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Die Korruption, die auf uns zukommt

6. August 2017

Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, in einem Land zu leben, das von Korruption geprägt ist? Hier ein paar Beispiele, was gewöhnliche Bürger in Perú so erleben können:

Sie müssen auf einem Amt oder auf der Polizei irgendeinen Papierkram erledigen: z.B. einen Geburtsschein, ein Leumundszeugnis, eine Wohnsitzbescheinigung, o.ä. ausstellen lassen … aber Ihr Antrag wird jedesmal abgelehnt, weil der zuständige Beamte immer wieder einen neuen Formfehler findet, oder noch ein zusätzliches Belegdokument verlangt, das nicht in der ursprünglichen Liste aufgeführt war. Oder Sie kommen überhaupt nicht an die Reihe: „Wir haben jetzt gleich eine Sitzung. Kommen Sie morgen wieder.“ – Das ist die Art des Beamten, Ihnen mitzuteilen, dass er ohne Schmiergeld Ihren Antrag nicht bearbeiten wird.

Oder Sie stehen vor dem Universitätsabschluss und haben eine wichtige Prüfung knapp bestanden, während Ihre Kollegen durchgefallen sind. Doch als die offiziellen Noten veröffentlicht werden, stellen Sie fest, dass alle Ihre Kommilitonen plötzlich bessere Noten haben als Sie. Warum? – Einfach. Ihre Kollegen haben den Professor bestochen, damit er ihre Noten aufbessert.

Oder Sie sind Opfer eines massiven Betrugs geworden und haben eine Strafanzeige eingereicht. Einige Zeit später erhalten Sie unerwartet Besuch von der Polizei mit einem Hausdurchsuchungsbefehl. Dabei wird in Ihrem Haus ein Drogenpaket „gefunden“. Nun stehen Sie vor Gericht. Auf Umwegen erfahren Sie, dass jene Polizisten von der Betrügerbande angeheuert worden waren, die Sie damals angezeigt hatten. Aber das können Sie vor Gericht natürlich nicht beweisen.

Hier als weitere Illustration einige Ausschnitte und Zusammenfassungen von Zeitungsmeldungen der letzten Jahre:

Vor den bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen 2014 wurde bekannt, dass 2131 Kandidaten zuvor Gefängnisstrafen wegen verschiedenen Delikten abgesessen hatten. Mindestens dreizehn von ihnen waren wegen Drogenhandels verurteilt worden; fünf wegen Terrorismus.

In der Stadt Arequipa werden für eine Baubewilligung bis zu 1500 Soles verlangt (mehr als ein gewöhnlicher Monatslohn). Und bis man die Bewilligung erhält, muss man über sechs Monate lang warten. 16’000 geplante Wohnhäuser können deswegen nicht gebaut werden. Dabei fehlen in der Stadt mindestens hunderttausend Wohnungen.

129 Erpresserbanden im Baugewerbe in Lima
Allein in Lima gibt es 129 Bauarbeitergewerkschaften, die in Wirklichkeit als Deckmantel für Mafiabanden funktionieren, welche von den Baufirmen Schutzgelder erpressen. In einem einzigen Bezirk haben diese Banden während der letzten zwei Monate fünfzehn Personen ermordet. Sie fordern von den Baufirmen auch 30% der Arbeitsstellen, die sie dann gegen eine Gebühr von 300 Soles an interessierte Arbeiter „weiterverkaufen“.

Polizisten als Drogen- und Waffenhändler
Polizisten stahlen Drogenhändlern regelmässig deren „Ware“, um sie an andere Händlerringe zu verkaufen. Durch das Abhören von Gesprächen konnten drei Polizisten überführt und festgenommen werden; aber es wird angenommen, dass viele weitere involviert sind, auch höhere Funktionäre.
Ein anderer, ebenso gelagerter Fall im selben Monat betraf den Handel mit Waffen, die festgenommenen Kriminellen abgenommen worden waren.

Straffreiheit für Grossbetrug
“Eine kriminelle Organisation benutzt die legalen Möglichkeiten der Stadtverwaltungen zu Betreibungsverfahren, um den Staat um Millionenbeträge zu betrügen. Diese Woche will diese Bande 7,8 Millionen Soles von der Stadtverwaltung von Tacna, bzw. von deren Bank kassieren. Die Funktionäre der Bank argwöhnen zwar den Betrug, sehen sich aber rechtlich ausserstande, ihn zu verhindern.
(…) Diese Organisation operiert seit 2008 und hat sich bisher über 100 Millionen Soles angeeignet mittels tausenden von Betreibungsverfahren für fiktive oder überhöhte Bussen.
(…) Die Staatsanwaltschaft hat 200 Fälle solcher Betreibungsverfahren entdeckt, die nach demselben Schema abliefen und wo dieselben Namen auftauchen, was darauf schliessen lässt, dass ein einziger Drahtzieher im Hintergrund agiert. Am 26.Dezember 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen 47 Personen, darunter Bürgermeister, städtische Funktionäre, Betreibungsbeamte und Anwälte, die dieser Organisation angehören. Die Richter haben die Anklage in ihrer Gewalt, aber der Prozess beginnt bis heute nicht.”

Staatsanwälte entlassen, nachdem sie Hausdurchsuchung durchführten
Vier Staatsanwälte, die mit der Bekämpfung der Korruption beauftragt waren, erhielten Anzeigen über die Existenz einer Spionagezentrale, von wo aus im Auftrag des Regionalpräsidenten César Álvarez Telefongespräche abgehört wurden. Sie ordneten eine Hausdurchsuchung an; aber das entsprechende Gesuch geriet am Gericht zuerst in die Hände einer Beamtin, die Komplizin des Regionalpräsidenten war. Dadurch erhielten die Beteiligten zum voraus Kenntnis von der Hausdurchsuchung und hatten deshalb Zeit, belastendes Material wegzuschaffen. Am Morgen vor der Hausdurchsuchung wurden die vier Staatsanwälte ins Büro des Oberstaatsanwaltes zitiert und gewarnt, diese nicht durchzuführen, unter Androhung von Folgen. Die Durchsuchung wurde dennoch durchgeführt. Ein derselben Bande zugehöriger Kongressabgeordneter erwirkte sieben Tage später die Entlassung der vier Staatsanwälte; und der Fall, den diese untersucht hatten, kam nie vor Gericht.

Es ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass den Mafia-Banden jeweils eine beträchtliche Anzahl von Anwälten, Richtern, hohen Polizeibeamten und Regierungsfunktionären angehört, welche als Gegenleistung für ihren Anteil am “Kuchen” für die juristische Immunität der Täter sorgen. Tatsächlich ist es inzwischen so weit, dass an vielen Orten nicht mehr zwischen Regierung und Mafia unterschieden werden kann.

Mit dem jüngsten und gigantischsten Korruptionsfall, dem „Fall Odebrecht“, ist es spätestens seit diesem Jahr jedermann klar, dass die Korruption die höchsten Regierungsebenen durchdringt. Es handelt sich um ein brasilianisches Grossunternehmen, das Regierungen mehrerer lateinamerikanischer Länder mit Millionenbeträgen geschmiert hat, um dafür Bauaufträge im Milliardenbereich zu ergattern. Viele hohe Regierungsfunktionäre sind in den Fall involviert, sowie sämtliche ehemaligen peruanischen Staatspräsidenten seit 2002. Einer von ihnen sitzt bereits im Gefängnis; gegen einen anderen läuft ein Auslieferungsantrag an die USA, wohin er sich geflüchtet hat; gegen einen dritten und gegen den gegenwärtigen Präsidenten wird noch ermittelt. Alle diese Präsidenten haben bei ihrem Amtsantritt hoch und heilig versprochen, alles daran zu setzen, die Korruption zu bekämpfen.

Noch drei Punkte, die das Bild abrunden:

1. Jahrzehntelang haben Soziologen, Journalisten und Politiker die These vertreten, dass „Armut Kriminalität erzeugt“. Aber inzwischen mussten sogar die Vereinten Nationen einsehen, dass dies nicht zutrifft. So im regionalen Entwicklungsbericht 2013-2014 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) für Lateinamerika mit dem spanischen Titel „Seguridad ciudadana con rostro humano“ („Innere Sicherheit mit menschlichem Antlitz“). Dort heisst es:

„Im letzten Jahrzehnt erlebte Lateinamerika ein grosses Wachstum in zwei Bereichen: in der Wirtschaft und in der Kriminalität. Die Region hat insgesamt ein beachtliches wirtschaftliches Wachstum erzielt, sowie eine Verringerung der sozialen Ungleichheit, der Armut und der Arbeitslosigkeit. Trotzdem (sic) haben die Kriminalität und die Gewalt zugenommen.“

Weiter wird ausgeführt:

„In den letzten Jahren hat Lateinamerika ein grösseres Wirtschaftswachstum erreicht als die USA und die wichtigsten Volkswirtschaften Europas. (…) 70 Millionen Menschen überwanden die Armut. (…) Die Arbeitslosigkeit hat seit 2002 kontinuierlich abgenommen und erreichte 2012 den Tiefstand von 6,4%. (…) Aber die Verbrechen und Morde haben zugenommen.“

Hier in Perú kann man das sogar anhand regionaler Unterschiede beobachten: Das Problem der bewaffneten Erpresserbanden konzentriert sich vorwiegend auf die Hauptstadt Lima und die reichen Küstenstädte im Norden des Landes. Im „armen Hochland“ dagegen hat die Kriminalität noch längst nicht diese bedrohlichen Ausmasse angenommen.
Die Logik des Verbrechens ist also offenbar nicht: „Wer arm ist, stiehlt“, sondern vielmehr: „Wo es mehr zu holen gibt, da wird mehr gestohlen“ (und betrogen, erpresst und gemordet). Oder auch: „Wer mehr Mittel hat, kann seine verbrecherischen Neigungen intensiver ausleben.“ Das Verbrechen wird nicht von den Umweltbedingungen erzeugt, sondern kommt aus der angeborenen Bosheit des menschlichen Herzens.

2. Wie die angeführten Beispiele illustrieren, ist Korruption nicht ein isoliertes Problem bestimmter Politiker und Funktionäre, sondern zieht die gesamte Bevölkerung in Mitleidenschaft. Probleme wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Unterentwicklung, mangelnde Bildung, Armut, usw. werden zu einem grossen Teil von der Korruption und Kriminalität verursacht oder zumindest verschärft.
Ich war dieses Jahr in zwei der erwähnten nördlichen Küstenstädte. Diese Städte sehen viel verwahrloster aus als die „armen“ Städte im Hochland; und überall liegt auf den Strassen Müll herum. Im April waren diese Gegenden von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht worden; die Strassen sind überall voller Löcher oder überhaupt ohne Belag zurückgeblieben. Aber nirgends sah ich Wiederherstellungsarbeiten im Gange. Man erklärte mir, das liege an der mangelnden Organisationsfähigkeit der Stadtregierungen, und eben an der Korruption: Mittel, die zur Behebung von Unwetterschäden zur Verfügung gestellt werden, verschwinden meistens in den Taschen korrupter Funktionäre.

3. Derartige Ausmasse an Korruption können nur mit dem „Einverständnis“ der Bevölkerung entstehen. Hier eine weitere Zeitungsmeldung:

„Gemäss den Meinungsumfragen sind regelmässig 75% der Bevölkerung der Korruption gegenüber gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit äussert sich z.B. darin, dass über korrupte Regierungsmitglieder gesagt wird: ‚Er stiehlt zwar, aber er baut uns Strassen, Schulen, Spitäler …‘
Die Kontrollmechanismen funktionieren nicht, weil alle diese Institutionen infiltriert sind. Richter, Staatsanwälte und Polizisten gehören kriminellen Organisationen an.“

Als Gegenmassnahme wird jeweils „mehr Kontrolle“ gefordert, also mehr Überwachung durch den Staat. Aber diese Kontrollmassnahmen führen gerade wieder zu mehr Korruption: Für alles und jedes braucht man eine Bewilligung – ob man seinen Hausrat an einen neuen Wohnort transportieren will, oder mit Minderjährigen eine Reise unternehmen will, oder chemische Produkte wie Ammoniak oder Zitronensäure kaufen will. Und die Beamten, die diese Bewilligungen ausstellen, sind natürlich ihrerseits korrupt, sodass kriminelle Banden über die Kontrollen lachen, während ehrliche Bürger das Nachsehen haben.
Es gehört in diesen Zusammenhang – ob als Ursache oder als Folge -, dass der Durchschnittsperuaner keinen Respekt vor dem Gesetz hat. Der Funktionär oder Politiker respektiert das Gesetz nicht, weil er sich als „Herr“ über das Gesetz sieht, das er nach Belieben umbiegen oder abändern kann. Und der einfache Bürger respektiert es nicht, weil er weiss, dass das Gesetz nicht zu seinem Schutz da ist, sondern als Instrument in den Händen korrupter Machthaber dient. Viele Vergehen, die in Europa gesetzlich geahndet werden, werden deshalb in Perú noch nicht einmal als Unrecht wahrgenommen. Dazu gehören z.B. Haftpflichtfälle; Fundunterschlagung; Sachbeschädigung; Verlangen von Gebühren für Dienstleistungen, die von Gesetzes wegen gratis sein sollten; u.v.a.m.

* * *

Ich habe weit ausgeholt, weil es für westeuropäische Leser schwierig sein dürfte, sich die ganze Lebenswirklichkeit vorzustellen, die sich hinter Schlagworten wie „Korruption“ und „Kriminalität“ verbirgt. Aber nun komme ich erst zu meinem eigentlichen Anliegen. Warum schreibe ich all dies in einem deutschsprachigen Blog? Nicht etwa, um über die hiesigen Zustände zu jammern. Sondern vielmehr weil ich sehe, dass all dies in näherer Zukunft auf Europa zukommt.

Korruption, Kriminalität und Gesetzlosigkeit sind weltweit gesehen keine Ausnahmeerscheinungen. Sie sind vielmehr der vorherrschende Lebensmodus in allen Ländern und allen Zeiten, die nicht tiefgreifend vom Wort Gottes geprägt und umgestaltet worden sind. (Hört man z.B. Schilderungen von Venezolanern, die vor kurzem aus ihrem Land ausgewandert bzw. geflüchtet sind, dann nehmen sich die peruanischen Zustände dagegen noch direkt paradiesisch aus.) Die Frage ist also nicht: „Warum ist Perú so ein korruptes Land?“ Perú ist keine Ausnahme. Die Frage ist vielmehr: „Warum hatten Westeuropäer und Nordamerikaner das unbeschreibliche Vorrecht, während einigen Jahrhunderten auf einer relativ korruptions- und verbrechensfreien Insel zu leben?“

Die Antwort liegt darin, dass das biblische Christentum diesem Kontinent eine Weltanschauung und ein Wertesystem gegeben hat, das sich radikal von den Werten der übrigen Welt unterscheidet. Einige Säulen dieses Wertesystems sind z.B:

Die Regierung steht nicht über dem Gesetz, sondern darunter. Das war bereits für das alttestamentliche Israel festgeschrieben: „Und wenn (der König) sich auf den Thron seines Reiches setzt, dann soll er für sich in einem Buch eine Abschrift dieses Gesetzes schreiben (…) und soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er lerne, den Herrn seinen Gott zu fürchten, und alle Worte dieses Gesetzes zu halten (…), damit sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe, noch rechts oder links vom Gebot abweiche …“ (5.Mose 17,18-20)
Darin inbegriffen ist das Prinzip des Rechtsstaates und der Gewaltentrennung: Das Gesetz beschränkt die Willkür der Regierung, und selbst der König muss zur Rechenschaft gezogen werden, wenn er das Gesetz übertritt.

Die Regierung und das Gesetz eines Staates unterstehen der Regierung und dem Gesetz Gottes. Auch das ist in der zitierten Stelle inbegriffen, sowie z.B. in Römer 13,3-4, wo es heisst, dass die Regierung dazu da ist, gute Taten zu loben und böse Taten zu bestrafen. (Dabei ist natürlich vorausgesetzt, dass Gott, nicht der Mensch, bestimmt, was gut und was böse ist.) – Man vergleiche auch Jesaja 33,22: Gott vereinigt in sich die drei Regierungsgewalten (Legislative, Exekutive und Judikative). Höchst interessant ist, dass hier, mehrere Jahrhunderte vor Christus, diese drei Gewalten, die oft als eine „neuzeitliche Erfindung“ angesehen werden, bereits ausdrücklich genannt werden.
Dieses Prinzip schliesst ein, dass es auch da, wo die Gewaltentrennung nicht funktioniert, immer noch eine letzte Instanz gibt, die gegen eine korrupte Regierung angerufen werden kann; nämlich Gott selber.

– Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person. Das bedeutet: Vor Gott und vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Auch dies ein wichtiges rechtsstaatliches Prinzip, das in Kulturen, die dem Wort Gottes fremd sind, regelmässig verletzt wird.

Gott regiert über alles; nicht nur über einen „religiösen Bereich“. Biblische Werte wie Ehrlichkeit, Einhalten von Verpflichtungen, Reinheit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verantwortung, usw, gelten insbesondere für das Alltagsleben, die Familie, den Arbeitsplatz, die Gesellschaft und die Politik. Wenn eine Mehrheit der Gesellschaft diese Werte anerkannte und nach ihnen lebte, dann hatte das ganz andere Auswirkungen, als wenn eine Regierung versuchte, solche Werte mit Gesetz und Strafe durchzusetzen.

Solange die römisch-katholische Kirche die Vorherrschaft innehatte, konnten sich diese Werte noch nicht wirklich durchsetzen, weil die kirchliche Hierarchie dem Volk das Wort Gottes vorenthielt und es als Machtinstrument in ihrer eigenen Hand missbrauchte, statt die Kraft dieses Wortes zur Ermächtigung jedes Einzelnen freizusetzen. Hierin liegt auch die Antwort auf die Frage, warum Lateinamerika, obwohl mehrheitlich katholisch, nie wirklich von christlichen Werten beeinflusst wurde.
Aber ein bis zwei Jahrhunderte nach der Reformation hatte dieses Wort viele Länder so weit durchdrungen, dass es zu tiefgreifenden und in der ganzen Weltgeschichte einzigartigen Reformen in Gesellschaft und Staat kam. Manchmal wurden diese Reformen von Menschen durchgesetzt, die selber keine bekennenden Christen waren; aber sie waren dennoch von biblischen Werten geprägt worden und lebten inmitten einer Gesellschaft, die von diesen Werten geprägt worden war.

Wer nie für längere Zeit aus dem Kulturkreis der ehemaligen Reformationsländer herausgekommen ist, der kann wahrscheinlich gar nicht ermessen, was für ein enormer Segen das christliche Erbe dieser Länder sogar heute noch ist. Schon Immanuel Kant erlag dem Trugschluss, das moralische, sittliche und rechtliche Empfinden seiner angestammten Kultur sei ein allgemeingültiger, allgemein menschlicher “moralischer Imperativ”, während es sich in Wirklichkeit um die Auswirkung des christlichen Erbes handelte. Kant kam nie zu jenen Stämmen Papua-Neuguineas, wo der Verrat als höchste Tugend galt (Don Richardson, “Friedenskind”). Er kam nie zu den korrupten Richtern und Politikern in Perú. Er konnte nicht ermessen, wie radikal seine eigene Kultur in den Jahrhunderten vor ihm umgestaltet worden war, um dieses allgemeine rechtliche und moralische Empfinden hervorzubringen, in dessen Einflussbereich er lebte.

Nun aber ist Europa eifrigst damit beschäftigt, die letzten Reste seiner christlichen Vergangenheit zu demontieren. Man meint, dieselben (oder zumindest ähnliche) Werte auf der Grundlage eines atheistischen Humanismus aufrechterhalten zu können. Doch wenn ich Nachrichten und Kommentare aus Europa lese – auch aus kirchlichen Kreisen –, dann stelle ich fest, dass man schon heute in Europa gar nicht mehr weiss, was diese grundlegenden Werte eigentlich sind. Um es in einem Bild auszudrücken: Die Europäer zehren gegenwärtig von den letzten übriggebliebenen Früchten eines Baumes, den sie schon längst umgehauen und von seiner Wurzel abgetrennt haben. Wenn Europa (und Nordamerika) nicht sehr bald zu seinen christlichen Wurzeln zurückkehrt und eine geistliche Erweckung erlebt, dann wird dieser “Vorrat” demnächst aufgebraucht sein. Dann werden auch in Europa “peruanische Verhältnisse” herrschen, was Korruption und Kriminalität betrifft.

John Adams, einer der ersten Präsidenten der USA und Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (und soviel ich weiss, selber kein wiedergeborener Christ), hat das schon 1798 vorausgesehen, als er schrieb:

“Aber sollte das amerikanische Volk einmal zu jener hinterhältigen Verstellung gegeneinander und gegen fremde Länder fähig sein, die die Sprache der Gerechtigkeit und Mässigung annimmt, während sie Gesetzlosigkeit und Extravaganz praktiziert, (…) dann wird dieses Land zur erbärmlichsten Wohnstätte der Welt werden. Denn unsere Regierung ist nicht mit der Macht ausgestattet, menschliche Leidenschaften zu bekämpfen, die nicht von der Moral und der Religion gezügelt würden. Habsucht, Ehrgeiz, Rachsucht oder Wollust würden die stärksten Bande unserer Verfassung sprengen, so wie ein Wal ein Fischnetz zerreisst. Unsere Verfassung wurde nur für ein moralisches und religiöses Volk geschaffen. Sie ist völlig ungeeignet zur Regierung irgendeines anderen Volkes.”

In Europa dürfte dieser Punkt bald erreicht sein, wo Regierungen nicht mehr aufgrund der überkommenen, auf christlichen Grundlagen basierenden Staatsverfassungen regieren können und das auch nicht mehr wollen.

Vishal Mangalwadi bringt es in seinem lesenswerten Werk “Das Buch der Mitte” folgendermassen auf den Punkt:

“Wenn die Bibel die Kraft war, die in Europa und Amerika die Korruption niedrig hielt, führt eine Ablehnung der Bibel zwangsläufig zu einer erneuten Zunahme der Korruption – und das kann das werteorientierte Klima zerstören, das Männer wie McCormick für ihren Erfolg brauchen. (McCormick war der amerikanische Erfinder der Mähmaschine, der damit die Nahrungsmittelproduktion seines Landes im 19.Jh. um ein Vielfaches erhöhte.)
Integrität ist nicht etwas, das Menschen von Natur aus und aufgrund ihres eigenen Verdienstes zu eigen ist. Eine Wirtschaft, die auf Vertrauen beruht, bricht zusammen, wenn ihr die geistlichen Ressourcen fehlen, die einst Grundlage dieses Vertrauens waren.”

Mangalwadi ist einer der führenden christlichen Theologen Indiens. Er hat von daher den Vorteil, die westliche Kultur “von aussen” zu betrachten und sie mit seiner angestammten indischen Kultur vergleichen zu können. Manches, was er über Wertvorstellungen, Korruption und Armut in Indien berichtet, kommt mir von meiner Umgebung her sehr bekannt vor, obwohl der religiöse Hintergrund hier in Perú ganz anders ist. Kulturen, die nie vom biblischen Christentum geprägt wurden, unterscheiden sich in dieser Hinsicht offenbar kaum voneinander.

Wenn die westliche Welt auf ihrem bisherigen Kurs weiterfährt, wird sie bald auch wieder zu einer solchen nichtchristlichen Kultur werden. Wenn Sie also wieder einmal Berichte aus sogenannten “Drittweltländern” lesen oder hören über Korruption, Kriminalität, Verantwortungslosigkeit, Misswirtschaft, Mangel an Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden, usw, dann bitte ich Sie daran zu denken: Solche Berichte sind zugleich Illustrationen dessen, was auch auf Europa zukommt, wenn Europa nicht umkehrt zu Gott und seinem Wort.

Christenverfolgung in Deutschland: Voraussage beginnt sich zu erfüllen

5. Februar 2015

Schon vor einiger Zeit habe ich vorausgesagt, die deutschen Evangelikalen (die sich bis jetzt kaum je mit den verfolgten Christen in ihrem eigenen Land solidarisiert haben) würden bald selber zur Zielscheibe der staatlichen Verfolgung werden. Anscheinend ist es bald so weit. Dieser Tage wurde der evangelische Pfarrer Olaf Latzel (nicht einmal ein Freikirchler!) aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen in einer Predigt wegen „Volksverhetzung“ angeklagt.

Ich habe mir die besagte Predigt angehört, um mir selber ein Bild zu machen davon. Ich muss sagen, Latzel hat sich im Eifer ab und zu einer überzogenen Ausdrucksweise bedient. Aber von einer Kirche, die sich nach Martin Luther nennt, sollte eigentlich zu erwarten sein, dass ihre Pfarrer der sprachlichen Derbheit ihres Gründers nachschlagen, oder nicht? Als „Volksverhetzung“ qualifiziert das wohl kaum. Im übrigen fand ich in dieser Predigt keinerlei Aufruf zu Hass oder gar Gewalt. Latzel hat nicht einmal dazu aufgerufen, sich von andersgläubigen Menschen abzusondern, sondern nur sich von deren nichtchristlichen Gebräuchen und Festlichkeiten fernzuhalten. Den Unterschied zwischen den beiden Dingen (sich von Menschen oder sich von deren Gebräuchen zu distanzieren) hat er in der Predigt klar herausgestellt. Und er hat auch klar gesagt, wir sollen Andersgläubigen in Liebe und Dienstbereitschaft begegnen. Von daher ist es wirklich ein starkes Stück, ihm aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Teilsätze „Hetze“, „Fremdenhass“ und ähnliches zu unterstellen. Aber eben, aufgrund der allgemeinen Entwicklung in den letzten Jahren (so wie ich sie aus der Ferne bruchstückhaft mitverfolge) war es zu erwarten, dass es eines Tages so weit kommen würde.

Es liegt jetzt natürlich nahe, Parallelen zum Fall „Charlie Hebdo“ zu ziehen. In beiden Fällen geht es um Kritik am Islam. Aber die Reaktion der „Öffentlichkeit“ ist auffallend unterschiedlich. Die Autoren von „Charlie“ werden als Helden gefeiert, während Olaf Latzel als „Fremdenhasser“ disqualifiziert wird, der seine Kirche „unglaubwürdig“ macht. (Weil einer ihrer ganz wenigen Vertreter ist, der das Glaubensbekenntnis dieser Kirche noch ernst nimmt?) Warum diese so unterschiedlichen Reaktionen? Beide kritisieren den Islam – die Autoren von „Charlie“ noch auf eine viel derbere und verletzendere Weise als Latzel. Aber sie sind Atheisten; Latzel ist Christ. Wahrscheinlich ist das der Kern der Sache: Bekennender Atheismus wird im heutigen Europa gefeiert; bekennendes Christentum wird bekämpft.

Je suis Olaf

Ich möchte noch einen anderen Aspekt beleuchten: Ist die „Islamfreundlichkeit“ europäischer Politiker nicht ausgesprochen heuchlerisch? Der Islam hätte doch Europa durchaus einiges zu sagen. Z.B. zu Themen wie Familienzusammenhalt, Gastfreundschaft, oder – nicht zuletzt – Ehrfurcht vor Gott. Würden die sogenannt „islamfreundlichen“ Politiker wirklich gerne hören, was der Islam dazu zu sagen hat? Oder gar über Themen wie „sexuelle Freiheit“, Alkohol- und Drogenkonsum, die Rollen von Mann und Frau, Feminismus und „Genderismus“, Homosexualität, usw.? Warum kommt das nie zur Sprache? Wären diese „islamfreundlichen“ Politiker wirklich bereit, sich auf die von ihnen geforderte „tolerante“ Weise mit dem islamischen Standpunkt zu diesen Fragen zu befassen?

Mir scheint – so weit ich das beobachten kann – dass die europäischen Meinungsmacher, statt den Islam objektiv zu diskutieren, ihn hauptsächlich als eine Art argumentative „Keule“ gegen überzeugte Christen benutzen. Eine Keule, die man nach Belieben mal links herum, mal rechts herum schwingen kann: Mal werden Islamkritiker pauschal als Fremdenhasser und Schlimmeres verunglimpft (wobei aber Leute wie z.B. „Charlie“ merkwürdigerweise keine Fremdenhasser sind); dann wieder werden christliche „Fundamentalisten“ mit islamischen „Fundamentalisten“ in denselben Topf geworfen und als Terroristen verschrieen (wobei nun heftigste Kritik am Islam plötzlich wieder zulässig wird, wenn man nur „Fundamentalismus“ sagt statt „Islam“…).
Da könnte einmal der Schuss nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn der Islam sich nicht mehr einfach so „benutzen“ lässt, sondern diesen Meinungsmachern gegenüber seine eigenen Machtansprüche geltend macht.

Ich wage hier etwas ganz Ketzerisches zu sagen: Wenn es nicht zu einer Umkehr und geistlichen Erweckung kommt, dann verdient Europa es bald wirklich, unter die Knute des Islam zu kommen. So wie Israel es seinerzeit verdiente, unter die babylonische Gefangenschaft zu kommen. Dann werden die Leute – inbegriffen die Meinungsmacher und die hohen Politiker – gezwungenermassen aus dem Munde islamischer Prediger Dinge hören müssen, die sie heute christlichen Predigern zu sagen verbieten.

Nicht dass ich das etwa wünschen würde. Eine echte Erweckung sähe ich tausendmal lieber. Aber die Voraussetzungen dazu sehe ich z.Z. (insbesondere innerhalb der Kirchen selber) nicht gegeben. Und die geistlichen Gesetze der Weltgeschichte erfüllen sich auch dann (oder gerade dann), wenn ihre Akteure selber nicht daran glauben. Der Islam präsentiert sich leider zur Zeit als einer der herausragenden „Kandidaten“, das geistliche Vakuum in Europa zu füllen, das die ehemals christlichen Kirchen hier hinterlassen haben.

Europäer, was kommt auf euch zu?

26. November 2012

Bis hier ins entfernte Perú gelangen die Schlagzeilen über die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Unruhen in Europa. Was wird daraus noch werden?

Was mich am meisten beunruhigt, ist nicht die Krise an sich, sondern ein gewisser Wesenszug vieler Europäer (insbesondere deutschsprachiger?), der mir nach vielen Jahren des Lebens in Perú noch viel deutlicher auffällt: Viele Europäer haben masslos übertriebene (materielle) Ansprüche an das Leben. Vielleicht fällt ihnen das in ihren Heimatländern, wo alle diese Ansprüche erfüllt sind, gar nicht mehr auf. In einer Umgebung wie hier im peruanischen Hochland hingegen kommt eine solche Eigenschaft sofort ans helle Tageslicht.

Z.B. sind die Strom- und Wasserversorgung hier ziemlich unzuverlässig. In vielen Wohngegenden ist es normal, dass es nachmittags kein fliessendes Wasser mehr gibt bis zum nächsten Morgen. Natürlich ist das Wasser aus dem Wasserhahn auch nicht zum Trinken geeignet: man muss es zuerst abkochen oder desinfizieren. Stromunterbrüche sind ebenfalls an der Tagesordnung. Weshalb ich beim Tippen dieses Artikels alle paar Minuten eine Sicherheitskopie mache, damit bei einem plötzlichen Stromausfall nicht die ganze Arbeit verlorengeht. Kerzen oder Taschenlampen sollte man für solche Fälle auch immer bereithalten. – Könnten Sie all das als normal und alltäglich hinnehmen?

Ein älteres deutsches Ehepaar, deren Tochter (Missionarin) hier in Perú heiratete, war entsetzt über das Haus, wo das frischgebackene Ehepaar wohnen würde. Es war eigentlich ein für hiesige Verhältnisse gut gebautes und komfortables Haus: aus Zement, nicht bloss aus Lehmziegeln; und sogar der Fussboden war aus Zement, nicht aus Holzplanken oder sogar aus gestampftem Lehm wie in manchen anderen Häusern. Es hatte sogar einen eigenen Wassertank mit Pumpe auf dem Dach, sodass auch nachmittags Wasser aus dem Hahn kam. Nur hatte es keine modernen vollisolierten doppelverglasten Fenster, sondern einfache Holzrahmen, in die die Scheiben nach altmodischer Weise mit Fensterkitt eingepasst waren; und es gab keine Heizung (das gibt es hier höchstens in den piekfeinen Hotels für die verwöhnten Touristen). So kann die Zimmertemperatur frühmorgens in der kalten Jahreszeit bis auf dreizehn Grad absinken – aber das macht eigentlich nichts, denn tagsüber wärmt die Sonne auch in der kalten Jahreszeit auf gegen zwanzig Grad auf. – Auch sonst war manches an dem Haus einfacher und von geringerer Qualität als in Deutschland üblich. Ein Grund zu grosser Aufregung für die besorgten Eltern.

Einmal assen wir mit einem Schweizer Ehepaar in einem Restaurant und bestellten Fisch. „Ist das üblich hier?“, fragten sie, „wir essen eigentlich nicht oft Fisch.“ – „Wir auch nicht“, antwortete meine Frau, „an manchen Tagen findet man keine guten Fische auf dem Markt, oder dann sind sie teuer.“ – Aber es stellte sich heraus, dass die Schweizer an etwas ganz anderes gedacht hatten: Sie waren sich gewohnt, jeden Tag Fleisch zu essen, und da galt Fisch bereits als ein Essen zweiter Klasse. – Bei solchen Gelegenheiten kann man den (beidseitigen) Kulturschock geradezu mit Händen greifen. (Meine Frau hat während ihrer ganzen Kindheit kaum je Fleisch genossen, weil ihre Eltern es sich einfach nicht leisten konnten – oder wenn, dann nur die billigen Innereien, aber keine guten Stücke.)

Beim Kartoffelnschneiden kommt es öfters vor, dass man dabei auch noch einen Wurm mit zerschneidet. Und wenn man auf dem Markt Früchte kauft, dann sind meistens einige darunter, die ihr Verfalldatum schon längst überschritten hätten, wenn sie eines hätten. Manchmal sind gewisse Lebensmittel einfach nicht zu bekommen. Selbst so alltägliche wie Brot – wenn z.B. der Bäcker gerade an einem dreitägigen Familienfest ist, sich betrunken hat oder einen Unfall hatte. Dann findet das Frühstück einfach etwas später statt, weil man zuerst Kartoffeln kochen oder Omeletten braten muss. – Auch käme hier niemand auf die Idee, wir hätten ein „Recht“ darauf, jegliche Art von Früchten oder Gemüse aus jeglichem Land zu jeglicher Jahreszeit kaufen zu können.

Reisen – besonders wenn es in abgelegene Gebiete geht – sind öfters mit unvorhergesehenen Zwischenfällen verbunden. Wenn der Bus fern von jeglicher Ortschaft eine Panne hat, kann das mehrere Stunden Wartezeit bedeuten. Manche Transportbetriebe haben gar keinen Fahrplan; sie fahren einfach, wenn der Bus voll ist. Und manchmal erfährt man erst in letzter Minute, dass eine Fahrt gar nicht stattfinden kann, weil eine Strecke gesperrt ist wegen Streiks, Hochwasser, Erdrutschen, Bauarbeiten, oder anderen Gründen.

Ich erinnere mich noch, wie schon in meiner Kindheit viele meiner Kameraden jammerten und stöhnten, wenn sie einmal auch nur zehn Minuten zu Fuss irgendwohin gehen mussten, statt im Auto chauffiert zu werden. Heute, wo Nicht-Autobesitzer so gut wie ausgestorben sind, dürfte diese „Krankheit“ noch weiter verbreitet sein. Hier im peruanischen Hochland hingegen habe ich Kinderlager geleitet, wo die Teilnehmer mehrere Kilometer weit zu Fuss gekommen waren – eine Kindergruppe war fünf Stunden lang gewandert, um teilnehmen zu können. Geschlafen wurde im Lager am Boden auf Wolldecken oder Schaffellen, bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad. Keines der Kinder beklagte sich darüber; manche waren sich auch von zuhause nichts Besseres gewöhnt.

Nicht zuletzt befindet sich Perú im „pazifischen Feuergürtel“, der erdbebengefährdetsten Zone der Welt. Ich weiss nicht, ob das in Europa überhaupt noch in die Nachrichten kommt – aber seit den grossen Erdbeben von Haiti, Chile und Japan in den letzten Jahren kommt dieser „Feuergürtel“ überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Fast jeden Monat wird allein aus Südamerika ein grösseres Erdbeben (um Stärke 6 auf der Richterskala) gemeldet; und kleinere Beben sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen bleibt man sich eher bewusst, dass unser Leben „nur ein Hauch“ ist, und dass unser Hab und Gut keineswegs sicher ist, sondern von einem Tag auf den anderen verlorengehen könnte.

Interessanterweise gibt es auch Europäer, die gerade wegen der „abenteuerlichen“ Aspekte in Perú Ferien machen. Sie betreiben dann verrückte Sportarten wie Wildwasserfahren oder Bungee-Jumping – offenbar um ihrer allzu wohlgeordneten Welt eine Zeitlang zu entfliehen. Ich muss sagen, nach solchen Dingen habe ich kein Bedürfnis. Ich habe schon genug Abenteuer, wenn ich z.B. selber auf unser Wellblechdach steigen muss, um es zu reparieren, weil es keine Dachdecker gibt. Oder wenn ich nachts in einem fremden Dorf, in dem es nicht einmal Strassennamen gibt und wo die meisten Leute kein Spanisch verstehen, eine Person suchen muss, von der ich nichts als ihren Namen weiss. Oder wenn ich auf dem Weg mein Fahrrad über Bäche tragen muss, weil es keine Brücken gibt. Oder wenn ich mir selber etwas zu essen zubereiten muss in einer Hütte auf über 4000 Metern über Meer, wo es als Brennmaterial für die Feuerstelle nichts als getrockneten Kuhmist gibt. Wenn ich von solchen Reisen zurückkehre, dann kommt mir mein nicht europataugliches Haus jeweils wie ein Palast vor.

Übrigens hätten die meisten Peruaner gar keine Zeit dafür, „Abenteuerreisen“ in fremde Länder zu unternehmen, oder auch nur in ihrer eigenen Stadt Vergnügungen nachzugehen – abgesehen von einfachen Dingen wie Fussballspielen, Familien- und Dorffeste, oder zuhause fernsehen (letzteres ist leider auch hier eine Volksseuche). Eine derartige Freizeitkultur oder Freizeitindustrie wie in Europa existiert hier überhaupt nicht. Nach der Arbeit ist man müde und muss ausruhen; die gesetzlich vorgesehene Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche wird praktisch überall weit überschritten.

Warum schreibe ich das alles? – Hauptsächlich weil ähnliche Zustände auch für Europa voraussehbar sind, wenn die Wirtschaftskrise weiter voranschreitet. Wie werden das die Europäer aushalten, die glauben, wie selbstverständlich ein Anrecht auf perfekten Komfort, perfekte Dienstleistungen und einen gemütlichen Feierabend zu haben? Wenn schon jetzt, lange bevor es so weit ist, Tausende auf die Strasse gehen wegen einiger Sparmassnahmen, was wird dann sein, wenn dieser Komfort eines Tages wirklich nicht mehr da ist? Gut möglich, dass dann die wahre Natur des gefallenen Menschen wieder in all ihrer Hässlichkeit ans Licht kommen wird, und die psychologischen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Wirtschaftskrise viel zerstörerischer sein werden als die materiellen Folgen der Krise selbst. Im Klartext: Allzu viele Menschen könnten mit Gewalt, Verbrechen, Revolutionen und Krieg reagieren, wenn ihre materiellen Ansprüche plötzlich nicht mehr erfüllt werden.

„Den Reichen in der jetzigen Welt gebiete, dass sie nicht hochmütig seien, noch ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genuss; dass sie Gutes tun, reich seien an guten Werken, freigebig seien, gern mitteilend, wodurch sie für sich selbst einen guten Schatz beiseite legen auf die Zukunft hin, damit sie das wahrhaftige Leben erlangen.“ So schrieb Paulus an Timotheus (1.Tim.6,17-19). Und ein wenig vorher: „Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, sollen wir uns daran genügen lassen. Die aber, die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in eine Schlinge und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Untergang und Verderben stürzen.“ (1.Tim.6,7-9) Solche Genügsamkeit wird in der kommenden Zeit lebenswichtig sein.
– Jakobus schreibt noch viel radikaler: „Nun wohlan, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt ziehen und wollen da ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – ihr wisst ja nicht, wie es morgen um euer Leben steht! (…) Nun wohlan, ihr Reichen, weint und jammert über die Drangsale, die über euch hereinbrechen! Euer Reichtum ist verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis gegen euch sein und euer Fleisch verzehren wie Feuer …“ (Jakobus 4,13-14; 5,1-2)

Wohlstand und ein reibungsloses Funktionieren von Dienstleistungen sind keineswegs ein „Recht“, das wir einfordern könnten. Schon gar nicht vom Staat: es ist nicht Aufgabe des Staates, seine Bürger zu ernähren. (Allerdings ist es auch nicht sein Recht, sich auf Kosten der Bürger zu ernähren.) Nach Römer 13,3-4 und 1.Petrus 2,14 ist die Aufgabe der Regierung darauf beschränkt, die Übeltäter zu bestrafen und die Guten zu belohnen. Die Regierung ist aber nicht dazu eingesetzt, Kranke zu pflegen, Arme zu versorgen, Kinder zu erziehen, und Geschenke zu verteilen, wie heutzutage vielfach geglaubt wird. Für diese Bereiche sind in erster Linie die Familien und in zweiter Linie die christlichen Gemeinschaften zuständig.
Wir sind in dieser Hinsicht wieder bei der Mentalität angelangt, die schon das römische Reich zum Zusammenbruch führte:

„Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreiches (1776-1788) die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies:
erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand);
zweitens eine grösser werdene Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (dies kann auf Völker bezogen sein, aber auch innerhalb eines Volkes zutreffen);
drittens eine exzentrische Sexualität;
viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab, und eine Begeisterung, die sich für kreativ hielt;
fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben.
Dies kommt uns allen sehr bekannt vor. Wir haben seit unserem ersten Kapitel viel gesehen – nun sind wir wieder in Rom.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Man könnte hier auch noch die Freizeitindustrie und Vergnügungssucht anführen („Brot und Spiele“).
Schaeffer schreibt auch:

„Als es mit der von verschärfter Inflation und einer aufwendigen Regierung belasteten Wirtschaft Roms immer mehr bergab ging, wurde die Herrschaft des Staates immer autoritärer, um der Apathie entgegenzuwirken. Da niemand mehr bereit war, freiwillig zu arbeiten, musste der Staat in dieser Hinsicht oft eingreifen, und Freiheiten gingen verloren …“

Auch das (autoritäre Diktaturen) dürfte durchaus zur näheren Zukunftsperspektive Europas gehören – sofern nicht eine radikale Umkehr zu Gott stattfindet.

Jedenfalls haben die heutigen Europäer – mit wenigen Ausnahmen – ihren gegenwärtigen Reichtum nicht verdient. Es dürfte den wenigsten unter ihnen bewusst sein, dass sie im Begriff stehen, den letzten Überrest des Erbes vergangener Generationen aufzuzehren – Generationen, die materiellen Wohlstand nicht als ein einzuforderndes Recht ansahen und schon gar nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern im Gegenteil als einen unverdienten Segen Gottes. Wahrscheinlich war es auch unter diesen vergangenen Generationen keine Mehrheit, die persönlich wiedergeboren waren; aber immerhin herrschte eine allgemeine Gottesfurcht, und die grosse Mehrheit war von einer christlichen Weltanschauung geprägt. (Das trifft insbesondere für das 18.Jahrhundert und noch bis ins 19.Jahrhundert hinein zu, und insbesondere für die Reformationsländer.) Deshalb konnte Gott ihnen auch solche materiellen Segnungen anvertrauen. Heute aber ist auch dieses christliche Erbe weitgehend über Bord geworfen worden. Damit hat Europa nicht nur die gegenwärtige Krise heraufbeschworen, sondern hat sich zugleich jeglicher geistlicher Stütze beraubt, die nötig wäre, um einer solchen Krisenzeit erfolgreich und mit Gottvertrauen begegnen zu können. Was also soll aus Europa werden?

Leider haben auch die christlichen Kirchen und Gemeinden längst aufgehört, das „Salz der Erde“ zu sein. Wenn sie selber, die doch Hüter der Wahrheit Gottes sein sollten, der Staatsideologie und dem Wohlstandsglauben nachfolgen, wer soll sie dann auf den Weg Gottes zurückführen? Wenn das Salz seine Schärfe verliert, womit soll es dann wieder salzig gemacht werden?

Unsummen von Geld haben die Kirchen – nicht zuletzt die evangelikalen – investiert in ihre Prunkbauten, ihre Multimedia- und Verstärkeranlagen, ihre Unterhaltungsindustrie – lauter Dinge, die am Jüngsten Tag in Flammen aufgehen werden. Die Apostel Jesu haben ohne alle diese Dinge mehr und standfestere Jünger Jesu hervorgebracht als die heutigen Kirchen mit all ihrem Reichtum. Aber heute, wenn das Geld knapp wird, verzichtet man lieber auf das Missionsbudget, als auf ein luxuriöses und unnötiges Gemeindegebäude.

Apropos Missionsbudget: Da steht auch im Zentrum einer peruanischen Stadt ein solches millionenschweres Renommiergebäude, seinerzeit finanziert von einer europäischen Missionsgesellschaft (statt dass man mit dem Geld die Armen und die echten Diener Gottes unterstützt hätte, wie es in der Bibel steht). Dieses Gebäude kam kürzlich im Fernsehen – aber nicht etwa zur Ehre Gottes, sondern weil zwei Fraktionen der in sich gespaltenen Gemeinde das unwürdige Schauspiel boten, einander gegenseitig mit Polizeigewalt aus dem Gebäude hinauszuwerfen. Statt die Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern, hat dieses Gebäude nur die Geld- und Machtgier der seinerzeit von den Missionaren eingesetzten Leiter gefördert.

Wenn also sogar evangelikale (und missionseifrige) Kirchen im In- und Ausland das Beispiel einer solch materialistischen Gesinnung geben, was ist dann erst von „Weltmenschen“ zu erwarten? Was soll aus Europa werden?

„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfängt beim Hause Gottes; und wenn es zuerst mit uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ (1.Petrus 4,17)