Posts Tagged ‘Evangelium’

David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 2

28. August 2019

Im ersten Teil haben wir betrachtet, wie Livingstone in seiner Missionstätigkeit ein „nicht-institutionelles“ Gemeindemodell vertrat und lebte. Ist es mehr als ein Zufall, dass sein Name übersetzt „lebendiger Stein“ bedeutet? In 1.Petrus 2,4-5 heisst es: „Tretet hinzu zu ihm (Jesus), dem lebendigen Stein, von den Menschen zwar verworfen, von Gott aber auserwählt und wertgeschätzt; und lasst auch euch selber als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, einer heiligen Priesterschaft…“ – Livingstone hat nie eine „Kirche“ aus toten Steinen gebaut; aber er liess sich als „lebendiger Stein“ da einsetzen, wo Gott ihn haben wollte. Das entsprach nicht immer dem Willen der Vertreter irdischer Institutionen und Kirchen.
Englische Expeditionsgefährten, die ihn eine Zeitlang begleiteten, beschrieben ihn als eigensinnig, unberechenbar, und als einen „höchst unzuverlässigen Leiter“. Sie zweifelten sogar daran, ob er noch bei Verstand sei. Eine Beurteilung, die auch anderen „lebendigen Steinen“ vor und nach ihm zuteil geworden ist.

1857 trennte sich Livingstone von der London Missionary Society (LMS), und unternahm seine nächste Expedition mit Unterstützung der Royal Geographical Society und der englischen Regierung. Über die Hintergründe der Trennung gibt es widersprüchliche Versionen. Einige Biographen schreiben, nachdem Livingstone hauptsächlich zu einem Entdecker geworden war, fühlte er sich nicht mehr berechtigt, von einer Missionsgesellschaft unterstützt zu werden, und sei deshalb aus eigenem Entschluss zurückgetreten. Ähnlich Thomas Hughes (1889):
„Durch die Veröffentlichung seines Buches war er plötzlich zu einem reichen Mann geworden. Deswegen, und weil er zum Konsul für die afrikanische Westküste ernannt worden war, (…) beschloss er nach langem Überlegen, von der London Missionary Society zurückzutreten. Sie trennten sich sehr freundschaftlich, obwohl sein Handeln in der (sogenannten) religiösen Presse missverstanden und scharf kritisiert wurde.“

Andere Versionen sprechen jedoch von persönlichen und sachlichen Differenzen. So im englischsprachigen Wikipedia-Artikel:
„Livingstone hatte sich der Missionsleitung gegenüber beklagt über deren Politik, zu viele Missionare in der Gegend am Kap zu konzentrieren, obwohl die einheimische Bevölkerung dort gering war (Blaikie). (…) In Quelimane erhielt Livingstone einen Brief von der Leitung der Missionsgesellschaft, in welchem sie ihm zu der vollbrachten Reise gratulierten, aber gleichzeitig sagten, die Leitung sei ‚limitiert in ihrer Vollmacht, Pläne zu unterstützen, die nur ganz entfernt mit der Ausbreitung des Evangeliums zu tun haben‘ (Tim Jeal 2013).“

Livingstone selber sah sich bis an sein Lebensende als ein von Gott beauftragter Missionar. Mit seinen Reisegefährten und Helfern hielt er tägliche Andachten (die aber zu keiner weiteren Bekehrung mehr führten). Seine Entdeckungsreisen sah er nur als ein Mittel zum Zweck, weitere Missionare in das zuvor unerforschte Innere Afrikas bringen zu können. Darin sah er seinen eigentlichen Beitrag zum Missionsauftrag und seine eigentliche Berufung – während offenbar Setschele dazu ausersehen war, die direkte Missionsarbeit zu leisten, die Livingstone anfangs selber tun wollte. (Siehe Teil 1.)

Silvester Horne (1916) beurteilt seine Trennung von der LMS folgendermassen:

„Da Livingstone glaubte, es sei seine Lebensaufgabe, das Innere dieses grossen Landes zu erschliessen, fühlte er sich verpflichtet, von der LMS zurückzutreten, da einige ihrer Unterstützer nicht mit dieser Art von Arbeit einverstanden wären. Zugleich war er sehr besorgt um den Fortgang der Arbeit der Missionsgesellschaft, und fühlte sich verpflichtet, selber für einen Stellvertreter zu sorgen. Er kam mit seinem Schwager John Moffat überein, dass dieser als Missionar zu den Makololo ginge, und versprach ihm (…) ingesamt eine Summe von 1400 Pfund.
Seine eigene Zukunft war bestimmt durch die Ernennung zum Konsul in Quelimane, und zum Leiter einer Expedition zur Erforschung von Ost- und Zentralafrika. (…)
Es wird immer einige Menschen geben – Opfer einer Theorie, die das Leben in wasserdichte Abteilungen unterteilt -, die argumentieren, jemand könne kein Diener Gottes oder Missionar sein, wenn er zugleich etwas anderes ist. Diese Menschen glauben, wenn jemand zu einem Entdecker werde, dann höre er auf, ein Missionar zu sein. Konsequenterweise müssten sie glauben, dass Paulus aufhörte, ein Apostel zu sein, als er als Zeltmacher arbeitete (…) Livingstone betrachtete alle seine Arbeit als heilig, weil er sie zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschheit tat. Die Ziele, die er gegen sein Lebensende verfolgte, waren im wesentlichen dieselben wie zuvor: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.“

Aus dieser Perspektive gesehen, war Livingstone nicht nur aus einer Institution ausgetreten. Er war zugleich aus einer institutionellen Weltanschauung „ausgestiegen“ bezüglich der Frage, was unter „Gott dienen“ zu verstehen sei. Ist nur der institutionell anerkannte „Pastor“ oder „Missionar“ ein Diener Gottes? – oder auch der Entdecker, der nachkommenden Missionaren den Weg öffnen will, der seinen Reisebegleitern mit Wort und Tat das Evangelium bezeugt, und der aus christlicher Überzeugung gegen den Sklavenhandel kämpft?

U.a. ging es dabei auch um die Frage, was wichtiger ist: die persönliche Berufung, die Gott einem Menschen gegeben hat, oder die institutionellen Vorgaben irdischer Vorgesetzter, z.B. einer Missionsgesellschaft? In einer Firma, die weltliche Interessen verfolgt, gelten die Mitarbeiter als Untergebene des Chefs und müssen, was ihre Arbeit anbelangt, den Anweisungen des Chefs folgen. Im Reich Gottes dagegen gibt es nur einen einzigen „Chef“, der Herr selber, „und ihr alle seid Brüder“ (Matth.23,8). Im „Leib Christi“ sind wir alle unterschiedliche Glieder unter einem einzigen Haupt (1.Kor.12,18-27, Kol.2,18-19); und die Glieder erteilen einander keine Befehle. In einer Vereinigung, die sich der Ausbreitung des Reiches Gottes verpflichtet hat, ist deshalb zu erwarten, dass die persönliche Berufung jedes einzelnen respektiert und wertgeschätzt wird. (Im Falle der LMS sollte erwähnt werden, dass sie dies Livingstone gegenüber bis vor seiner Ganz-Durchquerung des afrikanischen Kontinents auch getan hat. Die Leitung der Missionsgesellschaft liess ihm volle Freiheit bei der Wahl seines jeweiligen Wohn- und Arbeitsortes, seiner Reisepläne, usw.)

Leider muss ich beobachten, dass heutzutage in vielen freikirchlichen Kreisen nicht nur Missionsleiter, sondern auch örtliche Gemeindeleiter ihren Mitarbeitern Vorschriften machen, die weit über das hinausgehen, was zur Funktion der jeweiligen Organisation gehört oder vom Wort Gottes vorgeschrieben wird. Es wird ihnen gesagt, wo sie wohnen sollen, was sie arbeiten sollen, sogar wen sie heiraten dürfen und wen nicht. Wenn sich Livingstone von seiner Missionsgesellschaft trennte, weil diese seine persönliche Berufung nicht mehr unterstützte, wieviel mehr Grund besteht dann, zum „Aussteiger“ zu werden, wenn religiöse Leiter, angeblich im Namen Gottes, ihr Mikromanagement über persönliche Entscheidungen durchsetzen wollen, die überhaupt nicht zum Kompetenzbereich dieser Leiter gehören?!

Wie in seinen Missionsmethoden (siehe Teil 1), so hat Livingstone auch in seinen persönlichen Entscheidungen gezeigt, dass ihm die persönliche Beziehung zu Gott wichtiger war als alle institutionellen Formen, Regeln und Beschränkungen. Und das, denke ich, ist das hervorstechendste Merkmal eines „christlichen Aussteigers“.

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Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

3. April 2019

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

„Das Ende der westlichen Zivilisation“

13. Oktober 2015

Vor kurzem las ich einen Artikel von Andrew Strom mit dem obigen Titel. Er schreibt darin u.a:

„Schon seit einiger Zeit bin ich überzeugt, dass wir in diesem Jahrhundert den Zusammenbruch unserer Zivilisation sehen werden – ob nun Jesus in dieser Zeit wiederkommt oder nicht. Es hat Jahrhunderte gedauert, diese Zivilisation aufzubauen. Aber ich glaube, bevor dieses Jahrhundert zu Ende geht, wird diese Zivilisation sich in einem Zustand der Zerstörung und des Zusammenbruchs befinden, wie es sich kaum jemand vorstellen kann.“

Dann zitiert er aus einer Leserzuschrift:

„Jemand, den ich kenne, hatte einen Traum: Eine riesige Hand hob die ganze westliche Hemisphäre auf, als wäre sie eine papierene Landkarte, knüllte sie zusammen zu einem Ball und warf sie fort.
(…) Der Unterschied zwischen unseren Ländern, die sündigen, und den heidnischen Ländern, die sündigen, ist dieser: Unsere Länder haben sich zu Christus bekannt und sind rund um die Welt als christliche Länder bekannt; aber wir lästern und schänden seinen Namen vor der ganzen Welt. Zu seiner eigenen Ehre muss Gottes Langmut ein Ende haben, wenn seine Warnungen nicht zur Umkehr führen. Das Gericht beginnt bei seinem Haus … und dann bei der Welt!“

Ich glaube, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind keine Träume oder prophetischen Eingebungen mehr nötig, um dies sehen zu können. Man braucht sich nur den (un-)geistlichen Zustand der Gesellschaft anzusehen (inbegriffen der Kirchen), dann in der Bibel zu lesen, wie Gott in solchen Zeiten zu handeln pflegte, und dies mit den aktuellen Nachrichten zu vergleichen.

Zur Zeit erlebt ja Europa eine noch nie dagewesene Flüchtlingskrise. (Strom bezog sich übrigens nicht darauf, sondern hauptsächlich auf die aktuelle Entwicklung in den USA.) Als „ferner Beobachter“ frage ich mich, was der geistliche Hintergrund dieser Geschichte ist. Ist dies eine grossartige Gelegenheit, christliche Nächstenliebe und Evangelisation zu pflegen, da nun mitten in Europa grosse Mengen von Menschen leben, in deren Herkunftsländern christliche Mission schwierig bis unmöglich ist? – Ja, es wäre eine solche Gelegenheit, wenn Europa noch eine ausreichende christliche Grundlage hätte. – Oder ist dies ein Gericht Gottes über die Nationen, die in der Vergangenheit ihn ehrten, nun aber von ihm abgefallen sind? Diese Alternative ist unangenehm, aber wohl realistischer. Hätten nicht viele Europäer (inbegriffen viele, die sich Christen nennen) aufgrund ihrer Einstellung und Lebensweise mehr Anlass, von den Moslems missioniert zu werden, als umgekehrt?

In den „Geiernotizen“ fand ich eine ausführliche, lesenswerte Analyse der Situation. Dazu habe ich nicht viel beizufügen – ich habe ja nicht so viel Zugang zu aktuellen Informationen darüber -, ausser folgendem: „Geier“ fragt sich unter anderem:

„Ich überlege jedenfalls schon seit Wochen, ob es irgendeine historische Parallele aus den letzten anderthalb Jahrtausenden dafür gibt, daß ein Land gänzlich ohne Waffengewalt erobert wurde – und auch völlig ohne Gegenwehr – einfach nur überrannt von einem fremden, unbewaffneten Heer.“

Nun, es gibt eine Parallele, nur ist sie gerade etwas länger als anderthalb Jahrtausende her, und die Waffengewalt kam später schon noch zum Zuge. (Ich würde annehmen, auch gegenwärtig wäre ein „unbewaffnetes Heer“ für sich allein noch nicht genügend, um Europa zu erobern.) Ich habe z.Z. kein Buch über europäische Geschichte zur Hand und kann nur aus einem alten Schulheft zitieren, aber das ist in diesem Fall ausreichend:

„Als 375 die Hunnen einfielen und die Ostgoten unterwarfen, wichen die Westgoten ins Römische Reich aus. Dort (im späteren Ostrom) wurden sie von den Römern als Flüchtlinge aufgenommen. Aber als die oströmische Regierung von den Goten Steuern erheben wollte, verschlechterte sich das Verhältnis, und die Westgoten siegten in einer Schlacht.
Um 400 zogen sie über das Meer nach Westen und kamen 401 unter König Alarich in Norditalien an. Dies führte zum Abzug römischer Truppen aus Helvetien, und das militärische Zentrum Vindonissa wurde aufgelöst. 410 wurde Rom von den Westgoten geplündert. Das war ein unerhörtes Ereignis, denn die letzten feindlichen Truppen, die in Rom eingedrungen waren, waren die Kelten (Gallier) um 386 v.Chr. gewesen.“

Tatsächlich scheint mir die gegenwärtige Situation vergleichbar mit der Zeit der Völkerwanderung, die der äussere Anlass zum Untergang Roms war. Francis Schaeffer schrieb schon vor vierzig Jahren:

„Als ihr Reich sich zerrieb, gaben die dekadenten Römer sich einem Durst nach Gewalt und der Befriedigung ihrer Sinnlichkeit hin. Das lässt sich besonders an ihrer zügellosen Sexualität ablesen. In Pompeji zum Beispiel (…) stand der Phalluskult im Vordergrund. Statuen und Gemälde von übertriebener Sexualität schmückten die Häuser der Wohlhabenden.
(…) Als es mit der von verschärfter Inflation und einer aufwendigen Regierung belasteten Wirtschaft Roms immer mehr bergab ging, wurde die Herrschaft des Staates immer autoritärer, um der Apathie entgegenzuwirken. Da niemand mehr bereit war, freiwillig zu arbeiten, musste der Staat in dieser Hinsicht oft eingreifen, und Freiheiten gingen verloren.
(…) Der Untergang Roms ist nicht äusseren Kräften, wie zum Beispiel der Invasion der Barbaren, zuzuschreiben. Rom hatte keine ausreichende innere Grundlage; die Barbaren führten den Zusammenbruch lediglich zu seiner Vollendung.“
(Francis Schaeffer in „Wie können wir denn leben?“)

Schaeffer untersucht dann die ganze abendländische Geistesgeschichte bis zur (damaligen) Gegenwart, und schreibt nach dieser Abhandlung:

„Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreiches (1776-1788) die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies: erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand); zweitens eine grösser werdende Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen; (…) drittens eine exzentrische Sexualität; viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab (…); fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben.
Dies kommt uns alles sehr bekannt vor. Wir haben seit unserem ersten Kapitel viel gesehen – nun sind wir wieder in Rom.“

Nur noch ein kleiner Nachtrag: Ich möchte nicht in dem Sinn verstanden werden, Europa könnte gerettet werden, wenn es die Flüchtlinge zurückschickte. In keiner Weise. Wenn Europa noch eine christliche Grundlage hätte, dann könnte es mit dieser Krise auf eine segensreiche Weise fertigwerden, die das Licht des Evangeliums auf den Leuchter stellte. Ich bin sicher, dass dies in einigen kleinen übriggebliebenen „Inseln“ echten christlichen Lebens auch geschehen wird. (Ich habe einen Bekannten, der schon jahrelang mit Flüchtlingen arbeitet, und er kann von beeindruckenden Zeugnissen berichten, wie sie in „normalen Gemeinden“ kaum noch vorkommen.) – Nun aber versucht Europa, aus rein „humanitärem Pflichtbewusstsein“ etwas zu tun, was es eigentlich nur auf der Grundlage des christlichen Glaubens tun könnte, und wird deshalb früher oder später unter der Last zusammenbrechen.
So wie die Barbaren nicht allzu viel mit dem Untergang Roms zu tun hatten (s.o.), so werden auch die Flüchtlinge und der Islam nicht der eigentliche Grund für den bevorstehenden Untergang des Abendlandes sein. Sie sind nur der äussere Anlass, der die innere geistlich-moralische Schwäche der westlichen Welt offenbar werden lässt.

„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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Der Überrest des Volkes Gottes

19. Mai 2013

„Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt über Elias, wie er Gott anfleht gegen Israel? ‚Herr, deine Propheten haben sie getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben, und mich wollen sie auch töten.‘
Aber was sagt die (göttliche) Anweisung? ‚Ich habe mir siebentausend Männer übrigbehalten, die nicht vor Baal niedergekniet sind.‘ So ist auch zur gegenwärtigen Zeit ein durch Gottes Gnade ausgewählter Überrest übriggeblieben.“

(Römer 11,2-5)

Diese Schriftstelle spricht über eine Zeit des Abfalls von Gott. Unter dem bösen Königspaar Ahab und Isebel hatte ganz Israel angefangen, fremden Göttern zu folgen. Der Prophet Elias musste sich mehrere Jahre lang versteckt halten, weil der König ihn töten wollte. Dann sagte ihm Gott, er solle sich dem König zeigen und die Propheten des falschen Gottes Baal herausfordern. In dieser Konfrontation zeigte Gott vor dem ganzen Volk, dass er der wahre Gott ist, indem er Feuer vom Himmel über das Opfer Elias‘ fallen liess (1. Könige 18).
Aber dann drohte Isebel, Elias zu töten, und er musste wiederum in die Wüste fliehen. Dort, völlig erschöpft und deprimiert, rief er vor Gott aus: „Ich habe geeifert für den Herrn Gott der Heerscharen; denn die Kinder Israels haben deinen Bund verlassen, haben deine Altäre niedergerissen, und haben deine Propheten mit dem Schwert getötet; und ich allein bin übriggeblieben, und sie suchen mich, um mich zu töten.“ (1.Könige 19,14). – Als Antwort trug Gott ihm auf, zwei neue Könige und einen neuen Propheten zu salben (seinen Nachfolger Elisa), und versicherte ihm, er sei nicht völlig allein: „Und ich werde bewirken, dass in Israel siebentausend übrigbleiben, die nicht vor Baal niedergekniet sind…“ (1.Könige 19,18).

Auf diese Situation bezieht sich also Paulus im Römerbrief, und er vergleicht sie mit seiner eigenen Zeit: „So auch zur gegenwärtigen Zeit …“ Was war denn zur Zeit des Paulus geschehen? – Das jüdische Volk hatte sich wiederum von Gott abgewandt. Sie hatten Jesus abgelehnt, ihren von Gott gesandten Erlöser. Und wenn Paulus als Jude das Evangelium verkündete, dann wurde er oft von seinen eigenen Volksgenossen verfolgt. Er hätte auch oft ausrufen können: „Ich allein bin übriggeblieben …!“ – Aber dann sagt er: So wie zur Zeit Elias‘ ein treuer Rest des Volkes Gottes übrigblieb, so auch jetzt. Obwohl die Mehrheit des Volkes Gott ungehorsam war, so hat er sich doch eine kleine Zahl von Menschen übrigbehalten, die sich auf seine Seite stellen. Und an vielen Orten, wo Paulus auf seinen Reisen hinkam, konnte er einige Menschen finden, die zu diesem Überrest gehörten. Obwohl die meisten Juden seine Botschaft ablehnten, so gab es auch immer einige, die glaubten und treu dem Herrn folgten.

„So auch zur gegenwärtigen Zeit“ hat sich die Mehrheit derer, die sich „Christen“, „Volk Gottes“, etc. nennen, von Gott abgewandt. Sie haben zwar ihre äusseren religiösen Formen beibehalten (so wie die Juden zur Zeit Paulus‘ ihre Synagogen hatten), aber sie lehnen die Botschaft des biblischen Evangeliums ab. Doch gibt es einige wenige unter ihnen, die merken, was geschieht; die nicht dem Strom der Zeit folgen, sondern weiterhin dem Herrn treu sind. Das ist der Überrest Gottes in der heutigen Zeit.

Dasselbe ist im Lauf der Kirchengeschichte mehrmals geschehen. Die grossen institutionalisierten Kirchen haben sich sehr schnell von dem Weg abgewandt, den Jesus und die Apostel vorgezeichnet hatten. Übrig blieb ein kleiner, versteckter, unbekannter Rest, der dem Herrn treu blieb. Ab und zu, bei besonderen historischen Gelegenheiten, trat dieser Überrest plötzlich wieder ins Rampenlicht – so wie Elias in seiner Konfrontation mit den Baalspropheten – und wurde zum Kern einer neuen Erweckung. Dann konnte die Welt für kurze Zeit wieder das helle Licht eines echten christlichen Lebens und echter christlicher Gemeinschaft sehen. Aber mit der Zeit wandten sich auch diese erweckten Gemeinschaften wieder dem Traditionalismus zu, dem Menschenwerk statt Gottes Werk, und fielen von Gott ab. Und sie organisierten sich sogar unter genau den Namen, die ihnen die Welt mit Verachtung gegeben hatte: „Protestanten“, „Täufer“, „Quäker“, „Methodisten“, usw. So hörten sie auf, erweckte Gemeinschaften zu sein, und wurden zu institutionalisierten Kirchen wie alle anderen. Mit Ausnahme eines neuen kleinen Überrests.
(Siehe dazu: „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.)

Der Überrest Gottes ist also während der meisten Zeit ein verborgenes, zerstreutes, verachtetes und verfolgtes Volk. Jene, die zu ihm gehören, fühlen sich oft einsam und denken: „Ich allein bin übriggeblieben, sonst folgt niemand mehr dem Herrn.“ Und doch sagt der Herr: „Ich habe mir siebentausend übrigbehalten…“

Dieser Überrest ist also keine „Kirche“, „Gemeinde“ oder „Organisation“. (Auf gar keinen Fall ist er eine institutionalisierte Kirche, die das Wort „Überrest“ in ihren Namen setzt – wie es tatsächlich schon vorgekommen ist!) Einige derer, die zum Überrest gehören, befinden sich in institutionalisierten Kirchen; aber sie wissen, dass sie auch innerhalb dieser „Kirche“ von Namenschristen nur „Pilger und Fremdlinge“ sind. Andere haben zwei oder drei Geschwister „nach dem Herzen Gottes“ gefunden und ermutigen einander gegenseitig in diesem kleinen Kreis. (Nach Hebräer 10,24-25, richtig verstanden.) Und wieder andere wandern völlig allein durch die Wüste und fragen sich, ob es wohl noch andere gibt, die denselben Weg gehen.

Das ist die „Herde“, von der Jesus sagte: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Der Herr selber ist es, der sie weidet, führt und „organisiert“. Oft führt er sie auf Wegen, die die Welt (inbegriffen die religiöse Welt) nicht versteht. Aber sie folgen ihm, denn „sie hören nicht auf die Stimme der anderen“ (Johannes 10:5).

Auch so sind sie nicht frei von Versuchungen und Gefahren. Jeder von ihnen weiss, dass er zum Überrest gehört (oder wird sich dessen allmählich bewusst); aber voneinander können sie es nicht mit Sicherheit wissen. So sind sie manchmal in Gefahr, sich in einem ungleichen Bund zusammenzuschliessen mit jemandem, der fälschlich vorgibt, zum Überrest zu gehören. Oder umgekehrt, jemandem zu misstrauen, der sehr wohl zum Überrest gehört, aber irgendwie „anders“ ist.
Der Überrest definiert sich mit keinem Namen, mit keiner Etikette, mit keinem Versammlungsort, mit keinem Glaubensbekenntnis ausser dem Wort Gottes, und mit keinem Leiter ausser dem Herrn Jesus Christus. Deshalb kann es unter ihnen eine grosse Vielfalt an Hintergründen und theologischen Strömungen geben. So stehen sie manchmal in Gefahr, einander gegenseitig anzugreifen wegen zweitrangiger theologischer Differenzen. Dies umso mehr, als sie in den institutionalisierten Kirchen so viele Irrlehren und abwegige Praktiken gesehen haben, dass sie manchmal auch ihren wirklichen Glaubensgeschwistern misstrauen.
Wenn sie unter der Verachtung, der Ablehnung und der Verfolgung von seiten der Namenschristen leiden, dann können sie andererseits auch versucht werden, sich der sicheren, bequemen und respektablen Umgebung einer institutionalisierten Kirche zu unterwerfen. Oder ihre eigene Organisation zu gründen, um den anderen sichtbar zu zeigen, dass „wir besser sind“ und dass „unter uns der Herr tatsächlich wirkt“. Aber sie sollten eigentlich wissen, dass sie, sobald sie anfangen „respektabel“ zu werden, aufhören, der Überrest zu sein.

Die zum Überrest gehören, können mit allem Freimut von ihrem Glauben an Jesus Christus sprechen, in jeder Situation, wo ihnen der Herr Gelegenheit gibt dazu. Aber sie haben dabei keine „geheime Agenda“: Sie müssen nicht eine obligatorische Anzahl von „Evangelisationsstunden“ erfüllen; noch müssen sie Mitglieder für „ihre Gemeinde“ gewinnen; noch müssen sie die Spenden- und Zehnteneinnahmen erhöhen; noch müssen sie vor Gott „Punkte sammeln“. Deshalb brauchen sie keine aufsehenerregenden Veranstaltungen zu organisieren, und müssen auch niemanden manipulieren. Sie sind schlichte Zeugen dessen, was Gott in ihrem Leben getan hat.

Sie anerkennen und achten echte geistliche Autorität, wo immer sie ihr begegnen; aber sie kennen weder Ämter noch hierarchische Leiterschaftspositionen. Und jene, die zu solcher Anerkennung gelangen, nehmen dies nicht zum Anlass, sich über ihre Geschwister zu erheben. Im Gegenteil, sie demütigen sich noch mehr in der Furcht Gottes, und werden noch mehr zu Dienern ihrer Geschwister (Lukas 21,24-28).

Der Reformator Martin Luther – Teil 9 – Weitere Lehren der Reformation

9. Dezember 2012

Da ich in dieser Artikelkategorie das Schwergewicht darauf legen möchte, was wir von vergangenen Erweckungen lernen können inbezug auf eine Rückkehr zu urchristlichen Prinzipien, möchte ich nicht mehr auf das weitere Leben Luthers eingehen, da ich dort nicht mehr viel Lehrreiches in dieser Hinsicht finde. Stattdessen möchte ich in dieser und der nächsten Folge noch einige weitere Prinzipien und Folgen der Reformation erwähnen.

Andere wichtige Lehren der Reformation

Der direkte Zugang zu Gott und das allgemeine Priestertum

Die katholische Kirche und ihr Klerus sehen sich als „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott: Der Gläubige kann seine Sünden nicht direkt Gott bekennen und von ihm Vergebung erhalten, sondern er muss dem Priester bekennen, und der Priester muss ihm Vergebung zusprechen. Der Gläubige kann auch nicht selber die Bibel richtig verstehen, sondern er muss der Auslegung des kirchlichen Lehramts folgen. (Auch heute noch, obwohl den Katholiken inzwischen das Bibellesen erlaubt ist.)

Dagegen betonte Luther, gestützt auf Bibelstellen wie 1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22, dass jeder Gläubige durch Jesus Christus persönlichen und direkten Zugang zu Gott hat. Das ist eine weitere grosse Errungenschaft der Reformation, dass sie dem Christen den direkten Zugang zu Gott (ohne Vermittlung eines irdischen Priesters) wieder geöffnet hat. (Obwohl die Reformatoren diesen Punkt nicht konsequent in die Praxis umsetzten.)

Francis Schaeffer schreibt dazu:

„Zuvor waren Kirchgänger von dem, was für sie der Mittelpunkt des Gottesdienstes war – der Altar im Altarraum – durch ein hohes Eisen- oder Holzgitter getrennt. Das war der Lettner, häufig von einem Kruzifix unterstützt, oder ein Kruzifix hing über ihm. Aber in der Reformationszeit, als die Bibel in all ihrer einzigartigen Autorität akzeptiert wurde, wurden diese Gitter oft beseitigt. In manchen Kirchen wurde an genau der Stelle, an der sich der Lettner befunden hatte, eine Bibel zur Schau gestellt, um zu zeigen, dass die Lehre der Bibel die Möglichkeit für alle Menschen eröffnete, direkt zu Gott zu kommen.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Leider hat aber die katholisch-priesterliche Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ so nachhaltig gewirkt, dass auch die Reformierten und Evangelikalen bis heute nicht wirklich davon losgekommen sind. Einerseits hat Luther zwar wichtige Änderungen vorgenommen, indem er z.B. das Messopfer, das sakramentale Verständnis der Beichte, das Zölibat, etc. abschaffte. Auch definierte er das Pfarramt nicht mehr als priesterliche (Mittler-)Funktion, sondern als Predigt- und Lehramt. Aber die Idee des Pfarramts an sich hat er beibehalten, und damit auch die geistliche Entmündigung der „Laien“. Versammlungen, zu denen jedes „Glied am Leibe“ etwas beiträgt, wie z.B. in 1.Korinther 14,26 beschrieben, sind bis heute in den meisten Kirchen, die sich von der Reformation herleiten, so gut wie unbekannt. Das wichtige reformatorische Postulat des allgemeinen Priestertums wartet also immer noch auf seine Verwirklichung.

Gesetz und Gnade

Luther schreibt in den „Schmalkaldischen Artikeln“:

„Aber das vornehmste Amt und Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit Früchten und allem offenbart und dem Menschen zeige, wie gar tief und grundlos seine Natur gefallen und verderbt ist, dem das Gesetz sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte oder bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen würde…
(Röm.1,18, 3,19-20, Joh.16,8)

…Und das heisst dann, die rechte Busse (Bekehrung) anfangen. …Aber zu solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheissung der Gnade durchs Evangelium, der man glauben soll. Wie Christus spricht Mark.1,15: ‚Tut Busse und glaubt dem Evangelium‘, das ist: ‚Werdet und macht’s anders und glaubt meiner Verheissung.‘ …Wiederum gibt das Evanglium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durch Wort, Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden; auf dass die Erlösung ja reichlich sei bei Gott – wie der Psalm 130 sagt – wider das grosse Gefängnis der Sünde.“

Dies ist eine zentrale Lehre Luthers, und wichtig zum Verständnis der biblischen Botschaft. Das „Gesetz“, verbunden mit der Gerechtigkeit Gottes (belohnend und strafend) ist nötig zur Überführung des Sünders, und gehört daher unbedingt zur Evangelisation. Das „Evangelium“, verbunden mit der Gnade Gottes, ist nötig zur Rettung und zur Festigung des Christen, und gehört daher unbedingt zum geistlichen Wachstum der Wiedergeborenen. Die Praxis der meisten evangelikalen Gemeinden ist aber genau umgekehrt: Da wird den Unbekehrten die Gnade Gottes verkündet („Gott liebt dich“, „Komm zu Jesus, dann hören deine Probleme auf“) und andere Lockvögel angeboten im Sinne einer „bedürfnisorientierten Evangelisation“. Sind sie aber einmal „bekehrt“ und Teil der Gemeinde geworden, dann werden sie unter das Gesetz gestellt: „Du sollst regelmässig zum Gottesdienst kommen“, „Du sollst dich der Gemeindeleitung unterordnen“, „Du sollst den Zehnten geben“, usw. (wobei die meisten dieser Gesetze nicht einmal biblisch sind).

Diese verfehlte Praxis schafft verschiedenste Probleme. Einerseits die bereits erwähnte „billige Gnade“, wo dem halsstarrigen Sünder Errettung angeboten wird, ohne dass er umkehren muss. So füllen sich die Gemeinden mit Scheinchristen, die den Herrn nie persönlich kennengelernt haben. Das ist die Folge, wenn unbekehrten Sündern die Gnade verkündigt wird statt des Gesetzes.

Und andererseits entsteht eine gesetzliche Frömmigkeit, wo Wohlverhalten und „gute Werke“ benotet werden, sodass der Christ sich auf Menschengebote und auf seine eigenen Anstrengungen zum Gutsein abstützt. Er wird so dazu verleitet, wieder auf seine eigene Gerechtigkeit zu vertrauen statt auf das vollbrachte Werk Christi; er kann sich nicht mehr an seiner Erlösung freuen, und steht in der grossen Gefahr, „von der Gnade zu fallen“ (Gal.5,4). Ausserdem nutzen manipulative Leiter die dadurch entstehenden Schuldgefühle aus, um die Christen von sich selbst abhängig zu halten. Das war genau die Problematik der mittelalterlichen Kirche, und dieselbe Problematik besteht in vielen heutigen evangelikalen Gemeinden. Das ist die Folge, wenn wiedergeborene Christen unter das Gesetz gestellt werden statt unter die Gnade. Die Warnungen Paulus‘ beziehen sich auf genau solche Situationen: „Zu einem Preis seid ihr erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23). „Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer auftreten, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen“ (d.h. sie von sich selbst abhängig zu machen). (Apg.20,30).

Die beiden Probleme, billige Gnade und Gesetzlichkeit, sind eng miteinander verbunden. Wenn wegen der Verkündigung der billigen Gnade unbekehrte Sünder in die Gemeinde kommen und als „Christen“ angesehen werden, dann können sie gar nicht wie Christen leben. Somit „müssen“ sie einer Vielzahl von Regeln unterstellt werden, damit ihr Verhalten wenigstens einen christlichen Eindruck macht. (Warum sonst hat es eine Bibelschule nötig, in ihrem offiziellen Reglement so kleinliche Dinge vorzuschreiben wie: „Es ist verboten, Löcher in die Wände zu machen“, oder: „Es ist den Studenten untersagt, weltliche Musik zu hören“?) Wo der Geist Gottes fehlt, da muss nach Lenins Grundsatz regiert werden: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wo aber eine wirklich christliche Gemeinschaft vorhanden ist, da kann echtes Vertrauen entstehen. (Bei jenen seltenen Gelegenheiten, wo ich mit einem Mitarbeiterteam aus mehrheitlich wiedergeborenen Christen arbeiten konnte, hatten wir es nie nötig, ein Reglement aufzustellen.)

Was allerdings bei Luther fehlt, ist der notwendige nächste Schritt: Die Gnade Gottes wirkt im Wiedergeborenen dahingehend, dass er den Willen Gottes tut und dadurch effektiv das Gesetz erfüllt (Röm.8,3-4, Titus 2,11-14) – nicht mehr durch äusserliche gesetzliche Anstrengungen, sondern weil Gottes Gesetz jetzt in sein Herz geschrieben ist (Jer.31,33-34).
(Siehe in der vorherigen Folge über die verhängnisvollen Folgen dieser Auslassung Luthers.)

Die Gemeinden heute haben es sehr nötig, zur richtigen Anwendung von Gesetz und Gnade zurückzukehren.

Gott dienen in der Welt

Die Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ führte im mittelalterlichen Katholizismus zu einer scharfen Trennung der Gesellschaft in einen „geistlichen“ Bereich (alles, was zur Kirche gehörte), und einen „weltlichen“ Bereich (alles, was ausserhalb der Kirche war). Richard Stern von „Jugend mit einer Mission“ schreibt darüber:

„…Wir sind zu Christus berufen, um alles, was wir tun, zu seiner Ehre zu tun. Deutlich kommt das heraus, wenn wir uns die Definition von Arbeit in der Bibel anschauen: Arbeiten heisst, Gott dienen mit ganzem Herzen. Unsere Arbeit soll also ein Gottesdienst sein (Kol.3,17.23). Im Hebräischen wird für „arbeiten“ und „dienen“ dasselbe Wort gebraucht. (Vgl. 2.Mose 20,5 mit 20,9).
… Im Mittelalter sah das ganz anders aus. Berufen war nur noch der Geistliche, der Mönch; alle anderen Dienste galten als Dienstleistung für den Geistlichen. Aus diesem Verständnis heraus gab es eine Trennung zwischen „geistlich“ und „weltlich“. Wenn man geistlich sein wollte, zog man sich von der Welt zurück.
… Erst die Reformation brachte eine Änderung. Luther war der erste, der in der Übersetzung von 1.Kor.7,20 das Wort „Beruf“ gebrauchte. Er durchbrach damit die Trennung zwischen geistlich und weltlich. Zum ersten Mal galt der Handwerker wieder als ein von Gott Berufener, um seine Arbeit zur Ehre Gottes zu tun.
… Heute verstehen sich die meisten Tätigkeiten als „Jobs“ zum Brotverdienst. … Viel besser sieht es auch bei den Christen nicht aus. Seit der Erweckung im 19.Jahrhundert gelten wiederum nur Prediger, Missionar und Evangelist als Berufung.“
(Richard Stern, „Wozu bist du berufen?“, Zeitschrift „Der Auftrag“ Nr.28)

Hier liegt der Grund dafür, warum die Reformation nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft entscheidend veränderte. Jeder Christ verstand sich nun als Priester Gottes in der Welt, mit dem Auftrag, in seinem eigenen Lebens- und Arbeitsbereich die Prinzipien Gottes zu verwirklichen. Das führte zu einer ganzen weltanschaulichen Umwälzung Europas (wie wir in einer späteren Folge sehen werden).
Wenn wir unser Christentum auf einen kleinen „geistlichen Bereich“ reduzieren, dann hat dies schwerwiegende Folgen. Entweder wir ziehen uns aus der „Welt“ zurück – dann verlieren wir aber auch jeden evangeliumsgemässen Einfluss auf sie. – Die andere mögliche Folge besteht darin, dass Christen sich zwar in der „Welt“ engagieren, aber ohne christliche Massstäbe. Wenn Gott nur über den „geistlichen Bereich“ regiert, dann kann man sein Wort ja nicht auf die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, usw. anwenden, oder? – Dies lässt sich vor allem in den Landeskirchen beobachten, die sich zwar in allen möglichen sozialen und politischen Fragen engagieren – aber die Lösungen, die sie anbieten, unterscheiden sich in nichts von den „Lösungen“ des säkularen, atheistischen Humanismus.

Selbst nichtchristliche Historiker haben anerkannt, dass die „protestantische Arbeitsethik“ entscheidend zum heutigen Wohlstand in Europa und Nordamerika beitrug. Einen Faktor dieser Arbeitsethik haben wir bereits erwähnt: Die Reformatoren betrachteten Arbeit als eine Berufung von Gott und einen Gottesdienst.
Einige Lutherzitate mögen dies unterstreichen:

„Also hat jeder seinen Beruf, in welchem er Gott dient, wenn er desselben fleissig wartet. Eine Obrigkeit, die ihren Untertanen wohl vorsteht und regiert, dient Gott; eine Hausmutter, die ihrer Kinder wartet, ein Hausvater, der sich seiner Arbeit nährt, ein Schüler, der fleissig studiert, dient Gott. … Antonius entweicht und setzt sich in die Wüste, Hieronymus tut Wallfahrten in heilige Lande …. Solches hält die Welt für grosse und treffliche Dinge. Dass aber Sarah bei dem Herde steht, kocht und richetet den Gästen Essen zu, und ist sorgfältig, solches hat nicht allein keinen Schein noch Anschein einigen guten Werkes, sondern lässt sich ansehen, als sei es eine Hinderung anderer guter Werke. Wer aber auf das Wort sieht, wird finden, dass Sarah viel ein heiliger Werk damit getan hat, dennn aller Mönche und Einsiedler Werke sind.“
(In der Auslegung zu 1.Mose 17,9 und 18,15f)

„Das ist eine nötige Lehre, da sehr viel an gelegen ist, dass wir unseren Beruf in Gottes Wort fassen, und ein jeder des gewiss soll sein, dass alles, was er tut und lässt, in Gottes Namen und aus Gottes Befehl getan und gelassen sei. Wer also lebt, dass er nicht weiss, dass sein Tun und Lassen in Gottes Befehl und Wort geht, der ist verdammt. Wer aber weiss, dass er alles tut und lässt aus Gottes Befehl und Wort, der ist in seinem Gewissen und Herzen sicher, und kann dem Teufel Trotz beiten, guter Dinge sein und sagen: Ich habe heute dies und das getan, und hab’s darum getan, dass ich weiss, dass mich’s Gott geheissen und mir befohlen hat in seinem Wort; weiss derhalben, dass es ein gut und Gott wohlgefällig Werk ist. … Es soll aber niemand sich vor der Ehre scheuen, dass er und seine Werke heilig heissen. Denn Christus hat uns die Freiheit erworben, und Gott hat uns sein Wort darum gegeben, dass wir dadurch geheiligt werden. Darum, sowenig wir uns davor scheuen sollen, dass wir Christen heissen, so wenig sollen wir uns auch davor scheuen, dass wir und unser Werk heilig heissen.“
(Predigt, in „Dr. M. Luthers Hauspostille“)

Wir können hinzufügen, dass Gott selber, als der erste „Arbeiter“, unser Vorbild ist:
„Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. Da sollst du keine Arbeit tun … Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und er ruhte am siebenten Tage …“ (2.Mose 2,9-11)
(Man beachte, dass sowohl die Arbeit als auch die Ruhe geboten werden, und beides als Nachahmung von Gottes eigenem Vorbild.)

Wenn also unsere Arbeit ein Dienst für Gott ist, ja sogar ein „Nachahmen“ von Gottes eigenem Vorbild, dann hat dies Folgen für den Wert, die Würde, und die Qualität unserer Arbeit. Was nach Gottes Willen getan ist, das ist wertgeschätzt von ihm, unabhängig davon, welchen „sozialen Status“ eine bestimmte Arbeit hat. Am Beispiel von Joseph im Gefängnis zeigt uns die Bibel, dass Gott selber solche treue Arbeit sogar materiell und mit „Beförderungen“ belohnen kann. – Wenn Gott mein „Arbeitgeber“ ist, dann kann ich mir natürlich auch nicht erlauben, eine Arbeit von minderwertiger Qualität abzuliefern, oder gar zu versuchen, ihn zu betrügen.

In dieser Hinsicht kann ein grosser Unterschied beobachtet werden zwischen den Reformationsländern und den Ländern, die von der Reformation nicht berührt wurden. Wenn in Nord- und Westeuropa heute noch grosser Wert gelegt wird auf ehrliche und qualitativ hochstehende Arbeit, dann ist das nicht einfach eine Mentalitätsfrage, sondern ein Erbe der Reformation (selbst wenn der geistliche Hintergrund der Reformation längst verlorengegangen ist).
Wer hier in Perú einem Handwerker oder Mechaniker eine Arbeit überlässt, muss damit rechnen, dass die Arbeit nicht seinen Wünschen gemäss ausgeführt wird, oder dass an nicht gut sichtbaren Stellen minderwertige oder schadhafte Teile eingesetzt werden. Angestellte Arbeiter müssen fast ständig kontrolliert und überwacht werden, da sie sonst nicht so arbeiten, wie es erwartet wird. Arbeitgeber ihrerseits bleiben ihren Angestellten oft monatelang den Lohn schuldig; versäumen es, Kranken- und Unfallversicherungen für sie abzuschliessen; und treffen auch an gefährlichen Arbeitsplätzen keine Sicherheitsvorkehrungen. Oft werden Arbeitsmaterialien sinnlos verschwendet. All dies trägt zur herrschenden Armut bei.
Diese Erscheinungen können wir nicht einfach damit erklären, die Peruaner seien eben „unverantwortlich“ oder „unterentwickelt“. Vielmehr kamen sie in ihrer Geschichte nie dazu, eine biblische Arbeitsethik zu entwickeln!

Der Reformator Martin Luther – Teil 2 – Der Weg zur Bekehrung

18. Oktober 2012

Der Weg zur Bekehrung

Aus Luthers Zeit als junger Mönch wird berichtet, dass er unter einem ungeheuren Bewusstsein seiner eigenen Sündhaftigkeit litt, und sich selbst die härtesten Bussübungen auferlegte, um sein Gewissen zu erleichtern – vergeblich. Obwohl er keine offensichtliche Sünde begangen hatte, war er sich seiner kleinen Fehler in Worten, Gedanken und Verhalten sehr bewusst, die im täglichen Leben geschehen. Er versuchte oft, diese schlechten Neigungen zu besiegen, aber sein Gewissen verurteilte ihn weiterhin. Manchmal dachte er sogar, er sei wohl zur Verdammnis vorherbestimmt; denn wenn es anders wäre, würde ihm doch Gott sicher ermöglichen, die Versuchungen zu besiegen?

Sein Freund Philipp Melanchthon schreibt über Luther in jener Zeit:
„Oft erschreckten ihn plötzliche und heftige Ängste, während er intensiver über den Zorn Gottes und seine Strafen nachdachte; so dass er beinahe verrückt wurde. Und ich selbst sah ihn, als er in einer Lehrdebatte von der Spannung übermannt wurde, wie er sich in der benachbarten Zelle niederwarf und mehrmals über dem diskutierten Gedanken betete, und alles unter der Sünde zusammenfasste, um für alles Vergebung zu erhalten. Er fühlte diese Ängste von Anfang an, oder noch heftiger in jenem Jahr, weil er seinen Kameraden verlor, der bei einem Unfall starb.“

Er bemühte sich, gute Werke zu tun, um Gott zu gefallen. Er widmete sich intensiv dem Fasten, langen Stunden im Gebet, Geisselungen, Wallfahrten, und ständiger Beichte. Er verbrachte viel Zeit damit, sein eigenes Herz zu erforschen, und bekannte jede Sünde des Zornes, des Hasses und der Eifersucht gegen andere Menschen. Aber je mehr er versuchte, Gott zu gefallen, desto mehr wurde er sich seiner Sünde bewusst. Entmutigt sagte er: „Je mehr man versucht, sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie.“ Und obwohl er ständig Absolutionen erhielt und Bussübungen machte, blieb die beunruhigende Frage: Wer kann mir versichern, dass ich wirklich alle Bedingungen erfüllt habe, um Vergebung zu erhalten? So suchte er weiterhin Antwort auf die wichtige Frage: Wie kann ein Sünder die ewige Errettung erlangen? Wie kann ich die Gnade Gottes erfahren?

Die Schlüsselstelle in Luthers Leben war Römer 1,17:
„Denn im Evangelium offenbart sich die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben und zum Glauben, wie geschrieben steht: Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“
In seinem Verständnis konnte „Gerechtigkeit Gottes“ nur bedeuten: Gott muss mich in seiner Gerechtigkeit für meine Sünde bestrafen, denn ich, Martin Luther, bin nicht gerecht. Wie aber kann ich gerecht werden?

Im Jahre 1511 wurde Luther von seinem Orden mit einem wichtigen Auftrag nach Rom gesandt. Auf dieser Reise hatte er Gelegenheit, das Zentrum der katholischen Kirche mit eigenen Augen zu sehen. Er erfüllte alle Pflichten eines Pilgers und besuchte alle „heiligen“ Stätten, und hoffte, davon Erleichterung für seine Seele zu erhalten. Er rutschte die „Pilatustreppe“ auf den Knieen hinauf, weil der Papst allen, die dies taten, eine besondere Absolution versprochen hatte. Aber während er sich mitten in dieser Bussübung befand, war es ihm, als ob eine Stimme vom Himmel ihm diese Worte zuriefe, die er noch nicht verstand: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“

Doch die Vergebung Gottes hatte er noch nicht gefunden.

1512 erhielt er den Doktortitel und wurde als Theologieprofessor nach Wittenberg berufen. In jener Zeit (und heute?) wussten die Theologen viel über die Werke anderer Theologen, aber wenig über die Bibel. Luther dagegen widmete sich völlig dem Studium und der Auslegung der Bibel.

Während er den Römerbrief las und lehrte, kam er schliesslich zum Verständnis der Worte: „Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.“: Es ging nicht darum, selber gerecht zu sein, um zum Glauben zu kommen. Im Gegenteil: der Glaube war das einzig Nötige, um gerecht zu werden. „Glaube, so wirst du gerettet werden.“ – Für den, der wirklich glaubt (vertraut), ist die „Gerechtigkeit Gottes“ keine Strafe. Vielmehr ist es die Gerechtigkeit, die Gott jedem, der glaubt, schenkt. Das ist die eigentliche Botschaft des Evangeliums, die jahrhundertelang vergessen gewesen war, bis Luther sie von neuem ans Licht brachte.
(Wie wir sahen, gab es andere vor ihm. Es war aber vor Luther nicht möglich, die biblische Botschaft öffentlich und allgemein bekanntzumachen.)

Luther sagte über diese Entdeckung:
„Bevor ich diese Worte verstand, hasste ich Gott, weil er uns Sünder mit dem Gesetz und mit der Erbärmlichkeit unseres Lebens erschreckte; und nicht genug damit, verschlimmerte er unsere Trübsal noch mit dem Evangelium. Aber dann verstand ich durch den Geist Gottes die Worte: ‚Denn der Gerechte wird aus Glauben leben.‘ Da fühlte ich mich wie von neuem geboren, wie ein neuer Mensch. Ich trat durch geöffnete Tore geradewegs ins Paradies Gottes ein!“

Auch hier gibt es wieder eine Parallele in meinem eigenen Leben: Ähnlich wie bei Luther im Kloster, gab es vor meiner Bekehrung eine Zeit, in der mein volkskirchliches Denken („wir kommen alle, alle in den Himmel…“) heftig erschüttert wurde, und ich zu der Einsicht kam, dass ich in meiner Sündhaftigkeit nach Gottes Massstäben niemals in den Himmel kommen würde. Darauf folgte ein monatelanges geistliches Ringen, bis ich schliesslich die Erlösung aus Gnade vertrauend von Jesus annehmen konnte.

Tatsächlich ist dies die Art und Weise, wie Gottesmänner und Erweckungsprediger früherer Zeiten das Wirken Gottes zur Bekehrung erlebten, an sich selber und an ihren Zuhörern. Die Zeugnisse von Männern wie Jonathan Edwards, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und vielen anderen, stimmen hierin überein. Keiner von ihnen bot seinen Zuhörern eine einfache „Gratis-Bekehrung“ im Stil heutiger Evangelisationsveranstaltungen an. – Leider wusste ich dies nicht, als ich zum Glauben kam. Deshalb dachte ich lange Zeit, die „Übergabegebets-Bekehrungen“ seien die Norm, und meine eigene Geschichte sei eine einsame Ausnahme. Erst in den letzten Jahren fand ich allmählich wieder den Weg zurück zu diesen „Wurzeln“.

Heute wird oft Luthers Lehre von der Erlösung aus Gnade, aus Glauben, verkündet, ohne den Weg in Betracht zu ziehen, auf dem Luther zu seiner Einsicht kam. Heute wird gelehrt, dass „Gott nicht straft“; dass Gott nur Liebe ist und über die Sünden hinwegsieht; und dass „die Erlösung nichts kostet“. Das ist die Lehre, die vom Lutheraner (!) Dietrich Bonhoeffer „billige Gnade“ genannt wurde:

„In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden – Sünden, die sie nicht bereut, und noch weniger davon befreit werden möchte. (…) Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders.“

Was für unterschiedliche Ergebnisse brachte ein und dieselbe Lehre – die Rechtfertigung durch Gnade aus Glauben – zu verschiedenen Zeiten hervor! In der Zeit Luthers brachte diese Lehre eine grosse Befreiung, eine Reformation und eine Reinigung der Kirche. In unserer Zeit hat dieselbe Lehre eine Kirche hervorgebracht, die alle Arten von unmoralischen Handlungen verübt und sagt: „Gott in seiner Gnade wird mir vergeben.“ – Warum dieser riesige Unterschied?

Wir sahen, dass Luther verzweifelt versuchte, die Erlösung zu finden. Er war sich seiner Sünde sehr bewusst, und er wusste, dass er verloren war, wenn sich nichts änderte. Er war wie die Menschen, die am Pfingsttag Petrus zuhörten: Da „ging ihnen ein Stich durchs Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder?“ (Apg.2,37) Er suchte die Gnade Gottes wie einen verborgenen Schatz. Er wusste, dass er von sich aus keinerlei Recht hatte auf irgendeine Gnade von Gott.

Aber heute glauben viele Menschen, ein „Recht“ auf die Gnade Gottes zu haben. Sie haben schon ihr ganzes Leben lang gehört, dass Gott aus Gnade errettet; und deshalb nehmen sie diese Wahrheit auf die leichte Schulter. Sie sehen sie nicht mehr als einen Schatz, der eifrig gesucht werden will. Sie wollen die Gnade Gottes „sofort“; ohne zuerst den Weg zu gehen, den Luther ging. Sie sind sich ihrer Sünde nie bewusst geworden; sie haben nie zutiefst verstanden, dass sie verloren sind; und deshalb wertschätzen sie die Erlösung nicht wirklich.

Zur Zeit Luthers war sich fast jedermann seiner Sündhaftigkeit bewusst. Jedermann wusste, dass er die Erlösung verzweifelt nötig hatte. (Deshalb war der Ablasshandel so ein grosses Geschäft!) Aber während zur Zeit Luthers das Sündenbewusstsein in den Menschen derart überwog, dass sie den Weg zur Gnade nicht fanden, so ist es heute gerade dieses Sündenbewusstsein, was den Menschen fehlt! Das hindert sie daran, die Erlösung aus Gnade richtig verstehen und annehmen zu können. Viele Gewissen sind heute so verhärtet, dass gar nicht verstanden wird, was „Bekehrung“ (Umkehr) bedeutet. Heute haben wir eine grosse Wahrheit vergessen, die den Menschen zur Zeit Luthers selbstverständlich war: Die Gnade Gottes ist nur für jene, die umkehren.

Daraus können wir noch eine andere wichtige Lektion lernen. Es braucht Weisheit, die richtige biblische Wahrheit in den richtigen Umständen und für die richtigen Personen anzuwenden. Jede biblische Wahrheit ist wie eine Medizin für eine bestimmte Krankheit. Aber dieselbe Medizin kann Schaden anrichten, wenn wir sie einem Patienten mit einer andersartigen Krankheit geben. Die Botschaft von der Gnade Gottes ist die beste Medizin für einen reuigen Büsser, der die Pilatustreppe auf den Knieen hinaufrutscht und vor dem Gericht Gottes zittert. Deshalb wurde Luther von dieser Botschaft verändert und befreit: er bereute seine Sünden bereits. Aber die meisten Menschen der heutigen Zeit leiden an einer anderen Krankheit: sie sind sich ihrer Sündhaftigkeit nicht bewusst. Sie nehmen die Gnade Gottes als Vorwand, um weiter zu sündigen und nicht umzukehren. Deshalb brauchen sie eine andere Medizin: sie brauchen eine Botschaft, die sie von ihrer Sünde überführt, vom Gericht Gottes, und von der Umkehr.

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 1

14. Oktober 2012

Dies ist mein dritter Versuch, etwas über Luther zu schreiben. Diesmal wage ich es, das Ergebnis zu veröffentlichen, obwohl ich auch jetzt mit der Artikelserie noch nicht wirklich zufrieden bin. Aber ich kann mir nicht vorstellen, diese neue Artikel-Kategorie über „Erweckung und Erweckungsgeschichte“ mit irgendjemand anderem als Martin Luther zu beginnen. Man mag Luther schätzen und ihn leidenschaftlich verehren, oder man mag ihn schmähen und ihn seiner Fehler wegen ablehnen – aber man kommt einfach nicht an ihm vorbei. Dieser Mann steht wie ein Koloss mitten in der Kirchengeschichte und lenkt deren Strom in eine veränderte Bahn. Nachfolgende Erweckungsbewegungen haben zwar Luther in wichtigen Punkten widersprochen und korrigiert. Dennoch stehen sie alle – Calvinisten, Täufer, Puritaner, Pietisten, Herrnhuter, Methodisten, Heiligkeitsbewegung, Pfingstbewegung, usw. – direkt oder indirekt auf seinen Schultern. Wie verschieden diese nachfolgenden Bewegungen auch von der Reformation Luthers sein mögen, sie sind alle nicht denkbar, ohne dass Luther den Stein ins Rollen gebracht hätte. „Zurück zur Schrift!“ – „Zurück zum Ursprung!“ – das war der entscheidende Weckruf, der durch Luther erstmals wieder weithin hörbar gemacht wurde, und der viele andere nach ihm ermutigte, in dieser Richtung noch viel weiter zu gehen als Luther selber.

Anm: Zitate von deutschsprachigen Autoren sind in der Regel aus dem Spanischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem Original überein.

Reformatoren vor Luther

Luther war nicht der erste Reformator. Es gab andere vor ihm, die ähnlich wie er lehrten, und die die Kirche zur Wahrheit des Wortes Gottes zurückbringen wollten. Die bekanntesten unter ihnen waren John Wyclif in England (1320-1384) und Jan Hus in Böhmen (1374-1415), der den Märtyrertod starb. Beide konnten eine beträchtliche Anzahl Nachfolger hinter sich scharen, aber sie erreichten nicht wirklich die Reformen, die sie wünschten.

Warum konnte Luther den Erfolg sehen, den sie nicht erreicht hatten? – Ich glaube nicht, dass die „Vorreformatoren“ Luther unterlegen waren. Ich glaube, dass einfach die Zeit Gottes noch nicht gekommen war. Eine so weitreichende Reformation geschieht nicht von heute auf morgen. Es war nötig, den Weg dazu vorzubereiten. In der Zeit Luthers gab es in ganz Europa einen grossen „Hunger“ nach Gott und seinem Wort. Ohne die Arbeit der „Vorreformatoren“ wäre wahrscheinlich dieser Hunger nicht vorhanden gewesen; und damit hätte Luther nicht so viele Zuhörer gefunden.

Jeder von uns hat von Gott seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Platz in der Geschichte zugewiesen erhalten. Einige sind gerufen zu säen, andere zu begiessen und andere zu ernten. Einige sind gerufen, Pioniere zu sein; und andere sind gerufen, auf dem Werk der Pioniere weiter aufzubauen. (Siehe 1.Korinther 3,5-13). Einige sind gerufen, in einer Zeit allgemeiner geistlicher Finsternis zu leben und in dieser Umgebung ihren Glauben zu bewähren; andere sind gerufen, Gott in Erweckungszeiten zu dienen.
Die Pioniere oder Vorläufer werden oft dazu gerufen, sogar ihr Leben hinzugeben, damit andere leichter nachfolgen können auf dem Weg, den sie vorbereiteten. Wie Abraham müssen sie im Glauben sterben, „ohne das Verheissene zu empfangen; sondern sie schauten es von ferne und glaubten es und begrüssten es, und bekannten, dass sie Fremde und Pilger auf der Erde waren.“ (Hebräer 11:13). Johannes der Täufer bereitete den Weg vor für den Messias, aber er musste sterben, bevor das Werk des Messias vollendet war. Der rumänische Pfarrer Josef Tson, der unter dem Kommunismus verfolgt wurde, schreibt: „Für jedes Land, das sich dem Evangelium öffnete, war der Preis dafür sehr hoch. Ein Botschafter Gottes musste sein Blut vergiessen für jenes Land …“ Gilt vielleicht dasselbe für jede grosse Reformation in der Kirche?

Ein interessantes Detail: Im Jahr 1415 wurde Jan Hus vom Konzil zu Konstanz zum Tod verurteilt. Während er zum Scheiterhaufen geführt wurde, sagte er prophetisch: „Jetzt verbrennt ihr diese alte Gans („Hus“ bedeutet „Gans“), aber in hundert Jahren wird ein Schwan aufstehen, den ihr nicht werdet verbrennen können.“ – Fast genau hundert Jahre später (1517) begann die Reformation mit den 95 Thesen Luthers.

Der katholische Luther

Luther war kein Feind der Kirche. Im Gegenteil, er war ein treuer Katholik und wollte Gott dienen gemäss den Traditionen dieser Kirche.

„Nach dem Wunsch seines Vaters begann er ein Jurastudium. Aber alles änderte sich, als er 1505 in ein Gewitter geriet. Ein Blitz schlug ganz in seiner Nähe ein, während er sich auf dem Rückweg von einem Besuch nach Hause befand. Erschreckt rief er aus: ‚Hilf, heilige Anna! Ich will Mönch werden.‘ Er überstand das Gewitter unversehrt und gab das Studium auf, verkaufte alle seine Bücher ausser jene von Vergil, und trat am 17.Juli 1505 ins Augustinerkloster Erfurt ein.“ (Nach Wikipedia.)
Obwohl Luther später dieses übereilte Gelübde bereute, fühlte er sich verpflichtet, es zu erfüllen, da Gott als Antwort darauf im Gewitter sein Leben gerettet hatte. Später sah er darin die Hand Gottes in seinem Leben, denn so hatte ihn Gott zum Studium der Heiligen Schrift geführt. Im Kloster war es, wo Luther zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel in der Hand hatte.

Wir sehen in dieser ersten Berufung Luthers einige Aspekte, die nicht der Bibel gemäss sind:
– Er rief nicht zu Gott um Hilfe, sondern zur „Heiligen Anna“.
– Um Gott zu dienen, kannte er keinen anderen Weg, als Mönch zu werden.
Werden wir ihm deswegen Vorwürfe machen? – Erinnern wir uns, dass Luther als treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche aufwuchs und kaum irgendwelche davon abweichende Information finden konnte. Erst nachdem er selber die Bibel gründlich studiert hatte, konnten ihm diese Fehler bewusst werden. Schon vorher hatte er den glühenden Wunsch, Gott zu dienen, „aber nicht mit Erkenntnis“ (Römer 10,2). Es war dieser Wunsch, den Gott sah und ernstnahm; und so konnte er Luther allmählich zum Licht der Wahrheit führen. „Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Matthäus 5,6).

Da, wo Luther auch nach seinem Bibelstudium weiter den toten Traditionen der Kirche diente, da müssen wir ihn tadeln. Aber nachdem er das Wort Gottes kennengelernt hatte, hatte er den Mut, in vielen Dingen auf die Wahrheit hin zu handeln, die Gott ihm gezeigt hatte, auch entgegen allen kirchlichen Traditionen.

Das ist der Punkt, wo Gott uns auch heute herausfordert. Wenn Du ein „guter Evangelischer“ bist, dann willst Du wahrscheinlich Gott nach Kräften dienen, nach den Traditionen Deiner Kirche: zum Gottesdienst gehen, Verantwortung für eine Gruppe oder einen Hauskreis übernehmen, neue Mitglieder für die Gemeinde gewinnen… Wenn das Deine Vorstellung ist, dann bist Du wie Luther in seiner Jugend: Du möchtest Gott dienen, aber Du tust es in einer von Menschen übernommenen Weise. Es ist nötig, selber den Willen Gottes zu suchen.
Wenn Du das tust, dann wirst Du feststellen, dass der Wille Gottes über die Traditionen Deiner Kirche (egal welcher Denomination) hinausgeht. Wie Luther wirst auch Du in einigen Punkten die Tradition Deiner Kirche brechen müssen, wenn Du Gottes Willen ganz folgen willst.
Hierin wird sich entscheiden, ob Du wirklich „reformiert“ bist. Bist Du bereit, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun, auch wenn sein Wille der Tradition Deiner eigenen Kirche entgegensteht?

Luther und ich

Dies ist einer der Punkte (ich werde später noch andere nennen), wo ich mich persönlich mit dem Leben Luthers identifiziere und deshalb aus eigener Betroffenheit schreibe.
Ähnlich wie Luther sah ich als junger Christ nur einen Weg, auf Gottes Ruf zu antworten: mein Leben als vollzeitlicher Mitarbeiter in den Dienst der Institution „christliche Gemeinde“ zu stellen. (Nur dass ich, im Unterschied zu Luther, diesen Schritt tat, als ich bereits die Rechtfertigung aus Glauben erfahren hatte. Anscheinend war da noch ein grosser Rest von „klösterlichem“ bzw. „kirchlich-institutionellem“ Denken in mir.) Es kam mir damals – und bis vor einigen Jahren – nicht in den Sinn, dass es einen Widerspruch geben könnte zwischen „Dienst in den Gemeinden“ und „Dienst im Reich Gottes“.

Luther kam in seinem späteren Leben zur Einsicht, dass das Entscheidende am „Gottes-Dienst“ weder in der äusseren Absonderung noch im „institutionellen Umfeld“ liegt, sondern in der persönlichen Hingabe an Gott, die in jeder Umgebung gelebt werden kann. Schliesslich widerrief er sogar seine Mönchsgelübde, da er darin nichts als Menschengebote sah, die ihn in Wirklichkeit sogar daran gehindert hatten, Gottes Willen zu tun. So musste auch ich erkennen, dass der Dienst in den heutigen christlichen Gemeinden ebensosehr Dienst an Menschengeboten ist, wie es Luthers Mönchsdienst im Kloster war. Und dass es gerade die existierenden Strukturen und Verhältnisse in den Gemeinden sind, die allzuoft einen echten „Gottes-Dienst“ verunmöglichen.

Luther hat zwar bis zu seinem Lebensende als Amtsträger der Kirche gearbeitet, die sich durch seinen Einfluss immerhin halbwegs reformierte. Das war wahrscheinlich das Äusserste, was er in seiner persönlichen Situation und zu seiner Zeit erreichen konnte. Könnte er aber heute auf 500 Jahre Reformationsgeschichte zurückblicken, dann käme er wahrscheinlich auch zu dem Schluss, dass die existierenden Kirchen sich nicht wirklich von Grund auf reformieren lassen.

(Fortsetzung folgt)

Wie gross ist diese Finsternis!

26. Dezember 2010

Diesen Artikel fand ich im Internet fand und finde ihn (leider) sehr zutreffend und aktuell (Übersetzung aus dem Englischen):
Wie gross ist diese Finsternis!

Von Coach Dave Daubenmire
9.Dezember 2010
NewsWithViews.com

„Aber wenn dein Auge finster ist, dann wird dein ganzer Leib voll Finsternis sein. Wenn also das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, WIE GROSS IST DIESE FINSTERNIS!“ (Matthäus 6,23)

Gut, Herr, ich werde es schreiben. Aber ich verstehe wirklich nicht, warum du mir diese schmutzigen Arbeiten gibst. Warum hast du micht nicht dazu gesalbt, über die böse Demokratische Partei zu schreiben; oder z.B. über jene Gotteshasser, die die Krippenszenen von den Stufen der Gerichtsgebäude verbannen wollen? Warum kann ich nicht wie Ann Coulter sein und einfach die Liberalen anprangern? Warum muss ich immer über Leute schreiben, die eigentlich auf meiner Seite stehen sollten? Die Liberalen hassen mich schon genug … warum muss ich ständig die Konservativen ins Gesicht schlagen?

Bald werde ich nirgends mehr in den christlichen Kreisen willkommen sein. Aber ich habe dir vor Jahren versprochen, dass ich treu sein würde darin, alles zu schreiben und zu sprechen, was du in meinen Geist legst. Nach dem berühmten Zitat von Präsident John Adams: „Die Pflicht ist unser. Die Ergebnisse gehören Gott.“

Ich werde es also hier vorlegen und vertraue darauf, dass du einen Grund dafür hast, diese Worte in mein Herz zu legen:

Die meisten Christen sind gar keine. Das heisst, sie sind nicht wirklich Nachfolger von Jesus. Je länger ich in meiner Arbeit stehe, desto mehr wurde ich von dieser Wahrheit überzeugt. Die „amerikanische Erfahrung“ hat Probleme, weil jene, die angeblich Jesu Nachfolger sind, ihm in Wirklichkeit gar nicht nachfolgen.

Missverstehen Sie mich nicht: Sie „gehen zur Kirche“, und die meisten „glauben an Gott“; aber sie sind keine Nachfolger Jesu. Sie wissen nicht einmal, was das bedeutet … Jesus nachzufolgen … obwohl sie „Christen“ sind. Ich zweifle sogar, ob der Apostel Paulus, oder irgendeiner der Gläubigen des ersten Jahrhunderts, die „Religion“ überhaupt wiedererkennen würde, die wir heute „Christentum“ nennen. Ich frage mich… War Jesus ein „Christ“?

Jesus hasste die Religion. Es waren gerade die „religiösen“ Menschen, von denen er uns befreien wollte. „Aber wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr schliesst das Himmelreich vor den Menschen zu: denn weder geht ihr selbst hinein, noch lasst ihr jene hinein, die hinein wollen.“

Lesen Sie Matthäus 23, um besser zu verstehen, was er den religiösen Leitern zu sagen hatte. Er sagte es besser, als ich das könnte.

Sehen Sie: Christentum ist keine Religion, es ist kein „zur Kirche gehen“, es ist nicht eine Menge von Regeln und Reglementen für unser Leben, es ist nicht eine Krücke für die Schwachen, es ist nicht eine Antwort auf eine Frage bei der Volkszählung, und es ist kein privates Geschäftsunternehmen zur Vermehrung irdischer Besitztümer.

Christentum bedeutet, das Leben Jesu durch Sie zu leben. Es ist ein Austausch Ihres Lebens für das seine; ein Ausleben seiner Natur statt Ihrer, ein „Anziehen“ des Lebens Jesu. Nicht ein Prozess, wo wir ihn „akzeptieren“ oder „aufnehmen“ oder „zu ihm kommen“. Es ist ein Todesprozess … wo Sie und Ihre alte Natur sterben … eine echte Transformation … von einem alten Leben zu einem neuen. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“.

Die meisten, die sich als Christen identifizieren, sagen, sie kennen Jesus als Erlöser. Sehr wenige kennen ihn als Herrn.

Deshalb ist das Christentum so oberflächlich hier in Amerika. (Anm.d.Ü: Nicht nur in Amerika – für Europa dürfte dasselbe gelten, und nicht nur in den Landeskirchen!) Wir mögen den „Erlöser“-Aspekt an Jesus, aber wir sind nicht wirklich dazu bereit, uns vor ihm als „Herrn“ zu beugen. Die meisten sind daran interessiert, dass „ihr Erlöser“ ihre Unternehmungen segnet; aber wenige sind dazu bereit, „ihr Leben niederzulegen“ für ihn.

Jeder möchte „Jesus nachfolgen“ – bis er herausfindet, wohin er geht … er geht auf ein Kreuz zu … und er bittet Sie, das Ihrige auf sich zu nehmen und ihm zu folgen. Das schlägt dem populären Christentum und seinen „wahrgenommenen Bedürfnissen“ ins Gesicht…

Die Herzen der Amerikaner lassen sich nur schwer berühren. Stephanus nannte Menschen wie uns: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herzen und Ohren! Ihr widersteht ständig dem Heiligen Geist; wie eure Väter getan haben, so auch ihr.“

Wie nahmen die religiösen Menschen Stephanus und seine ehrliche Ermahnung auf? „Dann schrieen sie mit lauter Stimme, und hielten ihre Ohren zu, und stürzten sich einmütig auf ihn, und warfen ihn aus der Stadt hinaus, und steinigten ihn …“

Das ist mein Punkt: Die meisten „Christen“ sind nicht offen für das wahre Evangelium, weil sie denken, sie hätten es bereits. Sie haben gelernt, es in Abteilungen zu unterteilen, es zu kompromittieren, es an die Garderobe zu hängen. Aber sie haben ein „anderes Evangelium“ gehört. Sie sind gelehrt worden, einer Christenheit nachzufolgen, aber nicht Jesus nachzufolgen.

„Denn gewisse Menschen haben sich nebenher eingeschlichen, die von alters her zu dieser Verdammnis bestimmt sind, gottlose Menschen, die die Gnade Gottes in Ausschweifung verkehren, und den einzigen Herrn und Gott verleugnen, und unseren Herrn Jesus Christus.“ (Aus dem Judasbrief.)

Tun Sie sich selbst einen Gefallen. Nehmen Sie sich Zeit, die Apostelgeschichte zu lesen. Das ist ein Bericht vom „Evangelium“, wie es von jenen ausgelebt wurde, die dem Erlöser am nächsten standen. Sie werden sehr lange suchen müssen, bis Sie in diesem Buch irgendetwas finden, was auch nur entfernt dem modernen humanistischen, selbstsüchtigen, „Jesus-möchte-dass-ich-glücklich-und-reich-werde“-Evangelium ähnelt, das von den heutigen Kanzeln gerülpst wird. (Anm.d.Ü: Sorry, das hat der Autor so gesagt…) Würde etwa Paulus, der grösste Evangelist, den die Welt je kannte, eingeladen werden, in einem Programm von TBN zu erscheinen? Würden ihm Rick Warren und Joel Osteen je erlauben, auf ihrer Kanzel zu stehen? Könnten Sie sich ihn vorstellen bei „Dancing with the stars“?

Die Amerikaner folgen einem „anderen Evangelium“, das in Wirklichkeit gar kein Evangelium ist.

„Weil du sagst: Ich bin reich, und bin reich geworden, und bedarf nichts; und weisst nicht, dass du elend und bejammernswert und arm und blind und nackt bist…“

Erlauben Sie mir, es noch klarer zu sagen, damit mein Punkt nicht missverstanden wird. Die meisten Kirchgänger sind keine Nachfolger von Jesus. Sie sind lediglich Mitglieder eines Vereins, der sich „Christentum“ nennt. „Die Mitgliedschaft hat ihre Vorteile…“

Wie kann jemand geheilt werden, der nicht weiss, dass er krank ist? Wie kann jemand errettet werden, der denkt, er sei gar nicht verloren?

„Wenn also das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, WIE GROSS IST DIESE FINSTERNIS!“

Im amerikanischen Christentum ist alles verkehrt herum. Irgendwie wurde im Lauf der Zeit das Evangelium der Selbstverleugnung in ein Evangelium der Lebensverbesserung verkehrt. Statt uns selber für das Fortschreiten von Gottes Königreich hinzugeben, wurden wir dazu verführt zu glauben, Jesus hätte sich hingegeben, damit wir zu Herren unseres eigenen Königreichs werden könnten.

Der Gedanke an Aufopferung und Leiden gilt dem modernen amerikanisierten Christentum als verflucht. Wie sonst kann die hartherzige Haltung der meisten „Christen“ erklärt werden, dem „Zunehmen Seines Reiches und Seines Friedens“ gegenüber?

Lesen Sie Matthäus 13. Hier lesen wir vom Weizen und vom Unkraut, die zusammen aufwachsen. Das ist tatsächlich so. Wenn Sie sonntags zur „Kirche“ gehen, sehen Sie sich um: Die meisten, die da sitzen, sind für das ewige Feuer bestimmt. Sie sehen wie Christen aus, sie singen wie Christen, und sie sprechen eine „christliche Sprache“; aber sie sind keine Kinder des Herrn.

„Viele werden zu mir an jenem Tage sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophezeit? und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? und in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich zu ihnen sagen: ICH HABE EUCH NIE GEKANNT; geht fort von mir, die ihr Gottlosigkeit tut.“ (Matthäus 7.)

Könnte es sein, dass viele die falsche Antwort erhalten, weil ihnen die falsche Frage gestellt wurde? Es geht nicht darum, ob „Sie Jesus kennen“, sondern ob „Jesus Sie kennt“.

In kürzlichen Umfragen identifizierten sich 85% aller Amerikaner als Christen; aber unsere Nation ist zu einer moralischen Wüste geworden. „Christen“ beklagen sich darüber, dass „uns das Christentum aufgezwungen wird“. „Christen“ erklären, „Religion“ sei „Privatsache“, während gleichzeitig ihre Kinder an den Schulen in einer Flut von atheistischen Lehren ertrinken. „Christen“ lassen Abtreibungen durchführen und wählen „Pro-Abtreibungs“-Kandidaten. „Christen“ wählen einen homosexuellen Lebensstil. „Christen“ brechen ihre Ehegelübde. „Christen“ ignorieren die Anweisungen, die Jesus gelehrt hat.

Wie kommt man jemandem zu Hilfe, der nicht denkt, er brauche Hilfe? Wie bringt man jemandem das Augenlicht, der denkt, er sei bereits sehend? Wie bringt man jemandem Kenntnis, der denkt, er wisse bereits? Wie bringt man jemandem die Wahrheit, der nicht weiss, dass er verführt ist? Wie bringt man jemandem Licht, der nicht weiss, dass er in der Finsternis sitzt?

Amerika ist das am meisten „evangelisierte“ Land der Welt; aber in meinem Umgang mit amerikanisierten „Christen“ wurde ich davon überzeugt, dass sich das grösste Missionsfeld der Welt innerhalb der vier Wände der meisten amerikanischen Kirchen befindet.

Die Finsternis denkt, sie sei Licht.

„Und der böse Geist antwortete und sagte: Jesus kenne ich, und Paulus kenne ich; ABER WER SEID IHR?“

„Du glaubst, dass es einen einzigen Gott gibt, und du tust gut daran; aber die Dämonen glauben (das) auch, und zittern.“

Die meisten „Christen“ wissen nicht einmal genug über Jesus, um zu zittern.

Wie gross ist diese Finsternis…

(Quelle: http://www.newswithviews.com/Daubenmire/dave217.htm)

– Noch ein paar eigene Anmerkungen dazu:

Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man von den „lieben Christen“ sofort als „lieblos“, „richtend“, und (warum nicht gar) „unchristlich“ abgestempelt wird, und w.m. unter Zensur und „Gemeindezucht“ gestellt wird, sobald man einige der Dinge auch nur antönt, die Dave Daubenmire hier so offen und direkt schreibt. Ja, die „Du-sollst-nicht-richten“-Christen sind sehr schnell dabei, Autoren wie den hier zitierten eben sehr effektiv zu RICHTEN – im Gegensatz zu ihm nicht nur mit Worten, sondern auch mit sehr unschönen Taten.

Ich weiss aber auch – ebenfalls aus Erfahrung -, dass Artikel wie der obige selten leichthin geschrieben werden. Meistens stehen dahinter eine tiefe Besorgnis um geliebte Mitmenschen; ein unaussprechlicher Schmerz über den Zustand jener, die sich heute „christliche Kirche“ nennen und damit im Herzen Gottes einen noch viel grösseren Schmerz verursachen; viele Tränen, Fasten und verzweifeltes Ringen im Gebet; oft ein langes Zögern, ob die Wahrheit wirklich gerade so, und gerade jetzt, und gerade in diesem Umfeld ausgesprochen werden soll, oder ob man sie nicht doch lieber verschweigen sollte; und (nicht zuletzt) eine grosse Liebe und ein grosses Mitleid mit jenen Unmengen von Menschen, die von solchen Fälschungen des Christentums ganz konkret geschädigt und/oder auf einen falschen Weg geführt worden sind. Eine Liebe und ein Mitleid, wie sie gänzlich unbekannt sind bei den „Du-sollst-nicht-richten“-Christen, die ständig von „Toleranz“ sprechen. – Leider sind diese Untertöne in einem geschriebenen Artikel nur schwer zu vermitteln, sodass dem Autor nur zu oft – und eben gerade von „Christen“ – zu Unrecht Böswilligkeit unterstellt wird.

Ich schäme mich deshalb nicht, diesen Artikel weiterzuverbreiten. Es geht nicht darum, andere „herunterzumachen“. Es geht darum, den Zugang zum Himmelreich wieder zu öffnen, den die offizielle Kirche verschlossen hat. Und nicht zuletzt geht es darum, Gottes Ehre und seinen guten Ruf wiederherzustellen, angesichts eines „Christentums“, das den guten Namen Gottes öffentlich schändet.

„Säe, damit du ernten kannst“

22. Dezember 2010

So hörte ich es kürzlich in einer Predigt:

„Das Wort Gottes sagt: Säe, damit du ernten kannst. Wenn du mit deinem Geld andere segnest, dann wird Gott auch dich segnen. Wenn du einen Sol (die peruanische Währung) weggibst, dann macht dich das nicht arm; aber es macht dich reich im Herzen. Wenn du nur zur Kirche gehst und das Wort hörst, aber es nicht tust, dann bist du wie ein Schüler, der den ganzen Tag in der Schule sitzt und zuhört, aber nichts davon praktiziert. Meine Geschwister, Gott ist Liebe, heisst es in 1.Johannes 4,8. Lasst uns also einander Gutes tun …“

Sie dürfen dreimal raten, aus was für einem Umfeld dieser Predigtausschnitt stammt. Aus einem freikirchlichen Gottesdienst? Aus einem Spendenaufruf für eine wohltätige Organisation? Aus dem Programm eines amerikanischen Fernsehevangelisten?

Dreimal falsch geraten. Der Mann, der so gepredigt hat, war in Wirklichkeit kaum daran interessiert, das Evangelium zu verbreiten. Es ging ihm auch nicht in erster Linie darum, zur Wohltätigkeit aufzurufen – es sei denn zu seinen eigenen Gunsten. Es handelte sich um einen Verkäufer – wie es hierzulande deren viele gibt -, der in einem Überlandbus den Passagieren zu einem billigen Preis Waren von zweifelhafter Qualität anbot, und zu diesem Zweck den eingangs zitierten Vortrag hielt. (Selbst die Anrede mit „Meine Geschwister“ ist authentisch!)

Wenn Sie auf Gottesdienst oder Fernsehevangelist getippt haben, sind Sie aber dennoch nicht weit daneben: diese Worte könnten durchaus auch an einer solchen Veranstaltung gesagt worden sein. Offenbar dienen dieselben Worte genauso gut dazu, billigen Ramsch zu verkaufen, wie ein (ebenso billiges?) Evangelium an den Mann zu bringen und Geld dafür zu erhalten.

Was sollen wir uns dazu denken? Dass die Ramschverkäufer allmählich gläubig werden? Oder viel eher, dass die heutigen Evangeliumsprediger mehrheitlich auf das Niveau von Ramschverkäufern abgesunken sind? Offenbar dienen jetzt die Worte ersterer den letzteren als Vorbild – was ich mir von einer Originalpredigt Jesu oder eines echten Apostels oder Propheten schwerlich vorstellen könnte.

Ich lasse es bei diesem knappen Kommentar bewenden und überlasse es dem Leser, weitere Schlüsse zu ziehen.