Posts Tagged ‘Autorität’

Retraite ins Land der Mathematik

29. Mai 2019

Lange habe ich mich mit dem Thema „Autoritarismus in ‚christlichen‘ Kirchen“ beschäftigt. Länger als mir lieb war. Leider ist es, wie mir sogar ein freikirchlicher Pastor bestätigte, nötig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber es hat meinem persönlichen Wohlbefinden ziemlich zugesetzt, von so vielen hässlichen Dingen Kenntnis nehmen zu müssen, die in „frommen“ Kreisen vor sich gehen.

Deshalb befinde ich mich gegenwärtig in einer Art persönlichen Retraite. Neben der persönlichen Gemeinschaft mit Gott, habe ich festgestellt, dass auch das „Land der Mathematik“ ein guter Rückzugsort ist. So verbringe ich einen Teil meiner Zeit damit, mathematische Probleme auszutüfteln, und an meinen Büchern zum aktiven Mathematiklernen weiterzuarbeiten.

Die Mathematik ist in gewisser Hinsicht ein Abbild oder Gleichnis von Gottes Reich. Die Zahlen folgen treu ihren Gesetzen. Sie haben nie gelernt zu lügen oder zu betrügen, oder übereinander herrschen zu wollen. In mathematischen Zusammenhängen zu forschen, ist fast wie ein Gebiet der Schöpfung zu betreten, das vom Sündenfall noch unberührt geblieben ist. (Allerdings ist dieses „Land“ von keinem Menschen bewohnt, sondern nur von abstrakten Geschöpfen.)

Die Mathematik ist verlässlich. Ihre Gesetze sind keinem zeitbedingten Wandel unterworfen. Sie brauchen sich nicht um „politische Korrektheit“ zu kümmern. Allen Relativisten zum Trotz, ist die Mathematik eine Wissenschaft von unveränderlichen, universellen Wahrheiten.

Was die Menschen betrifft, die die Mathematik erforschen oder anwenden, so mögen diese sündhaft sein und die Mathematik zu sündhaften Zwecken missbrauchen. Aber damit vermögen sie nicht die Mathematik an sich mit ihrer Sündhaftigkeit anzustecken.

In der Mathematik kann es keine Willkürherrschaft geben. Niemand, auch nicht die mächtigste Regierung, kann ein mathematisches Gesetz nach Belieben abändern, in Kraft setzen oder aufheben. Niemand kann einem anderen vorschreiben, wie er die Gesetze der Mathematik anzuwenden hat. (Auch wenn das in manchen Bildungseinrichtungen immer wieder versucht wird – aber das Ergebnis ist dann nicht echte Mathematik, sondern Bürokratie.)
Wenn auch manche mathematischen Gesetze unter dem Namen einer bestimmten Persönlichkeit bekannt sind, so kann doch diese Persönlichkeit keinen Eigentumsanspruch darauf erheben. Sie hat das Gesetz nur entdeckt, aber nicht geschaffen.

In der Mathematik gibt es deshalb keinen Raum für menschliche Herrschaft, weder in der Form von Demokratie noch in der Form von Monarchie und Diktatur. Mathematische Gesetze unterliegen weder Mehrheitsbeschlüssen, noch Volksabstimmungen, noch Regierungsdiktaten, noch den Doktrinen von Päpsten und anderen religiösen Machthabern.
In der Mathematik erfüllt sich daher in gewisser Weise der Ausspruch von Jesus: „Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matth.23,8) Nur einer hat je mathematische Gesetze geschaffen und „in Kraft gesetzt“: Gott selber.
Es gibt zwar Personen, die wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse der Mathematik als „Autoritäten“ auf diesem Gebiet gelten. Aber diese Art von Autorität ist nicht im Sinne von „herrschen“ oder „Macht ausüben“ zu verstehen, sondern im Sinn einer besonderen Befähigung, anderen ihr Verständnis der mathematischen Gesetze zu vermitteln. Und das sollte eher als eine „Dienstleistung“ angesehen werden.

So ist es auch in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, wie sie ursprünglich von ihm selber vorgezeichnet wurde, nicht vorgesehen, dass einer über den andern „herrsche“. Es mag „Lehrer“ geben in dem Sinne, dass einige ein besseres Verständnis von Gottes Wesen und seinen Gesetzen haben, und dieses Verständnis andern vermitteln können. Aber auch diese hat Jesus nie beauftragt, anderen Vorschriften zu machen, ihnen ihre besondere Auslegung aufzuzwingen, oder gar eigene Gesetze aufzustellen. Im Gegenteil, sie sollen „Diener“ sein (Matth. 23,11; 20,25-27). Wie die Wahrheiten der Mathematik, so können auch die Wahrheiten Gottes niemandem aufgezwungen, sondern höchstens erklärt werden.

Es braucht auch niemand eine Genehmigung, ein Diplom, oder eine Mitgliedschaft in einer akademischen Vereinigung, um Mathematik treiben zu dürfen. Die Mathematik ist Allgemeingut, „public domain“. Nur eines ist notwendig: die Bereitschaft, die Gesetze der Mathematik selber als verbindlich anzuerkennen und zu befolgen.
In derselben Weise hat auch jeder Zutritt zu Gott durch Jesus Christus, der bereit ist, ihm zu folgen. Man braucht dazu weder einem irdischen Leiter seine Loyalität zu erklären, noch in der Tradition einer bestimmten kirchlichen Richtung geschult zu sein, noch Mitglied einer religiösen Vereinigung oder Kirche zu werden.

Noch hätte ich Stoff für viele Artikel zum Thema „Autoritarismus“. Aber diese müssen noch einige Zeit warten. Interessierten Lesern kann ich empfehlen, in der Zwischenzeit im Internet nach „geistlicher Missbrauch“ zu suchen. Auch interessant ist eine Suche nach „Robert Lifton“ und „Mind Control“. Liftons Kriterien beruhen zwar nicht auf der Bibel, sondern auf der Psychologie. Sie zeichnen aber ein deutliches Porträt jener Gruppen und Leiter, die die Menschen „hinter sich selbst her“ ziehen wollen; was nach Apg.20,30 ein klares Kennzeichen falscher Geschwister und falscher Leiter ist. Es mag hilfreich sein, Gruppen und Organisationen nach diesen Kriterien zu beurteilen – nicht nur jene Gruppen, die im Verdacht der Sektiererei stehen, sondern auch jene, die als „Mainstream-Evangelikale“ gelten, oder sogar als „liberal“. Ja, auch die universitäre Bibelkritik kommt im Licht von Liftons Kriterien nicht sonderlich gut weg.

Genug damit; ich kehre zurück in meine Retraite.

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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 1

21. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Historische Einleitung

Ich lebe im peruanischen Hochland. Diese Gegenden haben das Christentum in einer schrecklich verzerrten Form kennengelernt. Es kam im 16. Jahrhundert in Form eines Priesters, der nach Darlegung einiger biblischer Lehren den König, Inka Atahuallpa, mit folgender Forderung konfrontierte:
„Die Päpste, Nachfolger des heiligen Petrus, regieren über das ganze Menschengeschlecht. Alle Völker (…) müssen ihnen gehorchen. Ein Papst hat den Königen von Spanien alle diese Länder gegeben, um die Ungläubigen zu befrieden und sie unter die Herrschaft der katholischen Kirche zu bringen. (…) Deshalb müssen Sie, Herr, dem Kaiser tributpflichtig werden, die Verehrung der Sonne aufgeben und allen Götzendienst, der euch in die Hölle bringt, und müssen die wahre Religion annehmen.“

Statt ein Evangelium der Erlösung und Freiheit zu verkünden, wurde das Christentum als „Unterwerfung unter die Autorität“ des Königs und des Papstes vorgestellt. Hinter dem Priester Valverde stand der Eroberer Pizarro mit seiner Armee, um dieser Forderung mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Es folgten dreihundert Jahre der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung.

Das war auch das Jahrhundert des Ignatius von Loyola, der sich vorgenommen hatte, die Reformation zu bekämpfen, indem er eine „geistliche Armee“ ausbildete, die ihm, und dem Papst, in unbedingtem Gehorsam folgen würde. Ignatius verlangte Folgendes von seinen Jüngern:
„Um in allem richtigzugehen, sollen wir immer dafürhalten und glauben, dass das Weisse, was ich sehe, schwarz sei, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt.“ (Ignatius von Loyola, „Geistliche Übungen“)
Ignatius lehrte also, die „Autoritäten“ der Kirche hätten das Recht, die Wahrheit zu verdrehen, und die Gläubigen müssten ihnen gehorsam in ihrer Lüge folgen, selbst wenn die Lüge vor aller Augen offensichtlich sei. Das ist ein direkter Widerspruch gegen das Wort Gottes, welches sagt: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die aus Licht Finsternis machen und aus Finsternis Licht; die das Bittere als süss darstellen und das Süsse als bitter!“ (Jesaja 5,20)

Ignatius sagte auch: „Wir sollen wie ein Kadaver sein, der von sich aus unfähig ist sich zu bewegen, oder wie der Stock eines Blinden[, in der Hand unserer Oberen].“ (Von daher kommt unser Wort „Kadavergehorsam“.) – Schon die mittelalterlichen Mönchsgelübde verlangten unbedingten Gehorsam den Oberen gegenüber; aber Ignatius zog diesen Gedanken ins Extrem.

Vergleichen wir damit die Auswirkungen des Wortes Gottes in den Ländern, die von der Reformation beeinflusst wurden. Das Grundprinzip der Reformation war, dass die Heilige Schrift oberste Autorität über die Lehre und Praxis der Christen ist. Nach diesem Prinzip konnte auch der einfachste Christ, wenn er biblische Gründe dazu hatte, jeden Leiter und jede „Autorität“ – selbst den Papst – zurechtweisen, wenn dieser entgegen dem Wort Gottes lehrte oder handelte. Obwohl die Reformatoren selber oft diesem Prinzip zuwiderhandelten, gab dies doch den „Laien“ eine nie dagewesene Macht, gegen jede unrechte Tyrannei aufzustehen. Ein Jahrhundert nach dem Sieg der Reformation begann man dieses Prinzip in den Bereich der Politik zu tragen; zuerst in England. Es wurde gelehrt (aufgrund von Bibelstellen wie 5.Mose 17,16-20 und Apg.5,29), dass selbst der König nicht nach Gutdünken regieren kann; er muss sich dem Gesetz unterwerfen. So entstand der moderne Rechtsstaat. Das neutestamentliche Modell einer Gemeinde, die von einem Ältestenkollegium geleitet wird (nicht von einem einzelnen Mann an der Spitze), welches seine Entscheidungen in Einmütigkeit trifft (siehe z.B. Apg.15), wurde zum Vorbild für die Einrichtung von Parlamenten. Anfangs des 19.Jahrhunderts kämpfte William Wilberforce auf biblischen Grundlagen für die Abschaffung der Sklaverei in England; Abraham Lincoln tat dasselbe in den USA.

In den reformierten Ländern führte also das allgemeine freie Erforschen der Bibel zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zu einer besseren Ethik. In den spanischen Kolonien dagegen wurde die Bibel in der Hand eines autoritären Klerus dazu missbraucht, ganze Nationen zu versklaven. Dieser Autoritarismus prägt die peruanische Gesellschaft bis heute in allen ihren Bereichen. Selbst in den peruanischen evangelischen Kirchen wird das Christentum vorwiegend als „Unterwerfung unter die Autorität des Pfarrers“ verstanden. Der grundlegende Unterschied zwischen den Reformationsländern und den spanischen Kolonien besteht in den grundverschiedenen Auffassungen von „Autorität“.

Im vorliegenden Artikel (und den folgenden) habe ich hauptsächlich die evangelikalen Kirchen im Auge. Es ist meine Beobachtung, dass ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen – auch in den Reformationsländern – den Boden der Reformation verlassen hat und zum römisch-katholischen Konzept zurückgekehrt ist, was die Auffassung von „Autorität“ betrifft.

Ansätze zu autoritären Lehren und Praktiken im evangelikalen Raum finden sich bereits in den Schriften von Watchman Nee. Meines Wissens war er es, der den Begriff der „geistlichen Abdeckung“ prägte. Weite Verbreitung fand der evangelikale Autoritarismus aber erst ungefähr ab den 1970er-Jahren. Auf der pfingstlich-charismatischen Seite war der Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung gross (deren Leiter, u.a. Derek Prince, aber bereits 1986 ihre Lehren und Praktiken widerriefen). Auf der „konservativen“ oder „Mainstream-„Seite beeinflussten Bill Gothard und seine Anhänger Zehntausende von Pastoren und Millionen von Gemeindegliedern mit ihren hyper-autoritären Lehren. Weitere verwandte Strömungen sind u.a. der calvinistische „Rekonstruktionismus“ oder „Dominionismus“; die charismatische „G12“; und eine neue „Königreichs-Lehre“ in gewissen Hausgemeinde-Kreisen.

Einige Autoren sehen im Autoritarismus der 1970er-Jahre eine Reaktion auf die 68er-Bewegung mit ihrer Ablehnung aller Autorität, welche die Evangelikalen zutiefst verunsicherte. Ein Kommentator sagte: „Wenn dein Haus brennt, dann fragst du den Feuerwehrmann nicht nach seinen Lehrüberzeugungen.“ Die Lehrer des Autoritarismus waren anscheinend solche „Feuerwehrmänner“, deren Lehren und Praktiken angesichts einer Notsituation unkritisch übernommen wurden. Erst später wurden die unheilvollen Folgen sichtbar: Tausende, vielleicht Millionen von Gemeindegliedern wurden bevormundet, psychisch zerstört, und in ihrem Glauben zutiefst verunsichert (man spricht von „geistlichem Missbrauch“). Und viele evangelikale Christen prüfen nicht mehr anhand der Schrift, was ihre Leiter lehren und praktizieren.

Was ist Autoritarismus?

Es gibt unterschiedliche Strömungen und Färbungen des evangelikalen Autoritarismus. Aber im wesentlichen kann er so zusammengefasst werden:

„Ein Christ muss sich seinen Leitern unterordnen und gehorchen, nicht nur in Angelegenheiten direkter biblischer Gebote, sondern in allem. Wenn ein Christ einen Leiter kritisiert oder ihm widerspricht, begeht er die Sünde der ‚Rebellion‘.“

Einige gehen noch weiter und sagen ausdrücklich, ein Christ müsse sich auch dann unterordnen und gehorchen, wenn seine Leiter in Sünde leben, oder wenn ihre Befehle unsinnig, schädlich, oder im Widerspruch zur Bibel sind.

Einige lehren zudem, die Unterordnung unter einen autoritären Leiter sei eine „Abdeckung“, die einen beschützt vor Versuchungen, teuflischen Angriffen, und Strafen Gottes.

In der Praxis führt das zu Situationen wie die folgenden:

– Eine Frau lässt sich von ihren Gemeindeleitern überzeugen, eine gutbezahlte Arbeitsstelle zu kündigen, um als Sekretärin der Kirche zu arbeiten, zu einem niedrigeren Lohn und ohne formellen Arbeitsvertrag. Nach mehreren Monaten wartet sie immer noch auf ihren ersten Lohn. Sie reklamiert bei den Leitern, aber diese sagen ihr nur, sie solle Geduld haben. Später stellt sie die Leiter wiederum zur Rede, zusammen mit zwei anderen Personen (nach Mat.18,16). Die Leiter machen ihr Vorwürfe, weil sie mit anderen Personen über die Angelegenheit gesprochen hat. Einige Zeit später wird sie wegen „Klatsch“ und „Rebellion“ entlassen.

– Der Kassier einer Kirche erhält Anweisungen von seinem Pastor, bestimmte Änderungen in der Buchhaltung durchzuführen. Bei der Überprüfung findet der Kassier Beweise für unrechtmässige Bereicherungen von seiten des Pastors, und versteht, dass die verlangten Änderungen dazu dienen sollen, diese Tatsachen zu verbergen, angesichts einer bevorstehenden Revision. Der Kassier getraut sich nicht, die Anweisungen in Frage zu stellen, da er weiss, dass er sonst als „ungehorsam“ unter „Gemeindezucht“ gestellt würde. Er erwägt zurückzutreten und zu einer anderen Gemeinde zu wechseln. Aber der Pastor droht ihm: „Wenn du das tust, dann verlierst du deine ganze geistliche Abdeckung, und fällst unter einen Fluch und unter den Einfluss des Teufels.“ Dadurch lässt sich der Kassier zwingen, sich zum Komplizen des Pastors zu machen, wenn auch mit einer riesigen Last auf seinem Gewissen.

– Die Leiter einer gewissen Kirche glauben sich dazu berufen, über allen Liebesbeziehungen und Heiraten der Mitglieder streng zu „wachen“. Sie verbieten ihnen, eine Paarbeziehung anzufangen oder zu heiraten ohne die Erlaubnis der Leiter. Sie trennen Dutzende von Liebes- und Brautpaaren, und zwingen sie, jemand anderen zu heiraten. Einige der betroffenen Personen verlassen die Kirche und verlieren ihren Glauben. Andere fügen sich den Leitern und erleiden später Schiffbruch in ihrer Ehe.

– In einer gewissen Kirche weiss jedermann, dass der Pastor eine Geliebte hat. Aber niemand getraut sich darüber zu sprechen, weil sie wissen, dass sie sonst unter „Gemeindezucht“ gestellt würden; denn es gilt als Sünde, den Pastor zu kritisieren. Die Kirche hat einen regionalen Rat, der gemäss dem offiziellen Organigramm über die örtlichen Pastoren wachen soll. Eines Tages konfrontiert der Regionalpräsident den Pastor mit seiner Sünde. Der Pastor berät sich mit einigen Leitern, die ihn unterstützen; beklagt sich über „Rebellion“ von seiten eines Mitarbeiters (womit der Regionalpräsident gemeint ist), und sie intrigieren gegen den Regionalpräsidenten, um ihn seines Amtes zu entheben.

In autoritären Organisationen kommt es oft vor, dass ein „Vorstand“ eingesetzt wird, um den Anschein einer Gewaltenteilung zu erwecken, während in Wirklichkeit der Vorstand keinerlei Macht hat, sondern vollständig vom autoritären Leiter abhängig ist.

(Die Beispiele beruhen auf mir bekannten authentischen Fällen, nur mit Änderungen einiger Details. Ich habe Kenntnis von noch schwerwiegenderen Fällen.)

In Familien, die von einer autoritären Strömung beeinflusst sind, kommen oft Kindsmisshandlungen und sexueller Missbrauch vor. Zudem wird eine „Schweigekultur“ gepflegt, um die Taten zu verheimlichen und zu verhindern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. – In dieser Schrift ist nicht Raum, um auf diese Problematik einzugehen; ich beschränke mich im folgenden auf die Aspekte, die die Kirche betreffen.

Die erwähnten Beispiele zeigen bereits, dass der Autoritarismus schlechte Frucht bringt. In den folgenden Artikeln werden wir das auf etwas systematischere Weise untersuchen.

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (3.Teil)

3. Dezember 2016

In der neutestamentlichen Gemeinde wird „Leiterschaft“ durch Dienst ersetzt.

Das sehen wir in Vers 12 unseres Kapitels Matthäus 23:

„Aber der grösste von euch sei euer Diener. Und jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Wir können mehrere Parallelstellen zitieren:

„Ihr wisst, dass die Machthaber der Völker über sie herrschen, und die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch wichtiger sein will, sei euer Sklave; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele.“ (Matthäus 20,25-28)

„Die Könige der Völker knechten sie, und die über sie herrschen, lassen sich Wohltäter nennen. Aber ihr sollt nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Leitende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger, der am Tisch sitzt oder der bedient? Nicht der, der am Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der, der bedient.“ (Lukas 22,25-27)

„Ihr nennt mich ‚Meister‘ und ‚Herr‘, und das sagt ihr gut; denn ich bin es. Wenn also ich, der Herr und Meister, eure Füsse gewaschen habe, dann sollt auch ihr einander die Füsse waschen; denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13,13-15)

Ein „Leiter“ in der neutestamentlichen Gemeinde hat keine Privilegien. Jesus beanspruchte keine Privilegien vor seinen Jüngern und behandelte sie auch nicht autoritär. Sie anerkannten ihn als ihren Meister, weil sie in ihm eine echte Weisheit, Geistlichkeit und Autorität sahen, die sich in seinen Worten und in seinem Beispiel manifestierte. Deshalb war er es würdig, dass sie ihm nachfolgten. Und deshalb konnte er seinen Jüngern dienen, ohne seine Autorität zu verlieren.
Das ist das Beispiel, das Jesus allen Leitern unter seinen Jüngern nach ihm hinterliess. Ein echter christlicher Leiter sucht nicht ein „Amt“, eine „höhere Stellung“, oder Privilegien. Er knechtet seine Glaubensgeschwister nicht. Im Gegenteil, er übt seine Verantwortung zum Wohlergehen seiner Glaubensgeschwister aus. Ein echter christlicher Leiter wird immer ein Beispiel dieser Haltung geben, die auch im Herrn selber war: „Wir sollen (…) nicht uns selber zu Gefallen leben. Jeder von uns lebe dem andern zu Gefallen, indem er das Gute tut und ihn auferbaut. Denn auch der Christus hat nicht sich selber zu Gefallen gelebt …“ (Römer 15,1-3)

Aus der nichtchristlichen Welt sind wir es gewohnt, dass „Leiterschaft“ gleichbedeutend ist mit „herrschen“ oder „andere knechten“. Deshalb musste Jesus sehr klar sagen, dass in seinem Reich die Dinge anders sind. Ja, es gibt eine Vielfalt von Gaben und Funktionen in der Gemeinde (Römer 12,4-5, 1.Korinther 12,4-6); und einige dieser Funktionen schliessen das ein, was wir gemeinhin „Leiterschaft“ nennen. Aber in der christlichen Gemeinde begründet diese Vielfalt der Funktionen keine hierarchische Struktur und keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“ (Siehe die vorhergehenden Betrachtungen.) Wer eine „Leiterschaftsfunktion“ innehat, steht deswegen nicht „über“ seinen Glaubensgeschwistern.

Es ist interessant zu beobachten, wie sorgfältig sich die Schreiber des Neuen Testaments in dieser Hinsicht ausdrücken: In einem weltlichen Kontext haben sie kein Problem zu sagen, ein Leiter sei „über“ anderen. Aber sie gebrauchen dieses Wort „über“ nicht, wenn sie sich auf einen christlichen Leiter beziehen. Betrachten wir nochmals genau Matthäus 20,25-27: „… die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, (…) und wer unter euch wichtiger sein will …“

In vielen gegenwärtigen Kirchen ist „Leiterschaft“ zu einer Machtposition geworden, verbunden mit viel Einfluss und manchmal auch finanziellem Gewinn. Infolgedessen fühlen sich jene Personen zu diesen Positionen hingezogen, die genau das suchen: Macht, Einfluss, und Reichtum. Das heisst, die Leiterschaftsstellungen werden allmählich von den ungeistlichsten Menschen eingenommen; von jenen, die in Bibelstellen wie den folgenden beschrieben werden:
„… Menschen mit verdorbenem Sinn, die die Wahrheit nicht haben, die fälschlich denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, Geld zu gewinnen …“ (1.Timotheus 6,5)
„… Feinde des Kreuzes Christi, deren Bestimmung das Verderben ist, deren Gott der Bauch ist, und deren Ehre in ihre Schande ist; die [nur] an das Irdische denken.“ (Philipper 3,18-19)
(Über die falschen Apostel): „… wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ (2.Korinther 11,20)
„… der es liebt, der Erste von ihnen zu sein, Diotrephes, nimmt uns nicht auf. (…) und nicht zufrieden damit, nimmt er auch die Brüder nicht auf; und jene, die [sie aufnehmen] wollen, hindert er daran und schliesst sie aus der Versammlung aus.“ (3.Johannes 9-10)

So entstehen Kirchen, die dem Anschein nach aufblühen, aber in geistlichem Elend leben; die voll von Habsucht, Intrigen, Lügen, Betrug, und weltlichem Ehrgeiz sind. Wo solche Dinge zu beobachten sind, und die Versammlung ergreift keine Massnahmen, um diese schlechten Leiter zu korrigieren und sie durch echte geistliche Leiter zu ersetzen, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.

Die Situation ist ganz anders an Orten wie China, wo die echte Gemeinde unter ständiger Bedrohung lebt. In China muss ein Gemeindeleiter damit rechnen, in Armut zu leben, und er geht ein erhöhtes Risiko ein, Verfolgung und Tod zu erleiden. Einige der wichtigsten christlichen Leiter in China können nicht einmal einer Gemeinde vorstehen, weil sie sich versteckt halten müssen; ihr ganzer Dienst besteht aus Fasten und Gebet, und Beratung anderer Leiter, die aktiv das Evangelium verkünden.
Dieselbe Situation – oder sogar noch schlimmer – besteht in vielen islamischen Ländern.
In solchen Umständen ist es viel wahrscheinlicher, dass tatsächlich die geistlicheren Christen Leiterschaft anstreben. Sie werden auf dieser Erde nicht belohnt werden dafür; deshalb wird ihre Belohnung vom Herrn umso grösser sein.

Es wäre traurig, wenn die Gemeinde nur in Verfolgungszeiten geistlich aufblühen könnte. Aber in Zeiten der Freiheit könnten wir zumindest die Leiter nach diesem Kriterium prüfen: Wäre diese Person auch unter den Umständen der chinesischen Gemeinde ein Leiter? Ist er in Leiterschaft, weil er dienen will, oder weil er herrschen will?

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (1.Teil)

25. März 2011

In früheren Artikeln habe ich ab und zu auf einige Probleme der institutionalisierten Kirche hingewiesen, die offensichtlich nicht mehr das ist, was Jesus ursprünglich gemeint hat. In anderen Artikeln bin ich auf einige Probleme der Institution „Schule“ eingegangen. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass viele Probleme dieser beiden Institutionen parallel laufen. Beide „institutionalisieren“ Menschen in einer Weise, die sowohl dem Plan Gottes wie auch den nach aussen hin erklärten Zielen dieser Institutionen zuwiderlaufen. Ich möchte jetzt gerne einige dieser Parallelen aufzeigen.

Beide Institutionen sind familienfeindlich

Das ist der Punkt, der uns persönlich am meisten betrifft. Als Eltern möchten wir unseren Kindern ein gesundes Familienleben mitgeben, und das bedeutet in erster Linie Zeit zu haben, um für sie da zu sein. Leider stellten wir fest, dass sowohl die Schule wie auch die institutionelle Kirche dieses Ziel massiv behindern.

In den allermeisten christlichen Kirchen werden bei den meisten Anlässen – insbesondere im „Gottesdienst“ – die Kinder von ihren Eltern getrennt. In vielen Kirchen, die ich kennenlernte, ist der Kindergottesdienst vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass die Familien nicht einmal gemeinsam „zur Kirche gehen“ können. Eine Familie, die regelmässig die Anlässe einer solchen Kirche besucht, kann sonntags kaum noch gemeinsam Zeit verbringen.

Bei Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ebenso hoch ist wie unter der übrigen Bevölkerung. Offenbar tragen die Kirchen nichts dazu bei, den Familienzusammenhalt zu stärken.

In den meisten Kirchen heisst der Kindergottesdienst „Sonntagschule“. Deutlicher kann man die Nähe zur Institution Schule nicht mehr ausdrücken.

Natürlich läuft diese ganze Institutionalisierung und altersgruppenweise Verwaltung von Kirchenmitgliedern der Bibel zuwider. In der ursprünglichen christlichen Gemeinde war die Familie das Zentrum des „Gemeindelebens“, und alles andere wurde um die Familie herum aufgebaut. Aber die heutigen institutionalisierten Kirchen haben das „Gemeindeleben“ der Familie entfremdet und es in ein unpersönliches Gebäude für schulähnliche Veranstaltungen verlegt.

In den letzten Jahren sind wieder vermehrt Hausgemeinden gegründet worden, die dem neutestamentlichen Urbild näherkommen möchten. Solche Hausgemeinden haben die grosse Chance, die Familie als Kern des Gemeindelebens wiederzuentdecken und die institutionellen und „schulischen“ Formen von „Kirche“ abzulegen. Die Frage ist, ob sie diese Chance wahrnehmen werden. (Da es in Perú m.W. noch keine Hausgemeindebewegung gibt, kann ich diese Frage nicht aus eigener Beobachtung beantworten.)

Wenn wir nun von der Institution Schule sprechen, da ist die Zertrennung der Familien noch offensichtlicher. Immer früher und immer länger werden die Kinder von ihren Familien getrennt. Lag das Schuleintrittsalter vor hundert Jahren noch um acht Jahre und bestand ein Schultag aus wenigen Stunden, so müssen heute in vielen Ländern (z.B. hier in Perú) schon die Dreijährigen zur Schule gehen. Im Primarschulalter sind sie täglich rund sechs Stunden ausser Haus, in der Sekundarschule können es bis acht Stunden sein. Und selbst die schulfreie Zeit ist nicht wirklich frei: In dieser Zeit müssen Hausaufgaben gemacht werden – je länger je mehr als Gruppenarbeiten, sodass die Kinder auch in dieser Zeit nicht zuhause sein können. Was bleibt da noch an Zeit übrig, um auch nur halbwegs ein Familienleben zu pflegen?

Aber nach dem Willen der Schulplaner soll es ja gar kein Familienleben geben. Schon vor über 20 Jahren bemerkte Eberhard Mühlan:

“Der Deutsche Bildungsrat empfiehlt allen Ernstes als Ziel des pädagogischen Handelns im Elementarbereich, ‚die Abhängigkeit des Kindes von Bezugspersonen zu mindern‘. Damit sind in erster Linie wir Mütter und Väter gemeint! (…) Die Kinder gehören der Gesellschaft, die grosszügigerweise gewisse Erziehungsaufgaben an die Eltern oder an staatliche Einrichtungen verteilt.”
(Eberhard Mühlan, “Kinder in der Zerreissprobe”, Schulte+Gerth Verlag 1985)

Offenbar ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht worden: Funktionierende Familien sind kaum noch anzutreffen. Ist es zu weit hergeholt, diese Entwicklung hauptsächlich der zunehmenden Verschulung und Institutionalisierung der Gesellschaft zuzuschreiben?

Unantastbare Autoritäten

In beiden Institutionen, Schule und institutionalisierte Kirche, gibt es Autoritätspersonen, die sich einen Absolutheitsanspruch anmassen, der nicht in Frage gestellt werden kann bzw. darf.

Der Lehrer ist ein berufsmässiger Besserwisser, der anderen Menschen vorschreibt, was und wie sie zu lernen haben. Darauf beruht das System, und deshalb kann nicht zugelassen werden, dass ein Schüler etwas besser weiss als sein Lehrer – das könnte das ganze System zum Zusammenbruch bringen. Ebensowenig kann zugelassen werden, dass ein Schüler selbständig Dinge lernt, die sein Lehrer nicht weiss, oder die nicht im Lehrplan stehen; oder dass er auf andere Weise lernt, als die Schule vorschreibt. – Ich will hiermit nicht unterstellen, Lehrer handelten böswillig aus den erwähnten Absichten heraus. Nur zu oft sind sie selber auch Gefangene eines Systems, das sie nicht ändern können. Da ich selber als Lehrer gearbeitet habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwer manchmal die Last sein kann, alles besser wissen zu müssen.

Etwas ganz ähnliches geschieht in vielen Kirchen. Der Pfarrer / Prediger ist in der Regel von einer „sakralen Aura“ umgeben, die weit über die wirkliche Autorität hinausgeht, die ihm natürlicherweise zukäme. Verschiedene Konfessionen bewerkstelligen das auf verschiedene Weise, aber das Endergebnis ist überall etwa dasselbe:
– In der katholischen Kirche herrscht die Idee, der Priester werde durch die Priesterweihe zu einer besonderen Klasse Mensch – ein „Kleriker“, aus der Masse der „Laien“ herausgehoben -, und deshalb darf er nicht in Frage gestellt werden, selbst wenn er unrecht hat. Wie mir einmal ein katholischer Apologet sinngemäss schrieb: „Die Kirche ist heilig, weil sie von Jesus selber eingesetzt worden ist, und deshalb müssen wir sie als heilig ansehen, selbst wenn wir in ihr Dinge sehen, die wir als unheilig bezeichnen würden.“ Also: Wenn ich in der Hierarchie der Kirche etwas Unheiliges beobachte, erkläre ich es einfach dennoch als heilig, und damit habe ich das Problem als gelöst zu betrachten.
– Reformierte Pfarrer gewinnen ihren Status hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie studierte Theologen sind. Somit wissen sie „tiefe Geheimnisse“, die von gewöhnlichen Laien nicht gewusst werden können. (Insbesondere, wie man mehr oder weniger überzeugend begründet, warum ein bestimmter Abschnitt in der Bibel nicht das bedeutet, was er effektiv aussagt.) Deshalb können Theologen von Nicht-Theologen nicht in Frage gestellt oder belehrt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Theologen wie „Laien“ dieselbe Bibel vor sich haben…
– In vielen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen ist eine Lehre vorherrschend, wonach Gott zu gehorchen bedeutet, „der von Gott eingesetzten Leiterschaft zu gehorchen“. Wer sich seinem Pastor „unterordnet“, der geniesst gemäss dieser Lehre die „Abdeckung“ Gottes; wer ihm widerspricht, ist den Angriffen des Feindes schutzlos ausgeliefert. Oft wird das so weit getrieben, dass gesagt wird: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht hat oder sündigt, denn Gott wird dich danach beurteilen, ob du deinem Leiter gehorcht hast oder nicht.“ – Es würde hier zu weit führen, im Detail zu zeigen, warum diese Lehre abwegig ist. Der Effekt ist klar: Pastoren erhalten eine unantastbare Machtstellung, denn ihnen zu widersprechen würde ja bedeuten, unter das Gericht Gottes zu fallen. Heute wird das als „geistlicher Missbrauch“ bezeichnet.
(Nebenbemerkung: Interessanterweise befinden sich die Evangelikalen mit dieser Auffassung näher beim Katholizismus als bei der Reformation.)

In beiden Institutionen, Schule und institutionelle Kirche, führt die beschriebene Situation zur Bevormundung, Abhängigkeit und dauernden Unreife der Personen, die unter diesen Institutionen stehen. Folgen sind: Verlust der Kreativität, des selbständigen Denkens und des Urteilsvermögens; Abhängigkeit von vorgegebenen Lern- und Verhaltensmustern; Entpersönlichung. Derart „institutionalisierte“ Kirchenmitglieder lernen nicht, Jesus nachzufolgen, sondern ihren Leitern. Derart „institutionalisierte“ Schüler lernen nicht, wirkliche Kenntnisse zu erwerben, sondern sie lernen nur, wie sie antworten müssen, dass der Lehrer zufrieden ist.

Auch bei diesem Punkt muss ich hervorheben, dass die ursprüngliche christliche Gemeinde anders war. Dort gab es nur eine absolute Autorität, Jesus selber. Gegenüber allen anderen Autoritäten galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29) und: „Prüft alles, behaltet das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21).

Dem Opfer wird die Schuld gegeben

Es ist eine traurige Dynamik in den meisten Situationen des Machtmissbrauchs, dass dem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben wird für das, was ihm zugestossen ist. Leider tritt diese Dynamik auch in den hier beschriebenen Institutionen auf.

Die institutionalisierte Kirche lehrt: „Ohne Pastor und institutionelle Kirche kann ein Christ nicht im Glauben wachsen.“ Es ist also Gesetz, dass man die kirchlichen Anlässe besucht und sich vom Pastor „pastorisieren“ lässt. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Kirche muss man auch noch andere Auflagen erfüllen, wie z.B: die Sakramente in Anspruch nehmen, den Zehnten geben, ein Bibelstudienprogramm besuchen, Bauprojekte unterstützen, usw. Als Gegenleistung wird Wachstum im christlichen Glaubensleben versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieses Wachstum nicht eintritt – wenn z.B. jemand von dem ganzen „Christentum“ zunehmend gelangweilt statt auferbaut wird, oder wenn jemand in grobe Sünde fällt? Meistens wird dann dieser Person die Schuld gegeben: „Du hast eben nicht genug Gott gesucht“, oder „Du hast einen kritischen Geist gegen die Leiterschaft“, oder „Du musst mehr Selbstdisziplin, Hingabe, Glaube (oder was auch immer) haben“, etc.
Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn es der Pastor und die Kirche wäre, was Glaubenswachstum hervorbringt, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieses Wachstum nicht eintritt? Wenn andererseits der Gläubige selber für sein Glaubensleben verantwortlich ist, warum soll er sich dann von einer institutionellen Kirche abhängig machen?

(Anmerkung: Geistliche Gemeinschaft unter Christen und gegenseitige Auferbauung ist etwas sehr Wichtiges. Ich möchte überhaupt nichts dagegen sagen. Aber gerade diese Art Gemeinschaft findet in den institutionellen Kirchen nur höchst selten statt – meistens muss man sie ausserhalb dieser Kirchen suchen.)

Dasselbe geschieht auch in den Schulen. Schulbehörden und Lehrerverbände verkünden: „Ohne Schule und ohne Lehrer kann man nicht lernen.“ Es ist also Gesetz, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“ (richtiger gesagt: gezwungenermassen den grössten Teil des Tages in der Schule absitzen), sich vom Lehrer belehren lassen und zuhause Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung wird Lernerfolg versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieser Lernerfolg nicht eintritt – wenn z.B. ein Schüler sich ständig nur langweilt, schlechte Noten hat und immer weniger versteht? Meistens wird dann dem Schüler die Schuld gegeben (oder dessen Eltern): „Du hast eine Lernstörung“, oder „Du hast eine gestörte häusliche Umgebung“, oder „Du bist einfach faul“, etc.
Ist das nicht derselbe Widerspruch? Wenn es die Schule und die Lehrer wären, die zum Lernerfolg führen, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieser Erfolg nicht eintritt? (Wie einmal jemand sagte: „Schulversagen ist in Wirklichkeit das Versagen der Schule.“) Wenn andererseits der Schüler selber für sein Lernen verantwortlich ist, warum zwingt man ihn dann dazu, zur Schule zu gehen, wenn es doch so viele alternative Lernmöglichkeiten gibt?

Zu beiden Institutionen muss zudem gesagt werden, dass die Versagerquote hoch ist – zu hoch im Vergleich mit dem, was sie versprechen. Schulen und Lehrer setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie dem „homeschooling“ mangelnde Qualität vorwerfen, während sie selber so viele Schüler mit mangelhaften Noten und mangelhaften Kenntnissen hervorbringen. Und Kirchen und Pastoren setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie den „nicht-institutionellen“ Christen Ungehorsam, mangelnde Verbindlichkeit und weiss ich was noch alles vorwerfen, während sie selber so viele Mitglieder hervorbringen, die dem Wort Gottes ungehorsam sind oder überhaupt vom Glauben abfallen.

Falsche Kriterien für die Eignung zu einer bestimmten Aufgabe

In einer weniger verschulten und institutionalisierten Gesellschaft konnte ein Arbeiter durch die Qualität seiner Arbeit überzeugen. Wer in einem Handwerk ein Meister werden wollte, der übte sich so lange, bis er ein Produkt von Spitzenqualität herstellen konnte – eben sein „Meisterstück“. Auf welche Weise er genau zu dieser Fähigkeit kam, war dabei unwesentlich. – Salomo sagte: „Siehst du einen Mann, geschickt in seinem Beruf? In Königsdienst wird er treten, Niedrigen wird er nicht dienen.“ (Sprüche 22,29).

Aber in der heutigen institutionellen Bürokratie genügt es nicht, die eigene Fähigkeit zu beweisen. Man braucht in erster Linie ein offizielles Diplom. Dieses bescheinigt nicht so sehr die tatsächliche Fähigkeit oder die tatsächlichen Kenntnisse, als vielmehr die Tatsache, dass man den offiziell vorgeschriebenen Ausbildungsgang hinter sich gebracht hat. Das wirkliche Lehrziel der Ausbildung besteht nicht in den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten, sondern in der Unterordnung unter die Institution. Dass man dieselben Fähigkeiten oder Kenntnisse auch auf anderen Wegen erlangen könnte, wird dabei nicht berücksichtigt. Man wird nicht darnach bewertet, was man als Mensch ist oder kann, sondern darnach, ob man sich „institutionalisieren“ lässt. Man muss die vorgeschriebene Schule besuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, und dann bekommt man ein Diplom, mit dem man einen Arbeitgeber suchen kann. Das führt zur „Angestelltenmentalität“ (diesen Ausdruck habe ich mir von Wolfgang Simson ausgeliehen): man bettelt darum, dass einem jemand Arbeit gibt, und ist dann ein Leben lang von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Gegensatz dazu wäre die „Unternehmermentalität“: Man schafft sich selber seine Arbeit, aufgrund der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten.

Die institutionelle Kirche macht dieses Spiel freudig mit. Das Glaubensleben von Mitgliedern wird danach beurteilt, wie oft sie zum Gottesdienst kommen, wieviel Zeit sie der Gemeinde zur Verfügung stellen, wieviele Glaubenskurse sie besucht haben, usw. (Erwähnt Jesus irgendetwas davon als Mass unserer Liebe zu ihm?) – Pastoren und Leiter werden selten nach ihren Fähigkeiten und ihrer geistlichen Berufung gewählt. Vielmehr müssen sie zuerst den vorgeschriebenen Ausbildungsgang absolvieren (Bibelschule bzw. Theologiestudium; Kandidatenzeit bzw. Vikariat, usw.), und dann unter Beweis stellen, dass sie sich widerspruchslos in die Institution einfügen. Kirchen suchen „Angestellte“, und einige wenige Leiter an der Spitze gefallen sich in der Rolle der „Arbeitgeber“ – aber ein gewöhnlicher Christ kann und darf in einer solchen Kirche nichts aus eigener Initiative „unternehmen“.

Wie anders sah die Ausbildung eines neutestamentlichen Mitarbeiters wie z.B. Timotheus aus! Paulus lud ihn einfach ein, ihn auf der Reise zu begleiten. Timotheus half ihm, wo er konnte, und erlebte mit, wie neue Gemeinden gegründet wurden und Gott wirkte. Dadurch lernte er und wuchs in Verantwortung. Seine Beziehung zu Paulus war persönlich, nicht „institutionell“. Timotheus war kein „Missionskandidat der Missionsgesellschaft Paulus & Co.“ (Es ist sehr bezeichnend, dass im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde keine Eigennamen von Institutionen, „Werken“ oder Gruppierungen vorkommen!) Er musste auch keinen vorgeschriebenen Lehrplan absolvieren und erhielt nie ein Abschlusszeugnis. Er war einfach ein Glaubensbruder, der einem anderen Glaubensbruder half und dabei offenbar seine eigene Berufung entdeckte.
Ein solcher „Mitarbeiter in Ausbildung“ musste auch nicht unbedingt von Paulus „abgedeckt“ sein. Wir sehen, dass ein unabhängiger Mitarbeiter wie z.B. Apollos genau dieselben Chancen hatte wie Timotheus. (Apg.18,24-28, 1.Kor.3,1-9). – Der Apostel Johannes wendet sich in seinem dritten Brief scharf gegen die institutionellen Einschränkungen der Gemeindemitarbeit, wie sie heute überall an der Tagesordnung sind: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen gern der Erste wäre, nimmt uns nicht an. (…) Und damit nicht zufrieden, nimmt er weder selber die Brüder auf, noch lässt er es denen zu, die es tun wollen, und stösst sie aus der Gemeinde aus.“ (3.Joh.9-10) Allzuviele heutige Gemeinden werden von einem modernen Diotrephes geleitet.
– Zurück zu Timotheus. Es muss einmal der Moment gekommen sein, wo die Mitbrüder seine geistliche Berufung und Befähigung erkannten und anerkannten. Allmählich wurde sein Dienst von dem des Paulus unabhängig. Die Brüder beteten für ihn mit Handauflegung; aber auch da erhielt Timotheus keinen „Titel“ und keine offizielle „Anstellung“. Er wird nie „Pfarrer Timotheus“, „Lehrer Timotheus“, „Evangelist Timotheus“ oder so ähnlich genannt (obwohl er anscheinend alle die Gaben hatte, die diesen Bezeichnungen zugrunde liegen). Er wurde nie in ein institutionelles Schema gepresst. Er war schlicht und einfach Timotheus, mit genau den persönlichen und unverwechselbaren Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hatte und die die Mitbrüder in ihm sehen konnten.

(Fortsetzung folgt)

Ferienprogramm und „aktive Schule“

15. März 2011

Wieder beginnt (hier in Perú) ein neues Schuljahr. Die grossen Schulferien umfassen hier die Monate Januar und Februar. Für uns sind die Ferien jeweils eine Gelegenheit, unseren „Aufgabenhilfe-Kindern“ ein alternatives Programm anzubieten, frei vom Schulstress und von der schulischen Gleichmacherei.

Leider sind es jedes Jahr weniger Kinder, die dieses Angebot wahrnehmen können, denn die meisten Kinder haben effektiv kaum noch Ferien. Weil sie die völlig unrealistischen Lernziele der Schule nicht erreichen können, müssen sie an schulischen Ferienprogrammen teilnehmen, die nichts anderes sind als eine Fortsetzung des Schulunterrichts während der Ferien – aber von den Eltern zusätzlich bezahlt werden müssen. Man meint also, dieselbe Art Unterricht, die während des Jahres die Schüler nur überfordert und verwirrt, müsste Erfolg haben, wenn sie während den Ferien weitergeführt wird.

In der ersten Januarwoche kamen gegen zwanzig Kinder zu uns. In den folgenden Ferienwochen hörte aber eins ums andere auf zu kommen, bis nur noch zehn übrigblieben: „Meine Eltern sagen (oder „meine Lehrerin sagt“), ich müsse zur Schule gehen.“ – Der Gipfel der Ironie war, als eines Tages der Vater eines dieser Kinder wieder mit seinem Sohn bei uns vor der Tür stand: „Bitte helfen Sie meinem Buben, er kann die Aufgaben nicht lösen, die er in der Ferienschule bekommt…“ (Das war einer der Fälle, wo der Lehrer gesagt hatte, dieser Bub müsse in den Ferien zur Schule gehen, da er nur so seinen Rückstand aufholen könne.) Wir sagten dem Vater, er solle dem Lehrer ausrichten, wenn er schon der Meinung sei, der Bub hätte seinen Unterricht so sehr nötig, dann solle er ihn wenigstens so unterrichten, dass der Bub etwas versteht. – Vielleicht war es nicht ganz nett, das zu sagen. Aber ich denke, irgendjemand muss doch diesem Vater helfen zu verstehen, wie unsinnig es ist, seinen Sohn sogar in den Ferien an eine Schule zu schicken, wo er nichts lernt! (Letztlich hat auch diese Angelegenheit einen geistlichen Hintergrund. „Schule“ und „Bildung“ ist einer der mächtigsten Götzen hier in Perú; und wenn wir wollen, dass die Leute den wahren Gott kennenlernen, dann müssen sie auch aufhören, diesen Götzen anzubeten.)

Inzwischen erfuhr ich von einem interessanten Schulprojekt in Ecuador. Rebeca und Mauricio Wild sind ein deutsch-ecuatorianisches Ehepaar, die eine alternative Schule aufgebaut haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Erziehung zum Sein“, und in mehreren nachfolgenden Büchern. Ihr Ansatz ist ziemlich ähnlich wie die „Moore-Formel“, übertragen auf die Umgebung einer Schule (die sie jedoch nicht „Schule“ nannten, sondern „pädagogisches Experimentierzentrum“). Die Wilds sind zwar keine Christen, aber sie haben mit uns (und mit den Moores) zwei wichtige Überzeugungen gemeinsam: dass der Auftrag und die Verantwortung zur Kindererziehung den Eltern zukommt, nicht dem Staat; und dass Kinder gemäss ihrem eigenen Entwicklungsstand und ihrer Eigenart ausgebildet werden sollen, nicht nach einem starren und gleichmacherischen Lehrplan. Insbesondere der formale Schulunterricht ist überhaupt nicht kindgemäss (zum wissenschaftlichen Hintergrund darüber siehe „Einschulung: Besser spät – oder nie – als früh“).

Dass sie sich trotzdem nicht dem „Homeschooling“ zuwandten, hatte, wie sie in ihrem Buch berichten, vor allem kulturelle Gründe: Sie beobachteten, dass die ecuatorianischen Eltern derart abhängig waren vom staatlichen Schulsystem, dass sie auf keine Art und Weise dazu zu bewegen wären, ihre Kinder selber auszubilden. – Dasselbe beobachten wir hier in Perú, wo die Kultur nicht viel anders ist als in Ecuador. Die Eltern sind weder gewillt, noch halten sie sich für fähig, ihre Kinder selber zu erziehen. Schon im Babyalter werden die Kinder abgeschoben an Onkel und Tanten, Grosseltern, ältere Geschwister, oder in eine Kinderkrippe. Ausserdem haben sowohl Eltern wie Lehrer eine sklavische Ehrfurcht vor den staatlichen Bildungs-Gurus und folgen blindlings deren Rezepte zur Zwangsverschulung. Rebeca Wild beschreibt prägnant die Auswirkungen dieses Systems auf die Schüler:

„Die ’schlauen‘ Kinder lernen alle möglichen Tricks, damit die Erwachsenen den Eindruck schulischen Erfolgs gewinnen. Andere erfahren einen traurigen Zerfall ihrer Persönlichkeit; sie gewöhnen sich daran, mit einer ständigen Angst zu leben und zu lernen, und hassen das Lernen. Einige beginnen zu stottern, andere das Bett zu nässen, oder leiden an Kopf- oder Magenschmerzen. Nicht wenige hängen sich an die Drogen.“
(Rebeca Wild, „Erziehung zum Sein“, rückübersetzt aus der spanischen Ausgabe.)

Wir können diese (und andere ähnliche) Beobachtungen nur bestätigen. Während der letzten Monate des vergangenen Schuljahres stellten wir bei den Kindern eine zunehmende Nervosität, Erschöpfung, Verwirrung und Aggressivität fest, was es uns mit der Zeit fast unmöglich machte, weiter mit ihnen zu arbeiten. Obwohl diese Auswirkungen allen Lehrern und Eltern deutlich vor Augen stehen sollten, haben sie doch nur ein einziges Rezept dagegen: Noch mehr vom selben! (Im Oktober und November letzten Jahres mussten selbst Primarschüler täglich acht Stunden in der Schule verbringen.)

Worin besteht nun die „aktive Schule“?

Die Wilds nennen ihr Modell „aktive Schule“, weil die Kinder dazu angeregt werden, selber aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen, „Entdeckungen“ zu machen und kreativ zu sein – im Gegensatz zur traditionellen Schule, wo sie vor allem dazu angehalten werden, passiv zuzuhören und abzuschreiben, und einem vorgegebenen Lehrplan zu folgen. Die aktive Schule kennt keinen starren Lehrplan und keine Klasseneinteilung. Sie besteht hauptsächlich aus thematischen Arbeitsplätzen mit viel didaktischem und praktischem Material, das die Kinder zum Selber-Entdecken, Selber-Gestalten und Nachforschen einlädt. Erwachsene Betreuer helfen den Kindern beim Gebrauch der Materialien, und geben ihnen bei Bedarf weitere Anregungen; die Kinder können sich aber die Arbeitsplätze und Aktivitäten weitgehend selber aussuchen. So sind sie motivierter zum Lernen, weil sie gemäss ihren eigenen Interessen arbeiten können. Es gibt Arbeitsplätze zu traditionell „schulischen“ Themen wie Rechnen (v.a. mit Hilfe von konkreten Gegenständen), Messen und Wägen, Lesen und Schreiben (Bibliothek), usw; aber auch praktische Arbeitsplätze wie Küche, Schreinerwerkstatt, usw. Dazwischen gibt es z.T. angeleitete Aktivitäten wie Singen, Geschichten hören, Bastelarbeiten, Experimente, usw, die aber nicht obligatorisch sind.
Trotz der grossen Freiheit, die die Kinder geniessen, betonen die Wilds, dass es sich nicht um eine antiautoritäre Schule handelt: „Es gibt viele Mittelwege zwischen autoritär und antiautoritär.“ Ordnung wird aufrechterhalten mit Hilfe der Hausordnung, deren Einhaltung nicht nur von den Betreuern, sondern v.a. von den Kindern untereinander überwacht wird. Sie enthält Richtlinien z.B. zum respektvollen Umgang miteinander und zum achtsamen Umgang mit dem Lernmaterial. – Die strukturierten Materialen enthalten Anweisungen, wozu sie dienen; und Spiele haben natürlich ihre Spielregeln.

Von den Eltern wird erwartet, dass sie mindestens an einem Morgen pro Monat ebenfalls in der Schule anwesend sind, um ihre Kinder zu sehen und um die Arbeitsweise der Schule kennenzulernen.

Lernen denn die Kinder so überhaupt etwas? Natürlich – und auf dauerhaftere Weise als in der traditionellen Schule. Ein Beispiel dafür sind unsere eigenen Kinder, die täglich höchstens eine Stunde formellen „Unterrichts“ haben und dennoch (oder gerade deswegen) den meisten ihrer Altersgenossen im Verständnis weit voraus sind.
Rebeca Wild anwortet auf die Frage, was dann mit Kindern geschieht, die nie lesen oder schreiben lernen wollen: Systematische, vereinheitlichte Schulübungen sind längst nicht die einzige Art, wie lesen und schreiben gelernt werden kann. In unserer Kultur, wo auf Schritt und Tritt Geschriebenes anzutreffen ist, wird es jedermann fertigbringen, geschriebene Wörter zu entziffern, auch ohne formelle Ausbildung. Ein Kind lernt lesen und schreiben auf dieselbe Weise, wie es gehen und sprechen lernt: es probiert aus, sucht Vorbilder, die es nachahmen kann, und bittet um Hilfe, wo es nötig ist.

Wir beschlossen, unser diesjähriges Ferienprogramm weitgehend als „aktive Schule“ zu gestalten. (Wobei sich die Anwesenheit der Eltern nicht verwirklichen liess: sie sind „zu beschäftigt“, um sich um ihre Kinder zu kümmern…) Dazu mussten unsere Wohnräume neu geordnet werden, ein paar zusätzliche Materialien angeschafft oder selbst hergestellt werden, Spiel- und andere Anweisungen geschrieben werden. Als einzelne Familie sind unsere Möglichkeiten natürlich beschränkt; aber peruanische Kinder sind auch nicht so anspruchsvoll, sie fanden immer etwas Interessantes.

Wir waren gespannt, wie dieses Konzept funktionieren würde mit Kindern, die an die traditionelle Schule gewöhnt sind. Während der ersten Wochen hatten sie offenbar ganz einfach ein Bedürfnis nach Ferien. (Ist ja verständlich! Ihre letzten – kurzen – Ferien waren anfangs August gewesen.) Sie wollten vor allem draussen spielen und umherrennen. Wenn sie dann davon genug hatten, spielten sie mit Puppen oder begannen unsere Karten- und Brettspiele zu entdecken. Während dieser Zeit fanden einige Eltern, dieses Programm sei unnütz, ihre Kinder „spielten ja nur“. Genau zu der Zeit stand aber in der Zeitung ein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchung, wonach Brettspiele wie Schach, Dame usw. die Entwicklung bestimmter Gehirnregionen förderten, welche bei anderen Personen nicht entwickelt seien. Damit hatten wir immerhin ein gutes Argument.

Mit der Zeit begannen die kleineren Kinder auch „lehrreichere“ Materialien auszuprobieren wie z.B. Zählrahmen, Perlenketten und Cuisenaire-Stäbchen zum Rechnen; oder sie begannen auf einer alten Schreibmaschine zu tippen. Die grösseren Kinder, die schon mehrere Schuljahre hinter sich hatten, verblieben jedoch länger in der „Spielphase“ und hatten selten neue Ideen.

Etwa nach einem Monat stellte ich fest, dass manche Kinder jetzt länger, konzentrierter und ruhiger arbeiten konnten als am Anfang. Die meisten waren aber weiterhin „Mitläufer“, d.h. sie folgten einfach den Tätigkeiten anderer und hatten kaum eigene Ideen. Nur wenige waren dazu zu bewegen, neue Herausforderungen anzunehmen: „Das kann ich nicht.“ – „Komm, ich zeige dir, wie man es macht.“ – „Nein, ich kann das nicht.“ Ob es darum ging, ein Regenmessgerät herzustellen, unsere Temperaturmessungen graphisch darzustellen, eine unter dem Mikroskop beobachtete Zelle zu zeichnen, oder mit dem Metallbaukasten eine eigene Maschine zu konstruieren, die nicht im Prospekt steht – immer erhielt ich diese Standardantwort. Unsere eigenen Kinder waren die einzigen, die sich an solche neuen Projekte wagten; und einige andere begannen dann mitzumachen.
Um die Kinder auf neue Ideen zu bringen, begannen wir öfters einfach selber etwas zu tun (z.B. mit Buchstaben Wörter zu legen, oder Stoff abzumessen für ein Puppenkleid). Oft wurden dann einige Kinder neugierig: „Was machst du da?“ „Darf ich auch mitmachen?“

Wir stellten auch fest, dass selbst Neun- und Zehnjährige noch nicht in der Lage sind, z.B. die Anzeige eines Thermometers oder einer Waage richtig abzulesen, oder die Mengenangaben eines Kochrezeptes zu verstehen. (Von diesen selben Kindern wird aber in der Schule erwartet, dass sie schriftlich teilen, ungleichnamige Brüche zusammenzählen und Gleichungen lösen!)

Interessant war es, einen Fünftklässler zu beobachten, der zwar seine Schulaufgaben meistens recht gut löste, weil er die Rechenoperationen rein mechanisch beherrscht; der aber im Grunde kaum versteht, was er dabei tut, und deshalb bei Problemen aus dem praktischen Leben völlig verloren ist. Letztes Jahr spielte er manchmal mit dem „Profax“-Übungsgerät, und suchte sich dabei immer die allereinfachsten Aufgaben aus (Zusammenzählen von Zahlen bis 10.) Im Januar hat er mit Eifer gut zwanzig Arbeitsblätter zur Einführung des Einmaleins durchgearbeitet; und im Februar begann er mit weiterführenden Arbeitsblättern zur Multiplikation, mit Themen wie Kommutativ- und Assoziativgesetz, Teilbarkeitsregeln, u.ä. – Interessant finde ich das vor dem Hintergrund der Beobachtung von Rebeca Wild, dass Kinder normalerweise von sich aus Materialien und Tätigkeiten aussuchen, die ihrem eigentlichen Entwicklungsstand entsprechen. Offenbar hatte dieser Bub das Bedürfnis, im Rechnen nochmals ganz von vorne anzufangen, und holt jetzt etwa alle zwei Monate ein Schuljahr nach.

Eine Zeitlang war die Küche gross in Mode: es gefiel den Kindern sehr, Süssigkeiten oder Erfrischungsgetränke herzustellen (und sie lernten dabei auch, Rezepte zu lesen und Zutaten abzuwägen).

Zwei oder drei Kinder fanden Interesse am Lesen der Bibel. Wir hatten als Hilfe dazu kleine Arbeitshefte mit Fragen und Anregungen vorbereitet, die sie mit Interesse durcharbeiteten. Ein anderer Bub begann, die illustrierte Kinderbibel von vorne bis hinten durchzulesen. (Bis Ende Februar kam er etwa bis zur Mitte.)

Während den letzten Ferienwochen entdeckten die Kinder in unserer Bibliothek ein Bastelbuch, aus dem sie immer neue Vorschläge ausprobieren wollten. (Während des Schuljahres hatten sie nie aus eigenem Interesse ein Buch zum Lesen aus der Bibliothek genommen!) Auch hier sind sie sehr auf unsere Hilfe angewiesen, denn sie haben grösste Schwierigkeiten, selber eine Anleitung zu lesen und zu verstehen. Aber immerhin sind sie hier ganz bei der Sache: mehrere Tage lang haben sie jeweils fast den ganzen Morgen mit Basteln verbracht. Leider sind sie noch nicht so weit, etwas Eigenes zu gestalten. Eines Morgens z.B. bastelten sie Masken aus Karton. Alle Kinder zeichneten sklavisch die im Buch abgebildete Maske ab; kein einziges kam auf die Idee, eine eigene Maske zu entwerfen. Die Kreativität ist anscheinend jene Charaktereigenschaft, die in der Schule zuerst und am gründlichsten stirbt … und dann kaum je wieder zum Leben zu erwecken ist, wenn Gott nicht ein Wunder tut.

Dafür staunten wir auf einem Ausflug über die sportlichen Leistungen der Kinder. Wir hatten eine Schnitzeljagd veranstaltet, die zwei Stunden dauerte. Die Kinder waren danach ziemlich erschöpft. Aber auf dem Heimweg kamen wir an der Motocrossbahn vorbei (das ist hier die neuste Attraktion; es werden aber nur selten Rennen abgehalten darauf), und einige Kinder sagten: „Wir wollen ein Rennen machen!“ – „Ja, ich auch, ich auch!“ riefen alle anderen. – Tatsächlich hielten bis auf zwei Kinder alle durch, rennend auf der etwa einen Kilometer langen Rundstrecke mit vielen Hindernissen. Die Kleinsten hatten die meiste Ausdauer! (Und das auf einer Höhe von 3600 Metern über Meer.)

Bei anderen Ausflügen lernten die Kinder u.a. Kartenlesen, Pflanzen und Tiere der Gegend, usw. An einem Tag veranstalteten wir einen Sportwettkampf mit Schnellauf, Weitsprung, Hindernisrennen, Zielwurf usw. Die Kinder mussten dabei selber die Zeiten und Distanzen messen und aufschreiben. Das trug dazu bei, dass sie aus eigener Erfahrung die Masseinheiten kennenlernten, mit denen sie sonst nur theoretisch rechnen lernten.

Die Schule von Rebeca Wild unternimmt auch Ausflüge an Arbeitsplätze des täglichen Lebens wie Werkstätten, Fabriken usw. Leider konnten wir das nicht tun, da wir noch keine Berufsleute oder Unternehmen gefunden haben, die bereit wären, ihre Türen zu öffnen für eine Gruppe von Kindern.

Beim Malen der Theaterkulisse

Ein anderes Projekt, das Anklang fand, war das Theater. Mit einer Gruppe von sechs interessierten Kindern hatten wir zuerst einfach einige Theaterübungen und Improvisationen gemacht. Als ich sie fragte, ob sie gerne ein „richtiges“ Theaterstück einüben wollten, waren alle begeistert. Wir übten dann die biblische Geschichte von Esther, die wir am Schlussabend den Eltern vorführten. (An diesem Abend kamen immerhin einige Eltern, die uns noch nie zuvor besucht hatten.)

 

Theaterprobe

Noch haben wir nicht viele Rückmeldungen darüber, wie es den Kindern jetzt mit dem Neubeginn der Schule geht. Mit Ausnahme der vielsagenden Antwort eines Buben, den meine Frau nach der ersten Schulwoche fragte, was sie diese Woche in der Schule gemacht hätten: „Nichts!“

Ist die „aktive Schule“ christlich?

Da ich mit einem christlichen Hintergrund schreibe und arbeite, musste ich auch der Frage nachgehen, wie weit das Konzept der aktiven Schule „christlich“ ist. Die christliche Homeschool-Szene, soweit ich sie beobachten kann, scheint sich weitgehend von den Ideen Raymond Moores abgewandt und einem schulbuchmässigen Vorgehen nach starrem Lehrplan zugewandt zu haben. Bildungsformen wie die „aktive Schule“ scheinen dagegen vor allem in „alternativen“, „grünen“ und „New-Age“-Kreisen Anklang zu finden. In einem Internetartikel wurde die Auffassung vertreten, einem Kind zu erlauben, seinen Interessen nachzugehen, stünde einer christlichen Disziplin entgegen. Andere Evangelikale haben schon argumentiert, der in Römer 13,1-5 verlangte Gehorsam gegenüber der Regierung schliesse ein, die Kinder in eine staatliche (oder zumindest vom Staat anerkannte) Schule zu schicken. Was sagt die Bibel dazu?

– Die Regierung ist nach Römer 13,1-5 von Gott dazu eingesetzt, Übeltäter zu bestrafen und jene zu loben, die das Gute tun – aber nicht dazu, Kinder zu erziehen. Zur Kindererziehung sind ganz eindeutig die Eltern beauftragt, nicht der Staat (siehe z.B. 2.Mose 20,12, 5.Mose 6,6-7, Sprüche 1,8, 4,1-4 u.v.a, Epheser 6,1-4, Kolosser 3,20-21). Eltern, die ihre Kinder selber erziehen, erfüllen damit auf vollkommene Weise den Auftrag Gottes, tun also damit etwas Gutes und sollten deshalb von der Regierung erst recht gelobt und unterstützt werden. Dasselbe gilt für Schulen, die Kinder aus christlichen Familien im Auftrag deren Eltern nach christlichen Prinzipien ausbilden – auch (oder erst recht) wenn sie zu diesem Zweck ihre eigenen Lehrpläne und Methoden aufstellen, statt einfach die staatlichen zu übernehmen.

– Was die Kindererziehung in der Familie betrifft, so soll diese „in Disziplin und Ermahnung des Herrn“ erfolgen (Epheser 6,4). Derselbe Vers sagt aber auch: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn.“ Oder ähnlich in Kolosser 3,21: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht (wörtlich: zur Eifersucht), damit sie nicht mutlos werden.“ – Wenn Kinder einer Unterrichtsform ausgesetzt werden, die ihnen wesensmässig nicht entspricht, und sie dann noch dafür bestraft werden, dass sie dieser Unterrichtsform nicht folgen können, geschieht dann nicht genau das: sie werden zum Zorn und zur Eifersucht gereizt, und im Endeffekt entmutigt?

Jesus sagte: „Ich versichere euch, wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Grösste im Himmelreich.“ (Matthäus 18,3-4). – Bedeutet das nicht für die Pädagogik, dass Kinder nicht gezwungen werden sollten, wie Erwachsene zu denken; sondern dass im Gegenteil die Erwachsenen sich bemühen („erniedrigen“) sollen, das Denken der Kinder zu verstehen, und ihnen Gelegenheit geben sollen, die Dinge ihrem kindlichen Denken gemäss zu lernen?

Natürlich bedeutet das nicht, Kinder seien an sich gut und man solle sie nur gewähren lassen. Im geistlichen und moralischen Bereich brauchen sie eine klare Führung. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ihre Lernweise und Lerninhalte starr vorgeschrieben oder einem „erwachsenen“ Muster angeglichen werden müssten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Gott selber an mehreren Stellen sagt, dass er von uns Menschen gesucht werden möchte:
„Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt; ruft zu ihm, jetzt, da er nahe ist!“ (Jesaja 55,6)
„Ich habe lieb, die mich lieben; und die nach mir suchen, werden mich finden.“ (Sprüche 8,17)
„Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet werden!“ (Matthäus 7,7)

Gerade die Erkenntnis Gottes kann nicht einem Menschen passiv eingetrichtert werden wie ein Schulstoff; sie muss aktiv gesucht und „entdeckt“ werden. Können wir nicht daraus schliessen, dass Gott selber eine Vorliebe hat für die „aktive Methode“?

Wir könnten auch die Lehrmethoden Jesu untersuchen. Sicher, er hat ab und zu seinen Jüngern Lehrvorträge gehalten. Öfter aber hat er ihnen nur Gedankenanstösse gegeben (z.B. in Form von Gleichnissen) und wartete dann darauf, dass sie selber ihn um nähere Erklärungen baten. Und noch öfter hat er einfach mit ihnen zusammen gelebt, ihnen durch sein praktisches Handeln ein Vorbild gegeben, oder sie zu eigenen Erfahrungen herausgefordert.

Interessant ist auch zu sehen, was in der Bibel nicht geschrieben steht, obwohl es von vielen heutigen Christen als selbstverständlich und „christlich“ angesehen wird. Z.B. steht in der Bibel nirgends, Kinder müssten zur Schule gehen. Ebensowenig steht in der Bibel, die Unterweisung von Kindern (sei es in einer Schule oder in der Familie) müsse einem Lehrplan unterworfen sein, oder Kinder müssten in einem bestimmten Alter bestimmte Inhalte lernen. Die damaligen Lehrer (z.B. die Rabbiner) stellten durchaus solche Pläne auf; aber bezeichnenderweise finden wir in der Bibel nichts davon.

Nochmals zum Thema der Disziplin und Autorität. In der traditionellen Schule beruht die Diszplin weitgehend auf der persönlichen und willkürlichen Autorität des Lehrers: Wenn der Lehrer entscheidet, dass jetzt alle auf Seite 57 im Lesebuch lesen müssen, dann müssen alle Kinder das tun – obwohl ein Kind viel mehr an der Geschichte auf Seite 142 interessiert wäre, und ein anderes viel lieber Blumen abzeichnen würde. Es gibt in dieser Situation keine rationale Begründung dafür, warum es für alle Kinder (angeblich) das Beste sei, genau in diesem Moment genau die Seite 57 zu lesen – wäre nicht die Seite 142 oder das Abzeichnen von Blumen genauso gut?
In der aktiven Schule hingegen beruht die Disziplin auf der zum voraus festgelegten Hausordnung (die sowohl für die Schüler wie auch für die Lehrer gilt), und auf den „Spielregeln“ zum Gebrauch der Spiele und Materialien. Das ist ein objektiver Massstab, der objektiv überprüft werden kann – weshalb z.B. auch die Kinder einander gegenseitig überprüfen können und deshalb in vielen Situationen die Anwesenheit eines erwachsenen Betreuers gar nicht notwendig ist.
Ich behaupte, dass das ein grundlegend christlich inspirierter Gedanke ist (auch wenn er von Nichtchristen vertreten wird). Gottes Autorität ist nicht willkürlich, sondern er hat sich selber auf ein schriftliches „Gesetz“ festgelegt. Ebenso darf auch ein christlicher Leiter (Vater, Lehrer, …) nicht willkürlich „regieren“, sondern soll am Wort Gottes geprüft werden: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Gerade in einem Land wie Perú, wo bis heute auf allen Ebenen die Willkür herrscht, ist es so wichtig, den Kindern beizubringen, dass Gott nicht möchte, dass wir einer Willkürherrschaft unterworfen sind; sondern dass es absolute, unumstössliche Gebote gibt, denen selbst der Staatspräsident (und auch der Vater und der Lehrer…) gehorchen muss. Und dass innerhalb des Rahmens dieser Gebote Gott uns eine grosse Freiheit gibt. Und ausserdem, dass wir verantwortlich sind, Entscheidungen zu treffen (und auch deren Folgen zu tragen…), statt immer andere Menschen über unser Leben entscheiden zu lassen (und dann über die Folgen zu klagen…)
Natürlich stellt sich dann die Frage, wer ermächtigt ist, die Gesetze aufzustellen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von nichtchristlichen Gruppen und Institutionen, indem wir unsere Hausordnung und unsere „Gesetze“ ganz klar auf das Wort Gottes gründen und immer klarstellen, dass die Gebote Gottes über allen von Menschen aufgestellten Regeln und Gesetzen stehen.

Ich glaube also, dass der Grundgedanke der „aktiven Schule“ (sei es als Schule oder – noch besser – als Familie) durchaus mit einem christlichen Leben vereinbar ist (jedenfalls besser als die Idee der Staatsschule). Und ich bin betrübt und beschämt darüber, dass diese Idee bisher fast ausschliesslich von Nichtchristen vertreten und verwirklicht wird (die damit übrigens ein sehr gutes Beispiel geben), während die meisten Christen, die ich kenne, mit dem Strom des staatlichen Systems mitschwimmen und Alternativen bekämpfen. Hier wäre eine Gelegenheit, Pioniergeist zu zeigen…

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 1)

15. August 2010

Die uralte biblische Offenbarung ist auch heute hochaktuell. Ich möchte deshalb in diesem Artikel auf einige Abschnitte aus der Johannesoffenbarung eingehen. Nicht um die theologischen Kontroversen anzufachen, die es um dieses Buch gibt; sondern um einige aktuelle Bezüge herzustellen.

Prophetie ist nicht einfach gleich „Vorhersage“ oder „Zukunftsschau“. Prophetie ist ein „Blick hinter die Kulissen“ auch der gegenwärtigen Weltereignisse. Deshalb hatte die Offenbarung des Johannes sowohl den Christen im Römischen Reich, wie auch den Reformatoren und Wiedertäufern am Anbruch der Neuzeit, wie auch uns heute etwas zu sagen. Die Wahrheiten Gottes sind zeitlos, und es gibt bestimmte „Muster“, die den Weltereignissen aller Jahrhunderte zugrunde liegen.

Einen besonders vielsagenden „Blick hinter die Kulissen“ finden wir im 13.Kapitel der Offenbarung. Im Zentrum dieses Kapitels steht ein mysteriöses „Tier“. Hier ein paar Ausschnitte:

„Und die ganze Erde staunte dem Tier nach, und sie beteten den Drachen an, der dem Tier die Macht gegeben hatte, und sie beteten das Tier an: ‚Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?'“ (Verse 3-4)

„Und es wurde ihm gegeben, gegen die Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen; und es wurde ihm Macht gegeben über jeden Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation. Und alle Bewohner der Erde beteten es an; (alle) deren Name nicht aufgeschrieben ist im Buch des Lebens des geschlachteten Lammes seit der Grundlegung der Welt.“ (Verse 7-8)

„Und es macht, dass allen, den Kleinen und den Grossen, den Reichen und den Armen, den Freien und den Sklaven, ein Zeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn gegeben wird; und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, der nicht das Zeichen des Namens des Tieres hat, oder die Zahl seines Namens.“ (Verse 16-17)

Wir haben es hier mit einem Phänomen weltweiten Ausmasses zu tun. „Jeder Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation“ – das bedeutet „global“. Und es geht um Macht, sehr viel Macht. Politische Macht (Regierungsgewalt und Krieg), religiöse Macht (das „Tier“ wird angebetet; und es besiegt die „Heiligen“, d.h. die Nachfolger Jesu), und wirtschaftliche Macht (niemand kann kaufen oder verkaufen ohne Bewilligung des „Tieres“). Eine solche Machtkonzentration war der Traum vieler berühmter Herrscher und Politiker seit den Tagen Nebukadnezars und Alexanders des Grossen, bis zu den heutigen Architekten einer „neuen Weltordnung“. Offenbarung Kapitel 13 deckt das „Muster“ auf, das hinter all diesen Unternehmen steckt.

Darüber könnte vieles gesagt werden. Ich möchte mich hier darauf beschränken, dem Ausdruck „Tier“ nachzugehen. In gewissen christlichen Kreisen ist es Mode, vom „Antichristen“ zu sprechen und nach dessen Kommen Ausschau zu halten; und in diesem Zusammenhang wird dann das erwähnte Kapitel zitiert. Aber das Wort „Antichrist“ kommt im Buch der Offenbarung gar nicht vor. (Dieser Ausdruck erscheint nur in den Johannesbriefen, und bezieht sich dort offensichtlich auf eine Vielzahl von Personen.) – Paulus beschreibt im 2.Thessalonicherbrief, Kapitel 2, einen „Menschen der Sünde“ oder „Mensch der Gesetzlosigkeit“, welcher der landläufigen Vorstellung vom „Antichrist“ nahekommt. Aber ob dieser „Mensch der Sünde“ identisch ist mit dem „Tier“ in der Offenbarung, wäre erst noch zu zeigen. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Paulus einen Menschen meint, einen „Er“; aber die Offenbarung spricht von einem Tier, einem unpersönlichen „Es“.

Oft können unklare Stellen der Bibel mit anderen, klareren Stellen erklärt werden. Es gibt ein Buch im Alten Testament, das in vielen Aspekten die Vision der Offenbarung vorausnimmt: das Buch Daniel. Im Kapitel 7 beschreibt Daniel eine Vision von vier Tieren. Das vierte dieser Tiere entspricht fast genau dem „Tier“ in der Offenbarung. Daniel erhält dazu die folgende Erklärung:

„Das vierte Tier wird ein viertes Reich auf der Erde sein, das von allen anderen Reichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde fressen, zertreten und zermalmen. Und die zehn Hörner bedeuten, dass sich aus jenem Reich zehn Könige erheben werden…“ (Daniel 7,23-24)

Dieses „Tier“ ist also nicht eine Einzelperson, sondern ein „Reich“ oder eine „Regierung“. Es trägt „Hörner“, welche einzelne Könige oder Regierungspersonen verkörpern; aber das „Tier“ als ganzes ist viel mehr als eine Einzelperson. Wer lediglich nach dem Kommen eines einzelnen „Antichristen“ Ausschau hält, läuft deshalb Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Das „Tier“ existiert bereits jetzt, und es existierte schon zur Zeit des Apostels Johannes; aber wegen der gängigen Auslegungen sind viele Christen nicht imstande, es zu sehen.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Einzelperson und einem „Tier“ zu verstehen. Eine Einzelperson hat z.B. Gefühle, Verstand, Mitleid, Liebe, oder auch Hass und Zorn. Ein Tier hat das alles nicht. Es handelt irrational, instinktgetrieben. Ein Mensch hat ein Verantwortungsbewusstsein und kann für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden; ein Tier nicht.

Wenn sich Menschen in grösseren Gruppen zusammenschliessen und sich eine Struktur geben als Gremium, Institution, etc, dann beginnt von einem nicht genau festzulegenden Punkt an diese Institution ein Eigenleben zu entwickeln. John Taylor Gatto beschrieb dieses Phänomen folgendermassen:

„Institutionelle Moral besteht immer aus Propaganda. Wenn einmal eine institutionelle Maschinerie von genügender Grösse und Kompliziertheit aufgebaut ist, beginnt eine logische Entwicklung, die intern darauf ausgerichtet ist, alle ethischen Gebote zu unterdrücken und schliesslich zu eliminieren…
Die hauptsächliche Aufgabe aller institutionellen Verwalter ist es, dafür zu sorgen, dass ihre Institution zunimmt an Macht, an Anzahl der Angestellten (oder Mitglieder), an Unüberprüfbarkeit von seiten der Öffentlichkeit, und an Belohnungen für die Schlüsselpersonen. Die hauptsächliche Aufgabe ist natürlich nie jene, die öffentlich als Zweck der Institution verkündet wird. Ob wir von Bürokratien zur Kriegführung, zur Postzustellung oder zur Kindererziehung sprechen, macht keinen Unterschied.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

In anderen Worten: Das „Menschliche“ geht verloren. Die Wünsche, Bedürfnisse und (hoffentlich) edlen Absichten der Menschen, welche sich anfangs zusammenschlossen, treten immer mehr in den Hintergrund. Dafür wird es immer wichtiger, die wachsenden Bedürfnisse eines unpersönlichen „Es“ – der Institution – zu befriedigen. Die „Tier-Natur“ der Institution wird mit der Zeit immer dominanter. Selbst Menschen, die offiziell an der „Spitze“ einer solchen Institution stehen – Staatspräsidenten, Generäle, Kirchenführer -, müssen eines Tages erkennen, dass sie zu Sklaven ihres eigenen Systems geworden sind. Sie wissen, dass sie sehr schnell gestürzt werden können, wenn sie gegen die „heiligen Interessen der Institution“ angehen.

Je grösser und komplizierter eine solche Institution, desto eher verschwindet der Einzelmensch hinter dem „Tier“. Ja, er kann sich sogar so weit mit dem „Tier“ identifizieren, dass er seine eigenen menschlichen Regungen verliert und selber anfängt, die „Tier-Natur“ anzunehmen. Es ist dabei belanglos, ob es sich um eine klassische Hierarchie handelt (wie im Militär oder im Vatikan), oder um ein postmodernes, New-Age-konformes „Netzwerk“.

Es gibt historische Momente, wo dieser entmenschlichende Vorgang in ein helles Schlaglicht gestellt wird. Leider werden diese Momente nur zu schnell vergessen. Ein solcher Moment war z.B. das „Erwachen“ Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, als nicht nur Deutschland sich fragte: Wie war es möglich, dass eine ganze hochzivilisierte Nation einer derartigen barbarischen Ideologie und Kriegsmaschinerie hinterherlief? Aber auf dem Höhepunkt der Macht und Popularität des „Dritten Reiches“ hatte tatsächlich „die ganze Welt diesem Tier nachgestaunt“, und hatte gesagt: „Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?“

Im Jahre 1961, als der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor Gericht kam, ersann der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, um die Bereitschaft von Menschen zu untersuchen, abwegigen und sogar grausamen Anordnungen einer Autoritätsperson Folge zu leisten. Er wollte damit Fragen wie diese untersuchen: „Könnte es sein, dass Eichmann und seine Million Komplizen im ‚Holocaust‘ einfach Befehlen folgten? Können wir sie wirklich alle Komplizen nennen?“ – In seinem Bericht über das Experiment schrieb Milgram:

„Wie viel Schmerz wird ein Normalbürger einem Mitmenschen zufügen, einfach weil ein Wissenschafter oder Versuchsleiter es ihm befiehlt? … Selbst wenn die Schreie der Opfer den Versuchsteilnehmern in den Ohren klangen, gewann die Autorität meistens. … Gewöhnliche Menschen, die einfach ihre Arbeit tun, ohne persönliche Feindseligkeit, können Agenten eines schrecklichen und zerstörerischen Prozesses werden. Noch mehr: Auch wenn die zerstörerischen Folgen ihrer Arbeit offensichtlich werden, und ihnen gesagt wird, sie sollen Handlungen begehen, die unvereinbar sind mit grundlegenden moralischen Massstäben, sogar dann sind relativ wenige Menschen in der Lage, der Autorität zu widerstehen.“

(Dieses Zitat und die meisten anderen Angaben zum Milgram-Experiment stammen aus dem einschlägigen Artikel in Wikipedia.)

In dem Experiment ging es darum, dass der Versuchsperson gesagt wurde, sie solle das Verhalten einer anderen Versuchsperson mittels immer stärkerer Elektroschocks kontrollieren. (Was die Versuchsperson nicht wusste: In Wirklichkeit wurden keine Elektroschocks verabreicht, sondern die andere „Versuchsperson“ war ein Schauspieler, der den Schmerz nur vortäuschte.) Der Versuchsleiter übte keinen Druck auf die Versuchsperson aus. Jedesmal wenn eine Versuchsperson nicht mehr weitermachen wollte, sagte der Versuchsleiter lediglich, in dieser Reihenfolge:
1. „Bitte fahren Sie weiter.“
2. „Das Experiment verlangt, dass Sie weiterfahren.“
3. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weiterfahren.“
4. „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weiterfahren.“
Wenn nach dieser vierten Aufforderung eine Versuchsperson weiter darauf bestand, das Experiment abzubrechen, dann wurde es abgebrochen.

Das Experiment wurde an verschiedenen Orten der Welt und in verschiedenen Umgebungen wiederholt, überall mit demselben Ergebnis: Zwischen 61% und 66% der Versuchspersonen waren bereit, bis zu potentiell tödlichen Elektroschocks (wenn sie echt gewesen wären) von 450 Volt zu gehen. Im ersten Experiment von Milgram brach nur eine von 40 Versuchspersonen das Experiment unterhalb der Schwelle von 300 Volt ab. Keine einzige Versuchsperson verlangte, dass das Experiment an sich eingestellt würde.

Dieses Experiment gibt einen erschreckenden Einblick in die „Tier-Natur“ von Institutionen und politischen Systemen. Anscheinend der einzige Faktor, der die Bereitschaft der Versuchspersonen beeinflusste, war die persönliche Nähe. Wenn die Versuchsperson z.B. selber den Arm der anderen „Versuchsperson“ auf eine elektrisch geladene Platte halten musste, war die Bereitschaft zum Gehorsam deutlich geringer, als wenn sie von der anderen Person durch eine Glaswand getrennt war und die „Schocks“ aus der Entfernung auslöste.

„Wer kann dem Tier widerstehen?“ Anscheinend nur wenige. Ein jüdischer Versuchsteilnehmer – einer der wenigen, die das Experiment vorzeitig abgebrochen hatten – schrieb später, er hätte sich geweigert weiterzumachen, weil ihm der Verdacht gekommen sei, „das ganze Experiment sei dazu bestimmt, herauszufinden, ob gewöhnliche Amerikaner unmoralische Befehle ausführen würden, so wie es viele Deutsche während der Nazizeit taten.“

Leider fand ich keine Information darüber, ob der glaubensmässige Hintergrund der Versuchsteilnehmer das Ergebnis beeinflusste. Es wäre interessant zu erfahren, ob z.B. gläubige Juden und Christen, die in ihrem Gewissen an Gottes Wort gebunden sind, eher widerstehen konnten.

Die Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher warfen Licht auf einen weiteren Aspekt der „Tier-Natur“: Es ist schwierig bis unmöglich, eine ganze Institution oder ein politisches System zur Verantwortung zu ziehen. Jeder Beteiligte, bis hin zu den Leuten an der Spitze, versteckt seine persönliche Verantwortung hinter der Gesamt-Verantwortung des „Systems“ oder der „Institution“ (welche keine Persönlichkeit und kein Verantwortungsbewusstsein hat). Selbst wenn ihnen das ganze Ausmass des Leidens gezeigt wurde, das sie verschuldet hatten, zeigten einige, wie z.B. Eichmann, kein persönliches Schuldbewusstsein.

Im Kleinen beobachtete ich ähnliches in einigen Institutionen, sogar in solchen, die sich christlich nennen. Menschen, die an unrechten und unmoralischen Handlungen mitgewirkt hatten, konnten keine persönliche Schuld darin sehen, obwohl sie das Unrechte der Handlung an sich eingestanden. Schliesslich hatten sie „im besten Interesse der Institution“ gehandelt. Aber warum wird allgemein geglaubt, eine Institution, die gar keine Persönlichkeit hat, könnte berechtigte „Interessen“ haben?

Milgram konnte das erschreckende Ergebnis seines Experimentes nicht erklären. Das 13.Kapitel der Offenbarung liefert vielleicht nicht eine volle Erklärung, aber einen erhellenden Blick darauf. Es gibt in der Welt ein dämonisch inspiriertes Bestreben, immer grössere „tierische“ Institutionen zu errichten und diesen zu folgen, bis schliesslich die ganze Welt „institutionalisiert“ ist. Dies erklärt gewisse weltweite paradoxe Entwicklungen. Z.B. dass auf der einen Seite zunehmend nationale Grenzen, Handelsbarrieren usw. beseitigt werden, um die Welt zu „einigen“ und internationale „Freiheiten“ einzuführen; dass aber andererseits der Bürger zunehmend von seiner eigenen Regierung kontrolliert und überwacht wird, bis er keinen Schritt mehr tun kann, ohne von einer Überwachungskamera beobachtet zu werden, und keine Produkte mehr erwerben kann, ohne sich registrieren zu lassen.

Fortsetzung folgt…

Quellenangaben:

John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“
( http://www.johntaylorgatto.com )
Wikipedia (englisch), Artikel „Milgram experiment“

Weitere empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
George Orwell, „1984“ (Ein Klassiker, der nicht in Vergessenheit geraten sollte!)
Wayne Jacobsen und David Coleman, „Der Schrei der Wildgänse“, Gloryworld-Medien (Englische Originalversion online bei http://www.jakecolsen.com )