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Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!

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Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

3. April 2019

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 4

11. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie verletzt und misshandelt Gottes Volk.

Jesus sagte über autoritäre Leiter: „…sie binden schwere und schwierig zu tragende Bürden, und legen sie auf die Schultern der Menschen; sie selber aber wollen sie nicht mit einem Finger bewegen.“ (Mat.23,4) Autoritäre Leiter auferlegen ihren Untergebenen oft schwierige und ermüdende Vorschriften; aber sie selber folgen ihren eigenen Regeln nicht. Diese Doppelmoral ist eine Wurzel der Heuchelei, die Jesus kritisiert: „sie sagen, aber sie tun es nicht“ (Mat.23,3).

So kann ein autoritärer Leiter z.B. von seinen Untergebenen völlige Transparenz und Ehrlichkeit verlangen; aber er selber legt vor niemandem Rechenschaft ab, und verdreht die Wahrheit.
Oder er verlangt, dass seine Untergebenen „ihre Rechte aufgeben“, z.B. im finanziellen Bereich; aber er selber bereichert sich auf ihre Kosten.
Oder er stellt strenge Regeln auf über „sexuelle Reinheit“, die Kleidung der Frauen, und strenge Beschränkungen der Kontakte zwischen Männern und Frauen; aber er selber begeht Unzucht und sexuellen Missbrauch.
Oder er verbietet alle kritischen Äusserungen über ihn; aber er selber kritisiert, verflucht, und „diszipliniert“ seine Untergebenen hemmungslos.

In Teil 1 nannten wir einige Beispiele, was in solchen Umgebungen geschehen kann. Da es in autoritären Systemen kein gesundes Kräftegleichgewicht gibt, ist es oft nur ein Schritt von einem autoritären System zu einem missbrauchenden.

Oft finden Vertreter des Autoritarismus scheinheilige Vorwände, um ihren Untergebenen die Schuld zuzuschieben an den Problemen und an den Misshandlungen, die diese erleben. Z.B. erkrankt jemand wegen des Stresses, ständig die Vorwürfe der Leiter ertragen zu müssen; und sie sagen ihm: „Du bist krank, weil du einen Geist der Bitterkeit hast.“ – Oder eine Frau wird sexuell missbraucht, und sie sagen ihr: „Das geschah wegen der Art, wie du dich anziehst.“ – Oder eine Mutter hat rebellische Kinder, und sie sagen ihr: „Das liegt daran, dass du selber dich deinem Mann nicht genügend unterordnest.“

Es gibt keine biblische Grundlage für solche Anschuldigungen. Wo jemand unter der Sünde einer anderen Person leidet, da liegt die Schuld immer bei demjenigen, der die Sünde begangen hat! Und der Sünder muss nach Mat.18,15-17 konfrontiert werden, ohne Ausweichmanöver oder zusätzliche Hindernisse. Auch oder erst recht, wenn der Sünder ein Leiter ist. Aber die Lehren des Autoritarismus verdunkeln diese einfache Wahrheit, und beschuldigen die Opfer.

Zudem werden wir in 1.Kor.4,5 gewarnt, nicht vorschnell über die Absichten und Motive anderer Personen zu urteilen: „Richtet also nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen, und die Absichten der Herzen sichtbar machen…“ – Autoritäre Leiter geben dagegen fälschlich vor, die verborgenen Absichten und Haltungen ihrer Untergebenen zu kennen, und fällen Urteile aufgrund solcher angeblicher Absichten.

Leiter, die autoritären Lehren folgen, fühlen sich manchmal unter einem enormen Druck, ihre Mitchristen „vor der Sünde bewahren zu müssen“, da sie glauben, sie seien die „geistliche Abdeckung“ ihrer laubensgeschwister. Wir haben bereits gesehen, dass es in Wirklichkeit Gott ist, der jeden Gläubigen beschützt. Aber wenn ein Leiter glaubt, das sei nicht genügend, und seine „Abdeckung“ sei notwendig, dann beginnt er ausgefeilte Mechanismen von „pastoraler Überwachung“ oder „Rechenschaftspflicht“ einzuführen, um alles zu überwachen und unter Kontrolle zu halten, was die Mitglieder in ihrem Privatleben tun. Z.B. benutzen sie „Seelsorgegespräche“, um die Mitglieder über ihr Leben und übereinander auszufragen; oder sie leiten die Mitglieder an, dem Leiter jedes „Fehlverhalten“ zu berichten, das sie bei einem anderen Mitglied beobachten (ähnlich wie die Netze von Denunzianten in den kommunistischen Diktaturen); und andere ähnliche Massnahmen.
All dies zerstört die mitmenschlichen Beziehungen unter den Geschwistern. Die Überwachung vermittelt Misstrauen: „Wir vertrauen nicht darauf, dass du dich gut benimmst. Wir misstrauen deinem guten Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wir müssen dich überwachen, weil du verdächtig bist.“ So geht die geschwisterliche Liebe und das Vertrauen zwischen Christen verloren. Stattdessen herrscht in den gegenseitigen Beziehungen das Misstrauen, die Angst, die Anpassung, und die Scham. All das verhindert ein gesundes geistliches Wachstum.

Einige rechtfertigen solche Praktiken mit Hebr.13,17: „…denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft ablegen müssen…“ – Aber der Ausdruck „über eure Seelen“ ist nicht verbunden mit dem „Rechenschaft ablegen“. D.h. es steht hier nicht, die Leiter müssten über die Seelen anderer Menschen Rechenschaft ablegen. Jeder muss Rechenschaft ablegen über das, was er selber getan hat (2.Kor.5,10, Offb.20,12-13). Die Bedeutung ist also: die Leiter müssen vor Gott Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.
Zweitens bedeutet „über eure Seelen wachen“ nicht, hinter den Mitgliedern herzuspionieren, und auch nicht jedem zu misstrauen, oder sie einer strengen Kontrolle zu unterwerfen. Das griechische Wort ist agrypnéo und bedeutet wörtlich „ohne Schlaf bleiben“. D.h. die Leiter sollen sich (positiv) „Tag und Nacht“ um ihre Geschwister kümmern. Wenn wir ein Beispiel suchen, was das bedeutet, so finden wir es im Bericht des Paulus über seinen Umgang mit den Thessalonichern: „Sondern wir waren gütig in eurer Mitte, wie eine stillende Mutter ihre eigenen Kinder nährt und pflegt. Wir hatten gute Absichten euch gegenüber, und es gefiel uns, mit euch nicht nur das Evangelium Gottes zu teilen, sondern auch unsere eigenen Seelen, denn ihr seid uns sehr lieb geworden.
Denn erinnert euch, Brüder, an unsere harte Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemandem von euch zur Last zu fallen, und so verkündeten wir euch das Evangelium Gottes. Ihr und Gott seid Zeugen, wie ehrerbietig und gerecht und untadelig wir zu euch, die Gläubigen, waren, wie ihr wisst; wie wir jeden einzelnen von euch ermutigten und trösteten wie ein Vater seine eigenen Kinder, damit ihr Gottes würdig lebt, der euch zu seinem eigenen Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.“ (1.Thess.2,7-12)

In Wirklichkeit will ein wiedergeborener Christ von sich selber aus das Gute tun, weil Gott ihm ein neues Herz gegeben hat. (Ez.36,25-27; 2.Kor. 5,17). Christus lebt in ihm, und bewirkt in ihm ein gottgefälliges Leben, durch die Gnade Gottes. „Denn durch das Gesetz bin ich dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. Ich bin zusammen mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; und was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selber für mich gegeben hat.“ (Gal.2,20; siehe auch 1.Kor.15,10). Die „pastorale Überwachung“ zieht diese grosse Wahrheit des Evangeliums in Zweifel. Sie macht, dass die Christen sich ständig schuldig fühlen (für Dinge, die keine Sünden sind), an ihrer Stellung vor Gott zu zweifeln beginnen, und „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4).
(Ein anderer Fall ist es, wenn jemand in Wirklichkeit nicht von neuem geboren wurde. Aber diese Situation ist nicht im Blickfeld der vorliegenden Artikelserie.)

Jesu Rede vom guten Hirten (Joh.10) erinnert die Zuhörer an Ezechiel 34, eine Prophetie, die die Folgen einer autoritären und missbrauchenden Leiterschaft beschreibt:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Die Milch geniesst ihr, mit der Wolle bekleidet ihr euch, und das Gemästete schlachtet ihr; die Schafe aber weidet ihr nicht. Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heimgeholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten. So zerstreuten sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war, und wurden allem Getier des Feldes zum Frasse.“ (Ez.34,2-5)

Weiter sagt Gott, er werde sich gegen die bösen Hirten wenden, die Schafe aus ihrer Hand befreien, und einen guten Hirten bestellen („meinen Knecht David“ = Jesus), der sie weiden wird. Gott zwingt niemanden, unter einer schlechten Leiterschaft zu bleiben, nur „weil sie die Leiter sind“.

Sie verhindert eine offene Diskussion der Probleme.

Alle Mitglieder der neutestamentlichen Gemeinde sind aufgerufen, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen, um zu prüfen, was gelehrt wird:

„Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1 Thess.5,21)

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen richten.“ (1.Kor.14,29)

Die Beröer wurden „edel“ genannt, weil sie prüften, was Paulus sprach: „sie forschten täglich in der Schrift, ob es so war“ (Apg.17,11).

Paulus schrieb den Galatern, sie sollten nicht einmal ihn selber aufnehmen, falls er ein anderes Evangelium als das ursprüngliche lehren würde (Gal.1,8). Nicht einmal ein Apostel kann fordern, dass seine Geschwister seine Lehren ungeprüft aufnehmen. Die römisch-katholische Kirche irrte während des Mittelalters so weit ab, weil sie ihren Mitgliedern das Recht verweigerte, die Lehren ihrer Leiter zu prüfen und in Frage zu stellen.

Ebenso sollen auch Sünden offen konfrontiert werden, unabhängig davon, ob der Sünder ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. (Siehe Mat.18,15-17; Gal.2,11-14.)

Autoritäre Leiter verdrehen diese Prinzipien. Sie errichten Machtstrukturen, wo nur sie andere zurechtweisen können, aber niemand kann sie zurechtweisen. Wenn es ein Problem gibt in der Gemeinde, eine Sünde, oder eine falsche Lehre, dann wird die offene Diskussion darüber unterdrückt, und es wird gelehrt, es sei „Klatsch“ oder „Rebellion“, auf einen Fehler eines Leiters hinzuweisen.

In einer gesunden Gemeinde können falsche Lehren, extreme Ansichten, und Machtmissbrauch von seiten der Leiter eingedämmt und korrigiert werden durch die offene, allgemeine Diskussion auf biblischer Grundlage. In einer autoritär geleiteten Gemeinde wird dagegen jede abweichende Meinung als „Disziplinarfall“ behandelt. Statt die Probleme offen und ehrlich zu diskutieren, werden jene Personen, die Probleme aufzeigen, eingeschüchtert und als „Sünder“ behandelt. Infolgedessen leben die Mitglieder in gegenseitigem Misstrauen, und das schlechte Verhalten von seiten der Leiter nimmt zu, weil niemandem erlaubt wird, sie zurechtzuweisen.

Sie führt zum Denominationalismus und Sektiererei

Von allen Gemeinden, die im Neuen Testament erwähnt werden, war jene von Korinth offenbar am stärksten beeinflusst von der Idee der „Unterordnung unter die Leiterschaft“. Sie waren nicht damit zufrieden, zu Christus zu gehören; sie wollten auch einem ihrer Leiter „gehören“. Deshalb sagten einige: „Ich gehöre Paulus“, andere: „Ich gehöre Apollos“, usw. (1.Kor.1,12)
Die genannten Leiter hatten selber nie diese Art von „Unterordnung“ gefordert, und hatten auch nie ein „Eigentumsrecht“ über die Korinther geltend gemacht. Paulus erklärt: „Wer ist also Paulus? Und wer Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder [dient], wie der Herr es ihm gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott liess es wachsen. So ist nicht der etwas, der gepflanzt hat, noch der, der begossen hat, sondern Gott, der es wachsen liess.“ (1Kor.3,5-7)

Die neutestamentliche Gemeinde wird von einer Vielfalt von „Diensten“ aufgebaut. (Eph.4,11 nennt „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“). Diese bilden keine „Hierarchie“ oder „Befehlskette“, sondern ergänzen einander. Im vorherigen Zitat (1.Kor.3,5-7) erklärt Paulus, dass zwischen ihm und Apollos keine Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung besteht (und auch nicht zwischen ihm und Kephas=Petrus). Beide sind gleichermassen von Gott gebrauchte „Diener“, jeder mit seiner eigenen Gabe. Die einzige Person, die eine „privilegierte“ Stellung einnimmt in der neutestamentlichen Gemeinde, ist Jesus Christus selber. „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen ausser dem, das gelegt ist, welches Jesus Christus ist.“ (1.Kor.3,11)

Nun hat jeder Leiter oder Lehrer gewisse persönliche Vorlieben oder Neigungen in seiner Bibelauslegung, und in seiner Art, das christliche Leben zu leben. Deshalb werden zwei Leiter nie völlig übereinstimmen in allen Details ihrer Lehre und Praxis. Die Korinther waren anscheinend nicht in der Lage, diese Unterschiede auf reife Weise zu handhaben – ähnlich wie heute viele Evangelikale (inbegriffen Leiter) nicht auf geistliche Weise umgehen können mit den Unterschieden zwischen Calvinisten und Arminianern; zwischen Pfingstlern und Nichtpfingstlern; zwischen jenen, die den Frauen das Hosentragen erlauben und jenen, die es nicht erlauben; zwischen jenen, die beim Singen die Hände erheben und jenen, die das nicht tun, usw.
Der Fehler der Korinther bestand darin, diese persönlichen Vorlieben der Leiter auf den Rang göttlicher Gebote zu erheben. Dieser Fehler wird in 1.Kor.4,6 angesprochen: „Und dies, Brüder, habe ich um euretwillen auf mich und Apollos angewandt, damit ihr an uns[erem Beispiel] lernt, nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben steht, damit niemand von euch aufgeblasen werde wegen des einen [Leiters und] gegen den anderen.“ – Die Korinther waren „aufgeblasen“ geworden, indem die einen allen übrigen die persönlichen Vorlieben des Apollos auferlegen wollten, und andere die persönlichen Vorlieben des Paulus. Paulus erklärt, dass ein Leiter rechtmässigerweise der Gemeinde nur das auferlegen kann, „was geschrieben steht“. Kein Leiter hat Autorität, seinen Geschwistern besondere Auslegungen oder Praktiken aufzuzwingen, die über das hinausgehen, was die Heilige Schrift festlegt.

Wegen dieses Problems sagt Paulus den Korinthern: „Ihr seid mit einem Preis erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Wegen dieses Problems widmet Paulus ein ganzes Kapitel (1.Kor.12) der Beschreibung des Leibes Christi, wo die Glieder unterschiedliche Funktionen haben, aber alle dieselbe Wichtigkeit und Würde. Die Glieder haben untereinander eine Beziehung der gegenseitigen Ergänzung, nicht der „Autorität“ und „Unterordnung“.

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete einmal darauf: „Aber die Gemeinde ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Könnt ihr euch einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Haupt angebracht sind? Ein Monster!“ – Dieser Pastor ist im Irrtum, sowohl biblisch als auch anatomisch. Die Bibel bekräftigt ausdrücklich, was er verneint:

„Lasst euch durch niemand um den Kampfpreis bringen, der sich gefällt in [unterwürfiger] Demut und Verehrung der Engel, der sich auf Dinge einlässt, die er [gar] nicht gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, und der sich nicht hält an das Haupt, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, das Wachstum vollzieht, das Gott gibt.“ (Kol.2,18-19, ZÜ)

Jedes Glied des Leibes Christi soll sich also „an das Haupt halten“, das Christus ist. So ist es auch eine anatomische Tatsache, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Vorderarm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer, vom Zentralnervensystem). Dadurch befindet sich tatsächlich jedes Glied in direkter Kommunikation mit dem Haupt; und die Glieder erteilen einander keine Befehle.

Wenn wir nun zum zweiten Korintherbrief gehen, dann sehen wir, dass dieses Problem das einzige ist, das nicht korrigiert wurde, sondern sich sogar verschlimmerte (Kap.10 und 11): Nun ziehen die Korinther jene Leiter vor, die tatsächlich „Unterordnung“ fordern (d.h. die „Überapostel“), entgegen den echten Leitern wie Paulus, Apollos und Petrus. Deshalb muss Paulus auch im zweiten Brief betonen: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter zu eurer Freude; denn im Glauben steht ihr.“ (2.Kor.1,24) – Sein Ziel ist es nicht, dass die Korinther sich ihm unterordnen; sondern dass sie mit Christus vereint werden (2.Kor.11,2).

Da der Autoritarismus es nicht erlaubt, die Lehre und Praxis der Leiter biblisch zu prüfen und zu diskutieren, produziert und verschlimmert er genau dieses Problem. Zuerst produziert er Denominationalismus und Parteisucht (die Situation von 1.Korinther); und wenn er weiter fortschreitet, Sektiererei (die Situation von 2.Korinther).

Sie führt zum Papsttum.

Wenn ein Leiter „die Stimme Gottes“ ist für seine Nachfolger, und wenn der Gehorsam der Untergegebenen Gott gegenüber sich ausdrückt in ihrem Gehorsam dem Leiter gegenüber, dann stellt sich dieser Leiter zwischen seine Untergebenen und Gott. Er wird zu einer „Brücke“ oder einem „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott. Das ist das Wesen des katholischen Priestertums: eine „Brücke“, die den Zugang der Gläubigen zu Gott vermittelt. Deshalb ist einer der Titel des Papstes „Pontifex Maximus“, „der grösste Brückenbauer“.

Aber es ist nicht biblisch, dass ein Mensch diese Stellung einnimmt. (Siehe in Teil 2 über den direkten Zugang des Christen zu Gott.) Das war eines der Schlüsselthemen der Reformation: Brauchen wir die Vermittlung eines Priesters, oder kann sich jeder Christ direkt Gott nähern, durch Jesus Christus? Die Lehren des Autoritarismus sind in Wirklichkeit ein Rückfall zur katholischen Auffassung vom Priestertum.

Und wenn jeder Leiter seinerseits einen übergeordneten Leiter in der „Befehlshierarchie“ haben soll, und das konsequent fortgeführt wird, dann gelangen wir zu einer Pyramidenstruktur, wo notwendigerweise jemand die Stellung an der Spitze einnehmen muss. Und es ist nötig, dass dieser Leiter an der Spitze die Bibel unfehlbar auslegen kann; denn er ist verantwortlich dafür, die ganze Christenheit zu lehren, und er hat niemanden, der ihn belehren könnte, ausser Gott selber. Diese Logik führt unvermeidlicherweise zum römischen Papsttum.

Auf der evangelikalen Seite hat diese Logik des Autoritarismus zwei Ergebnisse hervorgebracht, die wir gegenwärtig beobachten können. Eines ist das Erscheinen verschiedener evangelikaler „Päpste“, die sich an die Spitze ihrer eigenen „Pyramide“ stellen, jeder mit seinen eigenen Nachfolgern. Einige von ihnen sind örtliche Pastoren mit einigen hundert „Jüngern“; andere haben internationalen Einfluss und Millionen von Nachfolgern. Gemeinsam ist ihnen ihr Anspruch auf unantastbare Autorität. Auch wenn sie nicht offen sagen, sie betrachteten sich als „unfehlbar“, so handeln sie doch in der Praxis, als ob sie es wären. Sie fügen der Bibel ihre eigenen Gebote und Ideen hinzu; sie bestrafen ihre Nachfolger, wenn sie ihnen nicht gehorchen; und sie nehmen von niemandem Korrektur an.

Das zweite Ergebnis ist, dass in den letzten Jahren eine wachsende Anzahl evangelikaler Leiter (sogar von internationalem Einfluss) tatsächlich begonnen hat, die Reformation zu widerrufen und die „sichtbare Einheit“ mit dem römischen Papst zu suchen. Unter ihnen sind mehrere Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, d.h. die oberste Vertretung der Evangelikalen weltweit. Auch das ist eine logische Folge des Autoritarismus: Wenn man „dem Leiter gehorchen muss, auch wenn er im Irrtum ist“, dann war die Reformation eine Rebellion gegen die rechtmässige Leiterschaft der Kirche ihrer Zeit. Alle evangelikalen Kirchen haben ihre Wurzeln in dieser „Rebellion“. Wer sich als Erbe der Reformation oder der Täufer versteht, der kann nicht an den Lehren des Autoritarismus festhalten, ohne den Ast abzusägen, auf dem er selber sitzt.
Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Reformation und Katholizismus wesentlich ein Unterschied zwischen christlicher Freiheit und Autoritarismus. Wir sehen dies anhand zweier von Luther formulierter Prinzipien: Das Priestertum aller Gläubigen, und „Sola Scriptura“.

Das Priestertum aller Gläubigen

Im Neuen Testament gibt es genau fünf Stellen, wo Christen „Priester“ oder „Priestertum“ genannt werden:

„… Lasst euch auch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft … Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums …“ (1.Petrus 2,5.9 ZÜ)
(Jesus Christus) „machte aus uns Könige und Priester für Gott, seinen Vater …“ (Offb.1,6)
„…denn du wurdest geschlachtet, und erkauftest für Gott mit deinem Blut aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation, und machtest sie zu Königen und Priestern für unseren Gott …“ (Offb.5,9-10)
„… Über diese hat der zweite Tod keine Autorität, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein, und werden mit ihm tausend Jahre regieren.“ (Offb.20,6)

Diese Stellen sprechen von allen wahren Christen. Es gibt keine Christen, die „priesterlicher“ wären als andere. Jeder Christ ist ein Priester vor Gott, unter dem Hohenpriester Jesus Christus (Hebr. 4,14; 7,26-28).

Im katholischen System sind das besondere Priestertum und die von ihm verwalteten Sakramente notwendig, um den Zugang der Gläubigen zu Gott zu sichern. Die Reformation schaffte diese menschliche Vermittlung ab (siehe 1.Tim.2,5). Aber der Autoritarismus führt die evangelikalen Kirchen zurück zu einer Situation, wo die Gläubigen eine „Priesterschaft“ nötig haben (die „Autoritäten“), die sich zwischen sie und Gott stellen.

Sola Scriptura

Die katholische Kirche kennt drei „Autoritäten“ über die christliche Lehre und Praxis: die Heilige Schrift, die „Tradition“, und das Lehramt der Kirche. Diese drei „Autoritäten“ sind gleichrangig. Deshalb hat die römische Kirche im Lauf der Zeit von ihren Meistern verschiedene Lehren angenommen, die der Bibel widersprechen. Wenn menschlichen Lehrern dieselbe Autorität gegeben wird wie der Heiligen Schrift, dann gibt es keine Möglichkeit, diese Lehrer anhand der Bibel zu korrigieren.

Angesichts dieser Situation postulierten die Reformatoren, dass die Heilige Schrift die einzige massgebende Autorität für die Lehre und das christliche Leben ist. Das kann mit den neutestamentlichen Stellen begründet werden, die jedem Gläubigen auftragen, die Lehren, die er hört, zu prüfen (1.Kor.14,29; Gal.1,8; 1.Thess.5,21; Apg.17,11); und mit den Verheissungen, dass Gott selber jeden Gläubigen lehrt (Joh.6,45; 10,27; 1.Joh.2,27). Jeder Gläubige ist in der Lage, die Bibel zu verstehen, soweit es nötig ist; und es ist weder nötig noch gerechtfertigt, dass die Leiter der Kirche eine „autoritative Auslegung“ als verbindlich erklären.

Infolgedessen hat jeder Gläubige das Recht, einen Leiter oder Lehrer zu konfrontieren und zu korrigieren, wenn ein biblischer Grund dazu besteht. Die Autorität über die Kirche liegt nicht in einer Person oder einem „Amt“, sondern in der Heiligen Schrift. Auch der einfachste Christ, der sich auf die Bibel stützt, hat grössere Autorität als ein Leiter, der im Widerspruch zur Bibel lehrt oder handelt.

Die Lehren und Praktiken des Autoritarismus leugnen das „Sola Scriptura“, und setzen von neuem die Autorität fehlbarer Menschen anstelle der Autorität der Heiligen Schrift.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 3

5. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie gibt uns falsche Motive, Gott zu dienen.

In manchen Gruppen wird gelehrt: „Du gehorchst Gott, indem du deinen Leitern gehorchst.“ Und auch: „Wenn du deinem Leiter nicht gehorchst, verlierst du den Schutz Gottes.“ So wenden die Christen ihre Aufmerksamkeit von Gott ab, und den Leitern zu. Ihre Handlungen sind nicht mehr von der Liebe zu Gott motiviert, sondern von der „Pflicht“, sich dem Leiter unterzuordnen, und von der Angst vor dem Missfallen des Leiters und davor, den Schutz Gottes zu verlieren.

Das Wort Gottes sagt dazu: „In der Liebe ist keine Angst, sondern die vollkommene Liebe wirft die Angst hinaus; denn die Angst hat Strafe; aber wer sich fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe. Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1.Joh.4,18-19).

Wer also die Angst als Motivation zum Gehorsam einführt, der zerstört die Liebe der Gläubigen, und lenkt ihren Blick von der Liebe Gottes ab. Der wahre christliche Gehorsam ist motiviert von der Liebe Gottes zu uns, die als Antwort in uns eine Liebe zu ihm hervorruft.

Ein wiedergeborener Christ hat das Vorrecht einer tiefen Vertrauensbeziehung zu Gott. Er darf wissen, dass Gott auf seiner Seite ist, dass er ihn nicht verlassen wird, dass er ihn beschützt, dass er ihn nie betrügen oder verraten wird, dass er ihn als sein Kind angenommen hat. Die autoritären Systeme zerstören dieses Vertrauen, weil sie zu einer ständigen Angst führen, die Gnade und Fürsorge Gottes zu verlieren. Mitglieder solcher Gruppen fühlen sich unter einem ständigen Druck, an sich selbst und an ihrer guten Beziehung zu Gott zu zweifeln, weil sie vielleicht irgendeine Anordnung der Leiter übersehen hatten, oder eines von deren „Prinzipien“ oder Menschengeboten übertreten hatten (s.u).

Sie bewirkt Sünde.

Gott hat versprochen, die Seinen davor zu beschützen, in Sünde zu fallen:

„Denn die Sünde wird keine Macht über euch haben; denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“ (Röm.6,14)
„Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Röm.8,2)
„Gott ist treu und wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen hinaus versucht werdet. Er wird mit der Versuchung auch den Ausweg schaffen, damit ihr sie ertragen könnt.“ (1.Kor.10,13)
„Dazu hat sich der Sohn Gottes gezeigt, um die Taten des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht die Sünde, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen
[genauer: in Sünde leben], denn er ist aus Gott geboren.“ (1.Joh.3,8-9)
„… er kann euch ohne Fehltritt bewahren, und euch untadelig festigen vor seiner Herrlichkeit mit Frohlocken …“ (Judas 24).

Aber in den autoritären Strömungen wird anstelle des Schutzes Gottes die „Abdeckung“ durch die Leiterschaft gesetzt. Das hat verschiedene schädliche Folgen:

– Das Vertrauen auf Gott wird zerstört, und ersetzt durch die Abhängigkeit von Menschen.

Christen, welche den autoritären Lehren Glauben schenken, richten ihr Vertrauen auf das falsche Objekt. Statt auf den Schutz Gottes zu vertrauen, beginnen sie zu glauben, es sei ihre Unterordnung unter die Leiterschaft, welche sie vor der Sünde beschützt. Aber ein blosser Mensch kann keinen solchen Schutz bieten. Deshalb kommen die Christen, die solchen Lehren folgen, zu Fall, wie wir gewarnt werden:

„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25)
„Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht, und sein Herz sich vom Herrn abwendet. Denn er wird sein wie der Strauch in der Wüste (…)
Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut, und dessen Zuversicht der Herr ist. Denn er wird sein wie der Baum, der am Wasser gepflanzt ist …“ (Jer.17,5-8)

– Dem Wort Gottes werden Menschengebote hinzugefügt.

Jesus wies die Pharisäer und Schriftgelehrten zurecht: „Und ihr habt mit eurer Tradition das Gebot Gottes aufgehoben. Ihr Heuchler, gut hat Jesaja über euch prophezeit: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.‘ “ (Mat.15,6-9)

Die Pharisäer glaubten, das Gesetz Gottes sei nicht genug. Sie glaubten sich beauftragt, „das Gesetz Gottes zu schützen“, indem sie einen grossen „Zaun“ von zusätzlichen Geboten darum herum aufbauten. Wie jemand, der einen Ziehbrunnen auf dem Feld hat, und vermeiden möchte, dass jemand hineinfällt; aber er begnügt sich nicht damit, den Brunnen zuzudecken, sondern baut zusätzlich einen Zaun in hundert Metern Entfernung rund um den Brunnen herum, damit sich niemand dem Brunnen auch nur nähern kann.

Das kann auch auf ganz subtile Weise geschehen, indem z.B. gewisse biblische Anweisungen überbetont und als „Gesetze“ streng eingefordert werden, während andere Bibelstellen übergangen werden.

Aber der Pharisäismus führt dazu, dass ihre Nachfolger erst recht in Sünde fallen. „Denn ihr durchzieht das ganze Meer und das Trockene, um einen einzigen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, doppelt [so schlimm] wie ihr.“ (Mat.23,15). Die Wurzel des Pharisäismus ist der Unglaube: Sie glauben nicht, dass Gott vollkommen imstande ist, die Seinen zu beschützen. Aber „der Gerechte wird durch Glauben leben“, in der Kraft des Evangeliums von Christus (Römer 1,16-17), nicht durch das Erfüllen von Menschengeboten.

Das ist nicht blosse Theorie. Ich musste in verschiedenen evangelikalen Organisationen beobachten, dass je mehr die Mitglieder unter Druck gesetzt wurden mit Verhaltensregeln, äusserlichen Vorschriften, Kleidungsvorschriften, strenger Trennung zwischen Frauen und Männern, Verboten gewisser Musikstile, usw, desto mehr nahm die Sünde in ihrer Mitte zu.

Menschengebote sind nicht in der Lage, uns vor Sünde zu beschützen:
„Wenn ihr mit Christus den Weltelementen gestorben seid, warum lasst ihr euch Vorschriften machen als solche, die in der Welt leben? ‚Nimm nicht, koste nicht, berühre nicht‘, was alles zur Vernichtung durch den Verzehr ist. Sie folgen Geboten und Lehren von Menschen, und haben den Ruf der Weisheit wegen des eigenwilligen Gottesdienstes und der Demut und der Strenge dem Körper gegenüber; aber sie haben keinen Wert hinsichtlich der Befriedigung des Fleisches.“ (Kol.2,20-23)

Noch schlimmer ist es, wenn Verhaltensregeln auferlegt werden, die nicht einmal offen deklariert werden. In einer solchen heuchlerischen Umgebung gibt man sich den Anschein von Freiheit; und nur durch Andeutungen wird dem „Übertreter“ hinterher zu verstehen gegeben, dass er irgendein unausgesprochenes Gesetz gebrochen hat. Z.B. weil er den Pastor nicht mit seinem Titel angesprochen hat; oder weil er ein „verbotenes“ Kleidungsstück trägt; oder weil er über ein Thema gesprochen hat, über das „man nicht spricht“.

Wahre Christen sind Kinder des Lichts, leben im Licht (d.h. offen und transparent), und bringen die unfruchtbaren Werke der Finsternis ans Licht (Eph.5,11-13, 1.Joh.1,5-8). In einer wirklich christlichen Umgebung ist kein Platz für Andeutungen, unausgesprochene Gesetze, oder andere Arten von unaufrichtiger Kommunikation.

– Die Leiter werden angreifbar für die Sünde.

Auch die Leiter in autoritären Systemen fallen oft in Sünde. Das liegt daran, dass diese Lehren in den Leitern Selbstherrlichkeit und Stolz hervorrufen. Sie sehen sich an der Spitze der „Befehlshierarchie“ als solche, die über alle anderen befehlen dürfen. Deshalb tendieren Leiter in autoritären Systemen dazu, sich selber in eine Position zu versetzen, wo sie vor niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Einige Leiter, die laut über „Unterordnung unter die Autorität“ predigen und über die Pflicht, „Rechenschaft abzulegen“, antworten auf die Frage, vor wem sie Rechenschaft ablegen: „Ich bin nur Gott Rechenschaft schuldig.“ D.h. sie haben eine Doppelmoral: sie praktizieren selber nicht, was sie von anderen fordern. – Andere setzen eine Art Vorstand ein, um den Anschein zu erwecken, sie hätten Leiter über sich. Aber der Vorstand ist nur zum Schein da; er besteht aus Personen, die völlig vom Leiter abhängig sind und sich nie getrauen würden, ihm zu widersprechen.
Als Nebeneffekt tendieren autoritäre Leiter dazu, ihr Privatleben vor ihren Untergebenen geheimzuhalten. Sie fürchten, ihre „Autorität“ zu verlieren, wenn jemand erfahren könnte, dass sie ein Eheproblem haben, oder eine persönliche Schwäche, oder dass sie eine Sünde begangen haben. Oft benutzen sie die Lehre von der Unterordnung dazu, zu vermeiden, dass jemand sie konfrontieren könnte wegen einer Sünde oder einer falschen Lehre: „Wer bist du, dass du einen Diener Gottes kritisierst? Du hast einen kritischen Geist, eine rebellische Haltung, bist respektlos …“ So gibt es autoritäre Leiter, die während Jahren oder sogar Jahrzehnten in Sünde leben und es immer schlimmer wird mit ihnen, ohne dass sie je von jemandem Korrektur entgegennähmen, bis alles in einem grossen Skandal auffliegt.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 1

21. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Historische Einleitung

Ich lebe im peruanischen Hochland. Diese Gegenden haben das Christentum in einer schrecklich verzerrten Form kennengelernt. Es kam im 16. Jahrhundert in Form eines Priesters, der nach Darlegung einiger biblischer Lehren den König, Inka Atahuallpa, mit folgender Forderung konfrontierte:
„Die Päpste, Nachfolger des heiligen Petrus, regieren über das ganze Menschengeschlecht. Alle Völker (…) müssen ihnen gehorchen. Ein Papst hat den Königen von Spanien alle diese Länder gegeben, um die Ungläubigen zu befrieden und sie unter die Herrschaft der katholischen Kirche zu bringen. (…) Deshalb müssen Sie, Herr, dem Kaiser tributpflichtig werden, die Verehrung der Sonne aufgeben und allen Götzendienst, der euch in die Hölle bringt, und müssen die wahre Religion annehmen.“

Statt ein Evangelium der Erlösung und Freiheit zu verkünden, wurde das Christentum als „Unterwerfung unter die Autorität“ des Königs und des Papstes vorgestellt. Hinter dem Priester Valverde stand der Eroberer Pizarro mit seiner Armee, um dieser Forderung mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Es folgten dreihundert Jahre der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung.

Das war auch das Jahrhundert des Ignatius von Loyola, der sich vorgenommen hatte, die Reformation zu bekämpfen, indem er eine „geistliche Armee“ ausbildete, die ihm, und dem Papst, in unbedingtem Gehorsam folgen würde. Ignatius verlangte Folgendes von seinen Jüngern:
„Um in allem richtigzugehen, sollen wir immer dafürhalten und glauben, dass das Weisse, was ich sehe, schwarz sei, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt.“ (Ignatius von Loyola, „Geistliche Übungen“)
Ignatius lehrte also, die „Autoritäten“ der Kirche hätten das Recht, die Wahrheit zu verdrehen, und die Gläubigen müssten ihnen gehorsam in ihrer Lüge folgen, selbst wenn die Lüge vor aller Augen offensichtlich sei. Das ist ein direkter Widerspruch gegen das Wort Gottes, welches sagt: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die aus Licht Finsternis machen und aus Finsternis Licht; die das Bittere als süss darstellen und das Süsse als bitter!“ (Jesaja 5,20)

Ignatius sagte auch: „Wir sollen wie ein Kadaver sein, der von sich aus unfähig ist sich zu bewegen, oder wie der Stock eines Blinden[, in der Hand unserer Oberen].“ (Von daher kommt unser Wort „Kadavergehorsam“.) – Schon die mittelalterlichen Mönchsgelübde verlangten unbedingten Gehorsam den Oberen gegenüber; aber Ignatius zog diesen Gedanken ins Extrem.

Vergleichen wir damit die Auswirkungen des Wortes Gottes in den Ländern, die von der Reformation beeinflusst wurden. Das Grundprinzip der Reformation war, dass die Heilige Schrift oberste Autorität über die Lehre und Praxis der Christen ist. Nach diesem Prinzip konnte auch der einfachste Christ, wenn er biblische Gründe dazu hatte, jeden Leiter und jede „Autorität“ – selbst den Papst – zurechtweisen, wenn dieser entgegen dem Wort Gottes lehrte oder handelte. Obwohl die Reformatoren selber oft diesem Prinzip zuwiderhandelten, gab dies doch den „Laien“ eine nie dagewesene Macht, gegen jede unrechte Tyrannei aufzustehen. Ein Jahrhundert nach dem Sieg der Reformation begann man dieses Prinzip in den Bereich der Politik zu tragen; zuerst in England. Es wurde gelehrt (aufgrund von Bibelstellen wie 5.Mose 17,16-20 und Apg.5,29), dass selbst der König nicht nach Gutdünken regieren kann; er muss sich dem Gesetz unterwerfen. So entstand der moderne Rechtsstaat. Das neutestamentliche Modell einer Gemeinde, die von einem Ältestenkollegium geleitet wird (nicht von einem einzelnen Mann an der Spitze), welches seine Entscheidungen in Einmütigkeit trifft (siehe z.B. Apg.15), wurde zum Vorbild für die Einrichtung von Parlamenten. Anfangs des 19.Jahrhunderts kämpfte William Wilberforce auf biblischen Grundlagen für die Abschaffung der Sklaverei in England; Abraham Lincoln tat dasselbe in den USA.

In den reformierten Ländern führte also das allgemeine freie Erforschen der Bibel zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zu einer besseren Ethik. In den spanischen Kolonien dagegen wurde die Bibel in der Hand eines autoritären Klerus dazu missbraucht, ganze Nationen zu versklaven. Dieser Autoritarismus prägt die peruanische Gesellschaft bis heute in allen ihren Bereichen. Selbst in den peruanischen evangelischen Kirchen wird das Christentum vorwiegend als „Unterwerfung unter die Autorität des Pfarrers“ verstanden. Der grundlegende Unterschied zwischen den Reformationsländern und den spanischen Kolonien besteht in den grundverschiedenen Auffassungen von „Autorität“.

Im vorliegenden Artikel (und den folgenden) habe ich hauptsächlich die evangelikalen Kirchen im Auge. Es ist meine Beobachtung, dass ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen – auch in den Reformationsländern – den Boden der Reformation verlassen hat und zum römisch-katholischen Konzept zurückgekehrt ist, was die Auffassung von „Autorität“ betrifft.

Ansätze zu autoritären Lehren und Praktiken im evangelikalen Raum finden sich bereits in den Schriften von Watchman Nee. Meines Wissens war er es, der den Begriff der „geistlichen Abdeckung“ prägte. Weite Verbreitung fand der evangelikale Autoritarismus aber erst ungefähr ab den 1970er-Jahren. Auf der pfingstlich-charismatischen Seite war der Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung gross (deren Leiter, u.a. Derek Prince, aber bereits 1986 ihre Lehren und Praktiken widerriefen). Auf der „konservativen“ oder „Mainstream-„Seite beeinflussten Bill Gothard und seine Anhänger Zehntausende von Pastoren und Millionen von Gemeindegliedern mit ihren hyper-autoritären Lehren. Weitere verwandte Strömungen sind u.a. der calvinistische „Rekonstruktionismus“ oder „Dominionismus“; die charismatische „G12“; und eine neue „Königreichs-Lehre“ in gewissen Hausgemeinde-Kreisen.

Einige Autoren sehen im Autoritarismus der 1970er-Jahre eine Reaktion auf die 68er-Bewegung mit ihrer Ablehnung aller Autorität, welche die Evangelikalen zutiefst verunsicherte. Ein Kommentator sagte: „Wenn dein Haus brennt, dann fragst du den Feuerwehrmann nicht nach seinen Lehrüberzeugungen.“ Die Lehrer des Autoritarismus waren anscheinend solche „Feuerwehrmänner“, deren Lehren und Praktiken angesichts einer Notsituation unkritisch übernommen wurden. Erst später wurden die unheilvollen Folgen sichtbar: Tausende, vielleicht Millionen von Gemeindegliedern wurden bevormundet, psychisch zerstört, und in ihrem Glauben zutiefst verunsichert (man spricht von „geistlichem Missbrauch“). Und viele evangelikale Christen prüfen nicht mehr anhand der Schrift, was ihre Leiter lehren und praktizieren.

Was ist Autoritarismus?

Es gibt unterschiedliche Strömungen und Färbungen des evangelikalen Autoritarismus. Aber im wesentlichen kann er so zusammengefasst werden:

„Ein Christ muss sich seinen Leitern unterordnen und gehorchen, nicht nur in Angelegenheiten direkter biblischer Gebote, sondern in allem. Wenn ein Christ einen Leiter kritisiert oder ihm widerspricht, begeht er die Sünde der ‚Rebellion‘.“

Einige gehen noch weiter und sagen ausdrücklich, ein Christ müsse sich auch dann unterordnen und gehorchen, wenn seine Leiter in Sünde leben, oder wenn ihre Befehle unsinnig, schädlich, oder im Widerspruch zur Bibel sind.

Einige lehren zudem, die Unterordnung unter einen autoritären Leiter sei eine „Abdeckung“, die einen beschützt vor Versuchungen, teuflischen Angriffen, und Strafen Gottes.

In der Praxis führt das zu Situationen wie die folgenden:

– Eine Frau lässt sich von ihren Gemeindeleitern überzeugen, eine gutbezahlte Arbeitsstelle zu kündigen, um als Sekretärin der Kirche zu arbeiten, zu einem niedrigeren Lohn und ohne formellen Arbeitsvertrag. Nach mehreren Monaten wartet sie immer noch auf ihren ersten Lohn. Sie reklamiert bei den Leitern, aber diese sagen ihr nur, sie solle Geduld haben. Später stellt sie die Leiter wiederum zur Rede, zusammen mit zwei anderen Personen (nach Mat.18,16). Die Leiter machen ihr Vorwürfe, weil sie mit anderen Personen über die Angelegenheit gesprochen hat. Einige Zeit später wird sie wegen „Klatsch“ und „Rebellion“ entlassen.

– Der Kassier einer Kirche erhält Anweisungen von seinem Pastor, bestimmte Änderungen in der Buchhaltung durchzuführen. Bei der Überprüfung findet der Kassier Beweise für unrechtmässige Bereicherungen von seiten des Pastors, und versteht, dass die verlangten Änderungen dazu dienen sollen, diese Tatsachen zu verbergen, angesichts einer bevorstehenden Revision. Der Kassier getraut sich nicht, die Anweisungen in Frage zu stellen, da er weiss, dass er sonst als „ungehorsam“ unter „Gemeindezucht“ gestellt würde. Er erwägt zurückzutreten und zu einer anderen Gemeinde zu wechseln. Aber der Pastor droht ihm: „Wenn du das tust, dann verlierst du deine ganze geistliche Abdeckung, und fällst unter einen Fluch und unter den Einfluss des Teufels.“ Dadurch lässt sich der Kassier zwingen, sich zum Komplizen des Pastors zu machen, wenn auch mit einer riesigen Last auf seinem Gewissen.

– Die Leiter einer gewissen Kirche glauben sich dazu berufen, über allen Liebesbeziehungen und Heiraten der Mitglieder streng zu „wachen“. Sie verbieten ihnen, eine Paarbeziehung anzufangen oder zu heiraten ohne die Erlaubnis der Leiter. Sie trennen Dutzende von Liebes- und Brautpaaren, und zwingen sie, jemand anderen zu heiraten. Einige der betroffenen Personen verlassen die Kirche und verlieren ihren Glauben. Andere fügen sich den Leitern und erleiden später Schiffbruch in ihrer Ehe.

– In einer gewissen Kirche weiss jedermann, dass der Pastor eine Geliebte hat. Aber niemand getraut sich darüber zu sprechen, weil sie wissen, dass sie sonst unter „Gemeindezucht“ gestellt würden; denn es gilt als Sünde, den Pastor zu kritisieren. Die Kirche hat einen regionalen Rat, der gemäss dem offiziellen Organigramm über die örtlichen Pastoren wachen soll. Eines Tages konfrontiert der Regionalpräsident den Pastor mit seiner Sünde. Der Pastor berät sich mit einigen Leitern, die ihn unterstützen; beklagt sich über „Rebellion“ von seiten eines Mitarbeiters (womit der Regionalpräsident gemeint ist), und sie intrigieren gegen den Regionalpräsidenten, um ihn seines Amtes zu entheben.

In autoritären Organisationen kommt es oft vor, dass ein „Vorstand“ eingesetzt wird, um den Anschein einer Gewaltenteilung zu erwecken, während in Wirklichkeit der Vorstand keinerlei Macht hat, sondern vollständig vom autoritären Leiter abhängig ist.

(Die Beispiele beruhen auf mir bekannten authentischen Fällen, nur mit Änderungen einiger Details. Ich habe Kenntnis von noch schwerwiegenderen Fällen.)

In Familien, die von einer autoritären Strömung beeinflusst sind, kommen oft Kindsmisshandlungen und sexueller Missbrauch vor. Zudem wird eine „Schweigekultur“ gepflegt, um die Taten zu verheimlichen und zu verhindern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. – In dieser Schrift ist nicht Raum, um auf diese Problematik einzugehen; ich beschränke mich im folgenden auf die Aspekte, die die Kirche betreffen.

Die erwähnten Beispiele zeigen bereits, dass der Autoritarismus schlechte Frucht bringt. In den folgenden Artikeln werden wir das auf etwas systematischere Weise untersuchen.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (7.Teil)

5. September 2017

In den vorhergehenden Artikeln dieser Serie haben wir einige Kennzeichen der Urgemeinde untersucht, wie sie in Apostelgeschichte 2,36-47 beschrieben werden. Fassen wir zusammen:

  • Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden. Das geschieht nicht einfach durch das Nachsprechen eines „Übergabegebets“. Zu einer echten Wiedergeburt ist eine heftige „Kollision“ mit Gott nötig, die eine Überführung von der Sünde bewirkt. Die Wiedergeburt schliesst eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns ein (was die Bibel „Umkehr“ bzw. „Bekehrung“ nennt). Sie schliesst ein, den Heiligen Geist zu empfangen, welcher den Gläubigen befähigt, die Sünde zu überwinden und ständig unter der Herrschaft Jesu zu leben. – Eine „Gemeinde“, die sich mit weniger zufriedengibt, kann schon von da her nicht neutestamentliche Gemeinde sein.
  • Die neutestamentliche Gemeinde ist auf die „Lehre der Apostel“ gegründet, so wie sie im Neuen Testament niedergelegt ist. Sie gründet sich nicht auf die „Tradition der Kirche“, noch auf „unser Glaubensbekenntnis“, noch auf die „Unterordnung unter den Pastor“, noch darauf, „wie wir es immer schon gemacht haben“. – Eine Gemeinde, die sich nicht vom Neuen Testament her korrigieren lässt, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
  • Die neutestamentliche Gemeinde lebt in koinonia, d.h. in einer tiefen persönlichen, aufrichtigen und transparenten Gemeinschaft in der Liebe Jesu. Das schliesst ein, das Alltagsleben, geistliche Gaben und materielle Güter miteinander zu teilen. Diese Gemeinschaft geschieht auf persönlicher und familiärer Ebene, ohne dass dazu organisierte Versammlungen notwendig wären. – Wenn die Qualität dieser Gemeinschaft in einer Gemeinde mangelhaft ist oder ganz fehlt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinde in irgendeiner Form vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat.
  • Die neutestamentliche Gemeinde bricht das Brot in den Häusern, „mit einfachem Herzen“, als eine Form der materiellen koinonia, und zugleich als Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren normale Mahlzeiten, wo mehrere Familien beisammen waren, ohne dass die Anwesenheit eines Apostels, Priesters, Pastors, o.ä. erforderlich wäre. – Eine Gemeinde, die lehrt, das Mahl des Herrn sei von irgendeiner Form eines speziellen Priesteramtes abhängig, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
  • Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine besonderen Anstrengungen, um zu „wachsen“ oder um neue Mitglieder anzuwerben. Sie lebten einfach ihr Alltagsleben im Gehorsam dem Herrn gegenüber, und als Folge dieses Gehorsams „fügte Gott hinzu, die gerettet wurden“. (Die Apostel verkündeten die Botschaft des Herrn auch auf den Strassen und Plätzen unter freiem Himmel. Aber das waren keine „Gemeindeversammlungen“; das war die besondere Tätigkeit, zu der die Apostel vom Herrn beauftragt waren.) Sie riefen niemanden dazu auf, „ihr Leben jetzt dem Herrn zu geben“; aber sie warteten darauf, dass Menschen vom Herrn berührt und von ihrer Sünde überführt würden, und diesen boten sie dann die Umkehr und die Erlösung in Jesus Christus an. – Eine Gemeinde, die Erlösung ohne Überführung von der Sünde und ohne radikale Umkehr anbietet, oder die die Menschen manipuliert, damit sie Mitglieder werden, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jeder Vers in Apostelgeschichte 2,36-47 betont dieselbe unangenehme Wahrheit: Was Evangelische/Evangelikale und Katholiken heute „Gemeinde“ oder „Kirche“ nennen, hat nichts gemeinsam mit dem Leben der ersten Christen. Heutige Kirchen nehmen als Mitglieder Menschen auf, die niemals ihr sündiges Leben hinter sich gelassen haben; und sie rechtfertigen diese Praxis mit dem Ausspruch: „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – Sie behaupten vielleicht in der Theorie, dass sie sich auf das Wort Gottes gründen; aber in der Praxis regiert das Wort des Pastors und die kirchliche Tradition – bei den Evangelikalen genauso wie bei den Katholiken. – Sie haben die koinonía in den Häusern ersetzt durch organisierte Veranstaltungen und Predigtversammlungen in institutionellen Gebäuden; und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen sie solche Gebäude „Kirchen“. – Sie haben das Mahl des Herrn aus seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang der familiären Mahlzeit herausgerissen und zu einem feierlichen institutionellen Ritual gemacht, das von einem „Priester“ oder „Pfarrer“ verwaltet wird. – Sie haben den Gehorsam dem Herrn gegenüber im täglichen Leben verlassen, sodass ihre Nächsten nicht mehr das Leben des Herrn in ihnen sehen können; und stattdessen versuchen sie mit Shows und Werbetricks neue Mitglieder für ihre Institutionen zu gewinnen.

Sie verharren auf diesen Abwegen, weil die meisten von ihnen die Apostelgeschichte als ein Märchen aus vergangenen Zeiten lesen, das uns heute nichts anginge. (Wenn sie sie überhaupt lesen.) Aber dieses Buch wurde geschrieben, um uns darüber zu informieren, wie die christliche Gemeinschaft in ihren Anfängen aussah, dem Plan Gottes gemäss; und damit wir uns heute anhand dieser Beschreibung prüfen.

So komme ich zu meinem letzten Punkt über Apostelgeschichte 2:

Die neutestamentliche Gemeinde ist ein übernatürliches Werk Gottes.

Angesichts der hier vorgestellten Kennzeichen einer wahren Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu wird der eine oder andere Leser mich der Übertreibung bezichtigen: „Du bist zu radikal.“ – „Du hast eine zu idealistische Vorstellung.“ – „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – „Es ist unmöglich, diese Kriterien zu erfüllen.“ – „Wir können die Apostelgeschichte heute nicht mehr wörtlich nehmen.“

Und warum nicht? Wir wissen, dass die Jerusalemer Urgemeinde tatsächlich existierte mit all den beschriebenen Eigenschaften. Und in meiner Bibel gibt es keinen Vers, der sagte, Gott hätte seither seine Massstäbe geändert.

Tatsächlich verraten alle die genannten kritischen Kommentare Unglauben: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ – Ja, Gott hat all das gesagt, was ich bisher aus seinem Wort zitiert habe; und so er will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen noch mehr zitieren. Was ist unser Wahrheitskriterium: was Gott gesagt hat, oder was wir als menschenmöglich ansehen?

Ja, ich gebe es zu, ich verlange Unmögliches. Denn Unmöglichkeit ist das Markenzeichen eines jeden echten Wirkens Gottes. Wo Menschenmögliches, Machbares als ein Werk Gottes ausgegeben wird, da handelt es sich um eine Fälschung.
Neutestamentliche Gemeinde ist niemals „machbar“ oder „menschenmöglich“. Tatsächlich ist es völlig unmöglich, mit menschlichen Methoden neutestamentliche Gemeinde zu bauen. Wo „Gemeinde geschieht“, da handelt es sich immer um ein übernatürliches Werk Gottes.

Statt also auf die Unmöglichkeiten hinzuweisen, wäre es eine angemessenere Reaktion, uns zu fragen: Warum haben wir dieses übernatürliche Werk Gottes verloren? Und wie können wir wieder dahin zurückkehren? – Und dann sollten wir zu Gott umkehren, uns vor ihm demütigen und ihn ernsthaft suchen.
„Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt, und betet und mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her erhören und seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“ (2. Chronik 7,14)
Diese Verheissung gilt auch dem neutestamentlichen Gottesvolk.

Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren? (2.Teil)

31. März 2016

Weil sie sich gar nie mit Entschiedenheit von der römisch-katholischen Denkweise losgesagt haben! – Einige Symptome davon habe ich in der vorherigen Folge erwähnt und fahre nun fort damit.

Denominationalismus

Dieser Punkt hängt eng mit den vorherigen zusammen. Wenn man glaubt, die Kirche sei ein Mittel zum Heil, dann setzt sich die Kirche selber an die Stelle Gottes. D.h. die Kirche wird zu einem Götzen.

In der römischen Kirche ist das offensichtlich. Wenn ein Christ die römische Kirche verlässt, wird er als abgefallen betrachtet, auch wenn sein Austritt aus christlichen und biblischen Gründen geschah. – Aber viele evangelikale Kirchen behandeln ein Mitglied, das zu einer anderen Denomination wechseln will, ganz ähnlich: „Aber du bist hier bei uns geistlich geboren, du gehörst zu uns, du musst deiner Gemeinde treu bleiben, du kannst uns doch nicht so verraten …“ Ich kannte sogar jemanden, der von seinen Gemeindeleitern mit bitteren Vorwürfen überhäuft und als Feind betrachtet wurde, weil er zu einer anderen örtlichen Gemeinde desselben Gemeindeverbandes übertreten wollte!

Evangelikale Leiter, die sich als Erben der Reformation betrachten, die sich einst von der römischen Kirche getrennt hatten, sagen jetzt also ihren Gemeindeglieder, Gott würde ihnen nie, nie erlauben, das zu tun, was die ersten Reformatoren taten: der Denomination zu widersprechen, in der sie „geboren“ wurden, oder gar aus ihr auszutreten. Sie lehren die „Treue zur Denomination“. Das ist genau die Denkweise, die sie auf direktem Weg dazu bringt, die Reformation zu verleugnen. Ich habe das schon vor manchen Jahren vorhergesagt, und jetzt geschieht es tatsächlich.

Sakramente und Rituale

Die Sakramente sind ein weiterer Grundpfeiler des Katholizismus. Von den sieben Sakramenten der römischen Kirche anerkannte Luther nur die Taufe, das Abendmahl und die Beichte; und später stellte er auch die Beichte in Frage. Viele Evangelikale verwerfen auch den Ausdruck „Sakrament“ und sprechen von „Verordnungen“ o.ä.

Aber der springende Punkt ist nicht, ob wir sieben Sakramente oder zwei haben, oder mit welchem Namen wir sie benennen. Viel wichtiger ist, was für eine Vorstellung wir von ihrem Wirken haben.

Nach dem katholischen Konzept wirken die Sakramente „aus sich selbst heraus“: Die Taufe bewirkt, dass jemand von neuem geboren wird; die Firmung bewirkt, dass jemand vom Heiligen Geist versiegelt wird; die Absolution bewirkt, dass Sünde vergeben wird, usw. D.h. nach dieser Vorstellung ist ein Sakrament eine äusserliche Handlung, die eine geistliche Realität bewirkt.

Um diese Idee zu widerlegen, wäre es ausreichend, auf die grosse Zahl von Getauften hinzuweisen, die täglich mit ihrem Leben zeigen, dass sie nicht wiedergeboren sind. Dennoch übertragen viele Evangelikale im Grunde dieselbe sakramentalistische Mentalität auf ihre eigenen Riten.

Z.B. haben sie das „Übergabegebet“. Wenn ich einen Evangelikalen bitte, mir zu erzählen, wie er von neuem geboren wurde, dann erzählen fast alle von dem Moment, als sie „das Gebet sprachen“. D.h. sie verrichteten einen äusserlichen Ritus und glauben, dieser Ritus hätte bewirkt, dass sie wiedergeboren wurden. Aber die Wiedergeburt ist ein innerlicher und geistlicher Vorgang. War diese geistliche Realität wirklich gegenwärtig in dem Übergabegebet, oder nicht?
– In einigen Fällen mag das „Übergabegebet“ tatsächlich eine geistliche Realität ausgedrückt haben: dass die Person vom Heiligen Geist von ihrer Sünde überführt wurde; dass sie ihr Verlorensein erkannte; dass sie sich von der Sünde abwandte; dass sie begann, auf Jesus zu vertrauen und für ihn und durch ihn zu leben. Aber in vielen anderen Fällen ist dieses Gebet ein ebenso leeres Ritual wie so und so viele katholische Säuglingstaufen.

Wir müssen verstehen, dass die geistliche Realität vorrangig ist. Ein äusserliches Ritual hat nur dann irgendeinen Wert, wenn es eine geistliche Realität ausdrückt, die tatsächlich existiert. Wenn jemand wirklich durch den Heiligen Geist von neuem geboren wird, dann wird das legitimerweise durch die Taufe ausgedrückt. Aber wo diese geistliche Realität nicht vorhanden ist, da hat alles Wasser der Welt keine Macht, diese Person von neuem geboren werden zu lassen.

Ähnliches müssen wir zu dem Ritual von „Lobpreis und Anbetung“ sagen. Viele glauben, der Herr freue sich mehr, oder seine Gegenwart werde stärker, umso mehr sie singen und musizieren und ihm mit ihren Worten schmeicheln. Das mag dann zutreffen, wenn der Lobpreis ein echter Ausdruck eines wirklich dankbaren Herzens ist, und eines Gott wohlgefälligen Lebens. Aber wo das nicht der Fall ist, da sagt der Herr:
„Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag eure Feiern nicht riechen. … Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören! Aber es ströme wie Wasser das Recht, und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!“ (Amos 5,21-24)

Wir könnten weiterfahren mit dem Ritual der „Kollekte“ (in manchen Kirchen gar „Opfer“ genannt), das nichts gemeinsam hat mit der freiwilligen Grosszügigkeit der ersten Christen; dem Ritual der „Versöhnung“ (das oft nur äusserliche Show ist, ohne dass echte Umkehr oder Wiedergutmachung geschieht); dem Ritual des gemeinsamen Gebets (wo viele der äusseren Haltung oder den „richtigen Worten“ mehr Gewicht geben als dem Suchen des Herrn und der richtigen Herzenshaltung); usw. Ja, es gibt einen evangelikalen Sakramentalismus, der sie dafür anfällig macht, mit der Zeit auch die katholischen Sakramente zu suchen.

Konstantinismus

Mit dem römischen Kaiser Konstantin begann die Vermischung von Kirche und Staat, die so charakteristisch ist für die ganze Geschichte der römischen Kirche bis heute. Konstantin zeigte sich als grosser Beschützer und Wohltäter der Kirche, und die Kirche nahm das bereitwillig an, ohne ihr Unterscheidungsvermögen auszuüben. Im Gegenzug masste sich Konstantin das Recht an, in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen. Z.B. berief er das Konzil von Nicäa (325) und führte dort auch den Vorsitz, obwohl er keinerlei Leiterschaftsstellung in der Kirche innehatte; er war noch nicht einmal getauft.
Fünfzig Jahre später erklärte Kaiser Theodosius das (römische) Christentum zur einzig erlaubten Staatsreligion. Und bereits begannen die ersten Verfolgungen gegen jene, die mit den Lehren Roms nicht einverstanden waren. So schnell wurden die Verfolgten zu Verfolgern!

Diese konstantinische Einstellung lässt sich bis heute beobachten:

– Von seiten der Staatsregierung, Einmischung in die Kirche, indem Kirchen staatliche Bevorzugung erhalten, Regierungsstellen über kirchliche Angelegenheiten entscheiden, und sogar Verurteilungen in Glaubensfragen aussprechen.
– Von seiten der kirchlichen Leiter, ein Suchen nach solchen staatlichen Einmischungen und Hilfeleistungen; Gebrauch der Regierung als Machtinstrument, um kirchliche Entscheidungen mit Gewalt durchzusetzen (so z.B. bei der Aburteilung von „Ketzern“); und ein Streben nach politischer Macht für die Kirchenführer selber.

Die Reformatoren legten dieselbe Haltung an den Tag, was bis heute in fast allen reformierten Ländern nachwirkt. Zur Reformationszeit waren die Täufer die einzige Ausnahme: Sie verzichteten auf jeden staatlichen Schutz, um ihre Unabhängigkeit und geistliche Reinheit zu bewahren.

Auch die heutigen evangelikalen Freikirchen sind eifrig darum bemüht, vom Staat „anerkannt“ zu werden, staatliche Subventionen und „religiöse Gleichberechtigung“ zu erhalten. Sie nehmen in Kauf, dass dafür ihr Glaube kompromittiert wird. Hier in Perú z.B. kann sich eine Freikirche der „religiösen Gleichberechtigung“ nur dann erfreuen, wenn sie dem ökumenischen Nationalen Kirchenrat angeschlossen ist (der hierzulande anstelle der Evangelischen Allianz steht).

Auch viele heutige evangelikale Leiter streben nach politischer Macht. Das ist eine Katastrophe für das Evangelium, weil sich herausstellte, dass viele evangelikale Politiker ebenso korrupt waren wie die weltlichen.

Nur wenige Evangelikale haben gelernt zu unterscheiden, was des Kaisers ist und was Gottes. Auch in dieser Hinsicht haben allzuviele von ihnen eine katholische Mentalität.

Schluss

Die evangelikalen Leiter sind anfällig dafür, zum Katholizismus zurückzukehren, weil sie ihn nie ganz verlassen haben. Statt die Reformation nach biblischen Prinzipien weiterzuführen, blieben sie grösstenteils dort stehen, wo Luther aufgehört hatte, und gingen in einigen Punkten sogar hinter ihn zurück. Deshalb haben auch heute die meisten Evangelikalen eine Mentalität, die dem Katholizismus näher steht als dem neutestamentlichen Christentum. Das ist der tiefere Grund dafür, warum sie sich nun so leicht nach Rom zurückführen lassen.

In früheren Zeiten herrschte immerhin noch eine weitverbreitete Gottesfurcht, und sogar das öffentliche Leben in den reformierten Ländern war stark auf die Bibel abgestützt. So konnte Gott damals als Werkzeuge für Erweckungen auch Menschen gebrauchen, die stark mit diesem „evangelikatholischen“ System verbunden waren, wie z.B. den Lutheraner Zinzendorf, oder den anglikanischen Pfarrer Wesley. Aber heute sind die evangelikalen Kirchen geistlich schwach, moralisch verdorben, und mehr um den äusseren Anschein bemüht als um ihren Herzenszustand. So ist es nur natürlich, wenn sie jetzt allmählich überwunden werden durch die Rückstände des Katholizismus, die sich immer noch in ihrer Mitte befinden. Wenn sie jetzt eine „vollständige und sichtbare Einheit“ mit der römischen Kirche anstreben (so Geoff Tunnicliffe, Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz, und andere weltbekannte evangelikale Leiter), so ist das nur die letzte Konsequenz davon, dass sie sich nie mit der nötigen Entschiedenheit auf das Fundament der Heiligen Schrift gestellt haben.

„… weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden; deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“
(2.Thessalonicher 2,10-12)

Ich hoffe, dass wenigstens einige wenige die Zeichen der Zeit verstehen, die Liebe zur Wahrheit aufnehmen, und sich auf die Seite Gottes stellen.

Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)