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Nochmals Autoritarismus: Gibt es eine gemässigte Form von G12?

29. April 2019

Als ferner Beobachter lese ich, dass eine ganze Anzahl Freikirchen im deutschsprachigen Raum, u.a. die ICF-Gemeinden (International Christian Fellowship), schon vor manchen Jahren aus Südamerika das Gemeindemodell „G12“ importiert haben und als effizientes Jüngerschaftskonzept anpreisen. Darüber sind mehrere kritische Artikel erschienen, sowohl in christlichen wie nichtchristlichen Nachrichtenmedien, und auch auf den Webseiten von Sektenberatungsstellen. Aber in keinem der kritischen Artikel, die ich bisher gefunden habe, wurden die zwei Kernfragen angeschnitten, die jeder Kenner des südamerikanischen Originalmodells vermutlich zuerst stellen würde:

– Was lehrt und praktiziert ihr betreffend „geistliche Abdeckung“, Autorität, und Unterordnung?

Und: – Was geht an euren „Begegnungswochenenden“ vor sich?

In einem idea-Interview las ich zwar, dass einer der ICF-Leiter sagte, sie hätten verschiedene Aspekte des originalen G12-Modells, die ihnen zu extrem erschienen, „angepasst“. Er bezog sich damit aber nicht auf die beiden erwähnten Punkte, sondern lediglich auf die zeitliche Überbelastung der Mitglieder durch mehrere Zellgruppentreffen pro Woche. Bei „infosekta“ ist auch zu lesen, ICF habe das G12-Zellgruppenmodell inzwischen wieder abgeschafft, weil dessen pyramidale Struktur stark kritisiert wurde, und sei zu einem „hauskreis-ähnlicheren“ Kleingruppenmodell zurückgekehrt. Das sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Dennoch frage ich mich, wieviel von der ursprünglichen „G12-Erbmasse“ bei deren europäischen Ablegern weiterhin vorhanden ist.

G12 ist wahrscheinlich, neben Bill Gothards „Basic Life Principles“ und dessen Ablegern, und möglicherweise einigen katholischen Ordensgemeinschaften, gegenwärtig die einflussreichste und aggressivste Bewegung zur Verbreitung eines extremen Autoritarismus in christlichem Gewand. Ähnlich wie bei den anderen genannten Bewegungen, sind jedoch auch bei G12 ihre eigentlichen Lehren und Praktiken nur Insidern zugänglich. Wer in einer G12-Gemeinde lediglich Gottesdienstbesucher ist, der wird nur selten mit den überzogenen Forderungen nach „Unterordnung“ konfrontiert werden. (Er wird aber wahrscheinlich mit der Zeit angeworben werden, an einem „Begegnungswochenende“ teilzunehmen und sich dem „inneren Kreis“ von Zellgruppenteilnehmern und -leitern anzuschliessen.)

Ich kenne die südamerikanische – also die originale – Version von G12 aus eigener Teilnahme an einer Gemeinde, die angefangen hatte, diese Methode zu übernehmen; sowie aus verschiedenen weiteren Zeugenberichten. Praktisch alle autoritären Lehren, die ich in meiner Artikelserie über dieses Thema beschrieben habe, werden dort in extremer Form vertreten und durchgesetzt. U.a. wird gelehrt: „Du dienst Gott dadurch, dass du deinem Leiter dienst.“ In der Praxis fühlen sich dann die Mitglieder verpflichtet, ihren Zellenleitern z.B. die Wohnung aufzuräumen und sauberzumachen, deren Auto zu waschen, usw.
Die Pyramidenstruktur wird bei G12 mit militärischer Konsequenz umgesetzt: Jedes Mitglied gehört zu einer Zelle von 12 Personen (der Zahl 12 wird eine magische Bedeutung zugeschrieben). Diese Zellen sind streng nach Alter und Geschlecht getrennt (sodass also Ehepaare und Familien nicht gemeinsam an den Zellgruppentreffen teilnehmen können).* Jeder Zellenleiter gehört wiederum zu einer Gruppe von 12 Leitern derselben hierarchischen Stufe, die einen Leiter über sich haben. Und so weiter bis zum örtlichen, regionalen oder nationalen Hauptleiter an der Spitze. Bei den Gemeinden, die der originalen G12-Organisation angeschlossen sind, geht das international weiter bis zum Gründer César Castellanos, der wie ein Papst unumschränkt herrscht. – Die Abkürzung G12 bedeutet „Gobierno – Regierung (!) – der 12″.
Mitglieder werden ausserdem angehalten, selber weitere 12 „Jünger“ anzuwerben und mit ihnen eine neue Zellgruppe zu beginnen.

*Meines Wissens haben einige Gemeinden später Ehepaar-Zellen eingeführt, um diesen Umstand wenigstens für die Ehepaare ein wenig zu lindern. In der Original-„Vision“ wurden jedoch auch Ehepaare getrennt.

Über die verschiedenen Auswüchse autoritärer Lehren und Praktiken habe ich schon in früheren Artikeln geschrieben. Bei G12 kommt noch dazu, dass oft mit der Angst vor Flüchen operiert wird. Ich war selber Zeuge, wie ein G12-Pastor einmal seine nächste Lehrstunde (Vorbereitung zu einem „Begegnungswochenende“) folgendermassen ankündigte: „Wusstet ihr, dass die Bibel über achtzig Arten erwähnt, wie man unter einen Fluch kommen kann? Von all diesen Flüchen braucht ihr Befreiung! Darüber werde ich an der nächsten Vorbereitungsstunde sprechen. Ihr müsst deshalb unbedingt an dieser Vorbereitung und am Begegnungswochenende teilnehmen.“
Es ist auch gängige Praxis, dass Mitglieder, die eine G12-Gemeinde verlassen wollen, von der Kanzel herab „offiziell“ unter einen Fluch gestellt werden, und den anderen Mitgliedern verboten wird, mit ihnen irgendwelchen Kontakt zu haben. Ablehnung der G12-„Vision“ wird gleichgesetzt mit dem endgültigen Abfall vom Glauben. Damit erwischt man zwei Fliegen auf einen Streich: Die verbleibenden Mitglieder werden abgeschreckt, sodass sie es nicht wagen, an die Möglichkeit eines Austritts zu denken; und dem austretenden Mitglied wird es verunmöglicht, den verbleibenden seine Bedenken gegenüber G12 mitzuteilen.

Kommen wir nun zu den berüchtigten „Begegnungswochenenden“. Im Originalmodell ist so ein Wochenende der Grundstein der Indoktrinierung in die „Vision“ von G12. Das geschieht mit äusserst invasiven Manipulationstechniken.
Schon im Vorfeld wird den Teilnehmern vermittelt, ein „Begegnungswochenende“ sei das absolut wundervollste Erlebnis, das man machen könne. Sie würden eine „gewaltige“ Begegnung mit Gott erleben wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und würden von allen Problemen und Hindernissen in ihrem Glaubensleben befreit werden.
Sie müssen an mehreren Vorbereitungstreffen teilnehmen. Dort wird ihnen nicht nur aufgezeigt, wie nötig sie das Wochenende hätten (siehe obiges Beispiel), sondern sie werden bereits auf einige der Regeln während des Wochenendes vorbereitet. Dazu gehört u.a, dass es strengstens verboten ist, Handys, Radios, Kameras, oder irgendwelche anderen Kommunikationsmittel mitzunehmen. Es wird alles getan, um die Teilnehmer während des Wochenendes so vollständig wie möglich von der Umwelt und von anderen Menschen abzuschirmen. Es wird darauf geachtet, dass sogar Küchen- und Reinigungspersonal ausschliesslich aus „Eingeweihten“ besteht. Die Wochenenden werden vorzugsweise an einem möglichst abgelegenen Ort durchgeführt. Es gibt Gemeinden, wo die Teilnehmer nicht einmal darüber informiert werden, wo das Wochenende stattfindet.

Die Atmosphäre eines „Begegnungswochenendes“ muss einem Mysterienkult ähneln. Es gibt zwei strenge Schweigegebote: Die Mitglieder müssen sich verpflichten, zu niemandem darüber zu sprechen, was an einem solchen Wochenende geschieht. Sie dürfen nur sagen: „Es war gewaltig!“ Und wenn jemand genauer nachfragt, müssen sie sagen: „Das kann man nicht beschreiben, das kann man nur selber erleben.“ Und vielleicht noch: „Du solltest auch an einem solchen Wochenende teilnehmen!“ (Diese Sätze werden ihnen wörtlich so vorgeschrieben.) – Ausserdem dürfen die Teilnehmer während des Wochenendes auch untereinander nicht sprechen! Damit soll offenbar verhindert werden, dass über fragwürdige Praktiken kritisch reflektiert wird. Sie dürfen nur in den gemeinsamen Versammlungen vor allen sprechen, wenn sie dazu aufgefordert werden; z.B. um ein öffentliches Sündenbekenntnis abzulegen. Wenn sie Fragen haben, oder irgendetwas nötig haben, dann dürfen sie das nur einem Leiter mitteilen, aber nicht anderen Teilnehmern.

Dennoch sind Informationen nach draussen gedrungen, dank einiger weniger „Whistleblower“, die es wagten, das Schweigegebot zu übertreten. Ich weiss von mindestens zwei Pastoren, die an einem solchen Wochenende teilnahmen – der eine ahnungslos, der andere absichtlich als „Spion“ -, und sich nachher klar gegen G12 aussprachen und Erlebnisse mitteilten. Auch andere Teilnehmer haben es gewagt, Erlebnisse zu veröffentlichen. Die ganze G12-Bewegung (zumindest im Originalmodell) ist stark zentralistisch gesteuert und vereinheitlicht, sodass anzunehmen ist, dass die „Begegnungswochenenden“ überall etwa nach demselben Schema ablaufen. Es gibt anscheinend ein Handbuch für „Begegnungswochenenden“, das die im folgenden erwähnten Praktiken detailliert beschreibt. Aber natürlich darf dieses Handbuch von „Unbefugten“ nicht eingesehen werden.

– Den Teilnehmern (egal ob bereits wiedergeboren oder nicht) wird gesagt, sie würden an diesem Wochenende ihre erste wirkliche Begegnung mit Gott erleben; alle ihre vorangegangenen christlichen Erfahrungen seien nichts dagegen. Infolgedessen müssen sie u.a. alle Sünden und alle „geistlich hinderlichen Gewohnheiten“ ihres Lebens bekennen (auch wenn diese schon längst bekannt und vergeben sind). Sie werden sogar dahingehend beeinflusst, frühere Erfahrungen mit Gott und in anderen christlichen Gemeinden in Frage zu stellen.

– Um das Erlebnis emotionell intensiver zu gestalten, werden alle möglichen Symbolhandlungen durchgeführt. Z.B. werden Papierblätter mit den aufgeschriebenen Sünden der Teilnehmer an ein Kreuz genagelt; oder in eine Urne gelegt und anschliessend verbrannt oder in der Erde vergraben. Den Teilnehmern werden Hände und Füsse mit schwarzen Papierstreifen zusammengebunden, die okkulte Belastungen und Flüche darstellen; dann müssen alle in einem bestimmten Moment diese Streifen zerreissen, worauf ihnen erklärt wird, sie seien jetzt frei davon. Jemand berichtete, die Teilnehmer seien angewiesen worden, ihre Geschlechtsorgane mit Öl zu salben, um von Krankheiten und von sündigen Gewohnheiten frei zu werden. Es wird den Teilnehmern gesagt, sie sollten immer eine Papier- oder Plastiktüte dabeihaben, weil manche Personen erbrechen müssten, wenn Dämonen aus ihnen ausfahren. Das hat anscheinend eine Suggestivwirkung, sodass viele Teilnehmer tatsächlich erbrechen müssen.

Es mag evtl. vertretbar sein, gewisse Symbolhandlungen zu verwenden, sofern die Teilnehmer aus eigenem Entschluss daran teilnehmen (was im Rahmen der „Begegnungswochenenden“ aber nicht der Fall ist!), und sofern allen Beteiligten klar ist, dass es in Wirklichkeit nicht auf das Symbol ankommt, sondern allein auf das Wirken Gottes. Doch besteht immer die ganz grosse Gefahr des sakramentalen Missverständnisses: Die Teilnehmer nehmen an (oder es wird ihnen sogar suggeriert), das Symbol oder Zeichen an sich bewirke eine geistliche Realität. Also z.B, sie würden tatsächlich durch das Zerreissen eines Papierbands von Belastungen befreit. Damit setzen sie ihr Vertrauen auf ein Symbol statt auf Gott.
Dazu kommt das priesterliche Missverständnis: Es wird der Eindruck erweckt, die Leiter einer solchen Veranstaltung hätten die Macht, nach ihrem Gutdünken Gottes Wirken herbeizubefehlen oder zu „spenden“. Dadurch machen sie sich fälschlicherweise zu „Mittlern zwischen Gott und Menschen“ (siehe 1.Tim.2,5), und stehlen Gott die Ehre.
Sehr bedenklich scheint mir auch die gruppenweise Abfertigung von sehr persönlichen Angelegenheiten wie okkulte Belastungen oder sexuelle Probleme, die eigentlich in die persönliche Seelsorge gehören und zu einer ernsthaften Aufarbeitung längere Zeit benötigen. Es wird damit suggeriert, alle Teilnehmer seien belastet, und alle würden durch die vollzogenen Riten frei – was sehr oft nicht der Wirklichkeit entspricht.

– Um „die Vergangenheit aufzuarbeiten“, werden die Teilnehmer psychologisch in ihre Kindheit zurückversetzt. Zu diesem Zweck müssen z.B. die Männer mit Spielzeugautos spielen und die Frauen mit Puppen. Dann müssen sie sich auf die Kniee eines Leiters oder einer Leiterin setzen, welche(r) stellvertretend Vater oder Mutter darstellen, und ihnen „alles sagen, was sie ihren Eltern schon immer sagen wollten, aber nicht konnten“; insbesondere um Vergebung bitten und Vergebung zusprechen. Das wird sogar dann durchgeführt, wenn die betreffenden Eltern gar nicht mehr leben. (Ein verhüllter Versuch zur Kontaktaufnahme mit Toten??) Es wurde berichtet, einzelne Teilnehmer hätten nach diesem Ritual nicht mehr in die Gegenwart zurückgefunden und hätten während des ganzen Wochenendes nur noch wie Kleinkinder sprechen können.

Psychologen kennen solche Methoden unter der Bezeichnung „Regressionstherapie“, und warnen, solche nur unter der Aufsicht von gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten anzuwenden, da diese sonst mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Bei G12 aber sind es psychologische Laien, die auf fahrlässige Weise sämtliche Teilnehmer einer solchen „Behandlung“ unterziehen, ohne Rücksicht darauf, ob eine solche überhaupt angezeigt wäre.

Mir ist persönlich der Fall einer jungen Frau bekannt, die nach einer schwierigen Lebensphase einen Neuanfang im Glauben machte und von verschiedenen Belastungen befreit wurde. Etwas später wurde sie von einer G12-Gemeinde an ein „Begegnungswochenende“ eingeladen und nahm teil. Sie hatte eine sehr problematische Beziehung zu ihrer Mutter. Natürlich ging sie am Wochenende auch durch diese ganze Regression und „stellvertretende Versöhnung“. Zudem hatten die Veranstalter die Eltern aller teilnehmenden Jugendlichen aufgeboten, diese bei der Rückkehr vom Wochenende festlich in Empfang zu nehmen mit Plakaten wie: „Wir lieben dich!“ „Wir freuen uns, dass du da bist!“, usw. Die Mutter jener jungen Frau hatte dem Aufruf auch Folge geleistet. Die Tochter war überwältigt und dachte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter sei jetzt tatsächlich wiederhergestellt. Aber bald musste sie feststellen, dass jener Empfang nur Theater gewesen war, und dass sich in Wirklichkeit nichts geändert hatte. Enttäuscht zog sie von zuhause aus an einen weit entfernten Ort, begann mit einem ungläubigen Mann zusammenzuleben, und verlor jedes Interesse am christlichen Glauben.

– Aus persönlichen Gesprächen erfuhr ich zudem, dass die Teilnehmer sich formell zu unbedingtem Gehorsam ihren Leitern gegenüber verpflichten müssen. Aus einer Gemeinde hörte ich auch, dass die Teilnehmer sich zu speziellen Kleidungs- und Verhaltensnormen verpflichten mussten, insbesondere während der Sonntagsgottesdienste. Ich weiss nicht, ob das Sonderregeln jener Gemeinde waren, oder ob das für G12-Gemeinden allgemein zutrifft.

Soweit also die originale G12-Vision. Angesichts dieser Hintergründe wäre es interessant zu wissen, wie viel von diesem Modell in europäischen G12-Gemeinden tatsächlich umgesetzt wird. Journalisten, Kritiker, und interessierte Aussenstehende haben die entsprechenden Fragen anscheinend noch nicht gestellt – oder wenn, dann sind diese nicht beantwortet worden. Der geneigte Leser wird unschwer verstehen, dass da, wo das Originalmodell angewandt wird, man von gegenwärtigen Mitgliedern und Leitern kaum wahrheitsgemässe Antworten auf diese Fragen erhalten wird. Man wird sich in diesem Fall wahrscheinlich nach ausgetretenen Ex-Mitgliedern umsehen müssen, die bereit wären, das Schweigegebot zu übertreten und damit möglicherweise ihren Frieden und ihre seelische und körperliche Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Vielleicht sind ja die deutschsprachigen Freikirchen, die mit G12 liebäugeln, nicht so extrem. Aber dann müsste gefragt werden, warum sie überhaupt Konzepte von G12 aufnehmen. Man sollte dazu wissen, dass César Castellanos selber seinen Anhängern streng verboten hat, auch nur das Geringste an seiner „Vision“ zu ändern. „Man kann die Vision nicht adaptieren (anpassen), man kann sie nur adoptieren (d.h. detailgetreu 1:1 übernehmen)“, soll er kategorisch festgestellt haben. Von daher ist sehr fraglich, ob es eine „gemässigte“ Version von G12 überhaupt geben kann. Bzw, falls es eine solche gäbe, dürfte sie sich eigentlich (nach dem Diktat des Gründers) nicht mehr G12 nennen.

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Grosse Überraschung: Der Papst ist katholisch!

23. April 2015

Warum soll das eine Überraschung sein, fragen Sie sicherlich. Aber lesen Sie weiter.

Da hegen z.B.gewisse Leiter der deutschen Landeskirchen die Hoffnung, der Papst könnte inzwischen reformiert geworden sein. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet zum Reformationsjubiläum 2017 einzuladen. Man lese und staune:

„EKD-Ratschef Nikolaus Schneider (…) hat Papst Franziskus zur Teilnahme am Reformationsjubiläum 2017 eingeladen. (…) Der Ratschef und Franziskus beteten gemeinsam ein Vaterunser und sprachen einander mit „Bruder“ an. (…) Es war die erste Audienz des neuen Papstes für einen Deutschen. Wie Franziskus indes auf die Einladung zum Reformationsjubiläum reagierte, wurde zunächst nicht bekannt.“
(Aus dem „Newsletter der Lutherdekade“ auf luther2017.de)

Schon seit längerem laufen Vorbereitungen, die lutherischen und katholischen Kirchen wiederzuvereinigen. Bereits 1999 veröffentlichten der Lutherische Weltbund (LWB) und der Vatikan zusammen eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Kurz gesagt wird darin erklärt, Lutheraner und Katholiken stimmten jetzt in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein, und die noch verbleibenden Differenzen seien unwesentlich.
Nun folgt der nächste Schritt:

Lutheraner und Katholiken „gemeinsam unterwegs“
(…) „Auch im Internet kann man ernsthaft über Theologie und Glauben diskutieren!“ Dies konstatierten der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Bückeburg), und der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des ökumenischen Internetprojekts „2017 gemeinsam unterwegs“.
(…) Auslöser für das Projekt war die Bitte von LWB und Päpstlichem Einheitsrat, das 2013 gemeinschaftlich publizierte Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ in ökumenischer Verbundenheit zu rezipieren. Im Verlauf der Veranstaltung unterstrichen Manzke und Feige, dass der Weg zum Reformationsjahr 2017 ökumenisch begangen werden müsse. (…)
(Aus den offiziellen Nachrichten der EKD auf ekd.de, 18.Dezember 2014)

Dieses neue Dialogdokument (dessen Genehmigung durch den Vatikan jedoch noch aussteht) nimmt in seinem Artikel 25 ausdrücklich auf die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 Bezug.

Aber nicht nur Lutheraner sind versessen darauf, nach Rom zu pilgern. Die evangelikalen Freikirchen sitzen im selben Boot. Ein entscheidender Mittelsmann in dieser Hinsicht war anscheinend der letztes Jahr verstorbene anglikanische Bischof Tony Palmer. Einzelheiten über ihn können u.a. in dieser längeren Reportage aus der Zeitung „Boston Globe“ nachgelesen werden (auf Englisch). Hier kurz zusammengefasst:

Palmer schloss schon 2006 in Buenos Aires eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Bergoglio. Er wollte sogar zum Katholizismus konvertieren, aber Bergoglio riet ihm, stattdessen seinen Einfluss unter evangelikalen Leitern geltend zu machen: „Wir brauchen Brückenbauer“. Palmer hatte nämlich zugleich einen guten Draht zu wichtigen evangelikalen und pfingstlichen Leitern. (Wir müssen ihn also als einen richtiggehenden Geheimagenten des Vatikans in den evangelikalen Reihen ansehen.)

Im Januar 2014 lud der neugewählte Papst Palmer in den Vatikan ein und übergab ihm u.a. eine (auf Video aufgezeichnete) Grussbotschaft an eine evangelikale Leiterkonferenz, wo Palmer in der folgenden Woche sprechen würde. An dieser Konferenz, organisiert von Kenneth Copeland, nahmen dreitausend evangelikale Leiter teil. Palmer liess sie die Botschaft des Papstes sehen und sagte dazu: „Wir protestieren nicht mehr gegen die Heilslehre der katholischen Kirche. Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium. Luthers Protest ist vorbei. Deiner auch?“ – Damit erntete er stürmischen Applaus, und in den darauffolgenden Tagen wurde er (so „Boston Globe“) „überschwemmt von Anfragen evangelikaler Leiter, die selber ein Teil dieser Geschehnisse werden wollten“.

So organisierte Palmer im Juni 2014 einen Besuch im Vatikan, an welchem mehrere wichtige evangelikale Leiter teilnahmen, die zusammen „über 700 Millionen Evangelikale weltweit vertreten“. Wenn Sie einer anerkannten evangelikalen Denomination angehören oder sonstwie mit der Evangelischen Allianz o.ä. verbunden sind, dann sind Sie in diesen 700 Millionen inbegriffen. Diese Leiter sagten dem Papst, sie „nähmen seine Einladung an, die sichtbare Einheit mit dem Bischof von Rom zu suchen“.
Bei diesem Treffen übergab Palmer dem Papst einen Entwurf für ein gemeinsames „Glaubensbekenntnis in Einheit für die Mission“, das am Tag des 500-jährigen „Reformationsgedenkens“ in Rom vom Papst und von den Leitern der wichtigsten protestantischen Kirchen gemeinsam unterzeichnet werden soll. Der genaue Inhalt dieses Bekenntnisses ist noch nicht veröffentlicht worden, aber es ist bereits bekannt, dass darin vorkommen:

  • das Nicänische Glaubensbekenntnis (das ausdrücklich den Glauben an „die eine katholische Kirche“ bezeugt),
  • die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999,
  • sowie eine gemeinsame Erlärung in dem Sinne, dass Katholiken und Evangelikale nun in der Mission vereint seien, weil sie dasselbe Evangelium verkündeten.

Wer war damals alles beim Papst?

  • Geoff Tunnicliffe, der Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Die WEA ist der Zusammenschluss aller Evangelischen Allianzen weltweit, und repräsentiert damit (fast) alle Evangelikalen.
  • Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA. Schirrmacher profilierte sich früher als bibeltreuer, konservativer Theologe, der Artikel schrieb für Organisationen bzw. Internetportale der calvinistisch-rekonstruktionistischen Richtung wie „Chalcedon“ und „Contra Mundum“. Er lehrt u.a. an einer bibeltreuen (?) evangelikalen Hochschule (FTA Giessen). Das alles hinderte ihn aber nicht, gleichzeitig als Mitinitiant und Mitautor des ersten „Joint Venture“ zwischen der WEA, dem Weltkirchenrat und dem Vatikan zu fungieren. Folgerichtig schreibt er neuerdings auch für „Current Dialogue“, die offizielle Zeitschrift des ökumenischen Weltkirchenrats.
  • Brian Stiller war Präsident der Kanadischen Evangelischen Allianz, von „Youth for Christ“, und des „Tyndale Seminary“ (das grösste theologische Seminar Kanadas); und reist seit 2011 als „Globaler Botschafter“ der WEA um die Welt.
  • James und Betty Robison. James Robison ist ein bekannter „Televangelist“, der mit seinen Programmen Millionen von Zuschauern erreicht und schon mit Billy Graham verglichen wurde.
  • Der bereits erwähnte Kenneth Copeland ist Leiter von „Wort des Glaubens“, einer Bewegung, die das sogenannte Wohlstandsevangelium verkündet.
  • Zu guter Letzt: John und Carol Arnott, Gründer und Leiter der umstrittenen „Toronto Airport Church“.

Es scheint also, dass jetzt plötzlich alle in der evangelikalen Welt vertretenen Strömungen nach Rom wollen: von konservativen Calvinisten über Mainstream-Evangelikale und -Pfingstler bis hin zu den Extremcharismatikern.

Die in diesen Kreisen nun oft gehörte Aussage „Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium“ wird offenbar von vielen Evangelikalen dahingehend verstanden, als ob Rom nun auf ihren Kurs eingeschwenkt sei. Auch manche Katholiken fassen das anscheinend so auf, wie ich aus besorgten Kommentaren auf katholischen Internetseiten schliesse.

Wer so urteilt, hat das Wesen des Katholizismus nicht ganz verstanden. Dieser fusst nämlich entscheidend auf der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche. Aufgrund dieser Lehre gelten päpstliche und Konzilsdekrete als unfehlbar, gleichrangig mit der Bibel oder sogar dieser übergeordnet – also als von Gott selbst inspirierte bzw. autorisierte Wahrheiten. Dazu gehören u.a. die Verurteilungen der reformatorischen Lehren, und die Dekrete zur Ausrottung der Häretiker. Selbst wenn die obersten Kirchenführer eine dieser Lehren als falsch erkannt hätten, so könnten sie sie dennoch nicht zurücknehmen, aus dem eben erwähnten Grund.
(Es ist also immer noch offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass sogenannte „Häretiker“ getötet werden sollen. Wenn diese Lehre gegenwärtig nicht praktiziert wird, so liegt das nicht an einem grundsätzlichen Gesinnungswandel der Kirche, sondern lediglich daran, dass sie nicht mehr die nötige politische Macht hat dazu.)
Genau an diesem Punkt entzündete sich auch der Streit zwischen Luther und dem Papst. Das Problem war nicht Luthers Polemik gegen den Ablasshandel; das wurde in Rom als „harmloses Mönchsgezänk“ abgetan. Auslöser des Konflikts war vielmehr Luthers Aussage: „Auch Konzilien können irren.“ (Konkret ging es dabei um die Verurteilung und anschliessende Verbrennung von Jan Hus.) Damit stellte er die Grundlage der römischen Kirche in Frage. Würde diese Kirche auch nur ein einziges Dekret eines Konzils oder Papstes widerrufen, so würde sie damit ihre ureigenste Identität preisgeben und Luther recht geben. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass das demnächst geschehen sollte.

Sollte es also wahr sein, dass Katholiken und Evangelikale jetzt „dasselbe Evangelium verkünden“, dann können es nur die Evangelikalen gewesen sein, die ihr Evangelium abänderten, aber nicht die Katholiken.

Dennoch – für diese evangelischen Leiter, die den Papst schon beinahe einen der ihren wähnen, dürfte es eine grosse Überraschung sein, dass er auch ganz anders sprechen kann. Paolo Ricca hat letztes Jahr in einem Artikel auf riforma.it bekanntgemacht, was der Papst wirklich von der Reformation hält. Leider war der Originalartikel schon nicht mehr abrufbar, als ich davon erfuhr; aber auf einem spanischsprachigen Blog wurde der Inhalt wie folgt zusammengefasst:

„Herzlich und voller Lob. Immer bemüht, das Gemeinsame zu unterstreichen und die Unterschiede beiseite zu lassen. Das war bis jetzt das populäre Bild des Papstes Franziskus in seinen Beziehungen zu den Nichtkatholiken.

Viele sind beeindruckt von seinem gefälligen Stil, mit dem er oft andere zu beeinflussen versucht. Das mag bisher die Norm gewesen sein, aber nun gibt es eine sehr bedeutsame Ausnahme. Die kürzliche Neuherausgabe (in Buchform) einer Konferenz über die Geschichte der Jesuiten, die der (damalige) Erzbischof Bergoglio 1985 in Argentinien hielt, bezeugt die harte Kritik, die er an der protestantischen Reformation übt, und insbesondere an Johannes Calvin. Diese Konferenz wurde 2013 in Spanien von neuem veröffentlicht, und wurde dann auch auf Italienisch übersetzt (Chi sono i gesuiti [Wer sind die Jesuiten?], Bologna: EMI, 2014). Da nichts darauf hinweist, dass er seine Gesinnung geändert hätte, müssen wir den Inhalt dieses Buches als eine exakte Wiedergabe dessen ansehen, was Franziskus noch heute über die protestantische Reformation denkt.

Der Protestantismus als die Wurzel allen Übels

(…) Wie er sagt, bestehen die unausweichlichen Folgen der Reformation entweder in der Vernichtung des Menschen in seiner Bedrängnis (was zum existenziellen Atheismus führt), oder in einem Sprung ins Dunkel als eine Art „Übermensch“ (wie es Nietzsche voraussah). Beide Ergebnisse führen zum „Tod Gottes“ und zu einer Art „Heidentum“, das sich u.a. im Nationalsozialismus und im Marxismus äussert. All das soll aus dem „Standpunkt Luthers“ hervorgegangen sein! Bergoglio argumentiert, die Reformation sei die Wurzel aller Tragödien des modernen Abendlandes, von der Säkularisierung bis zum Tod Gottes, von den totalitären Regimes bis zu den ideologischen Selbstmorden.

(…) Bergoglio hat diese Ansicht nicht erfunden. Aber er bestärkt sie neu, als ob es seit dem Konzil von Trient nie eine gründlichere historische Forschung oder kulturelle und theologische Analysen gegeben hätte. Was sollen wir dann mit seinen freundlichen Tönen den Protestanten gegenüber anfangen, wenn er in Wirklichkeit glaubt, der „lutherische Standpunkt“ sei schuld an allen Übeln der westlichen Zivilisation?

Johannes Calvin, der geistliche Scharfrichter

(…) Calvin sei noch schlimmer, weil er den Menschen, die Gesellschaft und die Kirche zerrissen hätte: Inbezug auf den Menschen trennte Bergoglios Calvin die Vernunft vom Herzen und brachte so das „calvinistische Elend“ hervor. Inbezug auf die Gesellschaft hetzte er das Bürgertum gegen die anderen arbeitenden Klassen und wurde so zum „Vater des Liberalismus“. Aber die schlimmste Spaltung geschah in der Kirche. Dort „enthauptete Calvin das Volk Gottes von seiner Einheit mit dem Vater“. Er liess das Volk Gottes ohne seine Heiligen zurück. Und er enthauptete die Messe, d.h. die Vermittlung des „realpräsenten“ Christus. Kurz, Calvin war ein Scharfrichter, der den Menschen zerstörte, die Gesellschaft vergiftete, und die Kirche ruinierte!

Zu sagen, dass Bergoglio Calvin nicht mag, wäre eine Untertreibung. Er empfindet heftigste Gefühle gegen ihn. Aber versteht er Calvin wirklich, über die antiquierten und völlig einseitigen Klischees hinaus? Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Jubiläum der protestantischen Reformation sein, und da hätte Franziskus eine Gelegenheit, über die neusten Geschichtsbücher zu gehen und ein gerechteres und genaueres Bild darüber zu gewinnen, was seit dem 16.Jahrhundert geschah. Solange er seine Bewertung der Reformation nicht revidiert, bleiben seine ganzen „ökumenischen“ Reden eine oberflächliche Maske, die einen wahren Hass auf Luther und (insbesondere) auf Calvin verbirgt.“

Im deutschsprachigen Raum scheint kaum jemand diesen Artikel zur Kenntnis genommen zu haben. Ich fand lediglich einen Kommentar auf einem katholischen Blog, dessen Verfasser u.a. sagt: „Dass so klare Aussagen den Calvinisten der heutigen Zeit nicht gefallen, kann man nachvollziehen, die sich im Rahmen der 500-Jahrfeier der Reformation schon auf von katholischen Standpunkten ungestörte Feierlichkeiten  freuten und für die Protagonisten der Kirchenspaltung vom Hl. Stuhl irgendwelche Ehrentitel einforderten, wenn schon nicht Kirchenlehrer so doch etwas Ähnliches…“

Ich muss ihm recht geben. Zu erwarten, dass der Papst Luther und Calvin offizielle kirchliche Anerkennung verleihen würde, ist ein leerer Wahn. Eine „vollständige und sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche“, wie sie jetzt von den Lutheranern angestrebt wird (und, wie wir sahen, auch von manchen Evangelikalen), kann von katholischer Seite aus nicht stattfinden ohne eine ebenso „vollständige und sichtbare“ Unterwerfung der Evangelischen unter Rom. Das hat der Papst bei den jüngsten Gesprächen zwar nicht offen gesagt; es ist aber katholischerseits schon mehrmals klargestellt worden.

Dem Papst kann in dieser Hinsicht von seiner eigenen Warte aus kein Vorwurf gemacht werden. Er handelt konsequent und in Übereinstimmung mit seiner eigenen Lehre; nur heuchlerisch, aber Heuchelei ist meines Wissens in der katholischen Theologie nicht verboten. Wenn er evangelikale Leiter mit offenen Armen im Vatikan empfängt, beruht das offenbar auf der alten Weisheit, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Im übrigen hat er meines Wissens sowohl zur Einladung der EKD als auch zum Entwurf Palmers für ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch gar nicht Stellung genommen.

Wer jedoch inkonsequent und verräterisch handelt, sind die Leiter der Lutheraner und Evangelikalen. Entweder haben sie ihre Wallfahrt nach Rom angetreten, ohne sich je mit den Grundlagen katholischer Kirchenlehre zu befassen – was ich mir aber z.B. bei einem Theologen vom Kaliber Schirrmachers kaum vorstellen kann. Oder aber sie führen die Weltöffentlichkeit bewusst in die Irre.

Nehmen wir es also zur Kenntnis: Der Papst ist – oh Wunder – immer noch katholisch.

Freikirchen als „Biotop“ für Verbrecher?

26. März 2014

Der Fall ist schon länger her, aber die Kommentare, die er ausgelöst hat, sind weiterhin aktuell. Vor einigen Jahren wurde ein Mitarbeiter einer freikirchlichen Kinderkrippe wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs festgenommen. Dieses Jahr nun ist der Mann verurteilt worden. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ hat seinerzeit (25.März 2011) in einem Interview mit dem Sektenforscher Georg Otto Schmid nahegelegt, evangelikale Freikirchen könnten ähnlich wie die katholische Kirche ein „Biotop“ für Pädophile darstellen.

Freikirchliche Medien haben sich begreiflicherweise darüber aufgeregt. Ihre „Verteidigung“ läuft aber einzig darauf hinaus, dass sie betonen, in Freikirchen bestehe durchaus eine sachgemässe Auseinandersetzung und Beratung im Bereich sexueller Probleme. So schreibt z.B. Fritz Imhof auf „Livenet“:
„Hätte Schmid sich informiert, hätte er erfahren, dass sich sowohl die Krippe in Volketswil wie auch das ICF rechtzeitig mit den Gefahren auseinandergesetzt haben, welche in der Kinderbetreuung und Jugendarbeit auf sexuellem Gebiet lauern. Beide hatten die Beratungsstelle «Mira» beigezogen.“

Das mag ja sein, trifft aber den Kern der Sache nicht. Freikirchen stehen tatsächlich in Gefahr, zu einem „Biotop“ nicht nur für Pädophile zu werden, sondern auch für Leute, die in anderer Hinsicht krumme Dinge drehen. Nicht unbedingt wegen ihres Umgangs mit der Sexualität, sondern wegen der freikirchlichen internen Gruppendynamik. Dazu sagt Schmid im TA-Interview:
„Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. (…) Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab. (…) Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. „
Diese Aussagen beschreiben zumindest die eine Seite dieser Gruppendynamik zutreffend. Es gibt dazu allerdings noch eine Kehrseite, die ich unten unter Punkt 2 beleuchten werde. – Aus meiner zwanzigjährigen Insider-Erfahrung in evangelikalen Kirchen und Organisationen muss ich leider sagen: Es besteht in diesen Kreisen wenig bis keine Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu berichtigen. Man mag nach aussen hin „stimmige“ Strukturen errichten; aber die interne Dynamik wird nicht unter die Lupe genommen.

Schmid hat ja nicht gesagt, dass Freikirchenmitglieder „schlechter“ seien als andere Menschen. Deren Grund-Neigung zu Verbrechen und Unredlichkeit dürfte etwa im selben Rahmen liegen wie in der Gesamtbevölkerung. (Das ist natürlich auch schon bedenklich angesichts der Tatsache, dass die Freikirchen ja behaupten, aus wiedergeborenen Christen zu bestehen.) Nun schafft aber leider die freikirchliche Dynamik ein Klima, welches das straflose Ausleben solcher Neigungen begünstigt – zumindest für gewisse Kategorien von Mitgliedern. Drei Aspekte insbesondere tragen dazu bei:

1. Eine falsche Lehre und Praxis über Gnade und Vergebung.
(Siehe „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Haben schon die reformierten Landeskirchen mit ihrer „billigen Gnade“ (Bonhoeffer) eine Erlösung ohne Umkehr von der Sünde versprochen, so haben die heutigen Freikirchen diese Entwicklung nicht nur nicht aufgehalten, sondern sie haben sogar noch eine weitere Verdrehung hinzugefügt: In vielen Freikirchen wird regelrecht Druck ausgeübt auf die Opfer von Übergriffen und Verbrechen, den Tätern zu „vergeben“, auch wenn diese ihre Taten gar nicht bereuen. Unter „Vergebung“ wird dabei nicht nur verstanden, auf eine Strafverfolgung zu verzichten, sondern auch überhaupt darauf zu verzichten, den Täter zu konfrontieren und/oder mit Drittpersonen über das Vorgefallene zu sprechen. Dies insbesondere dann, wenn der Täter zu den leitenden kirchlichen Mitarbeitern gehört. Da die Opfer freikirchlicher Täter in der Regel andere Freikirchenmitglieder sind, stehen diese unter einem fast unvorstellbaren psychischen Druck, das Geschehene zu „vergeben, verschweigen und vergessen“. Zusätzlich zu der erlittenen Schädigung werden sie also auch noch massivem geistlichem Missbrauch unterworfen.

2. Verzerrte Kriterien über Recht und Unrecht.

In den meisten evangelikalen Kirchen und Missionswerken, die ich näher kennenlernte, wird „Rechtsprechung“ und „Gemeindezucht“ in völlig verzerrter, parteiischer Weise ausgeübt, und zwar nach folgendem Grundsatz: Wer mit der Leiterschaft konform geht, ist im Recht; wer der Leiterschaft widerspricht, ist im Unrecht.Deshalb können die Duckmäuser, die den Leitern immer nach dem Maul reden, sich so gut wie alles erlauben, und kommen innerhalb der Kirche straflos davon. Dasselbe gilt natürlich erst recht für die Leiter selber. Ich habe zuverlässige Kenntnis einer ganzen Anzahl strafbarer Delikte, die von evangelikalen Leitern verübt worden sind, ohne dass sie innerhalb ihrer Organisation je dafür zur Rechenschaft gezogen worden wären. In einigen Fällen haben Mitarbeiter dieser Leiter sogar mitgeholfen, die Dinge auch vor der weltlichen Gerichtsbarkeit zu verbergen.
Andererseits kenne ich eine Anzahl freikirchlicher Mitarbeiter, die von ihren Leitern gemassregelt, ausgeschlossen, mit Kontaktsperren und Flüchen belegt, und bei anderen evangelikalen Organisationen angeschwärzt worden sind, ohne dass sie irgendein Verbrechen oder eine Sünde im biblischen Sinn begangen hätten. Nur weil sie in irgendeinem Punkt nicht mit ihren Leitern konform gingen, oder gerade weil sie gewisse Vergehen von Leitern aufgedeckt und konfrontiert hatten.
Man kann sich leicht ausmalen, was eine derart verdrehte Sicht von Recht und Unrecht für Folgen hat.

Gewöhnliche Mitglieder begegnen diesen pervertierten Machtstrukturen selten. Nur wer auf Leiterschaftsebene mitarbeitet, erhält allmählich Einblick in das, was hinter den Kulissen vorgeht. Wer als Freikirchen-Mitglied einen Streitfall mit seinen übergeordneten Leitern hat, der kann vor den innerkirchlichen Instanzen nicht mit einem fairen Prozess rechnen. Und auch im „überdenominationellen Gefüge“ (z.B. Evangelische Allianz) besteht m.W. bis jetzt noch keine Anlaufstelle für derart Betroffene, und erst recht keine anerkannte unparteiische Schlichtungsstelle für solche Fälle. (Falls mir hier eine Information entgangen sein sollte und es solche Stellen doch gibt, dann wäre ich sehr dankbar, wenn mich jemand darüber aufklären würde.) Mit anderen Worten: Die inner-freikirchliche Rechtsprechung (von der man ja ein höheres Mass an Gerechtigkeit und Integrität erwarten würde, wenn es sich wirklich um das Volk Gottes handelte) ist weniger gerecht als die weltliche.

3. Unzulässige Eingriffe ins Privatleben der Mitglieder.

In manchen dieser Organisationen werden den Mitgliedern bzw. Mitarbeitern Vorschriften gemacht über Einzelheiten, die zum privaten Entscheidungsspielraum jedes Menschen gehören, wie z.B. Freizeitgestaltung, Wahl des Wohnortes oder Arbeitsplatzes, Familienleben, Wahl der Freunde, u.a.m. So werden sie einem Joch von Menschengeboten unterworfen wie zur Zeit der Pharisäer (Matthäus 15,7-9; 23,4).

Hier muss nun tatsächlich der Bereich der Sexualität näher betrachtet werden. Während Ehebrecher und Kinderschänder in einem freikirchlichen Umfeld u.U. mit keinerlei internen Konsequenzen zu rechnen haben, wurde ich von meinen seinerzeitigen Vorgesetzten in einer Missionsgesellschaft als „Rebell“ gebrandmarkt, nachdem ich arglos von der Möglichkeit sprach, auf ehrbare Weise meinem Wunsch nach Heirat nachzugehen, wobei ich mir (oh Schreck!) auch eine Peruanerin als Ehepartnerin vorstellen könnte. Umgehend wurde mir strengstens verboten, mit irgendeiner Frau unter vier Augen zu sprechen, mich im Gottesdienst neben eine Frau zu setzen, oder in irgendeiner persönlichen Angelegenheit einen peruanischen Pastor zu Rate zu ziehen! Alles unter Androhung der fristlosen Entlassung sowie Deportation in meine „Heimat“. (Inzwischen bin ich tatsächlich schon viele Jahre mit einer Peruanerin glücklich verheiratet, und die erwähnte Missionsgesellschaft besteht zum Glück nicht mehr.)
In 1.Timotheus 4,1-3 steht geschrieben, was von Menschen zu halten ist, die das Heiraten verbieten.

Es gibt Bibelschulen und ähnliche Organisationen, die in ihrer „Hausordnung“ ihren Schülern zum vornherein verbieten, während der Ausbildungszeit eine Paarbeziehung einzugehen. Das ist zwar ehrlicher, weil das Verbot offen mitgeteilt wird und nicht als ungeschriebenes Gesetz im Hintergrund lauert; aber es ist dennoch nicht viel besser. Nach meiner Beobachtung führt das dazu, dass die ledigen Schüler sich in ihren Gedanken hauptsächlich damit beschäftigen, wie sie dieses Verbot umgehen können.

Es ist leider eine nicht unbekannte Erscheinung, dass es Mitgliedern bzw. Mitarbeitern in sektenhaften Gruppierungen verboten oder verunmöglicht wird, ihre Sexualität auf gottgewollte Weise in der Ehe auszuleben. Das führt dann oft dazu, dass diese Menschen fast zwangsläufig in abartige sexuelle Handlungen getrieben werden. Das ist ein weiterer Grund, warum in gewissen Kreisen sexuelle Übergriffe häufiger vorkommen.

Nachbemerkungen

Ich möchte nun diese Ausführungen nicht dahingehend verstanden wissen, als ob die genannten Verirrungen ein notwendiger Ausfluss eines sogenannten „fundamentalistischen“ (d.h. bibeltreuen) christlichen Glaubens wären. Im Gegenteil, diese Praktiken wären höchstens unter äussersten Verrenkungen biblisch zu begründen. Sie zeigen daher vielmehr symptomatisch, wie weit sich auch die Freikirchen von einem echten biblischen Glauben entfernt haben.
Leider geben sie damit der Welt einen Anlass, das Christentum an sich in den Dreck zu ziehen. „Euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Völkern“(Römer 2,23-24). Wenn Journalisten und Sektenexperten über die Freikirchen herziehen, dann ist das oft nicht einfach Bosheit, sondern ist im unchristlichen Verhalten allzu vieler Freikirchenvertreter begründet.

Ich füge jetzt bewusst nicht die üblichen Einschränkungen an wie „es gebe natürlich auch Ausnahmen“ usw. Erstens, weil ich gar nicht weiss, ob es solche Ausnahmen überhaupt (noch) gibt. Zweitens, weil Jesus seiner Kritik an den Pharisäern (Matth.23) auch keine solchen Einschränkungen angefügt hat, obwohl er doch mit Sicherheit wusste, dass es Ausnahmen gab. Und drittens, weil die redliche und aufrichtige Minderheit (so es sie gibt) nichts öffentlich Sichtbares tut, um dem Treiben der verdorbenen Mehrheit Einhalt zu gebieten, und sich somit durch ihr Schweigen mitschuldig macht.
Ich habe viele Jahre lang den Standpunkt vertreten, wenn ein Christ in einer Freikirche geschädigt und misshandelt worden sei, dann handle es sich um eine ausnahmsweise „böse“ Gruppierung, und es gäbe daneben noch genügend „gesunde“ Freikirchen, denen er sich anschliessen könne. Aber nachdem ich in zwanzig Jahren keine Kirche kennengelernt habe, die sich auch bei näherem Hinsehen als in dieser Hinsicht „gesund“ erwiesen hätte, musste ich in diesem Punkt meine Meinung ändern.
Wenn Sie ein freikirchlicher Leiter sind und der Ansicht sind, meine Beschreibung treffe auf Ihre Kirche überhaupt nicht zu, dann beklagen Sie sich also bitte nicht über „unzulässige Verallgemeinerungen“, sondern widerlegen Sie diesen Artikel mit Ihrem eigenen leuchtenden Gegenbeispiel. Pflegen Sie in Ihrer eigenen Kirche eine Kultur der Redlichkeit, Transparenz, Integrität und Gerechtigkeit. Setzen Sie sich ein für die Opfer von Delikten und Machtmissbrauch (Sprüche 24,11-12; 31,8-9) in jenen vielen Kirchen, die tatsächlich so funktionieren wie hier beschrieben. Konfrontieren Sie Ihre Pastorenkollegen in anderen Kirchen, die durch ihr unredliches Verhalten das Evangelium von Jesus Christus in Verruf bringen.
Ich werde hier gerne die Namen von evangelikalen Persönlichkeiten veröffentlichen, die sich bereit erklären, die Scharte auszuwetzen, indem sie freikirchengeschädigten Menschen beistehen und die Täter zur Rechenschaft ziehen. Noch erfreulicher wäre es natürlich, wenn ich hier positive Berichte von Betroffenen veröffentlichen könnte, wie ihnen der Gemeindeleiter X, der Theologe Y oder der evangelikale Journalist Z tatsächlich im erwähnten Sinn beigestanden sind.

Die Untergrundkirche in Deutschland – Offener Brief an die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“

20. Juni 2013

Sehr geehrte Hilfsaktion Märtyrerkirche in Deutschland,

vor einem Monat habe ich Sie zweimal per e-Mail auf zwei Fälle von Verfolgung deutscher Christen aufmerksam gemacht und Sie gebeten, sich für die Betroffenen einzusetzen und über diese Fälle zu informieren. Da ich bis jetzt darauf keine Antwort erhalten habe, veröffentliche ich jetzt diesen Brief in meinem Blog.

Sie setzen sich für verfolgte Christen in anderen Ländern ein, aber über die Verfolgung in Ihrem eigenen Land schweigen Sie. Der argentinische Zweig Ihres Hilfswerks hat mehrmals über das Leiden deutscher christlicher Familien berichtet (http://lavozdelosmartires.com.ar/), ebenso ähnliche Hilfswerke in den USA; aber auf Ihrer Website ist nichts darüber zu finden.

Richard Wurmbrand, der Gründer Ihres Werks, war vierzehn Jahre lang in Haft, weil er zuallererst in seinem eigenen Land Rumänien für die Wahrheit und das Wort Gottes aufgestanden war. Sicher kennen Sie den folgenden Abschnitt aus seiner Lebensgeschichte:

„Nachdem die Kommunisten einmal zur Macht gekommen waren, gebrauchten sie meisterhaft das Mittel der Täuschung gegenüber den Kirchen. Denn die Sprache der Liebe und die Sprache der Verführung klingen gleich. (…) Als die Kommunisten die Macht innehatten, wussten Tausende von Priestern, Pfarrern und Predigern die beiden Sprachen nicht zu unterscheiden.
Die Kommunisten beriefen einen Kongress aller christlichen Körperschaften in unserem Parlamentsgebäude in Bukarest. Dort waren viertausend Prediger, Pastoren und Prediger aller Religionsgemeinschaften versammelt. Diese viertausend Geistlichen wählten Joseph Stalin zum Ehrenpräsidenten dieses Kongresses. Gleichzeitig war Stalin amtierender Präsident des Weltverbandes der Gottlosenbewegung und ein Massenmörder von Christen. Aber einer nach dem anderen, ob Bischof oder Pfarrer, erhob sich in unserem Parlament und erklärte öffentlich, dass der Kommunismus und das Christentum in ihren Grundlagen gleich seien und friedlich nebeneinander bestehen könnten. Ein Geistlicher nach dem andern fand preisende Worte für den Kommunismus und versicherte der neuen Regierung die treue Mitarbeit der Kirche.
(…) Meine Frau sass neben mir und sagte zu mir: „Richard, steh auf und wasche diese Schande vom Antlitz Christi! Sie speien ihm ins Gesicht.“ Ich sagte zu meiner Frau: „Wenn ich das tue, verlierst du deinen Mann.“ Sie erwiderte: „Ich möchte keinen Feigling zum Mann haben.“
Da stand ich auf und sprach zu diesem Kongress, und ich pries nicht die Mörder der Christen, sondern Christus und Gott und sagte, dass wir zuallererst Ihm unsere Treue schulden. (…) Später musste ich dafür bezahlen, aber das war es wert gewesen.“
(Aus Richard Wurmbrand, „Gefoltert für Christus“, 1967)

Heute befindet sich Ihr Land, Deutschland, in einer ähnlichen Situation. Pfarrer, Prediger und Pastoren preisen dieses Land als einen „Rechtsstaat“, und erwähnen mit keinem Wort, dass dieser Staat den hingegebensten Christen, die ihren biblischen Erziehungsauftrag ernst nehmen, ihre Kinder wegnimmt, sie um ihr Hab und Gut bringt, und nicht wenige von ihnen ins Gefängnis gesperrt hat. Im Gegenteil, diese verfolgten Familien werden von prominenten Kirchenführern als Kriminelle hingestellt. Genauso wurden im seinerzeitigen Ostblock die Leiter der Untergrundkirche von den staatshörigen Leitern der registrierten Kirchen diffamiert. Die christlichen Homeschool-Familien in Deutschland verkörpern effektiv das, was Ihr Werk in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens vertreten hat und wofür Richard Wurmbrand ein leuchtendes Symbol geworden ist, nämlich die Untergrundkirche. Das Wohnzimmer ist ihr Versammlungsort, und der geheime Unterricht ist ihr Gottesdienst.
In dieser Situation müsste ein ebenso klares Wort gesprochen werden, wie es Richard Wurmbrand damals auf dem Predigerkongress in Bukarest gesprochen hat. Aber Sie sind anscheinend nicht dazu bereit, dieses Wort zu sprechen. Damit verleugnen Sie das geistliche Erbe Ihres Gründers und machen Ihren Einsatz in anderen Teilen der Welt unglaubwürdig.

Zu Ihrer Information eine (längst nicht vollständige) Auswahl von Fällen von Christenverfolgung in Deutschland:

  • Im vergangenen Monat wurde für Thomas und Marit Schaum aus Fritzlar eine sechsmonatige Gefängnisstrafe gefordert, weil sie aus christlicher Überzeugung ihre Kinder selber erziehen. Diese Strafe wurde dann vom Gericht in eine hohe Geldbusse umgewandelt.
  • Im September 2012 wurde einem Elternpaar in Darmstadt die elterliche Sorge für ihre vier Kinder entzogen, weil sie diese aus christlicher Verantwortung zuhause ausbildeten.
  • Im Jahre 2010 wurden in Salzkotten mehrere christliche Elternpaare während bis zu 40 Tagen inhaftiert, nur weil sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre Kinder nicht an der pornographischen Schultheateraufführung „Mein Körper gehört mir“ teilnehmen lassen wollten.
  • Die christlichen Aktivisten Johannes Lerle, Günter Annen und Winfried Pietrek verbrachten insgesamt über ein Jahr in Haft, weil sie Flugblätter gegen die Tötung ungeborener Kinder geschrieben und verteilt hatten.
  • Im Jahre 2008 wurden Jürgen und Rosemarie Dudek aus Archfeldt zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie ihre Kinder selber erziehen.
  • Im Jahre 2007 wurde die 15-jährige Melissa Busekros in Nürnberg von einem Aufgebot von fünfzehn(!) Polizisten von zuhause entführt und in einer psychiatrischen Klinik interniert, obwohl sie völlig gesund war. Gleichzeitig wurde ihren Eltern mitgeteilt, ihnen sei hiermit die elterliche Sorge für Melissa entzogen. Auch in diesem Fall bestand ihr einziges „Verbrechen“ darin, dass sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre elterliche Verantwortung wahrgenommen und Melissa selber erzogen hatten.
  • Im Jahre 2006 drang die Polizei mehrmals mit Gewalt in das Heim der Familie Romeike ein und schleppte ihre Kinder unter Gewaltanwendung zur Schule. Es wurde ihnen mit Kindesentzug und Gefängnis gedroht, insgesamt fünfstellige Bussgelder auferlegt, und kurz vor ihrer Flucht in die USA ein Enteignungsverfahren eingeleitet, aufgrund dessen sie bei einer allfälligen Rückkehr nach Deutschland ihr Hab und Gut verlieren würden. Ein US-amerikanisches Gericht erteilte den Romeikes im Jahre 2010 aufgrund dieser Umstände politisches Asyl.
  • In den Jahren 2005 und 2006 wurde mehreren russlanddeutschen Baptisten im Raum Paderborn das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen; mehrere wurden inhaftiert und gebüsst; und einige dieser Familien flohen ins Ausland. Der Hauptverantwortliche dieser Verfolgung, Landrat Sven Adenauer, gab als Motiv an: „Fundamentalisten haben bei uns nichts zu suchen.“ Die betroffenen Familien äusserten, das Vorgehen der deutschen Behörden sei mit der Verfolgung vergleichbar, die sie seinerzeit in der Sowjetunion erlitten hatten.
  • Im April 2000 brachen drei Polizisten gewaltsam in das Haus von Johann Harder in Schloss Holte-Stukenbroch ein, warfen Möbel um und zerbrachen seine Kamera, als er die angerichteten Verwüstungen fotografieren wollte. Dann führten sie seine elfjährige Tochter Anna ab. Der Schock bewirkte, dass Harders Frau ihrem Baby keine Milch mehr geben konnte. Harder musste zudem Bussgelder von mehreren tausend Euro bezahlen, und eine Gefängnisstrafe wurde angedroht.
  • Bereits im Jahre 1985 wurde der Professorin Adelgunde Mertensacker aus Dortmund der Lehrauftrag entzogen, weil sie in einer Vorlesung gesagt hatte: „Das menschliche Leben beginnt mit der Zeugung. … Abtreibung ist Tötung eines Menschen in der Entwicklung.“
  • (Editiert) In einem weiteren Fall bin ich von der betroffenen Familie gebeten worden, ihren Namen nicht bekanntzugeben.

Die Anzahl der Fälle, die nicht öffentlich bekannt werden, dürfte beträchtlich höher sein. Es wird geschätzt, dass zur Zeit rund 40 deutsche Familien – mehrheitlich bibeltreue Christen – aus ähnlichen Gründen Gerichtsprozesse hängig haben. Dazu kommt eine wahrscheinlich noch höhere Zahl von Familien, die nur deshalb nicht Verfolgungsopfer wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland flüchten konnten.

  • Aber einige von ihnen werden nicht einmal im Ausland in Ruhe gelassen. Im Jahre 2009 erschienen auf Geheiss der deutschen Behörden zwei Sozialarbeiter und zwei Polizisten am vorübergehenden Aufenthaltsort der Familie Wunderlich in St.Leonard (Frankreich), und führten ihre vier Kinder ab, weil sie „sozial isoliert“ seien und weil „Fluchtgefahr“ bestünde (wobei keines dieser Argumente der Wahrheit entsprach).

Deutschland wird damit punkto staatlicher Christenverfolgung innerhalb der westlichen Welt höchstens noch von Mexiko und Kuba übertroffen.

Eigentlich wäre die Aufklärungsarbeit über diese Dinge ja Ihre Aufgabe, nicht meine!

Mir scheint, Ihnen ist nicht klar, was diese Situation für den Fortbestand Ihres eigenen Werks bedeutet. Wenn die Entwicklung hin zum totalitären Polizeistaat unwidersprochen weitergeht, dann wird das in absehbarer Zeit auch für Ihre Arbeit das Aus bedeuten. Gerade die sogenannte Homeschool-Bewegung ist in Deutschland die einzige noch funktionierende Bewegung gegen den Staatstotalitarismus:

„Man muss den grösseren Zusammenhang erfassen, in den die Kriminalisierung des Heimunterrichts – und auch der Widerstand dagegen – gehört. (…) Insgesamt geht es um die umfassende Entmachtung der Familie, wobei der Anspruch des Staates auf Bildung der Kinder nur ein Teil des Ganzen ist.
(…) Tatsächlich leisten Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, nicht nur einen wichtigen Dienst an diesen selbst, sondern auch an unserer Gesellschaft: An ihrem Platz stellen sie sich der Tendenz entgegen, den Oikos bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu entkernen. Sie entziehen sich dem Anspruch des Staates, sich für alle Lebensbereiche zuständig zu erklären und wirken damit seiner Totalisierung entgegen. Und dafür sollte man ihnen auch dann dankbar sein, wenn man selbst einen anderen Weg geht.“
(Zeitschrift „Factum“, Oktober 2012. Siehe http://www.geiernotizen.de/dienst-an-der-ganzen-gesellschaft.)

Sie wissen sicher, dass die deutsche Regierung ihre Verfolgungspolitik damit begründet, man wolle „die Entstehung religiöser Parallelgesellschaften verhindern“. Wenn das die Richtlinie staatlicher Politik ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis mit derselben Begründung z.B. auch Freikirchen verboten werden. Mit Ihrem bewussten Nicht-Engagement im eigenen Land sägen Sie den Ast ab, auf dem Sie selber sitzen.

Ich hoffe sehr, dass Sie über diese Zusammenhänge nochmals nachdenken und den Einsatz für verfolgte Christen in Ihrem eigenen Land weit oben auf Ihre Prioritätenliste setzen.


Nachtrag vom 13. August 2014:
In einer kürzlichen Mitteilung erklärte die HMK mir gegenüber, sie hätten doch auf mein damaliges Mail geantwortet. Allerdings ist eine solche Antwort nie bei mir eingetroffen; aber rechnen wir nun einmal mit der Möglichkeit, dass ein Mail aus technischen Gründen verlorengegangen sein kann.
Die HMK erklärt auch, sie leisteten doch einen „punktuellen Einsatz“ auch für Familien in Deutschland (Seelsorge, Angebot des Rechtsbeistands). Das ist begrüssenswert. Nur, was ich dabei vermisse, ist die öffentliche Stellungnahme. Zu früheren Zeiten war es einmal die Politik der HMK gewesen, Fälle von Verfolgung möglichst weit bekannt zu machen, da das Unrecht in einem Staat umso weniger überhandnehmen kann, je mehr Menschen davon wissen und öffentlich dagegen Stellung beziehen. Davon scheint man nun abgerückt zu sein.

Christenverfolgung in Deutschland – Offener Brief an „Open Doors“ Deutschland

6. Juni 2013

Sehr geehrte Organisation „Open Doors“,

danke für Ihre Antwort auf meine e-Mail vom 22.Mai. Ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht darüber, dass Sie nicht dazu bereit sind, sich für um ihres Glaubens willen verfolgte Mitbürger einzusetzen.

Sie schreiben über den Fall Romeike, er sei „bei weitem nicht mit dem vergleichbar, was Christen in anderen Ländern erdulden müssen.“ Dieser Satz zeugt von einer unbegreiflichen Gefühllosigkeit gegenüber leidenden Menschen. Und das bei einem Mitarbeiter eines Hilfswerks für verfolgte Christen!

Als in den Jahren 2005 und 2006 mehrere russlanddeutsche Baptisten im Raum Paderborn gebüsst und inhaftiert wurden, und mehreren Familien ihre Kinder weggenommen wurden, verglichen sie das Vorgehen der deutschen Behörden ausdrücklich mit der Verfolgung, die sie zuvor in der Sowjetunion erlitten hatten. Wenn Christen, die selber in der Sowjetunion aufgewachsen sind, explizit diese Parallele ziehen, dann muss wohl etwas dran sein.

Körperliche Misshandlungen durch die Polizei, Gefängnisstrafen, gewaltsames Auseinanderreissen von Familien, Zwangsenteignungen – ist das noch nicht genug? Ist es noch nicht genug damit, dass die Kinder deutscher Christen von Staates wegen einer Gehirnwäsche unterzogen werden, deren erklärtes Ziel es ist, sie dem christlichen Glauben, der christlichen Sexualethik und ihren eigenen Eltern zu entfremden? Was muss denn noch alles geschehen, bis Sie deutschen Christen den Status von Verfolgten zubilligen? Müssen erst wieder Menschen in Konzentrationslager verschleppt oder von der Polizei totgeschlagen werden, bis Sie es für nötig halten, etwas dagegen zu sagen?

Die Familie Romeike ist ja nicht die einzige verfolgte christliche Familie in Deutschland. Im vergangenen Monat wurde auch für Thomas und Marit Schaum aus Fritzlar eine sechsmonatige Gefängnisstrafe gefordert, weil sie aus christlicher Überzeugung ihre Kinder selber erziehen. Diese Strafe wurde dann vom Gericht in eine hohe Geldbusse umgewandelt. Ich habe auch diesen Fall in meinem Brief kurz erwähnt, aber Sie sind in Ihrer Antwort überhaupt nicht darauf eingegangen.

Hier eine (längst nicht vollständige) Liste weiterer Fälle:

  • Im September 2012 wurde einem Elternpaar in Darmstadt die elterliche Sorge für ihre vier Kinder entzogen, weil sie diese aus christlicher Verantwortung zuhause ausbildeten.
  • Im Jahre 2010 wurden in Salzkotten mehrere christliche Elternpaare während bis zu 40 Tagen inhaftiert, nur weil sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre Kinder nicht an der pornographischen Schultheateraufführung „Mein Körper gehört mir“ teilnehmen lassen wollten.
  • Die christlichen Aktivisten Johannes Lerle, Günter Annen und Winfried Pietrek verbrachten insgesamt über ein Jahr in Haft, weil sie Flugblätter gegen die Tötung ungeborener Kinder geschrieben und verteilt hatten.
  • Im Jahre 2008 wurden Jürgen und Rosemarie Dudek aus Archfeldt zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie ihre Kinder selber erziehen.
  • Im Jahre 2007 wurde die 15-jährige Melissa Busekros in Nürnberg von einem Aufgebot von fünfzehn(!) Polizisten von zuhause entführt und in einer psychiatrischen Klinik interniert, obwohl sie völlig gesund war. Gleichzeitig wurde ihren Eltern mitgeteilt, ihnen sei hiermit die elterliche Sorge für Melissa entzogen. Auch in diesem Fall bestand ihr einziges „Verbrechen“ darin, dass sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre elterliche Verantwortung wahrgenommen und Melissa selber erzogen hatten.
  • In den Jahren 2005 und 2006 wurde mehreren russlanddeutschen Baptisten im Raum Paderborn das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen; mehrere wurden inhaftiert und gebüsst; und einige dieser Familien flohen ins Ausland. Der Hauptverantwortliche dieser Verfolgung, Landrat Sven Adenauer, gab als Motiv an: „Fundamentalisten haben bei uns nichts zu suchen.“
  • Im April 2000 brachen drei Polizisten gewaltsam in das Haus von Johann Harder in Schloss Holte-Stukenbroch ein, warfen Möbel um und zerbrachen seine Kamera, als er die angerichteten Verwüstungen fotografieren wollte. Dann führten sie seine elfjährige Tochter Anna ab. Der Schock bewirkte, dass Harders Frau ihrem Baby keine Milch mehr geben konnte. Harder musste zudem Bussgelder von mehreren tausend Euro bezahlen, und eine Gefängnisstrafe wurde angedroht.
  • Bereits im Jahre 1985 wurde der Professorin Adelgunde Mertensacker aus Dortmund der Lehrauftrag entzogen, weil sie in einer Vorlesung gesagt hatte: „Das menschliche Leben beginnt mit der Zeugung. … Abtreibung ist Tötung eines Menschen in der Entwicklung.“
  • (Editiert) In einem weiteren Fall bin ich von der betroffenen Familie gebeten worden, ihren Namen nicht bekanntzugeben.

Die Anzahl der Fälle, die nicht öffentlich bekannt werden, dürfte beträchtlich höher sein. Es wird geschätzt, dass zur Zeit rund 40 deutsche Familien – mehrheitlich bibeltreue Christen – aus ähnlichen Gründen Gerichtsprozesse hängig haben. Dazu kommt eine wahrscheinlich noch höhere Zahl von Familien, die nur deshalb nicht Verfolgungsopfer wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland flüchten konnten.

  • Aber einige von ihnen werden nicht einmal im Ausland in Ruhe gelassen. Im Jahre 2009 erschienen auf Geheiss der deutschen Behörden zwei Sozialarbeiter und zwei Polizisten am vorübergehenden Aufenthaltsort der Familie Wunderlich in St.Leonard (Frankreich), und führten ihre vier Kinder ab, weil sie „sozial isoliert“ seien und weil „Fluchtgefahr“ bestünde (wobei keines dieser Argumente der Wahrheit entsprach).

Deutschland wird damit punkto staatlicher Christenverfolgung innerhalb der westlichen Welt höchstens noch von Mexiko und Kuba übertroffen.

Eigentlich wäre die Aufklärungsarbeit über diese Dinge ja Ihre Aufgabe, nicht meine!

Sie schreiben auch, dass die Familie Romeike „über die HSDLA hervorragend vertreten ist“. Ja, wunderbar. Aber mit dieser Aussage stellen Sie sich ja selber an den Pranger. Warum müssen überhaupt ausländische Organisationen eingreifen in einem Land, wo es bereits „Hilfswerke für verfolgte Christen“ gibt? Doch nur, weil diese Hilfswerke (inbegriffen das Ihre) ihren Auftrag im eigenen Land nicht auszuführen bereit sind! Sie setzen sich für verfolgte Christen am anderen Ende der Welt ein; aber wenn Christen in Ihrer nächsten Nähe betroffen sind, dann müssen Geschwister aus Übersee kommen, um ihnen zu helfen. Dieser Umstand macht Ihre ganze Arbeit äusserst unglaubwürdig.

Was würden Sie von einem Hilfswerk mit Sitz z.B. in China oder in Pakistan halten, welches Menschenrechtsverletzungen in Europa anprangert, aber sich keinen Deut um die aus Glaubensgründen Inhaftierten in ihrem eigenen Land schert?

Im übrigen hat die deutsche Regierung – im Gegensatz z.B. zu Pakistan oder Iran – in keinem einzigen der mir bekannten Fälle aufgrund des Einsatzes von ausländischen Christen ihre Verfolgungspolitik geändert. Im Gegenteil, es gibt Hinweise, dass darauf abgezielt wird, die Arbeit von „ausländischen Ratgebern“ zu verbieten. Ein verstärkter Einsatz von in Deutschland beheimateten Werken wie des Ihren drängt sich daher auf.

Sie weisen darauf hin, dass die Familie Romeike durch Presseberichte bereits bekannt ist. Das mag in diesem speziellen Fall zutreffen; viele andere Fälle werden aber höchstens, wenn überhaupt, in der Lokalpresse erwähnt. Und manche dieser Presseberichte dienen den Betroffenen überhaupt nicht, sondern verstärken nur das Klischee von den „bösen Fundamentalisten“, womit überzeugte Christen gedanklich in die Nähe von Al-Qaeda-Terroristen gerückt werden. Ihre Leiden unter der staatlichen Verfolgung kommen dagegen in diesen Berichten kaum zur Sprache. Es ist Ihnen sicher bekannt, dass die deutschen Medien mehrheitlich dem christlichen Glauben gegenüber nicht gerade wohlwollend eingestellt sind.

Mir scheint, Ihnen ist nicht klar, was dies für den Fortbestand Ihres eigenen Werks bedeutet. Wenn die Entwicklung hin zum totalitären Polizeistaat unwidersprochen weitergeht, dann wird das in absehbarer Zeit auch für Ihre Arbeit das Aus bedeuten. Gerade die sogenannte Homeschool-Bewegung ist in Deutschland die einzige noch funktionierende Bewegung gegen den Staatstotalitarismus:

„Man muss den grösseren Zusammenhang erfassen, in den die Kriminalisierung des Heimunterrichts – und auch der Widerstand dagegen – gehört. (…) Insgesamt geht es um die umfassende Entmachtung der Familie, wobei der Anspruch des Staates auf Bildung der Kinder nur ein Teil des Ganzen ist.
(…) Tatsächlich leisten Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, nicht nur einen wichtigen Dienst an diesen selbst, sondern auch an unserer Gesellschaft: An ihrem Platz stellen sie sich der Tendenz entgegen, den Oikos bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu entkernen. Sie entziehen sich dem Anspruch des Staates, sich für alle Lebensbereiche zuständig zu erklären und wirken damit seiner Totalisierung entgegen. Und dafür sollte man ihnen auch dann dankbar sein, wenn man selbst einen anderen Weg geht.“
(Zeitschrift „Factum“, Oktober 2012. Siehe http://www.geiernotizen.de/dienst-an-der-ganzen-gesellschaft.)

Sie wissen sicher, dass die deutsche Regierung ihre Verfolgungspolitik damit begründet, man wolle „die Entstehung religiöser Parallelgesellschaften verhindern“. Wenn das die Richtlinie staatlicher Politik ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis mit derselben Begründung z.B. auch Freikirchen verboten werden. Mit Ihrem bewussten Nicht-Engagement im eigenen Land sägen Sie den Ast ab, auf dem Sie selber sitzen.

Ich hoffe sehr, dass Sie über diese Zusammenhänge nochmals nachdenken und Ihre Haltung revidieren.

Warum Evangelikale verfolgten Homeschool-Eltern in Deutschland helfen sollten

2. Juni 2013

Schätzungsweise etwa tausend deutsche Kinder werden von ihren Eltern aus christlicher Überzeugung selber unterrichtet. Gründe dafür sind u.a. der biblische Erziehungsauftrag; zunehmende Gottesfeindschaft, Okkultismus und Unmoral (Stichwort Sexualkundeunterricht) an den Staatsschulen; sowie pädagogische Gründe (die Familienumgebung erlaubt eine viel bessere Betreuung, sowie Rücksichtnahme auf die Eigenheiten und Bedürfnisse der Kinder).

Aber in Deutschland werden diese Familien von den Behörden brutal unterdrückt und verfolgt; eine beträchtliche Zahl von Kindern wurden ihren Eltern weggenommen und in Heime gebracht. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig rund 40 deutsche Homeschool-Familien vor Gericht stehen. Eine grössere Anzahl solcher Familien sind bereits ins Ausland geflohen.

Der wohl bekannteste Fall ist die Familie Romeike, die 2010 in den USA politisches Asyl erhielt, aber noch ein Berufungsverfahren hängig hat. Bei einer allfälligen Rückschaffung nach Deutschland würden sie das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren, sowie (aufgrund eines Enteignungsverfahrens) ihr Hab und Gut, und würden wahrscheinlich zusätzlich zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt.

Hier eine (längst nicht vollständige) Auswahl weiterer Fälle:

Im September 2012 wurde einem christlichen Elternpaar in Darmstadt die elterliche Sorge für ihre vier Kinder entzogen.

Im Jahre 2010 wurden in Salzkotten mehrere christliche Elternpaare während bis zu 40 Tagen inhaftiert, nur weil sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre Kinder nicht an einer pornographischen Schultheateraufführung teilnehmen lassen wollten. (Es handelte sich in diesem Fall nicht um Homeschooler.)

Im Jahre 2008 wurden Jürgen und Rosemarie Dudek aus Archfeldt zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt.

Im Jahre 2007 wurde die 15-jährige Melissa Busekros in Nürnberg von einem Aufgebot von fünfzehn(!) Polizisten von zuhause entführt und in einer psychiatrischen Klinik interniert, obwohl sie völlig gesund war. Gleichzeitig wurde ihren Eltern mitgeteilt, ihnen sei hiermit die elterliche Sorge für Melissa entzogen.

In den Jahren 2005 und 2006 wurde mehreren russlanddeutschen Baptisten im Raum Paderborn das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen; mehrere wurden inhaftiert und gebüsst; und einige dieser Familien flohen ins Ausland. Der Hauptverantwortliche dieser Verfolgung, Landrat Sven Adenauer, gab als Motiv an: „Fundamentalisten haben bei uns nichts zu suchen.“

Im April 2000 brachen drei Polizisten gewaltsam in das Haus von Johann Harder in Schloss Holte-Stukenbroch ein, warfen Möbel um und zerbrachen seine Kamera, als er die angerichteten Verwüstungen fotografieren wollte. Dann führten sie seine elfjährige Tochter Anna ab. Er musste zudem Bussgelder von mehreren tausend Euro bezahlen, und eine Gefängnisstrafe wurde angedroht.

Deutschland wird damit punkto staatlicher Christenverfolgung innerhalb der westlichen Welt höchstens noch von Mexiko und Kuba übertroffen.

Das Beschämendste daran ist, dass prominente evangelikale Führungspersönlichkeiten ihren eigenen Glaubensgeschwistern in den Rücken fallen. So beeilte sich im Fall der Paderborner Baptisten die Leitung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) zu erklären, die betroffenen Familien gehörten keiner Gemeinde ihres Verbandes an, und es handle sich um „illegale Kleinstschulen, die ohne irgendeine staatliche Kontrolle vermutlich sektiererische Inhalte an Kinder weitergeben“.

Während ausländische Hilfswerke wie z.B. der US-amerikanische und der argentinische Zweig der „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ über diese Verfolgung in Deutschland berichtet haben, ist mir bis heute kein deutscher Gemeindeverband und kein deutsches Hilfswerk für verfolgte Christen bekannt, die sich in irgendeiner Weise für die Verfolgten in ihrem eigenen Land eingesetzt hätten.

Die deutsche Regierung verletzt mit ihrer Verfolgungspolitik nicht nur Art.16.3. und 26.3. der Universellen Erklärung der Menschenrechte, sondern auch ihr eigenes Grundgesetz, welches den Eltern das Recht auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder garantiert. Gemäss einer Erklärung des Bundesverfassungsgerichts von 1982 ist darunter ein „natürliches Recht“ zu verstehen, das „den Eltern nicht vom Staate verliehen worden ist, sondern von diesem als vorgegebenes Recht anerkannt wird“.

Dennoch behandelt die evangelikale Führungsspitze diese aus Glaubensgründen Verfolgten wie Kriminelle – nicht anders als die Stellungnahmen der staatshörigen Leiter der registrierten Kirchen gegen die Untergrundkirchen im seinerzeitigen Ostblock. Es scheint den Kirchenleitern nicht klar zu sein, dass sie damit den Ast absägen, auf dem sie selber sitzen.

Die deutsche Regierung hat deutlich erklärt, dass es ihr weder um die Bildung noch um das Wohl der betroffenen Kinder geht, sondern einzig und allein um die politische Verfolgung Andersdenkender: Es stünde im Interesse der Allgemeinheit, „die Bildung religiöser und weltanschaulicher Parallelgesellschaften zu verhindern“ (Urteil des Bundesgerichtshofs vom November 2007). Wenn das die Richtlinie staatlicher Politik ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis mit derselben Begründung z.B. auch Freikirchen verboten werden.

Gerade die Homeschool-Bewegung ist in Deutschland die einzige noch funktionierende Bewegung gegen den Staatstotalitarismus:

„Man muss den grösseren Zusammenhang erfassen, in den die Kriminalisierung des Heimunterrichts – und auch der Widerstand dagegen – gehört. (…) Insgesamt geht es um die umfassende Entmachtung der Familie, wobei der Anspruch des Staates auf Bildung der Kinder nur ein Teil des Ganzen ist.
(…) Tatsächlich leisten Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, nicht nur einen wichtigen Dienst an diesen selbst, sondern auch an unserer Gesellschaft: An ihrem Platz stellen sie sich der Tendenz entgegen, den Oikos bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu entkernen. Sie entziehen sich dem Anspruch des Staates, sich für alle Lebensbereiche zuständig zu erklären und wirken damit seiner Totalisierung entgegen. Und dafür sollte man ihnen auch dann dankbar sein, wenn man selbst einen anderen Weg geht.“
(Zeitschrift „Factum“, Oktober 2012. Siehe http://www.geiernotizen.de/dienst-an-der-ganzen-gesellschaft.)

Deshalb – sowie aus schlichter brüderlicher Solidarität – sollten sich deutsche Evangelikale für ihre verfolgten Glaubensgeschwister in Deutschland einsetzen.