Posts Tagged ‘Christentum’

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 4)

31. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde überschreitet kulturelle und nationale Grenzen.

Der Missionsbefehl schliesst ein, „alle Völker“ zu Jüngern zu machen (Matth.28,19), „in alle Welt“ zu gehen (Markus 16,15). Das bedingt, dass die Boten des Evangeliums geographische, nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen überwinden. Für die ersten Jünger war das nicht einfach zu verstehen, da sie alle Juden waren, und von ihrer Geschichte her daran gewöhnt waren, dass Gott nur mit dem jüdischen Volk handelte.
Deshalb brauchte Philippus eine besondere Engelserscheinung, um die Begegnung mit dem äthiopischen Beamten zu suchen (Apg.8,26-40). Auch zu Petrus musste Gott auf besondere Weise sprechen, damit er dazu bereit war, das Evangelium zu einer nichtjüdischen Familie zu bringen (Apg.10). Aber allmählich begannen die Jünger die Tatsache zu akzeptieren, dass das Evangelium für alle Nationen bestimmt ist. In Antiochien entstand zum ersten Mal eine Gemeinde, wo sich Juden und Griechen gemeinsam versammelten (Apg.11,19-21). Vielleicht ist das der Grund, warum in Antiochien die Jünger zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (Apg.11,26): Als sie begannen, mit Jüngern aus anderen Nationen Gemeinschaft zu haben, sahen sie sich gezwungen, ihre nationalen Eigenheiten abzulegen und bewusst eine neue „Nationalität“ anzunehmen als Bürger des Reiches Gottes.
Paulus sprach dies klar aus in Kolosser 3,11: „… wo weder Grieche noch Jude ist, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit, weder Barbar noch Skythe noch Sklave noch Freier; sondern alles und in allen ist Christus.“

Aufgrund historischer Umstände war die Verbreitung des christlichen Glaubens während vieler Jahrhunderte fast ausschliesslich auf den europäischen Kontinent beschränkt geblieben. So war es unumgänglich, dass bei der erneuten Ausbreitung auf andere Kontinente die ersten Boten des Evangeliums zu all diesen Kontinenten europäischer Abstammung waren. Das brachte es aber mit sich, dass ein europäisiertes Christentum exportiert wurde, und dass häufig europäische oder abendländische Kultur praktisch mit „christlicher Kultur“ gleichgesetzt wurde.

In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen abendländischer Kultur und biblischem Christentum sehr kompliziert. Einerseits ist die abendländische Kultur tatsächlich stark von biblisch-christlichen Ideen geprägt worden – so stark wie keine andere Kultur -, insbesondere während den drei Jahrhunderten, die auf die Reformation folgten. Viele Errungenschaften, die heute als allgemeine kulturelle Errungenschaften gelten, sind in Wirklichkeit aus christlichem Gedankengut und christlichem Engagement herausgewachsen und erst später von der weltlichen Gesellschaft und dem weltlichen Staat übernommen worden: Fürsorge für Arme und Kranke; Rechtsstaatlichkeit; Religions- und Gewissensfreiheit; die „Gewohnheit“, Verpflichtungen und Verabredungen einzuhalten sowie für verursachte Schäden zu haften (das gehört alles zur sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“). Selbst die Grundlagen der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik sind hauptsächlich von Forschern gelegt worden, die innerhalb eines biblisch-christlichen Paradigmas dachten und arbeiteten: Johannes Kepler, Isaac Newton, Blaise Pascal, Leonhard Euler, Michael Faraday, James Clerk Maxwell, u.v.a.*
Gegenwärtig stehen alle die genannten Errungenschaften in Gefahr, wieder verlorenzugehen, weil der christliche Nährboden nicht mehr existiert, auf dem sie seinerzeit gewachsen waren.

Andererseits ist die abendländische Kultur seit jeher (und insbesondere während der letzten 150 Jahre) auch von anderen, nichtchristlichen oder sogar antichristlichen Strömungen geprägt worden: Klerikalismus, Humanismus, Rationalismus, ein materialistischer Lebensstil, Individualismus, Liberalismus, Sozialismus – um nur einige Beispiele zu nennen. (Es würde zu weit führen, hier im einzelnen zu untersuchen, inwiefern die genannten Strömungen dem biblischen Evangelium entgegenstehen.) Diese Geistesströmungen haben nicht nur die Gesamtgesellschaft beeinflusst, sondern auch die christlichen Kirchen. Wir haben also in Europa einerseits eine nichtchristliche Gesellschaft, die immer noch von einem Erbe christlicher Werte zehrt; andererseits aber „christliche“ Kirchen, die in vielerlei Hinsicht nichtchristlichen Ideen und Werten folgen.
Diese verworrene Situation macht es sehr schwierig, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, was abendländische Kultur ist, was biblisches Christentum ist, und wie diese beiden Dinge auseinanderzuhalten sind. Gerade die gegenwärtige Flüchtlingskrise macht dieses Dilemma sehr deutlich: Da gibt es jene, die eine multikulturelle Gesellschaft fordern, und sich nicht im Klaren sind darüber, dass die Idee eines multikulturellen Zusammenlebens nur auf der Basis einer gemeinsamen Nachfolge Jesu überhaupt je gedacht und verwirklicht werden konnte, aber nicht gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden kann. Und es gibt andere, welche fordern, dass Immigranten sich an die abendländische Kultur anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Kultur inzwischen in sich selbst zutiefst gespalten ist und nach aussen hin höchst widersprüchliche Signale aussendet – was dann z.B. dazu führt, dass Moslems denken, „Christentum“ sei gleichzusetzen mit Feminismus, Pornographie und Homosexualität. (Für sie nicht gerade ein Anreiz, sich dieser Kultur anzupassen…)

Um hier klar zu sehen, sollten wir zuallererst verstehen, dass es für uns als Christen nicht darum gehen kann, zwischen der „abendländischen“ und irgendeiner anderen irdischen Kultur zu wählen; und auch nicht darum, eine „abendländische Kultur“ gegen andere Kulturen zu verteidigen. Der grosse Unterschied besteht vielmehr zwischen allen menschlichen Kulturen auf der einen Seite, und der Kultur des Reiches Gottes auf der anderen Seite. Jede irdische Kultur (mit Ausnahme der jüdischen, als sie noch ursprünglich war) hat heidnische Wurzeln. Deshalb muss jede Person, die sich zu Jesus Christus bekehrt, von ihrer angestammten Kultur Abstand nehmen, diese Kultur im Licht des Wortes Gottes untersuchen, und verwerfen, was nicht Gottes Willen entspricht. Wir alle müssen „freigekauft werden von unserer nichtigen Lebensweise, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben“ (1.Petrus 1,18).
„Kultur des Reiches Gottes“ bedeutet dabei keineswegs die Sitten einer bestimmten Kirche oder Denomination. Im Gegenteil: Wer „christlich sozialisiert“ worden ist, der wird beim Eintritt ins Reich Gottes auch viele Aspekte seiner „kirchlichen Kultur“ hinter sich lassen müssen. Kirchliche Sitten, Umgangsformen und Denkweisen sind in der Regel ebenso von „dieser Welt“ geprägt wie jene der „weltlichen“ Gesellschaft.
Der „alte Mensch“ wurde nach dem Vorbild der ihn umgebenden Kultur geformt. Wenn es in dieser Kultur normal ist, sich zu betrinken oder Unzucht zu treiben, dann wird der alte Mensch einen Hang zum Alkoholismus und zur Unzucht haben. – Wenn diese Kultur sehr intellektuell und „wissenschaftlich“ ist, dann wird der alte Mensch dem Intellektualismus, dem Rationalismus und der „Weisheit dieser Welt“ zugeneigt sein und die Weisheit Gottes verachten. – Wenn diese Kultur religiös ist, dann wird der alte Mensch denken, religiöse Riten und Vorschriften seien ein gültiger Ersatz für eine Beziehung zu Gott. – Usw.
Deshalb muss jeder Christ einen Prozess der „Erneuerung des Sinnes“ durchlaufen (Römer 12,1-2). Er muss die Einflüsse seiner ererbten Kultur entdecken, die der Wahrheit Gottes entgegengesetzt sind; muss diesen Einflüssen absagen, und muss anfangen, dem Willen Gottes gemäss zu denken und zu handeln. Die Einflüsse, die aus der eigenen Familie und Kultur kommen, sind am schwierigsten zu identifizieren, denn sie verkörpern das, was jemand als „normal“ ansieht. So finden es die meisten Europäer „normal“, ihrem Terminplan Vorrang zu geben vor allem anderen, und können aufgrund dessen z.B. ohne weiteres die Gastfreundschaft verletzen. („Ich habe jetzt keine Zeit!“). – Bibellesen allein reicht möglicherweise nicht aus, um zu erkennen, dass hier eine grobe Verschiebung der Prioritäten stattgefunden hat. Um das zu erkennen, muss man wahrscheinlich eine Zeitlang in einer anderen Kultur gelebt haben. Das ist ein weiterer Grund, warum Gott möchte, dass Christen kulturelle Grenzen überschreiten: Es hilft einem, die eigene Kultur objektiver beurteilen zu können.

„Das Evangelium für alle Nationen“ bedeutet, dass Christen aus allen Nationen in harmonischer Gemeinschaft zusammenleben können und ihre gegenseitigen kulturellen Unterschiede tolerieren können, solange diese nicht in geistlicher oder ethischer Hinsicht dem Willen Gottes entgegenstehen. Es bedeutet aber nicht, dass alle Nationen alle ihre Gewohnheiten und Gebräuche (inbegriffen heidnische und unmoralische) in die Gemeinde mitbringen könnten. Es bedeutet vielmehr, dass Jünger aus allen Nationen Bürger des Reiches Gottes werden können. Das schliesst ein, jene Aspekte der eigenen Kultur hinter sich zu lassen, welche dem Evangelium widersprechen, und zu lernen, nach den Massstäben einer neuen Kultur zu leben, nämlich der Kultur des Reiches Gottes.

Befindest du dich bewusst in diesem Prozess des Übergangs von deiner ererbten Kultur zur Kultur des Reiches Gottes? Was beeinflusst deine Gemeinde stärker: die menschlichen Kulturen oder die Kultur des Reiches Gottes? Ist es deiner Gemeinde überhaupt bewusst, dass eine Kultur des Reiches Gottes existiert?


*Verschiedene Autoren haben die Zusammenhänge zwischen den genannten Errungenschaften und einer biblisch-christlichen Weltanschauung untersucht; so z.B. Vishal Mangalwadi in „Das Buch der Mitte“; Francis Schaeffer in seinem Werk über die europäische Geistesgeschichte, „Wie können wir denn leben?“; früher u.a. auch Abraham Kuyper in seinen „Vorlesungen über den Calvinismus“.

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Christenverfolgung in Deutschland: Voraussage beginnt sich zu erfüllen

5. Februar 2015

Schon vor einiger Zeit habe ich vorausgesagt, die deutschen Evangelikalen (die sich bis jetzt kaum je mit den verfolgten Christen in ihrem eigenen Land solidarisiert haben) würden bald selber zur Zielscheibe der staatlichen Verfolgung werden. Anscheinend ist es bald so weit. Dieser Tage wurde der evangelische Pfarrer Olaf Latzel (nicht einmal ein Freikirchler!) aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen in einer Predigt wegen „Volksverhetzung“ angeklagt.

Ich habe mir die besagte Predigt angehört, um mir selber ein Bild zu machen davon. Ich muss sagen, Latzel hat sich im Eifer ab und zu einer überzogenen Ausdrucksweise bedient. Aber von einer Kirche, die sich nach Martin Luther nennt, sollte eigentlich zu erwarten sein, dass ihre Pfarrer der sprachlichen Derbheit ihres Gründers nachschlagen, oder nicht? Als „Volksverhetzung“ qualifiziert das wohl kaum. Im übrigen fand ich in dieser Predigt keinerlei Aufruf zu Hass oder gar Gewalt. Latzel hat nicht einmal dazu aufgerufen, sich von andersgläubigen Menschen abzusondern, sondern nur sich von deren nichtchristlichen Gebräuchen und Festlichkeiten fernzuhalten. Den Unterschied zwischen den beiden Dingen (sich von Menschen oder sich von deren Gebräuchen zu distanzieren) hat er in der Predigt klar herausgestellt. Und er hat auch klar gesagt, wir sollen Andersgläubigen in Liebe und Dienstbereitschaft begegnen. Von daher ist es wirklich ein starkes Stück, ihm aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Teilsätze „Hetze“, „Fremdenhass“ und ähnliches zu unterstellen. Aber eben, aufgrund der allgemeinen Entwicklung in den letzten Jahren (so wie ich sie aus der Ferne bruchstückhaft mitverfolge) war es zu erwarten, dass es eines Tages so weit kommen würde.

Es liegt jetzt natürlich nahe, Parallelen zum Fall „Charlie Hebdo“ zu ziehen. In beiden Fällen geht es um Kritik am Islam. Aber die Reaktion der „Öffentlichkeit“ ist auffallend unterschiedlich. Die Autoren von „Charlie“ werden als Helden gefeiert, während Olaf Latzel als „Fremdenhasser“ disqualifiziert wird, der seine Kirche „unglaubwürdig“ macht. (Weil einer ihrer ganz wenigen Vertreter ist, der das Glaubensbekenntnis dieser Kirche noch ernst nimmt?) Warum diese so unterschiedlichen Reaktionen? Beide kritisieren den Islam – die Autoren von „Charlie“ noch auf eine viel derbere und verletzendere Weise als Latzel. Aber sie sind Atheisten; Latzel ist Christ. Wahrscheinlich ist das der Kern der Sache: Bekennender Atheismus wird im heutigen Europa gefeiert; bekennendes Christentum wird bekämpft.

Je suis Olaf

Ich möchte noch einen anderen Aspekt beleuchten: Ist die „Islamfreundlichkeit“ europäischer Politiker nicht ausgesprochen heuchlerisch? Der Islam hätte doch Europa durchaus einiges zu sagen. Z.B. zu Themen wie Familienzusammenhalt, Gastfreundschaft, oder – nicht zuletzt – Ehrfurcht vor Gott. Würden die sogenannt „islamfreundlichen“ Politiker wirklich gerne hören, was der Islam dazu zu sagen hat? Oder gar über Themen wie „sexuelle Freiheit“, Alkohol- und Drogenkonsum, die Rollen von Mann und Frau, Feminismus und „Genderismus“, Homosexualität, usw.? Warum kommt das nie zur Sprache? Wären diese „islamfreundlichen“ Politiker wirklich bereit, sich auf die von ihnen geforderte „tolerante“ Weise mit dem islamischen Standpunkt zu diesen Fragen zu befassen?

Mir scheint – so weit ich das beobachten kann – dass die europäischen Meinungsmacher, statt den Islam objektiv zu diskutieren, ihn hauptsächlich als eine Art argumentative „Keule“ gegen überzeugte Christen benutzen. Eine Keule, die man nach Belieben mal links herum, mal rechts herum schwingen kann: Mal werden Islamkritiker pauschal als Fremdenhasser und Schlimmeres verunglimpft (wobei aber Leute wie z.B. „Charlie“ merkwürdigerweise keine Fremdenhasser sind); dann wieder werden christliche „Fundamentalisten“ mit islamischen „Fundamentalisten“ in denselben Topf geworfen und als Terroristen verschrieen (wobei nun heftigste Kritik am Islam plötzlich wieder zulässig wird, wenn man nur „Fundamentalismus“ sagt statt „Islam“…).
Da könnte einmal der Schuss nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn der Islam sich nicht mehr einfach so „benutzen“ lässt, sondern diesen Meinungsmachern gegenüber seine eigenen Machtansprüche geltend macht.

Ich wage hier etwas ganz Ketzerisches zu sagen: Wenn es nicht zu einer Umkehr und geistlichen Erweckung kommt, dann verdient Europa es bald wirklich, unter die Knute des Islam zu kommen. So wie Israel es seinerzeit verdiente, unter die babylonische Gefangenschaft zu kommen. Dann werden die Leute – inbegriffen die Meinungsmacher und die hohen Politiker – gezwungenermassen aus dem Munde islamischer Prediger Dinge hören müssen, die sie heute christlichen Predigern zu sagen verbieten.

Nicht dass ich das etwa wünschen würde. Eine echte Erweckung sähe ich tausendmal lieber. Aber die Voraussetzungen dazu sehe ich z.Z. (insbesondere innerhalb der Kirchen selber) nicht gegeben. Und die geistlichen Gesetze der Weltgeschichte erfüllen sich auch dann (oder gerade dann), wenn ihre Akteure selber nicht daran glauben. Der Islam präsentiert sich leider zur Zeit als einer der herausragenden „Kandidaten“, das geistliche Vakuum in Europa zu füllen, das die ehemals christlichen Kirchen hier hinterlassen haben.

Der Überrest des Volkes Gottes

19. Mai 2013

„Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt über Elias, wie er Gott anfleht gegen Israel? ‚Herr, deine Propheten haben sie getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben, und mich wollen sie auch töten.‘
Aber was sagt die (göttliche) Anweisung? ‚Ich habe mir siebentausend Männer übrigbehalten, die nicht vor Baal niedergekniet sind.‘ So ist auch zur gegenwärtigen Zeit ein durch Gottes Gnade ausgewählter Überrest übriggeblieben.“

(Römer 11,2-5)

Diese Schriftstelle spricht über eine Zeit des Abfalls von Gott. Unter dem bösen Königspaar Ahab und Isebel hatte ganz Israel angefangen, fremden Göttern zu folgen. Der Prophet Elias musste sich mehrere Jahre lang versteckt halten, weil der König ihn töten wollte. Dann sagte ihm Gott, er solle sich dem König zeigen und die Propheten des falschen Gottes Baal herausfordern. In dieser Konfrontation zeigte Gott vor dem ganzen Volk, dass er der wahre Gott ist, indem er Feuer vom Himmel über das Opfer Elias‘ fallen liess (1. Könige 18).
Aber dann drohte Isebel, Elias zu töten, und er musste wiederum in die Wüste fliehen. Dort, völlig erschöpft und deprimiert, rief er vor Gott aus: „Ich habe geeifert für den Herrn Gott der Heerscharen; denn die Kinder Israels haben deinen Bund verlassen, haben deine Altäre niedergerissen, und haben deine Propheten mit dem Schwert getötet; und ich allein bin übriggeblieben, und sie suchen mich, um mich zu töten.“ (1.Könige 19,14). – Als Antwort trug Gott ihm auf, zwei neue Könige und einen neuen Propheten zu salben (seinen Nachfolger Elisa), und versicherte ihm, er sei nicht völlig allein: „Und ich werde bewirken, dass in Israel siebentausend übrigbleiben, die nicht vor Baal niedergekniet sind…“ (1.Könige 19,18).

Auf diese Situation bezieht sich also Paulus im Römerbrief, und er vergleicht sie mit seiner eigenen Zeit: „So auch zur gegenwärtigen Zeit …“ Was war denn zur Zeit des Paulus geschehen? – Das jüdische Volk hatte sich wiederum von Gott abgewandt. Sie hatten Jesus abgelehnt, ihren von Gott gesandten Erlöser. Und wenn Paulus als Jude das Evangelium verkündete, dann wurde er oft von seinen eigenen Volksgenossen verfolgt. Er hätte auch oft ausrufen können: „Ich allein bin übriggeblieben …!“ – Aber dann sagt er: So wie zur Zeit Elias‘ ein treuer Rest des Volkes Gottes übrigblieb, so auch jetzt. Obwohl die Mehrheit des Volkes Gott ungehorsam war, so hat er sich doch eine kleine Zahl von Menschen übrigbehalten, die sich auf seine Seite stellen. Und an vielen Orten, wo Paulus auf seinen Reisen hinkam, konnte er einige Menschen finden, die zu diesem Überrest gehörten. Obwohl die meisten Juden seine Botschaft ablehnten, so gab es auch immer einige, die glaubten und treu dem Herrn folgten.

„So auch zur gegenwärtigen Zeit“ hat sich die Mehrheit derer, die sich „Christen“, „Volk Gottes“, etc. nennen, von Gott abgewandt. Sie haben zwar ihre äusseren religiösen Formen beibehalten (so wie die Juden zur Zeit Paulus‘ ihre Synagogen hatten), aber sie lehnen die Botschaft des biblischen Evangeliums ab. Doch gibt es einige wenige unter ihnen, die merken, was geschieht; die nicht dem Strom der Zeit folgen, sondern weiterhin dem Herrn treu sind. Das ist der Überrest Gottes in der heutigen Zeit.

Dasselbe ist im Lauf der Kirchengeschichte mehrmals geschehen. Die grossen institutionalisierten Kirchen haben sich sehr schnell von dem Weg abgewandt, den Jesus und die Apostel vorgezeichnet hatten. Übrig blieb ein kleiner, versteckter, unbekannter Rest, der dem Herrn treu blieb. Ab und zu, bei besonderen historischen Gelegenheiten, trat dieser Überrest plötzlich wieder ins Rampenlicht – so wie Elias in seiner Konfrontation mit den Baalspropheten – und wurde zum Kern einer neuen Erweckung. Dann konnte die Welt für kurze Zeit wieder das helle Licht eines echten christlichen Lebens und echter christlicher Gemeinschaft sehen. Aber mit der Zeit wandten sich auch diese erweckten Gemeinschaften wieder dem Traditionalismus zu, dem Menschenwerk statt Gottes Werk, und fielen von Gott ab. Und sie organisierten sich sogar unter genau den Namen, die ihnen die Welt mit Verachtung gegeben hatte: „Protestanten“, „Täufer“, „Quäker“, „Methodisten“, usw. So hörten sie auf, erweckte Gemeinschaften zu sein, und wurden zu institutionalisierten Kirchen wie alle anderen. Mit Ausnahme eines neuen kleinen Überrests.
(Siehe dazu: „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.)

Der Überrest Gottes ist also während der meisten Zeit ein verborgenes, zerstreutes, verachtetes und verfolgtes Volk. Jene, die zu ihm gehören, fühlen sich oft einsam und denken: „Ich allein bin übriggeblieben, sonst folgt niemand mehr dem Herrn.“ Und doch sagt der Herr: „Ich habe mir siebentausend übrigbehalten…“

Dieser Überrest ist also keine „Kirche“, „Gemeinde“ oder „Organisation“. (Auf gar keinen Fall ist er eine institutionalisierte Kirche, die das Wort „Überrest“ in ihren Namen setzt – wie es tatsächlich schon vorgekommen ist!) Einige derer, die zum Überrest gehören, befinden sich in institutionalisierten Kirchen; aber sie wissen, dass sie auch innerhalb dieser „Kirche“ von Namenschristen nur „Pilger und Fremdlinge“ sind. Andere haben zwei oder drei Geschwister „nach dem Herzen Gottes“ gefunden und ermutigen einander gegenseitig in diesem kleinen Kreis. (Nach Hebräer 10,24-25, richtig verstanden.) Und wieder andere wandern völlig allein durch die Wüste und fragen sich, ob es wohl noch andere gibt, die denselben Weg gehen.

Das ist die „Herde“, von der Jesus sagte: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Der Herr selber ist es, der sie weidet, führt und „organisiert“. Oft führt er sie auf Wegen, die die Welt (inbegriffen die religiöse Welt) nicht versteht. Aber sie folgen ihm, denn „sie hören nicht auf die Stimme der anderen“ (Johannes 10:5).

Auch so sind sie nicht frei von Versuchungen und Gefahren. Jeder von ihnen weiss, dass er zum Überrest gehört (oder wird sich dessen allmählich bewusst); aber voneinander können sie es nicht mit Sicherheit wissen. So sind sie manchmal in Gefahr, sich in einem ungleichen Bund zusammenzuschliessen mit jemandem, der fälschlich vorgibt, zum Überrest zu gehören. Oder umgekehrt, jemandem zu misstrauen, der sehr wohl zum Überrest gehört, aber irgendwie „anders“ ist.
Der Überrest definiert sich mit keinem Namen, mit keiner Etikette, mit keinem Versammlungsort, mit keinem Glaubensbekenntnis ausser dem Wort Gottes, und mit keinem Leiter ausser dem Herrn Jesus Christus. Deshalb kann es unter ihnen eine grosse Vielfalt an Hintergründen und theologischen Strömungen geben. So stehen sie manchmal in Gefahr, einander gegenseitig anzugreifen wegen zweitrangiger theologischer Differenzen. Dies umso mehr, als sie in den institutionalisierten Kirchen so viele Irrlehren und abwegige Praktiken gesehen haben, dass sie manchmal auch ihren wirklichen Glaubensgeschwistern misstrauen.
Wenn sie unter der Verachtung, der Ablehnung und der Verfolgung von seiten der Namenschristen leiden, dann können sie andererseits auch versucht werden, sich der sicheren, bequemen und respektablen Umgebung einer institutionalisierten Kirche zu unterwerfen. Oder ihre eigene Organisation zu gründen, um den anderen sichtbar zu zeigen, dass „wir besser sind“ und dass „unter uns der Herr tatsächlich wirkt“. Aber sie sollten eigentlich wissen, dass sie, sobald sie anfangen „respektabel“ zu werden, aufhören, der Überrest zu sein.

Die zum Überrest gehören, können mit allem Freimut von ihrem Glauben an Jesus Christus sprechen, in jeder Situation, wo ihnen der Herr Gelegenheit gibt dazu. Aber sie haben dabei keine „geheime Agenda“: Sie müssen nicht eine obligatorische Anzahl von „Evangelisationsstunden“ erfüllen; noch müssen sie Mitglieder für „ihre Gemeinde“ gewinnen; noch müssen sie die Spenden- und Zehnteneinnahmen erhöhen; noch müssen sie vor Gott „Punkte sammeln“. Deshalb brauchen sie keine aufsehenerregenden Veranstaltungen zu organisieren, und müssen auch niemanden manipulieren. Sie sind schlichte Zeugen dessen, was Gott in ihrem Leben getan hat.

Sie anerkennen und achten echte geistliche Autorität, wo immer sie ihr begegnen; aber sie kennen weder Ämter noch hierarchische Leiterschaftspositionen. Und jene, die zu solcher Anerkennung gelangen, nehmen dies nicht zum Anlass, sich über ihre Geschwister zu erheben. Im Gegenteil, sie demütigen sich noch mehr in der Furcht Gottes, und werden noch mehr zu Dienern ihrer Geschwister (Lukas 21,24-28).

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 2

21. Januar 2012

Von Gott eingesetzte Richter

Mehrere Jahrhunderte lang hatte der Staat Israel eine – aus menschlicher Sicht – äusserst „unordentliche“ Regierungsform: Urplötzlich pflegten vom Heiligen Geist erfüllte Menschen aufzustehen, deren Autorität so allgemein anerkannt wurde, dass sie ganze Stämme im Krieg anführten und auch in zivilen Angelegenheiten ihr Urteil als bindend anerkannt wurde (weshalb sie „Richter“ genannt wurden). Wenn ein Richter starb, brach manchmal die wildeste Anarchie aus; und niemand wusste zum voraus, wann und wo der nächste Richter erscheinen würde.
Ausserdem war das Territorium Israels noch längst nicht allgemein anerkannt oder respektiert: Immer wieder fielen andere Völker ein, raubten und plünderten, oder unterwarfen sich Teile des Landes bzw. der Bevölkerung. Sowohl im Inneren wie im Äusseren herrschte also eine grosse Unsicherheit, und man brauchte einen gefestigten Glauben, um in einer solchen Situation darauf vertrauen zu können, dass Gott tatsächlich alles unter Kontrolle hatte.

Ich denke, diese Zeit kann man gut mit den ersten Jahrhunderten des Christentums vergleichen. Mancherorts waren die Strukturen und Gebräuche noch nicht eindeutig festgelegt. Von aussen her herrschte eine ständige Unsicherheit: man wusste nie, wann die nächste Verfolgung losbrechen würde. Ohne glaubensstarke, von Gottes Geist geleitete Leiter hätte die Gemeinde in jener Zeit kaum überleben können. Aber auch die einzelnen Christen brauchten einen starken, persönlichen Glauben.

„Wir wollen einen König haben!“

Dann kam der Moment, wo die Israeliten diese direkte Abhängigkeit von Gottes Leitung satt hatten und zu Samuel, dem letzten Richter, sagten: „Gib uns einen König, wie ihn alle anderen Nationen haben!“ – Die Regierungszeit von Saul, dem ersten König, war katastrophal. Aber zur Zeit Davids gelang es dem Volk Israel, die ihm feindlich gesinnten Völker definitiv zu besiegen, womit eine (relativ kurze) Periode inneren und äusseren Friedens begann.

So kam auch in der Geschichte der christlichen Kirche ein Moment, wo die Kirche einen König erhielt. Das begann mit dem römischen Kaiser Konstantin, der Christ wurde – zumindest äusserlich. Wie es in seinem Herzen aussah, kann aus der Geschichte nicht restlos geklärt werden. Fest steht, dass Konstantin den Christenverfolgungen ein Ende machte, und dass er von der überwiegenden Mehrheit der Christen nicht nur als politischer, sondern auch als religiöser Führer anerkannt wurde. Beweis dafür ist, dass es Konstantin war, der das berühmte Konzil von Nicäa (325) einberief und dabei auch den Vorsitz innehatte. Dieses Konzil brachte zwar die erste theologisch ausgefeilte Erklärung der göttlichen Dreieinigkeit hervor – ein Glaubensbekenntnis, das bis heute hoch geschätzt wird -, aber kirchenpolitisch gesehen war es eine Katastrophe. Das Bekenntnis von Nicäa war den Konzilsteilnehmern von Konstantin praktisch aufgezwungen worden, sodass sich die scheinbare Einheit sogleich nach dem Konzil wieder auflöste in jahrzehntelange wüste theologische Streitereien und Intrigen.
Konstantins Nach-Nachfolger Theodosius machte dann die Kirche vollends zur „römisch-katholischen“ Kirche: Er erklärte die römische Version des Christentums zur obligatorischen Staatsreligion. Innerhalb eines halben Jahrhunderts waren damit die Heiden von Verfolgern zu Verfolgten geworden. Wie Israel zur Zeit Davids, musste die Kirche jetzt ihre Widersacher nicht mehr fürchten, sondern wurde von diesen gefürchtet.

Vor diesem Hintergrund war es nur natürlich, dass in der Folge nicht nur der römische Staat, sondern auch die Kirche zentral von Rom aus geleitet wurde. Zur Machtstellung des Papstes war es von da her nicht mehr weit. Die Kirche war tatsächlich zu einer Monarchie geworden. Und auf allen Ebenen hatten sich hierarchische Leitungsstrukturen verfestigt, die die Leitung des Heiligen Geistes immer mehr aus der Kirche verdrängten.

Es ist von daher interessant, dass während der Richterzeit das „Haus Gottes“ – die Stiftshütte – ein einfaches Zelt war. Eine bewegliche „Wohnung Gottes“, die auf den Wanderungen Israels überallhin mitgenommen werden konnte. Von den ersten Königen jedoch wurde stattdessen ein Tempel aus Holz und Stein errichtet. (Die Vorarbeiten dazu begannen unter David, und der eigentliche Bau wurde von seinem Sohn Salomo ausgeführt). Beachten wir, dass die Stiftshütte von einem Propheten errichtet wurde, der Tempel hingegen von einem König.
So wie König Salomo die Wohnung Gottes „festzementierte“, so wurde unter dem Einfluss der römischen Kaiser (und gewisser Kirchenführer) die kirchliche Hierarchie und Liturgie „festzementiert“. Und so wie Salomo einen heidnischen Baumeister anstellte – Hiram von Tyrus -, so sind zur Zeit Konstantins und Theodosius‘ viele heidnische Einflüsse in die Kirche eingedrungen.

Natürlich kann man auch hier die Parallele nicht in alle Einzelheiten weiterführen. Ich könnte keinen der römischen Kaiser oder Päpste direkt mit Saul, mit David oder mit Salomo gleichsetzen. Aber die grundsätzlichen Ähnlichkeiten scheinen mir der Erwähnung wert.

Das geteilte Reich

Salomo war der dritte König Israels und zugleich der letzte, der das Reich im Frieden regieren konnte. Kurz nach seinem Tod brach das Reich auseinander. Ebenso teilte sich auch das Römische Reich bald nach Konstantin in eine West- und eine Osthälfte, die fortan getrennte Wege gingen. Da die Kirche mit der Staatsregierung verbunden worden war, hatte das natürlich Auswirkungen auf die Kirche. Ost- und Westkirche (d.h. die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche) lebten sich immer weiter auseinander, bis sie schliesslich einander gegenseitig verurteilten und verfluchten.
Gleichzeitig entfernten sich beide Kirchen immer weiter von den Grundlagen des Wortes Gottes – genauso wie auch das Volk Israel in der Zeit des geteilten Reiches immer weiter von Gott abfiel. Mit gelegentlichen Reformen und halbherziger Umkehr; aber aufs Ganze gesehen müssen wir von einer Zeit des Abfalls von Gott sprechen.

Die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr nach Jerusalem

Diese Zeit des Abfalls mündete schliesslich in die babylonische Gefangenschaft Israels aus (und für das Nordreich vorher schon in die assyrische Gefangenschaft). Die Propheten hatten dieses Gericht Gottes bereits vorhergesagt. Ein grosser Teil des Volkes wurde nach Babylonien deportiert, wo sie nur geringe Freiheiten hatten und die Babylonier vieles unternahmen, um sie zu ihrer Religion zu bekehren. (Im Buch Daniel nachzulesen.)
Die kirchengeschichtliche Parallele dazu liegt auf der Hand. Martin Luther schrieb ein ganzes Buch mit dem Titel: „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“. Jahrhundertelang war die Kirche gefangen in Unmündigkeit, Aberglauben, und aus der Bibel nicht zu begründenden Gebräuchen.
Tatsächlich gibt es in der babylonischen Religion gewisse Parallelen zum römischen Katholizismus. Z.B. versuchten die Babylonier in den ihnen unterworfenen Gebieten ihre Religion durchzusetzen, indem sie die einheimische Führungsschicht dieser Länder „umerzogen“ – nicht viel anders als die katholische Kirche im Mittelalter. Ohne Vermittlung der Priester und Teilnahme an den vorgeschriebenen Zeremonien konnte man in der babylonischen Religion nicht mit den Göttern in Verbindung treten. Auch gewisse Symbole wie z.B. die Verehrung einer „Gottesmutter“ mit ihrem Sohn sind babylonischen Ursprungs.

Erst als das babylonische Reich von den Persern und Medern eingenommen wurde, erhielten die Israeliten die Freiheit, wieder in ihr Land zurückzukehren. Dieses Ereignis ist in der Kirchengeschichte offensichtlich mit der Reformation zu vergleichen. So wie die Israeliten aufgefordert wurden, zurück nach Jerusalem zu ziehen, so erging in der Reformationszeit der Ruf, zum ursprünglichen Wort Gottes zurückzukehren. Aber so wie viele Israeliten sich an das Leben in Babylon gewöhnt hatten und dort blieben, so leisteten auch längst nicht alle Kirchenchristen dem reformatorischen Ruf Folge.

Der Verlust der Unabhängigkeit

Auch nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war Israel kein unabhängiger Staat mehr. Die Juden befanden sich nacheinander unter persischer, griechischer und römischer Herrschaft. Erst in jüngerer Vergangenheit (1948) wurde Israel zum ersten Mal seit der babylonischen Gefangenschaft wieder ein unabhängiger Staat.
Wenn wir nun die babylonische Gefangenschaft als Typus einer „Gefangenschaft“ der Kirche unter eine bestimmte Denkströmung und Kultur verstehen – in diesem Fall die römisch-katholische -, können wir dann auch in den anderen, späteren Besatzungsmächten eine solche Bedeutung sehen?

Die Weltsicht und Religion der Perser war stark vergeistigt und dualistisch; d.h. alles wurde als Ausdruck einer ständigen Auseinandersetzung zwischen einer guten und einer bösen Macht verstanden. Die Perser waren in Angelegenheiten der Religion toleranter als die Babylonier. Es waren die Perser, welche den Juden erlaubten, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wieder aufzubauen.
So sehen wir auch in den Reformationskirchen eine ähnliche Schwerpunktverschiebung: Während die Glaubenstreue eines Katholiken vornehmlich an seiner Unterordnung unter der Hierarchie, und an seiner Teilnahme an den Riten und Sakramenten gemessen wird, so war das Kriterium der Reformatoren, ob etwas (lehrmässig) „richtig oder falsch“ war. – Auch lockerte sich die staatliche Bevormundung in religiösen Angelegenheiten. Besonders in den calvinistischen Ländern (in den lutherischen weniger) fand eine allmähliche Bewegung in Richtung Glaubens- und Gewissensfreiheit statt.
Dennoch haben wir auch hier eine geistige „Fremdherrschaft“, eine Überschattung des Evangeliums durch eine ihm fremde Denkrichtung. Den „rechten Glauben“ an der Übereinstimmung mit der „rechten Lehre“ festzumachen, ist eine unzulässige Reduktion des Evangeliums. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Periode, die von manchen Historikern als „Zeit der toten Orthodoxie“ bezeichnet wird: Die Grundwahrheiten des Evangeliums wurden zwar noch richtig und biblisch („orthodox“) gelehrt, aber nicht mehr auf das wirkliche Leben angewandt.

Das griechische Denken war hauptsächlich humanistisch (d.h. auf den Menschen als solchen zentriert) und philosophisch-intellektuell. Die griechischen Götter waren im Grunde nichts als überzeichnete Abbilder von Menschen, mit höchst menschlichen Bedürfnissen, Schwächen und Fehlern. Die Griechen strebten danach, ihr menschliches Potenzial so weit wie möglich zu entwickeln: sei es im intellektuellen Bereich (Philosophie, Rhetorik, Geometrie…) oder im körperlichen (militärisches Training, Sport, Olympiaden…). Als „am höchsten entwickelte“ Menschen galten die Philosophen.
So begann auch in der Kirche während des 19.Jahrhunderts der Rationalismus zu dominieren: eine Denkrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und meint, alles könne und müsse mit dem menschlichen Verstand erklärt werden. Diese „moderne“ liberale Theologie fragt hauptsächlich danach, ob etwas „logisch“ oder „vernünftig“ sei. Was übernatürlich oder dem menschlichen Verstand nicht einsichtig ist, wird von dieser Theologie abgelehnt. Wir können deshalb durchaus sagen, dass die Mehrheit der Kirche während des 19. und 20. Jahrhunderts vom griechischen Geist beherrscht wurde.

Die Römer übernahmen zwar das griechische Denken, waren aber von sich aus eher pragmatisch orientiert. Sie kümmerten sich mehr um die praktische Verwaltung und Verteidigung ihres Reiches, als um Philosophie. Während die Griechen bedeutende Schritte auf demokratische Regierungsformen hin unternommen hatten, regierten die Römer von Cäsar an wieder weitgehend diktatorisch. – In religiöser Hinsicht finden wir im römischen Reich eine merkwürdige Mischung von Toleranz und Totalitarismus: Einerseits war die Ausübung aller möglichen auch noch so abwegigen Religionen erlaubt. Deshalb erreichte die Ausbreitung der ursprünglich orientalischen Mysterienreligionen in der Römerzeit ihren Höhepunkt. Andererseits war die Verehrung des Kaisers streng obligatorisch. Die Christen wurden nicht deshalb verfolgt, weil sie Christus anbeteten; sie wurden verfolgt, weil sie sich weigerten, zusätzlich zu Christus auch noch den Kaiser anzubeten. Die ersten Leser der Johannesoffenbarung dachten bei dem „Tier“ in Kapitel 13 sicher zuerst an den Machtapparat des römischen Kaisers.
Man kann sich fragen, ob wir uns gegenwärtig im Übergang von der Herrschaft des griechischen Geistes zu der des römischen Geistes befinden. Welteinheitsbestrebungen wie damals die „Pax Romana“ sind wieder hochaktuell. Unter den Evangelikalen geben die Kirchen der USA mit ihrer Strategieversessenheit, ihrem Marketingdenken und ihren auf das Diesseitige ausgerichteten Zielsetzungen den Ton an. Orientalische Religionen und Praktiken verbreiten sich wieder über den ganzen Erdball, und finden inzwischen auch in den meisten Kirchen offene Türen. „Vernunft“ wird nicht mehr so grossgeschrieben wie auch schon; dafür suchen manche Christen nach immer wilderen Manifestationen übernatürlicher Kräfte aus eher zweifelhaften Quellen. Und nicht zuletzt: Unter dem Vorwand von „Toleranz“ und „politischer Korrektheit“ werden die Freiheiten für echte, bekennende Christen immer mehr eingeschränkt.

Ich muss da jedoch eine kleine Mahnung zur Vorsicht anbringen: Je näher wir an die Gegenwart kommen, desto schwieriger wird es, Zeit- und Denkströmungen angemessen zu beurteilen und einzuordnen. Aus dem fehlenden historischen Abstand heraus können Nebensächlichkeiten gross erscheinen, während die wirklich einflussreichen Strömungen oft erst im Nachhinein erkannt werden.

Einen Grundgedanken möchte ich jedoch hervorheben: Seit der Reformation ist zwar in der Kirche manches erneuert worden und ist manche biblische Wahrheit neu entdeckt worden. Aber so wie Israel auch nach der Rückkehr aus Babylon noch nicht wirklich frei und unabhängig war, so ist auch die Kirche mit alldem noch nicht wirklich frei geworden von geistiger „Fremdherrschaft“.

(Fortsetzung folgt)

Nicht ganz weihnächtliche Grüsse…

26. Dezember 2010

Nein, ich konnte dieses Jahr keine Weihnachtsgrüsse versenden. In anderen Jahren habe ich das manchmal getan. Nicht, weil ich wirklich daran glaubte, Weihnachten sei ein echt christliches Fest; aber weil es eine Zeit des Jahres ist, in der einige Menschen immerhin etwas sensibler werden für die Person Jesu.

Doch dieses Jahr hatte ich einfach keine „guten Nachrichten“ zu versenden. Stattdessen ist mein Herz schwer von traurigen Nachrichten und traurigen Zuständen, sowohl in nächster Nähe wie auch weit weg. Zwei der „Nachrichten“, die mich besonders beschäftigen, stehen in den beiden Artikeln, die ich ebenfalls heute veröffentlicht habe. Sie sprechen Dinge an, bei denen man lieber wegsehen und weghören möchte. (Deshalb veröffentliche ich sie erst nach Weihnachten, um den Lesern die Freude am guten Weihnachtsessen nicht zu verderben…) Aber gerade diese Dinge müssen gehört werden, wenn wir Teil dessen sein möchten, was Gott heute tut.

Massaker an Unschuldigen: Das Christentum im Irak ist vom Aussterben bedroht

Wie gross ist diese Finsternis!

Die beiden Artikel, obwohl aus ganz unterschiedlichen Weltecken und Hintergründen, haben einen traurigen inneren Zusammenhang: Im Osten arbeitet die extrem-islamische Verfolgung gezielt und grausam auf die Ausrottung des Christentums hin. Im Westen erreichen die offiziellen Kirchen mit ganz anderen, aber ebenso wirksamen Mitteln dasselbe.

Ist das wirklich die Zeit, einander Weihnachtsgrüsse zu schicken, jene zu beschenken, die einen wiederum beschenken, und jene einzuladen, die einen wiederum einladen? Ist das nicht viel eher die Zeit, in Sack und Asche zu gehen, und einen dringenden Hilfeschrei zum Himmel zu erheben? Wie seinerzeit Jesaja ausrief:

„Blicke herab vom Himmel und schaue hernieder von deiner heiligen, herrlichen Wohnstatt! Wo ist dein Eifer und deine Stärke? das Wallen deiner Liebe und deines Erbarmens? Halte dich doch nicht zurück, denn du bist unser Vater! (…) Warum lässest du uns, o Herr, abirren von deinen Wegen? verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten? Kehre wieder um deiner Knechte, um der Stämme willen, die dein eigen sind.
Warum schreiten die Gottlosen durch deinen Tempel, zertreten unsere Feinde dein Heiligtum? Warum sind wir geworden wie solche, die du nie beherrscht hast, die nicht nach deinem Namen benannt sind?
O dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass vor dir die Berge erbebten, gleichwie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer Wasser ins Wallen bringt, damit dein Name deinen Feinden kundwürde und vor dir die Völker erzitterten, indem du furchtbare Dinge tätest, die wir nicht erhofften, wie man sie von Urzeit an nie vernommen! …“
(Jesaja 63,15-64,4 … usw, die ganze Fortsetzung von Kap.64)

Wie gross ist diese Finsternis!

26. Dezember 2010

Diesen Artikel fand ich im Internet fand und finde ihn (leider) sehr zutreffend und aktuell (Übersetzung aus dem Englischen):
Wie gross ist diese Finsternis!

Von Coach Dave Daubenmire
9.Dezember 2010
NewsWithViews.com

„Aber wenn dein Auge finster ist, dann wird dein ganzer Leib voll Finsternis sein. Wenn also das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, WIE GROSS IST DIESE FINSTERNIS!“ (Matthäus 6,23)

Gut, Herr, ich werde es schreiben. Aber ich verstehe wirklich nicht, warum du mir diese schmutzigen Arbeiten gibst. Warum hast du micht nicht dazu gesalbt, über die böse Demokratische Partei zu schreiben; oder z.B. über jene Gotteshasser, die die Krippenszenen von den Stufen der Gerichtsgebäude verbannen wollen? Warum kann ich nicht wie Ann Coulter sein und einfach die Liberalen anprangern? Warum muss ich immer über Leute schreiben, die eigentlich auf meiner Seite stehen sollten? Die Liberalen hassen mich schon genug … warum muss ich ständig die Konservativen ins Gesicht schlagen?

Bald werde ich nirgends mehr in den christlichen Kreisen willkommen sein. Aber ich habe dir vor Jahren versprochen, dass ich treu sein würde darin, alles zu schreiben und zu sprechen, was du in meinen Geist legst. Nach dem berühmten Zitat von Präsident John Adams: „Die Pflicht ist unser. Die Ergebnisse gehören Gott.“

Ich werde es also hier vorlegen und vertraue darauf, dass du einen Grund dafür hast, diese Worte in mein Herz zu legen:

Die meisten Christen sind gar keine. Das heisst, sie sind nicht wirklich Nachfolger von Jesus. Je länger ich in meiner Arbeit stehe, desto mehr wurde ich von dieser Wahrheit überzeugt. Die „amerikanische Erfahrung“ hat Probleme, weil jene, die angeblich Jesu Nachfolger sind, ihm in Wirklichkeit gar nicht nachfolgen.

Missverstehen Sie mich nicht: Sie „gehen zur Kirche“, und die meisten „glauben an Gott“; aber sie sind keine Nachfolger Jesu. Sie wissen nicht einmal, was das bedeutet … Jesus nachzufolgen … obwohl sie „Christen“ sind. Ich zweifle sogar, ob der Apostel Paulus, oder irgendeiner der Gläubigen des ersten Jahrhunderts, die „Religion“ überhaupt wiedererkennen würde, die wir heute „Christentum“ nennen. Ich frage mich… War Jesus ein „Christ“?

Jesus hasste die Religion. Es waren gerade die „religiösen“ Menschen, von denen er uns befreien wollte. „Aber wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr schliesst das Himmelreich vor den Menschen zu: denn weder geht ihr selbst hinein, noch lasst ihr jene hinein, die hinein wollen.“

Lesen Sie Matthäus 23, um besser zu verstehen, was er den religiösen Leitern zu sagen hatte. Er sagte es besser, als ich das könnte.

Sehen Sie: Christentum ist keine Religion, es ist kein „zur Kirche gehen“, es ist nicht eine Menge von Regeln und Reglementen für unser Leben, es ist nicht eine Krücke für die Schwachen, es ist nicht eine Antwort auf eine Frage bei der Volkszählung, und es ist kein privates Geschäftsunternehmen zur Vermehrung irdischer Besitztümer.

Christentum bedeutet, das Leben Jesu durch Sie zu leben. Es ist ein Austausch Ihres Lebens für das seine; ein Ausleben seiner Natur statt Ihrer, ein „Anziehen“ des Lebens Jesu. Nicht ein Prozess, wo wir ihn „akzeptieren“ oder „aufnehmen“ oder „zu ihm kommen“. Es ist ein Todesprozess … wo Sie und Ihre alte Natur sterben … eine echte Transformation … von einem alten Leben zu einem neuen. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“.

Die meisten, die sich als Christen identifizieren, sagen, sie kennen Jesus als Erlöser. Sehr wenige kennen ihn als Herrn.

Deshalb ist das Christentum so oberflächlich hier in Amerika. (Anm.d.Ü: Nicht nur in Amerika – für Europa dürfte dasselbe gelten, und nicht nur in den Landeskirchen!) Wir mögen den „Erlöser“-Aspekt an Jesus, aber wir sind nicht wirklich dazu bereit, uns vor ihm als „Herrn“ zu beugen. Die meisten sind daran interessiert, dass „ihr Erlöser“ ihre Unternehmungen segnet; aber wenige sind dazu bereit, „ihr Leben niederzulegen“ für ihn.

Jeder möchte „Jesus nachfolgen“ – bis er herausfindet, wohin er geht … er geht auf ein Kreuz zu … und er bittet Sie, das Ihrige auf sich zu nehmen und ihm zu folgen. Das schlägt dem populären Christentum und seinen „wahrgenommenen Bedürfnissen“ ins Gesicht…

Die Herzen der Amerikaner lassen sich nur schwer berühren. Stephanus nannte Menschen wie uns: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herzen und Ohren! Ihr widersteht ständig dem Heiligen Geist; wie eure Väter getan haben, so auch ihr.“

Wie nahmen die religiösen Menschen Stephanus und seine ehrliche Ermahnung auf? „Dann schrieen sie mit lauter Stimme, und hielten ihre Ohren zu, und stürzten sich einmütig auf ihn, und warfen ihn aus der Stadt hinaus, und steinigten ihn …“

Das ist mein Punkt: Die meisten „Christen“ sind nicht offen für das wahre Evangelium, weil sie denken, sie hätten es bereits. Sie haben gelernt, es in Abteilungen zu unterteilen, es zu kompromittieren, es an die Garderobe zu hängen. Aber sie haben ein „anderes Evangelium“ gehört. Sie sind gelehrt worden, einer Christenheit nachzufolgen, aber nicht Jesus nachzufolgen.

„Denn gewisse Menschen haben sich nebenher eingeschlichen, die von alters her zu dieser Verdammnis bestimmt sind, gottlose Menschen, die die Gnade Gottes in Ausschweifung verkehren, und den einzigen Herrn und Gott verleugnen, und unseren Herrn Jesus Christus.“ (Aus dem Judasbrief.)

Tun Sie sich selbst einen Gefallen. Nehmen Sie sich Zeit, die Apostelgeschichte zu lesen. Das ist ein Bericht vom „Evangelium“, wie es von jenen ausgelebt wurde, die dem Erlöser am nächsten standen. Sie werden sehr lange suchen müssen, bis Sie in diesem Buch irgendetwas finden, was auch nur entfernt dem modernen humanistischen, selbstsüchtigen, „Jesus-möchte-dass-ich-glücklich-und-reich-werde“-Evangelium ähnelt, das von den heutigen Kanzeln gerülpst wird. (Anm.d.Ü: Sorry, das hat der Autor so gesagt…) Würde etwa Paulus, der grösste Evangelist, den die Welt je kannte, eingeladen werden, in einem Programm von TBN zu erscheinen? Würden ihm Rick Warren und Joel Osteen je erlauben, auf ihrer Kanzel zu stehen? Könnten Sie sich ihn vorstellen bei „Dancing with the stars“?

Die Amerikaner folgen einem „anderen Evangelium“, das in Wirklichkeit gar kein Evangelium ist.

„Weil du sagst: Ich bin reich, und bin reich geworden, und bedarf nichts; und weisst nicht, dass du elend und bejammernswert und arm und blind und nackt bist…“

Erlauben Sie mir, es noch klarer zu sagen, damit mein Punkt nicht missverstanden wird. Die meisten Kirchgänger sind keine Nachfolger von Jesus. Sie sind lediglich Mitglieder eines Vereins, der sich „Christentum“ nennt. „Die Mitgliedschaft hat ihre Vorteile…“

Wie kann jemand geheilt werden, der nicht weiss, dass er krank ist? Wie kann jemand errettet werden, der denkt, er sei gar nicht verloren?

„Wenn also das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, WIE GROSS IST DIESE FINSTERNIS!“

Im amerikanischen Christentum ist alles verkehrt herum. Irgendwie wurde im Lauf der Zeit das Evangelium der Selbstverleugnung in ein Evangelium der Lebensverbesserung verkehrt. Statt uns selber für das Fortschreiten von Gottes Königreich hinzugeben, wurden wir dazu verführt zu glauben, Jesus hätte sich hingegeben, damit wir zu Herren unseres eigenen Königreichs werden könnten.

Der Gedanke an Aufopferung und Leiden gilt dem modernen amerikanisierten Christentum als verflucht. Wie sonst kann die hartherzige Haltung der meisten „Christen“ erklärt werden, dem „Zunehmen Seines Reiches und Seines Friedens“ gegenüber?

Lesen Sie Matthäus 13. Hier lesen wir vom Weizen und vom Unkraut, die zusammen aufwachsen. Das ist tatsächlich so. Wenn Sie sonntags zur „Kirche“ gehen, sehen Sie sich um: Die meisten, die da sitzen, sind für das ewige Feuer bestimmt. Sie sehen wie Christen aus, sie singen wie Christen, und sie sprechen eine „christliche Sprache“; aber sie sind keine Kinder des Herrn.

„Viele werden zu mir an jenem Tage sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophezeit? und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? und in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich zu ihnen sagen: ICH HABE EUCH NIE GEKANNT; geht fort von mir, die ihr Gottlosigkeit tut.“ (Matthäus 7.)

Könnte es sein, dass viele die falsche Antwort erhalten, weil ihnen die falsche Frage gestellt wurde? Es geht nicht darum, ob „Sie Jesus kennen“, sondern ob „Jesus Sie kennt“.

In kürzlichen Umfragen identifizierten sich 85% aller Amerikaner als Christen; aber unsere Nation ist zu einer moralischen Wüste geworden. „Christen“ beklagen sich darüber, dass „uns das Christentum aufgezwungen wird“. „Christen“ erklären, „Religion“ sei „Privatsache“, während gleichzeitig ihre Kinder an den Schulen in einer Flut von atheistischen Lehren ertrinken. „Christen“ lassen Abtreibungen durchführen und wählen „Pro-Abtreibungs“-Kandidaten. „Christen“ wählen einen homosexuellen Lebensstil. „Christen“ brechen ihre Ehegelübde. „Christen“ ignorieren die Anweisungen, die Jesus gelehrt hat.

Wie kommt man jemandem zu Hilfe, der nicht denkt, er brauche Hilfe? Wie bringt man jemandem das Augenlicht, der denkt, er sei bereits sehend? Wie bringt man jemandem Kenntnis, der denkt, er wisse bereits? Wie bringt man jemandem die Wahrheit, der nicht weiss, dass er verführt ist? Wie bringt man jemandem Licht, der nicht weiss, dass er in der Finsternis sitzt?

Amerika ist das am meisten „evangelisierte“ Land der Welt; aber in meinem Umgang mit amerikanisierten „Christen“ wurde ich davon überzeugt, dass sich das grösste Missionsfeld der Welt innerhalb der vier Wände der meisten amerikanischen Kirchen befindet.

Die Finsternis denkt, sie sei Licht.

„Und der böse Geist antwortete und sagte: Jesus kenne ich, und Paulus kenne ich; ABER WER SEID IHR?“

„Du glaubst, dass es einen einzigen Gott gibt, und du tust gut daran; aber die Dämonen glauben (das) auch, und zittern.“

Die meisten „Christen“ wissen nicht einmal genug über Jesus, um zu zittern.

Wie gross ist diese Finsternis…

(Quelle: http://www.newswithviews.com/Daubenmire/dave217.htm)

– Noch ein paar eigene Anmerkungen dazu:

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man von den „lieben Christen“ sofort als „lieblos“, „richtend“, und (warum nicht gar) „unchristlich“ abgestempelt wird, und w.m. unter Zensur und „Gemeindezucht“ gestellt wird, sobald man einige der Dinge auch nur antönt, die Dave Daubenmire hier so offen und direkt schreibt. Ja, die „Du-sollst-nicht-richten“-Christen sind sehr schnell dabei, Autoren wie den hier zitierten eben sehr effektiv zu RICHTEN – im Gegensatz zu ihm nicht nur mit Worten, sondern auch mit sehr unschönen Taten.

Ich weiss aber auch – ebenfalls aus Erfahrung -, dass Artikel wie der obige selten leichthin geschrieben werden. Meistens stehen dahinter eine tiefe Besorgnis um geliebte Mitmenschen; ein unaussprechlicher Schmerz über den Zustand jener, die sich heute „christliche Kirche“ nennen und damit im Herzen Gottes einen noch viel grösseren Schmerz verursachen; viele Tränen, Fasten und verzweifeltes Ringen im Gebet; oft ein langes Zögern, ob die Wahrheit wirklich gerade so, und gerade jetzt, und gerade in diesem Umfeld ausgesprochen werden soll, oder ob man sie nicht doch lieber verschweigen sollte; und (nicht zuletzt) eine grosse Liebe und ein grosses Mitleid mit jenen Unmengen von Menschen, die von solchen Fälschungen des Christentums ganz konkret geschädigt und/oder auf einen falschen Weg geführt worden sind. Eine Liebe und ein Mitleid, wie sie gänzlich unbekannt sind bei den „Du-sollst-nicht-richten“-Christen, die ständig von „Toleranz“ sprechen. – Leider sind diese Untertöne in einem geschriebenen Artikel nur schwer zu vermitteln, sodass dem Autor nur zu oft – und eben gerade von „Christen“ – zu Unrecht Böswilligkeit unterstellt wird.

Ich schäme mich deshalb nicht, diesen Artikel weiterzuverbreiten. Es geht nicht darum, andere „herunterzumachen“. Es geht darum, den Zugang zum Himmelreich wieder zu öffnen, den die offizielle Kirche verschlossen hat. Und nicht zuletzt geht es darum, Gottes Ehre und seinen guten Ruf wiederherzustellen, angesichts eines „Christentums“, das den guten Namen Gottes öffentlich schändet.

Immer noch vermisst: Das neutestamentliche Christentum

27. Oktober 2010

Bem: Dies ist ein kleiner Nachtrag zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“, den ich ursprünglich vor einigen Jahren auf Anfrage der Organisation schrieb, die mich (zumindest als Lippenbekenntnis) unterstützte. Gleichzeitig ist er aber Anlass, die neue Kategorie „Zensurierte Artikel“ zu eröffnen; denn die betreffende Organisation weigerte sich, den untenstehenden Artikel zu veröffentlichen.

Zehn Jahre lang habe ich im peruanischen Hochland mit Gemeinden verschiedenster Denominationen zusammengearbeitet; hauptsächlich in der Mitarbeiterschulung zum Dienst an Kindern und Jugendlichen, und in der theologischen Lehre. Ich spürte aber eine zunehmende Ablehnung der Gemeindeleiter gegen biblische Kernaussagen; und als wir als Familie von tragischen und skandalösen Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen wurden, erlebten wir keine Unterstützung, sondern noch mehr Ablehnung. So musste ich mir die Grundsatzfrage stellen: Sind die Gemeinden überhaupt christlich?

Ich kehrte zum Neuen Testament zurück und fand da grosse Unterschiede zu den heutigen Gemeinden.
Die Urchristen bekehrten sich nicht mit einem Übergabegebet an einer Evangelisation. Sie wurden vom Heiligen Geist in der Tiefe überführt (Joh.16,8), sodass sie von sich aus fragten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ (Apg.2,37).
Sie ahmten nicht äussere Formen nach, sondern wurden von Jesus in der Tiefe verändert.
Sie wurden nicht Untergebene eines Pastors oder Missionars, sondern folgten selber Jesus nach (Joh.10) und „forschten in der Schrift“ (Apg.17,11).
Sie kamen nicht zu einem Sonntagsgottesdienst zusammen, sondern zu einer natürlichen, persönlichen Gemeinschaft, wo „jeder etwas hatte“, um die anderen aufzubauen (Apg.2,44-47, 1.Kor.14,26).
Sie waren auch nicht in Denominationen aufgeteilt, die ihre Schäfchen eifersüchtig für sich hüteten – ausser in Korinth, wo Paulus dies tadelte (1.Kor.1,11-15; 3,4-11).
Leiterschaft war keine Karriere und keine Machtposition, sondern wurde als natürliche Anerkennung jenen zuteil, die Jesus am meisten liebten und bereit waren, für ihn zu leiden (Luk.22,24-27, 1.Kor.4,9-14).

Solche Unterschiede sind nicht belanglos. „Kirche wie alle sie kennen, verhindert Kirche wie Gott sie will.“ (Wolfgang Simson)

Ich höre oft das Argument, man müsse die historisch gewachsene Situation anerkennen und es gäbe doch keine perfekte Gemeinde. Dann hätten aber auch die Reformatoren die katholische Kirche anerkennen sollen, wie sie war, und wir müssten alle nach Rom zurückkehren.

Ich glaube stattdessen, wir sollten zur biblischen Originalgemeinde zurückkehren. Deshalb suche ich jetzt nach Mitchristen, die dasselbe Anliegen im Herzen tragen. Bei einigen Gelegenheiten konnte ich mit Gruppen von jugendlichen Mitarbeitern diese Art Gemeinschaft praktizieren. Aber nur wenige sind dazu bereit, und diese wenigen werden oft von ihren eigenen Gemeinden zurückgebunden. Ein übernatürliches Eingreifen Gottes ist hier nötig. Ich bitte Euch, für dieses Anliegen zu beten.

„Christlicher Aussteiger“ – und wann kommt der Einstieg?

5. Oktober 2010

Ich sehe mich veranlasst, nochmals etwas über den Titel meines Blogs zu schreiben. Ich wurde nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass er missverständlich ist: „Das klingt, als wolltest du vom Christentum nichts mehr wissen.“ Und jemand anders meinte: „Aussteiger – das klingt so negativ. Warum nicht ‚christlicher Einsteiger‘?“

Zur Eröffnung dieses Blogs habe ich zwar unter dem Titel „Warum christlicher Aussteiger?“ schon einige Stichworte dazu geschrieben. Aber ich denke, einige zusätzliche Bemerkungen sind jetzt dran.

Zuerst: Ich bin tatsächlich aus manchem ausgestiegen, was so landläufig mit dem „Christentum“ in Verbindung gebracht wird. Das „Kirchentum“, das „Pfarrertum“, und viele damit verbundene Erscheinungen, sagen mir tatsächlich nichts mehr. Aber nicht weil ich gegen das Christentum wäre, sondern im Gegenteil: Ich habe festgestellt, dass diese Dinge ein echtes Christentum verhindern. Wenn wir zum Anfang des Christentums zurückgehen, d.h. zur Urgemeinde, dann finden wir keine „Kirche“ (in der Art der heutigen kirchlichen Organisationen), keine Kirchengebäude (weder mit Turm noch ohne), keine Pfarrer, keine Sonntags-Predigtgottesdienste, keine theologischen Fakultäten oder Bibelschulen, etc. So manches, was heute untrennbar mit dem „Christentum“ verbunden scheint, ist in Wirklichkeit völlig unwesentlich (und z.T. sogar hinderlich) für ein echtes Christenleben. In anderen Worten: Ich bin aus einem missverstandenen „Christentum“ ausgestiegen, um wieder näher an das ursprüngliche, echte Christentum heranzukommen.

Damit komme ich zur Frage nach dem „Einstieg“: Warum also nicht „Einsteiger“ in das ursprüngliche Christentum?

Das hat vor allem mit meiner persönlichen Situation zu tun. Ich bin schlicht noch nicht so weit! Ich musste feststellen, dass zwischen „Ausstieg“ und neuem „Einstieg“ eine Durststrecke liegt, die länger ist als erwartet. So wie zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Einzug ins Gelobte Land eine lange Wüstenwanderung lag. Oder so wie der Prophet Jeremias zuerst den Ruf ausführen musste, „auszureissen, zu zerstören und niederzureissen“, bevor er dann auch „aufbauen und pflanzen“ durfte (Jer.1,10). Ein unnütz gewordenes und abbruchreifes Gebäude muss zuerst vollends abgerissen werden, bevor am selben Ort ein Neubau errichtet werden kann. Das Unkraut muss zuerst ausgerissen werden, bevor am selben Ort etwas Neues gepflanzt werden kann.

Ich glaube, dass die gegenwärtige Zeit tatsächlich eine Zeit des „Abbruchs“ oder des Niedergangs ist für das traditionelle, missverstandene Christentum. Nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern überhaupt in der Welt. „Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes …“, schreibt Petrus (1.Petrus 4,17). Viele der gegenwärtigen Krisen in den traditionellen Kirchen sind von Gott zugelassene „Abbrucharbeiten“, damit wenigstens ein Überrest zum echten Christentum zurückfinden möge. – Dazu muss ich auch die persönlichen Krisen rechnen, durch die Gott mich in den vergangenen Jahren hindurchgeführt hat. Er musste auch in mir selbst viel falsches „Christentum“ abbrechen, das auf menschlichen Traditionen aufgebaut war statt auf einem persönlichen Kennenlernen Gottes.

Wann also werde ich wieder „einsteigen“ können?

Wenn in mir selbst dieses alte Gebäude des Traditionschristentums abgebrochen sein wird, sodass Gott mich wirklich gebrauchen kann. (Manchmal habe ich das Gefühl, es sei bald so weit; aber ich weiss, mein eigenes Gefühl kann mich täuschen.)

Und wenn um mich herum andere Christen von Gott erweckt werden, die ebenfalls durch diesen „Abbruchprozess“ gegangen sind und dann anfangen können, auf dem wahren Fundament wieder aufzubauen. Wenn „Kirche“ wieder zur Familie wird unter Gott dem Vater (statt einer von Mietlingen beherrschten Institution). Wenn Jesus wieder zum Fundament wird – nicht Machtmenschen und Bürokraten, nicht von Menschen aufgestellte Kirchengesetze und Kirchentraditionen.

Hoffnung sehe ich in einigen Hausgemeindebewegungen, die an verschiedensten Orten der Welt aufspriessen. In manchen dieser Bewegungen wird ernsthaft versucht, auf urchristliche Prinzipien zurückzugehen. Aber selbst in diesen Bewegungen sehe ich z.T. noch die Gefahr des „Programmatismus“. Sie werfen zwar alte Traditionen über Bord, kommen aber in die Gefahr, stattdessen einfach neue Traditionen und Programme zu institutionalisieren, die ebenso zum Wort Gottes „hinzugefügt“ werden wie vorher die alten. (Ich hoffe, sie werden sich dieser Gefahr bewusst, bevor sie in dasselbe Fahrwasser kommen, das sie verlassen haben.) – Und hier in Perú gibt es noch nicht einmal eine Hausgemeindebewegung…

„Mehr Familie, weniger Institution“ – das ist mein persönliches Motto in diesem Wandlungsprozess. Wenn das eines Tages in meiner eigenen Familie sichtbar wird, und wenn Gott um uns herum Gleichgesinnte erweckt – dann werde ich mich wieder „Einsteiger“ nennen können. Wann es soweit sein wird, weiss Gott allein.

Gottes Befreiungsaktion

10. Juli 2010

„So hat Gott der Herr gesagt: Ich wende mich gegen die Hirten, und werde meine Schafe aus ihrer Hand zurückfordern, und werde sie nicht mehr die Schafe weiden lassen; und die Hirten werden auch nicht mehr sich selbst weiden, denn ich werde meine Schafe aus ihrem Maul befreien, und sie werden ihnen nicht mehr zum Frass sein.“
(Ezechiel 34,10)

„Ich bin der gute Hirte.“ Das ist einer der bekanntesten Aussprüche von Jesus. Wer hat nicht schon einmal ein solches Bild gesehen – als Gemälde, als Kirchenfenster, oder in einem christlichen Buch -: Jesus als Hirte, der ein Schäflein beschützend in seinen Armen trägt.

Weniger bekannt ist, dass Jesus mit diesem Ausspruch auf eine ausführliche ältere Prophetie zurückverwies, die ein ganzes Kapitel im Alten Testament einnimmt: Ezechiel 34. In den ersten Abschnitten dieses Kapitels beschreibt Gott die Missbräuche, die von den „Hirten Israels“ begangen werden:

„Aber ihr esst das Fett und bekleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete; aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Der Schwachen nehmt ihr euch nicht an, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrscht ihr über sie.“
(Verse 3 und 4).

Mit „Hirten“ sind hier die Leiter des Volkes gemeint: die politischen Anführer, aber wahrscheinlich noch mehr die religiösen Leiter. Schliesslich brauchen wir bis heute das lateinische Wort für „Hirte“ – „Pastor“ -, um einen religiösen Leiter zu bezeichnen. Diese „Hirten“ haben nicht das getan, was man von einem echten Hirten erwartet. Stattdessen haben sie ihre Macht missbraucht, um auf Kosten der Schafe ihre eigenen Bedürfnisse zu stillen. Das wird heute „geistlicher Missbrauch“ genannt. Darunter leiden die Schafe:

„Und meine Schafe irren umher, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zur Beute geworden und zerstreut worden. Sie gingen verloren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln, und über die ganze Erde sind sie zerstreut worden; und da war niemand, der sie suchte oder nach ihnen fragte.“
(Verse 5 und 6).

Ganz ähnlich drückt sich auch Jesus in der Rede vom guten Hirten aus:

„Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Einbrecher; aber die Schafe hörten nicht auf sie. … Aber der bezahlte Knecht, der nicht der Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, der sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht, und der Wolf reisst die Schafe und zerstreut sie. So flieht der bezahlte Knecht, weil er ein bezahlter Knecht ist, und die Schafe kümmern ihn nicht.“
(Johannes 10, 8.12-13)

Das sind harte Worte. Aber haben wir nicht heute eine ganz ähnliche Situation? Ich bin in meinem Leben vielen religiösen Leitern begegnet, die eine Art Besitzrecht auf „ihre Schafe“ geltend machten – und sehr wenigen, die das nicht taten.

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