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Die Falschmünzer (3.Teil – Schluss)

12. März 2015

Fortsetzung der Gleichnisgeschichte in den letzten beiden Beiträgen

Der Fremde verabschiedete sich und liess mich allein mit meinem inneren Aufruhr. Ich beschloss, alles daran zu setzen, die Wahrheit herauszufinden.

Doch meine Nachforschungen wurden jäh unterbrochen, noch bevor sie richtig begonnen hatten. In der Stadt wurde nämlich bekanntgemacht, die Anführer der Falschmünzerbande seien ausfindig gemacht und gefasst worden. Sie würden am nächsten Morgen auf dem Stadtplatz öffentlich hingerichtet.

Hingerichtet?? Das hatte ich nun doch nicht erwartet. Am nächsten Morgen trieb ich mich am Rand des Stadtplatzes herum, ohne jegliche Lust, einer öffentlichen Hinrichtung beizuwohnen; aber ich wollte doch wenigstens etwas über die Hintergründe erfahren. Ich sah die drei Angeklagten am anderen Ende des Platzes stehen; unter ihnen den Fremden, mit dem ich einige Tage zuvor gesprochen hatte.
In diesem Moment sah ich einen der Knechte des Münzmeisters in meiner Nähe durch die Menge der Schaulustigen gehen. Ich sprach ihn an:

„Entschuldigen Sie. Warum werden diese Männer hingerichtet?“

„Wissen Sie das nicht? Das sind doch die Falschmünzer, die seit Monaten unsere Stadt durcheinanderbringen. Das sind Verräter am Reich.“

„Ich habe noch nie gehört, dass auf Falschmünzerei die Todesstrafe steht.“

„Was diese Männer tun, ist Hochverrat! Sie tun das auf eine so systematische Weise, dass sie die Leute abtrünnig machen. Die Leute, die ihr Geld angenommen haben, haben damit ihre Rebellion gegen das Reich ausgedrückt. Sie sind zu Separatisten geworden! Sie haben die Ehre des Reichs geschändet! Sie …“

Er begann sich zu ereifern. Ich unterbrach ihn:

„Entschuldigen Sie, aber wann hat denn der Prozess stattgefunden? Wenn die Todesstrafe gefordert wird, dann muss es doch einen öffentlichen Prozess geben.“

„Was? Wollen Sie etwa diese Schurken in Schutz nehmen??“

„Nein, das nicht, ich meine nur – die Verurteilung muss doch auf rechtmässige Weise geschehen, und …“

„Hau ab, oder ich lasse dich als Komplizen verhaften!!“

Erschrocken über diese heftige Reaktion, verliess ich den Platz. Eigentlich war ich ja froh, dem schrecklichen Schauspiel nicht beiwohnen zu müssen.

* * * * *

Die Hinrichtung war natürlich einige Tage lang in aller Munde. Aber mit der Zeit kehrte Ruhe ein, und bald ging alles wieder seinen gewohnten Lauf wie zuvor.

Es vergingen etwa drei Jahre. Von den Falschmünzern wurde kaum noch gesprochen. Von jenen, die sich auf ihre Seite geschlagen hatten, hatten einige wenige ihre Verfehlung bekannt und wurden nach Auferlegung einer Geldstrafe wieder in ihre frühere ehrenhafte Stellung eingesetzt. Die übrigen waren anscheinend in eine andere Gegend gezogen; jedenfalls wurden sie nicht mehr gesehen.

Da wurde ich eines Tages plötzlich durch einen lauten Lärm und Aufruhr aufgeschreckt. Er schien vom Stadtplatz her zu kommen. Neugierig machte ich mich auf den Weg. Dabei traf ich auf viele andere Menschen, die in dieselbe Richtung gingen.

In der Mitte des Stadtplatzes stand auf einem Podest ein Ausrufer, der an seiner Uniform sofort als königlicher Bote zu erkennen war. Er hatte ein Papier mit dem königlichen Siegel in der Hand und war umringt von vier Reihen bewaffneter Soldaten. Das war ein ganz aussergewöhliches Ereignis. Seit ich mich erinnern konnte, war noch nie ein Gesandter des Königs bis zu unserem Städtchen gelangt.

„Der König hat beschlossen, in dieser Stadt unverzüglich die Ordnung wiederherzustellen“, sagte er gerade. „Der königliche Gerichtsvollzieher ist bereits auf dem Weg hierher.
Der Münzmeister und der Vorsitzende der Krämervereinigung dieser Stadt sind schuldig befunden worden, ihre Untergebenen zum Mord an nicht weniger als fünfunddreissig königlichen Gesandten angestiftet zu haben, die in den vergangenen Jahren versuchten, diesen Ort zu erreichen. Mehrere der unmittelbaren Täter haben vor dem königlichen Gericht Geständnisse abgelegt. Nur dank der Unterstützung dieser Spezialtruppe“ (dabei deutete er auf die Soldaten) „war es uns möglich, die Macht dieser Verschwörung zu durchbrechen, um heute auf diesem Platz zu Ihnen sprechen zu können.
Die Verschwörer haben noch weitere Arten von Nachrichtensperren aufgerichtet. Deshalb dürfte den meisten unter Ihnen die Tatsache unbekannt sein, dass diese Stadt während der vergangenen Jahrzehnte von einer Bande von Verschwörern regiert worden ist, die schon lange vom König abtrünnig geworden sind.
Ausserdem haben die genannten Verschwörer die königlichen Münzbeauftragten, die vor drei Jahren hier ihre Mission ausführten, als Falschmünzer verleumdet und durch einen Justizmord hinrichten lassen. Sie werden deshalb ihrer gerechten Strafe zugeführt, sobald die königlichen Truppen ihren Aufenthaltsort ausfindig gemacht haben. Ihre Helfershelfer werden als blosse Befehlsempfänger in den königlichen Gefängnissen noch eine Gelegenheit zur Umkehr erhalten.
Der Truppenkommandant und ich selber danken Ihnen zum voraus für jeden sachdienlichen Hinweis, der zur Verhaftung des Münzmeisters und des Vorsitzenden der Krämervereinigung beiträgt. Wer ihren Aufenthaltsort kennt und verheimlicht, kann als Fluchthelfer selber unter Strafe gestellt werden.
Die gesamte Stadtregierung hat mit den Verschwörern gemeinsame Sache gemacht und ist deshalb hiermit unverzüglich abgesetzt. Der König hat einen Gouverneur eingesetzt, der zum nächstmöglichen Termin die Regierung dieser Stadt übernehmen wird. Ihm zur Seite werden einige königstreue Bürger dieser Stadt stehen, die von den königlichen Münzbeauftragten identifiziert worden sind. Sie dürften Ihnen bekannt sein, obwohl sie gegenwärtig an einem anderen Ort unter königlicher Obhut leben. In der Zwischenzeit wird diese Truppe unter ihrem Kommandanten die Ordnung aufrechterhalten.“

Ich blickte verstohlen auf dem Platz umher. Tatsächlich konnte ich weder den Münzmeister, noch den Vorsitzenden der Krämervereinigung, noch einen ihrer engsten Mitarbeiter, noch irgendein Mitglied der Stadtregierung entdecken. Normalerweise sassen sie bei offiziellen Anlässen alle gut sichtbar auf den Ehrenplätzen einer Tribüne. Aber anscheinend hatten sie sich aus dem Staub gemacht, sobald sie erkannt hatten, dass sie die Ankunft des königlichen Boten nicht mehr aufhalten konnten.

* * * * *

Der neue Gouverneur entpuppte sich als ein sehr zugänglicher, vor allem aber ein aufrichtiger und gerechter Mann. Er hatte ein offenes Ohr für alle Arten von Anliegen aus der Bevölkerung. Von einer Gewaltherrschaft – wie einige Kreise es befürchtet hatten – konnte keine Rede sein.

Einige Dinge änderten sich allerdings. Es wurde kaum noch von der „Ehre des Reiches“ gesprochen; dafür um so mehr vom König, seinen gerechten Beschlüssen, und was ihm wohlgefällig war. Die Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft unter den Einwohnern nahm allgemein zu. Manche Diebe und Betrüger brachten freiwillig gestohlenes Gut zu den rechtmässigen Eigentümern zurück und wurden rehabilitiert. Andererseits wurden manche einflussreiche und angesehene Bürger allgemein als die selbstsüchtigen Betrüger erkannt, die sie schon immer gewesen waren, und verloren allmählich ihren ganzen Einfluss.
Die Versammlungen im Münztempel wurden nur noch spärlich besucht. Keiner der noch verbliebenen ehemaligen Funktionäre war auch nur ein annähernd so hinreissender Redner, wie es der Münzmeister gewesen war. Ihre Klagen, die neue Regierung hätte durch die Anerkennung des „Falschgeldes“ die Ehre des Reiches geschmälert, fanden nicht allzu viel Gehör.
Manche Krämer mussten ihre Geschäfte schliessen. Nicht etwa, weil sie dazu gezwungen worden wären; aber ihre Geschäfte rentierten einfach nicht mehr. In manchen Fällen lag es schlicht daran, dass sie sich weiterhin weigerten, das Geld des Königs anzunehmen. Es wurde auch berichtet, in einigen Banken seien Münzen verrostet, und in Banknoten seien auf unerklärliche Weise Mottenlöcher erschienen, die sich vergrösserten, bis die Noten auseinanderfielen. Es wurde nicht viel darüber gesprochen, aber diese seltsamen Vorgänge trugen dazu bei, dass mehr Menschen bereit waren, das Geld des Königs zu akzeptieren.
Die führenden Geschäftsleute waren jetzt nicht mehr jene, die sich zuerst darum kümmerten, wie die Leute über sie sprachen; sondern jene, deren erstes Anliegen es war, die Gerechtigkeit des Königs zu erfüllen.

Aufgrund dieser Entwicklung nahm das gegenseitige Vertrauen der Bürger ständig zu und war jetzt viel stärker, als es unter der früheren Regierung je gewesen war. Manche Leute schlossen nicht einmal mehr ihre Häuser ab, weil es kaum noch Diebe und Einbrecher gab. Während früher Verträge im Rahmen einer feierlichen Zeremonie schriftlich vor Zeugen und unter Berufung auf die Ehre des Reiches abgeschlossen worden waren, so genügte jetzt ein mündliches Versprechen und ein Handschlag.

Inmitten dieser Entwicklungen kam mir ein Ausspruch des Münzmeisters in den Sinn: „Wir müssen uns nun einmal damit abfinden, dass wir unvollkommene Menschen in einer unvollkommenen Welt sind.“ Damals hatte ich ihm das als eine Selbstverständlichkeit abgenommen. Aber nun, mit der neuen Wirklichkeit vor Augen, erkannte ich jenen Ausspruch als das, was er wirklich war: Eine Ausflucht, um nicht den Willen des Königs tun zu müssen.
Ja, wir waren immer noch unvollkommene Menschen. Aber wir standen jetzt unter einer gerechten und liebenden Regierung, und schon das trug viel dazu bei, dass die Gerechtigkeit und Nächstenliebe unter uns zunahmen. Wo die „Unvollkommenheiten“ zu Ungerechtigkeiten, Gewalttaten u.ä. auswuchsen, stellte die Regierung wieder Gerechtigkeit her; und wenn sich jemand aus der Regierung verfehlen sollte, konnte man sich jederzeit an den königlichen Ombudsmann wenden. – Auch der Gebrauch des Königsgeldes muss stark zu diesen Veränderungen beigetragen haben, obwohl ich mir noch nicht erklären konnte warum.

Es gab noch verschiedene Überraschungen. Bei Renovationsarbeiten am Rathaus wurde an der Wand der grossen Eingangshalle eine Inschrift und ein grosses königliches Siegel entdeckt, die mit Verputz überdeckt und übermalt worden waren. Es ging daraus hervor, dass der König selber nicht nur das Rathaus, sondern überhaupt grosse Teile unserer Stadt auf eigene Kosten hatte erbauen lassen. Noch manche anderen Wohltaten des Königs waren seinerzeit verheimlicht und der früheren Stadtregierung zugeschrieben worden. Das einzige Gebäude, das jene Regierung tatsächlich selber errichtet hatte – mit Hilfe harter Fronarbeit der Bevölkerung -, war der Münztempel.

* * * * *

Eines Tages machte Aquilas sein indirektes Versprechen wahr, mich wieder einmal einzuladen. Er gehörte zu jenen, die nach der Hinrichtung der königlichen Beauftragten aus der Stadt verschwunden waren und drei Jahre später als Mitarbeiter des Gouverneurs zurückkehrten. Ich erfuhr, dass er jene ganzen drei Jahre in der engeren Umgebung des Königs verbracht hatte und jetzt mit der königlichen Politik bestens vertraut war. Er konnte mir sehr einleuchtend erklären, was die wesentlichen Unterschiede zwischen der Politik der früheren Regierung und dem Willen des Königs waren. So begann ich zu verstehen, warum „die Gerechtigkeit des Königs“ seinen Willen viel besser beschrieb als „die Ehre des Reiches“.

Er erklärte mir auch einiges über die Bedeutung des Geldes des Königs:

„Es heisst ‚das Geld des Königs‘, weil es im wahrsten Sinne des Wortes Eigentum des Königs ist. Niemand kann es für sich selber besitzen. Wer Königsgeld hat oder gebraucht, drückt damit aus, dass sein Besitz und sogar er selber dem König gehört. Deshalb können mit Königsgeld nur solche Dienste bezahlt werden, die im Sinne des Königs sind; und man kann damit nur das tun, was dem König wohlgefällig ist.
Sogar das Wort ‚bezahlen‘ ist nicht ganz angebracht, wenn wir vom Geld des Königs sprechen. Es wäre richtiger, von ‚gegenseitigem Schenken‘ zu sprechen, so wie auch der König uns ursprünglich alles geschenkt hat, was wir sind und haben.“

Bisher war es mir ein Rätsel gewesen, warum ich gewisse Geschäfte nur mit dem alten Reichsgeld tätigen konnte, obwohl ich inzwischen die Rechtmässigkeit des Königsgeldes anerkannt hatte. Durch Aquilas‘ Erläuterungen wurde mir das nun klar. – Er fuhr fort:

„Deshalb können auf das Königsgeld auch keine Steuern erhoben werden. Für den König selber wäre es sinnlos, solche Steuern zu erheben, da ihm das Geld ja bereits gehört. Und jede untergeordnete Regierungsstelle, die eine solche Steuer einziehen wollte, würde sich damit unrechtmässig das Eigentum des Königs aneignen. Nur der König selber hat Macht darüber, was mit seinem Geld geschehen soll.“

Allmählich begann ich noch andere Dinge zu verstehen. Schon unter der alten Regierung wurde oft davon gesprochen, dass es einen angebrachten und einen unangebrachten Gebrauch des Geldes gibt, und dass wir verantwortliche Haushalter sein müssten. Dahinter erkannte ich nun den im Kern richtigen Gedanken, das Geld im Sinne des Königs zu verwenden. Nur war diese Idee bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden, indem als Massstab die „Ehre des Reiches“ anstelle des königlichen Willens gesetzt worden war. Deshalb hatte es unter der alten Regierung als rechtmässig gegolten, zu lügen, zu betrügen, Arme zu bedrängen und um ihr Gut zu bringen, willkürliche Steuern einzuziehen, und anderes mehr, wenn es nur „zur grösseren Ehre des Reiches“ beitrug. Mit dem Geld des Königs konnte man nichts von alldem tun.

Aquilas kannte sich offenbar in diesen Dingen gut aus. Ich getraute mich deshalb, ihm eine Frage zu stellen, die mich schon länger umtrieb, und auf die ich keine befriedigende Antwort gefunden hatte:

„Warum haben sich eigentlich die Münzbeauftragten des Königs nicht offen als solche zu erkennen gegeben? Warum haben sie sich so klammheimlich eingeschlichen? So war es doch unvermeidlich, dass sie sich allen möglichen Verdächtigungen aussetzten.“

„Sie trugen das Geld des Königs. War das nicht Ausweis genug?“

„Aber wir wussten ja nicht, dass es das echte Geld war. Wir sind ja unser Leben lang belogen worden.“

„Hätten wir dann den königlichen Beauftragten geglaubt, wenn sie irgendeinen zusätzlichen Ausweis vorgelegt hätten? Oder wenn sie eine öffentliche Ankündigung auf dem Stadtplatz gemacht hätten? So belogen wie wir waren, hätten wir sie dann nicht erst recht als Verräter verschrieen und verhaftet?“

„Aber ich denke doch, dass sie als Vertreter des Reiches – des Königs“ (verbesserte ich mich) “ – sich wenigstens offen als solche hätten identifizieren sollen.“

„Das Reich ist nicht etwas, was man mit den natürlichen Augen sehen könnte. Nur wer Augen des Glaubens hat, kann es sehen.“

Das erinnerte mich an einen Ausspruch, der mir aus meiner Kindheit vertraut war. Er klang ganz ähnlich, aber doch irgendwie anders. In dem Moment verstand ich, was es in Wirklichkeit bedeutete. Und da geschah in mir die bedeutsamste Veränderung meines Lebens.
Ich widerrief meinen früheren Entschluss, mich „im Glauben“ als einen Bürger des Reiches zu betrachten. Oder besser gesagt, ich erkannte, dass dieser Entschluss in meinem Herzen bereits widerrufen war, da mir offenbar wurde, dass ich in Wirklichkeit noch kein treuer Untertan des Königs gewesen war. Auch nach dem Regierungswechsel war ich viel eher ein bloss passiver – und manchmal staunender – Zuschauer der Veränderungen gewesen, die in unserer Stadt geschahen; aber mein eigenes Inneres war bis zu diesem Moment von dieser Veränderung noch nicht erfasst worden. Ich erkannte, dass ich dem König alles verdankte, was ich war, konnte und besass; und dass der König meine ganze Liebe und Treue verdiente. Von dem Tag an begann ich dem König wahrhaftig zu gehorchen.

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Die Falschmünzer (2.Teil)

5. März 2015

Fortsetzung des Gleichnisses im letzten Beitrag

Sollte es den Falschmünzern gelungen sein, einen Keil in unsere festgefügte kleinstädtische Gemeinschaft zu treiben? Die Glaubens- und Vertrauenskrise wurde immer offensichtlicher.

Anlässlich einer späteren Versammlung wurde der Antrag unterbreitet, eine Delegation in die Hauptstadt zu entsenden, um den König von den Vorgängen zu unterrichten und ihn höchstpersönlich um Weisung zu bitten. Aber ein einflussreicher Krämer sprach sich dagegen aus:

„Wie allgemein bekannt ist, “ (mir war das zwar nicht bekannt gewesen) “ ist die Zeit Seiner Majestät knapp bemessen, und er ist kaum je geneigt, eine Delegation aus einer entfernten Provinz anzuhören. Wir würden nur unsere Zeit verschwenden. Ausserdem haben wir hier unsere eigene ordentliche Rechtsprechung, die sehr wohl in der Lage ist, mit dem Problem fertigzuwerden. Oder haben Sie etwa vor, “ (hier wandte er sich direkt und herausfordernd an den Antragsteller) „die ordungsgemäss eingesetzte örtliche Justiz auszuhebeln?“

„Nein, nein, in keiner Weise“, antwortete dieser betreten. „Ich dachte nur, mit einer Weisung direkt vom König hätten wir eine grössere Rechtssicherheit, und …“

„Und wer soll das bezahlen?“ fuhr ihm ein anderer Krämer über den Mund. „Wie jedermann weiss, haben wir gegenwärtig gerade wegen dieser Falschmünzerei eine akute Währungskrise.“ (Ich hatte das zwar nicht gewusst, aber ich war wohl nicht über alles informiert, wie meistens.) „Eine solche Delegation würde immense Reisekosten verursachen, ganz zu schweigen von den hohen Lebenskosten in der Hauptstadt. Unsere Stadtkasse kann es sich zur Zeit nicht leisten, ein so kostspieliges Unterfangen zu finanzieren.“

In einer Ecke erhoben sich drei Herren, die mir schon in früheren Versammlungen durch rege Beteiligung aufgefallen waren:

„Wir erklären uns bereit, die gesamte Reise und den Aufenthalt der Delegation zu bezahlen.“

Ein Raunen ging durch den ganzen Saal. Da griff der Münzmeister in die Diskussion ein:

„Das neue Gesetz gegen die Korruption verbietet ausdrücklich, dass Ausschüsse, die staatliche Angelegenheiten behandeln, private Gelder entgegennehmen. Ich verbitte mir weitere Beiträge, die darauf abzielen, diese Versammlung zu gesetzwidrigen Beschlüssen zu verleiten.“

Die Argumente der Krämer hatten durchschlagend gewirkt. Als es zur Abstimmung kam, wurde der Antrag, eine Delegation zu entsenden, mit 1753 zu 168 Stimmen abgelehnt, bei 674 Enthaltungen. Unsere Stadtregierung musste also weiterhin selber mit der Krise fertigwerden.

* * * * *

Es muss etwa um diese Zeit gewesen sein, als ich bei Aquilas eingeladen war, einem alten Bekannten, den ich aber in den letzten Jahren nur noch selten gesehen hatte. Es waren noch einige andere Gäste anwesend.

Wir kamen auf einige kürzliche Gerichtsfälle zu sprechen, die bei einem grossen Teil der Bevölkerung ein ungutes Gefühl hervorgerufen hatten. Zum Beispiel war der stadtbekannte Betrüger Z. wegen mangelnden Beweisen freigesprochen worden. „Mein Bruder hatte sich als Zeuge gemeldet“, sagte einer der Anwesenden, „aber seine Anhörung wurde immer wieder hinausgeschoben, bis keine Zeit mehr blieb dafür.“ – „Z. soll einen guten Draht zum Münzmeister haben“, sagte ein anderer. „Das erklärt manches.“
Andererseits war der Schriftsteller A. wegen übler Nachrede zu einer hohen Strafe verurteilt worden, obwohl man ihm keine Unrichtigkeit nachweisen konnte. Er hatte es gewagt, in einer Flugschrift die Argumente einer Gruppe von Geschäftsleuten wiederzugeben, die Falschgeld annahmen. Einer von ihnen hätte die Verluste ausgerechnet, die jeder Bürger wegen der laufenden Entwertung des Reichsgeldes zu erleiden hatte. Dadurch standen der Münzmeister und die Stadtregierung in einem ziemlich schlechten Licht da. Der Richter hatte gegen den Autor dieser Schrift einen obskuren Gesetzesartikel angewandt, wonach „unter gewissen Umständen“ der Straftatbestand der üblen Nachrede auch dann erfüllt sei, wenn der Betreffende die Wahrheit gesagt habe, aber mit seinen Aussagen „die Absicht verfolgte, Dritte in ihren materiellen oder ideellen Interessen zu schädigen“.

Ein grauhaariger, bedächtiger Herr in der Runde stellte einige Fragen, aus denen hervorging, dass er von auswärts kam und die Verhältnisse in unserer Stadt noch nicht so gut kannte. Die Antworten überzeugten ihn offenbar davon, dass bei den genannten Urteilen (sowie bei einigen weiteren) das Recht gebeugt worden war. Er zeigte sich auch erstaunt darüber, dass es für die Opfer anscheinend keine Möglichkeit gab, an eine höhere Instanz zu appellieren, ausser sie würden auf eigene Kosten in die Hauptstadt reisen und ihr Anliegen direkt dem König vortragen. Er fragte daraufhin:

„Sind wir uns einig darüber, dass der König gerecht ist?“

„Natürlich“, antworteten die Anwesenden.

„Und dass Gerechtigkeit ein Prinzip seines Reiches ist?“

„Ebenso.“

„Wenn also an einem Ort keine Gerechtigkeit herrscht, müssen wir dann nicht daraus schliessen, dass dieser Ort nicht zum Reich gehört?“

Betretenes Schweigen. Es fiel den Anwesenden offenbar schwer, das soeben Gesagte gedanklich zu verarbeiten.

Nach einigen Momenten fuhr der ältere Herr fort:

„Ich habe schon andere Städte und Provinzen kennengelernt, die Anspruch darauf erheben, zum Reich zu gehören, aber nicht nach den Prinzipien des Königs leben. Eine dieser Städte verletzte die Gastfreundschaft und schickte täglich alle Fremden bei Sonnenuntergang vor die Stadttore hinaus. Eine andere stellte einige Professoren eigens dazu an, aus den veröffentlichten Aussprüchen des Königs die ’nicht mehr zeitgemässen‘ herauszustreichen und die übrigen inhaltlich zu ‚modernisieren‘. Sollten diese Orte einmal in eine Notlage kommen, würde ihnen der König dann Hilfe schicken?“

Noch immer antwortete niemand.

„Ich nehme an, ich bin hier unter Menschen, die sich dem König gegenüber verantwortlich wissen. Deshalb möchte ich euch, die ihr hier seid, den Ernst unserer Situation deutlich machen. Jeder von uns wird sich entscheiden müssen, ob er dem König untertan sein will oder jemand anderem. Jeder von uns kann bald in eine Situation kommen, wo er Anordnungen erhält, die den Anordnungen des Königs widersprechen. Dann müssen wir wissen, auf welcher Seite wir stehen. Werden wir dann dem König treu sein? Auch wenn er weit weg ist, und die Befehlshaber mit den gegenteiligen Anordnungen beeindruckend vor uns stehen?“

Einige Anwesende nickten.

„Wie könnten wir sonst sagen, wir seien das Reich, wenn wir nicht den Willen des Königs tun und nicht annehmen, was vom König kommt?“

Ich war geneigt, ihm recht zu geben. Aber plötzlich fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch den Sinn: „Er redet gegen die Regierung unserer eigenen Stadt! Er möchte uns aufhetzen! Vielleicht ist er sogar einer der gesuchten Falschmünzer. Gleich wird er anfangen davon zu sprechen, dass wir das Falschgeld annehmen sollen.“
War es meine Pflicht, ihn anzuzeigen? – Aber er kam nicht auf das Falschgeld zu sprechen, und ich konnte ihm auch nichts nachweisen. Er hatte kein Geld bei sich, oder wenn, dann liess er es nicht sehen.

Spät abends, nachdem die übrigen Gäste bereits gegangen waren, fragte ich Aquilas noch unter der Haustür:

„Wer war denn dieser ältere Herr, der so vom ‚Ernst unserer Situation‘ gesprochen hat?“

Aquilas antwortete – eher ausweichend, wie mir schien -:

„Ein gelegentlicher Besucher.“
– Dann fügte er leiser hinzu: „Hat viel Lebensweisheit. Soll den König persönlich kennengelernt haben. Er hat mir die Augen geöffnet über manche Dinge.“

„Du glaubst doch nicht etwa all das revolutionäre Zeug?“

„Revolutionär? Es stimmt mit dem überein, was der König selber sagt.“

„Soviel ich weiss, hat der König gesagt, man soll den Provinz- und Stadtregierungen untertan sein.“

„Weisst du was? Das nächste Mal, wenn du zu mir auf Besuch kommst, lesen wir zusammen nach, was der König wirklich gesagt hat.“

Ich war mir aber nicht so sicher, ob ich wirklich Aquilas nochmals besuchen wollte. Die Gespräche an diesem Abend hatten mich sehr verwirrt. Und überhaupt, aus den Aussprüchen des Königs konnte sich jeder herausinterpretieren, was er wollte. Er war ohne Zweifel sehr weise, aber manchmal drückte er sich sehr dunkel aus. Ich hatte auch gehört, manche seiner veröffentlichten Aussprüche seien vorher von seinen Höflingen kräftig editiert und abgeändert worden.

Nach alldem war ich froh, dass einige Wochen später der Münzmeister im Münztempel ein Thema anschnitt, das genau zu meiner Unsicherheit sprach:

„Es gibt einige ewige Nörgler, die von Stadt zu Stadt ziehen und an jeder etwas auszusetzen haben. Die eine ist ihnen nicht sauber genug, in der nächsten sagt ihnen das Essen nicht zu, und in der dritten regnet es zuviel. Wir müssen uns nun einmal damit abfinden, dass wir unvollkommene Menschen in einer unvollkommenen Welt sind.
Es wäre besser bestellt um uns, wenn diese Nörgler nur halb so viel täten, wie sie reden. Wo waren sie denn, als wir unter grossen Opfern unser Rathaus und unseren Münztempel errichteten?“

Applaus erfüllte den Saal. Die persönlichen Anhänger des Münzmeisters sassen an den strategischen Stellen im Saal und wussten genau, bei was für Aussagen ein Applaus erwünscht war. – Der Münzmeister fuhr fort:

„Aber das Schlimmste ist, dass sie gegen das Reich sprechen. Wenn eine Stadt nicht genau so regiert wird, wie sie es sich vorstellen, dann würden sie am liebsten diese Stadt vom Reich ausschliessen. Sie stellen Ansprüche, die sie selber nicht erfüllen können. Sie wollen keine Stadt anerkennen, die diesen Ansprüchen nicht vollkommen genügt. Ich sage Ihnen: Sollten Sie wirklich einmal eine so vollkommene Stadt finden, dann ziehen Sie nicht dorthin! Sie würden durch Ihre eigene Anwesenheit die Vollkommenheit jener Stadt zerstören.“

Neuerlicher Applaus.

„Eine ähnliche Klasse sind die Einzelgänger, die sagen: Ich glaube an den König, aber nicht an das Reich. Ihnen muss ich ganz klar sagen: Sie können nicht den König haben ohne das Reich. Das Reich ist Ausdruck des Willens des Königs. Es gibt keine Treue zum König unabhängig von der Treue zum Reich!
Ich richte deshalb an Sie alle einen ernsthaften Aufruf, Ihre Loyalität zu unserer Stadtregierung zu erneuern. Lassen Sie sich nicht verführen von den Aufwieglern, die die Ehre des Reichs geringschätzen.
Selbst wo das Reich im Unrecht sein sollte und seine Vertreter fehlbar, müssen wir uns unterordnen. Es ist dem König wohlgefälliger, loyal zum Reich und seinen Vertretern zu sein, als auf eigene Faust dem König gehorchen zu wollen, unabhängig vom Reich.“

Nach dieser Rede war meine Gedankenwelt wieder in Ordnung. Es war so beruhigend, sich auf unsere Stadtregierung verlassen zu können. Erst mehrere Jahre später begann ich mich zu fragen, ob das Argument nicht etwas unlogisch war, der Gehorsam dem König gegenüber richte sich gegen das Reich.

Einige Zeit später traf ich unerwartet mit jenem Fremden zusammen, der damals bei Aquilas zu Gast gewesen war. Die genauen Umstände dieser Begegnung tun nichts zur Sache. Er erkannte mich wieder. Nach einigen einleitenden Bemerkungen fragte er mich ohne Umschweife:

„Und wie stehst du zum König?“

„Ich diene der grösseren Ehre des Reiches“, antwortete ich mit aller Selbstverständlichkeit.

„Aber wie stehst du zum König?“

„Ich denke, das habe ich soeben klargemacht. Ich bin seinem Reich treu.“

„Du erinnerst dich sicher, dass wir an jenem Abend darüber sprachen, wie das Wort ‚Reich‘ oft missbraucht wird. Hast du inzwischen darüber nachgedacht, was du genau unter dem ‚Reich‘ verstehst?“

„In erster Linie natürlich meine Stadt, weil ich hier wohne. Aber in einem weiteren Sinn alles, was dem König gehört.“

„Das ist genau meine Besorgnis: inwieweit diese Stadt wirklich dem König gehört oder nicht. Du weisst ja auch einiges darüber, was hier vorgeht. Hast du dir schon überlegt, auf welche Seite du dich im Konfliktfall stellen würdest?“

Das verwirrte Gefühl von jenem Abend bei Aquilas wollte zurückkehren. Aber inzwischen hatte ich gelernt, wie ich einem solchen Nörgler und womöglich Falschmünzer (denn als einen solchen musste ich ihn ansehen) zu antworten hatte:

„Es gibt keine Treue zum König unabhängig von der Treue zum Reich.“

Doch meine Sicherheit wurde von seiner Antwort wie vom Wind verweht:

„Und was denkst du denn, was das Reich ist? Wer bestimmt denn, was im Reich geschehen soll, wie seine Bürger leben sollen, und wie seine Städte regiert werden sollen? Etwa nicht der König? Es gibt kein Reich unabhängig vom Gehorsam dem König gegenüber.

Ich schluckte leer. Nach einigen Momenten des Schweigens antwortete ich:

„Und sind wir etwa nicht dem König gehorsam?“

„Was dich persönlich betrifft, so kann ich das nicht beurteilen. Wie lautet denn der Auftrag des Königs an dich?“

Wieder verharrte ich einige Minuten in betretenem Schweigen. Schliesslich sagte ich:

„Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie einen Auftrag direkt vom König erhalten. Wäre es nicht Anmassung, so etwas zu erwarten? Wir haben hier unsere Stadtoberen, die das Reich vertreten und uns Weisungen erteilen. Ich folge ihren Weisungen, also folge ich doch dem Willen des Königs.“

Der Fremde antwortete:

„Anmassung wäre es, wenn du anderen vorschreiben wolltest, was angeblich des Königs Auftrag für sie sei. Mir scheint, es ist gerade das, was eure Stadtoberen tun. Aber nach dem Auftrag des Königs für dich selber zu fragen, ist gerade das Gegenteil von Anmassung: es ist wahre Demut und wahrer Gehorsam.“

Er machte eine Pause und blickte mich aus tiefen Augen an. Dann fuhr er fort: „Weisst du, ich mag dich. Ich sehe in dir, dass du im Grunde den Willen hast, ein treuer Untertan des Königs zu sein. Nur hast du noch einige verkehrte Vorstellungen davon, was das bedeutet. Deshalb getraue ich mich, offen mit dir zu sprechen.“

„Worüber denn?“

„Über das Falschgeld natürlich. Du hast vielleicht gehört, dass meine Brüder und ich in der Öffentlichkeit euer Geld beschönigend als ‚Provinzwährung‘ bezeichnen. Wir tun das nur, weil es uns in der gegenwärtigen Situation verunmöglicht wird, die Wahrheit offen auszusprechen. Aber in Tat und Wahrheit sind eure Münzen und Banknoten illegales Falschgeld, hergestellt von einer Vereinigung von Krämern, die vom König abtrünnig geworden sind. Was wir tun, ist nichts anderes als der Versuch, das rechtmässige Geld des Königs wieder einzuführen unter jenen, die noch genügend Aufrichtigkeit im Leib haben dafür.“

Ich war wie vor den Kopf gestossen. So eine unverschämte Lüge! Nie hatte ich davon gehört, dass der König irgendeine andere Währung autorisiert hätte als jene, die wir gebrauchten.
Und doch – es lag eine so tiefe Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit in den Worten dieses Fremden. Tief in meinem Innern musste ich zugeben, dass ich ebensowenig je davon gehört hatte, dass der König unsere Währung autorisiert hätte. Es begann mir zu dämmern, dass ich überhaupt sehr wenig wusste über den König und seinen Willen. Jedenfalls nicht genug, um auf die Argumente dieses mysteriösen Fremden antworten zu können.

Er fuhr fort: „Ihr, eure Stadtoberen, ihr habt euer eigenes Reich aufgerichtet entgegen dem Reich des Königs; ihr habt eure eigenen Regenten eingesetzt entgegen dem Willen des Königs; und ihr habt eure eigene Währung geschaffen und das Geld des Königs als wertlos erklärt. Ihr habt die Ehre eures eigenen Reichs wichtiger genommen als den Willen des Königs.
Du denkst jetzt sicher, ich möchte dich zur Rebellion anstiften. Nichts liegt mir ferner als das. Ganz im Gegenteil. Du hast wahrscheinlich die frühere Regierung dieser Stadt nicht gekannt, und hast daher immer im Glauben gelebt, die gegenwärtige Regierung sei rechtmässig. Aber ich versichere dir: Eines Tages wird der königliche Gerichtsvollzieher in dieser Stadt erscheinen, und dann wird er eure Stadtoberen als Rebellen richten.
Der einzige Zweck meines Hierseins besteht darin, euch zur Rückkehr unter den Willen des Königs aufzurufen – das heisst, jene unter euch, die noch dazu in der Lage sind.“

Ich war zu aufgewühlt, um antworten zu können. Alles drehte sich in meinen Gedanken. Meine Empfindungen führten Krieg gegeneinander in meinem Innern. Da war einerseits eine unbändige Wut über die Unterstellungen dieses Fremden. Es konnte doch nicht wahr sein, dass ich mein Leben lang einem Schwindel aufgesessen sein sollte. Ich war doch ein erwachsener Mensch mit eigenem Urteilsvermögen. Ich hatte doch als mündiges Mitglied an den Stadtversammlungen teilgenommen. Ich kannte doch die Stadtoberen und ihre ehrenhaften Absichten, die Ehre des Reichs zu vermehren.
Und andererseits war da ein immer stärker nagender Verdacht, der Fremde könnte doch recht haben. Ich war ja noch nie allzu weit aus meinem Geburtsort herausgekommen. Ich kannte weder die Hauptstadt noch den König. Sollte es in der Weite seines Reichs mehr und andere Dinge geben, als meine Schulweisheit sich träumen liesse? Wusste dieser Fremde vielleicht etwas, was mir ein Leben lang vorenthalten worden war? Hatte ich vielleicht eher Grund, auf mich selber wütend zu sein statt auf ihn, weil ich blindlings alles geglaubt hatte, was man mir in meiner Stadt erzählt hatte?

Der Fremde verabschiedete sich und liess mich allein mit meinem inneren Aufruhr. Ich beschloss, alles daran zu setzen, die Wahrheit herauszufinden.

Fortsetzung folgt


Die Falschmünzer (1.Teil)

14. Februar 2015

Ein Gleichnis

Ich erinnere mich noch an das erste Mal in meinem Leben, als ich bewusst über Geld nachdachte. Das war bald nachdem ich das Lesen gelernt hatte. Eines Tages fragte ich meine Mutter:

„Mama, was bedeutet das, was auf unseren Münzen steht: ‚Zur grösseren Ehre des Reiches‘?“

„Das bedeutet, dass wir alles, was wir mit dem Geld tun, dazu tun sollen, dass das Reich grösser und besser wird. Dass es den Menschen im Reich besser geht, und dass die Menschen ausserhalb des Reiches gut reden darüber.“

„Aber was oder wo ist dieses Reich?“

„Das Reich? Das ist doch hier, wo wir wohnen. Unser Städtchen gehört zum Reich, und die Menschen, die hier wohnen.“

Das verstand ich nicht so ganz, denn ich konnte keinen besonderen Unterschied sehen zwischen unserem Städtchen und anderen Teilen der Welt. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich damals noch nicht viele andere Teile der Welt kennengelernt hatte. Aber ich muss doch Mama gegenüber auf irgendeine Weise meine Bedenken ausgedrückt haben, denn ich erinnere mich, dass sie bei einer anderen Gelegenheit sagte:

„Das Reich kann man nur mit den Augen des Glaubens sehen. Du musst einfach im Glauben annehmen, dass du ein Bürger des Reiches bist.“

Ein anderes Mal sprachen wir über Falschgeld. Ich hatte damals zum Spielen einen Kaufladen mit richtigen kleinen Münzen und Banknoten.

„Mama, kann ich nicht auch mit dem Geld von meinem Kaufladen im richtigen Laden einkaufen gehen?“

„Nein, das geht nicht, das ist ja kein richtiges Geld.“

„Nicht? Aber es steht auch darauf ‚Zur grösseren Ehre des Reiches‘, genauso wie auf den richtigen Münzen.“

„Ja, aber es sind nicht die richtigen, das kann doch jedermann sehen. Sie sind kleiner und aus einem minderwertigen Material, und auf den Banknoten steht ‚Spielgeld‘.“

„Aber der Verkäufer könnte ja gut sein zu mir und mir auch für dieses Geld etwas verkaufen.“

„Versuch das nur nicht! Das wäre ja Falschmünzerei. Es ist verboten, anderes Geld als das echte zu verwenden. Dafür kann man bestraft werden.“

„Warum denn? Wer hat bestimmt, was richtiges Geld ist und was nicht?“

„Das richtige Geld ist das, das die Krämer entgegennehmen. Es hat Wert, weil die Krämer es anerkennen und gegen Waren umtauschen.“

„Dann bestimmen die Krämer über das Geld?“

„Nicht genau so, aber sie haben etwas damit zu tun. Und natürlich der Münzmeister. Ganz genau weiss ich es auch nicht.“

Den Münzmeister kannte ich von ferne, nämlich von den wöchentlichen Versammlungen im Münztempel. Dort sprach er – oder einer seiner Funktionäre – jeweils über hochwichtige Dinge. Z.B. über den rechten Gebrauch und die rechte Verteilung des Geldes; oder darüber, was die „grössere Ehre des Reiches“ genau bedeutete. Das waren jeweils äusserst feierliche Veranstaltungen, denn jedermann war sich seiner Pflicht bewusst, zur grösseren Ehre des Reiches beizutragen.

So wuchs ich heran, wurde erwachsen und lernte einen Beruf, um mein Geld auf ehrliche Weise zu erwerben.

* * * * *

Eines Tages begann das Gerücht umzugehen, in einer Nachbarprovinz seien Falschmünzer aufgetaucht, und man solle auf der Hut sein. „Seht alle Münzen und Banknoten gut an, ob sie echt sind!“

Dann wurde ich Zeuge einer merkwürdigen Szene im Krämerladen. Ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, wollte seine Einkäufe bezahlen und wurde zurückgewiesen:

„Aber das ist Falschgeld, sehen Sie das denn nicht?“

„Das ist das echte Geld des Königs“, beharrte der Mann. „Ich habe das Recht, damit zu bezahlen.“

„Nein, das ist nicht unser Reichsgeld“, antwortete der Krämer. „Sehen Sie doch, das hier ist eine echte Münze.“

„Das mag eure eigene provinzielle Währung sein“, erwiderte der Kunde, „aber ich versichere Ihnen, in den Geschäften des Königs würde eine solche Münze nicht anerkannt. Dort gilt nur das Geld des Königs.“

„Ich weiss nicht, wer Sie sind und woher Sie kommen“, antwortete der Krämer, „ich weiss nur, dass ich noch nie in meinem Leben eine solche Münze gesehen habe, wie Sie sie hier in der Hand haben. Damit können Sie hier nichts kaufen.“

„Gut“, antwortete der Fremde, „dann gehe ich anderswo einkaufen. Aber ich versichere Ihnen, der König wird nicht erfreut sein, wenn er davon erfährt.“

„Sie werden nirgends mit dieser Münze einkaufen können!“, rief ihm der Krämer beim Hinausgehen noch nach.

Das kann kein Einzelfall gewesen sein, denn mit der Zeit kamen tatsächlich einige dieser fremden Münzen in Umlauf. Anscheinend hatten sich gewisse Geschäftsleute überreden lassen, sie anzunehmen. Eines Tages kam mir eine davon in die Hand. Sie hatte zwar dieselbe Grösse wie die echten Münzen, aber abgesehen davon sah sie ganz anders aus. Anstelle des Porträts einer berühmten Persönlichkeit zeigte sie nur eine Krone. Auch war nicht darauf geschrieben „Zur grösseren Ehre des Reiches“, sondern nur: „Der König“.
Ich wunderte mich darüber, dass die Falschmünzer auf eine so plumpe Weise vorgingen. Wäre ich Falschmünzer gewesen, dann hätte ich mich doch bemüht, das echte Geld so genau wie möglich nachzuahmen. Aber völlig anderes Geld zu fabrizieren und dann die Leute zu überreden versuchen, es anzunehmen – was war das für eine merkwürdige Strategie?

Natürlich kam die Geschichte zu Ohren des Münzmeisters. Bei einer der folgenden Versammlungen sprach er eine ernste Warnung aus:

„Es ist uns bekanntgeworden, dass sich Falschmünzer in unsere Stadt eingeschlichen haben. Natürlich haben die meisten aufrechten Bürger diesem Angriff auf unsere Integrität entschieden widerstanden. Dennoch haben wir Indizien, dass einige Personen diesem Betrug zum Opfer gefallen sind; und dass einige sogar bewusst gemeinsame Sache damit machen.
Wir machen Sie hiermit darauf aufmerksam, dass Sie der Falschmünzerei angeklagt werden können, nicht nur wenn Sie Falschgeld herstellen, sondern auch, wenn Sie wissentlich solches verbreiten oder entgegennehmen. Wenn Sie Falschgeld entgegennehmen, verhelfen Sie einem Betrüger oder seinem Komplizen zu unrechtem Gewinn, und schmälern damit die Ehre des Reiches. Wir werden Massnahmen dagegen ergreifen und rufen Sie hiermit auf, jeden anzuzeigen, der Falschgeld besitzt, verbreitet oder entgegennimmt, und sei es auch im privaten Rahmen seines eigenen Heims.“

Nachdem die Gefahr nun öffentlich ausgesprochen war, schien sie für eine Zeitlang gebannt zu sein. Aber gleichzeitig wurde ein immer stärkeres Misstrauen unter den Einwohnern unserer Kleinstadt spürbar. Jeder schaute jedem genau auf die Hände, wenn er mit Geld hantierte. Einige versuchten sogar heimlich die Geldbeutel anderer zu öffnen und hineinzublicken. Alle Geschäftsleute durchwühlten ängstlich ihre Geldvorräte und drehten jede Münze und Banknote dreimal um, um sicherzustellen, dass sich wirklich kein Falschgeld darunter befand und sie nicht unversehens angeklagt werden könnten. Verdächtigungen wurden ausgesprochen, und Freundschaften gingen auseinander.

Trotz aller Vorsichtsmassnahmen verbreitete sich das Falschgeld weiter. Es bildeten sich Gruppen von Geschäftsleuten, die vereinbarten, unter sich das „Königsgeld“ anzuerkennen und es voneinander anzunehmen. Obwohl sie diese Operationen vorerst geheimzuhalten versuchten, wurde es allmählich bekannt, und einige dieser Gruppen wuchsen schneller, als man ihnen Einhalt gebieten konnte. Manche ihrer Mitglieder begannen den Versammlungen im Münztempel fernzubleiben. Dafür hielten sie anscheinend Treffen in ihren eigenen Häusern ab.
Einige ihrer Vertreter wagten öffentlich zu behaupten, das Falschgeld sei rechtmässig, und wir seien alle vom Münzmeister betrogen worden. Es wurden erhitzte Diskussionen geführt über das Thema. Gerüchteweise wurde sogar gesagt, einige radikale Anhänger solcher Gruppen weigerten sich neuerdings, das echte Reichsgeld zu benützen. Sollte es den Falschmünzern gelungen sein, einen Keil in unsere festgefügte kleinstädtische Gemeinschaft zu treiben? Die Glaubens- und Vertrauenskrise wurde immer offensichtlicher.

Bitte keine vorschnellen Schlüsse ziehen – Fortsetzung folgt.