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Grosse Überraschung: Der Papst ist katholisch!

23. April 2015

Warum soll das eine Überraschung sein, fragen Sie sicherlich. Aber lesen Sie weiter.

Da hegen z.B.gewisse Leiter der deutschen Landeskirchen die Hoffnung, der Papst könnte inzwischen reformiert geworden sein. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet zum Reformationsjubiläum 2017 einzuladen. Man lese und staune:

„EKD-Ratschef Nikolaus Schneider (…) hat Papst Franziskus zur Teilnahme am Reformationsjubiläum 2017 eingeladen. (…) Der Ratschef und Franziskus beteten gemeinsam ein Vaterunser und sprachen einander mit „Bruder“ an. (…) Es war die erste Audienz des neuen Papstes für einen Deutschen. Wie Franziskus indes auf die Einladung zum Reformationsjubiläum reagierte, wurde zunächst nicht bekannt.“
(Aus dem „Newsletter der Lutherdekade“ auf luther2017.de)

Schon seit längerem laufen Vorbereitungen, die lutherischen und katholischen Kirchen wiederzuvereinigen. Bereits 1999 veröffentlichten der Lutherische Weltbund (LWB) und der Vatikan zusammen eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Kurz gesagt wird darin erklärt, Lutheraner und Katholiken stimmten jetzt in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein, und die noch verbleibenden Differenzen seien unwesentlich.
Nun folgt der nächste Schritt:

Lutheraner und Katholiken „gemeinsam unterwegs“
(…) „Auch im Internet kann man ernsthaft über Theologie und Glauben diskutieren!“ Dies konstatierten der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Bückeburg), und der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des ökumenischen Internetprojekts „2017 gemeinsam unterwegs“.
(…) Auslöser für das Projekt war die Bitte von LWB und Päpstlichem Einheitsrat, das 2013 gemeinschaftlich publizierte Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ in ökumenischer Verbundenheit zu rezipieren. Im Verlauf der Veranstaltung unterstrichen Manzke und Feige, dass der Weg zum Reformationsjahr 2017 ökumenisch begangen werden müsse. (…)
(Aus den offiziellen Nachrichten der EKD auf ekd.de, 18.Dezember 2014)

Dieses neue Dialogdokument (dessen Genehmigung durch den Vatikan jedoch noch aussteht) nimmt in seinem Artikel 25 ausdrücklich auf die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 Bezug.

Aber nicht nur Lutheraner sind versessen darauf, nach Rom zu pilgern. Die evangelikalen Freikirchen sitzen im selben Boot. Ein entscheidender Mittelsmann in dieser Hinsicht war anscheinend der letztes Jahr verstorbene anglikanische Bischof Tony Palmer. Einzelheiten über ihn können u.a. in dieser längeren Reportage aus der Zeitung „Boston Globe“ nachgelesen werden (auf Englisch). Hier kurz zusammengefasst:

Palmer schloss schon 2006 in Buenos Aires eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Bergoglio. Er wollte sogar zum Katholizismus konvertieren, aber Bergoglio riet ihm, stattdessen seinen Einfluss unter evangelikalen Leitern geltend zu machen: „Wir brauchen Brückenbauer“. Palmer hatte nämlich zugleich einen guten Draht zu wichtigen evangelikalen und pfingstlichen Leitern. (Wir müssen ihn also als einen richtiggehenden Geheimagenten des Vatikans in den evangelikalen Reihen ansehen.)

Im Januar 2014 lud der neugewählte Papst Palmer in den Vatikan ein und übergab ihm u.a. eine (auf Video aufgezeichnete) Grussbotschaft an eine evangelikale Leiterkonferenz, wo Palmer in der folgenden Woche sprechen würde. An dieser Konferenz, organisiert von Kenneth Copeland, nahmen dreitausend evangelikale Leiter teil. Palmer liess sie die Botschaft des Papstes sehen und sagte dazu: „Wir protestieren nicht mehr gegen die Heilslehre der katholischen Kirche. Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium. Luthers Protest ist vorbei. Deiner auch?“ – Damit erntete er stürmischen Applaus, und in den darauffolgenden Tagen wurde er (so „Boston Globe“) „überschwemmt von Anfragen evangelikaler Leiter, die selber ein Teil dieser Geschehnisse werden wollten“.

So organisierte Palmer im Juni 2014 einen Besuch im Vatikan, an welchem mehrere wichtige evangelikale Leiter teilnahmen, die zusammen „über 700 Millionen Evangelikale weltweit vertreten“. Wenn Sie einer anerkannten evangelikalen Denomination angehören oder sonstwie mit der Evangelischen Allianz o.ä. verbunden sind, dann sind Sie in diesen 700 Millionen inbegriffen. Diese Leiter sagten dem Papst, sie „nähmen seine Einladung an, die sichtbare Einheit mit dem Bischof von Rom zu suchen“.
Bei diesem Treffen übergab Palmer dem Papst einen Entwurf für ein gemeinsames „Glaubensbekenntnis in Einheit für die Mission“, das am Tag des 500-jährigen „Reformationsgedenkens“ in Rom vom Papst und von den Leitern der wichtigsten protestantischen Kirchen gemeinsam unterzeichnet werden soll. Der genaue Inhalt dieses Bekenntnisses ist noch nicht veröffentlicht worden, aber es ist bereits bekannt, dass darin vorkommen:

  • das Nicänische Glaubensbekenntnis (das ausdrücklich den Glauben an „die eine katholische Kirche“ bezeugt),
  • die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999,
  • sowie eine gemeinsame Erlärung in dem Sinne, dass Katholiken und Evangelikale nun in der Mission vereint seien, weil sie dasselbe Evangelium verkündeten.

Wer war damals alles beim Papst?

  • Geoff Tunnicliffe, der Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Die WEA ist der Zusammenschluss aller Evangelischen Allianzen weltweit, und repräsentiert damit (fast) alle Evangelikalen.
  • Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA. Schirrmacher profilierte sich früher als bibeltreuer, konservativer Theologe, der Artikel schrieb für Organisationen bzw. Internetportale der calvinistisch-rekonstruktionistischen Richtung wie „Chalcedon“ und „Contra Mundum“. Er lehrt u.a. an einer bibeltreuen (?) evangelikalen Hochschule (FTA Giessen). Das alles hinderte ihn aber nicht, gleichzeitig als Mitinitiant und Mitautor des ersten „Joint Venture“ zwischen der WEA, dem Weltkirchenrat und dem Vatikan zu fungieren. Folgerichtig schreibt er neuerdings auch für „Current Dialogue“, die offizielle Zeitschrift des ökumenischen Weltkirchenrats.
  • Brian Stiller war Präsident der Kanadischen Evangelischen Allianz, von „Youth for Christ“, und des „Tyndale Seminary“ (das grösste theologische Seminar Kanadas); und reist seit 2011 als „Globaler Botschafter“ der WEA um die Welt.
  • James und Betty Robison. James Robison ist ein bekannter „Televangelist“, der mit seinen Programmen Millionen von Zuschauern erreicht und schon mit Billy Graham verglichen wurde.
  • Der bereits erwähnte Kenneth Copeland ist Leiter von „Wort des Glaubens“, einer Bewegung, die das sogenannte Wohlstandsevangelium verkündet.
  • Zu guter Letzt: John und Carol Arnott, Gründer und Leiter der umstrittenen „Toronto Airport Church“.

Es scheint also, dass jetzt plötzlich alle in der evangelikalen Welt vertretenen Strömungen nach Rom wollen: von konservativen Calvinisten über Mainstream-Evangelikale und -Pfingstler bis hin zu den Extremcharismatikern.

Die in diesen Kreisen nun oft gehörte Aussage „Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium“ wird offenbar von vielen Evangelikalen dahingehend verstanden, als ob Rom nun auf ihren Kurs eingeschwenkt sei. Auch manche Katholiken fassen das anscheinend so auf, wie ich aus besorgten Kommentaren auf katholischen Internetseiten schliesse.

Wer so urteilt, hat das Wesen des Katholizismus nicht ganz verstanden. Dieser fusst nämlich entscheidend auf der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche. Aufgrund dieser Lehre gelten päpstliche und Konzilsdekrete als unfehlbar, gleichrangig mit der Bibel oder sogar dieser übergeordnet – also als von Gott selbst inspirierte bzw. autorisierte Wahrheiten. Dazu gehören u.a. die Verurteilungen der reformatorischen Lehren, und die Dekrete zur Ausrottung der Häretiker. Selbst wenn die obersten Kirchenführer eine dieser Lehren als falsch erkannt hätten, so könnten sie sie dennoch nicht zurücknehmen, aus dem eben erwähnten Grund.
(Es ist also immer noch offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass sogenannte „Häretiker“ getötet werden sollen. Wenn diese Lehre gegenwärtig nicht praktiziert wird, so liegt das nicht an einem grundsätzlichen Gesinnungswandel der Kirche, sondern lediglich daran, dass sie nicht mehr die nötige politische Macht hat dazu.)
Genau an diesem Punkt entzündete sich auch der Streit zwischen Luther und dem Papst. Das Problem war nicht Luthers Polemik gegen den Ablasshandel; das wurde in Rom als „harmloses Mönchsgezänk“ abgetan. Auslöser des Konflikts war vielmehr Luthers Aussage: „Auch Konzilien können irren.“ (Konkret ging es dabei um die Verurteilung und anschliessende Verbrennung von Jan Hus.) Damit stellte er die Grundlage der römischen Kirche in Frage. Würde diese Kirche auch nur ein einziges Dekret eines Konzils oder Papstes widerrufen, so würde sie damit ihre ureigenste Identität preisgeben und Luther recht geben. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass das demnächst geschehen sollte.

Sollte es also wahr sein, dass Katholiken und Evangelikale jetzt „dasselbe Evangelium verkünden“, dann können es nur die Evangelikalen gewesen sein, die ihr Evangelium abänderten, aber nicht die Katholiken.

Dennoch – für diese evangelischen Leiter, die den Papst schon beinahe einen der ihren wähnen, dürfte es eine grosse Überraschung sein, dass er auch ganz anders sprechen kann. Paolo Ricca hat letztes Jahr in einem Artikel auf riforma.it bekanntgemacht, was der Papst wirklich von der Reformation hält. Leider war der Originalartikel schon nicht mehr abrufbar, als ich davon erfuhr; aber auf einem spanischsprachigen Blog wurde der Inhalt wie folgt zusammengefasst:

„Herzlich und voller Lob. Immer bemüht, das Gemeinsame zu unterstreichen und die Unterschiede beiseite zu lassen. Das war bis jetzt das populäre Bild des Papstes Franziskus in seinen Beziehungen zu den Nichtkatholiken.

Viele sind beeindruckt von seinem gefälligen Stil, mit dem er oft andere zu beeinflussen versucht. Das mag bisher die Norm gewesen sein, aber nun gibt es eine sehr bedeutsame Ausnahme. Die kürzliche Neuherausgabe (in Buchform) einer Konferenz über die Geschichte der Jesuiten, die der (damalige) Erzbischof Bergoglio 1985 in Argentinien hielt, bezeugt die harte Kritik, die er an der protestantischen Reformation übt, und insbesondere an Johannes Calvin. Diese Konferenz wurde 2013 in Spanien von neuem veröffentlicht, und wurde dann auch auf Italienisch übersetzt (Chi sono i gesuiti [Wer sind die Jesuiten?], Bologna: EMI, 2014). Da nichts darauf hinweist, dass er seine Gesinnung geändert hätte, müssen wir den Inhalt dieses Buches als eine exakte Wiedergabe dessen ansehen, was Franziskus noch heute über die protestantische Reformation denkt.

Der Protestantismus als die Wurzel allen Übels

(…) Wie er sagt, bestehen die unausweichlichen Folgen der Reformation entweder in der Vernichtung des Menschen in seiner Bedrängnis (was zum existenziellen Atheismus führt), oder in einem Sprung ins Dunkel als eine Art „Übermensch“ (wie es Nietzsche voraussah). Beide Ergebnisse führen zum „Tod Gottes“ und zu einer Art „Heidentum“, das sich u.a. im Nationalsozialismus und im Marxismus äussert. All das soll aus dem „Standpunkt Luthers“ hervorgegangen sein! Bergoglio argumentiert, die Reformation sei die Wurzel aller Tragödien des modernen Abendlandes, von der Säkularisierung bis zum Tod Gottes, von den totalitären Regimes bis zu den ideologischen Selbstmorden.

(…) Bergoglio hat diese Ansicht nicht erfunden. Aber er bestärkt sie neu, als ob es seit dem Konzil von Trient nie eine gründlichere historische Forschung oder kulturelle und theologische Analysen gegeben hätte. Was sollen wir dann mit seinen freundlichen Tönen den Protestanten gegenüber anfangen, wenn er in Wirklichkeit glaubt, der „lutherische Standpunkt“ sei schuld an allen Übeln der westlichen Zivilisation?

Johannes Calvin, der geistliche Scharfrichter

(…) Calvin sei noch schlimmer, weil er den Menschen, die Gesellschaft und die Kirche zerrissen hätte: Inbezug auf den Menschen trennte Bergoglios Calvin die Vernunft vom Herzen und brachte so das „calvinistische Elend“ hervor. Inbezug auf die Gesellschaft hetzte er das Bürgertum gegen die anderen arbeitenden Klassen und wurde so zum „Vater des Liberalismus“. Aber die schlimmste Spaltung geschah in der Kirche. Dort „enthauptete Calvin das Volk Gottes von seiner Einheit mit dem Vater“. Er liess das Volk Gottes ohne seine Heiligen zurück. Und er enthauptete die Messe, d.h. die Vermittlung des „realpräsenten“ Christus. Kurz, Calvin war ein Scharfrichter, der den Menschen zerstörte, die Gesellschaft vergiftete, und die Kirche ruinierte!

Zu sagen, dass Bergoglio Calvin nicht mag, wäre eine Untertreibung. Er empfindet heftigste Gefühle gegen ihn. Aber versteht er Calvin wirklich, über die antiquierten und völlig einseitigen Klischees hinaus? Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Jubiläum der protestantischen Reformation sein, und da hätte Franziskus eine Gelegenheit, über die neusten Geschichtsbücher zu gehen und ein gerechteres und genaueres Bild darüber zu gewinnen, was seit dem 16.Jahrhundert geschah. Solange er seine Bewertung der Reformation nicht revidiert, bleiben seine ganzen „ökumenischen“ Reden eine oberflächliche Maske, die einen wahren Hass auf Luther und (insbesondere) auf Calvin verbirgt.“

Im deutschsprachigen Raum scheint kaum jemand diesen Artikel zur Kenntnis genommen zu haben. Ich fand lediglich einen Kommentar auf einem katholischen Blog, dessen Verfasser u.a. sagt: „Dass so klare Aussagen den Calvinisten der heutigen Zeit nicht gefallen, kann man nachvollziehen, die sich im Rahmen der 500-Jahrfeier der Reformation schon auf von katholischen Standpunkten ungestörte Feierlichkeiten  freuten und für die Protagonisten der Kirchenspaltung vom Hl. Stuhl irgendwelche Ehrentitel einforderten, wenn schon nicht Kirchenlehrer so doch etwas Ähnliches…“

Ich muss ihm recht geben. Zu erwarten, dass der Papst Luther und Calvin offizielle kirchliche Anerkennung verleihen würde, ist ein leerer Wahn. Eine „vollständige und sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche“, wie sie jetzt von den Lutheranern angestrebt wird (und, wie wir sahen, auch von manchen Evangelikalen), kann von katholischer Seite aus nicht stattfinden ohne eine ebenso „vollständige und sichtbare“ Unterwerfung der Evangelischen unter Rom. Das hat der Papst bei den jüngsten Gesprächen zwar nicht offen gesagt; es ist aber katholischerseits schon mehrmals klargestellt worden.

Dem Papst kann in dieser Hinsicht von seiner eigenen Warte aus kein Vorwurf gemacht werden. Er handelt konsequent und in Übereinstimmung mit seiner eigenen Lehre; nur heuchlerisch, aber Heuchelei ist meines Wissens in der katholischen Theologie nicht verboten. Wenn er evangelikale Leiter mit offenen Armen im Vatikan empfängt, beruht das offenbar auf der alten Weisheit, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Im übrigen hat er meines Wissens sowohl zur Einladung der EKD als auch zum Entwurf Palmers für ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch gar nicht Stellung genommen.

Wer jedoch inkonsequent und verräterisch handelt, sind die Leiter der Lutheraner und Evangelikalen. Entweder haben sie ihre Wallfahrt nach Rom angetreten, ohne sich je mit den Grundlagen katholischer Kirchenlehre zu befassen – was ich mir aber z.B. bei einem Theologen vom Kaliber Schirrmachers kaum vorstellen kann. Oder aber sie führen die Weltöffentlichkeit bewusst in die Irre.

Nehmen wir es also zur Kenntnis: Der Papst ist – oh Wunder – immer noch katholisch.

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Nochmals Richard Wurmbrand

31. August 2014

Richard Wurmbrand ist vor allem bekannt für seine Geschichte als Glaubensgefangener in Rumänien, und für seinen späteren Einsatz für verfolgte Christen in kommunistischen Ländern. Es gibt aber noch einige andere Aspekte seines geistlichen Erbes, die auch nach dem sogenannten „Fall“ des Sowjetkommunismus aktueller denn je sind.

Einer dieser Aspekte kam z.B. in einer Aussage zum Ausdruck, die er einmal in einem Vortrag machte: Schon als er noch in Rumänien im Gefängnis sass, sei eines seiner wichtigsten Gebetsanliegen gewesen, dass im Westen gläubige, bibeltreue Apologeten ausgebildet würden, welche die sogenannt „wissenschaftliche“ Bibelkritik widerlegen könnten.
Die Bibelkritik ist wiederum mit dem Kommunismus verbunden, indem beides Formen der Gottesleugnung sind; und indem die Bibelkritik tatsächlich in Ost und West als wirksames Hilfsmittel der kommunistischen Propaganda eingesetzt wurde und wird.

Richard Wurmbrand ging es nämlich nicht nur um die direkte Hilfe für die Verfolgten. Sein Ansatz war nicht einfach „humanitär“. Er erkannte sehr wohl, dass eine wirklich wirksame Hilfe bei den tieferen Ursprüngen der Verfolgung ansetzen musste; und zu diesen tieferen Ursprüngen gehört insbesondere die kommunistische bzw. totalitäre Ideologie. Deshalb war es ihm ein ebenso wichtiges Anliegen, auch hier im Westen sowohl Kommunisten wie Nichtkommunisten über das wahre Wesen des Kommunismus aufzuklären und vor dessen Gefahren zu warnen. Er versuchte dabei das schwierige Kunststück (das ihm wohl nicht immer gelang), direkte Konfrontation mit liebevoller Überführung zu vereinen, um w.m. Kommunisten nicht nur zu widerlegen, sondern sie zum Glauben an Jesus zu führen. (In der Anfangszeit verwendeten einige der von ihm gegründeten Organisationen den Namen „Jesus to the Communist World“.) Zugleich versuchte er Christen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme im Westen zu warnen und sie darauf vorzubereiten. Seine Stimme war in dieser Hinsicht so klar, dass er sogar von westlichen Anti-Kommunisten kritisiert wurde, weil seine Äusserungen allzu direkt, „extrem“ und undiplomatisch seien. Dinge unter den Teppich zu kehren war nicht seine Art.

Deshalb gehörten Aufklärungs- und Protestaktionen gegen kommunistisch unterwanderte Organisationen und Veranstaltungen im Westen wesentlich zur Arbeit der von Wurmbrand gegründeten Werke in ihrer Anfangszeit. So war Wurmbrand einer der ersten, der öffentlich vor der kommunistischen (und bibelkritischen) Unterwanderung des ökumenischen Weltkirchenrats warnte. Er verfasste darüber u.a. die Flugschrift „Ist Gott tot, rot und eine Frau?“. Als ich kürzlich eine Google-Suche nach dieser Schrift durchführte, erhielt ich kein einziges Ergebnis; sie ist offenbar einfach von der Bildfläche verschwunden. Seit die Evangelische Allianz und die ihr angeschlossenen Organisationen auf die Linie des Weltkirchenrats eingeschwenkt sind, dürfte diese Schrift wohl auch im evangelikalen Lager als „politisch inkorrekt“ gelten.

Ein anderes Büchlein von Richard Wurmbrand, das anscheinend schon lange nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist „Vorbereitung auf die Untergrundkirche“. Er warnt darin Christen im Westen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme, und was dabei alles geschehen könnte, und wie man sich (v.a. geistlich) darauf vorbereiten könnte.
Allerdings rechnete er anscheinend nicht mit der Möglichkeit, dass eine solche Machtübernahme nicht nur durch einen plötzlichen Umsturz geschehen könnte, sondern ebenso (und vielleicht noch nachhaltiger) durch allmähliche Unterwanderung und (v.a. schulische) „Umerziehung“ des Volkes, wie es gegenwärtig z.B. in Deutschland (und möglicherweise in ganz Europa) geschieht. (Siehe dazu hier.) Das Volk wählt dann die kommunistischen Machthaber ganz demokratisch; und die echten Christen sind gesellschaftlich (und kirchlich!) so weit ausgegrenzt, dass schon gar niemand mehr ihre Verfolgung wahrnimmt.
– Man könnte hier einwenden, die gegenwärtige deutsche Staatsideologie sei etwas ganz anderes als der damalige Sowjetkommunismus. Ja, natürlich. Der Ursprung liegt anscheinend in der „Frankfurter Schule“, die im Vergleich zum Sowjetkommunismus eine grosse Weiterentwicklung darstellt; und zusätzlich sind Elemente aus dem Feminismus und der Gender-Ideologie, aus dem Nationalsozialismus, und von wer weiss woher sonst noch eingeflossen. Der Leser möge diese Ideologie also nennen wie er will; jedenfalls handelt es sich um eine Spielart des Staatstotalitarismus.

Besonders gibt mir zu denken, dass reformierte und Freikirchen – denen wir ja ursprünglich die bis vor kurzem in Europa geltende Religions- und Gewissensfreiheit zu verdanken haben – jetzt Strömungen unterstützen, die auf den Abbau ebendieser Freiheiten abzielen.

Richard Wurmbrands direkter Einsatz für Verfolgte ist (lobenswerterweise) von verschiedenen Organisationen weitergeführt worden. Aber das ist etwas, was auch völlig weltliche Organisationen wie z.B. Amnesty International tun könnten und z.T. ja auch tun. Hingegen scheint es nur wenige Personen zu geben, die seine Aufklärungsarbeit über die antichristliche Unterwanderung des Westens, und insbesondere der westlichen Kirchen, weiterführen. Wie die obigen Beispiele zeigen, sind sogar seine Schriften, die dieses Thema aufgreifen, weitestgehend in Vergessenheit geraten. Dabei wäre gerade das heute dringend notwendig. Noch mehr: Derselbe apologetische Kampf, den Wurmbrand gegen den Weltkirchenrat führte, müsste heute in derselben Weise auch gegen die Evangelische Allianz geführt werden.

 

Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan

5. September 2011

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Beitrag über die ökumenische Bewegung darüber sinniert, dass die Ökumeniker und die evangelikalen Allianzen einander eigentlich recht nahe stehen in ihrer Ablehnung der Evangelisation von Namenschristen. (Die Ökumeniker nennen es „Proselytismus“, die Evangelikalen schimpfen es „Schafe stehlen“.) Schon seit einiger Zeit mutmasste ich, dass der Weg der Evangelikalen wahrscheinlich ebenso wie der der Landeskirchen in die ökumenische Bewegung ausmünden wird. Und siehe da, es ist bereits geschehen!

Am 28.Juni 2011 hat die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) zusammen mit der römisch-katholischen Kirche und dem ökumenischen Weltkirchenrat ein Dokument unterzeichnet, das während eines Zeitraums von fünf Jahren erarbeitet wurde und den Titel trägt:„Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt – Empfehlungen für einen Verhaltenskodex.“ Die WEA ist der weltweite Dachverband der Evangelikalen.

Der erste Teil des Dokuments, „Grundlagen für das christliche Zeugnis“, enthält viele richtige und biblisch begründete Erklärungen, so wie diese: „Das Vorbild und die Lehre Jesu Christi und der frühen Kirche müssen das Leitbild für christliche Mission sein.“ – „Christen/innen bekräftigen, dass es zwar ihre Verantwortung ist, von Christus Zeugnis abzulegen, dass die Bekehrung dabei jedoch letztendlich das Werk des Heiligen Geistes ist (vgl. Johannes 16,7-9; Apostelgeschichte 10,44-47).“
Aber es fällt auf, dass das Dokument keinerlei Definitionen von Schlüsselwörtern wie „Evangelium“, „Zeugnis“, „Mission“ oder „Bekehrung“ enthält. Wer mit der Literatur des Weltkirchenrats vertraut ist, der weiss, dass diese Organisation den erwähnten Begriffen eine ganz andere Bedeutung gibt, als sie in der Bibel haben. Z.B. sagt eine Theologin des Weltkirchenrats über „Bekehrung“:

„Die metanoia – die Bekehrung – zwingt uns, die Zwiespältigkeit der menschlichen Existenz zu akzeptieren: diese Zwiespältigkeit, die macht, dass wir Heilige und Sünder zugleich sind. * (…) Wir sollten unsere Hände schmutzig machen, indem wir sie ausstrecken, um die Hand des Anderen zu ergreifen; die Hand, die die Grundlagen unserer Wahrheiten und unserer Gewissheiten erschüttert. Nur so können wir erkennen, dass der Andere der Heilige mit dem Angesicht Gottes ist.
Lasst uns deshalb zu Gott zurückkehren, zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur.“

(Wanda Deifelt, Vortrag in der Weltversammlung des Weltkirchenrats in Harare, 1998)

* Der Ausdruck „Heilige und Sünder zugleich“ geht zwar auf Luther zurück, ist aber nicht biblisch. Und auch Luther wandte diese Bezeichnung nur auf Christen an. Er hätte mit Sicherheit nicht in solch allversöhnerischer Weise generell die ganze Menschheit „Heilige“ genannt, wie das die ökumenische Theologin hier tut.

Für den Weltkirchenrat hat also „Bekehrung“ nichts zu tun mit Umkehr von der Sünde und Rückkehr zum wahren Gott. Im Gegenteil, sie möchten zurückkehren „zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur“ – eine mehr pantheistische und heidnische als christliche Vorstellung.

Wenn die Leiter der WEA dieses Dokument unterzeichnet haben, ohne auf einer biblischen Definition von „Bekehrung“, „Evangelium“, usw. zu bestehen, dann bedeutet das, dass sie stillschweigend die Definitionen des Weltkirchenrats gutheissen.

Ausserdem fehlen in diesen „Grundlagen für das christliche Zeugnis“ des Weltkirchenrats einige wesentliche Elemente: die Tatsache, dass der Gott der Bibel tatsächlich der wahre Gott ist; dass das christliche Zeugnis und die Evangelisation dem Zweck dienen (sollten), Menschen zur Umkehr von der Sünde und zur Rückkehr zum wahren Gott zu rufen; dass dieses Zeugnis nicht nur die Liebe Gottes zum Thema hat, sondern ebenso auch seine Gerechtigkeit und sein Gericht; usw. Da diese so wichtigen und ernsten Punkte weggelassen wurden, wird das Christentum als eine religiöse Option unter vielen dargestellt. Die Tatsache wird verharmlost, dass das ewige Heil oder Verderben jedes Menschen davon abhängt, wie er zu Jesus Christus steht.

Da der Titel des Dokuments von einer „multireligiösen Welt“ spricht, ist die Absicht dieser Auslassungen klar: Das Christentum soll aus dieser pluralistischen und relativistischen Sicht dargestellt werden; und sein Anspruch, der einzige Weg zur Errettung zu sein, soll verneint werden.

Der zweite Teil des Dokuments heisst „Prinzipien“. Auch hier finden wir manche Punkte, mit denen wohl jeder bibeltreue Christ einverstanden sein wird: „Handeln in Gottes Liebe“ – „Jesus Christus nachahmen“ – „Religions- und Glaubensfreiheit“ und Ablehnung von Verfolgung aus religiösen Gründen – „Respekt für alle Menschen“, usw.

Einige andere Punkte jedoch lassen eine breite Auslegungsspanne zu. Wie z.B. in dieser Stelle: „Die Ausnutzung von Armut und Not hat im christlichen Dienst keinen Platz. Christen/innen sollten es in ihrem Dienst ablehnen und darauf verzichten, Menschen durch materielle Anreize und Belohnungen gewinnen zu wollen. (…) Dabei müssen sie sicherstellen, dass die Verwundbarkeit der Menschen und ihr Bedürfnis nach Heilung nicht ausgenutzt werden.“ – Von wann ab wird der Weltkirchenrat sagen, wir „nützten die Armut und Not anderer Menschen aus“? Natürlich gibt es Beispiele, wo christliche Gruppen mit mangelnder Integrität gehandelt haben und „Reischristen“ produziert haben (Namenschristen, die sich „bekehrt“ haben wegen der Aussicht, eine Handvoll Reis zu erhalten). Solche zu konfrontieren und zu ermahnen ist richtig. (Das englische Original sagt statt „ablehnen“: „denounce“ = denunzieren, anprangern.) Aber wird es andererseits der Weltkirchenrat nicht auch als „Verführung“ und „Ausbeutung“ auslegen (wie es Massenmedien schon getan haben), wenn z.B. einige Christen eine medizinische Hilfskampagne organisieren und dabei den Patienten im Warteraum das Evangelium verkünden?

Und als letztes der zwölf „Prinzipien“ führt der Weltkirchenrat sein Lieblingsthema an: „Aufbau interreligiöser Beziehungen“: „Christen/innen sollten weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufbauen, um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern.“

Niemand wird etwas dagegen haben, „Beziehungen des Respekts und des Vertrauens“ aufzubauen. Aber was versteht der Weltkirchenrat unter „Versöhnung“ (mit Gläubigen anderer Religionen)? Sehen wir nur, wie es der Weltkirchenrat selber in seinen Weltversammlungen macht: Er lädt regelmässig Vertreter anderer Religionen ein, damit die Versammlungsteilnehmer (die sich Christen nennen) an deren Riten teilnehmen. Andererseits hat der Weltkirchenrat meines Wissens noch nie einen Vertreter einer anderen Religion aufgerufen, sich von seiner falschen Religion abzuwenden und sich Christus zuzuwenden. „Versöhnung“ mit anderen Religionen bedeutet gemäss dem Weltkirchenrat, dass Christen sich für ihre Verkündigung, Christus sei der einzige Weg, entschuldigen müssten; und dass wir uns stattdessen für die Wege anderer Religionen öffnen sollten.
– Das haben die Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz unterschrieben ???

Der dritte Teil des Dokuments enthält sechs „Empfehlungen“. Hier wird der Aufruf wiederholt, „von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Gläubigen aller Religionen aufzubauen“, und es wird präzisiert: „… insbesondere auf institutioneller Ebene zwischen Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften, und sich als Teil ihres christlichen Engagements in anhaltenden interreligiösen Dialog einbringen.“
(Anm: Das englische Original spricht statt von „Engagement“ noch stärker von „commitment“, „Verpflichtung“.)

Die evangelikalen Kirchen und Denominationen sollen also „auf institutioneller Ebene“ Beziehungen aufbauen zur Moslembruderschaft, zu buddhistischen Klöstern und zur römisch-katholischen Hierarchie – wozu? Etwa um gemeinsam die Welt zu „evangelisieren“ im Namen Allahs, Buddhas und Marias? – In früheren Dokumenten hat der Weltkirchenrat klar gesagt, was er unter „interreligiösem Dialog“ versteht. Zum Beispiel:

„Einige Christen können Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen einer anderen Religion in ihre eigene Liturgie und Anbetung einbetten, indem sie z.B. Lesungen aus hinduistischen und anderen Schriften aufnehmen …“
(Aus: „Was für einen Unterschied macht die religiöse Vielfalt?“, Ökumenisches Institut des Weltkirchenrats in Bossey, 1999)

Solche Forderungen kann man beim besten Willen nicht mehr mit dem „Beispiel und der Lehre Jesu Christi und der Urkirche“ vereinbaren!

Im Gegensatz zu einigen anderen Dokumenten des Weltkirchenrats enthält „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ (noch) keine ausdrücklichen Einschränkungen der Evangelisation. Aber das Dokument bildet einen gefährlichen Präzedenzfall, damit sich in Zukunft die evangelistischen und missionarischen Tätigkeiten der Evangelikalen dem Konsens der ökumenischen Bewegung und des Vatikans unterordnen sollen. Und die Weltliche – pardon, Weltweite Evangelische Allianz hat mit ihrer Unterschrift klar signalisiert, wohin ihr Weg von jetzt an führt: in die Ökumene.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für jene evangelikalen Kirchen, die immer noch eine klare Distanz zur ökumenischen Bewegung wahren wollen, ihrerseits ein ebenso klares Zeichen zu setzen und aus ihren jeweiligen „Evangelischen Allianzen“ und „Kirchenräten“ auszutreten.

Nachtrag vom 13. August 2014: Siehe zu dem Thema auch den Vortrag von Lothar Gassmann, „Evangelische Allianz und Evangelikale auf dem Weg nach Rom“.

Über die Einheit der Christen – Teil 1: Warum ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mitmache

12. Juli 2011

Lange Zeit habe ich interdenominationell mit christlichen Gemeinden aus verschiedensten Hintergründen zusammengearbeitet, ohne mich aber einem bestimmten Gemeindeverband zu verpflichten. Man könnte das eine „ökumenische“ Gesinnung nennen. Manche Bekannte konnten es deshalb nicht richtig einordnen, dass ich andererseits aber die ökumenische Bewegung kritisch beurteile. Ist das nicht ein Widerspruch? Bin ich jetzt für oder gegen die Einheit der Christen? – Mit dieser Artikelserie möchte ich auf diesen Themenkreis eingehen.

(NB: Die meisten Zitate sind aus dem Spanischen (rück-) übersetzt und stimmen deshalb nicht unbedingt mit dem ursprünglichen bzw. offiziellen deutschen Wortlaut überein.)

Wem gilt die Einheit?

Die ökumenische Bewegung nimmt Johannes 17,21 zum Leitspruch: “…damit sie alle eins seien, wie du, Vater in mir und ich in dir…” Jesus betet hier für seine Jünger, und “für diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben”. – Die Verfassung des Weltkirchenrates (World Council of Churches, WCC – auch bekannt als „Ökumenischer Rat der Kirchen“, ÖRK) sagt: “Der Weltrat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften, und versuchen gemeinsam auf ihre gemeinsame Berufung zu antworten…” Das klingt zunächst ganz gut; dennoch stellen wir schon hier einen wichtigen Unterschied zu Johannes 17 fest: Jesus betet für die Einheit der Gläubigen, also Einzelpersonen; der WCC dagegen ist “eine Gemeinschaft von Kirchen”, also Organisationen.

Wenn eine Organisation “Jesus Christus als Gott und Retter bekennt”, garantiert das schon, dass deren Mitglieder auch persönlich Gläubige sind? Man muss nur die Situation jener Kirchen betrachten, die schon einige Jahrhunderte Geschichte hinter sich haben (und sich entsprechend weit von den Idealen ihrer Gründer entfernt haben), um zu sehen, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist.
– Abgesehen davon gibt es auch Mitgliedskirchen des WCC, die überhaupt kein Glaubensbekenntnis mehr haben, wie z.B. die Schweizer reformierten Landeskirchen. (Wir werden in der Folge noch weitere Beispiele sehen, wo die Praktik des WCC seinem offiziellen Bekenntnis widerspricht.)

Wer ist ein Christ?

Gemäss dem Weltkirchenrat beruht die Ökumene darauf, dass “diejenigen, die im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden, zur Einheit mit Christus gelangten…” (in: “Ein Schatz in irdenen Gefässen: Ein Instrument zu einer ökumenischen Besinnung über Hermeneutik”, Kommission “Glaube und Verfassung” des WCC). – Ein weiterer Unterschied zu Johannes 17: Jesus betet für die Gläubigen; der WCC vereint Getaufte. Offensichtlich ist nicht jeder Getaufte ein Gläubiger; insbesondere in jenen Kirchen, welche die Säuglingstaufe pflegen.

An Pfingsten sagte Petrus zu denjenigen, denen seine Worte “mitten durchs Herz” gingen, und die fragten: “Was sollen wir tun (um gerettet zu werden)?” – und nur zu diesen -: “Bekehrt euch (kehrt um, ändert euch) und lasst euch taufen…” (Apostelgeschichte 2,38). Hier, und an manchen ähnlichen Stellen im Neuen Testament, sehen wir, dass die Bekehrung der Taufe vorausgeht. – Im Missionsbefehl nach Lukas wird die Taufe überhaupt nicht erwähnt; aber die Bekehrung und die Vergebung der Sünden (Lukas 24,47). – Nach alldem ist klar, dass biblisch nicht die Taufe (als Ritual), sondern die Bekehrung (des Herzens) Grundlage ist für die Einheit mit Christus.

Siehe dazu auch: „Wer oder was ist ein Christ?“

Glaubt der Weltkirchenrat wirklich an Jesus “nach dem Zeugnis der Schriften”?

Im Vorbereitungsmaterial zur Weltkonferenz über Mission und Evangelisation des WCC 1973 finden sich folgende Worte:
“Das Reden von Erlösung ist mit einer veralteten Religionspsychologie verbunden. (…) Ich als Mensch des Jahres 1972 habe kein Interesse an der Erlösung meiner Seele; … die ewige Glückseligkeit enthält beinahe nichts. Das Erlösungswerk Christi für uns ist ebenso unvorstellbar, denn er war so weit von uns entfernt in der Geschichte, und ist so anders als die meisten von uns. Die Kirche muss die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehen, dass die Erlösung der Seele für unsere Zeitgenossen keine dringende Angelegenheit ist. … Die Idee vom “Lamm Gottes” hat keinen Platz in der modernen verstädterten Welt; ebensowenig der Ausspruch, dass Christus uns erlöste durch seinen Tod am Kreuz. Was ich sagen möchte, ist dies: Die Erlösung in ihrem traditionellen Sinn ist wirklich unverständlich für viele Menschen heute.”
(George Johnston, “Soll die Kirche heute noch über Erlösung sprechen?”)

Diese Art von “Theologie”, die dem eingangs zitierten Bekenntnis des WCC direkt widerspricht, wird von diesem nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert. Im bereits zitierten Dokument “Ein Schatz in irdenen Gefässen…” heisst es: “Die Natur der biblischen Texte bedeutet, dass zu ihrer Interpretation der ständige Gebrauch der historisch-kritischen Methode nötig sein wird…” – In einem früheren Artikel habe ich die “historisch-kritische Methode” eingehend beleuchtet. Wir haben dort gesehen, dass die konsequenten Vertreter dieser Methode nicht “den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften” – im Gegenteil, die Methode an sich beruht auf der Verleugnung dieses Zeugnisses. (Einzelheiten siehe im erwähnten Artikel.)

Bei dem zitierten Dokument handelt es sich um eine offizielle Erklärung der Kommission für “Glaube und Verfassung” des Weltkirchenrates. Dieser hat somit die “historisch-kritische Methode” zu seiner offiziellen Theologie erklärt. Das bedeutet aber zugleich, dass der Weltkirchenrat nicht offen ist für diejenigen Kirchen und Christen, welche die “historisch-kritische Methode” ablehnen. Die ökumenische Bewegung anerkennt in Wirklichkeit nicht die ganze Vielfalt christlicher Kirchen und Strömungen, sondern nur diejenigen, die sich dem Diktat der “historisch-kritischen Methode” unterwerfen. Dies ist für mich ein gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Wo ist die Grenze der Ökumene?

Die Verfassung des WCC spricht nur von christlichen Kirchen. Seine Praktik geht aber weit darüber hinaus. In einer offiziellen Erklärung von 1997 heisst es:
“Immer mehr Stimmen aus den Kirchen … sprechen von der Notwendigkeit einer ‚erweiterten Ökumene'(Makro-Ökumene), wonach die ökumenische Bewegung sich anderen Religionen und kulturellen Traditionen ausserhalb der christlichen Gemeinschaft öffnen soll.”

In der Praxis ist das schon längst Wirklichkeit. An den Weltversammlungen des WCC werden regelmässig heidnische Zeremonien aus dem Schamanismus, aus afrikanischen Ahnenkulten, usw. durchgeführt, wo direkt die Götter und Geister dieser Religionen angerufen werden. Im Gegensatz dazu hat m.W. der WCC noch nie die Vertreter solcher Religionen dazu aufgefordert, Jesus Christus anzubeten. Der vom WCC geforderte “interreligiöse Dialog” ist sehr einseitig. Eine Konsultation des WCC über religiösen Pluralismus im Ökumenischen Institut Bossey schlug in ihrem Schlussbericht (1999) Christen vor, “Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen anderer Religionen in ihre eigene Liturgie und Anbetung aufzunehmen, z.B. Lesungen aus den Schriften des Hinduismus …” Andererseits hat der WCC bereits 1973 in Bangkok die christlichen Kirchen in Europa und Amerika dazu aufgerufen, keine Missionare mehr in Drittweltländer zu senden. Also: nach der Politik des WCC dürfen die Christen keine Heiden missionieren, aber Heiden dürfen und sollen Christen missionieren.

Da ich nicht dazu gezwungen werden möchte, heidnischen Bräuchen und Glaubensinhalten zu folgen, ist dies für mich ein weiterer gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Das Verhältnis zwischen christlichen Gemeinden und zwischen einzelnen Christen

Der Weltkirchenrat spricht sich in scharfen Worten gegen den “Proselytismus” aus:
“Mitglied (des WCC) zu sein bedeutet, die Mission der Kirche als gemeinschaftlich geteilte Verantwortung zu sehen, statt missionarische oder evangelistische Aktivitäten isoliert voneinander zu unternehmen; und noch viel weniger zur Konkurrenz gegen andere Gläubige oder zum Proselytismus zu greifen.”
(“Zu einem gemeinsamen Verständnis und Vision des Weltkirchenrates”, 1997)

Religionsfreiheit und Proselytismus. Es gibt keine Ausnahme zum grundlegenden Menschenrecht der Religionsfreiheit. … Wir bekräftigen die Notwendigkeit einer ökumenischen Disziplin, besonders in der Beziehung mit Ländern, die sich in der schwierigen Situation des Übergangs zur Demokratie befinden, und unter der Invasion ausländischer religiöser Bewegungen und dem Proselytismus leiden. Wir wiederholen, dass der WCC sich dem Proselytismus entgegensetzt, und fordern die Mitgliedskirchen auf, den Glauben und die Integrität der Schwesterkirchen zu respektieren…”
(Erklärung über Menschenrechte, Weltkonferenz des WCC 1998)

Was bedeutet dies im Klartext? – Der WCC versteht unter “Proselytismus” jegliche Form der Evangelisation, die sich an Menschen richtet, welche bereits Mitglieder einer “christlichen” Kirche sind. Nach dieser Definition dürfte z.B. in Ländern wie Perú, wo fast jedermann nominell katholisch ist, überhaupt nicht evangelisiert werden. Im Rahmen der sogenannten Makro-Ökumene (s.o.) wird dann der Begriff “Proselytismus” auch auf die Evangelisation unter Angehörigen anderer Religionen ausgeweitet.

Gemäss dem erstgenannten Zitat dürften Gemeinden und Christen von sich aus keinerlei missionarische oder evangelistische Aktivitäten unternehmen, sondern nur “gemeinschaftlich geteilte”, d.h. im Rahmen der ökumenischen Bewegung. – Das zweite Zitat steht im Zusammenhang mit dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit, womit suggeriert wird, Evangelisation sei ein Angriff auf die Religionsfreiheit. (Nirgendwo wird hingegen gesagt, dass die Religionsfreiheit auch das Recht auf Evangelisation einschliesse.)

Wäre eine Einheit der Christen Wirklichkeit in den Kirchen des Weltkirchenrates, dann käme keine dieser Kirchen auf die Idee, ihre Mitglieder eifersüchtig vor “Proselytismus” schützen zu wollen. In Wirklichkeit werden dadurch die Mitglieder vom Glauben abgefallener Kirchen davor “beschützt”, das biblische Evangelium zu hören; und die Barrieren zwischen den Kirchen werden noch verstärkt, da die Mitglieder davon abgehalten werden, ihren eigenen “konfessionellen Zaun” zu übertreten – es sei denn im Rahmen der Einheits-Ideologie des Weltkirchenrates.
Wäre eine solche Politik in früheren Jahrhunderten in Kraft gewesen, dann hätte Luther nie die katholische Kirche zur Umkehr aufrufen dürfen. Wesley hätte nie seine von der anglikanischen Kirche nicht anerkannten Laienprediger losschicken dürfen, um Anglikaner zur Bekehrung aufzurufen. Selbst Paulus hätte nie in den jüdischen Synagogen über Jesus predigen dürfen.

Leider haben auch die evangelikalen Gemeinden und Allianzen in dieser Hinsicht, soweit ich beobachten kann, die Politik des Weltkirchenrates übernommen. Zwar nicht in bezug auf die Evangelisation von Katholiken, aber in bezug auf die Beziehungen der Mitgliedskirchen untereinander. (Statt “Proselytismus” benutzen sie den Ausdruck “Schafe stehlen”.) Wenn ein Evangelikaler in Perú die Gemeinde wechseln will, braucht er dazu einen Empfehlungsbrief des Pastors; und wehe dem Pastor, der diese Prozedur nicht beachtet! In manchen Gemeinden wird den Mitgliedern verboten, ohne Erlaubnis ihres Pastors einen Gottesdienst in einer anderen Gemeinde zu besuchen. Es gibt zwar gemeinsame Anlässe der Gemeinden unter der Aufsicht der Allianz. Wenn aber “gewöhnliche Christen” aus verschiedenen Gemeinden sich zusammentun, ohne dazu den “Segen” ihrer Pastoren einzuholen, dann werden sie argwöhnisch beobachtet, und meistens werden die Beteiligten von ihren Gemeindeleitern schnell und barsch zurückgepfiffen.
Dies ist besonders problematisch, wenn wir in Betracht ziehen, dass inzwischen auch viele “Evangelikale” nur Namenschristen sind, und dass auch in vielen “evangelikalen” Gemeinden nicht mehr das biblische Evangelium verkündet wird. Das “Nein zum Proselytismus” hindert auch diese Namenschristen daran, das Evangelium zu hören. Ausserdem wird dadurch verhindert, dass Leiter und Mitglieder von Gemeinden, die sich vom Evangelium entfernt haben, von Vertretern anderer Gemeinden auf ihren Fehler aufmerksam gemacht werden könnten.

Ich möchte mir nicht von Leitern, die sich “christlich” nennen, einen Maulkorb umbinden lassen bezüglich meines Zeugnisses für Christus. Deshalb bin ich nicht dazu bereit, mich dieser Ökumene anzuschliessen.

Ich hoffe hiermit auch dargestellt zu haben, dass “Ökumene” und “christliche Einheit” nicht gleichbedeutend sind. (In einer Fortsetzung möchte ich, so Gott will, darauf eingehen, wie ich christliche Einheit verstehe.) Aus den genannten Gründen mache ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mit; und auch nicht mit “evangelikalen” Gemeinden, die im selben Fahrwasser mitschwimmen.

Hier in Perú (und anscheinend in Lateinamerika überhaupt) sind die Verbindungen zwischen Evangelikalen und ökumenischer Bewegung auf den höchsten Leiterschaftsebenen schon sehr weit fortgeschritten; aber das „gewöhnliche Kirchenvolk“ hat noch nichts davon mitbekommen. Das beunruhigt mich.
Bei Nachforschungen über diese Verknüpfungen stiess ich immer wieder auf dieselben Organisationen, und oft in Zusammenarbeit miteinander: Die United Bible Societies (UBS) und die ihnen angeschlossenen nationalen Bibelgesellschaften (die in Lateinamerika führend sind in der Verbreitung bibelkritischer Theologie); die Lateinamerikanische Theologische Bruderschaft (Fraternidad Teológica Latinomericana, FTL) – eine auf höheren Ebenen einflussreiche Organisation, von der aber die meisten „gewöhnlichen“ Kirchenmitglieder und Pastoren nicht einmal Kenntnis haben -; der Lateinamerikanische Kirchenrat (CLAI, das ist der lateinamerikanische Zweig des Weltkirchenrates); und das Sozialwerk „World Vision“ ( = „Weltliche Vision“ in der angebrachtesten – wenn auch nicht ganz korrekten – Übersetzung). Alle diese Organisationen vertreten mehr oder weniger offen die Ziele des Weltkirchenrates und die bibelkritische Theologie; werden aber von den Evangelikalen mit offen Armen als „Geschwister“ empfangen. Auch das beunruhigt mich. (Ich verbiete niemandem, ökumenische Überzeugungen zu haben und zu vertreten. Aber wo das auf diese verdeckte Weise geschieht, hintenherum und unter „bibeltreuer“ Tarnung, da kann ich nicht schweigen.) – Wie aus der Aufzählung hervorgeht, betreffen diese ökumenischen Verknüpfungen sowohl einheimische wie ausländische Organisationen.

Hier in Perú muss ich auch die Evangelische Allianz zu diesen ökumenischen Verknüpfungen zählen (hierzulande CONEP – Concilio Nacional Evangélico del Perú – genannt). Im Internet-Verzeichnis der internationalen Mitarbeiter des Weltkirchenrates (Stand 2004) figurieren genau zwei Peruaner: Rafael Goto Silva und Tito Paredes. Derselbe Rafael Goto Silva war von 2005 bis 2009 Präsident des CONEP; Tito Paredes war ebenfalls Leitungsmitglied. Mehrere andere Mitglieder des siebenköpfigen Vorstandes sind ebenfalls Mitglieder bzw. Mitarbeiter von ökumenischen Organisationen. Somit sind praktisch alle evangelikalen Kirchen in Perú – obwohl sie offiziell keine Mitglieder des Weltkirchenrates sind – „inoffiziell“ via CONEP in die weltweite ökumenische Bewegung eingebunden worden. Auch das beunruhigt mich natürlich.

Ich betone nochmals, es geht mir hier nicht darum, dass die Evangelische Allianz keine ökumenische Ausrichtung haben „dürfte“. (Sie hat sie ja sowieso, egal ob jemand dies kritisiert oder nicht.) Es geht mir um die unredlichen Methoden, die dabei angewandt werden, damit die breite Masse der Gemeindeglieder und Pastoren (die der Ökumene mehrheitlich kritisch gegenüberstehen) nichts davon mitbekommt. Von den Kanzeln herab wird die Ökumene lautstark verurteilt, während die obersten Leiter derselben Gemeindeverbände selber Ökumeniker sind. Im Jahre 1999 wurde mit einem politischen Manöver (das in einem Pressebericht als „Staatsstreich“ bezeichnet wurde) die nationale Leiterschaft eines der grössten peruanischen Gemeindeverbände abgesetzt und durch andere Leiter ersetzt, die der ökumenischen Bewegung freundlich gesinnt waren und ihr z.T. selber angehörten. – An der Bibelschule, wo ich selber mehrere Jahre lang mitarbeitete, wurde offiziell die göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel gelehrt; inoffiziell aber waren die meisten Lehrer Ökumeniker und Bibelkritiker. (Meine Schüler des Abschlussjahrganges fielen aus allen Wolken, als ich ihnen die Denkvoraussetzungen der Bibelkritik erklärte und ihnen zeigte, dass die Hälfte der Bücher in der Schulbibliothek bibelkritisch waren: „Bis jetzt hat kein einziger Lehrer mit uns über dieses Thema gesprochen!“) Klar, dass auch das mich beunruhigt.

Es ist bezeichnend, dass es ein Vertreter der peruanischen Bibelgesellschaft war, welcher vor der Regionalsynode eines grossen Gemeindeverbandes forderte, die Verbreitung meiner Schrift über den Ökumenismus (wo obige Informationen mit Quellenangaben dokumentiert waren) sei in den Gemeinden zu verbieten, und mir als Person sei ein Lehr- und Predigtverbot zu erteilen. Deshalb erscheint der vorliegende Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.

Bezeichnend auch, dass die Schweizer Missionsorganisation, die mich damals noch (zumindest als Lippenbekenntnis) „unterstützte“, aus meinem Jahresbericht vor der Veröffentlichung einen Hinweis auf diese Situation wegstrich, ohne jede Rücksprache mit mir. Auch deshalb erscheint dieser Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.