Archive for the ‘Übersetzte Artikel anderer Autoren’ Category

Paul Lockhart: Mathematik in der Schule

11. Januar 2014

Kommentierte auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart

Mathematik in der Schule

Es gibt keinen sichereren Weg dazu, die Begeisterung und das Interesse an einem Thema abzutöten, als es zu einem obligatorischen Schulfach zu machen. Machen wir es zudem zu einem Hauptbestandteil der standardisierten Prüfungen, dann wird das Bildungs-Establishment alles Leben daraus heraussaugen. Schulbehörden verstehen nicht, was Mathematik ist. Ebensowenig verstehen es die Pädagogikexperten, die Schulbuchautoren, die Verlage, und leider verstehen es auch die meisten Mathematiklehrer nicht. Die Reichweite des Problems ist so enorm, dass ich kaum weiss, wo ich beginnen soll.

Beginnen wir mit dem Debakel der Schulreformen. (…) Dieses ganze Gezänk darum, was für „Themen“ in welcher Reihenfolge gelehrt werden sollen, ob diese oder jene Notation verwendet werden soll, oder was für Modelle von Taschenrechnern zu verwenden seien – das ist wie die Stühle auf dem Deck der „Titanic“ umzustellen! Mathematik ist die Musik des Verstandes. Mathematik zu treiben bedeutet, an einem Abenteuer von Entdeckung und Vermutung, Intuition und Inspiration teilzunehmen; in Verwirrung zu kommen – nicht weil Sie keinen Sinn darin sehen, sondern weil Sie ihm einen Sinn gaben und trotzdem noch nicht verstehen, was Ihr Geschöpf tut; eine durchbrechende Idee zu haben; als Künstler frustriert zu sein; von einer fast schmerzhaften Schönheit überwältigt zu sein; lebendig zu sein. Wenn Sie das alles aus der Mathematik wegnehmen, dann können Sie so viele Konferenzen abhalten, wie Sie wollen, es nützt nichts mehr. Ihr Ärzte, operiert soviel Ihr wollt: euer Patient ist bereits tot.

Das Traurigste an diesen „Reformen“ sind die Versuche, „Mathematik interessant zu machen“ und „relevant für das Leben der Kinder“. Mathematik muss nicht interessant gemacht werden – sie ist bereits interessanter, als wir ertragen können! Und ihre Herrlichkeit besteht darin, dass sie für unser Leben überhaupt nicht relevant ist. Deshalb macht sie Spass!

Die Versuche, Mathematik als relevant für das tägliche Leben darzustellen, wirken unvermeidlich gezwungen und gekünstelt: „Seht, Kinder, wenn ihr Algebra könnt, dann könnt ihr herausfinden, wie alt Maria ist, wenn wir wissen, dass sie zwei Jahre älter ist als das Doppelte von ihrem Alter vor sieben Jahren!“ (Als ob jemand irgendwann einmal Zugang zu einer solch lächerlichen Information hätte anstelle von Marias Alter.) – In der Algebra geht es nicht um das tägliche Leben, es geht um Zahlen und Symmetrien – und das ist an und für sich eine wertvolles Unterfangen:

„Nehmen wir an, ich kenne die Summe und die Differenz zweier Zahlen. Wie kann ich diese Zahlen herausfinden?“

Das ist eine einfache und elegante Frage, und sie braucht keine zusätzlichen Anstrengungen, um sie interessant erscheinen zu lassen. Die alten Babylonier hatten Freude daran, an solchen Problemen zu arbeiten, und unsere Schüler ebenso. (Und ich hoffe, Ihnen macht es ebenfalls Spass, darüber nachzudenken!) Wir müssen keine Purzelbäume schlagen, um die Mathematik „relevant“ zu machen. Sie ist ebenso relevant wie jede andere Kunst: als sinnvolle menschliche Erfahrung.

Anmerkung meinerseits: Recht hat Lockhart hier, dass die „Relevanz“ von Schulbuchaufgaben nur vorgetäuscht ist. Warum soll ich Textaufgaben über einen Bauernhof oder einen Kaufladen lösen, wenn meine tatsächliche Umgebung aus einer sterilen Schulbank vor einer Wandtafel besteht? – Anders sieht die Sache aber aus, wenn das Kind tatsächlich eine Zeitlang auf einem Bauernhof leben oder in einem Laden mitarbeiten kann. Die reale Umgebung wird ihm unweigerlich konkrete mathematische Probleme stellen: Wie gross muss ein Eimer sein, um zwei Kühe zu melken? Wieviel Rückgeld muss ich geben? Usw.
Das Problem bei Lockhart scheint mir zu sein, dass er trotz allem an der sterilen Schulzimmerumgebung festhält, die, wie Raymond Moore sagt, höchstens ein zweidimensionales Abbild des wirklichen, dreidimensionalen Lebens bieten kann. Homeschooling bietet dagegen enorm vielfältige Möglichkeiten zu praktischen Tätigkeiten des wirklichen Lebens (wie z.B. die Mithilfe auf einem Bauernhof oder in einem Laden), die, wenn sie entsprechend verwertet werden, immer wieder Anlass zu mathematischem Denken geben. Mathematisches Verständnis sollte sich nicht auf abstrakte Gebilde beschränken. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, mathematische Konzepte in Situationen des praktischen Lebens hinein zu „übersetzen“, und umgekehrt.

Hier ein authentisches Beispiel aus unserem Alltag, wie praktische Probleme und mathematische Abstraktion ineinander übergehen und einander gegenseitig bereichern: Eine Nachbarin von uns hatte ein Grundstück gekauft, hegte aber den Verdacht, sie sei bei der Flächenangabe betrogen worden. Sie liess deshalb die Seiten und die Diagonalen genau ausmessen (es handelte sich um ein unregelmässiges Viereck) und kam dann mit den Massen zu meinem ältesten Sohn mit der Bitte, er möge ihr doch die Fläche ausrechnen. Er erkannte sofort, dass eine Diagonale das Viereck in zwei Dreiecke teilt, dessen Seitenlängen nun bekannt sind. Er wusste aber nicht, wie man daraus die Fläche ausrechnen kann. „Wenn wir nur die Höhe des Dreiecks wüssten!“ – „Aber vielleicht können wir sie ausrechnen. Zeichnen wir sie doch einmal ein, und schreiben wir alles auf, was wir darüber wissen.“

Heron0

– Mit Hilfe des Satzes von Pythagoras und dreier Gleichungen kamen wir so auf eine Formel für die Höhe und damit für die Fläche. Unser Ergebnis sah so aus:

Heron1

und somit:

Heron2

Dann suchten wir in einer Formelsammlung, ob wir etwas Entsprechendes fänden. Einmal um zu überprüfen, ob wir richtig gerechnet hatten, und auch einfach aus Neugier. Wir fanden die Heronsche Flächenformel, die so aussieht:

Heron3

– wobei p den halben Umfang des Dreiecks bedeutet. Diese Formel ist natürlich bedeutend schöner und eleganter als unsere; insbesondere ist sie symmetrisch inbezug auf die drei Seiten a, b und c. Es ist aber nicht auf den ersten Blick einsichtig, ob diese Formel wirklich gleichbedeutend ist mit der unsrigen. Es stellte sich daher die Frage, ob man zeigen kann, dass die beiden Formeln tatsächlich gleichbedeutend sind. Das war nun natürlich eine mathematische Abstraktion, völlig losgelöst von dem praktischen Problem mit dem Grundstück. Wir stellten fest, dass man in unserer Formel den Ausdruck unter der Wurzel in Faktoren zerlegen kann (das war etwas, was mein Sohn damals sowieso am Üben war) und dann nach einigen Umformungen tatsächlich zu der Form kommt, wie sie in der Formelsammlung steht.
So hat mein Sohn die Formel weitgehend selbständig hergeleitet – und erst noch mit Praxisbezug -, mit weitaus grösserem Lerneffekt, als es normalerweise in der Schule geschieht. Ohne es geplant zu haben, haben wir effektiv alle folgenden Lehrplanpunkte „durchgenommen“:
– Elementare Geometrie des Dreiecks und Vierecks
– Satz von Pythagoras
– Lösung eines Gleichungssystems mit mehreren Unbekannten
– Faktorenzerlegung eines algebraischen Ausdrucks, einschliesslich Gebrauch der binomischen Formel für (a+b)2
– Flächenformel nach Heron.
Und unsere Nachbarin war zufrieden, weil sie jetzt wusste, wie gross ihr Grundstück war.

In diesem Problem liegt übrigens eine weitere Forschungsaufgabe, die wir aber (noch) nicht durchgeführt haben: Die alten Griechen kannten ja keine Algebra, sondern führten die meisten mathematischen Schlussfolgerungen und Beweise auf graphisch-geometrische Weise durch. Heron kann also seine Formel nicht auf dem oben beschriebenen Weg gefunden haben. Wie kann man diese Formel rein geometrisch herleiten?

Denken Sie etwa, Kinder wollen wirklich etwas, was für ihr tägliches Leben relevant ist? Denken Sie, sie würden sich für etwas Praktisches wie Zinseszinsen begeistern? Sie erfreuen sich vielmehr an Phantasie, und genau das kann die Mathematik geben – eine Erholung vom täglichen Leben, ein Gegenmittel gegen die Arbeitswelt.

Anmerkung meinerseits: Lockhart erweist sich hier als Nachfolger G.H.Hardys, der kategorisch behauptete, Mathematik sei nur so lange Mathematik, wie sie keine praktische Anwendung habe und nichts mit der tatsächlichen physikalischen Welt zu tun habe. Er weicht damit der Frage aus, woher es dann kommt, dass die Mathematik tatsächlich so genau mit den Gesetzen des physikalischen Universums übereinstimmt. Von einer rein „imaginären“ Gedankenkonstruktion wäre das ja nicht zu erwarten. (Nur ab und zu erwähnt Lockhart beiläufig, dass mathematische Konzepte manchmal im Nachhinein „zufällig“ (?) eine praktische Anwendung finden.)
Die pragmatische Erklärung, Mathematik sei eben aus der Beobachtung der physikalischen Welt und als Antwort auf praktische Notwendigkeiten entstanden, überzeugt dagegen auch nicht. Viele mathematische Konzepte wurden erdacht, lange bevor ihre Übereinstimmung mit physikalischen Gesetzmässigkeiten und ihre Anwendbarkeit hierauf entdeckt wurde. Z.B. untersuchten bereits die alten Griechen die Eigenschaften der Kegelschnitte; aber erst Kepler entdeckte, dass Kegelschnitte die Umlaufbahnen von Planeten und anderen Himmelskörpern exakt beschreiben.
Für mich ist die einleuchtendste Erklärung die christliche: Derselbe Gott, der das Universum erschaffen hat, hat auch die menschlichen Denkstrukturen geschaffen, sodass es notwendigerweise eine Entsprechung zwischen den beiden geben muss.
Daraus folgt aber, dass eine praktische Anwendbarkeit der Mathematik zu erwarten ist, und ebenso, dass mathematisches Denken öfters auch durch praktische Probleme des täglichen Lebens angestossen wird. Das tut der Mathematik als Mathematik keinen Abbruch, ist aber – hierin stimme ich mit Lockhart überein – nicht ihr tieferer Sinn.

Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn Lehrer oder Schulbücher „kindgemäss“ sein wollen. (…) Um den Schülern zu helfen, die Formel für den Kreisumfang zu lernen, erfinden sie z.B. eine Geschichte von einem Hund, der um einen kreisrunden Baum herumläuft und „Pipi“ an seinen Rand macht (U=2pr), oder ähnlichen Unsinn.
Aber was ist mit der wirklichen Geschichte? Die Geschichte vom Kampf der Menschheit mit der Messung von Kurven; von Eudoxus und Archimedes und ihrer Methode der Ausschöpfung; von der Transzendenz der Zahl Pi? Was ist interessanter: den Umfang von Kreisen zu berechnen mit einer Formel, die man von jemandem ohne weitere Erklärung vorgesetzt bekommt, oder die Geschichte eines der schönsten und faszinierendsten Probleme der Menschheitsgeschichte zu hören? Wir heute töten das Interesse der Menschen an Kreisen ab! Welches andere Schulfach wird so gelehrt, ohne jede Erwähnung seiner Geschichte, Philosophie, thematischen Entwicklung, ästhetischen Kriterien, und seines aktuellen Standes? Welches andere Schulfach verachtet seine primären Quellen – herrliche Kunstwerke von einigen der kreativsten Denker der Geschichte – zugunsten von drittklassigen Schulbuchnachahmungen?

Das grösste Problem mit der Schulmathematik ist, dass es in ihr keine Probleme mehr gibt. – Ich weiss, diese faden „Übungen“ werden als Probleme ausgegeben: „Dies ist ein Beispiel für ein Problem. Hier steht, wie man es löst. Ja, das kommt an der Prüfung. Löst die Übungen 1 bis 35 als Hausaufgabe.“ Was für eine traurige Art, Mathematik zu lernen: wie ein abgerichteter Schimpanse.

Aber ein echtes Problem, eine echte, ehrliche, natürliche, menschliche Frage – das ist etwas anderes. Wie lang ist die Diagonale eines Würfels? Hören die Primzahlen nie auf? Ist Unendlich eine Zahl? Auf wieviele Arten kann ich eine Fläche symmetrisch mit Fliesen belegen? – Die Geschichte der Mathematik ist die Geschichte der menschlichen Beschäftigung mit Fragen wie diesen. Nicht des gedankenlosen Wiederkäuens von Formeln und Algorithmen.

Ein gutes Problem besteht darin, dass du nicht weisst, wie man es lösen kann. Das macht es zu einer guten Gelegenheit; zu einem Sprungbrett zu weiteren interessanten Fragen: Ein Dreieck füllt die Hälfte einer Schachtel aus. Wie steht es nun mit einer Pyramide in einer dreidimensionalen Schachtel? Können wir dieses Problem auf ähnliche Weise lösen?

Ich verstehe den Gedanken, die Schüler bestimmte Techniken üben zu lassen. Ich tue das auch. Aber nicht als Selbstzweck. Wie in jeder Kunst, sollten die Techniken in ihrem Zusammenhang eingeübt werden: die grossen Probleme, ihre Geschichte, der kreative Prozess. Geben Sie Ihren Schülern ein gutes Problem und lassen Sie sie damit kämpfen und frustriert werden. Sehen sie, was für Ideen sie hervorbringen. Warten Sie, bis sie verzweifelt nach einer Idee verlangen, und dann geben Sie ihnen eine Technik. Aber nur so viel wie nötig.

Legen Sie also Ihre Lektionenpläne und Ihre Projektoren beiseite, Ihre vierfarbigen Schulbuchgräuel, Ihre CD-ROMs und den ganzen Multimedia-Zirkus der gegenwärtigen Schulbildung, und treiben Sie einfach Mathematik mit Ihren Schülern! Zeichnungslehrer verschwenden ihre Zeit auch nicht mit Schulbüchern und sturem Üben von Techniken. Sie lassen die Kinder zeichnen, gehen von Tisch zu Tisch, machen Vorschläge und geben Rat:

„Ich habe über unser Dreiecksproblem nachgedacht, und habe etwas festgestellt. Wenn das Dreieck so richtig schief liegt, dann füllt es nicht die Hälfte der Schachtel aus! Sehen Sie, hier:“

Lockhart4

„Eine ausgezeichnete Beobachtung! Unsere Erklärung mit dem Zerschneiden geht davon aus, dass die Spitze des Dreiecks über der Grundlinie liegt. Jetzt brauchen wir eine neue Idee.“
„Soll ich versuchen, es auf eine andere Weise zu zerteilen?“
„Bestimmt. Probiere alles mögliche aus. Lass mich wissen, was du herausfindest!“

Anmerkung meinerseits: Lockhart berührt hier einen wesentlichen Punkt: die kindliche Neugier und Phantasie als Antrieb zur Mathematik. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich hatte das Glück, als Kind in mathematischer Hinsicht so frühreif zu sein (und gleichzeitig in einer Zeit zu leben, als Kinder noch nicht so früh eingeschult wurden wie heute), dass ich Gelegenheit hatte, Mathematik zu treiben, bevor ich zur Schule kam, unbeeinflusst von Lehrplänen und schulischen Methoden. Ich erinnere mich noch, wie ich als etwa Sechsjähriger u.a. spielerisch die Eigenschaften der „Dreieckszahlen“ untersuchte (ohne schon auf eine algebraische Formel zu kommen), und ein Heftchen mit Multiplikationstabellen von 1 x 1 bis etwa 20 x 30 füllte, aus reiner Neugier, was für Zahlen dabei herauskommen würden.
Andererseits möchte ich hier ergänzen, dass das kindliche Denken noch nicht zu Abstraktionen neigt. Die kindliche Phantasie entzündet sich an konkreten Gegenständen und Ereignissen seiner Umgebung, und drückt sich meistens in konkreten Darstellungen und Handlungen aus. (Ein klassisches Beispiel ist das freie Spiel mit Gegenständen, wo ein Holzklotz als Haus dienen kann und ein abgebrochener Ast als Pferdchen.) So entsprang z.B. das Konzept der „Dreieckszahlen“ aus konkreten Zeichnungen auf dem Papier, bzw. aus mit Steinchen und anderen Gegenständen gelegten Figuren. Was nicht mehr konkret dargestellt und nachvollzogen werden kann, ist dem kindlichen Verständnis in der Regel nicht zugänglich.
Mir scheint deshalb, Lockhart idealisiert zu sehr, wenn er das kindliche Entdecken der Mathematik direkt dem Forschen eines erwachsenen Mathematikers gleichstellt. Die beteiligten Denkstrukturen sind in diesen Fällen nicht dieselben. Er kommt meines Erachtens der pädagogischen Wirklichkeit näher, wenn er an anderer Stelle (siehe in der nächsten Folge) vorschlägt, den Mathematikunterricht in den unteren Schuljahren hauptsächlich mit (Denk-)Spielen zu verbringen. Hier kann das Kind seine Entdeckungen anhand konkreter Handlungen machen.

 Fortsetzung folgt

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann interessiert Sie sicher auch dieses Buch zum Mathematiklernen durch eigenes Forschen und Entdecken.

Weitere Informationen hier.

Paul Lockhart: Mathematik als Kunst, und das Elend des Mathematikunterrichts

31. Dezember 2013

Vorwort des Übersetzers:

Vor einigen Jahren fand ich im Internet Paul Lockharts „A Mathematician’s Lament“ (Klage eines Mathematikers). Diese Schrift bestätige manche meiner eigenen Gedanken über den Mathematikunterricht an den Schulen, wie ich ihn während der letzten Jahre hauptsächlich aus der Perspektive meiner Nachhilfeschüler kennenlernte. Nachdem ich jahrelang in meiner Umgebung mit meinen Ideen über das Mathematiklernen nur auf Unverständnis stiess, und insbesondere alle Leute, die es eigentlich wissen müssten (d.h. Lehrer und Schulplaner) das Gegenteil vertreten, da begann ich mich allmählich zu fragen, ob wirklich die ganze Welt verrückt ist, oder ob vielleicht ich selber der Verrückte bin. Seit meiner „Entdeckung“ von Lockhart habe ich aber noch weitere solche „Verrückte“ gefunden. Schlechte Nachrichten für den Rest der Welt…
Nun ist Paul Lockhart nicht irgendwer. Er ist ein Berufsmathematiker mit Unterrichtserfahrung sowohl an Universitäten wie auch an Volksschulen in den USA. Er weiss also, wovon er spricht.

Ich habe Lockhart schon bei verschiedenen Gelegenheiten zitiert und möchte jetzt einen längeren Auszug aus seinen Gedanken wiedergeben – mit einigen Kommentaren meinerseits. In manchen Einzelheiten bin ich mit ihm nicht einverstanden, da er offenbar aus einer anderen weltanschaulichen Ecke kommt als ich. Aber in den Grundzügen finde ich seine Schrift gut, wichtig, bereichernd und in gutem Sinne herausfordernd. Ausserdem sind die konstruktiven Ideen, die er neben seiner Schulkritik bringt, auch für die Situation des Homeschooling anwendbar. Das Original ist etwas lang für einen Blog-Artikel (25 A4-Seiten), weshalb ich mich auf die wichtigsten Auszüge beschränke; ein ganzes Kapitel (über Beweisführung und Formalismus in der Geometrie) habe ich weggelassen.


Kommentierte auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart:

Der Alptraum eines Musikers

Ein Musiker erwacht aus einem schrecklichen Alptraum. In seinem Traum befindet er sich in einer Gesellschaft, wo der Musikunterricht obligatorisch gemacht wurde. „Wir helfen unseren Schülern, konkurrenzfähiger zu werden in einer immer mehr mit Geräuschen erfüllten Welt.“ Erzieher, Schulsysteme und der Staat werden für dieses wichtige Projekt verantwortlich gemacht. Untersuchungen werden in Auftrag gegeben, Kommissionen werden gebildet, und Entscheidungen werden getroffen – alles ohne den Rat oder die Mitwirkung auch nur eines einzigen ausübenden Musikers oder Komponisten.

Da Musiker ihre Ideen in der Form von Musiknoten ausdrücken, müssen diese seltsamen Linien und Punkte als „die Sprache der Musik“ angesehen werden. Es ist notwendig, dass die Schüler diese Sprache beherrschen, wenn sie irgendeinen Grad musikalischer Fähigkeit erreichen sollen. Ja, es wäre einfach lächerlich, von einem Kind zu erwarten, dass es ein Lied singt oder ein Instrument spielt, ohne zuerst gründlich in Notenschrift und Musiktheorie geschult zu sein. Musik zu spielen und zu hören, und erst recht eigene Stücke zu komponieren, sind sehr fortgeschrittene Themen, die erst auf Gymnasial- und Hochschulstufe behandelt werden können.

Primar- und Sekundarschule hingegen haben die Aufgabe, die Schüler in diese Musiksprache einzuführen. „Im Musikunterricht nehmen wir unser Notenpapier und schreiben Noten von der Tafel ab oder transponieren sie in eine andere Tonart. Wir müssen die Notenschlüssel und Vorzeichen richtig schreiben und anwenden, und unser Lehrer kontrolliert streng, dass wir die Viertelnoten vollständig ausfüllen. Einmal hatten wir ein schwieriges Problem über chromatische Tonleitern, und ich hatte es richtig gelöst, aber mein Lehrer gab mir eine schlechte Note, weil die Notenhälse auf die falsche Seite zeigten.“

(…)
In den höheren Schuljahren nimmt der Druck erst recht zu. Um ans Gymnasium zu kommen, müssen die Schüler Rhythmus- und Harmonielehre und den Kontrapunkt beherrschen. „Es ist eine Menge Lernstoff; aber wenn sie dann am Gymnasium endlich richtige Musik zu hören bekommen, dann werden sie diese Arbeit der früheren Schuljahre wertschätzen.“ – Natürlich werden sich nur wenige Schüler auf Musik spezialisieren, sodass nur wenige überhaupt die Töne zu hören bekommen werden, die durch die schwarzen Notenköpfe dargestellt werden. „Um die Wahrheit zu sagen: die meisten Schüler sind nicht besonders gut in Musik. Die Schulstunden langweilen sie, und ihre Hausaufgaben sind kaum lesbar. Es scheint sie gar nicht zu interessieren, wie wichtig die Musik in der heutigen Welt ist.“ (…)

Der Musiker wacht schweissgebadet auf und wird sich dankbar bewusst, dass es nur ein verrückter Traum war. „Natürlich!“ ruft er aus. „Keine Gesellschaft würde je eine so schöne und sinnreiche Kunst auf so etwas Geistloses und Triviales reduzieren. Keine Kultur kann so grausam zu ihren Kindern sein, dass sie ihnen auf solche Weise ein natürliches, befriedigendes Mittel menschlichen Ausdrucks vorenthielte. Wie absurd!“

(…)

Aber leider ist unser gegenwärtiger Mathematikunterricht genau ein solcher Alptraum. Wenn ich eine Strategie entwickeln müsste, um die natürliche Neugier eines Kindes und seine Liebe zum Erfinden von Mustern zu zerstören, dann könnte ich keine bessere Lösung dafür finden als die gegenwärtige Schule. Ich könnte gar nicht auf derartige sinnlose und seelenzerstörerische Ideen kommen, wie sie den gegenwärtigen Mathematikunterricht prägen.
Jedermann weiss, dass etwas falsch läuft. Die Politiker sagen: „Wir brauchen höhere Anforderungen.“ Die Schulen sagen: „Wir brauchen mehr Geld und Ausrüstung.“ Die Pädagogikexperten sagen das eine, und die Lehrer das andere. Aber sie haben alle unrecht. Die einzigen, die verstehen, was vorgeht, sind jene, die meistens beschuldigt und nie um ihre Meinung gefragt werden: die Schüler. Sie sagen: „Die Mathematikstunden sind dumm und langweilig“, und sie haben recht.


Mathematik und Kultur

Zuallererst müssen wir verstehen, dass Mathematik eine Kunst ist. Der Unterschied zwischen der Mathematik und anderen Künsten wie Musik oder Malerei besteht lediglich darin, dass unsere Kultur sie nicht als Kunst erkennt. Jedermann versteht, dass Dichter, Maler und Musiker Kunstwerke schaffen. Unsere Gesellschaft ist sogar recht grosszügig im Bereich der Kreativität: Architekten, Köche und sogar Fernsehdirektoren werden als Künstler bezeichnet. Warum also nicht auch die Mathematiker?

Ein Teil des Problems besteht darin, dass niemand weiss, was Mathematiker eigentlich tun. Nach der allgemeinen Auffassung scheinen sie irgendwie mit der Wissenschaft verbunden zu sein – vielleicht helfen sie den Wissenschaftern mit ihren Formeln, oder füttern Computer zu irgendeinem Zweck mit grossen Zahlen. Die meisten Menschen ordnen Mathematiker den „rationalen Denkern“ zu, im Gegensatz zu den „poetischen Träumern“.

In Wirklichkeit aber gibt es nichts Träumerischeres, Poetischeres, Radikaleres, Subversiveres und Psychedelischeres als die Mathematik. Sie ist ebenso überwältigend wie die Kosmologie und die Physik (die Mathematiker erfanden Schwarze Löcher lange bevor die Astronomen tatsächlich welche entdeckten), und erlaubt mehr Ausdrucksfreiheit als die Dichtung oder die Musik (welche stark von den Eigenschaften des physikalischen Universums abhängen). Mathematik ist die reinste aller Künste, und zugleich die am meisten missverstandene.

Ich möchte also zu erklären versuchen, was Mathematik ist, und was Mathematiker tun. Eine ausgezeichnete Beschreibung stammt von G.H.Hardy:

„Ein Mathematiker ist wie ein Maler oder ein Dichter ein Schöpfer von Mustern. Wenn seine Muster dauerhafter sind als Dichtung oder Musik, dann liegt das daran, dass sie aus Ideen bestehen.“

Mathematiker schaffen also Muster aus Ideen. Was für Ideen? Ideen über Nashörner? Nein, die überlassen wir den Biologen. Ideen über Sprache und Kultur? Nein, normalerweise nicht. Diese Dinge sind viel zu kompliziert für den Geschmack der meisten Mathematiker. Wenn es ein allgemeines ästhetisches Prinzip in der Mathematik gibt, dann dieses: Einfach ist schön. Die Mathematiker denken gerne über die einfachst möglichen Dinge nach, und die einfachst möglichen Dinge sind imaginär.

Anmerkung meinerseits: Diese Aussagen über Mathematik als Kunst und als entdeckerisch-kreativer Prozess mögen Lesern, deren Freude an der Mathematik durch langweilige Schulstunden verdorben wurde, als weit hergeholt erscheinen. Aber eben: das Problem liegt nicht bei der Mathematik, es liegt bei der Schule. Ich möchte dem Leser sehr ans Herz legen, das untenstehende Beispiel Lockharts mitzudenken und nachzuvollziehen, um zu verstehen, worum es beim „mathematischen Prozess“ eigentlich geht.
– Ich würde hier noch einen Schritt weitergehen und sagen: Mathematik, richtig verstanden, ist eine Form der Anbetung, die darin besteht, „Gottes Gedanken Ihm nachzudenken“ (wie Johannes Kepler sagte). So empfanden es grosse Wissenschafter der Vergangenheit wie Newton, Kepler oder Maxwell, angesichts der mathematischen Gesetze, die das Universum regieren. Sie sahen in der Mathematik einen Widerhall der „Dekrete Gottes“, welche die Welt aufrechterhalten.

Wenn ich z.B. Lust habe, über Formen nachzudenken – was oft vorkommt – , dann könnte ich mir ein Dreieck in einer rechteckigen Schachtel vorstellen:

Lockhart1

Ich frage mich, wieviel von dieser Schachtel das Dreieck ausfüllt? Vielleicht zwei Drittel?
Es ist hier wichtig zu verstehen, dass ich nicht über diese Zeichnung von einem Dreieck in einer Schachtel spreche. Ich spreche auch nicht von einem Metalldreieck als Teil einer Brückenverstrebung. Ich habe keinen praktischen Vorsatz; ich spiele einfach. Das ist Mathematik: Neugierig sein, spielen, mich mit meinen Vorstellungen unterhalten.
Die Frage, wieviel von der Schachtel das Dreieck ausfüllt, hat zunächst nicht einmal einen Sinn, wenn man sie auf tatsächliche physikalische Gegenstände bezieht. Sogar ein mit höchster Präzision hergestelltes wirkliches Dreieck ist eine hoffnungslos komplizierte Sammlung von umherschwingenden Atomen, die ständig ihre Form ändert. Ausser natürlich, wenn wir über irgendwie angenäherte Masse sprechen wollen. Aber da bekommen wir es mit aller Art von Einzelheiten der wirklichen Welt zu tun. Das überlassen wir den Wissenschaftern. Die mathematische Frage handelt von einem imaginären Dreieck in einer imaginären Schachtel. Seine Seiten sind vollkommen, weil ich sie so haben möchte. Das ist ein wichtiges Thema in der Mathematik: Die Dinge sind so, wie Sie sie haben möchten. Sie haben endlose Wahlmöglichkeiten; die Wirklichkeit kommt Ihnen nicht in die Quere.

Wenn Sie andererseits einmal eine Wahl getroffen haben (z.B. ob Ihr Dreieck symmetrisch sein soll oder nicht), dann tun Ihre Geschöpfe, was sie von sich aus tun, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Das ist das Erstaunliche an den imaginären Mustern: sie geben Ihnen Antwort! Das Dreieck füllt einen bestimmten Anteil der Schachtel aus, und ich kann nicht darüber bestimmen, wie gross dieser Anteil ist. Es ist eine ganz bestimmte Zahl, und ich muss herausfinden, wie gross sie ist.

Wir fangen also an zu spielen und uns vorzustellen, was wir wollen, und bilden Muster und stellen Fragen darüber. Aber wie beantworten wir die Fragen? Das ist nicht wie in der Wissenschaft. Ich kann kein Experiment mit Reagenzgläsern und Maschinen machen, das mir die Wahrheit über ein Gebilde meiner Vorstellung sagt. Fragen über unsere Vorstellungen können nur mit Hilfe unserer Vorstellungen beantwortet werden, und das ist harte Arbeit.

In dem Beispiel mit dem Dreieck sehe ich etwas Einfaches und Schönes:

  Lockhart2

Wenn ich das Rechteck auf diese Weise in zwei Rechtecke zerschneide, dann sehe ich, dass jeder Teil seinerseits von einer Dreiecksseite diagonal in zwei Hälften zerschnitten wird. Innerhalb des Dreiecks ist also genauso viel Platz vorhanden wie ausserhalb. Das bedeutet, dass das Dreieck genau die Hälfte der Schachtel ausfüllt!

So sieht und fühlt sich ein Stück Mathematik an. Die Kunst des Mathematikers besteht darin, einfache und elegante Fragen zu stellen über unsere imaginären Geschöpfe, und befriedigende und schöne Erklärungen zu finden. Dieser Bereich der reinen Ideen ist faszinierend, macht Spass und kostet nichts!

Woher kam nun diese meine Idee? Wie kam ich darauf, diese zusätzliche Linie zu zeichnen? Wie weiss ein Maler, wo er seinen Pinsel ansetzen soll? Inspiration, Erfahrung, Versuch und Irrtum, oder einfach Glück. Das ist die ganze Kunst; eine Kunst, die Dinge in andere umwandelt. Das Verhältnis zwischen dem Rechteck und dem Dreieck war ein Geheimnis, und dann machte eine einzige kleine Linie es offenbar. Zuerst konnte ich es nicht sehen, und dann sah ich es plötzlich. Irgendwie konnte ich aus dem Nichts eine tiefgründige, einfache Schönheit schaffen, und ich selber wurde in dem Prozess verändert. Ist es nicht das, worum es bei aller Kunst geht?

Deshalb ist es so herzzerreissend zu sehen, was der Mathematik in der Schule angetan wird. Dieses reichhaltige und faszinierende Abenteuer der Vorstellungskraft wird reduziert auf eine sterile Sammlung von „Daten“, die auswendiggelernt werden müssen, und Prozeduren, die angewandt werden müssen. Anstelle einer einfachen und natürlichen Frage über Formen, und eines kreativen und lohnenden Prozesses von Erfindung und Entdeckung, wird den Schülern Folgendes vorgesetzt:

Lockhart3
Flächenformel des Dreiecks: F = 1/2 b h

„Die Fläche eines Dreiecks ist gleich des halben Produktes aus dessen Grundlinie und dessen Höhe.“ Die Schüler müssen diese Formel auswendiglernen und sie dann in unzähligen Übungen „anwenden“. Damit ist jede Spannung und jede Freude weg, und sogar die Anstrengung und Frustration des kreativen Prozesses. Es gibt hier nicht einmal mehr ein Problem. Die Frage wurde im selben Atemzug gestellt und beantwortet – dem Schüler bleibt nichts mehr zu tun übrig.

Lassen Sie mich klarstellen, wogegen ich mich ausspreche. Ich bin nicht gegen Formeln, noch gegen das Lernen interessanter Tatsachen. Das alles ist in seinem Zusammenhang gut, und hat seinen Platz, so wie das Wörterlernen in einer Fremdsprache seinen Platz hat: Es hilft einem, reichere und detailliertere Kunstwerke zu schaffen. Aber das Entscheidende hier ist nicht die Tatsache, dass das Dreieck die Hälfte der Schachtel ausfüllt. Das Entscheidende ist die schöne Idee, es mit dieser Linie zu unterteilen. Das kann andere schöne Ideen inspirieren und zu kreativen Durchbrüchen in anderen Problemen führen. Eine reine Darstellung der Tatsache kann das nicht.

Wenn wir den kreativen Prozess weglassen und nur dessen Ergebnis übriglassen, dann wird niemand innerlich daran beteiligt sein. Es ist wie wenn man mir sagt, Michelangelo hätte eine schöne Skulptur geschaffen, mich aber die Skulptur selber nicht sehen lässt. Wie soll ich davon inspiriert werden? (In Wirklichkeit ist es sogar noch schlimmer. Wenn man von Michelangelo spricht, dann verstehe ich zumindest, dass es die Kunst der Skulptur gibt, und dass man es mir nicht erlaubt, sie zu bewundern.)

Wenn man sich nur auf das Was konzentriert und das Warum ausser acht lässt, dann wird die Mathematik auf eine leere Hülle reduziert. Die Kunst liegt nicht in der „Wahrheit“, sondern in deren Erklärung, in der Argumentation. (…) Mathematik ist die Kunst des Erklärens. Wenn wir den Schülern die Gelegenheit vorenthalten, an dieser Kunst mitzuwirken – ihre eigenen Probleme zu stellen, ihre eigenen Vermutungen anzustellen und Entdeckungen zu machen, sich dabei zu irren, kreativ frustriert zu sein, eine Inspiration zu haben, und ihre eigenen Erklärungen und Beweise zusammenzuschustern – dann berauben wir sie der Mathematik selber.

Ich beklage mich also nicht über das Vorkommen von Tatsachen und Formeln im Mathematikunterricht. Ich beklage mich über die Abwesenheit der Mathematik in unserem Mathematikunterricht.

(…)

Wenn Ihr Mathematiklehrer Ihnen die Vorstellung vermittelt (ausdrücklich oder durch sein Beispiel), in der Mathematik ginge es um das Auswendiglernen von Formeln und Definitionen und Algorithmen, wer wird diese Vorstellung berichtigen?
Dieses kulturelle Problem ist ein Monster, das sich selber fortpflanzt: die Schüler lernen von ihren Lehrern, was Mathematik sei, und diese haben es wiederum von ihren Lehrern gelernt, sodass dieser Mangel an Verständnis und Wertschätzung der Mathematik sich von Generation zu Generation wiederholt. Noch schlimmer: Diese Weiterverbreitung von „Pseudo-Mathematik“, diese Betonung auf der richtigen, aber sinnlosen Manipulation von Symbolen, schafft ihre eigene Kultur und ihre eigenen Wertvorstellungen. Jene, die sie beherrschen, bilden sich auf ihren Erfolg etwas ein. Das Letzte, was sie hören wollen, ist, dass es bei der Mathematik um reine Kreativität und ästhetisches Gefühl gehe. Manch ein Universitätsstudent hat mit Betrübnis entdeckt, nachdem man ihm zehn Jahre lang gesagt hatte, er sei „gut in Mathematik“, dass er in Wirklichkeit keinerlei mathematisches Talent hatte und lediglich gut darin war, den Anweisungen anderer zu folgen. In der Mathematik geht es aber nicht darum, den Richtungsweisungen anderer zu folgen; es geht darum, neue Richtungen einzuschlagen.

(…)

Anmerkung meinerseits: Lockhart spricht hier ein wichtiges Problem an, das ich aus einer etwas anderen Perspektive auch schon angesprochen habe in „Mathematikunterricht – eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?“: Der Schulunterricht zielt darauf ab, die Schüler in mechanischen Fertigkeiten zu trainieren, die genausogut von einem Taschenrechner ausgeführt werden könnten; aber wirkliche mathematische Prinzipien werden ihnen kaum vermittelt. Der Schüler erhält dadurch den Eindruck, es gehe bei der Mathematik darum, stur den (meistens uneinsichtigen) Anordnungen eines Lehrers zu folgen. Er wird nur das „Wie“ gelehrt, aber nicht das „Warum“. Die Einsicht wird ihm vorenthalten, dass mathematische Gesetze ein „Allgemeingut“ sind, das er auch von sich aus entdecken kann.
– Ob diese Beobachtungen auf die Schulsysteme aller Länder zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Auf Perú, wo ich zur Zeit lebe, treffen sie mit Sicherheit zu. In der Schweiz, wo ich meine Schulzeit verbrachte, erlebte ich seinerzeit am Gymnasium noch einen Unterricht, der grossen Wert legte auf die „Kunst des Erklärens“, die Herleitung und Begründung der mathematischen Formeln und Tatsachen; und ab und zu gab es auch Aufgaben zum eigenen Forschen (wenn auch mit sehr eng umrissenen Themen und Fragestellungen). Aber eben erst am Gymnasium; und in der Schweiz kommt die Mehrheit der Schüler nicht dazu, ein Gymnasium zu besuchen – in der Regel nur jene, die zum vornherein vorhaben, nachher ein Universitätsstudium aufzunehmen. Auf den unteren Schuljahren wurden die mathematischen „Techniken“ zwar mit verschiedenen Materialien veranschaulicht; aber es ging eben doch vorwiegend um die „richtige, aber sinnlose Manipulation von Symbolen“. Während die Einsicht nicht vermittelt wurde, dass Mathematik auf (im Grunde wenigen und einfachen) Prinzipien und Gesetzen beruht, die man auch selber entdecken kann und mit denen man „spielen“ kann. – Die nächste Folge wird das Thema „Mathematik an der Schule“ vertiefen.

Fortsetzung folgt

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann interessiert Sie sicher auch dieses Buch zum Mathematiklernen durch eigenes Forschen und Entdecken.

Weitere Informationen hier.

James Dobson: Ein Vater blickt zurück (2.Teil)

15. Dezember 2013

Dies ist die Fortsetzung eines Vortrags von Dr.James Dobson über Vaterschaft, „Midlife crisis“ und den Sinn des Lebens.


Und ich möchte euch etwas sehr Persönliches sagen. Damit sage ich vielleicht mehr über mich selber, als ich möchte, dass ihr wisst. Aber wenn ich nicht zulasse, dass ihr seht, wer ich wirklich bin, dann werde ich euch nicht helfen können: Ich bin nicht einmal sicher, ob ich meinen Kindern viel hinterlassen möchte; denn man muss eine sehr sichere Hand haben, um einen vollen Becher halten zu können. Es gibt keinen schnelleren Weg, die Kinder zu verderben, als ihnen die Notwendigkeit vorzuenthalten, diszipliniert zu sein und zu sparen und zu reifen und sich verantwortungsvoll einer Aufgabe zu widmen. Heute sind wir so sehr damit beschäftigt, unseren Kindern Dinge zu geben, die wir selber in unserer Kindheit nicht hatten, dass wir vergessen, ihnen das zu geben, was wir sehr wohl hatten.

Damit komme ich zu der zweiten Schlussfolgerung, zu der ich während meiner persönlichen Auswertungszeit gelangte, und das ist die wichtigere: Nichts im Leben ist von Belang, ausser der Liebe zu Gott und zu seinem Sohn Jesus Christus, und der Liebe zu den Menschen, angefangen bei meiner eigenen Familie. Das ist der Grund, warum ich die letzten sieben Jahre zuhause verbrachte. Die Jahre vergehen so schnell, und ich wollte dasein, um Einfluss zu haben im Leben meiner Kinder, und um sie heranwachsen zu sehen und in ihnen die Werte aufzubauen, die mir wichtig sind. Danae ist jetzt an der Universität, Brian in der Sekundarschule, und die Jahre sind so schnell vorbeigegangen. Die Rollschuhe stehen verlassen in einer Garagenecke, aus den Fahrradreifen ist die Luft raus, und die Schaukel ist bereits verschwunden. Ich akzeptiere das, ich versuche meine Kinder nicht zurückzuhalten; ich möchte, dass sie wachsen und unabhängig werden und ihr eigenes Leben leben. Aber wenn meine Kinder dereinst aus dem Haus sind, dann wird etwas Wertvolles aus meinem Leben verschwunden sein, weil ich jene Jahre mit meinen Kindern so sehr wertschätzte.

Da ich sieben Jahre lang zuhause blieb, habe ich die Kindheit meiner Kinder wie eine Filmaufnahme in meinem Gedächtnis. Ich kann diesen gedanklichen „Film“ einschalten und sehe einen fünfjährigen Jungen, der sich mir nähert. Ich sitze im Wohnzimmer und sehe fern. Dieser Junge nähert sich mir und sagt: „Ich werde auf deine Kniee steigen.“ Ich sage: „Keinesfalls.“ Er sagt: „Aber ich werde kommen.“ Ich sage: „Weisst du, ich muss gut aufpassen, wen ich auf meinen Knieen sitzen lasse.“ – „Und wer darf auf deine Kniee steigen?“ – „Jemand, den du nicht kennst.“ – „Doch, ich kenne ihn!“ – „Gut, es ist ein Junge mit blondem Haar.“ – „Ich habe blondes Haar!“ – „Ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen.“ – „Ich habe blaue Augen!“ – „Ja, ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst.“ – „Das ist mein Name!“ – „Ja, aber du verstehst nicht. Du kennst diesen Jungen nicht. Dieser Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst, ist mein Sohn. Der einzige Sohn, den ich je hatte. Er ist der einzige Junge in der Welt, der jederzeit und ohne um Erlaubnis zu bitten auf meine Kniee steigen darf.“ – „Ich habe blondes Haar und blaue Augen und heisse Brian und bin dein Sohn und du hast mich lieb, und so oder so werde ich hinaufsteigen!“ – Während vier Jahren pflegten wir dieses Spiel zu spielen, fünfhundertmal, und es gefiel ihm. Deshalb erzähle ich es auch euch. Dieses Spiel sagte Brian, dass er jemand Besonderer war für mich. Und ich habe es in meinem Gedächtnis aufgezeichnet.

Ich schalte einen anderen „Film“ ein und sehe ein sechsjähriges Mädchen, das von der Schule nach Hause kommt. Ihr Haar ist ziemlich durcheinander, ihr Kleid ist zerknittert, und eine ihrer Socken ist hinuntergerutscht und hat sich um den Schuh geringelt. Sie tritt ins Haus und ist so glücklich, uns zu sehen, dass sie ihre Mutter und mich umarmt und sich an den Tisch setzt, und Shirley bringt ihr einige Brötchen und Milch, und sie isst, und ich sehe ihr zu, ohne dass sie es weiss. Sie weiss noch nicht wirklich, wie sehr ich sie liebe. Vielleicht wird sie es eines Tages verstehen, aber mit sechs Jahren versteht sie es noch nicht. Das ist nur ein kleiner vergänglicher Augenblick des Lebens, aber ich habe ihn in meinem Gedächtnis festgehalten, und niemand kann ihn mir wegnehmen. Ich habe ihn festgehalten, weil ich zuhause war, um ihn mitzuerleben, und dafür bin ich dankbar.

Lasst mich noch etwas von Danae erzählen. Sie liebte ihre Kindheit sehr. Aber leider wurde sie eines Tages dreizehn Jahre alt. Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür, und stapelte alle ihre Schallplatten aufeinander und ihre gesammelten Spielsachen obendrauf, und trug sie zur anderen Tür und liess sie dort vor dem Schlafzimmer von Brian stehen, der bereits schlief, und legte einen Zettel darauf, auf dem stand: „Lieber Brian: Das alles gehört jetzt dir. Pass gut darauf auf, so wie ich es tat. In Liebe, Danae.“ – Shirley fand den Zettel und zeigte ihn mir (ich war in meinem Arbeitszimmer), und wir setzten uns und lasen ihn, und wir weinten beide, denn wir hörten aus dieser Notiz heraus, dass sich die Tür zur Kindheit leise geschlossen hatte. Und wenn sich diese Tür einmal schliesst, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen. Und wiederum bin ich dem Herrn dankbar, dass ich zuhause war, um Zeuge dieses Prozesses zu sein.

Aber ich bin kein vollkommener Vater, und habe keine vollkommenen Kinder, und auch Shirley ist keine vollkommene Mutter. Wir kämpfen ebenso wie ihr. Wir kämpften darum, Dinge zu finden, die wir als Familie gemeinsam tun konnten. Kennt ihr dieses Problem? Wir versuchten alles mögliche. Natürlich konnte jeder Erholung finden in dem, was er selber gerne tat. Aber wir suchten etwas, das wir gemeinsam als Familie geniessen konnten. Schliesslich, nach vielen Versuchen, fanden wir, dass es Skifahren war. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir es genossen, zusammen die Berge hinabzusausen mit dem Wind in unseren Gesichtern, in der wunderbaren Landschaft, die Gott geschaffen hat; das waren unsere schönsten Momente.

Aber wenn du kleine Kinder hast, dann kann das Skifahren anfangs die grösste Frustration des Lebens sein. Rate mal, wer die Skier tragen muss, wer jedermanns Skischuhe zubinden muss, wer die Skiliftkarten kaufen muss, wer dreimal nach Hause zurückfahren muss, um vergessene Sachen zu holen, wer die Kinder zur Toilette bringen muss … es ist eine riesige Aufgabe, und an jenem besonderen Tag machten mich meine Kinder verrückt. Sie hatten einen plötzlichen Anfall von kindlicher Verantwortungslosigkeit: sie verloren Skier, liessen Sachen fallen, vergassen ihre Handschuhe, und ich war die ganze Zeit hinter ihnen her. Das heisst, ich schrie sie an und stiess sie und vergass alles, was ich in meinen Büchern schreibe.
Schliesslich brachte ich sie zum Restaurant und liess sie dort mit Shirley, sagte: „Habt eine gute Zeit“, schlug die Tür zu und fuhr unseren Wagen nach unten, um ihn dort zu parkieren. Auf dem ganzen Weg sagte ich zum Herrn: „Was soll ich mit diesen Kindern tun, die du mir gegeben hast?“ Hast du ihm einmal diese Frage gestellt? Ich war nur ein wenig irritiert, weil er mir diese Kinder gegeben hatte. Er sagte nichts. Manchmal lässt er mich so reden (ich benahm mich nicht respektlos ihm gegenüber). Ich parkierte den Wagen, stieg aus und ging zu einer Haltestelle, wo ein kleiner Bus abfährt, der die Leute nach oben bringt. Etwa zehn Personen warteten dort, unter ihnen ein etwa 17jähriges Mädchen, das seltsame und sinnlose Dinge redete. Insbesondere wiederholte sie ständig die Worte: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Ich dachte, sie hätte wahrscheinlich Drogen genommen oder etwas ähnliches, und die Leute hatten von ihr Abstand genommen, sodass sie allein dastand und diese Worte wiederholte. Dann sah sie mich an, und ich erkannte in ihren Augen den charakteristischen Blick einer geistig Behinderten. In diesem Moment kam der Bus, wir stiegen alle ein, und sie stellte sich in die Mitte des Wagens und blickte bergauf, während sie fortfuhr zu sagen: „Wer auch immer…“ Es war deutlich sichtbar, dass die anderen Fahrgäste, mehrheitlich junge Leute, sie ablehnten. Sie sahen sie mit einem spöttischen Lächeln an, als ob sie sagen wollten: „Wer ist diese Verrückte?“ Dann erkannte ich, dass der grossgewachsene Mann, der neben ihr stand, ihr Vater war. Er tat etwas, was ich nie vergessen werde. Er trat drei Schritte vor, wie um seine Tochter zu beschützen, umarmte sie, und begann mit ihr zusammen zu wiederholen: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Er sprach nicht zu ihr, sondern zu uns. Er hatte das spöttische Lächeln auf vielen Gesichtern auch bemerkt. Er sagte: „Ja, es ist wahr, sie ist geistig behindert. Wir können es nicht verbergen; es zu versuchen wäre sinnlos. Ich weiss, dass sie nie ein Buch schreiben wird, sie wird nie schöne Lieder singen, vielleicht wird sie nicht viel erreichen. Sie geht nicht mehr zur Schule; wir taten unser Bestes. Aber ich möchte euch etwas sagen: Sie ist meine Tochter, und ich liebe sie, und ich schäme mich nicht, mit ihr identifiziert zu werden. Ja, mein Kind, wer auch immer…“ Die Liebe dieses Vaters zu seiner behinderten Tochter strömte aus seiner Seele und füllte die meinige, und floss von da zu meinen Kindern, und ich sagte: „Ja, Herr, ich verstehe die Botschaft.“

Zwei Wochen später wurde ich im nationalen Fernsehen interviewt, und ich bekam viereinhalb Minuten, um auf Fragen zu antworten wie: „Wie ist die Familie in alle diese Probleme der Sünde geraten, und wie kommen wir da wieder heraus?“ Ich hätte die Frage nicht einmal in viereinhalb Wochen beantworten können, aber ich kann euch sagen: Ich kenne die Antwort. Sie hat zu tun mit dem, was jener Vater für seine behinderte Tochter fühlte. Das wird die Familien heilen; das wird die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern retten; und das wird sogar dazu beitragen, die Tragödie der geistigen Behinderung zu überwinden.

Eltern, die ihr hier seid, lasst diese Jahre nicht einfach vergehen; lasst die Kindheit eurer Kinder nicht unbemerkt vorübergehen. Am anderen Ende des Lebens, wenn wir zurückschauen, wird es keine Belohnung für unsere Leistung geben. Ich möchte jene nicht beleidigen, die sich bemühen, grosse Ziele zu erreichen. Du arbeitest hart und hast Erfolg aufgrund deiner Selbstdisziplin. Aber in gewissem Mass tat ich dasselbe. Und während der letzten sieben Jahre wiederholte sich eine Frage in meinem Sinn: „Aber was jetzt? Denn ‚der Wind bläst darüber, und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.‘ “ Der weiseste Mann, der je lebte (abgesehen von Jesus Christus), der König Salomo, besass alles. Er hatte Geld, Berühmtheit, Macht … alles, was man sich wünschen kann. Am Ende seines Lebens fasste er alles zusammen, im Buch Prediger. Wie nannte er es? „Eitelkeit“. „Alles ist eitel, es gibt nichts als Eitelkeit.“ Das entwertet alles Zeitliche. Eitelkeit.
Im Jahre 1970 veröffentlichte ich mein erstes Buch, „Dare to discipline“, mit meinem Namen auf dem vorderen Buchdeckel, meiner Foto auf dem hinteren Buchdeckel, alles schön gestaltet – ein guter Erfolg für einen jungen Mann von 33 Jahren. Vor wenigen Tagen kam Danae zu mir und sagte: „Du bist wirklich angekommen!“ – „Was willst du damit sagen?“ – „Ich fand ein Exemplar von ‚Dare to discipline‘ auf dem Flohmarkt, für 35 Cents.“ Das ist es, womit alles endet.

Gut, in gewissem Sinn habe ich euch ein wenig angeschwindelt. Ich tat so, als würde ich über die „Midlife crisis“ sprechen, aber das war nicht mein eigentliches Ziel. Ich spreche über etwas viel Wichtigeres: das Leben an sich. Das ist für jedermann wichtig. Ob du ein Christ oder ein Atheist oder ein Agnostiker bist, du wirst dich auf alle Fälle den Fragen stellen müssen, die ich erwähnte: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Und insbesondere: Worin werde ich die Jahre des Lebens investieren, die mir noch bleiben?
Die Erfahrung der vergangenen sieben Jahre sagte mir: Kehre zu deinen Wurzeln zurück, zu deinem Glauben, und in diesem Glauben finde ich Sinn und Ziel und Würde und Selbstwert, Selbstdisziplin, Identität. Ich weiss, wer ich bin, weil ich weiss, wessen ich bin. In dieser Etappe meines Lebens gelange ich zu lediglich zwei Zielen für die Zeit, die mir bleibt: Das erste ist meinen Nächsten zu dienen, angefangen bei meiner eigenen Familie; und das zweite ist vor dem Gott, der mich geschaffen hat, angenehm zu sein und jene Worte zu hören, nach denen ich mich so sehr sehne: „Gut gemacht, guter und getreuer Knecht.“ Und nichts anderes wird die Probe der Zeit überstehen.

James Dobson: Ein Vater blickt zurück

8. Dezember 2013

Der folgende Vortrag des Psychologen Dr.James Dobson wurde vor Jahren in dessen Radiosendung „Focus on the Family“ ausgestrahlt. Er scheint mir so wichtig und zeitlos, dass ich ihn schriftlich festhielt und ihn auch den Lesern meines Blogs zugänglich machen möchte.


Vor 7 Jahren arbeiteten meine Frau und ich an einer Filmserie über die Familie. Da beschloss ich, eine Entscheidung zu treffen in dem Konflikt zwischen meinem Dienst, der Welt eine Botschaft zu vermitteln, und der Notwendigkeit, zuhause bei meiner Familie zu sein. Ich habe in meinem Leben viele verschiedene Dinge getan, aber ich glaube, das Weiseste, was ich je tat, war, zuhause zu bleiben und zu sehen, wie meine Kinder heranwuchsen. Der heutige Tag ist so etwas wie die Feier jener Entscheidung. Während dieser 7 Jahre hatte ich nicht nur die Gelegenheit, viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, sondern ich hatte auch Zeit zum Nachdenken. Heute abend möchte ich mit euch einige dieser Gedanken teilen, die ich hatte, während ich meine eigene Lebensmitte durchschritt.

Ich bin jetzt 48 Jahre alt Ich habe also alles Recht darauf, eine „Midlife crisis“ zu erleben. Ein Mann in dieser Krise trägt bis zum Bauchnabel offene Seidenhemden – ich weiss nicht warum, aber so ist es -, und zeigt viel angegrautes Brusthaar, das er mit dem Haartrockner getrocknet hat. Und er fährt schnelle Autos. Das hilft ihm irgendwie, ich weiss nicht warum, aber er muss es tun. Wahrscheinlich streitet er mit seiner Frau, weil ihr Alter ihn an das seinige erinnert, und das ärgert ihn.

Zu diesem Syndrom gehört auch, dass der Mann mit seiner Sekretärin durchbrennt. Ich habe hier einen Artikel aus der „Los Angeles Time“, wo es heisst: Ein Mann fand eine Anzeige in der Zeitung, wo ein Mercedes zu 57 Dollar zum Verkauf angeboten wurde. Er rief die angegebene Telefonnummer an, überzeugt, der Preis müsse ein Irrtum sein. Eine Frau antwortete ihm: „Nein, der Preis ist richtig.“ – „Ist der Wagen kaputt?“ – „Nein, er ist in tadellosem Zustand.“ – „Warum verkaufen Sie ihn dann zu so einem lächerlichen Preis?“ – „Nun, mein Mann hat mich aus Las Vegas angerufen. Er ist mit seiner Sekretärin dort, er sagte mir, er möchte mich verlassen und er ist bankrott, weil er sein Geld verspielt hat, und er bat mich, den Wagen zu verkaufen und ihm die Hälfte des Erlöses zu schicken.“

Nun, ich habe nicht diese Art von Krise. Shirley und ich sind seit 24 Jahren sehr glücklich verheiratet, und ich habe auch keine Seidenhemden. Das ist also nicht mein Problem. Aber ich werde Ihnen erzählen, wo ich mich in diesem Moment befinde, und das ist jetzt ganz im Ernst. Während der letzten 7 Jahre, und besonders in den letzten drei, ging ich durch eine Zeit der „Auswertung“. Ich dachte über den Sinn des Lebens nach und über die wichtigen Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Und was tue ich wirklich hier? Und wohin gehe ich wirklich? Was werde ich mit dem Rest meines Erdenlebens tun? An den Vierzigern scheint etwas dran zu sein, was einem ständig diese Fragen entgegenschreit. Es scheint, dass du dich gezwungen siehst, dich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil du siehst, wie der Sand in deiner Sanduhr allmählich zur Neige geht. Ich bin durch diese Phase gegangen und bin zu zwei Schlussfolgerungen gelangt. Sie sind nicht besonders tiefsinnig, aber sie beeinflussten mein Leben stark.

Die erste hat damit zu tun, wie schnell die Zeit vergeht. Vor wenigen Jahren musste ich den Schlag meines Lebens einstecken. Ich schrieb an einem Buch und musste es in kurzer Zeit fertigstellen. So ging ich in ein Hotel in Dallas, Texas, und schrieb dort während zehn Tagen, bis das Buch fertig war. Ich stand gewöhnlich früh auf, machte meine Andacht und schrieb dann den ganzen Tag bis um vier Uhr nachmittags. Dann war ich normalerweise erschöpft und ging ein wenig Sport treiben. Ich spiele gern Basketball, obwohl ich verstand, dass ein 48jähriger Mann auf einem Basketballfeld nichts verloren hat. Aber das Spiel gefällt mir. So ging ich spielen. Natürlich war niemand in meinem Alter dort, nur einige 16- bis 18jährige Jungen, die mich ansahen, als ob ich 105 Jahre alt wäre. Ich fragte sie, ob ich mit ihnen spielen könne, und schliesslich sagten sie Ja. Da war ein aussergewöhnlich gewandter schwarzer Junge, der mich ständig deckte. Dieser Konkurrenzdruck, und die Blicke all der Jungen ringsumher, die mich als einen alten Opa ansahen, liess mich zwanzig Jahre jünger werden; ich erinnerte mich an einige Tricks und Finten, strengte mich an, und warf drei Körbe hintereinander. Da sah mich dieser Junge an, trat einen Schritt zurück und sagte: „Mann, Sie müssen jemand sein in Ihrem Stolz!“ – Ich weinte auf dem ganzen Heimweg. Leider war ich überhaupt nichts in meinem Stolz, und das machte die Sache nur noch schlimmer.

Viele Autoren haben über das Vergehen der Zeit geschrieben, aber mir scheint, die Person, die es besser versteht als alle Philosophen, ist eine kleine Frau namens Erma Bombeck. Sie bringt uns zum Lachen mit ihren Geschichten über das Älterwerden, aber manchmal bringt sie uns auch zum Weinen. In ihrem Artikel „Wenn die Mutter zur Tochter wird und die Tochter zur Mutter“, beschreibt sie die Veränderungen in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter, und den daraus resultierenden Stress. Sie sagt, ihre Mutter sei immer so stark gewesen, so stabil, so unabhängig; die Person, die sie bewunderte und die ihr ein Beispiel war. Aber allmählich veränderte sich diese Beziehung, bis die Mutter zur Tochter wurde, und Erma zu ihrer Mutter wurde. Wie sie sagt, begann es, als Erma das Auto fuhr und ihre Mutter neben ihr sass. Plötzlich gab es einen Stau, und Erma musste scharf bremsen, um nicht mit dem Wagen vor ihr zusammenzustossen, und instinktiv streckte sie den Arm aus, um ihre Mutter festzuhalten, damit sie nicht gegen die Windschutzscheibe schlug – statt dass ihre Mutter sie festgehalten hätte, damit sie nicht gegen das Steuerrad schlug. Sie sahen einander einen Moment an und realisierten, dass sich etwas verändert hatte in ihrer Beziehung.
Dann kam die Weihnacht, wo Erma die Weihnachtsgans zubereitete und ihre Mutter den Tisch deckte; und die Momente, wo Erma zu ihrer Mutter sagte: „Kommst du mit mir zum Einkaufen?“, oder: „Du siehst wirklich hübsch aus in diesem Kleid!“ – so wie ihre Mutter es früher tausendmal zu ihr gesagt hatte. Und immer mehr wird die Mutter zur Tochter und die Tochter zur Mutter, und es ist schwierig für Erma, und sie sagt: „Ich will das nicht! Ich will nicht zusehen müssen, wie meine Mutter von mir abhängig wird.“ Aber die Zeit schreitet unaufhaltsam vorwärts, und ihre Mutter wird alt, und jetzt ist es Erma, die sagt: „Mama, würdest du bitte nicht mehr davon sprechen, dass du gestern Papa gesehen hättest? Du weisst doch, dass er vor zehn Jahren von uns gegangen ist.“ Und die Mutter ist die Tochter, und die Tochter ist die Mutter.
Wenig später sass Erma im Auto neben ihrer Tochter, die am Steuer sass. Plötzlich gab es einen Stau, und ihre Tochter musste scharf bremsen und streckte instinktiv ihren Arm aus, um Erma davor zu beschützen, gegen die Windschutzscheibe zu schlagen. Und in der letzten Zeile heisst es: „Mein Gott, so bald …?“

Ich befinde mich jetzt an diesem Punkt. Meine Mutter wird zu meiner Tochter und ich werde zu ihrem Vater. Mein Vater starb 1977, und meine Eltern waren echte Freunde. Sie waren „ein Fleisch“ im biblischen Sinn, und als mein Vater starb, war es für meine Mutter, als ob sie entzweigeschnitten worden wäre. Sie war nie wieder dieselbe. Vor einigen Jahren musste sie zu einigen Unterleibsuntersuchungen gehen, und wenn eine Frau in ihren Siebzigern solche Probleme hat, dann denken alle an ein kleines Wort mit fünf Buchstaben. Gott sei Dank fiel die Diagnose negativ aus, und ich ging zu ihr nach Hause, um ihr die Nachricht zu überbringen und mit ihr zu sprechen. Ich sagte: „Mama, ist das nicht eine gute Nachricht? Du hast keinen Krebs, du wirst gesund werden.“ Sie lächelte und sagte: „Oh ja … ich bin dankbar und danke auch dem Herrn.“ Aber dann fügte sie hinzu: „Darf ich dir ehrlich etwas sagen? … Würdest du es verstehen, wenn ich dir sagte, dass ich dachte, vielleicht würde ich bald Papa wiedersehen? und dass ich nur ein klein wenig enttäuscht bin.“

Wenn du sehen möchtest, wie die Zeit vergeht, dann sieh nur die Personen an, die dir am nächsten stehen, in deiner eigenen Familie. Sieh, wie sich die Beziehung zu deinen eigenen Kindern verändert. Sieh deine Geschwister an, deine Onkel und Tanten, deine Eltern. Ich denke, das ist eine Ursache der „Midlife crisis“. Wenn ein Mann in seine Vierziger kommt, dann ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen Vater verliert, und das ist ein emotioneller Schlag. Es lässt ihn darüber nachdenken, wie kurz das Leben ist.

Ich erwähnte, dass Shirley und ich 24 Jahre verheiratet sind, und es fehlen nur noch 18 Jahre, bis ich das Alter erreichen werde, in dem mein Vater starb. Anders gesagt: Angenommen, ich werde so alt, wie mein Vater wurde, dann habe ich bereits 72% meines Lebens gelebt. Vor neun Jahren war ich noch in meinen Dreissigern! Verstehst du, was die „Midlife crisis“ ist? Erstens ist die Bezeichnung falsch. Die Lebensmitte ist in den Dreissigern! Wenn du in deinen Dreissigern bist und dich für jung hältst – nachdem du um die nächste Ecke biegst, bleiben dir nur noch 28% deines Lebens.

Einige denken vielleicht: Was für ein morbider Gedanke! Aber es ist ein sehr wichtiges und biblisches Konzept. Der König David schreibt darüber: „Der Mensch, wie das Gras sind seine Tage, er blüht wie die Blume des Feldes. Der Wind bläst darüber und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.“ (Psalm 103,15-16) Das ist ein wichtiges Konzept, weil es alles andere in die richtige Perspektive rückt. Der Materialismus wird aus dieser Perspektive leer und sinnlos, zumindest als Lebensgrundlage. Es muss etwas Wichtigeres geben.

Als wir heirateten, hatten wir überhaupt nichts – und es schien, dass es während der folgenden zehn Jahre dabei bleiben würde. Wir hatten keine Finanzprobleme, weil wir keine Finanzen hatten. Aber schliesslich ging es uns besser, und ich konnte meine enormen Ausbildungskosten bezahlen und im Medizinerkolleg der USA Mitglied werden und anfangen Bücher zu schreiben usw. Aber ein Teil der Analyse während der Vierziger hat mit dem Sinn des Lebens zu tun, und die materiellen Dinge haben nicht viel damit zu tun. Der Herr hatte interessante Wege, um mir diese Botschaft klarzumachen – sogar mittels eines Monopoly-Spiels.
In meiner Kindheit liebte ich dieses Spiel, aber ich hatte es 30 Jahre lang nicht gespielt, bis eines Tages meine Tochter – im Teenageralter – nach Hause kam und sagte: „Papa, es ist ein neues Spiel herausgekommen! Es heisst Monopoly. Es wird dir sicher gefallen.“ Ich sagte: „Ja, warum nicht?“ So setzten wir uns hin, um mein erstes Monopoly-Spiel seit 30 Jahren zu spielen, und die alten Verhaltensmuster kehrten zurück. Ich begann zu gewinnen und kaufte alle schönen Grundstücke, und begann überall grüne Häuschen zu bauen, die bald zu den grossen roten Hotels wurden, und ich nahm Geld ein wie verrückt, und verstaute es in meinen Taschen und unter dem Spielbrett, und ich hatte 500-Dollar-Noten in meinen Schuhen, und meine Familie wand sich und ich hatte meinen Spass. Die Habsucht war zurückgekehrt. Aber dann war plötzlich alles zu Ende. Meine Frau und meine Tochter warfen die Würfel gegen meine Hotels, die reihenweise umfielen, pam, pam, pam, und sie gingen schlafen, weil ich gewonnen hatte, und liessen mich allein das Spiel aufräumen. Da sass ich also um Mitternacht und räumte das Spiel auf, und begann mich sehr leer zu fühlen.
Dann sprach der Herr zu mir. Nicht mit einer hörbaren Stimme, aber du weisst es, wenn er es ist, der spricht. Er sagte: „James, pass auf, denn ich werde dich eine Lektion lehren. Das ist nicht nur ein Monopoly-Spiel, das du spielst. Das ist das Spiel des Lebens. Du schwitzt und strengst dich an und sparst und baust und vergrösserst und hast ein Bankkonto und Besitztümer und eine Pensionskasse und all das … und dann machst du eine falsche Bewegung, wendest deinen Wagen auf der Autobahn, wo du das nicht tun solltest, pam, pam, pam, und alles kehrt in die Spielschachtel zurück. Bis zum letzten Cent muss alles in die Schachtel zurück, jede Nacht. Der Leichenwagen hat keinen Anhänger mit einem Safe. Du kannst nichts mitnehmen.“

(Fortsetzung folgt)

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht (Teil 3)

29. September 2013

Zur vorhergehenden Folge

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont (Auszug aus der nachfolgenden Frage- und Antwort-Zeit)

Frage aus dem Publikum: Ich habe gehört, dass die Schulen jetzt nicht nur die Willfährigkeit der Schüler verlangen, sondern dass auch gegen nichtangepasste Eltern vorgegangen wird, die sich zu sehr für die Erziehung ihrer Kinder interessieren. Jemand sagte mir, die Schuldirektoren hätten eine „Feindesliste“; und ich möchte Sie bitten, etwas zu den möglichen Anwendungen einer solchen Feindesliste zu sagen.

Antwort: Ja, diese Listen existieren. – Die Studien der Rand Corporation befassen sich mit jeder Bevölkerungsgruppe, die das Fortschreiten dieses Projektes aufhalten könnte. Eine solche Bevölkerungsgruppe sind diejenigen, die von einer Tradition der Freiheit herkommen, die sich gewohnt sind, für ihre Meinung einzutreten und Grenzen zu setzen. So wurde eine faszinierende Technik entwickelt, die bereits überall eingesetzt wird. Sie nennt sich Delphi-Technik und wird in der erwähnten Studie beschrieben.
Die Delphi-Technik funktioniert so: Nehmen wir an, Sie haben ein Problem mit den Schulbehörden Ihres Staates. Jemand ruft die Behörden und die Leute, die das Problem sehen, zusammen und sagt: „Ich bin sicher, dass wir dies auf friedliche Weise lösen können.“ Aber dieser Vermittler ist bereits darüber instruiert worden, was als Ergebnis herauskommen soll. Die ursprüngliche Methode ist so – sie sind jetzt ein wenig diskreter, da wir herausgefunden haben, woran man dieses Ding erkennt -: Der Vermittler bittet jedermann, völlig offen und ehrlich zu sein inbezug auf seine Meinung. Manchmal schreiben sie es auf grosse Papiere auf, die an der Wand aufgehängt werden, angeblich damit Sie sich später mit Menschen zusammenfinden können, die mit Ihren Ideen harmonieren. Aber der wahre Zweck ist, dass der Vermittler jene wenigen identifizieren kann, die in der Lage sind, die Macht des Staates oder des Vermittlers umzustürzen, und den Fortschritt des Projekts aufzuhalten. Was dann geschieht, ist dass der Vermittler einen dieser Menschen persönlich beschimpft und sagt: „Sie verschwenden die Zeit dieser Leute, wir haben genug von Ihrem Unsinn.“ Sie werden dies aus eigener Erfahrung kennen.
An der Snowbird-Konferenz in Salt Lake City 1990 war ich der Vertreter des Staates New York. Zusammen mit den Vertretern dreier anderer Staaten waren wir dort, um öffentlich eine Schulform der Zukunft zu entwerfen, und die unsere war sehr freiheitlich. In dem Moment, als wir diese Dinge vorstellen sollten, startete der Moderator einen persönlichen Angriff auf mich, und appellierte an andere Gruppenmitglieder, mich daran zu hindern, diese ihre wunderbare Gelegenheit zunichte zu machen, Publizität zu erhalten. Ich war natürlich erstaunt. Er war auch erstaunt, da wir aus unserer Erfahrung Wege kennen, mit solchen Dingen umzugehen. Es war eine sehr, sehr unangenehme Erfahrung. Die Veranstalter veröffentlichten das Schlussdokument, ohne den Beitrag unserer Gruppe auch nur mit einem Wort zu erwähnen. – Das ist eine von tausend Techniken, die in den sechziger Jahren entworfen wurden oder seither dazukamen.
Das Projekt geht weiter, aber Leute wie Ihr („Homeschooler“) seid ernsthaft in dessen Gebiet eingedrungen. Die Leute, die dahinterstehen, sind jetzt ein wenig entmutigt, und ein Grund dafür ist das explosive Wachstum der Homeschooling-Gemeinschaft und ihr grossartiger Erfolg. Ich bin jetzt ständig eingeladen, irgendwo zu sprechen…

Frage: Könnten Sie uns Informationen geben über die Entstehung des Nationalen Zentrums für Bildung und Wirtschaft (englische Abkürzung NCEE)?

Antwort: Ich habe im Vorbeigehen die Experimente erwähnt, die von den Lehrerbildnern der Universität Columbia in China unternommen wurden. Das war nach dem Umsturz des chinesischen Imperiums, der weitgehend mit amerikanischem Geld und mit der Hilfe amerikanischer Denker geschah. China wurde als Testlabor für bestimmte soziale Ideen gebraucht. Wenn Sie je eine Biographie über John Dewey lesen: der Autor wird sich sehr vorsichtig äussern über die zwei Jahre, die Dewey in den zwanziger Jahren in China verbrachte. Ein ziemlich seltsamer Wohnort für einen Gelehrten aus New York City.

Auch die Sowjetunion war ein Testfeld für gewisse (amerikanische) soziale Projekte, und wenn wir Zeit hätten, könnte ich dies dokumentieren und gewisse Bücher zur Lektüre vorschlagen. (Anm.d.Ü: Diese Verbindungen zwischen den Schöpfern des amerikanisch-westlichen Schulsystems und sowjetkommunistischen Pädagogen werden u.a. dokumentiert in Charlotte Iserbyt, „The Deliberate Dumbing Down of America“.) Jedenfalls gab es 1986 an der Universität Moskau, bei der Progress Publishing Co. in Moskau, eine Serie von Dokumenten darüber, die Schule mit der Arbeitswelt zu koordinieren; und dort wurden auch Projekte in Gang gesetzt, um sicherzustellen, dass es keine unternehmerische Tätigkeit geben würde. Dieses Dokument wurde vom NCEE übersetzt … sie sagten nicht, dass sie diese Dokumente übersetzten, aber diese Übersetzung wurde zum Grundlagendokument für die (amerikanische) Gesetzgebung über Schule und Arbeitswelt.

(…) Ein Brief von Marc Tucker vom NCEE an Hillary Clinton ist bekanntgeworden, worin er (…) detailliert den Plan des NCEE für die „Verwaltung menschlicher Ressourcen“ in den USA beschreibt. Viele der gegenwärtig verwirklichten Pläne und Programme (…) sind ein direktes Ergebnis dieses Vorschlags. Lesen Sie den vollständigen Text dieses Briefes (z.Z. abrufbar auf http://www.eagleforum.org/educate/marc_tucker/, Anm.d.Ü.), und Sie werden nicht länger glauben können (wie das staatliche Erziehungsdepartement uns weismachen will), dass alle diese Programme auf unserem eigenen Boden gewachsen seien.

Anm.d.Ü: Ich möchte hier zumindest das Vorwort der oben angegebenen Web-Adresse auf deutsch wiedergeben. Es fasst die wichtigsten Punkte aus diesem Brief zusammen:

„Am 25.Sept. 1998 deponierte Bob Schaffer in den Kongressakten einen 18-seitigen Brief, der berühmt geworden ist als Marc Tuckers „Liebe Hillary“-Brief. Er legt den Masterplan der Regierung Clinton dar, um das gesamte Bildungssystem der USA unter Regierungskontrolle zu bringen, sodass es der landesweiten wirtschaftlichen Planung der Arbeitskräfte dienen kann.

Dieser Brief wurde am 11.November 1992 von Marc Tucker geschrieben, dem Präsidenten des NCEE. Er beschreibt einen Plan, um „das ganze amerikanische System umzugestalten“ in ein „nahtloses Netz, das sich buchstäblich von der Wiege bis zum Grab erstreckt und für jedermann dasselbe ist“, koordiniert von „einem System von Arbeitsmarktbehörden (labor market boards) auf der Ebene von Gemeinden, Staaten und des Bundes“, wo Lehrpläne und „Arbeitsstellen-Übereinstimmung“ (job matching) in den Händen von Beratern liegen, welche „Zugang zum integrierten, computerisierten Programm haben“.

Tuckers Plan veränderte die Mission der Schulen grundlegend: nicht mehr Kinder akademische Grundlagen und Wissen zu lehren, sondern sie daraufhin zu „trainieren“, der weltweiten Wirtschaft zu dienen in Arbeitsstellen, die von staatlichen Behörden (den „workforce boards“) ausgewählt werden. Nichts in diesem umfassenden Plan hat irgendetwas zu tun damit, Schulkindern das Lesen, Schreiben oder Rechnen beizubringen.

Tuckers ehrgeiziger Plan wurde mit Hilfe dreier Gesetze in Gang gesetzt, die 1994 vom Kongress angenommen und von Präsident Clinton unterzeichnet wurden: des „Ziele 2000 – Gesetzes“, des „Schule-zur-Arbeit-Gesetzes“, und des neu autorisierten „Elementar- und Sekundarschulgesetzes“. Diese Gesetze legen folgende Mechanismen fest, um die Staatsschulen neu zu strukturieren:

1. Alle gewählten Behördenmitglieder in (örtlichen) Schulbehörden und in den Legislativen der Staaten zu übergehen, indem Bundesgelder (ausschliesslich) zum Gouverneur fliessen und zu dessen Beauftragten in den Arbeitsentwicklungsämtern (workforce development boards).
2. Eine computerisierte Datenbank zu benützen unter dem Namen „Arbeitsmarktinformationssystem“, in welche das Schulpersonal alle Informationen über jedes Schulkind und dessen Familie eingibt, identifiziert mit der Sozialversicherungsnummer des Kindes: akademische, medizinische, mentale, psychologische und verhaltensmässige Informationen, sowie über die Befragungen durch Berater. Diese computerisierten Daten sind Schulen, Regierungsstellen und zukünftigen Arbeitgebern zugänglich.
3. Benützung „nationaler Standards“ und „nationaler Prüfungen“, um die Kontrolle der Bundesregierung über die Prüfungen, Leistungsbeurteilungen, schulischen Ehrungen und Belohungen und Finanzhilfe zu zementieren, sowie über das „Certificate of Initial Mastery“, welches das bisherige Schulabschlusszeugnis ersetzen soll.

Dem deutschen System nachgebildet (!!!), ist es Tuckers Plan, Kinder auf spezifische Arbeiten hin zu trainieren, um in der Arbeitskraft der globalen Wirtschaft zu dienen, statt sie zu bilden, sodass sie fähig würden, über ihr eigenes Leben zu entscheiden.“


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht (Teil 2)

15. September 2013

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont (Fortsetzung)

Das Geheimnis des amerikanischen Schulsystems besteht darin, dass es nicht so unterrichtet, wie Kinder lernen – und dass das von ihm auch nicht erwartet wird. Die Schulen wurden erfunden, um der Wirtschaft zu dienen, nicht den Kindern und Familien. Das ist der Grund, warum die Schule obligatorisch ist. Deshalb kann die Schule niemandem helfen, erwachsen zu werden. Ihre erste Anweisung ist, die Reife zu verzögern. Sie tut dies, indem sie lehrt, alles sei schwierig, andere Menschen bestimmten unser Leben, und unsere Nächsten seien nicht vertrauenswürdig und sogar gefährlich. Die Schule ist der erste Eindruck, den Kinder von der Gesellschaft erhalten. Da die ersten Eindrücke oft die entscheidenden sind, erfüllt die Schule unsere Kinder mit Angst, Misstrauen gegeneinander, und mit gewissen lebenslangen Süchten. Sie legt einen Hinterhalt gegen die natürliche Intuition, den Glauben, und die Liebe zum Abenteuer, und ersetzt diese Dinge durch ein „Evangelium“ des rationellen Vorgehens und rationellen Managements.

Die New York Times sandte einen Reporter in drei Kindertagesstätten in Houston, Texas: eine für weisse Kinder, eine für schwarze Kinder, und eine für spanischsprechende Kinder. Zu jedermanns Überraschung fand er, dass alle drei identisch waren. Es waren wunderbare Orte, gut eingerichtet, sauber, hell, bunt. Aber die einzelnen Kinder erhielten nur ein absolutes Minimum an persönlicher Aufmerksamkeit von seiten ihrer Betreuer, weil mehr einfach nicht möglich war. Die Kommunikation beschränkte sich auf heitere Ermahnungen wie: „Wilma, tu das nicht!“, und auf Aussagen, die sich an alle und niemanden richteten, wie: „Es ist Zeit, sich in die Reihe zu stellen!“ Die Betreuer hatten als Ziel eher, die Kinder zu verwalten, als mit ihnen in Kontakt zu treten. Die öffentliche Kinderbetreuung in Amerika ist Kinderverwaltung. Die Schulen sind ein Teil des professionellen Kinderverwaltungs-Imperiums, und Bildung hat nichts damit zu tun.

Eine Untersuchung von tausend Staatsschulen fand, dass die Lehrer im Durchschnitt 7 Minuten pro Tag im persönlichen Austausch mit Schülern verbrachten. Verteilt auf 30 Schüler, gibt das 14 Sekunden pro Kind. Im Schulzimmer herrscht ein ständiges Gerangel um Aufmerksamkeit und Status, die nur von einem einzigen Erwachsenen erteilt werden können, welcher weder die nötige Zeit noch die nötige Information dazu hat. Dies lehrt uns, einander zu hassen und zu misstrauen. Diese ständige „Auktion der Aufmerksamkeiten“ hat etwas zu tun mit dem Ärger und der Unfähigkeit, ehrlich und verantwortlich zu sein, die wir noch als Erwachsene spüren. Aber ironischerweise ist Verantwortungslosigkeit viel nützlicher für das Management als ehrbares Verhalten. Sie rechtfertigt die ständige Überwachung, die vielen Anwälte und Gerichte, die Polizei und die Schulen…

Betrachten wir die seltsame Möglichkeit, dass wir vielleicht absichtlich gelehrt worden sind, verantwortungslos zu sein und einander zu hassen. Ich sage das nicht sarkastisch. Ich habe 19 Jahre als Schüler/Student verbracht und 30 Jahre als Lehrer. In all dieser Zeit wurde höchst selten von mir verlangt, verantwortlich zu handeln – ausser Sie verwechseln blinden Gehorsam mit Verantwortlichkeit. Sei es als Schüler oder als Lehrer, gehorchte ich blind fremden Menschen während 49 Jahren. Wenn das kein Rezept für Verantwortungslosigkeit ist! In der Schule werden Sie dafür belohnt, Ihre persönliche Verantwortung aufzugeben und einfach zu tun, was Fremde von Ihnen verlangen, sogar wenn das die teuersten Prinzipien Ihrer Familie verletzt. Ich habe beobachtet, dass drei Jahre genug sind, um ein Kind zu zerbrechen, drei Jahre Eingesperrtsein in einer Umgebung von emotionaler Bedürftigkeit, Liedern, Lächeln, grellen Farben, Gruppenspielen – diese Dinge funktionieren viel besser als ärgerliche Worte und Strafen. Das ständige Betteln um Aufmerksamkeit produziert die charakteristischen Merkmale von Schulkindern: Weinerlichkeit, Verrat, Unehrlichkeit, versteckte Bosheit, Grausamkeit, und ähnliches. In 50 Jahren Zeitungslesen habe ich diese Dynamik noch nie in der Presse untersucht gesehen. Schulkinder werden wie Ratten im Käfig, die eine Taste drücken müssen, um Nahrung zu erhalten, und die gemäss einem Verstärkungsmechanismus exzentrische Verhaltensweisen entwickeln. Diejenigen unter Ihnen, die Rattenpsychologie studiert haben, werden wissen, von was ich rede. Das bizarre Verhalten von Schulkindern ist eine Funktion des Verstärkungsmechanismus, dem sie in der Schule ausgesetzt sind – ebenso wie das abnormale Verhalten von Versuchsratten.

Nehmen wir an, dass die Produktion von unvollständigen Menschen der Zweck der modernen Schule ist. Nehmen wir weiter an, es gebe einen vernünftigen Grund, so etwas zu tun. Nehmen wir an, vor hundert Jahren hätten weitsichtige Menschen gesehen, dass der Grossteil der Bevölkerung verdummt werden müsse, nicht um ihnen wehzutun, sondern um ein Volk von Produzenten in ein Volk von Konsumenten zu verwandeln. Um die Werktätigen so angepasst zu machen, dass sie die moderne Maschinenarbeit aushielten, die sich schnell weiterentwickeln musste. Das war das spezifische Problem, welches diese Schlüsselgruppe von Unternehmern und Philosophen anfangs des 20.Jahrhunderts beschäftigte: Wie kann eine stolze, freiheitsliebende Nation von unabhängigen Familien und Dörfern von ihrer historischen Tradition von Eigenverantwortung und Unabhängigkeit abgebracht werden? Erwachsene würden sich kaum derart manipulieren lassen. Die Praxis der örtlichen Schulen bot eine andere Möglichkeit an.
Während Jahrtausenden haben Denker darüber spekuliert, dass ein Staat, der mit Erfolg die Kontrolle über die Jugend übernähme, wirtschaftliche Wunder hervorbringen könnte. Diese Idee ist mindestens 2300 Jahre alt. Das einzige Instrument zu ihrer Verwirklichung, die allgemeine Schulpflicht, galt aber in der westlichen Welt als eine verrückte Idee. Nur an einem Ort war sie erfolgreich: in der preussischen Militärdiktatur des 19.Jahrhunderts. Horace Manns Pilgerreise nach Preussen im Jahr 1840 wurde ein Auslöser für die spätere Entwicklung. Das 20.Jahrhundert endet damit, dass die Massenschulung droht, auch das Kleinkindalter zu erobern. Und sogar nach einem Jahrhundert siegreicher Schulpflichtgesetze, von Preussen her inspiriert, gibt es immer noch keine Einigkeit darüber, was unter einem gebildeten Amerikaner zu verstehen sei. Am Ende des 20.Jahrhunderts ist Schule immer noch eine Polizeitätigkeit – genauso wie am Anfang.

Am Anfang des 20.Jahrhunderts entschied eine Gruppe berühmter Akademiker unter Edward Thorndike und John Dewey sowie ihre industriellen Verbündeten, die Schulen der Wirtschaft und dem politischen Staat zu unterwerfen, genau wie in Preussen. Ausserdem würde es einen höheren Auftrag geben. Die Schulen würden als „Instrumente einer verwalteten Evolution dienen, die Bedingungen für eine selektive Fortpflanzung aufstellten, bevor die Massen die Dinge in ihre eigenen Hände nähmen.“ (Das ist ein Zitat aus einem 1911 veröffentlichten Essay von Thorndike.) Standardisierte Prüfungen würden zwischen den Fortpflanzungs­fähigen, den Arbeitsfähigen und den Unfähigen trennen. Schon vor dem 1.Weltkrieg hatte die Erziehungspsychologie herausgefunden, dass gewisse Formen geistiger Ausbildung z.B. in Geschichte, Philosophie und Rhetorik die Schüler gegen Manipulation resistent machte, weil es den unabhängigen Intellekt ent­wickelte. Dieses Wissen war Motiv genug, um die Schulbildung zu verdummen.

Zwischen 1906 und 1920 investierte eine kleine Gruppe von weltberühmten Industriellen, Bankiers und Universitätsdirektoren mehr Geld und Aufmerksamkeit in die Schulpflicht als die Regierung. Allein Andrew Carnegie und John D.Rockefeller investierten zwischen 1900 und 1920 mehr Geld als die Bundesregierung. So wurde das moderne Schulsystem abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit und abseits der Volksvertreter aufgebaut. Dies ist die erste Auftragserklärung der Allgemeinen Bildungskomission von John D.Rockefeller:

In unseren Träumen ergeben sich die Menschen vollkommen fügsam in unsere formenden Hände. Die gegenwärtigen Vorstellungen von Bildung, im Sinne von Bildung des Intellekts und des Charakters, verschwinden aus ihrem Sinn; und ungehindert von der Tradition führen wir unseren eigenen guten Willen aus über ein dankbares und willfähriges Volk. Wir werden nicht versuchen, diese Leute oder irgendeines ihrer Kinder zu Gelehrten oder Philosophen oder Wissenschaftern zu machen. Wir sollen unter ihnen keine zu Schriftstellern, Erziehern oder Dichtern machen, auch nicht zu grossen Künstlern, Malern oder Musikern, noch zu Anwälten, Ärzten, Staatsmännern, Politikern, Geschöpfe, mit denen wir“ (wer auch immer mit dem „wir“ gemeint ist) „reichlich versorgt sind. Die Aufgabe ist einfach. Wir werden Kinder organisieren und sie auf vollkommene Weise die Dinge lehren, die ihre Eltern auf unvollkommene Weise tun.“

Vielleicht werden Sie sagen, dass ich ausserhalb des Zusammenhangs zitiere. Aber wenn Sie den ganzen Zusammenhang haben möchten, das Zitat ist aus dem „Gelegenheitsbrief Nr.1 der Allgemeinen Bildungskommission“ – von der ich bereits sagte, dass sie in das Schulwesen mehr Geld investierte als die Regierung.

Der wirkliche Zweck der modernen Schule wurde vom legendären Soziologen Edward Roth in seinem Manifest von 1906 angekündigt, unter dem Titel „Soziale Kontrolle“. Zitat: „Pläne sind unterwegs, um die Familie, Gemeinwesen und Kirche zu ersetzen durch Propaganda, Massenmedien und Bildung“ (er meint natürlich Verschulung) „…die Leute sind nur kleine formbare Teighäufchen.

…Der erste Lehrplan wurde verdummt, dann wurden landesweite Prüfungen eingeführt, dann wurde die Moral geschwächt, und schliesslich, zwischen 1970 und 1974, wurde die Lehrerbildung im geheimen vollständig verändert. 1971 gab die Erziehungsdirektion der USA – die sich jetzt darin engagiert, sich Zugang zu Ihrem Privatleben und zu Ihren Gedanken zu verschaffen – bei der Rand Corporation eine siebenbändige Studie über „Veränderungs-Agenten“ (change agents) in Auftrag. Die Ausbildung von „Veränderungs-Agenten“ wurde mit Regierungsgeldern unter dem „Gesetz zur Entwicklung der Erziehungsberufe“ in Gang gesetzt. Kurz darauf erschien ein Buch mit dem Titel: „Führer des Veränderungs-Agenten zur Innovation in der Erziehung“. …Machiavelli ist modernisiert worden.

Hindernisse wie Religion, Tradition, Familie, und die natürlichen Rechte, die in unseren Gründungsdokumenten garantiert sind, wurden beharrlich zurückgetrieben. Schon vor 1950 wurde der traditionelle Gott verbannt, um durch psychologische Missionare in einer Sozialarbeits-Priesterschaft ersetzt zu werden. Die Staatsschulen wurden zu sozialen Laboratorien umfunktioniert, ohne Wissen und Zustimmung der Öffentlichkeit. Das war wie eine zweite amerikanische Revolution, die diese Gründungsdokumente umstiess, welche gewöhnlichen Leuten Souveränität zusprachen.

Die Schule war von Anfang an eine Lüge, und ist es weiterhin. Man hört viel Unsinn heutzutage über die Notwendigkeit von gebildeten Menschen in einer hochtechnisierten Wirtschaft; aber in Wahrheit besteht keine solche Notwendigkeit. Unsere rationalisierte und globalisierte Wirtschaft wird mehr und mehr zu einem zentral gesteuerten System, das keine abweichenden Denkweisen zulassen kann. Gebildete Menschen sind dessen Feinde, und eine nicht-pragmatische Moral ist ebenfalls dessen Feind.
(…) Was wir errichtet haben, diese zwangsweise Massenschulung, kann nicht reformiert werden; sie muss niedergeschlagen werden. Sie wurde von Menschen geschaffen, und Menschen können sie auch wieder auseinandernehmen.


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht

5. September 2013

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont

Zwischen 1967 und 1974 wurde die Lehrerbildung in den Vereinigten Staaten insgeheim umgewandelt durch die koordinierten Anstrengungen einer kleinen Zahl privater Stiftungen, gewisser Universitäten, weltweiter Unternehmen, und ähnlicher Interessengruppen.
Drei kritische Dokumente in dieser Transformation waren: Zuerst „Taxonomie der Lehrziele“, von Benjamin Bloom. Dann ein Projekt in mehreren Staaten, das 1967 begonnen wurde, unter dem Namen „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Und schliesslich das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“. Diese wurden in den Erziehungsdepartementen aller Staaten verbreitet; und den Pionierdistrikten, die diese Neuerungen zuerst einführten, wurde eine Art Bestechungsgelder ausbezahlt.

Beginnen wir mit „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Die Autoren definierten Schulbildung neu, nach deutschem Vorbild des 19.Jahrhunderts, als „ein Mittel, um wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele nationalen Charakters zu erreichen“. Und ich beeile mich beizufügen, dass die Entwicklung Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter in keinem dieser Ziele enthalten ist. Die Schulbehörden der einzelnen Staaten würden von da an „handeln als Vollzugsinstanzen des Bundes, um sicherzustellen, dass die örtlichen Schulen die Anordnungen des Bundes erfüllen.“ Das Dokument sagt weiter, „das Erziehungsdepartement jedes Staates muss ein Veränderungs-Agent sein“, und „die Veränderung muss institutionalisiert werden“. Ich zweifle daran, dass irgendetwas darüber in irgendeiner Zeitung berichtet worden wäre.

Das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“ skizziert spezifische Reformen, die ab 1967 dem Land aufgezwungen werden sollten. Ihr Ziel ist (Zitat) „die unpersönliche Manipulation, durch die Schule, eines zukünftigen Amerika, in welchem nur wenige in der Lage sein werden, die Kontrolle über ihre eigenen Meinungen zu behalten.“ Ein Amerika, in welchem „jedes Individuum bei seiner Geburt eine Mehrzweck-Identifikationsnummer erhält, welche Arbeitgebern und anderen Kontrollinstanzen erlaubt, ihnen nachzuspüren, und sie der unterschwelligen Einflussnahme des Erziehungsdepartements auszusetzen …“
Die Leser – Sie und ich waren natürlich nicht unter diesen Lesern – erfuhren, dass ab 1967 chemische Experimente mit Minderjährigen ein normales Vorgehen sein würden. Das ist eine deutliche Vorahnung der gegenwärtigen massiven Ritalin-Interventionen. Es wurde erwartet, dass Lehrer als „Veränderungs-Agenten“ des Staates handeln würden; und die Lehrerbildner wurden darüber informiert, dass ab sofort die Verhaltenswissenschaft den akademischen Lehrplan ersetzen würde. Das Projekt beschreibt eine Zukunft, „in der eine kleine Liga alle wichten Angelegenheiten unter Kontrolle hat, und in der die partizipative Demokratie weitgehend verschwinden wird.“ Kinder sollten dazu erzogen werden, anzuerkennen, dass ihre Kameraden, und überhaupt alle durchschnittlichen Menschen, derart unangepasst und unverantwortlich seien, dass sie unter Kontrolle gehalten und reguliert werden müssten. Die immense Zunahme der Gewalt an Schulen, und das allgemeine Chaos in den späten sechziger Jahren, als Lehrer landesweit ihre Fähigkeit verloren, Kinder zu disziplinieren, wurde als willkommene Rechtfertigung gesehen, um die traditionellen Freiheiten drastisch einzuschränken.

(…) Die „Taxonomie der Lehrziele“ … war (Zitat) „ein Instrument, um die Arten zu klassifizieren, wie Individuen handeln, denken oder fühlen sollen, als Resultat der Teilnahme an einer bestimmten Lehreinheit.“ Ich zweifle daran, dass irgendein denkendes Elternpaar unter dieser Voraussetzung ihre Kinder zur Schule senden würde. Die Kinder würden die „angemessenen“ Haltungen lernen, und müssten ihre „unangemessenen Haltungen“ (die sie von zuhause mitbringen) korrigieren lassen.

Aber warum wird dies alles getan? Ein grosser Teil der Antwort findet sich in der neusten Ausgabe des „Magazins für äussere Angelegenheiten“, eine der einflussreichsten Zeitschriften der USA, in einem Artikel von Mort Zukerman. Er schreibt unsere wirtschaftliche Überlegenheit gewissen Merkmalen des amerikanischen Arbeiters und des amerikanischen Arbeitsplatzes zu. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass diese Überlegenheit von der Art herrührt, wie wir unsere Jungen ausbilden. Und worin besteht diese Überlegenheit? Nach Zukerman in erster Linie darin, dass der Amerikaner ein Dominostein ist, der sich vom Management dominieren lässt und nicht viel zu sagen hat. Im Gegensatz dazu, sagt Zukerman, „leidet“ Europa unter einer starken handwerklichen Tradition, die verlangt, dass der Arbeiter bei Entscheidungen mitredet. (…)
Ausserdem sagt er, „die Arbeiter in Amerika leben in einem ständigen Panikzustand, einer Angst, übergangen zu werden, sie wissen, dass die Unternehmen ihnen nichts schulden, es gibt keine Macht, gegen Entscheidungen des Managements zu apellieren. Die Angst ist unser geheimes Aufladegerät; sie gibt dem Management die Flexibilität, die andere Länder nie haben werden.“ … 1996 fürchteten fast die Hälfte der Angestellten grosser Firmen, entlassen zu werden. Das ist der doppelte Prozentsatz von 1991, als die Wirtschaftslage längst nicht so gut war. Diese Angst hält die Löhne unter Kontrolle.
Und unser endloser Konsum schliesst den goldenen Kreis. Zukerman sagt, die erstaunliche amerikanische Sucht nach Neuem gibt den amerikanischen Unternehmen ihren einzigartigen inländischen Markt. Andernorts vertrocknet das Geschäft in schwierigen Zeiten; aber wir hier kaufen weiter ein, bis wir pleite gehen, und verpfänden unsere Zukunft, damit die Güter und Dienste weiter fliessen. – Zukerman schreibt keineswegs kritisch, sondern lobend über diese Dinge. Zweifellos ist der fantastische Reichtum der amerikanischen Unternehmen ein direktes Ergebnis der Schulbildung. Schulen, die eine gesellschaftliche Masse dazu erziehen, bedürftig, ängstlich, neidisch, gelangweilt, talentlos und unvollständig zu sein. Die Wirtschaft der Massenproduktion braucht ein derartiges Publikum. Das ist niemandes Schuld. Genauso wie das Kleingewerbe der Amischen Intelligenz, Kompetenz, Nachdenken und Mitleid erfordert, so erfordern unsere Grossunternehmen eine gut verwaltete Masse – nivellierte, ängstliche, geistlose Familien, gottlos und angepasst; Menschen, die glauben, der Unterschied zwischen Coca Cola und Pepsi sei ein Streitgespräch wert. … Wir lernen in der Schule, dass Freude und Erfüllung von äusserlichen Dingen kommt, vom Besitz, und nicht von innen. Die Schule verkürzt unsere Konzentrationsspanne auf wenige Minuten, sodass wir ein Leben lang nach Erleichterung der Langeweile schreien, durch äusserliche Stimulation. Zusammen mit dem Fernsehen und Computerspielen, welche dieselbe Lehrmethode anwenden, werden diese Lektionen bleibend eingeprägt …

Einschub von seiten des Übersetzers:
Was vor gut einer Generation in den USA geplant wurde, ist heute in den Schulsystemen der gesamten westlichen Welt Wirklichkeit: Lehrer und Schüler werden gezielt daraufhin programmiert, die (vom Staat) erwünschten Denkweisen und Haltungen anzunehmen. Offizielle Lehrpläne enthalten nicht mehr bloss Ziele über Wissen und Können, sondern zunehmend emotionelle, haltungs- und verhaltensmässige „Lernziele“, die mittels psychologischer Manipulation der Schüler erreicht werden sollen. Ganz zu schweigen von den „inoffiziellen“ Zielen, über die der Normalbürger gar nicht informiert wird.

Eine kurze Durchsicht einiger mehr oder weniger zufällig ausgewählter Lehrpläne ergab Folgendes:

Zuerst einmal fällt auf, wie umfangreich diese Dokumente sind! Bis ins kleinste Detail wird vorgeschrieben, was (und z.T. auch wie) Lehrer lehren und Schüler lernen sollen. Der peruanische nationale Lehrplan von 2009 umfasst 484 Druckseiten. Allerdings sind darin nicht weniger als siebzehn „Schuljahre“ enthalten, weil der Staat heutzutage so ehrgeizig (oder totalitär) ist, schon die Erziehung von Kleinkindern von „null bis drei Jahren“ per Lehrplan zu regeln. – Entsprechend der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit hat der Lehrplan für die bayerische Grundschule (Juli 2000) 305 Seiten für lediglich vier Schuljahre, das macht 76 Seiten pro Schuljahr! Angesichts dieser Vorschreib- und Kontrollwut nimmt es sich wie ein schlechter Scherz aus, wenn auf Seite 7 dieses Dokuments steht: „Die Grundschule bahnt freiheitlich-demokratische (etc …) Werthaltungen an.“ Der Ort, der angeblich auf das Leben in einer „freiheitlich-demokratischen“ Gesellschaft vorbereiten soll, ist gerade der Ort, wo am wenigsten Freiheit herrscht.

Sehen wir uns einige dieser Lehr- und Lernziele an. Im bayerischen Lehrplan steht unter „Fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben“ auf Seite 15:
Soziales Lernen und grundlegende politische Bildung
Im Sinne einer politischen Grundbildung werden in der Grundschule soziale Lernprozesse initiiert und unverzichtbare Werte menschlichen Zusammenlebens erfahrbar gemacht. Durch die Förderung sozialer Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft, Solidarität, Toleranz, Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen oder auszuhalten, werden die Schüler auf ein Leben als Staatsbürger in einer demokratischen Gesellschaft vorbereitet.“
– Nichts dagegen, dass Kinder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen oder nach einem Streit wieder Frieden zu schliessen. Aber ist es wirklich Aufgabe der Schule, Kindern bestimmte Verhaltensweisen „anzuerziehen“, als ob sie als Vollwaisen aufwüchsen? Und ist es Aufgabe des Staates, solche Werte und Verhaltensweisen im Detail vorzuschreiben? Und was ist mit jenen „Werten“, die den christlichen Prinzipien widersprechen (wie z.B. die seit einigen Jahrzehnten im Sinne von „politischer Korrektheit“ umdefinierte Bedeutung von „Toleranz“)?

Weiter: „Die Kinder sollen ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen, um so eine bejahende Lebenseinstellung zu gewinnen und eine eigene Identität zu entwickeln.“ (Fachprofil Ethik, S.23). – Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob ein „stabiles Selbstwertgefühl“ von Vorteil ist oder nicht, und was genau darunter zu verstehen sei. Aber gerade in diesen Bereichen, wo man verschiedener Meinung sein kann, hinterlässt das Wörtchen „soll“ einen bitteren Nachgeschmack nach Gedankenpolizei.

„… sollen sich eine offene, realitätsbezogene Einstellung gegenüber Personen mit fremder Sprache und Kultur und damit Verständnisbereitschaft und Toleranz entfalten.“ (Fachprofil Fremdsprachen, S.28) – Wieder wird mit „Sollen“ eine Werthaltung vorgeschrieben, die mit dem eigentlichen Erwerb von Fremdsprachen nichts zu tun hat. Diese „Achtung und Toleranz vor Fremdem“ erscheint gehäuft im bayerischen Lehrplan; so auch in den Fachprofilen Heimat- und Sachunterricht sowie Kunsterziehung.

Weiter: „Pflanzen oder auch kleine Tiere nicht achtlos zertreten; nicht mit Lebensmitteln spielen.“ (S.74 Fachlehrplan Ethik 1./2.Jg, S.74) – Was hat das mit Schule zu tun? Und warum soll Kindern verboten werden, z.B. aus ihrem Kartoffelbrei im Teller eine Landschaft zu modellieren, oder aus Böhnchen Muster zu legen? Man wird an die Pharisäer erinnert, die Gottes Gebote durch eine Unzahl von Menschengeboten ersetzten (Matth.15,1-9).

Noch ein letztes Zitat aus Bayern, ohne Kommentar:
„Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen hinterfragen“ (Fachlehrplan Heimat- und Sachunterricht, 4.Jg, S.264).

Gehen wir nach Nordrhein-Westfalen. Da wird schon ganz zu Anfang in den allgemeinen Richtlinien festgehalten, dass die Schule den Kindern ganz bestimmte vorgeschriebene Wertvorstellungen und Haltungen anerziehen soll:
„Die Arbeit in der Schule zielt im Sinne eines erziehenden Unterrichts darauf ab, die Kinder zu unterstützen, die Welt zunehmend eigenständig zu erschließen, tragfähige Wertvorstellungen im Sinne der demokratischen Grundordnung zu gewinnen und dadurch Urteils- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Damit verbunden ist die Aufgabe der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu solidarischem Handeln in sozialer Verantwortung, zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte und anderer, auch religiöser, Überzeugungen, zu einem friedlichen Miteinander in der Einen Welt sowie zur Achtung vor Natur und Umwelt zu erziehen.“ (S.14-15, „Erziehender Unterricht“)
Ebenso heisst es: „Lehrerinnen und Lehrer (…) bahnen Einstellungen und Haltungen an (…)“ (S.17, „Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer“).

Im Lehrplan für das Fach Deutsch wird den Schülern sogar vorgeschrieben, wie sie sich im Unterricht fühlen sollen: „Sie erfahren Freude an sprachlicher Gestaltung und sprachlichem Spiel, entwickeln ihr sprachliches Selbstvertrauen weiter und übernehmen Verantwortung im Gebrauch der deutschen Sprache.“ (S.23) – Wenn also ein Kind im Deutschunterricht trotz allen psychologischen Tricks des Lehrers keine Freude empfindet, dann hat es das Lernziel nicht erreicht?!

Der NRW-Lehrplan scheint ein Interesse daran zu haben, Mädchen und Jungen zwangsweise einander gleich zu machen: „Die unterschiedlichen Körper- und Bewegungserfahrungen können es notwendig machen, geschlechterbewusst zu differenzieren, um Mädchen zu stärken und Jungen für sich und andere zu sensibilisieren.“ (S.113, Lehrplan Sport). Von daher ist wohl auch der folgende Satz im Lehrplan für den Sachunterricht zu verstehen: „Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Personen und Gruppen leistet die kritische Auseinandersetzung mit Rollenerwartungen und Rollenverhalten von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen.“ (S.42)

Der Lehrplan zum Sachunterricht verlangt auch „eine kritisch-konstruktive Haltung zu Naturwissenschaft und Technik“ (S.39). – In den „Kompetenzerwartungen am Ende der Klasse 4“ heisst es: „Die Schülerinnen und Schüler (…) erkunden Möglichkeiten der Partizipation von Kindern an Entscheidungen im Gemeinwesen und beteiligen sich daran (z.B. Planung von Spielplätzen und Schulwege (sic), Kulturprogramme für Kinder)“. (S.48) – Auch das sind Dinge, über die man verschiedener Meinung sein kann, bzw. die man der Entscheidung der einzelnen Kinder und deren Familien überlassen sollte. Aber nein, der Staat schreibt vor, wie Schüler zu denken und zu handeln haben.

Auch der Lehrplan für die Volksschule des Kantons Bern von 1995 schreibt ähnliche Dinge vor:
„Als sozialer Erfahrungsraum ermöglicht es die Schule, Regeln des Zusammenlebens anzuwenden und den Umgang mit Konflikten zu üben. Entsprechende Erfahrungen im Schulalltag fördern Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Rücksichtnahme, Geduld, Achtung, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Verstehenwollen, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Engagement und Mut sind wichtige Ziele sozialen Lernens.
Die Schule fördert das partnerschaftliche Zusammenleben von Mädchen und Knaben. Sie berücksichtigt die Interessen der Kinder und Jugendlichen beider Geschlechter gleichwertig.
(…) Die Schule fördert Haltungen, welche Diskriminierung – sei es aufgrund des Geschlechts, der sozialen Herkunft, der Religion oder der Rasse – ablehnen. Sie setzt sich für die Solidarität gegenüber Benachteiligten ein.“ (S.19, „Leitideen zur Sozialkompetenz“)
– Wiederum kann man mit vielen dieser Werte einverstanden sein, aber es erheben sich dieselben grossen Fragen: Wie werden diese Haltungen in der Praxis genau definiert? Und warum muss der Staat diese überhaupt vorschreiben? Wird da nicht auf gravierende Weise in den Bereich der Familie eingegriffen?

Mehrere Fachlehrpläne im bernischen Lehrplan enthalten unter den „Richtzielen“ eine ganze Liste von vorgeschriebenen „Haltungen“. Zum Fach „Natur-Mensch-Mitwelt“ steht da z.B: „Sich mit Formen und Traditionen des Zusammenlebens, mit Werten und Normen und mit ideologischen Strömungen auseinander setzen und dabei eine kritische Distanz zu fundamentalistischen und totalitären Denk- und Handlungsweisen erwerben.“ (S.52) – Merkt überhaupt noch jemand, dass das Vorschreiben bestimmter Werte, Denkweisen und Haltungen an sich bereits eine totalitäre Handlungsweise (von seiten des Staates) ist??

Zuguterletzt noch einige Beispiele aus Perú. Da wird auf S.32 des nationalen Lehrplans ganz direkt vorgeschrieben, was für Charaktereigenschaften ein Schüler am Ende seiner Schulzeit aufweisen soll:
„Ethisch und moralisch. Sensibel und solidarisch. Kreativ und innovativ. Kommunikativ. Kooperativ. Organisiert. Forscht und informiert sich. Mitfühlend und tolerant. Kritisch und reflektierend. Unternehmerisch. Transzendent. Flexibel. Löst Probleme. Proaktiv. Autonom.“

In der Fortsetzung wird auch die „Konsensbereitschaft“ als wichtiges charakterliches Lernziel hervorgehoben – ein Punkt, der in den deutschsprachigen Lehrplänen unter dem Stichwort „Konfliktlösung“ in ähnlicher Weise erscheint. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima ist hier zu fragen, ob dieses Lernziel nicht zunehmend in dem Sinne verstanden wird, Schüler mit festen Überzeugungen (z.B. christlichen) dahingehend zu beeinflussen, dass sie „um des Friedens willen“ hinsichtlich dieser Überzeugungen Kompromisse eingehen?

Auch im peruanischen Lehrplan erscheint der Propagandaspruch, dass angeblich an der Schule „demokratisches Zusammenleben“ gelernt werden soll, obwohl jeder weiss, dass es die Lehrer bzw. deren Vorgesetzte sind, welche alle wichtigen Entscheidungen auf diktatorische Weise treffen.

Im weiteren enthalten die jahrgangsspezifischen Fachlehrpläne jeweils detaillierte Lernziele, nicht nur für „Kenntnisse und Fähigkeiten“, sondern auch für „Haltungen“. Auch da wird detailliert vorgeschrieben, wie sich die Kinder im Unterricht fühlen sollen, und an was für Tätigkeiten sie Freude haben sollen. Z.B. im Fachlehrplan „Kommunikation“ für den Kindergarten, Vierjährige (!): „Erfreut sich seiner künstlerischen Ausdrucksformen und zeigt Wertschätzung für die Produktionen der Gruppe und seiner eigenen.“ – Für Erstklässler: „Nimmt mit Begeisterung (!) an den persönlichen oder gruppenweisen Schreibprojekten teil.“ – „Zeigt Sicherheit und Vertrauen beim Schreiben.“ (Die Ironie dieser Sätze wird in ihrem vollen Ausmass erst verständlich, wenn man weiss, dass die Mehrheit der Schüler am Ende des ersten Schuljahres noch gar nicht lesen und schreiben können; aber alle lernen, wie man vorgibt, es zu können.) – Mathematik, erste Klasse: „Zeigt eine Neigung (!) zum Gebrauch der symbolischen und graphischen Sprache.“ – „Erfreut sich daran, geometrische Figuren in seiner Umgebung zu beschreiben.“

Noch ein paar spezifischere Beispiele aus dem Fach „Persönlich-Soziale Erziehung“: – „Beweist bürgerliches Verantwortungsbewusstsein darin, bei Käufen eine Quittung zu verlangen.“ (4.Klasse.) (Nicht etwa zum Zweck der eigenen Buchhaltung, sondern um dem Staat zu helfen, Kleingeschäftsinhaber aufzuspüren, die mittels Unterschlagung von Quittungen Steuern hinterziehen.) – „Organisiert sich verantwortungsbewusst in den Zivilschutzbrigaden der Schule und Gemeinde.“ (4. bis 6.Klasse.)

Aus dem Fach „Wissenschaft und Umwelt“: „Konfrontiert diskriminierende Situationen.“ (2.Klasse!) – „Anerkennt andere Standpunkte und neigt dazu, diese zu akzeptieren.“ (4.Klasse) – „Beurteilt die Ausbeutung natürlicher Ressourcen kritisch.“ (5.Klasse) – „Trifft verantwortliche und gesunde Entscheidungen über seine Sexualität.“ (6.Klasse) (Was soll das heissen??)
Die Beispiele sprechen für sich selbst.

(Fortsetzung folgt)


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

John Taylor Gatto: Das Prinzip des gefangenen Flohs

5. Juli 2013

Aus: John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“ (2009)

 

Woher kommt die unheimliche, unmenschliche Passivität von Schulkindern gegenüber den Dingen, die die Erwachsenenwelt von jeher als wichtig angesehen hat? Und die noch unerklärlichere Gleichgültigkeit armer Kinder gegenüber ihrer ominösen Zukunft, die sich ihnen unaufhaltsam nähert?

Als ich noch als Lehrer arbeitete, hatte ich meine Theorien darüber; aber keine, die mich wirklich überzeugte. Bis mir ein elfjähriger taiwanesischer Einwandererjunge namens Andrew Hsu erklärte, wie man den Willen von Flöhen zerbricht, sodass sie dressiert werden können. Seine Erklärung wurde in einer autobiographischen Notiz gedruckt, die er für die Feier schrieb, wo er und ich denselben Preis erhielten; aber die materielle Anerkennung, die ich erhielt, verblasste im Vergleich zu der Lektion, die ich von Andrew an jenem Tag lernte.

Er hatte soeben die Wissenschafts- und Technikausstellung des Staates Washington gewonnen, indem er ein Gen entschlüsselt hatte, das Menschen und Mäuse gemeinsam haben: COL201A. Mit seinen elf Jahren war Andrew bereits ein hervorragender Schwimmer, der viele Trophäen gewonnen hatte. Er sprach fliessend Chinesisch, Französisch und Englisch. In seiner Freizeit arbeitete er als Assistent für professionelle Dokumentarfilme. Und er war nie zur Schule gegangen; er war ein „Homeschool-„Kind.
Als er gebeten wurde, die wichtigste Lektion zu beschreiben, die er in seinem Leben gelernt hatte, und die seine Entscheidungen am meisten beeinflusste, da sagte er, es sei eine Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hatte darüber, wie Flöhe dazu dressiert werden, an Trapezen zu schaukeln, kleine Wägelchen zu ziehen, und all die anderen wunderbaren Dinge, die Flöhe seinerzeit lernten, um Könige und ihren Hofstaat zu unterhalten. Diese Geschichte war so:

Wenn man Flöhe in ein niedriges Gefäss setzt, dann springen sie heraus. Aber wenn man das Gefäss eine Zeitlang mit einem Deckel zudeckt, dann stossen sie am Deckel an bei ihren Versuchen, hinauszuspringen; und sie lernen bald, nicht mehr so hoch zu springen. Sie geben ihre Bemühungen um Freiheit auf. Wenn man dann den Deckel wegnimmt, bleiben die Flöhe Gefangene ihrer selbstauferlegten Beschränkungen. So ist auch unser Leben. Die meisten von uns erlauben es unseren eigenen Ängsten, oder den von anderen Personen auferlegten Bedingungen, uns gefangenzuhalten in einer Welt niedriger Erwartungen.

Als ich das las, zog mein ganzen Leben als Lehrer vor meinen geistigen Augen vorüber. Ich war dazu angestellt worden, der Deckel zu sein auf der Petrischale, an dem die Kinder ihre Köpfe anstossen würden bei ihren Versuchen, ihren eigenen Weg zu verfolgen, bis sie es eines Tages erschöpft aufgeben würden. Und damit wurden sie zu geeigneten Dressurobjekten.

Der Brief

29. Juli 2012

Gedanken darüber, das Wort deines Vaters ernst zu nehmen. Von Russell J. Asvitt.

Chris lag auf seinem Bett, den Kopf auf einem Kissen aufgestützt, und las ein Buch. Da kam sein Zimmerkollege Ernst mit einigen Briefen herein. – „Hier, Chris“, sagte er, „das ist für dich.“ – „Danke, Ernie“, sagte Chris, nahm den Brief entgegen, öffnete ihn und las ihn gründlich.

Lieber Christian,

Deine Mutter und ich sind sehr zufrieden, dass Du Dich entschieden hast, an die Universität zu gehen und Dein Studium abzuschliessen. Wir haben vereinbart, Dir volle finanzielle Unterstützung zu geben, damit Du keine Zeit verlierst mit einer Arbeitsstelle, denn das könnte dein Studium hinauszögern. Wir möchten, dass Du so viel Zeit wie möglich in Deinen Fortschritt investierst. Wir haben gehört, dass viele Studenten ihre Zeit und ihr Geld ausserhalb der Universität verschwenden. Bitte tue Dich nicht mit ihnen zusammen. Wenn Du es verschwendest, werden wir Dir kein Taschengeld mehr senden für Deine Freizeit. Ich freue mich schon auf Deinen Abschluss, damit Du Dich mir anschliessen kannst in meinem Geschäft. Eines Tages wirst Du es erben.

Alles Liebe,

Papa.

Verwirrt faltete Chris den Brief zusammen, steckte ihn in den Umschlag und ging zur Tür, den Umschlag in der Hand.
„Wohin gehst du?“ fragte Ernst.
„Ich gehe meine Professoren fragen, was dieser Brief meines Vaters bedeutet.“
„Aber wenn er von deinem Vater ist, wozu …?“ – Aber die Tür hatte sich bereits hinter Chris geschlossen.

„Gut, Christian“, sagte der Geschichtsprofessor, nachdem er den Brief studiert hatte, „es scheint, dein Vater möchte, dass du Fortschritte machst. Aber ich brauche etwas zusätzliche Information über deinen Familienhintergrund, um den Brief zutreffend interpretieren zu können. Wenn er von ‚Fortschritt‘ spricht, meint er deine Ausbildungsmöglichkeiten, oder geht es ihm um deine soziale Stellung, oder um deine finanzielle Sicherheit? Wenn du mir einige zusätzliche Umwelthinweise geben könntest, dann könnte ich dir sicher helfen, den Brief zu entziffern.“
Chris sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls vielen Dank, Professor“, sagte er, und verliess das Büro. Sogleich ging er zum Philosophieprofessor.

„Könnten Sie mir helfen, diesen Brief zu interpretieren?“
„Sehr gerne“, sagte der Philosophieprofessor. „Lass mich sehen. ‚Viele Studenten verschwenden ihre Zeit.‘ Das ist ein interessantes Konzept. Was ist Zeit? Heute war gestern morgen, und morgen wird morgen heute sein. Wie du siehst, ändert sich die Zeit ständig. Und was die Zeitverschwendung betrifft, wie kann man etwas verschwenden, was ständig bei uns ist und sich ständig ändert? Schau, dein Vater drückt einfach eine Meinung aus, die er dir mitteilen möchte. Es ist ein interessantes Schreiben, aber ziehe keine definitiven Schlüsse daraus, bevor du nicht mehrere andere Konzepte gelesen hast. Du brauchst eine breitere Informationsbasis für deine volle Entwicklung.“
„Gut, ja … danke“, sagte Chris, und ging ein wenig enttäuscht nach draussen.

Die nächste Station war die theologische Fakultät. Während der Theologe den Brief überflog, runzelte er die Stirn.
„Mein Gott!“ rief er aus. „Sicherlich wollte dich dein Vater nicht erschrecken, aber da sind wirklich einige ernsthafte Unstimmigkeiten in seinem Brief. Er schliesst seine Epistel mit: ‚Alles Liebe‘, aber zugleich sagt er: ‚Wir werden Dir kein Taschengeld mehr senden.‘ Sicherlich möchte er nicht wirklich das sagen. Er kann nicht dich lieben und dir zugleich etwas vorenthalten.
Er sagt auch, du sollst dich nicht mit anderen Studenten zusammentun. Dennoch will er, dass du alle deine Vorlesungen besuchst. Wie kannst du das tun, wo doch andere Studenten in den Vorlesungen sind?
Denke einmal nach, ich denke, es war nicht dein Vater, der dir diesen Brief geschrieben hat. Die Statistiken zeigen, dass Studenten die allermeisten Briefe von ihren Müttern erhalten. Ich denke, der Schlüssel liegt im ersten Satz: ‚Deine Mutter und ich sind sehr zufrieden…‘ Es scheint, dass deine Mutter den Brief geschrieben hat und in guten Treuen mit dem Namen deines Vaters unterschrieben hat, um ihm grössere Autorität zu verleihen. Natürlich ist nichts Schlechtes dabei, aber ich dachte, ich sollte dich darauf aufmerksam machen. Ich hoffe, das ist dir eine Hilfe.“
„Ja … danke“, antwortete Chris.

„Wie seltsam, es sieht wirklich wie die Schrift meines Vaters aus“, brütete Chris, während er sich auf seinem Bett niederwarf. Ernst betrachtete ihn: „Du siehst verwirrt aus, Chris.“ – „Ja“, antwortete er. „Ich wusste nicht, dass es so viele verschiedene Arten gibt, einen Brief zu interpretieren.“ – „Darf ich ihn lesen?“ fragte Ernst. – „Klar. Hier, nimm ihn.“
Ernst las den Brief gründlich durch. „Hey, das ist grossartig!“ rief er aus. „Deine Eltern werden dir dein ganzes Studium bezahlen, und dir dazu sogar noch Taschengeld geben. Du wirst keine Arbeit suchen müssen. Und dein Vater sagt, wenn er pensioniert wird, wirst du sein Geschäft erben. Begeistert dich das nicht?“
„Ist es das, was es bedeutet?“ – „Das ist es, was dasteht, oder nicht?“ – „Mensch, du bist wirklich schlau, Ernie“, sagte er schliesslich.
Ernst wandte sich wieder seinen Aufgaben zu und lächelte vor sich hin. Er wusste, dass er in Wirklichkeit gar nicht so besonders schlau war.

Quelle: Zeitschrift „Bread for Children“, März 1987

Der Bischof war schockiert

12. Juni 2012

Von „Martin“ aus England

(Gefunden im Forum auf http://johnthebaptisttv.com)

Unsere Gemeinschaft ist selbstzufrieden und bequem, nicht wahr?

Reformation? Wozu? Wohin? Dasselbe wie zuvor? Nein, das haben wir bereits hinter uns. Jetzt haben wir den Blick auf das Originalmodell verloren, und haben unsere Türen weitgehend verschlossen vor dem Heiligen Geist. Beweise dafür? – Sieh Dich um. Siehst Du etwa eine verachtete, verfolgte Gemeinschaft, brennend in Gottes Geist, die Jesus liebt und einander Liebe erweist, grosszügig gibt, und in der Anbetung Gottes lebt? Siehst Du ein herausgerufenes Volk, das willig und bereit ist, für Jesus zu sterben?

Vor zwanzig Jahren arbeitete ich als Postbote im Norden Englands. Ich ging an einer unserer ältesten und grossartigsten Kathedralen vorbei – sie wurde „Münster“ genannt. Die Sonne war gerade aufgegangen, und es war herrlich, draussen zu sein. Ein eleganter, grossgewachsener Läufer in kurzen Hosen und T-Shirt stand neben mir still, lächelte liebenswürdig und fragte: „Junger Mann (ich war nicht mehr jung, aber ich freute mich über das Kompliment), was würden Sie sagen, wie wir die Kirche verbessern sollten?“

Ich antwortete: „Reisst sie ab, verkauft das Land, um Unterkünfte für die Armen zu schaffen, versammelt euch auf dem Marktplatz in Regen oder Sonnenschein, lasst euch sehen und hören, und betet inbrünstig, dass der Herr Jesus euer Tun ehren möge.“

Einige Tage später sagte ein enger Freund, ein Geistlicher jener Kathedrale, zu mir: „Kürzlich hat jemand den Bischof echt verärgert. Er soll ihm geraten haben, die Kathedrale abzureissen, das Land zu verkaufen und sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Das bist nicht etwa zufällig du gewesen, oder?“


Mein eigener Kommentar:
Auch heute wären die meisten kirchlichen Leiter über einen solchen Vorschlag ebenso verärgert und schockiert. Bedenken wir aber, dass so gut wie alles, was Martin dem Bischof sagte, wörtlich so im Neuen Testament steht! Was sagt das aus über den Zustand einer Kirche, die sich über solche Vorschläge ärgert?