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Schwierige Zeiten für Schweizer Homeschooler?

18. September 2019

Betrübt stelle ich bei einem Blick auf meine ehemalige Heimat fest, dass auch dort offenbar das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, immer stärker unter Beschuss gerät. Gemäss einer kürzlichen Pressemitteilung (Basler Zeitung vom 16.September) hat das Schweizer Bundesgericht dem Kanton Basel-Stadt recht gegeben, der einem Elternpaar verboten hatte, ihr Kind zuhause zu unterrichten. Dies offenbar nicht, weil die Eltern dazu nicht in der Lage wären, sondern lediglich aus bürokratischer Prinzipienreiterei.
Nun urteilte das Bundesgericht, „weder internationales noch Bundesrecht begründen einen Anspruch auf Unterricht in den eigenen vier Wänden“. Dies in klarem Widerspruch gegen die Universelle Erklärung der Menschenrechte, welche in Art.26.3 den Eltern das Recht zuspricht, über die Art der Erziehung und Bildung zu entscheiden, die ihren Kindern zuteil werden soll. Der Artikel in der „Basler Zeitung“ zitiert dazu Willi Villiger, den Präsidenten des Vereins „Bildung zu Hause“. Dieser erklärt, das Bundesgericht setze sich mit diesem Urteil auch über den Geist der Bundesverfassung hinweg. „Bei der Totalrevision von 1874 habe der Verfassungsgeber bewusst nur den Unterricht für obligatorisch erklärt, nicht den Volksschulunterricht – dies mit Rücksicht auf die konservativen Kantone, die eine unbotmässige Beeinflussung ihrer Kinder in der staatlichen Schule befürchteten. ‚Deshalb gibt es bei uns in der Schweiz keinen Schulbesuchszwang wie etwa in Deutschland‘, sagt Villiger.“

Entgegen dieser klaren Rechtslage möchten nun anscheinend auch die Schweizer Bundesrichter, ebenso wie die deutschen, einen rechtlich nicht existierenden Schulbesuchszwang auf juristischem Weg konstruieren. Besonders befremdlich daran ist, dass das Bundesgericht dabei mit dem „Kindeswohl“ argumentiert: „Das elterliche Erziehungsrecht ist ohnehin ein fremdnütziges, durch das Kindeswohl begründetes und begrenztes Pflichtrecht (…)“ (Was ist ein „Pflichtrecht“? Der Ausdruck könnte direkt aus Orwells „1984“ stammen.) Die Schule sei „nicht Selbstzweck, sondern im Interesse der Kinder“, sodass „der Schulbesuch deshalb auch gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden könne.“
Befremdlich ist diese Argumentation, weil im vorliegenden Fall gerade das Kindeswohl den Ausschlag gegeben hat zur Entscheidung der Eltern, ihr Kind aus der Schule zu nehmen. Wie der Presseartikel informiert, hat das zehnjährige Kind bereits in zwei Schulen Probleme gehabt. „Schule und Behörden seien nicht richtig mit der Hochbegabung ihres Sohnes umgegangen, kritisierte die Mutter“; ein neuerlicher Schulwechsel sei nicht zumutbar. Wer ist besser in der Lage zu entscheiden, was dem Kindeswohl nützt: die Eltern, die ihm nahestehen und es persönlich kennen, oder ein unpersönliches, institutionalisiertes Schulsystem, das notorischerweise schlecht zurechtkommt mit Kindern, die in irgendeiner Art von der „Norm“ abweichen? Die Behauptung, Menschen müssten „zu ihrem eigenen Wohl“ einschneidenden Zwangsmassnahmen unterworfen werden, ist Ausdruck einer totalitären und diktatorischen Gesinnung, wie sie ansonsten in der Schweiz verpönt ist.

Eine wichtige Information habe ich vergebens in dem Artikel gesucht: Was sagt das betroffene Kind selber dazu? Anscheinend ist es nicht um seine Meinung gefragt worden. Wie kann ein Gericht sich anmassen, über das angebliche „Wohl“ eines Kindes zu bestimmen, ohne dessen eigene Meinung überhaupt zu berücksichtigen?
Das wenigstens ist in einigen Teilen Deutschlands inzwischen erkannt worden. Das neuerliche Verfahren gegen die Familie Wunderlich ist von der zuständigen Richterin eingestellt worden, nachdem sie bei einer getrennten Anhörung sowohl der Eltern als auch der Kinder keinerlei Anzeichen einer Gefährdung des Kindeswohls feststellte.

Die Art und Weise, wie ein Land mit seinen „Homeschoolern“ umgeht, ist immer auch ein Indikator für das allgemeine Mass an Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in dem betreffenden Land. Gemäss diesem Indikator hat nun anscheinend auch in der Schweiz eine Abkehr von einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundordnung begonnen. Schule wird jeweils dort mit Zwang durchgesetzt, wo man sie als ein Instrument zur ideologischen Indoktrinierung und obrigkeitlichen Bevormundung eines Volkes sieht. Das ist schon bei den ersten Zwangsschulsystemen zu beobachten, von denen die Geschichte berichtet:
– Nebukadnezar, der König von Babylonien, liess die jugendlichen Adligen der eroberten Völker an seinen Hof bringen, wo sie zur babylonischen Kultur und Religion umerzogen wurden. So zu abhängigen Gefolgsleuten gemacht, wurden sie als Regierungsbeamte in ihre Heimat zurückgeschickt, wo sie ihre eigenen Landsleute nun im babylonischen Sinn und Geist regierten. Anscheinend eine effektive Art und Weise, sich andere Völker zu unterwerfen und unter dem Deckmantel der Eigenverwaltung eine Fremdherrschaft zu errichten.
– Im alten Sparta wurden Jungen im Alter von sieben Jahren den Eltern weggenommen und in eine Art militärisches Erziehungslager gesteckt. Das Ziel der spartanischen Schule bestand darin, starke, unerschrockene und gehorsame Soldaten für den Krieg heranzubilden. (Dasselbe Ziel lag dem deutschen Schulsystem zugrunde, das auf die preussische Militärdiktatur des 18.Jahrhunderts zurückgeht, und das im wesentlichen bis heute die Grundlage der meisten staatlichen Schulsysteme weltweit bildet, wie John Taylor Gatto in einer gründlichen historischen Untersuchung festgestellt hat.) Das spartanische Ziel ist aber anscheinend nicht erreicht worden: Trotz (oder wegen?) dieses Zwangssystems war Sparta dem – damals noch freiheitlichen – Athen unterlegen.

Schweizer Homeschooler haben in der gegenwärtigen Situation zum Glück noch eine Chance: Das Schulwesen unterliegt voll und ganz der Hoheit der Kantone. Das Bundesgericht kann deshalb nicht direkt Kinder zum Schulbesuch verpflichten. Auch im vorliegenden Fall hat es lediglich das Recht des Kantons Basel-Stadt gestützt, eine solche Verpflichtung auszusprechen. Eine Instanz des Bundes kann aber nicht z.B. die Regierung eines freiheitlicheren Kantons zwingen, das Homeschooling einer strengeren Regelung zu unterwerfen. Bleibt zu hoffen, dass es weiterhin solche freiheitlichen Kantone geben wird, wohin bedrängte Homeschooler ausweichen können. Dennoch ist die kürzlich zum Ausdruck gebrachte Haltung des Bundesgerichts ein sehr bedenkliches Zeichen.

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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 4

11. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie verletzt und misshandelt Gottes Volk.

Jesus sagte über autoritäre Leiter: „…sie binden schwere und schwierig zu tragende Bürden, und legen sie auf die Schultern der Menschen; sie selber aber wollen sie nicht mit einem Finger bewegen.“ (Mat.23,4) Autoritäre Leiter auferlegen ihren Untergebenen oft schwierige und ermüdende Vorschriften; aber sie selber folgen ihren eigenen Regeln nicht. Diese Doppelmoral ist eine Wurzel der Heuchelei, die Jesus kritisiert: „sie sagen, aber sie tun es nicht“ (Mat.23,3).

So kann ein autoritärer Leiter z.B. von seinen Untergebenen völlige Transparenz und Ehrlichkeit verlangen; aber er selber legt vor niemandem Rechenschaft ab, und verdreht die Wahrheit.
Oder er verlangt, dass seine Untergebenen „ihre Rechte aufgeben“, z.B. im finanziellen Bereich; aber er selber bereichert sich auf ihre Kosten.
Oder er stellt strenge Regeln auf über „sexuelle Reinheit“, die Kleidung der Frauen, und strenge Beschränkungen der Kontakte zwischen Männern und Frauen; aber er selber begeht Unzucht und sexuellen Missbrauch.
Oder er verbietet alle kritischen Äusserungen über ihn; aber er selber kritisiert, verflucht, und „diszipliniert“ seine Untergebenen hemmungslos.

In Teil 1 nannten wir einige Beispiele, was in solchen Umgebungen geschehen kann. Da es in autoritären Systemen kein gesundes Kräftegleichgewicht gibt, ist es oft nur ein Schritt von einem autoritären System zu einem missbrauchenden.

Oft finden Vertreter des Autoritarismus scheinheilige Vorwände, um ihren Untergebenen die Schuld zuzuschieben an den Problemen und an den Misshandlungen, die diese erleben. Z.B. erkrankt jemand wegen des Stresses, ständig die Vorwürfe der Leiter ertragen zu müssen; und sie sagen ihm: „Du bist krank, weil du einen Geist der Bitterkeit hast.“ – Oder eine Frau wird sexuell missbraucht, und sie sagen ihr: „Das geschah wegen der Art, wie du dich anziehst.“ – Oder eine Mutter hat rebellische Kinder, und sie sagen ihr: „Das liegt daran, dass du selber dich deinem Mann nicht genügend unterordnest.“

Es gibt keine biblische Grundlage für solche Anschuldigungen. Wo jemand unter der Sünde einer anderen Person leidet, da liegt die Schuld immer bei demjenigen, der die Sünde begangen hat! Und der Sünder muss nach Mat.18,15-17 konfrontiert werden, ohne Ausweichmanöver oder zusätzliche Hindernisse. Auch oder erst recht, wenn der Sünder ein Leiter ist. Aber die Lehren des Autoritarismus verdunkeln diese einfache Wahrheit, und beschuldigen die Opfer.

Zudem werden wir in 1.Kor.4,5 gewarnt, nicht vorschnell über die Absichten und Motive anderer Personen zu urteilen: „Richtet also nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen, und die Absichten der Herzen sichtbar machen…“ – Autoritäre Leiter geben dagegen fälschlich vor, die verborgenen Absichten und Haltungen ihrer Untergebenen zu kennen, und fällen Urteile aufgrund solcher angeblicher Absichten.

Leiter, die autoritären Lehren folgen, fühlen sich manchmal unter einem enormen Druck, ihre Mitchristen „vor der Sünde bewahren zu müssen“, da sie glauben, sie seien die „geistliche Abdeckung“ ihrer laubensgeschwister. Wir haben bereits gesehen, dass es in Wirklichkeit Gott ist, der jeden Gläubigen beschützt. Aber wenn ein Leiter glaubt, das sei nicht genügend, und seine „Abdeckung“ sei notwendig, dann beginnt er ausgefeilte Mechanismen von „pastoraler Überwachung“ oder „Rechenschaftspflicht“ einzuführen, um alles zu überwachen und unter Kontrolle zu halten, was die Mitglieder in ihrem Privatleben tun. Z.B. benutzen sie „Seelsorgegespräche“, um die Mitglieder über ihr Leben und übereinander auszufragen; oder sie leiten die Mitglieder an, dem Leiter jedes „Fehlverhalten“ zu berichten, das sie bei einem anderen Mitglied beobachten (ähnlich wie die Netze von Denunzianten in den kommunistischen Diktaturen); und andere ähnliche Massnahmen.
All dies zerstört die mitmenschlichen Beziehungen unter den Geschwistern. Die Überwachung vermittelt Misstrauen: „Wir vertrauen nicht darauf, dass du dich gut benimmst. Wir misstrauen deinem guten Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wir müssen dich überwachen, weil du verdächtig bist.“ So geht die geschwisterliche Liebe und das Vertrauen zwischen Christen verloren. Stattdessen herrscht in den gegenseitigen Beziehungen das Misstrauen, die Angst, die Anpassung, und die Scham. All das verhindert ein gesundes geistliches Wachstum.

Einige rechtfertigen solche Praktiken mit Hebr.13,17: „…denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft ablegen müssen…“ – Aber der Ausdruck „über eure Seelen“ ist nicht verbunden mit dem „Rechenschaft ablegen“. D.h. es steht hier nicht, die Leiter müssten über die Seelen anderer Menschen Rechenschaft ablegen. Jeder muss Rechenschaft ablegen über das, was er selber getan hat (2.Kor.5,10, Offb.20,12-13). Die Bedeutung ist also: die Leiter müssen vor Gott Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.
Zweitens bedeutet „über eure Seelen wachen“ nicht, hinter den Mitgliedern herzuspionieren, und auch nicht jedem zu misstrauen, oder sie einer strengen Kontrolle zu unterwerfen. Das griechische Wort ist agrypnéo und bedeutet wörtlich „ohne Schlaf bleiben“. D.h. die Leiter sollen sich (positiv) „Tag und Nacht“ um ihre Geschwister kümmern. Wenn wir ein Beispiel suchen, was das bedeutet, so finden wir es im Bericht des Paulus über seinen Umgang mit den Thessalonichern: „Sondern wir waren gütig in eurer Mitte, wie eine stillende Mutter ihre eigenen Kinder nährt und pflegt. Wir hatten gute Absichten euch gegenüber, und es gefiel uns, mit euch nicht nur das Evangelium Gottes zu teilen, sondern auch unsere eigenen Seelen, denn ihr seid uns sehr lieb geworden.
Denn erinnert euch, Brüder, an unsere harte Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemandem von euch zur Last zu fallen, und so verkündeten wir euch das Evangelium Gottes. Ihr und Gott seid Zeugen, wie ehrerbietig und gerecht und untadelig wir zu euch, die Gläubigen, waren, wie ihr wisst; wie wir jeden einzelnen von euch ermutigten und trösteten wie ein Vater seine eigenen Kinder, damit ihr Gottes würdig lebt, der euch zu seinem eigenen Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.“ (1.Thess.2,7-12)

In Wirklichkeit will ein wiedergeborener Christ von sich selber aus das Gute tun, weil Gott ihm ein neues Herz gegeben hat. (Ez.36,25-27; 2.Kor. 5,17). Christus lebt in ihm, und bewirkt in ihm ein gottgefälliges Leben, durch die Gnade Gottes. „Denn durch das Gesetz bin ich dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. Ich bin zusammen mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; und was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selber für mich gegeben hat.“ (Gal.2,20; siehe auch 1.Kor.15,10). Die „pastorale Überwachung“ zieht diese grosse Wahrheit des Evangeliums in Zweifel. Sie macht, dass die Christen sich ständig schuldig fühlen (für Dinge, die keine Sünden sind), an ihrer Stellung vor Gott zu zweifeln beginnen, und „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4).
(Ein anderer Fall ist es, wenn jemand in Wirklichkeit nicht von neuem geboren wurde. Aber diese Situation ist nicht im Blickfeld der vorliegenden Artikelserie.)

Jesu Rede vom guten Hirten (Joh.10) erinnert die Zuhörer an Ezechiel 34, eine Prophetie, die die Folgen einer autoritären und missbrauchenden Leiterschaft beschreibt:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Die Milch geniesst ihr, mit der Wolle bekleidet ihr euch, und das Gemästete schlachtet ihr; die Schafe aber weidet ihr nicht. Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heimgeholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten. So zerstreuten sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war, und wurden allem Getier des Feldes zum Frasse.“ (Ez.34,2-5)

Weiter sagt Gott, er werde sich gegen die bösen Hirten wenden, die Schafe aus ihrer Hand befreien, und einen guten Hirten bestellen („meinen Knecht David“ = Jesus), der sie weiden wird. Gott zwingt niemanden, unter einer schlechten Leiterschaft zu bleiben, nur „weil sie die Leiter sind“.

Sie verhindert eine offene Diskussion der Probleme.

Alle Mitglieder der neutestamentlichen Gemeinde sind aufgerufen, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen, um zu prüfen, was gelehrt wird:

„Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1 Thess.5,21)

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen richten.“ (1.Kor.14,29)

Die Beröer wurden „edel“ genannt, weil sie prüften, was Paulus sprach: „sie forschten täglich in der Schrift, ob es so war“ (Apg.17,11).

Paulus schrieb den Galatern, sie sollten nicht einmal ihn selber aufnehmen, falls er ein anderes Evangelium als das ursprüngliche lehren würde (Gal.1,8). Nicht einmal ein Apostel kann fordern, dass seine Geschwister seine Lehren ungeprüft aufnehmen. Die römisch-katholische Kirche irrte während des Mittelalters so weit ab, weil sie ihren Mitgliedern das Recht verweigerte, die Lehren ihrer Leiter zu prüfen und in Frage zu stellen.

Ebenso sollen auch Sünden offen konfrontiert werden, unabhängig davon, ob der Sünder ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. (Siehe Mat.18,15-17; Gal.2,11-14.)

Autoritäre Leiter verdrehen diese Prinzipien. Sie errichten Machtstrukturen, wo nur sie andere zurechtweisen können, aber niemand kann sie zurechtweisen. Wenn es ein Problem gibt in der Gemeinde, eine Sünde, oder eine falsche Lehre, dann wird die offene Diskussion darüber unterdrückt, und es wird gelehrt, es sei „Klatsch“ oder „Rebellion“, auf einen Fehler eines Leiters hinzuweisen.

In einer gesunden Gemeinde können falsche Lehren, extreme Ansichten, und Machtmissbrauch von seiten der Leiter eingedämmt und korrigiert werden durch die offene, allgemeine Diskussion auf biblischer Grundlage. In einer autoritär geleiteten Gemeinde wird dagegen jede abweichende Meinung als „Disziplinarfall“ behandelt. Statt die Probleme offen und ehrlich zu diskutieren, werden jene Personen, die Probleme aufzeigen, eingeschüchtert und als „Sünder“ behandelt. Infolgedessen leben die Mitglieder in gegenseitigem Misstrauen, und das schlechte Verhalten von seiten der Leiter nimmt zu, weil niemandem erlaubt wird, sie zurechtzuweisen.

Sie führt zum Denominationalismus und Sektiererei

Von allen Gemeinden, die im Neuen Testament erwähnt werden, war jene von Korinth offenbar am stärksten beeinflusst von der Idee der „Unterordnung unter die Leiterschaft“. Sie waren nicht damit zufrieden, zu Christus zu gehören; sie wollten auch einem ihrer Leiter „gehören“. Deshalb sagten einige: „Ich gehöre Paulus“, andere: „Ich gehöre Apollos“, usw. (1.Kor.1,12)
Die genannten Leiter hatten selber nie diese Art von „Unterordnung“ gefordert, und hatten auch nie ein „Eigentumsrecht“ über die Korinther geltend gemacht. Paulus erklärt: „Wer ist also Paulus? Und wer Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder [dient], wie der Herr es ihm gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott liess es wachsen. So ist nicht der etwas, der gepflanzt hat, noch der, der begossen hat, sondern Gott, der es wachsen liess.“ (1Kor.3,5-7)

Die neutestamentliche Gemeinde wird von einer Vielfalt von „Diensten“ aufgebaut. (Eph.4,11 nennt „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“). Diese bilden keine „Hierarchie“ oder „Befehlskette“, sondern ergänzen einander. Im vorherigen Zitat (1.Kor.3,5-7) erklärt Paulus, dass zwischen ihm und Apollos keine Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung besteht (und auch nicht zwischen ihm und Kephas=Petrus). Beide sind gleichermassen von Gott gebrauchte „Diener“, jeder mit seiner eigenen Gabe. Die einzige Person, die eine „privilegierte“ Stellung einnimmt in der neutestamentlichen Gemeinde, ist Jesus Christus selber. „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen ausser dem, das gelegt ist, welches Jesus Christus ist.“ (1.Kor.3,11)

Nun hat jeder Leiter oder Lehrer gewisse persönliche Vorlieben oder Neigungen in seiner Bibelauslegung, und in seiner Art, das christliche Leben zu leben. Deshalb werden zwei Leiter nie völlig übereinstimmen in allen Details ihrer Lehre und Praxis. Die Korinther waren anscheinend nicht in der Lage, diese Unterschiede auf reife Weise zu handhaben – ähnlich wie heute viele Evangelikale (inbegriffen Leiter) nicht auf geistliche Weise umgehen können mit den Unterschieden zwischen Calvinisten und Arminianern; zwischen Pfingstlern und Nichtpfingstlern; zwischen jenen, die den Frauen das Hosentragen erlauben und jenen, die es nicht erlauben; zwischen jenen, die beim Singen die Hände erheben und jenen, die das nicht tun, usw.
Der Fehler der Korinther bestand darin, diese persönlichen Vorlieben der Leiter auf den Rang göttlicher Gebote zu erheben. Dieser Fehler wird in 1.Kor.4,6 angesprochen: „Und dies, Brüder, habe ich um euretwillen auf mich und Apollos angewandt, damit ihr an uns[erem Beispiel] lernt, nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben steht, damit niemand von euch aufgeblasen werde wegen des einen [Leiters und] gegen den anderen.“ – Die Korinther waren „aufgeblasen“ geworden, indem die einen allen übrigen die persönlichen Vorlieben des Apollos auferlegen wollten, und andere die persönlichen Vorlieben des Paulus. Paulus erklärt, dass ein Leiter rechtmässigerweise der Gemeinde nur das auferlegen kann, „was geschrieben steht“. Kein Leiter hat Autorität, seinen Geschwistern besondere Auslegungen oder Praktiken aufzuzwingen, die über das hinausgehen, was die Heilige Schrift festlegt.

Wegen dieses Problems sagt Paulus den Korinthern: „Ihr seid mit einem Preis erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Wegen dieses Problems widmet Paulus ein ganzes Kapitel (1.Kor.12) der Beschreibung des Leibes Christi, wo die Glieder unterschiedliche Funktionen haben, aber alle dieselbe Wichtigkeit und Würde. Die Glieder haben untereinander eine Beziehung der gegenseitigen Ergänzung, nicht der „Autorität“ und „Unterordnung“.

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete einmal darauf: „Aber die Gemeinde ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Könnt ihr euch einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Haupt angebracht sind? Ein Monster!“ – Dieser Pastor ist im Irrtum, sowohl biblisch als auch anatomisch. Die Bibel bekräftigt ausdrücklich, was er verneint:

„Lasst euch durch niemand um den Kampfpreis bringen, der sich gefällt in [unterwürfiger] Demut und Verehrung der Engel, der sich auf Dinge einlässt, die er [gar] nicht gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, und der sich nicht hält an das Haupt, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, das Wachstum vollzieht, das Gott gibt.“ (Kol.2,18-19, ZÜ)

Jedes Glied des Leibes Christi soll sich also „an das Haupt halten“, das Christus ist. So ist es auch eine anatomische Tatsache, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Vorderarm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer, vom Zentralnervensystem). Dadurch befindet sich tatsächlich jedes Glied in direkter Kommunikation mit dem Haupt; und die Glieder erteilen einander keine Befehle.

Wenn wir nun zum zweiten Korintherbrief gehen, dann sehen wir, dass dieses Problem das einzige ist, das nicht korrigiert wurde, sondern sich sogar verschlimmerte (Kap.10 und 11): Nun ziehen die Korinther jene Leiter vor, die tatsächlich „Unterordnung“ fordern (d.h. die „Überapostel“), entgegen den echten Leitern wie Paulus, Apollos und Petrus. Deshalb muss Paulus auch im zweiten Brief betonen: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter zu eurer Freude; denn im Glauben steht ihr.“ (2.Kor.1,24) – Sein Ziel ist es nicht, dass die Korinther sich ihm unterordnen; sondern dass sie mit Christus vereint werden (2.Kor.11,2).

Da der Autoritarismus es nicht erlaubt, die Lehre und Praxis der Leiter biblisch zu prüfen und zu diskutieren, produziert und verschlimmert er genau dieses Problem. Zuerst produziert er Denominationalismus und Parteisucht (die Situation von 1.Korinther); und wenn er weiter fortschreitet, Sektiererei (die Situation von 2.Korinther).

Sie führt zum Papsttum.

Wenn ein Leiter „die Stimme Gottes“ ist für seine Nachfolger, und wenn der Gehorsam der Untergegebenen Gott gegenüber sich ausdrückt in ihrem Gehorsam dem Leiter gegenüber, dann stellt sich dieser Leiter zwischen seine Untergebenen und Gott. Er wird zu einer „Brücke“ oder einem „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott. Das ist das Wesen des katholischen Priestertums: eine „Brücke“, die den Zugang der Gläubigen zu Gott vermittelt. Deshalb ist einer der Titel des Papstes „Pontifex Maximus“, „der grösste Brückenbauer“.

Aber es ist nicht biblisch, dass ein Mensch diese Stellung einnimmt. (Siehe in Teil 2 über den direkten Zugang des Christen zu Gott.) Das war eines der Schlüsselthemen der Reformation: Brauchen wir die Vermittlung eines Priesters, oder kann sich jeder Christ direkt Gott nähern, durch Jesus Christus? Die Lehren des Autoritarismus sind in Wirklichkeit ein Rückfall zur katholischen Auffassung vom Priestertum.

Und wenn jeder Leiter seinerseits einen übergeordneten Leiter in der „Befehlshierarchie“ haben soll, und das konsequent fortgeführt wird, dann gelangen wir zu einer Pyramidenstruktur, wo notwendigerweise jemand die Stellung an der Spitze einnehmen muss. Und es ist nötig, dass dieser Leiter an der Spitze die Bibel unfehlbar auslegen kann; denn er ist verantwortlich dafür, die ganze Christenheit zu lehren, und er hat niemanden, der ihn belehren könnte, ausser Gott selber. Diese Logik führt unvermeidlicherweise zum römischen Papsttum.

Auf der evangelikalen Seite hat diese Logik des Autoritarismus zwei Ergebnisse hervorgebracht, die wir gegenwärtig beobachten können. Eines ist das Erscheinen verschiedener evangelikaler „Päpste“, die sich an die Spitze ihrer eigenen „Pyramide“ stellen, jeder mit seinen eigenen Nachfolgern. Einige von ihnen sind örtliche Pastoren mit einigen hundert „Jüngern“; andere haben internationalen Einfluss und Millionen von Nachfolgern. Gemeinsam ist ihnen ihr Anspruch auf unantastbare Autorität. Auch wenn sie nicht offen sagen, sie betrachteten sich als „unfehlbar“, so handeln sie doch in der Praxis, als ob sie es wären. Sie fügen der Bibel ihre eigenen Gebote und Ideen hinzu; sie bestrafen ihre Nachfolger, wenn sie ihnen nicht gehorchen; und sie nehmen von niemandem Korrektur an.

Das zweite Ergebnis ist, dass in den letzten Jahren eine wachsende Anzahl evangelikaler Leiter (sogar von internationalem Einfluss) tatsächlich begonnen hat, die Reformation zu widerrufen und die „sichtbare Einheit“ mit dem römischen Papst zu suchen. Unter ihnen sind mehrere Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, d.h. die oberste Vertretung der Evangelikalen weltweit. Auch das ist eine logische Folge des Autoritarismus: Wenn man „dem Leiter gehorchen muss, auch wenn er im Irrtum ist“, dann war die Reformation eine Rebellion gegen die rechtmässige Leiterschaft der Kirche ihrer Zeit. Alle evangelikalen Kirchen haben ihre Wurzeln in dieser „Rebellion“. Wer sich als Erbe der Reformation oder der Täufer versteht, der kann nicht an den Lehren des Autoritarismus festhalten, ohne den Ast abzusägen, auf dem er selber sitzt.
Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Reformation und Katholizismus wesentlich ein Unterschied zwischen christlicher Freiheit und Autoritarismus. Wir sehen dies anhand zweier von Luther formulierter Prinzipien: Das Priestertum aller Gläubigen, und „Sola Scriptura“.

Das Priestertum aller Gläubigen

Im Neuen Testament gibt es genau fünf Stellen, wo Christen „Priester“ oder „Priestertum“ genannt werden:

„… Lasst euch auch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft … Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums …“ (1.Petrus 2,5.9 ZÜ)
(Jesus Christus) „machte aus uns Könige und Priester für Gott, seinen Vater …“ (Offb.1,6)
„…denn du wurdest geschlachtet, und erkauftest für Gott mit deinem Blut aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation, und machtest sie zu Königen und Priestern für unseren Gott …“ (Offb.5,9-10)
„… Über diese hat der zweite Tod keine Autorität, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein, und werden mit ihm tausend Jahre regieren.“ (Offb.20,6)

Diese Stellen sprechen von allen wahren Christen. Es gibt keine Christen, die „priesterlicher“ wären als andere. Jeder Christ ist ein Priester vor Gott, unter dem Hohenpriester Jesus Christus (Hebr. 4,14; 7,26-28).

Im katholischen System sind das besondere Priestertum und die von ihm verwalteten Sakramente notwendig, um den Zugang der Gläubigen zu Gott zu sichern. Die Reformation schaffte diese menschliche Vermittlung ab (siehe 1.Tim.2,5). Aber der Autoritarismus führt die evangelikalen Kirchen zurück zu einer Situation, wo die Gläubigen eine „Priesterschaft“ nötig haben (die „Autoritäten“), die sich zwischen sie und Gott stellen.

Sola Scriptura

Die katholische Kirche kennt drei „Autoritäten“ über die christliche Lehre und Praxis: die Heilige Schrift, die „Tradition“, und das Lehramt der Kirche. Diese drei „Autoritäten“ sind gleichrangig. Deshalb hat die römische Kirche im Lauf der Zeit von ihren Meistern verschiedene Lehren angenommen, die der Bibel widersprechen. Wenn menschlichen Lehrern dieselbe Autorität gegeben wird wie der Heiligen Schrift, dann gibt es keine Möglichkeit, diese Lehrer anhand der Bibel zu korrigieren.

Angesichts dieser Situation postulierten die Reformatoren, dass die Heilige Schrift die einzige massgebende Autorität für die Lehre und das christliche Leben ist. Das kann mit den neutestamentlichen Stellen begründet werden, die jedem Gläubigen auftragen, die Lehren, die er hört, zu prüfen (1.Kor.14,29; Gal.1,8; 1.Thess.5,21; Apg.17,11); und mit den Verheissungen, dass Gott selber jeden Gläubigen lehrt (Joh.6,45; 10,27; 1.Joh.2,27). Jeder Gläubige ist in der Lage, die Bibel zu verstehen, soweit es nötig ist; und es ist weder nötig noch gerechtfertigt, dass die Leiter der Kirche eine „autoritative Auslegung“ als verbindlich erklären.

Infolgedessen hat jeder Gläubige das Recht, einen Leiter oder Lehrer zu konfrontieren und zu korrigieren, wenn ein biblischer Grund dazu besteht. Die Autorität über die Kirche liegt nicht in einer Person oder einem „Amt“, sondern in der Heiligen Schrift. Auch der einfachste Christ, der sich auf die Bibel stützt, hat grössere Autorität als ein Leiter, der im Widerspruch zur Bibel lehrt oder handelt.

Die Lehren und Praktiken des Autoritarismus leugnen das „Sola Scriptura“, und setzen von neuem die Autorität fehlbarer Menschen anstelle der Autorität der Heiligen Schrift.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 3

5. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie gibt uns falsche Motive, Gott zu dienen.

In manchen Gruppen wird gelehrt: „Du gehorchst Gott, indem du deinen Leitern gehorchst.“ Und auch: „Wenn du deinem Leiter nicht gehorchst, verlierst du den Schutz Gottes.“ So wenden die Christen ihre Aufmerksamkeit von Gott ab, und den Leitern zu. Ihre Handlungen sind nicht mehr von der Liebe zu Gott motiviert, sondern von der „Pflicht“, sich dem Leiter unterzuordnen, und von der Angst vor dem Missfallen des Leiters und davor, den Schutz Gottes zu verlieren.

Das Wort Gottes sagt dazu: „In der Liebe ist keine Angst, sondern die vollkommene Liebe wirft die Angst hinaus; denn die Angst hat Strafe; aber wer sich fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe. Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1.Joh.4,18-19).

Wer also die Angst als Motivation zum Gehorsam einführt, der zerstört die Liebe der Gläubigen, und lenkt ihren Blick von der Liebe Gottes ab. Der wahre christliche Gehorsam ist motiviert von der Liebe Gottes zu uns, die als Antwort in uns eine Liebe zu ihm hervorruft.

Ein wiedergeborener Christ hat das Vorrecht einer tiefen Vertrauensbeziehung zu Gott. Er darf wissen, dass Gott auf seiner Seite ist, dass er ihn nicht verlassen wird, dass er ihn beschützt, dass er ihn nie betrügen oder verraten wird, dass er ihn als sein Kind angenommen hat. Die autoritären Systeme zerstören dieses Vertrauen, weil sie zu einer ständigen Angst führen, die Gnade und Fürsorge Gottes zu verlieren. Mitglieder solcher Gruppen fühlen sich unter einem ständigen Druck, an sich selbst und an ihrer guten Beziehung zu Gott zu zweifeln, weil sie vielleicht irgendeine Anordnung der Leiter übersehen hatten, oder eines von deren „Prinzipien“ oder Menschengeboten übertreten hatten (s.u).

Sie bewirkt Sünde.

Gott hat versprochen, die Seinen davor zu beschützen, in Sünde zu fallen:

„Denn die Sünde wird keine Macht über euch haben; denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“ (Röm.6,14)
„Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Röm.8,2)
„Gott ist treu und wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen hinaus versucht werdet. Er wird mit der Versuchung auch den Ausweg schaffen, damit ihr sie ertragen könnt.“ (1.Kor.10,13)
„Dazu hat sich der Sohn Gottes gezeigt, um die Taten des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht die Sünde, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen
[genauer: in Sünde leben], denn er ist aus Gott geboren.“ (1.Joh.3,8-9)
„… er kann euch ohne Fehltritt bewahren, und euch untadelig festigen vor seiner Herrlichkeit mit Frohlocken …“ (Judas 24).

Aber in den autoritären Strömungen wird anstelle des Schutzes Gottes die „Abdeckung“ durch die Leiterschaft gesetzt. Das hat verschiedene schädliche Folgen:

– Das Vertrauen auf Gott wird zerstört, und ersetzt durch die Abhängigkeit von Menschen.

Christen, welche den autoritären Lehren Glauben schenken, richten ihr Vertrauen auf das falsche Objekt. Statt auf den Schutz Gottes zu vertrauen, beginnen sie zu glauben, es sei ihre Unterordnung unter die Leiterschaft, welche sie vor der Sünde beschützt. Aber ein blosser Mensch kann keinen solchen Schutz bieten. Deshalb kommen die Christen, die solchen Lehren folgen, zu Fall, wie wir gewarnt werden:

„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; wer aber auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25)
„Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht, und sein Herz sich vom Herrn abwendet. Denn er wird sein wie der Strauch in der Wüste (…)
Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut, und dessen Zuversicht der Herr ist. Denn er wird sein wie der Baum, der am Wasser gepflanzt ist …“ (Jer.17,5-8)

– Dem Wort Gottes werden Menschengebote hinzugefügt.

Jesus wies die Pharisäer und Schriftgelehrten zurecht: „Und ihr habt mit eurer Tradition das Gebot Gottes aufgehoben. Ihr Heuchler, gut hat Jesaja über euch prophezeit: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.‘ “ (Mat.15,6-9)

Die Pharisäer glaubten, das Gesetz Gottes sei nicht genug. Sie glaubten sich beauftragt, „das Gesetz Gottes zu schützen“, indem sie einen grossen „Zaun“ von zusätzlichen Geboten darum herum aufbauten. Wie jemand, der einen Ziehbrunnen auf dem Feld hat, und vermeiden möchte, dass jemand hineinfällt; aber er begnügt sich nicht damit, den Brunnen zuzudecken, sondern baut zusätzlich einen Zaun in hundert Metern Entfernung rund um den Brunnen herum, damit sich niemand dem Brunnen auch nur nähern kann.

Das kann auch auf ganz subtile Weise geschehen, indem z.B. gewisse biblische Anweisungen überbetont und als „Gesetze“ streng eingefordert werden, während andere Bibelstellen übergangen werden.

Aber der Pharisäismus führt dazu, dass ihre Nachfolger erst recht in Sünde fallen. „Denn ihr durchzieht das ganze Meer und das Trockene, um einen einzigen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, doppelt [so schlimm] wie ihr.“ (Mat.23,15). Die Wurzel des Pharisäismus ist der Unglaube: Sie glauben nicht, dass Gott vollkommen imstande ist, die Seinen zu beschützen. Aber „der Gerechte wird durch Glauben leben“, in der Kraft des Evangeliums von Christus (Römer 1,16-17), nicht durch das Erfüllen von Menschengeboten.

Das ist nicht blosse Theorie. Ich musste in verschiedenen evangelikalen Organisationen beobachten, dass je mehr die Mitglieder unter Druck gesetzt wurden mit Verhaltensregeln, äusserlichen Vorschriften, Kleidungsvorschriften, strenger Trennung zwischen Frauen und Männern, Verboten gewisser Musikstile, usw, desto mehr nahm die Sünde in ihrer Mitte zu.

Menschengebote sind nicht in der Lage, uns vor Sünde zu beschützen:
„Wenn ihr mit Christus den Weltelementen gestorben seid, warum lasst ihr euch Vorschriften machen als solche, die in der Welt leben? ‚Nimm nicht, koste nicht, berühre nicht‘, was alles zur Vernichtung durch den Verzehr ist. Sie folgen Geboten und Lehren von Menschen, und haben den Ruf der Weisheit wegen des eigenwilligen Gottesdienstes und der Demut und der Strenge dem Körper gegenüber; aber sie haben keinen Wert hinsichtlich der Befriedigung des Fleisches.“ (Kol.2,20-23)

Noch schlimmer ist es, wenn Verhaltensregeln auferlegt werden, die nicht einmal offen deklariert werden. In einer solchen heuchlerischen Umgebung gibt man sich den Anschein von Freiheit; und nur durch Andeutungen wird dem „Übertreter“ hinterher zu verstehen gegeben, dass er irgendein unausgesprochenes Gesetz gebrochen hat. Z.B. weil er den Pastor nicht mit seinem Titel angesprochen hat; oder weil er ein „verbotenes“ Kleidungsstück trägt; oder weil er über ein Thema gesprochen hat, über das „man nicht spricht“.

Wahre Christen sind Kinder des Lichts, leben im Licht (d.h. offen und transparent), und bringen die unfruchtbaren Werke der Finsternis ans Licht (Eph.5,11-13, 1.Joh.1,5-8). In einer wirklich christlichen Umgebung ist kein Platz für Andeutungen, unausgesprochene Gesetze, oder andere Arten von unaufrichtiger Kommunikation.

– Die Leiter werden angreifbar für die Sünde.

Auch die Leiter in autoritären Systemen fallen oft in Sünde. Das liegt daran, dass diese Lehren in den Leitern Selbstherrlichkeit und Stolz hervorrufen. Sie sehen sich an der Spitze der „Befehlshierarchie“ als solche, die über alle anderen befehlen dürfen. Deshalb tendieren Leiter in autoritären Systemen dazu, sich selber in eine Position zu versetzen, wo sie vor niemandem Rechenschaft ablegen müssen. Einige Leiter, die laut über „Unterordnung unter die Autorität“ predigen und über die Pflicht, „Rechenschaft abzulegen“, antworten auf die Frage, vor wem sie Rechenschaft ablegen: „Ich bin nur Gott Rechenschaft schuldig.“ D.h. sie haben eine Doppelmoral: sie praktizieren selber nicht, was sie von anderen fordern. – Andere setzen eine Art Vorstand ein, um den Anschein zu erwecken, sie hätten Leiter über sich. Aber der Vorstand ist nur zum Schein da; er besteht aus Personen, die völlig vom Leiter abhängig sind und sich nie getrauen würden, ihm zu widersprechen.
Als Nebeneffekt tendieren autoritäre Leiter dazu, ihr Privatleben vor ihren Untergebenen geheimzuhalten. Sie fürchten, ihre „Autorität“ zu verlieren, wenn jemand erfahren könnte, dass sie ein Eheproblem haben, oder eine persönliche Schwäche, oder dass sie eine Sünde begangen haben. Oft benutzen sie die Lehre von der Unterordnung dazu, zu vermeiden, dass jemand sie konfrontieren könnte wegen einer Sünde oder einer falschen Lehre: „Wer bist du, dass du einen Diener Gottes kritisierst? Du hast einen kritischen Geist, eine rebellische Haltung, bist respektlos …“ So gibt es autoritäre Leiter, die während Jahren oder sogar Jahrzehnten in Sünde leben und es immer schlimmer wird mit ihnen, ohne dass sie je von jemandem Korrektur entgegennähmen, bis alles in einem grossen Skandal auffliegt.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 2

25. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“?

Sie ist unbiblisch.

Der erste Test für jede Lehre und Praktik ist immer: Entspricht es der Heiligen Schrift; insbesondere dem Neuen Testament?

Die Vertreter des Autoritarismus zitieren einige Bibelstellen als Begründungen. Aber bei näherer Untersuchung findet man meistens, dass diese Stellen aus dem Zusammenhang gerissen wurden, falsch angewandt werden, und/oder nicht wirklich das aussagen, was die Lehrer des Autoritarismus behaupten. In einem späteren Artikel werden wir einige dieser Stellen untersuchen. Zuerst aber sehen wir kurz, was Jesus und die Apostel über die Struktur der Gemeinde sagen, und über christliche Leiterschaft:

„Aber ihr sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; und ihr alle seid Brüder. Und nennt niemanden auf der Erde euren Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist.“ (Mat.23,8-9)

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Aber der Angestellte, der nicht der Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, schaut zu, wie der Wolf kommt, und verlässt die Schafe und flieht …“ (Joh.10,11-12)

Die neutestamentliche Gemeinde ist eine Bruderschaft unter einem einzigen Vater; eine Herde unter einem einzigen Hirten. In diesen Bibelstellen gibt es keine hierarchischen Unterschiede zwischen einem Bruder und dem anderen, oder zwischen einem Schaf und dem anderen. Auch der berühmteste Apostel ist nicht mehr als ein Kind in der Familie des himmlischen Vaters; nicht mehr als ein Schaf in der Herde des guten Hirten. Im Leib Christi gibt es unterschiedliche Funktionen; aber diese Verschiedenheit begründet keine „Unterordnung“ unter eine Hierarchie, keine militärische „Befehlskette“.

„Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht‘; noch der Kopf zu den Füssen: ‚Ich brauche euch nicht.‘ Im Gegenteil, jene Körperteile, die uns schwächer scheinen, sind viel notwendiger; und jene, die wir weniger wertschätzen, umgeben wir mit grösserer Wertschätzung (…) Aber Gott fügte den Körper (so) zusammen: er gab jenen grössere Wertschätzung, denen sie fehlt, damit der Körper einig sei, und damit die Glieder sich in gleicher Weise umeinander kümmern.“ (1.Kor.12,21-25)

Diese Worte stehen im Zusammenhang mit den verschiedenen „Gaben“ oder „Funktionen“, die Gott der Gemeinde gegeben hat: Apostel, Propheten, Lehrer, usw.

Jesus sprach zu seinen Jüngern sehr klar über die Gefahr, Strukturen der „Autorität und Unterordnung“ errichten zu wollen:

„Die Könige der Nationen machen sich zu Herren über sie [d.h. verlangen Unterordnung], und jene, die Autorität ausüben über sie, lassen sich Wohltäter nennen. Aber unter euch soll es nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll wie der Jüngste werden, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger: der zu Tisch sitzt, oder der Dienende? Nicht der, der zu Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der Dienende.“ (Luk.22,25-27, siehe auch Mat.20,25-28, 23,12, Joh.13,13-15, 1.Petrus 5,3.)

In dieser Hinsicht drücken sich die Schreiber des Neuen Testaments sehr genau aus. In einem säkularen Zusammenhang haben sie kein Problem damit, zu sagen, ein Leiter stehe „über“ anderen. Aber nie brauchen sie dieses Wort „über“, wenn sie von einem Leiter von Christen sprechen. Z.B. Mat.20,25-27: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Nationen sich zu Herren über sie machen (wörtlich: „hinunter-herrschen“), und die Grossen üben Autorität über sie aus (wörtlich: „hinunter-Autorität ausüben“). Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer gross sein möchte unter („en“ = wörtlich „in“) euch … und wer der Wichtigste sein möchte unter euch …“ – Diese Stelle macht deutlich, dass Autoritätsstrukturen, wie sie in den weltlichen Regierungen bestehen, nicht in die christliche Gemeinschaft hineingetragen werden sollen.

Von Christus sagt die Schrift, er sei „zum Haupt über alles“ erhoben worden (Eph.1,22). Aber von den christlichen Leitern heisst es: „… die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn …“ (1.Thess.5,12). Es heisst nicht „die über euch stehen“. Die Idee von „Oberen“ und „Untergebenen“ findet keine Anwendung in der neutestamentlichen Gemeinde. (Siehe auch 1.Petrus 5,2-3.)

Anstelle einer „vertikalen“ Struktur betont das Neue Testament viel stärker die „horizontalen“ Beziehungen, die „Einander-„Beziehungen im Leib Christi:

„Wir sind … Glieder voneinander“ (Röm.12,5, Eph.4,25)
„Liebt
einander.“ (Joh.13,34-35, Röm.12,10, 1.Petrus 1,22, 1.Joh. 3,11.23, u.a.)
„Tragt
einer des anderen Last …“ (Gal. 6,2)
„Und vergesst nicht Gutes zu tun, und die Gemeinschaft [untereinander] …“ (Hebr. 13,16)
„Beherbergt
einander ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Legt die Lüge ab, und sprecht Wahrheit
jeder zu seinem Nächsten …“ (Eph.4,25)
„Ihr selber
[alle Gemeindeglieder] seid voll Tugend, voll aller Erkenntnis, fähig, auch andere zu ermahnen.“ (Röm.15,14)
„… lehrt und ermahnt
einander in aller Weisheit …“ (Kol.3,16)
„Ermutigt einander, und erbaut
einander“ (1.Thess.5,11)
„… um
einander anzuspornen zur Liebe und zu guten Taten …“ (Hebr.10,24)
„… indem ihr
zueinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern …“ (Eph.5,19)
„Bekennt
einander eure Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jak.5,16)
„Seid gütig
zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Eph.4,32)
„Ordnet euch
einander unter in der Furcht Gottes.“ (Eph.5,21)
„… und alle,
einander untergeordnet, zieht Demut an …“ (1.Petrus 5,5)

Die zwei letzten Stellen sind besonders wichtig, weil sie den Begriff der „Unterordnung“ enthalten, den der Autoritarismus so sehr betont. In der neutestamentlichen Gemeinde ist auch die „Unterordnung“ gegenseitig, sie geht in beide Richtungen. Es gibt keine „Oberen“, die von ihren „Untergebenen“ „Unterordnung“ verlangen könnten; der Herr ruft uns auf, uns einander unterzuordnen.

Was die Gemeindeleitung betrifft, so finden wir, dass alle neutestamentlichen Gemeinden, soweit wir darüber informiert sind, von einem Team von mehreren Leitern gemeinsam geleitet wurden. Das ist wichtig, weil so auch innerhalb des Leitungsteams die gegenseitige Unterordnung praktiziert wurde, nicht eine Unterordnung aller unter einen einzigen „Hauptleiter“.

Sie unterwirft das Volk Gottes einer unangemessenen Form von Autorität.

Die Vertreter des Autoritarismus stützen sich auf eine einzige Form von Autorität ab: die delegierte Autorität bzw. Autorität aufgrund einer Position. Das ist die Art von Autorität, die wir in den weltlichen Regierungen finden, oder in der Armee: Die Leiter kommen zu ihrer Position, weil sie von ihren Vorgesetzten dahin befördert wurden. Ihre Pflicht besteht darin, die Befehle ihrer Vorgesetzten an ihre Untergebenen weiterzuleiten. Die Untergebenen müssen jedem gehorchen, der eine „übergeordnete“ Position innehat, unabhängig vom Charakter dieser Person, und unabhängig davon, ob sie ihre Leiterschaft gut oder schlecht ausübt.

Jesus erklärte in Lukas 22,25-27 und Parallelstellen, dass in seinem Volk eine andere Art von Autorität gilt: die beziehungsmässige Autorität, bzw. Autorität aufgrund von Anerkennung. Das ist z.B. die Autorität eines älteren Freundes, dessen Ratschläge ich respektiere, weil ich ihn als einen reifen und weisen Christen kenne. Diese Art von Autorität zwingt sich nicht auf, und hat nichts zu tun mit einer „Position“ oder einem „Amt“, das mein Freund innehätte. Sie beruht darauf, wer er ist, und auf meiner Anerkennung seiner Qualitäten. (Einige Autoren nennen diese Art von Autorität eine moralische Autorität.)

In den folgenden Zitaten finden wir weitere Hinweise darauf, dass dies die Art von Autorität ist, die in der neutestamentlichen Gemeinde ausgeübt wurde:

„Sucht also, Brüder, sieben Männer unter euch mit gutem Zeugnis, voll des Heiligen Geistes und Weisheit, die wir über diese Notwendigkeit einsetzen können…“ (Apg.6,3)

Das war keine „Delegation“ oder „Beförderung“ gewisser Personen von seiten der Apostel, um die neuen Verantwortungen wahrzunehmen. Stattdessen wurde die ganze Gemeinde gebeten, Personen zu suchen mit den nötigen Qualifikationen. Mit anderen Worten, die Sieben wurden ausgewählt aufgrund ihrer Anerkennung durch die Gesamtgemeinde.

„Aber von jenen, die als etwas gelten (…), mir haben jene, die etwas gelten, nichts auferlegt (…) Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen gelten…“ (Gal.2,6.9)

Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes galten als „Säulen“, nicht aufgrund einer „Position“, die sie innegehabt hätten, sondern wegen ihrer hohen Wertschätzung in der Gemeinde. Das mit „gelten“ übersetzte Wort (dreimal dokéo) bedeutet „denken, meinen, [jemandem] scheinen, ansehen [als]“, manchmal auch „wertschätzen“. Die Autorität dieser drei Leiter gründete sich auf der Anerkennung ihrer Qualitäten durch die ganze Gemeinde.

1.Tim.3 zählt einige Anforderungen an Leiter auf. Diese Anforderungen zeigen, dass die Autorität der Ältesten nicht darauf beruhte, in ein „Amt“ eingesetzt worden zu sein (delegierte Autorität), sondern auf dem Erweis ihrer persönlichen Qualitäten und Integrität (moralische Autorität).
Das entspricht auch der Art und Weise, wie die Ältesten in Israel gewählt wurden: Die Stämme oder Sippen wählten die reifsten und weisesten Familienväter zu Ältesten. Ihre eigenen Familienmitglieder und nächsten Bekannten konnten diese Qualitäten bezeugen, und so entscheiden, welche Personen Älteste sein sollten.

In einigen Bibelübersetzungen scheint Apg.14,23 dieser Ansicht zu widersprechen: „Und sie [Paulus und Barnabas] setzten in jeder Gemeinde Älteste ein…“ Das kann den Eindruck vermitteln, die Apostel hätten bestimmte Gemeindeglieder zu Ältesten „ernannt“ oder „befördert“. Aber das mit „einsetzen“ übersetzte Wort ist cheirotonéo, „durch Handaufheben bestätigen“. Die Apostel entschieden also nicht allein. Wir können annehmen, dass ihre Meinung grosses Gewicht hatte, da sie als erste das Evangelium gebracht hatten. Aber die Anerkennung von seiten der Gemeinde hatte mindestens dasselbe Gewicht.

Hierarchische Strukturen in der Form einer „Befehlskette“ mögen in einer weltlichen Regierung oder in der Armee angebracht sein. Aber wenn sie in die Gemeinde Gottes eingeführt werden, dann wird der Gemeinde eine fremde Art von Autorität aufgezwungen, die weltlich und nicht biblisch ist.

Sie hält das Volk Gottes in der Unreife fest.

Die Mitglieder einer autoritären Gruppe sind vom Leiter abhängig. Der Leiter muss für sie die Bibel auslegen; muss für sie beten; muss ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen, sogar in ihrem Privatleben… Dieser Lebensstil mag vielen Menschen anziehend erscheinen, die nicht gerne für ihr Leben Verantwortung übernehmen. Sie können dann in der Illusion leben, ihre Leiter seien für alles verantwortlich. Wo es keine Entscheidungsfreiheit gibt, da ist auch keine Gelegenheit, Verantwortlichkeit zu lernen und auszuüben.

Aber Gott möchte nicht, dass wir einen solchen sklavischen Geist haben. Er möchte uns den Geist von Söhnen geben, freien und verantwortlichen Söhnen, die in der Liebe des Vaters Sicherheit finden. „Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei empfangen, um wiederum Angst zu haben. Sondern ihr habt einen Geist der Adoption empfangen, in dem wir rufen: ‚Abba („Papi“), Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm.8,15-16). Wer als Kind Gottes adoptiert worden ist, der wird sich nicht wieder in eine sklavische Abhängigkeit von menschlichen Leitern begeben.

„Steht also fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat, und lasst euch nicht wieder einem Joch der Sklaverei unterwerfen.“ (Gal.5,1)

„Er (Christus) hat euch mit einem Preis erkauft; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Der direkte Zugang zu Gott ist ein äusserst wichtiger Aspekt des christlichen Lebens:

„Da wir also einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns am Bekenntnis festhalten. (…) Treten wir also mit Freimut zum Gnadenthron hinzu, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade von Gott finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebr.4,14-16)

„Also, Brüder, da wir Freimut haben, in das Allerheiligste einzutreten durch das Blut Jesu, welches ein neuer und lebendiger Weg ist, den er für uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das ist sein Fleisch, und einen grossen Priester über das Heim Gottes, lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in der Fülle des Glaubens, die Herzen besprengt [zur Reinigung] vom schlechten Gewissen, und den Körper gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr.10,19-22)

Dieser Zugang geschieht durch Jesus Christus. Wir brauchen keine Vermittlung durch einen Leiter, Priester, Pastor, oder irgendeinen anderen Menschen auf Erden.

„Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.“ (1 Tim.2,5)

Der Herr möchte auch jedes Glied seines Volkes direkt und persönlich führen und lehren:

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh.10,27)

„Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass jemand euch lehrt, sondern wie die Salbung selber euch über alles belehrt …“ (1.Joh.2,27)

Diese direkte Beziehung zu Gott geht verloren, wenn Christen sich angewöhnen, in allen Aspekten des christlichen Lebens von ihren Leitern abhängig zu sein. Sie wissen dann nicht, wie sie selber die Bibel verstehen können; sie sind sich nicht gewohnt, selber zu beten; sie wissen nicht, wie sie selber Gottes Führung für ihr Leben suchen können; sie wissen nicht, wie sie den Versuchungen widerstehen können, oder wie sie sich gegen Angriffe und gegen falsche Lehren wehren können.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 1

21. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Historische Einleitung

Ich lebe im peruanischen Hochland. Diese Gegenden haben das Christentum in einer schrecklich verzerrten Form kennengelernt. Es kam im 16. Jahrhundert in Form eines Priesters, der nach Darlegung einiger biblischer Lehren den König, Inka Atahuallpa, mit folgender Forderung konfrontierte:
„Die Päpste, Nachfolger des heiligen Petrus, regieren über das ganze Menschengeschlecht. Alle Völker (…) müssen ihnen gehorchen. Ein Papst hat den Königen von Spanien alle diese Länder gegeben, um die Ungläubigen zu befrieden und sie unter die Herrschaft der katholischen Kirche zu bringen. (…) Deshalb müssen Sie, Herr, dem Kaiser tributpflichtig werden, die Verehrung der Sonne aufgeben und allen Götzendienst, der euch in die Hölle bringt, und müssen die wahre Religion annehmen.“

Statt ein Evangelium der Erlösung und Freiheit zu verkünden, wurde das Christentum als „Unterwerfung unter die Autorität“ des Königs und des Papstes vorgestellt. Hinter dem Priester Valverde stand der Eroberer Pizarro mit seiner Armee, um dieser Forderung mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Es folgten dreihundert Jahre der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung.

Das war auch das Jahrhundert des Ignatius von Loyola, der sich vorgenommen hatte, die Reformation zu bekämpfen, indem er eine „geistliche Armee“ ausbildete, die ihm, und dem Papst, in unbedingtem Gehorsam folgen würde. Ignatius verlangte Folgendes von seinen Jüngern:
„Um in allem richtigzugehen, sollen wir immer dafürhalten und glauben, dass das Weisse, was ich sehe, schwarz sei, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt.“ (Ignatius von Loyola, „Geistliche Übungen“)
Ignatius lehrte also, die „Autoritäten“ der Kirche hätten das Recht, die Wahrheit zu verdrehen, und die Gläubigen müssten ihnen gehorsam in ihrer Lüge folgen, selbst wenn die Lüge vor aller Augen offensichtlich sei. Das ist ein direkter Widerspruch gegen das Wort Gottes, welches sagt: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die aus Licht Finsternis machen und aus Finsternis Licht; die das Bittere als süss darstellen und das Süsse als bitter!“ (Jesaja 5,20)

Ignatius sagte auch: „Wir sollen wie ein Kadaver sein, der von sich aus unfähig ist sich zu bewegen, oder wie der Stock eines Blinden[, in der Hand unserer Oberen].“ (Von daher kommt unser Wort „Kadavergehorsam“.) – Schon die mittelalterlichen Mönchsgelübde verlangten unbedingten Gehorsam den Oberen gegenüber; aber Ignatius zog diesen Gedanken ins Extrem.

Vergleichen wir damit die Auswirkungen des Wortes Gottes in den Ländern, die von der Reformation beeinflusst wurden. Das Grundprinzip der Reformation war, dass die Heilige Schrift oberste Autorität über die Lehre und Praxis der Christen ist. Nach diesem Prinzip konnte auch der einfachste Christ, wenn er biblische Gründe dazu hatte, jeden Leiter und jede „Autorität“ – selbst den Papst – zurechtweisen, wenn dieser entgegen dem Wort Gottes lehrte oder handelte. Obwohl die Reformatoren selber oft diesem Prinzip zuwiderhandelten, gab dies doch den „Laien“ eine nie dagewesene Macht, gegen jede unrechte Tyrannei aufzustehen. Ein Jahrhundert nach dem Sieg der Reformation begann man dieses Prinzip in den Bereich der Politik zu tragen; zuerst in England. Es wurde gelehrt (aufgrund von Bibelstellen wie 5.Mose 17,16-20 und Apg.5,29), dass selbst der König nicht nach Gutdünken regieren kann; er muss sich dem Gesetz unterwerfen. So entstand der moderne Rechtsstaat. Das neutestamentliche Modell einer Gemeinde, die von einem Ältestenkollegium geleitet wird (nicht von einem einzelnen Mann an der Spitze), welches seine Entscheidungen in Einmütigkeit trifft (siehe z.B. Apg.15), wurde zum Vorbild für die Einrichtung von Parlamenten. Anfangs des 19.Jahrhunderts kämpfte William Wilberforce auf biblischen Grundlagen für die Abschaffung der Sklaverei in England; Abraham Lincoln tat dasselbe in den USA.

In den reformierten Ländern führte also das allgemeine freie Erforschen der Bibel zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zu einer besseren Ethik. In den spanischen Kolonien dagegen wurde die Bibel in der Hand eines autoritären Klerus dazu missbraucht, ganze Nationen zu versklaven. Dieser Autoritarismus prägt die peruanische Gesellschaft bis heute in allen ihren Bereichen. Selbst in den peruanischen evangelischen Kirchen wird das Christentum vorwiegend als „Unterwerfung unter die Autorität des Pfarrers“ verstanden. Der grundlegende Unterschied zwischen den Reformationsländern und den spanischen Kolonien besteht in den grundverschiedenen Auffassungen von „Autorität“.

Im vorliegenden Artikel (und den folgenden) habe ich hauptsächlich die evangelikalen Kirchen im Auge. Es ist meine Beobachtung, dass ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen – auch in den Reformationsländern – den Boden der Reformation verlassen hat und zum römisch-katholischen Konzept zurückgekehrt ist, was die Auffassung von „Autorität“ betrifft.

Ansätze zu autoritären Lehren und Praktiken im evangelikalen Raum finden sich bereits in den Schriften von Watchman Nee. Meines Wissens war er es, der den Begriff der „geistlichen Abdeckung“ prägte. Weite Verbreitung fand der evangelikale Autoritarismus aber erst ungefähr ab den 1970er-Jahren. Auf der pfingstlich-charismatischen Seite war der Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung gross (deren Leiter, u.a. Derek Prince, aber bereits 1986 ihre Lehren und Praktiken widerriefen). Auf der „konservativen“ oder „Mainstream-„Seite beeinflussten Bill Gothard und seine Anhänger Zehntausende von Pastoren und Millionen von Gemeindegliedern mit ihren hyper-autoritären Lehren. Weitere verwandte Strömungen sind u.a. der calvinistische „Rekonstruktionismus“ oder „Dominionismus“; die charismatische „G12“; und eine neue „Königreichs-Lehre“ in gewissen Hausgemeinde-Kreisen.

Einige Autoren sehen im Autoritarismus der 1970er-Jahre eine Reaktion auf die 68er-Bewegung mit ihrer Ablehnung aller Autorität, welche die Evangelikalen zutiefst verunsicherte. Ein Kommentator sagte: „Wenn dein Haus brennt, dann fragst du den Feuerwehrmann nicht nach seinen Lehrüberzeugungen.“ Die Lehrer des Autoritarismus waren anscheinend solche „Feuerwehrmänner“, deren Lehren und Praktiken angesichts einer Notsituation unkritisch übernommen wurden. Erst später wurden die unheilvollen Folgen sichtbar: Tausende, vielleicht Millionen von Gemeindegliedern wurden bevormundet, psychisch zerstört, und in ihrem Glauben zutiefst verunsichert (man spricht von „geistlichem Missbrauch“). Und viele evangelikale Christen prüfen nicht mehr anhand der Schrift, was ihre Leiter lehren und praktizieren.

Was ist Autoritarismus?

Es gibt unterschiedliche Strömungen und Färbungen des evangelikalen Autoritarismus. Aber im wesentlichen kann er so zusammengefasst werden:

„Ein Christ muss sich seinen Leitern unterordnen und gehorchen, nicht nur in Angelegenheiten direkter biblischer Gebote, sondern in allem. Wenn ein Christ einen Leiter kritisiert oder ihm widerspricht, begeht er die Sünde der ‚Rebellion‘.“

Einige gehen noch weiter und sagen ausdrücklich, ein Christ müsse sich auch dann unterordnen und gehorchen, wenn seine Leiter in Sünde leben, oder wenn ihre Befehle unsinnig, schädlich, oder im Widerspruch zur Bibel sind.

Einige lehren zudem, die Unterordnung unter einen autoritären Leiter sei eine „Abdeckung“, die einen beschützt vor Versuchungen, teuflischen Angriffen, und Strafen Gottes.

In der Praxis führt das zu Situationen wie die folgenden:

– Eine Frau lässt sich von ihren Gemeindeleitern überzeugen, eine gutbezahlte Arbeitsstelle zu kündigen, um als Sekretärin der Kirche zu arbeiten, zu einem niedrigeren Lohn und ohne formellen Arbeitsvertrag. Nach mehreren Monaten wartet sie immer noch auf ihren ersten Lohn. Sie reklamiert bei den Leitern, aber diese sagen ihr nur, sie solle Geduld haben. Später stellt sie die Leiter wiederum zur Rede, zusammen mit zwei anderen Personen (nach Mat.18,16). Die Leiter machen ihr Vorwürfe, weil sie mit anderen Personen über die Angelegenheit gesprochen hat. Einige Zeit später wird sie wegen „Klatsch“ und „Rebellion“ entlassen.

– Der Kassier einer Kirche erhält Anweisungen von seinem Pastor, bestimmte Änderungen in der Buchhaltung durchzuführen. Bei der Überprüfung findet der Kassier Beweise für unrechtmässige Bereicherungen von seiten des Pastors, und versteht, dass die verlangten Änderungen dazu dienen sollen, diese Tatsachen zu verbergen, angesichts einer bevorstehenden Revision. Der Kassier getraut sich nicht, die Anweisungen in Frage zu stellen, da er weiss, dass er sonst als „ungehorsam“ unter „Gemeindezucht“ gestellt würde. Er erwägt zurückzutreten und zu einer anderen Gemeinde zu wechseln. Aber der Pastor droht ihm: „Wenn du das tust, dann verlierst du deine ganze geistliche Abdeckung, und fällst unter einen Fluch und unter den Einfluss des Teufels.“ Dadurch lässt sich der Kassier zwingen, sich zum Komplizen des Pastors zu machen, wenn auch mit einer riesigen Last auf seinem Gewissen.

– Die Leiter einer gewissen Kirche glauben sich dazu berufen, über allen Liebesbeziehungen und Heiraten der Mitglieder streng zu „wachen“. Sie verbieten ihnen, eine Paarbeziehung anzufangen oder zu heiraten ohne die Erlaubnis der Leiter. Sie trennen Dutzende von Liebes- und Brautpaaren, und zwingen sie, jemand anderen zu heiraten. Einige der betroffenen Personen verlassen die Kirche und verlieren ihren Glauben. Andere fügen sich den Leitern und erleiden später Schiffbruch in ihrer Ehe.

– In einer gewissen Kirche weiss jedermann, dass der Pastor eine Geliebte hat. Aber niemand getraut sich darüber zu sprechen, weil sie wissen, dass sie sonst unter „Gemeindezucht“ gestellt würden; denn es gilt als Sünde, den Pastor zu kritisieren. Die Kirche hat einen regionalen Rat, der gemäss dem offiziellen Organigramm über die örtlichen Pastoren wachen soll. Eines Tages konfrontiert der Regionalpräsident den Pastor mit seiner Sünde. Der Pastor berät sich mit einigen Leitern, die ihn unterstützen; beklagt sich über „Rebellion“ von seiten eines Mitarbeiters (womit der Regionalpräsident gemeint ist), und sie intrigieren gegen den Regionalpräsidenten, um ihn seines Amtes zu entheben.

In autoritären Organisationen kommt es oft vor, dass ein „Vorstand“ eingesetzt wird, um den Anschein einer Gewaltenteilung zu erwecken, während in Wirklichkeit der Vorstand keinerlei Macht hat, sondern vollständig vom autoritären Leiter abhängig ist.

(Die Beispiele beruhen auf mir bekannten authentischen Fällen, nur mit Änderungen einiger Details. Ich habe Kenntnis von noch schwerwiegenderen Fällen.)

In Familien, die von einer autoritären Strömung beeinflusst sind, kommen oft Kindsmisshandlungen und sexueller Missbrauch vor. Zudem wird eine „Schweigekultur“ gepflegt, um die Taten zu verheimlichen und zu verhindern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. – In dieser Schrift ist nicht Raum, um auf diese Problematik einzugehen; ich beschränke mich im folgenden auf die Aspekte, die die Kirche betreffen.

Die erwähnten Beispiele zeigen bereits, dass der Autoritarismus schlechte Frucht bringt. In den folgenden Artikeln werden wir das auf etwas systematischere Weise untersuchen.

Wie die Gehirnwäsche im kommunistischen Deutschland funktioniert

4. August 2014

Leider etwas spät fand ich diesen offenen Brief von Dirk Wunderlich, dem Vater der deutschen Familie, der schon seit längerem die Ausreise nach Frankreich verweigert wird, und die ausserdem Opfer gewalttätiger Übergriffe von seiten deutscher Behörden geworden ist:

http://www.freiewelt.net/wie-laut-soll-ich-denn-noch-schreien-oder-die-schulpflicht-der-staat-und-der-tod-10036017/

Wunderlich analysiert darin eingehend, wie Deutschland 1968 eine (von der sogenannten „Frankfurter Schule“ initiierte) Kulturrevolution erlebte, und im Zuge der daraufhin einsetzenden allgemeinen Gehirnwäsche immer mehr zu einem Orwellschen Unrechtsstaat geworden ist. Es versteht sich von selbst, dass die Schulen ein entscheidendes Element dieser Gehirnwäsche sind, und dass von daher die Machthaber insbesondere die Schulpflicht mit brutaler und unverhältnismässiger Gewalt durchsetzen.

Dass die meisten Deutschen gar nicht bemerkt haben, dass diese Revolution stattgefunden hat, ist bei näherem Zusehen gar nicht so verwunderlich. Die Umstürzler haben aus den Erfahrungen des Sowjetkommunismus gelernt und wissen jetzt, dass es mehr Erfolg verspricht, ihre Revolutionen mittels allmählicher „Umerziehung“ des Volkes durchzuführen statt mit direkter Gewalt. „Der lange Marsch durch die Institutionen“ wurde diese verdeckte Operation von der „Frankfurter Schule“ genannt. Offenbar ist dieser lange Marsch jetzt an seinem Ziel angekommen, bevor es die meisten Deutschen überhaupt bemerkt haben.

Man vergleiche dazu den Fall Venezuela. Ausländische Beobachter erkannten ziemlich bald nach der Wahl von Hugo Chavez, dass er das Land allmählich in eine kommunistische Diktatur umgestaltete. Den Venezolanern selber ist das aber mehrheitlich erst in den letzten Jahren klargeworden, und einige haben es immer noch nicht bemerkt. (Als Chavez noch lebte, wurde er z.B. in mehreren evangelikalen Internet-Diskussionsforen als „Christ“ bezeichnet.) Wenn man selber das Ziel unterschwelliger Gehirnwäsche ist, dann bemerkt man das eben viel später als ein Aussenstehender – oder überhaupt nicht. Genau dasselbe geschieht anscheinend in Deutschland.

Es gab zwar einige wenige Warner (z.B. der dieses Jahr verstorbene Theologieprofessor Georg Huntemann), aber sie wurden anscheinend nicht ernst genommen. Man vergleiche auch den aufschlussreichen Artikel „60 Jahre DDR“.

Traurigerweise spürt man aus dem Brief der Wunderlichs auch die Verzweiflung einer Familie, deren psychische und physische Widerstandskraft durch den Staatsterror gezielt zerstört wurde. Und es gibt niemanden in Deutschland, der dagegen aufschreit?! Der Verdacht liegt nahe, dass die gegenwärtige Verfolgung christlicher Familien in Deutschland (schätzungsweise mindestens zwanzig Fälle in den letzten zehn Jahren) nur ein „Probelauf“ an einer gesellschaftlich isolierten Randgruppe ist (mehrheitlich „Homeschooler“), um zu erproben, wie weit man gehen kann, ohne dass die Allgemeinheit anfängt zu protestieren. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, immer weiter reichende Gruppen von Christen auf dieselbe Weise gesellschaftlich zu isolieren (indem sie z.B. von der Evangelischen Allianz und verwandten Organisationen als „Fundamentalisten“ u.ä. beschimpft werden), sodass man nach erfolgreichem „Probelauf“ zu einer allgemeinen Christenverfolgung übergehen kann. Ein vereinter Protest zumindest des „evangelikalen“ Sektors könnte diese Entwicklung eventuell noch aufhalten; aber anscheinend hat man daran kein Interesse. Bis jetzt ist mir im deutschsprachigen Raum keine einzige evangelikale Gemeinde oder Gemeindeverband bekannt, und auch kein übergemeindliches Werk, das sich für verfolgte Christen in Deutschland einsetzen würde. Sollte mein Verdacht zutreffen, so werden sich die evangelikalen Organisationen bald vor die Wahl gestellt sehen, sich entweder der Staatsideologie völlig zu unterwerfen (was sie ja ohnehin zunehmend schon tun), oder aber selber verfolgt zu werden.


Zusatz für jene Leser, die über den „Fall Wunderlich“ nicht informiert sind:
Die Familie Wunderlich lebte längere Zeit in Frankreich, musste aber 2012 arbeitshalber nach Deutschland zurückkehren. Doch schon bald nach ihrer Ankunft wurde ihnen das Sorgerecht für ihre vier Kinder entzogen, weil sie aus christlicher Verantwortung ihre Kinder selber erzogen und ausbildeten. Den Kindern wurden die Pässe weggenommen, um eine Rückkehr der Familie nach Frankreich zu verhindern. Im Jahre 2013 überfiel ein Aufgebot von 40 Polizisten das Heim der Wunderlichs und verschleppte die Kinder an einen unbekannten Ort. Nach einem längeren juristischen Seilziehen durften die Kinder zwar nach Hause zurückkehren, aber nur unter der Auflage, dass sie eine staatliche Schule besuchen würden; und der Familie wurde gerichtlich die definitive Wegnahme der Kinder angedroht für den Fall, dass sie Deutschland verlassen würden. Das Sorgerecht und die Pässe der Kinder haben sie bis jetzt nicht zurückerhalten. Diese Familie wird also nach bewährter DDR-Tradition in ihrem eigenen Land gefangengehalten, nur weil sie in ein Land ziehen möchten, wo sie ihre elterlichen Rechte frei ausüben dürfen. Für dieses Ansinnen wurden sie in Deutschland ihrer Elternrechte sowie ihres Menschenrechts auf Freizügigkeit beraubt, und sowohl Eltern wie Kinder stehen in Gefahr, der Freiheit überhaupt beraubt zu werden. So ist es um die „Rechststaatlichkeit“ im Deutschland des 21.Jahrhunderts bestellt.

Siehe dazu auch die Presseerklärung vom Dezember 2013.

China bereits freier als Deutschland?

25. Oktober 2013

In einem früheren Artikel habe ich gemutmasst, dass in nicht allzuferner Zukunft China die westlichen Länder auch hinsichtlich Freiheit und Menschenrechten zurechtweisen müsse. Das fängt jetzt tatsächlich an zu geschehen. Zwar noch nicht auf offizieller Ebene, aber in einem privaten Blog-Kommentar. Auf der Seite http://wunderlich-children.com hat ein Chinese einen Kommentar eingestellt, der in deutscher Übersetzung wie folgt lautet:

„Uns in China liegt es daran, dass die Wunderlich-Kinder freigelassen werden. Das ist eine traurige Situation, wenn ein beschäftigtes Regierungsamt seine Zeit darauf verschwenden muss, kleine Kinder zu traumatisieren, statt seine Pflicht zu erfüllen, jenen Familien zu helfen, die wirklich ihre Kinder vernachlässigen oder missbrauchen.

Wir dachten, Deutschland sei ein hochentwickeltes Land. Ist (dieses Land) derart paranoid, dass es nicht tolerieren kann, wenn Eltern ihre eigenen Kinder in einer liebenden Umgebung lehren? Die meisten entwickelten Länder verstehen, dass Homeschooling eine Eins-zu-Eins-Situation oder zumindest eine Mentoring-Situation ist. Das ist grossartig, um die Fähigkeiten zum kreativen Problemlösen und zum kritischen Denken zu entwickeln. Warum sollte eine Nation davor Angst haben? Es würde Eure Nation stärken. Ihr solltet die Eltern dazu ermutigen, sich mehr um das Leben ihrer Kinder zu kümmern. Die Untersuchungen zeigen beständig, dass dies die besten Studenten hervorbringt.

Wir bildeten unsere Kinder zuhause aus, und jetzt sind sie an der Universität und erhalten die höchsten Ehren und Bestnoten. Warum sollte man davor Angst haben? (…)

Sun Bao Ling“

Tatsächlich erlebt China – obwohl immer noch offiziell ein kommunistisches Land – anscheinend den Beginn eines Homeschooling-Booms, der von den Behörden stillschweigend toleriert wird. So berichtet Rachel Terry im März 2012 nach einem China-Aufenthalt: (Original-Artikel bei http://www.kgnw.com/homeschool/11689022/)

„Im Jahre 2005 veröffentlichte China Daily ein Interview mit einem Lehrer am Baiyun-Institut in Guangzhou, der seine neunjährige Tochter zuhause ausbildete. Der Vater, Wei Yuan, sagte, er hätte sich dazu entschieden, weil die Lehrmethoden der Schule „veralbernd“ seien. „Die Kinder müssen ihre Additionen wieder und wieder wiederholen, und es wird ihnen nicht erlaubt, sich offen in Aufsätzen auszudrücken.“

Der inzwischen berühmte Han Han kann sich damit identifizieren. Seine Eltern erlaubten ihm, die Sekundarschule abzubrechen, die in China strenger ist als in den USA. Die Schulen wussten nicht, was sie mit Han Han anfangen sollten. Als er noch in der Schule war, gewann er den ersten Preis in Chinas landesweitem Schreibwettbewerb, fiel aber im selben Schuljahr in sieben Fächern in der Jahresabschlussprüfung durch.

Nachdem er die Schule verlassen hatte, begann er wie wild zu schreiben. Von seinem ersten Roman, „Die dreifache Tür“, wurden über zwei Millionen Exemplare verkauft. Es ist damit Chinas meistverkauftes literarisches Werk der letzten zwanzig Jahre. Ein anderer seiner Romane wurde in Hollywood verfilmt. (…) Han Han gedeiht offenbar, ohne eine traditionelle chinesische Bildung erhalten zu haben. Die Leute sprechen darüber und verwundern sich.“

Obwohl Homeschooling von Gesetzes wegen in China einer strengen Bewilligungspflicht unterliegt, gehen die Behörden anscheinend selten gegen Familien vor, die ohne Bewilligung ihre Kinder zuhause ausbilden. Gemäss dem oben zitierten Artikel hat es zwar einige wenige Gerichtsfälle gegeben, aber keinen Fall, in welchem die Behörden ein zuhause ausgebildetes Kind gezwungen hätten, zur Schule zu gehen. Im Juli dieses Jahres hat sogar China Radio International wohlwollend über die chinesische Homeschooling-Bewegung berichtet.

Gemäss einem kürzlichen Bericht im renommierten „Wall Street Journal“ meldeten sich auf eine Internetumfrage eines Forschungsinstituts in Beijing 18’000 Eltern, die sich zum Homeschooling entschieden hatten. (Nach anderen Quellen werden in China bereits 18’000 Kinder tatsächlich zuhause ausgebildet.) 54% der Eltern begründeten ihre Entscheidung damit, sie seien nicht einverstanden mit der strengen Lehrphilosophie der traditionellen Schulen. 6% gaben religiöse Gründe an, darunter viele Christen.

Die Umfrage fand auch, dass in China mindestens 100’000 Kinder keine traditionellen Schulen besuchen, sondern private Alternativschulen verschiedenster Ausrichtungen, inbegriffen kirchliche Schulen. Eine bemerkenswerte Bildungsvielfalt und -freiheit für ein „kommunistisches“ Land!

Bildungsfreiheit ist ein wesentlicher Indikator für den allgemeinen Grad der Freiheit, die ein Land geniesst. Zumindest nach diesem Indikator gemessen, ist China offenbar bereits ein freieres Land als z.B. Deutschland oder Schweden.

– Nur so aus Neugier habe ich nebenbei ein paar Statistiken über einen anderen klassischen Freiheitsindikator angesehen, nämlich die Bedingungen, die der Staat der Privatwirtschaft auferlegt (also die wirtschaftliche Freiheit). Siehe z.B. http://data.worldbank.org/topic/private-sector. In dieser Hinsicht sind gegenwärtig die Bedingungen in Deutschland (noch) günstiger als in China. Es fällt aber auf, dass in praktisch allen Bereichen die Freiheit in China rapide zunimmt, während sich in Deutschland die Bedingungen nur zögerlich verbessern, oder sich sogar verschlechtern. So hat z.B. zwischen 2008 und 2012 in Deutschland der durchschnittliche Zeitaufwand für einen Unternehmer zugenommen, die steuerlichen Formalitäten zu erledigen, während er in China um 23% abgenommen hat. – Der durchschnittliche Gesamtsteuerfuss für Unternehmen ist gemäss den Weltbank-Daten zwischen 2008 und 2012 in Deutschland von 50,5% auf 46,8% gesunken (3,7 Prozentpunkte), in China aber im selben Zeitraum von 79,9% auf 63,7% (16,2 Prozentpunkte). Rechnet man die Daten hoch, so findet man, dass ca. ab 2020 die steuerlichen Bedingungen für Unternehmer in China voraussichtlich besser sein werden als in Deutschland, falls sich die gegenwärtigen Tendenzen in derselben Weise fortsetzen. Auch dieser Indikator bestärkt also die Annahme, dass freiheitsliebende Menschen bald in China besser aufgehoben sein werden als in Deutschland.

John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht

5. September 2013

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont

Zwischen 1967 und 1974 wurde die Lehrerbildung in den Vereinigten Staaten insgeheim umgewandelt durch die koordinierten Anstrengungen einer kleinen Zahl privater Stiftungen, gewisser Universitäten, weltweiter Unternehmen, und ähnlicher Interessengruppen.
Drei kritische Dokumente in dieser Transformation waren: Zuerst „Taxonomie der Lehrziele“, von Benjamin Bloom. Dann ein Projekt in mehreren Staaten, das 1967 begonnen wurde, unter dem Namen „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Und schliesslich das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“. Diese wurden in den Erziehungsdepartementen aller Staaten verbreitet; und den Pionierdistrikten, die diese Neuerungen zuerst einführten, wurde eine Art Bestechungsgelder ausbezahlt.

Beginnen wir mit „Die Schulbildung der Zukunft entwerfen“. Die Autoren definierten Schulbildung neu, nach deutschem Vorbild des 19.Jahrhunderts, als „ein Mittel, um wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele nationalen Charakters zu erreichen“. Und ich beeile mich beizufügen, dass die Entwicklung Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter in keinem dieser Ziele enthalten ist. Die Schulbehörden der einzelnen Staaten würden von da an „handeln als Vollzugsinstanzen des Bundes, um sicherzustellen, dass die örtlichen Schulen die Anordnungen des Bundes erfüllen.“ Das Dokument sagt weiter, „das Erziehungsdepartement jedes Staates muss ein Veränderungs-Agent sein“, und „die Veränderung muss institutionalisiert werden“. Ich zweifle daran, dass irgendetwas darüber in irgendeiner Zeitung berichtet worden wäre.

Das „Schulprojekt verhaltensorientierter Lehrer“ skizziert spezifische Reformen, die ab 1967 dem Land aufgezwungen werden sollten. Ihr Ziel ist (Zitat) „die unpersönliche Manipulation, durch die Schule, eines zukünftigen Amerika, in welchem nur wenige in der Lage sein werden, die Kontrolle über ihre eigenen Meinungen zu behalten.“ Ein Amerika, in welchem „jedes Individuum bei seiner Geburt eine Mehrzweck-Identifikationsnummer erhält, welche Arbeitgebern und anderen Kontrollinstanzen erlaubt, ihnen nachzuspüren, und sie der unterschwelligen Einflussnahme des Erziehungsdepartements auszusetzen …“
Die Leser – Sie und ich waren natürlich nicht unter diesen Lesern – erfuhren, dass ab 1967 chemische Experimente mit Minderjährigen ein normales Vorgehen sein würden. Das ist eine deutliche Vorahnung der gegenwärtigen massiven Ritalin-Interventionen. Es wurde erwartet, dass Lehrer als „Veränderungs-Agenten“ des Staates handeln würden; und die Lehrerbildner wurden darüber informiert, dass ab sofort die Verhaltenswissenschaft den akademischen Lehrplan ersetzen würde. Das Projekt beschreibt eine Zukunft, „in der eine kleine Liga alle wichten Angelegenheiten unter Kontrolle hat, und in der die partizipative Demokratie weitgehend verschwinden wird.“ Kinder sollten dazu erzogen werden, anzuerkennen, dass ihre Kameraden, und überhaupt alle durchschnittlichen Menschen, derart unangepasst und unverantwortlich seien, dass sie unter Kontrolle gehalten und reguliert werden müssten. Die immense Zunahme der Gewalt an Schulen, und das allgemeine Chaos in den späten sechziger Jahren, als Lehrer landesweit ihre Fähigkeit verloren, Kinder zu disziplinieren, wurde als willkommene Rechtfertigung gesehen, um die traditionellen Freiheiten drastisch einzuschränken.

(…) Die „Taxonomie der Lehrziele“ … war (Zitat) „ein Instrument, um die Arten zu klassifizieren, wie Individuen handeln, denken oder fühlen sollen, als Resultat der Teilnahme an einer bestimmten Lehreinheit.“ Ich zweifle daran, dass irgendein denkendes Elternpaar unter dieser Voraussetzung ihre Kinder zur Schule senden würde. Die Kinder würden die „angemessenen“ Haltungen lernen, und müssten ihre „unangemessenen Haltungen“ (die sie von zuhause mitbringen) korrigieren lassen.

Aber warum wird dies alles getan? Ein grosser Teil der Antwort findet sich in der neusten Ausgabe des „Magazins für äussere Angelegenheiten“, eine der einflussreichsten Zeitschriften der USA, in einem Artikel von Mort Zukerman. Er schreibt unsere wirtschaftliche Überlegenheit gewissen Merkmalen des amerikanischen Arbeiters und des amerikanischen Arbeitsplatzes zu. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass diese Überlegenheit von der Art herrührt, wie wir unsere Jungen ausbilden. Und worin besteht diese Überlegenheit? Nach Zukerman in erster Linie darin, dass der Amerikaner ein Dominostein ist, der sich vom Management dominieren lässt und nicht viel zu sagen hat. Im Gegensatz dazu, sagt Zukerman, „leidet“ Europa unter einer starken handwerklichen Tradition, die verlangt, dass der Arbeiter bei Entscheidungen mitredet. (…)
Ausserdem sagt er, „die Arbeiter in Amerika leben in einem ständigen Panikzustand, einer Angst, übergangen zu werden, sie wissen, dass die Unternehmen ihnen nichts schulden, es gibt keine Macht, gegen Entscheidungen des Managements zu apellieren. Die Angst ist unser geheimes Aufladegerät; sie gibt dem Management die Flexibilität, die andere Länder nie haben werden.“ … 1996 fürchteten fast die Hälfte der Angestellten grosser Firmen, entlassen zu werden. Das ist der doppelte Prozentsatz von 1991, als die Wirtschaftslage längst nicht so gut war. Diese Angst hält die Löhne unter Kontrolle.
Und unser endloser Konsum schliesst den goldenen Kreis. Zukerman sagt, die erstaunliche amerikanische Sucht nach Neuem gibt den amerikanischen Unternehmen ihren einzigartigen inländischen Markt. Andernorts vertrocknet das Geschäft in schwierigen Zeiten; aber wir hier kaufen weiter ein, bis wir pleite gehen, und verpfänden unsere Zukunft, damit die Güter und Dienste weiter fliessen. – Zukerman schreibt keineswegs kritisch, sondern lobend über diese Dinge. Zweifellos ist der fantastische Reichtum der amerikanischen Unternehmen ein direktes Ergebnis der Schulbildung. Schulen, die eine gesellschaftliche Masse dazu erziehen, bedürftig, ängstlich, neidisch, gelangweilt, talentlos und unvollständig zu sein. Die Wirtschaft der Massenproduktion braucht ein derartiges Publikum. Das ist niemandes Schuld. Genauso wie das Kleingewerbe der Amischen Intelligenz, Kompetenz, Nachdenken und Mitleid erfordert, so erfordern unsere Grossunternehmen eine gut verwaltete Masse – nivellierte, ängstliche, geistlose Familien, gottlos und angepasst; Menschen, die glauben, der Unterschied zwischen Coca Cola und Pepsi sei ein Streitgespräch wert. … Wir lernen in der Schule, dass Freude und Erfüllung von äusserlichen Dingen kommt, vom Besitz, und nicht von innen. Die Schule verkürzt unsere Konzentrationsspanne auf wenige Minuten, sodass wir ein Leben lang nach Erleichterung der Langeweile schreien, durch äusserliche Stimulation. Zusammen mit dem Fernsehen und Computerspielen, welche dieselbe Lehrmethode anwenden, werden diese Lektionen bleibend eingeprägt …

Einschub von seiten des Übersetzers:
Was vor gut einer Generation in den USA geplant wurde, ist heute in den Schulsystemen der gesamten westlichen Welt Wirklichkeit: Lehrer und Schüler werden gezielt daraufhin programmiert, die (vom Staat) erwünschten Denkweisen und Haltungen anzunehmen. Offizielle Lehrpläne enthalten nicht mehr bloss Ziele über Wissen und Können, sondern zunehmend emotionelle, haltungs- und verhaltensmässige „Lernziele“, die mittels psychologischer Manipulation der Schüler erreicht werden sollen. Ganz zu schweigen von den „inoffiziellen“ Zielen, über die der Normalbürger gar nicht informiert wird.

Eine kurze Durchsicht einiger mehr oder weniger zufällig ausgewählter Lehrpläne ergab Folgendes:

Zuerst einmal fällt auf, wie umfangreich diese Dokumente sind! Bis ins kleinste Detail wird vorgeschrieben, was (und z.T. auch wie) Lehrer lehren und Schüler lernen sollen. Der peruanische nationale Lehrplan von 2009 umfasst 484 Druckseiten. Allerdings sind darin nicht weniger als siebzehn „Schuljahre“ enthalten, weil der Staat heutzutage so ehrgeizig (oder totalitär) ist, schon die Erziehung von Kleinkindern von „null bis drei Jahren“ per Lehrplan zu regeln. – Entsprechend der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit hat der Lehrplan für die bayerische Grundschule (Juli 2000) 305 Seiten für lediglich vier Schuljahre, das macht 76 Seiten pro Schuljahr! Angesichts dieser Vorschreib- und Kontrollwut nimmt es sich wie ein schlechter Scherz aus, wenn auf Seite 7 dieses Dokuments steht: „Die Grundschule bahnt freiheitlich-demokratische (etc …) Werthaltungen an.“ Der Ort, der angeblich auf das Leben in einer „freiheitlich-demokratischen“ Gesellschaft vorbereiten soll, ist gerade der Ort, wo am wenigsten Freiheit herrscht.

Sehen wir uns einige dieser Lehr- und Lernziele an. Im bayerischen Lehrplan steht unter „Fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben“ auf Seite 15:
Soziales Lernen und grundlegende politische Bildung
Im Sinne einer politischen Grundbildung werden in der Grundschule soziale Lernprozesse initiiert und unverzichtbare Werte menschlichen Zusammenlebens erfahrbar gemacht. Durch die Förderung sozialer Verhaltensweisen wie Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft, Solidarität, Toleranz, Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, Konflikte friedlich zu lösen oder auszuhalten, werden die Schüler auf ein Leben als Staatsbürger in einer demokratischen Gesellschaft vorbereitet.“
– Nichts dagegen, dass Kinder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen oder nach einem Streit wieder Frieden zu schliessen. Aber ist es wirklich Aufgabe der Schule, Kindern bestimmte Verhaltensweisen „anzuerziehen“, als ob sie als Vollwaisen aufwüchsen? Und ist es Aufgabe des Staates, solche Werte und Verhaltensweisen im Detail vorzuschreiben? Und was ist mit jenen „Werten“, die den christlichen Prinzipien widersprechen (wie z.B. die seit einigen Jahrzehnten im Sinne von „politischer Korrektheit“ umdefinierte Bedeutung von „Toleranz“)?

Weiter: „Die Kinder sollen ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen, um so eine bejahende Lebenseinstellung zu gewinnen und eine eigene Identität zu entwickeln.“ (Fachprofil Ethik, S.23). – Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob ein „stabiles Selbstwertgefühl“ von Vorteil ist oder nicht, und was genau darunter zu verstehen sei. Aber gerade in diesen Bereichen, wo man verschiedener Meinung sein kann, hinterlässt das Wörtchen „soll“ einen bitteren Nachgeschmack nach Gedankenpolizei.

„… sollen sich eine offene, realitätsbezogene Einstellung gegenüber Personen mit fremder Sprache und Kultur und damit Verständnisbereitschaft und Toleranz entfalten.“ (Fachprofil Fremdsprachen, S.28) – Wieder wird mit „Sollen“ eine Werthaltung vorgeschrieben, die mit dem eigentlichen Erwerb von Fremdsprachen nichts zu tun hat. Diese „Achtung und Toleranz vor Fremdem“ erscheint gehäuft im bayerischen Lehrplan; so auch in den Fachprofilen Heimat- und Sachunterricht sowie Kunsterziehung.

Weiter: „Pflanzen oder auch kleine Tiere nicht achtlos zertreten; nicht mit Lebensmitteln spielen.“ (S.74 Fachlehrplan Ethik 1./2.Jg, S.74) – Was hat das mit Schule zu tun? Und warum soll Kindern verboten werden, z.B. aus ihrem Kartoffelbrei im Teller eine Landschaft zu modellieren, oder aus Böhnchen Muster zu legen? Man wird an die Pharisäer erinnert, die Gottes Gebote durch eine Unzahl von Menschengeboten ersetzten (Matth.15,1-9).

Noch ein letztes Zitat aus Bayern, ohne Kommentar:
„Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen hinterfragen“ (Fachlehrplan Heimat- und Sachunterricht, 4.Jg, S.264).

Gehen wir nach Nordrhein-Westfalen. Da wird schon ganz zu Anfang in den allgemeinen Richtlinien festgehalten, dass die Schule den Kindern ganz bestimmte vorgeschriebene Wertvorstellungen und Haltungen anerziehen soll:
„Die Arbeit in der Schule zielt im Sinne eines erziehenden Unterrichts darauf ab, die Kinder zu unterstützen, die Welt zunehmend eigenständig zu erschließen, tragfähige Wertvorstellungen im Sinne der demokratischen Grundordnung zu gewinnen und dadurch Urteils- und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Damit verbunden ist die Aufgabe der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu solidarischem Handeln in sozialer Verantwortung, zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte und anderer, auch religiöser, Überzeugungen, zu einem friedlichen Miteinander in der Einen Welt sowie zur Achtung vor Natur und Umwelt zu erziehen.“ (S.14-15, „Erziehender Unterricht“)
Ebenso heisst es: „Lehrerinnen und Lehrer (…) bahnen Einstellungen und Haltungen an (…)“ (S.17, „Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer“).

Im Lehrplan für das Fach Deutsch wird den Schülern sogar vorgeschrieben, wie sie sich im Unterricht fühlen sollen: „Sie erfahren Freude an sprachlicher Gestaltung und sprachlichem Spiel, entwickeln ihr sprachliches Selbstvertrauen weiter und übernehmen Verantwortung im Gebrauch der deutschen Sprache.“ (S.23) – Wenn also ein Kind im Deutschunterricht trotz allen psychologischen Tricks des Lehrers keine Freude empfindet, dann hat es das Lernziel nicht erreicht?!

Der NRW-Lehrplan scheint ein Interesse daran zu haben, Mädchen und Jungen zwangsweise einander gleich zu machen: „Die unterschiedlichen Körper- und Bewegungserfahrungen können es notwendig machen, geschlechterbewusst zu differenzieren, um Mädchen zu stärken und Jungen für sich und andere zu sensibilisieren.“ (S.113, Lehrplan Sport). Von daher ist wohl auch der folgende Satz im Lehrplan für den Sachunterricht zu verstehen: „Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Personen und Gruppen leistet die kritische Auseinandersetzung mit Rollenerwartungen und Rollenverhalten von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen.“ (S.42)

Der Lehrplan zum Sachunterricht verlangt auch „eine kritisch-konstruktive Haltung zu Naturwissenschaft und Technik“ (S.39). – In den „Kompetenzerwartungen am Ende der Klasse 4“ heisst es: „Die Schülerinnen und Schüler (…) erkunden Möglichkeiten der Partizipation von Kindern an Entscheidungen im Gemeinwesen und beteiligen sich daran (z.B. Planung von Spielplätzen und Schulwege (sic), Kulturprogramme für Kinder)“. (S.48) – Auch das sind Dinge, über die man verschiedener Meinung sein kann, bzw. die man der Entscheidung der einzelnen Kinder und deren Familien überlassen sollte. Aber nein, der Staat schreibt vor, wie Schüler zu denken und zu handeln haben.

Auch der Lehrplan für die Volksschule des Kantons Bern von 1995 schreibt ähnliche Dinge vor:
„Als sozialer Erfahrungsraum ermöglicht es die Schule, Regeln des Zusammenlebens anzuwenden und den Umgang mit Konflikten zu üben. Entsprechende Erfahrungen im Schulalltag fördern Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Rücksichtnahme, Geduld, Achtung, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Verstehenwollen, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Engagement und Mut sind wichtige Ziele sozialen Lernens.
Die Schule fördert das partnerschaftliche Zusammenleben von Mädchen und Knaben. Sie berücksichtigt die Interessen der Kinder und Jugendlichen beider Geschlechter gleichwertig.
(…) Die Schule fördert Haltungen, welche Diskriminierung – sei es aufgrund des Geschlechts, der sozialen Herkunft, der Religion oder der Rasse – ablehnen. Sie setzt sich für die Solidarität gegenüber Benachteiligten ein.“ (S.19, „Leitideen zur Sozialkompetenz“)
– Wiederum kann man mit vielen dieser Werte einverstanden sein, aber es erheben sich dieselben grossen Fragen: Wie werden diese Haltungen in der Praxis genau definiert? Und warum muss der Staat diese überhaupt vorschreiben? Wird da nicht auf gravierende Weise in den Bereich der Familie eingegriffen?

Mehrere Fachlehrpläne im bernischen Lehrplan enthalten unter den „Richtzielen“ eine ganze Liste von vorgeschriebenen „Haltungen“. Zum Fach „Natur-Mensch-Mitwelt“ steht da z.B: „Sich mit Formen und Traditionen des Zusammenlebens, mit Werten und Normen und mit ideologischen Strömungen auseinander setzen und dabei eine kritische Distanz zu fundamentalistischen und totalitären Denk- und Handlungsweisen erwerben.“ (S.52) – Merkt überhaupt noch jemand, dass das Vorschreiben bestimmter Werte, Denkweisen und Haltungen an sich bereits eine totalitäre Handlungsweise (von seiten des Staates) ist??

Zuguterletzt noch einige Beispiele aus Perú. Da wird auf S.32 des nationalen Lehrplans ganz direkt vorgeschrieben, was für Charaktereigenschaften ein Schüler am Ende seiner Schulzeit aufweisen soll:
„Ethisch und moralisch. Sensibel und solidarisch. Kreativ und innovativ. Kommunikativ. Kooperativ. Organisiert. Forscht und informiert sich. Mitfühlend und tolerant. Kritisch und reflektierend. Unternehmerisch. Transzendent. Flexibel. Löst Probleme. Proaktiv. Autonom.“

In der Fortsetzung wird auch die „Konsensbereitschaft“ als wichtiges charakterliches Lernziel hervorgehoben – ein Punkt, der in den deutschsprachigen Lehrplänen unter dem Stichwort „Konfliktlösung“ in ähnlicher Weise erscheint. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima ist hier zu fragen, ob dieses Lernziel nicht zunehmend in dem Sinne verstanden wird, Schüler mit festen Überzeugungen (z.B. christlichen) dahingehend zu beeinflussen, dass sie „um des Friedens willen“ hinsichtlich dieser Überzeugungen Kompromisse eingehen?

Auch im peruanischen Lehrplan erscheint der Propagandaspruch, dass angeblich an der Schule „demokratisches Zusammenleben“ gelernt werden soll, obwohl jeder weiss, dass es die Lehrer bzw. deren Vorgesetzte sind, welche alle wichtigen Entscheidungen auf diktatorische Weise treffen.

Im weiteren enthalten die jahrgangsspezifischen Fachlehrpläne jeweils detaillierte Lernziele, nicht nur für „Kenntnisse und Fähigkeiten“, sondern auch für „Haltungen“. Auch da wird detailliert vorgeschrieben, wie sich die Kinder im Unterricht fühlen sollen, und an was für Tätigkeiten sie Freude haben sollen. Z.B. im Fachlehrplan „Kommunikation“ für den Kindergarten, Vierjährige (!): „Erfreut sich seiner künstlerischen Ausdrucksformen und zeigt Wertschätzung für die Produktionen der Gruppe und seiner eigenen.“ – Für Erstklässler: „Nimmt mit Begeisterung (!) an den persönlichen oder gruppenweisen Schreibprojekten teil.“ – „Zeigt Sicherheit und Vertrauen beim Schreiben.“ (Die Ironie dieser Sätze wird in ihrem vollen Ausmass erst verständlich, wenn man weiss, dass die Mehrheit der Schüler am Ende des ersten Schuljahres noch gar nicht lesen und schreiben können; aber alle lernen, wie man vorgibt, es zu können.) – Mathematik, erste Klasse: „Zeigt eine Neigung (!) zum Gebrauch der symbolischen und graphischen Sprache.“ – „Erfreut sich daran, geometrische Figuren in seiner Umgebung zu beschreiben.“

Noch ein paar spezifischere Beispiele aus dem Fach „Persönlich-Soziale Erziehung“: – „Beweist bürgerliches Verantwortungsbewusstsein darin, bei Käufen eine Quittung zu verlangen.“ (4.Klasse.) (Nicht etwa zum Zweck der eigenen Buchhaltung, sondern um dem Staat zu helfen, Kleingeschäftsinhaber aufzuspüren, die mittels Unterschlagung von Quittungen Steuern hinterziehen.) – „Organisiert sich verantwortungsbewusst in den Zivilschutzbrigaden der Schule und Gemeinde.“ (4. bis 6.Klasse.)

Aus dem Fach „Wissenschaft und Umwelt“: „Konfrontiert diskriminierende Situationen.“ (2.Klasse!) – „Anerkennt andere Standpunkte und neigt dazu, diese zu akzeptieren.“ (4.Klasse) – „Beurteilt die Ausbeutung natürlicher Ressourcen kritisch.“ (5.Klasse) – „Trifft verantwortliche und gesunde Entscheidungen über seine Sexualität.“ (6.Klasse) (Was soll das heissen??)
Die Beispiele sprechen für sich selbst.

(Fortsetzung folgt)


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

John Taylor Gatto: Das Prinzip des gefangenen Flohs

5. Juli 2013

Aus: John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“ (2009)

 

Woher kommt die unheimliche, unmenschliche Passivität von Schulkindern gegenüber den Dingen, die die Erwachsenenwelt von jeher als wichtig angesehen hat? Und die noch unerklärlichere Gleichgültigkeit armer Kinder gegenüber ihrer ominösen Zukunft, die sich ihnen unaufhaltsam nähert?

Als ich noch als Lehrer arbeitete, hatte ich meine Theorien darüber; aber keine, die mich wirklich überzeugte. Bis mir ein elfjähriger taiwanesischer Einwandererjunge namens Andrew Hsu erklärte, wie man den Willen von Flöhen zerbricht, sodass sie dressiert werden können. Seine Erklärung wurde in einer autobiographischen Notiz gedruckt, die er für die Feier schrieb, wo er und ich denselben Preis erhielten; aber die materielle Anerkennung, die ich erhielt, verblasste im Vergleich zu der Lektion, die ich von Andrew an jenem Tag lernte.

Er hatte soeben die Wissenschafts- und Technikausstellung des Staates Washington gewonnen, indem er ein Gen entschlüsselt hatte, das Menschen und Mäuse gemeinsam haben: COL201A. Mit seinen elf Jahren war Andrew bereits ein hervorragender Schwimmer, der viele Trophäen gewonnen hatte. Er sprach fliessend Chinesisch, Französisch und Englisch. In seiner Freizeit arbeitete er als Assistent für professionelle Dokumentarfilme. Und er war nie zur Schule gegangen; er war ein „Homeschool-„Kind.
Als er gebeten wurde, die wichtigste Lektion zu beschreiben, die er in seinem Leben gelernt hatte, und die seine Entscheidungen am meisten beeinflusste, da sagte er, es sei eine Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hatte darüber, wie Flöhe dazu dressiert werden, an Trapezen zu schaukeln, kleine Wägelchen zu ziehen, und all die anderen wunderbaren Dinge, die Flöhe seinerzeit lernten, um Könige und ihren Hofstaat zu unterhalten. Diese Geschichte war so:

Wenn man Flöhe in ein niedriges Gefäss setzt, dann springen sie heraus. Aber wenn man das Gefäss eine Zeitlang mit einem Deckel zudeckt, dann stossen sie am Deckel an bei ihren Versuchen, hinauszuspringen; und sie lernen bald, nicht mehr so hoch zu springen. Sie geben ihre Bemühungen um Freiheit auf. Wenn man dann den Deckel wegnimmt, bleiben die Flöhe Gefangene ihrer selbstauferlegten Beschränkungen. So ist auch unser Leben. Die meisten von uns erlauben es unseren eigenen Ängsten, oder den von anderen Personen auferlegten Bedingungen, uns gefangenzuhalten in einer Welt niedriger Erwartungen.

Als ich das las, zog mein ganzen Leben als Lehrer vor meinen geistigen Augen vorüber. Ich war dazu angestellt worden, der Deckel zu sein auf der Petrischale, an dem die Kinder ihre Köpfe anstossen würden bei ihren Versuchen, ihren eigenen Weg zu verfolgen, bis sie es eines Tages erschöpft aufgeben würden. Und damit wurden sie zu geeigneten Dressurobjekten.

Ferienprogramm 2013

7. März 2013

Wieder ist ein Kinder-Ferienprogramm zu Ende gegangen. Hier in Perú sind die grossen Schulferien im Januar und Februar. Viele Kinder haben aber gar keine Ferien: Wenn sie nicht von ihrer Schule zum Nachholunterricht aufgeboten werden, dann werden sie von ihren Eltern an eine der vielen existierenden „Ferien-Akademien“ geschickt. Diese sind im Grunde nichts anderes als eine Fortführung derselben geisttötenden Schulmethoden während der Ferien – nur dass damit erst noch ein Geschäft gemacht wird.

Manche Eltern suchen uns aus demselben Grund auf: sie möchten, dass ihr Kind schulisch „nicht zurückbleibt“ und deshalb auch in den Ferien weiter „lernt“. Wir müssen deshalb viele Gesprächsstunden und Elternabende darauf verwenden, den Eltern zu erklären, dass Kinder, wenn sie sich gesund entwickeln sollen, auch Zeiten der Erholung, des Spiels und der manuellen Arbeit nötig haben. Und dass sich die Intelligenz der Kinder kaum mit Schulbüchern und -heften entwickelt, sondern vielmehr mit praktischen Erfahrungen. (Siehe „Diese falsch verschalteten Gehirnzellen“ und „Wenn das Gehirn keine Hände hat“.) Es gibt einige wenige Eltern, die im Lauf der Jahre (!) dies allmählich zu verstehen beginnen. Andere jedoch entscheiden dann, ihre Kinder nicht zu uns zu schicken.
Interessanterweise ist es aber unsere Erfahrung, dass die Teilnehmer trotz der weniger „akademischen“ Natur unserer Programme deswegen in der Schule keinen Nachteil hatten, sondern im Gegenteil in der Regel in der Schule sogar besser mitkamen als ihre Kameraden, die ihre ganzen Ferien an einer „Akademie“ verbracht hatten.

Es gibt auch Eltern, die einfach jemanden suchen, der zu ihren Kindern schaut. Es scheint heutzutage kaum noch Eltern zu geben, die an ihre eigene Fähigkeit und Verantwortung glauben, ihre Kinder selber zu erziehen. Wie der spanische Kinderarzt Carlos González treffend sagte:

„Die Eltern denken anscheinend, ein Kind aufzuziehen sei eine professionelle Tätigkeit. D.h. dass ich, um mein eigenes Kind zu erziehen, eine Ausbildung machen müsse, mich anstrengen müsse, und da ich es schlussendlich wahrscheinlich doch nicht gut mache, so sehr ich mich auch anstrenge, so überlasse ich das Kind besser gleich einem Professionellen: einem Pädagogen, einem Kinderarzt, einem Psychologen, denn diese wissen, wie man Kinder hütet. Aber so ist es nicht. Die einzigen, die ihre Kinder gut erziehen können, sind die Eltern.
(Im Dokumentarfilm „La educación prohibida“ – vielleicht werde ich ein anderes Mal mehr darüber schreiben.)

Womit natürlich nicht gesagt werden soll, Kindererziehung sei „einfach“ oder benötige keinerlei „Vorbereitung“. Aber diese Vorbereitung besteht bestimmt nicht in der Art und Weise, wie heutzutage berufsmässige Lehrer trainiert werden.

Zurück zum Ferienprogramm. So sind wir also nicht einfach „Programm-Anbieter“, sondern für manche Kinder müssen wir regelrecht Ersatzeltern sein. (Was einschliesst, dass sie z.B. ab und zu bei uns zu Mittag essen oder auch nachmittags, ausserhalbs des Programms, bei uns sind.) – Noch trauriger sind die Fälle, wo Kinder ohne Wissen der Eltern von zuhause fortlaufen, um bei uns zu sein, weil sie sich zuhause nicht wie in einer Familie fühlen. Auch dieses Jahr hatten wir zwei solche Fälle. Im einen Fall hatten die Eltern ein Einsehen und liessen die Kinder „offiziell“ in unser Programm kommen; im anderen Fall leider nicht.

Nach mehreren Jahren solcher Ferienprogramme können wir inzwischen ein bestimmtes „Muster“ beobachten, wie sich Kinder in der Regel verhalten, wenn sie sich allmählich an eine Umgebung gewöhnen, die weitgehend frei von „Schulroutine“ ist. Während der ersten zwei Wochen fühlen sich die meisten Kinder ziemlich ratlos und verloren, wenn sie sich selber eine Tätigkeit, ein Arbeitsmaterial oder ein Spiel aussuchen sollen. (Besonders die grösseren, die schon mehr Schuljahre auf dem Buckel haben.) Sie stehen dann einfach herum und warten, bis jemand ihnen sagt, was sie zu tun haben. Oder sie sehen passiv anderen Kindern zu, die bereits eine Beschäftigung gefunden haben, die sie interessiert. Einige bringen auch von zuhause Schulaufgaben mit, die sie dann – offensichtlich lustlos – lösen. (In diesen Fällen sagen wir den Eltern, sie sollen den Kindern keine solchen Aufgaben mehr mitgeben.)
In dieser Phase sind es oft unsere eigenen Kinder, die irgendein Projekt „anreissen“ (Bastelarbeit, Experiment, Spiel, usw.), worauf die anderen Kinder auch mitmachen möchten. – Manchmal halte ich auch freiwillige anschauliche „Schulstunden“ (aber nur kurz, höchstens eine halbe Stunde) über ein Thema, bei dem viele Kinder in der Schule Mühe haben (meistens aus der Mathematik), und gebe ihnen dann eine praktische Tätigkeit oder eine Forschungsaufgabe im Zusammenhang damit.

Etwa nach zwei Wochen beginnen sich die meisten Kinder etwas freier zu fühlen. Meistens entdecken sie dann, dass sie auch spielen dürfen, und nützen dies nach Kräften aus. So verbringen sie den grössten Teil der freien Arbeitszeit (d.h. die ersten zwei bis drei Stunden des Morgens) mit Brett-, Karten- oder Würfelspielen, oder auch mit Spielen im Freien. (Dabei lernen sie mehr, als ihnen selber bewusst ist. Die meisten solchen Spiele wie Dame, Mühle, Schach, Quartett, usw, erfordern strategisches und mathematisches Denken in einer Art und Weise, wie sie bei Schulaufgaben kaum gefördert wird.)
Diese „Spielphase“ dauert bei den meisten Kindern zwischen zwei und vier Wochen. Dieses Jahr hatten wir zwei Schüler, die während den Ferien dreimal in der Woche zwei Stunden Nachholunterricht an ihrer Schule hatten, weil sie in einem Fach eine ungenügende Note gehabt hatten. Bezeichnenderweise kamen diese während des ganzen Ferienprogramms nicht aus der Spielphase heraus.

Wenn dann das Spielbedürfnis der Kinder gestillt ist, treten einige von ihnen in eine kreative Phase ein: Sie beginnen Experimente zu machen oder sogar eigene Experimente zu erfinden; zeichnen, malen und basteln; oder erfinden eigene Spiele. In dieser Phase beobachten wir auch bei einigen das, was Maria Montessori die „Normalisation“ nennt: Sie sind dann in der Lage, bis zu drei Stunden am Stück interessiert und konzentriert an einem Projekt zu arbeiten, benötigen nur wenig Anleitung und Hilfe von uns Erwachsenen, und so gut wie keine disziplinarische „Aufsicht“. In dieser Phase beginnen manche Kinder auch von sich aus und mit neuer Freude mit eher „schulischen“ Arbeitsblättern oder Materialien zu arbeiten.
Besonders der Ausdruck von Kreativität, etwas „Eigenes“ zu zeichnen oder zu basteln, ist für die Kinder ein sehr grosser Schritt. Sie sind sich derart an das sture Abschreiben und Abzeichnen von Vorlagen gewöhnt – und ausserdem daran, dass andere Kinder und auch die Lehrer ständig nur ihre Werke kritisieren und darüber lachen -, dass sie sich kaum getrauen, von sich aus etwas zu zeichnen. (Das wurde sehr treffend beschrieben von Helen E.Buckley in „Traurige Geschichte von einem kleinen Jungen“.) Wenn sie im Ferienprogramm so weit kommen, ihre diesbezüglichen Hemmungen zu überwinden, so betrachte ich das als einen grossen pädagogischen Erfolg.

Multiplikation und Division mit Flaschendeckeln.

Diese Schülerin – die in der Schule grosse Probleme hat in Mathematik – war nach der Herstellung ihres eigenen Brettspiels sehr erstaunt, als ich ihr erklärte, sie hätte dabei eine Menge Geometrie geübt.

Das wäre der Moment, wo wir gerne mit den Kindern so weiterarbeiten würden, und wo sie bestimmt vieles lernen könnten – auch „Schulstoff“, aber auf anregendere und praktischere Weise als in der Schule. Nur beginnt leider diese Phase bei den meisten Kindern erst kurz vor Ende der Ferien, und manche kommen gar nicht so weit – und dann müssen sie wieder zur Schule gehen. Wir suchen deshalb weiterhin nach Wegen, wie wir mit Kindern arbeiten können, die gar nicht zur Schule gehen: Kinder, die ein Zwischenjahr einschalten (letztes Jahr hatten wir ein solches, und dieses Jahr werden wir voraussichtlich auch wieder zwei solche haben); Förderung von Homeschooling; oder evtl. Gründung einer alternativen Schule.

Von den angebotenen Wahlkursen war wie letztes Jahr Kochen am beliebtesten. Nicht unbedingt, weil die Kinder so gerne kochen würden – aber sie geniessen das anschliessende gemeinsame Mittagessen. Die meisten von ihnen haben zuhause keine gemeinsamen Essenszeiten in der Familie: jeder isst, wann er will; oder die Eltern sind nicht zuhause und lassen den Kindern eine Mahlzeit zum Aufwärmen in der Küche, oder schicken sie in ein Restaurant.

Der zweit-beliebteste Wahlkurs war die Herstellung von Trickfilmen. Da konnte sich auch die Kreativität der Kinder entfalten. Zuerst lernten sie einige Arten kennen, wie man Trickfilme herstellen kann: auf Papier gezeichnete; mit Figuren gelegte; mit Plastillin geformte; am Computer entworfene. Am meisten gefiel ihnen das Material „Plastillin“. Sie stellten mehrere Kürzest-Trickfilme her sowie zwei etwas längere, sogar mit Ton. (Hier ein Link zu einem der Tonfilme – natürlich ist er auf Spanisch.) Hier ein paar Muster aus unserem völlig unprofessionellen Studio:

arbol

pelota

puente

Wir konnten auch einige interessante Ausflüge machen. Einige führten uns aufs Land, wo wir Blumen untersuchen oder einen Orientierungslauf machen konnten. Andere hatten interessante Arbeitsplätze zum Ziel: eine Textilfabrik; sowie die Werkstatt eines Kürschners, der Pelztiere und -mützen aus Lama- und Alpaca-Fellen herstellt, die er selber gerbt. Beide Ausflüge waren sehr interessant für die Kinder.

Leider stellten wir bei den Schülern nur wenig Offenheit für den christlichen Glauben fest. Nicht dass sie Glaubensinhalte direkt ablehnen würden – sie sind einfach gleichgültig. Die meisten hören gern biblische Geschichten, und „theoretisch“ sind sie auch damit einverstanden, dass Gottes Gebote gelten und dass das Opfer Jesu zu unserer Erlösung notwendig ist. Sie sehen einfach anscheinend keinen Anlass, dies mit ihrem eigenen Leben zu verbinden. Wir hatten dieses Jahr nur wenige persönliche Gespräche über Glaubensfragen.
Wir haben ständig einen „Fragebriefkasten“ aufgestellt, wo die Schüler anonym Fragen einwerfen können zu persönlichen oder familiären Problemen, zu Glaubensfragen, und zum Leben überhaupt. Dieses Jahr blieb der Briefkasten während der ganzen Ferien gähnend leer!

Auch die Teenager, bei denen man von ihrem Alter her noch eher eine Auseinandersetzung mit Fragen über die Zukunft, den Sinn des Lebens, Werte, usw. erwarten würde, scheinen mehrheitlich nur daran interessiert zu sein, den Übertritt ins nächste Schuljahr zu schaffen und später eine höhere Ausbildung machen zu können – irgendeine, egal welche, Hauptsache, es gibt ein Diplom dafür.

Die Situation erinnert mich stark an die Analyse Francis Schaeffers über die amerikanische Gesellschaft der siebziger Jahre. Diese Worte scheinen mir heute noch mehr zuzutreffen als damals, und auch hier in Perú:

„Allzuoft geschah es, dass Studenten der frühen sechziger Jahre, wenn sie ihre Eltern fragten, warum man sich ausbilden lassen solle, darauf – zwar nicht immer expressis verbis, aber doch recht verständlich – die Antwort erhielten: ‚Weil statistisch gesehen ein Akademiker ein höheres Jahreseinkommen hat.‘ Und wenn sie dann fragten, weshalb man mehr verdienen solle, sagte man ihnen: ‚Damit du deine Kinder auf die Universität schicken kannst.‘ Bei dieser Art von Antwort (…) hatte weder der Mensch noch die Ausbildung einen Sinn.
(…) Nach dem Tumult der sechziger Jahre dachten viele Leute am Anfang der siebziger Jahre, dass die Zeiten nun viel besser seien, nachdem die Universitäten sich beruhigt hatten. Ich dagegen hätte weinen können. Wenn die jungen Menschen (d.h.die Revolutionäre der 68er-Jahre) auch falsche Lösungen anboten, so hatten sie doch mit ihrer Analyse recht. Es war viel schlimmer, als viele nun die Hoffnung aufgaben und einfach die Werte ihrer Eltern übernahmen – persönlichen Frieden und Wohlstand. (…) In der Revolte gegen ihre Eltern kamen die Jugendlichen in einer Kreisbewegung an ihren Ausgangspunkt zurück und landeten oft auf einem tieferen Niveau mit genau denselben kümmerlichen Werten: ihrem eigenen persönlichen Frieden und ihrem eigenen Wohlstand.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Schaeffer sagt auch voraus, was eine solche Einstellung für gesamtgesellschaftliche Folgen haben wird, nämlich den Verlust der Freiheit. Diese Voraussage ist tatsächlich schon weitgehend eingetroffen, obwohl die wenigsten Menschen in der westlichen Welt sich dessen bewusst sind:

„Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der ’schweigenden Mehrheit‘, Junge und Alte, den Verlust von Freiheiten hinnehmen werden, ohne ihre Stimme zu erheben, solange ihr persönlicher Lebensstil nicht bedroht ist. Und da persönlicher Friede und Wohlstand die einzigen Werte sind, die für die Mehrheit zählen, wissen die Politiker, dass sie nur diese Dinge versprechen müssen, um gewählt zu werden. Politik ist heute weithin nicht mehr eine Angelegenheit von Idealen – Männer und Frauen werden in zunehmendem Masse nicht mehr von den Werten „Freiheit“ und „Wahrheit“ bewegt -, sondern man versucht sich eine Wählerschaft sicherzustellen, indem man den Leuten die ‚Sahnetorte‘ ‚persönlicher Friede‘ und ‚Wohlstand‘ anbietet. Die Politiker wissen, dass sich so lange kein Protest erheben wird, wie die Menschen diese Werte oder zumindest eine Fiktion dieser Werte oder eine Hoffnung darauf haben.“
(Schaeffer a.a.O.)

In unseren Ferienprogrammen möchten wir u.a. den Kindern zeigen, dass das Leben nicht darin bestehen muss, einfach ein „Rädchen im Getriebe“ zu sein. Wir möchten ihnen helfen, vor Gott richtige Entscheidungen zu treffen (das war das übergreifende Thema der „Bibelzeit“ mit der älteren Gruppe während diesen Ferien), und nicht einfach dem Strom der Zeit zu folgen. Aber wir müssen damit rechnen, dass schon dies in näherer Zukunft als „subversiv“ oder zumindest „politisch inkorrekt“ betrachtet werden wird …