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Der grosse Beginn der neutestamentlichen Gemeinde (Apostelgeschichte 2)

29. April 2017

(Petrus sagte): ‚… So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.‘
Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘
Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen von Jesus dem Christus zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Denn für euch ist die Verheissung und für eure Kinder und für alle, die ferne sind, so viele der Herr unser Gott zu ihm rufen wird.‘ Und mit vielen weiteren Worten bezeugte er feierlich und ermutigte sie: ‚Lasst euch retten aus dieser verkehrten Generation!‘ So nahmen sie bereitwillig sein Wort auf und liessen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.“
(Apostelgeschichte 2,36-41)

Lasst uns einige Kennzeichen der Urgemeinde ansehen, wie sie in diesem Abschnitt ersichtlich sind.

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus wiedergeborenen Christen.

Dieses Kennzeichen unterscheidet die neutestamentliche Gemeinde von allen Organisationen, Institutionen und Gruppen dieser Welt. Beobachten wir, wie Gott wirkte, um die erste Gemeinde zu begründen:

Zuerst goss er den Heiligen Geist über die hundertzwanzig versammelten Jünger aus. (Apg.2,1-6). Das geschah mit sicht- und hörbaren Zeichen, sodass die Menschen in Jerusalem erkennen mussten, dass es sich um ein Werk Gottes handelte.

Dann, nachdem Petrus diese Erscheinungen erklärt und die Auferstehung Jesu bezeugt hatte, wurden viele Anwesende von ihrer Sünde und ihrer Erlösungsbedürftigkeit überführt: „Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apg.2,37) – In diesem Moment tat der Heilige Geist sein Werk an den Zuhörern, wie Jesus es in Johannes 16,8 versprochen hatte: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“
Worin genau besteht die Überführung von Sünde? – Jesus fährt weiter: „Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“ (Joh.16,9). – „An Jesus glauben“ ist viel mehr als nur glauben, dass er einmal lebte und für uns starb. Es ist viel mehr als nur verstandesmässig damit einverstanden zu sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Am Pfingsttag konfrontierte Petrus (unter der Leitung des Heiligen Geistes) seine Zuhörer mit zwei spezifischen Punkten:

1. „Diesen (Jesus) habt ihr genommen und von den Gesetzlosen beseitigen lassen, indem sie ihn ans Kreuz nagelten.“ (Apg.2,23)

2. „So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2,36)

Zuerst also machte der Heilige Geist die Anwesenden für den Tod Jesu verantwortlich. Das war eine ziemlich skandalöse Anschuldigung, denn das waren ja nicht die Anhänger der Priester, die mit ihnen zusammen geschrieen hatten: „Kreuzige ihn!“. Im Gegenteil, wir müssen annehmen, dass sich unter den Dreitausend von Pfingsten viele befanden, die vorher schon Jesus nachgefolgt waren und seine Worte gehört hatten. (Wir erinnern uns, dass Jesus bei einer Gelegenheit fünftausend Menschen zu essen gegeben hatte, die alle gekommen waren, um ihm zuzuhören.) Menschlich gedacht, hätten viele von ihnen Grund gehabt zu protestieren: „Aber ich war mit seiner Kreuzigung nicht einverstanden!“
Doch das Wort „durchbohrte ihre Herzen“. Gott zeigte ihnen, dass in einem gewissen Sinn sie alle mitschuldig waren am Tod Jesu. Jesus war für die Sünden der ganzen Welt gestorben, die deinen und die meinen. Wenn du und ich nicht gesündigt hätten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen.
Die Überführung von Sünde, die der Heilige Geist bewirkt, geht viel tiefer als ein gelegentliches schlechtes Gewissen wegen einer Lüge oder weil man jemanden schlecht behandelt hat. Der Heilige Geist offenbart dir, dass jede einzelne dieser „kleinen Sünden“ dich am Tod Jesu mitschuldig macht.

Gab es einen Moment in deinem Leben, als du von dieser schrecklichen Wahrheit überführt wurdest? Hat dir der Herr schon die Augen geöffnet für den Zusammenhang zwischen deiner Sünde und dem Tod Jesu?

Punkt 2 hängt mit der Auferstehung zusammen. (Siehe die vorhergehenden Verse, Apg.2,30-35.) Aber das ist kein oberflächlicher Trost: „Gott sei Dank, nun ist alles wieder gut.“ Im Gegenteil, die Auferstehung Jesu offenbart den Zuhörern eine weitere grosse und erschreckende Wahrheit: Nun steht fest, dass Jesus wirklich der Herr ist, der verheissene Messias, der König des Universums. Er war nicht einfach irgendein Unschuldiger, der da am Kreuz hing. Er ist der König und Herr, dem wir alle Treue und Gehorsam schulden. Wir haben nicht nur seine Herrschaft ignoriert; wir haben ihn verraten und getötet!

Es überrascht daher nicht, dass die Zuhörer an jenem Tag zutiefst erschraken. Es ging nicht einfach um eine „kleine Entscheidung“, sich einer religiösen Gruppe anzuschliessen, oder „ein Übergabegebet zu sprechen“. Jene Dreitausend sahen sich vor dem Thron der allerhöchsten Majestät stehen, des Hochverrats angeklagt. Beim oberflächlichen Lesen stellt man das vielleicht nicht fest; aber ihre Frage „Was sollen wir tun?“ drückt äusserste Verzweiflung aus: Wir sind für ewig verloren. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entrinnen und begnadigt zu werden?

Hast du je einmal einen Eindruck von der wahren Macht und Majestät Gottes erhalten? Ist dir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass er DER HERR ist?

Wir sehen hier, dass die Praxis und Erfahrung vieler heutiger Kirchen, auch der Evangelikalen, weit vom Neuen Testament entfernt ist. Sünder werden aufgefordert, „ein Übergabegebet zu wiederholen“, obwohl sie noch keinerlei Überführung durch den Heiligen Geist erfahren haben und ihre Sünden nicht wirklich bereuen. In ihrem Eifer, neue Mitglieder zu gewinnen, bringen manche Prediger nicht die Geduld auf zu warten, bis der Heilige Geist sein Werk in einem Menschen tut (was Tage, Wochen, oder auch Monate dauern kann). So füllen sich die Kirchen mit unwiedergeborenen Namenschristen.
Wer wirklich vom Heiligen Geist überführt wurde, dem muss niemand sagen: „Komm nach vorne“ oder „Sprich mir dieses Gebet nach.“ Durch das Werk des Heiligen Geistes sieht sich diese Person bereits vor dem Thron Gottes. Sie wird von selber ausrufen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Nun verstehen wir besser das grosse Gewicht der Antwort, die Petrus gibt: „Kehrt um!“ (Apg.2,38) Oder, nach dem wörtlichen Sinn übersetzt: „Ändert euer Denken radikal!“ Biblische Umkehr ist eine vollständige Änderung unserer Art zu leben, zu handeln und zu denken. Der „natürliche Mensch“, der nicht zur Umkehr gekommen ist, ist ein Bürger dieser Welt. Er dient dieser Welt, sich selber, und dem Teufel. „Umzukehren“ bedeutet, die Nationalität zu wechseln, nicht nur symbolisch, sondern ganz real. Es bedeutet, zu einem Bürger des Reiches Gottes zu werden und zu einem Diener des Königs, ganz unter seinem Befehl. Wie Jesus sagte: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). – Oder wie es Paulus ausdrückte: „Durch ihn (Jesus) ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ (Galater 6,14) – Zu einem geringeren Preis kann man nicht ins Reich Gottes eintreten.

Um es noch klarer zu sagen: Biblische Umkehr hat nichts mit religiösen Riten zu tun, auch nicht mit „Gottesdiensten“ und Worten der Anbetung, auch nicht mit der Mitgliedschaft in einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt.
Biblische Umkehr bedeutet, mein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen. Ich verzichte auf meine Art zu leben, und beginne so zu leben, wie Christus mir befiehlt. Ich verzichte auf meine Art, meiner Familie vorzustehen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art, meine Kinder zu erziehen, und erziehe sie so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art zu arbeiten und Geschäfte zu machen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Freunde und meine Art, mit ihnen umzugehen, und lasse den Herrn darüber entscheiden, mit wem ich mich zusammentun soll und wie ich sie behandeln soll. Ich verzichte auf meine Art der Freizeitgestaltung und mache mit meiner Freizeit, was der Herr sagt. Ich verzichte auf die Mittel dieser Welt für meinen Lebensunterhalt, und setze mein ganzes Vertrauen auf Gott als meinen Versorger. Ich verzichte auch auf meine Ideen darüber, was „Kirche“ oder „Gemeinde“ ist, und unterstelle mich den Anweisungen des Herrn für die Gemeinschaft unter seinen Nachfolgern.

All das und noch viel mehr ist inbegriffen in dem kurzen Wort: „Kehrt um!“

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die ihr Leben auf diese radikale Weise geändert hatten.

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Reformation – oder Sterben und Auferstehung?

14. Januar 2016

Ich habe ab und zu über die Notwendigkeit einer neuen Reformation im Sinne einer Rückkehr zum Wort Gottes geschrieben; aber in der letzten Zeit musste ich darüber nachdenken, ob diese Idee wirklich im Sinne Gottes ist.

Unter jenen, die sich „Christen“ nennen, ist es heute tatsächlich nötiger denn je, zum Wort Gottes zurückzukehren. Nicht nur die Landeskirchen, auch die Freikirchen verleugnen weitgehend das Wort Gottes mit ihren Lehren und Taten, und sind z.T. sogar zu regelrechten „Räuberhöhlen“ geworden (Lukas 19,46). Aber ist „Reformation“ der richtige Begriff?

Dahinter steht ja die Idee, eine bestehende Struktur zu korrigieren und umzuformen. Das war es, was Luther im Sinn hatte: die römisch-katholische Kirche von unbiblischen Elementen zu reinigen, damit ihre Praxis wieder näher am Wort Gottes wäre. Aber wir müssen verstehen, dass von diesem Standpunkt aus Luthers Unternehmen scheiterte. Es gelang ihm nicht im geringsten, die katholische Kirche zu reformieren. Im Gegenteil, die Kirche exkommunizierte ihn. Damit sah sich Luther gezwungen, eine neue Kirche zu gründen. Somit ist „Reformation“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck dafür, denn es war in Wirklichkeit keine Reformation, sondern ein Neubeginn. Nur war Luther derart fixiert auf die Idee, das Bestehende zu „reformieren“, dass die neue lutherische Kirche noch viele der Ideen und Praktiken des Katholizismus mit übernahm.
Unter den Gruppen, die von den Gedanken der Reformation beeinflusst wurden, waren die Täufer die konsequentesten. Ihnen war es von Anfang an klar, dass sie, wenn sie zu biblischen Prinzipien zurückkehren wollten, alle Verbindungen zur katholischen Kirche abschneiden mussten – und auch zu den reformierten Kirchen, nachdem diese sich geweigert hatten, konsequent die Prinzipien anzuwenden, die sie selber predigten. Die Täufer wiegten sich nicht in der Illusion, ein antibiblisches religiöses System „reformieren“ zu können. Sie mussten diesem System absterben – was für viele von ihnen den physischen Tod unter der Verfolgung durch Katholiken oder Reformierte bedeutete. Aber nur so konnte eine neue Kirche auferstehen, die dem, „was von Anfang an war“, besser entsprach.

Sehen wir, wie Gott in den Zeiten des Abfalls handelte, von denen die Bibel berichtet:

Nachdem die erste Menschheit aufs Äusserste verdorben war, liess Gott die Sintflut kommen. Jene abgefallene Menschheit musste sterben. Gott rettete nur acht Menschen aus ihnen heraus: Noah und seine Familie. Mit ihnen machte er einen Neuanfang. Nichts von den alten Strukturen und Gewohnheiten sollte diesen Neuanfang verunreinigen.

Später kam eine Zeit, wo die Menschheit sich von neuem gegen Gott auflehnte und den Turm von Babel baute. Gott versuchte nicht ihren Völkerzusammenschluss und ihre Weltregierung zu „reformieren“, die sie aufgerichtet hatten, um ihr Werk auszuführen. Im Gegenteil, er zerbrach ihre Vereinigung vollständig und zerstreute sie in alle Winde. Dann nahm er aus den Zerstreuten einen einzigen Menschen heraus, nämlich Abraham, um mit ihm einen Neuanfang zu machen. Und Abraham musste zuerst sein Land, seine Verwandtschaft und die Familie seines Vaters verlassen. Nur so konnte Gott ihn gebrauchen. So begann auch das erwählte Volk Gottes, Israel, mit einer einzigen Familie, der Familie Abrahams.

Aber auch Israel begann Gott zu vergessen, so weit, bis sie sich völlig dem Dienst heidnischer Götter hingaben. Auch da versuchte Gott nicht, Israel zu „reformieren“. Er schickte sie in die Gefangenschaft unter den Assyrern und Babyloniern. Sie verloren ihre Freiheit, ihr Land, ihre Unabhängikeit und nationale Souveränität. Sie wurden Gefangene in einem fremden Land. Israel als Nation musste sterben.
Im Zusammenhang mit diesem Gericht Gottes prophezeit Jesaja:
„Ein Rest wird umkehren, der Rest Jakobs zum starken Gott. Denn wenn dein Volk, o Israel, würde wie der Sand des Meeres, nur ein Rest davon wird umkehren; Vertilgung ist beschlossen, heranflutend die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 10,21-22)
So handelt Gott, wenn sein Volk (oder die es früher waren) vollends von ihm abfällt. Er nimmt einen kleinen Überrest aus diesem System heraus, das unter sein Gericht gefallen ist. Dann macht er mit dem Überrest einen Neuanfang.

Einige Jahrhunderte nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begannen die Priester und Theologen Israels ein religiöses System zu errichten, das ihnen selber viele Vorteile brachte, anstatt Gott zu dienen. Sie dienten nicht mehr offen fremden Göttern; im Gegenteil: Ihr System hatte den Ruf strikter Treue zu Gottes Gesetz. Aber das war nur Schein; ihre Herzen waren fern von Gott.
Diese Situation hat vieles gemeinsam mit den heutigen Evangelikalen. Sie nehmen nicht am Götzendienst des Katholizismus teil. Sie haben den Ruf, sehr „bibeltreu“ zu sein. Aber die Herzen vieler Leiter sind falsch, fern von Gott, und mehr auf den eigenen Vorteil und das Wachstum der eigenen Organisation bedacht, als dem Herrn zu gefallen. Wenn wir in der Gegenwart diejenige religiöse Gruppe suchen, die am ehesten mit den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ der Zeit Jesu zu vergleichen wären, dann sind es bestimmt die Evangelikalen.
Das war die historische Situation, in die Jesus hineinkam. Er deckte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter auf. Er versuchte nicht einmal sie zu „reformieren“. Er konfrontierte sie direkt als „Schlangenbrut“, ohne auch nur zu berücksichtigen, dass sich unter ihnen doch auch noch einige aufrichtige und gottesfürchtige Männer befanden wie z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. (So wie sicherlich auch einige Leser dieses Artikels protestieren werden, „man dürfe doch nicht so verallgemeinern, es seien doch längst nicht alle Leiter Heuchler“, usw. Aber wenn die dominanten Einflüsse in einer Gruppe oder deren Leiterschaft Abfall von Gott bedeuten, dann ist es gerechtfertigt, die ganze Gruppe als abgefallen zu bezeichnen, weil auch jene, die persönlich noch in einer rechten Beziehung zu Gott stehen, diese Einflüsse nicht mehr aufhalten können oder wollen.)
Damit war bereits vorprogrammiert, dass die Nachfolger Jesu sich früher oder später vom jüdischen System trennen mussten. Sie wurden zum neuen Überrest, von Gott berufen, „vor das Lager hinauszugehen“ (Hebräer 13,13). So erklärt auch Paulus: „So ist auch in der jetzigen Zeit ein Überrest gemäss der Auswahl durch die Gnade zustande gekommen.“ (Römer 11,5). Es war nicht der Plan Gottes, das System der Schriftgelehrten und Pharisäer zu „reformieren“, sondern es zu vernichten, und mit einem neuen treuen Überrest einen Neuanfang zu machen. Vierzig Jahre später geschah das endgültige Gericht Gottes über das Reich der Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer, als die Römer Jerusalem und den Tempel zerstörten.

Betrachten wir auch die Art und Weise, wie Gott einen Einzelmenschen rettet: Er ruft uns nicht dazu auf, den sündigen alten Menschen zu „reformieren“. Nein, dieser alte Mensch muss sterben, und ein neuer Mensch muss auferstehen. (Siehe Römer 6.) Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ (Matthäus 16,25) Das ist viel radikaler als eine „Reformation“. Mit dem Herrn zu leben bedeutet, einen radikalen Neuanfang zu machen. Das gilt sowohl für einen Einzelmenschen als auch für das ganze Volk Gottes.

Es ist also wohl illusorisch, die bestehenden Kirchen reformieren zu wollen. Der Überrest Gottes muss dem abgefallenen System „absterben“, und muss einen neuen Anfang machen, indem er zu dem zurückkehrt, „was von Anfang an war“. In diesem Prozess ist es noch der einfachste Schritt, aus einer Kirche hinauszugehen, die zu diesem abgefallenen System gehört. Viel schwieriger, aber viel wichtiger ist es, dass das System aus dir hinausgeht. Der Überrest Gottes muss sich trennen von den Gewohnheiten, Konzepten und Ansichten des abgefallenen Systems. Er muss diesem System „absterben“, das auf Sünde aufgebaut ist. Nur so wird es eine „Auferstehung“ der neutestamentlichen Gemeinde geben können – ein Neuanfang, der mehr ist als nur eine „Reformation“ des Bestehenden.

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika (2. Teil)

9. Dezember 2010

Ich wiederhole hier nochmals die Vorbemerkung aus dem 1.Teil:

Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Ich fahre fort mit ausgewählten Problemen der bibelkritischen Theologie:

Annahme eines späten Abfassungsdatums

“Wir finden keine besondere Ähnlichkeit mit 1.Petrus in der Sprache und in der Lehre. Aus diesem Grund, und wegen der unterschiedlichen Situation der Gemeinde, die in einigen Stellen des 2.Briefs zum Ausdruck kommt, … denken viele, dass es sich hier um die späteste Schrift des Neuen Testaments handelt, vielleicht anfangs des 2.Jh. Ihr Autor könnte ein christlicher Lehrer gewesen sein, der an die Autorität des Petrus apellierte, um seiner Lehre mehr Autorität zu verleihen.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zu 2.Petrus)

Anfangs des 2.Jh. war Petrus schon seit über 30 Jahren tot. Die ursprüngliche Lehre hätte in dieser Zeit verändert werden können, und die historischen Ereignisse in Vergessenheit geraten. So können die Kritiker den ganzen Inhalt des Buches anzweifeln.
Insbesondere im Alten Testament nehmen die Kritiker an, es hätte während vielen Jahrhunderten überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gegeben:

“Obwohl die Schrift sich in Israel während der Konstitution der Königtums formell entwickelte (…), wurden die Erinnerungen früherer Zeiten mündlich bewahrt und von einer Generation zur anderen weitergegeben. Diese mündlichen Erzählungen wurden später von verschiedenen Personen und Personengruppen aufgeschrieben, um die Erzählungen zu bewahren, die ihnen einen Existenzgrund gaben…”
(“Entdecke die Bibel”, S.51)

Die kritischen Theologen stellen das Volk Israel gerne als ein primitives und unwissendes Volk von Analphabeten dar. So können sie sagen, dass nach so vielen Jahrhunderten sich ihre “Traditionen” sehr weit von der historischen Wahrheit enfernt hätten.
Aber die Zivilisation der Israeliten war weiter fortgeschritten, als die Theologen uns weismachen wollen. In Mesopotamien (Babylonien), wo Abraham herkam, war die Schrift schon lange vor Abraham bekannt. Ebenso in Ägypten, wo Mose seine Ausbildung erhielt (am Hof des Pharao!). In 2.Mose 17,14 und 37,24 beauftragt Gott Mose, zu schreiben. In 2.Mose 24,4 heisst es: “Und Mose schrieb alle Worte des Herrn.” Ebenso 4.Mose 33,2 und 5.Mose 31,9. Alle diese Stellen müssten Lügen genannt werden, wenn die Theorie der “mündlichen Überlieferung” richtig wäre.
4. Mose 5,23: “Der Priester soll diese Flüche in ein Buch schreiben…” – Ein israelischer Priester musste schreiben können. – “Lesen”, “schreiben”, “Buch”, usw, werden so oft erwähnt in den ersten Büchern der Bibel, dass es zu weit führen würde, alle Stellen aufzuzählen.

In einigen Fällen gibt es einen zusätzlichen Grund, warum kritische Theologen ein spätes Abfassungsdatum annehmen: Sie streiten ab, dass Prophetie existiere. Wenn eine Zukunftsprophezeiung eingetroffen ist, und diese Erfüllung historisch nachgeprüft werden kann, dann haben wir einen Beweis für die göttliche Inspiration und den übernatürlichen Ursprung der Bibel. Deshalb bemühen sich kritische Theologen zu “beweisen”, dass eingetroffene Prophezeiungen erst nach ihrer Erfüllung geschrieben worden seien.

Dies ist der Grund, warum sie z.B. sagen, das Buch Daniel sei erst im 2.Jh.v.Chr. geschrieben worden (400 Jahre nach Daniel), und die zweite Hälfte des Buches Jesaja erst nach der Rückkehr aus dem Exil (200 Jahre nach Jesaja). Jesaja hat nämlich die Rückkehr aus dem Exil prophezeit und nannte sogar den Namen des Königs Kyrus (Jes.45,1-13); und Daniel prophezeite über die Perser, Griechen und Römer.
So lässt “Entdecke die Bibel” in der ausführlichen Zeittabelle Daniel einfach aus, als ob er keine historische Persönlichkeit wäre; und zitiert Jesaja als “nachexilischen Propheten”.

Nur haben die Bibelkritiker im Fall von Daniel das Problem, dass Daniel auch das Jahr der Kreuzigung Jesu vorhergesagt hat sowie die Zerstörung Jerusalems (Daniel 9,25-26, die “Wochen” als Jahrwochen (je 7 Jahre) verstanden). Hier können sie unmöglich behaupten, das Buch Daniel sei erst nach der Kreuzigung Jesu geschrieben worden!

Im Neuen Testament haben wir insbesondere die Prophezeiung Jesu über die Zerstörung Jerusalems, die sich im Jahr 70 erfüllte. Kritische Theologen argumentieren: “Da die Zerstörung Jerusalems in Matthäus klar vorhergesagt ist (22,7), muss das Abfassungsdatum auf alle Fälle nach 70 liegen.” (…) – denn Jesus kann die Vorhersage nicht wirklich gemacht haben, “weil nicht sein kann, was nicht sein darf” … – Aus der Kirchengeschichte weiss man aber, dass die Jerusalemer Gemeinde die Stadt beim Beginnn der römischen Belagerung verliess, während die übrige Bevölkerung einen Sieg der Juden erwartete. Dies kann nur damit erklärt werden, dass Jesus die Vorhersage tatsächlich gemacht hat und die Gemeinde davon wusste.

Im Jahre 1994 entdeckte der Papyrologe Carsten Peter Thiede ein Fragment des Matthäusevangeliums aus dem Jahre 60. (Der Fund wurde sogar in einer peruanischen Zeitung erwähnt.) Aber die kritischen Theologen ziehen es vor, solche Entdeckungen zu ignorieren.

Rekonstruktion der Geschichte Israels

Wir haben gesehen, dass die modernen Theologen die Bücher Mose in verschiedene “Quellen” aufteilen. Um diese Theorie aufrechtzuerhalten, mussten sie die ganze Geschichte Israels umschreiben. Dies sind einige ihrer Annahmen:

– Das Volk Israel vereinigte sich erst in der Zeit Davids; die Patriarchengeschichten sind nichts als Legenden.
– Weder der Auszug aus Ägypten, noch der Durchzug durch das Rote Meer, noch die 40 Jahre in der Wüste sind tatsächlich geschehen.
– Verschiedene Gruppen kamen nach und nach ins Land Kanaan; es gab keine Eroberung unter Josua.
– Die Ideen Israels über Gott stammen aus den Religionen der heidnischen Umwelt. (Deshalb bemühen sich kritische Theologen, Ähnlichkeiten zwischen heidnischen Religionen und der Bibel zu finden.)
– Erst in der Königszeit begannen die Israeliten, einen einzigen Gott anzubeten.
– 5. Mose wurde in der Zeit Josias geschrieben, um nachträglich die Konzentration des Gottesdienstes in Jerusalem zu rechtfertigen.

Es ist offensichtlich, dass alle diese Annahmen reine Spekulation sind; sie lassen sich weder aus dem Bibeltext noch aus ausserbiblischen Quellen belegen. Dennoch nehmen die meisten theologischen Kommentare diese Hypothesen als gegeben an. Hier nur ein kleines Beispiel:

“Die Funde … öffnen neue Möglichkeiten, die alte Theorien widerlegen oder unterstützen. So im Fall der Besetzung Kanaans durch die Israeliten. Die biblischen Erzählungen ergeben kein einheitliches Bild. Und die Ergebnisse der Archäologie und anderer Hilfswissenschaften führten zu drei Theorien:
1. Friedliche Besetzung des Landes (Schule von Alt und Noth)
2. Gewaltsame Eroberung (Albright)
3. Innere Revolution (Mendenhall, Gottwald, Bright).
Heute scheint die Archäologie am ehesten die Theorie Mendenhalls zu befürworten.”
(“Entdecke die Bibel”, S.113)

Hier müssen wir wieder fragen: Wo bleibt die Bibel als historisches Zeugnis? Im Gegensatz zu den Äusserungen des Theologen bietet die Bibel ein sehr klares Bild; man lese das Buch Josua. Aber der kritische Theologe bringt eine Theorie, die der Bibel widerspricht, unter Berufung auf die Archäologie – aber er nennt keinen archäologischen Fund, auf den er sich abstützen könnte.

Kein Land für Israel?

Natürlich existiert für die kritische Theologie auch die Verheissung nicht, dass Israel das Land besitzen werde. Deshalb benützen die kritischen Theologen und die Bibelgesellschaften in ihren Kommentaren und Landkarten durchgängig den Namen “Palästina” für das Land Israel. Dieser Name existiert nirgendwo in der Bibel! Vor Josua hiess das Land “Kanaan”, nachher “Israel”; und in der Zeit Jesu gab es die Provinzen “Judäa”, “Galiläa”, usw. Erst im 2.Jh. nach Christus, als die Römer alle Juden vertrieben hatten, benannten sie das Land in “Palästina” um, mit dem Ziel, alle Erinnerungen an die Juden auszulöschen. Den Namen “Palästina” zu gebrauchen, bedeutet Gottes Verheissung zu leugnen, dass dieses Land Israel gehört.

Historische Wahrheit oder “Predigt der christlichen Gemeinde”?

“Die Evangelien … gehören zu einem Literaturtyp, wo nicht so sehr die kreative Aktivität des Autors zählt, als vielmehr der Gebrauch von Traditionen, die in einer oder mehreren Gemeinden bewahrt wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1459)
“Man denkt, dass dieses Evangelium das Ergebnis einer langen Reflexion und Weitergabe der Heilsbotschaft darstellt, in Gemeinden, die harte Auseinandersetzungen mit jüdischen Gruppen durchstehen mussten.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zum Johannesevangelium)

In anderen Worten wird hier gesagt, die ersten Gemeinden hätten die Heilsbotschaft verändert, je nach der Situation, in der sie sich befanden. Gemäss der kritischen Theologie ist der “Jesus der Evangelien” nicht derselbe wie der “historische Jesus”. Der “historische Jesus” soll keine Wunder getan haben; soll nie gesagt haben, er sei Gottes Sohn; und soll nicht vom Tod auferstanden sein – dies alles sei Erfindung der christlichen Gemeinden.

Die kritischen Theologen versichern auch, die Schreiber der Bibel hätten nie die Absicht gehabt, ein inspiriertes Buch zu schreiben:

“Als sie (die Autoren des NT, Üs.) schrieben, dachten sie nicht im Traum daran, dass ihr Produkt eines Tages dieselbe Autorität hätte wie die heiligen Schriften, die in der Synagoge gelesen wurden… Nach und nach sprachen die Christen diesen Texten eine bevorzugte Autorität für das Leben der Gemeinde zu…”
(“Entdecke die Bibel”, S.174-175)

Diese Äusserungen sind falsch, und dienen nur dazu, Zweifel zu säen bezüglich der Autorität des Neuen Testamentes. Paulus wusste genau, dass Gott selber ihm seine Botschaft gegeben hatte (Gal.1,11-12, 1.Thess.2,13). Petrus nennt die Paulusbriefe “(Heilige) Schriften” (2.Petrus 3,15-16). Alle Apostel hatten ihren Auftrag direkt aus dem Mund Jesu erhalten: “Geht in alle Welt, und verkündet das Evangelium… und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe” (Mark.16,15, Matth.28,20).

Die Kommentare der Bibelgesellschaften geben (wenn auch nicht sehr offen) die moderne Theologie wieder, wonach…
… die Schriften des NT Produkt des Glaubens und der Predigt der Urgemeinde sind;
… dieser Glaube und diese Predigt nicht auf historischen Tatsachen oder wirklichen Zeugnissen beruhen, sondern auf einem irrationalen psychologischen Erlebnis;
… die Predigt jener Gemeinden ihre Form ständig änderte, je nach den Umständen;
… es gar nicht wichtig ist, ob Jesus wirklich auferstand oder nicht; das einzige, was zählt, ist der “Glaube” (auch wenn er auf einer irrationalen Idee beruht).

Diese Theologie kann z.B. sagen: “Jesus auferstand im Glauben seiner Jünger” (aber nicht in Wirklichkeit). “Dieser Glaube drückt sich in mythologischer Sprache aus.”

Eine solche Theologie führt zu einer neuen Definition des Wortes “Glaube”, und aller zentralen Lehren des Christentums. Nach dieser Theologie müssten wir Hebräer 11,1 folgendermassen umformulieren: “Es ist aber der Glaube die Gewissheit dessen, was man sich selber ausgedacht hat, und die Überzeugung dessen, was nicht existiert.”

Was glauben die kritischen Theologen wirklich?

Viele kritische Theologen “schleichen sich heimlich ein” (Judas 4) in den Gemeinden: Sie sagen nichts über ihre wirklichen Überzeugungen; und wenn sie predigen, geben sie einfach wieder, was die Bibel sagt, wie es ein wirklich gläubiger Christ auch machen würde. Sie kennen die “evangelische Sprache” genügend, um sich als echte Christen auszugeben. Nur ab und zu lassen sie eine Bemerkung fallen wie: “Die theologische Wissenschaft sagt …”; und so verbreiten sie die kritischen Theorien in sehr kleinen, aber wirksamen Dosen.
(Dies gilt vor allem für Perú bzw. Lateinamerika, wo die Gemeinden zumindest “offiziell” noch an der göttlichen Inspiration der Bibel festhalten. In Europa sprechen die kritischen Theologen viel offener.)

In “Entdecke die Bibel” gibt es lange Passagen, wo ein Autor eine biblische Geschichte wiedergibt, immer mit einleitenden Sätzen wie: “Nach der Erzählung von 1.Mose…”, “Gemäss der biblischen Erzählung…”, etc. – Es fällt auf, dass derselbe Autor, wenn er ausserbiblische Ereignisse erwähnt, nie eine Quelle angibt wie z.B: “Nach den babylonischen Chroniken…”. Solche Ereignisse präsentiert er einfach als Tatsachen. Warum dieser Unterschied?
Kritische Theologen geben oft exakt wieder, was die Bibel sagt; aber sie sagen nicht, dass sie selber auch daran glauben. Das ist, als ob ich sagte: “Das Märchen erzählt, dass Schneewittchen in den Wald rannte. Und Schneewittchen kam zu den sieben Zwergen…” – und Sie könnten denken, ich glaubte an Schneewittchen und die Zwerge; aber ich habe lediglich wiedergegeben, was das Märchen sagt. Das ist die Art und Weise, wie kritische Theologen die Bibel behandeln: sie können genau wiedergeben, was sie sagt; aber sie betrachten grosse Teile der Bibel als Märchen.

Während meines Theologiestudiums hatte ich die Gelegenheit, ein Dutzend Teilnehmer einer grossen ökumenischen Konferenz zu interviewen. Alle Befragten gaben an, an die Auferstehung zu glauben. Aber gefragt, was sie unter “Auferstehung” verstehen, sagte keiner von ihnen, Jesus sei wirklich zum Leben zurückgekehrt. Ihre Definitionen von “Auferstehung” waren vielmehr: “Die Erfahrung, die mir Hoffnung zum Weiterleben gibt.” – “Dass die Ideen Jesu weiterleben in den Herzen seiner Nachfolger.” – “Dass es eine Kraft gibt, wieder neu anzufangen”, usw.
Auf ähnliche Weise geben sie auch Ausdrücken wie “Erlösung”, “Wiedergeburt”, “Gericht”, usw, einen anderen Sinn. Sie verstehen alles als ein psychologisches Erlebnis, das nichts mit der historischen Realität des Todes und der Auferstehung Jesu zu tun hat. Die Ausdrücke klingen biblisch, aber die kritischen Theologen verstehen etwas anderes darunter.

Zweifel über den Kanon

Der “Kanon” ist die Liste der inspirierten Bücher der Bibel. Dies ist ein weiterer Angriffspunkt der Bibelkritik: Da es so viele apokryphe Bücher gibt, wurden nicht einfach willkürlich einige Bücher als “kanonisch” ausgewählt und andere nicht?
“Entdecke die Bibel” erwähnt eine gängige Theorie der kritischen Theologen, wonach die Juden erst im Jahr 70 n.Chr. den Kanon des Alten Testaments festlegten, im sogenannten “Konzil von Jamnia”. Glücklicherweise bringt der Autor hier einige gute Argumente gegen diese Theorie:

“In Jamnia führten die Rabbiner keine Änderung des jüdischen Kanons ein; sie untersuchten lediglich die Tradition, die sie empfangen hatten.
… Im Vorwort zur Übersetzung des Buches Sirach sagt der Enkel des Autors Ben Sira, dass sein Grossvater ‚das Gesetz und die Propheten und die anderen Bücher unserer Väter‘ studierte. Wenn diese ‚anderen Bücher‘ die ‚Ketubim‘ sind, dann anerkennt dieses Werk bereits im Jahr 132 v.Chr. die traditionelle Ordnung der hebräischen Bibel.”

In anderen Worten: Der Kanon des Alten Testaments stand bereits fest, als Sirach geschrieben wurde. Sirach ist eines der Bücher, die von der katholischen Kirche als “deuterokanonisch” der Bibel hinzugefügt wurden. Dagegen versichert das Vorwort dieses Buches selber, dass es nicht kanonisch ist.
Es mutet daher merkwürdig an, dass derselbe Autor einige Seiten später die Zusammenarbeit der Bibelgesellschaften mit der katholischen Kirche verteidigt, um Bibeln herauszubringen, die selbstverständlich die Apokryphen mit den kanonischen Schriften auf dieselbe Stufe stellen.

Inbezug auf das Neue Testament vermitteln die Erklärungen der Bibelgesellschaft den Eindruck, der Kanon des Neuen Testaments sei etwas sehr Unsicheres und die Entscheidungen darüber sehr willkürlich; “einige Bücher, die nicht in unserem Neuen Testament stehen, waren Teil des Kanons … nicht alle Christen anerkennen dieselben Bücher als kanonisch” (S.179).
Die “Kanonlisten”, die in den ersten Jahrhunderten aufgestellt wurden, zeigen tatsächlich gewisse Unterschiede. Diese Listen waren vor allem eine notgedrungene Verteidigung gegen Irrlehrer wie z.B. Marcion, der alles vom NT ausschloss, was “jüdisch” anmutete. Es ist bedeutsam, dass diese Kanonlisten erst gegen Ende des 2.Jh. erscheinen, als schon viele apokryphe Bücher existierten und es deswegen zu Auseinandersetzungen kam. Das bedeutet, dass es vorher, während der ersten 150 Jahre der Kirchengeschichte, keinerlei Auseinandersetzung über den Kanon gegeben hatte. Für die Urgemeinde war es klar, welches die inspirierten Bücher waren.
Der Theologe der Bibelgesellschaften kommt zu einer anderen Schlussfolgerung, weil er annimmt, die Autoren des NT hätten nicht gewusst, dass sie inspiriert waren; oder weil er gar nicht mit der Inspiration rechnet.

Folgen der Bibelkritik in den Gemeinden

Was geschieht mit einer Gemeinde, die der sogenannt “wissenschaftlichen Theologie” Raum gibt? – In Europa hat man dieses Experiment seit etwa 150 Jahren gemacht, und das Ergebnis ist verheerend. Die Gemeinden sind geistlich gestorben! Reformierte Pfarrer können in Gefahr kommen, ihr Pfarramt zu verlieren, wenn sie biblisch über Bekehrung und Wiedergeburt predigen. Nach weltweiten Statistiken war Europa im Jahr 2000 der am wenigsten evangelisierte Kontinent der Erde, mit rund 2,4% wiedergeborenen Christen. Dies ist das Ergebnis der Bibelkritik in den reformierten Kirchen.

Vertrauen wir auf Gottes Wort, statt auf bibelkritische Theologen

In Wirklichkeit gibt es keinen “wissenschaftlichen Grund”, der Bibel nicht zu vertrauen. Es gibt keine historisch dokumentierten Belege für die kritischen Theorien!
Das Wort der Bibel ist kräftig, weil es Gottes Wort ist. Wenn wir es im Vertrauen anwenden, erfahren wir diese Kraft. Wenn wir “die Güte des Herrn geschmeckt haben” und seine Liebe erfahren haben, dann ist es nur natürlich, dass wir mehr von seinem Wort möchten, die “unverfälschte geistliche Milch” (1.Petrus 2,2-3). Wenn wir jedoch an der Güte und Ehrlichkeit Gottes zweifeln, oder wenn wir glauben, er sei nicht fähig, uns die Dinge so zu sagen wie sie sind, dann wird unser Verlangen nach Gottes Wort abnehmen, und wir werden geistlich nicht wachsen.
Jesus überwand jede Versuchung des Feindes mit einem “Es steht geschrieben”. Petrus sagte: “Auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen”, und erlebte ein Wunder. An Pfingsten sagte er: “Dies ist es, was der Prophet Joel vorausgesagt hat”, im geschriebenen Wort. Die Gläubigen stützten ihr Gebet auf Gottes Wort, und Gott antwortete in mächtiger Weise (siehe Apg.4,24-31). Diese Kraft des Wortes Gottes ist auch uns zugänglich. Aber wir verlieren sie, wenn wir das Wort nur als fehlerhaftes Menschenwort ansehen.

Einige fragen: “Muss ich wirklich an die ganze Bibel glauben, um gerettet zu werden?” – Das klingt so ähnlich wie die Frage einer Braut, die eine Zeitlang von ihrem Bräutigam getrennt ist und von ihm nur Briefe bekommt: “Muss ich wirklich alle seine Liebesbriefe lesen?” – Wenn sie nicht alle Briefe liest, hört sie deswegen nicht auf, die Braut zu sein. Aber sie wird sich innerlich von ihrem Bräutigam entfremden; und es kann der Moment kommen, wo ihre Liebe völlig erkaltet und es zu einer Trennung kommt.

Richard Wurmbrand berichtet von einem Kind, das eine Zeitlang den Ausführungen eines kritischen Theologen zuhörte, und ihn dann mit der Frage unterbrach: „Wenn Gott nicht meinte, was er sagte, warum sagte er dann nicht, was er meinte?“ – Es täte uns gut, zu dieser kindlichen Einfachheit zurückzukehren und darauf zu vertrauen, dass Gott tatsächlich meinte, was er sagte.

Wenn wir an den Namen der biblischen Autoren zweifeln, dann werden wir auch an der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Gottes zweifeln. Wenn wir an der Schöpfungsgeschichte zweifeln, dann werden wir auch an der Allmacht und Weisheit Gottes zweifeln. Wenn wir an seinem Wort zweifeln, dann werden wir auch an seiner Kommunikationsfähigkeit zweifeln, und an seinem Wunsch, eine persönliche Beziehung mit uns zu haben. Jesus sagte: “Ich habe euch Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch mitgeteilt.” (Joh.15,15). In unseren Händen das offenbarte Wort Gottes zu haben, ist sein Freundschaftsgeschenk an uns.

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika

2. Dezember 2010

Vorbemerkung: Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Haben Sie sich schon einmal gefragt, was die angehenden Pfarrer und Theologen in ihren Bibelschulen und Seminaren lernen? Sicher lernen sie tiefe Geheimnisse der Bibel, in die kein gewöhlicher Sterblicher eindringen kann?
In Wahrheit lernen die Schüler vieler Bibelschulen und Seminare, die Bibel nach einer Methode auszulegen, die sich “Bibelkritik” nennt, oder auch “Liberale Theologie”, “Moderne Theologie”, “Historisch-kritische Methode”, “Wissenschaftliche Theologie”, “Bibelwissenschaften”, und andere Namen. Aber wie auch immer die Methode sich nennen mag, in Wirklichkeit ist sie unvereinbar mit dem Glauben Jesu und der Apostel.

Ein unangebrachtes Vorgehen

Diese kritische Theologie unternimmt grosse Anstrengungen, um zu zeigen, dass die Bibel (angeblich) viele Irrtümer und Widersprüche enthalte; dass die biblischen Autoren nicht wirklich das sagen wollten, was sie sagen; und dass sie nicht von Gott inspiriert waren. Wer noch glaubt, dass die Bibel irrtumslos von Gott inspiriert wurde, wird von diesen Theologen als “unwissenschaftlicher Fundamentalist” abgestempelt, und damit nicht ernstgenommen.
Wenn jemand von dieser Theologie beeinflusst wird, verliert er allmählich das Vertrauen auf das Wort Gottes. Als Methode gilt der Zweifel: Es muss zum voraus angenommen werden, die Bibel sei ein rein menschliches und fehlerhaftes Buch.
Gott sagt uns dagegen, dass die einzig angebrachte Weise, uns ihm zu nähern, darin besteht, dass wir bereit sind, seinen Willen zu tun (Joh.7,17) und zu vertrauen (Hebr.11,6). Die einzige Art und Weise, Gottes Gedanken kennenzulernen, besteht darin, sein offenbartes Wort anzunehmen (Jesaja 55,6-11). Wer das Vertrauen auf das Wort Gottes verwirft, verwirft das einzige existierende Instrument, um dieses Wort zu verstehen.

Vorerst nur ein kleines Beispiel: Eine Einleitung zum Alten Testament sagt:

“(Das Volk Israel) bestand aus verschiedenen Stämmen, die sich nicht vereinigten, bis David einen monarchischen Staat errichtete mit Jerusalem als Hauptstadt. Die historischen Quellen zu jener Epoche sind sehr fragmentarisch, weshalb wir den Ursprung des hebräischen Volkes im Detail nicht kennen.” (Studienbibel “Dios habla hoy”)

“Die historischen Quellen … sind sehr fragmentarisch” – dann wäre die Bibel also keine historische Quelle? – Nach der Bibel waren die zwölf Stämme Israels vereint seit der Zeit Moses, lange vor David. Aber die kritische Theologie nimmt die historischen Angaben der Bibel nicht ernst und schreibt die ganze Geschichte Israels um.

Der Einfluss der kritischen Theologie

– in den theologischen Seminarien:
Die Mehrheit der “akademischen Theologen” betrachtet die kritische Theologie als die einzig wahre Theologie. An den meisten theologischen Fakultäten ist es fast unmöglich, einen Abschluss zu erhalten für jemanden, der darauf besteht, dass die Bibel Gottes inspiriertes Wort ist. Deshalb: je höher der akademische Grad eines Theologen, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen kritischen Theologen handelt.

– im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK):
Der ÖRK (auch „Weltrat der Kirchen“ genannt) hat die “historisch-kritische Methode” zu seiner offiziellen Theologie erklärt. Die meisten Leiter der ÖRK-Mitgliedskirchen fördern deshalb diese Theologie und unterdrücken andere Theologien.

– in den Bibelgesellschaften:
Die Vereinigten Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) sind ebenfalls mit dem ÖRK verbunden, und verbreiten die kritische Theologie. Die vorliegende Untersuchung beruht weitgehend auf in Lateinamerika verbreiteten Veröffentlichungen der UBS.

– in der katholischen Kirche:
Interessanterweise wurde die kritische Theologie, als sie im 19.Jh. auftauchte, vom Papst verurteilt. Aber anfangs des 20.Jh. gab es einem Umschwung, und heute arbeiten auch die meisten katholischen Theologen nach der “historisch-kritischen Methode”.

– im gefallenen Verstand des Menschen:
Den stärksten Einfluss der Bibelkritik müssen wir aber nicht in irgendeiner Organisation suchen, sondern in unserem eigenen Verstand. Von Natur aus sagt unser Verstand: “Ich kann die Wahrheit selber herausfinden, ich bin nicht sündig, ich brauche keine göttliche Offenbarung.” Dieser Stolz ist seit dem Sündenfall im Menschen drin. Der natürliche Mensch kann die geistlichen Dinge nicht erkennen (1.Kor.2,14), aber er glaubt alles zu wissen. Das ist genau die “historisch-kritische Methode”: eine Untersuchung der Bibel mit unserem natürlichen Verstand, als ob es keine göttliche Offenbarung gäbe.
So entwickelt sich ein Teufelskreis: Der Mensch handelt gegen Gottes Willen. Dann findet er in der Bibelkritik einen willkommenen Vorwand dafür: “Das ist sowieso nicht Gottes Wort; ich brauche das nicht ernstzunehmen.” So wendet er die kritischen Methoden an, was wiederum neuen Ungehorsam gegen Gottes Willen produziert.
Die Bibelkritik ist nicht aus wissenschaftlichen Gründen so weit verbreitet. Der wahre Grund ist, dass der Mensch einen Vorwand sucht, um in der Sünde zu verbleiben.
Auch wenn jemand sich zu Jesus bekehrt, wird der Verstand nicht plötzlich verändert. Wir müssen bewusste Anstrengungen unternehmen, um von unserem intellektuellen Stolz umzukehren und Gottes Offenbarung anzuerkennen. Auch ein Christ muss ständig sein Denken erneuern (Römer 12,2), sonst wird er zu einer leichten Beute für die Bibelkritik.
Deshalb handelt es sich in erster Linie um einen geistlichen Kampf (2.Kor.10,3-5). Wir müssen unsere Gedanken “gefangennehmen unter die Wahrheit Christi”.

Vorsicht vor den “Experten”!

Ich höre häufiger als früher christliche Leiter sagen: “Die Experten sagen…”, “Die Theologen sagen…” – Und fast immer ist es eine falsche Lehre, was die “Experten” sagen.
Zur Zeit der Reformation konnten die Christen zum wahren Evangelium zurückkehren, weil sie das Wort Gottes selber lesen konnten. So konnten sie die falschen Lehren der Kirche erkennen und widerlegen. Aber die heutigen Evangelischen scheinen diese Fähigkeit verloren zu haben. Statt selber zu erforschen, was das Wort Gottes wirklich sagt, folgen sie blindlings den “Experten”. Deshalb sind die evangelischen Gemeinden heute in eine Situation gekommen, die sehr der katholischen Kirche vor der Reformation ähnelt.

Ausgewählte Probleme der kritischen Theologie

Im folgenden werde ich einige Methoden und Theorien der Bibelkritik untersuchen. Die Beispiele entnehme ich zwei Werken, die von den UBS herausgegeben wurden:
Studienbibel “Dios habla hoy”, Kolumbien 1994 – Der Bibeltext ist die spanische Entsprechung zu “Die Gute Nachricht”; diese Studienbibel enthält ausführliche (bibelkritische) Einleitungen und Kommentare.
“Descubre la Biblia – Manual de Ciencias Bíblicas” (“Entdecke die Bibel – Handbuch der Bibelwissenschaften”, UBS, Kolumbien 1998)

Beide Bücher erwecken den Anschein, die göttliche Inspiration der Bibel zu befürworten, während sie in Wirklichkeit eine Indoktrination in Bibelkritik sind. Beide wurden mit grossem Werbeaufwand, Spezialpreisen und begleitenden Seminaren (mit kritischen Theologen) weit verbreitet, insbesondere unter Pastoren und Bibelschülern.
Es ist besorgniserregend, dass die UBS in Lateinamerika praktisch ein Monopol über die Bibelverbreitung innehaben. Und noch besorgniserregender, dass die evangelischen Gemeinden den theologischen Hintergrund der UBS nicht erkennen (welcher dem Glaubensbekenntnis fast aller lateinamerikanischen Gemeinden direkt widerspricht).

Zweifel über die biblischen Autoren

“Keines der vier Evangelien nennt den Namen des Autors. Ihre Zuschreibung zu den vier ‚Evangelisten‘ ist ziemlich viel später als die eigentlichen Evangelien, und kommt aus einer mündlichen Tradition, von der wir ab dem 3.Jh. schriftliche Zeugnisse haben.” (“Entdecke die Bibel”, S.176 Fussnote)
“Wahrscheinlich im 2.Jh. wurde es üblich, in die Abschriften der Evangelien die Titel ‚Nach Matthäus‘ (usw.) einzufügen. … Wir haben keine Information darüber, wie es zu dieser Identifikation kam.” (Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1458)

Diese Äusserungen sind ziemlich merkwürdig, wenn wir in Betracht ziehen, dass keine einzige Evangelienhandschrift existiert, in welcher die Titel (“Nach Matthäus” usw.) fehlen würden (mit Ausnahme der unvollständigen Fragmente, in welchen der Anfang überhaupt fehlt.) Hier sehen wir, dass die “wissenschaftliche Theologie” in Wirklichkeit gar nicht wissenschaftlich ist: sie verbreitet Hypothesen, die mit keinem real vorhandenen Dokument belegt werden können. Die alten Handschriften legen vielmehr nahe, dass die Titel von Anfang an integraler Bestandteil der Evangelien waren.
Welche Absicht liegt dahinter, Zweifel zu säen über die Identität der biblischen Autoren? – Die Bücher des Neuen Testaments wurden hauptsächlich auf der Grundlage anerkannt, dass sie von einem Apostel geschrieben wurden, oder von einem unmittelbaren Aposteljünger unter Aufsicht eines Apostels. Die Urgemeinde zweifelte nie an der Identität der Autoren. Aber als im 19.Jh. die Bibelkritik aufkam, wurde vor allem die körperliche Auferstehung Jesu kritisiert. Die Auferstehung ist der klarste “Echtheitsbeweis” des christlichen Glaubens. Wenn jemand den christlichen Glauben angreifen wollte, musste er zuerst die Auferstehung leugnen. Könnte man “beweisen”, dass die Autoren der Evangelien keine Augenzeugen der Auferstehung waren, dann könnte man die Auferstehung als reine Erfindung der Urgemeinde abtun. Das ist das eigentliche Motiv hinter dieser Theorie.

Hier sagt einer der berühmtesten kritischen Theologen, was er wirklich glaubt:

“Das Osterereignis als die Auferstehung Christi ist kein historisches Ereignis; als historisches Ereignis ist nur der Osterglaube der ersten Jünger fassbar…”
(Rudolf Bultmann, 1941)

(NB: Zitate deutschsprachiger Autoren sind z.T. aus dem Spanischen rückübersetzt und können deshalb leicht vom originalen Wortlaut abweichen.)

In den Büchern der Bibelgesellschaften haben wir noch keine solchen Zitate – der Abfall vom Glauben wäre zu offensichtlich. Aber im Grunde haben die Theologen der Bibelgesellschaften die gleiche Theologie wie Bultmann.

Hier noch zwei Argumente gegen die Kritik der Evangelien:
– Joh.21,24 sagt eindeutig, dass der Autor ein Jünger Jesu und Augenzeuge der berichteten Ereignisse war.
– Paulus erwähnt in 1.Kor.15,6 mehr als 500 Augenzeugen der Auferstehung, “von denen viele noch leben”. (Auch die kritischen Theologen können nicht abstreiten, dass 1.Kor. weniger als 30 Jahre nach der Auferstehung Jesu geschrieben wurde.) Wenn dies eine Lüge oder Erfindung wäre, dann hätte jeder Feind des Christentums den Betrug sofort aufdecken können, indem er zeigte, dass diese Augenzeugen nicht existierten. Dann hätte sich die christliche Gemeinde aufgelöst, denn Paulus selber sagte: “Wenn Christus nicht auferstanden ist, … dann ist euer Glaube vergeblich” (1.Kor.15,14).

Die Suche nach Widersprüchen und die Annahme von verschiedenen “Quellen”

“In 2.Mose 3,1-15 verbinden sich zwei theologisch-literarische Traditionen, die aus zwei verschiedenen Zeiten und Orten stammen. Nur so erklärt sich, warum in einem Abschnitt, der die Offenbarung des Namens Yavé als eine Neuheit erzählt (2.Mose 3,11-15), Passagen vorkommen (2.Mose 3,2.4.7), wo dieser Name als Allgemeingut gebraucht wird. Dies lässt uns denken, dass in 2.Mose 3,1-15 eine Tradition erscheint, die den Namen Yavé schon länger gebrauchte, zusammen mit einer anderen, die diesen Namen hier zum ersten Mal einführt.”
(“Entdecke die Bibel”, S.198)

Dies ist ein Beispiel, wie die kritischen Theologen Widersprüche suchen, um die Autorschaft Moses abzustreiten. Der Name “Yavé” war schon zur Zeit Adams bekannt (1.Mose 4,26). In 2.Mose 3 steht nirgendwo, der Name Gottes sei eine “Neuheit”. Aber Mose kannte Gott noch nicht persönlich; er brauchte eine Offenbarung, wer Gott wirklich war. Wir können dies mit der Erfahrung Saulus‘ auf dem Weg nach Damaskus vergleichen: “Wer bist du, Herr? – Und er antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst…” (Apg.9,5) Hier argumentiert auch niemand, der Name “Jesus” werde als “Neuheit” eingeführt!

“Viele Bibelforscher identifizieren drei theologisch-literarische Traditionen, die in 1. bis 4.Mose miteinander verwoben sind. Diese Traditionen wurden J (Jahwist), E (Elohist) und P (Priesterschrift) genannt. … Vor seiner Endredaktion war der Pentateuch (die 5 Bücher Mose, Üs.) in Traditionen aufgeteilt, welche das Volk begleiteten auf seinem Weg durch die verschiedenen historischen Momente … J ist vor allem mit Juda verbunden, und gehört in die Zeit des vereinten Königreichs (10.Jh.v.Chr.). E ist mit dem Nordreich verbunden und stammt aus der Zeit der Reichsteilung (9.-8.Jh.v.Chr.). P ist mit Jerusalem verbunden, als die Nation nicht mehr existierte (nach dem Exil).”
(“Entdecke die Bibel”, S.198-199 Fussnote)

Hier haben wir die kritische Theorie über die angeblichen Autoren der Bücher Mose. Nach dem Exil, als der letzte der hypothetischen Autoren lebte, wären wir etwa 900 Jahre nach Mose! (Wir werden später sehen, warum die kritischen Theologen daran interessiert sind, die biblischen Bücher möglichst spät zu datieren.)
Auch diese Theorie lässt sich mit keinem schriftlichen Dokument belegen. Wenn z.B. die “Tradition J” 500 Jahre lang als eigenständige Tradition existiert hätte, dann müssten doch Handschriften existieren, die nur diese Tradition enthalten. Aber alle Handschriften enthalten die 5 Bücher Mose in der Form, die wir heute kennen.
Ausserdem (was der Autor der Bibelgesellschaft uns nicht sagt), sind die kritischen Theologen weit davon entfernt, miteinander übereinzustimmen über den Ursprung einer gegebenen Bibelstelle in “J”, “E” oder “P”; oder auch nur über die genaue Anzahl der “Traditionen”.
Und noch etwas sagt uns der Autor nicht: Es ist schlicht unmöglich, die Bücher Mose so auf die drei oder mehr angenommenen “Traditionen” aufzuteilen, dass jeder Teil für sich Sinn machen würde. Um ihre Theorie aufrechtzuerhalten, müssen die Theologen annehmen, die Orignal-”Traditionen” seien ständig verändert worden, Teile seien weggelassen und andere hinzugefügt worden, ganze Abschnitte seien vollständig umgeschrieben worden gemäss der theologischen Tendenz des jeweiligen “Redaktors”, usw. – kurz, das Ganze seien menschliche Erfindungen und Legenden, aber keine historischen Ereignisse und erst recht nicht Offenbarung Gottes.

“Die Pastoralbriefe (1./2.Timotheus, Titus – Üs.), im Vergleich zu den anderen Paulusbriefen, zeigen verschiedene Besonderheiten. Die Sprache dieser Briefe ist ziemlich anders. Es erscheinen Ausdrücke, die in den anderen Briefen nicht vorkommen; und andere, die typisch sind für Paulus, kommen hier nicht vor. Auch im Inhalt gibt es auffallende Unterschiede … Viele denken, dass die Pastoralbriefe in eine Situation nach dem Tod des Paulus gehören, und von einem Paulusjünger geschrieben wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1805)

Wenn wir im Bibeltext Unterschiede oder unterschiedliche Standpunkte finden, dann gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

1. Wir nehmen eine Haltung des Zweifels und der Kritik ein, und nehmen zum voraus an, die Bibel enthalte Fehler.
– Dies tut der Autor des obigen Kommentars. Er hebt die Unterschiede hervor und schreibt sie unterschiedlichen menschlichen Tendenzen zu, welche die ursprüngliche Botschaft oder die ursprünglichen Tatsachen abgeändert hätten. Wer sagt, gewisse Ausdrücke seien “nicht typisch für Paulus”, der nimmt zum voraus an, was er beweisen will. Um festzustellen, welches die “typischen Ausdrücke” Paulus‘ sind, müsste man die Gesamtheit seiner Werke in Betracht ziehen, statt zum voraus anzunehmen, gewisse Briefe seien nicht von ihm.

2. Wir anerkennen, dass wir nicht alles wissen, weil wir nicht die vollständige Information über die Situation haben; aber wir vertrauen, dass der Heilige Geist die biblischen Schreiber inspiriert hat, und dass es deshalb keinen Irrtum gab.
– Dann werden wir einen Weg suchen und finden, wie die Unterschiede erklärt werden können als verschiedene Aspekte derselben Wahrheit.
Wir werden dann verstehen, dass der Stil und Wortschatz der Pastoralbriefe anders ist, weil Paulus sie in einer anderen Situation schrieb (gegen Ende seines Lebens), an andere Empfänger (Leiter, nicht die Gemeinde insgesamt), und zu anderen Themen (die Leitung der Gemeinde). Paulus war keine “Maschine”, die mechanisch immer dieselben Ausdrücke verwenden müsste.
Würden wir die kritische Methode auf moderne Literatur anwenden, dann kämen wir zum Schluss, “Narnia” und “Pardon, ich bin Christ” könnten keineswegs vom selben Autor geschrieben worden sein. Wortschatz und Stil der beiden Werke sind völlig unterschiedlich. “Narnia” ist ein Fantasieroman für Kinder, in welchem christliche Ideen und heidnische Mythologie nebeneinander vorkommen. “Pardon, ich bin Christ” ist eine intellektuelle Verteidigung des Christentums. Aber in Wirklichkeit wurden beide Bücher von C.S.Lewis geschrieben.

Annahme des Gebrauchs von Pseudonymen

“Manchmal schrieb ein uns unbekannter Autor unter dem Namen einer Person von anerkannter Autorität, um die von jener Person ausgedrückten Ideen schriftlich zu sammeln, oder sie zu interpretieren … Es war sogar üblich, dies auch nach dem Tod des angenommenen Autors zu tun.” (Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1698)
(Kritische Theologen nehmen dies an z.B. im Fall der Pastoralbriefe, und 2.Petrus.)

– Es ist wahr, dass diese Praktik im Heidentum vorkam (z.B. griechische Philosophen). Aber das Volk Israel und die christliche Gemeinde leben unter dem Gebot: “Du sollst nicht falsch Zeugnis geben.” Aus der frühen Kirche ist der Fall eines Ältesten bekannt, der einen Brief unter dem Namen des Apostels Paulus schrieb. Als dies ans Licht kam, wurde der besagte Älteste seines Amtes enthoben. Dies zeigt klar, dass die christliche Gemeinde den Gebrauch solcher “Pseudonyme” nicht erlaubte.

Sind diese Fragen wichtig?

Die Kommentaristen der “Studienbibel”versichern, dass solche Theorien in keiner Weise unseren Glauben beeinträchtigen. Der Autor des obigen Kommentars beruhigt uns sogleich:

“Diese Tatsache vermindert weder die Autorität noch den religiösen Wert dieser Schriften.”

Aber: Kann ich noch auf die Bibel als Wort Gottes vertrauen, wenn ich annehme, dass einige ihrer Autoren uns einen falschen Namen angaben? Kann ich auf die Bibel vertrauen, wenn ich annehme, dass einige ihrer Bücher aus verschiedenen Werken mit verschiedenen theologischen Tendenzen zusammengefügt wurden? – Viele Evangelische sagen ja; aber sehen wir, was die Konsequenzen sind.
Es geht hier nicht nur um so oberflächliche Dinge wie den Namen eines Autors. Es geht um grundsätzliche Unterschiede im Glaubenssystem dieser Theologie. Wenn wir die Schlussfolgerungen akzeptieren (Pseudonimie, usw.), dann werden wir allmählich auch die Denkvoraussetzungen annehmen, die hinter diesen Schlussfolgerungen liegen.

Z.B: Wenn ich annehme, die Pastoralbriefe seien nicht von Paulus, dann muss ich auch annehmen, der unbekannte Autor hätte Einzelheiten aus dem Leben des Paulus dazu erfunden (1.Tim.1,3, 2.Tim.4,9-18). Ich müsste dann allgemein an der Wahrhaftigkeit und Integrität der ersten Jünger Jesu zweifeln. Ich käme dann zum Schluss, auch die Worte Jesu in den Evangelien seien vielleicht keine authentischen Worte Jesu. (Tatsächlich kommt die Bibelkritik zu diesem Schluss.) Aber wie könnte ich mein Leben auf Worte aufbauen, die von Lügnern erfunden wurden?
Die Interpretationen der kritische Theologie erscheinen dem natürlichen Menschenverstand plausibel, aber sie sind wie Angelhaken: sie sind an einer langen Schnur angebunden, die uns immer weiter von Gott wegzieht.

(Fortsetzung folgt)