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„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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Der Reformator Martin Luther – Teil 2 – Der Weg zur Bekehrung

18. Oktober 2012

Der Weg zur Bekehrung

Aus Luthers Zeit als junger Mönch wird berichtet, dass er unter einem ungeheuren Bewusstsein seiner eigenen Sündhaftigkeit litt, und sich selbst die härtesten Bussübungen auferlegte, um sein Gewissen zu erleichtern – vergeblich. Obwohl er keine offensichtliche Sünde begangen hatte, war er sich seiner kleinen Fehler in Worten, Gedanken und Verhalten sehr bewusst, die im täglichen Leben geschehen. Er versuchte oft, diese schlechten Neigungen zu besiegen, aber sein Gewissen verurteilte ihn weiterhin. Manchmal dachte er sogar, er sei wohl zur Verdammnis vorherbestimmt; denn wenn es anders wäre, würde ihm doch Gott sicher ermöglichen, die Versuchungen zu besiegen?

Sein Freund Philipp Melanchthon schreibt über Luther in jener Zeit:
„Oft erschreckten ihn plötzliche und heftige Ängste, während er intensiver über den Zorn Gottes und seine Strafen nachdachte; so dass er beinahe verrückt wurde. Und ich selbst sah ihn, als er in einer Lehrdebatte von der Spannung übermannt wurde, wie er sich in der benachbarten Zelle niederwarf und mehrmals über dem diskutierten Gedanken betete, und alles unter der Sünde zusammenfasste, um für alles Vergebung zu erhalten. Er fühlte diese Ängste von Anfang an, oder noch heftiger in jenem Jahr, weil er seinen Kameraden verlor, der bei einem Unfall starb.“

Er bemühte sich, gute Werke zu tun, um Gott zu gefallen. Er widmete sich intensiv dem Fasten, langen Stunden im Gebet, Geisselungen, Wallfahrten, und ständiger Beichte. Er verbrachte viel Zeit damit, sein eigenes Herz zu erforschen, und bekannte jede Sünde des Zornes, des Hasses und der Eifersucht gegen andere Menschen. Aber je mehr er versuchte, Gott zu gefallen, desto mehr wurde er sich seiner Sünde bewusst. Entmutigt sagte er: „Je mehr man versucht, sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie.“ Und obwohl er ständig Absolutionen erhielt und Bussübungen machte, blieb die beunruhigende Frage: Wer kann mir versichern, dass ich wirklich alle Bedingungen erfüllt habe, um Vergebung zu erhalten? So suchte er weiterhin Antwort auf die wichtige Frage: Wie kann ein Sünder die ewige Errettung erlangen? Wie kann ich die Gnade Gottes erfahren?

Die Schlüsselstelle in Luthers Leben war Römer 1,17:
„Denn im Evangelium offenbart sich die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben und zum Glauben, wie geschrieben steht: Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“
In seinem Verständnis konnte „Gerechtigkeit Gottes“ nur bedeuten: Gott muss mich in seiner Gerechtigkeit für meine Sünde bestrafen, denn ich, Martin Luther, bin nicht gerecht. Wie aber kann ich gerecht werden?

Im Jahre 1511 wurde Luther von seinem Orden mit einem wichtigen Auftrag nach Rom gesandt. Auf dieser Reise hatte er Gelegenheit, das Zentrum der katholischen Kirche mit eigenen Augen zu sehen. Er erfüllte alle Pflichten eines Pilgers und besuchte alle „heiligen“ Stätten, und hoffte, davon Erleichterung für seine Seele zu erhalten. Er rutschte die „Pilatustreppe“ auf den Knieen hinauf, weil der Papst allen, die dies taten, eine besondere Absolution versprochen hatte. Aber während er sich mitten in dieser Bussübung befand, war es ihm, als ob eine Stimme vom Himmel ihm diese Worte zuriefe, die er noch nicht verstand: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Doch die Vergebung Gottes hatte er noch nicht gefunden.

1512 erhielt er den Doktortitel und wurde als Theologieprofessor nach Wittenberg berufen. In jener Zeit (und heute?) wussten die Theologen viel über die Werke anderer Theologen, aber wenig über die Bibel. Luther dagegen widmete sich völlig dem Studium und der Auslegung der Bibel.

Während er den Römerbrief las und lehrte, kam er schliesslich zum Verständnis der Worte: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“: Es ging nicht darum, selber gerecht zu sein, um zum Glauben zu kommen. Im Gegenteil: der Glaube war das einzig Nötige, um gerecht zu werden. „Glaube, so wirst du gerettet werden.“ – Für den, der wirklich glaubt (vertraut), ist die „Gerechtigkeit Gottes“ keine Strafe. Vielmehr ist es die Gerechtigkeit, die Gott jedem, der glaubt, schenkt. Das ist die eigentliche Botschaft des Evangeliums, die jahrhundertelang vergessen gewesen war, bis Luther sie von neuem ans Licht brachte.
(Wie wir sahen, gab es andere vor ihm. Es war aber vor Luther nicht möglich, die biblische Botschaft öffentlich und allgemein bekanntzumachen.)

Luther sagte über diese Entdeckung:
„Bevor ich diese Worte verstand, hasste ich Gott, weil er uns Sünder mit dem Gesetz und mit der Erbärmlichkeit unseres Lebens erschreckte; und nicht genug damit, verschlimmerte er unsere Trübsal noch mit dem Evangelium. Aber dann verstand ich durch den Geist Gottes die Worte: ‚Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.‘ Da fühlte ich mich wie von neuem geboren, wie ein neuer Mensch. Ich trat durch geöffnete Tore geradewegs ins Paradies Gottes ein!“

Auch hier gibt es wieder eine Parallele in meinem eigenen Leben: Ähnlich wie bei Luther im Kloster, gab es vor meiner Bekehrung eine Zeit, in der mein volkskirchliches Denken („wir kommen alle, alle in den Himmel…“) heftig erschüttert wurde, und ich zu der Einsicht kam, dass ich in meiner Sündhaftigkeit nach Gottes Massstäben niemals in den Himmel kommen würde. Darauf folgte ein monatelanges geistliches Ringen, bis ich schliesslich die Erlösung aus Gnade vertrauend von Jesus annehmen konnte.

Tatsächlich ist dies die Art und Weise, wie Gottesmänner und Erweckungsprediger früherer Zeiten das Wirken Gottes zur Bekehrung erlebten, an sich selber und an ihren Zuhörern. Die Zeugnisse von Männern wie Jonathan Edwards, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und vielen anderen, stimmen hierin überein. Keiner von ihnen bot seinen Zuhörern eine einfache „Gratis-Bekehrung“ im Stil heutiger Evangelisationsveranstaltungen an. – Leider wusste ich dies nicht, als ich zum Glauben kam. Deshalb dachte ich lange Zeit, die „Übergabegebets-Bekehrungen“ seien die Norm, und meine eigene Geschichte sei eine einsame Ausnahme. Erst in den letzten Jahren fand ich allmählich wieder den Weg zurück zu diesen „Wurzeln“.

Heute wird oft Luthers Lehre von der Erlösung aus Gnade, aus Glauben, verkündet, ohne den Weg in Betracht zu ziehen, auf dem Luther zu seiner Einsicht kam. Heute wird gelehrt, dass „Gott nicht straft“; dass Gott nur Liebe ist und über die Sünden hinwegsieht; und dass „die Erlösung nichts kostet“. Das ist die Lehre, die vom Lutheraner (!) Dietrich Bonhoeffer „billige Gnade“ genannt wurde:

„In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden – Sünden, die sie nicht bereut, und noch weniger davon befreit werden möchte. (…) Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders.“

Was für unterschiedliche Ergebnisse brachte ein und dieselbe Lehre – die Rechtfertigung durch Gnade aus Glauben – zu verschiedenen Zeiten hervor! In der Zeit Luthers brachte diese Lehre eine grosse Befreiung, eine Reformation und eine Reinigung der Kirche. In unserer Zeit hat dieselbe Lehre eine Kirche hervorgebracht, die alle Arten von unmoralischen Handlungen verübt und sagt: „Gott in seiner Gnade wird mir vergeben.“ – Warum dieser riesige Unterschied?

Wir sahen, dass Luther verzweifelt versuchte, die Erlösung zu finden. Er war sich seiner Sünde sehr bewusst, und er wusste, dass er verloren war, wenn sich nichts änderte. Er war wie die Menschen, die am Pfingsttag Petrus zuhörten: Da „ging ihnen ein Stich durchs Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder?“ (Apg.2,37) Er suchte die Gnade Gottes wie einen verborgenen Schatz. Er wusste, dass er von sich aus keinerlei Recht hatte auf irgendeine Gnade von Gott.

Aber heute glauben viele Menschen, ein „Recht“ auf die Gnade Gottes zu haben. Sie haben schon ihr ganzes Leben lang gehört, dass Gott aus Gnade errettet; und deshalb nehmen sie diese Wahrheit auf die leichte Schulter. Sie sehen sie nicht mehr als einen Schatz, der eifrig gesucht werden will. Sie wollen die Gnade Gottes „sofort“; ohne zuerst den Weg zu gehen, den Luther ging. Sie sind sich ihrer Sünde nie bewusst geworden; sie haben nie zutiefst verstanden, dass sie verloren sind; und deshalb wertschätzen sie die Erlösung nicht wirklich.

Zur Zeit Luthers war sich fast jedermann seiner Sündhaftigkeit bewusst. Jedermann wusste, dass er die Erlösung verzweifelt nötig hatte. (Deshalb war der Ablasshandel so ein grosses Geschäft!) Aber während zur Zeit Luthers das Sündenbewusstsein in den Menschen derart überwog, dass sie den Weg zur Gnade nicht fanden, so ist es heute gerade dieses Sündenbewusstsein, was den Menschen fehlt! Das hindert sie daran, die Erlösung aus Gnade richtig verstehen und annehmen zu können. Viele Gewissen sind heute so verhärtet, dass gar nicht verstanden wird, was „Bekehrung“ (Umkehr) bedeutet. Heute haben wir eine grosse Wahrheit vergessen, die den Menschen zur Zeit Luthers selbstverständlich war: Die Gnade Gottes ist nur für jene, die umkehren.

Daraus können wir noch eine andere wichtige Lektion lernen. Es braucht Weisheit, die richtige biblische Wahrheit in den richtigen Umständen und für die richtigen Personen anzuwenden. Jede biblische Wahrheit ist wie eine Medizin für eine bestimmte Krankheit. Aber dieselbe Medizin kann Schaden anrichten, wenn wir sie einem Patienten mit einer andersartigen Krankheit geben. Die Botschaft von der Gnade Gottes ist die beste Medizin für einen reuigen Büsser, der die Pilatustreppe auf den Knieen hinaufrutscht und vor dem Gericht Gottes zittert. Deshalb wurde Luther von dieser Botschaft verändert und befreit: er bereute seine Sünden bereits. Aber die meisten Menschen der heutigen Zeit leiden an einer anderen Krankheit: sie sind sich ihrer Sündhaftigkeit nicht bewusst. Sie nehmen die Gnade Gottes als Vorwand, um weiter zu sündigen und nicht umzukehren. Deshalb brauchen sie eine andere Medizin: sie brauchen eine Botschaft, die sie von ihrer Sünde überführt, vom Gericht Gottes, und von der Umkehr.

(Fortsetzung folgt)