Posts Tagged ‘Bibelkritik’

Der Islam – Geissel einer abgefallenen Christenheit?

3. Januar 2017

Ein einschneidendes, aber wenig bekanntes Datum aus der Kirchengeschichte ist die Synode von Whitby, 664. Dort wurde beschlossen, die keltische Kirche mit der angelsächsischen zu vereinigen; was bedeutete, sie dem Papst unterzuordnen. Damit verschwand die letzte von Rom unabhängige christliche Gemeinschaft in Europa, und der Papst wurde zum unumschränkten Herrscher. (Nur in Irland konnten die Kelten faktisch noch eine gewisse Unabhängigkeit behaupten.)

Das geschah natürlich nicht einfach so aus heiterem Himmel. Die keltische Christenheit muss sich bereits in einer Etappe geistlicher Abkühlung befunden haben. Die grosse Zeit der irischen Wanderprediger (wie z.B. Columbanus) ging zur Neige. Es entstand eine „ökumenische Bewegung“, welche die Vereinigung mit dem römischen Katholizismus befürwortete. Ein modernes Kirchengeschichtsbuch beschreibt diesen Vorgang beschönigend so: „Gegen Ende des 7.Jh. erwuchs eine Generation von Kirchenführern, die die Ordnung und Autorität Roms mit dem Gefühls- und Ideenreichtum des keltischen Christentums zu vereinigen wussten. Aidan von Lindisfarne (…) übernahm zusammen mit einigen Angelsachsen, darunter Wilfrid von York, die Führung bei der Überwindung von Heidentum und Rassenhass. Mit königlicher Unterstützung durch König Oswald von Northumbrien gelang das Unternehmen. Die Synode von Whitby beschloss 664 die Einigung der keltischen und der katholischen Kirche in England.“

Philip Schaff, ein Kirchenhistoriker des 19.Jh, beschreibt jedoch die Geschichte etwas anders:

„Der Streit zwischen dem angelsächsischen (römischen) und dem britischen (keltischen) Ritus flammte in der Mitte des 7.Jh. neu auf, endete aber mit dem Sieg des ersteren in England. (…) Die Kontroverse wurde in einer Synode in Whitby 664 entschieden, in Gegenwart von König Oswy (Oswald) und seinem Sohn Alfrid. Colman, der zweite Nachfolger Aidans, verteidigte den schottischen Ostertermin mit der Autorität von St.Columba und des Apostels Johannes. Wilfrid begründete den römischen Brauch mit der Autorität des Petrus (…) Als er erwähnte, Petrus seien die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, sagte der König: ‚Ich will dem Türhüter nicht widersprechen, damit nicht, wenn ich zur Himmelstür komme, niemand da ist, um mir zu öffnen.‘ Mit diesem unwiderstehlichen Argument war die Opposition gebrochen, und die Konformität mit den römischen Gebräuchen hergestellt. (…) Colman, schwer getroffen, kehrte mit seinen Anhängern nach Schottland zurück. (…) Tuda wurde an seiner Stelle zum Bischof ernannt.
Wenig später wütete eine schreckliche Pest durch England und Irland, während Kaledonien (Nordschottland) verschont blieb …“

Schaff sagt auch:

„Es ist bemerkenswert, dass die missionarische Aktivität der irischen Kirche sich auf die Zeit ihrer Unabhängigkeit von der römischen Kirche beschränkt.“

Nach 700 zeigten sich die Auswirkungen auch auf dem kontinentalen Europa. Der Angelsachse Bonifatius bemühte sich eifrig und mit Erfolg, im heutigen Deutschland die Herrschaft Roms über jene Gebiete zu festigen, die zuvor von den unabhängigen Iren missioniert worden waren.

Ist es Zufall, dass diese Vorgänge zeitlich in die Epoche der schnellsten Ausbreitung des Islam fielen? Im Todesjahr Mohammeds (632) war die arabische Halbinsel islamisch. 642 begannen die Vorstösse der arabischen Sarazenen nach Nordafrika. Ab 670 begann die Eroberung des westlichen Nordafrika (heutiges Algerien und Marokko); 711 setzten sie nach Europa über.

– Machen wir einen grossen Sprung nach vorne. Vom 14.Jahrhundert an sah sich Europa wiederum bedroht durch den Islam; diesmal in Form des Osmanischen Reiches, welches von der Türkei her über den Balkan nach Westen vorstiess. Bekanntestes Datum aus jener Epoche dürfte der Fall Konstantinopels sein (1453). Aber schon um 1400 stand die Stadt Konstantinopel nur noch wie eine Insel inmitten des Osmanischen Reiches, welches die ganze Osthälfte der Balkanhalbinsel beherrschte. Im 15.Jh. nahmen sie weitere Gebiete ein.

Auch diese Epoche islamischer Ausbreitung fällt zusammen mit einer Epoche grosser politischer Macht, und zugleich Verweltlichung, der sogenannten Christenheit und des Papsttums. Es ging jetzt zwar nicht mehr um territoriale Ausweitungen des römisch-katholischen Herrschaftsgebiets, aber um die Macht des Papstes über den Kaiser. 1302 erklärte Papst Bonifatius VIII, der römische Papst habe das von Gott gegebene Recht, nicht nur die kirchliche, sondern auch die weltlich-politische Herrschaft über die ganze Welt auszuüben. (Das ist bis heute ein verbindliches römisch-katholisches Dogma, denn die Bulle „Unam Sanctam“, welche diese Erklärung enthält, ist nie widerrufen worden, und gilt nach römischer Lehre als „unfehlbar“.)
Während der darauffolgenden Zeit verfiel zwar die politische Macht des Papsttums ein wenig aufgrund interner Intrigen. Aber noch 1493 fühlten sich die Päpste wie selbstverständlich als Weltherrscher, sodass Alexander VI sich anmasste, in einer offiziellen Bulle dem spanischen Königspaar und dessen Nachfolgern „für alle Zeiten“ die Herrschafts- und Eigentumsrechte am ganzen neu entdeckten amerikanischen Kontinent jenseits eines bestimmten Längengrades zuzusprechen, unter der Bedingung, dass sie die Einwohner aller dieser Länder zu Katholiken machten. (Auch dieses Dekret ist trotz verschiedener Vorstösse von Vertretern amerikanischer Ureinwohner bis heute nicht widerrufen worden.)
Was die „Ökumene“ betrifft, so war die römische Kirche in jener Epoche so mächtig, dass sie es nicht mehr für nötig hielt, diese Frage auf dem Verhandlungsweg anzugehen. Die Albigenser wurden auf brutalste Weise ausgerottet; die Waldenser in versteckte Winkel in den italienischen Alpen zurückgetrieben; die Anhänger Wycliffs verfolgt; Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz verbrannt. Nur mit der „orthodoxen“ Kirche des Ostens versuchte man noch auf diplomatischem Weg zu einer Einigung zu gelangen, mittels Verhandlungen mit dem Kaiser von Konstantinopel. 1439 unterzeichnete dieser ein Dekret zur Wiedervereinigung mit Rom, das aber erst 1452 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später gab es in Konstantinopel keinen Kaiser mehr.

– Und wie sieht es heute aus? Wiederum sehen wir einen erschreckenden Niedergang der geistlichen Substanz in der sogenannten Christenheit. In den ehemaligen Reformationskirchen behaupten führende Theologen schon seit über hundert Jahren, die Bibel sei gefälscht, Jesus sei nicht leiblich vom Tod auferstanden, und die Grundsätze biblischer Ethik seien heute nicht mehr gültig. Weite Kreise in diesen Kirchen unterstützen jetzt antichristliche Strömungen wie z.B. den Marxismus, die „Gender“-Ideologie, oder den Islam (!). Sie agieren weltlich-politisch, interessieren sich aber nicht für eine geistliche Umkehr oder für Gottes Gebote. Eher neu ist jedoch, dass jetzt auch die evangelikalen Freikirchen weithin in diesen bibelkritischen, antichristlichen und weltlich-politischen Strömungen mitschwimmen.
Gleichzeitig sehen wir, wie sich die genannten Kirchen zunehmend an Rom annähern. Das Jahr 2017 könnte in dieser Hinsicht eine ähnliche kirchengeschichtliche Bedeutung erhalten wie Whitby 664. Auch das geschieht natürlich nicht erst seit gestern: schon jahrzehntelang laufen Vorbereitungen für die von den höchsten Leitern geplante „Wiedervereinigung“.

Und auch diese Epoche der Verweltlichung und zugleich Ökumenisierung fällt zusammen mit einer neuerlichen Ausbreitung des Islam. Ist es Zufall, dass radikale Islamisten ihre Anhänger dazu aufgerufen haben, gerade in diesem Jahr 2017 ihre Angriffe auf europäische Ziele massiv zu verstärken?
Auch in unserer Zeit ist aber die Ausbreitung des Islam nicht ein punktuelles Ereignis, sondern eine Entwicklung, die schon mehrere Jahrzehnte andauert und sicher noch weiter andauern wird. Diese zunehmende Islamisierung und Radikalisierung hat ja nicht erst mit dem IS begonnen, sondern reicht mindestens bis in die 70er-Jahre zurück: „Ölschock“ 1973; persische Revolution 1979; Bewaffnung radikaler Islamisten durch die USA in Afghanistan ab 1980 – eine Politik übrigens, welche die USA seither im Nahen Osten konsequent weiter verfolgt haben, und die ihr Gerede vom „Krieg gegen den Terrorismus“ Lügen straft…

– Soweit meine Beobachtungen. Was schliesse ich daraus?

Zuerst und vor allem gehe ich davon aus, dass Gott allmächtig ist, und dass er Herr ist über die Weltgeschichte. Auch wenn wir von unserer irdischen Warte aus oft keinen Sinn sehen können in der Geschichte, so bin ich doch überzeugt, dass aus Gottes Perspektive alles Sinn macht. Und wenn Gott allmächtig ist, dann muss auch der Islam ein Werkzeug in seiner Hand sein, und muss letztendlich seinen Zielen dienen.

Was für Ziele könnten das sein? Da kann ich nur spekulieren; aber ich denke, einiges ist doch ziemlich klar ersichtlich.

1. Wenn die sogenannte Christenheit ihren Auftrag derart verfehlt, dass sie sich in ihren Entscheidungen und Werturteilen nach weltlichen Massstäben richtet und weltlich-politische Macht anstrebt, statt das Reich Gottes zu suchen, dann setzt Gott diesen Bestrebungen ein militärisches Gegengewicht entgegen. Er lässt es (noch) nicht zu, dass eine scheinchristliche Weltmacht die totale Kontrolle übernimmt. Hätte sich das Papsttum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nicht immer wieder gegen die Türken wehren müssen, dann hätte es seine Kräfte noch stärker darauf konzentriert, jene Bewegungen völlig auszulöschen, die wieder zu einem biblischen Christentum zurückkehren wollten.

2. Gott möchte, dass auch die Moslems Jesus kennenlernen und durch ihn erlöst werden. Das ist eher möglich, wenn er sie aus ihren islamischen Ländern herausholt. Doch denke ich, wenn dies das Motiv ist, dann wird er sie eher ins südlichere Afrika schicken, wo es noch mehr echte Christen gibt, und wo die Versuchung einer Scheinbekehrung zur materiellen Bereicherung nicht so gross ist wie in Europa.

3. Eine vom Glauben abgefallene Christenheit lädt zur Islamisierung ein. Damit meine ich nicht in erster Linie die direkten Einladungen, die von europäischen Politikern an islamische Immigranten ausgesprochen worden sind. Ich meine vielmehr, dass der Glaubensabfall der sogenannten Christen Moslems dazu anspornt, diesen den Islam als rettende Alternative zu bringen.
Das muss ich vielleicht mit einigen Vergleichen und Beispielen klarmachen. Manche westlichen Hilfswerke werben mit Bildern von hungernden Kindern um Spenden und um freiwillige Mitarbeiter. Die Botschaft dahinter ist so ungefähr: „Diese Kinder hungern, weil sie die Segnungen der westlichen Zivilisation nicht haben, die du hast. Gib ihnen also etwas von dem, was du hast.“ – In früheren Zeiten hätte man vielleicht zusätzlich gesagt: „Die Leute in diesen Ländern sind arm, weil sie das Evangelium nicht haben. Wir müssen ihnen das Evangelium bringen.“ (Es ist heute in Europa nicht mehr zeitgemäss, so etwas zu sagen; aber Leser mit christlichem Hintergrund können vielleicht auch diese letztere Argumentation nachvollziehen.)
Was sehen nun Moslems, wenn sie nach Europa blicken? Natürlich sehen sie all den materiellen Reichtum; aber sie sehen noch etwas anderes: Sie sehen euch Europäer als geistlich Hungernde. „Sieh nur, wie krank Europa ist. Überall Pornographie; ihre Frauen laufen halbnackt auf den Strassen herum; Homosexuelle heiraten; Diebe werden nicht genügend hart bestraft; Gott darf öffentlich gelästert werden; die Leute beten nicht; sie lesen die heiligen Schriften nicht; … – Wir müssen ihnen den Islam bringen, damit sie aus ihrem unmoralischen und ungläubigen Zustand errettet werden!“ – Das dürfte das Motiv nicht weniger Moslems sein, die mit missionarischen und/oder kriegerischen Absichten nach Europa kommen. Das Schlimmste daran ist, dass viele dieser unmoralischen Europäer sich „Christen“ nennen. So reimt sich der Moslem die Gleichung zusammen: „Christ = unmoralisch“.
Ja, manche europäischen Länder sind in den letzten Jahren so weit gegangen, gewisse biblisch begründete Aussagen zu verbieten. Christliche Prediger haben Verfolgung erlitten, nur weil sie gewisse Dinge, die in der Bibel stehen, allzu deutlich gesagt haben. Also lässt Gott es jetzt zu, dass Europa mit moslemischen Predigern (und nicht nur Predigern) überschwemmt wird. Diese werden noch viel krassere Dinge sagen als die christlichen Prediger. Manches davon wird falsch, verzerrt oder völlig extrem sein; aber es werden auch Wahrheiten darunter sein – genau jene Wahrheiten, die man in Europa aus dem Munde christlicher Prediger nicht mehr hören will.

4. Damit komme ich zum unbequemsten Punkt: Gott ist nicht nur „gnädig“. Er straft auch, wo es nötig ist. Manche Begebenheiten aus dem Alten Testament zeigen, dass Gott als Werkzeuge dazu auswählt, wen er will – sogar barbarische, blutrünstige Herrscher, die nachher selber von Gott gerichtet werden müssen. Wer denkt, Gott würde heute nicht mehr in ähnlicher Weise handeln, der muss sich die Frage gefallen lassen: Was sollte Gott dann sonst tun? Sollte er das Böse einfach so lange gewähren lassen, bis im Endergebnis die schlimmsten Gräueltaten nicht mehr von den Heiden begangen werden, sondern von jenen, die sich „Christen“ nennen? – Tatsächlich hat Gott es ja im Mittelalter (und auch in jüngerer Vergangenheit!) öfters tatsächlich so weit kommen lassen; wodurch viel Schmach und Schande auf den Namen Jesu gebracht wurde. Aber irgendwann kommt ein Moment, wo Gott sagt: „Genug!“ Und dann schickt er z.B. die Türken (siehe Punkt 1).
Eine Person und auch eine Nation, die einmal Jesus gekannt hat und mit seinem Wort vertraut ist, hat in dieser Hinsicht eine viel grössere Verantwortung vor Gott als ein „Heide“. Gott straft denjenigen, „den er als Sohn annimmt“ (Hebräer 12,6; siehe auch Vers 8), um ihn zur Umkehr zu bringen (V.10-11). Wer einmal „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden ist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Weltzeit geschmeckt hat“ (Hebräer 6,4-6), und dann auf diesen Ruf zur Umkehr nicht reagiert, sondern ganz abfällt, der ist vor Gott unvergleichlich viel schuldiger als jemand, der in Sünde lebt, weil er Jesus gar nie gekannt hat.
Ich glaube, dass sich diese Prinzipien in gewisser Weise auf ganze Nationen und Kulturkreise übertragen lassen. So wie Gott durch die Propheten oft das Volk Israel als Ganzes anspricht, als ob es eine einzige Person wäre, so spricht er heute auch zu Europa als Ganzes, oder zumindest zu den jeweiligen europäischen Nationen als Ganze. Die Botschaft ist unüberhörbar. Kein Kontinent der Erde hatte so viele Jahrhunderte lang das Vorrecht, die biblische Botschaft zu kennen. Kein Kontinent der Erde hat so viele Beweise von Gottes Güte erlebt wie Europa. Und kein Kontinent der Erde hat sich Gott gegenüber so undankbar und untreu gezeigt, im Vergleich zu den erhaltenen Segnungen. (Mit Ausnahme vielleicht der USA, die ja ursprünglich auch aus dem europäischen Kulturkreis hervorgegangen sind.) Wie laut muss Gott noch rufen, bis Europa zuhört?

Nochmals Richard Wurmbrand

31. August 2014

Richard Wurmbrand ist vor allem bekannt für seine Geschichte als Glaubensgefangener in Rumänien, und für seinen späteren Einsatz für verfolgte Christen in kommunistischen Ländern. Es gibt aber noch einige andere Aspekte seines geistlichen Erbes, die auch nach dem sogenannten „Fall“ des Sowjetkommunismus aktueller denn je sind.

Einer dieser Aspekte kam z.B. in einer Aussage zum Ausdruck, die er einmal in einem Vortrag machte: Schon als er noch in Rumänien im Gefängnis sass, sei eines seiner wichtigsten Gebetsanliegen gewesen, dass im Westen gläubige, bibeltreue Apologeten ausgebildet würden, welche die sogenannt „wissenschaftliche“ Bibelkritik widerlegen könnten.
Die Bibelkritik ist wiederum mit dem Kommunismus verbunden, indem beides Formen der Gottesleugnung sind; und indem die Bibelkritik tatsächlich in Ost und West als wirksames Hilfsmittel der kommunistischen Propaganda eingesetzt wurde und wird.

Richard Wurmbrand ging es nämlich nicht nur um die direkte Hilfe für die Verfolgten. Sein Ansatz war nicht einfach „humanitär“. Er erkannte sehr wohl, dass eine wirklich wirksame Hilfe bei den tieferen Ursprüngen der Verfolgung ansetzen musste; und zu diesen tieferen Ursprüngen gehört insbesondere die kommunistische bzw. totalitäre Ideologie. Deshalb war es ihm ein ebenso wichtiges Anliegen, auch hier im Westen sowohl Kommunisten wie Nichtkommunisten über das wahre Wesen des Kommunismus aufzuklären und vor dessen Gefahren zu warnen. Er versuchte dabei das schwierige Kunststück (das ihm wohl nicht immer gelang), direkte Konfrontation mit liebevoller Überführung zu vereinen, um w.m. Kommunisten nicht nur zu widerlegen, sondern sie zum Glauben an Jesus zu führen. (In der Anfangszeit verwendeten einige der von ihm gegründeten Organisationen den Namen „Jesus to the Communist World“.) Zugleich versuchte er Christen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme im Westen zu warnen und sie darauf vorzubereiten. Seine Stimme war in dieser Hinsicht so klar, dass er sogar von westlichen Anti-Kommunisten kritisiert wurde, weil seine Äusserungen allzu direkt, „extrem“ und undiplomatisch seien. Dinge unter den Teppich zu kehren war nicht seine Art.

Deshalb gehörten Aufklärungs- und Protestaktionen gegen kommunistisch unterwanderte Organisationen und Veranstaltungen im Westen wesentlich zur Arbeit der von Wurmbrand gegründeten Werke in ihrer Anfangszeit. So war Wurmbrand einer der ersten, der öffentlich vor der kommunistischen (und bibelkritischen) Unterwanderung des ökumenischen Weltkirchenrats warnte. Er verfasste darüber u.a. die Flugschrift „Ist Gott tot, rot und eine Frau?“. Als ich kürzlich eine Google-Suche nach dieser Schrift durchführte, erhielt ich kein einziges Ergebnis; sie ist offenbar einfach von der Bildfläche verschwunden. Seit die Evangelische Allianz und die ihr angeschlossenen Organisationen auf die Linie des Weltkirchenrats eingeschwenkt sind, dürfte diese Schrift wohl auch im evangelikalen Lager als „politisch inkorrekt“ gelten.

Ein anderes Büchlein von Richard Wurmbrand, das anscheinend schon lange nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist „Vorbereitung auf die Untergrundkirche“. Er warnt darin Christen im Westen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme, und was dabei alles geschehen könnte, und wie man sich (v.a. geistlich) darauf vorbereiten könnte.
Allerdings rechnete er anscheinend nicht mit der Möglichkeit, dass eine solche Machtübernahme nicht nur durch einen plötzlichen Umsturz geschehen könnte, sondern ebenso (und vielleicht noch nachhaltiger) durch allmähliche Unterwanderung und (v.a. schulische) „Umerziehung“ des Volkes, wie es gegenwärtig z.B. in Deutschland (und möglicherweise in ganz Europa) geschieht. (Siehe dazu hier.) Das Volk wählt dann die kommunistischen Machthaber ganz demokratisch; und die echten Christen sind gesellschaftlich (und kirchlich!) so weit ausgegrenzt, dass schon gar niemand mehr ihre Verfolgung wahrnimmt.
– Man könnte hier einwenden, die gegenwärtige deutsche Staatsideologie sei etwas ganz anderes als der damalige Sowjetkommunismus. Ja, natürlich. Der Ursprung liegt anscheinend in der „Frankfurter Schule“, die im Vergleich zum Sowjetkommunismus eine grosse Weiterentwicklung darstellt; und zusätzlich sind Elemente aus dem Feminismus und der Gender-Ideologie, aus dem Nationalsozialismus, und von wer weiss woher sonst noch eingeflossen. Der Leser möge diese Ideologie also nennen wie er will; jedenfalls handelt es sich um eine Spielart des Staatstotalitarismus.

Besonders gibt mir zu denken, dass reformierte und Freikirchen – denen wir ja ursprünglich die bis vor kurzem in Europa geltende Religions- und Gewissensfreiheit zu verdanken haben – jetzt Strömungen unterstützen, die auf den Abbau ebendieser Freiheiten abzielen.

Richard Wurmbrands direkter Einsatz für Verfolgte ist (lobenswerterweise) von verschiedenen Organisationen weitergeführt worden. Aber das ist etwas, was auch völlig weltliche Organisationen wie z.B. Amnesty International tun könnten und z.T. ja auch tun. Hingegen scheint es nur wenige Personen zu geben, die seine Aufklärungsarbeit über die antichristliche Unterwanderung des Westens, und insbesondere der westlichen Kirchen, weiterführen. Wie die obigen Beispiele zeigen, sind sogar seine Schriften, die dieses Thema aufgreifen, weitestgehend in Vergessenheit geraten. Dabei wäre gerade das heute dringend notwendig. Noch mehr: Derselbe apologetische Kampf, den Wurmbrand gegen den Weltkirchenrat führte, müsste heute in derselben Weise auch gegen die Evangelische Allianz geführt werden.

 

Der Reformator Martin Luther – Teil 5 – Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

2. November 2012

Sehen wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung zwischen Luther und der katholischen Kirche genauer an. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

Ein päpstlicher Gesandter, der Kardinal Cayetan, bewies Luther, dass eine seiner Thesen einem Dekret des Papstes Clemens VI von 1343 widersprach. Luther antwortete, die Bibel habe Vorrang über alle Dekrete. Darauf antwortete Cayetan, der Papst stehe über den Konzilien und der Schrift. „Ich leugne, dass er über der Schrift stehe“, antwortete Luther. Damit endete das Gespräch.
In einer anderen Debatte sagte Luther, viele der Meinungen von Jan Hus seien völlig richtig. „Dann hat sich das Konzil geirrt, das ihn verurteilte?“, fragte Eck. Luther antwortete: „Auch Konzilien können irren.“ Diese Aussage war einer der Gründe dafür, dass Luther zum Ketzer erklärt wurde.
(Nach „Martin Luther“, bei http://www.proel.org)

Hier haben wir eines der wichtigsten Themen der Reformation. Welches ist die höchste Autorität der Kirche: die Bibel oder die Tradition?

Wenn wir glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert und irrtumslos ist, dann sollte die Antwort klar sein. In der Bibel haben wir die unfehlbare Lehre Jesu und seiner Apostel. Niemand sonst kann sich auf dieselbe göttliche Inspiration berufen wie die von Jesus selber beauftragten Apostel. Wenn also ein menschlicher Leiter der Bibel widerspricht, dann müssen wir immer die Bibel an die erste Stelle setzen. Die wichtigste Errungenschaft der Reformation besteht darin, dass sie die Kirche wieder zum Wort Gottes zurückgeführt hat.

Aber in den heutigen evangelischen und evangelikalen Kirchen sind die Dinge nicht mehr so klar. Tatsächlich befinden wir uns wieder in einer Situation wie vor der Reformation. Ist es übertrieben, das zu sagen? – Evangelische/Evangelikale feiern zwar nicht die römische Messe, und sie beten auch keine Heiligenbilder an. Aber die grundlegenden Fragen sind dieselben wie zur Zeit Luthers:

1. Muss ein Christ von seiner Sünde umkehren, oder kann er sich die Vergebung Gottes auf andere Weise „erkaufen“?

In seinen 95 Thesen erklärte Luther, dass Gott eine echte Reue und Herzensumkehr sucht, nicht nur eine äusserliche „Busse“. Die ersten drei seiner Thesen lauten:

„1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte „Tut Busse“ (richtiger: „Kehrt um“), wollte er, dass das ganze Leben des Gläubigen Busse (Umkehr) sei.
2. Dieses Wort kann nicht als sakramentale Busse verstanden werden, d.h. Beichte und Genugtuung, die von den Priestern erteilt wird.
3. Aber ebensowenig bedeutet es eine nur innerliche Reue. Es gibt keine innerliche Reue, die nicht auch äusserlich verschiedene Abtötungen des Fleisches bewirkte.“

Heute stehen wir wieder vor demselben Problem, aber in den evangelikalen Kirchen. Diese verkaufen zwar keine Ablässe. Aber sie bieten eine billige Gnade an; eine „Erlösung“ mittels eines „Übergabegebetes“, ohne sich darum zu kümmern, ob eine wirkliche Umkehr geschehen ist. Der neue Gläubige bezahlt später für seinen „Ablass“, wenn er unter das Gesetz der „Zehnten und Opfer“ gestellt wird.

Es ist ein Zeichen jeder echten Erweckung, dass Umkehr und Abkehr von der Sünde gepredigt und praktiziert wird.

2. Welches ist die Autorität über dem Leben eines Christen: die Tradition der Kirche, oder das Wort Gottes?

Die Evangelikalen haben zwar keinen Papst. Aber viele ihrer Pastoren und Leiter benehmen sich wie kleine Päpste: Wenn jemand versucht, sie vom Wort Gottes her zu korrigieren, dann disqualifizieren sie ihn als „Rebellen“ und suchen einen Weg, ihn zum Schweigen oder in Verruf zu bringen. (Habe ich selber mehrmals erlebt.) Es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, in der Schrift nachzuforschen, ob die Kritik vielleicht berechtigt sei.
In vielen Kirchen sind die Gottesdienstordnung, die internen Reglemente, der Anbetungsstil, oder das Machtwort des Leiters, „heiliger“ als die Schrift selbst.
Ausserdem haben auch unter den evangelikalen Kirchen viele einer Theologie Raum gegeben, die an der göttlichen Inspiration der Bibel zweifelt. Viele Bibelkommentare, und die Bibelgesellschaften selbst, verbreiten diese kritische Theologie.

Auch das wäre ein Zeichen jeder echten Erweckung: dass die Christen sich wieder auf ihre Ursprünge im Wort Gottes zurückbesinnen, und dass sie diesem Wort Vorrang geben vor jeder Tradition.

3. Darf über diese Dinge offen diskutiert werden, oder werden Machtmittel angewandt, um die Diskussion zum Verstummen zu bringen?

Wir haben gesehen, wie die katholischen Leiter sich ständig einer offenen und öffentlichen Debatte mit Luther entzogen. Sie zogen es vor, ihn privat zu konfrontieren. Und das nicht, um ihm eine Möglichkeit zu geben, sich zu erklären; sondern nur um ihn zum Widerruf zu zwingen. Als das nichts fruchtete, exkommunizierten sie ihn; und schliesslich verfolgten sie ihn politisch.

Philipp Melanchthon schreibt über diese Handlungsweise:

„Wir wissen, dass die politischen Menschen alle Änderungen verabscheuen; und wir geben zu, dass auch wenn eine Revolution von den gerechtesten Anliegen angetrieben wird, es immer irgendein Übel zu beklagen gibt in dieser traurigen Unordnung des menschlichen Lebens. Dennoch ist es in der Kirche nötig, das Gebot Gottes über allem Menschlichen vorzuziehen. … Deshalb war es die Pflicht Luthers… die zerstörerischen Irrtümer abzuweisen; … und es war die Pflicht seiner Hörer, dem zu folgen, was er richtig lehrte. Obwohl es in einer Revolution viele Unbequemlichkeiten gibt, wie wir es mit grosser Traurigkeit sehen, so ist es doch die Schuld jener, die anfangs die Irrtümer verbreiteten, und jener, die jetzt diese Irrtümer mit teuflischem Hass verteidigen.“

Auch in diesem Punkt – heute „geistlicher Missbrauch“ genannt – unterscheiden sich die evangelischen und evangelikalen Kirchen nicht mehr gross von der katholischen. Sie verbieten die Verbreitung von auf der Bibel gegründeten Schriften, gegen die sie kein einziges biblisches Argument anführen können, nur weil sie die „heiligen Traditionen“ ihrer Denomination oder das Ansehen und die „Autorität“ ihrer Institution in Gefahr sehen. (Was ist denn das für eine Autorität, wenn sie sich nicht auf die Bibel gründen kann??)

Leider müssen wir heute auch auf viele evangelische Kirchen anwenden, was Luther seinerzeit über das Papsttum schrieb:

„Es sei klargestellt: weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch haben das Recht, den Christen ohne dessen Einverständnis auch nur unter eine Silbe des Gesetzes zu unterwerfen. Jede andere Handlungsweise ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Dekrete dasselbe wie sich in die Sklaverei der Menschen zu begeben.
In der Einpflanzung dieser gottlosen und verlorenen Tyrannei wirken die Jünger des Papstes mit, indem sie die Worte Christi verdrehen und verderben: ‚Wer euch hört, hört mich.‘ Mit ihren Riesenmäulern blähen sie diese Worte auf, um sie auf ihre Traditionen anzuwenden; und im Ergebnis passen sie die zitierten Worte nur ihren Fabeln an, ohne Bezug auf das Evangelium; während in Wirklichkeit Christus sie an seine Apostel richtete, als sie auszogen, das Evangelium zu verkünden, und nur auf das Evangelium können sie sich beziehen. … Deshalb ist niemand den Traditionen des Pontifex unterworfen; man muss ihn nicht einmal hören, ausser wenn er das Evangelium und Christus predigt. … Schliesslich ist es unumgänglich, dass da, wo der wahre Glaube ist, auch das Wort des Glaubens ist. Weshalb hört dann der Papst nicht ab und zu auf einen seiner treuen Diener, der das Wort des Glaubens hat? Blindheit, lauter Blindheit herrscht unter den Hohepriestern.
… Ihr Vorhaben ist es, das Gewissen unserer Freiheit so in Eisen zu legen, dass wir glauben, sie täten recht, und wir könnten sie nicht kritisieren noch uns beklagen über diese Ungerechtigkeiten. Sie sind Wölfe und möchten als Hirten erscheinen; sie sind Antichristen und ersehnen sich, angebetet zu werden wie Christus.
… Weder Menschen noch Engel dürfen den Christen rechtmässig Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollkommen befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und ich sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und ihre Traditionen zurückziehen, wenn sie nicht den Kirchen Christi ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht machen, dass diese Freiheit ausgerufen wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des leibhaftigen Antichristen.“
(Martin Luther, „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, 1520)

In einer echten Erweckung werden die Christen dazu befreit, Jesus nachzufolgen frei von jedem kirchlichen Joch.

(Fortsetzung folgt)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 2)

24. Mai 2012

Im ersten Teil habe ich v.a. die Grundzüge und den Ursprung des Dispensationalismus beschrieben. Betrachten wir nun noch einige andere Aspekte dieser theologischen Strömung:

Dogmatische Willkür

Ein weiterer Punkt, der mir den Dispensationalismus fragwürdig macht, ist die Willkür, mit der Dispensationalisten manche Bibeltexte auslegen, und der Dogmatismus, mit dem sie an ihrer willkürlichen Auslegung als „die einzig richtige“ festhalten. Selbst Bibellehrer, die im allgemeinen viel Gutes und Richtiges zu sagen haben, ziehen bei gewissen Bibelstellen und Themen unbegründbare, sprunghafte Schlussfolgerungen.

So rechnet z.B. Erich Sauer mit drei verschiedenen „Jüngsten Gerichten“, die nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich auseinanderzuhalten seien – ohne einsichtige Begründung -; und behauptet im Zusammenhang damit, der „Richterstuhl Christi“ bei Paulus sei etwas ganz anderes als der „Thron Christi“ bei Johannes. Obwohl Dispensationalisten im allgemeinen laut betonen, sie legten die Bibel so wörtlich wie möglich aus, und an ihrer vollen Inspiration und Widerspruchsfreiheit festhalten, so zeigen solche Auslegungen doch eine eigenartige Geistesverwandtschaft mit der „historisch-kritischen“ Methode, die Widersprüche innerhalb der Bibel sucht und z.B. eine „paulinische“ und eine „johanneische“ Theologie gegeneinander ausspielt.

Eine andere Gemeinsamkeit mit der „historisch-kritischen“ Methode besteht darin, dass vielen Bibelstellen die Gültigkeit für die Gegenwart abgesprochen wird. Wenn (laut Dispensationalismus) das ganze Alte Testament nicht auf die Gemeinde angewandt werden kann, ein grosser Teil der Verkündigung Jesu sich ausschliesslich auf die Zeit nach seiner Wiederkunft bezieht, und viele Anweisungen in den apostolischen Briefen nur für die apostolische Zeit gültig waren, dann bleibt für uns heute nicht mehr viel übrig. Die Begründungen hören sich zwar anders an als die Gründe bibelkritischer Theologen. (Ich sage ja nicht, Dispensationalismus und „historisch-kritische“ Methode seien dasselbe. Ich sage nur, es bestehe eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen den beiden.) Aber ob ein „historisch-kritischer“ Bibelausleger einem bestimmten Text die aktuelle Gültigkeit abspricht, weil er „zeit- und kulturgebunden“ sei, oder ob ein dispensationalistischer Ausleger vom selben Text sagt, er gelte nicht für heute, weil er einer anderen Heilszeit zugehöre – das kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes (Jesaja 40,8; Matthäus 5,18; 24,35) wird damit bestritten.

Dispensationalisten werden natürlich abstreiten, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihrer Methode und der rationalistischen Bibelkritik bestehe. Schliesslich rechnen sich die meisten Dispensationalisten dem „fundamentalistischen“ Flügel der Christenheit zu. Aber es macht einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wenn gewisse Dispensationalisten z.B. vehement die Echtheit der biblischen Wunderberichte verteidigen – nur um dann mit derselben Vehemenz abzustreiten, dass solche Wunder auch heute noch geschehen könnten.

Zwei weitere Beispiele willkürlicher Auslegung:

1. „Die Bereiche des biblischen Bekenntnisses werden von lehrmässigen Irrtümern infiltriert werden, die sich überall ausbreiten werden (Matth.13,33). Dennoch wird ein kostbarer Überrest Israels übrigbleiben, um erlöst werden zu können (Matth.13,44), und die kostbare Perle, die Gemeinde, wird ebenfalls erlöst werden (Matth.13,45-46).“
(Herman Hoyt, „Dispensational Premillennialism“, in „The Meaning of the Millennium–4 Views“, Hrsg. Robert G. Clouse, 1977. – In diesem Buch legen vier Autoren aus vier verschiedenen theologischen Richtungen ihre Ansichten über das Tausendjährige Reich dar, und geben ausserdem ihre Entgegnungen zu den Artikeln der jeweils anderen Autoren ab.)

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich auf das Gleichnis vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Die von Hoyt gegebenen Auslegungen können vom Text her überhaupt nicht begründet werden. Alle zitierten Gleichnisse beginnen mit denselben Worten: „Das Himmelreich ist gleich…“, und sind somit parallel zu verstehen. Die Deutung auf lehrmässige Irrtümer im ersten Gleichnis, auf Israel im zweiten und auf die Gemeinde im dritten, ist völlig willkürlich. Für seine Auslegung des zweiten und dritten Gleichnisses gibt es auch keine Parallelstellen, die als Begründung herangezogen werden könnten. (Für das Gleichnis vom Sauerteig könnte der Autor geltend machen, dass es tatsächlich – in ganz anderem Zusammenhang – Bibelstellen gibt, wo „Sauerteig“ im Sinn von „Unreinheit“ verstanden wird. Diese Deutung würde aber dem Sinn widersprechen, den Jesus selber dem Gleichnis gibt mit den einführenden Worten „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig“ – nicht „die lehrmässigen Irrtümer sind gleich…“. Sauerteig wird unter den Teig gemischt, um gutes Brot herzustellen, nicht um es zu verderben.) Jedenfalls widersprechen diese Auslegungen dem Prinzip, das die Dispensationalisten sonst selber verkünden: dass jede Schriftstelle, soweit wie möglich, nach ihrem natürlichsten und wörtlichsten Sinn verstanden werden sollte.
Die anderen Autoren des Buches haben denn auch an Hoyts Beitrag bemängelt, dass das blosse Anführen von Bibelstellen in Klammern nicht genüge, um eine eigenwillige Auslegung zu begründen.

2. „Die biblische Lehre vom Königreich Gottes

(…) Dieses Königreich wird dadurch gekennzeichnet sein, daß Gott selbst durch Seinen gesalbten König, den Messias (Christus) auf der Erde unmittelbar herrschen wird; der Satan wird gebunden und entmachtet sein, und die gottlosen Herrscher auf Erden werden gestürzt sein.
(…) »Nachdem aber Johannes gefangengenommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15-16)
Wohlgemerkt: Er sagte nicht, daß dieses Königreich, das die Propheten angekündigt hatten und das Israel erhoffte, bereits gekommen sei. Es war nahe herbeigekommen (Lk 10,9), für das Volk in greifbare Nähe gerückt, aber eben noch nicht angebrochen. Es war in einem gewissen Sinn in dem Messias selbst und Seinen Wunderzeichen zu ihnen gekommen (vgl. Mt 12,28; Lk 17,21), aber sie sahen den wirklichen Anbruch dieses Königreiches eben nicht; denn das hätte das Eingreifen des Messias vom Himmel her, das Gericht über alles Böse und den Beginn der realen Friedensherrschaft auf Erden bedeutet.
(…) Das »Evangelium vom Reich Gottes«, das der Herr und Seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde. Dieses Evangelium kündigte also dem Volk Israel und nur diesem Volk an, daß es bald in die verheißenen Segnungen der unmittelbaren, in Jerusalem verwirklichten Königsherrschaft des Messias eintreten könne, wenn es Buße tue und glaube.
Man beachte, daß der Herr ausdrücklich Seinen Gesandten gebot, diese Botschaft nur dem Haus Israel zu verkündigen, nicht den Heidenvölkern (Mt 10,5-8). Wir finden diesen Begriff »Evangelium vom Reich Gottes« nur im Zusammenhang mit Israel (bis auf die Ausnahme von Mt 24,14, auf die wir unten noch eingehen). Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können (vgl. Apg 3,19-21). Nun aber verwarf das Volk als ganzes seinen Messias. Deshalb wurde das Reich Gottes von ihnen genommen und einem anderen Volk, dem Volk Gottes des Neuen Bundes, gegeben (Mt 21,43; 1Pt 2,10; Tit 2,14).
(…) Das den Juden einst verkündigte »Evangelium vom Reich« ist heute weder für Juden noch für Heiden gültig; es ist in der heutigen Zeit nicht zur Verkündigung bestimmt, sondern wird erst nach der Entrückung der Gemeinde, kurz vor dem Anbrechen des messianischen Reiches, noch einmal unter allen Völkern verkündet werden (Mt 24,14).“
(Rudolf Ebertshäuser, „Aufbruch in ein neues Christsein? – Emerging Church – Der Irrweg der postmodernen Evangelikalen“, 2008 – eine im übrigen gut durchdachte und fundierte Aufklärungsschrift, die nur leider nebenbei die dispensationalistischen Sonderlehren hineinschmuggelt.)

Wie so oft in dispensationalistischen Auslegungen, sind hier gute und richtige Gedanken mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten vermengt. Natürlich wird das „Reich Gottes“ im Sinne einer irdischen Herrschaft des Messias erst bei seiner Wiederkunft aufgerichtet werden. Aber wird dadurch gleich das „Evangelium vom Reich Gottes“ für die christliche Gemeinde völlig bedeutungslos? Diese Aussage ist ein weiteres Beispiel für die dispensationalistische Zerstückelung der Bibel, wodurch grosse Teile (in diesem Fall wesentliche Teile der Verkündigung Jesu) herausgeschnitten und als für die Gemeinde nicht gültig erklärt werden. Unter diesen Voraussetzungen kann der Autor natürlich nicht anders, als Matthäus 24,14 zu einer Ausnahme zu erklären und die Erfüllung dieses Verses auf die Zeit nach der Entrückung zu verschieben. (Merkt der Autor nicht, in was für Widersprüche er sich damit verwickelt? Wer soll denn „nach der Entrückung“, also gemäss Dispensationalismus mitten in der „grossen Trübsal“ und Verfolgung, allen Völkern – also weltweit – das Evangelium verkündigen, nachdem die Gemeinde gar nicht mehr da ist?)
– Zwischen der spekulativen Aussage, das messianische Reich wäre sogleich zu Israel gekommen, wenn das Volk Israel Jesus nicht verworfen hätte, und dem als Begründung angegebenen Text Apg.3,19-21, kann ich keinen logischen Zusammenhang herstellen. Es handelt sich hier ja um einen Ruf zur Umkehr, nachdem Israel Jesus bereits verworfen hatte. (Hätte das Volk Israel Jesus nicht verworfen, dann hätte Jesu stellvertretender Opfertod gar nicht stattgefunden!!)
Auch Ebertshäuser legt im übrigen die Himmelreichsgleichnisse vom Sauerteig und vom Senfkorn (Matth.13,31-33) ohne nähere Begründung im Sinne von antichristlichen Einflüssen aus. Es scheint, dass Dispensationalisten diese Auslegungen jeweils voneinander abschreiben, ohne überhaupt noch über deren Sinn oder Unsinn nachzudenken. (Dave MacPherson belegt in seinem Internet-Artikel „Pretrib Rapture Dishonesty“ über ein Dutzend Fälle von inter-dispensationalistischen Plagiaten allein zwischen 1970 und 2000, z.T. in weltweit bekannten Publikationen.)

Meine persönliche Erfahrung war überdies, dass ein Dispensationalist, auf andere (und sinnvollere) Auslegungsmöglichkeiten angesprochen, in der Regel ganz erstaunt reagiert, dass jemand diese Stellen überhaupt anders verstehen könnte als er; es sei doch „sonnenklar“, dass seine Auslegung die richtige sei. (So setzt Ebertshäuser über den oben zitierten Abschnitt wie selbstverständlich den Titel „Die biblische Lehre …“. Richtiger wäre „Die dispensationalistische Lehre …“.) Es kann auch vorkommen, dass der Dispensationalist anstelle einer Begründung einfach die anderen Auslegungen „abschiesst“ mit der Bemerkung, diese seien eben von Irrlehrern (z.B. Calvinisten, Pfingstlern, u.a.) inspiriert und deshalb falsch. (Also: Bevor Darby kam, war niemand in der Lage, die Bibel richtig zu verstehen. – Man kann natürlich über den Calvinismus, die Pfingstbewegung, etc, verschiedener Meinung sein. Meines Wissens blieb aber den Dispensationalisten unserer Tage die Dreistigkeit vorbehalten, den Calvinismus kategorisch als „Irrlehre“ zu brandmarken.)
Dieses irrationale Verhalten von ansonsten klug und vernünftig denkenden Menschen bestärkt bei mir den Verdacht, beim Dispensationalismus könnte noch etwas anderes mit im Spiel sein als rein sachliche Bibelauslegung: nämlich eine Bindung an eine „neue Offenbarung“, die in ihrem Denken mindestens denselben Stellenwert einnimmt wie das Wort der Bibel selbst. (Siehe Teil 1.)
C.H. Spurgeon sagte schon vor über hundert Jahren über Darbys Plymouth-Brüder: „Sie haben Entzücken daran, irgendeine noch unentdeckte Kaulquappe der Auslegung aufzufischen, um sie in der ganzen Stadt als eine seltene Delikatesse anzupreisen.“ (C. H. Spurgeon, „Commenting and Commentaries“, 1876, zitiert in Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Um nochmals klarzustellen, worum es mir bei meiner Kritik im Kern geht: Ich habe nichts dagegen, dass Dispensationalisten die Bibel auf ihre Weise auslegen. Man kann über die Auslegung vieler Bibelstellen geteilter Meinung sein, ohne dass man einander dabei gleich der Bibelkritik oder der Irrlehre bezichtigen müsste. Aber man sollte dann auch dazu bereit sein, die eigene Auslegung aus der Bibel selbst zu begründen – und gegebenenfalls zuzugestehen, dass die Gegenseite ebenso (oder noch mehr) auf biblischer Grundlage steht. Das ist es, was viele Dispensationalisten – nach meiner Beobachtung – nicht tun: Sie nehmen ihre Begründungen – wenn überhaupt – aus einem zum vornherein festgelegten Dispensationen-Schema statt aus der Bibel selbst; und sie behaupten, ihre Auslegung sei die einzig richtige, und wer eine andere Auslegung vertrete, sei nicht bibeltreu. Damit leisten sie der „fundamentalistischen“ Bewegung einen Bärendienst. In den letzten Jahren ist vermehrt auch von evangelikaler Seite Kritik an dieser Bewegung laut geworden: „Christliche Fundamentalisten“ (d.h. bibeltreue Christen) seien konfliktiv, gesprächsunfähig, und nähmen die Bibel zu wörtlich. Nun sind natürlich viele heutige Evangelikale in Wirklichkeit gemässigt-kritisch in ihrer Haltung zur Bibel, und kritisieren deshalb jeden, der sich dem Wort der Bibel als irrtumslose Autorität unterstellt. Aber ich habe den Verdacht, dass manches an dieser Kritik ebenso auf die oben beschriebene Sturheit insbesondere des dispensationalistischen Flügels zurückzuführen ist, welcher nicht nur Gottes Wort, sondern auch die eigene spezielle Auslegung davon als „irrtumslos“ betrachtet.

Massstab für die Auslegung: das Alte oder das Neue Testament?

„Denn das Ende (oder richtiger: „Ziel“) des (alttestamentlichen) Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“ (Römer 10,4)

(alttestamentliche Verordnungen), „Dinge, die ein Schatten des Zukünftigen sind, sein eigentliches Wesen aber gehört Christus an.“ (Kolosser 2,17)

Daraus ergibt sich ein wichtiges Auslegungsprinzip: Das ganze Alte Testament zielt auf Christus hin. Seine eigentliche Erfüllung ist das Neue Testament. Deshalb muss das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Die meisten christlichen Bibelausleger gehen nach diesem Prinzip vor.

Der Dispensationalismus dagegen nimmt die (wörtlich und physisch verstandenen) alttestamentlichen Verheissungen an Israel zur Grundlage, um von daher das Neue Testament zu interpretieren. Deshalb will der Dispensationalismus in allen möglichen neutestamentlichen Stellen und Begriffen ein irdisches messianisches Reich für Israel sehen (z.B. die „Errettung Israels“ in Röm.11,26, oder das Tausendjährige Reich in Offb.20,4-6), obwohl da gar nicht davon die Rede ist. Mit anderen Worten: der Dispensationalismus interpretiert neutestamentliche Aussagen im Licht des Alten Testaments.

Besonders deutlich wird das in der Auslegung der Kapitel Ezechiel 40 bis 48. Dies ist zugegebenermassen einer der schwierigsten Abschnitte der ganzen Bibel, weil da vom jüdischen Tempel- und Opferdienst (inklusive Sündopfer) die Rede ist, aber sich die genauen Voraussagen in der Geschichte Israels so nicht erfüllt haben. Es gibt deshalb mindestens fünf Auslegungsmöglichkeiten:
1. Die Prophetie bezieht sich auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil und hat sich nicht detailgetreu erfüllt, entweder weil die Juden die darin enthaltenen Weisungen nicht ausführten, oder weil die Prophetie nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint ist.
2. Die Prophetie ist geistlich zu verstehen und beschreibt symbolhaft die christliche Gemeinde, die ja im Neuen Testament mehrfach als „Tempel Gottes“ bezeichnet wird (z.B. 1.Kor.3,16-17, Eph.2,19-22, 1.Petrus 2,5).
3. Die Prophetie wird sich in der Zukunft wörtlich erfüllen (Wiederherstellung des Tempel- und Opferdienstes für Israel).
4. Die Prophetie wird sich in der Zukunft geistlich erfüllen (im Neuen Jerusalem, Offb.21 und 22).
5. Die Prophetie ist überhaupt nicht zur Erfüllung bestimmt, sondern dazu, den Zuhörern ein Idealbild sozusagen als Spiegel vorzuhalten, damit sie beschämt werden und von ihrer Sünde überführt werden (Ezechiel 43,10-11, 45,9-10), d.h. wie weit sie von diesem Idealbild entfernt sind.

Vom Neuen Testament her ist es klar, dass Tempel- und Opferdienst mit dem einmaligen Sündopfer Jesu abgeschafft sind, und dass damit ein „Wechsel des Gesetzes“ und des Priestertums stattgefunden hat (Hebräer 7,12). Seither besteht auch für Israel der einzige Weg zum Heil im Glauben an Jesus Christus. Im Licht des Neuen Testaments scheidet also die Auslegung Nr.3 aus (wörtliche Wiedereinführung des Tempel- und Opferdienstes in der Zukunft). Genau dies ist aber die Auslegung, die vom Dispensationalismus vorgebracht wird: Da Israel und die christliche Gemeinde zwei völlig verschiedene Körperschaften seien, „müsse“ Ezechiels Prophetie noch wörtlich und speziell für Israel in Erfüllung gehen. Dispensationalisten postulieren deshalb, dies werde im Tausendjährigen Reich der Fall sein. Nur in einem Punkt weichen sie inkonsequenterweise von einem wörtlichen Verständnis ab: Die von Ezechiel erwähnten Sündopfer seien selbstverständlich keine Sündopfer, sondern „Erinnerungsopfer“ an das Opfer Jesu. Dies obwohl im ganzen Neuen Testament nirgends von einem zukünftigen Tempel- oder Opferdienst für Israel die Rede ist. So werden dem Neuen Testament alttestamentliche Vorstellungen aufgezwungen, statt das Alte Testament vom Neuen her auszulegen.

Gegenwärtig kein Evangelium für Israel?

Wir haben schon gesehen, dass Dispensationalisten mit zwei separaten „Evangelien“ rechnen, eines für die Juden und eines für die Heiden. Manche unter ihnen gehen deshalb so weit, dass sie sagen, in der gegenwärtigen Zeit müssten bzw. sollten die Juden überhaupt nicht evangelisiert werden. Gleichzeitig sind Dispensationalisten aber sehr aktiv in Organisationen zur Unterstützung des irdischen Staates Israel. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Israel-Hilfsorganisationen existieren, die bewusst darauf verzichten, Juden zu evangelisieren. D.h. sie enthalten dem jüdischen Volk genau das Wichtigste vor, was Christen Israel geben könnten, nämlich das Evangelium!
Eine offene Frage wäre hier zudem, warum überhaupt die irdische Wiederherstellung des Staates Israel schon vor über 60 Jahren stattfinden konnte, wo doch nach dispensationalistischer Ansicht Gott sein Handeln an Israel erst wieder aufnehmen würde, nachdem die „Zeit der Gemeinde“ abgeschlossen wäre – siehe in der nächsten Folge. (Tatsächlich sagte Darby, Jesus müsse zuerst wiederkommen, bevor Israel in sein Land zurückkehren könnte.)

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika (2. Teil)

9. Dezember 2010

Ich wiederhole hier nochmals die Vorbemerkung aus dem 1.Teil:

Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Ich fahre fort mit ausgewählten Problemen der bibelkritischen Theologie:

Annahme eines späten Abfassungsdatums

“Wir finden keine besondere Ähnlichkeit mit 1.Petrus in der Sprache und in der Lehre. Aus diesem Grund, und wegen der unterschiedlichen Situation der Gemeinde, die in einigen Stellen des 2.Briefs zum Ausdruck kommt, … denken viele, dass es sich hier um die späteste Schrift des Neuen Testaments handelt, vielleicht anfangs des 2.Jh. Ihr Autor könnte ein christlicher Lehrer gewesen sein, der an die Autorität des Petrus apellierte, um seiner Lehre mehr Autorität zu verleihen.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zu 2.Petrus)

Anfangs des 2.Jh. war Petrus schon seit über 30 Jahren tot. Die ursprüngliche Lehre hätte in dieser Zeit verändert werden können, und die historischen Ereignisse in Vergessenheit geraten. So können die Kritiker den ganzen Inhalt des Buches anzweifeln.
Insbesondere im Alten Testament nehmen die Kritiker an, es hätte während vielen Jahrhunderten überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gegeben:

“Obwohl die Schrift sich in Israel während der Konstitution der Königtums formell entwickelte (…), wurden die Erinnerungen früherer Zeiten mündlich bewahrt und von einer Generation zur anderen weitergegeben. Diese mündlichen Erzählungen wurden später von verschiedenen Personen und Personengruppen aufgeschrieben, um die Erzählungen zu bewahren, die ihnen einen Existenzgrund gaben…”
(“Entdecke die Bibel”, S.51)

Die kritischen Theologen stellen das Volk Israel gerne als ein primitives und unwissendes Volk von Analphabeten dar. So können sie sagen, dass nach so vielen Jahrhunderten sich ihre “Traditionen” sehr weit von der historischen Wahrheit enfernt hätten.
Aber die Zivilisation der Israeliten war weiter fortgeschritten, als die Theologen uns weismachen wollen. In Mesopotamien (Babylonien), wo Abraham herkam, war die Schrift schon lange vor Abraham bekannt. Ebenso in Ägypten, wo Mose seine Ausbildung erhielt (am Hof des Pharao!). In 2.Mose 17,14 und 37,24 beauftragt Gott Mose, zu schreiben. In 2.Mose 24,4 heisst es: “Und Mose schrieb alle Worte des Herrn.” Ebenso 4.Mose 33,2 und 5.Mose 31,9. Alle diese Stellen müssten Lügen genannt werden, wenn die Theorie der “mündlichen Überlieferung” richtig wäre.
4. Mose 5,23: “Der Priester soll diese Flüche in ein Buch schreiben…” – Ein israelischer Priester musste schreiben können. – “Lesen”, “schreiben”, “Buch”, usw, werden so oft erwähnt in den ersten Büchern der Bibel, dass es zu weit führen würde, alle Stellen aufzuzählen.

In einigen Fällen gibt es einen zusätzlichen Grund, warum kritische Theologen ein spätes Abfassungsdatum annehmen: Sie streiten ab, dass Prophetie existiere. Wenn eine Zukunftsprophezeiung eingetroffen ist, und diese Erfüllung historisch nachgeprüft werden kann, dann haben wir einen Beweis für die göttliche Inspiration und den übernatürlichen Ursprung der Bibel. Deshalb bemühen sich kritische Theologen zu “beweisen”, dass eingetroffene Prophezeiungen erst nach ihrer Erfüllung geschrieben worden seien.

Dies ist der Grund, warum sie z.B. sagen, das Buch Daniel sei erst im 2.Jh.v.Chr. geschrieben worden (400 Jahre nach Daniel), und die zweite Hälfte des Buches Jesaja erst nach der Rückkehr aus dem Exil (200 Jahre nach Jesaja). Jesaja hat nämlich die Rückkehr aus dem Exil prophezeit und nannte sogar den Namen des Königs Kyrus (Jes.45,1-13); und Daniel prophezeite über die Perser, Griechen und Römer.
So lässt “Entdecke die Bibel” in der ausführlichen Zeittabelle Daniel einfach aus, als ob er keine historische Persönlichkeit wäre; und zitiert Jesaja als “nachexilischen Propheten”.

Nur haben die Bibelkritiker im Fall von Daniel das Problem, dass Daniel auch das Jahr der Kreuzigung Jesu vorhergesagt hat sowie die Zerstörung Jerusalems (Daniel 9,25-26, die “Wochen” als Jahrwochen (je 7 Jahre) verstanden). Hier können sie unmöglich behaupten, das Buch Daniel sei erst nach der Kreuzigung Jesu geschrieben worden!

Im Neuen Testament haben wir insbesondere die Prophezeiung Jesu über die Zerstörung Jerusalems, die sich im Jahr 70 erfüllte. Kritische Theologen argumentieren: “Da die Zerstörung Jerusalems in Matthäus klar vorhergesagt ist (22,7), muss das Abfassungsdatum auf alle Fälle nach 70 liegen.” (…) – denn Jesus kann die Vorhersage nicht wirklich gemacht haben, “weil nicht sein kann, was nicht sein darf” … – Aus der Kirchengeschichte weiss man aber, dass die Jerusalemer Gemeinde die Stadt beim Beginnn der römischen Belagerung verliess, während die übrige Bevölkerung einen Sieg der Juden erwartete. Dies kann nur damit erklärt werden, dass Jesus die Vorhersage tatsächlich gemacht hat und die Gemeinde davon wusste.

Im Jahre 1994 entdeckte der Papyrologe Carsten Peter Thiede ein Fragment des Matthäusevangeliums aus dem Jahre 60. (Der Fund wurde sogar in einer peruanischen Zeitung erwähnt.) Aber die kritischen Theologen ziehen es vor, solche Entdeckungen zu ignorieren.

Rekonstruktion der Geschichte Israels

Wir haben gesehen, dass die modernen Theologen die Bücher Mose in verschiedene “Quellen” aufteilen. Um diese Theorie aufrechtzuerhalten, mussten sie die ganze Geschichte Israels umschreiben. Dies sind einige ihrer Annahmen:

– Das Volk Israel vereinigte sich erst in der Zeit Davids; die Patriarchengeschichten sind nichts als Legenden.
– Weder der Auszug aus Ägypten, noch der Durchzug durch das Rote Meer, noch die 40 Jahre in der Wüste sind tatsächlich geschehen.
– Verschiedene Gruppen kamen nach und nach ins Land Kanaan; es gab keine Eroberung unter Josua.
– Die Ideen Israels über Gott stammen aus den Religionen der heidnischen Umwelt. (Deshalb bemühen sich kritische Theologen, Ähnlichkeiten zwischen heidnischen Religionen und der Bibel zu finden.)
– Erst in der Königszeit begannen die Israeliten, einen einzigen Gott anzubeten.
– 5. Mose wurde in der Zeit Josias geschrieben, um nachträglich die Konzentration des Gottesdienstes in Jerusalem zu rechtfertigen.

Es ist offensichtlich, dass alle diese Annahmen reine Spekulation sind; sie lassen sich weder aus dem Bibeltext noch aus ausserbiblischen Quellen belegen. Dennoch nehmen die meisten theologischen Kommentare diese Hypothesen als gegeben an. Hier nur ein kleines Beispiel:

“Die Funde … öffnen neue Möglichkeiten, die alte Theorien widerlegen oder unterstützen. So im Fall der Besetzung Kanaans durch die Israeliten. Die biblischen Erzählungen ergeben kein einheitliches Bild. Und die Ergebnisse der Archäologie und anderer Hilfswissenschaften führten zu drei Theorien:
1. Friedliche Besetzung des Landes (Schule von Alt und Noth)
2. Gewaltsame Eroberung (Albright)
3. Innere Revolution (Mendenhall, Gottwald, Bright).
Heute scheint die Archäologie am ehesten die Theorie Mendenhalls zu befürworten.”
(“Entdecke die Bibel”, S.113)

Hier müssen wir wieder fragen: Wo bleibt die Bibel als historisches Zeugnis? Im Gegensatz zu den Äusserungen des Theologen bietet die Bibel ein sehr klares Bild; man lese das Buch Josua. Aber der kritische Theologe bringt eine Theorie, die der Bibel widerspricht, unter Berufung auf die Archäologie – aber er nennt keinen archäologischen Fund, auf den er sich abstützen könnte.

Kein Land für Israel?

Natürlich existiert für die kritische Theologie auch die Verheissung nicht, dass Israel das Land besitzen werde. Deshalb benützen die kritischen Theologen und die Bibelgesellschaften in ihren Kommentaren und Landkarten durchgängig den Namen “Palästina” für das Land Israel. Dieser Name existiert nirgendwo in der Bibel! Vor Josua hiess das Land “Kanaan”, nachher “Israel”; und in der Zeit Jesu gab es die Provinzen “Judäa”, “Galiläa”, usw. Erst im 2.Jh. nach Christus, als die Römer alle Juden vertrieben hatten, benannten sie das Land in “Palästina” um, mit dem Ziel, alle Erinnerungen an die Juden auszulöschen. Den Namen “Palästina” zu gebrauchen, bedeutet Gottes Verheissung zu leugnen, dass dieses Land Israel gehört.

Historische Wahrheit oder “Predigt der christlichen Gemeinde”?

“Die Evangelien … gehören zu einem Literaturtyp, wo nicht so sehr die kreative Aktivität des Autors zählt, als vielmehr der Gebrauch von Traditionen, die in einer oder mehreren Gemeinden bewahrt wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1459)
“Man denkt, dass dieses Evangelium das Ergebnis einer langen Reflexion und Weitergabe der Heilsbotschaft darstellt, in Gemeinden, die harte Auseinandersetzungen mit jüdischen Gruppen durchstehen mussten.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zum Johannesevangelium)

In anderen Worten wird hier gesagt, die ersten Gemeinden hätten die Heilsbotschaft verändert, je nach der Situation, in der sie sich befanden. Gemäss der kritischen Theologie ist der “Jesus der Evangelien” nicht derselbe wie der “historische Jesus”. Der “historische Jesus” soll keine Wunder getan haben; soll nie gesagt haben, er sei Gottes Sohn; und soll nicht vom Tod auferstanden sein – dies alles sei Erfindung der christlichen Gemeinden.

Die kritischen Theologen versichern auch, die Schreiber der Bibel hätten nie die Absicht gehabt, ein inspiriertes Buch zu schreiben:

“Als sie (die Autoren des NT, Üs.) schrieben, dachten sie nicht im Traum daran, dass ihr Produkt eines Tages dieselbe Autorität hätte wie die heiligen Schriften, die in der Synagoge gelesen wurden… Nach und nach sprachen die Christen diesen Texten eine bevorzugte Autorität für das Leben der Gemeinde zu…”
(“Entdecke die Bibel”, S.174-175)

Diese Äusserungen sind falsch, und dienen nur dazu, Zweifel zu säen bezüglich der Autorität des Neuen Testamentes. Paulus wusste genau, dass Gott selber ihm seine Botschaft gegeben hatte (Gal.1,11-12, 1.Thess.2,13). Petrus nennt die Paulusbriefe “(Heilige) Schriften” (2.Petrus 3,15-16). Alle Apostel hatten ihren Auftrag direkt aus dem Mund Jesu erhalten: “Geht in alle Welt, und verkündet das Evangelium… und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe” (Mark.16,15, Matth.28,20).

Die Kommentare der Bibelgesellschaften geben (wenn auch nicht sehr offen) die moderne Theologie wieder, wonach…
… die Schriften des NT Produkt des Glaubens und der Predigt der Urgemeinde sind;
… dieser Glaube und diese Predigt nicht auf historischen Tatsachen oder wirklichen Zeugnissen beruhen, sondern auf einem irrationalen psychologischen Erlebnis;
… die Predigt jener Gemeinden ihre Form ständig änderte, je nach den Umständen;
… es gar nicht wichtig ist, ob Jesus wirklich auferstand oder nicht; das einzige, was zählt, ist der “Glaube” (auch wenn er auf einer irrationalen Idee beruht).

Diese Theologie kann z.B. sagen: “Jesus auferstand im Glauben seiner Jünger” (aber nicht in Wirklichkeit). “Dieser Glaube drückt sich in mythologischer Sprache aus.”

Eine solche Theologie führt zu einer neuen Definition des Wortes “Glaube”, und aller zentralen Lehren des Christentums. Nach dieser Theologie müssten wir Hebräer 11,1 folgendermassen umformulieren: “Es ist aber der Glaube die Gewissheit dessen, was man sich selber ausgedacht hat, und die Überzeugung dessen, was nicht existiert.”

Was glauben die kritischen Theologen wirklich?

Viele kritische Theologen “schleichen sich heimlich ein” (Judas 4) in den Gemeinden: Sie sagen nichts über ihre wirklichen Überzeugungen; und wenn sie predigen, geben sie einfach wieder, was die Bibel sagt, wie es ein wirklich gläubiger Christ auch machen würde. Sie kennen die “evangelische Sprache” genügend, um sich als echte Christen auszugeben. Nur ab und zu lassen sie eine Bemerkung fallen wie: “Die theologische Wissenschaft sagt …”; und so verbreiten sie die kritischen Theorien in sehr kleinen, aber wirksamen Dosen.
(Dies gilt vor allem für Perú bzw. Lateinamerika, wo die Gemeinden zumindest “offiziell” noch an der göttlichen Inspiration der Bibel festhalten. In Europa sprechen die kritischen Theologen viel offener.)

In “Entdecke die Bibel” gibt es lange Passagen, wo ein Autor eine biblische Geschichte wiedergibt, immer mit einleitenden Sätzen wie: “Nach der Erzählung von 1.Mose…”, “Gemäss der biblischen Erzählung…”, etc. – Es fällt auf, dass derselbe Autor, wenn er ausserbiblische Ereignisse erwähnt, nie eine Quelle angibt wie z.B: “Nach den babylonischen Chroniken…”. Solche Ereignisse präsentiert er einfach als Tatsachen. Warum dieser Unterschied?
Kritische Theologen geben oft exakt wieder, was die Bibel sagt; aber sie sagen nicht, dass sie selber auch daran glauben. Das ist, als ob ich sagte: “Das Märchen erzählt, dass Schneewittchen in den Wald rannte. Und Schneewittchen kam zu den sieben Zwergen…” – und Sie könnten denken, ich glaubte an Schneewittchen und die Zwerge; aber ich habe lediglich wiedergegeben, was das Märchen sagt. Das ist die Art und Weise, wie kritische Theologen die Bibel behandeln: sie können genau wiedergeben, was sie sagt; aber sie betrachten grosse Teile der Bibel als Märchen.

Während meines Theologiestudiums hatte ich die Gelegenheit, ein Dutzend Teilnehmer einer grossen ökumenischen Konferenz zu interviewen. Alle Befragten gaben an, an die Auferstehung zu glauben. Aber gefragt, was sie unter “Auferstehung” verstehen, sagte keiner von ihnen, Jesus sei wirklich zum Leben zurückgekehrt. Ihre Definitionen von “Auferstehung” waren vielmehr: “Die Erfahrung, die mir Hoffnung zum Weiterleben gibt.” – “Dass die Ideen Jesu weiterleben in den Herzen seiner Nachfolger.” – “Dass es eine Kraft gibt, wieder neu anzufangen”, usw.
Auf ähnliche Weise geben sie auch Ausdrücken wie “Erlösung”, “Wiedergeburt”, “Gericht”, usw, einen anderen Sinn. Sie verstehen alles als ein psychologisches Erlebnis, das nichts mit der historischen Realität des Todes und der Auferstehung Jesu zu tun hat. Die Ausdrücke klingen biblisch, aber die kritischen Theologen verstehen etwas anderes darunter.

Zweifel über den Kanon

Der “Kanon” ist die Liste der inspirierten Bücher der Bibel. Dies ist ein weiterer Angriffspunkt der Bibelkritik: Da es so viele apokryphe Bücher gibt, wurden nicht einfach willkürlich einige Bücher als “kanonisch” ausgewählt und andere nicht?
“Entdecke die Bibel” erwähnt eine gängige Theorie der kritischen Theologen, wonach die Juden erst im Jahr 70 n.Chr. den Kanon des Alten Testaments festlegten, im sogenannten “Konzil von Jamnia”. Glücklicherweise bringt der Autor hier einige gute Argumente gegen diese Theorie:

“In Jamnia führten die Rabbiner keine Änderung des jüdischen Kanons ein; sie untersuchten lediglich die Tradition, die sie empfangen hatten.
… Im Vorwort zur Übersetzung des Buches Sirach sagt der Enkel des Autors Ben Sira, dass sein Grossvater ‚das Gesetz und die Propheten und die anderen Bücher unserer Väter‘ studierte. Wenn diese ‚anderen Bücher‘ die ‚Ketubim‘ sind, dann anerkennt dieses Werk bereits im Jahr 132 v.Chr. die traditionelle Ordnung der hebräischen Bibel.”

In anderen Worten: Der Kanon des Alten Testaments stand bereits fest, als Sirach geschrieben wurde. Sirach ist eines der Bücher, die von der katholischen Kirche als “deuterokanonisch” der Bibel hinzugefügt wurden. Dagegen versichert das Vorwort dieses Buches selber, dass es nicht kanonisch ist.
Es mutet daher merkwürdig an, dass derselbe Autor einige Seiten später die Zusammenarbeit der Bibelgesellschaften mit der katholischen Kirche verteidigt, um Bibeln herauszubringen, die selbstverständlich die Apokryphen mit den kanonischen Schriften auf dieselbe Stufe stellen.

Inbezug auf das Neue Testament vermitteln die Erklärungen der Bibelgesellschaft den Eindruck, der Kanon des Neuen Testaments sei etwas sehr Unsicheres und die Entscheidungen darüber sehr willkürlich; “einige Bücher, die nicht in unserem Neuen Testament stehen, waren Teil des Kanons … nicht alle Christen anerkennen dieselben Bücher als kanonisch” (S.179).
Die “Kanonlisten”, die in den ersten Jahrhunderten aufgestellt wurden, zeigen tatsächlich gewisse Unterschiede. Diese Listen waren vor allem eine notgedrungene Verteidigung gegen Irrlehrer wie z.B. Marcion, der alles vom NT ausschloss, was “jüdisch” anmutete. Es ist bedeutsam, dass diese Kanonlisten erst gegen Ende des 2.Jh. erscheinen, als schon viele apokryphe Bücher existierten und es deswegen zu Auseinandersetzungen kam. Das bedeutet, dass es vorher, während der ersten 150 Jahre der Kirchengeschichte, keinerlei Auseinandersetzung über den Kanon gegeben hatte. Für die Urgemeinde war es klar, welches die inspirierten Bücher waren.
Der Theologe der Bibelgesellschaften kommt zu einer anderen Schlussfolgerung, weil er annimmt, die Autoren des NT hätten nicht gewusst, dass sie inspiriert waren; oder weil er gar nicht mit der Inspiration rechnet.

Folgen der Bibelkritik in den Gemeinden

Was geschieht mit einer Gemeinde, die der sogenannt “wissenschaftlichen Theologie” Raum gibt? – In Europa hat man dieses Experiment seit etwa 150 Jahren gemacht, und das Ergebnis ist verheerend. Die Gemeinden sind geistlich gestorben! Reformierte Pfarrer können in Gefahr kommen, ihr Pfarramt zu verlieren, wenn sie biblisch über Bekehrung und Wiedergeburt predigen. Nach weltweiten Statistiken war Europa im Jahr 2000 der am wenigsten evangelisierte Kontinent der Erde, mit rund 2,4% wiedergeborenen Christen. Dies ist das Ergebnis der Bibelkritik in den reformierten Kirchen.

Vertrauen wir auf Gottes Wort, statt auf bibelkritische Theologen

In Wirklichkeit gibt es keinen “wissenschaftlichen Grund”, der Bibel nicht zu vertrauen. Es gibt keine historisch dokumentierten Belege für die kritischen Theorien!
Das Wort der Bibel ist kräftig, weil es Gottes Wort ist. Wenn wir es im Vertrauen anwenden, erfahren wir diese Kraft. Wenn wir “die Güte des Herrn geschmeckt haben” und seine Liebe erfahren haben, dann ist es nur natürlich, dass wir mehr von seinem Wort möchten, die “unverfälschte geistliche Milch” (1.Petrus 2,2-3). Wenn wir jedoch an der Güte und Ehrlichkeit Gottes zweifeln, oder wenn wir glauben, er sei nicht fähig, uns die Dinge so zu sagen wie sie sind, dann wird unser Verlangen nach Gottes Wort abnehmen, und wir werden geistlich nicht wachsen.
Jesus überwand jede Versuchung des Feindes mit einem “Es steht geschrieben”. Petrus sagte: “Auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen”, und erlebte ein Wunder. An Pfingsten sagte er: “Dies ist es, was der Prophet Joel vorausgesagt hat”, im geschriebenen Wort. Die Gläubigen stützten ihr Gebet auf Gottes Wort, und Gott antwortete in mächtiger Weise (siehe Apg.4,24-31). Diese Kraft des Wortes Gottes ist auch uns zugänglich. Aber wir verlieren sie, wenn wir das Wort nur als fehlerhaftes Menschenwort ansehen.

Einige fragen: “Muss ich wirklich an die ganze Bibel glauben, um gerettet zu werden?” – Das klingt so ähnlich wie die Frage einer Braut, die eine Zeitlang von ihrem Bräutigam getrennt ist und von ihm nur Briefe bekommt: “Muss ich wirklich alle seine Liebesbriefe lesen?” – Wenn sie nicht alle Briefe liest, hört sie deswegen nicht auf, die Braut zu sein. Aber sie wird sich innerlich von ihrem Bräutigam entfremden; und es kann der Moment kommen, wo ihre Liebe völlig erkaltet und es zu einer Trennung kommt.

Richard Wurmbrand berichtet von einem Kind, das eine Zeitlang den Ausführungen eines kritischen Theologen zuhörte, und ihn dann mit der Frage unterbrach: „Wenn Gott nicht meinte, was er sagte, warum sagte er dann nicht, was er meinte?“ – Es täte uns gut, zu dieser kindlichen Einfachheit zurückzukehren und darauf zu vertrauen, dass Gott tatsächlich meinte, was er sagte.

Wenn wir an den Namen der biblischen Autoren zweifeln, dann werden wir auch an der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Gottes zweifeln. Wenn wir an der Schöpfungsgeschichte zweifeln, dann werden wir auch an der Allmacht und Weisheit Gottes zweifeln. Wenn wir an seinem Wort zweifeln, dann werden wir auch an seiner Kommunikationsfähigkeit zweifeln, und an seinem Wunsch, eine persönliche Beziehung mit uns zu haben. Jesus sagte: “Ich habe euch Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch mitgeteilt.” (Joh.15,15). In unseren Händen das offenbarte Wort Gottes zu haben, ist sein Freundschaftsgeschenk an uns.

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika

2. Dezember 2010

Vorbemerkung: Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Haben Sie sich schon einmal gefragt, was die angehenden Pfarrer und Theologen in ihren Bibelschulen und Seminaren lernen? Sicher lernen sie tiefe Geheimnisse der Bibel, in die kein gewöhlicher Sterblicher eindringen kann?
In Wahrheit lernen die Schüler vieler Bibelschulen und Seminare, die Bibel nach einer Methode auszulegen, die sich “Bibelkritik” nennt, oder auch “Liberale Theologie”, “Moderne Theologie”, “Historisch-kritische Methode”, “Wissenschaftliche Theologie”, “Bibelwissenschaften”, und andere Namen. Aber wie auch immer die Methode sich nennen mag, in Wirklichkeit ist sie unvereinbar mit dem Glauben Jesu und der Apostel.

Ein unangebrachtes Vorgehen

Diese kritische Theologie unternimmt grosse Anstrengungen, um zu zeigen, dass die Bibel (angeblich) viele Irrtümer und Widersprüche enthalte; dass die biblischen Autoren nicht wirklich das sagen wollten, was sie sagen; und dass sie nicht von Gott inspiriert waren. Wer noch glaubt, dass die Bibel irrtumslos von Gott inspiriert wurde, wird von diesen Theologen als “unwissenschaftlicher Fundamentalist” abgestempelt, und damit nicht ernstgenommen.
Wenn jemand von dieser Theologie beeinflusst wird, verliert er allmählich das Vertrauen auf das Wort Gottes. Als Methode gilt der Zweifel: Es muss zum voraus angenommen werden, die Bibel sei ein rein menschliches und fehlerhaftes Buch.
Gott sagt uns dagegen, dass die einzig angebrachte Weise, uns ihm zu nähern, darin besteht, dass wir bereit sind, seinen Willen zu tun (Joh.7,17) und zu vertrauen (Hebr.11,6). Die einzige Art und Weise, Gottes Gedanken kennenzulernen, besteht darin, sein offenbartes Wort anzunehmen (Jesaja 55,6-11). Wer das Vertrauen auf das Wort Gottes verwirft, verwirft das einzige existierende Instrument, um dieses Wort zu verstehen.

Vorerst nur ein kleines Beispiel: Eine Einleitung zum Alten Testament sagt:

“(Das Volk Israel) bestand aus verschiedenen Stämmen, die sich nicht vereinigten, bis David einen monarchischen Staat errichtete mit Jerusalem als Hauptstadt. Die historischen Quellen zu jener Epoche sind sehr fragmentarisch, weshalb wir den Ursprung des hebräischen Volkes im Detail nicht kennen.” (Studienbibel “Dios habla hoy”)

“Die historischen Quellen … sind sehr fragmentarisch” – dann wäre die Bibel also keine historische Quelle? – Nach der Bibel waren die zwölf Stämme Israels vereint seit der Zeit Moses, lange vor David. Aber die kritische Theologie nimmt die historischen Angaben der Bibel nicht ernst und schreibt die ganze Geschichte Israels um.

Der Einfluss der kritischen Theologie

– in den theologischen Seminarien:
Die Mehrheit der “akademischen Theologen” betrachtet die kritische Theologie als die einzig wahre Theologie. An den meisten theologischen Fakultäten ist es fast unmöglich, einen Abschluss zu erhalten für jemanden, der darauf besteht, dass die Bibel Gottes inspiriertes Wort ist. Deshalb: je höher der akademische Grad eines Theologen, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen kritischen Theologen handelt.

– im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK):
Der ÖRK (auch „Weltrat der Kirchen“ genannt) hat die “historisch-kritische Methode” zu seiner offiziellen Theologie erklärt. Die meisten Leiter der ÖRK-Mitgliedskirchen fördern deshalb diese Theologie und unterdrücken andere Theologien.

– in den Bibelgesellschaften:
Die Vereinigten Bibelgesellschaften (United Bible Societies, UBS) sind ebenfalls mit dem ÖRK verbunden, und verbreiten die kritische Theologie. Die vorliegende Untersuchung beruht weitgehend auf in Lateinamerika verbreiteten Veröffentlichungen der UBS.

– in der katholischen Kirche:
Interessanterweise wurde die kritische Theologie, als sie im 19.Jh. auftauchte, vom Papst verurteilt. Aber anfangs des 20.Jh. gab es einem Umschwung, und heute arbeiten auch die meisten katholischen Theologen nach der “historisch-kritischen Methode”.

– im gefallenen Verstand des Menschen:
Den stärksten Einfluss der Bibelkritik müssen wir aber nicht in irgendeiner Organisation suchen, sondern in unserem eigenen Verstand. Von Natur aus sagt unser Verstand: “Ich kann die Wahrheit selber herausfinden, ich bin nicht sündig, ich brauche keine göttliche Offenbarung.” Dieser Stolz ist seit dem Sündenfall im Menschen drin. Der natürliche Mensch kann die geistlichen Dinge nicht erkennen (1.Kor.2,14), aber er glaubt alles zu wissen. Das ist genau die “historisch-kritische Methode”: eine Untersuchung der Bibel mit unserem natürlichen Verstand, als ob es keine göttliche Offenbarung gäbe.
So entwickelt sich ein Teufelskreis: Der Mensch handelt gegen Gottes Willen. Dann findet er in der Bibelkritik einen willkommenen Vorwand dafür: “Das ist sowieso nicht Gottes Wort; ich brauche das nicht ernstzunehmen.” So wendet er die kritischen Methoden an, was wiederum neuen Ungehorsam gegen Gottes Willen produziert.
Die Bibelkritik ist nicht aus wissenschaftlichen Gründen so weit verbreitet. Der wahre Grund ist, dass der Mensch einen Vorwand sucht, um in der Sünde zu verbleiben.
Auch wenn jemand sich zu Jesus bekehrt, wird der Verstand nicht plötzlich verändert. Wir müssen bewusste Anstrengungen unternehmen, um von unserem intellektuellen Stolz umzukehren und Gottes Offenbarung anzuerkennen. Auch ein Christ muss ständig sein Denken erneuern (Römer 12,2), sonst wird er zu einer leichten Beute für die Bibelkritik.
Deshalb handelt es sich in erster Linie um einen geistlichen Kampf (2.Kor.10,3-5). Wir müssen unsere Gedanken “gefangennehmen unter die Wahrheit Christi”.

Vorsicht vor den “Experten”!

Ich höre häufiger als früher christliche Leiter sagen: “Die Experten sagen…”, “Die Theologen sagen…” – Und fast immer ist es eine falsche Lehre, was die “Experten” sagen.
Zur Zeit der Reformation konnten die Christen zum wahren Evangelium zurückkehren, weil sie das Wort Gottes selber lesen konnten. So konnten sie die falschen Lehren der Kirche erkennen und widerlegen. Aber die heutigen Evangelischen scheinen diese Fähigkeit verloren zu haben. Statt selber zu erforschen, was das Wort Gottes wirklich sagt, folgen sie blindlings den “Experten”. Deshalb sind die evangelischen Gemeinden heute in eine Situation gekommen, die sehr der katholischen Kirche vor der Reformation ähnelt.

Ausgewählte Probleme der kritischen Theologie

Im folgenden werde ich einige Methoden und Theorien der Bibelkritik untersuchen. Die Beispiele entnehme ich zwei Werken, die von den UBS herausgegeben wurden:
Studienbibel “Dios habla hoy”, Kolumbien 1994 – Der Bibeltext ist die spanische Entsprechung zu “Die Gute Nachricht”; diese Studienbibel enthält ausführliche (bibelkritische) Einleitungen und Kommentare.
“Descubre la Biblia – Manual de Ciencias Bíblicas” (“Entdecke die Bibel – Handbuch der Bibelwissenschaften”, UBS, Kolumbien 1998)

Beide Bücher erwecken den Anschein, die göttliche Inspiration der Bibel zu befürworten, während sie in Wirklichkeit eine Indoktrination in Bibelkritik sind. Beide wurden mit grossem Werbeaufwand, Spezialpreisen und begleitenden Seminaren (mit kritischen Theologen) weit verbreitet, insbesondere unter Pastoren und Bibelschülern.
Es ist besorgniserregend, dass die UBS in Lateinamerika praktisch ein Monopol über die Bibelverbreitung innehaben. Und noch besorgniserregender, dass die evangelischen Gemeinden den theologischen Hintergrund der UBS nicht erkennen (welcher dem Glaubensbekenntnis fast aller lateinamerikanischen Gemeinden direkt widerspricht).

Zweifel über die biblischen Autoren

“Keines der vier Evangelien nennt den Namen des Autors. Ihre Zuschreibung zu den vier ‚Evangelisten‘ ist ziemlich viel später als die eigentlichen Evangelien, und kommt aus einer mündlichen Tradition, von der wir ab dem 3.Jh. schriftliche Zeugnisse haben.” (“Entdecke die Bibel”, S.176 Fussnote)
“Wahrscheinlich im 2.Jh. wurde es üblich, in die Abschriften der Evangelien die Titel ‚Nach Matthäus‘ (usw.) einzufügen. … Wir haben keine Information darüber, wie es zu dieser Identifikation kam.” (Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1458)

Diese Äusserungen sind ziemlich merkwürdig, wenn wir in Betracht ziehen, dass keine einzige Evangelienhandschrift existiert, in welcher die Titel (“Nach Matthäus” usw.) fehlen würden (mit Ausnahme der unvollständigen Fragmente, in welchen der Anfang überhaupt fehlt.) Hier sehen wir, dass die “wissenschaftliche Theologie” in Wirklichkeit gar nicht wissenschaftlich ist: sie verbreitet Hypothesen, die mit keinem real vorhandenen Dokument belegt werden können. Die alten Handschriften legen vielmehr nahe, dass die Titel von Anfang an integraler Bestandteil der Evangelien waren.
Welche Absicht liegt dahinter, Zweifel zu säen über die Identität der biblischen Autoren? – Die Bücher des Neuen Testaments wurden hauptsächlich auf der Grundlage anerkannt, dass sie von einem Apostel geschrieben wurden, oder von einem unmittelbaren Aposteljünger unter Aufsicht eines Apostels. Die Urgemeinde zweifelte nie an der Identität der Autoren. Aber als im 19.Jh. die Bibelkritik aufkam, wurde vor allem die körperliche Auferstehung Jesu kritisiert. Die Auferstehung ist der klarste “Echtheitsbeweis” des christlichen Glaubens. Wenn jemand den christlichen Glauben angreifen wollte, musste er zuerst die Auferstehung leugnen. Könnte man “beweisen”, dass die Autoren der Evangelien keine Augenzeugen der Auferstehung waren, dann könnte man die Auferstehung als reine Erfindung der Urgemeinde abtun. Das ist das eigentliche Motiv hinter dieser Theorie.

Hier sagt einer der berühmtesten kritischen Theologen, was er wirklich glaubt:

“Das Osterereignis als die Auferstehung Christi ist kein historisches Ereignis; als historisches Ereignis ist nur der Osterglaube der ersten Jünger fassbar…”
(Rudolf Bultmann, 1941)

(NB: Zitate deutschsprachiger Autoren sind z.T. aus dem Spanischen rückübersetzt und können deshalb leicht vom originalen Wortlaut abweichen.)

In den Büchern der Bibelgesellschaften haben wir noch keine solchen Zitate – der Abfall vom Glauben wäre zu offensichtlich. Aber im Grunde haben die Theologen der Bibelgesellschaften die gleiche Theologie wie Bultmann.

Hier noch zwei Argumente gegen die Kritik der Evangelien:
– Joh.21,24 sagt eindeutig, dass der Autor ein Jünger Jesu und Augenzeuge der berichteten Ereignisse war.
– Paulus erwähnt in 1.Kor.15,6 mehr als 500 Augenzeugen der Auferstehung, “von denen viele noch leben”. (Auch die kritischen Theologen können nicht abstreiten, dass 1.Kor. weniger als 30 Jahre nach der Auferstehung Jesu geschrieben wurde.) Wenn dies eine Lüge oder Erfindung wäre, dann hätte jeder Feind des Christentums den Betrug sofort aufdecken können, indem er zeigte, dass diese Augenzeugen nicht existierten. Dann hätte sich die christliche Gemeinde aufgelöst, denn Paulus selber sagte: “Wenn Christus nicht auferstanden ist, … dann ist euer Glaube vergeblich” (1.Kor.15,14).

Die Suche nach Widersprüchen und die Annahme von verschiedenen “Quellen”

“In 2.Mose 3,1-15 verbinden sich zwei theologisch-literarische Traditionen, die aus zwei verschiedenen Zeiten und Orten stammen. Nur so erklärt sich, warum in einem Abschnitt, der die Offenbarung des Namens Yavé als eine Neuheit erzählt (2.Mose 3,11-15), Passagen vorkommen (2.Mose 3,2.4.7), wo dieser Name als Allgemeingut gebraucht wird. Dies lässt uns denken, dass in 2.Mose 3,1-15 eine Tradition erscheint, die den Namen Yavé schon länger gebrauchte, zusammen mit einer anderen, die diesen Namen hier zum ersten Mal einführt.”
(“Entdecke die Bibel”, S.198)

Dies ist ein Beispiel, wie die kritischen Theologen Widersprüche suchen, um die Autorschaft Moses abzustreiten. Der Name “Yavé” war schon zur Zeit Adams bekannt (1.Mose 4,26). In 2.Mose 3 steht nirgendwo, der Name Gottes sei eine “Neuheit”. Aber Mose kannte Gott noch nicht persönlich; er brauchte eine Offenbarung, wer Gott wirklich war. Wir können dies mit der Erfahrung Saulus‘ auf dem Weg nach Damaskus vergleichen: “Wer bist du, Herr? – Und er antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst…” (Apg.9,5) Hier argumentiert auch niemand, der Name “Jesus” werde als “Neuheit” eingeführt!

“Viele Bibelforscher identifizieren drei theologisch-literarische Traditionen, die in 1. bis 4.Mose miteinander verwoben sind. Diese Traditionen wurden J (Jahwist), E (Elohist) und P (Priesterschrift) genannt. … Vor seiner Endredaktion war der Pentateuch (die 5 Bücher Mose, Üs.) in Traditionen aufgeteilt, welche das Volk begleiteten auf seinem Weg durch die verschiedenen historischen Momente … J ist vor allem mit Juda verbunden, und gehört in die Zeit des vereinten Königreichs (10.Jh.v.Chr.). E ist mit dem Nordreich verbunden und stammt aus der Zeit der Reichsteilung (9.-8.Jh.v.Chr.). P ist mit Jerusalem verbunden, als die Nation nicht mehr existierte (nach dem Exil).”
(“Entdecke die Bibel”, S.198-199 Fussnote)

Hier haben wir die kritische Theorie über die angeblichen Autoren der Bücher Mose. Nach dem Exil, als der letzte der hypothetischen Autoren lebte, wären wir etwa 900 Jahre nach Mose! (Wir werden später sehen, warum die kritischen Theologen daran interessiert sind, die biblischen Bücher möglichst spät zu datieren.)
Auch diese Theorie lässt sich mit keinem schriftlichen Dokument belegen. Wenn z.B. die “Tradition J” 500 Jahre lang als eigenständige Tradition existiert hätte, dann müssten doch Handschriften existieren, die nur diese Tradition enthalten. Aber alle Handschriften enthalten die 5 Bücher Mose in der Form, die wir heute kennen.
Ausserdem (was der Autor der Bibelgesellschaft uns nicht sagt), sind die kritischen Theologen weit davon entfernt, miteinander übereinzustimmen über den Ursprung einer gegebenen Bibelstelle in “J”, “E” oder “P”; oder auch nur über die genaue Anzahl der “Traditionen”.
Und noch etwas sagt uns der Autor nicht: Es ist schlicht unmöglich, die Bücher Mose so auf die drei oder mehr angenommenen “Traditionen” aufzuteilen, dass jeder Teil für sich Sinn machen würde. Um ihre Theorie aufrechtzuerhalten, müssen die Theologen annehmen, die Orignal-”Traditionen” seien ständig verändert worden, Teile seien weggelassen und andere hinzugefügt worden, ganze Abschnitte seien vollständig umgeschrieben worden gemäss der theologischen Tendenz des jeweiligen “Redaktors”, usw. – kurz, das Ganze seien menschliche Erfindungen und Legenden, aber keine historischen Ereignisse und erst recht nicht Offenbarung Gottes.

“Die Pastoralbriefe (1./2.Timotheus, Titus – Üs.), im Vergleich zu den anderen Paulusbriefen, zeigen verschiedene Besonderheiten. Die Sprache dieser Briefe ist ziemlich anders. Es erscheinen Ausdrücke, die in den anderen Briefen nicht vorkommen; und andere, die typisch sind für Paulus, kommen hier nicht vor. Auch im Inhalt gibt es auffallende Unterschiede … Viele denken, dass die Pastoralbriefe in eine Situation nach dem Tod des Paulus gehören, und von einem Paulusjünger geschrieben wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1805)

Wenn wir im Bibeltext Unterschiede oder unterschiedliche Standpunkte finden, dann gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

1. Wir nehmen eine Haltung des Zweifels und der Kritik ein, und nehmen zum voraus an, die Bibel enthalte Fehler.
– Dies tut der Autor des obigen Kommentars. Er hebt die Unterschiede hervor und schreibt sie unterschiedlichen menschlichen Tendenzen zu, welche die ursprüngliche Botschaft oder die ursprünglichen Tatsachen abgeändert hätten. Wer sagt, gewisse Ausdrücke seien “nicht typisch für Paulus”, der nimmt zum voraus an, was er beweisen will. Um festzustellen, welches die “typischen Ausdrücke” Paulus‘ sind, müsste man die Gesamtheit seiner Werke in Betracht ziehen, statt zum voraus anzunehmen, gewisse Briefe seien nicht von ihm.

2. Wir anerkennen, dass wir nicht alles wissen, weil wir nicht die vollständige Information über die Situation haben; aber wir vertrauen, dass der Heilige Geist die biblischen Schreiber inspiriert hat, und dass es deshalb keinen Irrtum gab.
– Dann werden wir einen Weg suchen und finden, wie die Unterschiede erklärt werden können als verschiedene Aspekte derselben Wahrheit.
Wir werden dann verstehen, dass der Stil und Wortschatz der Pastoralbriefe anders ist, weil Paulus sie in einer anderen Situation schrieb (gegen Ende seines Lebens), an andere Empfänger (Leiter, nicht die Gemeinde insgesamt), und zu anderen Themen (die Leitung der Gemeinde). Paulus war keine “Maschine”, die mechanisch immer dieselben Ausdrücke verwenden müsste.
Würden wir die kritische Methode auf moderne Literatur anwenden, dann kämen wir zum Schluss, “Narnia” und “Pardon, ich bin Christ” könnten keineswegs vom selben Autor geschrieben worden sein. Wortschatz und Stil der beiden Werke sind völlig unterschiedlich. “Narnia” ist ein Fantasieroman für Kinder, in welchem christliche Ideen und heidnische Mythologie nebeneinander vorkommen. “Pardon, ich bin Christ” ist eine intellektuelle Verteidigung des Christentums. Aber in Wirklichkeit wurden beide Bücher von C.S.Lewis geschrieben.

Annahme des Gebrauchs von Pseudonymen

“Manchmal schrieb ein uns unbekannter Autor unter dem Namen einer Person von anerkannter Autorität, um die von jener Person ausgedrückten Ideen schriftlich zu sammeln, oder sie zu interpretieren … Es war sogar üblich, dies auch nach dem Tod des angenommenen Autors zu tun.” (Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1698)
(Kritische Theologen nehmen dies an z.B. im Fall der Pastoralbriefe, und 2.Petrus.)

– Es ist wahr, dass diese Praktik im Heidentum vorkam (z.B. griechische Philosophen). Aber das Volk Israel und die christliche Gemeinde leben unter dem Gebot: “Du sollst nicht falsch Zeugnis geben.” Aus der frühen Kirche ist der Fall eines Ältesten bekannt, der einen Brief unter dem Namen des Apostels Paulus schrieb. Als dies ans Licht kam, wurde der besagte Älteste seines Amtes enthoben. Dies zeigt klar, dass die christliche Gemeinde den Gebrauch solcher “Pseudonyme” nicht erlaubte.

Sind diese Fragen wichtig?

Die Kommentaristen der “Studienbibel”versichern, dass solche Theorien in keiner Weise unseren Glauben beeinträchtigen. Der Autor des obigen Kommentars beruhigt uns sogleich:

“Diese Tatsache vermindert weder die Autorität noch den religiösen Wert dieser Schriften.”

Aber: Kann ich noch auf die Bibel als Wort Gottes vertrauen, wenn ich annehme, dass einige ihrer Autoren uns einen falschen Namen angaben? Kann ich auf die Bibel vertrauen, wenn ich annehme, dass einige ihrer Bücher aus verschiedenen Werken mit verschiedenen theologischen Tendenzen zusammengefügt wurden? – Viele Evangelische sagen ja; aber sehen wir, was die Konsequenzen sind.
Es geht hier nicht nur um so oberflächliche Dinge wie den Namen eines Autors. Es geht um grundsätzliche Unterschiede im Glaubenssystem dieser Theologie. Wenn wir die Schlussfolgerungen akzeptieren (Pseudonimie, usw.), dann werden wir allmählich auch die Denkvoraussetzungen annehmen, die hinter diesen Schlussfolgerungen liegen.

Z.B: Wenn ich annehme, die Pastoralbriefe seien nicht von Paulus, dann muss ich auch annehmen, der unbekannte Autor hätte Einzelheiten aus dem Leben des Paulus dazu erfunden (1.Tim.1,3, 2.Tim.4,9-18). Ich müsste dann allgemein an der Wahrhaftigkeit und Integrität der ersten Jünger Jesu zweifeln. Ich käme dann zum Schluss, auch die Worte Jesu in den Evangelien seien vielleicht keine authentischen Worte Jesu. (Tatsächlich kommt die Bibelkritik zu diesem Schluss.) Aber wie könnte ich mein Leben auf Worte aufbauen, die von Lügnern erfunden wurden?
Die Interpretationen der kritische Theologie erscheinen dem natürlichen Menschenverstand plausibel, aber sie sind wie Angelhaken: sie sind an einer langen Schnur angebunden, die uns immer weiter von Gott wegzieht.

(Fortsetzung folgt)

Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum

1. März 2010

Der folgende Artikel ist schon einige Jahre alt, aber immer noch aktuell. Ich möchte ihn hier hineinstellen als logische Folge des Artikels „Meine zweite Bekehrung“ – d.h. er stellt den darauffolgenden Schritt in meiner Lebensgeschichte dar. Ursprünglich schrieb ich ihn zur Gebetsinformation für Personen, die mich damals via eine Organisation unterstützten. Leider stiess der Artikel auf wenig Gegenliebe: Die Organisation, die ihn damals zur Veröffentlichung angefordert hatte, strich (ohne Rücksprache mit mir) die wesentlichen Abschnitte weg. Er erscheint deshalb hier in der Kategorie „Zensurierte Artikel“.


Gerne würde ich Euch mit diesem Bericht den Beginn einer neuen Etappe in unserem Dienst ankündigen; aber Gottes Zeit ist anscheinend noch nicht gekommen. Eine Etappe ist zu Ende gegangen; den Neuanfang suchen wir noch.

In den vergangenen Jahren haben wir viele Sonntagschulmitarbeiter ausgebildet, Teenager gelehrt, und evangelistische Kinderlager durchgeführt. An diesen Anlässen sahen wir manche Teilnehmer Glaubensschritte tun, Dinge in ihrem Leben in Ordnung bringen, oder zum ersten Mal überhaupt ihr Leben in Gottes Hand legen.

Leider war aber die langfristige „Frucht“ nicht dementsprechend. Nachdem sie der „Obhut“ ihrer Gemeinden überlassen wurden, haben die meisten Sonntagsschullehrer ihren Dienst aufgegeben, sind die meisten Teenager im Glauben zurückgefallen, und sind die Lagerkinder in ihrem Glauben nicht weitergeführt worden.

Es tut weh, dies zu sehen. Ich musste meinen eigenen Dienst, und die Realität der Gemeinden, neu überdenken:

  • Bisher nahm ich an, meine Lehrangebote seien eine Ergänzung zu den bestehenden Gemeindeprogrammen, und die Gemeinden täten das übrige. Leider ist das nicht (mehr) so. Insbesondere werden junge Christen in den Gemeinden nicht in ihrem Glaubensleben weitergeführt.
  • Ich habe das Evangelium zuwenig klar verkündigt. Die meisten Gemeinden verstehen unter „Sünde bereuen“ einfach: „ein Gebet sprechen“, und unter „Jesus nachfolgen“ verstehen sie „sich einer Gemeinde anschliessen und deren Tradition folgen“. Solange ich solche Ausdrücke ohne klare Erklärung verwendete, wurden sie in diesem Kontext verstanden, und das führte zu mehr Scheinbekehrungen als echten Bekehrungen. Nur eine Minderheit der evangelischen Gemeindeglieder ist wirklich wiedergeboren. Sie brauchen eine viel deutlichere Erklärung des Evangeliums.
  • Viele Gemeinden haben sich vom neutestamentlichen Christentum entfernt. Drei Symptome möchte ich nennen:
    1. Autoritäre Strömungen machen die Mitglieder von menschlichen Leitern abhängig statt von Gott. An einigen Orten wird gelehrt, man dürfe den Pastor nie in Frage stellen, selbst wenn er in Sünde lebt oder Irrlehren verkündigt. Das führt zu einer Art „Papsttum in evangelischem Gewand“. Nur wenige Christen lesen selber in der Bibel, und noch weniger prüfen die Lehre ihrer Leiter anhand der Bibel.
    2. Bibelkritische Theologie ist in fast alle Denominationen eingedrungen. Und selbst manche „bibeltreue“ Leiter nehmen in der Praxis die neutestamentlichen Berichte und Anweisungen über das Gemeindeleben nicht ernst. Deshalb werden Entscheidungen immer mehr nach menschlich-politischen Erwägungen, statt nach biblischen Kriterien getroffen.
    3. „Organisation“, „Tradition“ und „Routine“ sind im praktischen Gemeindeleben wichtiger geworden als die persönliche Herzensbeziehung zum Herrn. Z.B. wird die „richtige“ Durchführung des Gottesdienstprogramms wichtiger genommen als die geistliche Auferbauung und Gemeinschaft der Mitglieder.

Nachdem ich all dies gesehen hatte, fragte ich mich: Wo sind Christen, die ernsthaft ein biblisches Christentum leben wollen?

Mit einer Gruppe von jugendlichen Mitarbeitern konnte ich einige Wochen lang im Hochland „von Haus zu Haus“ „Gemeinschaft und Brotbrechen“ praktizieren (Apg.2,42), wo jeder etwas beiträgt zur Auferbauung der anderen (1.Kor.14,26). – Auch konnte ich in einigen Gemeinden und Gruppen über Bekehrung und Wiedergeburt lehren, und über die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes. Aber das waren seltene Ausnahmen. Besonders als ich das Thema der Bibelkritik ansprach, wurde ich von Vertretern der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaften heftig angegriffen.

Deshalb bin ich weiterhin auf der Suche, bis Gott irgendwo, irgendwie eine Türe öffnet. Wir sind dankbar, wenn Ihr dieses Anliegen in Euren Gebeten mittragt. – Bis es so weit ist, reduziert sich unser Kinderdienst auf die Nachbarskinder, die uns besuchen für Spiele, Aufgabenhilfe oder improvisierte Kinderstunden.


Aktuelle Nachbemerkung: Die erwähnten Gruppen jugendlicher Mitarbeiter existieren nicht mehr, weil die Gemeinden ihren Jugendlichen die Teilnahme verboten. Dafür haben die zuletzt erwähnten Aktivitäten mit den Nachbarskindern im letzten Jahr zugenommen, wie ich im Artikel „Sie sehnen sich nach Familie“ berichtete.