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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.

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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

John Wesley und die Methodisten – Teil 3

27. Juli 2013

Erweckung ist nötig, wenn die Kirche am Sterben ist

Der Aufruf zur Wiedergeburt war die wichtigste Botschaft überhaupt, die Wesley der Kirche seiner Zeit bringen konnte. Tatsächlich kann die Situation der Kirche vor der Erweckung nur als „geistlicher Tod“ beschrieben werden. Die englischen Protestanten hatten „einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugneten ihre Wirksamkeit“ (2.Tim.3,5). So beschreibt ein Historiker die englische Kirche anfangs des 18.Jahrhunderts:

„Die Anglikaner fürchteten die Extreme (Katholiken auf der einen, Puritaner auf der anderen Seite). Dies führte zu einer Mässigung, die leidenschaftliche Überzeugungen jeder Art beargwöhnte. Die Predigten verdorrten zu kraftlosen moralischen Traktätchen.
Das Fehlen einer persönlichen Glaubensüberzeugung führte zum Absinken der moralischen Kraft und Überzeugung. Eine grenzenlose Toleranz war an der Tagesordnung. Die orthodoxen Theologen führten zwar einen siegreichen Federkrieg mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen des Deismus. Leider aber war das ’neue Leben in Christus‘, das sie theoretisch verteidigten, in der Wirklichkeit nirgendwo zu sehen.
(…) Wesley selbst sprach unmissverständlich von der Areligiosität der Zeit: ‚Was ist das Hauptkennzeichen des englischen Volkes in der Gegenwart?‘, fragte er. ‚Seine Gottlosigkeit. … Gottlosigkeit ist unser Nationalcharakter im allgemeinen und im besonderen!‘
(…) ‚Genau zu dieser Zeit‘, erinnert sich Wesley, ‚begannen zwei oder drei Pfarrer der Kirche von England ernsthaft, die Sünder zur Busse zu rufen … In zweien oder dreien brannte das Feuer der Liebe zu Gott.'“
(A.Skevington Wood und Renate Biebrach, „Pietismus und Erweckung“, in „Handbuch Die Geschichte des Christentums“, Wuppertal 1979)

So ist es oft vor einer Erweckung: die Kirche ist tot, ausgetrocknet, gottfern. Aber einige wenige treue Christen erkennen die Situation, rufen zu Gott um Erweckung, und beginnen Umkehr zu predigen.
Diese „Dürre“ der Kirche wird meistens von ihren eigenen Leitern und Pastoren verursacht. George Whitefield bemerkte zu jener Zeit: „Die Gemeinden waren so tot, weil tote Männer ihnen gepredigt hatten.“

Die Situation hat viele Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Auch heute sind die Kirchen voll von Unmoral und Korruption, sodass sie sich kaum noch von der Welt unterscheiden. Auch heute haben die Kirchen einen „Anschein der Frömmigkeit“, aber sie bringen keine veränderten Leben hervor. Die oben zitierte Beschreibung der englischen Kirche vor zweihundert Jahren könnte genausogut heute geschrieben worden sein. Wo sind heute die treuen Christen, die zu Gott um Erweckung rufen, und die das evangelische und evangelikale Volk zur Umkehr aufrufen?

Bekehrungen und eine Reform der ganzen Gesellschaft

Wesley predigte klar die Notwendigkeit einer Umkehr und Wiedergeburt. Aber er machte keine „Bekehrungsaufrufe“ im Stil vieler heutiger Evangelisten. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott zuerst ein tiefgehendes und intensives Werk der Überführung tun muss, bevor sich jemand wirklich bekehren kann; und dieses Werk Gottes braucht Zeit. Wesley vertraute auf Gott, dass er dieses Werk zu seiner Zeit tun würde. So sagte Wesley nach einer Predigt: „Ich habe mein Brot über das Wasser gesandt. Möge ich es nach vielen Tagen wiederfinden.“ (Nach Prediger 11,1). – Und bei einer anderen Gelegenheit, an seinem Geburtsort: „Es denke niemand, diese Liebesmühe sei vergeblich, nur weil die Frucht nicht sofort erscheint! Fast vierzig Jahre arbeitete mein Vater hier, aber er sah wenig Frucht von all seinen Bemühungen. Auch ich machte einige Anstrengungen unter diesem Volk, und auch mir schien es, ich verbrauchte meine Kräfte umsonst. Aber jetzt erschien die Frucht. … Der Same, der vor so langer Zeit gesät wurde, ist jetzt aufgegangen, und hat Umkehr und Vergebung der Sünden bewirkt.“

Wesley zählte also nicht die Anzahl der Bekehrten, wie es in heutigen Evangelisationsveranstaltungen getan wird. Er überliess das Werk Gott, und bei einigen Gelegenheiten konnte er später Frucht sehen. Die heutigen Evangelisationsmethoden bringen eine immense Zahl an oberflächlichen Scheinbekehrungen hervor, die nichts anderes sind als das Ergebnis von Manipulation. Die methodistische Erweckung hatte dieses Problem nicht, denn es wurde erwartet, dass die Bekehrten von selber kommen würden, um die Veränderung zu bezeugen, die Gott in ihnen bewirkt hatte. Und diese Veränderung geschah normalerweise beim Suchen nach Gott im stillen Kämmerlein.
(Wir werden später sehen, dass es auch spektakuläre öffentliche Bekehrungen gab. Aber Wesley förderte dies nie bewusst zu „Showzwecken“. Er predigte einfach Umkehr, und überliess es Gott, zu tun, was er für gut hielt.)

Im folgenden zwei Zeugnisse, wie Wesley im Nachhinein von der Frucht seiner Verkündigung erfuhr:

„Eine Frau hielt mich auf der Landstrasse auf und sagte: ‚Mein Herr, erinnern Sie sich nicht, als Sie vor zwei Jahren in Prudhoe waren und bei Thomas Newton frühstückten? Ich bin seine Schwester. Sie sahen mich beim Hinausgehen an und sagten: ‚Seien Sie ernsthaft.‘ Ich wusste damals nicht, was Ernsthaftigkeit bedeutet, und dachte nicht daran; aber die Worte drangen in mein Herz ein, sodass ich nicht ruhig bleiben konnte, bis ich Christus suchte und fand.“

„‚Vor zwei Jahren‘, sagte W.Row, ‚war ich auf dem Weg nach Gulval Downs und sah viele Leute versammelt. Ich fragte sie, worum es ging, und sie sagten mir, ein Mann würde predigen. Ich sagte: Nein, das ist kein verwirrter Mann. Sie hatten darüber gepredigt, wie Gott die toten Knochen auferweckte, und seit jener Zeit hatte ich keine Ruhe, bis Gott in seinem Wohlgefallen über mich blies und meine tote Seele auferweckte.'“

Ganze Städte wurden von der Erweckung umgewandelt, wie die folgenden Zeugnisse zeigen (ebenfalls aus dem Tagebuch Wesleys):

„Im letzten Winter sagten mehrere im Scherz über Herrn Whitefield: ‚Wenn er Heiden bekehren will, warum geht er dann nicht zu den Bergarbeitern von Kingswood?‘ – Im Frühling tat er es tatsächlich. Und da Tausende von ihnen nie zu einem Ort der öffentlichen Anbetung gehen würden, folgte er ihnen in ihre eigene Wüste, um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Als er anderswohin gehen musste, führten andere die Arbeit weiter und ‚gingen auf die Landstrassen und an die Hecken, um sie zu nötigen, hereinzukommen.‘ Und durch die Gnade Gottes war seine Arbeit nicht vergeblich. Die Atmosphäre hat sich bereits verändert. Kingswood widerhallt nicht mehr von Flüchen und Lästerungen wie letztes Jahr. Es ist nicht mehr voll von Trunkenheit und den sich daraus ergebenden Unreinheiten und eitlen Vergnügungen. Es ist nicht mehr voll von Krieg und Schlägereien, von Geschrei und Bitterkeit, von Zorn und Neid. Friede und Liebe herrschen jetzt dort. Viele Leute sind jetzt sanftmütig, freundlich und umgänglich. Sie schreien nicht mehr und sind nicht mehr eifersüchtig, (…) und ihr Vergnügen besteht jetzt darin, ihrem Gott und Retter Loblieder zu singen.“

Über die Provinz Cornwall schreibt er:

„Diese abscheuliche Gewohnheit, den König zu betrügen (durch Schmuggel), findet sich nicht mehr in unseren Gesellschaften. Und seit sie sich von dieser verfluchten Sache losgesagt haben, hat das Werk Gottes überall zugenommen.“

Predigten im Freien

Wir haben in der vorherigen Folge gesehen, wie Wesley aus einer Kirche nach der anderen ausgeschlossen wurde. Die Kirche tolerierte Unmoral und geistlichen Tod, aber nicht Wesleys klare Predigten über die Wiedergeburt. Bald gab es in ganz England keine Kirche mehr, wo Wesley hätte predigen dürfen.
Damals hatte sein Freund Whitefield bereits begonnen, im Freien zu predigen – etwas völlig Neues zu jener Zeit. Whitefield begann Wesley in diese Art des Predigens einzuführen. Wesley schreibt darüber: „Anfangs konnte ich mich kaum an diese fremdartige Art des Predigens auf freiem Feld gewöhnen, wovon er (Whitefield) mir am Sonntag ein Beispiel gab. Mein ganzes Leben lang und bis vor kurzem hatte ich eisern an allem Anstand und Ordentlichkeit festgehalten, sodass es mir beinahe als Sünde erschien, Seelen zu retten an irgendeinem anderen Ort ausser in der Kirche.“

Aber wenig später erinnerte sich Wesley an die Bergpredigt und sagte, dies sei ein beachtenswerter Präzedenzfall einer Predigt im Freien. Wenn Jesus selber auf freiem Feld predigte, warum sollte John Wesley nicht dasselbe tun? – Am nächsten Tag predigte Wesley von einer kleinen Anhöhe neben der Landstrasse aus, am Ausgang der Stadt, und hatte dreitausend Zuhörer.

In Epworth, seinem Geburtsort, wurde ihm nicht nur verboten, in der Kirche zu predigen, sondern der Pfarrer weigerte sich auch, ihn zum Abendmahl zuzulassen, und sagte, Wesley sei „nicht tauglich“. Somit ging Wesley am Nachmittag desselben Sonntags zum Friedhof, stellte sich auf den Grabstein seines Vaters und predigte von dort aus; und er hatte mehr Zuhörer, als der Pfarrer in der Kirche gehabt hatte.

Von da an widmete sich Wesley dem Predigen im Freien; und meistens kamen Tausende, um ihm zuzuhören. So erwies es sich als vorteilhaft, dass er aus den Kirchen ausgeschlossen worden war, denn er konnte ausserhalb der Kirchen viel mehr Menschen erreichen, als es ihm innerhalb möglich gewesen wäre. Bei einer Gelegenheit, als er schon 70 Jahre alt war, hatte er ein Publikum von über 30’000 Personen. Es wird geschätzt, dass Wesley im Lauf seines Lebens etwa 40’000 Predigten hielt.

Der Neid der Pastoren

Es war unter diesen Umständen nur zu erwarten, dass die Pastoren noch neidischer wurden auf Wesley. Abgesehen davon, dass sie mit dem Inhalt seiner Predigten nicht einverstanden waren, klagten sie ihn an, er hätte kein Recht, ihren Gemeindegliedern zu predigen. Das ist ganz ähnlich wie bei den gegenwärtigen Pastoren, die jeden als „Schafsdieb“ bezeichnen, der ohne ihre Erlaubnis zu ihren Gemeindegliedern über das Evangelium spricht. Damals wie heute denken die Pastoren, ein Eigentumsrecht zu haben über die Mitglieder ihrer Gemeinden; und sie vergessen, dass nicht sie es waren, sondern Jesus, der mit seinem Leben für ihre Erlösung bezahlte.

Wesley gab seinen Kritikern folgende Antwort:

„Ihr denkt, dass ich in der Zwischenzeit still sitzenbleiben sollte, da ich sonst in ein fremdes Amt eindränge, mich in die Geschäfte anderer Leute einmischte, und mit Seelen zu tun bekäme, die mir nicht gehören. Deshalb fragt ihr: Wie ist es, dass ich Christen versammle, die nicht unter meiner Fürsorge stehen, um Psalmen zu singen, zu beten, und die Auslegung der Schrift zu hören?, und ihr denkt, es sei aufgrund katholischer Prinzipien nicht zu rechtfertigen, dass ich dies in den Pfarreien anderer Leute tue? (Anm: Heute würden sie sagen: „evangelische“ oder „ökumenische“ Prinzipien; aber im Grunde kommt das auf dasselbe heraus…)
Erlaubt mir, frei heraus zu reden. Wenn ihr euch mit „katholische Prinzipien“ auf irgendein Prinzip bezieht, das nicht schriftgemäss ist, dann hat dies für mich keinerlei Gewicht. Ich lasse keine andere Regel für den Glauben oder für die Praxis zu, ausser der Heiligen Schrift. Aber aufgrund schriftgemässer Prinzipien scheint es mir nicht schwierig zu rechtfertigen, was ich tue. Gott gebietet mir in der Schrift, nach meinen Kräften die Unwissenden zu lehren, die Bösen zu reformieren, die Tugendhaften zu bestärken. Die Menschen verbieten mir dies in ihren Pfarreien zu tun; was in Tat und Wahrheit bedeutet, es mir überhaupt zu verbieten, da ich keine eigene Pfarrei habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nie eine haben werde. Auf wen soll ich also hören, auf Gott oder auf die Menschen?
Ich betrachte die ganze Welt als meine Pfarrei; d.h. wo immer auf der Welt ich bin, betrachte ich es als angebracht, rechtmässig und meine auferlegte Pflicht, allen, die zuzuhören bereit sind, die gute Nachricht der Erlösung zu verkünden. Das ist die Arbeit, wovon ich weiss, dass Gott mich berufen hat sie zu tun; und ich bin sicher, dass sein Segen sie begleitet. Deshalb bin ich ausserordentlich dazu ermutigt, die Arbeit, die er mir zu tun gab, getreu zu erfüllen. Ich bin sein Diener, und als solcher bin ich gemäss der klaren Führung seines Wortes damit beschäftigt, ’soweit ich die Gelegenheit habe, allen Menschen Gutes zu tun‘; und seine Vorsehung stimmt klar mit seinem Wort überein, denn er befreite mich von allem anderen, damit ich mich einzig ebendieser Sache annehme, und damit fortfahre, das Gute zu tun.“

(Fortsetzung folgt)

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan

5. September 2011

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Beitrag über die ökumenische Bewegung darüber sinniert, dass die Ökumeniker und die evangelikalen Allianzen einander eigentlich recht nahe stehen in ihrer Ablehnung der Evangelisation von Namenschristen. (Die Ökumeniker nennen es „Proselytismus“, die Evangelikalen schimpfen es „Schafe stehlen“.) Schon seit einiger Zeit mutmasste ich, dass der Weg der Evangelikalen wahrscheinlich ebenso wie der der Landeskirchen in die ökumenische Bewegung ausmünden wird. Und siehe da, es ist bereits geschehen!

Am 28.Juni 2011 hat die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) zusammen mit der römisch-katholischen Kirche und dem ökumenischen Weltkirchenrat ein Dokument unterzeichnet, das während eines Zeitraums von fünf Jahren erarbeitet wurde und den Titel trägt:„Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt – Empfehlungen für einen Verhaltenskodex.“ Die WEA ist der weltweite Dachverband der Evangelikalen.

Der erste Teil des Dokuments, „Grundlagen für das christliche Zeugnis“, enthält viele richtige und biblisch begründete Erklärungen, so wie diese: „Das Vorbild und die Lehre Jesu Christi und der frühen Kirche müssen das Leitbild für christliche Mission sein.“ – „Christen/innen bekräftigen, dass es zwar ihre Verantwortung ist, von Christus Zeugnis abzulegen, dass die Bekehrung dabei jedoch letztendlich das Werk des Heiligen Geistes ist (vgl. Johannes 16,7-9; Apostelgeschichte 10,44-47).“
Aber es fällt auf, dass das Dokument keinerlei Definitionen von Schlüsselwörtern wie „Evangelium“, „Zeugnis“, „Mission“ oder „Bekehrung“ enthält. Wer mit der Literatur des Weltkirchenrats vertraut ist, der weiss, dass diese Organisation den erwähnten Begriffen eine ganz andere Bedeutung gibt, als sie in der Bibel haben. Z.B. sagt eine Theologin des Weltkirchenrats über „Bekehrung“:

„Die metanoia – die Bekehrung – zwingt uns, die Zwiespältigkeit der menschlichen Existenz zu akzeptieren: diese Zwiespältigkeit, die macht, dass wir Heilige und Sünder zugleich sind. * (…) Wir sollten unsere Hände schmutzig machen, indem wir sie ausstrecken, um die Hand des Anderen zu ergreifen; die Hand, die die Grundlagen unserer Wahrheiten und unserer Gewissheiten erschüttert. Nur so können wir erkennen, dass der Andere der Heilige mit dem Angesicht Gottes ist.
Lasst uns deshalb zu Gott zurückkehren, zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur.“

(Wanda Deifelt, Vortrag in der Weltversammlung des Weltkirchenrats in Harare, 1998)

* Der Ausdruck „Heilige und Sünder zugleich“ geht zwar auf Luther zurück, ist aber nicht biblisch. Und auch Luther wandte diese Bezeichnung nur auf Christen an. Er hätte mit Sicherheit nicht in solch allversöhnerischer Weise generell die ganze Menschheit „Heilige“ genannt, wie das die ökumenische Theologin hier tut.

Für den Weltkirchenrat hat also „Bekehrung“ nichts zu tun mit Umkehr von der Sünde und Rückkehr zum wahren Gott. Im Gegenteil, sie möchten zurückkehren „zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur“ – eine mehr pantheistische und heidnische als christliche Vorstellung.

Wenn die Leiter der WEA dieses Dokument unterzeichnet haben, ohne auf einer biblischen Definition von „Bekehrung“, „Evangelium“, usw. zu bestehen, dann bedeutet das, dass sie stillschweigend die Definitionen des Weltkirchenrats gutheissen.

Ausserdem fehlen in diesen „Grundlagen für das christliche Zeugnis“ des Weltkirchenrats einige wesentliche Elemente: die Tatsache, dass der Gott der Bibel tatsächlich der wahre Gott ist; dass das christliche Zeugnis und die Evangelisation dem Zweck dienen (sollten), Menschen zur Umkehr von der Sünde und zur Rückkehr zum wahren Gott zu rufen; dass dieses Zeugnis nicht nur die Liebe Gottes zum Thema hat, sondern ebenso auch seine Gerechtigkeit und sein Gericht; usw. Da diese so wichtigen und ernsten Punkte weggelassen wurden, wird das Christentum als eine religiöse Option unter vielen dargestellt. Die Tatsache wird verharmlost, dass das ewige Heil oder Verderben jedes Menschen davon abhängt, wie er zu Jesus Christus steht.

Da der Titel des Dokuments von einer „multireligiösen Welt“ spricht, ist die Absicht dieser Auslassungen klar: Das Christentum soll aus dieser pluralistischen und relativistischen Sicht dargestellt werden; und sein Anspruch, der einzige Weg zur Errettung zu sein, soll verneint werden.

Der zweite Teil des Dokuments heisst „Prinzipien“. Auch hier finden wir manche Punkte, mit denen wohl jeder bibeltreue Christ einverstanden sein wird: „Handeln in Gottes Liebe“ – „Jesus Christus nachahmen“ – „Religions- und Glaubensfreiheit“ und Ablehnung von Verfolgung aus religiösen Gründen – „Respekt für alle Menschen“, usw.

Einige andere Punkte jedoch lassen eine breite Auslegungsspanne zu. Wie z.B. in dieser Stelle: „Die Ausnutzung von Armut und Not hat im christlichen Dienst keinen Platz. Christen/innen sollten es in ihrem Dienst ablehnen und darauf verzichten, Menschen durch materielle Anreize und Belohnungen gewinnen zu wollen. (…) Dabei müssen sie sicherstellen, dass die Verwundbarkeit der Menschen und ihr Bedürfnis nach Heilung nicht ausgenutzt werden.“ – Von wann ab wird der Weltkirchenrat sagen, wir „nützten die Armut und Not anderer Menschen aus“? Natürlich gibt es Beispiele, wo christliche Gruppen mit mangelnder Integrität gehandelt haben und „Reischristen“ produziert haben (Namenschristen, die sich „bekehrt“ haben wegen der Aussicht, eine Handvoll Reis zu erhalten). Solche zu konfrontieren und zu ermahnen ist richtig. (Das englische Original sagt statt „ablehnen“: „denounce“ = denunzieren, anprangern.) Aber wird es andererseits der Weltkirchenrat nicht auch als „Verführung“ und „Ausbeutung“ auslegen (wie es Massenmedien schon getan haben), wenn z.B. einige Christen eine medizinische Hilfskampagne organisieren und dabei den Patienten im Warteraum das Evangelium verkünden?

Und als letztes der zwölf „Prinzipien“ führt der Weltkirchenrat sein Lieblingsthema an: „Aufbau interreligiöser Beziehungen“: „Christen/innen sollten weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufbauen, um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern.“

Niemand wird etwas dagegen haben, „Beziehungen des Respekts und des Vertrauens“ aufzubauen. Aber was versteht der Weltkirchenrat unter „Versöhnung“ (mit Gläubigen anderer Religionen)? Sehen wir nur, wie es der Weltkirchenrat selber in seinen Weltversammlungen macht: Er lädt regelmässig Vertreter anderer Religionen ein, damit die Versammlungsteilnehmer (die sich Christen nennen) an deren Riten teilnehmen. Andererseits hat der Weltkirchenrat meines Wissens noch nie einen Vertreter einer anderen Religion aufgerufen, sich von seiner falschen Religion abzuwenden und sich Christus zuzuwenden. „Versöhnung“ mit anderen Religionen bedeutet gemäss dem Weltkirchenrat, dass Christen sich für ihre Verkündigung, Christus sei der einzige Weg, entschuldigen müssten; und dass wir uns stattdessen für die Wege anderer Religionen öffnen sollten.
– Das haben die Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz unterschrieben ???

Der dritte Teil des Dokuments enthält sechs „Empfehlungen“. Hier wird der Aufruf wiederholt, „von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Gläubigen aller Religionen aufzubauen“, und es wird präzisiert: „… insbesondere auf institutioneller Ebene zwischen Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften, und sich als Teil ihres christlichen Engagements in anhaltenden interreligiösen Dialog einbringen.“
(Anm: Das englische Original spricht statt von „Engagement“ noch stärker von „commitment“, „Verpflichtung“.)

Die evangelikalen Kirchen und Denominationen sollen also „auf institutioneller Ebene“ Beziehungen aufbauen zur Moslembruderschaft, zu buddhistischen Klöstern und zur römisch-katholischen Hierarchie – wozu? Etwa um gemeinsam die Welt zu „evangelisieren“ im Namen Allahs, Buddhas und Marias? – In früheren Dokumenten hat der Weltkirchenrat klar gesagt, was er unter „interreligiösem Dialog“ versteht. Zum Beispiel:

„Einige Christen können Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen einer anderen Religion in ihre eigene Liturgie und Anbetung einbetten, indem sie z.B. Lesungen aus hinduistischen und anderen Schriften aufnehmen …“
(Aus: „Was für einen Unterschied macht die religiöse Vielfalt?“, Ökumenisches Institut des Weltkirchenrats in Bossey, 1999)

Solche Forderungen kann man beim besten Willen nicht mehr mit dem „Beispiel und der Lehre Jesu Christi und der Urkirche“ vereinbaren!

Im Gegensatz zu einigen anderen Dokumenten des Weltkirchenrats enthält „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ (noch) keine ausdrücklichen Einschränkungen der Evangelisation. Aber das Dokument bildet einen gefährlichen Präzedenzfall, damit sich in Zukunft die evangelistischen und missionarischen Tätigkeiten der Evangelikalen dem Konsens der ökumenischen Bewegung und des Vatikans unterordnen sollen. Und die Weltliche – pardon, Weltweite Evangelische Allianz hat mit ihrer Unterschrift klar signalisiert, wohin ihr Weg von jetzt an führt: in die Ökumene.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für jene evangelikalen Kirchen, die immer noch eine klare Distanz zur ökumenischen Bewegung wahren wollen, ihrerseits ein ebenso klares Zeichen zu setzen und aus ihren jeweiligen „Evangelischen Allianzen“ und „Kirchenräten“ auszutreten.

Nachtrag vom 13. August 2014: Siehe zu dem Thema auch den Vortrag von Lothar Gassmann, „Evangelische Allianz und Evangelikale auf dem Weg nach Rom“.

95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Gemeinden (1.Teil)

31. Januar 2011

EINLEITUNG

Am 31. Oktober 1517 versuchte Martin Luther, eine öffentliche Diskussion in Gang zu setzen über den Zustand der Kirche seiner Zeit, und schlug einige Reformen vor. Das Ergebnis war viel radikaler, als er es sich vorgestellt hätte: statt die Kirche zu reformieren, entstand eine grosse Oppositionsbewegung gegen die Kirche; während die katholische Kirche selbst sich weigerte, sich zu reformieren.

Gegenwärtig haben die evangelischen und evangelikalen Kirchen ihrerseits eine Reformation nötig. Werden sie dieses Mal auf den Ruf des Herrn hören, oder werden sie die Geschichte wiederholen und wieder so handeln wie damals die katholische Kirche?

Viele der Beobachtungen in den folgenden Thesen kommen aus meiner eigenen Erfahrung im peruanischen Hochland. Die Situation ist in anderen Kulturen vielleicht anders. Aber ich erhielt ähnliche Berichte von so unterschiedlichen Orten wie Nordamerika, Europa und Afrika, sodass ich annehmen muss, dass zumindest einige der beschriebenen Missstände weltweit verbreitet sind.

Die meisten dieser Thesen sind einfache Vergleiche zwischen der Gemeinde des Neuen Testamentes und den heutigen evangelischen bzw. evangelikalen Kirchen. Wenn man mit offenen Augen diesen Vergleich vornimmt: wie weit sind wir davon entfernt, die Gemeinde zu sein, die Gott möchte?

Anmerkungen zur spanischen Originalausgabe:

– In diesen Thesen erscheint häufig der Ausdruck: „die evangelischen Kirchen … im allgemeinen“. – Ich bin mir bewusst, dass es unter den evangelischen Kirchen eine grosse Vielfalt gibt. Wahrscheinlich ist kaum eine Einzelgemeinde von allen aufgeführten Punkten betroffen. Aber wir alle sind verantwortlich, uns vor dem Wort Gottes zu prüfen.

– Dieses Dokument wurde nicht als fertige Lehrunterlage verfasst, sondern möchte zur Fürbitte und zu einer weiten Diskussion Anlass geben. Deshalb befindet es sich in einem provisorischen Zustand, und verschiedene Teile bedürfen evtl. einer Revision. „Thesen“ bedeutet ja: Standpunkte, die zur Diskussion vorgeschlagen werden; nicht eine fertig ausgearbeitete Lehrunterlage. Die Veröffentlichung war erst für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen; aber ich kam zu der Überzeugung, dass diese Botschaft dringend ist und deshalb so bald wie möglich veröffentlicht werden sollte.

Anmerkungen zur deutschen Übersetzung:

Zum Zeitpunkt dieser Übersetzung sind über vier Jahre vergangen seit der Originalfassung. Die Reaktion darauf übertraf meine Befürchtungen noch: Es fand überhaupt keine Diskussion statt. Stattdessen wurden die vorliegenden Thesen von evangelikalen Leitern als „Unrat“ bezeichnet, zensuriert, verleumdet, oder zu „verbotener Lektüre“ erklärt. Diese negativen Reaktionen richteten sich unerwarteterweise mehrheitlich nicht gegen die eher kontroversen Thesen über Gemeinde und Gemeindeleitung, sondern gegen die These Nr.1, von welcher ich angenommen hatte, diese sei zumindest im evangelikalen Bereich noch unbestritten (göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel). Mehrere evangelikale Organisationen und Leiter brachen öffentlich und ohne Begründung ihre Beziehungen zu mir ab. Ähnlich reagierten auch einige Leiter im deutschen Sprachgebiet, als sie sich einigen Grundgedanken dieser Thesen gegenübersahen. Zu einer konstruktiven Kritik auf biblischer Basis war bis heute (Januar 2011) niemand fähig. Deshalb konnte ich auch noch keine Revision dieser Thesen vornehmen. Sie erscheinen deshalb auch in dieser Übersetzung noch in der als „provisorisch“ vorgestellten Erstfassung (mit einigen wenigen zusätzlichen Anmerkungen).

Aus den genannten Gründen wird diese Artikelserie in der Kategorie „Zensurierte Artikel“ veröffentlicht.

So traurig auch diese Vorgänge sind, so bestätigen sie doch gerade eine meiner Hauptthesen: Die Kirchengeschichte ist in einem grossen Kreis zur Situation vor der Reformation zurückgekehrt. Nur dass heute die evangelischen und evangelikalen Kirchen die Rolle der damaligen katholischen Kirche spielen. Wenn sie mit klaren Aussagen der Heiligen Schrift konfrontiert werden, die ihren eigenen Traditionen widersprechen, dann reagieren sie nicht anders als die katholische Kirche des Mittelalters auf Luther.

Sprachliche Anmerkungen:

Eine Übersetzung ins Deutsche war nicht ganz einfach, denn die deutsche Sprache gebraucht einige spitzfindige Unterscheidungen, die in anderen Sprachen nicht vorkommen. So z.B. die Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“. Um nicht überall das Doppelwort „evangelisch/evangelikal“ schreiben zu müssen, gebrauche ich das Wort „evangelisch“ für beide. Wo spezifisch die reformierten Landeskirchen gemeint sind, schreibe ich „reformiert“.
Ebenso wird im Deutschen je nach konfessioneller Kultur entweder „Pfarrer“ oder „Pastor“, entweder „Kirche“ oder „Gemeinde“ gesagt. Auch diese Begriffe sind in den folgenden Thesen meistens austauschbar. In der Regel bevorzuge ich „Kirche“, wo eine menschliche Organisation gemeint ist, und „Gemeinde“, wo die neutestamentliche Gemeinschaft der Christen gemeint ist.
Betr. persönliche Fürwörter richte ich mich nach der Gepflogenheit des vor-feministischen Zeitalters, als bei Verallgemeinerungen das männliche Fürwort ausreichte, um alle, auch Frauen, einzuschliessen. Ich tue dies nicht, weil ich Frauen ablehnen würde, sondern lediglich weil mir der ständige Gebrauch von Doppelwörtern wie „er/sie“, „ihm/ihr“, zu umständlich ist.


95 THESEN

I) Über die Auslegung der Bibel

1. Die Bibel ist in ihren Originalhandschriften Gottes inspiriertes Wort, irrtumslos und unfehlbar.
– Obwohl die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen dies in ihrem Glaubensbekenntnis festhalten, geben viele in der Praxis der kritischen Theologie Raum, welche die Bibel als ein menschliches Wort ansieht, das Irrtümer enthalten kann.

(Im deutschen Sprachraum haben viele reformierte Kirchen bereits die kritische Theologie zu ihrer offiziellen Theologie erklärt und sind hierin also wenigstens konsequent. Im Raum der Freikirchen dürfte aber die beschriebene Inkonsequenz – die in Lateinamerika allgemein verbreitet ist – auch vorzufinden sein.) Wenn einmal die Türen geöffnet sind für die kritische Theologie, folgen unvermeidlich weitere Irrtümer in der Lehre.

2. Die heutigen evangelischen Kirchen legen im allgemeinen die Bibel durch den Filter ihrer eigenen Tradition und gemeindlicher Gewohnheiten aus. Diese Tradition hindert sie daran, zu sehen, was die Bibel wirklich sagt.
Wenn sie „Kirche“ oder „Gemeinde“ lesen, stellen sie sich eine heutige Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes sehr anders war. Wenn sie „Bekehrung“ lesen, stellen sie sich eine Person vor, die an einer Evangelisationsveranstaltug ein „Übergabegebet“ nachspricht, und sind sich nicht bewusst, dass eine Bekehrung im Neuen Testament etwas ganz anderes war. Wenn sie „Pastor“ („Hirte“) lesen, stellen sie sich einen Pfarrer einer heutigen Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass ein „Hirte“ im Neuen Testament etwas ganz anderes war. (Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden.)

3. Die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe sind Beschreibungen des Normalzustandes der Gemeinde, gemäss Gottes Willen für alle Zeiten.
Der Herr ist derselbe in allen Zeiten; Sein Wort besteht für immer (Jes.40,8, Matth.24,35); und wenn er irgendeine Änderung vorgesehen hätte für die Zeit nach dem Abschluss des Neuen Testamentes, dann hätte er dies zum voraus prophetisch angekündigt.
Die heutigen evangelischen Kirchen betrachten im allgemeinen die Apostelgeschichte nur als einen Bericht aus vergangenen Zeiten; oder sie interpretieren deren Inhalt um und passen ihn ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition an; und auf beide Arten wird die Botschaft der Apostelgeschichte nicht wirklich auf heute angewandt. Dies ist ein schwerer Fehler, der die Kirchen blind macht dafür, wie weit sie sich von Gott entfernt haben.


II) Über die Wiedergeburt

4. Die Wiedergeburt ist eine Tat Gottes, nicht des Menschen (Joh.3,8, 6,44). Es ist Gott, der die Vorherbestimmten ruft und rechtfertigt (Röm.8,29-30). Die Verantwortung des Menschen besteht darin, auf den Ruf Gottes zu antworten mit Umkehr und Glauben (Markus 1,15, Apg.2,38, Röm.4,5).
Die evangelischen Kirchen heute (d.h. v.a. Freikirchen) glauben und lehren im allgemeinen, dass die Wiedergeburt eine Tat des Menschen ist (selbst wenn ihre offizielle Lehre anders ist) – das zeigt sich in ihren manipulativen Evangelisationsmethoden.
(Anm: Es geht mir bei dieser These nicht darum, eine spezifische Version der Prädestinationslehre zu diskutieren. Das genaue Zueinander von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verantwortung zu beschreiben, gehört zu den schwierigsten theologischen Fragestellungen überhaupt, und ich bin da durchaus offen für eine gewisse Bandbreite an Meinungen. Worum es mir vielmehr geht, ist die Grundsatzfrage, ob wir Gottes souveränes und übernatürliches Handeln in der Wiedergeburt anerkennen, oder ob wir eine Wiedergeburt als „menschlich machbar“ ansehen – und um die praktischen Konsequenzen, die die Beantwortung dieser Frage z.B. für die Evangelisation hat.)

5. Die Wiedergeburt geschieht nicht durch das Wiederholen eines Übergabegebetes, oder andere menschliche „Methoden“. Es gibt kein Beispiel im Neuen Testament, wo jemand auf solche Weise wiedergeboren worden wäre.
– Die evangelischen Kirchen heute nehmen im allgemeinen jemanden als „bekehrt“ an, wenn er ein Übergabegebet gesprochen hat (resp. die reformierten Kirchen, wenn jemand als Kind getauft wurde). Aufgrund dieser verfehlten Praxis sind die Kirchen verführt, und merken nicht, dass viele falsche Brüder unter ihren Mitgliedern sind.

6. Die wirkliche Umkehr besteht darin, Sünde zu bekennen und hinter sich zu lassen (Spr.28,13). Damit jemand zu einer solchen Umkehr kommt, muss er durch den Heiligen Geist von seiner Sünde überführt werden (Joh. 16:8-9).
Ein Sündenbekenntnis ohne vorausgehende Überführung durch den Heiligen Geist, und ohne den festen Entschluss, die Sünde hinter sich zu lassen, ist keine wirkliche Umkehr.

7. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder diese wirkliche Umkehr, noch praktizieren sie sie. Als traurige Konsequenz sind viele derer, die sich als Christen verstehen, nie wirklich von neuem geboren worden.

8. Der wahre Glaube, der auf das einmalige Opfer Jesu Christi zur Vergebung der Sünden und zu unserer Erlösung vertraut, führt zu einer Gewissheit, jetzt erlöst zu sein, nicht nur zu einer Hoffnung, „eines Tages“ erlöst zu werden (Joh.5,24).

9. Dieser wahre Glaube kann erst dann wirksam werden, wenn jemand vom Heiligen Geist von seiner Sünde überführt worden ist und wirklich zur Umkehr gekommen ist; vorher nicht.
Wer versucht, auf das Opfer Jesu zu vertrauen, oder das „Geschenk der Erlösung“ anzunehmen, ohne die Überführung von der Sünde erlebt zu haben, der lebt in einem falschen Vertrauen, weil er gar noch nicht weiss, von welcher Gefahr und welchem Urteil er erlöst werden muss.

10. Der wahre Glaube nimmt nichts von Gott „in Anspruch“, und macht auch keine „positiven Bekenntnisse“ über etwas, was er sich nur vorstellt, während die Wirklichkeit anders ist. Derartige „Rezepte“ stammen vom „positiven Denken“ des New Age her, nicht von der Bibel.
Der wahre Glaube vertraut schlicht und fest darauf, dass Gott tun wird, was er versprochen hat, nicht was ich mir vorstelle.

11. Wer von neuem geboren wird, der erhält in seinem Geist das Zeugnis des Heiligen Geistes, dass er Gottes Kind ist (Röm.8,16).
Dieses Zeugnis ist nicht dasselbe wie die menschliche Vorstellung, erlöst zu sein; es ist auch kein menschlicher Akt, es „im Glauben in Anspruch zu nehmen“. Wer dieses Zeugnis erhält, der weiss mit Gewissheit, dass dieses Zeugnis nicht aus seiner eigenen Vorstellung noch aus seinem eigenen Willen entspringt. Wer dieses Zeugnis nicht in sich hat, ist nicht wiedergeboren (Röm.8,9).


III) Über Evangelisation

12. Evangelisation im Neuen Testament ist: Menschen zur Überführung von der Sünde bringen, und zur Umkehr rufen, damit sie gerettet werden. (Matth.3,2, 4,17, Apg. 2,22-23.36-38, Röm.3,19-24)

13. Im Neuen Testament wurden keine Aufrufe gemacht, „Jesus anzunehmen“ oder ähnliches.
Es wurde zur Umkehr gerufen; aber jeder musste diese Umkehr aus eigener Initiative bezeugen, nicht als rituelle Reaktion auf einen Aufruf. (Die Anweisung „Kehrt um und werdet getauft…“ wurde nur jenen gegeben, die schon von sich aus gefragt hatten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ – Apg.2,37-38, 16,30-33).

14. Die heutigen evangelischen (Frei-)Kirchen im allgemeinen rufen in ihrem Eifer, mehr Mitglieder zu gewinnen, nicht-reuige Sünder dazu auf, „Jesus anzunehmen“. Dies bewirkt viele falsche Bekehrungen und sehr wenige echte Bekehrungen.

15. Im Neuen Testament brachten die Christen keine Unbekehrten zu den Versammlungen der Gemeinde.
Im Gegenteil, die Nichtgläubigen hatten Angst davor, sich mit der Gemeinde zusammenzutun (Apg.5,13). Nur nachdem sie sich bekehrten, begannen sie sich mit der Gemeinde zu versammeln. (Dies sollte nicht mit den öffentlichen Versammlungen auf öffentlichen Plätzen verwechselt werden, wo jedermann die Möglichkeit hatte, der Lehre der Apostel zuzuhören, ohne Teil der Gemeinde zu sein.)

16. Die heutigen evangelischen Kirchen bringen im allgemeinen Unbekehrte zu ihren Versammlungen; diese Unbekehrten beginnen sich dann äusserlich wie Christen zu verhalten, bis sie als „Brüder“ angenommen sind, während sie in Wirklichkeit nie von neuem geboren wurden. So füllen sich die Kirchen mit falschen Brüdern.
Schon die Tatsache, dass Unbekehrte überhaupt keine Furcht mehr davor haben, sich mit der Gemeinde zusammenzutun, ist ein Zeichen, dass wir uns weit entfernt haben vom Zustand der Urgemeinde.

17. Im Neuen Testament bezeugte ein Sünder seine Umkehr, indem er sich taufen liess. (Apg. 2,38-41, 8,12, 8,35-38, 10,47-48, usw.)

18. Die heutigen evangelischen Kirchen, soweit sie die Erwachsenentaufe pflegen,
– zögern oft die Taufe wirklich Bekehrter unnötig hinaus; während dieser Wartezeit kann der Feind alle möglichen Zweifel, Versuchungen und Entmutigung in die Herzen der Bekehrten säen;
– taufen aus mangelndem Unterscheidungsvermögen Unbekehrte, die einfach gelernt haben, sich an die äusseren Formen des Christentums anzupassen, nachdem sie viel Zeit zusammen mit Christen verbracht haben.

Ein wirklicher Bekehrter muss mit der Taufe nicht warten; und ein unechter Bekehrter wird durch eine lange Wartezeit nicht zu einem echten.

19. Die Evangelisation im Neuen Testament versprach nie etwas anderes als die Erlösung und das ewige Leben.
Es wurde weder Heilung, noch die Lösung persönlicher Probleme, noch Wohlstand oder Glück versprochen als „Belohnung“ für eine Bekehrung. Im Gegenteil, der Herr rief seine Nachfolger dazu auf, um seinetwillen alles zu verlieren, sogar ihr eigenes Leben (Matth.10,37-39, 16,24-26, Luk.9,57-62). Nur jene, die dem Herrn auf diese Weise nachfolgen, können dann auch die Verheissung erhalten: „… und alle diese Dinge werden euch hinzugetan werden“ (Matth.6,33) – was sich lediglich auf die Grundbedürfnisse des Lebens bezieht.

20. Die heutigen evangelischen Kirchen versuchen im allgemeinen neue Bekehrte zu gewinnen mit Versprechen von Heilung, Lösung persönlicher Probleme, Wohlstand und Glück, usw. Auf diese Weise gibt es falsche Bekehrungen, weil sich die Menschen aus falschen und egoistischen Motiven „bekehren“.

21. So wie ein neugeborenes Baby nach Milch schreit, sucht ein wirklich wiedergeborener Christ von sich aus die Gemeinschaft mit dem Herrn und mit seinen Brüdern.
Wer nach der Bekehrung keinen solchen Hunger und Durst nach dem Herrn hat, ist nicht wirklich bekehrt.
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden müssen ständig „angespornt“ oder „ermahnt“ werden, weil sie von sich aus diesen Hunger und Durst nach dem Herrn nicht haben; aber das zeigt nur, dass sie in Wirklichkeit nicht wiedergeboren sind.

22. Die heutigen evangelischen Kirchen unternehmen im allgemeinen irrige Bemühungen, an falschen Bekehrten „Nacharbeit“ zu machen, z.B. indem sie sie zum Gottesdienst schleppen, zu dem sie gar nicht gehen wollen; oder indem sie sie unter Druck setzen, sich „christlich“ zu verhalten, während ihre unbekehrte Natur sie nach der anderen Seite zieht, usw. Das alles ist eine Verschwendung von Zeit, Kräften und anderen Mitteln, während die wirkliche Arbeit Gottes vernachlässigt wird: Menschen zu einer wirklichen Umkehr und einem wirklichen Glauben zu führen, gemäss den Prinzipien, die Gott selber aufgestellt hat.


IV) Über Heiligung und Heiligkeit

23. Das Neue Testament nennt nirgends einen Ungläubigen einen „Heiligen“, „Bruder“ oder „Christ“; und nirgends nennt es einen wiedergeborenen Christen „Sünder“. Ein wiedergeborener Christ ist heilig, weil er der Sünde gestorben ist und für Gott lebendig ist (Röm.6,3-11).
Die heutigen evangelischen Kirchen sind im allgemeinen verwirrt, weil sich in ihnen Sünder befinden, die sich „Brüder“ nennen, und Heilige, die sich „Sünder“ nennen. – Luthers Ausdruck „Heiliger und Sünder zugleich“ ist nicht biblisch.

24. Ein wiedergeborener Christ lebt gemäss dem Heiligen Geist (Röm.8,1.4.9.12-13), und mit der Hilfe des Geistes wendet er sich von der Sünde ab und erfüllt so die Gerechtigkeit, die Gott verlangt (Röm.8,4).
Er reinigt sich, weil er den wiederkommenden Herrn erwartet (1.Joh.3,2-3), und sündigt nicht bewusst (1.Joh.3,6-9). Ein wahrer Christ „folgt der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Heb.12:14).

25. Diese Heiligkeit erlangt niemand durch eigene Anstrengungen, sondern durch das Wirken des Herrn, „der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt“ (Phil.2,13, 1.Kor.15,10, Joh. 15,4-6, Eph.2,10).
Ein wahrer Heiliger bemüht sich nicht, das Gute oder Richtige zu tun; aber er bemüht sich, in Christus zu bleiben (und als Ergebnis wird er effektiv das Gute tun).

26. Diese Heiligkeit hat nichts damit zu tun, religiöse Rituale oder äussere Vorschriften zu erfüllen; sondern sie hat mit der Integrität des Herzens zu tun, die Gott in allem gefallen möchte (Ps.40,6-8, Ps.51,6.10).
Die heutigen evangelischen Gemeinden verstehen „Heiligkeit“ allgemein in einem rituellen Sinn (die „richtigen“ und äusserlich „akzeptablen“ Dinge zu tun). Sie unterwerfen sich äusseren Vorschriften, „du sollst nicht in die Hand nehmen, nicht kosten, nicht berühren…“, was einen Anschein von Weisheit hat, aber nichts ausrichtet gegen die Gelüste des Fleisches (Kol.2,20-23). Sie führen Rituale durch von „Gottesdienst“, „Lobpreis“, „Gebet“, „Bekehrung“, „Versöhnung“ – alles der äusseren Form nach, aber die geistliche Realität fehlt. (Matth.15,7-9).

27. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder die wahre Heiligkeit, noch praktizieren sie sie.
In ihrer Mehrheit entschuldigen sie entweder die Sünde und übergehen sie leichthin; oder sie versuchen, die Heiligkeit durch menschliche Anstrengungen zu erreichen, die in Wirklichkeit fleischlich sind (Phil.3,4-9). Deshalb sagt die Welt: „Warum soll ich Christ werden, wenn sie auch nicht besser sind als ich?“ Und der Name Gottes wird gelästert unter den Heiden durch unsere Schuld (Röm.2,24).

28. Viele Mitglieder evangelischer Kirchen nennen sich selbst „unwürdige Sünder“. Damit geben sie Zeugnis gegen sich selbst, dass sie nicht gerettet sind.
Viele benutzen diesen Ausdruck sogar als Entschuldigung, um weiter zu sündigen; und so zeigen sie, dass sie sich nie wirklich bekehrt haben. – Die Praktik, „um Vergebung zu bitten, um nachher wieder sündigen zu können“, ist völlig entgegen dem Willen Gottes (Jer.7,9-11).

29. Das Evangelium besteht (wie schon Luther hervorgehoben hat) grundsätzlich aus zwei Botschaften: die Botschaft des Gesetzes und die Botschaft der Gnade. Im Neuen Testament wird das Gesetz den Sündern verkündigt, damit sie von ihrer Sünde überführt und zu Jesus Christus geführt werden (Gal.3,22-24). Die Gnade wird den reuigen Sündern verkündigt, damit sie zum Glauben kommen (Röm.3,21-24), und den Gläubigen, damit sie in ihrem Glauben gefestigt werden (Röm.6,14, 1.Petrus 1,13).

30. Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen diese Ordnung umgedreht: sie verkündigen die Gnade den nicht-reuigen Sündern, und das Gesetz den Gläubigen.
Dieser Fehler bewirkt zwei entgegengesetzte Übel, die ich im folgenden beschreiben werde. In den heutigen evangelischen Gemeinden, wo eines dieser Übel festgestellt wird, da wird häufig das andere Übel als Gegenmittel vorgeschlagen, während in Wirklichkeit beides sehr grosse Übel sind:

31. Die „billige Gnade“ (Bonhoeffer) ist das Übel, das davon kommt, wenn den nicht-reuigen Sündern die Gnade verkündet wird.
Es ist nicht biblisch zu sagen, dass der Herr alle unsere Sünden vergibt, unabhängig davon, ob wir zur Umkehr kommen oder nicht (Lukas 13,3). Es ist nicht biblisch zu sagen, die Erlösung koste nichts (Matth 16,24-25, Matth.13,44-46). Eine solche Verkündigung produziert nicht-reuige Sünder, die zu Gott kommen und sagen: „Wir sind befreit, um weiterhin alle diese Greuel zu verüben“ (Jer.7,8-11).

32. Das „Joch der Pharisäer“ ist das Übel, das davon kommt, wenn den wiedergeborenen Gläubigen das Gesetz verkündigt wird.
Es ist nicht biblisch, die Heiligkeit eines Christen nach seiner Anpassung an äusserliche Regeln zu messen (wie z.B. die Häufigkeit seines Gottesdienstbesuchs, die Höhe seiner Spenden, usw.) – Siehe Matth.15,7-9.
Diese Verkündigung bewirkt, dass die Christen „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4) und wieder an ihrer Erlösung zweifeln; sie werden dazu verleitet, wieder aus eigener Kraft zu leben statt aus der Kraft Gottes; und so werden sie unter ein Joch gezwängt, das sie nicht erfüllen können, und beginnen mit der Zeit tatsächlich den Glauben zu verlieren.
Ausserdem bewirkt diese Verkündigung, dass die nicht-reuigen Sünder, die in der Kirche sind, sich so zu benehmen beginnen, als wären sie Christen, indem sie die äusserlichen Vorschriften erfüllen, während ihr Herz unbekehrt bleibt. Daraus entsteht eine derartige Verwirrung, dass es fast unmöglich wird, zwischen den echten und den falschen Christen in der Kirche zu unterscheiden.

33. Ebenso ist es das „Joch der Pharisäer“, über das Verhalten der Gemeindeglieder Kontrolle auszuüben mit Hilfe von Reglementen und Disziplinarverfahren über äusserliche Angelegenheiten und Menschengebote; oder dieselbe Art Kontrolle auszuüben mit Druckversuchen und persönlichen Drohungen.
Diese Art „Behirtung“ verhindert die Entwicklung des Gewissens der Christen, und hält sie gefangen in einer immerwährenden Unreife.
(siehe No.61 und 62 über die „Gemeindezucht“)

34. Wenn in der Gemeinde des Neuen Testamentes Sünde war, dann kam diese Sünde ans Licht; und das führte zur Umkehr (oder wo nicht, zur Strafe Gottes); und in beiden Fällen war das Ergebnis Gottesfurcht. (Apg. 5,1-11, 8,18-24, Gal.2,11-14)
Es wurde als normal angesehen, dass ein Ungläubiger, wenn er zufällig in eine Versammlung von Christen geriet, dort durch Gottes Wirken von seiner Sünde überführt wurde (1.Kor.14,24-25).

35. In den heutigen evangelischen Kirchen geht im allgemeinen die Sünde weiter, ohne ans Licht zu kommen; und sogar wenn sie ans Licht kommt, gibt es keine wirkliche Umkehr.
In den Gemeinden geschieht Diebstahl, Betrug, sexueller Missbrauch, Ehebruch. Lüge und Verleumdung werden bereits als normal angesehen. Das übernatürliche Wirken Gottes, die Sünde ans Licht zu bringen und davon zu überführen, geschieht nicht mehr. Das ist ein Zeichen, dass die Kirche als ganze sich sehr weit vom Willen und Standard Gottes entfernt hat.

Immer noch vermisst: Das neutestamentliche Christentum

27. Oktober 2010

Bem: Dies ist ein kleiner Nachtrag zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“, den ich ursprünglich vor einigen Jahren auf Anfrage der Organisation schrieb, die mich (zumindest als Lippenbekenntnis) unterstützte. Gleichzeitig ist er aber Anlass, die neue Kategorie „Zensurierte Artikel“ zu eröffnen; denn die betreffende Organisation weigerte sich, den untenstehenden Artikel zu veröffentlichen.

Zehn Jahre lang habe ich im peruanischen Hochland mit Gemeinden verschiedenster Denominationen zusammengearbeitet; hauptsächlich in der Mitarbeiterschulung zum Dienst an Kindern und Jugendlichen, und in der theologischen Lehre. Ich spürte aber eine zunehmende Ablehnung der Gemeindeleiter gegen biblische Kernaussagen; und als wir als Familie von tragischen und skandalösen Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen wurden, erlebten wir keine Unterstützung, sondern noch mehr Ablehnung. So musste ich mir die Grundsatzfrage stellen: Sind die Gemeinden überhaupt christlich?

Ich kehrte zum Neuen Testament zurück und fand da grosse Unterschiede zu den heutigen Gemeinden.
Die Urchristen bekehrten sich nicht mit einem Übergabegebet an einer Evangelisation. Sie wurden vom Heiligen Geist in der Tiefe überführt (Joh.16,8), sodass sie von sich aus fragten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ (Apg.2,37).
Sie ahmten nicht äussere Formen nach, sondern wurden von Jesus in der Tiefe verändert.
Sie wurden nicht Untergebene eines Pastors oder Missionars, sondern folgten selber Jesus nach (Joh.10) und „forschten in der Schrift“ (Apg.17,11).
Sie kamen nicht zu einem Sonntagsgottesdienst zusammen, sondern zu einer natürlichen, persönlichen Gemeinschaft, wo „jeder etwas hatte“, um die anderen aufzubauen (Apg.2,44-47, 1.Kor.14,26).
Sie waren auch nicht in Denominationen aufgeteilt, die ihre Schäfchen eifersüchtig für sich hüteten – ausser in Korinth, wo Paulus dies tadelte (1.Kor.1,11-15; 3,4-11).
Leiterschaft war keine Karriere und keine Machtposition, sondern wurde als natürliche Anerkennung jenen zuteil, die Jesus am meisten liebten und bereit waren, für ihn zu leiden (Luk.22,24-27, 1.Kor.4,9-14).

Solche Unterschiede sind nicht belanglos. „Kirche wie alle sie kennen, verhindert Kirche wie Gott sie will.“ (Wolfgang Simson)

Ich höre oft das Argument, man müsse die historisch gewachsene Situation anerkennen und es gäbe doch keine perfekte Gemeinde. Dann hätten aber auch die Reformatoren die katholische Kirche anerkennen sollen, wie sie war, und wir müssten alle nach Rom zurückkehren.

Ich glaube stattdessen, wir sollten zur biblischen Originalgemeinde zurückkehren. Deshalb suche ich jetzt nach Mitchristen, die dasselbe Anliegen im Herzen tragen. Bei einigen Gelegenheiten konnte ich mit Gruppen von jugendlichen Mitarbeitern diese Art Gemeinschaft praktizieren. Aber nur wenige sind dazu bereit, und diese wenigen werden oft von ihren eigenen Gemeinden zurückgebunden. Ein übernatürliches Eingreifen Gottes ist hier nötig. Ich bitte Euch, für dieses Anliegen zu beten.

Krise in den evangelischen Gemeinden

26. Juni 2010

Von Guillermo Green

Eine nüchterne Betrachtung der Situation der evangelischen Gemeinden Lateinamerikas. Gefunden auf Spanisch im Blog http://tiempospeligrosos.com. Die nachfolgende Betrachtung kann durchaus auch der europäischen Christenheit etwas zu sagen haben.

(Vorbemerkung des Übersetzers: Die spanische Sprache kennt die spitzfindige Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“ nicht. Kirchen, die den lutherischen oder reformierten Landeskirchen im deutschsprachigen Raum vergleichbar wären, gibt es in Lateinamerika nicht. „Evangelisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang also vorwiegend „evangelikal“ bzw. „pfingstlich“, wobei die lateinamerikanischen „Evangelikalen“ aber schon ziemlich stark von der liberalen Theologie und vom Ökumenismus beeinflusst sind.)

Als Jorge Gómez sein Buch schrieb, „Das Wachstum und der Abfall in den evangelischen Gemeinden von Costa Rica“ (INDEF, 1996), ignorierten viele Pastoren seines Landes diese Studie, oder noch schlimmer, sie verlachten ihn als einen weiteren „Spielverderber“. Sie hätten besser auf ihn gehört. Edward Cleary, ein Missionar in Bolivien und Perú und z.Z. Professor für lateinamerikanische Studien am Providence College, Rhode Island, hat soeben bestätigt, dass nicht alles zum Besten bestellt ist in den evangelischen Gemeinden in Lateinamerika. Tatsächlich geht es ihnen schlecht.

Während der letzten Jahrzehnte richtete sich viel Aufmerksamkeit auf die Personen, die die katholische Kirche verliessen, um sich evangelischen (vorwiegend pfingstlichen) Gemeinden anzuschliessen. Es wurden viele Artikel geschrieben, Umfragen angestellt, und Siegesgesänge angestimmt – wie z.B. die angeblichen Zahlen aus Guatemala, wonach 50% des Landes evangelisch sein sollen. Aber unsere Brillen waren nicht richtig eingestellt; wir litten unter Kurzsichtigkeit. Während viele Menschen die katholische Kirche verliessen, erstarkten gleichzeitig die einheimischen Religionen, und eine „Erweckung“ des alten amerikanischen Heidentums ist unterwegs. Das bedeutet, dass nicht alle, die die katholische Kirche verliessen, sich den Evangelischen anschlossen. Ebenso wachsen z.Z. die östlichen Religionen inbegriffen „New Age“, der Buddhismus und der Gnostizismus, auf aufsehenerregende Weise. Und da diese Bewegungen keine eigentliche „Mitgliedschaft“ haben, ist es schwierig, die Anzahl ihrer Anhänger festzustellen – zumal viele gleichzeitig die katholische oder evangelische Religion praktizieren. Die Pfingstbewegung selber hat eine Wandlung erlebt und ist in vielen Regionen zu einer neuen Religion geworden, zu einer Neo-Pfingstbewegung, die „Gesundheit, Wohlstand und Sieg“ betont. Und während die alte Garde weiterhin proklamiert: „Wir haben Erweckung“, müssen wir uns heute fragen: „Erweckung welcher Religion?“ Als Tatsache bleibt, dass die letzten drei Jahrzehnte massive Bewegungen von einer Religion zur anderen gesehen haben. Anscheinend gehen diese Bewegungen gegenwärtig weiter. Und anscheinend ist die evangelische Kirche von ebendiesem Prozess sehr betroffen.

Heute gibt es bessere Kriterien und tiefergehende Untersuchungen des Phänomens, das Lateinamerika erlebt. Es ist schon fast „Mode“ geworden, seine Religion zu wechseln. Das Problem ist, dass somit für viele ihre „Bekehrung“ zum evangelischen Glauben nichts weiter ist als eine Mode. Betrachten wir einige Statistiken.

Ziffern und Zahlen

Die Wissenschaft der Umfragen und Ziffern ist schwierig. Wir ziehen den Hut vor jenen, die diese wertvollen Untersuchungen anstellen. Der Optimismus hat jedoch die Evangelischen auf beklagenswerte Weise beeinflusst bei ihren Umfragen. Z.B. veröffentlichte Johnstone in „Operation World“ 1993, dass 27,9% der Chilenen Protestanten seien, davon 25,4% der Chilenen Pfingstler. Aber eine sorgfältige Volkszählung von 1992 zeigte, dass nur 12,4% evangelisch waren. 2002 lag die Zahl bei etwa 16%. In Brasilien war das Wachstum der evangelischen Kirchen sehr schnell; wahrscheinlich wohnt die Hälfte der lateinamerikanischen Evangelischen in Brasilien. 1993 sagte Johnstone, dass dort 21,6% der Bevölkerung evangelisch waren; aber das kontrastiert mit der Volkszählung von 2000, die den Prozentsatz der Evangelischen mit 15,4 angibt.

(Anm. d. Ü: Vor Jahren habe ich persönlich im peruanischen Zweig von „DAWN“ mitbekommen, wie deren Statistiken zustandekommen. Man geht dort grundsätzlich davon aus, dass auf jedes evangelische Gemeindemitglied zwei „Sympathisanten“ kommen, die die Gemeinde besuchen und von ihrer Überzeugung her ebenfalls evangelisch sind. Somit wird die Zahl der eingeschriebenen Mitglieder mit drei multipliziert und dies als die Zahl der Evangelischen angegeben. – In Wirklichkeit kann aber selbst von den eingetragenen Mitgliedern nur eine kleine Minderheit eine persönliche Wiedergeburt bezeugen.)

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„Sie sehnen sich nach Familie“ – nicht nach Institution! Ein Nachtrag.

21. Januar 2010

Vor einigen Wochen schrieb ich einen Bericht über unsere gegenwärtige Tätigkeit unter dem Titel „Sie sehnen sich nach Familie“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/12/12/sie-sehnen-sich-nach-familie/).

Ein – im übrigen wohlmeinender – Verfechter des institutionalisierten Christentums schrieb mir, als Argument für die Eingliederung in eine „institutionelle“ Gemeinde: „Wie schön und wichtig für diese gute Arbeit wäre ein Netzwerk von Mitarbeiter mit weitern Gaben, die auch helfen könnten, dass diese punktuelle Arbeit eine Fortsetzung und Weiterführung finden würde!“
Ja, das wäre eigentlich schön und gut. Im Grunde habe ich nichts dagegen, wenn Freunde oder Mitarbeiter im institutionellen Kirchentum involviert sind – solange sie ihrerseits uns zugestehen, unseren Weg zu gehen. Und weitere Mitarbeiter zu haben, die diese Arbeit mittragen, wäre auch nicht schlecht. Aber persönlich würde ich es vorziehen, Mitarbeiter zu haben, die wie wir dazu bereit sind, unabhängig vom institutionellen Kirchensystem zu arbeiten. Ich habe genügend Zeit in diesem System verbracht – etwa zwei Jahrzehnte -, um mir vorstellen zu können, was geschähe bei dem Versuch, unsere gegenwärtige Tätigkeit im Rahmen einer solchen Institution auszuüben.

Wäre ich noch Mitglied der Missionsgesellschaft, mit der ich erstmals nach Perú kam, dann hätte ich nicht einmal die Frau heiraten dürfen, mit der ich inzwischen viele glückliche Ehejahre verbracht habe. Ich hätte also höchstwahrscheinlich bis heute nicht einmal eine Familie. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Bevor ich anfangen könnte, den Nachbarskindern zu helfen, müsste ich der Leiterschaft „meiner“ Institution eine möglichst überzeugende Projektbeschreibung vorlegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mehrere dicke Umschläge mit vergangenen Projekten, Grundsatzerklärungen, Visions- und Missionsbeschreibungen, Anforderungsprofilen für Mitarbeiter, usw. usw. – lauter wertloses Papier, weil die darin enthaltenen Vorschläge vor Jahren inmitten der Unmöglichkeiten institutioneller Bürokratien versickert sind.

Es würde also eine lange Reihe von Kommissionssitzungen, Abklärungsgesprächen, Korrespondenzen, usw. beginnen.

Dann würde die Institution – falls ich wirklich ihr Wohlwollen für mein Projekt gewinnen könnte – mit 99%iger Sicherheit darauf bestehen, für dessen Durchführung eine Räumlichkeit zu kaufen oder zu mieten, weil eine solche Unternehmung in unserer eigenen Wohnung zu sehr den Anstrich einer eigenwilligen Privatinitiative hätte (oder was auch immer als Grund angegeben würde). Dieser Schritt würde aber unweigerlich zu einer langen Diskussion über Budgetfragen, Mittelbeschaffung usw. führen.

Dann käme bestimmt irgendein schlauer Kopf auf die Idee, wenn wir schon so etwas machten, dann sollten wir es doch gleich „richtig“ machen, d.h. als staatlich anerkannte „Akademie“ usw. Das würde uns viel mehr Türen öffnen und den Einfluss unserer Arbeit ausweiten. (Trifft nach den Massstäben dieser Welt sicherlich zu.) – Somit würde ein Bewilligungsverfahren beim Erziehungsministerium eingeleitet. Auf den Unterlagen dafür könnten wir aber nicht als Verantwortliche figurieren, da weder meine Frau noch ich ein gültiges Lehrerdiplom haben. Es müsste also zuerst ein „Alibi-Lehrer“ gesucht werden, der für uns unterschreiben würde. Das wiederum würde zu einem Kompetenzenkonflikt zwischen diesem Lehrer und uns führen, was von Anfang an den Erfolg des Projektes in Frage stellen würde.

Über diesen mehrfachen Bewilligungsverfahren (zuerst bei unserer eigenen Institution, dann bei den staatlichen Instanzen) wäre der grösste Teil des Schuljahres bereits verstrichen. Aber angenommen, diese Verfahren hätten Erfolg und wir könnten wirklich beginnen: auch dann wäre unsere Arbeit noch nicht sicher. Wir müssten jederzeit damit rechnen, dass die Institutionsleitung willkürlich unsere besten Mitarbeiter in andere Arbeitszweige versetzen würde und uns (wenn überhaupt) andere, unerfahrene und ungeeignete Mitarbeiter zuteilen würde. (Ich schreibe aus Erfahrung. Die meisten meiner vergangenen – institutionellen – Projekte sind genau aus diesem Grund eingegangen.)

Jetzt komme ich erst zum Hauptpunkt: Schon ziemlich am Anfang dieses institutionellen Hürdenlaufs wäre das Wesentliche verlorengegangen, das für die meisten Kinder der eigentliche Grund ist, überhaupt zu uns zu kommen und nicht zu einem anderen existierenden Hilfsangebot: nämlich dass wir eine Familie sind und eben nicht eine Institution. Genau jene Kinder, die gegenwärtig am meisten unsere Hilfe nötig haben und davon profitieren, wären gar nicht erst zu uns gekommen.

Ganz zu schweigen davon, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Hausaufgabenhilfe einer „Sekte“ senden würden. Wir haben herausgefunden, dass viele unserer Nachbarn religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind – und die meisten von ihnen haben gute Gründe zum Misstrauen. (Etwa ein Drittel von ihnen sind ehemalige Mitglieder evangelischer Gemeinden.) Gerade der Umstand, dass wir keiner solchen Organisation angehören, ermöglicht unbefangene Glaubensgespräche. Wir hoffen, dass so einige von den Gemeinden enttäuschte Menschen dennoch wieder einen Zugang zu Jesus finden können, unabhängig von vergangenen schlechten Erfahrungen und ohne den Druck, „Mitglied“ einer „Organisation“ werden zu müssen. Viele von ihnen sind nicht grundsätzlich dem Glauben abgeneigt; sie stossen sich nur an dessen verzerrter Form, der sie in den Gemeinden begegnet sind. – Ein gemeindlich-institutionalisiertes Hilfsprogramm wird dagegen – mit wenigen Ausnahmen – nur solche Menschen anziehen, die sich bereits im Dunstkreis evangelischer Tradition bewegen, und die gerade deshalb „Glauben an Jesus“ mit „Mitgliedschaft in einer Organisation“ verwechseln.

Die Kinder, die zu uns kommen, sind noch weit davon entfernt, das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Aber ihre „Sehnsucht nach Familie“ zielt in die richtige Richtung – im Gegensatz zur „Sehnsucht nach Institution“ oder zur „Sehnsucht nach religiöser Betätigung“, die ich in einigen anderen Menschen beobachte. Christliche Gemeinde ist in erster Linie Familie, nicht Institution. Wenn ein Attribut Gottes es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, dann ist es: „VATER“. Nicht nur der Vater von Jesus, sondern auch der Vater einer Familie, zu der jeder wahrhaft Gläubige gehört.

Hierzu ein beachtenswerter Denkanstoss von Wolfgang Simson:

„Die Art von Gemeinde, die wir hier auf Erden haben, hängt stark davon ab, wie wir uns Gott im Himmel vorstellen. Wenn wir glauben, wir hätten einen ‚Lehrer im Himmel‘, dann wird die Gemeinde zu einem Schulzimmer, wo wir uns Notizen machen und sie gleich anschliessend vergessen. Wenn wir glauben, Gott sei ein Richter, dann sieht die Gemeinde wie eine Polizeistation aus. Wenn wir glauben, Gott sei ein Arzt, dann wird die Gemeinde wie ein Spital, wo wir einander die Wunden verbinden und dann einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, Gott sei ein General, dann wird die Gemeinde zu einer Armee. Aber wenn wir verstehen, dass Gott in erster Linie ein Vater ist, dann wird die Gemeinde wie eine Familie sein.“

Deshalb glaube ich, ein Kind, das nach einer echten Familie sucht, hat die besten Voraussetzungen dafür, den Vater im Himmel zu finden und kennenzulernen.

Wer oder was ist ein Christ? (Teil 2)

10. August 2009

Im ersten Teil haben wir verschiedene übliche Definitionen des Begriffs „Christ“ betrachtet. In diesem zweiten Teil möchte ich untersuchen, was seine ursprüngliche Bedeutung und Merkmale sind. Das Wort „Christ“ erscheint zum ersten Mal im Neuen Testament, und dort müssen wir seine Bedeutung suchen. Nicht in einem Wörterbuch oder Lexikon, nicht in einer Kirchenverfassung oder in einem theologischen Buch, sondern im Neuen Testament.

Da lesen wir:

„… Und die Jünger wurden in Antiochia zum ersten Mal ‚Christen‘ genannt.“
(Apostelgeschichte 11,26).

Ein Christ ist also ein Jünger von Jesus Christus, und wir werden uns damit beschäftigen müssen, was ein Jünger ist. – Vorher aber möchte ich kurz auf die anderen zwei Stellen im Neuen Testament eingehen, wo das Wort „Christ“ auch noch vorkommt:

Paulus hatte als Gefangener eine Gelegenheit, zum jüdischen König Agrippa zu sprechen. Er sprach über den Tod und die Auferstehung von Jesus. Da unterbrach ihn der ebenfalls anwesende Römer Festus: „Du bist verrückt, Paulus!“ Aber Paulus antwortete:

„‚Denn der König weiss diese Dinge, und ich spreche vor ihm mit Zuversicht. Denn ich denke nicht, dass ihm etwas davon unbekannt ist; denn es ist nicht in irgendeinem Winkel geschehen. Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiss, dass du glaubst.‘
– Da sagte Agrippa zu Paulus: ‚Beinahe überredest du mich, Christ zu werden.‘
– Und Paulus sagte: ‚Möge es Gott gefallen, dass über kurz oder lang nicht nur du, sondern alle, die mich heute hören, so würden wie ich, ausgenommen diese Fesseln!'“
(Apostelgeschichte 26,26-29)

Dieser Abschnitt sagt zwar nicht allzuviel darüber, wer oder was ein Christ ist. Er enthält aber ein bemerkenswertes Detail: Agrippa glaubt den Propheten, und er glaubt (da er darüber gut unterrichtet ist), dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Dennoch ist er noch kein Christ, und er ist sich dessen bewusst. An den Tod und die Auferstehung Jesu zu glauben, macht also noch keinen Christen!

Die dritte neutestamentliche Stelle befindet sich im 1.Petrusbrief:

„So leide also niemand von euch als Mörder, oder Dieb, oder Übeltäter, oder wegen Einmischung in fremde Angelegenheiten. Aber wenn jemand als Christ leidet, so soll er sich nicht schämen, sondern damit Gott verherrlichen. Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange bei der Familie Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn es für den Gerechten schwierig ist, gerettet zu werden, wo bleibt der Ungläubige (oder: Untreue*) und der Sünder?“
(1.Petrus 4,15-18)
*(Dasselbe Wort kann auf beide Arten übersetzt werden.)

Dieser Abschnitt enthält mehrere Gegensatzpaare, wie die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht:

– Mörder, Dieb, Übeltäter, etc.
– die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen
– Ungläubiger / Untreuer, Sünder
– Christ
– Familie Gottes
– Gerechter

Daraus geht folgendes hervor: Ein Christ ist ein Mitglied der Familie Gottes, ein Gerechter, der dem Evangelium Gottes gehorcht. Er ist kein Übeltäter usw, kein Ungläubiger bzw. Untreuer und kein Sünder. Darauf werde ich an gegebener Stelle zurückkommen.

Jetzt also zum Begriff „Jünger“

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