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Petrus als Säule der Gemeinde (2.Teil)

31. März 2017

In der vorherigen Betrachtung haben wir einige Punkte im Leben von Petrus gesehen, die ihn dazu befähigten, später eine der „Säulen der Gemeinde“ (Galater 2,9) zu sein: Eine tiefe Überführung von seiner eigenen Sündhaftigkeit, und in der Folge eine Umkehr zu Jesus, und eine radikale Abkehr von allem, was mit seinem alten Leben verbunden war.

Die Überführung von Sünde sollte zur Umkehr führen, zur Bekehrung, und zum rettenden Glauben. All das sind Aspekte des Vorgangs, den das Neue Testament als „Wiedergeburt“ bezeichnet. Wenn jemand von neuem geboren wird, dann lebt Jesus in dieser Person durch seinen Heiligen Geist. (Siehe Galater 2,20, Epheser 3,16-17). Diese Wiedergeburt und diese Errettung ist möglich dank des Blutes Jesu, das er vergoss, um uns freizukaufen.
Damit ist bereits gesagt, dass es nicht möglich war, im Sinne des Neuen Testamentes wiedergeboren zu werden, bevor Jesus gestorben und auferstanden war. Auch Petrus war sich zwar bewusst geworden, dass er ein Sünder war, aber er hatte noch nicht diese radikale Veränderung der Wiedergeburt erfahren. Während er mit Jesus auf der Erde umherzog, handelte er noch aus seiner eigenen Kraft, welche die Gerechtigkeit Gottes nicht erfüllen kann. (Siehe Römer 8,3-8. Das „Fleisch“ bedeutet dort unsere eigene Kraft und Fähigkeit.) Deshalb konnte er in einem Moment empfänglich sein für die Offenbarung Gottes, und im nächsten Moment den Gedankengängen satans folgen (Matthäus 16,16-23). Deshalb konnte er in einem Moment all seinen Glauben und Mut zusammennehmen und auf dem Wasser gehen, und im nächsten Moment zweifeln und sinken. (Matthäus 14,28-31). Deshalb konnte er in einem Moment Jesus versprechen, mit ihm bis in den Tod zu gehen, und ihn im nächsten Moment dreimal verleugnen.
Als Jesus die Verleugnung des Petrus voraussagte, da sagte er etwas Bedeutungsvolles: „… und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder!“ (Lukas 22,32). Bevor er sich wirklich bekehren konnte, musste Petrus erfahren, dass er in seiner Schwäche sogar seinen Herrn verleugnen konnte. All sein Vertrauen in seinen eigenen „Glauben“ musste zunichte werden. Seine wirkliche Bekehrung begann, als ihm Jesus nach seiner Auferstehung eine neue Gelegenheit gab, ihm zu sagen „Ich liebe dich“. (Johannes 21,15-19). Und seine Wiedergeburt war erst vollständig an Pfingsten, als der Heilige Geist kam.

Vor Pfingsten waren die Apostel (inbegriffen Petrus) ängstlich und eingeschüchtert. Sie versammelten sich hinter verschlossenen Türen aus Angst vor den Feinden Jesu (Johannes 20,19). Aber als der Heilige Geist auf sie kam, sprachen sie mutig in aller Öffentlichkeit. Und folgendes war die Wirkung der Rede von Petrus: „Als sie es hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den anderen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apostelgeschichte 2,37)

In diesem Moment erfüllten sich die Worte des Herrn: „Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19). (- Man beachte, dass Jesus kurz danach diese selbe Vollmacht allen seinen Jüngern gab, Matthäus 18,18.) – Petrus gebrauchte die „Schlüssel“, die Jesus ihm gegeben hatte, um das Himmelreich vor seinen Zuhörern zu öffnen; und dreitausend von ihnen reagierten mit Umkehr und Glauben, und konnten so ins Himmelreich eintreten. (Apostelgeschichte 2,38-41). Und das war der Beginn der Urgemeinde.

So wiederholte sich in seinen Zuhörern dieselbe Erfahrung, die Petrus schon zuvor gemacht hatte: die Überführung von Sünde, der Zerbruch vor Gott, das Bewusstsein, verloren zu sein und durch kein menschliches Mittel gerettet werden zu können. Und nach der Umkehr die Erfahrung der wunderbaren Gnade Gottes, und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Deshalb gehört Petrus zu den „Säulen“ der Gemeinde. Er verkörpert auf beispielhafte Weise den Weg, den Gott mit jedem Menschen geht, den er erwählt, ruft und rettet. Er konnte die neuen Jünger auf diesem Weg anleiten, weil er ihn zuvor selber gegangen war. Petrus verkörpert nicht eine Institution oder eine hierarchische Stellung. Er ist ein lebendiges Zeugnis des Erlösers und seines Heilsweges. Jeder von uns muss „mit Christus sterben“ und „mit Christus auferstehen“ (Römer 6,4-8; siehe auch 1.Petrus 1,3.23). Das ist es, was den „Felsengrund der Gemeinde“ ausmacht.

Damit stehen wir an der Schwelle zur Geschichte der Urgemeinde, die wir in späteren Betrachtungen untersuchen wollen. Ich möchte nur noch eine kurze Bemerkung zu Matthäus 16 anfügen:

Bei all diesem Interesse für Petrus könnten wir allzuleicht vergessen, dass er gar nicht die Hauptperson dieses Abschnitts ist. Das Gespräch begann mit der Frage Jesu: „Und ihr, wer sagt ihr, dass ICH BIN?“ (Vers 15) – Es ging Jesus nicht darum, darüber zu sprechen, wer Petrus war, sondern darüber, WER ER SELBER WAR. Und so sollten wir nicht übergehen, dass auch in Vers 18 Jesus sagt: „ICH werde MEINE Gemeinde bauen.“ Die Gemeinde gehört nicht Petrus; sie gehört Jesus und niemandem sonst. So sagt auch Paulus über den Aufbau der Gemeinde: „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“ (1.Korinther 3,11). Und Petrus selber beansprucht in seinen Briefen nicht, Eigentümer oder Fundament der Gemeinde zu sein. Im Gegenteil, er erklärt, dass Jesus der „Grundstein“ der Gemeinde ist: „Tretet hinzu zu ihm (dem Herrn), dem lebendigen Stein, wahrhaftig von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und wertvoll; und lasst auch euch so als lebendige Steine auferbaut werden als ein geistliches Haus und ein heiliges Priestertum, um Gott wohlgefällige geistliche Opfer darzubringen durch Jesus Christus.“ (1.Petrus 2,4-5)
– Also kann kein Mensch ein Eigentumsrecht über die Gemeinde beanspruchen, auch nicht über das geringste ihrer Glieder. Alles in der Gemeinde soll auf Christus hinweisen, nicht auf irgendeinen Menschen. Eine Kirche, die als „Haupt“ jemanden anders als Christus hat, oder die ihre Glieder lehrt, sich vor einem Menschen verantworten zu müssen statt vor Christus, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

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Petrus als Säule der Gemeinde (Matthäus 16)

8. März 2017

„Simon Petrus antwortete: ‚Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.‘
Da antwortete ihm Jesus: ‚Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen; und die Tore des Hades werden nicht bestehen gegen sie. Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“
(Matthäus 16,16-19)

Das ist eine weitere der ganz wenigen neutestamentlichen Stellen, wo das Wort „Gemeinde“ in den eigenen Worten Jesu erscheint. In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir gesehen, dass der Herr Jesus die Gemeinde als Versammlung von Geschwistern im Konsens beschreibt, ohne hierarchische Unterschiede und ohne Klerikalismus. Angesichts dieses Konzepts der Gemeinde als eine einfache Bruderschaft ist es ziemlich offensichtlich, dass diese Lieblingsstelle der römischen Apologeten nicht zugunsten eines Papsttums ausgelegt werden kann. Eine solche Auslegung würde allen anderen Worten des Herrn widersprechen. Sie würde auch den Worten von Petrus widersprechen, der schrieb, der „Grundstein“ der Gemeinde sei Jesus selber (1.Petrus 2,4-8), und der sich selber als nicht mehr als einen „Mitältesten unter Ältesten“ beschrieb (1.Petrus 5,1).
Es handelt sich also in Matthäus 16,18-19 vielmehr um eine Verheissung des Herrn an Petrus persönlich, und sie bezieht sich auf die anfängliche „Erbauung“ der Gemeinde in der apostolischen Zeit.

Das war auch der Konsens der alten Kirche während der ersten vier Jahrhunderte. Die „Kirchenväter“, auf deren Schriften die römisch-katholische Tradition gegründet sein soll, hatten unterschiedliche Auslegungen von Matthäus 16,18-19; aber in einem Punkt stimmten sie alle überein: Diese Stelle hat nichts zu tun mit einem angeblichen „Nachfolger“ von Petrus. Ich zitiere einen Autor, der gründlicher über dieses Thema geforscht hat:

„Es überrascht einen, dass in den ersten beiden Jahrhunderten der Petrus-Text“ (Matth.16,18-20) „kaum zitiert wird. (…) Erst am Anfang des dritten Jahrhunderts berief sich ein nicht näher bezeichneter Bischof – es dürfte der römische Bischof Kallist gewesen sein – auf diese Stelle. (…) Tertullian wandte sich gegen die Anmassung des Bischofs, das Wort, das Jesus in persönlicher Weise an Petrus gerichtet habe, umzudeuten. Er schrieb: ‚Wie kannst du dich erdreisten, die offenkundige Absicht des Herrn, der dieses dem Petrus nur persönlich überträgt, umzustossen und zu verdrehen! ‚Auf dir‘, sagt er, ‚will ich meine Kirche bauen‘, und ‚dir will ich die Schlüssel geben‘, nicht der Kirche, und ‚was du binden und lösen wirst‘, nicht was sie lösen und binden werden.‘ („De pudicitia“ 21)
(…) Augustin überliess dem Leser die Entscheidung, ob sich der ‚Fels‘ in Matth.16,18 auf Petrus oder auf Jesus selbst bezieht. (Retract.I,20,2). Hieronimus denkt, dass der Fels sich auf Christus bezieht, denn der Name Petrus bedeute ‚Stein‘: ‚Wahrlich gegründet auf dem festen Fels, welcher Christus ist.‘ *
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von 77 Kirchenvätern, die über den Matthäustext geschrieben haben, 17 denken, der Fels habe sich auf Petrus bezogen, 44 sehen in ihm den Glauben von Petrus und 16 meinen, Jesus habe sich damit selbst bezeichnet. Keiner der Väter aber hat diese Stelle auf die Bischöfe von Rom als Nachfolger von Petrus angewandt.
(…) Leo I. der Grosse (440-461) war der erste römische Bischof, der konsequent die Papstidee verfochten hatte. Auf Berufung von Matth.16,18 begründete er den römischen Primat …“
(P.H.Uhlmann, „Die Lehrentscheidungen Roms im Licht der Bibel“, Telos-Taschenbuch 402, 1984)

* (Im griechischen Original heisst Petrus „Petros“; aber das Wort für „Fels“ ist „petra“. Somit besteht keine Übereinstimmung, sondern nur eine Ähnlichkeit, zwischen „Petrus“ und „Fels“.)

Die Lieblingsidee der Verfechter des Papsttums kam also keinem der Schriftsteller der frühen Kirche in den Sinn, und gehört deshalb nicht einmal zur „Tradition“ der alten Kirche.

Lassen wir also diese späteren Erfindungen, und sehen wir, was wir aus unserem Text über die neutestamentliche Gemeinde schliessen können.

Wie wir schon gesehen haben, ist der Name „Petrus“ nicht gleich, sondern nur ähnlich wie das griechische Wort für „Fels“. In welcher Hinsicht konnte Petrus einem Fels ähnlich sein?

Jesus sagte diese Worte, nachdem Petrus zu ihm gesagt hatte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Vers 16). – Jesus antwortet ihm: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas, denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ (Vers 17).
Jesus sagt hier, dass es für Petrus menschlich unmöglich war, Jesus in seiner irdischen Gestalt als den Messias und Sohn Gottes zu erkennen. Nur aufgrund einer übernatürlichen Offenbarung Gottes war es möglich, dass Petrus diese Erklärung aussprach. Und nur aufgrund dieser übernatürlichen Offenbarung konnte Petrus „fest wie ein Fels“ werden, um die Last einer wichtigen Verantwortung in der Gemeinde zu tragen.

Das wird noch deutlicher, wenn wir vergleichen, was gleich nachher geschah. Jesus kündigt seinen Jüngern an, dass er leiden und sterben muss (Vers 21). Petrus tadelt ihn und sagt: „Herr, habe Mitleid mit dir; keinesfalls soll dir das geschehen!“ (Vers 22). – Jesus antwortet: „Hinweg von mir, satan! Du bist mir ein Stolperstein, denn du denkst nicht Göttliches, sondern Menschliches.“ (Vers 23).
In diesem Moment hatte Petrus nicht mehr aufgrund göttlicher Offenbarung geredet; er sprach aus seinem menschlichen Herzen und wollte den stellvertretenden Opfertod Jesu verhindern. Und damit war er kein „Stein“ oder „Fels“ mehr, sondern „satan“ und „Stolperstein“! – Seine Fähigkeit, Autorität in der Gemeinde zu tragen, hing ganz davon ab, ob er in der Offenbarung Gottes verblieb. Nicht Petrus als Person konnte mit einem „Fels“ verglichen werden; auch nicht Petrus als Inhaber eines besonderen Amtes oder einer besonderen Position. Einzig Petrus in seiner Bereitschaft, die übernatürliche Offenbarung Gottes zu empfangen, zu verstehen, und ihr zu gehorchen.

Diese Ansicht wird gestützt durch jene andere Stelle, wo Jesus einen Vergleich mit einem Felsen vornimmt, Matthäus 7,24-27: „Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den vergleiche ich mit einem weisen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute.“ – Hier bedeutet der feste Felsengrund, die Worte des Herrn zu hören und zu tun. Petrus war „auf Fels gebaut“, solange er auf die Offenbarung Gottes hörte und dementsprechend handelte.

Hier glaube ich, dass wir ein wenig verallgemeinern dürfen. Die neutestamentliche Gemeinde hat als „feste Steine“ oder „Säulen“ (Galater 2,9) Menschen, die durch übernatürliche Offenbarung Jesus als den Messias und Sohn Gottes erkannt und anerkannt haben. Nicht Menschen, die ihn nur deshalb kennen, weil sie über ihn studiert haben, oder weil sie die Rituale und Ausbildungsgänge durchlaufen haben, die eine kirchliche Institution vorschreibt. Es gab zu jener Zeit viele Menschen, die Jesus „nach dem Fleisch“ kannten, die seine Wunder gesehen und seine Worte gehört hatten; aber nur wenige erkannten ihn auf die Weise, wie Petrus ihn erkannte. Seien wir vorsichtig: Unterordnen wir uns nicht leichthin Menschen, die „in ein Amt eingesetzt wurden“, ohne dass sie Jesus persönlich kennengelernt hätten durch eine Offenbarung Gottes.

Dieses Kennenlernen Jesu beginnt zuallererst mit der Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit. So ging es Petrus bei einer seiner ersten Begegnungen mit Jesus: „Und als er es sah, fiel Simon Petrus vor die Kniee Jesu und sagte: ‚Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!‘ Denn er war von Schrecken erfüllt worden, er und alle, die mit ihm waren …“ (Lukas 5,8-9). – Das war die erste übernatürliche Offenbarung, die Petrus empfing, und die ihn dazu führte, Jesus kennenzulernen: „Ich bin ein sündiger Mensch.“
Das ist kein Einzelfall; es ist ein allgemeines Prinzip. So sagt Jesus in Johannes 16,8: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, dann wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“ – Das erste Werk des Heiligen Geistes in einem Menschen besteht darin, ihn von seiner Sündhaftigkeit zu überführen. Niemand kann ehrlicherweise behaupten, Jesus zu kennen, solange er nicht diese Erfahrung einer tiefen Überführung von seiner eigenen Sünde gemacht hat.
Diese Überführung ist nicht ein intellektuelles Bejahen der Aussage, dass „wir alle Sünder sind“. Im Gegenteil: Menschen, die so etwas sagen, sind oft jene, die ihre Sünde allzu leicht nehmen. Allzu viele nehmen diese Aussage als Entschuldigung, um weiterhin unbekümmert die Sünde in ihrem Leben zuzulassen.
Echte Überführung von Sünde ist begleitet von einer intensiven Gottesfurcht, und von dem tiefen Bewusstsein der Verlorenheit, und dass man das Gericht Gottes voll und ganz verdient hat. So wie Jesaja ausrief: „Wehe mir! Ich bin verloren! Denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen, und wohne inmitten eines Volkes, das unreine Lippen hat, und meine Augen haben den König gesehen, den Herrn der Heerscharen!“ (Jesaja 6,5) Wer nie eine ähnliche Bedrängnis erlebt hat aufgrund seiner eigenen Verlorenheit, der hat Gott nicht wirklich kennengelernt.

Nicht weniger bedeutungsvoll ist der letzte Vers in der Geschichte vom wunderbaren Fischfang: „Und als sie die Schiffe an Land gebracht hatten, liessen sie alles zurück und folgten ihm. (Lukas 5,11). Es ist nicht möglich, Jesus nachzufolgen, ohne die Verbindungen zum alten Leben definitiv durchzuschneiden. Um Jesus nachzufolgen, liessen Petrus und die anderen Jünger ihre Arbeit hinter sich, ihre Eltern, ihre Freunde, auch den Ort, wo sie aufgewachsen waren und lebten. Auch in dieser Hinsicht ist Petrus ein Beispiel für alle Gläubigen nach ihm.
Ich habe mehrere Personen kennengelernt, die daran interessiert waren, sich zu Jesus zu bekehren. Einige von ihnen waren bereits einer Kirche beigetreten. Aber während ihr Interesse an Jesus ernsthafter wurde, begann der Herr seinen Finger auf eine bestimmte Sache in ihrem Leben zu legen, die sie aufgeben mussten. Nicht dass irgendein Prediger oder irgendeine andere Person ihnen gesagt hätte, sie müssten diese Sache aufgeben. Sie selber begannen darüber nachzudenken, weil der Herr anfing, Überführung von Sünde in ihnen zu wirken. Traurigerweise waren die meisten dieser Menschen nicht dazu bereit, diese bestimmte Sache loszulassen, die der Herr ihnen gezeigt hatte. So gelangten sie nie zu einer echten Bekehrung.
Möglicherweise befindet sich die Mehrheit der gegenwärtigen Kirchenmitglieder in einer ähnlichen Situation. Sie interessieren sich für Jesus, sie bezeichnen sich als „Christen“ und nehmen an den Anlässen ihrer Kirche teil; aber sie gelangen nicht zur Wiedergeburt, weil sie ihr altes Leben nicht hinter sich lassen.
Einige machen unehrliche Geschäfte, die ihnen einen guten Gewinn einbringen, und wollen nicht darauf verzichten. Andere haben eine Liebesbeziehung mit jemandem, der den Herrn nicht liebt, oder sind sonstwie mit jemandem verbunden auf eine Weise, die sie daran hindert, dem Herrn nachzufolgen. Einige sind nicht dazu bereit, heidnische Gebräuche hinter sich zu lassen, die in ihrer Familie praktiziert werden. In anderen Fällen ist es die weltliche Schule, an die sie ihre Kinder schicken, ohne darüber nachzudenken, dass diese Schule ihre Kinder zu Gottesverächtern macht. Wieder in anderen Fällen geht es um Dinge, die nicht einmal an sich schlecht sind, wie z.B. gewisse zeitraubende Hobbies, gewisse Freundschaften, eine Arbeitsstelle – oder sogar ein kirchliches Amt. Aber wenn Gott jemandem zeigt, dass er etwas davon aufgeben sollte, um seinen Ruf zu erfüllen, dann muss er es tun. Das kann bei jeder Person wieder eine andere Sache sein. Aber jeder hängt an gewissen Dingen in seinem Leben, die er aufgeben muss, wenn der Herr ihn ruft.
In Matthäus 16 fährt Jesus fort: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die darauf verzichteten, ihr eigenes Leben zu leben.

Echte oder falsche Umkehr? (Teil 2)

9. Oktober 2015

Vorsicht vor Fälschungen

Nach alldem (siehe Teil 1) können wir verstehen, dass wahrscheinlich viele Mitglieder christlicher Gemeinden sich nie wirklich bekehrt haben. Sie haben eine äusserliche Handlung vollzogen (ein Übergabegebet, ein Sündenbekenntnis, eine Taufe), die Gemeinde hat das als Bekehrung aufgefasst, und jetzt nennen sie sich „Christen“. Aber sie erlebten keine echte Bekehrung.
Das ist eine ernste Angelegenheit. Es geht hier nicht um philosophische Unterscheidungen. Nur eine echte Bekehrung führt zur Erlösung. Deshalb sind viele, die sich Christen nennen, in Wirklichkeit auf dem Weg ins Verderben.

Als der Evangelist Philippus in Samarien das Evangelium verkündete, bekehrte sich eine sehr bekannte Persönlichkeit. Er war „ein Mann namens Simon, der vorher in jener Stadt Zauberei betrieben hatte und die Leute von Samarien verführt hatte … Aber als sie Philippus glaubten … glaubte auch Simon, liess sich taufen, und hängte sich an Philippus…“ (Apostelgeschichte 8,9.13)
Was für eine wunderbare Veränderung! Der berühmte Zauberer und Betrüger sagt der Zauberei ab und wird Christ!

Einige Tage später geschah etwas Besonderes. Die Apostel kamen von Jerusalem und beteten über den Bekehrten, damit sie den Heiligen Geist erhielten. „Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Heilige Geist gegeben wurde, bot er ihnen Geld an und sagte: Gebt auch mir diese Macht…“ (Apg.8,18-19) Wäre das nicht wunderbar, einen Diener mehr zu haben, der den Heiligen Geist geben könnte? – Aber Petrus liess sich nicht so leicht hinters Licht führen. „Petrus sagte zu ihm: Dein Geld gehe mit dir ins Verderben, weil du gedacht hast, man könne die Gabe Gottes mit Geld kaufen. Du hast kein Los und keinen Anteil an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Kehre also um von deiner Bosheit, und bitte Gott, dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde…“ (Apg.8,20-22)

Hier wird Simon entlarvt. Seine Umkehr war nicht echt. Äusserlich hatte er der Zauberei abgesagt; aber innerlich dachte er nur daran, sie durch eine andere Art „Zauberei“ zu ersetzten: die Kraft des Heiligen Geistes. Er sehnte sich nach dieser Macht, nicht um Gott zu gefallen, sondern einfach um Macht zu besitzen. Die Motive seines Herzens hatten sich nicht geändert.

Jetzt hat Simon eine zweite Gelegenheit, wirklich umzukehren. Wird er diese Gelegenheit ergreifen?

– „Und Simon antwortete: Betet ihr für mich zum Herrn, dass nichts von dem, was ihr gesagt hat, über mich komme.“ (Apg.8,24)

Viele unserer heutigen Geschwister würden denken: „Jetzt hat sich Simon wirklich bekehrt.“ Zum zweiten Mal würden sie ihn fröhlich als Bruder willkommen heissen. Und zum zweiten Mal wären sie betrogen!

Untersuchen wir Simons Reaktion. Petrus hatte ihm gesagt: „Bitte Gott…“ Aber Simon tat das nicht. Stattdessen sagte er: „Betet ihr für mich zum Herrn…“ Er war nicht bereit, sich selber vor Gott zu demütigen! (Hier sehen wir gleichzeitig den Anfang des römisch-katholischen Systems, wo der Gläubige seine Sünden nicht direkt vor Gott bekennen kann, sondern die Vermittlung eines „Priesters“ benötigt. Aber das wäre ein anderes Thema…)
Ausserdem hatte ihm Petrus gesagt: „Kehre um … dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde“. Simon bat um etwas anderes. Er bat stattdessen, „dass nichts von dem über mich komme“. Mit anderen Worten, Simon bat darum, der Strafe Gottes entrinnen zu können, aber ohne sein Herz zu ändern. Er wollte die Vergebung und das Wohlwollen Gottes nicht; er wollte nur einer unbequemen Situation entrinnen.

Irenäus, ein Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts, berichtet uns, was später mit Simon geschah:

„Er widmete sich dann … mit noch grösserem Eifer dem Studium der Zauberkunst, um die Mengen noch besser in Erstaunen zu versetzen und sie zu beherrschen. … Dieser Mann wurde dann von den Menschen verherrlicht, als ob er ein Gott wäre; und er lehrte, dass er selber unter den Juden als der Sohn erschienen sei, aber in Samarien als der Vater heruntergekommen sei. … Mit einem Wort, er stellte sich selbst dar, als wäre er die allerhöchste aller Mächte, der Vater über alles…“
(Irenäus, „Gegen die Irrlehrer“, I,23)

So weit verirrte sich der Mann, der nach aussen „bekehrt“ aussah, aber seine Bekehrung war nicht echt. Lassen wir uns nicht täuschen!

Ich erwarte jetzt nicht, dass du und ich fähig wären, alle falschen Bekehrten zu entdecken. Sogar der grosse Evangelist Philippus wurde anfangs von Simon getäuscht. Aber unsere eigene Bekehrung sollten wir überprüfen. War deine Bekehrung echt? Ist dein Herz aufrichtig vor Gott?

Zwei reuige Könige

Ich möchte zwei Beispiele aus dem Alten Testament erzählen, die den Unterschied zwischen einer echten und einer falschen Umkehr noch etwas mehr illustrieren.

Der König Saul war Gott ungehorsam gewesen. Der Prophet Samuel konfrontierte ihn: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hat, hat auch er dich verworfen, dass du nicht mehr König seist.“ (1.Samuel 15,23)
Wie antwortete Saul?
– „Ich habe gesündigt; denn ich habe das Gebot des Herrn gebrochen und deine Worte, denn ich fürchtete das Volk und gab ihrer Stimme nach. Vergib also jetzt meine Sünde und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn anbete.“ (1.Samuel 15,24-25)

Es scheint, dass Saul seine Sünde eingesteht und bereut. Aber da ist ein kleines Detail: Saul bat zwar Samuel um Vergebung, aber nicht Gott. Saul verstand, dass Samuel verärgert war, denn Samuel stand in jenem Moment gerade vor ihm (und wahrscheinlich nicht mit einem sehr liebenswürdigen Gesichtsausdruck). Aber anscheinend verstand Saul nicht, dass sein Vergehen gegen Gott unvergleichlich schwerer wog als sein Vergehen gegen Samuel.

Samuel, der Prophet Gottes, sah sehr gut, wie es im Herzen Sauls wirklich aussah:
„Und Samuel antwortete Saul: Ich werde nicht mit dir zurückkehren, denn du hast das Wort des Herrn verworfen, und der Herr hat dich verworfen, dass du nicht mehr König seist über Israel.“ (1.Samuel 15,26) – Samuel sah, dass Sauls Reue nicht echt war, und nahm sie deshalb nicht an.

„Und er (Saul) sagte: Ich habe gesündigt; aber ich bitte dich, ehre mich vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel, und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn, deinen Gott, anbete.“ (1.Samuel 15,30)

Jetzt kommt der wahre Beweggrund Sauls ans Licht: „damit du mich vor dem Volk ehrst“. Es war Saul wichtig, was die Leute von ihm dachten; aber was Gott von ihm dachte, kümmerte ihn nicht. Er wollte nur vor den Menschen gut dastehen.
„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; aber wer auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25). Saul hatte Menschenfurcht, aber keine Gottesfurcht. Er wollte von Menschen geehrt werden, aber die Ehre Gottes kümmerte ihn nicht. Und mit diesem verkehrten Herzen konnte er sogar noch Reue heucheln!

Danach tat Samuel etwas Bedeutungsvolles. Er liess den König der Amalekiter herbeiholen (den Saul im Krieg gefangengenommen hatte) und tötete ihn. Das war der Befehl Gottes an Saul gewesen: den König von Amalek zu töten. Samuel tat also, was Saul hätte tun sollen. Hätte Saul seinen Ungehorsam wirklich bereut, dann hätte er selber den Befehl ausgeführt – zumindest nach der Konfrontation mit Samuel. Dass er es nicht tat, ist ein weiterer Hinweis, dass seine Umkehr nicht echt war.

Der König von Amalek personifiziert die Sünde in unserem Leben. Es nützt nichts, zu bekennen „Ich habe gesündigt“ und um Vergebung zu bitten, solange du den „König von Amalek“ am Leben lässt in deinem Herzen. Welches ist der „König von Amalek“ in deinem Leben, die Sünde, die du immer noch tolerierst, und die du schon lange hättest „töten“ sollen?

Wir sehen hier auch, wie schwierig es gerade für Autoritätspersonen ist, von Herzen umzukehren. Strebe keine Leiterschaftsposition an, solange du nicht fähig bist, vor deinen „Untergebenen“ ehrlich und ohne Umschweife deine Sünden zugeben zu können, ohne Rücksicht darauf, wie du nachher vor ihnen dastehst.


Sehen wir jetzt den Fall des Königs David an. David fiel auch in Sünde – und wenn wir näher hinsehen, in eine schlimmere Sünde als die Sünde Sauls: Er beging Ehebruch mit Bathseba, und liess den Ehemann Bathsebas mit List töten. Dennoch vergab Gott David, während er Saul nicht vergab. David wird sogar „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt. Was war der Unterschied?

Im Psalm 51 haben wir das Gebet Davids, nachdem er vom Propheten Nathan konfrontiert worden war:

„Hab Mitleid mit mir, oh Gott, nach deiner Barmherzigkeit;
nach der Grösse deines Erbarmens lösche meine Sünden aus.
… Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und habe das Böse getan vor deinen Augen…
Siehe, du liebst die Wahrheit im Innersten,
und im Verborgenen liessest du mich Weisheit verstehen.
… Schaffe in mir, oh Gott, ein reines Herz, und erneuere einen aufrichtigen Geist in mir.
Verwirf mich nicht von deiner Gegenwart, und nimm deinen Heiligen Geist nicht weg von mir.“
(Psalm 51, 1.4.6.10.11)

David wendet sich zuallererst an Gott. Er ist sich sehr bewusst, dass die erste Person, die durch seine Sünde verletzt wurde, Gott selber ist. „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt…“ Gott ist auch der einzige, der David wiederherstellen kann. Alles andere ist im Vergleich dazu zweitrangig.
Dann sehen wir, was die tiefste Sehnsucht im Herzen Davids ist. Nicht die Ehre vor dem Volk; nicht das Entrinnen vor Gottes Strafe. Seine tiefste Sehnsucht ist „ein reines Herz und ein aufrichtiger Geist“. Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der wirklich umgekehrt ist. Es kümmert ihn nicht, was die Leute sagen – tatsächlich legten die Leute Davids Verhalten nach seiner Umkehr völlig falsch aus, und er stand dann sehr schlecht da vor ihnen. Aber David wusste, dass Gott „die Wahrheit im Innersten liebt“, da, wo niemand hinsieht. Das war ihm wichtiger als alles andere.
Jemand hat einmal gesagt: „Deine Integrität zeigt sich in dem, was du tust, wenn niemand zusieht.“
Das war die Integrität, die David hatte. Deshalb vergab ihm Gott und verwarf ihn nicht. Obwohl David auch leiden musste, nahm ihm doch Gott weder das Königreich noch das Leben, wie er es mit Saul getan hatte.

Gott sucht die wahre Umkehr. Welcher Art ist deine Umkehr? Von der Art Sauls oder von der Art Davids? Ist es eine Umkehr nur vor den Menschen, oder eine echte Umkehr vor Gott, der „ins Verborgene sieht“?


Nachbemerkung: Diesen Artikel hatte ich schon vor Jahren zuerst auf Spanisch verfasst. Etwas später fand ich, dass manche der alten Erweckungsprediger (John Wesley, Charles Finney, Dwight L.Moody, …) diese Thematik ebenfalls behandelt hatten, z.T. sogar unter dem wortwörtlich gleichen Titel. Nicht dass ich etwa von ihnen abgeschrieben hätte – das Thema scheint sich einfach aufzudrängen, wenn man anfängt, sich etwas mehr um den geistlichen Zustand seiner Mitmenschen zu kümmern, welche die Kirchen und Gemeinden bevölkern.
Heute allerdings wird man vom sogenannten „evangelikalen Mainstream“ als komischer Kauz oder Extremist angesehen, wenn man diese Themen anspricht. – Apropos „Mainstream“: In meiner Jugend wurde in christlichen Jugendgruppen oft ein Lied gesungen: „Sei ein lebendiger Fisch, schwimme doch gegen den Strom … Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, lassen sich von allen andern treiben …“ Dieses Lied – bzw. seine Aussage – ist heute wohl nicht mehr allzu populär?

Echte oder falsche Umkehr?

27. September 2015

„Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu des Messias zur Vergebung der Sünden; und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes erhalten.“
(Petrus an Pfingsten, Apostelgeschichte 2,38)

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, ihr könntet dem kommenden Zorn entfliehen? Bringt der Umkehr entsprechende Früchte, und denkt nicht daran, bei euch selbst zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Vater‘; denn ich sage euch: Gott kann sogar aus diesen Steinen Kinder Abrahams erwecken. Und die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt; deshalb wird jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, umgehauen und ins Feuer geworfen.“
(Johannes der Täufer, Matthäus 3,7-10)

Die Umkehr ist notwendig, um wiedergeboren zu werden und ein Christ zu werden. Ohne Umkehr gibt es keine Vergebung der Sünden und keine Erlösung. Wie wichtig ist es also zu verstehen, was Umkehr ist! – Leider haben die heutigen Gemeinden die Bedeutung dieses Wortes so verwässert, dass fast jeder Sünder sagen kann, er hätte sich „bekehrt“, und die Gemeinden glauben es ihm.

Was Umkehr NICHT ist

Ich möchte zuerst einige Handlungen aufzählen, die in gewissen Gemeinden als Umkehr gelten, es aber NICHT sind.

– Ein „Übergabegebet“ wiederholen und sagen: „Herr, vergib mir alle meine Sünden.“

Die Menschen, die das tun, tun es normalerweise, weil irgendein Leiter oder Prediger ihnen sagte, sie sollten es tun. Der Antrieb dazu kommt meistens nicht aus ihnen selbst. Frage irgendeine dieser Personen: „Von welchen Sünden genau möchtest du, dass Gott sie dir vergibt?“ – Viele werden keine einzige konkrete Sünde nennen können; in Wirklichkeit sind sie sich ihrer Sünden nicht bewusst. Und auch wenn sie z.B. sagen, dass sie gelogen oder gestohlen haben, nehmen viele es nicht so ernst: morgen könnten sie ohne weiteres dieselbe Sünde wieder begehen. Das ist keine Umkehr.

– Dasselbe, aber mit lautem Wehklagen und unter Tränen.

Einige liebe Geschwister denken, Tränen seien ein sicheres Zeichen der Umkehr. Leider irren sie sich hierin oft. In gewissen Kreisen vergiessen viele Menschen Tränen aufgrund eines Nachahmungseffektes: sie haben andere weinen gesehen, als diese ihre Sünden bereuten, und denken deshalb, sie müssten dasselbe tun. – Ich hatte selber mehrere Begegnungen mit Menschen, die eine Sünde begangen hatten, unter Tränen um Vergebung baten und versicherten: „Ich werde Ihnen jetzt die ganze Wahrheit sagen“ – aber die Dinge, die sie mit dieser Versicherung erzählten, waren lauter Lügen.

– Im Gottesdienst nach vorne gehen, niederknien und ein Übergabegebet sprechen.

Wie die vorhergehenden, ist auch das einfach ein äusserliches Ritual. Aber wirkliche Umkehr hängt nicht daran, was wir äusserlich tun; es ist eine Angelegenheit des Herzens und des ganzen Lebens.

– Die Sünden bekennen, die man begangen hat, und dafür um Vergebung bitten.

Jetzt kommen wir schon einen Schritt näher. Da gesteht jemand ein, was er getan hat, und dass es Sünde war. Aber ist das schon Umkehr? – Ein Mörder vor Gericht wird dasselbe tun, wenn die Beweise gegen ihn genügendes Gewicht haben. Aber er wird es nur deshalb tun, weil er weiss, dass dann sein Urteil milder ausfallen wird. Nicht weil er wirklich bereut, sondern um einer grösseren Strafe zu entgehen. – Auf ähnliche Weise bekennen einige Sünder ihre Sünden, nachdem diese ans Licht kamen, weil sie wissen, dass sie so vielleicht eine Disziplinarmassnahme oder ein anderes Problem vermeiden können. Wenn das das Motiv ist, dann ist es keine Umkehr!

– Traurig sein, weil die Sünde ans Licht kam.

Trauer gehört wirklich zu einer echten Umkehr. Aber ist das genug? – Wir müssen fragen, warum jemand traurig ist. Weil er sich schämt, weil seine Sünde ans Licht kam, weil er ein schlechtes Gewissen hat? Natürlich verursacht das alles auch Trauer – aber es ist noch keine Umkehr. Frage dich: Würdest du dieselbe Trauer spüren, wenn niemand von deiner Sünde wüsste?
Das eigentliche Problem ist, dass deine Sünde Gott beleidigt und dich von ihm distanziert. Wegen Gott solltest du umkehren; nicht wegen der anderen Christen, und auch nicht wegen deines schlechten Gewissens. – Selbst wenn du entscheiden würdest, diese Sünde nicht mehr zu begehen: wenn es nur darum geht, dass du dich nicht mehr schlecht fühlst, dann ist es keine echte Umkehr. Solange du noch nicht verstanden hast, wie sehr deine Sünde deiner Beziehung zu Gott schadet, und wie wichtig Gottes Ehre ist, so lange bist du noch nicht wirklich umgekehrt.

Was ist dann Umkehr?

Im Griechischen des Neuen Testamentes gibt es zwei Wörter, die mit „umkehren“ oder „sich bekehren“ übersetzt werden, und jedes dieser Wörter lehrt uns etwas über die eigentliche Bedeutung:

„epistrefo“ = „zurückkehren, sich umwenden“.
Hier können wir uns eine Person vorstellen, die auf einen Abgrund zugeht. Sie schreitet auf einem bösen Weg voran, in Richtung auf die Verlorenheit. Wer einfach sagt „Herr, vergib mir alle meine Sünden“, der ist wie jemand, der auf diesem bösen Weg weitergeht, nur ab und zu sagt „Herr, vergib mir“, und dann in derselben Richtung weitergeht. Wer seine Sünden eingesteht und bekennt, der ist wie jemand, der stehenbleibt, aber sonst nichts weiter tut.
Die wirkliche Umkehr bedeutet, nicht nur stehenzubleiben, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Gott sagt: „Wer seine Sünden zudeckt, wird keinen Erfolg haben; aber wer sie bekennt und hinter sich lässt, wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Sprüche 28,13) Nicht nur die Sünde bekennen, sondern sie hinter sich lassen.
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Wiedergutmachung. Sieh, wie Zachäus seine Umkehr ausdrückte: „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen; und wo ich jemanden betrogen habe, gebe ich es ihm vierfach zurück.“ (Lukas 19,8). Wenn ein Dieb wirklich umkehrt, dann wird er zurückgeben, was er gestohlen hat (und das freiwillig, ohne dass irgendein Gesetz oder irgendeine Autorität ihn dazu zwingen würde). Wenn ein Lügner umkehrt, wird er seine Lügen richtigstellen und die Wahrheit sagen.

„metanoeo“ = „den Sinn ändern“.
Ein reuiger Sünder wird nicht nur seine Handlungsweise ändern, sondern auch seine Art zu denken. Statt die Sünde zu lieben, wird er sie jetzt hassen. Er wird gegen die Versuchung angehen, nicht erst wenn er bereits dabei ist, eine Sünde zu begehen, sondern schon wenn er ans Sündigen denkt. „…indem wir jeden Gedanken gefangennehmen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor.10,5). Schon in seinem Sinn sagt er der Sünde ab und trennt sich von ihr.
Auch die Motivation, das Gute zu tun, muss sich ändern. Viele Menschen versuchen, das Gute zu tun, aber sie tun es aus Gründen, die Gott nicht gefallen. Sie tun es, um vor den anderen als „gut“ zu erscheinen. Sie tun es, weil ihre Eltern, ihre Gemeindeleiter, oder sonst jemand ihnen Vorwürfe machen wird, wenn sie sündigen. Sie tun es, weil die Folgen der Sünde unangenehm sind und sie nicht leiden wollen. – Ein reuiger Sünder denkt anders. Er beginnt Gott zu lieben, und aus Liebe zu Gott entscheidet er sich gegen die Sünde.
Stelle dir zwei Diebe vor, die gerade aus dem Gefängnis kommen. Der erste sagt: „Ich werde nicht mehr stehlen, weil ich nicht ins Gefängnis zurück will, und weil die Polizei überall kontrolliert.“ So stiehlt er nicht mehr; aber nur aus Angst vor der Strafe. Hätte er eine sichere Gelegenheit zu stehlen, ohne entdeckt zu werden, dann würde er es tun. – Der zweite Dieb sagt: „Ich habe verstanden, dass Stehlen böse ist, dass ich vielen Menschen Leiden zugefügt habe mit meinem Stehlen und dass damit Gott beleidigt wurde. Ich habe begonnen Gott zu lieben, und deshalb werde ich nicht mehr stehlen.“ Dieser zweite Dieb wird nie mehr stehlen, selbst wenn er die Sicherheit hätte, nicht entdeckt zu werden. – Äusserlich handeln beide gleich. Aber nur der zweite Dieb ist wirklich umgekehrt. Die Umkehr des ersten ist nicht echt; seine Motivation hat sich nicht geändert.

Ist die Sünde noch etwas Anziehendes in deinem Denken? Wenn ja, dann hast du deinen Sinn noch nicht geändert.
Bemühst du dich sehr, nicht zu sündigen, weil andere Christen dich schief ansehen könnten; empfindest aber in deinem Inneren, dass diese Bemühungen gegen deine eigene Natur gehen, und sehnst dich im Grunde danach, eine bestimmte Sünde begehen zu können, ohne dass es jemand erfahren könnte? Wenn ja, dann bist du noch nicht wirklich umgekehrt; du hast nur dein Handeln geändert, aber nicht deine Denkweise.

Um zu einer echten Umkehr zu kommen, ist ein übernatürliches Werk des Heiligen Geistes in deinem Herzen notwendig. „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht.“ (Johannes 16,8). Diese göttliche Überführung von der Sünde kann dich zur echten Umkehr führen, wenn du es zulässt. Vielleicht ist deine jetzige Kenntnis über die Sünde blosse Theorie: „Ja, ich weiss, dass ich gesündigt habe und umkehren sollte.“ Aber es ist nötig, dass der Heilige Geist es dir ins Herz spricht. Er wird es tun, wenn du ihn ernsthaft suchst. Er ist es auch, der dich zu einer ganz neuen Person machen kann.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 6

17. Juni 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

2. Ein vierjähriges Mädchen

Aber ich gehe jetzt zu einem anderen Beispiel über, von dem Mädchen, das ich bereits erwähnte. Ihr Name ist Phebe Bartlet. [Sie war im Jahre 1789 noch am Leben und zeigte weiterhin den Charakter einer wahrhaft bekehrten Person.] Ich gebe den Bericht wieder, wie ich ihn von ihren Eltern hörte, an deren Wahrhaftigkeit niemand zweifelt, der sie kennt.

Sie wurde im März 1731 geboren. Ende April oder anfangs Mai 1735 wurde sie sehr beeindruckt durch ein Gespräch mit ihrem Bruder, der sich kurz zuvor im Alter von elf Jahren bekehrt hatte. Ihre Eltern wussten nichts davon, und waren sich nicht gewohnt, ihr direkt Rat zu geben, weil sie dachten, sie könnte es noch nicht verstehen. Aber nachdem ihr Bruder mit ihr gesprochen hatte, stellten sie fest, dass sie sehr ernsthaft zuhörte, wenn sie ihren anderen Kindern Ratschläge gaben; und mehrmals täglich zog sie sich zurück, um im Stillen zu beten. Nichts konnte sie von diesen festen Gebetszeiten abhalten.

Einmal sagte sie von sich aus, sie hätte keinen Erfolg darin, Gott zu finden. Aber Ende Juli, an einem Mittag, hörte ihre Mutter sie in ihrem Zimmer laut beten (was unüblich war; sie hatte zuvor nie mit lauter Stimme gebetet). Ihr Stimme drückte äusserste Dringlichkeit aus, und ihre Mutter konnte deutlich die Worte hören: „Bitte, guter Herr, gib mir Erlösung! Ich bitte dich, vergib mir alle meine Sünden!“ Dann kam das Mädchen aus ihrem Zimmer, setzte sich neben die Mutter und weinte laut. Ihre Mutter fragte sie mehrmals, warum sie weinte, aber sie antwortete nicht. Schliesslich fragte ihre Mutter, ob sie fürchtete, Gott würde ihr die Erlösung nicht geben. Das Mädchen antwortete: „Ja, ich fürchte, ich müsse zur Hölle gehen!“ Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen, und sagte, sie müsse nicht weinen, sie solle nur ein gutes Kind sein und jeden Tag beten, und sie hoffte, Gott werde ihr die Erlösung geben. Aber das beruhigte sie gar nicht; sie weinte noch eine längere Zeit heftig. Dann hörte sie plötzlich auf zu weinen, und sagte schliesslich lächelnd: „Mami, das Himmelreich ist zu mir gekommen!“ Ihre Mutter war überrascht über die plötzliche Veränderung und über diese Worte, aber sie sagte nichts. Dann sprach das Mädchen wieder und sagte: „Es ist noch eins zu mir gekommen, und noch eins, es sind drei. Eines ist: Dein Wille geschehe; und ein anderes: Freut euch in ihm für immer.“ Es scheint, dass sie damit meinte, drei Worte aus dem Katechismus seien ihr in den Sinn gekommen.

Danach zog sich das Kind wieder in ihr Zimmer zurück, und die Mutter ging zu ihrem Bruder, der sein Zimmer nebenan hatte. Als sie zurückkam, wurde sie von dem Mädchen freudig empfangen: „Jetzt kann ich Gott finden!“ (womit sie sich auf das früher Gesagte bezog, dass sie Gott nicht finden könne). Dann sagte sie: „Ich liebe Gott!“ Ihre Mutter fragte sie, wie sehr sie Gott liebte: mehr als Vater und Mutter? Sie sagte: „Ja.“ „Und mehr als deine kleine Schwester Rachel?“ Sie antwortete: „Ja, mehr als alles!“ Dann fragte ihre ältere Schwester sie, wo sie denn Gott finden könne. „Im Himmel“, antwortete Phebe. „Wie“, fragte ihre Schwester, „bist du im Himmel gewesen?“ „Nein“, sagte das Mädchen. So scheint es, dass es nicht nur eine Einbildung war, die sie Gott nannte. Ihre Mutter fragte sie, ob sie Angst gehabt hätte, zur Hölle gehen zu müssen, und deshalb geweint hätte. „Ja“, sagte sie, „aber jetzt habe ich keine Angst mehr.“ Ihre Mutter fragte sie, ob sie dächte, Gott hätte ihr die Erlösung gegeben. „Ja“, sagte sie. „Wann?“ fragte die Mutter. „Heute.“

Den ganzen Nachmittag war sie äusserst fröhlich. Ein Nachbar fragte sie, wie sie sich fühlte. Sie antwortete: „Ich fühle mich besser als je.“ Der Nachbar fragte warum, und sie antwortete: „Gott hat es gemacht.“ Beim Zubettgehen rief sie einen ihrer kleinen Cousins zu sich, der im Zimmer war, und sagte zu ihm: „Der Himmel ist besser als die Erde.“ Am nächsten Tag fragte ihre Mutter sie, wozu Gott sie gemacht hätte. Sie antwortete: „Um ihm zu dienen“, und fügte hinzu: „Alle sollten Gott dienen, und sich für Christus interessieren.“

An jenem Tag schien es, dass die älteren Kinder sehr beeindruckt waren von der aussergewöhnlichen Veränderung, die in Phebe vorgegangen war. Während ihre Schwester Abigail bei ihr war, ergriff ihre Mutter die Gelegenheit, ihr zu raten, die Zeit auszunützen und sich für die andere Welt vorzubereiten. Damit brach Phebe in Tränen aus und rief: „Arme Nabby!“ Ihre Mutter sagte ihr, sie müsse nicht weinen; sie hoffte, dass Gott auch Nabby die Erlösung geben werde; aber das beruhigte sie nicht, sie weinte noch längere Zeit. Etwas später kam ihre Schwester Eunice, und Phebe begann wieder zu weinen: „Arme Eunice!“ Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sah dort ihre Schwester Naomi; und von neuem brach sie in Tränen aus: „Arme Amy!“ Ihre Mutter fühlte sich sehr berührt von diesem Verhalten, und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Etwas später kam ein Nachbar und fragte Phebe, warum sie geweint hätte. Sie wollte zuerst nicht antworten. Ihre Mutter sagte, sie dürfe es dieser Person ruhig sagen; worauf Phebe sagte, sie hätte geweint, weil sie Angst gehabt hätte, ihre Schwestern würden zur Hölle gehen.

Von da an war eine bleibende Veränderung in dem Kind festzustellen. Sie sehnt sich jedesmal nach dem Sonntag und fragt oft während der Woche, wieviele Tage noch fehlen bis zum Sonntag, und gibt sich nicht zufrieden, bis man ihr die Tage einzeln vorzählt. Sie liebt es sehr, sich mit dem Volk Gottes zu versammeln. Ihre Mutter fragte sie einmal, warum sie so sehr dorthin gehen wollte; ob sie gerne mit liebenswürdigen Leuten zusammen sei? „Nein“, sagte sie, „um Herrn Edwards predigen zu hören.“ Wenn sie da ist, verhält sie sich nicht wie andere Kinder ihres Alters, sondern zeigt eine aussergewöhnliche Aufmerksamkeit. Sie geht auch sehr gerne zu privaten religiösen Versammlungen, und ist sehr aufmerksam während der häuslichen Gebetszeiten. Als ich einmal zusammen mit einigen Fremden bei ihr zuhause war und zu ihr etwas über Gott sagte, schien sie aufmerksamer als gewöhnlich; und nachdem wir gegangen waren, sah sie uns sehnsuchtsvoll nach, und sagte: „Ich wünschte, sie würden wieder kommen!“ Ihre Mutter fragte: „Warum?“ Sie sagte: „Ich höre sie so gern sprechen.“

Sie scheint eine tiefe Gottesfurcht zu haben und fürchtet sich sehr davor, gegen Gott zu sündigen. Letztes Jahr im August ging sie mit einigen älteren Kindern Pflaumen pflücken auf dem Grundstück eines Nachbarn, ohne zu denken, dass etwas Schlechtes daran sein könnte. Aber als sie einige Pflaumen nach Hause brachte, sagte ihre Mutter, sie sollte nicht ohne Erlaubnis Pflaumen pflücken, das wäre soviel wie Stehlen. Das Mädchen schien sehr überrascht und brach in Tränen aus, und rief: „Ich möchte diese Pflaumen nicht!“ Dann wandte sie sich ihrer Schwester Eunice zu und sagte sehr ernst: „Warum hast du mir gesagt, ich solle zu diesem Pflaumenbaum gehen? Ich wäre nicht gegangen, wenn du es mir nicht gesagt hättest.“ Die anderen Kinder schienen sich nicht besonders betroffen zu fühlen; aber Phebe war nicht zu beruhigen. Ihre Mutter sagte ihr, sie könne den Nachbarn um Erlaubnis bitten, und dann wäre es keine Sünde, die Pflaumen zu essen; und sie schickte eines der Kinder zum Nachbarn deswegen. Nachdem das Kind zurückkam, sagte ihre Mutter, der Nachbar hätte es ihnen erlaubt, sie könne jetzt die Pflaumen essen, so sei es keine Sünde. Das beruhigte sie für eine Weile; aber dann brach sie wiederum in Tränen aus. Ihre Mutter fragte sie, warum sie jetzt weinte, der Nachbar hätte ihnen ja die Erlaubnis gegeben. Sie musste mehrere Male fragen, bis Phebe sagte: „Weil, weil es Sünde war.“ Sie weinte noch eine Zeitlang und sagte, sie würde nicht wieder dorthin gehen, auch wenn Eunice sie hundertmal darum bäte. Von da an wollte sie während längerer Zeit keine Pflaumen essen, weil sie sie an jene Sünde erinnerten.

Manchmal hat sie grosse Freude an Bibeltexten, die ihr in den Sinn kommen. Einmal erinnerte sie sich besonders an Offenbarung 3,20: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir.“ Sie sprach darüber mit der Familie voll Freude. Dann ging sie in ein anderes Zimmer, wo andere Kinder waren, und ihre Mutter hörte sie mehrmals mit ausserordentlicher Freude und Bewunderung sagen: „Stellt euch vor, es ist, um mit Gott essen zu gehen!“

Oft zeigte sie eine grosse Sorge um das Seelenheil anderer; und oft hat sie sehr liebevoll und eindringlich andere Kinder beraten. Letztes Jahr setzte sie sich einmal neben ihre Mutter an den Herd mit einem sehr ernsthaften und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Schliesslich sagte sie: „Ich habe mit Nabby und Eunice gesprochen. Ich sagte ihnen, sie sollten beten, und sich auf das Sterben vorbereiten, denn wir haben nur kurze Zeit zu leben in dieser Welt, und sie sollten jederzeit bereit sein.“ Als Nabby herauskam, fragte sie ihre Mutter, ob Phebe das zu ihnen gesagt hätte. „Ja“, sagte sie, „das hat sie gesagt, und noch eine Menge mehr.“

Sie zeigte auch ein ungewöhnliches Mass an Nächstenliebe; insbesondere bei der folgenden Gelegenheit: Ein armer Mann, der im Wald wohnt, hatte eine Kuh verloren, die für den Unterhalt der Familie sehr wichtig war. Dieser Mann war bei Phebe zuhause gewesen und hatte von seinem Unglück erzählt, und von den Schwierigkeiten, in die seine Familie deswegen geraten war. Phebe fühlte grosses Mitleid mit ihm. Nachdem sie ihm aufmerksam zugehört hatte, ging sie zu ihrem Vater in die Werkstatt und bat ihn inständig, diesem Mann eine Kuh zu geben: „Dieser arme Mann hat keine Kuh mehr! Die Jäger, oder sonst etwas, haben seine Kuh getötet!“ Ihr Vater sagte ihr, sie hätten keine Kuh übrig. Dann bat sie ihn, doch diesen Mann und seine Familie bei sich zuhause aufzunehmen, und sprach noch vieles in ähnlichem Sinn, mit grossem Mitleid für die Armen.

(Schluss)

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 4

13. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

8. Zweifel nach der Bekehrung

Einige Bekehrte sind fast immer voll von Hoffnung und Zufriedenheit hinsichtlich ihrer eigenen Errettung; aber doch nicht so sehr, dass sie die Selbstprüfung als unnötig ansähen. Andererseits fallen die meisten ab und zu ein einen „toten“ Geisteszustand und haben dann häufige Skrupel und Furcht hinsichtlich ihres Zustandes.

Sie wissen, wie schrecklich eine falsche Hoffnung ist; und die meisten sind sehr vorsichtig, wenn sie von ihren Erfahrungen Zeugnis geben. Manche fürchteten danach, als Heuchler gehandelt zu haben, und sich stärker ausgedrückt zu haben, als es in ihrem Fall zulässig wäre; aber sie wussten nicht, wie sie sich korrigieren könnten.

Ich denke, der Hauptgrund für diese Zweifel und Furcht nach der Bekehrung besteht darin, dass sie noch so viel Verderbnis in ihren Herzen übrig finden. Anfangs schienen ihre Seelen völlig lebendig zu sein, ihre Herzen waren in Ordnung, und sie fanden wenig Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens. Dann sind sie überrascht, wenn sie feststellen, dass sie ab und zu wieder in Gleichgültigkeit oder in ablenkende Gedanken fallen während den gemeinsamen oder persönlichen Anbetungszeiten, und diese Gedanken nicht aufhalten können. Oder sie finden wieder weltliche Haltungen in sich: Stolz, Neid, Rachsucht, und andere Werke der innewohnenden Sünde. Dann sinkt ihr Mut vor Enttäuschung, und sie beginnen zu denken, sie seien nur Heuchler.

Dann sagen sie, es sei so viel Verderbnis in ihren Herzen, dass da keine Güte wohne. Viele sind ihrer eigenen Verderbtheit gegenüber viel sensibler als vor ihrer Bekehrung, und es scheint ihnen, ihr Zustand würde schlimmer statt besser. Aber die Wahrheit ist, dass sie jetzt – im Gegensatz zu früher – ihrem eigenen Herzen gegenüber wachsam sind, und deshalb den Schmerz ihrer eigenen Wunde stärker fühlen. So sind sie sich ihrer eigenen Sünde viel stärker bewusst und kämpfen auch stärker dagegen.

Sie sind auch davon überrascht, dass sie so wenig der Vorstellung entsprechen, die sie zuvor von einem gottesfürchtigen Menschen gehabt hatten. Obwohl die Gnade tatsächlich noch viel herrlicher ist, als sie sich vorgestellt hatten, so haben doch die Gottesfürchtigen weniger davon, und mehr verbleibende Verderbnis, als sie gedacht hatten. Sie wussten nicht, dass Bekehrte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb sind sie bei aller Selbstprüfung normalerweise nicht davon überzeugt, dass sie wirklich in der Gnade stehen, während sie durch diese „toten“ Zeiten gehen. Wenn sie von den Zeichen der Gnade hören, anhand derer sie sich selbst prüfen können, dann sind ihre Gedanken oft so umwölkt, dass sie nicht wissen, wie sie diese Zeichen anwenden sollen. Sie wissen kaum, ob sie dieses oder jenes haben oder nicht, und ob sie dieses oder jenes erfahren haben oder nicht. Sie können die Erinnerung an ihre besten, entzückendsten und herausragendsten Erfahrungen nicht wiedergewinnen. Aber wenn der Einfluss des Geistes Gottes zurückkehrt, bricht das Licht durch die Wolken, und die Zweifel und die Dunkelheit verschwinden.

Oft werden die Bekehrten neu belebt durch ein Gespräch über göttliche Dinge. Und wenn sie ihren christlichen Geschwistern ihre vergangenen Erfahrungen erzählen, lebt die Erinnerung wieder auf, und die Erfahrung selbst wird in gewissem Mass erneuert. Manchmal, wenn sie voll von Zweifeln sind, kommt ihnen eine Schriftstelle nach der andern in den Sinn, die ihre Schwierigkeiten beantwortet. Aber oft geht dem neuen Trost eine neue Demütigung voraus.

9. Innere Eindrücke und Bilder

Manche Menschen haben von diesem grossen Werk schlecht gedacht, nachdem sie von den (geistlichen) Eindrücken hörten, die die Menschen hier in ihrer Vorstellung empfangen hatten. Es gab viele Missverständnisse und falsche Berichte darüber. Soweit ich weiss, ist niemand hier in der Stadt der Meinung, es solle irgendwelches Gewicht gelegt werden auf Visionen, die jemand mit seinen körperlichen Augen gesehen hätte. Das Gegenteil ist unser Prinzip. Es gab zwar Menschen, die zu sehr von nichtigen und nutzlosen Vorstellungen beeinflusst wurden; aber diese wurden mit Leichtigkeit zurechtgewiesen. Man soll sich nicht darüber verwundern, dass eine Gemeinde in solchen Fällen Hilfe braucht, um zwischen Weizen und Spreu zu unterscheiden. Aber jene Eindrücke, die für gewöhnlich auftraten, scheinen mir keine anderen zu sein als jene, die von der menschlichen Natur unter solchen Umständen zu erwarten sind, als natürliches Ergebnis der starken Konzentration des Sinnes und der Eindrücke des Herzens.

Kaum jemand denkt, er hätte etwas mit seinen körperlichen Augen gesehen; sie werden einfach innerlich von gewissen Ideen und von Bildern in ihrem Geist stark beeindruckt. Einige sahen z.B, wenn sie in starker Furcht vor der Hölle waren, höchst lebendige Bilder von einem brennenden Ofen. Einige, wenn sie stark beeindruckt wurden von der Schönheit und Herrlichkeit Christi, erhielten in ihrem Sinn eine Idee von jemandem von herrlicher Majestät und gütigem Aussehen. Einige, die vom Tod Jesu stark berührt wurden, hatten gleichzeitig eine lebendige Idee von Christus, der am Kreuz hängt, während Blut aus seinen Wunden strömt. Wenn man weiss, wie sehr schon jeglicher starker Eindruck über Dinge dieser Welt geistige Bilder hervorruft, wird man sich über solche Dinge nicht verwundern.

Es gab tatsächlich einige wenige Fälle von Eindrücken, die mir ein Geheimnis bleiben, welche von einem viel grösseren Bewusstsein von der geistlichen Vollkommenheit göttlicher Dinge begleitet wurden. Aber ich konnte nicht herausfinden, ob die Eindrücke jener Menschen mehr waren als das, was natürlicherweise aus ihrem geistlichen Bewusstsein hervorgehen könnte. Ich bin in solchen Fällen immer äusserst vorsichtig gewesen und bemühte mich sehr, die Leute den Unterschied zu lehren zwischen dem, was geistlich ist, und dem, was nur Einbildung ist.

Man wird aus diesem Bericht ersehen haben, dass die Menschen hier die Gewohnheit haben, freimütig miteinander über ihre geistlichen Erfahrungen zu sprechen. Manche (Aussenstehende) fühlten sich davon abgestossen. Aber wenn auch unsere Leute in gewisser Hinsicht darin in Extreme gegangen sind, so ist es doch zweifellos eine Gewohnheit, die natürlicherweise durch die Umstände dieser Stadt und ihrer Nachbarstädte entstanden ist. Wo immer Menschen sich so sehr mit derselben Sache beschäftigen, dass diese Sache in ihren Gedanken zuvorderst ist, da werden sie diese Sache natürlicherweise zu ihrem Gesprächsthema machen, wenn sie zusammenkommen, und darin immer freimütiger werden. Ihre Hemmungen verschwinden, und sie werden nicht voreinander verbergen, was sie erlebt haben. Und im allgemeinen hat diese Gewohnheit viele gute Wirkungen hervorgebracht, und Gott hat sie gesegnet. Ich gebe zu, dass es auch einige schlechte Folgen gab, die aber eher einem indiskreten Umgang damit zuzuschreiben sind als der Gewohnheit selbst. Niemanden wird es verwundern, dass unter einer so grossen Menge auch einige sind, die in der Wahl der Zeit, der Gelegenheit und der Art und Weise solcher Gespräche unvorsichtig sind.

(Anm:  Punkt 9 gehört nicht mehr direkt zum Thema der Bekehrung. Ich habe diesen Abschnitt dennoch zum Nutzen des Lesers in gekürzter Form beibehalten. Es hat mich beeindruckt – v.a. angesichts der z.T. sehr heftigen Auseinandersetzungen um charismatische Erscheinungen während der letzten hundert Jahre, insbesondere im deutschen Sprachraum -, dass Edwards um diese Dinge überhaupt kein grosses Tamtam macht, weder im zustimmenden noch im ablehnenden Sinn. (Obwohl, wie aus dem Text hervorgeht, es auch damals Auseinandersetzungen darum gab.) Er beschreibt sie einfach als natürlicherweise auftretende Begleiterscheinungen, wo immer eine grössere Anzahl Menschen sich über längere Zeit und intensiv auf geistliche Dinge konzentriert. Würde Edwards heute leben, dann wäre er kaum ein Charismatiker. Aber ebensowenig würde er ständig im Sinne der Berliner Erklärung „Von unten, von unten!“ rufen und einen Skandal daraus machen. Solch ausgeglichene Persönlichkeiten hätten auch die deutschsprachigen Evangelikalen und Pfingstler der letzten hundert Jahre in grösserer Zahl nötig gehabt.)

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 3

4. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

4. Der Sünder muss davon überführt werden, dass seine Verdammung gerecht ist.

Ein Diener Gottes, der mit Menschen unter solchen Umständen zu tun hat, muss ausdrücklich betonen, dass Gott in keiner Weise verpflichtet ist, irgendeinem natürlichen Menschen Gnade zu erweisen, dessen Herz nicht zu Gott umgekehrt ist; und dass niemand rechtmässig etwas von Gott fordern kann aufgrund von irgendetwas, was er getan hat, bevor er zum Glauben an Jesus Christus kam oder eine echte Umkehr in ihm begann. Hätte ich jene, die in grosser Seelennot zu mir kamen, irgendetwas anderes gelehrt, dann hätte ich sie zugrunde gerichtet. Ich hätte dann die Absichten des Heiligen Geistes mit ihnen direkt durchkreuzt; denn hätten sie mir geglaubt, dann hätten sie angefangen sich selbst zu schmeicheln und wären sorglos geworden, und hätten so der Überführung ein Ende bereitet; oder sie hätten ihren Hader gegen Gott liebgewonnen und sich so den Weg versperrt, sich vor ihm zu demütigen.

Und dennoch brauchen Menschen unter Überführung auch Ermutigung, indem sie von der unendlichen und allgenügenden Gnade Gottes in Christus hören; und dass Gott sich finden lässt von denen, die ihn suchen, und dass er seine eigenen Mittel segnet. So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten, die beide zu Nachlässigkeit führen.
Ich denke, die gesegnetsten Gespräche waren jene, in welchen die Lehre von Gottes absoluter Souveränität inbezug auf die Errettung von Sündern betont wurde, und seine rechtmässige Freiheit inbezug auf das Beantworten von Gebeten natürlicher Menschen, solange sie in diesem Zustand verharren. Ich fand nie so viel unmittelbare Frucht der Errettung, als wenn ich über die Worte in Römer 3,19 predigte: „Damit jeder Mund verschlossen würde“, und von daher zeigte, dass es völlig gerecht wäre, wenn Gott alle natürlichen Menschen für immer verstiesse.

Bei jenen, wo die Überführung zur Errettung führt, zeigt sich normalerweise als erstes nach ihrer Seelennot eine Überzeugung, dass Gottes Verdammung gegen sie gerecht ist. In ihren Zeugnissen darüber drückten sie sich auf unterschiedliche Weise aus: einige, dass sie erkannten, dass Gott souverän ist und andere annehmen, aber sie verstossen kann; einige, dass sie davon überzeugt wurden, dass Gott gerechterweise jeder Person in der Stadt oder in der Welt Gnade erweisen könnte ausser ihnen selbst; einige, dass sie jetzt sehen, dass Gott gerechterweise alle ihre Bemühungen und Gebete für nichts achten könnte; einige, dass selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang suchten und sich bemühten, Gott sie dennoch gerechterweise in die Hölle werfen dürfte, weil all ihre Bemühungen und Gebete nicht die geringste Sünde sühnen können, noch irgendein Anrecht auf einen Segen Gottes erwerben. Einige erklärten, dass sie sich so in der Hand Gottes befänden, dass er mit ihnen machen konnte, was immer er wollte; und andere, dass Gott in ihrer Verdammung verherrlicht würde, und dass sie sich sogar darüber wunderten, dass Gott ihnen so lange erlaubte zu leben und sie nicht schon längst in die Hölle geworfen hatte.

5. Genau in diesem Moment des Zerbruchs und der tiefsten Demütigung kann der Sünder die Gnade Gottes verstehen und annehmen.

Unmittelbar vor dieser Entdeckung von Gottes Gerechtigkeit ist der Sinn des Menschen normalerweise ausserordentlich unruhig und befindet sich in einer Art Kampf und Tumult, oder Beklemmung. Aber sobald sie zu dieser Überführung kommen, beruhigt sich im allgemeinen ihr Sinn und kommt zu einer unerwarteten Gefasstheit. Meistens, wenn auch nicht immer, wird dann das drückende Gewicht von ihrem Geist weggenommen, und eine allgemeine Hoffnung erwacht, dass Gott irgendwann gnädig sein wird. Manche beschliessen dann, Gott zu Füssen zu liegen und seine Zeit abzuwarten, und ruhen darin. Sie merken nicht, dass der Geist Gottes sie gerade jetzt in einen Zustand gebracht hat, wo sie zum Empfang der Gnade vorbereitet sind. Denn viele Menschen, wenn sie zuerst zu diesem Bewusstsein der Gerechtigkeit Gottes kommen, denken nicht, dass gerade dies die Demütigung und der Zerbruch sei, von dem sie so viel gehört hatten.

Bei vielen Menschen geht diese erste Überführung von der Gerechtigkeit Gottes über die gewöhnliche Verurteilung durch das Gesetz hinaus. Im Gegenteil, sie kommt nicht aus der Furcht aufgrund des Gesetzes, sondern ist ein Beweis der Gnade Gottes, und führt sie dazu, diese Eigenschaft Gottes, die Gerechtigkeit, zu bewundern. Einige sagten sogar, dass sie erkennen konnten, wie die Herrlichkeit Gottes gerade in ihrer eigenen Verdammnis hell aufleuchten würde, und fühlten sich dazu bereit, verdammt zu werden, damit Gott dadurch verherrlicht würde. Sie hatten aber keine klare Vorstellung von der Verdammnis, und es gibt auch kein Bibelwort, das eine derartige Selbstverleugnung verlangen würde. Aber, wie andere es klarer ausdrückten, die Erlösung erschien ihnen als zu gut für sie und wäre unvereinbar mit der Majestät Gottes, den sie so sehr beleidigt hatten.

Diese Ruhe des Geistes, den einige nach ihrer Verzweiflung finden, dauert einige Zeit an, bevor sie eine besondere und angenehme Offenbarung der Gnade Gottes im Evangelium erhalten. Aber sehr oft folgt darauf ein tröstendes und liebliches Bild des mitleidsvollen Gottes, des allgenügenden Erlösers. Oft wird ihr Sinn auf Christus gerichtet in seinem Willen, Sünder zu erretten; andere erhalten Gedanken über die angenehmen und herrlichen Eigenschaften Gottes, die sich im Evangelium offenbaren: Seine Gnade und sein Mitleid; oder seine unendliche Macht zu erlösen; oder seine Wahrheit und Treue. Einige entdecken zuerst die Wahrheit und Gewissheit des Evangeliums; andere die Wahrheit spezifischer Verheissungen.

Bei einigen liegen die erste Sicht darauf, dass sie gerechterweise die Hölle verdienen, und auf die Souveränität Gottes inbezug auf ihre Erlösung, und die Entdeckung der allgenügenden Gnade so nahe beisammen, dass sie in eins zusammenzufliessen scheinen.
Manchmal erscheint die Gnade nach der Demütigung als ein ernsthaftes Verlangen der Seele nach Gott und nach Christus: ihn zu kennen, ihn zu lieben, demütig vor ihm zu sein, Gemeinschaft mit ihm zu haben. Dieses Verlangen ist normalerweise verbunden mit dem festen Entschluss, diesem Gut für immer zu folgen, und mit einer hoffnungsvollen, erwartungsvollen Haltung. Wenn jemand mit dieser Haltung anfing, dann folgten normalerweise bald weitere Erfahrungen und Entdeckungen, die noch klarer von einer Herzensveränderung zeugten.

6.Wenn Gott so mit seiner Gnade an ihnen wirkt, erkennen viele noch nicht, dass sie bereits bekehrt sind.

Oft, wenn den Menschen erstmals dieser Evangeliumsgrund der Erleichterung offenbart wird, denken sie noch gar nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Sie fühlen sich einfach erfrischt davon, dass Gott ihnen für alles genügt, und dass in Christus so volle Vorsehung getroffen wurde für alles, nachdem sie so niedergeschlagen waren im Bewusstsein ihrer Schuld und in der Furcht vor dem Zorn Gottes. Das bewirkt in ihnen einen festen Entschluss, sich selbst und ihr ganzes Leben Gott und seinem Sohn zu weihen, und geduldig zu warten, bis Gott alles bewirken würde; und oft sind sie fest davon überzeugt, dass Gott es zu seiner eigenen Zeit für sie tun würde.

So entsteht in ihnen eine heilige Ruhe der Seele in Gott durch Christus. Aber sie denken nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Der Grund dafür ist oft, dass sie nicht erkennen, dass dieses Sich-Erfreuen an der Entdeckung der Gnade bereits die wirkliche Annahme dieser Gnade ist. Sie wissen nicht, dass diese liebliche Befriedigung an der Gnade und völligen Erlösung Gottes, die sie spüren, ein echtes Empfangen dieser Gnade ist, oder ein klarer Beweis davon, dass sie sie empfangen haben. Sie erwarteten wer weiss nicht was für einen seelischen Akt, oder vielleicht wussten sie gar nicht, was sie zu erwarten hätten.

Tatsächlich hatten viele von ihnen vor ihrer Bekehrung eine sehr unvollkommene Idee davon, was eine Bekehrung ist. Die Ausdrücke, die andere gebrauchten, um ihre Bekehrung zu beschreiben, vermittelten ihrem Sinn nicht ihre wirkliche Bedeutung. Sie verstanden davon nicht mehr als ein Blindgeborener von den Namen der Farben.

In unserer Stadt beobachteten wir, dass Menschen mit dem grössten Wissen, die am meisten über diese Dinge studiert hatten, verwirrter waren als andere. Einige von ihnen erklärten, dass all ihr früheres Wissen zunichte gemacht wurde, und dass sie sich wie unwissende Kleinkinder fühlten. Es schien, dass sie es mehr nötig hatten, über ihre eigenen Umstände belehrt zu werden, als die einfachsten Christen.

Es war wunderbar zu sehen, wie die Gefühle der Menschen manchmal bewegt wurden, wenn Gott plötzlich ihre Augen öffnete. Ihre freudige Überraschung liess ihr Herz springen, sodass einige in Lachen ausbrachen, während sie oft gleichzeitig laut weinten und ihre Tränen wie ein Strom flossen. Einige konnten es nicht vermeiden, laut aufzuschreien als Ausdruck ihrer grossen Bewunderung.

Bei vielen dauern diese Erfahrungen lange Zeit an, ohne dass sie denken, sie seien bereits bekehrt; und niemand weiss, wie lange sie so fortfahren würden, wenn ihnen nicht durch besondere Belehrung geholfen würde. Einige haben manche Jahre so gelebt; einige in grosser Hoffnung, dass sie eines Tages Gnade empfangen würden; andere kehrten zu grösserer Verzweiflung zurück, weil sie sich jetzt des Elends ihres natürlichen Zustands stärker bewusst waren und sie für die Realität der ewigen Dinge sensibler geworden waren. Der Teufel versäumt die Gelegenheit nicht, solche Menschen auf verschiedenste Weise zu versuchen. Deshalb brauchen Menschen in diesem Zustand jemanden, der sie zum Verständnis dessen führt, was das Wort Gottes über die Gnade lehrt; und der ihnen hilft, es auf sich selbst anzuwenden.

Jedesmal, wenn ich über die Beweise der Errettung bei einer Person befriedigt war, teilte ich es dieser Person mit. Ich bin deswegen von manchen beschuldigt und getadelt worden. Aber ich habe nie Menschen beurteilt, sondern nur Erfahrungen, so wie sie mir geschildert und qualifiziert wurden. Ich hielt es für meine Pflicht als Hirte, Menschen beizustehen und sie zu lehren, Regeln der Schrift auf ihren eigenen Fall anzuwenden; und wo mir ein Fall klar erschien, erklärte ich freimütig meine Hoffnung darüber. Aber ich tat dies längst nicht bei allen, über die ich gewisse Hoffnungen hegte; und ich glaube, ich war viel vorsichtiger, als manche annahmen. Aber ich möchte mich nicht des Trostes berauben, mich zusammen mit jenen zu freuen, die in grosser Verzweiflung waren, und deren Umstände ich kannte, wenn genügend Beweise vorhanden zu sein scheinen, dass die Toten lebendig geworden und die Verlorenen gefunden worden sind. Ich bin mir bewusst, dass dieses Vorgehen sicherer gewesen wäre in der Hand eines Mannes von reiferem Urteil und grösserer Erfahrung; aber es war dennoch absolut notwendig, aus den obenerwähnten Gründen; und es war eine Praktik, die Gott unter uns in bemerkenswerter Weise gesegnet hat. Viele Menschen hatten Gnade erlangt, aber sie waren wie Bäume im Winter, weil sie sich ihres Zustands nicht bewusst waren.

Gott hat nichts so benützt zur Ausbreitung seines Werkes unter uns, wie die Nachrichten über die Bekehrung anderer Menschen. Das war es, was die Sünder dazu erweckte, denselben Segen zu suchen; und was die Heiligen neu belebte. Aber ich weise meine Leute oft darauf hin, dass kein Mensch das Herz eines anderen kennen kann, und wie unsicher es ist, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen. Auch betonte ich ständig, dass der Erweis von Aufrichtigkeit in den Früchten besser ist als alles, was mit Worten ausgedrückt werden kann, und dass ohne dies jeder Anspruch auf geistliche Erfahrungen vergeblich ist. Meine ganze Gemeinde kann dies bezeugen. Und im allgemeinen zeigten die Menschen eine grosse Furcht davor, sich selbst zu betrügen und auf einem falschen Fundament zu bauen.

Eine Bekehrung ist ein grosses und herrliches Werk der Macht Gottes. Sie verändert das Herz in einem Augenblick und flösst einer toten Seele Leben ein. Aber nicht alle können den genauen Moment angeben, als sie zum ersten Mal die Gnade erlangten. Einige hatten eine sehr klare Erfahrung. Aber andere wissen nicht, was die Gnade der Bekehrung ist, sogar wenn sie sie bereits haben. Einige wissen nicht, ob ihre erste Erfahrung nur eine gewöhnliche Erleuchtung war, und vielleicht eine bemerkenswertere spätere Erfahrung ihre Erlösung war. Das Werk Gottes in der Seele ist sehr geheimnisvoll, und die Manifestation des Reiches Gottes im Herzen ist wie es in Markus 4,26-28 gesagt wird:
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen in die Erde streut, und er schläft und steht auf Nacht und Tag, und der Same sprosst und wächst auf, ohne dass er weiss wie; denn die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst den Halm, dann die Ähre, und danach das volle Korn in der Ähre.“

Bei einigen ist das Licht der Bekehrung wie eine herrliche Helligkeit, die ihnen plötzlich aufleuchtet. Bei anderen ist es wie der Tagesanbruch, wo zuerst nur wenig Licht erscheint und vielleicht noch von einer Wolke verdunkelt wird, aber dann erscheint es wieder und ein wenig heller, und nimmt allmählich zu, mit dunkleren Zeiten dazwischen, bis schliesslich der klare Tag anbricht.

7. Die Bekehrung lässt alle Dinge in einem neuen Licht erscheinen.

Die Bekehrung bringt normalerweise eine aussergewöhnliche Überzeugung von der Wirklichkeit und Gewissheit der grossen Dinge der Religion mit sich; aber in einigen geschieht das erst einige Zeit nach der Bekehrung. Sie erhalten diese Sicht und diesen Geschmack von der göttlichen Vorzüglichkeit im Evangelium, was für sie überzeugender ist als viele Bücher voll von Argumenten. Oft ist die Herrlichkeit der christlichen Wahrheiten diesen Menschen so vorgeführt worden, dass sie sie sahen und schmeckten und ihre Göttlichkeit fühlten, und so wenig daran zweifeln konnten, wie sie gezweifelt hätten, dass die Sonne existiert, wenn sie mit geöffneten Augen draussen mitten im Sonnenschein standen. Und doch, wenn wir sie fragten, warum sie glaubten, dass diese Dinge wahr seien, dann wären viele von ihnen nicht in der Lage, genügende Gründe klar auszudrücken. Vielleicht könnten sie nur sagen, dass sie sehen, dass Gott wahr ist. Aber im persönlichen Gespräch mit ihnen würde man bald zufriedengestellt und verstünde, dass sie mächtige Beweise der Gottheit in sich selbst tragen.

Sie sind so erfüllt von ihrer neuen Entdeckung, und die Dinge erscheinen ihnen so offensichtlich und vernünftig, dass sie oft zuerst denken, sie könnten andere überzeugen. Zu diesem Zweck beginnen sie mit jedermann zu sprechen; und wenn sie enttäuscht werden, verwundern sie sich, dass ihre Gründe keinen stärkeren Eindruck machen. Die Dinge (des Evangeliums) erscheinen ihnen jetzt so offensichtlich und einfach, dass jedermann sie einsehen sollte. Wenn man sie fragt, warum sie selber es zuvor nicht so gesehen hatten, dann sagen sie vielleicht, sie hätten einfach nicht daran gedacht. Aber oft erleben sie dann stattdessen eine andere Schwierigkeit: wenn Gott sich von ihnen zurückzieht, finden sie sich wieder blind; sie verlieren die Überzeugung der Dinge, die ihnen so klar erschienen waren, und sie können sie mit all ihren eigenen Anstrengungen nicht wieder zurückgewinnen, bis Gott den Einfluss seines Geistes erneuert.

Nach ihrer Bekehrung sagen die Leute oft, dass ihnen die religiösen Dinge als neu erschienen: die Predigt ist etwas Neues, als ob sie noch nie zuvor eine Predigt gehört hätten; die Bibel ist ein neues Buch, wo sie neue Kapitel, neue Psalmen, neue Geschichten finden, weil sie alles in einem neuen Licht sehen.
Eine etwa siebzigjährige Frau hatte die meiste Zeit ihres Lebens unter dem mächtigen Dienst meines Grossvaters verbracht. Als sie im Neuen Testament über das Leiden Christi für die Sünder las, erstaunte sie darüber als etwas Wirkliches und sehr Wunderbares, aber etwas ganz Neues für sie. Sie verwunderte sich darüber, dass sie noch nie davon gehört hätte; aber gleich darauf erinnerte sie sich, dass sie oft davon gehört und gelesen hatte, aber es noch nie zuvor als etwas Wirkliches gesehen hatte. Sie begann darüber nachzudenken, wie wunderbar es war, dass der Sohn Gottes solches Leiden für die Sünder auf sich genommen hatte; und wie sie ihre Zeit in undankbarem Sündigen gegen einen so guten Gott und einen solchen Erlöser verbracht hatte. (Obwohl sie als eine Person von untadeliger und unanstössiger Lebensführung bekannt war.) Sie war so überwältigt von diesen Gedanken, dass sie beinahe darunter zerbrach und die Menschen um sie herum dachten, sie würde sterben.

Viele sprachen davon, wie ihre Herzen in Liebe zu Gott und Christus hingezogen wurden; und wie ihr Sinn von entzückender Betrachtung der Herrlichkeit und Gnade Gottes erfüllt wurde, und der Vorzüglichkeit Jesu und seiner opferbereiten Liebe. Mehrere unserer Kinder drückten dies aus und sagten, sie seien bereit, Vater und Mutter und alle Dinge in der Welt zu verlassen, um bei Jesus zu sein. Mehrere Personen wurden derart überwältigt von der Herrlichkeit Gottes, dass ihr Körper wahrscheinlich zerbrochen wäre, wenn Gott ihnen noch ein wenig mehr von sich selbst gezeigt hätte. Ich habe einige in einem solchen Zustand gesehen und mit ihnen gesprochen, und sie waren mit Gewissheit völlig nüchtern und weit entfernt von jeglicher wilden Schwärmerei. Und sie sprachen – wenn sie überhaupt zu sprechen in der Lage waren – von der Herrlichkeit der Vollkommenheit Gottes, von seiner wunderbaren Gnade in Christus, und ihrer eigenen Unwürdigkeit, in einer Weise, wie es gar nicht ausgedrückt werden kann.

Jene unter uns, die mit den aussergewöhnlichsten Offenbarungen ausgezeichnet wurden, zeigten in keiner Weise die anmassende, überhebliche und selbstzufriedene Haltung von Schwärmern; ganz im Gegenteil. Sie sind bekannt für einen demütigen, bescheidenen Geist. Kaum jemand sonst ist sich so seines Bedürfnisses nach Belehrung bewusst, und so eifrig, sie aufzunehmen, wie einige von ihnen; oder ist so schnell dazu bereit zu denken, andere seien besser als sie selber. Sie sprechen viel von ihrer Errettung durch die freie und souveräne Gnade, durch die Gerechtigkeit Jesu allein; und sie verzichten freudig auf ihre eigene Gerechtigkeit. Oft sagen sie, ihre Worte seien gar nicht imstande, ihre Erfahrungen auszudrücken. Einige berichten, wie ihnen diese geistlichen Erfahrungen die Nichtigkeit aller irdischen Vergnügungen gezeigt hatten, und wie gemein und wertlos ihnen jetzt alle diese Dinge erscheinen.

Viele vergassen sogar zu essen, während ihr Sinn von geistlichen Köstlichkeiten erfüllt wurde. Auch alle Dinge draussen, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Wolken, der Himmel und die Erde, erscheinen ihnen, als läge eine göttlichen Herrlichkeit und Lieblichkeit darauf. Sie erfreuen sich auch der Gewissheit ihres Heils; aber das ist nicht das Hauptobjekt ihrer Gedanken und Meditationen. Vielmehr richtet sich die höchste Aufmerksamkeit ihres Geistes auf die herrliche Vorzüglichkeit Gottes und Christi.

Die grösste Freude finden viele von ihnen, wenn sie am tiefsten in den Staub gedemütigt und von sich selbst entleert sind; wenn sie nichts sind, und Gott alles ist. Viele spüren eine ernsthafte Sehnsucht der Seele, Gott zu loben; aber zugleich klagen sie, dass sie ihn nicht so loben könnten wie sie wollten, und sie möchten, dass andere ihnen dabei helfen, Gott zu loben. Sie möchten, dass jedermann Gott lobe, und rufen alle Dinge auf, ihn zu loben. Sie haben ein sehnsuchtsvolles Verlangen, zur Ehre Gottes zu leben, und etwas zu seiner Ehre zu tun; aber gleichzeitig beklagen sie ihr Ungenügen und ihre Fruchtlosigkeit, und dass sie nichts von sich aus tun können.

Während Gott auf so bemerkenswerte Weise unter uns gegenwärtig war durch seinen Geist, war kein Buch so köstlich wie die Bibel; besonders die Psalmen, die Prophezeiungen Jesajas, und das Neue Testament. Unsere Bekehrten waren vereint in brüderlicher Liebe zueinander. Nie wurden so viele Sünden bekannt und Schaden wiedergutgemacht wie letztes Jahr. Die Bekehrten zeigten auch ein grosses Verlangen nach der Bekehrung anderer.

Einige Personen erfuhren durch ihre Bekehrung eine grosse Hilfe inbezug auf ihre lehrmässigen Vorstellungen. Das war besonders auffällig in einem, der als Kind nach Kanada entführt und in der Religion der Papisten erzogen worden war. Vor einigen Jahren war er hierher in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und war in gewissem Mass vom päpstlichen Glauben abgebracht worden; aber er schien sehr ungeschickt und unverständig zu sein in der reformierten Lehre, bis er bekehrt wurde. Dann war er in dieser Hinsicht ausserordentlich verändert.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 1

4. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers

Jonathan Edwards (1703-1758) war ein Pionier der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika, während der sich grosse Mengen von Menschen zu Jesus Christus bekehrten.

Im Jahre 1736, als Edwards seinen „Getreuen Bericht“ schrieb, befand sich die Erweckung noch in ihren Anfängen, und er selber hätte sich das Ausmass des Wirkens Gottes in den folgenden Jahren nicht vorstellen können. Er beschreibt in seinem Bericht hauptsächlich, wie Gott in den Menschen wirkte, die sich in diesen Anfängen der Erweckung bekehrten. Darin liegt der besondere Wert dieser Schrift: Ihr Verfasser zeigt ein klares und tiefes Verständnis davon, was eine Bekehrung ist. Genau das ist es, was wir heutzutage brauchen: Viele Prediger (inbegriffen Evangelikale und „Bibeltreue“) wissen nicht mehr, was Überführung von der Sünde ist, was echte Umkehr ist, und was echter Glaube ist, der durch die Gnade Gottes gewirkt wird, nicht durch die eigene Vorstellungskraft. Eine Bekehrung ist kein „Ritual“, das man in einer Kirche nach einer festgeschriebenen Form durchführen könnte (wie z.B. die bekannten „Aufrufe“ und „Übergabegebete“). Im Gegenteil, eine Bekehrung ist ein souveränes Werk Gottes, das mit einer ernsthaften geistlichen Suche von seiten des Sünders einhergeht.

Wir können vieles lernen von diesem Mann Gottes, der vor fast dreihundert Jahren mächtig gebraucht wurde.

In der vorliegenden Übersetzung wurden einige Abschnitte beiseitegelassen, die nicht direkt das Thema der Bekehrung ansprechen, oder die bereits Gesagtes allzu weitschweifig ausführen.
Die Einteilung in drei grosse Teile (I, II, III) ist ursprünglich vom Verfasser; die Untereinteilung in kleinere Abschnitte (1, 2, 3…) wurde vom Übersetzer hinzugefügt, um den Überblick zu erleichtern.


I. Allgemeine Einleitung

1. Vorgeschichte der Erweckung

Das Städtchen Northampton besteht seit etwa 82 Jahren, und hat jetzt etwa 200 Familien.
Ich bin der dritte Pfarrer, der sich in diesem Ort niedergelassen hat. Der erste war Eleazer Mather, der im Juli 1669 ordiniert wurde. Er liebte sein Volk sehr und wurde mit nicht geringem Erfolg gesegnet. Ihm folgte mein Grossvater Stoddard, der fast 60 Jahre lang an diesem Ort diente. Sein Dienst wurde mit der Bekehrung vieler Seelen gesegnet. Er hatte fünf „Ernten“, wie er es nannte. Die erste war vor 57 Jahren, die fünfte und letzte vor 18 Jahren. Er sagte, dass während jeder dieser „Ernten“ die Mehrheit der jungen Leute des Städtchens hauptsächlich um ihre ewige Errettung besorgt waren.

Nach der letzten „Ernte“ kam eine Zeit derart starken Niedergangs, zumindest unter den Jungen, wie nie zuvor. Etwa zwei Jahre vor seinem Tod trat ich meinem Grossvater im geistlichen Dienst zur Seite. Während dieser zwei Jahre gab es gegen zwanzig Menschen, von denen Herr Stoddard hoffte, sie hätten sich bekehrt zur Erlösung; aber es gab keine Anzeichen einer allgemeinen Erweckung. Unmittelbar nach dem Tod meines Grossvaters herrschte eine aussergewöhnliche Gleichgültigkeit der Religion gegenüber. Viele Jugendliche waren dem nächtlichen Ausgehen ergeben, dem Kneipenbesuch und der Ausschweifung. Oft verbrachten sie den grössten Teil der Nacht an ihren Parties, ohne die Ordnungen ihrer elterlichen Familien zu beachten; und tatsächlich versagte die Führung der Familien allzusehr.
Zudem herrschte in dem Ort seit längerem ein streitsüchtiger Geist zwischen zwei Parteien, in die sie seit vielen Jahren gespalten waren; sodass sie aufeinander eifersüchtig waren und einander in allen öffentlichen Angelegenheiten widersprachen.

Aber zwei oder drei Jahre nach Herrn Stoddards Tod wurden die Jugendlichen eher bereit, auf Ratschläge zu hören, und gaben allmählich ihre Parties auf, und mehr von ihnen als früher zeigten ein religiöses Interesse.

Am Ende des Jahres 1733 begann eine ungewöhnliche Offenheit unter den Jugendlichen. Sie hatten ihre Parties insbesondere an den Sonntagabenden gefeiert. Aber ich predigte jetzt über die schlechten Einflüsse dieser Gewohnheit, und ermahnte die Familienhäupter, ihre Familien zu regieren und ihre Kinder zu diesen Zeiten zuhause zu behalten. Aber die Eltern fanden kaum Anlass, Massnahmen in diesem Sinn zu ergreifen, denn die Jugendlichen selber zeigten sich überführt durch das, was sie von der Kanzel gehört hatten, und gehorchten aus eigenem Willen. Von da an besserte sich ihr unordentliches Verhalten, und das hielt an bis jetzt.

Nach diesem begann eine bemerkenswerte religiöse Sorge in einem kleinen Nachbardorf namens Pascommuck. Im April 1734 starb ein junger Mann plötzlich auf schreckliche Weise; und wenig später starb eine junge verheiratete Frau, die während ihrer Krankheit sehr um ihre Errettung besorgt war, aber vor ihrem Tod anscheinend zufriedenstellende Sicherheit über die Gnade Gottes ihr gegenüber erhielt, sodass sie sehr getröstet starb, während sie auf ernsthafte Weise andere warnte und beriet. Das trug anscheinend dazu bei, in vielen Jugendlichen eine ernsthafte Gesinnung zu wecken.

Im Herbst jenes Jahres schlug ich den Jugendlichen vor, sich an den Sonntagabenden unter sich zu versammeln, um über religiöse Dinge zu sprechen, und sich zu diesem Zweck in mehrere Gruppen in verschiedenen Stadtvierteln aufzuteilen. Das taten sie, und diese Versammlungen werden immer noch abgehalten, und auch ältere Leute ahmten ihr Beispiel nach.

Etwa um diese Zeit begann in diesem Landesteil der grosse Lärm um den Arminianismus. Die Freunde der Frömmigkeit fürchteten diese Angelegenheit; aber die Auseinandersetzung trug im Gegenteil zur Erweckung bei. Viele derer, die wussten, dass sie ohne Christus lebten, wurden davon aufgeweckt, denn sie fürchteten, Gott würde sich aus dem Land zurückziehen und uns den Irrlehren und dem Verderben überlassen, und dann wäre ihre Gelegenheit, errettet zu werden, vorbei. Andere begannen ein wenig zu zweifeln an den Lehren, die sie bisher gelehrt worden waren, und dann begannen sie sehr besorgt und fleissig nachzuforschen, worin wirklich der Weg besteht, von Gott angenommen zu werden.

2. Die Anfänge der Erweckung

Ende Dezember begann der Geist Gottes auf wunderbare Weise zu wirken. Plötzlich wurden fünf oder sechs Personen, eine nach der anderen, nach allen Anzeichen zur ewigen Errettung bekehrt, und in einigen von ihnen wirkte Gott in bemerkenswerter Weise.

Besonders der Fall einer jungen Frau überraschte mich, die eine der eifrigsten Partygängerinnen der ganzen Stadt gewesen war. Nie zuvor hatte ich gehört, dass sie auf irgendeine Weise ernsthaft gewesen wäre; aber als sie zu mir kam, berichtete sie mir von einem herrlichen Werk der unendlichen Macht und souveränen Gnade Gottes; und dass Gott ihr ein neues Herz gegeben hatte, das wirklich zerbrochen und geheiligt war. Ich konnte nicht daran zweifeln, und ich habe seither in meiner Bekanntschaft mit ihr vieles gesehen, was es bestätigt.

Dennoch sorgte ich mich um die möglichen Auswirkungen dieser Bekehrung auf andere. Ich schloss allzu voreilig, dass einige dadurch in ihrer unbekümmerten und losen Lebensführung bestärkt werden könnten, und die Religion lästern könnten. Aber wunderbarerweise war es umgekehrt: Gott machte daraus die grösste Gelegenheit, andere zu erwecken. Durch meine persönlichen Gespräche mit vielen hatte ich genügend Gelegenheit, die Auswirkungen kennenzulernen. Die Nachricht schien wie ein Blitz in die Herzen der Jugendlichen in der Stadt und ausserhalb einzuschlagen. Jene, die am weitesten von der Ernsthaftigkeit entfernt waren, wurden dadurch erweckt. Viele gingen zu der jungen Frau, um mit ihr über ihre Erfahrung zu sprechen; und was sie in ihr sahen, war zur Zufriedenheit aller, die sie kennenlernten.

Damit begann in allen Stadtteilen, und unter Menschen aller Schichten und allen Alters, eine grosse und ernsthafte Sorge um die grossen Dinge des Glaubens und der Ewigkeit. Es wurde über nichts anderes mehr gesprochen als über geistliche und ewige Dinge. Andere Gesprächsthemen wurden in Gesellschaft kaum noch toleriert. Die Sinne der Menschen wurden auf wunderbare Weise von den Dingen der Welt weg gelenkt, welche unter uns als Dinge von geringster Wichtigkeit behandelt wurden. Die grössere Versuchung schien nun darin zu bestehen, die Angelegenheiten dieser Welt zu sehr zu vernachlässigen und allzuviel Zeit mit religiösen Dingen zu verbringen. Das wurde in Nachrichten andernorts übertrieben und verzerrt dargestellt, als ob die Leute hier alle weltlichen Beschäftigungen überhaupt aufgegeben hätten und ihre Zeit nur noch mit Lesen und Beten verbrächten.

Aber obwohl die Leute normalerweise ihre weltlichen Geschäfte nicht vernachlässigten, so war doch die Religion zur Hauptsache geworden. Das einzige, worauf sie ihren Blick richteten, war, ins Himmelreich zu kommen, und jeder schien sich hineinzudrängen. Da war es unter uns ein schreckliches Ding, sich ausserhalb von Christus zu befinden und täglich in Gefahr zu stehen, in die Hölle zu fallen; und die Menschen richteten ihren Sinn darauf, um ihr Leben zu fliehen und dem kommenden Zorn zu entrinnen. Oft trafen sie sich in ihren Häusern zu religiösen Zwecken, und solche Versammlungen waren jeweils überfüllt.

In dem Mass, wie dieses Werk Gottes fortschritt und sich die Anzahl echter Heiliger vermehrte, änderte sich die Stadt auf herrliche Weise: Im Frühling und Sommer 1735 schien die Stadt erfüllt von der Gegenwart Gottes. Nie zuvor war sie so voll von Liebe und Freude gewesen, und doch so voll von Seelennot. In fast jedem Haus gab es Zeichen von Gottes Gegenwart. Es war eine Zeit der Freude in den Familien über die Errettung, die zu ihnen gekommen war: Eltern freuten sich über ihre wiedergeborenen Kinder, Männer über ihre Ehefrauen und Frauen über ihre Ehemänner. Unsere öffentlichen Versammlungen waren voll Schönheit: die Menschen waren lebendig im Dienst Gottes, jedermann ernsthaft darauf bedacht, Gott anzubeten, jeder Zuhörer trank fleissig die Worte des Predigers; die ganze Versammlung brach ab und zu in Tränen aus, während das Wort verkündigt wurde; einige weinten aus Sorge und Seelennot, andere aus Freude und Liebe, andere aus Mitleid und Besorgnis um die Seelen ihrer Nächsten.

Wenn unsere Jugendlichen zusammenkamen, verbrachten sie die Zeit mit Gesprächen über die Vorzüglichkeit und die opfernde Liebe Jesu, über die Herrlichkeit des Heilswegs, die wunderbare, freie und souveräne Gnade Gottes, sein herrliches Werk in der Bekehrung einer Seele, die Wahrheit und Gewissheit von Gottes Wort, die Lieblichkeit seiner Vollkommenheit, usw. Und sogar an Hochzeiten, die früher nur Gelegenheiten zu weltlichen Vergnügungen gewesen waren, wurde jetzt von nichts anderem gesprochen als von religiösen Dingen, und es gab keine andere Freude ausser der Freude im Geist.
Jene unter uns, die schon früher bekehrt worden waren, wurden mächtig belebt und erneuert mit einem frischen und aussergewöhnlichen Mass des Heiligen Geistes. Viele, die zuvor unter Schwierigkeiten über ihren eigenen Zustand gelitten hatten, sahen nun ihre Zweifel beseitigt durch eine befriedigendere Erfahrung und klarere Entdeckungen der Liebe Gottes.

Die Menschen von ausserhalb der Stadt wussten anscheinend nicht, was sie davon halten sollten. Viele lachten darüber und verglichen unsere Bekehrungen mit gewissen Krankheiten. Aber viele, die gelegentlich in die Stadt kamen mit Verachtung in ihren Herzen, wurden von dieser Haltung geheilt durch das, was sie sahen. Fremde waren im allgemeinen überrascht, dass die Dinge noch viel wunderbarer waren, als sie gehört hatten, und sagten anderen, man könne sich den Zustand der Stadt gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hätte.
Viele, die in die Stadt kamen, wurden in ihrem Gewissen geschlagen und erweckt, und gingen mit verwundetem Herzen nach Hause, und mit diesen Eindrücken, die nicht weggingen, bis sie zur Errettung fanden. Viele Leute kamen von ausserhalb zu Besuch oder für Geschäfte, und bevor sie lange Zeit hier gewesen waren, wirkte Gott in ihnen zur Errettung, und sie nahmen teil an dem Segen, den Gott hier herabschüttete, und gingen frohlockend nach Hause; bis mit der Zeit dasselbe Werk auch in anderen Städten des Bezirks anfing.

Diese bemerkenswerte Ausgiessung des Heiligen Geistes geschah auch an vielen Orten in Connecticut. Z.B. wurde die erste Kirche in Windsor etwa zur gleichen Zeit wie wir in Northampton auf dieselbe Weise gesegnet, ohne dass wir voneinander wussten. Sehr viele Seelen wurden an jenem Ort zu Christus versammelt.

Es war auch aussergewöhnlich, dass der Geist Gottes seinen Einfluss zur Wiedergeburt auf alte und auf sehr junge Menschen ausgedehnt hat. Bisher hat man selten davon gehört, dass Menschen jenseits der Lebensmitte bekehrt worden seien; aber jetzt sind ebensoviele ältere wie jüngere Menschen errettet worden. Ich nehme an, dass mehr als fünfzig Personen über vierzig Jahren in dieser Stadt bekehrt worden sind; mehr als zwanzig Personen über fünfzig; etwa zehn Personen über sechzig; und zwei über siebzig Jahren.

Es ist bisher als etwas Seltsames angesehen worden, wenn jemand in seiner Kindheit errettet wurde und sich auf bemerkenswerte Weise veränderte. Aber jetzt sind rund dreissig Personen zwischen zehn und vierzehn Jahren errettet worden; zwei zwischen neun und zehn Jahren, und eine im Alter von vier Jahren. Da ich annehme, letzteres wird man mir nur mit grössten Schwierigkeiten glauben, so werde ich am Schluss einen besonderen Bericht davon geben.

Gott scheint auch inbezug auf die Schnelligkeit seines Werkes seine üblichen Wege verlassen zu haben. Es ist wunderbar, dass Menschen so plötzlich und so stark verändert wurden. Viele wurden aus einem losen und unbekümmerten Leben herausgenommen, von ihrer Schuld und ihrem Elend zutiefst überführt, und in sehr kurzer Zeit war das Alte vergangen, und alles in ihrem Leben wurde neu.
Wenn Gott das Werk auf so bemerkenswerte Weise in seine eigenen Hände nahm, dann geschah in einem oder zwei Tagen so viel, wie in gewöhnlichen Zeiten mit allen menschenmöglichen Anstrengungen in einem Jahr geschieht.

Ich bin mir sehr bewusst, dass viele Leser dieses Berichts denken werden, ich sei darauf aus, möglichst viele Bekehrte zu machen; und ich betrachtete aus Mangel an Urteilsvermögen jedes religiöse Weh und jede schwärmerische Einbildung als eine Bekehrung. Genau deswegen habe ich so lange damit zugewartet, einen Bericht über dieses grosse Werk Gottes zu veröffentlichen, obwohl ich oft darum gebeten wurde. Aber da ich nun einen besonderen Ruf habe, über dieses Werk Rechenschaft abzulegen, so dachte ich nach reiflicher Überlegung, es sei meine Pflicht, dieses erstaunliche Werk zu verkünden und nichts von seiner Herrlichkeit zu verschweigen. Ich überlasse es Gott, sich um die Ehre für sein eigenes Werk zu sorgen, und gehe das Risiko von verurteilenden Gedanken gegen meine Person ein. Damit Menschen in der Ferne so gut wie möglich selber über diese Sache urteilen können, werde ich länger und detaillierter schreiben.