Posts Tagged ‘Erweckung’

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 3)

22. Oktober 2016

Die christliche Versammlung ist der Ort, wo Sünde konfrontiert und korrigiert wird, und Gerechtigkeit hergestellt wird.

In der vorhergehenden Betrachtung sprachen wir über den Konsens, der entsteht, wenn alle ernsthaft und aufrichtig die Führung des Heiligen Geistes suchen. Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, nur eine Gemeinde ohne Sünde und Konflikte sei eine neutestamentliche Gemeinde. Aber die neutestamentliche Gemeinde geht mit ihren Sünden und Konflikten auf biblische Weise um. Genau darüber spricht die erste Hälfte unseres Abschnitts Matthäus 18,15-20:

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.“ (Vers 15)
Der erste Schritt besteht darin, dass eine private Sünde privat zurechtgewiesen werden sollte. Sie sollte noch nicht vor andere Personen getragen werden. Aber der Herr sagt auch nicht: „Vergib und vergiss!“, wie in vielen Kirchen fälschlich gelehrt wird. Nein, die Sünde muss konfrontiert werden. Die neutestamentliche Gemeinde unternimmt die nötigen Schritte, um sich von Sünde rein zu halten. So heisst es auch in Epheser 5.11: „Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern weist sie zurecht.

Wir stellen fest, dass hier, in Matthäus 18,15, der Herr über private Sünden spricht. Eine öffentliche Sünde sollte von Anfang an öffentlich und vor Zeugen konfrontiert werden, wie Petrus in Apg.5,3-4 und 8,20-23 zeigt, sowie Paulus in Galater 2,11-14.

Wenn der fehlbare Bruder nach der privaten Konfrontation nicht umkehrt, dann soll er mit einem oder zwei weiteren Zeugen konfrontiert werden (Matthäus 18,16). Und „wenn er auf sie nicht hören will, dann sage es der Versammlung (Gemeinde) …“ (Vers 17)

„Gemeinde“ bedeutet hier „Versammlung“. Es bedeutet nicht „nur die Leiter“! Dieser Punkt muss betont werden, weil einige Kirchen und Gruppen erklären, Matthäus 18,15-17 zu praktizieren, aber in Wirklichkeit die (tatsächlich oder vermeintlich) fehlbaren Mitglieder vor die Leiter der Organisation bringen, welche dann nach ihrem eigenen Ermessen einen „Schuldspruch“ fällen. Das ist es nicht, was die Worte des Herrn bedeuten. Wenn eine Sache vor die „Versammlung“ gebracht wird, dann bedeutet das, dass sie öffentlich gemacht wird. Das ganze Volk Gottes wird informiert; und wenn eine Art „Gerichtsprozess“ durchgeführt wird, dann hat das ganze Volk Gottes das Recht, daran teilzunehmen. Dadurch wird verhindert, dass einzelne Leiter sich zu exklusiven Richtern aufschwingen, die oft Richter und Partei zugleich sind, und die hinter verschlossenen Türen Urteile fällen, ohne dass jemand kontrollieren oder Rechenschaft fordern könnte, ob es dabei mit rechten Dingen zuging. Solche willkürlichen Schuldsprüche werden in heutigen kirchlichen Organisationen allzu oft gefällt. Genau um dies zu verhindern, stellt der Herr hier ein Prinzip auf, das sogar in der weltlichen Justiz beachtet wird (und wieviel mehr sollte es im Volk Gottes beachtet werden!), nämlich dass Gerichtsprozesse öffentlich sein sollen. Noch mehr: Das Wort „ekklesia“ (Gemeinde / Versammlung) bedeutete im damaligen Griechisch ursprünglich „die Versammlung aller stimmberechtigten Bürger“. Jeder Bürger des Reiches Gottes hat ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, einen Mitbürger zu konfrontieren und wiederherzustellen, der gesündigt hat.

Dasselbe finden wir in Galater 6,1: „Ihr Brüder, wenn jemand von einer Übertretung überrascht wird, dann sollt ihr, die geistlichen, ihn zurechtbringen in einem demütigen Geist; und achte auf dich selber, dass nicht auch du versucht wirst.“ Auch hier richtet sich der Aufruf, den fehlbaren Bruder zurechtzubringen, nicht nur an einige wenige Leiter, sondern an alle geistlich Gesinnten. (Gemäss Römer 8,1-16 und 1.Korinther 2,12-15 sollten wenn möglich alle Christen „geistlich“ sein!)

Beachten wir, dass das Ziel dieses Prozesses darin besteht, den Fehlbaren zurechtzubringen. Nicht ihn zu erniedrigen, nicht ihn zu verwerfen und zu verdammen. Aber beachten wir auch, dass dieses „Zurechtbringen“ nur dann geschehen kann, wenn der Fehlbare umkehrt. In Lukas 17,3 (Parallelstelle zu Matthäus 18,15) heisst es: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.“ Wenn ein Sünder nicht umkehrt, nicht einmal nachdem er vor der Versammlung konfrontiert und überführt wurde, dann muss der Geschädigte ihm nicht vergeben. „Und wenn er auch auf die Versammlung (Gemeinde) nicht hören will, dann sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner.“ (Matthäus 18,17). Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Lehre ist die Umkehr notwendig, damit Vergebung, Wiederherstellung und Versöhnung geschehen kann.

Das sollte uns nicht seltsam erscheinen, da ja dasselbe für die Beziehung zum Herrn selber gilt. Nur wer von seiner Sünde umkehrt, kann in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten und gerettet werden. Das war die Botschaft, die Jesus vom Anfang bis zum Ende seiner irdischen Mission verkündigte (Matthäus 4,17; Lukas 24,47); und das war auch die Botschaft, die seine Apostel verkündeten (Apostelgeschichte 2,38; 3,26; 14,15; 26,18; usw). Der Herr gab zwar sein Leben für alle Menschen; aber seine Vergebung erreicht nur diejenigen, die umkehren.

Zurück zum Thema „Versammlung“. Unglücklicherweise ist dies ein Punkt, der heute fast unmöglich durchzuführen ist, weil wir gegenwärtig in einer nach biblischen Massstäben sehr irregulären Situation leben. An den allermeisten Orten finden sich die Christen unter verschiedene Konfessionen und Gemeindeverbände zerstreut, während die Mehrheit der Mitglieder dieser Verbände gar keine Christen nach biblischen Massstäben sind. Deshalb ist eine Versammlung der Mitglieder einer konfessionellen Kirche oder eines Gemeindeverbandes in keiner Weise eine Versammlung des Volkes Gottes. Um wieder eine „Versammlung“ im Sinne des Neuen Testamentes haben zu können, müssten alle echten Christen ihre jeweiligen Kirchen verlassen, und sich zusammen mit den echten Christen aus den anderen Kirchen versammeln.

Das ist gar keine so weit hergeholte oder revolutionäre Idee, wie es scheinen mag. Das ist nämlich tatsächlich schon geschehen, an Orten, wo es Erweckung gab. Wenn es gegenwärtig unmöglich scheint, dann liegt das daran, dass wir gegenwärtig sehr weit von einer Erweckungssituation entfernt sind, und dass die gegenwärtigen Kirchen sehr weit davon entfernt sind, „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments zu sein. In einer echten Erweckung zieht der Heilige Geist selber die Trennlinien: Nicht zwischen den verschiedenen Denominationen, sondern zwischen den echten und den falschen Christen in jeder Denomination. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen; zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“ (Maleachi 3,18)

Aber auch in der gegenwärtigen irregulären Situation bin ich der Meinung, dass wir zumindest folgendes fordern dürfen: Dass Sünden und Konflikte, die innerhalb einer Kirche oder eines Gemeindeverbandes nicht auf eine für beide Seiten zufriedenstellende bzw. gerechte Weise gelöst werden können, nicht als „interne Angelegenheiten“ der betreffenden Kirche oder des betreffenden Verbandes betrachtet werden dürfen. Dass solche Fälle – insbesondere wenn Leiter involviert sind – vor eine „Versammlung“ von Glaubensgeschwistern gebracht werden, die nicht demselben Gemeindeverband angehören, und die in der Lage sind, die Angelegenheit unparteiisch zu untersuchen. Wenn ein Gemeindeverband nicht dazu bereit ist, seine Probleme auf diese Weise behandeln zu lassen, dann können wir sicher sein, dass da keine neutestamentliche Gemeinde ist, sondern ein sektiererischer Geist.

Das Wort „Versammlung“ schliesst auch ein, dass es da keine Rangunterschiede gibt. In unserer Stelle in Matthäus 18 ist nirgends die Rede von irgendeinem Unterschied zwischen „Leitern“ und „Geleiteten“, oder zwischen „Geistlichen“ und „Laien“. Wo es um das Konfrontieren von Sünde geht, da gilt kein Ansehen der Person. Um es noch klarer zu sagen: Auch das einfachste Gemeindemitglied darf (und soll!) auch den mächtigsten „Leiter“ wegen einer Sünde zurechtweisen, und ihn sogar vor die „Versammlung“ bringen, wenn er nicht umkehrt. Matthäus 23,8-12 bekräftigt, dass es tatsächlich das ist, was der Herr sagen will.
Dabei muss „Sünde“ natürlich der Bibel gemäss definiert werden. Allzu viele religiöse Organisationen definieren fälschlich als „Sünde“ eine ganze Reihe von Handlungen, die u.a. genau das einschliessen, was der Herr hier ausdrücklich gebietet, nämlich einen Leiter zurechtzuweisen, wenn er sündigt.

Das einzige, was in der Versammlung des Volkes Gottes einen Unterschied macht, ist die geistliche Reife bzw. Weisheit jedes Mitglieds. In 1.Korinther 6,5 tadelt Paulus die Gemeinde in Korinth, weil es „keinen einzigen Weisen unter euch gibt, der zwischen seinen Brüdern Recht sprechen könnte“. Die korinthische Gemeinde war nicht in der Lage, im Konfliktfall die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Leider müssen wir dasselbe von den meisten heutigen Kirchen sagen. Einfachste Rechtsgrundsätze, die sogar in der weltlichen Rechtsprechung gelten, werden einfach übergangen. Entweder gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Sünde toleriert werden muss, und den Opfern von Sünde, Betrug und Missbrauch wird gesagt: „Du musst vergeben und vergessen“. Oder die „Gemeindezucht“ wird hauptsächlich dazu eingesetzt, die Machtstellung der Leiterschaft auszubauen und Kritik an den Leitern zum Schweigen zu bringen. Schuldsprüche und „disziplinarische Massnahmen“ werden zum voraus abgesprochen von einem Klüngel von „Eingeweihten“, die als Kläger und Richter zugleich fungieren. Dem Angeklagten wird keine ordentliche Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Aussagen von Belastungszeugen werden anonym vom Kläger-Richter vorgetragen („Uns ist bekanntgeworden …“, „Es wurde über dich gesagt …“); Entlastungszeugen werden nicht angehört; Schuldsprüche werden nicht gesetzmässig begründet; und es gibt keine Möglichkeit der Apellation an eine höhere Instanz.
In den meisten evangelikalen Kirchen und Organisationen, in denen ich während meines Lebens aktiv mitarbeitete, wurde all dies als normal angesehen. Aber das Wort Gottes sagt, dass eine solche Situation sehr weit von der Normalität entfernt ist. Eine Kirche, die nicht gerecht urteilt, fällt selber unter das Urteil Gottes.

Advertisements

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 2)

12. Oktober 2016

Die christliche Versammlung handelt im Konsens.

„Wenn zwei von euch auf der Erde übereinstimmen über alles, was sie bitten, dann wird es ihnen geschehen von meinem Vater, der im Himmel ist. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Auf den ersten Blick scheint diese Verheissung der Erfahrung zu widersprechen: Viele Gebete, die in Gebetsversammlungen „in Übereinstimmung“ ausgesprochen werden, werden nicht erhört. Aber wir wissen, dass der Herr nicht lügt, und dass er alle seine Verheissungen erfüllt. Also liegt das Problem entweder bei unserer Erfahrung, oder bei unserem Verständnis der Worte des Herrn.

Wollte der Herr wirklich sagen, dass zwei oder drei Christen vereinbaren könnten, irgendetwas vom Vater zu erbitten – Reichtum, Berühmtheit, vielleicht sogar den Tod ihrer Feinde -, und der Vater würde ihnen all dies geben? – Ich glaube nicht, dass dies dem Charakter des Herrn entsprechen würde. Er gab seine Verheissungen nicht zu dem Zweck, seine Jünger zu egoistischen Wünschen zu ermutigen. Und wie gesagt, erfüllt sich die Verheissung erfahrungsgemäss ja auch nicht auf diese Weise. Vielmehr denke ich, wir müssen das Wort „übereinstimmen“ anders verstehen.

Im griechischen Original ist das Wort „symfonéo“, „zusammenklingen“. Von daher kommt unser Wort „Symphonie“. Wer oder was bewirkt in einer Symphonie, dass die Instrumente „übereinstimmen“, „zusammenklingen“? Es ist nicht das Instrument, das von sich aus spielt oder entscheidet, was es spielen soll. Es ist auch nicht der einzelne Musiker, der darüber entscheidet. Es ist nicht einmal eine „Vereinbarung“ zwischen mehreren Musikern. Jeder Musiker hat vor sich ein Notenblatt, das ihm sagt, was er spielen soll. Und das Orchester hat einen Dirigenten, der jeden einzelnen anweist, wann und wie er spielen soll. Es ist also nötig, dass alle Musiker nach derselben Partitur spielen, und auf die Zeichen des Dirigenten achten.

Auf die christliche Versammlung angewandt, entspricht die Partitur der geschriebenen Offenbarung Gottes, und der Dirigent ist der Herr selber. Nur wenn jeder „Musiker“ (Christ) sich an das geschriebene Wort Gottes hält und auf die Zeichen Gottes achtet, gibt es eine „Symphonie“. Wenn jeder seinen eigenen Wünschen folgt, gibt es keine Symphonie. Aber wenn einer der Musiker die Rolle des Dirigenten an sich reisst und den anderen befehlen will, wann und wie sie spielen sollen, dann gibt es auch keine Symphonie. In vielen gegenwärtigen Kirchen und Denominationen besteht das grösste Problem darin, dass ihre Leiter das Orchester dirigieren möchten und über die anderen „Musiker“ herrschen. So gelangt man nicht zu dem „Zusammenklingen“, das der Herr hier beschreibt. Er sagt nicht, dass alle mit einem von ihnen (einem „Leiter“) übereinstimmen sollten, sondern alle unter sich. Er spricht hier über einen geistlichen Konsens, der dann entsteht, wenn jedes Mitglied in persönlichem Kontakt mit Gott steht, seinen Willen tut, und seiner Führung folgt. Wo diese Voraussetzungen gegeben sind, da kommt es zur Einmütigkeit, weil alle miteinander den Willen Gottes erkennen.

Die neutestamentliche Gemeinde ist also imstande, Entscheidungen mittels eines geistlichen Konsenses zu treffen. Dieser Konsens entspringt nicht dem Diktat eines Leiters, auch nicht einer Mehrheitsabstimmung, und auch nicht einem „diplomatischen Kompromiss“ zwischen unterschiedlichen Meinungen. Er entspringt dem Gehorsam eines jeden Mitglieds der Führung Gottes gegenüber. Wenn man zu einem solchen geistlichen Konsens kommt, dann erfahren die Beteiligten eine grosse Gewissheit, dass sie im Willen Gottes sind. Deshalb können sie dann auch den Vater bitten mit der Gewissheit, dass er antworten wird, weil sie wissen, dass ihre Bitte seinem Willen entspricht. (Siehe 1.Johannes 5,14-15.) Kapitel 15 in der Apostelgeschichte berichtet, wie die Urgemeinde eine Streitfrage in gemeinsamer Übereinstimmung lösen konnte, weil alle der Führung des Heiligen Geistes folgten.

Manche der gegenwärtigen Kirchen können sich nicht einmal vorstellen, was ein solcher Konsens ist, weil sie noch nie etwas Ähnliches erfahren haben. Sie sind es sich gewohnt, dass alle Entscheidungen mit menschlichen Mitteln getroffen werden: Einseitige Entscheidungen von seiten der Leiterschaft, die dann mit Druck durchgesetzt werden; oder demokratische Abstimmungen und Mehrheitsbeschlüsse; oder nicht enden wollende Diskussionen, um jene, die „dagegen“ sind, zu „überzeugen“ und zu manipulieren, damit ein Anschein von Einmütigkeit entsteht. Oder sogar die Manipulation mittels falscher Informationen, Drohungen, Versprechungen von finanziellen Vorteilen oder einflussreichen Stellungen, usw. Wo wir solche Dinge beobachten, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18

1. Oktober 2016

Mit diesem Artikel beginne ich eine Serie von biblischen Betrachtungen über die neutestamentliche Gemeinde. Ich möchte aufzeigen, was das Wort Gottes sagt, und daraus einige Konsequenzen und Anwendungen für die aktuelle Situation ableiten. Viele Gruppen nennen sich „christliche Gemeinde“; aber wenige geben wirklich dem Wort Gottes die oberste Priorität. In einer neutestamentlichen Gemeinde gilt das Wort Gottes mehr als die Traditionen eines Gemeindeverbandes oder dessen Leiter.

Anstelle einer langen Diskussion darüber, woher das Wort „Gemeinde“ im Neuen Testament kommt und was es genau bedeutet (worüber es mindestens drei unterschiedliche Theorien gibt), oder ob man dieses Wort überhaupt noch verwenden oder nicht lieber anders übersetzen oder überhaupt einem anderen theologischen Konzept den Vorrang geben sollte, möchte ich lieber mitten hineinspringen und mit Matthäus 18,15-20 beginnen. Das ist eine der ganz wenigen Bibelstellen, wo der Herr Jesus selber das Wort „Gemeinde“ verwendet:

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, dann nimm mit dir noch einen oder zwei, damit ‚aus dem Mund zweier oder dreier Zeugen jede Sache bestätigt werde.‘ Und wenn er auf sie nicht hören will, dann sage es der Versammlung (Gemeinde); und wenn er auch auf die Versammlung (Gemeinde) nicht hören will, dann sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner.
Mit Gewissheit sage ich euch: Was ihr auf der Erde bindet, wird im Himmel gebunden werden, und was ihr auf der Erde löst, wird im Himmel gelöst werden. Nochmals sage ich euch mit Gewissheit: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinstimmen über alles, was sie bitten, dann wird es ihnen geschehen von meinem Vater, der im Himmel ist. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

In diesem Abschnitt finden wir einige Kriterien über die neutestamentliche Gemeinde. Wir werden sie klarer sehen, wenn wir die wesentlichen Aussagen des Herrn in diesem Abschnitt aufzählen, und sie mit dem vergleichen, was der Herr nicht gesagt hat.

„Zwei oder drei“ genügen, um „Gemeinde“ zu bilden.

Das heisst, um „Gemeinde“ zu sein, ist es nicht nötig, sich als Institution zu konstituieren, noch eine formelle Leiterschaft zu haben, noch eine gewissen Mindestzahl an „Mitgliedern“ zu haben. Der Herr erwähnt nichts von alldem. Nichts von dem Genannten ist ein Kriterium dafür, ob eine bestimmte Gruppe von Menschen „Gemeinde“ im neutestamentlichen Sinn sei. „Zwei oder drei versammelt“ genügen.
Wenn es jedoch in einer Stadt ausser diesen „zwei oder drei“ noch weitere wahre Christen gibt, dann sollten wir fragen, wie es um die gegenseitigen Beziehungen zwischen diesen Christen bestellt ist. Um diese Frage werden wir uns, so Gott will, bei einer anderen Gelegenheit kümmern.

Sofern es im Namen des Herrn geschieht.

Dieser Punkt ist hinwiederum wesentlich. Damit eine Gruppe oder Versammlung neutestamentliche Gemeinde sein kann, muss ihre Versammlung im Namen des Herrn Jesus Christus geschehen. Das bedeutet insbesondere, dass eine Gruppe, die sich in ihrem eigenen Namen versammelt, nicht neutestamentliche Gemeinde ist. Unzählige Gruppen, Institutionen und Kirchen behaupten, „Gemeinde“ zu sein, aber sie versammeln sich im Namen ihrer eigenen Organisation. Vielleicht erklären sie in ihren Versammlungen, dass sie „im Namen Jesu Christi“ versammelt seien; aber in der Praxis zeigen sie, dass sie ihrer eigenen Organisation einen höheren Stellenwert einräumen: Sie arbeiten, lehren und evangelisieren, um mehr Mitglieder zu ihrer eigenen Organisation hinzuzugewinnen. Wenn jemand sie fragt: „Zu was für einer Gemeinde gehörst du?“, dann identifizieren sie sich mit dem Namen ihrer eigenen Organisation. Und im allgemeinen nehmen sie keine Korrektur an von einem Christen, der nicht zu ihrer eigenen Organisation gehört. Das kann sowohl in den mächtigsten Institutionen geschehen (z.B. in der römisch-katholischen Kirche), wie auch in den kleinsten unabhängigen Grüppchen. Wo diese Anzeichen zu beobachten sind, da ist ein wichtiges Kennzeichen der neutestamentlichen Gemeinde nicht erfüllt.

Es geht hier nicht um ein äusserliches „Namensschild“. Es gibt Gruppen, die sich „Gemeinde Jesu Christi“ nennen; aber wenn man sie näher kennenlernt, stellt man fest, dass sie mit diesem Namen ausschliesslich ihre eigene Organisation meinen. Es ist die innere Haltung, nicht das äussere Etikett, was darüber entscheidet, ob eine Gruppe sich wirklich im Namen Jesu versammelt.

Es ist bedeutungsvoll, dass praktisch alle echten geistlichen Erweckungen in der Geschichte ohne einen eigenen Namen und ohne konfessionelle oder institutionelle Ansprüche begannen. Es war lediglich ihre Umgebung – und hauptsächlich ihre Feinde -, welche den Erweckten Übernamen gaben wie „Täufer“, „Quäker“, „Methodisten“, „Pietisten“, „Pfingstler“, usw. Zu einem späteren Zeitpunkt begannen dann diese Gruppen von erweckten Christen diese Übernamen als ihre eigenen anzunehmen, und sich mit diesen Namen zu identifizieren. Und das signalisierte dann meistens auch schon das Ende der Erweckung und den Beginn eines schleichenden Abfalls vom Glauben, der sich darin manifestierte, dass sie nun sein wollten „wie alle anderen (Denomi-)Nationen“.

Ein wesentliches Hindernis zum Verständnis der neutestamentlichen Schriften besteht darin, dass fast zu jeder Zeit der grössere Teil der Christen geistlich in einer Gruppe aufgewachsen ist, die sich mit ihrem eigenen konfessionellen Erbe stärker identifiziert als mit der Heiligen Schrift. Dieses besondere konfessionelle Erbe wird dann ständig in die Schrift hineingelesen und verstellt die Sicht darauf, was wirklich geschrieben steht.
Aber „lebendig und wirksam ist das Wort Gottes, und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist, Gelenken und Mark; und hat Macht, Überlegungen und Gedanken des Herzens zu richten.“ (Hebräer 4,12). Dieses „lebendige und wirksame Wort“ (inbegriffen seine Beschreibungen der christlichen Gemeinde) kann von jedem erfahren werden, der dazu bereit ist, seine konfessionellen Traditionen beiseitezulegen, und der aufrichtig Gott sucht, um von ihm belehrt zu werden durch sein Wort und seinen Heiligen Geist.

Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 4)

7. Juni 2016

In einer Erweckung ist alle Ehre für Gott, nicht für dich oder für deine Gemeinde.

Einige Christen, insbesondere Leiter, beten um Erweckung, weil sie denken, damit würde ihre Gemeinde mehr Mitglieder gewinnen, oder sie selber würden dadurch bekannt werden. („Wir sind die schnellstwachsende Gemeinde in unserer Stadt!“) Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Heute werden Männer der Vergangenheit wie Martin Luther, John Wesley, William Carey, und viele andere als Glaubenshelden gepriesen. Aber zu Lebzeiten hatten diese Prediger keinen guten Ruf. Luther wurde exkommuniziert und geächtet, und seine Feinde taten alles, um zu erreichen, dass sein Ruf wenig besser war als des Teufels. – Über Wesley und die frühen Methodisten sagten die zeitgenössischen christlichen Leiter: „… Er und seine unbeholfenen Laien – seine zerlumpte Legion von Kesselflickern, Kutschern und Strassenwischern – schreiten voran und vergiften das Denken der Menschen.“ – An einer Pastorenkonferenz wurde der Missionspionier William Carey „ein erbärmlicher Schwärmer“ genannt, als er vorschlug, der Missionsbefehl (Matthäus 28,18-20) könnte für die gegenwärtige Kirche weiterhin gültig sein.

Jesus sagte: „Kein Prophet ist willkommen in seiner eigenen Heimat“ (Lukas 4:24). Ähnlich könnten wir sagen: „Kein Prophet ist willkommen, solange er lebt.“ Wenn du Erweckung wünschst, so bereite dich darauf vor, abgelehnt, verleumdet, verfolgt, misshandelt und aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Weder in der Welt noch in der Kirche wirst du einen guten Ruf haben, ausser vielleicht nach deinem Tod.

Jesus kümmerte sich nicht darum, was er vor den Menschen für einen Ruf hatte:
„Aber ich suche nicht meine eigene Ehre; es gibt einen, der sie sucht, und richtet.“ (Johannes 8,50)
„Ehre von Menschen nehme ich nicht an … Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, aber nicht die Ehre sucht, die vom einzigen Gott kommt?“ (Johannes 5,41.44)

Und Paulus sagte:
„… Denn wenn ich noch den Menschen gefiele, wäre ich kein Diener Christi.“ (Galater 1,10)
„Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Letzten ausgestellt, als zum Tod Verurteilte; denn wir sind vor der Welt, vor den Engeln und vor den Menschen zum Schauspiel geworden. … Wir mühen uns ab, indem wir mit unseren eigenen Händen arbeiten; wir werden verflucht, und segnen; wir werden verfolgt und ertragen es. Wir werden verleumdet und beten; wir sind bis jetzt wie der Abschaum der Welt geworden, der Kehricht aller.“ (1.Korinther 4,9-13)

Was das Ansehen der Gemeinde betrifft, so kann keine Erweckung kommen, ohne dass zuvor ein Zerbruch der Gemeinde stattfindet. Ein Sünder muss zuerst „sein Leben verlieren“, um errettet zu werden. Er muss sich bewusst werden, wie schrecklich und abscheulich seine Sünde in den Augen Gottes ist; er muss diese ganze Hässlichkeit seines Lebens ans Licht bringen und bekennen; und es ist gut möglich, dass er seinen guten Ruf verliert, wenn er das tut.
Die Gemeinde, welche die Sünde in ihrer eigenen Mitte zugelassen hat, wird durch denselben Prozess gehen müssen, wenn sie Erweckung erleben will. Sie wird zulassen müssen, dass ihre Lauheit ans Licht kommt, der Mangel an Gottesfurcht in ihren Mitgliedern und Leitern, die Falschheit ihrer Worte und Taten, die Missbräuche und Betrügereien, die von ihren Leitern begangen werden, usw. Die Gemeinde wird „ihr Leben verlieren“ müssen und ihr Ansehen, damit Gott ihr vergeben und sie reinigen kann, und sie so tauglich wird für eine Erweckung.
Sowohl eine Einzelperson wie auch eine christliche Gemeinschaft muss zuerst durch einen Zerbruch gehen, bevor Gott von neuem in ihrer Mitte wirken kann.

Da die meisten Gemeinden unfähig dazu sind, in diesem Sinn „ihr Leben zu verlieren“, bringt Gott normalerweise „neue Weinschläuche“ hervor, wenn er eine Erweckung bringen will. Er sieht, dass die existierenden Gemeinden niemals eine Erweckung innerhalb ihrer eigenen Ordnungen und Traditionen aufnehmen könnten, und deshalb beginnt er etwas völlig Neues. Wenn du also Erweckung wünschst, dann denke daran, dass eine solche mit grösster Wahrscheinlichkeit NICHT in „deiner Gemeinde“ beginnen wird.

Und auch wenn eine Gemeinde wirklich geistlich erneuert wird und eine Erweckung beginnt, so wird Gott eifersüchtig über seiner Ehre wachen. Er wird nicht erlauben, dass die Leute sagen: „Wie tiefsinnig sind doch die Predigten von Pfarrer Soundso!“, oder: „Wie beeindruckend sind doch die Versammlungen in der Gemeinde XY!“, wo sie sagen sollten: „Wie barmherzig und gnädig ist unser Gott!“

Hören wir noch einmal Finney:
„Der Geist kann betrübt werden, wenn Menschen sich der Erweckung rühmen. Manchmal, wenn eine Erweckung beginnt, wird sie in den Zeitungen angepriesen. Sehr oft wird sie dadurch getötet.
Bei einer gewissen Gelegenheit begann eine Erweckung. Sofort kam ein Brief des Pfarrers an, in welchem er die Erweckung rühmte. Ich sah den Brief und sagte zu mir: ‚Das wird das letzte sein, was wir von dieser Erweckung hören.‘ Nach wenigen Tagen war die Heldentat zu Ende. Das ist nicht aussergewöhnlich. Die Leute veröffentlichen Dinge, die die Gemeinde stolz machen, und dann kann nichts mehr getan werden, um die Erweckung zu retten.
Unter dem Vorwand, etwas zur Ehre und zum Lob Gottes zu schreiben, veröffentlichen einige von uns Dinge, die uns selbst erhöhen, indem wir unseren eigenen Anteil an der Sache hervorheben. Das ist nicht hilfreich, sondern hat im Gegenteil eine schlechte Wirkung.“

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann wird sich kein Leiter und keine Gemeinde dessen rühmen können. Viel wahrscheinlicher ist es, dass viele Leiter und viele Gemeinden ihren guten Ruf und ihr Ansehen verlieren werden. Gott gibt seine Ehre niemandem sonst (Jesaja 42,8).
Bist du bereit, diesen Preis zu bezahlen?


Schluss

Ich begann diese Artikelserie mit der Ankündigung, mich auf einige „negative“ Aspekte von Erweckungen zu konzentrieren. Ich nannte sie „negativ“, weil viele Gemeindechristen heute denken, diese Dinge seien negativ. Wir haben so viele Predigten darüber gehört, dass man sich der Leiterschaft und der Ordnung der Gemeinde unterordnen solle (insbesondere unserer eigenen Denomination); dass es nie Spaltung geben solle in der Gemeinde (während seltsamerweise viele Pastoren, die das sagen, „ihre Schafe“ eifersüchtig vom Einfluss anderer christlicher Denominationen absondern); dass Gott nicht zulassen wird, dass ein Christ leidet; und dass wir uns für das Wachstum „unserer Gemeinde“ einsetzen sollen. Angesichts derartiger Lehren werden die vier Aspekte von Erweckungen, die ich hier beschrieben habe, unweigerlich „negativ“ erscheinen.

Wir haben gesehen, dass in Wirklichkeit alle diese Aspekte dem Willen Gottes gemäss sind. Alle diese Aspekte waren im Dienst Jesu und der Apostel zu beobachten. Jesus und die Apostel verursachten Unordnung und Spaltung; sie erlitten Verfolgung und sogar den gewaltsamen Tod; und sie erhielten für ihr Werk keinerlei Ehre oder Ansehen von Menschen. Was für ein Recht haben wir, „negativ“ zu nennen, was eindeutig der Wille Gottes ist?

Es möge mich also niemand missverstehen. In keiner Weise möchte ich sagen, Erweckung sei etwas „Negatives“. Vielmehr möchte ich dieses sagen: Wenn die Ordnungen und Traditionen deiner Gemeinde dir noch „heilig“ sind; wenn das Ansehen und das Wachstum „deiner“ Gemeinde und „deines“ Dienstes dir noch wichtiger sind als die Ehre Gottes, dann denke nochmals darüber nach, ob es dir wirklich ernst ist mit dem Wunsch nach einer geistlichen Erweckung.

Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 3)

18. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Verfolgung.

Viele Leiter und Anhänger vergangener Erweckungen mussten Verfolgung leiden. Manchmal kam die Verfolgung von seiten der Heiden, die sich dem Christentum widersetzten. Aber noch häufiger waren es gerade die Leiter der „christlichen“ Kirchen, welche die Erweckung verfolgten.

Von der Opposition der katholischen Kirche gegen Luther haben wir schon gesprochen. Nachdem er exkommuniziert worden war, wurde Luther auch noch vom Kaiser unter die Reichsacht gestellt. Das bedeutete praktisch sein Todesurteil, denn jeder, der ihn fand, konnte ihn straflos töten. Luther überlebte nur, weil der Kurfürst von Sachsen ihm wohlgesinnt war und ihn auf der Wartburg verborgen hielt. – Während die Reformation fortschritt, wurden Tausende von „Protestanten“ von der Inquisition und von katholischen Herrschern ermordet.

So unglaublich es erscheint, verfolgten doch die Leiter der Reformation ihrerseits die Täufer mit fast derselben Grausamkeit. Tausende von Täufern wurden in Flüssen und Seen ertränkt – eine grausame Art, sich über ihre Überzeugungen lustig zu machen, indem die Reformierten erklärten: „Da ihr euch gerne ein zweites Mal taufen lässt, taufen wir euch jetzt ein drittes Mal.“
Es ist gesagt worden: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen die Erweckung von morgen“. Hier haben wir ein Beispiel dieser traurigen Wahrheit.

John Wesley schien an Verfolgung gewöhnt zu sein. Dies ist eine Zusammenfassung von Tagebucheinträgen Wesleys in der Anfangszeit der Erweckung:
„Sonntag, 5.Mai, morgens – Predigte in St.Anna; sie sagten mir, ich solle nie mehr zurückkommen.
Sonntag, 5.Mai, nachmittags – Predigte in St.John; die Diakone sagten: ‚Geh raus und bleibe draussen.‘
Sonntag, 12.Mai, morgens – Predigte in St.Judas; dahin darf ich auch nicht mehr zurückkehren.
Sonntag, 12.Mai, nachmittags – Predigte in St.George, auch da wurde ich hinausgeworfen.
Sonntag, 19.Mai, morgens – Predigte nochmals woanders; die Diakone beriefen eine ausserordentliche Sitzung ein und sagten, ich könne nicht mehr hierher zurückkommen.
Sonntag, 19.Mai, nachmittags – Predigte auf der Strasse; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 26.Mai, morgens – Predigte auf einer Wiese; ich musste fliehen, als jemand während des Gottesdienstes einen Stier auf mich losliess.
Sonntag, 2.Juni, morgens – Predigte am Eingang der Stadt; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 2.Juni, nachmittags – Zum Nachmittagsgottesdienst predigte ich draussen auf dem Feld; zehntausend Personen kamen.“

Eine andere Anekdote über Wesley:
Eines Tages war Wesley zu Pferd unterwegs, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass drei ganze Tage ohne Verfolgung vergangen waren. Man hatte ihm nicht einmal einen Stein oder ein Ei nachgeworfen. Wesley hielt sein Pferd an und kniete nieder: „Könnte es sein, dass ich gesündigt habe oder zurückgefallen bin?“, fragte er, und bat Gott, ihm zu zeigen, ob er irgendwie fehlgegangen war. – Ein rauher Bursche, der auf der anderen Seite der Hecke vorüberging, hörte das Gebet, erkannte Wesley und dachte: „Ich werde diesem Prediger eine Lektion erteilen.“ Er ergriff einen Backstein und warf ihn nach Wesley. Der Backstein verfehlte sein Ziel knapp; aber Wesley erhob sich und rief aus: „Danke, Herr, alles ist gut! Ich bin noch in deiner Gegenwart.“

Eines der bekanntesten Werke der christlichen Literatur, und der Weltliteratur überhaupt, ist John Bunyans „Pilgerreise“. Dieses Buch wurde im Gefängnis von Bedford geschrieben. Was für ein Verbrechen hatte Bunyan begangen? – Er hatte ohne eine offizielle Erlaubnis der Kirche von England das Evangelium gepredigt. Dafür wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch die Heilsarmee war in ihren Anfangsjahren oft das Ziel von Verfolgung. Andrew Strom fasst zusammen: „Während des Jahres 1882 wurden allein in England 669 Heilssoldaten körperlich angegriffen, und 56 Lokale der Heilsarmee ganz oder teilweise zerstört. Es formten sich ‚Skelett-Armeen‘ von Verbrechern und Schlägern, um die Heilsarmisten anzugreifen … Und erstaunlicherweise waren an vielen Orten die örtlichen Pastoren daran beteiligt, diese Mobs aufzureizen.“

Gegenwärtig findet eine der erstaunlichsten und am längsten dauernden Erweckungen in China statt. Aber China ist gleichzeitig eines der Länder mit der stärksten Christenverfolgung. Viele christliche Leiter sind im Gefängnis und werden gefoltert. Es gibt sehr wenig religiöse Freiheit.

Verwundern wir uns darüber nicht. Jesus selber wurde verfolgt, und nach nur drei Jahren öffentlichen Dienstes wurde er getötet. Die Wirkungszeit seines Wegbereiters, Johannes des Täufers, war noch kürzer. Und Jesus warnte seine Jünger zum voraus, sie sollten sich auf dasselbe Schicksal vorbereiten:
„Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 16,24.25)
„Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet von allen Völkern gehasst sein um meines Namens willen… Aber wer bis zum Ende ausharrt, wird gerettet werden.“ (Matthäus 24,9.13)
„Sie werden euch aus den Synagogen ausschliessen; und es wird sogar die Stunde kommen, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er leiste Gott einen Dienst.“ (Johannes 16,2)
„Fürchte nichts, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet zehn Tage lang Drangsal haben. Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10)

Aus der Geschichte der alten Kirche weiss man, dass elf der zwölf Apostel den Märtyrertod starben. Johannes war der einzige, der eines natürlichen Todes starb; aber auch er erlitt die Verbannung nach Patmos. Paulus zählt folgende Gründe auf, sich zu rühmen:
„Sind sie Diener Christi? Ich spreche, als ob ich wahnsinnig wäre: Ich noch mehr. Unter viel mehr Mühen; unter unzähligen Schlägen; öfter in Gefängnissen; viele Male in Todesgefahr. Von den Juden erhielt ich fünfmal die vierzig Schläge weniger einen. Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen; einmal gesteinigt; dreimal erlitt ich Schiffbruch; eine Nacht und einen Tag lang trieb ich als Schiffbrüchiger auf hoher See; …“ (2.Korinther 11,23-25)

Über diese Dinge kann ich nur mit Furcht und Zittern schreiben, weil ich von mir selber nicht weiss, wie ich solche Situationen überstehen würde. Ich glaube, es ist überhaupt nur durch die Gnade Gottes möglich, solche Verfolgung um Christi willen auszuhalten. Paulus schrieb an die Philipper: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden …“ (Philipper 1,29)
Es ist eine Gabe Gottes und ein besonderes Vorrecht, für den Glauben an Jesus zu leiden. Nachdem die Apostel geschlagen worden waren, „gingen sie von dem Rat fort, voll Freude, dass sie für würdig erachtet worden waren, um des Namens (Jesu) willen Schmach zu leiden.“ (Apostelgeschichte 5,14)

Bist du bereit, mit den Aposteln dieses Vorrecht zu teilen?

Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 2)

6. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Spaltung.

Fast alle Leiter von Erweckungen wurden angeklagt, „die Kirche zu spalten“. Im allgemeinen hatten sie nicht die Absicht, Spaltungen zu verursachen. Aber Gott wirkte sichtbar durch sie; und die Leiter der etablierten Kirchen widersetzten sich diesem Werk Gottes. So wurde eine Spaltung unvermeidlich: die Nachfolger des Wirkens Gottes auf der einen Seite, und die Nachfolger der etablierten Leiterschaft auf der anderen Seite.

Am klarsten sehen wir das wohl bei Martin Luther. Bis heute wirft ihm die katholische Kirche vor, „die einige Kirche gespalten zu haben“. Aber Luther hatte nie diese Absicht. Er war ein katholischer Mönch, der katholischen Kirche verpflichtet, und hatte ein einziges Ziel: die Kirche auf den Weg der Heiligen Schrift zurückzuführen. Er gelangte mit seinen Anliegen bis vor den Papst, in der Hoffnung, wenigstens der Papst wäre daran interessiert, die Kirche aus ihrer Verdorbenheit herauszuholen. Aber die Antwort des Papstes bestand darin, dass er zuerst Luther einfach ignorierte; dann Theologen sandte, die ihn widerlegen und zum Widerruf zwingen sollten; und als das nichts fruchtete, ihn zu exkommunizieren. (Somit ist die historische Wahrheit, dass nicht Luther die Kirche spaltete, sondern der Papst, indem der Luther und seine Anhänger ausschloss.)
Da die kirchlichen Leiter sich nicht reformieren wollten, wurde es nötig, eine gesonderte reformierte Kirche zu bilden. Dasselbe geschah in vielen anderen Erweckungen.

John Wesley war anglikanischer Pfarrer. Aber als er über die Wiedergeburt zu predigen begann, verschloss ihm eine Kirche nach der anderen ihre Türen, bis er sich gezwungen sah, auf freiem Feld zu predigen. Damit begannen seine Anhänger nach und nach zur Kirche auf Distanz zu gehen, bis sie schliesslich eine eigene Kirche bildeten (die Methodisten).

William Booth war ein methodistischer Prediger, der etwa hundert Jahre nach Wesley lebte. Er hatte einen starken Ruf, die Heilsbotschaft zu den Leuten auf der Strasse zu bringen: zu den Arbeitslosen, den Armen, den Trinkern, den Landstreichern. Sein Motto war: „Sucht die Seelen, und sucht die schlimmsten von ihnen!“ So begann er auf eine Art zu evangelisieren, die diese Art von Menschen anzog: mit Märschen in den Strassen, mit lauter und volkstümlicher Musik, und mit sehr einfachen und direkten Predigten auf der Strasse. Aber die christlichen Leiter (inbegriffen die Methodisten) fanden, diese Methoden seien eine „Entweihung des Evangeliums“. Es kümmerte sie nicht, dass Tausende von Menschen durch Booths Dienst gerettet wurden. So musste er sich aus der methodistischen Kirche zurückziehen und seine eigene Bewegung gründen, die Heilsarmee.

Ich bin sicher, dass alle diese Gottesmänner eine Erweckung ohne Spaltung vorgezogen hätten, wenn es möglich gewesen wäre. Aber die Opposition der etablierten Leiter verunmöglichte dies. Deshalb zogen die Erweckungsprediger die Spaltung vor, denn die einzige Alternative dazu wäre gewesen, die Erweckung zu ersticken.

Jesus selber warnte seine Nachfolger: „Denkt nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Mann mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert…“ (Matthäus 10,34-37)
Jesus selber war sehr „konfliktiv“. (Tatsächlich bewirkte er eine radikale Spaltung unter den Juden seiner Zeit.) – Wir können die oben zitierten Verse auch auf unsere „geistlichen Väter“ anwenden, d.h. auf die Kirche und die Tradition, die uns ins Christentum eingeführt hat. Wenn eine Erweckung kommt, dann werden die „geistlichen Söhne und Töchter“ viel radikaler in ihrem Eifer für den Herrn. Die lauen Kirchen werden sich diesem Radikalismus entgegenstellen, und das wird zu Entzweiung zwischen „geistlichen Eltern und Kindern“ führen.

Im 1.Korintherbrief spricht Paulus mit starken Worten gegen die Spaltungen unter Geschwistern, und betont, dass der Leib Christi eins ist. Aber im selben Brief spricht er auch von einer Art Spaltung oder Trennung, die nötig ist: „Denn zuallererst, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt, höre ich, dass es unter euch Spaltungen gibt; und zum Teil glaube ich es. Denn es ist nötig, dass es unter euch Entzweiungen gibt, damit jene unter euch offenbar werden, die bewährt sind.“ (1.Kor.11,18-19). – Er spricht auch von Fällen, wo es nötig ist, sich abzusondern: „… dass ihr euch mit niemandem zusammentut, der sich Bruder nennen lässt, aber ein Unzüchtiger ist oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trinker oder Dieb. Mit einem solchen sollt ihr nicht einmal zusammen essen.“ (1.Kor.5,11) – „Lasst euch nicht mit den Ungläubigen unter dasselbe Joch spannen. … Deshalb, sagt der Herr, zieht aus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, und rührt das Unreine nicht an; dann werde ich euch aufnehmen…“ (2.Kor.6,14-18)
In anderen Worten: Es ist nötig, dass es eine Trennung gibt zwischen den echten Gläubigen (den „Bewährten“), und jenen, die es nicht sind. Wenn es in der Kirche „Geschwister“ gibt, die gar nicht wiedergeboren sind, dann wird es notwendigerweise eine Trennung geben zwischen ihnen und den echten Christen – unabhängig davon, ob jemand diese Trennung bewusst sucht oder nicht. Es ist nicht möglich, dass das Licht und die Finsternis miteinander Gemeinschaft haben; und alle Versuche, eine solche Gemeinschaft herbeizuführen, sind zum Scheitern verurteilt. (Das ist der Fehler des Ökumenismus.)

Daraus können wir lernen, dass eine Spaltung nicht das Schlimmste ist, was einer Kirche passieren kann. Viel schlimmer ist es, wenn sich die Kirche von falschen Christen infiltrieren und sich schliesslich von ihnen dominieren lässt. In diesem Fall stirbt die Kirche geistlich, erstickt auch das geistliche Leben der wenigen echten Christen, die sich noch in ihr befinden, und verunehrt den Namen des Herrn vor der ganzen Welt.

Eine Erweckung geschieht normalerweise in einer Situation, wo die Kirche lau geworden ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass in einer solchen Situation viele Mitglieder und Leiter der Kirchen blosse Namenschristen sind, die nie wiedergeboren wurden. Natürlich empfinden sie es als Bedrohung, wenn einige ihrer Mitglieder das echte, biblische Christentum wiederentdecken. Sie werden sagen, „die Gemeinde spaltet sich“. – In Wirklichkeit ist es nicht „die Gemeinde“, die sich spaltet. Es ist nur die falsche Vereinigung von echten Christen mit Namenschristen, die auseinanderbricht (wobei die Namenschristen gar nie „Gemeinde“ im Sinne des Wortes Gottes waren).

Manchmal sagen mir Gemeindeleiter: „Man muss bei seiner angestammten Denomination bleiben und seine Kirche so annehmen, wie sie ist. Schliesslich gibt es keine vollkommene Gemeinde.“ Ich antworte, wenn wir so denken wollen, dann war die Reformation von Anfang an ein Fehler, denn dann hätten die Reformatoren die katholische Kirche annehmen sollen, wie sie war. Leiter, die so denken, sollten deshalb konsequenterweise nach Rom zurückkehren. (Mittlerweile tun sie es tatsächlich!)
Wenn wir andererseits auf dem Wort Gottes aufbauen wollen und mit den Reformatoren und Täufern darin einverstanden sind, dass sich die katholische Kirche vom Wort Gottes entfernt hat, dann müssen wir anerkennen, dass sich auch die evangelischen und evangelikalen Kirchen in vielen Aspekten vom Wort Gottes entfernt haben, und dass es deshalb richtig ist, eine neue Reformation zu fordern.

Charles Finney sagte:
„Wir vergleichen unseren geistlichen Zustand immer mit einem bestimmten Massstab. Wenn wir Christus in seiner Fülle als Massstab nehmen, dann bekommen wir eine angemessene Einschätzung unseres Zustandes. Aber wenn wir unsere Kirche oder unsere Freunde als Messrute nehmen, dann werden wir uns wahrscheinlich (irrtümlich) als geistliche Riesen sehen.
Deshalb haben wir manchmal so gegensätzliche Ansichten über den Zustand der Kirche, und unserer eigenen Herzen. Wir gebrauchen unterschiedliche Massstäbe. Während der eine demütig ist und den Zustand der Kirche beklagt, glaubt ein anderer, solche Klagen seien ‚richtend‘. Diesem anderen scheint die Kirche gesund zu sein, aber sein Vergleichsmassstab ist nicht Christus. Wer die Augen verschliesst, wird den Staub nicht sehen, der ihn bedeckt. Er mag glauben, er sei rein, während alle anderen wissen, dass er schmutzig ist.“

Zusammengefasst: Wenn Gott Erweckung sendet, wird es sehr wahrscheinlich eine Spaltung geben zwischen echten und falschen Christen; zwischen den Nachfolgern der Bewegung Gottes und der etablierten Leiterschaft der Kirchen. Sehr wahrscheinlich werden die Nachfolger der Erweckung angeklagt werden, „die Kirche zu spalten“. Mit Jesus und den Aposteln geschah dasselbe.
Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?


 PS: Zur obigen (schon viele Jahre alten) Originalfassung des Artikels möchte ich noch hinzufügen, dass leider alle historischen Erweckungs- und Reformationsbewegungen nach kürzerer oder längerer Zeit selber wieder zu (traditionellen) „Kirchen“ wurden, und damit selber wieder erweckungs- und reformationsbedürftig. Ich möchte deshalb keine dieser Bewegungen konkret als Beispiel für heute verstanden wissen, sondern als Beispiel vielmehr ihr anfängliches Prinzip nehmen, kirchlich-traditionelle Formen hinter sich zu lassen und zu dem zurückzukehren, „was von Anfang an war“.

Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

Was ist Erweckung? – Teil 2

30. März 2015

Wann geschieht Erweckung?

Wir haben gesehen, was „Erweckung“ bedeutet: Die Gemeinde, die geistlich am Sterben ist, beginnt wieder zu leben.

So seltsam es also erscheinen mag: Erweckungen geschehen, wenn die Gemeinde sie nötig hat, d.h. wenn die Gemeinde am Sterben ist.

Tatsächlich wiederholt sich dieser Kreislauf von Abfall und Erweckung, neuerlichem Abfall und neuerlicher Erweckung, durch die ganze Kirchengeschichte. Und fast immer gab es vor einer Erweckung eine Zeit „geistlicher Dürre“. Eine Zeit zunehmender Unmoral in Kirche und Gesellschaft; eine Zeit, wo die Menschen dachten, das Wort Gottes hätte nichts mit ihrem täglichen Leben zu tun; eine Zeit, wo die Christen sich damit zufriedengaben, ihre kirchlichen Rituale zu erfüllen, aber ihre Leben änderten sich nicht.

So ist die heutige Zeit!

Täuschen wir uns nicht. In Lateinamerika, wo ich lebe, wachsen zwar die evangelischen Gemeinden (noch), aber das ist keine Erweckung! Gemeindewachstumsprogramme, gefühlvoller Lobpreis, gute Organisation und Mitgliederwerbung… nichts von dem ist Erweckung. Solange die Leben nicht zutiefst vom Heiligen Geist durchgeschüttelt und verändert werden, vervielfachen wir nur die Zahl von schlafenden und sterbenden Christen.

Aber damit Erweckung geschieht, muss ein zweiter Umstand erfüllt sein:

Eine genügend grosse Anzahl von Christen muss die Augen öffnen. Sie müssen sich bewusst werden, in welch traurigen Zuständen wir leben. Sie müssen zuerst ihr eigenes Leben vor Gott in Ordnung bringen, und dann zum Herrn schreien um Erweckung.

„Und er rief laut in meine Ohren: ‚Die Gerichtsvollstrecker der Stadt sind gekommen, und jeder hat in seiner Hand seine Zerstörungswaffe.‘ … Und der Herr rief den in Leinen gekleideten Mann, der an seinem Gürtel das Schreibzeug hatte, und sagte zu ihm: Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die seufzen und schreien wegen all der Greuel, die in ihr geschehen.“ (Ezechiel 9,1-4)

Wen bezeichnet Gott auf diese Weise? Nicht einfach jene, die an den Greueln in der Stadt „nicht teilnahmen“. Zusätzlich war es nötig, „zu seufzen und zu schreien“ wegen dieser Greuel.
Für uns als Christen können wir „Jerusalem“ auf die Gemeinde anwenden. Es ist nötig, dass einige Christen anfangen „zu seufzen und zu schreien“ über den Greueln, die in der Gemeinde geschehen. Der Herr sucht Fürbitter mit offenen Augen, die den wahren Zustand der Gemeinde sehen können und zu Gott schreien um Erweckung. Alle Erweckungen in der Geschichte begannen mit der persönlichen Umkehr und dem eifrigen Gebet einiger Christen.

Ezechiel fährt fort:
„Und zu den anderen sagte er, während ich es hörte: Geht hinter diesem durch die Stadt und tötet; eure Augen sollen nicht schonen und kein Mitleid haben. Tötet Alte, junge Männer und Frauen, Kinder und Frauen, bis niemand mehr übrigbleibt; aber jene, die das Zeichen an sich haben, sollt ihr nicht anrühren. Und fangt an bei meinem Heiligtum! – Und sie fingen an mit den Ältesten, die vor dem Tempel standen…“ (Ezechiel 9,5-6)

Das Volk, das nicht umkehrt, wird ein schreckliches Gericht Gottes erleben. Und wo fängt dieses Gericht an? Beim Tempel, und bei den religiösen Leitern!
– „Aber das war im Alten Testament“, wirst du sagen; „leben wir jetzt nicht im Zeitalter der Gnade?“

Täusche dich nicht. Das folgende Zitat ist aus dem Neuen Testament:
„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Haus Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird dann das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn der Gerechte nur mit Mühe gerettet wird, wo bleibt dann der Gottlose und der Sünder?“ (1.Petrus 4,17-18)

Es ist nötig, dass eine genügende Anzahl Christen wirklich „verzweifelt “ wird für eine Erweckung. Der Reformator John Knox betete so: „Gott, gib mir Schottland, oder gib mir den Tod!“ Er gab sich nicht mit weniger zufrieden; Schottland musste gerettet werden, und Knox würde sein eigenes Leben darum geben.

Andrew Strom schreibt (in „Die Geheimnisse der frühen Kirche“):

„Wie die Geschichte zeigt, kann die Gemeinde nur dann eine echte Erweckung erwarten, wenn ein Rest von Gottes Volk „verzweifelt“ wird – verzweifelt über den abgefallenen Zustand der Gemeinde, verzweifelt über die Lauheit in ihnen selber und den Menschen um sie herum, verzweifelt über die Tatsache, dass Gott nicht verherrlicht wird, dass Er nicht wirklich Herr der Gemeinde ist, dass Seine Worte verspottet werden oder als irrelevant angesehen werden von einer sterbenden Welt. Erweckung wird kommen, wenn Gottes Volk sich wirklich demütigt; wenn sie ihre „positiven Phantasien“ („Steh auf, du Volk der Kraft“, usw.) ersetzen durch die Realität von Jakobus‘ Klage: „Fühlt euer Elend, und trauert und weint! Euer Lachen soll sich in Trauer verwandeln, und eure Freunde in Niedergeschlagenheit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen!“ (Jak.4,9-10)
Wie von Evan Roberts gesagt wurde: „Er zerbrach vor Gott und weinte bitterlich, dass er sie vor ihm beugen möge, in einer Agonie des Gebets, während Tränen über seine Wangen liefen und sein ganzer Körper sich vor Schmerz krümmte.“ – Und John Wesley fragte: „Hast du Tage des Fastens und Gebets? Stürme den Thron der Gnade und verbleibe dort, und Erbarmen wird aus der Höhe herunterkommen.“ Geschwister, wir müssen VERZWEIFELT werden in unseren Gebeten!“


Was ist also eine Erweckung?

Soweit können wir verstehen, dass Erweckung alles zu tun hat damit, zu einer richtigen Beziehung mit Gott zurückzukehren.

Auf persönlicher Ebene bedeutet dies:
Die Christen erleben eine tiefe Umkehr von ganzem Herzen.
Ein Christ, der erweckt wird, begnügt sich nicht damit, nur die offensichtlichsten Sünden hinter sich zu lassen (wie z.B. Trunkenheit, Diebstahl und Betrug, sexuelle Sünden…). Er prüft sich selbst, um auch jene verborgenen Sünden aus seinem Leben zu verbannen, von denen niemand weiss: die kleinen Notlügen, die Falschheit im Denken, die neidischen, habsüchtigen oder boshaften geheimen Absichten gegen andere Menschen, die sexuellen Phantasien, den versteckten Stolz, die Undankbarkeit und Gleichgültigkeit Gott gegenüber, den Gehorsam, der nur äusserlich ist und nicht von Herzen, die Feigheit, wo es darum geht, Zeugnis abzulegen oder für die Gerechtigkeit aufzustehen, usw. Oft sind es diese „kleinen“ versteckten Sünden, die eine Erweckung verhindern.

Auf der Ebene der Gemeinde bedeutet es:
Die Gemeinde wird wieder zu dem, was sie nach der Lehre Jesu und der Apostel sein sollte.
In einer Erweckung verwirft die Gemeinde die menschlichen Traditionen und Gewohnheiten, denen sie bis dahin gefolgt ist, und beginnt die Worte des Herrn ernsthaft in die Tat umzusetzen. Die Gemeinde wagt es wieder, die Erwartungen der Welt (und selbst der Christen) radikal zu ignorieren, um dem Herrn allein zu gehorchen.

Zwar hat die Gemeinde während ihrer ganzen Geschichte in keiner Erweckung je wieder die Höhe der Urgemeinde erreicht. Aber in jeder Erweckung wurden einige biblische Wahrheiten wiederentdeckt, die die Gemeinde in den Zeiten des Abfalls verloren hatte. Wenn wir die heutigen Gemeinden mit dem Wort Gottes vergleichen, dann sehen wir, dass es noch viele biblische Wahrheiten gibt, die wiederhergestellt werden sollten!

Was ist Erweckung? (Teil 1)

23. März 2015

Erweckung ist etwas, was unsere Gemeinden dringend nötig haben. Aber leider ist dieses Wort „Erweckung“ von den Christen in den letzten Jahren sehr missverstanden worden. Deshalb scheint es mir nötig, zuerst diese Missverständnisse anzusprechen und klarzustellen, was Erweckung eigentlich ist.

Was sagt die Bibel über Erweckung?

Der Herr sagt zu der Gemeinde in Sardes:
„Ich kenne deine Taten, dass du den Namen hast, du lebest, aber du bist tot. Sei wachsam und stärke das andere, was am Sterben ist; denn ich habe deine Taten nicht vollkommen gefunden vor Gott. Erinnere dich also daran, was du erhalten und gehört hast, und halte es, und kehre um.“ (Offenbarung 3,1-3)

Das bedeutet Erweckung: die Gemeinde, die am Sterben ist, wird wieder lebendig.
(Das englische Wort „revival“ ist hier noch klarer; es bedeutet wörtlich „Wiederbelebung“.)

Wie kann die Gemeinde wieder zum Leben erwachen?

Zuerst einmal muss sie erkennen, dass sie tot ist, oder am Sterben! Die Gemeinde muss erkennen, dass sie in Wirklichkeit das geistliche Leben nicht hat, das sie verkündet. Die Gemeinde muss eingestehen, dass sie sich darum bemüht hat, menschliche Programme zu erfüllen, statt das Leben Jesu zu leben. Diese Programme können nach aussen hin sehr feierlich aussehen, oder sehr lebendig und fröhlich; aber es ist keine geistliche Realität in ihnen. Die Gemeinde muss eingestehen, dass sie verführt worden ist und selber die Menschen verführt, wenn sie vorgibt, ihre Programme seien geistliches Leben.

Der Apostel Paulus schreibt:
„Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern konfrontiert sie; denn es ist schändlich auch nur davon zu reden, was sie im Geheimen tun. Aber alle Dinge werden offenbar, wenn sie vom Licht konfrontiert werden; denn alles, was offenbar ist, ist Licht.“ (andere mögliche Übersetzung: „Denn das Licht ist es, das alles offenbar macht.“) Deshalb heisst es:

Erwache, du Schläfer,
und steh auf von den Toten,
und Christus wird dich erleuchten.“ (Epheser 5,11-14)

An wen schreibt Paulus hier? An die Ungläubigen, die „Welt“? – Ganz und gar nicht! Paulus schreibt an die Gemeinde, an die Christen in Ephesus. Offenbar gibt es viele Christen, die schlafen oder sogar schon tot sind – und genau deshalb haben wir Erweckung nötig.
Wir haben hier wieder dieselbe Botschaft wie an Sardes: Steh auf von den Toten! Kehr um!
Paulus erwähnt die „unfruchtbaren Taten der Finsternis“. Im Textzusammenhang sehen wir, dass er von „Unzucht“ spricht, von „Unreinheit“, „Habsucht“ (oder finanzieller Unredlichkeit), „unehrlichen Worten“, „Torheiten“, usw. (Verse 3-4); und er sagt, dass jene, die diese Dinge verüben, das Reich Gottes nicht ererben können (Vers 5).
Die schlafende oder sterbende Gemeinde ist eine Gemeinde, die an diesen „Taten der Finsternis“ teilnimmt: sie verübt selber diese Taten, oder zumindest toleriert sie sie und konfrontiert sie nicht.
Das ist tatsächlich der Fall in den heutigen Gemeinden, und ich sage das aus eigener Erfahrung. Ich habe in mehreren Gemeinden und christlichen Organisationen mitgearbeitet, und in jeder dieser Organisationen geschah dasselbe: Irgendwann einmal wurde von mir erwartet, dass ich dazu mithelfe, irgendeine „Tat der Finsternis“ zu begehen oder zumindest eine solche Tat anderer zu verbergen – eine kleine finanzielle Unregelmässigkeit; ein kleiner Betrug; eine Manipulation oder Unterdrückungsmassnahme von seiten der Leiterschaft; ein Fall sexueller Unmoral, der die Organisation in ein schlechtes Licht gestellt hätte, wenn er bekannt geworden wäre -, und wenn ich mich weigerte, beim Begehen oder Verbergen dieser Tat mitzuhelfen, dann hatte ich nur noch die Wahl, entweder ausgeschlossen zu werden oder selber zu gehen.

Ist das die Gemeinde Jesu?

Die Gemeinde braucht Erweckung, weil sie schläft und am Sterben ist. Die Gemeinde wirkt bei Taten der Finsternis mit, statt sie zu konfrontieren, und damit zeigt sie, dass sie das Licht Christi nicht hat. Die Gemeinde!

Der Herr ist davon nicht überrascht. Es ist bereits vorausgesagt, dass dies geschehen wird:
„Niemand täusche euch auf irgendeine Weise; denn (der Herr) wird nicht kommen, bis zuvor der Abfall kommt… Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits am Werk…“ (2.Thess.2,3.7)

„Abfall“ bedeutet „sich entfernen, weggehen“ (vom Glauben). Wiederum spricht der Apostel von der Gemeinde: nur diejenigen können abfallen, die einmal im Glauben standen. – Wir müssen dabei verstehen, dass dieses „Weggehen“ nicht von einem Tag auf den anderen geschieht. Es ist ein allmählicher Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte erstrecken kann. Einige sind erst ganz am Anfang in diesem Prozess, indem sie anfangen, einige Bereiche ihres Lebens dem Herrn vorzuenthalten; andere sind schon so weit „weggegangen“, dass sie Grundlagen des christlichen Glaubens verleugnen. Das Endstadium dieses „Abfalls“ besteht dann darin, dass jemand – ausdrücklich oder unausgesprochen – dem Herrn Jesus überhaupt absagt. Aber wie gesagt, wird dieses Endstadium meistens erst nach einem längeren Prozess erreicht.

Bei seinem Abschied von den Ältesten von Ephesus sagte Paulus:
„Denn ich weiss, dass nach meinem Weggang reissende Wölfe in eure Mitte kommen werden, die die Herde nicht verschonen werden. Und aus eurer eigenen Mitte werden Menschen aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen.“ (Apostelgeschichte 20,29-30).

Paulus sagt, dies würde „nach seinem Weggang“ geschehen, also sehr bald. Kaum waren die Apostel nicht mehr da, begann die Gemeinde abzuirren!

Könnte dieser Abfall so weit führen, dass die Wölfe über die Gemeinde regieren??

Denke gut darüber nach. Die protestantischen Geschichtsschreiber sagen uns, dass dies vor vielen Jahrhunderten bereits geschah, vor der Zeit Luthers. Deshalb war die Reformation notwendig – die katholische Kirche stand unter der Herrschaft von „Wölfen“.
Wenn dies in der römischen Kirche geschah, warum sollte es nicht auch in den evangelischen Gemeinden geschehen können? Ich behaupte, dass wir auf dem direkten Weg dazu sind. Viele evangelische Leiter sind bereits sehr beeinflusst von den Ideen des Antichristen.

Und was ist unsere Antwort darauf?

Eine landläufige Vorstellung von „Erweckung“ besteht darin, dass viele Ungläubige zum Glauben kommen. Das ist eine normale sekundäre Folge von Erweckungen (davon später); aber wir haben gesehen, dass die Bibelstellen, die von Erweckung und deren Notwendigkeit sprechen, sich allesamt an die Gemeinde richten.

Lesen wir nochmals die Worte des Herrn an die Gemeinde in Sardes:
„Erinnere dich also daran, was du erhalten und gehört hast, und halte es, und kehre um.“ (Offenbarung 3,3)

Die Antwort besteht darin, zu dem zurückzukehren, was wir am Anfang erhalten haben; zur Lehre des Herrn und seiner Apostel zurückzukehren, und alle menschlichen Traditionen zurückzulassen, die später kamen.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 6

17. Juni 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

2. Ein vierjähriges Mädchen

Aber ich gehe jetzt zu einem anderen Beispiel über, von dem Mädchen, das ich bereits erwähnte. Ihr Name ist Phebe Bartlet. [Sie war im Jahre 1789 noch am Leben und zeigte weiterhin den Charakter einer wahrhaft bekehrten Person.] Ich gebe den Bericht wieder, wie ich ihn von ihren Eltern hörte, an deren Wahrhaftigkeit niemand zweifelt, der sie kennt.

Sie wurde im März 1731 geboren. Ende April oder anfangs Mai 1735 wurde sie sehr beeindruckt durch ein Gespräch mit ihrem Bruder, der sich kurz zuvor im Alter von elf Jahren bekehrt hatte. Ihre Eltern wussten nichts davon, und waren sich nicht gewohnt, ihr direkt Rat zu geben, weil sie dachten, sie könnte es noch nicht verstehen. Aber nachdem ihr Bruder mit ihr gesprochen hatte, stellten sie fest, dass sie sehr ernsthaft zuhörte, wenn sie ihren anderen Kindern Ratschläge gaben; und mehrmals täglich zog sie sich zurück, um im Stillen zu beten. Nichts konnte sie von diesen festen Gebetszeiten abhalten.

Einmal sagte sie von sich aus, sie hätte keinen Erfolg darin, Gott zu finden. Aber Ende Juli, an einem Mittag, hörte ihre Mutter sie in ihrem Zimmer laut beten (was unüblich war; sie hatte zuvor nie mit lauter Stimme gebetet). Ihr Stimme drückte äusserste Dringlichkeit aus, und ihre Mutter konnte deutlich die Worte hören: „Bitte, guter Herr, gib mir Erlösung! Ich bitte dich, vergib mir alle meine Sünden!“ Dann kam das Mädchen aus ihrem Zimmer, setzte sich neben die Mutter und weinte laut. Ihre Mutter fragte sie mehrmals, warum sie weinte, aber sie antwortete nicht. Schliesslich fragte ihre Mutter, ob sie fürchtete, Gott würde ihr die Erlösung nicht geben. Das Mädchen antwortete: „Ja, ich fürchte, ich müsse zur Hölle gehen!“ Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen, und sagte, sie müsse nicht weinen, sie solle nur ein gutes Kind sein und jeden Tag beten, und sie hoffte, Gott werde ihr die Erlösung geben. Aber das beruhigte sie gar nicht; sie weinte noch eine längere Zeit heftig. Dann hörte sie plötzlich auf zu weinen, und sagte schliesslich lächelnd: „Mami, das Himmelreich ist zu mir gekommen!“ Ihre Mutter war überrascht über die plötzliche Veränderung und über diese Worte, aber sie sagte nichts. Dann sprach das Mädchen wieder und sagte: „Es ist noch eins zu mir gekommen, und noch eins, es sind drei. Eines ist: Dein Wille geschehe; und ein anderes: Freut euch in ihm für immer.“ Es scheint, dass sie damit meinte, drei Worte aus dem Katechismus seien ihr in den Sinn gekommen.

Danach zog sich das Kind wieder in ihr Zimmer zurück, und die Mutter ging zu ihrem Bruder, der sein Zimmer nebenan hatte. Als sie zurückkam, wurde sie von dem Mädchen freudig empfangen: „Jetzt kann ich Gott finden!“ (womit sie sich auf das früher Gesagte bezog, dass sie Gott nicht finden könne). Dann sagte sie: „Ich liebe Gott!“ Ihre Mutter fragte sie, wie sehr sie Gott liebte: mehr als Vater und Mutter? Sie sagte: „Ja.“ „Und mehr als deine kleine Schwester Rachel?“ Sie antwortete: „Ja, mehr als alles!“ Dann fragte ihre ältere Schwester sie, wo sie denn Gott finden könne. „Im Himmel“, antwortete Phebe. „Wie“, fragte ihre Schwester, „bist du im Himmel gewesen?“ „Nein“, sagte das Mädchen. So scheint es, dass es nicht nur eine Einbildung war, die sie Gott nannte. Ihre Mutter fragte sie, ob sie Angst gehabt hätte, zur Hölle gehen zu müssen, und deshalb geweint hätte. „Ja“, sagte sie, „aber jetzt habe ich keine Angst mehr.“ Ihre Mutter fragte sie, ob sie dächte, Gott hätte ihr die Erlösung gegeben. „Ja“, sagte sie. „Wann?“ fragte die Mutter. „Heute.“

Den ganzen Nachmittag war sie äusserst fröhlich. Ein Nachbar fragte sie, wie sie sich fühlte. Sie antwortete: „Ich fühle mich besser als je.“ Der Nachbar fragte warum, und sie antwortete: „Gott hat es gemacht.“ Beim Zubettgehen rief sie einen ihrer kleinen Cousins zu sich, der im Zimmer war, und sagte zu ihm: „Der Himmel ist besser als die Erde.“ Am nächsten Tag fragte ihre Mutter sie, wozu Gott sie gemacht hätte. Sie antwortete: „Um ihm zu dienen“, und fügte hinzu: „Alle sollten Gott dienen, und sich für Christus interessieren.“

An jenem Tag schien es, dass die älteren Kinder sehr beeindruckt waren von der aussergewöhnlichen Veränderung, die in Phebe vorgegangen war. Während ihre Schwester Abigail bei ihr war, ergriff ihre Mutter die Gelegenheit, ihr zu raten, die Zeit auszunützen und sich für die andere Welt vorzubereiten. Damit brach Phebe in Tränen aus und rief: „Arme Nabby!“ Ihre Mutter sagte ihr, sie müsse nicht weinen; sie hoffte, dass Gott auch Nabby die Erlösung geben werde; aber das beruhigte sie nicht, sie weinte noch längere Zeit. Etwas später kam ihre Schwester Eunice, und Phebe begann wieder zu weinen: „Arme Eunice!“ Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sah dort ihre Schwester Naomi; und von neuem brach sie in Tränen aus: „Arme Amy!“ Ihre Mutter fühlte sich sehr berührt von diesem Verhalten, und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Etwas später kam ein Nachbar und fragte Phebe, warum sie geweint hätte. Sie wollte zuerst nicht antworten. Ihre Mutter sagte, sie dürfe es dieser Person ruhig sagen; worauf Phebe sagte, sie hätte geweint, weil sie Angst gehabt hätte, ihre Schwestern würden zur Hölle gehen.

Von da an war eine bleibende Veränderung in dem Kind festzustellen. Sie sehnt sich jedesmal nach dem Sonntag und fragt oft während der Woche, wieviele Tage noch fehlen bis zum Sonntag, und gibt sich nicht zufrieden, bis man ihr die Tage einzeln vorzählt. Sie liebt es sehr, sich mit dem Volk Gottes zu versammeln. Ihre Mutter fragte sie einmal, warum sie so sehr dorthin gehen wollte; ob sie gerne mit liebenswürdigen Leuten zusammen sei? „Nein“, sagte sie, „um Herrn Edwards predigen zu hören.“ Wenn sie da ist, verhält sie sich nicht wie andere Kinder ihres Alters, sondern zeigt eine aussergewöhnliche Aufmerksamkeit. Sie geht auch sehr gerne zu privaten religiösen Versammlungen, und ist sehr aufmerksam während der häuslichen Gebetszeiten. Als ich einmal zusammen mit einigen Fremden bei ihr zuhause war und zu ihr etwas über Gott sagte, schien sie aufmerksamer als gewöhnlich; und nachdem wir gegangen waren, sah sie uns sehnsuchtsvoll nach, und sagte: „Ich wünschte, sie würden wieder kommen!“ Ihre Mutter fragte: „Warum?“ Sie sagte: „Ich höre sie so gern sprechen.“

Sie scheint eine tiefe Gottesfurcht zu haben und fürchtet sich sehr davor, gegen Gott zu sündigen. Letztes Jahr im August ging sie mit einigen älteren Kindern Pflaumen pflücken auf dem Grundstück eines Nachbarn, ohne zu denken, dass etwas Schlechtes daran sein könnte. Aber als sie einige Pflaumen nach Hause brachte, sagte ihre Mutter, sie sollte nicht ohne Erlaubnis Pflaumen pflücken, das wäre soviel wie Stehlen. Das Mädchen schien sehr überrascht und brach in Tränen aus, und rief: „Ich möchte diese Pflaumen nicht!“ Dann wandte sie sich ihrer Schwester Eunice zu und sagte sehr ernst: „Warum hast du mir gesagt, ich solle zu diesem Pflaumenbaum gehen? Ich wäre nicht gegangen, wenn du es mir nicht gesagt hättest.“ Die anderen Kinder schienen sich nicht besonders betroffen zu fühlen; aber Phebe war nicht zu beruhigen. Ihre Mutter sagte ihr, sie könne den Nachbarn um Erlaubnis bitten, und dann wäre es keine Sünde, die Pflaumen zu essen; und sie schickte eines der Kinder zum Nachbarn deswegen. Nachdem das Kind zurückkam, sagte ihre Mutter, der Nachbar hätte es ihnen erlaubt, sie könne jetzt die Pflaumen essen, so sei es keine Sünde. Das beruhigte sie für eine Weile; aber dann brach sie wiederum in Tränen aus. Ihre Mutter fragte sie, warum sie jetzt weinte, der Nachbar hätte ihnen ja die Erlaubnis gegeben. Sie musste mehrere Male fragen, bis Phebe sagte: „Weil, weil es Sünde war.“ Sie weinte noch eine Zeitlang und sagte, sie würde nicht wieder dorthin gehen, auch wenn Eunice sie hundertmal darum bäte. Von da an wollte sie während längerer Zeit keine Pflaumen essen, weil sie sie an jene Sünde erinnerten.

Manchmal hat sie grosse Freude an Bibeltexten, die ihr in den Sinn kommen. Einmal erinnerte sie sich besonders an Offenbarung 3,20: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir.“ Sie sprach darüber mit der Familie voll Freude. Dann ging sie in ein anderes Zimmer, wo andere Kinder waren, und ihre Mutter hörte sie mehrmals mit ausserordentlicher Freude und Bewunderung sagen: „Stellt euch vor, es ist, um mit Gott essen zu gehen!“

Oft zeigte sie eine grosse Sorge um das Seelenheil anderer; und oft hat sie sehr liebevoll und eindringlich andere Kinder beraten. Letztes Jahr setzte sie sich einmal neben ihre Mutter an den Herd mit einem sehr ernsthaften und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Schliesslich sagte sie: „Ich habe mit Nabby und Eunice gesprochen. Ich sagte ihnen, sie sollten beten, und sich auf das Sterben vorbereiten, denn wir haben nur kurze Zeit zu leben in dieser Welt, und sie sollten jederzeit bereit sein.“ Als Nabby herauskam, fragte sie ihre Mutter, ob Phebe das zu ihnen gesagt hätte. „Ja“, sagte sie, „das hat sie gesagt, und noch eine Menge mehr.“

Sie zeigte auch ein ungewöhnliches Mass an Nächstenliebe; insbesondere bei der folgenden Gelegenheit: Ein armer Mann, der im Wald wohnt, hatte eine Kuh verloren, die für den Unterhalt der Familie sehr wichtig war. Dieser Mann war bei Phebe zuhause gewesen und hatte von seinem Unglück erzählt, und von den Schwierigkeiten, in die seine Familie deswegen geraten war. Phebe fühlte grosses Mitleid mit ihm. Nachdem sie ihm aufmerksam zugehört hatte, ging sie zu ihrem Vater in die Werkstatt und bat ihn inständig, diesem Mann eine Kuh zu geben: „Dieser arme Mann hat keine Kuh mehr! Die Jäger, oder sonst etwas, haben seine Kuh getötet!“ Ihr Vater sagte ihr, sie hätten keine Kuh übrig. Dann bat sie ihn, doch diesen Mann und seine Familie bei sich zuhause aufzunehmen, und sprach noch vieles in ähnlichem Sinn, mit grossem Mitleid für die Armen.

(Schluss)