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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (5.Teil)

31. Juli 2017

Sie blieben im Brotbrechen und gemeinsamem Essen.

Das „Brotbrechen“ war ein so wichtiger Aspekt der christlichen Gemeinschaft, dass es in unserem kurzen Abschnitt (Apg.2,42-47) gleich zweimal erwähnt wird. Der Text sagt es hier nicht ausdrücklich, aber vom Gesamtzusammenhang des Neuen Testamentes her können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass dieses „Brotbrechen“ gemäss der Anweisung des Herrn „zu seiner Erinnerung“ geschah (Lukas 22,19; 1.Korinther 11,24-25). D.h. es handelt sich um das, was Paulus auch „das Mahl des Herrn“ nennt (1.Korinther 11,20). Wir stellen aber fest, dass die Urgemeinde dies auf ganz andere Weise tat als die meisten heutigen Kirchen.

Erstens einmal lesen wir hier von keinem „Ritual“ und von keiner formellen Zusammenkunft. Das „Brotbrechen“ war gleichbedeutend mit „zusammen essen“. Die Christen kamen zusammen, um ihr Essen miteinander zu teilen, und im Rahmen dieses Essens erinnerten sie sich auch an den Tod und die Auferstehung des Herrn, so wie er es ihnen geboten hatte. Das „Mahl des Herrn“ war also eine wirkliche Mahlzeit, nicht ein Ritual mit einem kleinen symbolischen Stück Keks.

Wir stellen auch fest, dass dieses Brotbrechen in der Privatsphäre des eigenen Heims geschah. Es war ein normaler Teil der koinonía und der familiären Gemeinschaft in den Häusern, wie in den vorhergehenden Artikeln beschrieben.

Jesus setzte dieses Mahl im Zusammenhang mit dem jüdischen Passahfest ein (Lukas 22,7-20 und Parallelen). D.h. das Mahl des Herrn ist die natürliche Fortsetzung des Passah. Nun ist auch das Passah eine sehr familiäre Feier. Es versammeln sich eine, zwei, oder vielleicht drei Familien; gerade die Anzahl Personen, die gemeinsam ein Lamm aufessen können (2.Mose 12,3-4). Sie versammeln sich zuhause, und der Familienvater leitet die Feier, im Gespräch mit seinen Kindern (2.Mose 12,25-27). Kein Priester, Rabbiner, oder sonst eine „besondere Person“ muss dabei zugegen sein.

Infolgedessen feierte auch die neutestamentliche Gemeinde das Mahl des Herrn in den Häusern, in einem familiären Rahmen, und ohne irgendeinen „Pfarrer“, „Pastor“ oder „Priester“. Solche Ämter gab es in der neutestamentlichen Gemeinde gar nicht. Die Jerusalemer Gemeinde wurde zuerst von den Aposteln geleitet, und später lesen wir auch von Ältesten (Apg.11,30; 15,2). Aber bei der grossen Anzahl der Jünger war es ganz unmöglich, dass jedes Mal ein Apostel zugegen gewesen wäre. Da die ersten Christen alle Juden waren, ist die natürliche Schlussfolgerung, dass es auch bei ihnen die Familienväter waren, die bei diesem gemeinsamen Essen Verantwortung übernahmen, wo es nötig war.

Stellen wie 1.Korinther 11,17-22 und Judas 12 weisen darauf hin, dass nach der ursprünglichen Idee dieses gemeinsame Essen auch zur Unterstützung der Bedürftigen diente: Wer viel besass, brachte viel Essen mit und teilte mit jenen, die wenig oder nichts hatten. Judas nennt diese Mahlzeiten „agapes“ (das griechische Wort für „Liebe“).
Aber die genannten Bibelstellen zeigen auch, dass schon in der apostolischen Zeit die fleischliche und eigensüchtige Gesinnung einiger Teilnehmer Probleme verursachte, zumindest an einigen Orten. Deshalb rät Paulus den Korinthern für den Fall, dass diese Probleme weiterbestünden, dass besser jeder zuhause für sich essen solle – oder zumindest jene, die eigensüchtigerweise in der Versammlung assen, ohne mit den Bedürftigen zu teilen.
Es scheint, dass dieser Brauch der „agape“-Mahlzeiten wie eine sehr zarte Blume ist, die nur unter ganz bestimmten vorteilhaften Bedingungen wachsen kann. In der ursprünglichen Gemeinde waren diese Voraussetzungen von Reinheit, Heiligkeit und Bruderliebe erfüllt; aber in den folgenden Jahrzehnten begannen sie bereits abzunehmen. Es überrascht deshalb nicht besonders, dass schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts die meisten Gemeinden die „agape“-Mahlzeiten ganz aufgegeben hatten. Aber das war ein grosser Verlust, denn von da an begann das Mahl des Herrn zu dem sterilen Ritual zu werden, das es bis heute in fast allen Kirchen ist.

Zusammengefasst: Die ersten Christen assen täglich gemeinsam in den Häusern, und anlässlich dieser Mahlzeiten feierten sie auch die Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren familiäre Zusammenkünfte; es gab keine „Pfarrer“, „Pastoren“ oder „Priester“. Wenn jemand Verantwortung übernehmen musste für den guten Verlauf einer Zusammenkunft, dann taten das die Ältesten oder Familienväter, gemäss dem jüdischen Vorbild. Eine Kirche, die lehrt, die Feier des Herrenmahls hänge irgendwie von einem Priester- oder Pfarramt ab, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
Das gemeinsame Teilen des Essens (agape) ist nicht ausdrücklich vorgeschrieben, ist aber implizit enthalten in der Form, wie Jesus selber das Mahl des Herrn einsetzte. Wenn es einer christlichen Gruppe schwerfällt oder gar unmöglich ist, öfters zu „agapes“ zusammenzukommen, dann sollte sie dringend vor Gott ihr geistliches Leben überprüfen.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

20. Juli 2017

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

Familie Wunderlich erneut vor Gericht

15. April 2015

Die Familie Wunderlich, deren Kinder im Jahre 2013 in einer gewaltsamen und widerrechtlichen Polizeiaktion von zuhause entführt wurden, wird sich wiederum vor Gericht verantworten müssen, weil sie ihre Kinder weiterhin in der idealen und von Gott bestimmten Umgebung aufziehen, nämlich in der Familie, statt sie den verrohenden und antichristlichen Einflüssen der Schule auszusetzen.

Wunderlichs schreiben:

„Der Termin zur Hauptverhandlung vor dem Strafrichter ist bestimmt auf den Dienstag, 28. April 2015 (9:45 Uhr), im Saal 5 des Amtsgerichts Darmstadt, Mathildenplatz 15 (200m vom Luisenplatz, Darmstadts Mitte, entfernt).
(…)
Strafprozesse sind in der Regel öffentlich, d. h. jeder Interessierte kann als Zuschauer an der Verhandlung teilnehmen. Eine rege Teilnahme von Prozeßbeobachtern kann sich jedenfalls nur förderlich auswirken, weshalb wir uns über eine solche grundsätzlich freuen würden. All diejenigen, die nicht an dem Prozeß teilnehmen können, haben außerdem die Möglichkeit der Fürbitte und des Gebets, über dessen reichlichen Gebrauch wir uns ebenfalls freuen.“

Was wird ihnen vorgeworfen? – „Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht“. Eine Familie, die bewiesen hat, dass sie für die Erziehung ihrer Kinder ein weit grösseres Mass an Zeit und Aufwand opfert als die meisten anderen Familien; eine Familie, die bereit ist, Verfolgung und Gefängnis auf sich zu nehmen (wie in anderen Homeschooling-Fällen schon geschehen) um des Rechtes willen, ihre eigenen Kinder zu erziehen – gerade diese Familie wird der „Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht“ angeklagt. Absurder geht es wirklich nicht mehr.

Ich muss annehmen, dass die Bürokraten, die hinter einer solchen Anklage stehen, allesamt Nachkömmlinge der 68er-Bewegung sind – also der Geistesrichtung, die dafür verantwortlich ist, dass die Mehrheit der gegenwärtigen Generation unerzogen aufwächst und sich entsprechend unerzogen benimmt. Infolgedessen wissen diese Bürokraten offenbar gar nicht mehr, was „Erziehung“ überhaupt ist, und missbrauchen jetzt dieses Wort sogar, um den letzten Rest von echter Erziehung auszurotten, der auf deutschem Boden noch übriggeblieben ist.

Was für eine Zukunft einer Gesellschaft blüht, die so handelt, kann u.a. hier nachgelesen werden.

Seneca verkehrt zitiert

18. Januar 2015

Wer hat nicht schon das Sprichwort gehört: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“?

Gehen wir dem Ursprung dieses Sprichwortes nach, so machen wir eine interessante Entdeckung. Es geht nämlich auf ein Zitat des altrömischen Philosophen und Pädagogen Seneca zurück. Nur hat Seneca das genaue Gegenteil dessen gesagt, was die angebliche Volksweisheit ihm in den Mund legt! Das Originalzitat lautet nämlich:

„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“

Seneca drückte damit eine Kritik am seinerzeitigen Schulsystem aus, die heute genauso zutrifft: Die Schulen erfüllen genau den Auftrag nicht, der (gemäss der staatlichen Propaganda) zu ihrer Hauptaufgabe gehörte, nämlich die Schüler auf das Leben vorzubereiten.

Auf Wikipedia fand ich eine deutsche Übersetzung des ganzen Abschnitts, aus dem das Zitat stammt:

„Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“
(Seneca, Epistulae morales ad Lucilium 106, 11–12)

Das sind überraschend aktuelle Aussagen. Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft nicht wahrhaben will, was Seneca wirklich gesagt hat, sondern seine Aussage in ihr Gegenteil verkehrt! Man möchte ja die Illusion aufrechterhalten, Schule sei eine höchst nützliche und sinnvolle Einrichtung (eben eine „Vorbereitung auf das Leben“), und der Schulstoff behandle höchst wichtige und wesentliche Fragen und Probleme.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht; aber ich musste in meinem praktischen Leben noch nie historische Daten auswendig wissen oder Gedichte auswendig rezitieren; auch wurde ich noch nie nach dem Unterschied zwischen Labial- und Dentallauten oder anderen hochwichtigen Unterrichtsinhalten gefragt. (Falls jetzt jemand mit den „Grundfertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens“ aufwarten möchte: Diese habe ich nicht in der Schule gelernt; und ich habe in früheren Artikeln aufgezeigt, dass kein Kind, das in einer gesunden Familie aufwächst, hierzu eine Schule nötig hat.)

Ein Kind wird auf das Leben vorbereitet, indem man es am Leben teilnehmen lässt. Nicht, indem man es aus dem normalen Leben herausnimmt und es in die künstliche und lebensfremde Einrichtung der Schule steckt, wo (so Seneca) eine unmässige Menge an überflüssigen Fragen behandelt werden.

Also, liebe Leser, wenn Ihr Seneca zitieren wollt, dann bitte richtig. Dann könnten vielleicht sogar einige schulgläubige Zeitgenossen zum Umdenken kommen.

James Dobson: Ein Vater blickt zurück (2.Teil)

15. Dezember 2013

Dies ist die Fortsetzung eines Vortrags von Dr.James Dobson über Vaterschaft, „Midlife crisis“ und den Sinn des Lebens.


Und ich möchte euch etwas sehr Persönliches sagen. Damit sage ich vielleicht mehr über mich selber, als ich möchte, dass ihr wisst. Aber wenn ich nicht zulasse, dass ihr seht, wer ich wirklich bin, dann werde ich euch nicht helfen können: Ich bin nicht einmal sicher, ob ich meinen Kindern viel hinterlassen möchte; denn man muss eine sehr sichere Hand haben, um einen vollen Becher halten zu können. Es gibt keinen schnelleren Weg, die Kinder zu verderben, als ihnen die Notwendigkeit vorzuenthalten, diszipliniert zu sein und zu sparen und zu reifen und sich verantwortungsvoll einer Aufgabe zu widmen. Heute sind wir so sehr damit beschäftigt, unseren Kindern Dinge zu geben, die wir selber in unserer Kindheit nicht hatten, dass wir vergessen, ihnen das zu geben, was wir sehr wohl hatten.

Damit komme ich zu der zweiten Schlussfolgerung, zu der ich während meiner persönlichen Auswertungszeit gelangte, und das ist die wichtigere: Nichts im Leben ist von Belang, ausser der Liebe zu Gott und zu seinem Sohn Jesus Christus, und der Liebe zu den Menschen, angefangen bei meiner eigenen Familie. Das ist der Grund, warum ich die letzten sieben Jahre zuhause verbrachte. Die Jahre vergehen so schnell, und ich wollte dasein, um Einfluss zu haben im Leben meiner Kinder, und um sie heranwachsen zu sehen und in ihnen die Werte aufzubauen, die mir wichtig sind. Danae ist jetzt an der Universität, Brian in der Sekundarschule, und die Jahre sind so schnell vorbeigegangen. Die Rollschuhe stehen verlassen in einer Garagenecke, aus den Fahrradreifen ist die Luft raus, und die Schaukel ist bereits verschwunden. Ich akzeptiere das, ich versuche meine Kinder nicht zurückzuhalten; ich möchte, dass sie wachsen und unabhängig werden und ihr eigenes Leben leben. Aber wenn meine Kinder dereinst aus dem Haus sind, dann wird etwas Wertvolles aus meinem Leben verschwunden sein, weil ich jene Jahre mit meinen Kindern so sehr wertschätzte.

Da ich sieben Jahre lang zuhause blieb, habe ich die Kindheit meiner Kinder wie eine Filmaufnahme in meinem Gedächtnis. Ich kann diesen gedanklichen „Film“ einschalten und sehe einen fünfjährigen Jungen, der sich mir nähert. Ich sitze im Wohnzimmer und sehe fern. Dieser Junge nähert sich mir und sagt: „Ich werde auf deine Kniee steigen.“ Ich sage: „Keinesfalls.“ Er sagt: „Aber ich werde kommen.“ Ich sage: „Weisst du, ich muss gut aufpassen, wen ich auf meinen Knieen sitzen lasse.“ – „Und wer darf auf deine Kniee steigen?“ – „Jemand, den du nicht kennst.“ – „Doch, ich kenne ihn!“ – „Gut, es ist ein Junge mit blondem Haar.“ – „Ich habe blondes Haar!“ – „Ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen.“ – „Ich habe blaue Augen!“ – „Ja, ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst.“ – „Das ist mein Name!“ – „Ja, aber du verstehst nicht. Du kennst diesen Jungen nicht. Dieser Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst, ist mein Sohn. Der einzige Sohn, den ich je hatte. Er ist der einzige Junge in der Welt, der jederzeit und ohne um Erlaubnis zu bitten auf meine Kniee steigen darf.“ – „Ich habe blondes Haar und blaue Augen und heisse Brian und bin dein Sohn und du hast mich lieb, und so oder so werde ich hinaufsteigen!“ – Während vier Jahren pflegten wir dieses Spiel zu spielen, fünfhundertmal, und es gefiel ihm. Deshalb erzähle ich es auch euch. Dieses Spiel sagte Brian, dass er jemand Besonderer war für mich. Und ich habe es in meinem Gedächtnis aufgezeichnet.

Ich schalte einen anderen „Film“ ein und sehe ein sechsjähriges Mädchen, das von der Schule nach Hause kommt. Ihr Haar ist ziemlich durcheinander, ihr Kleid ist zerknittert, und eine ihrer Socken ist hinuntergerutscht und hat sich um den Schuh geringelt. Sie tritt ins Haus und ist so glücklich, uns zu sehen, dass sie ihre Mutter und mich umarmt und sich an den Tisch setzt, und Shirley bringt ihr einige Brötchen und Milch, und sie isst, und ich sehe ihr zu, ohne dass sie es weiss. Sie weiss noch nicht wirklich, wie sehr ich sie liebe. Vielleicht wird sie es eines Tages verstehen, aber mit sechs Jahren versteht sie es noch nicht. Das ist nur ein kleiner vergänglicher Augenblick des Lebens, aber ich habe ihn in meinem Gedächtnis festgehalten, und niemand kann ihn mir wegnehmen. Ich habe ihn festgehalten, weil ich zuhause war, um ihn mitzuerleben, und dafür bin ich dankbar.

Lasst mich noch etwas von Danae erzählen. Sie liebte ihre Kindheit sehr. Aber leider wurde sie eines Tages dreizehn Jahre alt. Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür, und stapelte alle ihre Schallplatten aufeinander und ihre gesammelten Spielsachen obendrauf, und trug sie zur anderen Tür und liess sie dort vor dem Schlafzimmer von Brian stehen, der bereits schlief, und legte einen Zettel darauf, auf dem stand: „Lieber Brian: Das alles gehört jetzt dir. Pass gut darauf auf, so wie ich es tat. In Liebe, Danae.“ – Shirley fand den Zettel und zeigte ihn mir (ich war in meinem Arbeitszimmer), und wir setzten uns und lasen ihn, und wir weinten beide, denn wir hörten aus dieser Notiz heraus, dass sich die Tür zur Kindheit leise geschlossen hatte. Und wenn sich diese Tür einmal schliesst, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen. Und wiederum bin ich dem Herrn dankbar, dass ich zuhause war, um Zeuge dieses Prozesses zu sein.

Aber ich bin kein vollkommener Vater, und habe keine vollkommenen Kinder, und auch Shirley ist keine vollkommene Mutter. Wir kämpfen ebenso wie ihr. Wir kämpften darum, Dinge zu finden, die wir als Familie gemeinsam tun konnten. Kennt ihr dieses Problem? Wir versuchten alles mögliche. Natürlich konnte jeder Erholung finden in dem, was er selber gerne tat. Aber wir suchten etwas, das wir gemeinsam als Familie geniessen konnten. Schliesslich, nach vielen Versuchen, fanden wir, dass es Skifahren war. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir es genossen, zusammen die Berge hinabzusausen mit dem Wind in unseren Gesichtern, in der wunderbaren Landschaft, die Gott geschaffen hat; das waren unsere schönsten Momente.

Aber wenn du kleine Kinder hast, dann kann das Skifahren anfangs die grösste Frustration des Lebens sein. Rate mal, wer die Skier tragen muss, wer jedermanns Skischuhe zubinden muss, wer die Skiliftkarten kaufen muss, wer dreimal nach Hause zurückfahren muss, um vergessene Sachen zu holen, wer die Kinder zur Toilette bringen muss … es ist eine riesige Aufgabe, und an jenem besonderen Tag machten mich meine Kinder verrückt. Sie hatten einen plötzlichen Anfall von kindlicher Verantwortungslosigkeit: sie verloren Skier, liessen Sachen fallen, vergassen ihre Handschuhe, und ich war die ganze Zeit hinter ihnen her. Das heisst, ich schrie sie an und stiess sie und vergass alles, was ich in meinen Büchern schreibe.
Schliesslich brachte ich sie zum Restaurant und liess sie dort mit Shirley, sagte: „Habt eine gute Zeit“, schlug die Tür zu und fuhr unseren Wagen nach unten, um ihn dort zu parkieren. Auf dem ganzen Weg sagte ich zum Herrn: „Was soll ich mit diesen Kindern tun, die du mir gegeben hast?“ Hast du ihm einmal diese Frage gestellt? Ich war nur ein wenig irritiert, weil er mir diese Kinder gegeben hatte. Er sagte nichts. Manchmal lässt er mich so reden (ich benahm mich nicht respektlos ihm gegenüber). Ich parkierte den Wagen, stieg aus und ging zu einer Haltestelle, wo ein kleiner Bus abfährt, der die Leute nach oben bringt. Etwa zehn Personen warteten dort, unter ihnen ein etwa 17jähriges Mädchen, das seltsame und sinnlose Dinge redete. Insbesondere wiederholte sie ständig die Worte: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Ich dachte, sie hätte wahrscheinlich Drogen genommen oder etwas ähnliches, und die Leute hatten von ihr Abstand genommen, sodass sie allein dastand und diese Worte wiederholte. Dann sah sie mich an, und ich erkannte in ihren Augen den charakteristischen Blick einer geistig Behinderten. In diesem Moment kam der Bus, wir stiegen alle ein, und sie stellte sich in die Mitte des Wagens und blickte bergauf, während sie fortfuhr zu sagen: „Wer auch immer…“ Es war deutlich sichtbar, dass die anderen Fahrgäste, mehrheitlich junge Leute, sie ablehnten. Sie sahen sie mit einem spöttischen Lächeln an, als ob sie sagen wollten: „Wer ist diese Verrückte?“ Dann erkannte ich, dass der grossgewachsene Mann, der neben ihr stand, ihr Vater war. Er tat etwas, was ich nie vergessen werde. Er trat drei Schritte vor, wie um seine Tochter zu beschützen, umarmte sie, und begann mit ihr zusammen zu wiederholen: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Er sprach nicht zu ihr, sondern zu uns. Er hatte das spöttische Lächeln auf vielen Gesichtern auch bemerkt. Er sagte: „Ja, es ist wahr, sie ist geistig behindert. Wir können es nicht verbergen; es zu versuchen wäre sinnlos. Ich weiss, dass sie nie ein Buch schreiben wird, sie wird nie schöne Lieder singen, vielleicht wird sie nicht viel erreichen. Sie geht nicht mehr zur Schule; wir taten unser Bestes. Aber ich möchte euch etwas sagen: Sie ist meine Tochter, und ich liebe sie, und ich schäme mich nicht, mit ihr identifiziert zu werden. Ja, mein Kind, wer auch immer…“ Die Liebe dieses Vaters zu seiner behinderten Tochter strömte aus seiner Seele und füllte die meinige, und floss von da zu meinen Kindern, und ich sagte: „Ja, Herr, ich verstehe die Botschaft.“

Zwei Wochen später wurde ich im nationalen Fernsehen interviewt, und ich bekam viereinhalb Minuten, um auf Fragen zu antworten wie: „Wie ist die Familie in alle diese Probleme der Sünde geraten, und wie kommen wir da wieder heraus?“ Ich hätte die Frage nicht einmal in viereinhalb Wochen beantworten können, aber ich kann euch sagen: Ich kenne die Antwort. Sie hat zu tun mit dem, was jener Vater für seine behinderte Tochter fühlte. Das wird die Familien heilen; das wird die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern retten; und das wird sogar dazu beitragen, die Tragödie der geistigen Behinderung zu überwinden.

Eltern, die ihr hier seid, lasst diese Jahre nicht einfach vergehen; lasst die Kindheit eurer Kinder nicht unbemerkt vorübergehen. Am anderen Ende des Lebens, wenn wir zurückschauen, wird es keine Belohnung für unsere Leistung geben. Ich möchte jene nicht beleidigen, die sich bemühen, grosse Ziele zu erreichen. Du arbeitest hart und hast Erfolg aufgrund deiner Selbstdisziplin. Aber in gewissem Mass tat ich dasselbe. Und während der letzten sieben Jahre wiederholte sich eine Frage in meinem Sinn: „Aber was jetzt? Denn ‚der Wind bläst darüber, und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.‘ “ Der weiseste Mann, der je lebte (abgesehen von Jesus Christus), der König Salomo, besass alles. Er hatte Geld, Berühmtheit, Macht … alles, was man sich wünschen kann. Am Ende seines Lebens fasste er alles zusammen, im Buch Prediger. Wie nannte er es? „Eitelkeit“. „Alles ist eitel, es gibt nichts als Eitelkeit.“ Das entwertet alles Zeitliche. Eitelkeit.
Im Jahre 1970 veröffentlichte ich mein erstes Buch, „Dare to discipline“, mit meinem Namen auf dem vorderen Buchdeckel, meiner Foto auf dem hinteren Buchdeckel, alles schön gestaltet – ein guter Erfolg für einen jungen Mann von 33 Jahren. Vor wenigen Tagen kam Danae zu mir und sagte: „Du bist wirklich angekommen!“ – „Was willst du damit sagen?“ – „Ich fand ein Exemplar von ‚Dare to discipline‘ auf dem Flohmarkt, für 35 Cents.“ Das ist es, womit alles endet.

Gut, in gewissem Sinn habe ich euch ein wenig angeschwindelt. Ich tat so, als würde ich über die „Midlife crisis“ sprechen, aber das war nicht mein eigentliches Ziel. Ich spreche über etwas viel Wichtigeres: das Leben an sich. Das ist für jedermann wichtig. Ob du ein Christ oder ein Atheist oder ein Agnostiker bist, du wirst dich auf alle Fälle den Fragen stellen müssen, die ich erwähnte: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Und insbesondere: Worin werde ich die Jahre des Lebens investieren, die mir noch bleiben?
Die Erfahrung der vergangenen sieben Jahre sagte mir: Kehre zu deinen Wurzeln zurück, zu deinem Glauben, und in diesem Glauben finde ich Sinn und Ziel und Würde und Selbstwert, Selbstdisziplin, Identität. Ich weiss, wer ich bin, weil ich weiss, wessen ich bin. In dieser Etappe meines Lebens gelange ich zu lediglich zwei Zielen für die Zeit, die mir bleibt: Das erste ist meinen Nächsten zu dienen, angefangen bei meiner eigenen Familie; und das zweite ist vor dem Gott, der mich geschaffen hat, angenehm zu sein und jene Worte zu hören, nach denen ich mich so sehr sehne: „Gut gemacht, guter und getreuer Knecht.“ Und nichts anderes wird die Probe der Zeit überstehen.

James Dobson: Ein Vater blickt zurück

8. Dezember 2013

Der folgende Vortrag des Psychologen Dr.James Dobson wurde vor Jahren in dessen Radiosendung „Focus on the Family“ ausgestrahlt. Er scheint mir so wichtig und zeitlos, dass ich ihn schriftlich festhielt und ihn auch den Lesern meines Blogs zugänglich machen möchte.


Vor 7 Jahren arbeiteten meine Frau und ich an einer Filmserie über die Familie. Da beschloss ich, eine Entscheidung zu treffen in dem Konflikt zwischen meinem Dienst, der Welt eine Botschaft zu vermitteln, und der Notwendigkeit, zuhause bei meiner Familie zu sein. Ich habe in meinem Leben viele verschiedene Dinge getan, aber ich glaube, das Weiseste, was ich je tat, war, zuhause zu bleiben und zu sehen, wie meine Kinder heranwuchsen. Der heutige Tag ist so etwas wie die Feier jener Entscheidung. Während dieser 7 Jahre hatte ich nicht nur die Gelegenheit, viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, sondern ich hatte auch Zeit zum Nachdenken. Heute abend möchte ich mit euch einige dieser Gedanken teilen, die ich hatte, während ich meine eigene Lebensmitte durchschritt.

Ich bin jetzt 48 Jahre alt Ich habe also alles Recht darauf, eine „Midlife crisis“ zu erleben. Ein Mann in dieser Krise trägt bis zum Bauchnabel offene Seidenhemden – ich weiss nicht warum, aber so ist es -, und zeigt viel angegrautes Brusthaar, das er mit dem Haartrockner getrocknet hat. Und er fährt schnelle Autos. Das hilft ihm irgendwie, ich weiss nicht warum, aber er muss es tun. Wahrscheinlich streitet er mit seiner Frau, weil ihr Alter ihn an das seinige erinnert, und das ärgert ihn.

Zu diesem Syndrom gehört auch, dass der Mann mit seiner Sekretärin durchbrennt. Ich habe hier einen Artikel aus der „Los Angeles Time“, wo es heisst: Ein Mann fand eine Anzeige in der Zeitung, wo ein Mercedes zu 57 Dollar zum Verkauf angeboten wurde. Er rief die angegebene Telefonnummer an, überzeugt, der Preis müsse ein Irrtum sein. Eine Frau antwortete ihm: „Nein, der Preis ist richtig.“ – „Ist der Wagen kaputt?“ – „Nein, er ist in tadellosem Zustand.“ – „Warum verkaufen Sie ihn dann zu so einem lächerlichen Preis?“ – „Nun, mein Mann hat mich aus Las Vegas angerufen. Er ist mit seiner Sekretärin dort, er sagte mir, er möchte mich verlassen und er ist bankrott, weil er sein Geld verspielt hat, und er bat mich, den Wagen zu verkaufen und ihm die Hälfte des Erlöses zu schicken.“

Nun, ich habe nicht diese Art von Krise. Shirley und ich sind seit 24 Jahren sehr glücklich verheiratet, und ich habe auch keine Seidenhemden. Das ist also nicht mein Problem. Aber ich werde Ihnen erzählen, wo ich mich in diesem Moment befinde, und das ist jetzt ganz im Ernst. Während der letzten 7 Jahre, und besonders in den letzten drei, ging ich durch eine Zeit der „Auswertung“. Ich dachte über den Sinn des Lebens nach und über die wichtigen Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Und was tue ich wirklich hier? Und wohin gehe ich wirklich? Was werde ich mit dem Rest meines Erdenlebens tun? An den Vierzigern scheint etwas dran zu sein, was einem ständig diese Fragen entgegenschreit. Es scheint, dass du dich gezwungen siehst, dich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil du siehst, wie der Sand in deiner Sanduhr allmählich zur Neige geht. Ich bin durch diese Phase gegangen und bin zu zwei Schlussfolgerungen gelangt. Sie sind nicht besonders tiefsinnig, aber sie beeinflussten mein Leben stark.

Die erste hat damit zu tun, wie schnell die Zeit vergeht. Vor wenigen Jahren musste ich den Schlag meines Lebens einstecken. Ich schrieb an einem Buch und musste es in kurzer Zeit fertigstellen. So ging ich in ein Hotel in Dallas, Texas, und schrieb dort während zehn Tagen, bis das Buch fertig war. Ich stand gewöhnlich früh auf, machte meine Andacht und schrieb dann den ganzen Tag bis um vier Uhr nachmittags. Dann war ich normalerweise erschöpft und ging ein wenig Sport treiben. Ich spiele gern Basketball, obwohl ich verstand, dass ein 48jähriger Mann auf einem Basketballfeld nichts verloren hat. Aber das Spiel gefällt mir. So ging ich spielen. Natürlich war niemand in meinem Alter dort, nur einige 16- bis 18jährige Jungen, die mich ansahen, als ob ich 105 Jahre alt wäre. Ich fragte sie, ob ich mit ihnen spielen könne, und schliesslich sagten sie Ja. Da war ein aussergewöhnlich gewandter schwarzer Junge, der mich ständig deckte. Dieser Konkurrenzdruck, und die Blicke all der Jungen ringsumher, die mich als einen alten Opa ansahen, liess mich zwanzig Jahre jünger werden; ich erinnerte mich an einige Tricks und Finten, strengte mich an, und warf drei Körbe hintereinander. Da sah mich dieser Junge an, trat einen Schritt zurück und sagte: „Mann, Sie müssen jemand sein in Ihrem Stolz!“ – Ich weinte auf dem ganzen Heimweg. Leider war ich überhaupt nichts in meinem Stolz, und das machte die Sache nur noch schlimmer.

Viele Autoren haben über das Vergehen der Zeit geschrieben, aber mir scheint, die Person, die es besser versteht als alle Philosophen, ist eine kleine Frau namens Erma Bombeck. Sie bringt uns zum Lachen mit ihren Geschichten über das Älterwerden, aber manchmal bringt sie uns auch zum Weinen. In ihrem Artikel „Wenn die Mutter zur Tochter wird und die Tochter zur Mutter“, beschreibt sie die Veränderungen in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter, und den daraus resultierenden Stress. Sie sagt, ihre Mutter sei immer so stark gewesen, so stabil, so unabhängig; die Person, die sie bewunderte und die ihr ein Beispiel war. Aber allmählich veränderte sich diese Beziehung, bis die Mutter zur Tochter wurde, und Erma zu ihrer Mutter wurde. Wie sie sagt, begann es, als Erma das Auto fuhr und ihre Mutter neben ihr sass. Plötzlich gab es einen Stau, und Erma musste scharf bremsen, um nicht mit dem Wagen vor ihr zusammenzustossen, und instinktiv streckte sie den Arm aus, um ihre Mutter festzuhalten, damit sie nicht gegen die Windschutzscheibe schlug – statt dass ihre Mutter sie festgehalten hätte, damit sie nicht gegen das Steuerrad schlug. Sie sahen einander einen Moment an und realisierten, dass sich etwas verändert hatte in ihrer Beziehung.
Dann kam die Weihnacht, wo Erma die Weihnachtsgans zubereitete und ihre Mutter den Tisch deckte; und die Momente, wo Erma zu ihrer Mutter sagte: „Kommst du mit mir zum Einkaufen?“, oder: „Du siehst wirklich hübsch aus in diesem Kleid!“ – so wie ihre Mutter es früher tausendmal zu ihr gesagt hatte. Und immer mehr wird die Mutter zur Tochter und die Tochter zur Mutter, und es ist schwierig für Erma, und sie sagt: „Ich will das nicht! Ich will nicht zusehen müssen, wie meine Mutter von mir abhängig wird.“ Aber die Zeit schreitet unaufhaltsam vorwärts, und ihre Mutter wird alt, und jetzt ist es Erma, die sagt: „Mama, würdest du bitte nicht mehr davon sprechen, dass du gestern Papa gesehen hättest? Du weisst doch, dass er vor zehn Jahren von uns gegangen ist.“ Und die Mutter ist die Tochter, und die Tochter ist die Mutter.
Wenig später sass Erma im Auto neben ihrer Tochter, die am Steuer sass. Plötzlich gab es einen Stau, und ihre Tochter musste scharf bremsen und streckte instinktiv ihren Arm aus, um Erma davor zu beschützen, gegen die Windschutzscheibe zu schlagen. Und in der letzten Zeile heisst es: „Mein Gott, so bald …?“

Ich befinde mich jetzt an diesem Punkt. Meine Mutter wird zu meiner Tochter und ich werde zu ihrem Vater. Mein Vater starb 1977, und meine Eltern waren echte Freunde. Sie waren „ein Fleisch“ im biblischen Sinn, und als mein Vater starb, war es für meine Mutter, als ob sie entzweigeschnitten worden wäre. Sie war nie wieder dieselbe. Vor einigen Jahren musste sie zu einigen Unterleibsuntersuchungen gehen, und wenn eine Frau in ihren Siebzigern solche Probleme hat, dann denken alle an ein kleines Wort mit fünf Buchstaben. Gott sei Dank fiel die Diagnose negativ aus, und ich ging zu ihr nach Hause, um ihr die Nachricht zu überbringen und mit ihr zu sprechen. Ich sagte: „Mama, ist das nicht eine gute Nachricht? Du hast keinen Krebs, du wirst gesund werden.“ Sie lächelte und sagte: „Oh ja … ich bin dankbar und danke auch dem Herrn.“ Aber dann fügte sie hinzu: „Darf ich dir ehrlich etwas sagen? … Würdest du es verstehen, wenn ich dir sagte, dass ich dachte, vielleicht würde ich bald Papa wiedersehen? und dass ich nur ein klein wenig enttäuscht bin.“

Wenn du sehen möchtest, wie die Zeit vergeht, dann sieh nur die Personen an, die dir am nächsten stehen, in deiner eigenen Familie. Sieh, wie sich die Beziehung zu deinen eigenen Kindern verändert. Sieh deine Geschwister an, deine Onkel und Tanten, deine Eltern. Ich denke, das ist eine Ursache der „Midlife crisis“. Wenn ein Mann in seine Vierziger kommt, dann ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen Vater verliert, und das ist ein emotioneller Schlag. Es lässt ihn darüber nachdenken, wie kurz das Leben ist.

Ich erwähnte, dass Shirley und ich 24 Jahre verheiratet sind, und es fehlen nur noch 18 Jahre, bis ich das Alter erreichen werde, in dem mein Vater starb. Anders gesagt: Angenommen, ich werde so alt, wie mein Vater wurde, dann habe ich bereits 72% meines Lebens gelebt. Vor neun Jahren war ich noch in meinen Dreissigern! Verstehst du, was die „Midlife crisis“ ist? Erstens ist die Bezeichnung falsch. Die Lebensmitte ist in den Dreissigern! Wenn du in deinen Dreissigern bist und dich für jung hältst – nachdem du um die nächste Ecke biegst, bleiben dir nur noch 28% deines Lebens.

Einige denken vielleicht: Was für ein morbider Gedanke! Aber es ist ein sehr wichtiges und biblisches Konzept. Der König David schreibt darüber: „Der Mensch, wie das Gras sind seine Tage, er blüht wie die Blume des Feldes. Der Wind bläst darüber und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.“ (Psalm 103,15-16) Das ist ein wichtiges Konzept, weil es alles andere in die richtige Perspektive rückt. Der Materialismus wird aus dieser Perspektive leer und sinnlos, zumindest als Lebensgrundlage. Es muss etwas Wichtigeres geben.

Als wir heirateten, hatten wir überhaupt nichts – und es schien, dass es während der folgenden zehn Jahre dabei bleiben würde. Wir hatten keine Finanzprobleme, weil wir keine Finanzen hatten. Aber schliesslich ging es uns besser, und ich konnte meine enormen Ausbildungskosten bezahlen und im Medizinerkolleg der USA Mitglied werden und anfangen Bücher zu schreiben usw. Aber ein Teil der Analyse während der Vierziger hat mit dem Sinn des Lebens zu tun, und die materiellen Dinge haben nicht viel damit zu tun. Der Herr hatte interessante Wege, um mir diese Botschaft klarzumachen – sogar mittels eines Monopoly-Spiels.
In meiner Kindheit liebte ich dieses Spiel, aber ich hatte es 30 Jahre lang nicht gespielt, bis eines Tages meine Tochter – im Teenageralter – nach Hause kam und sagte: „Papa, es ist ein neues Spiel herausgekommen! Es heisst Monopoly. Es wird dir sicher gefallen.“ Ich sagte: „Ja, warum nicht?“ So setzten wir uns hin, um mein erstes Monopoly-Spiel seit 30 Jahren zu spielen, und die alten Verhaltensmuster kehrten zurück. Ich begann zu gewinnen und kaufte alle schönen Grundstücke, und begann überall grüne Häuschen zu bauen, die bald zu den grossen roten Hotels wurden, und ich nahm Geld ein wie verrückt, und verstaute es in meinen Taschen und unter dem Spielbrett, und ich hatte 500-Dollar-Noten in meinen Schuhen, und meine Familie wand sich und ich hatte meinen Spass. Die Habsucht war zurückgekehrt. Aber dann war plötzlich alles zu Ende. Meine Frau und meine Tochter warfen die Würfel gegen meine Hotels, die reihenweise umfielen, pam, pam, pam, und sie gingen schlafen, weil ich gewonnen hatte, und liessen mich allein das Spiel aufräumen. Da sass ich also um Mitternacht und räumte das Spiel auf, und begann mich sehr leer zu fühlen.
Dann sprach der Herr zu mir. Nicht mit einer hörbaren Stimme, aber du weisst es, wenn er es ist, der spricht. Er sagte: „James, pass auf, denn ich werde dich eine Lektion lehren. Das ist nicht nur ein Monopoly-Spiel, das du spielst. Das ist das Spiel des Lebens. Du schwitzt und strengst dich an und sparst und baust und vergrösserst und hast ein Bankkonto und Besitztümer und eine Pensionskasse und all das … und dann machst du eine falsche Bewegung, wendest deinen Wagen auf der Autobahn, wo du das nicht tun solltest, pam, pam, pam, und alles kehrt in die Spielschachtel zurück. Bis zum letzten Cent muss alles in die Schachtel zurück, jede Nacht. Der Leichenwagen hat keinen Anhänger mit einem Safe. Du kannst nichts mitnehmen.“

(Fortsetzung folgt)

Zweifelhafte „Obhut“ des Staates: Wo kommen die Kinder dann hin?

20. September 2013

Die Diskussion um die sogenannte „Inobhutnahme“ von Kindern durch den Staat (wie z.B. im Fall Wunderlich) dreht sich oft darum, inwieweit es statthaft oder den Kindern zumutbar sei, von Eltern erzogen zu werden, deren Überzeugungen und Erziehungsstil weit von den Vorstellungen der Gesellschaft im allgemeinen abweichen (so z.B. im Fall von überzeugten Christen!!). Oder auch – in anderen Fällen – von Eltern, die ihre Kinder tatsächlich vernachlässigen oder schlecht behandeln. Seltener wird in Erwägung gezogen, wo diese ihren Eltern entrissenen Kinder dann hinkommen. Auch wenn ein Kind tatsächlich von seinen Eltern nicht besonders gut behandelt würde: wird es in staatlichen Einrichtungen etwa besser behandelt? Ist der Staat zur Kindererziehung besser geeignet als die leiblichen Eltern?

Ich habe seinerzeit selber eine Zeitlang in einem Kinderheim gearbeitet. Damals war die Heimerziehung bereits ziemlich „modernisiert“ worden. Die Kinder wurden im allgemeinen nicht mehr geschlagen – und wenn einem Erzieher aus Überforderung die Hand ausrutschte, dann musste er u.U. damit rechnen, dass das Kind zurückschlug. (Ein Erzieher ist einmal von einem 15jährigen Jungen k.o. geschlagen worden.) Die Kinder waren in Wohngruppen von je acht bis zehn Kindern aufgeteilt, je unter der Leitung eines Erzieherehepaars zusammen mit einem oder mehreren Miterziehern und Praktikanten. Die Idee dahinter, das Betreuungsumfeld der Kinder so familienähnlich wie möglich zu gestalten, ist m.E. eines der bestmöglichen Konzepte in der Heimerziehung. Aber selbst dieses bestmögliche Konzept funktionierte in der Praxis nicht. Beredtes Zeugnis davon war die Tatsache, dass jene Erzieher, die eigene Kinder hatten, diese in ihrer eigenen Wohnung getrennt von den Heimkindern aufzogen. Es wäre ihnen wohl unverantwortlich erschienen (!), ihre Kinder zusammen mit den Heimkindern aufwachsen zu lassen.

Die auch nur annähernde Schaffung einer Familienatmosphäre wurde schon durch den häufigen Wechsel der Bezugspersonen verunmöglicht. Ein Erzieher sagte mir einmal: „Diese Arbeit kannst du höchstens fünf bis zehn Jahre lang tun, nachher bist du ausgebrannt.“ (Wobei auch diese fünf bis zehn Jahre in der Regel mehrere Stellen- oder zumindest Gruppenwechsel einschliessen.) Auf der Wohngruppe, wo ich arbeitete, gab es innerhalb eines Jahres vier Mitarbeiterwechsel.

Die Heimkinder verhielten sich im allgemeinen rebellisch und gewalttätig, logen und stahlen, waren verschiedensten Suchtverhalten ergeben – so hatten sie z.B. die raffiniertesten Methoden entwickelt, um Zigaretten ins Heim zu schmuggeln und dort zu verstecken. (Drogen waren damals noch kaum verbreitet; so spielten Zigaretten deren Rolle.) Möglicherweise hatten die älteren auch Sex untereinander; das kann ich zwar nicht direkt bezeugen, konnte es mir aber im Nachhinein aus bruchstückhaften Aussagen zusammenreimen.

Allgemein herrschte das Klima eines ständigen „Kriegs“ zwischen Kindern und Erziehern. Letztere wurden von den Kindern hauptsächlich als Gefängniswärter erlebt – was von einigen Kindern unverblümt ausgesprochen wurde. Das erste, was ein Erzieher in der Praxis lernen musste, war den Kindern mit verschiedensten disziplinarischen Mitteln Herr zu werden. Umgekehrt lernten die Kinder von ihren ersten Tagen im Heim an, wie man Erzieher hintergeht, belügt und betrügt. Auch Kinder, die anfangs noch „normal“ waren, wurden bald von diesem Verhalten angesteckt. Ich muss annehmen, dass ein grosser Teil dieser Verhaltensweisen der Kinder durch die Heimeinweisung erst hervorgerufen oder zumindest verstärkt wurden. Es ist ein gravierender Einschnitt im Leben, wenn man in ein Heim gesteckt wird, um von Menschen erzogen zu werden, die man zuvor nie gesehen hat und die man sich nicht selbst ausgesucht hat; und wenn man nicht einmal mehr die Strasse überqueren darf, um ein Nachbarskind zu besuchen oder sich etwas zu kaufen. Es ist deshalb blanker Hohn, wenn christlichen Homeschooling-Familien vorgeworfen wird, ihre Kinder wüchsen isoliert auf – und dann steckt man sie in ein Heim, wo sie noch viel isolierter leben!
– Natürlich gab es im Heim auch Zeiten gemeinsamer Ausflüge, Spiele, Bastelarbeiten und anderer sinnvoller Tätigkeiten; aber selbst während diesen „harmonischeren“ Zeiten war allen klar, dass es sich nur um Zeiten des „Waffenstillstands“ handelte und nicht um einen echten Frieden. Es war illusorisch, unter solchen Bedingungen eine Vertrauensbeziehung zu den Kindern – die wichtigste Voraussetzung für eine echte „Erziehung“ – herstellen zu wollen. Ebenso illusorisch war es, unter diesen Umständen eine Besserung des Verhaltens der Kinder zu erwarten, oder ihnen Werte vermitteln zu wollen. Im Gegenteil, die Atmosphäre eines Kinderheims macht die Kinder zu Rebellen, und nicht wenige von ihnen zu Kriminellen.

Würde man das Verhalten von Heimkindern psychologisch analysieren und daraus Rückschlüsse ziehen auf die Fähigkeiten der Heimerzieher, dann müsste man diese als ebenso „erziehungsunfähig“ einstufen wie die Eltern, denen die Kinder weggenommen wurden.

Es muss also nicht nur gefragt werden, wo die Grenzlinie gezogen werden soll, ab der das Wohl eines Kindes tatsächlich gefährdet wäre, wenn es bei seinen Eltern verbleibt. (Bzw. ob ein solches Urteil überhaupt gefällt werden darf.) Es muss ebenso gefragt werden, ob die Alternative, die der Staat vorsieht (meistens die Einweisung in ein Heim) nicht das Wohl des Kindes noch viel stärker gefährdet.

Ein krasses Beispiel – aber leider kaum ein Einzelfall – wird in „Die Familie und ihre Zerstörer“ (Fassung vom 9.Sept.2013, S.485) dokumentiert:

„Vermutlich sind 99% der SOS-Kinderdorf Einsitzenden keine Waisenkinder, sondern Kinder mit lebenden Eltern oder Elternteilen. Jedes Kinderdorfkind bedeutet natürlich finanzielle Förderungen, Spendengelder und sonstige staatliche Unterstützungen. Auf jeden Fall bedeutet es Jobs für ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen.
‚Ein Kind wurde mit 6 Jahren den Eltern entzogen. Der Vater wurde von den Behörden des sexuellen Missbrauchs verdächtigt (Grund der Kindeswegnahme). Es kam jedoch niemals zu einer Anklage seitens der Staatsanwaltschaft. Die Mutter wurde von SozialarbeiterInnen unter Druck gesetzt, sich vom Kindesvater scheiden zu lassen. Aber die Kindesmutter blieb dem Mann treu. Deshalb musste das Kind im Heim bzw. Kinderdorf bis ins Erwachsenenalter bleiben. Unter der Obsorge des Kinderdorfes wuchs die Kleine zu einer nunmehr drogensüchtigen teilentmündigten Prostituierten heran. Schlechter hätten es die leiblichen Eltern wohl auch nicht vermocht.'“

Eltern werden vom Staat daraufhin überwacht, ob sie ihre Kinder „richtig“ erziehen. Wer aber überwacht die staatlichen „Erzieher“? Im Jahr 2012 haben deutsche Jugendämter insgesamt 40’227 Kinder „in Obhut genommen“, das sind täglich 110 Kinder, die ihren Eltern weggenommen wurden. Wieviele Kinder sind im selben Zeitraum aus Kinderheimen freigelassen worden? Was für eine staatliche Stelle wacht mit demselben Eifer über der Erziehung, die Heimkindern zuteil wird? Würden Kinderheime mit denselben Methoden psychologisch analysiert wie Familien, dann würden zweifellos eine Menge „gestörter Beziehungen“ diagnostiziert, die unbedingt „therapiert“ werden müssten, oder die sogar das Kindeswohl derart gefährdeten, dass die Kinder aus dieser Umgebung entfernt werden müssten. Warum werden solche Massstäbe nur an Familien angelegt, nicht aber an Kinderheime? Wer hat dem Staat das Recht gegeben, die seiner „Obhut“ unterstehenden Kinder in Verhältnissen aufzuziehen, die schlimmer sind als sogenannt „gestörte“ Familien?

Fragen, die im heutigen Zeitalter staatlicher Kindererziehung unbedingt aufgearbeitet werden sollten.

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht (Teil 2)

15. September 2013

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont (Fortsetzung)

Das Geheimnis des amerikanischen Schulsystems besteht darin, dass es nicht so unterrichtet, wie Kinder lernen – und dass das von ihm auch nicht erwartet wird. Die Schulen wurden erfunden, um der Wirtschaft zu dienen, nicht den Kindern und Familien. Das ist der Grund, warum die Schule obligatorisch ist. Deshalb kann die Schule niemandem helfen, erwachsen zu werden. Ihre erste Anweisung ist, die Reife zu verzögern. Sie tut dies, indem sie lehrt, alles sei schwierig, andere Menschen bestimmten unser Leben, und unsere Nächsten seien nicht vertrauenswürdig und sogar gefährlich. Die Schule ist der erste Eindruck, den Kinder von der Gesellschaft erhalten. Da die ersten Eindrücke oft die entscheidenden sind, erfüllt die Schule unsere Kinder mit Angst, Misstrauen gegeneinander, und mit gewissen lebenslangen Süchten. Sie legt einen Hinterhalt gegen die natürliche Intuition, den Glauben, und die Liebe zum Abenteuer, und ersetzt diese Dinge durch ein „Evangelium“ des rationellen Vorgehens und rationellen Managements.

Die New York Times sandte einen Reporter in drei Kindertagesstätten in Houston, Texas: eine für weisse Kinder, eine für schwarze Kinder, und eine für spanischsprechende Kinder. Zu jedermanns Überraschung fand er, dass alle drei identisch waren. Es waren wunderbare Orte, gut eingerichtet, sauber, hell, bunt. Aber die einzelnen Kinder erhielten nur ein absolutes Minimum an persönlicher Aufmerksamkeit von seiten ihrer Betreuer, weil mehr einfach nicht möglich war. Die Kommunikation beschränkte sich auf heitere Ermahnungen wie: „Wilma, tu das nicht!“, und auf Aussagen, die sich an alle und niemanden richteten, wie: „Es ist Zeit, sich in die Reihe zu stellen!“ Die Betreuer hatten als Ziel eher, die Kinder zu verwalten, als mit ihnen in Kontakt zu treten. Die öffentliche Kinderbetreuung in Amerika ist Kinderverwaltung. Die Schulen sind ein Teil des professionellen Kinderverwaltungs-Imperiums, und Bildung hat nichts damit zu tun.

Eine Untersuchung von tausend Staatsschulen fand, dass die Lehrer im Durchschnitt 7 Minuten pro Tag im persönlichen Austausch mit Schülern verbrachten. Verteilt auf 30 Schüler, gibt das 14 Sekunden pro Kind. Im Schulzimmer herrscht ein ständiges Gerangel um Aufmerksamkeit und Status, die nur von einem einzigen Erwachsenen erteilt werden können, welcher weder die nötige Zeit noch die nötige Information dazu hat. Dies lehrt uns, einander zu hassen und zu misstrauen. Diese ständige „Auktion der Aufmerksamkeiten“ hat etwas zu tun mit dem Ärger und der Unfähigkeit, ehrlich und verantwortlich zu sein, die wir noch als Erwachsene spüren. Aber ironischerweise ist Verantwortungslosigkeit viel nützlicher für das Management als ehrbares Verhalten. Sie rechtfertigt die ständige Überwachung, die vielen Anwälte und Gerichte, die Polizei und die Schulen…

Betrachten wir die seltsame Möglichkeit, dass wir vielleicht absichtlich gelehrt worden sind, verantwortungslos zu sein und einander zu hassen. Ich sage das nicht sarkastisch. Ich habe 19 Jahre als Schüler/Student verbracht und 30 Jahre als Lehrer. In all dieser Zeit wurde höchst selten von mir verlangt, verantwortlich zu handeln – ausser Sie verwechseln blinden Gehorsam mit Verantwortlichkeit. Sei es als Schüler oder als Lehrer, gehorchte ich blind fremden Menschen während 49 Jahren. Wenn das kein Rezept für Verantwortungslosigkeit ist! In der Schule werden Sie dafür belohnt, Ihre persönliche Verantwortung aufzugeben und einfach zu tun, was Fremde von Ihnen verlangen, sogar wenn das die teuersten Prinzipien Ihrer Familie verletzt. Ich habe beobachtet, dass drei Jahre genug sind, um ein Kind zu zerbrechen, drei Jahre Eingesperrtsein in einer Umgebung von emotionaler Bedürftigkeit, Liedern, Lächeln, grellen Farben, Gruppenspielen – diese Dinge funktionieren viel besser als ärgerliche Worte und Strafen. Das ständige Betteln um Aufmerksamkeit produziert die charakteristischen Merkmale von Schulkindern: Weinerlichkeit, Verrat, Unehrlichkeit, versteckte Bosheit, Grausamkeit, und ähnliches. In 50 Jahren Zeitungslesen habe ich diese Dynamik noch nie in der Presse untersucht gesehen. Schulkinder werden wie Ratten im Käfig, die eine Taste drücken müssen, um Nahrung zu erhalten, und die gemäss einem Verstärkungsmechanismus exzentrische Verhaltensweisen entwickeln. Diejenigen unter Ihnen, die Rattenpsychologie studiert haben, werden wissen, von was ich rede. Das bizarre Verhalten von Schulkindern ist eine Funktion des Verstärkungsmechanismus, dem sie in der Schule ausgesetzt sind – ebenso wie das abnormale Verhalten von Versuchsratten.

Nehmen wir an, dass die Produktion von unvollständigen Menschen der Zweck der modernen Schule ist. Nehmen wir weiter an, es gebe einen vernünftigen Grund, so etwas zu tun. Nehmen wir an, vor hundert Jahren hätten weitsichtige Menschen gesehen, dass der Grossteil der Bevölkerung verdummt werden müsse, nicht um ihnen wehzutun, sondern um ein Volk von Produzenten in ein Volk von Konsumenten zu verwandeln. Um die Werktätigen so angepasst zu machen, dass sie die moderne Maschinenarbeit aushielten, die sich schnell weiterentwickeln musste. Das war das spezifische Problem, welches diese Schlüsselgruppe von Unternehmern und Philosophen anfangs des 20.Jahrhunderts beschäftigte: Wie kann eine stolze, freiheitsliebende Nation von unabhängigen Familien und Dörfern von ihrer historischen Tradition von Eigenverantwortung und Unabhängigkeit abgebracht werden? Erwachsene würden sich kaum derart manipulieren lassen. Die Praxis der örtlichen Schulen bot eine andere Möglichkeit an.
Während Jahrtausenden haben Denker darüber spekuliert, dass ein Staat, der mit Erfolg die Kontrolle über die Jugend übernähme, wirtschaftliche Wunder hervorbringen könnte. Diese Idee ist mindestens 2300 Jahre alt. Das einzige Instrument zu ihrer Verwirklichung, die allgemeine Schulpflicht, galt aber in der westlichen Welt als eine verrückte Idee. Nur an einem Ort war sie erfolgreich: in der preussischen Militärdiktatur des 19.Jahrhunderts. Horace Manns Pilgerreise nach Preussen im Jahr 1840 wurde ein Auslöser für die spätere Entwicklung. Das 20.Jahrhundert endet damit, dass die Massenschulung droht, auch das Kleinkindalter zu erobern. Und sogar nach einem Jahrhundert siegreicher Schulpflichtgesetze, von Preussen her inspiriert, gibt es immer noch keine Einigkeit darüber, was unter einem gebildeten Amerikaner zu verstehen sei. Am Ende des 20.Jahrhunderts ist Schule immer noch eine Polizeitätigkeit – genauso wie am Anfang.

Am Anfang des 20.Jahrhunderts entschied eine Gruppe berühmter Akademiker unter Edward Thorndike und John Dewey sowie ihre industriellen Verbündeten, die Schulen der Wirtschaft und dem politischen Staat zu unterwerfen, genau wie in Preussen. Ausserdem würde es einen höheren Auftrag geben. Die Schulen würden als „Instrumente einer verwalteten Evolution dienen, die Bedingungen für eine selektive Fortpflanzung aufstellten, bevor die Massen die Dinge in ihre eigenen Hände nähmen.“ (Das ist ein Zitat aus einem 1911 veröffentlichten Essay von Thorndike.) Standardisierte Prüfungen würden zwischen den Fortpflanzungs­fähigen, den Arbeitsfähigen und den Unfähigen trennen. Schon vor dem 1.Weltkrieg hatte die Erziehungspsychologie herausgefunden, dass gewisse Formen geistiger Ausbildung z.B. in Geschichte, Philosophie und Rhetorik die Schüler gegen Manipulation resistent machte, weil es den unabhängigen Intellekt ent­wickelte. Dieses Wissen war Motiv genug, um die Schulbildung zu verdummen.

Zwischen 1906 und 1920 investierte eine kleine Gruppe von weltberühmten Industriellen, Bankiers und Universitätsdirektoren mehr Geld und Aufmerksamkeit in die Schulpflicht als die Regierung. Allein Andrew Carnegie und John D.Rockefeller investierten zwischen 1900 und 1920 mehr Geld als die Bundesregierung. So wurde das moderne Schulsystem abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit und abseits der Volksvertreter aufgebaut. Dies ist die erste Auftragserklärung der Allgemeinen Bildungskomission von John D.Rockefeller:

In unseren Träumen ergeben sich die Menschen vollkommen fügsam in unsere formenden Hände. Die gegenwärtigen Vorstellungen von Bildung, im Sinne von Bildung des Intellekts und des Charakters, verschwinden aus ihrem Sinn; und ungehindert von der Tradition führen wir unseren eigenen guten Willen aus über ein dankbares und willfähriges Volk. Wir werden nicht versuchen, diese Leute oder irgendeines ihrer Kinder zu Gelehrten oder Philosophen oder Wissenschaftern zu machen. Wir sollen unter ihnen keine zu Schriftstellern, Erziehern oder Dichtern machen, auch nicht zu grossen Künstlern, Malern oder Musikern, noch zu Anwälten, Ärzten, Staatsmännern, Politikern, Geschöpfe, mit denen wir“ (wer auch immer mit dem „wir“ gemeint ist) „reichlich versorgt sind. Die Aufgabe ist einfach. Wir werden Kinder organisieren und sie auf vollkommene Weise die Dinge lehren, die ihre Eltern auf unvollkommene Weise tun.“

Vielleicht werden Sie sagen, dass ich ausserhalb des Zusammenhangs zitiere. Aber wenn Sie den ganzen Zusammenhang haben möchten, das Zitat ist aus dem „Gelegenheitsbrief Nr.1 der Allgemeinen Bildungskommission“ – von der ich bereits sagte, dass sie in das Schulwesen mehr Geld investierte als die Regierung.

Der wirkliche Zweck der modernen Schule wurde vom legendären Soziologen Edward Roth in seinem Manifest von 1906 angekündigt, unter dem Titel „Soziale Kontrolle“. Zitat: „Pläne sind unterwegs, um die Familie, Gemeinwesen und Kirche zu ersetzen durch Propaganda, Massenmedien und Bildung“ (er meint natürlich Verschulung) „…die Leute sind nur kleine formbare Teighäufchen.

…Der erste Lehrplan wurde verdummt, dann wurden landesweite Prüfungen eingeführt, dann wurde die Moral geschwächt, und schliesslich, zwischen 1970 und 1974, wurde die Lehrerbildung im geheimen vollständig verändert. 1971 gab die Erziehungsdirektion der USA – die sich jetzt darin engagiert, sich Zugang zu Ihrem Privatleben und zu Ihren Gedanken zu verschaffen – bei der Rand Corporation eine siebenbändige Studie über „Veränderungs-Agenten“ (change agents) in Auftrag. Die Ausbildung von „Veränderungs-Agenten“ wurde mit Regierungsgeldern unter dem „Gesetz zur Entwicklung der Erziehungsberufe“ in Gang gesetzt. Kurz darauf erschien ein Buch mit dem Titel: „Führer des Veränderungs-Agenten zur Innovation in der Erziehung“. …Machiavelli ist modernisiert worden.

Hindernisse wie Religion, Tradition, Familie, und die natürlichen Rechte, die in unseren Gründungsdokumenten garantiert sind, wurden beharrlich zurückgetrieben. Schon vor 1950 wurde der traditionelle Gott verbannt, um durch psychologische Missionare in einer Sozialarbeits-Priesterschaft ersetzt zu werden. Die Staatsschulen wurden zu sozialen Laboratorien umfunktioniert, ohne Wissen und Zustimmung der Öffentlichkeit. Das war wie eine zweite amerikanische Revolution, die diese Gründungsdokumente umstiess, welche gewöhnlichen Leuten Souveränität zusprachen.

Die Schule war von Anfang an eine Lüge, und ist es weiterhin. Man hört viel Unsinn heutzutage über die Notwendigkeit von gebildeten Menschen in einer hochtechnisierten Wirtschaft; aber in Wahrheit besteht keine solche Notwendigkeit. Unsere rationalisierte und globalisierte Wirtschaft wird mehr und mehr zu einem zentral gesteuerten System, das keine abweichenden Denkweisen zulassen kann. Gebildete Menschen sind dessen Feinde, und eine nicht-pragmatische Moral ist ebenfalls dessen Feind.
(…) Was wir errichtet haben, diese zwangsweise Massenschulung, kann nicht reformiert werden; sie muss niedergeschlagen werden. Sie wurde von Menschen geschaffen, und Menschen können sie auch wieder auseinandernehmen.


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht

5. September 2013

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont

Zwischen 1967 und 1974 wurde die Lehrerbildung in den Vereinigten Staaten insgeheim umgewandelt durch die koordinierten Anstrengungen einer kleinen Zahl privater Stiftungen, gewisser Universitäten, weltweiter Unternehmen, und ähnlicher Interessengruppen.
Drei kritische Dokumente in dieser Transformation waren: Zuerst „Taxonomie der Lehrziele“, von Benjamin Bloom. Dann ein Projekt in mehreren Staaten, das 1967 begonnen wurde, unter dem Namen „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Und schliesslich das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“. Diese wurden in den Erziehungsdepartementen aller Staaten verbreitet; und den Pionierdistrikten, die diese Neuerungen zuerst einführten, wurde eine Art Bestechungsgelder ausbezahlt.

Beginnen wir mit „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Die Autoren definierten Schulbildung neu, nach deutschem Vorbild des 19.Jahrhunderts, als „ein Mittel, um wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele nationalen Charakters zu erreichen“. Und ich beeile mich beizufügen, dass die Entwicklung Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter in keinem dieser Ziele enthalten ist. Die Schulbehörden der einzelnen Staaten würden von da an „handeln als Vollzugsinstanzen des Bundes, um sicherzustellen, dass die örtlichen Schulen die Anordnungen des Bundes erfüllen.“ Das Dokument sagt weiter, „das Erziehungsdepartement jedes Staates muss ein Veränderungs-Agent sein“, und „die Veränderung muss institutionalisiert werden“. Ich zweifle daran, dass irgendetwas darüber in irgendeiner Zeitung berichtet worden wäre.

Das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“ skizziert spezifische Reformen, die ab 1967 dem Land aufgezwungen werden sollten. Ihr Ziel ist (Zitat) „die unpersönliche Manipulation, durch die Schule, eines zukünftigen Amerika, in welchem nur wenige in der Lage sein werden, die Kontrolle über ihre eigenen Meinungen zu behalten.“ Ein Amerika, in welchem „jedes Individuum bei seiner Geburt eine Mehrzweck-Identifikationsnummer erhält, welche Arbeitgebern und anderen Kontrollinstanzen erlaubt, ihnen nachzuspüren, und sie der unterschwelligen Einflussnahme des Erziehungsdepartements auszusetzen …“
Die Leser – Sie und ich waren natürlich nicht unter diesen Lesern – erfuhren, dass ab 1967 chemische Experimente mit Minderjährigen ein normales Vorgehen sein würden. Das ist eine deutliche Vorahnung der gegenwärtigen massiven Ritalin-Interventionen. Es wurde erwartet, dass Lehrer als „Veränderungs-Agenten“ des Staates handeln würden; und die Lehrerbildner wurden darüber informiert, dass ab sofort die Verhaltenswissenschaft den akademischen Lehrplan ersetzen würde. Das Projekt beschreibt eine Zukunft, „in der eine kleine Liga alle wichten Angelegenheiten unter Kontrolle hat, und in der die partizipative Demokratie weitgehend verschwinden wird.“ Kinder sollten dazu erzogen werden, anzuerkennen, dass ihre Kameraden, und überhaupt alle durchschnittlichen Menschen, derart unangepasst und unverantwortlich seien, dass sie unter Kontrolle gehalten und reguliert werden müssten. Die immense Zunahme der Gewalt an Schulen, und das allgemeine Chaos in den späten sechziger Jahren, als Lehrer landesweit ihre Fähigkeit verloren, Kinder zu disziplinieren, wurde als willkommene Rechtfertigung gesehen, um die traditionellen Freiheiten drastisch einzuschränken.

(…) Die „Taxonomie der Lehrziele“ … war (Zitat) „ein Instrument, um die Arten zu klassifizieren, wie Individuen handeln, denken oder fühlen sollen, als Resultat der Teilnahme an einer bestimmten Lehreinheit.“ Ich zweifle daran, dass irgendein denkendes Elternpaar unter dieser Voraussetzung ihre Kinder zur Schule senden würde. Die Kinder würden die „angemessenen“ Haltungen lernen, und müssten ihre „unangemessenen Haltungen“ (die sie von zuhause mitbringen) korrigieren lassen.

Aber warum wird dies alles getan? Ein grosser Teil der Antwort findet sich in der neusten Ausgabe des „Magazins für äussere Angelegenheiten“, eine der einflussreichsten Zeitschriften der USA, in einem Artikel von Mort Zukerman. Er schreibt unsere wirtschaftliche Überlegenheit gewissen Merkmalen des amerikanischen Arbeiters und des amerikanischen Arbeitsplatzes zu. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass diese Überlegenheit von der Art herrührt, wie wir unsere Jungen ausbilden. Und worin besteht diese Überlegenheit? Nach Zukerman in erster Linie darin, dass der Amerikaner ein Dominostein ist, der sich vom Management dominieren lässt und nicht viel zu sagen hat. Im Gegensatz dazu, sagt Zukerman, „leidet“ Europa unter einer starken handwerklichen Tradition, die verlangt, dass der Arbeiter bei Entscheidungen mitredet. (…)
Ausserdem sagt er, „die Arbeiter in Amerika leben in einem ständigen Panikzustand, einer Angst, übergangen zu werden, sie wissen, dass die Unternehmen ihnen nichts schulden, es gibt keine Macht, gegen Entscheidungen des Managements zu apellieren. Die Angst ist unser geheimes Aufladegerät; sie gibt dem Management die Flexibilität, die andere Länder nie haben werden.“ … 1996 fürchteten fast die Hälfte der Angestellten grosser Firmen, entlassen zu werden. Das ist der doppelte Prozentsatz von 1991, als die Wirtschaftslage längst nicht so gut war. Diese Angst hält die Löhne unter Kontrolle.
Und unser endloser Konsum schliesst den goldenen Kreis. Zukerman sagt, die erstaunliche amerikanische Sucht nach Neuem gibt den amerikanischen Unternehmen ihren einzigartigen inländischen Markt. Andernorts vertrocknet das Geschäft in schwierigen Zeiten; aber wir hier kaufen weiter ein, bis wir pleite gehen, und verpfänden unsere Zukunft, damit die Güter und Dienste weiter fliessen. – Zukerman schreibt keineswegs kritisch, sondern lobend über diese Dinge. Zweifellos ist der fantastische Reichtum der amerikanischen Unternehmen ein direktes Ergebnis der Schulbildung. Schulen, die eine gesellschaftliche Masse dazu erziehen, bedürftig, ängstlich, neidisch, gelangweilt, talentlos und unvollständig zu sein. Die Wirtschaft der Massenproduktion braucht ein derartiges Publikum. Das ist niemandes Schuld. Genauso wie das Kleingewerbe der Amischen Intelligenz, Kompetenz, Nachdenken und Mitleid erfordert, so erfordern unsere Grossunternehmen eine gut verwaltete Masse – nivellierte, ängstliche, geistlose Familien, gottlos und angepasst; Menschen, die glauben, der Unterschied zwischen Coca Cola und Pepsi sei ein Streitgespräch wert. … Wir lernen in der Schule, dass Freude und Erfüllung von äusserlichen Dingen kommt, vom Besitz, und nicht von innen. Die Schule verkürzt unsere Konzentrationsspanne auf wenige Minuten, sodass wir ein Leben lang nach Erleichterung der Langeweile schreien, durch äusserliche Stimulation. Zusammen mit dem Fernsehen und Computerspielen, welche dieselbe Lehrmethode anwenden, werden diese Lektionen bleibend eingeprägt …

Einschub von seiten des Übersetzers:
Was vor gut einer Generation in den USA geplant wurde, ist heute in den Schulsystemen der gesamten westlichen Welt Wirklichkeit: Lehrer und Schüler werden gezielt daraufhin programmiert, die (vom Staat) erwünschten Denkweisen und Haltungen anzunehmen. Offizielle Lehrpläne enthalten nicht mehr bloss Ziele über Wissen und Können, sondern zunehmend emotionelle, haltungs- und verhaltensmässige „Lernziele“, die mittels psychologischer Manipulation der Schüler erreicht werden sollen. Ganz zu schweigen von den „inoffiziellen“ Zielen, über die der Normalbürger gar nicht informiert wird.

Eine kurze Durchsicht einiger mehr oder weniger zufällig ausgewählter Lehrpläne ergab Folgendes:

Zuerst einmal fällt auf, wie umfangreich diese Dokumente sind! Bis ins kleinste Detail wird vorgeschrieben, was (und z.T. auch wie) Lehrer lehren und Schüler lernen sollen. Der peruanische nationale Lehrplan von 2009 umfasst 484 Druckseiten. Allerdings sind darin nicht weniger als siebzehn „Schuljahre“ enthalten, weil der Staat heutzutage so ehrgeizig (oder totalitär) ist, schon die Erziehung von Kleinkindern von „null bis drei Jahren“ per Lehrplan zu regeln. – Entsprechend der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit hat der Lehrplan für die bayerische Grundschule (Juli 2000) 305 Seiten für lediglich vier Schuljahre, das macht 76 Seiten pro Schuljahr! Angesichts dieser Vorschreib- und Kontrollwut nimmt es sich wie ein schlechter Scherz aus, wenn auf Seite 7 dieses Dokuments steht: „Die Grundschule bahnt freiheitlich-demokratische (etc …) Werthaltungen an.“ Der Ort, der angeblich auf das Leben in einer „freiheitlich-demokratischen“ Gesellschaft vorbereiten soll, ist gerade der Ort, wo am wenigsten Freiheit herrscht.

Sehen wir uns einige dieser Lehr- und Lernziele an. Im bayerischen Lehrplan steht unter „Fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben“ auf Seite 15:
Soziales Lernen und grundlegende politische Bildung
Im Sinne einer politischen Grundbildung werden in der Grundschule soziale Lernprozesse initiiert und unverzichtbare Werte menschlichen Zusammenlebens erfahrbar gemacht. Durch die Förderung sozialer Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft, Solidarität, Toleranz, Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen oder auszuhalten, werden die Schüler auf ein Leben als Staatsbürger in einer demokratischen Gesellschaft vorbereitet.“
– Nichts dagegen, dass Kinder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen oder nach einem Streit wieder Frieden zu schliessen. Aber ist es wirklich Aufgabe der Schule, Kindern bestimmte Verhaltensweisen „anzuerziehen“, als ob sie als Vollwaisen aufwüchsen? Und ist es Aufgabe des Staates, solche Werte und Verhaltensweisen im Detail vorzuschreiben? Und was ist mit jenen „Werten“, die den christlichen Prinzipien widersprechen (wie z.B. die seit einigen Jahrzehnten im Sinne von „politischer Korrektheit“ umdefinierte Bedeutung von „Toleranz“)?

Weiter: „Die Kinder sollen ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen, um so eine bejahende Lebenseinstellung zu gewinnen und eine eigene Identität zu entwickeln.“ (Fachprofil Ethik, S.23). – Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob ein „stabiles Selbstwertgefühl“ von Vorteil ist oder nicht, und was genau darunter zu verstehen sei. Aber gerade in diesen Bereichen, wo man verschiedener Meinung sein kann, hinterlässt das Wörtchen „soll“ einen bitteren Nachgeschmack nach Gedankenpolizei.

„… sollen sich eine offene, realitätsbezogene Einstellung gegenüber Personen mit fremder Sprache und Kultur und damit Verständnisbereitschaft und Toleranz entfalten.“ (Fachprofil Fremdsprachen, S.28) – Wieder wird mit „Sollen“ eine Werthaltung vorgeschrieben, die mit dem eigentlichen Erwerb von Fremdsprachen nichts zu tun hat. Diese „Achtung und Toleranz vor Fremdem“ erscheint gehäuft im bayerischen Lehrplan; so auch in den Fachprofilen Heimat- und Sachunterricht sowie Kunsterziehung.

Weiter: „Pflanzen oder auch kleine Tiere nicht achtlos zertreten; nicht mit Lebensmitteln spielen.“ (S.74 Fachlehrplan Ethik 1./2.Jg, S.74) – Was hat das mit Schule zu tun? Und warum soll Kindern verboten werden, z.B. aus ihrem Kartoffelbrei im Teller eine Landschaft zu modellieren, oder aus Böhnchen Muster zu legen? Man wird an die Pharisäer erinnert, die Gottes Gebote durch eine Unzahl von Menschengeboten ersetzten (Matth.15,1-9).

Noch ein letztes Zitat aus Bayern, ohne Kommentar:
„Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen hinterfragen“ (Fachlehrplan Heimat- und Sachunterricht, 4.Jg, S.264).

Gehen wir nach Nordrhein-Westfalen. Da wird schon ganz zu Anfang in den allgemeinen Richtlinien festgehalten, dass die Schule den Kindern ganz bestimmte vorgeschriebene Wertvorstellungen und Haltungen anerziehen soll:
„Die Arbeit in der Schule zielt im Sinne eines erziehenden Unterrichts darauf ab, die Kinder zu unterstützen, die Welt zunehmend eigenständig zu erschließen, tragfähige Wertvorstellungen im Sinne der demokratischen Grundordnung zu gewinnen und dadurch Urteils- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Damit verbunden ist die Aufgabe der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu solidarischem Handeln in sozialer Verantwortung, zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte und anderer, auch religiöser, Überzeugungen, zu einem friedlichen Miteinander in der Einen Welt sowie zur Achtung vor Natur und Umwelt zu erziehen.“ (S.14-15, „Erziehender Unterricht“)
Ebenso heisst es: „Lehrerinnen und Lehrer (…) bahnen Einstellungen und Haltungen an (…)“ (S.17, „Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer“).

Im Lehrplan für das Fach Deutsch wird den Schülern sogar vorgeschrieben, wie sie sich im Unterricht fühlen sollen: „Sie erfahren Freude an sprachlicher Gestaltung und sprachlichem Spiel, entwickeln ihr sprachliches Selbstvertrauen weiter und übernehmen Verantwortung im Gebrauch der deutschen Sprache.“ (S.23) – Wenn also ein Kind im Deutschunterricht trotz allen psychologischen Tricks des Lehrers keine Freude empfindet, dann hat es das Lernziel nicht erreicht?!

Der NRW-Lehrplan scheint ein Interesse daran zu haben, Mädchen und Jungen zwangsweise einander gleich zu machen: „Die unterschiedlichen Körper- und Bewegungserfahrungen können es notwendig machen, geschlechterbewusst zu differenzieren, um Mädchen zu stärken und Jungen für sich und andere zu sensibilisieren.“ (S.113, Lehrplan Sport). Von daher ist wohl auch der folgende Satz im Lehrplan für den Sachunterricht zu verstehen: „Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Personen und Gruppen leistet die kritische Auseinandersetzung mit Rollenerwartungen und Rollenverhalten von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen.“ (S.42)

Der Lehrplan zum Sachunterricht verlangt auch „eine kritisch-konstruktive Haltung zu Naturwissenschaft und Technik“ (S.39). – In den „Kompetenzerwartungen am Ende der Klasse 4“ heisst es: „Die Schülerinnen und Schüler (…) erkunden Möglichkeiten der Partizipation von Kindern an Entscheidungen im Gemeinwesen und beteiligen sich daran (z.B. Planung von Spielplätzen und Schulwege (sic), Kulturprogramme für Kinder)“. (S.48) – Auch das sind Dinge, über die man verschiedener Meinung sein kann, bzw. die man der Entscheidung der einzelnen Kinder und deren Familien überlassen sollte. Aber nein, der Staat schreibt vor, wie Schüler zu denken und zu handeln haben.

Auch der Lehrplan für die Volksschule des Kantons Bern von 1995 schreibt ähnliche Dinge vor:
„Als sozialer Erfahrungsraum ermöglicht es die Schule, Regeln des Zusammenlebens anzuwenden und den Umgang mit Konflikten zu üben. Entsprechende Erfahrungen im Schulalltag fördern Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Rücksichtnahme, Geduld, Achtung, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Verstehenwollen, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Engagement und Mut sind wichtige Ziele sozialen Lernens.
Die Schule fördert das partnerschaftliche Zusammenleben von Mädchen und Knaben. Sie berücksichtigt die Interessen der Kinder und Jugendlichen beider Geschlechter gleichwertig.
(…) Die Schule fördert Haltungen, welche Diskriminierung – sei es aufgrund des Geschlechts, der sozialen Herkunft, der Religion oder der Rasse – ablehnen. Sie setzt sich für die Solidarität gegenüber Benachteiligten ein.“ (S.19, „Leitideen zur Sozialkompetenz“)
– Wiederum kann man mit vielen dieser Werte einverstanden sein, aber es erheben sich dieselben grossen Fragen: Wie werden diese Haltungen in der Praxis genau definiert? Und warum muss der Staat diese überhaupt vorschreiben? Wird da nicht auf gravierende Weise in den Bereich der Familie eingegriffen?

Mehrere Fachlehrpläne im bernischen Lehrplan enthalten unter den „Richtzielen“ eine ganze Liste von vorgeschriebenen „Haltungen“. Zum Fach „Natur-Mensch-Mitwelt“ steht da z.B: „Sich mit Formen und Traditionen des Zusammenlebens, mit Werten und Normen und mit ideologischen Strömungen auseinander setzen und dabei eine kritische Distanz zu fundamentalistischen und totalitären Denk- und Handlungsweisen erwerben.“ (S.52) – Merkt überhaupt noch jemand, dass das Vorschreiben bestimmter Werte, Denkweisen und Haltungen an sich bereits eine totalitäre Handlungsweise (von seiten des Staates) ist??

Zuguterletzt noch einige Beispiele aus Perú. Da wird auf S.32 des nationalen Lehrplans ganz direkt vorgeschrieben, was für Charaktereigenschaften ein Schüler am Ende seiner Schulzeit aufweisen soll:
„Ethisch und moralisch. Sensibel und solidarisch. Kreativ und innovativ. Kommunikativ. Kooperativ. Organisiert. Forscht und informiert sich. Mitfühlend und tolerant. Kritisch und reflektierend. Unternehmerisch. Transzendent. Flexibel. Löst Probleme. Proaktiv. Autonom.“

In der Fortsetzung wird auch die „Konsensbereitschaft“ als wichtiges charakterliches Lernziel hervorgehoben – ein Punkt, der in den deutschsprachigen Lehrplänen unter dem Stichwort „Konfliktlösung“ in ähnlicher Weise erscheint. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima ist hier zu fragen, ob dieses Lernziel nicht zunehmend in dem Sinne verstanden wird, Schüler mit festen Überzeugungen (z.B. christlichen) dahingehend zu beeinflussen, dass sie „um des Friedens willen“ hinsichtlich dieser Überzeugungen Kompromisse eingehen?

Auch im peruanischen Lehrplan erscheint der Propagandaspruch, dass angeblich an der Schule „demokratisches Zusammenleben“ gelernt werden soll, obwohl jeder weiss, dass es die Lehrer bzw. deren Vorgesetzte sind, welche alle wichtigen Entscheidungen auf diktatorische Weise treffen.

Im weiteren enthalten die jahrgangsspezifischen Fachlehrpläne jeweils detaillierte Lernziele, nicht nur für „Kenntnisse und Fähigkeiten“, sondern auch für „Haltungen“. Auch da wird detailliert vorgeschrieben, wie sich die Kinder im Unterricht fühlen sollen, und an was für Tätigkeiten sie Freude haben sollen. Z.B. im Fachlehrplan „Kommunikation“ für den Kindergarten, Vierjährige (!): „Erfreut sich seiner künstlerischen Ausdrucksformen und zeigt Wertschätzung für die Produktionen der Gruppe und seiner eigenen.“ – Für Erstklässler: „Nimmt mit Begeisterung (!) an den persönlichen oder gruppenweisen Schreibprojekten teil.“ – „Zeigt Sicherheit und Vertrauen beim Schreiben.“ (Die Ironie dieser Sätze wird in ihrem vollen Ausmass erst verständlich, wenn man weiss, dass die Mehrheit der Schüler am Ende des ersten Schuljahres noch gar nicht lesen und schreiben können; aber alle lernen, wie man vorgibt, es zu können.) – Mathematik, erste Klasse: „Zeigt eine Neigung (!) zum Gebrauch der symbolischen und graphischen Sprache.“ – „Erfreut sich daran, geometrische Figuren in seiner Umgebung zu beschreiben.“

Noch ein paar spezifischere Beispiele aus dem Fach „Persönlich-Soziale Erziehung“: – „Beweist bürgerliches Verantwortungsbewusstsein darin, bei Käufen eine Quittung zu verlangen.“ (4.Klasse.) (Nicht etwa zum Zweck der eigenen Buchhaltung, sondern um dem Staat zu helfen, Kleingeschäftsinhaber aufzuspüren, die mittels Unterschlagung von Quittungen Steuern hinterziehen.) – „Organisiert sich verantwortungsbewusst in den Zivilschutzbrigaden der Schule und Gemeinde.“ (4. bis 6.Klasse.)

Aus dem Fach „Wissenschaft und Umwelt“: „Konfrontiert diskriminierende Situationen.“ (2.Klasse!) – „Anerkennt andere Standpunkte und neigt dazu, diese zu akzeptieren.“ (4.Klasse) – „Beurteilt die Ausbeutung natürlicher Ressourcen kritisch.“ (5.Klasse) – „Trifft verantwortliche und gesunde Entscheidungen über seine Sexualität.“ (6.Klasse) (Was soll das heissen??)
Die Beispiele sprechen für sich selbst.

(Fortsetzung folgt)


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.