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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (7.Teil)

5. September 2017

In den vorhergehenden Artikeln dieser Serie haben wir einige Kennzeichen der Urgemeinde untersucht, wie sie in Apostelgeschichte 2,36-47 beschrieben werden. Fassen wir zusammen:

  • Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden. Das geschieht nicht einfach durch das Nachsprechen eines „Übergabegebets“. Zu einer echten Wiedergeburt ist eine heftige „Kollision“ mit Gott nötig, die eine Überführung von der Sünde bewirkt. Die Wiedergeburt schliesst eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns ein (was die Bibel „Umkehr“ bzw. „Bekehrung“ nennt). Sie schliesst ein, den Heiligen Geist zu empfangen, welcher den Gläubigen befähigt, die Sünde zu überwinden und ständig unter der Herrschaft Jesu zu leben. – Eine „Gemeinde“, die sich mit weniger zufriedengibt, kann schon von da her nicht neutestamentliche Gemeinde sein.
  • Die neutestamentliche Gemeinde ist auf die „Lehre der Apostel“ gegründet, so wie sie im Neuen Testament niedergelegt ist. Sie gründet sich nicht auf die „Tradition der Kirche“, noch auf „unser Glaubensbekenntnis“, noch auf die „Unterordnung unter den Pastor“, noch darauf, „wie wir es immer schon gemacht haben“. – Eine Gemeinde, die sich nicht vom Neuen Testament her korrigieren lässt, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
  • Die neutestamentliche Gemeinde lebt in koinonia, d.h. in einer tiefen persönlichen, aufrichtigen und transparenten Gemeinschaft in der Liebe Jesu. Das schliesst ein, das Alltagsleben, geistliche Gaben und materielle Güter miteinander zu teilen. Diese Gemeinschaft geschieht auf persönlicher und familiärer Ebene, ohne dass dazu organisierte Versammlungen notwendig wären. – Wenn die Qualität dieser Gemeinschaft in einer Gemeinde mangelhaft ist oder ganz fehlt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinde in irgendeiner Form vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat.
  • Die neutestamentliche Gemeinde bricht das Brot in den Häusern, „mit einfachem Herzen“, als eine Form der materiellen koinonia, und zugleich als Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren normale Mahlzeiten, wo mehrere Familien beisammen waren, ohne dass die Anwesenheit eines Apostels, Priesters, Pastors, o.ä. erforderlich wäre. – Eine Gemeinde, die lehrt, das Mahl des Herrn sei von irgendeiner Form eines speziellen Priesteramtes abhängig, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
  • Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine besonderen Anstrengungen, um zu „wachsen“ oder um neue Mitglieder anzuwerben. Sie lebten einfach ihr Alltagsleben im Gehorsam dem Herrn gegenüber, und als Folge dieses Gehorsams „fügte Gott hinzu, die gerettet wurden“. (Die Apostel verkündeten die Botschaft des Herrn auch auf den Strassen und Plätzen unter freiem Himmel. Aber das waren keine „Gemeindeversammlungen“; das war die besondere Tätigkeit, zu der die Apostel vom Herrn beauftragt waren.) Sie riefen niemanden dazu auf, „ihr Leben jetzt dem Herrn zu geben“; aber sie warteten darauf, dass Menschen vom Herrn berührt und von ihrer Sünde überführt würden, und diesen boten sie dann die Umkehr und die Erlösung in Jesus Christus an. – Eine Gemeinde, die Erlösung ohne Überführung von der Sünde und ohne radikale Umkehr anbietet, oder die die Menschen manipuliert, damit sie Mitglieder werden, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jeder Vers in Apostelgeschichte 2,36-47 betont dieselbe unangenehme Wahrheit: Was Evangelische/Evangelikale und Katholiken heute „Gemeinde“ oder „Kirche“ nennen, hat nichts gemeinsam mit dem Leben der ersten Christen. Heutige Kirchen nehmen als Mitglieder Menschen auf, die niemals ihr sündiges Leben hinter sich gelassen haben; und sie rechtfertigen diese Praxis mit dem Ausspruch: „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – Sie behaupten vielleicht in der Theorie, dass sie sich auf das Wort Gottes gründen; aber in der Praxis regiert das Wort des Pastors und die kirchliche Tradition – bei den Evangelikalen genauso wie bei den Katholiken. – Sie haben die koinonía in den Häusern ersetzt durch organisierte Veranstaltungen und Predigtversammlungen in institutionellen Gebäuden; und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen sie solche Gebäude „Kirchen“. – Sie haben das Mahl des Herrn aus seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang der familiären Mahlzeit herausgerissen und zu einem feierlichen institutionellen Ritual gemacht, das von einem „Priester“ oder „Pfarrer“ verwaltet wird. – Sie haben den Gehorsam dem Herrn gegenüber im täglichen Leben verlassen, sodass ihre Nächsten nicht mehr das Leben des Herrn in ihnen sehen können; und stattdessen versuchen sie mit Shows und Werbetricks neue Mitglieder für ihre Institutionen zu gewinnen.

Sie verharren auf diesen Abwegen, weil die meisten von ihnen die Apostelgeschichte als ein Märchen aus vergangenen Zeiten lesen, das uns heute nichts anginge. (Wenn sie sie überhaupt lesen.) Aber dieses Buch wurde geschrieben, um uns darüber zu informieren, wie die christliche Gemeinschaft in ihren Anfängen aussah, dem Plan Gottes gemäss; und damit wir uns heute anhand dieser Beschreibung prüfen.

So komme ich zu meinem letzten Punkt über Apostelgeschichte 2:

Die neutestamentliche Gemeinde ist ein übernatürliches Werk Gottes.

Angesichts der hier vorgestellten Kennzeichen einer wahren Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu wird der eine oder andere Leser mich der Übertreibung bezichtigen: „Du bist zu radikal.“ – „Du hast eine zu idealistische Vorstellung.“ – „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – „Es ist unmöglich, diese Kriterien zu erfüllen.“ – „Wir können die Apostelgeschichte heute nicht mehr wörtlich nehmen.“

Und warum nicht? Wir wissen, dass die Jerusalemer Urgemeinde tatsächlich existierte mit all den beschriebenen Eigenschaften. Und in meiner Bibel gibt es keinen Vers, der sagte, Gott hätte seither seine Massstäbe geändert.

Tatsächlich verraten alle die genannten kritischen Kommentare Unglauben: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ – Ja, Gott hat all das gesagt, was ich bisher aus seinem Wort zitiert habe; und so er will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen noch mehr zitieren. Was ist unser Wahrheitskriterium: was Gott gesagt hat, oder was wir als menschenmöglich ansehen?

Ja, ich gebe es zu, ich verlange Unmögliches. Denn Unmöglichkeit ist das Markenzeichen eines jeden echten Wirkens Gottes. Wo Menschenmögliches, Machbares als ein Werk Gottes ausgegeben wird, da handelt es sich um eine Fälschung.
Neutestamentliche Gemeinde ist niemals „machbar“ oder „menschenmöglich“. Tatsächlich ist es völlig unmöglich, mit menschlichen Methoden neutestamentliche Gemeinde zu bauen. Wo „Gemeinde geschieht“, da handelt es sich immer um ein übernatürliches Werk Gottes.

Statt also auf die Unmöglichkeiten hinzuweisen, wäre es eine angemessenere Reaktion, uns zu fragen: Warum haben wir dieses übernatürliche Werk Gottes verloren? Und wie können wir wieder dahin zurückkehren? – Und dann sollten wir zu Gott umkehren, uns vor ihm demütigen und ihn ernsthaft suchen.
„Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt, und betet und mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her erhören und seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“ (2. Chronik 7,14)
Diese Verheissung gilt auch dem neutestamentlichen Gottesvolk.

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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren? (2.Teil)

31. März 2016

Weil sie sich gar nie mit Entschiedenheit von der römisch-katholischen Denkweise losgesagt haben! – Einige Symptome davon habe ich in der vorherigen Folge erwähnt und fahre nun fort damit.

Denominationalismus

Dieser Punkt hängt eng mit den vorherigen zusammen. Wenn man glaubt, die Kirche sei ein Mittel zum Heil, dann setzt sich die Kirche selber an die Stelle Gottes. D.h. die Kirche wird zu einem Götzen.

In der römischen Kirche ist das offensichtlich. Wenn ein Christ die römische Kirche verlässt, wird er als abgefallen betrachtet, auch wenn sein Austritt aus christlichen und biblischen Gründen geschah. – Aber viele evangelikale Kirchen behandeln ein Mitglied, das zu einer anderen Denomination wechseln will, ganz ähnlich: „Aber du bist hier bei uns geistlich geboren, du gehörst zu uns, du musst deiner Gemeinde treu bleiben, du kannst uns doch nicht so verraten …“ Ich kannte sogar jemanden, der von seinen Gemeindeleitern mit bitteren Vorwürfen überhäuft und als Feind betrachtet wurde, weil er zu einer anderen örtlichen Gemeinde desselben Gemeindeverbandes übertreten wollte!

Evangelikale Leiter, die sich als Erben der Reformation betrachten, die sich einst von der römischen Kirche getrennt hatten, sagen jetzt also ihren Gemeindeglieder, Gott würde ihnen nie, nie erlauben, das zu tun, was die ersten Reformatoren taten: der Denomination zu widersprechen, in der sie „geboren“ wurden, oder gar aus ihr auszutreten. Sie lehren die „Treue zur Denomination“. Das ist genau die Denkweise, die sie auf direktem Weg dazu bringt, die Reformation zu verleugnen. Ich habe das schon vor manchen Jahren vorhergesagt, und jetzt geschieht es tatsächlich.

Sakramente und Rituale

Die Sakramente sind ein weiterer Grundpfeiler des Katholizismus. Von den sieben Sakramenten der römischen Kirche anerkannte Luther nur die Taufe, das Abendmahl und die Beichte; und später stellte er auch die Beichte in Frage. Viele Evangelikale verwerfen auch den Ausdruck „Sakrament“ und sprechen von „Verordnungen“ o.ä.

Aber der springende Punkt ist nicht, ob wir sieben Sakramente oder zwei haben, oder mit welchem Namen wir sie benennen. Viel wichtiger ist, was für eine Vorstellung wir von ihrem Wirken haben.

Nach dem katholischen Konzept wirken die Sakramente „aus sich selbst heraus“: Die Taufe bewirkt, dass jemand von neuem geboren wird; die Firmung bewirkt, dass jemand vom Heiligen Geist versiegelt wird; die Absolution bewirkt, dass Sünde vergeben wird, usw. D.h. nach dieser Vorstellung ist ein Sakrament eine äusserliche Handlung, die eine geistliche Realität bewirkt.

Um diese Idee zu widerlegen, wäre es ausreichend, auf die grosse Zahl von Getauften hinzuweisen, die täglich mit ihrem Leben zeigen, dass sie nicht wiedergeboren sind. Dennoch übertragen viele Evangelikale im Grunde dieselbe sakramentalistische Mentalität auf ihre eigenen Riten.

Z.B. haben sie das „Übergabegebet“. Wenn ich einen Evangelikalen bitte, mir zu erzählen, wie er von neuem geboren wurde, dann erzählen fast alle von dem Moment, als sie „das Gebet sprachen“. D.h. sie verrichteten einen äusserlichen Ritus und glauben, dieser Ritus hätte bewirkt, dass sie wiedergeboren wurden. Aber die Wiedergeburt ist ein innerlicher und geistlicher Vorgang. War diese geistliche Realität wirklich gegenwärtig in dem Übergabegebet, oder nicht?
– In einigen Fällen mag das „Übergabegebet“ tatsächlich eine geistliche Realität ausgedrückt haben: dass die Person vom Heiligen Geist von ihrer Sünde überführt wurde; dass sie ihr Verlorensein erkannte; dass sie sich von der Sünde abwandte; dass sie begann, auf Jesus zu vertrauen und für ihn und durch ihn zu leben. Aber in vielen anderen Fällen ist dieses Gebet ein ebenso leeres Ritual wie so und so viele katholische Säuglingstaufen.

Wir müssen verstehen, dass die geistliche Realität vorrangig ist. Ein äusserliches Ritual hat nur dann irgendeinen Wert, wenn es eine geistliche Realität ausdrückt, die tatsächlich existiert. Wenn jemand wirklich durch den Heiligen Geist von neuem geboren wird, dann wird das legitimerweise durch die Taufe ausgedrückt. Aber wo diese geistliche Realität nicht vorhanden ist, da hat alles Wasser der Welt keine Macht, diese Person von neuem geboren werden zu lassen.

Ähnliches müssen wir zu dem Ritual von „Lobpreis und Anbetung“ sagen. Viele glauben, der Herr freue sich mehr, oder seine Gegenwart werde stärker, umso mehr sie singen und musizieren und ihm mit ihren Worten schmeicheln. Das mag dann zutreffen, wenn der Lobpreis ein echter Ausdruck eines wirklich dankbaren Herzens ist, und eines Gott wohlgefälligen Lebens. Aber wo das nicht der Fall ist, da sagt der Herr:
„Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag eure Feiern nicht riechen. … Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören! Aber es ströme wie Wasser das Recht, und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!“ (Amos 5,21-24)

Wir könnten weiterfahren mit dem Ritual der „Kollekte“ (in manchen Kirchen gar „Opfer“ genannt), das nichts gemeinsam hat mit der freiwilligen Grosszügigkeit der ersten Christen; dem Ritual der „Versöhnung“ (das oft nur äusserliche Show ist, ohne dass echte Umkehr oder Wiedergutmachung geschieht); dem Ritual des gemeinsamen Gebets (wo viele der äusseren Haltung oder den „richtigen Worten“ mehr Gewicht geben als dem Suchen des Herrn und der richtigen Herzenshaltung); usw. Ja, es gibt einen evangelikalen Sakramentalismus, der sie dafür anfällig macht, mit der Zeit auch die katholischen Sakramente zu suchen.

Konstantinismus

Mit dem römischen Kaiser Konstantin begann die Vermischung von Kirche und Staat, die so charakteristisch ist für die ganze Geschichte der römischen Kirche bis heute. Konstantin zeigte sich als grosser Beschützer und Wohltäter der Kirche, und die Kirche nahm das bereitwillig an, ohne ihr Unterscheidungsvermögen auszuüben. Im Gegenzug masste sich Konstantin das Recht an, in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen. Z.B. berief er das Konzil von Nicäa (325) und führte dort auch den Vorsitz, obwohl er keinerlei Leiterschaftsstellung in der Kirche innehatte; er war noch nicht einmal getauft.
Fünfzig Jahre später erklärte Kaiser Theodosius das (römische) Christentum zur einzig erlaubten Staatsreligion. Und bereits begannen die ersten Verfolgungen gegen jene, die mit den Lehren Roms nicht einverstanden waren. So schnell wurden die Verfolgten zu Verfolgern!

Diese konstantinische Einstellung lässt sich bis heute beobachten:

– Von seiten der Staatsregierung, Einmischung in die Kirche, indem Kirchen staatliche Bevorzugung erhalten, Regierungsstellen über kirchliche Angelegenheiten entscheiden, und sogar Verurteilungen in Glaubensfragen aussprechen.
– Von seiten der kirchlichen Leiter, ein Suchen nach solchen staatlichen Einmischungen und Hilfeleistungen; Gebrauch der Regierung als Machtinstrument, um kirchliche Entscheidungen mit Gewalt durchzusetzen (so z.B. bei der Aburteilung von „Ketzern“); und ein Streben nach politischer Macht für die Kirchenführer selber.

Die Reformatoren legten dieselbe Haltung an den Tag, was bis heute in fast allen reformierten Ländern nachwirkt. Zur Reformationszeit waren die Täufer die einzige Ausnahme: Sie verzichteten auf jeden staatlichen Schutz, um ihre Unabhängigkeit und geistliche Reinheit zu bewahren.

Auch die heutigen evangelikalen Freikirchen sind eifrig darum bemüht, vom Staat „anerkannt“ zu werden, staatliche Subventionen und „religiöse Gleichberechtigung“ zu erhalten. Sie nehmen in Kauf, dass dafür ihr Glaube kompromittiert wird. Hier in Perú z.B. kann sich eine Freikirche der „religiösen Gleichberechtigung“ nur dann erfreuen, wenn sie dem ökumenischen Nationalen Kirchenrat angeschlossen ist (der hierzulande anstelle der Evangelischen Allianz steht).

Auch viele heutige evangelikale Leiter streben nach politischer Macht. Das ist eine Katastrophe für das Evangelium, weil sich herausstellte, dass viele evangelikale Politiker ebenso korrupt waren wie die weltlichen.

Nur wenige Evangelikale haben gelernt zu unterscheiden, was des Kaisers ist und was Gottes. Auch in dieser Hinsicht haben allzuviele von ihnen eine katholische Mentalität.

Schluss

Die evangelikalen Leiter sind anfällig dafür, zum Katholizismus zurückzukehren, weil sie ihn nie ganz verlassen haben. Statt die Reformation nach biblischen Prinzipien weiterzuführen, blieben sie grösstenteils dort stehen, wo Luther aufgehört hatte, und gingen in einigen Punkten sogar hinter ihn zurück. Deshalb haben auch heute die meisten Evangelikalen eine Mentalität, die dem Katholizismus näher steht als dem neutestamentlichen Christentum. Das ist der tiefere Grund dafür, warum sie sich nun so leicht nach Rom zurückführen lassen.

In früheren Zeiten herrschte immerhin noch eine weitverbreitete Gottesfurcht, und sogar das öffentliche Leben in den reformierten Ländern war stark auf die Bibel abgestützt. So konnte Gott damals als Werkzeuge für Erweckungen auch Menschen gebrauchen, die stark mit diesem „evangelikatholischen“ System verbunden waren, wie z.B. den Lutheraner Zinzendorf, oder den anglikanischen Pfarrer Wesley. Aber heute sind die evangelikalen Kirchen geistlich schwach, moralisch verdorben, und mehr um den äusseren Anschein bemüht als um ihren Herzenszustand. So ist es nur natürlich, wenn sie jetzt allmählich überwunden werden durch die Rückstände des Katholizismus, die sich immer noch in ihrer Mitte befinden. Wenn sie jetzt eine „vollständige und sichtbare Einheit“ mit der römischen Kirche anstreben (so Geoff Tunnicliffe, Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz, und andere weltbekannte evangelikale Leiter), so ist das nur die letzte Konsequenz davon, dass sie sich nie mit der nötigen Entschiedenheit auf das Fundament der Heiligen Schrift gestellt haben.

„… weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden; deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“
(2.Thessalonicher 2,10-12)

Ich hoffe, dass wenigstens einige wenige die Zeichen der Zeit verstehen, die Liebe zur Wahrheit aufnehmen, und sich auf die Seite Gottes stellen.

Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)

Grosse Überraschung: Der Papst ist katholisch!

23. April 2015

Warum soll das eine Überraschung sein, fragen Sie sicherlich. Aber lesen Sie weiter.

Da hegen z.B.gewisse Leiter der deutschen Landeskirchen die Hoffnung, der Papst könnte inzwischen reformiert geworden sein. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet zum Reformationsjubiläum 2017 einzuladen. Man lese und staune:

„EKD-Ratschef Nikolaus Schneider (…) hat Papst Franziskus zur Teilnahme am Reformationsjubiläum 2017 eingeladen. (…) Der Ratschef und Franziskus beteten gemeinsam ein Vaterunser und sprachen einander mit „Bruder“ an. (…) Es war die erste Audienz des neuen Papstes für einen Deutschen. Wie Franziskus indes auf die Einladung zum Reformationsjubiläum reagierte, wurde zunächst nicht bekannt.“
(Aus dem „Newsletter der Lutherdekade“ auf luther2017.de)

Schon seit längerem laufen Vorbereitungen, die lutherischen und katholischen Kirchen wiederzuvereinigen. Bereits 1999 veröffentlichten der Lutherische Weltbund (LWB) und der Vatikan zusammen eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Kurz gesagt wird darin erklärt, Lutheraner und Katholiken stimmten jetzt in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein, und die noch verbleibenden Differenzen seien unwesentlich.
Nun folgt der nächste Schritt:

Lutheraner und Katholiken „gemeinsam unterwegs“
(…) „Auch im Internet kann man ernsthaft über Theologie und Glauben diskutieren!“ Dies konstatierten der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Bückeburg), und der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des ökumenischen Internetprojekts „2017 gemeinsam unterwegs“.
(…) Auslöser für das Projekt war die Bitte von LWB und Päpstlichem Einheitsrat, das 2013 gemeinschaftlich publizierte Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ in ökumenischer Verbundenheit zu rezipieren. Im Verlauf der Veranstaltung unterstrichen Manzke und Feige, dass der Weg zum Reformationsjahr 2017 ökumenisch begangen werden müsse. (…)
(Aus den offiziellen Nachrichten der EKD auf ekd.de, 18.Dezember 2014)

Dieses neue Dialogdokument (dessen Genehmigung durch den Vatikan jedoch noch aussteht) nimmt in seinem Artikel 25 ausdrücklich auf die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 Bezug.

Aber nicht nur Lutheraner sind versessen darauf, nach Rom zu pilgern. Die evangelikalen Freikirchen sitzen im selben Boot. Ein entscheidender Mittelsmann in dieser Hinsicht war anscheinend der letztes Jahr verstorbene anglikanische Bischof Tony Palmer. Einzelheiten über ihn können u.a. in dieser längeren Reportage aus der Zeitung „Boston Globe“ nachgelesen werden (auf Englisch). Hier kurz zusammengefasst:

Palmer schloss schon 2006 in Buenos Aires eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Bergoglio. Er wollte sogar zum Katholizismus konvertieren, aber Bergoglio riet ihm, stattdessen seinen Einfluss unter evangelikalen Leitern geltend zu machen: „Wir brauchen Brückenbauer“. Palmer hatte nämlich zugleich einen guten Draht zu wichtigen evangelikalen und pfingstlichen Leitern. (Wir müssen ihn also als einen richtiggehenden Geheimagenten des Vatikans in den evangelikalen Reihen ansehen.)

Im Januar 2014 lud der neugewählte Papst Palmer in den Vatikan ein und übergab ihm u.a. eine (auf Video aufgezeichnete) Grussbotschaft an eine evangelikale Leiterkonferenz, wo Palmer in der folgenden Woche sprechen würde. An dieser Konferenz, organisiert von Kenneth Copeland, nahmen dreitausend evangelikale Leiter teil. Palmer liess sie die Botschaft des Papstes sehen und sagte dazu: „Wir protestieren nicht mehr gegen die Heilslehre der katholischen Kirche. Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium. Luthers Protest ist vorbei. Deiner auch?“ – Damit erntete er stürmischen Applaus, und in den darauffolgenden Tagen wurde er (so „Boston Globe“) „überschwemmt von Anfragen evangelikaler Leiter, die selber ein Teil dieser Geschehnisse werden wollten“.

So organisierte Palmer im Juni 2014 einen Besuch im Vatikan, an welchem mehrere wichtige evangelikale Leiter teilnahmen, die zusammen „über 700 Millionen Evangelikale weltweit vertreten“. Wenn Sie einer anerkannten evangelikalen Denomination angehören oder sonstwie mit der Evangelischen Allianz o.ä. verbunden sind, dann sind Sie in diesen 700 Millionen inbegriffen. Diese Leiter sagten dem Papst, sie „nähmen seine Einladung an, die sichtbare Einheit mit dem Bischof von Rom zu suchen“.
Bei diesem Treffen übergab Palmer dem Papst einen Entwurf für ein gemeinsames „Glaubensbekenntnis in Einheit für die Mission“, das am Tag des 500-jährigen „Reformationsgedenkens“ in Rom vom Papst und von den Leitern der wichtigsten protestantischen Kirchen gemeinsam unterzeichnet werden soll. Der genaue Inhalt dieses Bekenntnisses ist noch nicht veröffentlicht worden, aber es ist bereits bekannt, dass darin vorkommen:

  • das Nicänische Glaubensbekenntnis (das ausdrücklich den Glauben an „die eine katholische Kirche“ bezeugt),
  • die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999,
  • sowie eine gemeinsame Erlärung in dem Sinne, dass Katholiken und Evangelikale nun in der Mission vereint seien, weil sie dasselbe Evangelium verkündeten.

Wer war damals alles beim Papst?

  • Geoff Tunnicliffe, der Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Die WEA ist der Zusammenschluss aller Evangelischen Allianzen weltweit, und repräsentiert damit (fast) alle Evangelikalen.
  • Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA. Schirrmacher profilierte sich früher als bibeltreuer, konservativer Theologe, der Artikel schrieb für Organisationen bzw. Internetportale der calvinistisch-rekonstruktionistischen Richtung wie „Chalcedon“ und „Contra Mundum“. Er lehrt u.a. an einer bibeltreuen (?) evangelikalen Hochschule (FTA Giessen). Das alles hinderte ihn aber nicht, gleichzeitig als Mitinitiant und Mitautor des ersten „Joint Venture“ zwischen der WEA, dem Weltkirchenrat und dem Vatikan zu fungieren. Folgerichtig schreibt er neuerdings auch für „Current Dialogue“, die offizielle Zeitschrift des ökumenischen Weltkirchenrats.
  • Brian Stiller war Präsident der Kanadischen Evangelischen Allianz, von „Youth for Christ“, und des „Tyndale Seminary“ (das grösste theologische Seminar Kanadas); und reist seit 2011 als „Globaler Botschafter“ der WEA um die Welt.
  • James und Betty Robison. James Robison ist ein bekannter „Televangelist“, der mit seinen Programmen Millionen von Zuschauern erreicht und schon mit Billy Graham verglichen wurde.
  • Der bereits erwähnte Kenneth Copeland ist Leiter von „Wort des Glaubens“, einer Bewegung, die das sogenannte Wohlstandsevangelium verkündet.
  • Zu guter Letzt: John und Carol Arnott, Gründer und Leiter der umstrittenen „Toronto Airport Church“.

Es scheint also, dass jetzt plötzlich alle in der evangelikalen Welt vertretenen Strömungen nach Rom wollen: von konservativen Calvinisten über Mainstream-Evangelikale und -Pfingstler bis hin zu den Extremcharismatikern.

Die in diesen Kreisen nun oft gehörte Aussage „Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium“ wird offenbar von vielen Evangelikalen dahingehend verstanden, als ob Rom nun auf ihren Kurs eingeschwenkt sei. Auch manche Katholiken fassen das anscheinend so auf, wie ich aus besorgten Kommentaren auf katholischen Internetseiten schliesse.

Wer so urteilt, hat das Wesen des Katholizismus nicht ganz verstanden. Dieser fusst nämlich entscheidend auf der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche. Aufgrund dieser Lehre gelten päpstliche und Konzilsdekrete als unfehlbar, gleichrangig mit der Bibel oder sogar dieser übergeordnet – also als von Gott selbst inspirierte bzw. autorisierte Wahrheiten. Dazu gehören u.a. die Verurteilungen der reformatorischen Lehren, und die Dekrete zur Ausrottung der Häretiker. Selbst wenn die obersten Kirchenführer eine dieser Lehren als falsch erkannt hätten, so könnten sie sie dennoch nicht zurücknehmen, aus dem eben erwähnten Grund.
(Es ist also immer noch offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass sogenannte „Häretiker“ getötet werden sollen. Wenn diese Lehre gegenwärtig nicht praktiziert wird, so liegt das nicht an einem grundsätzlichen Gesinnungswandel der Kirche, sondern lediglich daran, dass sie nicht mehr die nötige politische Macht hat dazu.)
Genau an diesem Punkt entzündete sich auch der Streit zwischen Luther und dem Papst. Das Problem war nicht Luthers Polemik gegen den Ablasshandel; das wurde in Rom als „harmloses Mönchsgezänk“ abgetan. Auslöser des Konflikts war vielmehr Luthers Aussage: „Auch Konzilien können irren.“ (Konkret ging es dabei um die Verurteilung und anschliessende Verbrennung von Jan Hus.) Damit stellte er die Grundlage der römischen Kirche in Frage. Würde diese Kirche auch nur ein einziges Dekret eines Konzils oder Papstes widerrufen, so würde sie damit ihre ureigenste Identität preisgeben und Luther recht geben. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass das demnächst geschehen sollte.

Sollte es also wahr sein, dass Katholiken und Evangelikale jetzt „dasselbe Evangelium verkünden“, dann können es nur die Evangelikalen gewesen sein, die ihr Evangelium abänderten, aber nicht die Katholiken.

Dennoch – für diese evangelischen Leiter, die den Papst schon beinahe einen der ihren wähnen, dürfte es eine grosse Überraschung sein, dass er auch ganz anders sprechen kann. Paolo Ricca hat letztes Jahr in einem Artikel auf riforma.it bekanntgemacht, was der Papst wirklich von der Reformation hält. Leider war der Originalartikel schon nicht mehr abrufbar, als ich davon erfuhr; aber auf einem spanischsprachigen Blog wurde der Inhalt wie folgt zusammengefasst:

„Herzlich und voller Lob. Immer bemüht, das Gemeinsame zu unterstreichen und die Unterschiede beiseite zu lassen. Das war bis jetzt das populäre Bild des Papstes Franziskus in seinen Beziehungen zu den Nichtkatholiken.

Viele sind beeindruckt von seinem gefälligen Stil, mit dem er oft andere zu beeinflussen versucht. Das mag bisher die Norm gewesen sein, aber nun gibt es eine sehr bedeutsame Ausnahme. Die kürzliche Neuherausgabe (in Buchform) einer Konferenz über die Geschichte der Jesuiten, die der (damalige) Erzbischof Bergoglio 1985 in Argentinien hielt, bezeugt die harte Kritik, die er an der protestantischen Reformation übt, und insbesondere an Johannes Calvin. Diese Konferenz wurde 2013 in Spanien von neuem veröffentlicht, und wurde dann auch auf Italienisch übersetzt (Chi sono i gesuiti [Wer sind die Jesuiten?], Bologna: EMI, 2014). Da nichts darauf hinweist, dass er seine Gesinnung geändert hätte, müssen wir den Inhalt dieses Buches als eine exakte Wiedergabe dessen ansehen, was Franziskus noch heute über die protestantische Reformation denkt.

Der Protestantismus als die Wurzel allen Übels

(…) Wie er sagt, bestehen die unausweichlichen Folgen der Reformation entweder in der Vernichtung des Menschen in seiner Bedrängnis (was zum existenziellen Atheismus führt), oder in einem Sprung ins Dunkel als eine Art „Übermensch“ (wie es Nietzsche voraussah). Beide Ergebnisse führen zum „Tod Gottes“ und zu einer Art „Heidentum“, das sich u.a. im Nationalsozialismus und im Marxismus äussert. All das soll aus dem „Standpunkt Luthers“ hervorgegangen sein! Bergoglio argumentiert, die Reformation sei die Wurzel aller Tragödien des modernen Abendlandes, von der Säkularisierung bis zum Tod Gottes, von den totalitären Regimes bis zu den ideologischen Selbstmorden.

(…) Bergoglio hat diese Ansicht nicht erfunden. Aber er bestärkt sie neu, als ob es seit dem Konzil von Trient nie eine gründlichere historische Forschung oder kulturelle und theologische Analysen gegeben hätte. Was sollen wir dann mit seinen freundlichen Tönen den Protestanten gegenüber anfangen, wenn er in Wirklichkeit glaubt, der „lutherische Standpunkt“ sei schuld an allen Übeln der westlichen Zivilisation?

Johannes Calvin, der geistliche Scharfrichter

(…) Calvin sei noch schlimmer, weil er den Menschen, die Gesellschaft und die Kirche zerrissen hätte: Inbezug auf den Menschen trennte Bergoglios Calvin die Vernunft vom Herzen und brachte so das „calvinistische Elend“ hervor. Inbezug auf die Gesellschaft hetzte er das Bürgertum gegen die anderen arbeitenden Klassen und wurde so zum „Vater des Liberalismus“. Aber die schlimmste Spaltung geschah in der Kirche. Dort „enthauptete Calvin das Volk Gottes von seiner Einheit mit dem Vater“. Er liess das Volk Gottes ohne seine Heiligen zurück. Und er enthauptete die Messe, d.h. die Vermittlung des „realpräsenten“ Christus. Kurz, Calvin war ein Scharfrichter, der den Menschen zerstörte, die Gesellschaft vergiftete, und die Kirche ruinierte!

Zu sagen, dass Bergoglio Calvin nicht mag, wäre eine Untertreibung. Er empfindet heftigste Gefühle gegen ihn. Aber versteht er Calvin wirklich, über die antiquierten und völlig einseitigen Klischees hinaus? Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Jubiläum der protestantischen Reformation sein, und da hätte Franziskus eine Gelegenheit, über die neusten Geschichtsbücher zu gehen und ein gerechteres und genaueres Bild darüber zu gewinnen, was seit dem 16.Jahrhundert geschah. Solange er seine Bewertung der Reformation nicht revidiert, bleiben seine ganzen „ökumenischen“ Reden eine oberflächliche Maske, die einen wahren Hass auf Luther und (insbesondere) auf Calvin verbirgt.“

Im deutschsprachigen Raum scheint kaum jemand diesen Artikel zur Kenntnis genommen zu haben. Ich fand lediglich einen Kommentar auf einem katholischen Blog, dessen Verfasser u.a. sagt: „Dass so klare Aussagen den Calvinisten der heutigen Zeit nicht gefallen, kann man nachvollziehen, die sich im Rahmen der 500-Jahrfeier der Reformation schon auf von katholischen Standpunkten ungestörte Feierlichkeiten  freuten und für die Protagonisten der Kirchenspaltung vom Hl. Stuhl irgendwelche Ehrentitel einforderten, wenn schon nicht Kirchenlehrer so doch etwas Ähnliches…“

Ich muss ihm recht geben. Zu erwarten, dass der Papst Luther und Calvin offizielle kirchliche Anerkennung verleihen würde, ist ein leerer Wahn. Eine „vollständige und sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche“, wie sie jetzt von den Lutheranern angestrebt wird (und, wie wir sahen, auch von manchen Evangelikalen), kann von katholischer Seite aus nicht stattfinden ohne eine ebenso „vollständige und sichtbare“ Unterwerfung der Evangelischen unter Rom. Das hat der Papst bei den jüngsten Gesprächen zwar nicht offen gesagt; es ist aber katholischerseits schon mehrmals klargestellt worden.

Dem Papst kann in dieser Hinsicht von seiner eigenen Warte aus kein Vorwurf gemacht werden. Er handelt konsequent und in Übereinstimmung mit seiner eigenen Lehre; nur heuchlerisch, aber Heuchelei ist meines Wissens in der katholischen Theologie nicht verboten. Wenn er evangelikale Leiter mit offenen Armen im Vatikan empfängt, beruht das offenbar auf der alten Weisheit, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Im übrigen hat er meines Wissens sowohl zur Einladung der EKD als auch zum Entwurf Palmers für ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch gar nicht Stellung genommen.

Wer jedoch inkonsequent und verräterisch handelt, sind die Leiter der Lutheraner und Evangelikalen. Entweder haben sie ihre Wallfahrt nach Rom angetreten, ohne sich je mit den Grundlagen katholischer Kirchenlehre zu befassen – was ich mir aber z.B. bei einem Theologen vom Kaliber Schirrmachers kaum vorstellen kann. Oder aber sie führen die Weltöffentlichkeit bewusst in die Irre.

Nehmen wir es also zur Kenntnis: Der Papst ist – oh Wunder – immer noch katholisch.

Kirche im Sturzflug

1. April 2015

Das tragische „Germanwings“-Unglück hat auch hier im fernen Perú Schlagzeilen gemacht. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ich diese Woche eines Morgens erwachte mit dem Bild eines Piloten vor Augen, der verzweifelt an die verschlossene Cockpit-Tür klopft. Nur war in meinem Bild der Pilot Jesus, und das Flugzeug war die „offizielle“ christliche Kirche.

Nun ist Jesus natürlich nicht verzweifelt, denn er hat ja schon immer gewusst (und vorausgesagt!), dass so etwas passieren würde, und er hat weiterhin alles unter Kontrolle. Und Jesus flucht auch nicht wie jener Pilot. Aber im übrigen gibt es frappierende Parallelen.

Seit Jesus nicht mehr auf der Erde ist, hat er das „Steuer“ seiner Gemeinde unzulänglichen Menschen überlassen. Das heisst aber nicht, dass er als „Pilot“ abgedankt hätte! Nicht wie es hier auf gewissen frommen Autoaufklebern heisst: „Jesus ist mein Copilot.“ Nein, wirklich von Jesus beauftrage Leiter bleiben sich ständig bewusst, dass Jesus nicht nur der Copilot ist, sondern der wahre Pilot, und dass sie ständig und vollständig von ihm abhängig bleiben müssen, um auf dem rechten Kurs zu bleiben.

Aber im Lauf der Geschichte und bis heute haben sich unzählige kirchliche Leiter selber das Amt des „Piloten“ angemasst. Auch wenn sie sich offiziell „Stellvertreter Christi“ oder „Diener Gottes“ nennen, so haben sie doch durch ihre Taten und Entscheidungen gezeigt, dass sie sich selber am Ruder wähnen. Und so kam der Moment, wo sie begannen, die ihnen anvertrauten Organisationen in den geistlichen Sturzflug zu lenken – ob absichtlich oder in geistiger Umnachtung, bleibe dahingestellt.

Für die Evangelischen und Evangelikalen geht dieser Sturzflug offenbar – aus ihren Aktivitäten und Verlautbarungen der letzten Jahre zu schliessen – in Richtung Rom. Und zugleich – da das Wort Gottes zunehmend verharmlost, bezweifelt, oder überhaupt beiseitegeschoben wird – in Richtung einer erschreckenden moralischen Verderbtheit, die höchstens noch mit der römischen Hierarchie des Spätmittelalters vergleichbar ist. Hier in Perú zumindest – ich weiss nicht, wie es diesbezüglich in Europa steht – werden manche Gemeinden und Gemeindeverbände von Personen geleitet, die, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, im Gefängnis sitzen müssten.

Hat nicht Jesus solche Dinge schon vorausgesagt? „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie räuberische Wölfe!“ (Matthäus 7,15). – Oder im Gleichnis von den guten und bösen Knechten:

„Wer ist also der treue und kluge Knecht, den sein Herr dazu über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Speise zur rechten Zeit zu geben? Wohl jenem Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! …“ (Ein guter, gottesfürchtiger Leiter ist ein solcher vom Herrn eingesetzter „Knecht“ oder „Copilot“.) „Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit den Trunkenen isst und trinkt …“ (das böse Ende ist in Matthäus 24,45-51 nachzulesen.)

Jesus hat sogar vorausgesagt, dass diese „bösen Knechte“ der offiziellen Kirchen die echten Nachfolger Jesu verfolgen werden: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen.“ (Johannes 16,2)

Ja, in solchen Zeiten steht Jesus draussen vor der Tür und klopft an (Offenbarung 3,20), weil die „bösen Knechte“ ihn aus der Kirche ausgesperrt haben, wie jener Copilot den Piloten. Glauben Sie nur nicht, dass ein solcher Copilot den Piloten wieder hereinlassen wird! Er wird zwar viele schöne Worte machen; aber wenn er sich einmal vorgenommen hat, das Flugzeug auf Sturzflug zu schicken, dann wird er dieses Vorhaben verbohrt bis zum katastrophalen Ende führen.

Tatsächlich können aussergewöhnliche und rätselhafte Unglücksfälle wie dieser Flugzeugabsturz ein Anklopfen Gottes sein an die Tür einer Kirche oder Gesellschaft, die für andere Arten seines Redens bereits taub geworden ist. „Oder jene achtzehn, die der Turm von Siloah bei seinem Einsturz tötete, meint ihr, sie seien schuldiger gewesen als alle Menschen, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise umkommen.“ (Matthäus 13,4-5)

Die gute Nachricht ist, dass es (gegenwärtig noch) möglich ist, aus dem „Flugzeug Kirche“ auszusteigen. Wenn „böse Knechte“ an der Tür stehen, die verhindern wollen, dass Jesus hereinkommt und die Führung übernimmt, so können sie doch nicht verhindern, dass Sie und ich zu Jesus hinausgehen und uns aus eigenem Entschluss seiner Führung unterstellen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo auch dieses Flugzeug abhebt zu seinem letzten Flug, der in den Untergang führt. Dann werden seine Passagiere nicht mehr aussteigen können. Nicht weil es nicht mehr möglich wäre; aber weil sie dann zu verblendet sein werden, um das überhaupt noch zu wünschen. Denn „Gott sendet ihnen eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“ (2.Thessalonicher 2,11-12)

In welchem Flugzeug sitzen Sie?

Nochmals Richard Wurmbrand

31. August 2014

Richard Wurmbrand ist vor allem bekannt für seine Geschichte als Glaubensgefangener in Rumänien, und für seinen späteren Einsatz für verfolgte Christen in kommunistischen Ländern. Es gibt aber noch einige andere Aspekte seines geistlichen Erbes, die auch nach dem sogenannten „Fall“ des Sowjetkommunismus aktueller denn je sind.

Einer dieser Aspekte kam z.B. in einer Aussage zum Ausdruck, die er einmal in einem Vortrag machte: Schon als er noch in Rumänien im Gefängnis sass, sei eines seiner wichtigsten Gebetsanliegen gewesen, dass im Westen gläubige, bibeltreue Apologeten ausgebildet würden, welche die sogenannt „wissenschaftliche“ Bibelkritik widerlegen könnten.
Die Bibelkritik ist wiederum mit dem Kommunismus verbunden, indem beides Formen der Gottesleugnung sind; und indem die Bibelkritik tatsächlich in Ost und West als wirksames Hilfsmittel der kommunistischen Propaganda eingesetzt wurde und wird.

Richard Wurmbrand ging es nämlich nicht nur um die direkte Hilfe für die Verfolgten. Sein Ansatz war nicht einfach „humanitär“. Er erkannte sehr wohl, dass eine wirklich wirksame Hilfe bei den tieferen Ursprüngen der Verfolgung ansetzen musste; und zu diesen tieferen Ursprüngen gehört insbesondere die kommunistische bzw. totalitäre Ideologie. Deshalb war es ihm ein ebenso wichtiges Anliegen, auch hier im Westen sowohl Kommunisten wie Nichtkommunisten über das wahre Wesen des Kommunismus aufzuklären und vor dessen Gefahren zu warnen. Er versuchte dabei das schwierige Kunststück (das ihm wohl nicht immer gelang), direkte Konfrontation mit liebevoller Überführung zu vereinen, um w.m. Kommunisten nicht nur zu widerlegen, sondern sie zum Glauben an Jesus zu führen. (In der Anfangszeit verwendeten einige der von ihm gegründeten Organisationen den Namen „Jesus to the Communist World“.) Zugleich versuchte er Christen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme im Westen zu warnen und sie darauf vorzubereiten. Seine Stimme war in dieser Hinsicht so klar, dass er sogar von westlichen Anti-Kommunisten kritisiert wurde, weil seine Äusserungen allzu direkt, „extrem“ und undiplomatisch seien. Dinge unter den Teppich zu kehren war nicht seine Art.

Deshalb gehörten Aufklärungs- und Protestaktionen gegen kommunistisch unterwanderte Organisationen und Veranstaltungen im Westen wesentlich zur Arbeit der von Wurmbrand gegründeten Werke in ihrer Anfangszeit. So war Wurmbrand einer der ersten, der öffentlich vor der kommunistischen (und bibelkritischen) Unterwanderung des ökumenischen Weltkirchenrats warnte. Er verfasste darüber u.a. die Flugschrift „Ist Gott tot, rot und eine Frau?“. Als ich kürzlich eine Google-Suche nach dieser Schrift durchführte, erhielt ich kein einziges Ergebnis; sie ist offenbar einfach von der Bildfläche verschwunden. Seit die Evangelische Allianz und die ihr angeschlossenen Organisationen auf die Linie des Weltkirchenrats eingeschwenkt sind, dürfte diese Schrift wohl auch im evangelikalen Lager als „politisch inkorrekt“ gelten.

Ein anderes Büchlein von Richard Wurmbrand, das anscheinend schon lange nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist „Vorbereitung auf die Untergrundkirche“. Er warnt darin Christen im Westen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme, und was dabei alles geschehen könnte, und wie man sich (v.a. geistlich) darauf vorbereiten könnte.
Allerdings rechnete er anscheinend nicht mit der Möglichkeit, dass eine solche Machtübernahme nicht nur durch einen plötzlichen Umsturz geschehen könnte, sondern ebenso (und vielleicht noch nachhaltiger) durch allmähliche Unterwanderung und (v.a. schulische) „Umerziehung“ des Volkes, wie es gegenwärtig z.B. in Deutschland (und möglicherweise in ganz Europa) geschieht. (Siehe dazu hier.) Das Volk wählt dann die kommunistischen Machthaber ganz demokratisch; und die echten Christen sind gesellschaftlich (und kirchlich!) so weit ausgegrenzt, dass schon gar niemand mehr ihre Verfolgung wahrnimmt.
– Man könnte hier einwenden, die gegenwärtige deutsche Staatsideologie sei etwas ganz anderes als der damalige Sowjetkommunismus. Ja, natürlich. Der Ursprung liegt anscheinend in der „Frankfurter Schule“, die im Vergleich zum Sowjetkommunismus eine grosse Weiterentwicklung darstellt; und zusätzlich sind Elemente aus dem Feminismus und der Gender-Ideologie, aus dem Nationalsozialismus, und von wer weiss woher sonst noch eingeflossen. Der Leser möge diese Ideologie also nennen wie er will; jedenfalls handelt es sich um eine Spielart des Staatstotalitarismus.

Besonders gibt mir zu denken, dass reformierte und Freikirchen – denen wir ja ursprünglich die bis vor kurzem in Europa geltende Religions- und Gewissensfreiheit zu verdanken haben – jetzt Strömungen unterstützen, die auf den Abbau ebendieser Freiheiten abzielen.

Richard Wurmbrands direkter Einsatz für Verfolgte ist (lobenswerterweise) von verschiedenen Organisationen weitergeführt worden. Aber das ist etwas, was auch völlig weltliche Organisationen wie z.B. Amnesty International tun könnten und z.T. ja auch tun. Hingegen scheint es nur wenige Personen zu geben, die seine Aufklärungsarbeit über die antichristliche Unterwanderung des Westens, und insbesondere der westlichen Kirchen, weiterführen. Wie die obigen Beispiele zeigen, sind sogar seine Schriften, die dieses Thema aufgreifen, weitestgehend in Vergessenheit geraten. Dabei wäre gerade das heute dringend notwendig. Noch mehr: Derselbe apologetische Kampf, den Wurmbrand gegen den Weltkirchenrat führte, müsste heute in derselben Weise auch gegen die Evangelische Allianz geführt werden.

 

Wie die Gehirnwäsche im kommunistischen Deutschland funktioniert

4. August 2014

Leider etwas spät fand ich diesen offenen Brief von Dirk Wunderlich, dem Vater der deutschen Familie, der schon seit längerem die Ausreise nach Frankreich verweigert wird, und die ausserdem Opfer gewalttätiger Übergriffe von seiten deutscher Behörden geworden ist:

http://www.freiewelt.net/wie-laut-soll-ich-denn-noch-schreien-oder-die-schulpflicht-der-staat-und-der-tod-10036017/

Wunderlich analysiert darin eingehend, wie Deutschland 1968 eine (von der sogenannten „Frankfurter Schule“ initiierte) Kulturrevolution erlebte, und im Zuge der daraufhin einsetzenden allgemeinen Gehirnwäsche immer mehr zu einem Orwellschen Unrechtsstaat geworden ist. Es versteht sich von selbst, dass die Schulen ein entscheidendes Element dieser Gehirnwäsche sind, und dass von daher die Machthaber insbesondere die Schulpflicht mit brutaler und unverhältnismässiger Gewalt durchsetzen.

Dass die meisten Deutschen gar nicht bemerkt haben, dass diese Revolution stattgefunden hat, ist bei näherem Zusehen gar nicht so verwunderlich. Die Umstürzler haben aus den Erfahrungen des Sowjetkommunismus gelernt und wissen jetzt, dass es mehr Erfolg verspricht, ihre Revolutionen mittels allmählicher „Umerziehung“ des Volkes durchzuführen statt mit direkter Gewalt. „Der lange Marsch durch die Institutionen“ wurde diese verdeckte Operation von der „Frankfurter Schule“ genannt. Offenbar ist dieser lange Marsch jetzt an seinem Ziel angekommen, bevor es die meisten Deutschen überhaupt bemerkt haben.

Man vergleiche dazu den Fall Venezuela. Ausländische Beobachter erkannten ziemlich bald nach der Wahl von Hugo Chavez, dass er das Land allmählich in eine kommunistische Diktatur umgestaltete. Den Venezolanern selber ist das aber mehrheitlich erst in den letzten Jahren klargeworden, und einige haben es immer noch nicht bemerkt. (Als Chavez noch lebte, wurde er z.B. in mehreren evangelikalen Internet-Diskussionsforen als „Christ“ bezeichnet.) Wenn man selber das Ziel unterschwelliger Gehirnwäsche ist, dann bemerkt man das eben viel später als ein Aussenstehender – oder überhaupt nicht. Genau dasselbe geschieht anscheinend in Deutschland.

Es gab zwar einige wenige Warner (z.B. der dieses Jahr verstorbene Theologieprofessor Georg Huntemann), aber sie wurden anscheinend nicht ernst genommen. Man vergleiche auch den aufschlussreichen Artikel „60 Jahre DDR“.

Traurigerweise spürt man aus dem Brief der Wunderlichs auch die Verzweiflung einer Familie, deren psychische und physische Widerstandskraft durch den Staatsterror gezielt zerstört wurde. Und es gibt niemanden in Deutschland, der dagegen aufschreit?! Der Verdacht liegt nahe, dass die gegenwärtige Verfolgung christlicher Familien in Deutschland (schätzungsweise mindestens zwanzig Fälle in den letzten zehn Jahren) nur ein „Probelauf“ an einer gesellschaftlich isolierten Randgruppe ist (mehrheitlich „Homeschooler“), um zu erproben, wie weit man gehen kann, ohne dass die Allgemeinheit anfängt zu protestieren. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, immer weiter reichende Gruppen von Christen auf dieselbe Weise gesellschaftlich zu isolieren (indem sie z.B. von der Evangelischen Allianz und verwandten Organisationen als „Fundamentalisten“ u.ä. beschimpft werden), sodass man nach erfolgreichem „Probelauf“ zu einer allgemeinen Christenverfolgung übergehen kann. Ein vereinter Protest zumindest des „evangelikalen“ Sektors könnte diese Entwicklung eventuell noch aufhalten; aber anscheinend hat man daran kein Interesse. Bis jetzt ist mir im deutschsprachigen Raum keine einzige evangelikale Gemeinde oder Gemeindeverband bekannt, und auch kein übergemeindliches Werk, das sich für verfolgte Christen in Deutschland einsetzen würde. Sollte mein Verdacht zutreffen, so werden sich die evangelikalen Organisationen bald vor die Wahl gestellt sehen, sich entweder der Staatsideologie völlig zu unterwerfen (was sie ja ohnehin zunehmend schon tun), oder aber selber verfolgt zu werden.


Zusatz für jene Leser, die über den „Fall Wunderlich“ nicht informiert sind:
Die Familie Wunderlich lebte längere Zeit in Frankreich, musste aber 2012 arbeitshalber nach Deutschland zurückkehren. Doch schon bald nach ihrer Ankunft wurde ihnen das Sorgerecht für ihre vier Kinder entzogen, weil sie aus christlicher Verantwortung ihre Kinder selber erzogen und ausbildeten. Den Kindern wurden die Pässe weggenommen, um eine Rückkehr der Familie nach Frankreich zu verhindern. Im Jahre 2013 überfiel ein Aufgebot von 40 Polizisten das Heim der Wunderlichs und verschleppte die Kinder an einen unbekannten Ort. Nach einem längeren juristischen Seilziehen durften die Kinder zwar nach Hause zurückkehren, aber nur unter der Auflage, dass sie eine staatliche Schule besuchen würden; und der Familie wurde gerichtlich die definitive Wegnahme der Kinder angedroht für den Fall, dass sie Deutschland verlassen würden. Das Sorgerecht und die Pässe der Kinder haben sie bis jetzt nicht zurückerhalten. Diese Familie wird also nach bewährter DDR-Tradition in ihrem eigenen Land gefangengehalten, nur weil sie in ein Land ziehen möchten, wo sie ihre elterlichen Rechte frei ausüben dürfen. Für dieses Ansinnen wurden sie in Deutschland ihrer Elternrechte sowie ihres Menschenrechts auf Freizügigkeit beraubt, und sowohl Eltern wie Kinder stehen in Gefahr, der Freiheit überhaupt beraubt zu werden. So ist es um die „Rechststaatlichkeit“ im Deutschland des 21.Jahrhunderts bestellt.

Siehe dazu auch die Presseerklärung vom Dezember 2013.

Freikirchen als „Biotop“ für Verbrecher?

26. März 2014

Der Fall ist schon länger her, aber die Kommentare, die er ausgelöst hat, sind weiterhin aktuell. Vor einigen Jahren wurde ein Mitarbeiter einer freikirchlichen Kinderkrippe wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs festgenommen. Dieses Jahr nun ist der Mann verurteilt worden. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ hat seinerzeit (25.März 2011) in einem Interview mit dem Sektenforscher Georg Otto Schmid nahegelegt, evangelikale Freikirchen könnten ähnlich wie die katholische Kirche ein „Biotop“ für Pädophile darstellen.

Freikirchliche Medien haben sich begreiflicherweise darüber aufgeregt. Ihre „Verteidigung“ läuft aber einzig darauf hinaus, dass sie betonen, in Freikirchen bestehe durchaus eine sachgemässe Auseinandersetzung und Beratung im Bereich sexueller Probleme. So schreibt z.B. Fritz Imhof auf „Livenet“:
„Hätte Schmid sich informiert, hätte er erfahren, dass sich sowohl die Krippe in Volketswil wie auch das ICF rechtzeitig mit den Gefahren auseinandergesetzt haben, welche in der Kinderbetreuung und Jugendarbeit auf sexuellem Gebiet lauern. Beide hatten die Beratungsstelle «Mira» beigezogen.“

Das mag ja sein, trifft aber den Kern der Sache nicht. Freikirchen stehen tatsächlich in Gefahr, zu einem „Biotop“ nicht nur für Pädophile zu werden, sondern auch für Leute, die in anderer Hinsicht krumme Dinge drehen. Nicht unbedingt wegen ihres Umgangs mit der Sexualität, sondern wegen der freikirchlichen internen Gruppendynamik. Dazu sagt Schmid im TA-Interview:
„Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. (…) Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab. (…) Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. „
Diese Aussagen beschreiben zumindest die eine Seite dieser Gruppendynamik zutreffend. Es gibt dazu allerdings noch eine Kehrseite, die ich unten unter Punkt 2 beleuchten werde. – Aus meiner zwanzigjährigen Insider-Erfahrung in evangelikalen Kirchen und Organisationen muss ich leider sagen: Es besteht in diesen Kreisen wenig bis keine Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu berichtigen. Man mag nach aussen hin „stimmige“ Strukturen errichten; aber die interne Dynamik wird nicht unter die Lupe genommen.

Schmid hat ja nicht gesagt, dass Freikirchenmitglieder „schlechter“ seien als andere Menschen. Deren Grund-Neigung zu Verbrechen und Unredlichkeit dürfte etwa im selben Rahmen liegen wie in der Gesamtbevölkerung. (Das ist natürlich auch schon bedenklich angesichts der Tatsache, dass die Freikirchen ja behaupten, aus wiedergeborenen Christen zu bestehen.) Nun schafft aber leider die freikirchliche Dynamik ein Klima, welches das straflose Ausleben solcher Neigungen begünstigt – zumindest für gewisse Kategorien von Mitgliedern. Drei Aspekte insbesondere tragen dazu bei:

1. Eine falsche Lehre und Praxis über Gnade und Vergebung.
(Siehe „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Haben schon die reformierten Landeskirchen mit ihrer „billigen Gnade“ (Bonhoeffer) eine Erlösung ohne Umkehr von der Sünde versprochen, so haben die heutigen Freikirchen diese Entwicklung nicht nur nicht aufgehalten, sondern sie haben sogar noch eine weitere Verdrehung hinzugefügt: In vielen Freikirchen wird regelrecht Druck ausgeübt auf die Opfer von Übergriffen und Verbrechen, den Tätern zu „vergeben“, auch wenn diese ihre Taten gar nicht bereuen. Unter „Vergebung“ wird dabei nicht nur verstanden, auf eine Strafverfolgung zu verzichten, sondern auch überhaupt darauf zu verzichten, den Täter zu konfrontieren und/oder mit Drittpersonen über das Vorgefallene zu sprechen. Dies insbesondere dann, wenn der Täter zu den leitenden kirchlichen Mitarbeitern gehört. Da die Opfer freikirchlicher Täter in der Regel andere Freikirchenmitglieder sind, stehen diese unter einem fast unvorstellbaren psychischen Druck, das Geschehene zu „vergeben, verschweigen und vergessen“. Zusätzlich zu der erlittenen Schädigung werden sie also auch noch massivem geistlichem Missbrauch unterworfen.

2. Verzerrte Kriterien über Recht und Unrecht.

In den meisten evangelikalen Kirchen und Missionswerken, die ich näher kennenlernte, wird „Rechtsprechung“ und „Gemeindezucht“ in völlig verzerrter, parteiischer Weise ausgeübt, und zwar nach folgendem Grundsatz: Wer mit der Leiterschaft konform geht, ist im Recht; wer der Leiterschaft widerspricht, ist im Unrecht.Deshalb können die Duckmäuser, die den Leitern immer nach dem Maul reden, sich so gut wie alles erlauben, und kommen innerhalb der Kirche straflos davon. Dasselbe gilt natürlich erst recht für die Leiter selber. Ich habe zuverlässige Kenntnis einer ganzen Anzahl strafbarer Delikte, die von evangelikalen Leitern verübt worden sind, ohne dass sie innerhalb ihrer Organisation je dafür zur Rechenschaft gezogen worden wären. In einigen Fällen haben Mitarbeiter dieser Leiter sogar mitgeholfen, die Dinge auch vor der weltlichen Gerichtsbarkeit zu verbergen.
Andererseits kenne ich eine Anzahl freikirchlicher Mitarbeiter, die von ihren Leitern gemassregelt, ausgeschlossen, mit Kontaktsperren und Flüchen belegt, und bei anderen evangelikalen Organisationen angeschwärzt worden sind, ohne dass sie irgendein Verbrechen oder eine Sünde im biblischen Sinn begangen hätten. Nur weil sie in irgendeinem Punkt nicht mit ihren Leitern konform gingen, oder gerade weil sie gewisse Vergehen von Leitern aufgedeckt und konfrontiert hatten.
Man kann sich leicht ausmalen, was eine derart verdrehte Sicht von Recht und Unrecht für Folgen hat.

Gewöhnliche Mitglieder begegnen diesen pervertierten Machtstrukturen selten. Nur wer auf Leiterschaftsebene mitarbeitet, erhält allmählich Einblick in das, was hinter den Kulissen vorgeht. Wer als Freikirchen-Mitglied einen Streitfall mit seinen übergeordneten Leitern hat, der kann vor den innerkirchlichen Instanzen nicht mit einem fairen Prozess rechnen. Und auch im „überdenominationellen Gefüge“ (z.B. Evangelische Allianz) besteht m.W. bis jetzt noch keine Anlaufstelle für derart Betroffene, und erst recht keine anerkannte unparteiische Schlichtungsstelle für solche Fälle. (Falls mir hier eine Information entgangen sein sollte und es solche Stellen doch gibt, dann wäre ich sehr dankbar, wenn mich jemand darüber aufklären würde.) Mit anderen Worten: Die inner-freikirchliche Rechtsprechung (von der man ja ein höheres Mass an Gerechtigkeit und Integrität erwarten würde, wenn es sich wirklich um das Volk Gottes handelte) ist weniger gerecht als die weltliche.

3. Unzulässige Eingriffe ins Privatleben der Mitglieder.

In manchen dieser Organisationen werden den Mitgliedern bzw. Mitarbeitern Vorschriften gemacht über Einzelheiten, die zum privaten Entscheidungsspielraum jedes Menschen gehören, wie z.B. Freizeitgestaltung, Wahl des Wohnortes oder Arbeitsplatzes, Familienleben, Wahl der Freunde, u.a.m. So werden sie einem Joch von Menschengeboten unterworfen wie zur Zeit der Pharisäer (Matthäus 15,7-9; 23,4).

Hier muss nun tatsächlich der Bereich der Sexualität näher betrachtet werden. Während Ehebrecher und Kinderschänder in einem freikirchlichen Umfeld u.U. mit keinerlei internen Konsequenzen zu rechnen haben, wurde ich von meinen seinerzeitigen Vorgesetzten in einer Missionsgesellschaft als „Rebell“ gebrandmarkt, nachdem ich arglos von der Möglichkeit sprach, auf ehrbare Weise meinem Wunsch nach Heirat nachzugehen, wobei ich mir (oh Schreck!) auch eine Peruanerin als Ehepartnerin vorstellen könnte. Umgehend wurde mir strengstens verboten, mit irgendeiner Frau unter vier Augen zu sprechen, mich im Gottesdienst neben eine Frau zu setzen, oder in irgendeiner persönlichen Angelegenheit einen peruanischen Pastor zu Rate zu ziehen! Alles unter Androhung der fristlosen Entlassung sowie Deportation in meine „Heimat“. (Inzwischen bin ich tatsächlich schon viele Jahre mit einer Peruanerin glücklich verheiratet, und die erwähnte Missionsgesellschaft besteht zum Glück nicht mehr.)
In 1.Timotheus 4,1-3 steht geschrieben, was von Menschen zu halten ist, die das Heiraten verbieten.

Es gibt Bibelschulen und ähnliche Organisationen, die in ihrer „Hausordnung“ ihren Schülern zum vornherein verbieten, während der Ausbildungszeit eine Paarbeziehung einzugehen. Das ist zwar ehrlicher, weil das Verbot offen mitgeteilt wird und nicht als ungeschriebenes Gesetz im Hintergrund lauert; aber es ist dennoch nicht viel besser. Nach meiner Beobachtung führt das dazu, dass die ledigen Schüler sich in ihren Gedanken hauptsächlich damit beschäftigen, wie sie dieses Verbot umgehen können.

Es ist leider eine nicht unbekannte Erscheinung, dass es Mitgliedern bzw. Mitarbeitern in sektenhaften Gruppierungen verboten oder verunmöglicht wird, ihre Sexualität auf gottgewollte Weise in der Ehe auszuleben. Das führt dann oft dazu, dass diese Menschen fast zwangsläufig in abartige sexuelle Handlungen getrieben werden. Das ist ein weiterer Grund, warum in gewissen Kreisen sexuelle Übergriffe häufiger vorkommen.

Nachbemerkungen

Ich möchte nun diese Ausführungen nicht dahingehend verstanden wissen, als ob die genannten Verirrungen ein notwendiger Ausfluss eines sogenannten „fundamentalistischen“ (d.h. bibeltreuen) christlichen Glaubens wären. Im Gegenteil, diese Praktiken wären höchstens unter äussersten Verrenkungen biblisch zu begründen. Sie zeigen daher vielmehr symptomatisch, wie weit sich auch die Freikirchen von einem echten biblischen Glauben entfernt haben.
Leider geben sie damit der Welt einen Anlass, das Christentum an sich in den Dreck zu ziehen. „Euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Völkern“(Römer 2,23-24). Wenn Journalisten und Sektenexperten über die Freikirchen herziehen, dann ist das oft nicht einfach Bosheit, sondern ist im unchristlichen Verhalten allzu vieler Freikirchenvertreter begründet.

Ich füge jetzt bewusst nicht die üblichen Einschränkungen an wie „es gebe natürlich auch Ausnahmen“ usw. Erstens, weil ich gar nicht weiss, ob es solche Ausnahmen überhaupt (noch) gibt. Zweitens, weil Jesus seiner Kritik an den Pharisäern (Matth.23) auch keine solchen Einschränkungen angefügt hat, obwohl er doch mit Sicherheit wusste, dass es Ausnahmen gab. Und drittens, weil die redliche und aufrichtige Minderheit (so es sie gibt) nichts öffentlich Sichtbares tut, um dem Treiben der verdorbenen Mehrheit Einhalt zu gebieten, und sich somit durch ihr Schweigen mitschuldig macht.
Ich habe viele Jahre lang den Standpunkt vertreten, wenn ein Christ in einer Freikirche geschädigt und misshandelt worden sei, dann handle es sich um eine ausnahmsweise „böse“ Gruppierung, und es gäbe daneben noch genügend „gesunde“ Freikirchen, denen er sich anschliessen könne. Aber nachdem ich in zwanzig Jahren keine Kirche kennengelernt habe, die sich auch bei näherem Hinsehen als in dieser Hinsicht „gesund“ erwiesen hätte, musste ich in diesem Punkt meine Meinung ändern.
Wenn Sie ein freikirchlicher Leiter sind und der Ansicht sind, meine Beschreibung treffe auf Ihre Kirche überhaupt nicht zu, dann beklagen Sie sich also bitte nicht über „unzulässige Verallgemeinerungen“, sondern widerlegen Sie diesen Artikel mit Ihrem eigenen leuchtenden Gegenbeispiel. Pflegen Sie in Ihrer eigenen Kirche eine Kultur der Redlichkeit, Transparenz, Integrität und Gerechtigkeit. Setzen Sie sich ein für die Opfer von Delikten und Machtmissbrauch (Sprüche 24,11-12; 31,8-9) in jenen vielen Kirchen, die tatsächlich so funktionieren wie hier beschrieben. Konfrontieren Sie Ihre Pastorenkollegen in anderen Kirchen, die durch ihr unredliches Verhalten das Evangelium von Jesus Christus in Verruf bringen.
Ich werde hier gerne die Namen von evangelikalen Persönlichkeiten veröffentlichen, die sich bereit erklären, die Scharte auszuwetzen, indem sie freikirchengeschädigten Menschen beistehen und die Täter zur Rechenschaft ziehen. Noch erfreulicher wäre es natürlich, wenn ich hier positive Berichte von Betroffenen veröffentlichen könnte, wie ihnen der Gemeindeleiter X, der Theologe Y oder der evangelikale Journalist Z tatsächlich im erwähnten Sinn beigestanden sind.

Deutsche Behörden sind eine Verbrecherbande

1. September 2013

Wiederum haben deutsche Behörden eine gewalttätige mehrfache Kindesentführung begangen. Über den Vorfall kann u.a. hier (deutscher Kommentar) und hier (englischsprachiger Bericht) nachgelesen werden. Deutschland kann jetzt wirklich keinerlei Anspruch mehr darauf erheben, ein zivilisiertes Land genannt zu werden.

Auch scheint sich zu wiederholen, was bereits in der Hitlerzeit der Fall war, nämlich dass die sogenannten Christen (allen voran die Evangelikalen!!) eine solche Diktatur, welche ernsthafte Christen gewalttätig verfolgt, auch noch unterstützen. Verfolgte Christen in Deutschland werden regelmässig von ihren eigenen Glaubensgeschwistern im Stich gelassen. Hilfswerke, die sich angeblich für verfolgte Christen einsetzen (Open Doors, Hilfsaktion Märtyrerkirche) schauen einfach weg und machen sich damit zu schweigenden Komplizen.

Eine Google-Suche nach Nachrichten und Kommentaren zu diesem neusten Fall staatlicher Unterdrückung und Verfolgung ergab fast ausschliesslich englischsprachige Resultate. „Deutsche Christen“ (!!!) schweigen anscheinend dazu – mit Ausnahme derjenigen, die selber zu den Verfolgten gehören.

Nun hat ja schon vor Jahrhunderten Augustin in seinem „Gottesstaat“ erklärt, dass Staatsregierungen im Grunde nichts als grosse Räuberbanden sind, die den vorangegangenen Räuberbanden ihre Beute wegnahmen und sich lediglich aufgrund ihrer überlegenen Macht eine scheinbare Legitimität verschafften. An dieser alten Wahrheit hat sich offenbar auch unter den Bezeichnungen „Rechtsstaat“ und „Demokratie“ in Wirklichkeit nicht viel geändert, wie das jüngste Beispiel zeigt.

– Nachtrag: Bei einer neuerlichen Google-Suche sind jetzt doch auch einige deutschsprachige Artikel über diesen Fall aufgetaucht. Insbesondere möchte ich meine Aussage über das Schweigen deutscher Christen dahingehend relativieren, dass idea lobenswerterweise diesen Fall publik gemacht hat. Aber natürlich könnte idea noch sehr viel mehr tun, als nur darüber zu berichten. Z.B. Gebetsketten, Hilfs- und Protestaktionen starten; die Drahtzieher dieses Überfalls kritisch interviewen; den Aufenthaltsort der Wunderlich-Kinder ausfindig machen; usw.

Eine deutsche Übersetzung des Berichts von HSLDA kann hier eingesehen werden.

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.