Viele heutzutage versuchen, grosse Dinge für Gott zu tun. Sie benützen alle Ressourcen dieser Welt, um es zu schaffen. Aber Gott tut es nicht. Sie denken, menschliche Anstrengung sei der Schlüssel zu göttlicher Fruchtbarkeit. Sie haben Gottes Weg völlig verfehlt.

Gott wünscht sich ein Volk, das gestorben ist gegenüber den Wegen der Menschen und gegenüber den Methoden der Menschen, was die Arbeit des Reiches Gottes betrifft. Er bereitet ein Volk vor, das bereit ist, auf ihn zu warten, und sich so zu bewegen, wie er sie bewegt, und zu arbeiten gemäss seiner Kraft, die mächtig in ihnen wirkt.

Es mag lange dauern, bis Gott einen Menschen zu dieser Haltung bringt … aber Gott hat Zeit.

Der Tag des grossen Konflikts wird kommen. Zu welcher Gruppe wirst du gehören? Zu Goliath? oder zu König Saul? … oder zu David?

Heute mag das schwer zu sagen sein; aber der Tag wird es ans Licht bringen. Das steht fest. Der Tag wird es ans Licht bringen. Denn dann werden wir uns an dem Platz befinden, den unser Herz sich ausgesucht hat.

Lasst uns heute den Herrn anrufen, solange es noch heute ist … Lasst uns ihn bitten, unsere Herzen zu verändern und uns zur Gruppe Davids zu führen. Mögen wir danach trachten und es lernen, mit Gott zu gehen und treu zu sein in allem, was er uns zu tun befiehlt. Mögen wir die Wege der Demut lernen und damit zufrieden sein, einfach jeden Tag vor ihm zu leben. Mögen wir uns auch ständig vor den Wegen Sauls hüten.

Gott sei gelobt für seine alles überragende Grösse und Herrlichkeit.

 


Anm.d.Ü: Ich denke, die ganze Geschichte von David und Saul ist eine grossartige Illustration mit vielen Anwendungen auf die Beziehung zwischen dem echten Volk Gottes und dem kirchlichen System der Namenschristen. (Siehe auch: „Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?“
In einem Punkt habe ich jedoch eine andere Perspektive als der vorliegende Artikel. Ich glaube nicht, dass die letzte Etappe der Endzeit durch eine Konfrontation zwischen „Goliath“ und „Saul“ gekennzeichnet sein wird. Im Gegenteil glaube ich, dass in der letzten Etappe „Saul“ und sein ganzes Heer sich auf „Goliaths“ Seite geschlagen haben wird, um gemeinsam „David“ zu bekämpfen. Die Anfänge dieser Entwicklung sind bereits sichtbar; die institutionellen Kirchen sind bereits stark infiltriert von Gedanken und Agenten des Antichristen. „Antichrist“ bedeutet wörtlich „Anstelle von Christus“. Der Antichrist versucht (meistens) nicht, das Christentum frontal zu bekämpfen; er versucht, es durch seine eigene Fälschung zu ersetzen. Die Religion des Antichristen wird sich „Christentum“ nennen.

Michael Wurmbrand distanziert sich von der „Hilfsaktion Märtyrerkirche“

29. Juli 2014

Michael Wurmbrand, Sohn von Richard Wurmbrand, ersucht die HMK dringend, den Namen seiner Familie nicht mehr zu verwenden.


Tom White, langjähriger Leiter von „Voice of the Martyrs“ (VOM), dem amerikanischen Zweig der von Richard Wurmbrand gegründeten HMK, beging vor zwei Jahren Selbstmord, kurz nachdem eine polizeiliche Untersuchung gegen ihn eingeleitet worden war wegen Kindsmissbrauchs. Daraufhin wurde die Untersuchung eingestellt.

Michael Wurmbrand, der Sohn von Richard Wurmbrand und Mitarbeiter von VOM, forderte in der Folge die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission, die diese Vorgänge aufklären würde. Die einzige Antwort, die er darauf erhielt, war ein knapp gefasstes Entlassungsschreiben! Somit sah er sich gezwungen, an die Öffentlichkeit zu treten. In einem offenen Brief deckte er zugleich weitere unsaubere Vorgänge bei VOM auf, u.a. Betrügereien und massive Zweckentfremdung von Spendengeldern. (Die englische Originalfassung dieses Briefs ist u.a. hier zu finden: http://www.lighthousetrailsresearch.com/blog/?p=14889) Deshalb ersucht Michael Wurmbrand VOM und HMK dringend, seinen Namen und Person, sowie die Namen und Personen seiner Eltern Richard und Sabine Wurmbrand nicht mehr zu verwenden. Er bittet auch, diese Werke nicht mehr zu unterstützen, solange deren Leiter nicht bereit sind, die Unregelmässigkeiten in ihrer Mitte aufzuklären.

In einer zusätzlichen, auf Deutsch abgefassten Stellungnahme erklärt Michael Wurmbrand ausdrücklich, dass dies auch für die deutsche HMK gilt. Ich gebe diese Stellungnahme im originalen Wortlaut wieder:

„Michael Wurmbrand Postfach 36, 37285 Wehretal Email: wurmbrandmichael@yahoo.com

Von Mihai Wurmbrand, dem Sohn des verstorbenen Pastors Richard Wurmbrand, dem Autor des Buches „Gefoltert für Christus“.

Liebe Schwestern und Brüder:

Mein Vater verbrachte 14 Jahre um seines Glaubens Willen in kommunistischer Haft. Dieser Brief ist ein alarmierender Bericht über den starken Verdacht von Kindesmissbrauch, einem daraus resultierenden Selbstmord und die Abzweigung von Missionsspenden in Höhe von Zehntausenden von Dollars – das alles geschah innerhalb einer amerikanischen christlichen Mission namens „Voice Of Martyrs“ – ‚Stimme der Märtyrer‘ = VOM. VOM ist die Schwestermission der deutschen „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ (HMK), und Sie unterstützen VOM deshalb indirekt mit Ihren Gaben.

Die HMK in Deutschland hat mein Vater, Pastor Richard Wurmbrand, ins Leben gerufen. Als Sohn von R.W. ersuchte ich die Leitung der HMK um Hilfe, diesen unchristlichen Aktivitäten einen Riegel vorzuschieben oder aber unseren Familiennamen nicht mehr für ihre Spendenwerbung zu gebrauchen.

Die HMK ist Mitglied eines internationalen Verbandes von Missionen, genannt „Internationaler Christlicher Missionsverband“ (ICA). So steht es im monatlichen Rundbrief der HMK.

Die HMK arbeitet eng zusammen mit der amerikanischen VOM, indem z.B. Photos und Artikel aussgetauscht werden.

Die HMK erhebt Anspruch auf die Arbeit und die Leistungen aller anderen Missionen, um Spenden zu bekommen.

Da die HMK ein Mitglied von ICA ist, erscheint das Gütesiegel jeden Monat auf dem VOM-Rundbrief.

Jahr für Jahr reisten die Leiter der HMK zu den internationalen Konferenzen, wo alle Missionen der ICA in Arbeitsgruppen in enger Zusammenarbeit mit VOM verflochten sind. Durch diese Zusammenarbeit mit VOM auf internationaler Ebene gibt die HMK der VOM ihr Vertrauen bezüglich der Verwendung der Spenden und ermöglicht somit VOM, diese Gelder missbräuchlich einzusetzen.

Ein Großteil dieser Missionsspenden stammt von wohlmeinenden Christen wie Sie selbst und kam durch Verwendung der Person meines Vaters Richard Wurmbrand zusammen. Das heißt Monat für Monat und Jahr für Jahr bestand eine enge Zusammenarbeit zwischen der HMK und VOM.

Als die Leitung der HMK in Erwägung zog, meinen Namen Michael Wurmbrand und meine Lebensgeschichte zur Spendenwerbung einzusetzen, und das geschah erst im vergangenen Jahr, da luden sie mich offiziell ein, Mitglied im HMK-Ausschuss zu werden. Auch bat mich die HMK, schriftstellerisch für sie tätig zu werden.

Als ich sie nun ersuchte um christlichen Widerstand gegen das Böse in ihrer Mitte, blieben die allermeisten meiner Briefe an die HMK ganz einfach unbeantwortet. Ich beharrte jedoch auf meiner Anfrage und wurde daraufhin ganz offen um Stillschweigen gebeten. Wie Kain in der Bibel antworteten sie: „sollte ich meines Bruders Hüter sein?“ Ihr Bestreben war, den Spendenfluss nicht zu stören. Trotz all meinen Bemühungen erreichte ich nicht ein einziges Schreiben, das die unchristlichen Vorgänge bei VOM verurteilt hätte.

Ganz unvermittelt behaupteten die HMK-Leiter mir gegenüber, es bestünde kaum eine Verbindung zur amerikanischen Mission, also zu VOM, und sie würden fast niemanden bei VOM persönlich kennen – das sind, so leid es mir tut derartige Worte zu gebrauchen, verzweifelte Verdrehungen der Tatsachen, um nur ja nicht die Wahrheit offenbar werden zu lassen! Ich habe bei der Missionsgründung der HMK persönlich mitgewirkt, ich stand jahrelang in Zusammenarbeit mit der HMK, ich kenne einige Vorstand Mitglieder persönlich, ich kenne diese Missionsarbeit sehr genau, ich weiß „who is who“ (‚wer ist wer‘) und „what is what“ (‚was ist was‘). Wie sollte man mich da irreführen können?

Dies ist ein internationaler Skandal, der beigefügte Brief zeigt dies im Detail. Die christliche Lebensvision meiner Eltern ist missbraucht worden. Ich bitte Sie, stehen Sie auf als gläubiger Christ, für sich selbst, für Ihre Familie, für die Wahrheit. Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels. Ein Weg das Böse zu stoppen heißt: aufhören, es zu finanzieren Das heißt, wenn die Leidens-Familien-Geschichte der Wurmbrands Sie inspiriert hat, Spenden an HMK zu geben, so bitte ich als einziger Sohn von Richard und Sabine Wurmbrand, in bescheidener Weise, diese Organisationen nun nicht mehr zu unterstützen. Die christliche Lebensaufgabe und Zukunftsvision meiner Eltern ist missbraucht worden.

Gottes Segen, Michael Wurmbrand“

(Es folgt die deutsche Fassung des obenerwähnten Briefes betr. die amerikanische VOM. Einzusehen bei http://wurmbrandmichael.com/GERMAN.)

Falls nun jemand unterstellen wollte, diese Briefe von Michael Wurmbrand könnten auch gefälscht sein, so muss ich dazu sagen, dass die Organisation „Lighthouse Trails“ sorgfältige Abklärungen unternommen hat, bevor sie den Brief über VOM im Internet veröffentlichten. Hier eine Übersetzung des betreffenden Abschnitts auf dem Blog von „Lighthouse Trails“:

„Am 14.März erhielt ‚Lighthouse Trails‘ eine e-Mail von Michael Wurmbrand, dem Sohn des verstorbenen Richard Wurmbrand, dem Gründer von ‚Voice of the Martyrs‘. Um die Echtheit des erhaltenen Briefs zu prüfen, kontaktierten wir zuerst VOM. Ein Mann, der das Telefon beantwortete und sich unsere Frage anhörte, verband uns daraufhin mit einem automatischen Anrufbeantworter. Wir hinterliessen dort unsere Anfrage, erhielten aber bis zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels keinen Rückruf. Dann suchten wir im Internet und fanden eine Telefonnummer für Michael Wurmbrand. Wir riefen an und hatten ein zehnminütiges Gespräch mit ihm. Seither hatten wir mit ihm auch e-Mail-Korrespondenz. Nach unserem Telefongespräch mit ihm waren wir überzeugt, dass sein untenstehender Brief in der Tat von Richard Wurmbrands Sohn stammt. Wir waren auch in der Lage, viele der untenstehenden Aussagen zu verifizieren. Wir glauben auch, dass Michael diese Aussagen nicht etwa aus rachsüchtigen Motiven macht.“

Da ich bis jetzt in keinem deutschsprachigen Internet-Medium den obigen Brief von Michael Wurmbrand finden konnte, noch auch nur einen Kommentar darüber, fühle ich mich moralisch verpflichtet, ihm wenigstens auf diesem Blog eine Stimme zu verleihen. Nicht weil ich etwas gegen die HMK an sich oder deren Leiter hätte. Aber es bringt Schande über den Namen Christi, wenn eine Organisation, die vorgibt, verfolgten Christen zu helfen, in Wirklichkeit sich selber dient und sich weigert, dunkle Vorgänge in ihrer Mitte aufklären zu lassen.

Das Schlimmste daran ist nicht einmal die begangene Sünde. Wir wissen, dass auch Christen sündigen können; und so wie ich die Bibel verstehe, kann ein Christ auch nach einem groben Fehltritt geistlich wiederhergestellt werden, wenn er aufrichtig umkehrt. Schlimm ist dagegen, wenn er an der Sünde festhält und sogar andere dahingehend manipuliert, damit die Sünde nicht aufgedeckt wird. (Über die zugrundeliegenden Mechanismen siehe „Freikirchen als Biotop für Verbrecher?“) Dann müssen wir mit der unheimlichen Möglichkeit rechnen, dass es sich hier um den Fall von Hebräer 10,26-27 handelt: „Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben, so bleibt kein Opfer für die Sünden mehr übrig, sondern eine schreckliche Erwartung des Gerichts …“

In früheren Zeiten war es eine Stärke der HMK gewesen, Unrecht zu bekämpfen, indem es aufgedeckt und bekanntgemacht wurde. Davon ist man nun offenbar abgewichen – besonders wenn es um das eigene Land oder die eigene Organisation geht. So leid es mir tut das zu sagen, aber damit hat die HMK das geistliche Erbe des Gründers verlassen. Ich wünsche sehr, dass die verantwortlichen Leiter zur Umkehr kommen.


Nachtrag vom 13. August:

Aus Rücksicht auf die Gefühle der HMK-Mitarbeiter habe ich einige allzu starke Formulierungen meines ursprünglichen Artikels gelöscht oder abgeschwächt, insbesondere den Titel. Was aber den Inhalt betrifft, so hat mir die HMK leider keinen Grund geliefert, an den Aussagen von Michael Wurmbrand zu zweifeln – im Gegenteil. Siehe „(K)Eine Stellungnahme der HMK“.

 

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 6

17. Juni 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

2. Ein vierjähriges Mädchen

Aber ich gehe jetzt zu einem anderen Beispiel über, von dem Mädchen, das ich bereits erwähnte. Ihr Name ist Phebe Bartlet. [Sie war im Jahre 1789 noch am Leben und zeigte weiterhin den Charakter einer wahrhaft bekehrten Person.] Ich gebe den Bericht wieder, wie ich ihn von ihren Eltern hörte, an deren Wahrhaftigkeit niemand zweifelt, der sie kennt.

Sie wurde im März 1731 geboren. Ende April oder anfangs Mai 1735 wurde sie sehr beeindruckt durch ein Gespräch mit ihrem Bruder, der sich kurz zuvor im Alter von elf Jahren bekehrt hatte. Ihre Eltern wussten nichts davon, und waren sich nicht gewohnt, ihr direkt Rat zu geben, weil sie dachten, sie könnte es noch nicht verstehen. Aber nachdem ihr Bruder mit ihr gesprochen hatte, stellten sie fest, dass sie sehr ernsthaft zuhörte, wenn sie ihren anderen Kindern Ratschläge gaben; und mehrmals täglich zog sie sich zurück, um im Stillen zu beten. Nichts konnte sie von diesen festen Gebetszeiten abhalten.

Einmal sagte sie von sich aus, sie hätte keinen Erfolg darin, Gott zu finden. Aber Ende Juli, an einem Mittag, hörte ihre Mutter sie in ihrem Zimmer laut beten (was unüblich war; sie hatte zuvor nie mit lauter Stimme gebetet). Ihr Stimme drückte äusserste Dringlichkeit aus, und ihre Mutter konnte deutlich die Worte hören: „Bitte, guter Herr, gib mir Erlösung! Ich bitte dich, vergib mir alle meine Sünden!“ Dann kam das Mädchen aus ihrem Zimmer, setzte sich neben die Mutter und weinte laut. Ihre Mutter fragte sie mehrmals, warum sie weinte, aber sie antwortete nicht. Schliesslich fragte ihre Mutter, ob sie fürchtete, Gott würde ihr die Erlösung nicht geben. Das Mädchen antwortete: „Ja, ich fürchte, ich müsse zur Hölle gehen!“ Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen, und sagte, sie müsse nicht weinen, sie solle nur ein gutes Kind sein und jeden Tag beten, und sie hoffte, Gott werde ihr die Erlösung geben. Aber das beruhigte sie gar nicht; sie weinte noch eine längere Zeit heftig. Dann hörte sie plötzlich auf zu weinen, und sagte schliesslich lächelnd: „Mami, das Himmelreich ist zu mir gekommen!“ Ihre Mutter war überrascht über die plötzliche Veränderung und über diese Worte, aber sie sagte nichts. Dann sprach das Mädchen wieder und sagte: „Es ist noch eins zu mir gekommen, und noch eins, es sind drei. Eines ist: Dein Wille geschehe; und ein anderes: Freut euch in ihm für immer.“ Es scheint, dass sie damit meinte, drei Worte aus dem Katechismus seien ihr in den Sinn gekommen.

Danach zog sich das Kind wieder in ihr Zimmer zurück, und die Mutter ging zu ihrem Bruder, der sein Zimmer nebenan hatte. Als sie zurückkam, wurde sie von dem Mädchen freudig empfangen: „Jetzt kann ich Gott finden!“ (womit sie sich auf das früher Gesagte bezog, dass sie Gott nicht finden könne). Dann sagte sie: „Ich liebe Gott!“ Ihre Mutter fragte sie, wie sehr sie Gott liebte: mehr als Vater und Mutter? Sie sagte: „Ja.“ „Und mehr als deine kleine Schwester Rachel?“ Sie antwortete: „Ja, mehr als alles!“ Dann fragte ihre ältere Schwester sie, wo sie denn Gott finden könne. „Im Himmel“, antwortete Phebe. „Wie“, fragte ihre Schwester, „bist du im Himmel gewesen?“ „Nein“, sagte das Mädchen. So scheint es, dass es nicht nur eine Einbildung war, die sie Gott nannte. Ihre Mutter fragte sie, ob sie Angst gehabt hätte, zur Hölle gehen zu müssen, und deshalb geweint hätte. „Ja“, sagte sie, „aber jetzt habe ich keine Angst mehr.“ Ihre Mutter fragte sie, ob sie dächte, Gott hätte ihr die Erlösung gegeben. „Ja“, sagte sie. „Wann?“ fragte die Mutter. „Heute.“

Den ganzen Nachmittag war sie äusserst fröhlich. Ein Nachbar fragte sie, wie sie sich fühlte. Sie antwortete: „Ich fühle mich besser als je.“ Der Nachbar fragte warum, und sie antwortete: „Gott hat es gemacht.“ Beim Zubettgehen rief sie einen ihrer kleinen Cousins zu sich, der im Zimmer war, und sagte zu ihm: „Der Himmel ist besser als die Erde.“ Am nächsten Tag fragte ihre Mutter sie, wozu Gott sie gemacht hätte. Sie antwortete: „Um ihm zu dienen“, und fügte hinzu: „Alle sollten Gott dienen, und sich für Christus interessieren.“

An jenem Tag schien es, dass die älteren Kinder sehr beeindruckt waren von der aussergewöhnlichen Veränderung, die in Phebe vorgegangen war. Während ihre Schwester Abigail bei ihr war, ergriff ihre Mutter die Gelegenheit, ihr zu raten, die Zeit auszunützen und sich für die andere Welt vorzubereiten. Damit brach Phebe in Tränen aus und rief: „Arme Nabby!“ Ihre Mutter sagte ihr, sie müsse nicht weinen; sie hoffte, dass Gott auch Nabby die Erlösung geben werde; aber das beruhigte sie nicht, sie weinte noch längere Zeit. Etwas später kam ihre Schwester Eunice, und Phebe begann wieder zu weinen: „Arme Eunice!“ Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sah dort ihre Schwester Naomi; und von neuem brach sie in Tränen aus: „Arme Amy!“ Ihre Mutter fühlte sich sehr berührt von diesem Verhalten, und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Etwas später kam ein Nachbar und fragte Phebe, warum sie geweint hätte. Sie wollte zuerst nicht antworten. Ihre Mutter sagte, sie dürfe es dieser Person ruhig sagen; worauf Phebe sagte, sie hätte geweint, weil sie Angst gehabt hätte, ihre Schwestern würden zur Hölle gehen.

Von da an war eine bleibende Veränderung in dem Kind festzustellen. Sie sehnt sich jedesmal nach dem Sonntag und fragt oft während der Woche, wieviele Tage noch fehlen bis zum Sonntag, und gibt sich nicht zufrieden, bis man ihr die Tage einzeln vorzählt. Sie liebt es sehr, sich mit dem Volk Gottes zu versammeln. Ihre Mutter fragte sie einmal, warum sie so sehr dorthin gehen wollte; ob sie gerne mit liebenswürdigen Leuten zusammen sei? „Nein“, sagte sie, „um Herrn Edwards predigen zu hören.“ Wenn sie da ist, verhält sie sich nicht wie andere Kinder ihres Alters, sondern zeigt eine aussergewöhnliche Aufmerksamkeit. Sie geht auch sehr gerne zu privaten religiösen Versammlungen, und ist sehr aufmerksam während der häuslichen Gebetszeiten. Als ich einmal zusammen mit einigen Fremden bei ihr zuhause war und zu ihr etwas über Gott sagte, schien sie aufmerksamer als gewöhnlich; und nachdem wir gegangen waren, sah sie uns sehnsuchtsvoll nach, und sagte: „Ich wünschte, sie würden wieder kommen!“ Ihre Mutter fragte: „Warum?“ Sie sagte: „Ich höre sie so gern sprechen.“

Sie scheint eine tiefe Gottesfurcht zu haben und fürchtet sich sehr davor, gegen Gott zu sündigen. Letztes Jahr im August ging sie mit einigen älteren Kindern Pflaumen pflücken auf dem Grundstück eines Nachbarn, ohne zu denken, dass etwas Schlechtes daran sein könnte. Aber als sie einige Pflaumen nach Hause brachte, sagte ihre Mutter, sie sollte nicht ohne Erlaubnis Pflaumen pflücken, das wäre soviel wie Stehlen. Das Mädchen schien sehr überrascht und brach in Tränen aus, und rief: „Ich möchte diese Pflaumen nicht!“ Dann wandte sie sich ihrer Schwester Eunice zu und sagte sehr ernst: „Warum hast du mir gesagt, ich solle zu diesem Pflaumenbaum gehen? Ich wäre nicht gegangen, wenn du es mir nicht gesagt hättest.“ Die anderen Kinder schienen sich nicht besonders betroffen zu fühlen; aber Phebe war nicht zu beruhigen. Ihre Mutter sagte ihr, sie könne den Nachbarn um Erlaubnis bitten, und dann wäre es keine Sünde, die Pflaumen zu essen; und sie schickte eines der Kinder zum Nachbarn deswegen. Nachdem das Kind zurückkam, sagte ihre Mutter, der Nachbar hätte es ihnen erlaubt, sie könne jetzt die Pflaumen essen, so sei es keine Sünde. Das beruhigte sie für eine Weile; aber dann brach sie wiederum in Tränen aus. Ihre Mutter fragte sie, warum sie jetzt weinte, der Nachbar hätte ihnen ja die Erlaubnis gegeben. Sie musste mehrere Male fragen, bis Phebe sagte: „Weil, weil es Sünde war.“ Sie weinte noch eine Zeitlang und sagte, sie würde nicht wieder dorthin gehen, auch wenn Eunice sie hundertmal darum bäte. Von da an wollte sie während längerer Zeit keine Pflaumen essen, weil sie sie an jene Sünde erinnerten.

Manchmal hat sie grosse Freude an Bibeltexten, die ihr in den Sinn kommen. Einmal erinnerte sie sich besonders an Offenbarung 3,20: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir.“ Sie sprach darüber mit der Familie voll Freude. Dann ging sie in ein anderes Zimmer, wo andere Kinder waren, und ihre Mutter hörte sie mehrmals mit ausserordentlicher Freude und Bewunderung sagen: „Stellt euch vor, es ist, um mit Gott essen zu gehen!“

Oft zeigte sie eine grosse Sorge um das Seelenheil anderer; und oft hat sie sehr liebevoll und eindringlich andere Kinder beraten. Letztes Jahr setzte sie sich einmal neben ihre Mutter an den Herd mit einem sehr ernsthaften und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Schliesslich sagte sie: „Ich habe mit Nabby und Eunice gesprochen. Ich sagte ihnen, sie sollten beten, und sich auf das Sterben vorbereiten, denn wir haben nur kurze Zeit zu leben in dieser Welt, und sie sollten jederzeit bereit sein.“ Als Nabby herauskam, fragte sie ihre Mutter, ob Phebe das zu ihnen gesagt hätte. „Ja“, sagte sie, „das hat sie gesagt, und noch eine Menge mehr.“

Sie zeigte auch ein ungewöhnliches Mass an Nächstenliebe; insbesondere bei der folgenden Gelegenheit: Ein armer Mann, der im Wald wohnt, hatte eine Kuh verloren, die für den Unterhalt der Familie sehr wichtig war. Dieser Mann war bei Phebe zuhause gewesen und hatte von seinem Unglück erzählt, und von den Schwierigkeiten, in die seine Familie deswegen geraten war. Phebe fühlte grosses Mitleid mit ihm. Nachdem sie ihm aufmerksam zugehört hatte, ging sie zu ihrem Vater in die Werkstatt und bat ihn inständig, diesem Mann eine Kuh zu geben: „Dieser arme Mann hat keine Kuh mehr! Die Jäger, oder sonst etwas, haben seine Kuh getötet!“ Ihr Vater sagte ihr, sie hätten keine Kuh übrig. Dann bat sie ihn, doch diesen Mann und seine Familie bei sich zuhause aufzunehmen, und sprach noch vieles in ähnlichem Sinn, mit grossem Mitleid für die Armen.

(Schluss)

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 4

13. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

8. Zweifel nach der Bekehrung

Einige Bekehrte sind fast immer voll von Hoffnung und Zufriedenheit hinsichtlich ihrer eigenen Errettung; aber doch nicht so sehr, dass sie die Selbstprüfung als unnötig ansähen. Andererseits fallen die meisten ab und zu ein einen „toten“ Geisteszustand und haben dann häufige Skrupel und Furcht hinsichtlich ihres Zustandes.

Sie wissen, wie schrecklich eine falsche Hoffnung ist; und die meisten sind sehr vorsichtig, wenn sie von ihren Erfahrungen Zeugnis geben. Manche fürchteten danach, als Heuchler gehandelt zu haben, und sich stärker ausgedrückt zu haben, als es in ihrem Fall zulässig wäre; aber sie wussten nicht, wie sie sich korrigieren könnten.

Ich denke, der Hauptgrund für diese Zweifel und Furcht nach der Bekehrung besteht darin, dass sie noch so viel Verderbnis in ihren Herzen übrig finden. Anfangs schienen ihre Seelen völlig lebendig zu sein, ihre Herzen waren in Ordnung, und sie fanden wenig Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens. Dann sind sie überrascht, wenn sie feststellen, dass sie ab und zu wieder in Gleichgültigkeit oder in ablenkende Gedanken fallen während den gemeinsamen oder persönlichen Anbetungszeiten, und diese Gedanken nicht aufhalten können. Oder sie finden wieder weltliche Haltungen in sich: Stolz, Neid, Rachsucht, und andere Werke der innewohnenden Sünde. Dann sinkt ihr Mut vor Enttäuschung, und sie beginnen zu denken, sie seien nur Heuchler.

Dann sagen sie, es sei so viel Verderbnis in ihren Herzen, dass da keine Güte wohne. Viele sind ihrer eigenen Verderbtheit gegenüber viel sensibler als vor ihrer Bekehrung, und es scheint ihnen, ihr Zustand würde schlimmer statt besser. Aber die Wahrheit ist, dass sie jetzt – im Gegensatz zu früher – ihrem eigenen Herzen gegenüber wachsam sind, und deshalb den Schmerz ihrer eigenen Wunde stärker fühlen. So sind sie sich ihrer eigenen Sünde viel stärker bewusst und kämpfen auch stärker dagegen.

Sie sind auch davon überrascht, dass sie so wenig der Vorstellung entsprechen, die sie zuvor von einem gottesfürchtigen Menschen gehabt hatten. Obwohl die Gnade tatsächlich noch viel herrlicher ist, als sie sich vorgestellt hatten, so haben doch die Gottesfürchtigen weniger davon, und mehr verbleibende Verderbnis, als sie gedacht hatten. Sie wussten nicht, dass Bekehrte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb sind sie bei aller Selbstprüfung normalerweise nicht davon überzeugt, dass sie wirklich in der Gnade stehen, während sie durch diese „toten“ Zeiten gehen. Wenn sie von den Zeichen der Gnade hören, anhand derer sie sich selbst prüfen können, dann sind ihre Gedanken oft so umwölkt, dass sie nicht wissen, wie sie diese Zeichen anwenden sollen. Sie wissen kaum, ob sie dieses oder jenes haben oder nicht, und ob sie dieses oder jenes erfahren haben oder nicht. Sie können die Erinnerung an ihre besten, entzückendsten und herausragendsten Erfahrungen nicht wiedergewinnen. Aber wenn der Einfluss des Geistes Gottes zurückkehrt, bricht das Licht durch die Wolken, und die Zweifel und die Dunkelheit verschwinden.

Oft werden die Bekehrten neu belebt durch ein Gespräch über göttliche Dinge. Und wenn sie ihren christlichen Geschwistern ihre vergangenen Erfahrungen erzählen, lebt die Erinnerung wieder auf, und die Erfahrung selbst wird in gewissem Mass erneuert. Manchmal, wenn sie voll von Zweifeln sind, kommt ihnen eine Schriftstelle nach der andern in den Sinn, die ihre Schwierigkeiten beantwortet. Aber oft geht dem neuen Trost eine neue Demütigung voraus.

9. Innere Eindrücke und Bilder

Manche Menschen haben von diesem grossen Werk schlecht gedacht, nachdem sie von den (geistlichen) Eindrücken hörten, die die Menschen hier in ihrer Vorstellung empfangen hatten. Es gab viele Missverständnisse und falsche Berichte darüber. Soweit ich weiss, ist niemand hier in der Stadt der Meinung, es solle irgendwelches Gewicht gelegt werden auf Visionen, die jemand mit seinen körperlichen Augen gesehen hätte. Das Gegenteil ist unser Prinzip. Es gab zwar Menschen, die zu sehr von nichtigen und nutzlosen Vorstellungen beeinflusst wurden; aber diese wurden mit Leichtigkeit zurechtgewiesen. Man soll sich nicht darüber verwundern, dass eine Gemeinde in solchen Fällen Hilfe braucht, um zwischen Weizen und Spreu zu unterscheiden. Aber jene Eindrücke, die für gewöhnlich auftraten, scheinen mir keine anderen zu sein als jene, die von der menschlichen Natur unter solchen Umständen zu erwarten sind, als natürliches Ergebnis der starken Konzentration des Sinnes und der Eindrücke des Herzens.

Kaum jemand denkt, er hätte etwas mit seinen körperlichen Augen gesehen; sie werden einfach innerlich von gewissen Ideen und von Bildern in ihrem Geist stark beeindruckt. Einige sahen z.B, wenn sie in starker Furcht vor der Hölle waren, höchst lebendige Bilder von einem brennenden Ofen. Einige, wenn sie stark beeindruckt wurden von der Schönheit und Herrlichkeit Christi, erhielten in ihrem Sinn eine Idee von jemandem von herrlicher Majestät und gütigem Aussehen. Einige, die vom Tod Jesu stark berührt wurden, hatten gleichzeitig eine lebendige Idee von Christus, der am Kreuz hängt, während Blut aus seinen Wunden strömt. Wenn man weiss, wie sehr schon jeglicher starker Eindruck über Dinge dieser Welt geistige Bilder hervorruft, wird man sich über solche Dinge nicht verwundern.

Es gab tatsächlich einige wenige Fälle von Eindrücken, die mir ein Geheimnis bleiben, welche von einem viel grösseren Bewusstsein von der geistlichen Vollkommenheit göttlicher Dinge begleitet wurden. Aber ich konnte nicht herausfinden, ob die Eindrücke jener Menschen mehr waren als das, was natürlicherweise aus ihrem geistlichen Bewusstsein hervorgehen könnte. Ich bin in solchen Fällen immer äusserst vorsichtig gewesen und bemühte mich sehr, die Leute den Unterschied zu lehren zwischen dem, was geistlich ist, und dem, was nur Einbildung ist.

Man wird aus diesem Bericht ersehen haben, dass die Menschen hier die Gewohnheit haben, freimütig miteinander über ihre geistlichen Erfahrungen zu sprechen. Manche (Aussenstehende) fühlten sich davon abgestossen. Aber wenn auch unsere Leute in gewisser Hinsicht darin in Extreme gegangen sind, so ist es doch zweifellos eine Gewohnheit, die natürlicherweise durch die Umstände dieser Stadt und ihrer Nachbarstädte entstanden ist. Wo immer Menschen sich so sehr mit derselben Sache beschäftigen, dass diese Sache in ihren Gedanken zuvorderst ist, da werden sie diese Sache natürlicherweise zu ihrem Gesprächsthema machen, wenn sie zusammenkommen, und darin immer freimütiger werden. Ihre Hemmungen verschwinden, und sie werden nicht voreinander verbergen, was sie erlebt haben. Und im allgemeinen hat diese Gewohnheit viele gute Wirkungen hervorgebracht, und Gott hat sie gesegnet. Ich gebe zu, dass es auch einige schlechte Folgen gab, die aber eher einem indiskreten Umgang damit zuzuschreiben sind als der Gewohnheit selbst. Niemanden wird es verwundern, dass unter einer so grossen Menge auch einige sind, die in der Wahl der Zeit, der Gelegenheit und der Art und Weise solcher Gespräche unvorsichtig sind.

(Anm:  Punkt 9 gehört nicht mehr direkt zum Thema der Bekehrung. Ich habe diesen Abschnitt dennoch zum Nutzen des Lesers in gekürzter Form beibehalten. Es hat mich beeindruckt – v.a. angesichts der z.T. sehr heftigen Auseinandersetzungen um charismatische Erscheinungen während der letzten hundert Jahre, insbesondere im deutschen Sprachraum -, dass Edwards um diese Dinge überhaupt kein grosses Tamtam macht, weder im zustimmenden noch im ablehnenden Sinn. (Obwohl, wie aus dem Text hervorgeht, es auch damals Auseinandersetzungen darum gab.) Er beschreibt sie einfach als natürlicherweise auftretende Begleiterscheinungen, wo immer eine grössere Anzahl Menschen sich über längere Zeit und intensiv auf geistliche Dinge konzentriert. Würde Edwards heute leben, dann wäre er kaum ein Charismatiker. Aber ebensowenig würde er ständig im Sinne der Berliner Erklärung „Von unten, von unten!“ rufen und einen Skandal daraus machen. Solch ausgeglichene Persönlichkeiten hätten auch die deutschsprachigen Evangelikalen und Pfingstler der letzten hundert Jahre in grösserer Zahl nötig gehabt.)

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 3

4. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

4. Der Sünder muss davon überführt werden, dass seine Verdammung gerecht ist.

Ein Diener Gottes, der mit Menschen unter solchen Umständen zu tun hat, muss ausdrücklich betonen, dass Gott in keiner Weise verpflichtet ist, irgendeinem natürlichen Menschen Gnade zu erweisen, dessen Herz nicht zu Gott umgekehrt ist; und dass niemand rechtmässig etwas von Gott fordern kann aufgrund von irgendetwas, was er getan hat, bevor er zum Glauben an Jesus Christus kam oder eine echte Umkehr in ihm begann. Hätte ich jene, die in grosser Seelennot zu mir kamen, irgendetwas anderes gelehrt, dann hätte ich sie zugrunde gerichtet. Ich hätte dann die Absichten des Heiligen Geistes mit ihnen direkt durchkreuzt; denn hätten sie mir geglaubt, dann hätten sie angefangen sich selbst zu schmeicheln und wären sorglos geworden, und hätten so der Überführung ein Ende bereitet; oder sie hätten ihren Hader gegen Gott liebgewonnen und sich so den Weg versperrt, sich vor ihm zu demütigen.

Und dennoch brauchen Menschen unter Überführung auch Ermutigung, indem sie von der unendlichen und allgenügenden Gnade Gottes in Christus hören; und dass Gott sich finden lässt von denen, die ihn suchen, und dass er seine eigenen Mittel segnet. So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten, die beide zu Nachlässigkeit führen.
Ich denke, die gesegnetsten Gespräche waren jene, in welchen die Lehre von Gottes absoluter Souveränität inbezug auf die Errettung von Sündern betont wurde, und seine rechtmässige Freiheit inbezug auf das Beantworten von Gebeten natürlicher Menschen, solange sie in diesem Zustand verharren. Ich fand nie so viel unmittelbare Frucht der Errettung, als wenn ich über die Worte in Römer 3,19 predigte: „Damit jeder Mund verschlossen würde“, und von daher zeigte, dass es völlig gerecht wäre, wenn Gott alle natürlichen Menschen für immer verstiesse.

Bei jenen, wo die Überführung zur Errettung führt, zeigt sich normalerweise als erstes nach ihrer Seelennot eine Überzeugung, dass Gottes Verdammung gegen sie gerecht ist. In ihren Zeugnissen darüber drückten sie sich auf unterschiedliche Weise aus: einige, dass sie erkannten, dass Gott souverän ist und andere annehmen, aber sie verstossen kann; einige, dass sie davon überzeugt wurden, dass Gott gerechterweise jeder Person in der Stadt oder in der Welt Gnade erweisen könnte ausser ihnen selbst; einige, dass sie jetzt sehen, dass Gott gerechterweise alle ihre Bemühungen und Gebete für nichts achten könnte; einige, dass selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang suchten und sich bemühten, Gott sie dennoch gerechterweise in die Hölle werfen dürfte, weil all ihre Bemühungen und Gebete nicht die geringste Sünde sühnen können, noch irgendein Anrecht auf einen Segen Gottes erwerben. Einige erklärten, dass sie sich so in der Hand Gottes befänden, dass er mit ihnen machen konnte, was immer er wollte; und andere, dass Gott in ihrer Verdammung verherrlicht würde, und dass sie sich sogar darüber wunderten, dass Gott ihnen so lange erlaubte zu leben und sie nicht schon längst in die Hölle geworfen hatte.

5. Genau in diesem Moment des Zerbruchs und der tiefsten Demütigung kann der Sünder die Gnade Gottes verstehen und annehmen.

Unmittelbar vor dieser Entdeckung von Gottes Gerechtigkeit ist der Sinn des Menschen normalerweise ausserordentlich unruhig und befindet sich in einer Art Kampf und Tumult, oder Beklemmung. Aber sobald sie zu dieser Überführung kommen, beruhigt sich im allgemeinen ihr Sinn und kommt zu einer unerwarteten Gefasstheit. Meistens, wenn auch nicht immer, wird dann das drückende Gewicht von ihrem Geist weggenommen, und eine allgemeine Hoffnung erwacht, dass Gott irgendwann gnädig sein wird. Manche beschliessen dann, Gott zu Füssen zu liegen und seine Zeit abzuwarten, und ruhen darin. Sie merken nicht, dass der Geist Gottes sie gerade jetzt in einen Zustand gebracht hat, wo sie zum Empfang der Gnade vorbereitet sind. Denn viele Menschen, wenn sie zuerst zu diesem Bewusstsein der Gerechtigkeit Gottes kommen, denken nicht, dass gerade dies die Demütigung und der Zerbruch sei, von dem sie so viel gehört hatten.

Bei vielen Menschen geht diese erste Überführung von der Gerechtigkeit Gottes über die gewöhnliche Verurteilung durch das Gesetz hinaus. Im Gegenteil, sie kommt nicht aus der Furcht aufgrund des Gesetzes, sondern ist ein Beweis der Gnade Gottes, und führt sie dazu, diese Eigenschaft Gottes, die Gerechtigkeit, zu bewundern. Einige sagten sogar, dass sie erkennen konnten, wie die Herrlichkeit Gottes gerade in ihrer eigenen Verdammnis hell aufleuchten würde, und fühlten sich dazu bereit, verdammt zu werden, damit Gott dadurch verherrlicht würde. Sie hatten aber keine klare Vorstellung von der Verdammnis, und es gibt auch kein Bibelwort, das eine derartige Selbstverleugnung verlangen würde. Aber, wie andere es klarer ausdrückten, die Erlösung erschien ihnen als zu gut für sie und wäre unvereinbar mit der Majestät Gottes, den sie so sehr beleidigt hatten.

Diese Ruhe des Geistes, den einige nach ihrer Verzweiflung finden, dauert einige Zeit an, bevor sie eine besondere und angenehme Offenbarung der Gnade Gottes im Evangelium erhalten. Aber sehr oft folgt darauf ein tröstendes und liebliches Bild des mitleidsvollen Gottes, des allgenügenden Erlösers. Oft wird ihr Sinn auf Christus gerichtet in seinem Willen, Sünder zu erretten; andere erhalten Gedanken über die angenehmen und herrlichen Eigenschaften Gottes, die sich im Evangelium offenbaren: Seine Gnade und sein Mitleid; oder seine unendliche Macht zu erlösen; oder seine Wahrheit und Treue. Einige entdecken zuerst die Wahrheit und Gewissheit des Evangeliums; andere die Wahrheit spezifischer Verheissungen.

Bei einigen liegen die erste Sicht darauf, dass sie gerechterweise die Hölle verdienen, und auf die Souveränität Gottes inbezug auf ihre Erlösung, und die Entdeckung der allgenügenden Gnade so nahe beisammen, dass sie in eins zusammenzufliessen scheinen.
Manchmal erscheint die Gnade nach der Demütigung als ein ernsthaftes Verlangen der Seele nach Gott und nach Christus: ihn zu kennen, ihn zu lieben, demütig vor ihm zu sein, Gemeinschaft mit ihm zu haben. Dieses Verlangen ist normalerweise verbunden mit dem festen Entschluss, diesem Gut für immer zu folgen, und mit einer hoffnungsvollen, erwartungsvollen Haltung. Wenn jemand mit dieser Haltung anfing, dann folgten normalerweise bald weitere Erfahrungen und Entdeckungen, die noch klarer von einer Herzensveränderung zeugten.

6.Wenn Gott so mit seiner Gnade an ihnen wirkt, erkennen viele noch nicht, dass sie bereits bekehrt sind.

Oft, wenn den Menschen erstmals dieser Evangeliumsgrund der Erleichterung offenbart wird, denken sie noch gar nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Sie fühlen sich einfach erfrischt davon, dass Gott ihnen für alles genügt, und dass in Christus so volle Vorsehung getroffen wurde für alles, nachdem sie so niedergeschlagen waren im Bewusstsein ihrer Schuld und in der Furcht vor dem Zorn Gottes. Das bewirkt in ihnen einen festen Entschluss, sich selbst und ihr ganzes Leben Gott und seinem Sohn zu weihen, und geduldig zu warten, bis Gott alles bewirken würde; und oft sind sie fest davon überzeugt, dass Gott es zu seiner eigenen Zeit für sie tun würde.

So entsteht in ihnen eine heilige Ruhe der Seele in Gott durch Christus. Aber sie denken nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Der Grund dafür ist oft, dass sie nicht erkennen, dass dieses Sich-Erfreuen an der Entdeckung der Gnade bereits die wirkliche Annahme dieser Gnade ist. Sie wissen nicht, dass diese liebliche Befriedigung an der Gnade und völligen Erlösung Gottes, die sie spüren, ein echtes Empfangen dieser Gnade ist, oder ein klarer Beweis davon, dass sie sie empfangen haben. Sie erwarteten wer weiss nicht was für einen seelischen Akt, oder vielleicht wussten sie gar nicht, was sie zu erwarten hätten.

Tatsächlich hatten viele von ihnen vor ihrer Bekehrung eine sehr unvollkommene Idee davon, was eine Bekehrung ist. Die Ausdrücke, die andere gebrauchten, um ihre Bekehrung zu beschreiben, vermittelten ihrem Sinn nicht ihre wirkliche Bedeutung. Sie verstanden davon nicht mehr als ein Blindgeborener von den Namen der Farben.

In unserer Stadt beobachteten wir, dass Menschen mit dem grössten Wissen, die am meisten über diese Dinge studiert hatten, verwirrter waren als andere. Einige von ihnen erklärten, dass all ihr früheres Wissen zunichte gemacht wurde, und dass sie sich wie unwissende Kleinkinder fühlten. Es schien, dass sie es mehr nötig hatten, über ihre eigenen Umstände belehrt zu werden, als die einfachsten Christen.

Es war wunderbar zu sehen, wie die Gefühle der Menschen manchmal bewegt wurden, wenn Gott plötzlich ihre Augen öffnete. Ihre freudige Überraschung liess ihr Herz springen, sodass einige in Lachen ausbrachen, während sie oft gleichzeitig laut weinten und ihre Tränen wie ein Strom flossen. Einige konnten es nicht vermeiden, laut aufzuschreien als Ausdruck ihrer grossen Bewunderung.

Bei vielen dauern diese Erfahrungen lange Zeit an, ohne dass sie denken, sie seien bereits bekehrt; und niemand weiss, wie lange sie so fortfahren würden, wenn ihnen nicht durch besondere Belehrung geholfen würde. Einige haben manche Jahre so gelebt; einige in grosser Hoffnung, dass sie eines Tages Gnade empfangen würden; andere kehrten zu grösserer Verzweiflung zurück, weil sie sich jetzt des Elends ihres natürlichen Zustands stärker bewusst waren und sie für die Realität der ewigen Dinge sensibler geworden waren. Der Teufel versäumt die Gelegenheit nicht, solche Menschen auf verschiedenste Weise zu versuchen. Deshalb brauchen Menschen in diesem Zustand jemanden, der sie zum Verständnis dessen führt, was das Wort Gottes über die Gnade lehrt; und der ihnen hilft, es auf sich selbst anzuwenden.

Jedesmal, wenn ich über die Beweise der Errettung bei einer Person befriedigt war, teilte ich es dieser Person mit. Ich bin deswegen von manchen beschuldigt und getadelt worden. Aber ich habe nie Menschen beurteilt, sondern nur Erfahrungen, so wie sie mir geschildert und qualifiziert wurden. Ich hielt es für meine Pflicht als Hirte, Menschen beizustehen und sie zu lehren, Regeln der Schrift auf ihren eigenen Fall anzuwenden; und wo mir ein Fall klar erschien, erklärte ich freimütig meine Hoffnung darüber. Aber ich tat dies längst nicht bei allen, über die ich gewisse Hoffnungen hegte; und ich glaube, ich war viel vorsichtiger, als manche annahmen. Aber ich möchte mich nicht des Trostes berauben, mich zusammen mit jenen zu freuen, die in grosser Verzweiflung waren, und deren Umstände ich kannte, wenn genügend Beweise vorhanden zu sein scheinen, dass die Toten lebendig geworden und die Verlorenen gefunden worden sind. Ich bin mir bewusst, dass dieses Vorgehen sicherer gewesen wäre in der Hand eines Mannes von reiferem Urteil und grösserer Erfahrung; aber es war dennoch absolut notwendig, aus den obenerwähnten Gründen; und es war eine Praktik, die Gott unter uns in bemerkenswerter Weise gesegnet hat. Viele Menschen hatten Gnade erlangt, aber sie waren wie Bäume im Winter, weil sie sich ihres Zustands nicht bewusst waren.

Gott hat nichts so benützt zur Ausbreitung seines Werkes unter uns, wie die Nachrichten über die Bekehrung anderer Menschen. Das war es, was die Sünder dazu erweckte, denselben Segen zu suchen; und was die Heiligen neu belebte. Aber ich weise meine Leute oft darauf hin, dass kein Mensch das Herz eines anderen kennen kann, und wie unsicher es ist, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen. Auch betonte ich ständig, dass der Erweis von Aufrichtigkeit in den Früchten besser ist als alles, was mit Worten ausgedrückt werden kann, und dass ohne dies jeder Anspruch auf geistliche Erfahrungen vergeblich ist. Meine ganze Gemeinde kann dies bezeugen. Und im allgemeinen zeigten die Menschen eine grosse Furcht davor, sich selbst zu betrügen und auf einem falschen Fundament zu bauen.

Eine Bekehrung ist ein grosses und herrliches Werk der Macht Gottes. Sie verändert das Herz in einem Augenblick und flösst einer toten Seele Leben ein. Aber nicht alle können den genauen Moment angeben, als sie zum ersten Mal die Gnade erlangten. Einige hatten eine sehr klare Erfahrung. Aber andere wissen nicht, was die Gnade der Bekehrung ist, sogar wenn sie sie bereits haben. Einige wissen nicht, ob ihre erste Erfahrung nur eine gewöhnliche Erleuchtung war, und vielleicht eine bemerkenswertere spätere Erfahrung ihre Erlösung war. Das Werk Gottes in der Seele ist sehr geheimnisvoll, und die Manifestation des Reiches Gottes im Herzen ist wie es in Markus 4,26-28 gesagt wird:
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen in die Erde streut, und er schläft und steht auf Nacht und Tag, und der Same sprosst und wächst auf, ohne dass er weiss wie; denn die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst den Halm, dann die Ähre, und danach das volle Korn in der Ähre.“

Bei einigen ist das Licht der Bekehrung wie eine herrliche Helligkeit, die ihnen plötzlich aufleuchtet. Bei anderen ist es wie der Tagesanbruch, wo zuerst nur wenig Licht erscheint und vielleicht noch von einer Wolke verdunkelt wird, aber dann erscheint es wieder und ein wenig heller, und nimmt allmählich zu, mit dunkleren Zeiten dazwischen, bis schliesslich der klare Tag anbricht.

7. Die Bekehrung lässt alle Dinge in einem neuen Licht erscheinen.

Die Bekehrung bringt normalerweise eine aussergewöhnliche Überzeugung von der Wirklichkeit und Gewissheit der grossen Dinge der Religion mit sich; aber in einigen geschieht das erst einige Zeit nach der Bekehrung. Sie erhalten diese Sicht und diesen Geschmack von der göttlichen Vorzüglichkeit im Evangelium, was für sie überzeugender ist als viele Bücher voll von Argumenten. Oft ist die Herrlichkeit der christlichen Wahrheiten diesen Menschen so vorgeführt worden, dass sie sie sahen und schmeckten und ihre Göttlichkeit fühlten, und so wenig daran zweifeln konnten, wie sie gezweifelt hätten, dass die Sonne existiert, wenn sie mit geöffneten Augen draussen mitten im Sonnenschein standen. Und doch, wenn wir sie fragten, warum sie glaubten, dass diese Dinge wahr seien, dann wären viele von ihnen nicht in der Lage, genügende Gründe klar auszudrücken. Vielleicht könnten sie nur sagen, dass sie sehen, dass Gott wahr ist. Aber im persönlichen Gespräch mit ihnen würde man bald zufriedengestellt und verstünde, dass sie mächtige Beweise der Gottheit in sich selbst tragen.

Sie sind so erfüllt von ihrer neuen Entdeckung, und die Dinge erscheinen ihnen so offensichtlich und vernünftig, dass sie oft zuerst denken, sie könnten andere überzeugen. Zu diesem Zweck beginnen sie mit jedermann zu sprechen; und wenn sie enttäuscht werden, verwundern sie sich, dass ihre Gründe keinen stärkeren Eindruck machen. Die Dinge (des Evangeliums) erscheinen ihnen jetzt so offensichtlich und einfach, dass jedermann sie einsehen sollte. Wenn man sie fragt, warum sie selber es zuvor nicht so gesehen hatten, dann sagen sie vielleicht, sie hätten einfach nicht daran gedacht. Aber oft erleben sie dann stattdessen eine andere Schwierigkeit: wenn Gott sich von ihnen zurückzieht, finden sie sich wieder blind; sie verlieren die Überzeugung der Dinge, die ihnen so klar erschienen waren, und sie können sie mit all ihren eigenen Anstrengungen nicht wieder zurückgewinnen, bis Gott den Einfluss seines Geistes erneuert.

Nach ihrer Bekehrung sagen die Leute oft, dass ihnen die religiösen Dinge als neu erschienen: die Predigt ist etwas Neues, als ob sie noch nie zuvor eine Predigt gehört hätten; die Bibel ist ein neues Buch, wo sie neue Kapitel, neue Psalmen, neue Geschichten finden, weil sie alles in einem neuen Licht sehen.
Eine etwa siebzigjährige Frau hatte die meiste Zeit ihres Lebens unter dem mächtigen Dienst meines Grossvaters verbracht. Als sie im Neuen Testament über das Leiden Christi für die Sünder las, erstaunte sie darüber als etwas Wirkliches und sehr Wunderbares, aber etwas ganz Neues für sie. Sie verwunderte sich darüber, dass sie noch nie davon gehört hätte; aber gleich darauf erinnerte sie sich, dass sie oft davon gehört und gelesen hatte, aber es noch nie zuvor als etwas Wirkliches gesehen hatte. Sie begann darüber nachzudenken, wie wunderbar es war, dass der Sohn Gottes solches Leiden für die Sünder auf sich genommen hatte; und wie sie ihre Zeit in undankbarem Sündigen gegen einen so guten Gott und einen solchen Erlöser verbracht hatte. (Obwohl sie als eine Person von untadeliger und unanstössiger Lebensführung bekannt war.) Sie war so überwältigt von diesen Gedanken, dass sie beinahe darunter zerbrach und die Menschen um sie herum dachten, sie würde sterben.

Viele sprachen davon, wie ihre Herzen in Liebe zu Gott und Christus hingezogen wurden; und wie ihr Sinn von entzückender Betrachtung der Herrlichkeit und Gnade Gottes erfüllt wurde, und der Vorzüglichkeit Jesu und seiner opferbereiten Liebe. Mehrere unserer Kinder drückten dies aus und sagten, sie seien bereit, Vater und Mutter und alle Dinge in der Welt zu verlassen, um bei Jesus zu sein. Mehrere Personen wurden derart überwältigt von der Herrlichkeit Gottes, dass ihr Körper wahrscheinlich zerbrochen wäre, wenn Gott ihnen noch ein wenig mehr von sich selbst gezeigt hätte. Ich habe einige in einem solchen Zustand gesehen und mit ihnen gesprochen, und sie waren mit Gewissheit völlig nüchtern und weit entfernt von jeglicher wilden Schwärmerei. Und sie sprachen – wenn sie überhaupt zu sprechen in der Lage waren – von der Herrlichkeit der Vollkommenheit Gottes, von seiner wunderbaren Gnade in Christus, und ihrer eigenen Unwürdigkeit, in einer Weise, wie es gar nicht ausgedrückt werden kann.

Jene unter uns, die mit den aussergewöhnlichsten Offenbarungen ausgezeichnet wurden, zeigten in keiner Weise die anmassende, überhebliche und selbstzufriedene Haltung von Schwärmern; ganz im Gegenteil. Sie sind bekannt für einen demütigen, bescheidenen Geist. Kaum jemand sonst ist sich so seines Bedürfnisses nach Belehrung bewusst, und so eifrig, sie aufzunehmen, wie einige von ihnen; oder ist so schnell dazu bereit zu denken, andere seien besser als sie selber. Sie sprechen viel von ihrer Errettung durch die freie und souveräne Gnade, durch die Gerechtigkeit Jesu allein; und sie verzichten freudig auf ihre eigene Gerechtigkeit. Oft sagen sie, ihre Worte seien gar nicht imstande, ihre Erfahrungen auszudrücken. Einige berichten, wie ihnen diese geistlichen Erfahrungen die Nichtigkeit aller irdischen Vergnügungen gezeigt hatten, und wie gemein und wertlos ihnen jetzt alle diese Dinge erscheinen.

Viele vergassen sogar zu essen, während ihr Sinn von geistlichen Köstlichkeiten erfüllt wurde. Auch alle Dinge draussen, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Wolken, der Himmel und die Erde, erscheinen ihnen, als läge eine göttlichen Herrlichkeit und Lieblichkeit darauf. Sie erfreuen sich auch der Gewissheit ihres Heils; aber das ist nicht das Hauptobjekt ihrer Gedanken und Meditationen. Vielmehr richtet sich die höchste Aufmerksamkeit ihres Geistes auf die herrliche Vorzüglichkeit Gottes und Christi.

Die grösste Freude finden viele von ihnen, wenn sie am tiefsten in den Staub gedemütigt und von sich selbst entleert sind; wenn sie nichts sind, und Gott alles ist. Viele spüren eine ernsthafte Sehnsucht der Seele, Gott zu loben; aber zugleich klagen sie, dass sie ihn nicht so loben könnten wie sie wollten, und sie möchten, dass andere ihnen dabei helfen, Gott zu loben. Sie möchten, dass jedermann Gott lobe, und rufen alle Dinge auf, ihn zu loben. Sie haben ein sehnsuchtsvolles Verlangen, zur Ehre Gottes zu leben, und etwas zu seiner Ehre zu tun; aber gleichzeitig beklagen sie ihr Ungenügen und ihre Fruchtlosigkeit, und dass sie nichts von sich aus tun können.

Während Gott auf so bemerkenswerte Weise unter uns gegenwärtig war durch seinen Geist, war kein Buch so köstlich wie die Bibel; besonders die Psalmen, die Prophezeiungen Jesajas, und das Neue Testament. Unsere Bekehrten waren vereint in brüderlicher Liebe zueinander. Nie wurden so viele Sünden bekannt und Schaden wiedergutgemacht wie letztes Jahr. Die Bekehrten zeigten auch ein grosses Verlangen nach der Bekehrung anderer.

Einige Personen erfuhren durch ihre Bekehrung eine grosse Hilfe inbezug auf ihre lehrmässigen Vorstellungen. Das war besonders auffällig in einem, der als Kind nach Kanada entführt und in der Religion der Papisten erzogen worden war. Vor einigen Jahren war er hierher in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und war in gewissem Mass vom päpstlichen Glauben abgebracht worden; aber er schien sehr ungeschickt und unverständig zu sein in der reformierten Lehre, bis er bekehrt wurde. Dann war er in dieser Hinsicht ausserordentlich verändert.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 1

4. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers

Jonathan Edwards (1703-1758) war ein Pionier der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika, während der sich grosse Mengen von Menschen zu Jesus Christus bekehrten.

Im Jahre 1736, als Edwards seinen „Getreuen Bericht“ schrieb, befand sich die Erweckung noch in ihren Anfängen, und er selber hätte sich das Ausmass des Wirkens Gottes in den folgenden Jahren nicht vorstellen können. Er beschreibt in seinem Bericht hauptsächlich, wie Gott in den Menschen wirkte, die sich in diesen Anfängen der Erweckung bekehrten. Darin liegt der besondere Wert dieser Schrift: Ihr Verfasser zeigt ein klares und tiefes Verständnis davon, was eine Bekehrung ist. Genau das ist es, was wir heutzutage brauchen: Viele Prediger (inbegriffen Evangelikale und „Bibeltreue“) wissen nicht mehr, was Überführung von der Sünde ist, was echte Umkehr ist, und was echter Glaube ist, der durch die Gnade Gottes gewirkt wird, nicht durch die eigene Vorstellungskraft. Eine Bekehrung ist kein „Ritual“, das man in einer Kirche nach einer festgeschriebenen Form durchführen könnte (wie z.B. die bekannten „Aufrufe“ und „Übergabegebete“). Im Gegenteil, eine Bekehrung ist ein souveränes Werk Gottes, das mit einer ernsthaften geistlichen Suche von seiten des Sünders einhergeht.

Wir können vieles lernen von diesem Mann Gottes, der vor fast dreihundert Jahren mächtig gebraucht wurde.

In der vorliegenden Übersetzung wurden einige Abschnitte beiseitegelassen, die nicht direkt das Thema der Bekehrung ansprechen, oder die bereits Gesagtes allzu weitschweifig ausführen.
Die Einteilung in drei grosse Teile (I, II, III) ist ursprünglich vom Verfasser; die Untereinteilung in kleinere Abschnitte (1, 2, 3…) wurde vom Übersetzer hinzugefügt, um den Überblick zu erleichtern.


I. Allgemeine Einleitung

1. Vorgeschichte der Erweckung

Das Städtchen Northampton besteht seit etwa 82 Jahren, und hat jetzt etwa 200 Familien.
Ich bin der dritte Pfarrer, der sich in diesem Ort niedergelassen hat. Der erste war Eleazer Mather, der im Juli 1669 ordiniert wurde. Er liebte sein Volk sehr und wurde mit nicht geringem Erfolg gesegnet. Ihm folgte mein Grossvater Stoddard, der fast 60 Jahre lang an diesem Ort diente. Sein Dienst wurde mit der Bekehrung vieler Seelen gesegnet. Er hatte fünf „Ernten“, wie er es nannte. Die erste war vor 57 Jahren, die fünfte und letzte vor 18 Jahren. Er sagte, dass während jeder dieser „Ernten“ die Mehrheit der jungen Leute des Städtchens hauptsächlich um ihre ewige Errettung besorgt waren.

Nach der letzten „Ernte“ kam eine Zeit derart starken Niedergangs, zumindest unter den Jungen, wie nie zuvor. Etwa zwei Jahre vor seinem Tod trat ich meinem Grossvater im geistlichen Dienst zur Seite. Während dieser zwei Jahre gab es gegen zwanzig Menschen, von denen Herr Stoddard hoffte, sie hätten sich bekehrt zur Erlösung; aber es gab keine Anzeichen einer allgemeinen Erweckung. Unmittelbar nach dem Tod meines Grossvaters herrschte eine aussergewöhnliche Gleichgültigkeit der Religion gegenüber. Viele Jugendliche waren dem nächtlichen Ausgehen ergeben, dem Kneipenbesuch und der Ausschweifung. Oft verbrachten sie den grössten Teil der Nacht an ihren Parties, ohne die Ordnungen ihrer elterlichen Familien zu beachten; und tatsächlich versagte die Führung der Familien allzusehr.
Zudem herrschte in dem Ort seit längerem ein streitsüchtiger Geist zwischen zwei Parteien, in die sie seit vielen Jahren gespalten waren; sodass sie aufeinander eifersüchtig waren und einander in allen öffentlichen Angelegenheiten widersprachen.

Aber zwei oder drei Jahre nach Herrn Stoddards Tod wurden die Jugendlichen eher bereit, auf Ratschläge zu hören, und gaben allmählich ihre Parties auf, und mehr von ihnen als früher zeigten ein religiöses Interesse.

Am Ende des Jahres 1733 begann eine ungewöhnliche Offenheit unter den Jugendlichen. Sie hatten ihre Parties insbesondere an den Sonntagabenden gefeiert. Aber ich predigte jetzt über die schlechten Einflüsse dieser Gewohnheit, und ermahnte die Familienhäupter, ihre Familien zu regieren und ihre Kinder zu diesen Zeiten zuhause zu behalten. Aber die Eltern fanden kaum Anlass, Massnahmen in diesem Sinn zu ergreifen, denn die Jugendlichen selber zeigten sich überführt durch das, was sie von der Kanzel gehört hatten, und gehorchten aus eigenem Willen. Von da an besserte sich ihr unordentliches Verhalten, und das hielt an bis jetzt.

Nach diesem begann eine bemerkenswerte religiöse Sorge in einem kleinen Nachbardorf namens Pascommuck. Im April 1734 starb ein junger Mann plötzlich auf schreckliche Weise; und wenig später starb eine junge verheiratete Frau, die während ihrer Krankheit sehr um ihre Errettung besorgt war, aber vor ihrem Tod anscheinend zufriedenstellende Sicherheit über die Gnade Gottes ihr gegenüber erhielt, sodass sie sehr getröstet starb, während sie auf ernsthafte Weise andere warnte und beriet. Das trug anscheinend dazu bei, in vielen Jugendlichen eine ernsthafte Gesinnung zu wecken.

Im Herbst jenes Jahres schlug ich den Jugendlichen vor, sich an den Sonntagabenden unter sich zu versammeln, um über religiöse Dinge zu sprechen, und sich zu diesem Zweck in mehrere Gruppen in verschiedenen Stadtvierteln aufzuteilen. Das taten sie, und diese Versammlungen werden immer noch abgehalten, und auch ältere Leute ahmten ihr Beispiel nach.

Etwa um diese Zeit begann in diesem Landesteil der grosse Lärm um den Arminianismus. Die Freunde der Frömmigkeit fürchteten diese Angelegenheit; aber die Auseinandersetzung trug im Gegenteil zur Erweckung bei. Viele derer, die wussten, dass sie ohne Christus lebten, wurden davon aufgeweckt, denn sie fürchteten, Gott würde sich aus dem Land zurückziehen und uns den Irrlehren und dem Verderben überlassen, und dann wäre ihre Gelegenheit, errettet zu werden, vorbei. Andere begannen ein wenig zu zweifeln an den Lehren, die sie bisher gelehrt worden waren, und dann begannen sie sehr besorgt und fleissig nachzuforschen, worin wirklich der Weg besteht, von Gott angenommen zu werden.

2. Die Anfänge der Erweckung

Ende Dezember begann der Geist Gottes auf wunderbare Weise zu wirken. Plötzlich wurden fünf oder sechs Personen, eine nach der anderen, nach allen Anzeichen zur ewigen Errettung bekehrt, und in einigen von ihnen wirkte Gott in bemerkenswerter Weise.

Besonders der Fall einer jungen Frau überraschte mich, die eine der eifrigsten Partygängerinnen der ganzen Stadt gewesen war. Nie zuvor hatte ich gehört, dass sie auf irgendeine Weise ernsthaft gewesen wäre; aber als sie zu mir kam, berichtete sie mir von einem herrlichen Werk der unendlichen Macht und souveränen Gnade Gottes; und dass Gott ihr ein neues Herz gegeben hatte, das wirklich zerbrochen und geheiligt war. Ich konnte nicht daran zweifeln, und ich habe seither in meiner Bekanntschaft mit ihr vieles gesehen, was es bestätigt.

Dennoch sorgte ich mich um die möglichen Auswirkungen dieser Bekehrung auf andere. Ich schloss allzu voreilig, dass einige dadurch in ihrer unbekümmerten und losen Lebensführung bestärkt werden könnten, und die Religion lästern könnten. Aber wunderbarerweise war es umgekehrt: Gott machte daraus die grösste Gelegenheit, andere zu erwecken. Durch meine persönlichen Gespräche mit vielen hatte ich genügend Gelegenheit, die Auswirkungen kennenzulernen. Die Nachricht schien wie ein Blitz in die Herzen der Jugendlichen in der Stadt und ausserhalb einzuschlagen. Jene, die am weitesten von der Ernsthaftigkeit entfernt waren, wurden dadurch erweckt. Viele gingen zu der jungen Frau, um mit ihr über ihre Erfahrung zu sprechen; und was sie in ihr sahen, war zur Zufriedenheit aller, die sie kennenlernten.

Damit begann in allen Stadtteilen, und unter Menschen aller Schichten und allen Alters, eine grosse und ernsthafte Sorge um die grossen Dinge des Glaubens und der Ewigkeit. Es wurde über nichts anderes mehr gesprochen als über geistliche und ewige Dinge. Andere Gesprächsthemen wurden in Gesellschaft kaum noch toleriert. Die Sinne der Menschen wurden auf wunderbare Weise von den Dingen der Welt weg gelenkt, welche unter uns als Dinge von geringster Wichtigkeit behandelt wurden. Die grössere Versuchung schien nun darin zu bestehen, die Angelegenheiten dieser Welt zu sehr zu vernachlässigen und allzuviel Zeit mit religiösen Dingen zu verbringen. Das wurde in Nachrichten andernorts übertrieben und verzerrt dargestellt, als ob die Leute hier alle weltlichen Beschäftigungen überhaupt aufgegeben hätten und ihre Zeit nur noch mit Lesen und Beten verbrächten.

Aber obwohl die Leute normalerweise ihre weltlichen Geschäfte nicht vernachlässigten, so war doch die Religion zur Hauptsache geworden. Das einzige, worauf sie ihren Blick richteten, war, ins Himmelreich zu kommen, und jeder schien sich hineinzudrängen. Da war es unter uns ein schreckliches Ding, sich ausserhalb von Christus zu befinden und täglich in Gefahr zu stehen, in die Hölle zu fallen; und die Menschen richteten ihren Sinn darauf, um ihr Leben zu fliehen und dem kommenden Zorn zu entrinnen. Oft trafen sie sich in ihren Häusern zu religiösen Zwecken, und solche Versammlungen waren jeweils überfüllt.

In dem Mass, wie dieses Werk Gottes fortschritt und sich die Anzahl echter Heiliger vermehrte, änderte sich die Stadt auf herrliche Weise: Im Frühling und Sommer 1735 schien die Stadt erfüllt von der Gegenwart Gottes. Nie zuvor war sie so voll von Liebe und Freude gewesen, und doch so voll von Seelennot. In fast jedem Haus gab es Zeichen von Gottes Gegenwart. Es war eine Zeit der Freude in den Familien über die Errettung, die zu ihnen gekommen war: Eltern freuten sich über ihre wiedergeborenen Kinder, Männer über ihre Ehefrauen und Frauen über ihre Ehemänner. Unsere öffentlichen Versammlungen waren voll Schönheit: die Menschen waren lebendig im Dienst Gottes, jedermann ernsthaft darauf bedacht, Gott anzubeten, jeder Zuhörer trank fleissig die Worte des Predigers; die ganze Versammlung brach ab und zu in Tränen aus, während das Wort verkündigt wurde; einige weinten aus Sorge und Seelennot, andere aus Freude und Liebe, andere aus Mitleid und Besorgnis um die Seelen ihrer Nächsten.

Wenn unsere Jugendlichen zusammenkamen, verbrachten sie die Zeit mit Gesprächen über die Vorzüglichkeit und die opfernde Liebe Jesu, über die Herrlichkeit des Heilswegs, die wunderbare, freie und souveräne Gnade Gottes, sein herrliches Werk in der Bekehrung einer Seele, die Wahrheit und Gewissheit von Gottes Wort, die Lieblichkeit seiner Vollkommenheit, usw. Und sogar an Hochzeiten, die früher nur Gelegenheiten zu weltlichen Vergnügungen gewesen waren, wurde jetzt von nichts anderem gesprochen als von religiösen Dingen, und es gab keine andere Freude ausser der Freude im Geist.
Jene unter uns, die schon früher bekehrt worden waren, wurden mächtig belebt und erneuert mit einem frischen und aussergewöhnlichen Mass des Heiligen Geistes. Viele, die zuvor unter Schwierigkeiten über ihren eigenen Zustand gelitten hatten, sahen nun ihre Zweifel beseitigt durch eine befriedigendere Erfahrung und klarere Entdeckungen der Liebe Gottes.

Die Menschen von ausserhalb der Stadt wussten anscheinend nicht, was sie davon halten sollten. Viele lachten darüber und verglichen unsere Bekehrungen mit gewissen Krankheiten. Aber viele, die gelegentlich in die Stadt kamen mit Verachtung in ihren Herzen, wurden von dieser Haltung geheilt durch das, was sie sahen. Fremde waren im allgemeinen überrascht, dass die Dinge noch viel wunderbarer waren, als sie gehört hatten, und sagten anderen, man könne sich den Zustand der Stadt gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hätte.
Viele, die in die Stadt kamen, wurden in ihrem Gewissen geschlagen und erweckt, und gingen mit verwundetem Herzen nach Hause, und mit diesen Eindrücken, die nicht weggingen, bis sie zur Errettung fanden. Viele Leute kamen von ausserhalb zu Besuch oder für Geschäfte, und bevor sie lange Zeit hier gewesen waren, wirkte Gott in ihnen zur Errettung, und sie nahmen teil an dem Segen, den Gott hier herabschüttete, und gingen frohlockend nach Hause; bis mit der Zeit dasselbe Werk auch in anderen Städten des Bezirks anfing.

Diese bemerkenswerte Ausgiessung des Heiligen Geistes geschah auch an vielen Orten in Connecticut. Z.B. wurde die erste Kirche in Windsor etwa zur gleichen Zeit wie wir in Northampton auf dieselbe Weise gesegnet, ohne dass wir voneinander wussten. Sehr viele Seelen wurden an jenem Ort zu Christus versammelt.

Es war auch aussergewöhnlich, dass der Geist Gottes seinen Einfluss zur Wiedergeburt auf alte und auf sehr junge Menschen ausgedehnt hat. Bisher hat man selten davon gehört, dass Menschen jenseits der Lebensmitte bekehrt worden seien; aber jetzt sind ebensoviele ältere wie jüngere Menschen errettet worden. Ich nehme an, dass mehr als fünfzig Personen über vierzig Jahren in dieser Stadt bekehrt worden sind; mehr als zwanzig Personen über fünfzig; etwa zehn Personen über sechzig; und zwei über siebzig Jahren.

Es ist bisher als etwas Seltsames angesehen worden, wenn jemand in seiner Kindheit errettet wurde und sich auf bemerkenswerte Weise veränderte. Aber jetzt sind rund dreissig Personen zwischen zehn und vierzehn Jahren errettet worden; zwei zwischen neun und zehn Jahren, und eine im Alter von vier Jahren. Da ich annehme, letzteres wird man mir nur mit grössten Schwierigkeiten glauben, so werde ich am Schluss einen besonderen Bericht davon geben.

Gott scheint auch inbezug auf die Schnelligkeit seines Werkes seine üblichen Wege verlassen zu haben. Es ist wunderbar, dass Menschen so plötzlich und so stark verändert wurden. Viele wurden aus einem losen und unbekümmerten Leben herausgenommen, von ihrer Schuld und ihrem Elend zutiefst überführt, und in sehr kurzer Zeit war das Alte vergangen, und alles in ihrem Leben wurde neu.
Wenn Gott das Werk auf so bemerkenswerte Weise in seine eigenen Hände nahm, dann geschah in einem oder zwei Tagen so viel, wie in gewöhnlichen Zeiten mit allen menschenmöglichen Anstrengungen in einem Jahr geschieht.

Ich bin mir sehr bewusst, dass viele Leser dieses Berichts denken werden, ich sei darauf aus, möglichst viele Bekehrte zu machen; und ich betrachtete aus Mangel an Urteilsvermögen jedes religiöse Weh und jede schwärmerische Einbildung als eine Bekehrung. Genau deswegen habe ich so lange damit zugewartet, einen Bericht über dieses grosse Werk Gottes zu veröffentlichen, obwohl ich oft darum gebeten wurde. Aber da ich nun einen besonderen Ruf habe, über dieses Werk Rechenschaft abzulegen, so dachte ich nach reiflicher Überlegung, es sei meine Pflicht, dieses erstaunliche Werk zu verkünden und nichts von seiner Herrlichkeit zu verschweigen. Ich überlasse es Gott, sich um die Ehre für sein eigenes Werk zu sorgen, und gehe das Risiko von verurteilenden Gedanken gegen meine Person ein. Damit Menschen in der Ferne so gut wie möglich selber über diese Sache urteilen können, werde ich länger und detaillierter schreiben.

Wenn „Bildung“ zum Kindsmissbrauch wird

3. März 2014

Eine andere Perspektive zur geistigen Gesundheit von Kindern

Von Raymond S.Moore und Dorothy Moore

In „Acres of Diamonds“, Russell Conwells berühmtester Chautauqua-Geschichte, verkaufte Al Hafed seine Farm, um seine Suche nach einer legendären Diamantenmine zu finanzieren. Er suchte die ganze Welt ab, bis sein Vermögen dahin war. Er starb in völliger Armut, ohne je zu erfahren, dass eine grosse Diamantenablagerung entdeckt worden war im Sand des Flüsschens, das sich durch seine eigene Farm schlängelte; heute die bekannte Golconda-Diamantenmine. Amerikas Suche nach Überlegenheit – nach gesunden, selbständig denkenden Studentenhirnen – könnte sehr wohl dasselbe Ende nehmen.

Vom Weissen Haus bis zum schlichtesten Heim tasten Amerikaner nach Antworten auf den Niedergang im Leseverständnis, in der Ethik und im allgemeinen Verhalten, der unsere Nation bedroht. Anscheinend haben wenige den engen Zusammenhang bemerkt zwischen dem Erfolg, dem Verhalten und der Gemeinschaftsfähigkeit, die wir bevorzugen, und dem Lebensstil, den wir unseren Kindern täglich aufzwingen, und der möglicherweise unserer meistverbreiteten Form von Kindsmissbrauch gleichkommt. Z.B. herrscht eine überraschende Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegenüber der Abhängigkeit von Gleichaltrigen – eine Verderbnis der geistigen Gesundheit, die bereits in Kindergärten überhandnimmt.

Statt zu untersuchen, wie wir am besten auf ihre Bedürfnisse eingehen, schicken wir oft unsere „Kleinen“ ausser Haus, weg von der Art von Umgebung, die am ehesten kontaktfreudige, gesunde, glückliche und kreative Kinder hervorbringt. In einer vom Bund geförderten Analyse von über 8000 Untersuchungen über die Entwicklung von Kleinkindern kam die Moore-Stiftung zum Schluss, dass die USA ihre Kleinkinder viel zu schnell aus dem Haus und in die Schule drängen – lange bevor die meisten, insbesondere Jungen, dazu bereit sind. (1) Die Auswirkungen auf die geistige und psychische Gesundheit sind äusserst beunruhigend. Auch der Prozentsatz an Schulabbrechern ist ein stummes Zeugnis. Obwohl in einigen Fällen der Schulabbrecher – wie Thomas Edison – besser dran ist als jene, die bleiben.

Vom Piaget-Nachfolger David Elkind bis zu William Rohwer in Berkeley, Kalifornien, warnen führende Lern- und Entwicklungsspezialisten, dass die frühe formelle Schulung zum „Ausbrennen“ der Kinder führt. Auch die Lehrer, die versuchen, mit diesen Kleinen zurechtzukommen, brennen aus. Die „Lernwerkzeuge“ des Durchschnittskindes, das heute mit vier bis sechs oder sieben Jahren in die Schule (oder Vorschule) kommt, sind nicht genügend entwickelt für die strukturierten akademischen Aufgaben, die ihnen in immer grösserem Mass aufgebürdet werden. Noch schlimmer: wir zerstören die positive Gemeinschaftsfähigkeit.

Der Ablauf für das heutige Durchschnittskind bedeutet oft eine Katastrophe für dessen geistige und psychische Gesundheit, da sich der Reihe nach folgen:
1) Unsicherheit, wenn das Kind das familiäre „Nest“ zu früh verlässt und in eine unbekannte Umgebung kommt,
2) Verwirrung angesichts des schulischen Drucks und der Einschränkungen,
3) Frustration, weil die „Lernwerkzeuge“ des Kindes (die Sinne, das Erkennen, die Gehirnhälften, die Koordination) noch nicht dazu bereit sind, den formellen Unterricht und den damit verbundenen Druck zu verarbeiten,
4) Hyperaktivität aufgrund der Nervosität, die von der Frustration ausgelöst wird,
5) Versagen, das natürlicherweise aus den vier obengenannten Erfahrungen folgt,
und 6) Kriminalität, welche die Zwillingsschwester des Versagens ist und anscheinend aus denselben Gründen gefördert wird.

Was die Untersuchungen sagen

Die Gleichgültigkeit gegenüber der geistigen und psychischen Gesundheit von Kindern ist nicht neu. Die Weltgeschichte beschreibt grosse Zyklen, die jeweils mit kraftvollen Kulturen begannen, welche sich der Bedürfnisse der Kinder bewusst waren, und die mit der Aufgabe der Familienbande und dem Tod von Gesellschaften und Imperien endeten.

Die Untersuchungen stellen ein Bindeglied von der Vergangenheit zur Gegenwart dar und bieten eine bewegende Perspektive der heutigen Kinder. Es gibt einsichtige Gründe für den Niedergang im Leseverständnis, das Schulversagen, die weitverbreitete Kriminalität, und die wuchernde Abhängigkeit von Gleichaltrigen. Alle vier wirken zusammen unserem Ziel entgegen, glückliche und vertrauensvolle Kinder zu erziehen, die an Körper, Geist und Seele gesund sind. Der Niedergang der Lesefertigkeiten in Amerika, von geschätzten 90 Prozentpunkten im letzten (19.) Jahrhundert auf 50 Prozentpunkte heute, geht parallel mit dem elterlichen Wettrennen, Kinder in einem immer früheren Alter zu institutionalisieren. (2)

Schulleistungen

Die Analysen der Moore-Stiftung (1) kamen zum Schluss, dass Kinder wenn immer möglich von formellem Unterricht ferngehalten werden sollten, bis sie mindestens acht bis zehn Jahre alt sind. Elkind (3) warnte vor dem Schüler-Burnout, der in amerikanischen Schulen alltäglich geworden ist. Rohwer (4) stimmt damit überein und gründet seine Schlussfolgerungen teilweise auf Untersuchungen in 12 Ländern von Torsten Husen (Schweden). Husen bestätigte in der Folge Rohwers Erkenntnisse in einem Brief vom 23.November 1972. Hinsichtlich der begrifflichen Anforderungen des Lesens und Rechnens schlug Rohwer folgende Lösung vor:

„Alles Wissen, das für einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarschule nötig ist, kann in lediglich zwei oder drei Jahren formellen Unterrichts erworben werden. Den obligatorischen Unterricht in den Grundfertigkeiten bis zum Sekundarschulalter hinauszuschieben, könnte akademischen Erfolg bewirken für Millionen von Schulkindern, die unter dem (gegenwärtigen) traditionellen Schulsystem zum Scheitern verurteilt sind.“

Diese Lösung würde das Schuleintrittsalter auf mindestens 11 bis 12 Jahre hinausschieben.

Wie können diese Bemerkungen gerechtfertigt werden angesichts der gegenwärtigen Praxis? Seien wir uns bewusst, dass die gegenwärtige und zukünftige Gesundheit der Kinder auf dem Spiel steht. Erstens sind Kinder normalerweise nicht genügend reif für formelle Schulprogramme, solange ihre Sinne, Koordination, neurologische Entwicklung und ihr Erkenntnisvermögen nicht bereit sind. Experimente nach Piaget haben wiederholt gezeigt, dass die erkenntnismässige Reife oft erst gegen das Alter von 12 Jahren eintritt.

Interessanterweise beinhaltete die alte Bar Mitzvah der orthodoxen Juden keinen Schulunterricht bis nach dem Alter von 12 Jahren, wo das Kind als fähig erachtet wurde, volle Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Fisher, der seinerzeit als der „Dekan“ der amerikanischen Psychiater galt, beschrieb 1950, wie er mit 13 Jahren in die Schule eintrat und noch nicht lesen oder schreiben konnte. Mit 16 Jahren schloss er eine Bostoner Sekundarschule ab und dachte, er sei ein Genie, bis er herausfand, dass jedes „normale“ Kind zu dieser Leistung fähig wäre. Er fügte hinzu: „Wenn man sicherstellen könnte, dass Kinder ein gesundes Familienleben und eine angemessene körperliche Entwicklung erhalten, dann könnte dies die Antwort darstellen auf (…) den Mangel an qualifizierten Lehrern.“ (5)

Vor fast einem Jahrhundert verlangte Dewey (6) ein Schuleintrittsalter von acht Jahren oder später. Vor einem halben Jahrhundert bewies Skeels (7), dass liebevolle, aber geistig zurückgebliebene Teenager bemerkenswert gute Lehrer abgaben. Vor einem Vierteljahrhundert zeigte Geber (8), dass Mütter im afrikanischen Busch Kinder grosszogen, die sozial und geistig aufgeweckter waren als Elite-Kinder, deren Eltern sich einen Kindergarten leisten konnten. Zuneigung war der Schlüssel. Noch später bewiesen Mermelstein u.a. (9), dass mindestens bis zum Alter von neun oder zehn Jahren Kinder, die zur Schule gingen, keine besseren Leistungen erbrachten als Kinder, die nicht zur Schule gingen. De Rebello (unveröffentlichte Daten, Januar 1985) berichtete, dass Schulabbrecher, die Arbeit finden, Gleichaltrigen im geistigen und sozialen Auffassungsvermögen voraus sind.

Nur wenige konventionelle Erzieher verstehen diese Situation. Wir verstehen nicht wirklich den Schaden, den die Frustration anrichtet oder der Entzug der Möglichkeiten zum freien Entdecken. Wir verstehen auch nicht wirklich den Wert menschlicher Wärme als motivierenden Faktor zum Lernen, noch die Mentoren-Methode, der während der ganzen Geschichte keine andere Methode gleichkam. Eine Studie der Universität von Kalifornien, Los Angeles (10), von 1016 Staatsschulen fand, dass die Lehrer im Durchschnitt nur sieben Minuten pro Tag im persönlichen Austausch mit ihren Schülern verbrachten. Das bedeutet lediglich eine oder zwei persönliche Reaktionen pro Schüler. Im Kontrast dazu bewegen sich unsere Zählungen von persönlichen Reaktionen auf Kinder, die zuhause ausgebildet werden, im Rahmen von etwa 100 bis über 300 pro Tag.

Wir sollten also nicht schockiert sein über den Bericht des Smithsonian-Instituts (11) über die Entwicklung von Genies, welcher das folgende dreiteilige Erfolgsrezept anbietet:
1) Viel Zeit verbringen mit liebevollen, aufmerksamen Eltern und anderen Erwachsenen,
2) Sehr wenig Zeit verbringen mit Gleichaltrigen,
3) Viele Gelegenheiten zu freiem Entdecken, mit elterlicher Orientierungshilfe.
Der Leiter dieser Studie, Harold McCurdy, schloss:

„Die Massen-Bildung unseres Staatsschulsystems ist auf seine Art ein grossangelegtes Experiment darüber (…), alle drei Faktoren auf ein Minimum zu reduzieren; dementsprechend tendiert es dazu, das Vorkommen von Genies zu vermeiden.“ (11)

An der Moore-Stiftung erhielten wir kürzlich die gerichtlich überprüften standardisierten Prüfungsnoten von Kindern, deren Eltern verhaftet worden waren, weil sie ihre Kinder zuhause ausbildeten. Die meisten dieser Eltern hatten ein niedriges Einkommen und eine unterdurchschnittliche formelle Schulbildung; aber die Durchschnittsnoten der Kinder lagen bei 80,1%, d.h. 30 Prozentpunkte höher als bei durchschnittlichen Schulkindern.
(Anm.d.Ü: Dieser Artikel wurde zu einer Zeit geschrieben, als Homeschooling in den meisten Bundesstaaten der USA noch verboten war. Inzwischen sind breit abgestützte Daten über die akademischen Leistungen von zuhause ausgebildeten Kindern verfügbar, welche dieses Ergebnis bestätigen. Siehe dazu den 
Fraser-Report.)

Kleinkinder lernen tatsächlich sehr schnell, wie allgemein geglaubt wird – aber nur im Rahmen ihrer Reife. Ein Kind, das erkenntnismässige Reife mit zusätzlichen acht bis zehn Jahren freier Entdeckungsmöglichkeiten kombinieren kann, wird tausende von „Lern-Anknüpfungspunkten“ entwickelt haben, sowie die Fähigkeit, schlüssig zu denken – was für ein Kleinkind unmöglich ist. Kinder, die diese Reife nicht haben und in ein Schulzimmer eingesperrt werden, werden oft ängstlich, frustriert, und schliesslich „lernbehindert“.

Gemeinschaftsfähigkeit

Heute wird allgemein angenommen, um gemeinschafts- und gesellschaftsfähig zu werden, müssten Kinder der „Gemeinschaft“ einer Schule unterworfen werden. Aber reproduzierbare Beweise zeigen deutlich in die entgegengesetzte Richtung. Untersuchungen von Cornell (12) fanden, dass Kinder, die bis zum Alter von 11 bis 12 Jahren mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringen als mit ihren Eltern, von Gleichaltrigen abhängig werden. Durch eine solche Unterordnung unter die Werte der Kameraden gehen vier Eigenschaften verloren, die für eine gute geistige Gesundheit und positive Gemeinschaftsfähigkeit unentbehrlich sind: Selbstwert, Optimismus, Respekt vor den Eltern, und Vertrauen auf Kameraden.

Dieser Verlust ist insbesondere bei Jungen Grund zu äusserster Besorgnis inbezug auf ihre intellektuelle Entwicklung, ihr Verhalten und ihre Gemeinschaftsfähigkeit. Obwohl allgemein bekannt ist, dass Jungen sich langsamer entwickeln, fordern wir dennoch ihren Schuleintritt im selben Alter wie für Mädchen. In den letzten Jahren deuteten viele Untersuchungsberichte darauf hin, dass für Jungen das Risiko um ein Mehrfaches grösser ist als für Mädchen, in der Schule zu versagen, kriminell zu werden, oder akut hyperaktiv. Kürzlich (Education Week, 14.März 1984, S.19) wurde gefunden, dass in amerikanischen Sekundarschulen in den Klassen für psychisch Geschädigte auf jedes Mädchen acht Jungen kommen, und in den Nachhilfegruppen befinden sich 13-mal so viele Jungen wie Mädchen. Der Selbstwert, die männliche Identität und der Respekt vor Frauen gehen verloren, was sehr unglückliche Ergebnisse sind, insbesondere in der heutigen Gesellschaft.

Eine Lösung, die dem gesunden Menschenverstand entspricht

Wir brauchen mehr Elternbildung und weniger Institutionalisierung von Kindern. Im Wiederaufblühen der Homeschool-Bewegung haben Hunderttausende von Eltern ihre Erziehungsaufgabe neu ernst genommen, und begannen liebevoll die Entwicklungsbedürfnisse ihrer Kinder zu untersuchen. Das Ergebnis sind leistungsstärkere, besser erzogene und selbstverantwortliche Kinder.

Einige wenden ein, dass das „Head Start“-Programm doch funktioniert. Aber die Ypsilanti-Studie, das einzige Langzeitexperiment, das konsequent auf „Head Start“ aufgebaut ist, bezieht das Elternhaus sehr viel stärker ein als andere typische Programme. Sogar Schlüsselpersonen in der Gründung von „Head Start“ wie Bloom und Nimnicht loben jetzt die Familie als den besten Lernort, und die Eltern als die besten Lehrer. (13, 14) Hinsichtlich der körperlichen Gesundheit und des Verhaltens – Exponiertheit gegenüber Krankheiten (Wall Street Journal, 5.Sept.1984) und gegenüber negativen aggressiven Handlungen – ist die Familie 15-mal sicherer als die durchschnittliche Kindertagesstätte. (15)

Folgende Vorschläge können uns helfen, die geistige und psychische Gesundheit unserer Kinder zu verbessern:

1) Mehr Familie und weniger formelle Schule.

2) Mehr freies Entdecken, mit der Orientierungshilfe von liebevollen, aufmerksamen Eltern; und weniger Einschränkungen durch Schulzimmer und Bücher.

3) Mehr Sorge um die nötige Reife zum Lesenlernen und um die Denkfähigkeit; und weniger „Training“ zum blossen Wiederholen.

4) Mehr Hilfe für Eltern, die ihre Kinder selber erziehen; und weniger für die frühe Institutionalisierung von Kindern.

5) Mehr Priorität für die Erziehung von Kindern; und weniger für materielle Wünsche.

6) Mehr altmodische Hausarbeit – wo Kinder und Eltern zusammenarbeiten -, und weniger Wettkampfsport und Unterhaltung.

Einigen Erziehern und Eltern mögen solche Ideen prosaisch oder langweilig erscheinen – wie die alte Farm, die Al Hafed verliess. Aber jedermann mag Diamanten, und diese alte Farm kann ein aufregender Ort sein. Alles andere ist möglicherweise mehr Kindsmisshandlung als Bildung.

Quellenangaben

1. Moore RS: School Can Wait. Provo, Utah, Brigham Young University Press, 1979, pp 175-186
2. The Adult Performance Level Project (APL). Austin, Texas, University of Texas, 1983
3. Elkind D: The case for the academic preschool: Fact or fiction: Young Child 1970; 25:180-188.
4. Rohwer WD Jr.: Prime time for education: Early childhood or adolescence? Harvard Education Rev 1971;41:316-341
5. Fisher JT, Hawley LSH: A Few Buttons Missing. Philadelphia JB Lippincott, 1951, p 14.
6. Dewey J: The primary education fetish. Forum 1898; 25:314-328
7. Skeels HM: Adult Status of Children with Contrasting Early Life Experiences: A  follow-up study. Chicago, Univ. of Chicago Press, 1966.
8. Geber M: The psycho-motor development of African children in the first year, and the influence of maternal behavior. J Soc Psychol 1958;47: 185-195
9. Mermelstein E, Shulman LS: Lack of formal schooling and the acquisition of conversation. Child Dev 1967;38:39-52
10. Goodlad JI: A study of schooling: Some findings and hypotheses. Phi Delta Kappan 1983;64(7):465
11. McCurdy HG: The childhood pattern of genius. Horizon 1960;2:33-38
12. Bronfenbrenner U: Two Worlds of Childhood; US and USSR. New York, Simon and Schuster, 1970, pp97-101.
13. Bloom BS: All Our Children Learning. Wash. DC, McGraw-Hill, 1980
14. Hoffman BH: Do you know how to play with your child? Women’s Day 1972; 46:118-120.
15. Farran D: Now for the bad news… Parents Magazin1982 (Sept.)

Anm.d.Ü: Das englische Original dieses Artikels wurde gefunden auf http://www.moorefoundation.com. Zuerst veröffentlicht im „Journal of School Health“, Februar 1986.

Paul Lockhart: Mathematik in der Schule (Fortsetzung)

3. Februar 2014

Auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart (Siehe Vorwort zum 1.Teil)

Wie sollen wir also unsere Schüler Mathematik lehren? – Indem wir begeisternde und natürliche Probleme finden, die ihrem Geschmack, ihrer Persönlichkeit und ihrem Mass an Erfahrung entsprechen. Indem wir ihnen Zeit geben, Entdeckungen zu machen und Vermutungen zu formulieren. Indem wir ihnen helfen, ihre Argumente zu verfeinern, und eine Umgebung gesunder mathematischer Kritik schaffen. Indem wir flexibel sind und offen für plötzliche Richtungsänderungen je nach der Neugier der Schüler. Kurz, indem wir eine ehrliche intellektuelle Beziehung eingehen mit unseren Schülern und unserem Unterrichtsfach.

Natürlich ist das aus mehreren Gründen unmöglich. Abgesehen davon, dass die standardisierten Prüfungen dem Lehrer praktisch keinen Freiraum mehr lassen, bezweifle ich auch, dass die meisten Lehrer überhaupt eine so intensive Beziehung zu ihren Schülern eingehen wollen. Das erfordert zuviel Verletzbarkeit und zuviel Verantwortung – kurz, es ist zuviel Arbeit!

(…)

Mathematik ist aber tatsächlich harte kreative Arbeit, ebenso wie Malerei oder Dichtung. Deshalb ist sie sehr schwer zu lehren. Mathematik ist ein langsamer, gedankenvoller Prozess. Es braucht Zeit, ein Kunstwerk herzustellen; und nur ein geübter Lehrer kann ein solches erkennen. Es ist einfacher, eine Liste von Regeln aufzustellen, als werdende junge Künstler anzuleiten.
Mathematik ist eine Kunst, und Kunst sollte von tätigen Künstlern gelehrt werden, oder zumindest von Menschen, welche die Kunstform wertschätzen und sie erkennen können, wenn sie sie sehen. Warum akzeptieren wir Mathematiklehrer, die nie in ihrem Leben ein eigenes originales Stück Mathematik produziert haben, nichts über die Geschichte und Philosophie ihres Faches wissen, nichts über die neusten Entwicklungen, nichts, was über das hinausgeht, was sie ihren unglücklichen Schülern vorsetzen müssen? Was für ein Lehrer ist das? Wie kann jemand etwas lehren, was er selber nicht ausübt?

(…) Lehren hat nicht mit Informationsvermittlung zu tun. Es bedeutet, eine ehrliche intellektuelle Beziehung zu den Schülern zu haben. Es erfordert keine Methode, keine Hilfsmittel, und keine Ausbildung. Nur die Fähigkeit, echt zu sein. Und wenn Sie nicht echt sein können, dann haben Sie kein Recht, sich unschuldigen Kindern aufzunötigen.
Insbesondere kann man das Lehren nicht lehren. Lehrerseminare sind ein völliger Unsinn. Ja, Sie können Entwicklungspsychologie und alles mögliche lernen, und Sie können darauf trainiert werden, eine Wandtafel „effizient“ zu benützen und einen geordneten „Lektionenplan“ zu erarbeiten (was übrigens sicherstellt, dass Ihre Lektionen geplant sein werden und somit nicht mehr echt); aber Sie werden nie ein wirklicher Lehrer sein, wenn Sie nicht dazu bereit sind, als Person echt zu sein. Lehren bedeutet Offenheit und Ehrlichkeit, die Fähigkeit, Begeisterung zu teilen, und eine Liebe zum Lernen. Wenn Sie dies nicht haben, dann werden Ihnen alle Lehrertitel der Welt nicht helfen; und wenn Sie diese Dinge haben, dann sind Lehrertitel völlig unnötig.

.

SIMPLICIO: Gut, ich verstehe, dass Mathematik mit Kunst zu tun hat, und dass wir diese nicht gerade gut vermitteln. Aber ist das nicht zuviel verlangt von unserem Schulsystem? Wir wollen ja keine Philosophen ausbilden, wir wollen nur, dass die Leute die grundlegenden Rechenfertigkeiten erlernen, die sie in unserer Gesellschaft brauchen.

SALVIATI: Aber das ist nicht wahr! Die Schulmathematik beschäftigt sich mit vielen Dingen, die nichts zu tun haben mit der Fähigkeit, in der Gesellschaft klarzukommen – z.B. Algebra oder Trigonometrie. Diese sind völlig irrelevant für das Alltagsleben. Ich schlage einfach vor, dass wenn wir solche Dinge einführen, dass wir es auf organische und natürliche Weise tun. (…) Wir lernen Dinge, weil sie uns jetzt interessieren, nicht weil sie später nützlich sein könnten. Aber genau das verlangen wir von den Kindern in Mathematik.

SIMPLICIO: Aber sollten Drittklässler nicht rechnen können?

SALVIATI: Warum? Möchtest du sie trainieren, dass sie 427 + 389 zusammenzählen können? Das ist nicht die Art von Fragen, die Achtjährige normalerweise stellen. Sogar viele Erwachsene verstehen den Stellenwert im Dezimalsystem nicht wirklich, und du erwartest von Achtjährigen, eine klare Vorstellung davon zu haben? Oder kümmert es dich nicht, ob sie es verstehen? Es ist einfach zu früh für diese Art von technischem Training. Man kann es natürlich tun, aber letztlich schadet es den Kindern mehr, als es ihnen nützt. Es wäre viel besser zu warten, bis ihre eigene natürliche Neugier über Zahlen erwacht.

SIMPLICIO: Was sollen wir dann mit kleinen Kindern im Mathematikunterricht tun?

SALVIATI: Lasst sie spielen! Lehrt sie Schach und Go, Hex und Backgammon, Nim, oder was immer. Erfindet eigene Spiele. Löst Puzzles und Rätsel. Konfrontiert sie mit Situationen, wo sie deduktiv überlegen müssen. Sorgt euch nicht um Notationsweisen und Techniken. Helft ihnen, zu aktiven und kreativen mathematischen Denkern zu werden.

SIMPLICIO: Das scheint mir ein schreckliches Risiko zu sein. Wenn unsere Schüler dann nicht einmal mehr zu- und wegzählen können, was dann?

SALVIATI: Ich denke, es ist ein viel grösseres Risiko, die Schulen von jedem kreativen Ausdruck zu entleeren, wo die Schüler nur noch Daten, Formeln und Wörterlisten auswendig lernen. (…)

SIMPLICIO: Aber es gibt doch ein gewisses mathematisches Grundwissen, das ein gebildeter Mensch kennen sollte.

SALVIATI: Ja, und das wichtigste davon ist das Wissen, dass Mathematik eine Kunstform ist, die die Menschen zu ihrem eigenen Vergnügen ausüben! Ja, es ist gut, wenn die Menschen etwas über Zahlen und Formen wissen. Aber das gewinnt man nicht durch stures Auswendiglernen. Man lernt Dinge, indem man sie tut, und du behältst im Gedächtnis, was dir wichtig ist. Millionen von Erwachsenen haben mathematische Formeln in ihren Köpfen, aber sie haben keine Ahnung, was sie bedeuten. Sie hatten nie die Gelegenheit, solche Dinge selber zu entdecken oder zu erfinden. (…) Sie hatten nicht einmal Gelegenheit, über einer Frage neugierig zu werden, denn die Frage wurde beantwortet, bevor sie gestellt wurde.

SIMPLICIO: Aber wir haben nicht so viel Zeit, dass jeder Schüler die ganze Mathematik selber erfinden könnte! Die Menschheit brauchte Jahrhunderte, um den Satz von Pythagoras zu entdecken. Wie soll ein durchschnittliches Schulkind das schaffen?

SALVIATI: Das erwarte ich gar nicht. Verstehe mich recht. Ich beklage mich darüber, dass Kunst und Erfindung, Geschichte und Philosophie, Zusammenhang und Perspektive überhaupt nicht vorkommen im Mathematiklehrplan. Damit sage ich nicht, Notierung, Techniken und Kenntnisse seien unwichtig. Natürlich sind sie wichtig. Wir brauchen beides. (…) Aber die Menschen lernen besser, wenn sie am Prozess beteiligt sind, der die Ergebnisse hervorbringt.

(…)

Der Mathematiklehrplan

(…) Das Auffälligste am Mathematiklehrplan ist seine Starrheit. Überall werden genau dieselben Dinge in genau derselben Weise und Reihenfolge gesagt und getan. Das hat zu tun mit dem „Leitern-Mythos“ – die Idee, Mathematik könne als eine Reihe von „Themen“ angeordnet werden, von denen jedes ein wenig fortgeschrittener oder „höher“ sei als das vorhergehende. Dadurch wird die Schulmathematik zu einem Wettrennen – einige Schüler sind den anderen „voraus“, und die Eltern anderer fürchten, ihr Kind könnte „zurückbleiben“. Aber wohin genau führt dieses Rennen? Worin besteht die Ziellinie? Es ist ein trauriges Rennen nach Nirgendwo. Am Ende bist du um eine mathematische Bildung betrogen worden, und du weisst es nicht einmal.
Echte Mathematik wird nicht in Konservenbüchsen geliefert. Probleme führen dich dahin, wohin du ihnen folgst. Kunst ist kein Wettrennen. (…)

Anstelle von Entdeckungsreisen haben wir Regeln und Reglemente. Wir hören nie einen Schüler sagen: „Ich war neugierig, was geschieht, wenn man eine Zahl in eine negative Potenz erhebt, und fand heraus, dass es Sinn macht, wenn man darunter den Kehrwert versteht.“ Stattdessen präsentieren Lehrer und Schulbücher die „Regel für negative Exponenten“ als fait accompli, ohne etwas über die Ästhetik dieser Wahl zu sagen, oder wie man darauf kommen kann.

(…) Anstelle eines natürlichen Problemzusammenhangs, in welchem die Schüler selber entscheiden können, welchen Sinn sie ihren Worten geben wollen, werden sie einer endlosen Folge von unbegründeten A-Priori-„Definitionen“ unterworfen. Der Lehrplan ist besessen von Nomenklatur, anscheinend zu dem einzigen Zweck, dem Lehrer Prüfungsstoff zu liefern. Kein Mathematiker in der ganzen Welt würde solche sinnlosen Unterscheidungen machen: 2 1/2 ist eine „gemischte Zahl“, während 5/2 ein „unechter Bruch“ ist. Die beiden Zahlen sind ganz einfach gleich! Es handelt sich um genau dieselbe Zahl mit genau denselben Eigenschaften. Wer, ausser einem Viertklasslehrer, benützt solche Worte?
Natürlich ist es einfacher, die Schüler über ihre Kenntnis einer sinnlosen Definition zu prüfen, als sie zu inspirieren, etwas Schönes zu schaffen und selber den Sinn darin zu finden. Auch wenn wir darin übereinstimmen, dass ein grundlegender gemeinsamer mathematischer Wortschatz wichtig ist, diese Beispiele gehören nicht dazu. Wie traurig, dass Fünftklässler gelehrt werden, statt „Viereck“ oder „vierseitige Form“ „Quadrilateral“ zu sagen (im Englischen), aber dass sie nie in eine Situation kommen, wo sie Wörter wie „Vermutung“ oder „Gegenbeispiel“ gebrauchen könnten.

Anmerkung meinerseits: Hier noch ein etwas exotischeres Beispiel: Wissen Sie, was eine „kodifizierte Zahl“ ist? Nein? Gut, wenn Sie nicht zufällig ein Schulbuchautor für das peruanische (oder irgendein anderes) Erziehungsministerium sind, dann sind Sie entschuldigt, denn niemand sonst gebraucht diesen Begriff. Diese Autoren verstehen unter einer „kodifizierten Zahl“ eine Zahl, die mit den entsprechenden Abkürzungen für „Einer“, „Zehner“, „Hunderter“ usw. geschrieben wird, also z.B. „3T 4H 1Z 8E“.
Und was ist dann eine „dekodifizierte Zahl“? Der gesunde Menschenverstand würde annehmen, es handle sich um die normal geschriebene Zahl, also z.B. „3418“. Aber nein, gemäss den Schulbuchautoren ist eine „dekodifizierte Zahl“ eine „kodifizierte Zahl“, wo statt der Abkürzungen der effektive Stellenwert der Ziffern geschrieben wird, also z.B. „3000 + 400 + 10 + 8“.
Wozu müssen die Kinder derart absurde Begriffe lernen, als ob es sich um äusserst wichtige mathematische Konzepte handle? (Echte Mathematiker gebrauchen diese Begriffe jedenfalls nicht.) Ich hege den Verdacht, solche Wörter seien speziell zu dem Zweck erfunden worden, die völlig unvernünftige Zunahme der Schulstunden während der letzten Jahre zu rechtfertigen.
Rücken wir die Dinge in ihre Perspektive: Diese willkürlich erfundenen Wörter werden in die Gehirne von Zehnjährigen gequetscht, die noch nicht einmal die Namen der häufigsten Pflanzen- und Tierarten ihrer Umgebung kennen, und auch nicht die Namen von allgemein gebräuchlichen Küchengeräten und anderen Haushaltgegenständen. Wahrscheinlich werden sie letztere während ihrer ganzen Schullaufbahn nie kennenlernen, denn sie sind derart beschäftigt mit Schulstunden und Hausaufgaben, dass sie keine Zeit haben, ihren Eltern zuhause etwas zu helfen, oder einen Ausflug aufs Land zu unternehmen und die Natur kennenzulernen. Und ihre Gehirne sind völlig ausgelastet damit, sinnlose Begriffe und Definitionen zu lernen. So denken sie, es sei viel wichtiger zu wissen, was eine „kodifizierte Zahl“ ist, als was ein Salatsieb oder ein Schraubenzieher ist und wozu man diese Dinge benützt.

Sprachlehrer wissen, dass Rechtschreibung und Aussprache am besten im Zusammenhang mit dem Lesen und Schreiben gelernt werden. Geschichtslehrer wissen, dass Namen und Daten uninteressant sind, wenn man den Hintergrund der Ereignisse nicht kennt. Warum ist der Mathematikunterricht im 19.Jahrhundert zurückgeblieben? Vergleichen Sie Ihre Erfahrung des Algebra-Lernens mit Bertrand Russells Erinnerung:

„Ich musste auswendiglernen: ‚Das Quadrat der Summe von zwei Zahlen ist gleich der Summe ihrer Quadrate plus zweimal ihr Produkt.‘ Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, was das bedeutete, und als ich mich nicht an die Worte erinnern konnte, warf mir mein Lehrer das Buch an den Kopf, was meinen Intellekt in keiner Weise förderte.“

Sind die Dinge heute wirklich so anders?