Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (4.Teil)

26. Januar 2017

Der Gute Hirte und die bösen Hirten im Alten Testament

Jesus sprach zu Juden, die das Alte Testament gut kannten. Als er begann, über den „Guten Hirten“ zu sprechen, mussten sie sich sofort an die alttestamentlichen Verheissungen eines „Guten Hirten“ erinnert haben, und besonders an das Kapitel 34 im Buch Ezechiel. Dieses Kapitel beginnt mit einer Zurechtweisung der bösen Hirten Israels:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden! Sollen nicht die Hirten die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch und kleidet euch mit der Wolle; die Fetten schlachtet ihr, aber ihr weidet die Schafe nicht. Ihr habt die Schwachen nicht gestärkt und die Kranken nicht gepflegt; ihr habt das Gebrochene nicht verbunden, die Versprengten nicht zurückgebracht und die Verlorenen nicht gesucht; sondern ihr habt sie geknechtet mit Härte und Gewalt …“ (Ezechiel 34,2-4)

Danach muss der Prophet das Gericht Gottes über die bösen Hirten verkünden:

„So hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich bin gegen die Hirten; und ich werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und ich werde sie nicht länger die Schafe weiden lassen; und auch die Hirten werden nicht länger sich selber weiden; denn ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen, und sie werden ihnen nicht länger zum Frass sein. Denn so hat Gott der Herr gesagt: Siehe, ich selber werde meine Schafe zurückfordern, und werde mich um sie kümmern.“ (Ezechiel 34,10-11)

Dann sagt Gott, dass er selber die Verantwortung eines Guten Hirten übernehmen wird:

„Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Schafhürde sein: dort werden sie in einer guten Hürde ruhen, und auf fetten Weiden werden sie geweidet werden auf den Bergen Israels. (…) Ich werde die Verlorenen suchen und die Versprengten zurückbringen, und das Gebrochene verbinden und die Kranken pflegen (…)“ (Ezechiel 34,14-16)

Schliesslich verspricht Gott, dass er einen Guten Hirten über Israel setzen wird:

„Und ich werde über sie einen Hirten erwecken, und er wird sie weiden, meinen Diener David: er wird sie weiden, und er wird ihr Hirte sein. Ich, der Herr, werde ihr Gott sein, und mein Diener David Fürst mitten unter ihnen. Ich, der Herr, habe gesprochen.“ (Ezechiel 34,23-24)

Das ist eindeutig eine Prophetie auf Jesus hin, den „Sohn Davids“. Als Jesus sich selber als den Guten Hirten beschrieb, gab er zu verstehen, dass er gekommen war, um diese Prophetie Ezechiels zu erfüllen. Die Zeit war zu Ende gegangen, wo die religiösen Leiter nach Gutdünken regieren und das Volk knechten konnten. Jesus würde seine Schafe aus der Gewalt dieser Leiter befreien, und er selber würde sie weiden.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir, dass nach dem Willen des Guten Hirten die christliche Gemeinde nie wieder unter die Gewalt anderer „Pastoren“ („Hirten“) oder Priester zurückkehren sollte. Wenn sie es trotzdem getan hat, so geschah das entgegen dem Willen des Guten Hirten. Aller Missbrauch, den Christen während all der Jahrhunderte erleiden mussten und noch erleiden müssen unter „Pastoren“, Priestern, und dem Papsttum, ist Konsequenz dieses Ungehorsams: Die Schafe Jesu hörten auf, Jesus den Herrn als ihren einzigen Guten Hirten anzuerkennen, und begaben sich wiederum unter die Herrschaft anderer Schafe (oder sogar von Wölfen in Schafskleidern). Aber das Wort Gottes bleibt weiterhin gültig: „Ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen reissen!“

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (3.Teil)

11. Januar 2017

Der Gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe.

Manchmal gehen wir sehr schnell über grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens hinweg, weil sie uns so wohlbekannt sind: „Ja, natürlich, ich weiss, dass Jesus sein Leben gegeben hat für mich.“ Aber sehen wir uns einige der Konsequenzen an, die sich daraus ergeben.

Als Jesus sein Leben hingab, bezahlte er den Preis, um die Schafe als sein Eigentum zu erwerben. „Er gab sich selbst für uns, um uns von aller Gesetzlosigkeit loszukaufen, und um für sich selber ein besonderes Eigentumsvolk zu reinigen, ein Volk, das guten Werken nacheifert.“ (Titus 2,14). Ein echter Christ, der von Jesus losgekauft wurde, weiss, dass er ihm sein ganzes Leben schuldet. Somit wird er kein anderes Lebensziel haben, als dem Herrn zu gefallen. Er wird sein Leben nicht in einen „religiösen Bereich“ und einen „weltlichen Bereich“ aufteilen, sodass er im „religiösen Bereich“ für den Herrn leben würde und im „weltlichen Bereich“ nach seinem eigenen Gutdünken und nach den Massstäben dieser Welt. Nein, ein echter Christ weiss, dass auch sein Familienleben, seine Arbeit, sein Geld, seine Freizeit, seine Freundschaften … – dass all das Eigentum des Herrn ist, weil er es mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Deshalb sucht ein Christ immer den Willen des Guten Hirten in allen Angelegenheiten seines Lebens.

Jesus macht einen Vergleich mit dem „Angestellten“ oder „Mietling“:
„Aber der Angestellte, der nicht der Hirte ist, und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf reisst die Schafe fort und zerstreut sie. Der Angestellte flieht also, weil er Angestellter ist und ihn die Schafe nicht kümmern.“ (Johannes 10,12-13)

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Guten Hirten und dem Angestellten? – Einmal verrichtet der Angestellte seine Arbeit um Lohn, nicht aus Liebe zu den Schafen. Das ist tatsächlich ein Problem in einigen Kirchen: sie werden geleitet von Menschen „verdorbenen Sinnes, und die die Wahrheit nicht haben, die denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, um Geld zu gewinnen.“ (1.Timotheus 6,5)
– Aber auch wenn das nicht sein Beweggrund ist, und auch wenn der „Angestellte“ keinen Lohn erhielte, so bleibt doch ein grundlegender Unterschied: Die Schafe gehören ihm nicht. Kein Gemeindeleiter, „Pastor“, „Bischof“, „Apostel“, oder was auch immer seine Position oder sein Titel sei, keiner von ihnen hat sein Leben gegeben, um die Schafe loszukaufen. Deshalb kann keiner von ihnen ein Eigentumsrecht über die Schafe des Herrn beanspruchen. Somit können sie auch kein Recht beanspruchen, den Schafen zu befehlen, was sie tun sollen, über das hinaus, was der Herr selber geboten hat.

Aber wenn der Wolf die Schafe fortreisst, dann ist das nicht nur die Schuld des Angestellten. Die Schafe sind mitschuldig, weil sie sich von der falschen Person abhängig gemacht haben. Jesus sagte diese Worte in erster Linie als Warnung an die Schafe: Setzt euer Vertrauen nicht in einen Angestellten! Denkt nicht, dass er euch vor dem Wolf beschützen wird! Solange alles ruhig ist, kann der Angestellte den Anschein geben, er sei der Gute Hirte; er kann euch auf die Weide und wieder nach Hause führen; aber wenn es gefährlich wird, dann wird der Angestellte euch im Stich lassen. Setzt euer Vertrauen in den Guten Hirten, der euch zum Preis seines eigenen Lebens erkauft hat!

Und dennoch erwartet der Herr auch, dass ein Christ dazu bereit sei, für einen anderen Christen sein Leben zu geben: „Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns gegeben hat; auch wir sollen unsere Leben geben für die Brüder.“ (1.Johannes 3,16). In extremen Not- oder Verfolgungssituationen mag das notwendig sein. Auch in weniger extremen Situationen mag es notwendig sein, dass ein Christ sein Geld, seine Zeit, seine Kraft einsetzt, um anderen zu helfen. Und besonders die „Leiter“ sind dazu berufen, zu dienen und dem Beispiel des Herrn zu folgen.
Aber solche Beispiele der Hingabe des eigenen Lebens (oder eines kleinen Teils des Lebens) für die Geschwister sind niemals vergleichbar mit dem, was Jesus für uns getan hat. Niemand von uns, auch wenn er sein eigenes Leben dafür gäbe, könnte jemanden für die Ewigkeit loskaufen. Wenn in einer Ausnahmesituation ein Christ in der Lage ist, sein Leben zu geben für einen anderen, dann kann er das nur tun, weil Jesus es zuerst tat. In solchen Situationen der äussersten Hingabe zeigt sich umso deutlicher, dass ein Christ Eigentum des Herrn ist mit allem, was er ist und hat, und dass wir „getrennt von ihm nichts tun können“ (siehe Johannes 15,5).

Der Islam – Geissel einer abgefallenen Christenheit?

3. Januar 2017

Ein einschneidendes, aber wenig bekanntes Datum aus der Kirchengeschichte ist die Synode von Whitby, 664. Dort wurde beschlossen, die keltische Kirche mit der angelsächsischen zu vereinigen; was bedeutete, sie dem Papst unterzuordnen. Damit verschwand die letzte von Rom unabhängige christliche Gemeinschaft in Europa, und der Papst wurde zum unumschränkten Herrscher. (Nur in Irland konnten die Kelten faktisch noch eine gewisse Unabhängigkeit behaupten.)

Das geschah natürlich nicht einfach so aus heiterem Himmel. Die keltische Christenheit muss sich bereits in einer Etappe geistlicher Abkühlung befunden haben. Die grosse Zeit der irischen Wanderprediger (wie z.B. Columbanus) ging zur Neige. Es entstand eine „ökumenische Bewegung“, welche die Vereinigung mit dem römischen Katholizismus befürwortete. Ein modernes Kirchengeschichtsbuch beschreibt diesen Vorgang beschönigend so: „Gegen Ende des 7.Jh. erwuchs eine Generation von Kirchenführern, die die Ordnung und Autorität Roms mit dem Gefühls- und Ideenreichtum des keltischen Christentums zu vereinigen wussten. Aidan von Lindisfarne (…) übernahm zusammen mit einigen Angelsachsen, darunter Wilfrid von York, die Führung bei der Überwindung von Heidentum und Rassenhass. Mit königlicher Unterstützung durch König Oswald von Northumbrien gelang das Unternehmen. Die Synode von Whitby beschloss 664 die Einigung der keltischen und der katholischen Kirche in England.“

Philip Schaff, ein Kirchenhistoriker des 19.Jh, beschreibt jedoch die Geschichte etwas anders:

„Der Streit zwischen dem angelsächsischen (römischen) und dem britischen (keltischen) Ritus flammte in der Mitte des 7.Jh. neu auf, endete aber mit dem Sieg des ersteren in England. (…) Die Kontroverse wurde in einer Synode in Whitby 664 entschieden, in Gegenwart von König Oswy (Oswald) und seinem Sohn Alfrid. Colman, der zweite Nachfolger Aidans, verteidigte den schottischen Ostertermin mit der Autorität von St.Columba und des Apostels Johannes. Wilfrid begründete den römischen Brauch mit der Autorität des Petrus (…) Als er erwähnte, Petrus seien die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, sagte der König: ‚Ich will dem Türhüter nicht widersprechen, damit nicht, wenn ich zur Himmelstür komme, niemand da ist, um mir zu öffnen.‘ Mit diesem unwiderstehlichen Argument war die Opposition gebrochen, und die Konformität mit den römischen Gebräuchen hergestellt. (…) Colman, schwer getroffen, kehrte mit seinen Anhängern nach Schottland zurück. (…) Tuda wurde an seiner Stelle zum Bischof ernannt.
Wenig später wütete eine schreckliche Pest durch England und Irland, während Kaledonien (Nordschottland) verschont blieb …“

Schaff sagt auch:

„Es ist bemerkenswert, dass die missionarische Aktivität der irischen Kirche sich auf die Zeit ihrer Unabhängigkeit von der römischen Kirche beschränkt.“

Nach 700 zeigten sich die Auswirkungen auch auf dem kontinentalen Europa. Der Angelsachse Bonifatius bemühte sich eifrig und mit Erfolg, im heutigen Deutschland die Herrschaft Roms über jene Gebiete zu festigen, die zuvor von den unabhängigen Iren missioniert worden waren.

Ist es Zufall, dass diese Vorgänge zeitlich in die Epoche der schnellsten Ausbreitung des Islam fielen? Im Todesjahr Mohammeds (632) war die arabische Halbinsel islamisch. 642 begannen die Vorstösse der arabischen Sarazenen nach Nordafrika. Ab 670 begann die Eroberung des westlichen Nordafrika (heutiges Algerien und Marokko); 711 setzten sie nach Europa über.

– Machen wir einen grossen Sprung nach vorne. Vom 14.Jahrhundert an sah sich Europa wiederum bedroht durch den Islam; diesmal in Form des Osmanischen Reiches, welches von der Türkei her über den Balkan nach Westen vorstiess. Bekanntestes Datum aus jener Epoche dürfte der Fall Konstantinopels sein (1453). Aber schon um 1400 stand die Stadt Konstantinopel nur noch wie eine Insel inmitten des Osmanischen Reiches, welches die ganze Osthälfte der Balkanhalbinsel beherrschte. Im 15.Jh. nahmen sie weitere Gebiete ein.

Auch diese Epoche islamischer Ausbreitung fällt zusammen mit einer Epoche grosser politischer Macht, und zugleich Verweltlichung, der sogenannten Christenheit und des Papsttums. Es ging jetzt zwar nicht mehr um territoriale Ausweitungen des römisch-katholischen Herrschaftsgebiets, aber um die Macht des Papstes über den Kaiser. 1302 erklärte Papst Bonifatius VIII, der römische Papst habe das von Gott gegebene Recht, nicht nur die kirchliche, sondern auch die weltlich-politische Herrschaft über die ganze Welt auszuüben. (Das ist bis heute ein verbindliches römisch-katholisches Dogma, denn die Bulle „Unam Sanctam“, welche diese Erklärung enthält, ist nie widerrufen worden, und gilt nach römischer Lehre als „unfehlbar“.)
Während der darauffolgenden Zeit verfiel zwar die politische Macht des Papsttums ein wenig aufgrund interner Intrigen. Aber noch 1493 fühlten sich die Päpste wie selbstverständlich als Weltherrscher, sodass Alexander VI sich anmasste, in einer offiziellen Bulle dem spanischen Königspaar und dessen Nachfolgern „für alle Zeiten“ die Herrschafts- und Eigentumsrechte am ganzen neu entdeckten amerikanischen Kontinent jenseits eines bestimmten Längengrades zuzusprechen, unter der Bedingung, dass sie die Einwohner aller dieser Länder zu Katholiken machten. (Auch dieses Dekret ist trotz verschiedener Vorstösse von Vertretern amerikanischer Ureinwohner bis heute nicht widerrufen worden.)
Was die „Ökumene“ betrifft, so war die römische Kirche in jener Epoche so mächtig, dass sie es nicht mehr für nötig hielt, diese Frage auf dem Verhandlungsweg anzugehen. Die Albigenser wurden auf brutalste Weise ausgerottet; die Waldenser in versteckte Winkel in den italienischen Alpen zurückgetrieben; die Anhänger Wycliffs verfolgt; Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz verbrannt. Nur mit der „orthodoxen“ Kirche des Ostens versuchte man noch auf diplomatischem Weg zu einer Einigung zu gelangen, mittels Verhandlungen mit dem Kaiser von Konstantinopel. 1439 unterzeichnete dieser ein Dekret zur Wiedervereinigung mit Rom, das aber erst 1452 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später gab es in Konstantinopel keinen Kaiser mehr.

– Und wie sieht es heute aus? Wiederum sehen wir einen erschreckenden Niedergang der geistlichen Substanz in der sogenannten Christenheit. In den ehemaligen Reformationskirchen behaupten führende Theologen schon seit über hundert Jahren, die Bibel sei gefälscht, Jesus sei nicht leiblich vom Tod auferstanden, und die Grundsätze biblischer Ethik seien heute nicht mehr gültig. Weite Kreise in diesen Kirchen unterstützen jetzt antichristliche Strömungen wie z.B. den Marxismus, die „Gender“-Ideologie, oder den Islam (!). Sie agieren weltlich-politisch, interessieren sich aber nicht für eine geistliche Umkehr oder für Gottes Gebote. Eher neu ist jedoch, dass jetzt auch die evangelikalen Freikirchen weithin in diesen bibelkritischen, antichristlichen und weltlich-politischen Strömungen mitschwimmen.
Gleichzeitig sehen wir, wie sich die genannten Kirchen zunehmend an Rom annähern. Das Jahr 2017 könnte in dieser Hinsicht eine ähnliche kirchengeschichtliche Bedeutung erhalten wie Whitby 664. Auch das geschieht natürlich nicht erst seit gestern: schon jahrzehntelang laufen Vorbereitungen für die von den höchsten Leitern geplante „Wiedervereinigung“.

Und auch diese Epoche der Verweltlichung und zugleich Ökumenisierung fällt zusammen mit einer neuerlichen Ausbreitung des Islam. Ist es Zufall, dass radikale Islamisten ihre Anhänger dazu aufgerufen haben, gerade in diesem Jahr 2017 ihre Angriffe auf europäische Ziele massiv zu verstärken?
Auch in unserer Zeit ist aber die Ausbreitung des Islam nicht ein punktuelles Ereignis, sondern eine Entwicklung, die schon mehrere Jahrzehnte andauert und sicher noch weiter andauern wird. Diese zunehmende Islamisierung und Radikalisierung hat ja nicht erst mit dem IS begonnen, sondern reicht mindestens bis in die 70er-Jahre zurück: „Ölschock“ 1973; persische Revolution 1979; Bewaffnung radikaler Islamisten durch die USA in Afghanistan ab 1980 – eine Politik übrigens, welche die USA seither im Nahen Osten konsequent weiter verfolgt haben, und die ihr Gerede vom „Krieg gegen den Terrorismus“ Lügen straft…

– Soweit meine Beobachtungen. Was schliesse ich daraus?

Zuerst und vor allem gehe ich davon aus, dass Gott allmächtig ist, und dass er Herr ist über die Weltgeschichte. Auch wenn wir von unserer irdischen Warte aus oft keinen Sinn sehen können in der Geschichte, so bin ich doch überzeugt, dass aus Gottes Perspektive alles Sinn macht. Und wenn Gott allmächtig ist, dann muss auch der Islam ein Werkzeug in seiner Hand sein, und muss letztendlich seinen Zielen dienen.

Was für Ziele könnten das sein? Da kann ich nur spekulieren; aber ich denke, einiges ist doch ziemlich klar ersichtlich.

1. Wenn die sogenannte Christenheit ihren Auftrag derart verfehlt, dass sie sich in ihren Entscheidungen und Werturteilen nach weltlichen Massstäben richtet und weltlich-politische Macht anstrebt, statt das Reich Gottes zu suchen, dann setzt Gott diesen Bestrebungen ein militärisches Gegengewicht entgegen. Er lässt es (noch) nicht zu, dass eine scheinchristliche Weltmacht die totale Kontrolle übernimmt. Hätte sich das Papsttum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nicht immer wieder gegen die Türken wehren müssen, dann hätte es seine Kräfte noch stärker darauf konzentriert, jene Bewegungen völlig auszulöschen, die wieder zu einem biblischen Christentum zurückkehren wollten.

2. Gott möchte, dass auch die Moslems Jesus kennenlernen und durch ihn erlöst werden. Das ist eher möglich, wenn er sie aus ihren islamischen Ländern herausholt. Doch denke ich, wenn dies das Motiv ist, dann wird er sie eher ins südlichere Afrika schicken, wo es noch mehr echte Christen gibt, und wo die Versuchung einer Scheinbekehrung zur materiellen Bereicherung nicht so gross ist wie in Europa.

3. Eine vom Glauben abgefallene Christenheit lädt zur Islamisierung ein. Damit meine ich nicht in erster Linie die direkten Einladungen, die von europäischen Politikern an islamische Immigranten ausgesprochen worden sind. Ich meine vielmehr, dass der Glaubensabfall der sogenannten Christen Moslems dazu anspornt, diesen den Islam als rettende Alternative zu bringen.
Das muss ich vielleicht mit einigen Vergleichen und Beispielen klarmachen. Manche westlichen Hilfswerke werben mit Bildern von hungernden Kindern um Spenden und um freiwillige Mitarbeiter. Die Botschaft dahinter ist so ungefähr: „Diese Kinder hungern, weil sie die Segnungen der westlichen Zivilisation nicht haben, die du hast. Gib ihnen also etwas von dem, was du hast.“ – In früheren Zeiten hätte man vielleicht zusätzlich gesagt: „Die Leute in diesen Ländern sind arm, weil sie das Evangelium nicht haben. Wir müssen ihnen das Evangelium bringen.“ (Es ist heute in Europa nicht mehr zeitgemäss, so etwas zu sagen; aber Leser mit christlichem Hintergrund können vielleicht auch diese letztere Argumentation nachvollziehen.)
Was sehen nun Moslems, wenn sie nach Europa blicken? Natürlich sehen sie all den materiellen Reichtum; aber sie sehen noch etwas anderes: Sie sehen euch Europäer als geistlich Hungernde. „Sieh nur, wie krank Europa ist. Überall Pornographie; ihre Frauen laufen halbnackt auf den Strassen herum; Homosexuelle heiraten; Diebe werden nicht genügend hart bestraft; Gott darf öffentlich gelästert werden; die Leute beten nicht; sie lesen die heiligen Schriften nicht; … – Wir müssen ihnen den Islam bringen, damit sie aus ihrem unmoralischen und ungläubigen Zustand errettet werden!“ – Das dürfte das Motiv nicht weniger Moslems sein, die mit missionarischen und/oder kriegerischen Absichten nach Europa kommen. Das Schlimmste daran ist, dass viele dieser unmoralischen Europäer sich „Christen“ nennen. So reimt sich der Moslem die Gleichung zusammen: „Christ = unmoralisch“.
Ja, manche europäischen Länder sind in den letzten Jahren so weit gegangen, gewisse biblisch begründete Aussagen zu verbieten. Christliche Prediger haben Verfolgung erlitten, nur weil sie gewisse Dinge, die in der Bibel stehen, allzu deutlich gesagt haben. Also lässt Gott es jetzt zu, dass Europa mit moslemischen Predigern (und nicht nur Predigern) überschwemmt wird. Diese werden noch viel krassere Dinge sagen als die christlichen Prediger. Manches davon wird falsch, verzerrt oder völlig extrem sein; aber es werden auch Wahrheiten darunter sein – genau jene Wahrheiten, die man in Europa aus dem Munde christlicher Prediger nicht mehr hören will.

4. Damit komme ich zum unbequemsten Punkt: Gott ist nicht nur „gnädig“. Er straft auch, wo es nötig ist. Manche Begebenheiten aus dem Alten Testament zeigen, dass Gott als Werkzeuge dazu auswählt, wen er will – sogar barbarische, blutrünstige Herrscher, die nachher selber von Gott gerichtet werden müssen. Wer denkt, Gott würde heute nicht mehr in ähnlicher Weise handeln, der muss sich die Frage gefallen lassen: Was sollte Gott dann sonst tun? Sollte er das Böse einfach so lange gewähren lassen, bis im Endergebnis die schlimmsten Gräueltaten nicht mehr von den Heiden begangen werden, sondern von jenen, die sich „Christen“ nennen? – Tatsächlich hat Gott es ja im Mittelalter (und auch in jüngerer Vergangenheit!) öfters tatsächlich so weit kommen lassen; wodurch viel Schmach und Schande auf den Namen Jesu gebracht wurde. Aber irgendwann kommt ein Moment, wo Gott sagt: „Genug!“ Und dann schickt er z.B. die Türken (siehe Punkt 1).
Eine Person und auch eine Nation, die einmal Jesus gekannt hat und mit seinem Wort vertraut ist, hat in dieser Hinsicht eine viel grössere Verantwortung vor Gott als ein „Heide“. Gott straft denjenigen, „den er als Sohn annimmt“ (Hebräer 12,6; siehe auch Vers 8), um ihn zur Umkehr zu bringen (V.10-11). Wer einmal „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden ist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Weltzeit geschmeckt hat“ (Hebräer 6,4-6), und dann auf diesen Ruf zur Umkehr nicht reagiert, sondern ganz abfällt, der ist vor Gott unvergleichlich viel schuldiger als jemand, der in Sünde lebt, weil er Jesus gar nie gekannt hat.
Ich glaube, dass sich diese Prinzipien in gewisser Weise auf ganze Nationen und Kulturkreise übertragen lassen. So wie Gott durch die Propheten oft das Volk Israel als Ganzes anspricht, als ob es eine einzige Person wäre, so spricht er heute auch zu Europa als Ganzes, oder zumindest zu den jeweiligen europäischen Nationen als Ganze. Die Botschaft ist unüberhörbar. Kein Kontinent der Erde hatte so viele Jahrhunderte lang das Vorrecht, die biblische Botschaft zu kennen. Kein Kontinent der Erde hat so viele Beweise von Gottes Güte erlebt wie Europa. Und kein Kontinent der Erde hat sich Gott gegenüber so undankbar und untreu gezeigt, im Vergleich zu den erhaltenen Segnungen. (Mit Ausnahme vielleicht der USA, die ja ursprünglich auch aus dem europäischen Kulturkreis hervorgegangen sind.) Wie laut muss Gott noch rufen, bis Europa zuhört?

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (2.Teil)

19. Dezember 2016

Die Schafe folgen dem Guten Hirten.

Das Gleichnis in Johannes 10 betont die enge Vertrauensbeziehung zwischen den Schafen und dem Guten Hirten:
„Die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe, jedes mit Namen, und führt sie hinaus. Wenn er seine eigenen Schafe hinausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,3-4)
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir …“ (Vers 27)

Hier in Perú (und möglicherweise auch in den anderen ehemaligen spanischen Kolonien) sind diese Worte noch schwieriger zu verstehen als in der europäischen Kultur. Peruanische Hirten gehen nicht vor ihren Schafen her. Sie gehen hinter ihnen und treiben sie vor sich her, so wie man es z.B. mit Kühen machen würde. Dieser kleine kulturelle Unterschied ist ein grosses Hindernis zum Verständnis des Evangeliums. Es macht einen grossen Unterschied in der Beziehung zwischen Hirte und Herde, ob der Hirte vor den Schafen hergeht oder hinter ihnen.

Wo der Hirte die Schafe vor sich hertreibt, besteht eine Beziehung der Überwachung und des gegenseitigen Misstrauens. Die Schafe haben niemanden, dem sie folgen können; sie müssen den Weg selber finden. Ausserdem fühlen sie sich ständig von hinten bedroht. Statt ihrem Hirten zu vertrauen, fürchten sie ihn. Der Hirte vertraut seinen Schafen ebensowenig: er muss sie antreiben, damit sie vorwärtsgehen, und er muss sie ständig überwachen, damit sie nicht vom Weg abkommen.
Das ist genau die Art von Beziehung, die in Perú seit der spanischen Eroberung herrscht zwischen Leitern und Geleiteten in der Gesellschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt, und auch in den Kirchen: Antreiben und angetrieben werden; manipulieren, andere ausnützen, und ausgenützt werden. Auch in europäischen Kirchen habe ich diese Art kontrolliender, überwachender und manipulierender „Leiterschaft“ beobachten müssen. Aber wo diese Art von Beziehungen herrscht, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Diese Beziehungen müssen vom Evangelium grundlegend verändert werden.

Wo der Hirte vor den Schafen hergeht, da sieht es ganz anders aus: Es herrscht eine gegenseitige Vertrauensbeziehung. Die Schafe vertrauen, dass der Hirte sie zu einem guten Ort führen wird, wo es zu essen gibt, und deshalb folgen sie ihm vertrauensvoll. Aber auch der Hirte vertraut seinen Schafen: er vertraut ihnen, dass sie ihm freiwillig folgen werden, und muss sie nicht ständig überwachen. – Ausserdem ist der Hirte derjenige, der als erster den Weg begeht. Wenn irgendwo ein gefährlicher Abgrund ist, eine kaputte Brücke, ein Sumpf, oder sonst ein Hindernis, dann ist der Hirte der erste, der der Gefahr begegnet und sie von den Schafen abwendet.
Das ist die Art von Beziehung, die wir mit dem Herrn Jesus haben können; und das ist auch die Art von Beziehung, die in einer echten christlichen Gemeinde zwischen „Leitern“ und anderen Christen besteht.

Wir stellen ausserdem fest, dass die Schafe immer dem Guten Hirten folgen, nicht einem anderen Schaf! In diesem Gleichnis muss jeder Älteste, „Pastor“ oder „Leiter“ sich selber als Schaf identifizieren, nicht als „Hirte“. Sicher, einige Schafe kennen den Weg besser als andere; aber das rechtfertigt nicht, dass sie sich über die Herde erheben und die Rolle des Hirten an sich reissen würden. Auch jene Schafe, die eine „Leitungsfunktion“ ausüben, werden dadurch nicht zu etwas anderem als Schafe. Eine Gruppe von Christen hört auf, neutestamentliche Gemeinde zu sein, wenn ihre Leiter sich anmassen, die Leben ihrer Mitchristen so zu überwachen und zu dirigieren, wie es allein dem Guten Hirten zusteht.

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10

12. Dezember 2016

Nachdem wir einige Worte des Herrn in Matthäus 18 und 23 betrachtet haben, gehen wir nun zu Johannes 10. In diesem Kapitel kommt zwar das Wort „Gemeinde“ nicht vor; aber Jesus spricht symbolisch von der „Schafherde“ und vom „Hirten“. Offenbar ist das ein Gleichnis über die christliche Gemeinde. Untersuchen wir einige Aspekte dieses Gleichnisses.

Die Tür zu den Schafen

Es gibt eine Tür zur Schafhürde, wo die Schafe ein und aus gehen. Jesus sagt: „ICH bin die Tür zu den Schafen“. (Johannes 10,7). Das ist sehr wichtig, um die neutestamentliche Gemeinde zu verstehen. Es gibt eine einzige Art, wie man Teil der Gemeinde werden kann und mit ihr in Kontakt kommen kann: Man muss durch Jesus hineingehen.
Der Herr fährt weiter: „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden; und er wird ein und aus gehen und Weide finden.“ (Vers 9). Wir erinnern uns an ein Lied Davids, das er wahrscheinlich komponierte, während er Schafe hütete: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auf saftigen Weideplätzen lässt er mich ausruhen. An ruhigen Wassern weidet er mich. Er tröstet meine Seele.“ (Psalm 23,1-3) Wenn jemand durch die Tür hineingeht, die Jesus ist, dann führt ihn der Herr auf eine gute Weide. Und dort wird er auch die anderen Schafe antreffen. Wenn wir durch Jesus hineingehen, finden wir auch die Gemeinschaft mit seinen anderen Schafen.

Es ist so wichtig, dies zu verstehen, weil die katholische Kirche diese Ordnung auf den Kopf gestellt hat, und die evangelischen und evangelikalen Kirchen sind ihr darin nachgefolgt. Der römische Katholizismus lehrt, dass die Errettung von der Kirche kommt: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Und ganz ähnlich sagen die Evangelikalen: „Komm zur Kirche, damit du den Herrn kennenlernst.“ In dieser Sichtweise ist die Kirche eine Institution zur Verwaltung des Heils; eine Institution, die ein Eigenleben führt, unabhängig von den einzelnen Christen. Diese Institution stellt sich zwischen den Herrn und die einzelnen Christen. Von daher kommt die Abhängigkeit vom Priestertum, die macht, dass die Christen von einer Institution abhängig werden, oder von den Leitern dieser Institution, statt vom Herrn selber abhängig zu sein.

Das Gleichnis vom Guten Hirten zeigt uns eine andere Sichtweise: Die Gemeinde ist die „Schafherde“, die Gemeinschaft aller Christen. Sie ist weder ein Gebäude noch eine Institution; die Gemeinde ist eine Gruppe von Menschen. Sie besteht aus all jenen Menschen, die „durch Jesus hineingingen“, d.h. die eine persönliche Begegnung mit Jesus hatten und aufgrund dieser Begegnung errettet wurden. Sie sind definitionsgemäss „Gemeinde“, unabhängig von der äusseren Form, welche die Gemeinschaft unter ihnen annimmt. Sie sind in Gemeinschaft miteinander, weil sie zu Jesus gehören; nicht wegen einer gemeinsamen Mitgliedschaft in irgendeiner Institution. – Andererseits darf sich keine Institution rechtmässig „christliche Gemeinde“ nennen, wenn ihre Mitglieder durch irgendeinen anderen Prozess hineingekommen sind als eine persönliche Begegnung mit Jesus. Anstelle des katholischen Mottos sollten wir richtiger sagen: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Gemeinde.“

Damit verachten wir keineswegs die Rolle, die den Christen dabei zukommt, andere Menschen zum Herrn zu führen. Nur müssen wir zwischen zwei Aspekten des christlichen Lebens unterscheiden:

Einerseits die Tätigkeit individueller Christen in ihrem Zeugnis für den Herrn und der Verbreitung des Evangeliums, was sowohl privat wie auch öffentlich geschehen kann;
und andererseits die Gemeinde im eigentlichen Sinn als Versammlung der Christen.

Das Zeugnis von Christen hat den Zweck, dass andere Menschen den Herrn persönlich kennenlernen können. Das geschieht nicht in Form eines „Rituals“ oder einer „institutionellen Handlung“. Es kann nur geschehen, wenn der Herr selber diesen Personen begegnet und sich ihnen offenbart. (Vgl. Lukas 10,22: „Niemand kennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und [niemand kennt,] wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ Und Galater 1,15-16: „Als es aber Gott gefiel, … seinen Sohn in mir zu offenbaren…“) Die „Eingangstür“ ist immer Jesus selber; sie kann nicht durch einen Prediger oder eine Institution ersetzt werden.

Eine Evangelisationsveranstaltung ist nicht „Gemeinde“. Die Gemeinde ist die Gemeinschaft jener, die bereits errettet sind; Evangelisation richtet sich an Unerrettete. Für die ersten Christen war dieser Unterschied sehr klar. Sie bezeugten Jesus privat und in der Öffentlichkeit, wo immer sich eine Gelegenheit bot; aber das nannten sie nicht „Gemeinde“. Wenn sie sich hingegen unter sich versammelten, dann luden sie keine Aussenstehenden dazu ein. Es wird sogar berichtet, dass „von den übrigen sich niemand getraute, sich ihnen anzuschliessen“ (Apostelgeschichte 5,13).

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (3.Teil)

3. Dezember 2016

In der neutestamentlichen Gemeinde wird „Leiterschaft“ durch Dienst ersetzt.

Das sehen wir in Vers 12 unseres Kapitels Matthäus 23:

„Aber der grösste von euch sei euer Diener. Und jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Wir können mehrere Parallelstellen zitieren:

„Ihr wisst, dass die Machthaber der Völker über sie herrschen, und die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch wichtiger sein will, sei euer Sklave; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele.“ (Matthäus 20,25-28)

„Die Könige der Völker knechten sie, und die über sie herrschen, lassen sich Wohltäter nennen. Aber ihr sollt nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Leitende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger, der am Tisch sitzt oder der bedient? Nicht der, der am Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der, der bedient.“ (Lukas 22,25-27)

„Ihr nennt mich ‚Meister‘ und ‚Herr‘, und das sagt ihr gut; denn ich bin es. Wenn also ich, der Herr und Meister, eure Füsse gewaschen habe, dann sollt auch ihr einander die Füsse waschen; denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13,13-15)

Ein „Leiter“ in der neutestamentlichen Gemeinde hat keine Privilegien. Jesus beanspruchte keine Privilegien vor seinen Jüngern und behandelte sie auch nicht autoritär. Sie anerkannten ihn als ihren Meister, weil sie in ihm eine echte Weisheit, Geistlichkeit und Autorität sahen, die sich in seinen Worten und in seinem Beispiel manifestierte. Deshalb war er es würdig, dass sie ihm nachfolgten. Und deshalb konnte er seinen Jüngern dienen, ohne seine Autorität zu verlieren.
Das ist das Beispiel, das Jesus allen Leitern unter seinen Jüngern nach ihm hinterliess. Ein echter christlicher Leiter sucht nicht ein „Amt“, eine „höhere Stellung“, oder Privilegien. Er knechtet seine Glaubensgeschwister nicht. Im Gegenteil, er übt seine Verantwortung zum Wohlergehen seiner Glaubensgeschwister aus. Ein echter christlicher Leiter wird immer ein Beispiel dieser Haltung geben, die auch im Herrn selber war: „Wir sollen (…) nicht uns selber zu Gefallen leben. Jeder von uns lebe dem andern zu Gefallen, indem er das Gute tut und ihn auferbaut. Denn auch der Christus hat nicht sich selber zu Gefallen gelebt …“ (Römer 15,1-3)

Aus der nichtchristlichen Welt sind wir es gewohnt, dass „Leiterschaft“ gleichbedeutend ist mit „herrschen“ oder „andere knechten“. Deshalb musste Jesus sehr klar sagen, dass in seinem Reich die Dinge anders sind. Ja, es gibt eine Vielfalt von Gaben und Funktionen in der Gemeinde (Römer 12,4-5, 1.Korinther 12,4-6); und einige dieser Funktionen schliessen das ein, was wir gemeinhin „Leiterschaft“ nennen. Aber in der christlichen Gemeinde begründet diese Vielfalt der Funktionen keine hierarchische Struktur und keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“ (Siehe die vorhergehenden Betrachtungen.) Wer eine „Leiterschaftsfunktion“ innehat, steht deswegen nicht „über“ seinen Glaubensgeschwistern.

Es ist interessant zu beobachten, wie sorgfältig sich die Schreiber des Neuen Testaments in dieser Hinsicht ausdrücken: In einem weltlichen Kontext haben sie kein Problem zu sagen, ein Leiter sei „über“ anderen. Aber sie gebrauchen dieses Wort „über“ nicht, wenn sie sich auf einen christlichen Leiter beziehen. Betrachten wir nochmals genau Matthäus 20,25-27: „… die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, (…) und wer unter euch wichtiger sein will …“

In vielen gegenwärtigen Kirchen ist „Leiterschaft“ zu einer Machtposition geworden, verbunden mit viel Einfluss und manchmal auch finanziellem Gewinn. Infolgedessen fühlen sich jene Personen zu diesen Positionen hingezogen, die genau das suchen: Macht, Einfluss, und Reichtum. Das heisst, die Leiterschaftsstellungen werden allmählich von den ungeistlichsten Menschen eingenommen; von jenen, die in Bibelstellen wie den folgenden beschrieben werden:
„… Menschen mit verdorbenem Sinn, die die Wahrheit nicht haben, die fälschlich denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, Geld zu gewinnen …“ (1.Timotheus 6,5)
„… Feinde des Kreuzes Christi, deren Bestimmung das Verderben ist, deren Gott der Bauch ist, und deren Ehre in ihre Schande ist; die [nur] an das Irdische denken.“ (Philipper 3,18-19)
(Über die falschen Apostel): „… wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ (2.Korinther 11,20)
„… der es liebt, der Erste von ihnen zu sein, Diotrephes, nimmt uns nicht auf. (…) und nicht zufrieden damit, nimmt er auch die Brüder nicht auf; und jene, die [sie aufnehmen] wollen, hindert er daran und schliesst sie aus der Versammlung aus.“ (3.Johannes 9-10)

So entstehen Kirchen, die dem Anschein nach aufblühen, aber in geistlichem Elend leben; die voll von Habsucht, Intrigen, Lügen, Betrug, und weltlichem Ehrgeiz sind. Wo solche Dinge zu beobachten sind, und die Versammlung ergreift keine Massnahmen, um diese schlechten Leiter zu korrigieren und sie durch echte geistliche Leiter zu ersetzen, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.

Die Situation ist ganz anders an Orten wie China, wo die echte Gemeinde unter ständiger Bedrohung lebt. In China muss ein Gemeindeleiter damit rechnen, in Armut zu leben, und er geht ein erhöhtes Risiko ein, Verfolgung und Tod zu erleiden. Einige der wichtigsten christlichen Leiter in China können nicht einmal einer Gemeinde vorstehen, weil sie sich versteckt halten müssen; ihr ganzer Dienst besteht aus Fasten und Gebet, und Beratung anderer Leiter, die aktiv das Evangelium verkünden.
Dieselbe Situation – oder sogar noch schlimmer – besteht in vielen islamischen Ländern.
In solchen Umständen ist es viel wahrscheinlicher, dass tatsächlich die geistlicheren Christen Leiterschaft anstreben. Sie werden auf dieser Erde nicht belohnt werden dafür; deshalb wird ihre Belohnung vom Herrn umso grösser sein.

Es wäre traurig, wenn die Gemeinde nur in Verfolgungszeiten geistlich aufblühen könnte. Aber in Zeiten der Freiheit könnten wir zumindest die Leiter nach diesem Kriterium prüfen: Wäre diese Person auch unter den Umständen der chinesischen Gemeinde ein Leiter? Ist er in Leiterschaft, weil er dienen will, oder weil er herrschen will?

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (2.Teil)

17. November 2016

„Aber ihr sollt euch nicht ‚Rabbi‘ nennen lassen; denn einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Brüder. Und nennt niemanden auf Erden euren Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist. Lasst euch auch nicht Meister(Lehrer) nennen, denn einer ist euer Meister, der Christus.“

Die neutestamentliche Gemeinde unterscheidet nicht zwischen „Geistlichen“ und „Laien“.

In der Ordnung des Alten Testaments war das Priestertum sehr wichtig. Ein Priester ist ein Mittler zwischen Gott un den Menschen: Er steht vor Gott, um die Opfer des Volkes darzubringen, und um für das Volk Fürbitte zu leisten. Und er steht vor dem Volk, um ihm die Worte Gottes zu überbringen.
Aber interessanterweise finden wir auch im Alten Testament, dass dies nicht die ursprüngliche Absicht Gottes war: „Wenn ihr nun auf meine Stimme hört, und meinen Bund hält, dann werdet ihr mein besonderes Eigentumsvolk unter allen Völkern sein; denn mir gehört die ganze Erde. Und ihr werdet für mich ein Königreich von Priestern sein, und ein heiliges Volk …“ (2.Mose 19,5-6) Nach der ursprünglichen Absicht Gottes sollten also alle Israeliten Priester sein. Sie alle sollten direkten Zugang zu Gott haben. Aber sie hielten es nicht aus, dass Gott direkt zu ihnen sprach: „Das ganze Volk beobachtete das Donnergetöse und die Blitze, und den Lärm der Trompete, und den Berg, der rauchte; und als das Volk es sah, zitterten sie, und stellten sich in weiter Entfernung auf. Und sie sagten zu Mose: Sprich du zu uns, und wir werden auf dich hören; aber Gott soll nicht mehr zu uns sprechen, damit wir nicht sterben.“ (2.Mose 20,18-19). So wurde die Figur des Mittlers eingeführt, auf Verlangen des Volkes. Und infolgedessen richtete Gott das israelitische Priestertum ein (2.Mose 28).

Aber im Neuen Testament kehrte Gott zu seiner ursprünglichen Absicht zurück. Der Hebräerbrief stellt klar heraus, dass das alttestamentliche Priestertum durch das vollkommene Opfer Jesu abgeschafft wurde:

„Wenn es also durch das levitische Priestertum Vollkommenheit gegeben hätte (…), wozu hätte dann noch ein anderer Priester nach der Ordnung Melchisedeks aufstehen müssen, und nicht nach der Ordnung Aarons? Denn wenn das Priestertum wechselt, wechselt notwendigerweise auch das Gesetz. Denn der, von dem dieses gesagt wird, war von einem anderen Stamm, von dem niemand am Altar gedient hatte. (…) Denn das frühere Gebot wurde ungültig gemacht wegen seiner Schwäche und Nutzlosigkeit – denn das Gesetz hat nichts vollkommen gemacht -, und es wurde eine bessere Hoffnung eingeführt, durch die wir uns Gott nähern. (…) Jesus wurde zum Bürge eines besseren Bundes gemacht. Und jene Priester waren viele, weil der Tod sie daran hinderte, zu bleiben; aber dieser bleibt für ewig und hat deshalb ein unwandelbares Priestertum. Deshalb kann er auch jene vollständig retten, die sich durch ihn Gott nähern, weil er ewig lebt, um für sie zu flehen. Denn ein solcher Hoherpriester gebührte uns: heilig, ohne Bosheit, ohne Verunreinigung, abgesondert von den Sündern, und höher erhoben als die Himmel, der es nicht nötig hat wie die Hohenpriester, täglich zuerst Opfer für seine eigenen Sünden darzubringen und dann für die des Volkes; denn er tat dies ein für allemal, indem er sich selber opferte.“ (Hebräer 7,11-13.18-19.22-27)

Ein wiederkehrendes Thema im Hebräerbrief ist der direkte Zugang zu Gott.

(Da wir Jesus als Hohepriester haben,) „lasst uns also mit Freimut zum Gnadenthron hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit erhalten und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebräer 4,16)

„Da wir Freimut haben, ihr Brüder, ins Allerheiligste einzutreten durch das Blut Jesu, das er geweiht hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das heisst sein Fleisch; und einen grossen Priester über das Heim Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in Fülle des Glaubens, das Herz besprengt [zur Reinigung] von einem bösen Gewissen, und den Körper gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebräer 10:19-22)

Die „Hebräer“, die noch unter der Ordnung des Alten Bundes aufgewachsen waren, müssen sich des grossen Vorrechts sehr wohl bewusst gewesen sein, das ihnen zuteil wurde, als Jesus das vollkommene Opfer darbrachte, das alle anderen Opfer unnötig machte. Sie waren von keinem irdischen Priester mehr abhängig, um sich Gott nähern zu dürfen! Das Opfer Jesu, und das Priestertum Jesu, waren ein für allemal genügend!

Deshalb sagt auch Paulus in 1.Timotheus 2,5:

„Denn Gott ist ein einziger, und ein einziger ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus …“

In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es kein besonderes Priestertum mehr. Ein Christ braucht keine Vermittlung eines anderen Christen, um sich Gott nähern zu können. Das einzige Priestertum Jesu genügt vollkommen!

Es gibt einige neutestamentliche Stellen, wo die Christen „Priester“ genannt werden. Aber diese Stellen gebrauchen das Wort „Priester“ im Sinne der ursprünglichen Absicht Gottes: Alle Christen sind „Priester“ in dem Sinne, dass sie direkten Zugang zu Gott haben. In der Ordnung des Neuen Bundes gibt es keine Christen, die „priesterlicher“ wären als andere. Das heisst, es gibt keine „Geistlichen“ oder „Kleriker“, die eine Klasse von „besonderen“ Christen bilden würden, unterschieden von den „Laien“.

Was es gibt, sind die unterschiedlichen Funktionen der Christen. Aber so wie diese Vielfalt der Funktionen keine hierarchische Struktur begründet, so bergründet sie ebensowenig eine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“. Jedes Glied am „Leib Christi“ hat eine Funktion; und in den Schriftstellen, die darüber sprechen, finden wir keine Unterscheidung zwischen „geistlichen“ und „laizistischen“ Funktionen.

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (Teil 1)

3. November 2016

In einer Reihe früherer Betrachtungen haben wir die Worte des Herrn in Matthäus 18 über die Gemeinde untersucht. Ich möchte mich nun einer anderen Schriftstelle zuwenden:

„Aber ihr sollt euch nicht ‚Rabbi‘ nennen lassen; denn einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Brüder. Und nennt niemanden auf Erden euren Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist. Lasst euch auch nicht Meister(Lehrer) nennen, denn einer ist euer Meister, der Christus. Aber der grösste von euch sei euer Diener. Und jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23,8-12)

Es lohnt sich, das ganze Kapitel zu lesen, denn es ist eines, über das in den heutigen Kirchen kaum je gepredigt wird!

In diesem Abschnitt kommt zwar das Wort „Gemeinde“ nicht vor; aber er sagt uns einige wesentliche Dinge über die Beziehungen zwischen ihren Gliedern.

Die neutestamentliche Gemeinde ist keine Hierarchie.

„Ihr alle seid Brüder.“ Mit diesen Worten (Zusammenhang beachten!) stellte Jesus alle seine Nachfolger auf dieselbe Stufe. Es sollte unter ihnen keine „Meister“ über „Schülern“ geben, keine „Väter“ über „Söhnen“. Es gibt nur Einen, der über die Gemeinde herrscht: Jesus selber.

Wir dürfen diese Stelle nicht so spitzfindig auslegen, als ob Jesus hier nur den Gebrauch der drei Titel „Rabbi“, „Vater“ und „Meister“ verboten hätte. Tun wir etwa besser, wenn wir stattdessen die Titel „Pfarrer“, „Pastor“, oder vielleicht „Professor“ oder „Doktor“ benützen? – Lesen wir den Zusammenhang. Jesus spricht hier gegen jede besondere Behandlung, die jemand seines „höheren Ranges“ wegen beansprucht oder erhält. Als Beispiel erwähnt er die Schriftgelehrten (Rabbiner, Theologen) seiner Zeit: „… und sie lieben die Ehrenplätze bei den Banketten und in den Synagogen, und die Begrüssungen auf den Plätzen, und dass die Menschen sie ‚Rabbi, Rabbi‘ nennen.“ (Verse 6-7) Die Parallelstellen Markus 12,38 und Lukas 20,46 erwähnen ausserdem, dass sie „gerne in feinen Kleidern umhergehen.“ All dies sind typische Attribute einer Person, die eine gewisse hierarchische Position innehat; und wir können dieselben Attribute bei den Leitern vieler heutiger Kirchen beobachten:

  • Sie tragen besondere Kleidung.
  • Sie werden besonders respektvoll begrüsst.
  • Sie tragen einen besonderen Titel.
  • Bei Anlässen haben sie herausgehobene (Sitz-)Plätze inne.

Nach den Worten Jesu hat nichts von dem Platz in der neutestamentlichen Gemeinde!

Es ist immer gut nachzuforschen, an wen sich eine bestimmte Bibelstelle richtet. Matthäus 23,1: „Dann sprach Jesus zu der Volksmenge und zu seinen Jüngern (den zukünftigen Aposteln): …“ Damit ist klar, dass es nach der Absicht Jesu auch keine hierarchischen Unterschiede zwischen den Aposteln und den „gewöhnlichen Christen“ geben sollte.

Und die Apostel hielten sich daran! Wenn wir die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe lesen, finden wir nirgends, dass jemand das Wort „Apostel“ als einen Ehrentitel gebraucht hätte, wenn er einen Apostel ansprach. Nirgends lesen wir, dass sich die Apostel durch besondere Kleidung oder besondere Sitzplätze ausgezeichnet hätten, oder dass sie irgendein anderes besonderes Vorrecht von seiten anderer Christen eingefordert oder erhalten hätten.

Es ist richtig, dass die Apostel eine besondere Funktion in der Gemeinde erfüllten. Wir müssen verstehen, dass jeder Christ seine besondere „Funktion“ im „Leib Christi“ hat. (Siehe Römer 12,3-8, 1.Korinther 12,4-31). Aber diese Verschiedenheit der Funktionen begründet keine hierarchische Rangordnung. (Die Unterscheidung zwischen „Funktion“ und „Rang“ ist schwierig zu verstehen in der heutigen Zeit, wo wir daran gewöhnt sind, dass jede Institution hierarchisch funktioniert. So Gott will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen auf diesen Punkt zurückkommen.) – Und die Apostel erfreuten sich eines besonderen Respekts in den Gemeinden – aber nicht, weil sie eine bestimmte „hierarchische Position“ innegehabt hätten, sondern wegen ihrer geistlichen Reife, ihrer Nähe zu Jesus, und ihrer besonderen Eigenschaft als Zeugen der Auferstehung.

Die Tendenz zu einer hierarchischen Organisation der Gemeinden begann allmählich im Lauf des zweiten Jahrhunderts, nach dem Tod der Apostel, und war die Erfüllung von Paulus‘ Warnung in Apostelgeschichte 20,29-32. Aber diese Tendenz konnte sich nicht vollständig durchsetzen, solange die christliche Gemeinde eine machtlose Minderheit in der Welt war. Die grosse Veränderung geschah erst dreihundert Jahre nach den Anfängen der Gemeinde, zur Zeit der Kaiser Konstantin und Theodosius. Konstantin tat den ersten Schritt, indem der das Christentum als „erlaubte Religion“ im Römischen Reich offiziell anerkannte. Damit hörten die Verfolgungen auf, und Konstantin gewann die Sympathie vieler Christen. Dann wagte er es, in innerkirchliche Angelegenheiten einzugreifen: Es war Konstantin, der das berühmte Konzil von Nicäa (325) einberief, und er war es, der das Konzil entscheidend beeinflusste, das Nicänische Glaubensbekenntnis zu unterschreiben.

Heute feiern viele Historiker dieses Konzil als einen Sieg der biblischen Lehre über die Irrlehre des Arianismus. Aber Konstantin interessierte sich kaum für diese Lehrfrage. Sein einziges Interesse lag darin, die Einheit des Reiches zu bewahren; und zu diesem Zweck musste er erreichen, dass eine der streitenden Parteien einen vollständigen Sieg über die andere errang. So masste er sich eine kirchliche Funktion an, die ihm nicht zukam. (Tatsächlich war Nicäa nur ein vorübergehender „Sieg“. Kurz danach errang der Arianismus mehr Einfluss als je zuvor.)
Aber Konstantin ist nicht der einzige, der hier getadelt werden muss. Warum beschlossen die Kirchenführer nicht, die Angelegenheit unter sich zu regeln? Warum erlaubten sie Konstantin, über innere Angelegenheiten der Kirche zu entscheiden? Hatte die damalige Kirche bereits ihr geistliches Unterscheidungsvermögen verloren? und gab es auch dort „keinen Weisen, der unter seinen Brüdern hätte Recht sprechen können“?

Wie dem auch immer sei, mit Konstantin begann die Verstaatlichung der Kirche. Theodosius führte diesen Prozess zu Ende, indem er das Christentum zur obligatorischen Staatsreligion des Römischen Reiches erklärte. Wir können uns leicht die Folgen dieses Erlasses vorstellen. Die Kirchen füllten sich mit falschen Christen!
Zu jener selben Zeit wurde die Kirche neu strukturiert nach dem Vorbild der weltlichen Verwaltung. D.h. die Kirche nahm dieselben hierarchischen Strukturen an und dieselben geographischen Einteilungen, welche die römischen Kaiser zur Verwaltung ihres Reiches benützten. Diese Veränderung beunruhigte kaum noch jemanden, da die Kirche bereits daran gewöhnt war, sich mit dem Staat zu vermischen; und die echten Christen waren zu jener Zeit bereits eine kleine Minderheit in der Kirche. So kam es, dass die Kirche römisch wurde.

Die hierarchische Struktur, die wir im römischen Katholizismus sehen, und die auch von den meisten evangelischen und evangelikalen Kirchen mit nur geringfügigen Änderungen übernommen wurde, beruht also nicht auf dem Neuen Testament. Sie ist ein Erbe der weltlichen Regierung Roms.

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 3)

22. Oktober 2016

Die christliche Versammlung ist der Ort, wo Sünde konfrontiert und korrigiert wird, und Gerechtigkeit hergestellt wird.

In der vorhergehenden Betrachtung sprachen wir über den Konsens, der entsteht, wenn alle ernsthaft und aufrichtig die Führung des Heiligen Geistes suchen. Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, nur eine Gemeinde ohne Sünde und Konflikte sei eine neutestamentliche Gemeinde. Aber die neutestamentliche Gemeinde geht mit ihren Sünden und Konflikten auf biblische Weise um. Genau darüber spricht die erste Hälfte unseres Abschnitts Matthäus 18,15-20:

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.“ (Vers 15)
Der erste Schritt besteht darin, dass eine private Sünde privat zurechtgewiesen werden sollte. Sie sollte noch nicht vor andere Personen getragen werden. Aber der Herr sagt auch nicht: „Vergib und vergiss!“, wie in vielen Kirchen fälschlich gelehrt wird. Nein, die Sünde muss konfrontiert werden. Die neutestamentliche Gemeinde unternimmt die nötigen Schritte, um sich von Sünde rein zu halten. So heisst es auch in Epheser 5.11: „Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern weist sie zurecht.

Wir stellen fest, dass hier, in Matthäus 18,15, der Herr über private Sünden spricht. Eine öffentliche Sünde sollte von Anfang an öffentlich und vor Zeugen konfrontiert werden, wie Petrus in Apg.5,3-4 und 8,20-23 zeigt, sowie Paulus in Galater 2,11-14.

Wenn der fehlbare Bruder nach der privaten Konfrontation nicht umkehrt, dann soll er mit einem oder zwei weiteren Zeugen konfrontiert werden (Matthäus 18,16). Und „wenn er auf sie nicht hören will, dann sage es der Versammlung (Gemeinde) …“ (Vers 17)

„Gemeinde“ bedeutet hier „Versammlung“. Es bedeutet nicht „nur die Leiter“! Dieser Punkt muss betont werden, weil einige Kirchen und Gruppen erklären, Matthäus 18,15-17 zu praktizieren, aber in Wirklichkeit die (tatsächlich oder vermeintlich) fehlbaren Mitglieder vor die Leiter der Organisation bringen, welche dann nach ihrem eigenen Ermessen einen „Schuldspruch“ fällen. Das ist es nicht, was die Worte des Herrn bedeuten. Wenn eine Sache vor die „Versammlung“ gebracht wird, dann bedeutet das, dass sie öffentlich gemacht wird. Das ganze Volk Gottes wird informiert; und wenn eine Art „Gerichtsprozess“ durchgeführt wird, dann hat das ganze Volk Gottes das Recht, daran teilzunehmen. Dadurch wird verhindert, dass einzelne Leiter sich zu exklusiven Richtern aufschwingen, die oft Richter und Partei zugleich sind, und die hinter verschlossenen Türen Urteile fällen, ohne dass jemand kontrollieren oder Rechenschaft fordern könnte, ob es dabei mit rechten Dingen zuging. Solche willkürlichen Schuldsprüche werden in heutigen kirchlichen Organisationen allzu oft gefällt. Genau um dies zu verhindern, stellt der Herr hier ein Prinzip auf, das sogar in der weltlichen Justiz beachtet wird (und wieviel mehr sollte es im Volk Gottes beachtet werden!), nämlich dass Gerichtsprozesse öffentlich sein sollen. Noch mehr: Das Wort „ekklesia“ (Gemeinde / Versammlung) bedeutete im damaligen Griechisch ursprünglich „die Versammlung aller stimmberechtigten Bürger“. Jeder Bürger des Reiches Gottes hat ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, einen Mitbürger zu konfrontieren und wiederherzustellen, der gesündigt hat.

Dasselbe finden wir in Galater 6,1: „Ihr Brüder, wenn jemand von einer Übertretung überrascht wird, dann sollt ihr, die geistlichen, ihn zurechtbringen in einem demütigen Geist; und achte auf dich selber, dass nicht auch du versucht wirst.“ Auch hier richtet sich der Aufruf, den fehlbaren Bruder zurechtzubringen, nicht nur an einige wenige Leiter, sondern an alle geistlich Gesinnten. (Gemäss Römer 8,1-16 und 1.Korinther 2,12-15 sollten wenn möglich alle Christen „geistlich“ sein!)

Beachten wir, dass das Ziel dieses Prozesses darin besteht, den Fehlbaren zurechtzubringen. Nicht ihn zu erniedrigen, nicht ihn zu verwerfen und zu verdammen. Aber beachten wir auch, dass dieses „Zurechtbringen“ nur dann geschehen kann, wenn der Fehlbare umkehrt. In Lukas 17,3 (Parallelstelle zu Matthäus 18,15) heisst es: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.“ Wenn ein Sünder nicht umkehrt, nicht einmal nachdem er vor der Versammlung konfrontiert und überführt wurde, dann muss der Geschädigte ihm nicht vergeben. „Und wenn er auch auf die Versammlung (Gemeinde) nicht hören will, dann sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner.“ (Matthäus 18,17). Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Lehre ist die Umkehr notwendig, damit Vergebung, Wiederherstellung und Versöhnung geschehen kann.

Das sollte uns nicht seltsam erscheinen, da ja dasselbe für die Beziehung zum Herrn selber gilt. Nur wer von seiner Sünde umkehrt, kann in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten und gerettet werden. Das war die Botschaft, die Jesus vom Anfang bis zum Ende seiner irdischen Mission verkündigte (Matthäus 4,17; Lukas 24,47); und das war auch die Botschaft, die seine Apostel verkündeten (Apostelgeschichte 2,38; 3,26; 14,15; 26,18; usw). Der Herr gab zwar sein Leben für alle Menschen; aber seine Vergebung erreicht nur diejenigen, die umkehren.

Zurück zum Thema „Versammlung“. Unglücklicherweise ist dies ein Punkt, der heute fast unmöglich durchzuführen ist, weil wir gegenwärtig in einer nach biblischen Massstäben sehr irregulären Situation leben. An den allermeisten Orten finden sich die Christen unter verschiedene Konfessionen und Gemeindeverbände zerstreut, während die Mehrheit der Mitglieder dieser Verbände gar keine Christen nach biblischen Massstäben sind. Deshalb ist eine Versammlung der Mitglieder einer konfessionellen Kirche oder eines Gemeindeverbandes in keiner Weise eine Versammlung des Volkes Gottes. Um wieder eine „Versammlung“ im Sinne des Neuen Testamentes haben zu können, müssten alle echten Christen ihre jeweiligen Kirchen verlassen, und sich zusammen mit den echten Christen aus den anderen Kirchen versammeln.

Das ist gar keine so weit hergeholte oder revolutionäre Idee, wie es scheinen mag. Das ist nämlich tatsächlich schon geschehen, an Orten, wo es Erweckung gab. Wenn es gegenwärtig unmöglich scheint, dann liegt das daran, dass wir gegenwärtig sehr weit von einer Erweckungssituation entfernt sind, und dass die gegenwärtigen Kirchen sehr weit davon entfernt sind, „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments zu sein. In einer echten Erweckung zieht der Heilige Geist selber die Trennlinien: Nicht zwischen den verschiedenen Denominationen, sondern zwischen den echten und den falschen Christen in jeder Denomination. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen; zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“ (Maleachi 3,18)

Aber auch in der gegenwärtigen irregulären Situation bin ich der Meinung, dass wir zumindest folgendes fordern dürfen: Dass Sünden und Konflikte, die innerhalb einer Kirche oder eines Gemeindeverbandes nicht auf eine für beide Seiten zufriedenstellende bzw. gerechte Weise gelöst werden können, nicht als „interne Angelegenheiten“ der betreffenden Kirche oder des betreffenden Verbandes betrachtet werden dürfen. Dass solche Fälle – insbesondere wenn Leiter involviert sind – vor eine „Versammlung“ von Glaubensgeschwistern gebracht werden, die nicht demselben Gemeindeverband angehören, und die in der Lage sind, die Angelegenheit unparteiisch zu untersuchen. Wenn ein Gemeindeverband nicht dazu bereit ist, seine Probleme auf diese Weise behandeln zu lassen, dann können wir sicher sein, dass da keine neutestamentliche Gemeinde ist, sondern ein sektiererischer Geist.

Das Wort „Versammlung“ schliesst auch ein, dass es da keine Rangunterschiede gibt. In unserer Stelle in Matthäus 18 ist nirgends die Rede von irgendeinem Unterschied zwischen „Leitern“ und „Geleiteten“, oder zwischen „Geistlichen“ und „Laien“. Wo es um das Konfrontieren von Sünde geht, da gilt kein Ansehen der Person. Um es noch klarer zu sagen: Auch das einfachste Gemeindemitglied darf (und soll!) auch den mächtigsten „Leiter“ wegen einer Sünde zurechtweisen, und ihn sogar vor die „Versammlung“ bringen, wenn er nicht umkehrt. Matthäus 23,8-12 bekräftigt, dass es tatsächlich das ist, was der Herr sagen will.
Dabei muss „Sünde“ natürlich der Bibel gemäss definiert werden. Allzu viele religiöse Organisationen definieren fälschlich als „Sünde“ eine ganze Reihe von Handlungen, die u.a. genau das einschliessen, was der Herr hier ausdrücklich gebietet, nämlich einen Leiter zurechtzuweisen, wenn er sündigt.

Das einzige, was in der Versammlung des Volkes Gottes einen Unterschied macht, ist die geistliche Reife bzw. Weisheit jedes Mitglieds. In 1.Korinther 6,5 tadelt Paulus die Gemeinde in Korinth, weil es „keinen einzigen Weisen unter euch gibt, der zwischen seinen Brüdern Recht sprechen könnte“. Die korinthische Gemeinde war nicht in der Lage, im Konfliktfall die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Leider müssen wir dasselbe von den meisten heutigen Kirchen sagen. Einfachste Rechtsgrundsätze, die sogar in der weltlichen Rechtsprechung gelten, werden einfach übergangen. Entweder gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Sünde toleriert werden muss, und den Opfern von Sünde, Betrug und Missbrauch wird gesagt: „Du musst vergeben und vergessen“. Oder die „Gemeindezucht“ wird hauptsächlich dazu eingesetzt, die Machtstellung der Leiterschaft auszubauen und Kritik an den Leitern zum Schweigen zu bringen. Schuldsprüche und „disziplinarische Massnahmen“ werden zum voraus abgesprochen von einem Klüngel von „Eingeweihten“, die als Kläger und Richter zugleich fungieren. Dem Angeklagten wird keine ordentliche Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Aussagen von Belastungszeugen werden anonym vom Kläger-Richter vorgetragen („Uns ist bekanntgeworden …“, „Es wurde über dich gesagt …“); Entlastungszeugen werden nicht angehört; Schuldsprüche werden nicht gesetzmässig begründet; und es gibt keine Möglichkeit der Apellation an eine höhere Instanz.
In den meisten evangelikalen Kirchen und Organisationen, in denen ich während meines Lebens aktiv mitarbeitete, wurde all dies als normal angesehen. Aber das Wort Gottes sagt, dass eine solche Situation sehr weit von der Normalität entfernt ist. Eine Kirche, die nicht gerecht urteilt, fällt selber unter das Urteil Gottes.

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 2)

12. Oktober 2016

Die christliche Versammlung handelt im Konsens.

„Wenn zwei von euch auf der Erde übereinstimmen über alles, was sie bitten, dann wird es ihnen geschehen von meinem Vater, der im Himmel ist. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Auf den ersten Blick scheint diese Verheissung der Erfahrung zu widersprechen: Viele Gebete, die in Gebetsversammlungen „in Übereinstimmung“ ausgesprochen werden, werden nicht erhört. Aber wir wissen, dass der Herr nicht lügt, und dass er alle seine Verheissungen erfüllt. Also liegt das Problem entweder bei unserer Erfahrung, oder bei unserem Verständnis der Worte des Herrn.

Wollte der Herr wirklich sagen, dass zwei oder drei Christen vereinbaren könnten, irgendetwas vom Vater zu erbitten – Reichtum, Berühmtheit, vielleicht sogar den Tod ihrer Feinde -, und der Vater würde ihnen all dies geben? – Ich glaube nicht, dass dies dem Charakter des Herrn entsprechen würde. Er gab seine Verheissungen nicht zu dem Zweck, seine Jünger zu egoistischen Wünschen zu ermutigen. Und wie gesagt, erfüllt sich die Verheissung erfahrungsgemäss ja auch nicht auf diese Weise. Vielmehr denke ich, wir müssen das Wort „übereinstimmen“ anders verstehen.

Im griechischen Original ist das Wort „symfonéo“, „zusammenklingen“. Von daher kommt unser Wort „Symphonie“. Wer oder was bewirkt in einer Symphonie, dass die Instrumente „übereinstimmen“, „zusammenklingen“? Es ist nicht das Instrument, das von sich aus spielt oder entscheidet, was es spielen soll. Es ist auch nicht der einzelne Musiker, der darüber entscheidet. Es ist nicht einmal eine „Vereinbarung“ zwischen mehreren Musikern. Jeder Musiker hat vor sich ein Notenblatt, das ihm sagt, was er spielen soll. Und das Orchester hat einen Dirigenten, der jeden einzelnen anweist, wann und wie er spielen soll. Es ist also nötig, dass alle Musiker nach derselben Partitur spielen, und auf die Zeichen des Dirigenten achten.

Auf die christliche Versammlung angewandt, entspricht die Partitur der geschriebenen Offenbarung Gottes, und der Dirigent ist der Herr selber. Nur wenn jeder „Musiker“ (Christ) sich an das geschriebene Wort Gottes hält und auf die Zeichen Gottes achtet, gibt es eine „Symphonie“. Wenn jeder seinen eigenen Wünschen folgt, gibt es keine Symphonie. Aber wenn einer der Musiker die Rolle des Dirigenten an sich reisst und den anderen befehlen will, wann und wie sie spielen sollen, dann gibt es auch keine Symphonie. In vielen gegenwärtigen Kirchen und Denominationen besteht das grösste Problem darin, dass ihre Leiter das Orchester dirigieren möchten und über die anderen „Musiker“ herrschen. So gelangt man nicht zu dem „Zusammenklingen“, das der Herr hier beschreibt. Er sagt nicht, dass alle mit einem von ihnen (einem „Leiter“) übereinstimmen sollten, sondern alle unter sich. Er spricht hier über einen geistlichen Konsens, der dann entsteht, wenn jedes Mitglied in persönlichem Kontakt mit Gott steht, seinen Willen tut, und seiner Führung folgt. Wo diese Voraussetzungen gegeben sind, da kommt es zur Einmütigkeit, weil alle miteinander den Willen Gottes erkennen.

Die neutestamentliche Gemeinde ist also imstande, Entscheidungen mittels eines geistlichen Konsenses zu treffen. Dieser Konsens entspringt nicht dem Diktat eines Leiters, auch nicht einer Mehrheitsabstimmung, und auch nicht einem „diplomatischen Kompromiss“ zwischen unterschiedlichen Meinungen. Er entspringt dem Gehorsam eines jeden Mitglieds der Führung Gottes gegenüber. Wenn man zu einem solchen geistlichen Konsens kommt, dann erfahren die Beteiligten eine grosse Gewissheit, dass sie im Willen Gottes sind. Deshalb können sie dann auch den Vater bitten mit der Gewissheit, dass er antworten wird, weil sie wissen, dass ihre Bitte seinem Willen entspricht. (Siehe 1.Johannes 5,14-15.) Kapitel 15 in der Apostelgeschichte berichtet, wie die Urgemeinde eine Streitfrage in gemeinsamer Übereinstimmung lösen konnte, weil alle der Führung des Heiligen Geistes folgten.

Manche der gegenwärtigen Kirchen können sich nicht einmal vorstellen, was ein solcher Konsens ist, weil sie noch nie etwas Ähnliches erfahren haben. Sie sind es sich gewohnt, dass alle Entscheidungen mit menschlichen Mitteln getroffen werden: Einseitige Entscheidungen von seiten der Leiterschaft, die dann mit Druck durchgesetzt werden; oder demokratische Abstimmungen und Mehrheitsbeschlüsse; oder nicht enden wollende Diskussionen, um jene, die „dagegen“ sind, zu „überzeugen“ und zu manipulieren, damit ein Anschein von Einmütigkeit entsteht. Oder sogar die Manipulation mittels falscher Informationen, Drohungen, Versprechungen von finanziellen Vorteilen oder einflussreichen Stellungen, usw. Wo wir solche Dinge beobachten, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.