Posts Tagged ‘Fundamentalismus’

Christenverfolgung in Deutschland: Voraussage beginnt sich zu erfüllen

5. Februar 2015

Schon vor einiger Zeit habe ich vorausgesagt, die deutschen Evangelikalen (die sich bis jetzt kaum je mit den verfolgten Christen in ihrem eigenen Land solidarisiert haben) würden bald selber zur Zielscheibe der staatlichen Verfolgung werden. Anscheinend ist es bald so weit. Dieser Tage wurde der evangelische Pfarrer Olaf Latzel (nicht einmal ein Freikirchler!) aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen in einer Predigt wegen „Volksverhetzung“ angeklagt.

Ich habe mir die besagte Predigt angehört, um mir selber ein Bild zu machen davon. Ich muss sagen, Latzel hat sich im Eifer ab und zu einer überzogenen Ausdrucksweise bedient. Aber von einer Kirche, die sich nach Martin Luther nennt, sollte eigentlich zu erwarten sein, dass ihre Pfarrer der sprachlichen Derbheit ihres Gründers nachschlagen, oder nicht? Als „Volksverhetzung“ qualifiziert das wohl kaum. Im übrigen fand ich in dieser Predigt keinerlei Aufruf zu Hass oder gar Gewalt. Latzel hat nicht einmal dazu aufgerufen, sich von andersgläubigen Menschen abzusondern, sondern nur sich von deren nichtchristlichen Gebräuchen und Festlichkeiten fernzuhalten. Den Unterschied zwischen den beiden Dingen (sich von Menschen oder sich von deren Gebräuchen zu distanzieren) hat er in der Predigt klar herausgestellt. Und er hat auch klar gesagt, wir sollen Andersgläubigen in Liebe und Dienstbereitschaft begegnen. Von daher ist es wirklich ein starkes Stück, ihm aufgrund einiger aus dem Zusammenhang gerissener Teilsätze „Hetze“, „Fremdenhass“ und ähnliches zu unterstellen. Aber eben, aufgrund der allgemeinen Entwicklung in den letzten Jahren (so wie ich sie aus der Ferne bruchstückhaft mitverfolge) war es zu erwarten, dass es eines Tages so weit kommen würde.

Es liegt jetzt natürlich nahe, Parallelen zum Fall „Charlie Hebdo“ zu ziehen. In beiden Fällen geht es um Kritik am Islam. Aber die Reaktion der „Öffentlichkeit“ ist auffallend unterschiedlich. Die Autoren von „Charlie“ werden als Helden gefeiert, während Olaf Latzel als „Fremdenhasser“ disqualifiziert wird, der seine Kirche „unglaubwürdig“ macht. (Weil einer ihrer ganz wenigen Vertreter ist, der das Glaubensbekenntnis dieser Kirche noch ernst nimmt?) Warum diese so unterschiedlichen Reaktionen? Beide kritisieren den Islam – die Autoren von „Charlie“ noch auf eine viel derbere und verletzendere Weise als Latzel. Aber sie sind Atheisten; Latzel ist Christ. Wahrscheinlich ist das der Kern der Sache: Bekennender Atheismus wird im heutigen Europa gefeiert; bekennendes Christentum wird bekämpft.

Je suis Olaf

Ich möchte noch einen anderen Aspekt beleuchten: Ist die „Islamfreundlichkeit“ europäischer Politiker nicht ausgesprochen heuchlerisch? Der Islam hätte doch Europa durchaus einiges zu sagen. Z.B. zu Themen wie Familienzusammenhalt, Gastfreundschaft, oder – nicht zuletzt – Ehrfurcht vor Gott. Würden die sogenannt „islamfreundlichen“ Politiker wirklich gerne hören, was der Islam dazu zu sagen hat? Oder gar über Themen wie „sexuelle Freiheit“, Alkohol- und Drogenkonsum, die Rollen von Mann und Frau, Feminismus und „Genderismus“, Homosexualität, usw.? Warum kommt das nie zur Sprache? Wären diese „islamfreundlichen“ Politiker wirklich bereit, sich auf die von ihnen geforderte „tolerante“ Weise mit dem islamischen Standpunkt zu diesen Fragen zu befassen?

Mir scheint – so weit ich das beobachten kann – dass die europäischen Meinungsmacher, statt den Islam objektiv zu diskutieren, ihn hauptsächlich als eine Art argumentative „Keule“ gegen überzeugte Christen benutzen. Eine Keule, die man nach Belieben mal links herum, mal rechts herum schwingen kann: Mal werden Islamkritiker pauschal als Fremdenhasser und Schlimmeres verunglimpft (wobei aber Leute wie z.B. „Charlie“ merkwürdigerweise keine Fremdenhasser sind); dann wieder werden christliche „Fundamentalisten“ mit islamischen „Fundamentalisten“ in denselben Topf geworfen und als Terroristen verschrieen (wobei nun heftigste Kritik am Islam plötzlich wieder zulässig wird, wenn man nur „Fundamentalismus“ sagt statt „Islam“…).
Da könnte einmal der Schuss nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn der Islam sich nicht mehr einfach so „benutzen“ lässt, sondern diesen Meinungsmachern gegenüber seine eigenen Machtansprüche geltend macht.

Ich wage hier etwas ganz Ketzerisches zu sagen: Wenn es nicht zu einer Umkehr und geistlichen Erweckung kommt, dann verdient Europa es bald wirklich, unter die Knute des Islam zu kommen. So wie Israel es seinerzeit verdiente, unter die babylonische Gefangenschaft zu kommen. Dann werden die Leute – inbegriffen die Meinungsmacher und die hohen Politiker – gezwungenermassen aus dem Munde islamischer Prediger Dinge hören müssen, die sie heute christlichen Predigern zu sagen verbieten.

Nicht dass ich das etwa wünschen würde. Eine echte Erweckung sähe ich tausendmal lieber. Aber die Voraussetzungen dazu sehe ich z.Z. (insbesondere innerhalb der Kirchen selber) nicht gegeben. Und die geistlichen Gesetze der Weltgeschichte erfüllen sich auch dann (oder gerade dann), wenn ihre Akteure selber nicht daran glauben. Der Islam präsentiert sich leider zur Zeit als einer der herausragenden „Kandidaten“, das geistliche Vakuum in Europa zu füllen, das die ehemals christlichen Kirchen hier hinterlassen haben.

Advertisements

Freikirchen als „Biotop“ für Verbrecher?

26. März 2014

Der Fall ist schon länger her, aber die Kommentare, die er ausgelöst hat, sind weiterhin aktuell. Vor einigen Jahren wurde ein Mitarbeiter einer freikirchlichen Kinderkrippe wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs festgenommen. Dieses Jahr nun ist der Mann verurteilt worden. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ hat seinerzeit (25.März 2011) in einem Interview mit dem Sektenforscher Georg Otto Schmid nahegelegt, evangelikale Freikirchen könnten ähnlich wie die katholische Kirche ein „Biotop“ für Pädophile darstellen.

Freikirchliche Medien haben sich begreiflicherweise darüber aufgeregt. Ihre „Verteidigung“ läuft aber einzig darauf hinaus, dass sie betonen, in Freikirchen bestehe durchaus eine sachgemässe Auseinandersetzung und Beratung im Bereich sexueller Probleme. So schreibt z.B. Fritz Imhof auf „Livenet“:
„Hätte Schmid sich informiert, hätte er erfahren, dass sich sowohl die Krippe in Volketswil wie auch das ICF rechtzeitig mit den Gefahren auseinandergesetzt haben, welche in der Kinderbetreuung und Jugendarbeit auf sexuellem Gebiet lauern. Beide hatten die Beratungsstelle «Mira» beigezogen.“

Das mag ja sein, trifft aber den Kern der Sache nicht. Freikirchen stehen tatsächlich in Gefahr, zu einem „Biotop“ nicht nur für Pädophile zu werden, sondern auch für Leute, die in anderer Hinsicht krumme Dinge drehen. Nicht unbedingt wegen ihres Umgangs mit der Sexualität, sondern wegen der freikirchlichen internen Gruppendynamik. Dazu sagt Schmid im TA-Interview:
„Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. (…) Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab. (…) Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. „
Diese Aussagen beschreiben zumindest die eine Seite dieser Gruppendynamik zutreffend. Es gibt dazu allerdings noch eine Kehrseite, die ich unten unter Punkt 2 beleuchten werde. – Aus meiner zwanzigjährigen Insider-Erfahrung in evangelikalen Kirchen und Organisationen muss ich leider sagen: Es besteht in diesen Kreisen wenig bis keine Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu berichtigen. Man mag nach aussen hin „stimmige“ Strukturen errichten; aber die interne Dynamik wird nicht unter die Lupe genommen.

Schmid hat ja nicht gesagt, dass Freikirchenmitglieder „schlechter“ seien als andere Menschen. Deren Grund-Neigung zu Verbrechen und Unredlichkeit dürfte etwa im selben Rahmen liegen wie in der Gesamtbevölkerung. (Das ist natürlich auch schon bedenklich angesichts der Tatsache, dass die Freikirchen ja behaupten, aus wiedergeborenen Christen zu bestehen.) Nun schafft aber leider die freikirchliche Dynamik ein Klima, welches das straflose Ausleben solcher Neigungen begünstigt – zumindest für gewisse Kategorien von Mitgliedern. Drei Aspekte insbesondere tragen dazu bei:

1. Eine falsche Lehre und Praxis über Gnade und Vergebung.
(Siehe „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Haben schon die reformierten Landeskirchen mit ihrer „billigen Gnade“ (Bonhoeffer) eine Erlösung ohne Umkehr von der Sünde versprochen, so haben die heutigen Freikirchen diese Entwicklung nicht nur nicht aufgehalten, sondern sie haben sogar noch eine weitere Verdrehung hinzugefügt: In vielen Freikirchen wird regelrecht Druck ausgeübt auf die Opfer von Übergriffen und Verbrechen, den Tätern zu „vergeben“, auch wenn diese ihre Taten gar nicht bereuen. Unter „Vergebung“ wird dabei nicht nur verstanden, auf eine Strafverfolgung zu verzichten, sondern auch überhaupt darauf zu verzichten, den Täter zu konfrontieren und/oder mit Drittpersonen über das Vorgefallene zu sprechen. Dies insbesondere dann, wenn der Täter zu den leitenden kirchlichen Mitarbeitern gehört. Da die Opfer freikirchlicher Täter in der Regel andere Freikirchenmitglieder sind, stehen diese unter einem fast unvorstellbaren psychischen Druck, das Geschehene zu „vergeben, verschweigen und vergessen“. Zusätzlich zu der erlittenen Schädigung werden sie also auch noch massivem geistlichem Missbrauch unterworfen.

2. Verzerrte Kriterien über Recht und Unrecht.

In den meisten evangelikalen Kirchen und Missionswerken, die ich näher kennenlernte, wird „Rechtsprechung“ und „Gemeindezucht“ in völlig verzerrter, parteiischer Weise ausgeübt, und zwar nach folgendem Grundsatz: Wer mit der Leiterschaft konform geht, ist im Recht; wer der Leiterschaft widerspricht, ist im Unrecht.Deshalb können die Duckmäuser, die den Leitern immer nach dem Maul reden, sich so gut wie alles erlauben, und kommen innerhalb der Kirche straflos davon. Dasselbe gilt natürlich erst recht für die Leiter selber. Ich habe zuverlässige Kenntnis einer ganzen Anzahl strafbarer Delikte, die von evangelikalen Leitern verübt worden sind, ohne dass sie innerhalb ihrer Organisation je dafür zur Rechenschaft gezogen worden wären. In einigen Fällen haben Mitarbeiter dieser Leiter sogar mitgeholfen, die Dinge auch vor der weltlichen Gerichtsbarkeit zu verbergen.
Andererseits kenne ich eine Anzahl freikirchlicher Mitarbeiter, die von ihren Leitern gemassregelt, ausgeschlossen, mit Kontaktsperren und Flüchen belegt, und bei anderen evangelikalen Organisationen angeschwärzt worden sind, ohne dass sie irgendein Verbrechen oder eine Sünde im biblischen Sinn begangen hätten. Nur weil sie in irgendeinem Punkt nicht mit ihren Leitern konform gingen, oder gerade weil sie gewisse Vergehen von Leitern aufgedeckt und konfrontiert hatten.
Man kann sich leicht ausmalen, was eine derart verdrehte Sicht von Recht und Unrecht für Folgen hat.

Gewöhnliche Mitglieder begegnen diesen pervertierten Machtstrukturen selten. Nur wer auf Leiterschaftsebene mitarbeitet, erhält allmählich Einblick in das, was hinter den Kulissen vorgeht. Wer als Freikirchen-Mitglied einen Streitfall mit seinen übergeordneten Leitern hat, der kann vor den innerkirchlichen Instanzen nicht mit einem fairen Prozess rechnen. Und auch im „überdenominationellen Gefüge“ (z.B. Evangelische Allianz) besteht m.W. bis jetzt noch keine Anlaufstelle für derart Betroffene, und erst recht keine anerkannte unparteiische Schlichtungsstelle für solche Fälle. (Falls mir hier eine Information entgangen sein sollte und es solche Stellen doch gibt, dann wäre ich sehr dankbar, wenn mich jemand darüber aufklären würde.) Mit anderen Worten: Die inner-freikirchliche Rechtsprechung (von der man ja ein höheres Mass an Gerechtigkeit und Integrität erwarten würde, wenn es sich wirklich um das Volk Gottes handelte) ist weniger gerecht als die weltliche.

3. Unzulässige Eingriffe ins Privatleben der Mitglieder.

In manchen dieser Organisationen werden den Mitgliedern bzw. Mitarbeitern Vorschriften gemacht über Einzelheiten, die zum privaten Entscheidungsspielraum jedes Menschen gehören, wie z.B. Freizeitgestaltung, Wahl des Wohnortes oder Arbeitsplatzes, Familienleben, Wahl der Freunde, u.a.m. So werden sie einem Joch von Menschengeboten unterworfen wie zur Zeit der Pharisäer (Matthäus 15,7-9; 23,4).

Hier muss nun tatsächlich der Bereich der Sexualität näher betrachtet werden. Während Ehebrecher und Kinderschänder in einem freikirchlichen Umfeld u.U. mit keinerlei internen Konsequenzen zu rechnen haben, wurde ich von meinen seinerzeitigen Vorgesetzten in einer Missionsgesellschaft als „Rebell“ gebrandmarkt, nachdem ich arglos von der Möglichkeit sprach, auf ehrbare Weise meinem Wunsch nach Heirat nachzugehen, wobei ich mir (oh Schreck!) auch eine Peruanerin als Ehepartnerin vorstellen könnte. Umgehend wurde mir strengstens verboten, mit irgendeiner Frau unter vier Augen zu sprechen, mich im Gottesdienst neben eine Frau zu setzen, oder in irgendeiner persönlichen Angelegenheit einen peruanischen Pastor zu Rate zu ziehen! Alles unter Androhung der fristlosen Entlassung sowie Deportation in meine „Heimat“. (Inzwischen bin ich tatsächlich schon viele Jahre mit einer Peruanerin glücklich verheiratet, und die erwähnte Missionsgesellschaft besteht zum Glück nicht mehr.)
In 1.Timotheus 4,1-3 steht geschrieben, was von Menschen zu halten ist, die das Heiraten verbieten.

Es gibt Bibelschulen und ähnliche Organisationen, die in ihrer „Hausordnung“ ihren Schülern zum vornherein verbieten, während der Ausbildungszeit eine Paarbeziehung einzugehen. Das ist zwar ehrlicher, weil das Verbot offen mitgeteilt wird und nicht als ungeschriebenes Gesetz im Hintergrund lauert; aber es ist dennoch nicht viel besser. Nach meiner Beobachtung führt das dazu, dass die ledigen Schüler sich in ihren Gedanken hauptsächlich damit beschäftigen, wie sie dieses Verbot umgehen können.

Es ist leider eine nicht unbekannte Erscheinung, dass es Mitgliedern bzw. Mitarbeitern in sektenhaften Gruppierungen verboten oder verunmöglicht wird, ihre Sexualität auf gottgewollte Weise in der Ehe auszuleben. Das führt dann oft dazu, dass diese Menschen fast zwangsläufig in abartige sexuelle Handlungen getrieben werden. Das ist ein weiterer Grund, warum in gewissen Kreisen sexuelle Übergriffe häufiger vorkommen.

Nachbemerkungen

Ich möchte nun diese Ausführungen nicht dahingehend verstanden wissen, als ob die genannten Verirrungen ein notwendiger Ausfluss eines sogenannten „fundamentalistischen“ (d.h. bibeltreuen) christlichen Glaubens wären. Im Gegenteil, diese Praktiken wären höchstens unter äussersten Verrenkungen biblisch zu begründen. Sie zeigen daher vielmehr symptomatisch, wie weit sich auch die Freikirchen von einem echten biblischen Glauben entfernt haben.
Leider geben sie damit der Welt einen Anlass, das Christentum an sich in den Dreck zu ziehen. „Euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Völkern“(Römer 2,23-24). Wenn Journalisten und Sektenexperten über die Freikirchen herziehen, dann ist das oft nicht einfach Bosheit, sondern ist im unchristlichen Verhalten allzu vieler Freikirchenvertreter begründet.

Ich füge jetzt bewusst nicht die üblichen Einschränkungen an wie „es gebe natürlich auch Ausnahmen“ usw. Erstens, weil ich gar nicht weiss, ob es solche Ausnahmen überhaupt (noch) gibt. Zweitens, weil Jesus seiner Kritik an den Pharisäern (Matth.23) auch keine solchen Einschränkungen angefügt hat, obwohl er doch mit Sicherheit wusste, dass es Ausnahmen gab. Und drittens, weil die redliche und aufrichtige Minderheit (so es sie gibt) nichts öffentlich Sichtbares tut, um dem Treiben der verdorbenen Mehrheit Einhalt zu gebieten, und sich somit durch ihr Schweigen mitschuldig macht.
Ich habe viele Jahre lang den Standpunkt vertreten, wenn ein Christ in einer Freikirche geschädigt und misshandelt worden sei, dann handle es sich um eine ausnahmsweise „böse“ Gruppierung, und es gäbe daneben noch genügend „gesunde“ Freikirchen, denen er sich anschliessen könne. Aber nachdem ich in zwanzig Jahren keine Kirche kennengelernt habe, die sich auch bei näherem Hinsehen als in dieser Hinsicht „gesund“ erwiesen hätte, musste ich in diesem Punkt meine Meinung ändern.
Wenn Sie ein freikirchlicher Leiter sind und der Ansicht sind, meine Beschreibung treffe auf Ihre Kirche überhaupt nicht zu, dann beklagen Sie sich also bitte nicht über „unzulässige Verallgemeinerungen“, sondern widerlegen Sie diesen Artikel mit Ihrem eigenen leuchtenden Gegenbeispiel. Pflegen Sie in Ihrer eigenen Kirche eine Kultur der Redlichkeit, Transparenz, Integrität und Gerechtigkeit. Setzen Sie sich ein für die Opfer von Delikten und Machtmissbrauch (Sprüche 24,11-12; 31,8-9) in jenen vielen Kirchen, die tatsächlich so funktionieren wie hier beschrieben. Konfrontieren Sie Ihre Pastorenkollegen in anderen Kirchen, die durch ihr unredliches Verhalten das Evangelium von Jesus Christus in Verruf bringen.
Ich werde hier gerne die Namen von evangelikalen Persönlichkeiten veröffentlichen, die sich bereit erklären, die Scharte auszuwetzen, indem sie freikirchengeschädigten Menschen beistehen und die Täter zur Rechenschaft ziehen. Noch erfreulicher wäre es natürlich, wenn ich hier positive Berichte von Betroffenen veröffentlichen könnte, wie ihnen der Gemeindeleiter X, der Theologe Y oder der evangelikale Journalist Z tatsächlich im erwähnten Sinn beigestanden sind.

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 2)

24. Mai 2012

Im ersten Teil habe ich v.a. die Grundzüge und den Ursprung des Dispensationalismus beschrieben. Betrachten wir nun noch einige andere Aspekte dieser theologischen Strömung:

Dogmatische Willkür

Ein weiterer Punkt, der mir den Dispensationalismus fragwürdig macht, ist die Willkür, mit der Dispensationalisten manche Bibeltexte auslegen, und der Dogmatismus, mit dem sie an ihrer willkürlichen Auslegung als „die einzig richtige“ festhalten. Selbst Bibellehrer, die im allgemeinen viel Gutes und Richtiges zu sagen haben, ziehen bei gewissen Bibelstellen und Themen unbegründbare, sprunghafte Schlussfolgerungen.

So rechnet z.B. Erich Sauer mit drei verschiedenen „Jüngsten Gerichten“, die nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich auseinanderzuhalten seien – ohne einsichtige Begründung -; und behauptet im Zusammenhang damit, der „Richterstuhl Christi“ bei Paulus sei etwas ganz anderes als der „Thron Christi“ bei Johannes. Obwohl Dispensationalisten im allgemeinen laut betonen, sie legten die Bibel so wörtlich wie möglich aus, und an ihrer vollen Inspiration und Widerspruchsfreiheit festhalten, so zeigen solche Auslegungen doch eine eigenartige Geistesverwandtschaft mit der „historisch-kritischen“ Methode, die Widersprüche innerhalb der Bibel sucht und z.B. eine „paulinische“ und eine „johanneische“ Theologie gegeneinander ausspielt.

Eine andere Gemeinsamkeit mit der „historisch-kritischen“ Methode besteht darin, dass vielen Bibelstellen die Gültigkeit für die Gegenwart abgesprochen wird. Wenn (laut Dispensationalismus) das ganze Alte Testament nicht auf die Gemeinde angewandt werden kann, ein grosser Teil der Verkündigung Jesu sich ausschliesslich auf die Zeit nach seiner Wiederkunft bezieht, und viele Anweisungen in den apostolischen Briefen nur für die apostolische Zeit gültig waren, dann bleibt für uns heute nicht mehr viel übrig. Die Begründungen hören sich zwar anders an als die Gründe bibelkritischer Theologen. (Ich sage ja nicht, Dispensationalismus und „historisch-kritische“ Methode seien dasselbe. Ich sage nur, es bestehe eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen den beiden.) Aber ob ein „historisch-kritischer“ Bibelausleger einem bestimmten Text die aktuelle Gültigkeit abspricht, weil er „zeit- und kulturgebunden“ sei, oder ob ein dispensationalistischer Ausleger vom selben Text sagt, er gelte nicht für heute, weil er einer anderen Heilszeit zugehöre – das kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes (Jesaja 40,8; Matthäus 5,18; 24,35) wird damit bestritten.

Dispensationalisten werden natürlich abstreiten, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihrer Methode und der rationalistischen Bibelkritik bestehe. Schliesslich rechnen sich die meisten Dispensationalisten dem „fundamentalistischen“ Flügel der Christenheit zu. Aber es macht einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wenn gewisse Dispensationalisten z.B. vehement die Echtheit der biblischen Wunderberichte verteidigen – nur um dann mit derselben Vehemenz abzustreiten, dass solche Wunder auch heute noch geschehen könnten.

Zwei weitere Beispiele willkürlicher Auslegung:

1. „Die Bereiche des biblischen Bekenntnisses werden von lehrmässigen Irrtümern infiltriert werden, die sich überall ausbreiten werden (Matth.13,33). Dennoch wird ein kostbarer Überrest Israels übrigbleiben, um erlöst werden zu können (Matth.13,44), und die kostbare Perle, die Gemeinde, wird ebenfalls erlöst werden (Matth.13,45-46).“
(Herman Hoyt, „Dispensational Premillennialism“, in „The Meaning of the Millennium–4 Views“, Hrsg. Robert G. Clouse, 1977. – In diesem Buch legen vier Autoren aus vier verschiedenen theologischen Richtungen ihre Ansichten über das Tausendjährige Reich dar, und geben ausserdem ihre Entgegnungen zu den Artikeln der jeweils anderen Autoren ab.)

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich auf das Gleichnis vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Die von Hoyt gegebenen Auslegungen können vom Text her überhaupt nicht begründet werden. Alle zitierten Gleichnisse beginnen mit denselben Worten: „Das Himmelreich ist gleich…“, und sind somit parallel zu verstehen. Die Deutung auf lehrmässige Irrtümer im ersten Gleichnis, auf Israel im zweiten und auf die Gemeinde im dritten, ist völlig willkürlich. Für seine Auslegung des zweiten und dritten Gleichnisses gibt es auch keine Parallelstellen, die als Begründung herangezogen werden könnten. (Für das Gleichnis vom Sauerteig könnte der Autor geltend machen, dass es tatsächlich – in ganz anderem Zusammenhang – Bibelstellen gibt, wo „Sauerteig“ im Sinn von „Unreinheit“ verstanden wird. Diese Deutung würde aber dem Sinn widersprechen, den Jesus selber dem Gleichnis gibt mit den einführenden Worten „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig“ – nicht „die lehrmässigen Irrtümer sind gleich…“. Sauerteig wird unter den Teig gemischt, um gutes Brot herzustellen, nicht um es zu verderben.) Jedenfalls widersprechen diese Auslegungen dem Prinzip, das die Dispensationalisten sonst selber verkünden: dass jede Schriftstelle, soweit wie möglich, nach ihrem natürlichsten und wörtlichsten Sinn verstanden werden sollte.
Die anderen Autoren des Buches haben denn auch an Hoyts Beitrag bemängelt, dass das blosse Anführen von Bibelstellen in Klammern nicht genüge, um eine eigenwillige Auslegung zu begründen.

2. „Die biblische Lehre vom Königreich Gottes

(…) Dieses Königreich wird dadurch gekennzeichnet sein, daß Gott selbst durch Seinen gesalbten König, den Messias (Christus) auf der Erde unmittelbar herrschen wird; der Satan wird gebunden und entmachtet sein, und die gottlosen Herrscher auf Erden werden gestürzt sein.
(…) »Nachdem aber Johannes gefangengenommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15-16)
Wohlgemerkt: Er sagte nicht, daß dieses Königreich, das die Propheten angekündigt hatten und das Israel erhoffte, bereits gekommen sei. Es war nahe herbeigekommen (Lk 10,9), für das Volk in greifbare Nähe gerückt, aber eben noch nicht angebrochen. Es war in einem gewissen Sinn in dem Messias selbst und Seinen Wunderzeichen zu ihnen gekommen (vgl. Mt 12,28; Lk 17,21), aber sie sahen den wirklichen Anbruch dieses Königreiches eben nicht; denn das hätte das Eingreifen des Messias vom Himmel her, das Gericht über alles Böse und den Beginn der realen Friedensherrschaft auf Erden bedeutet.
(…) Das »Evangelium vom Reich Gottes«, das der Herr und Seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde. Dieses Evangelium kündigte also dem Volk Israel und nur diesem Volk an, daß es bald in die verheißenen Segnungen der unmittelbaren, in Jerusalem verwirklichten Königsherrschaft des Messias eintreten könne, wenn es Buße tue und glaube.
Man beachte, daß der Herr ausdrücklich Seinen Gesandten gebot, diese Botschaft nur dem Haus Israel zu verkündigen, nicht den Heidenvölkern (Mt 10,5-8). Wir finden diesen Begriff »Evangelium vom Reich Gottes« nur im Zusammenhang mit Israel (bis auf die Ausnahme von Mt 24,14, auf die wir unten noch eingehen). Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können (vgl. Apg 3,19-21). Nun aber verwarf das Volk als ganzes seinen Messias. Deshalb wurde das Reich Gottes von ihnen genommen und einem anderen Volk, dem Volk Gottes des Neuen Bundes, gegeben (Mt 21,43; 1Pt 2,10; Tit 2,14).
(…) Das den Juden einst verkündigte »Evangelium vom Reich« ist heute weder für Juden noch für Heiden gültig; es ist in der heutigen Zeit nicht zur Verkündigung bestimmt, sondern wird erst nach der Entrückung der Gemeinde, kurz vor dem Anbrechen des messianischen Reiches, noch einmal unter allen Völkern verkündet werden (Mt 24,14).“
(Rudolf Ebertshäuser, „Aufbruch in ein neues Christsein? – Emerging Church – Der Irrweg der postmodernen Evangelikalen“, 2008 – eine im übrigen gut durchdachte und fundierte Aufklärungsschrift, die nur leider nebenbei die dispensationalistischen Sonderlehren hineinschmuggelt.)

Wie so oft in dispensationalistischen Auslegungen, sind hier gute und richtige Gedanken mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten vermengt. Natürlich wird das „Reich Gottes“ im Sinne einer irdischen Herrschaft des Messias erst bei seiner Wiederkunft aufgerichtet werden. Aber wird dadurch gleich das „Evangelium vom Reich Gottes“ für die christliche Gemeinde völlig bedeutungslos? Diese Aussage ist ein weiteres Beispiel für die dispensationalistische Zerstückelung der Bibel, wodurch grosse Teile (in diesem Fall wesentliche Teile der Verkündigung Jesu) herausgeschnitten und als für die Gemeinde nicht gültig erklärt werden. Unter diesen Voraussetzungen kann der Autor natürlich nicht anders, als Matthäus 24,14 zu einer Ausnahme zu erklären und die Erfüllung dieses Verses auf die Zeit nach der Entrückung zu verschieben. (Merkt der Autor nicht, in was für Widersprüche er sich damit verwickelt? Wer soll denn „nach der Entrückung“, also gemäss Dispensationalismus mitten in der „grossen Trübsal“ und Verfolgung, allen Völkern – also weltweit – das Evangelium verkündigen, nachdem die Gemeinde gar nicht mehr da ist?)
– Zwischen der spekulativen Aussage, das messianische Reich wäre sogleich zu Israel gekommen, wenn das Volk Israel Jesus nicht verworfen hätte, und dem als Begründung angegebenen Text Apg.3,19-21, kann ich keinen logischen Zusammenhang herstellen. Es handelt sich hier ja um einen Ruf zur Umkehr, nachdem Israel Jesus bereits verworfen hatte. (Hätte das Volk Israel Jesus nicht verworfen, dann hätte Jesu stellvertretender Opfertod gar nicht stattgefunden!!)
Auch Ebertshäuser legt im übrigen die Himmelreichsgleichnisse vom Sauerteig und vom Senfkorn (Matth.13,31-33) ohne nähere Begründung im Sinne von antichristlichen Einflüssen aus. Es scheint, dass Dispensationalisten diese Auslegungen jeweils voneinander abschreiben, ohne überhaupt noch über deren Sinn oder Unsinn nachzudenken. (Dave MacPherson belegt in seinem Internet-Artikel „Pretrib Rapture Dishonesty“ über ein Dutzend Fälle von inter-dispensationalistischen Plagiaten allein zwischen 1970 und 2000, z.T. in weltweit bekannten Publikationen.)

Meine persönliche Erfahrung war überdies, dass ein Dispensationalist, auf andere (und sinnvollere) Auslegungsmöglichkeiten angesprochen, in der Regel ganz erstaunt reagiert, dass jemand diese Stellen überhaupt anders verstehen könnte als er; es sei doch „sonnenklar“, dass seine Auslegung die richtige sei. (So setzt Ebertshäuser über den oben zitierten Abschnitt wie selbstverständlich den Titel „Die biblische Lehre …“. Richtiger wäre „Die dispensationalistische Lehre …“.) Es kann auch vorkommen, dass der Dispensationalist anstelle einer Begründung einfach die anderen Auslegungen „abschiesst“ mit der Bemerkung, diese seien eben von Irrlehrern (z.B. Calvinisten, Pfingstlern, u.a.) inspiriert und deshalb falsch. (Also: Bevor Darby kam, war niemand in der Lage, die Bibel richtig zu verstehen. – Man kann natürlich über den Calvinismus, die Pfingstbewegung, etc, verschiedener Meinung sein. Meines Wissens blieb aber den Dispensationalisten unserer Tage die Dreistigkeit vorbehalten, den Calvinismus kategorisch als „Irrlehre“ zu brandmarken.)
Dieses irrationale Verhalten von ansonsten klug und vernünftig denkenden Menschen bestärkt bei mir den Verdacht, beim Dispensationalismus könnte noch etwas anderes mit im Spiel sein als rein sachliche Bibelauslegung: nämlich eine Bindung an eine „neue Offenbarung“, die in ihrem Denken mindestens denselben Stellenwert einnimmt wie das Wort der Bibel selbst. (Siehe Teil 1.)
C.H. Spurgeon sagte schon vor über hundert Jahren über Darbys Plymouth-Brüder: „Sie haben Entzücken daran, irgendeine noch unentdeckte Kaulquappe der Auslegung aufzufischen, um sie in der ganzen Stadt als eine seltene Delikatesse anzupreisen.“ (C. H. Spurgeon, „Commenting and Commentaries“, 1876, zitiert in Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Um nochmals klarzustellen, worum es mir bei meiner Kritik im Kern geht: Ich habe nichts dagegen, dass Dispensationalisten die Bibel auf ihre Weise auslegen. Man kann über die Auslegung vieler Bibelstellen geteilter Meinung sein, ohne dass man einander dabei gleich der Bibelkritik oder der Irrlehre bezichtigen müsste. Aber man sollte dann auch dazu bereit sein, die eigene Auslegung aus der Bibel selbst zu begründen – und gegebenenfalls zuzugestehen, dass die Gegenseite ebenso (oder noch mehr) auf biblischer Grundlage steht. Das ist es, was viele Dispensationalisten – nach meiner Beobachtung – nicht tun: Sie nehmen ihre Begründungen – wenn überhaupt – aus einem zum vornherein festgelegten Dispensationen-Schema statt aus der Bibel selbst; und sie behaupten, ihre Auslegung sei die einzig richtige, und wer eine andere Auslegung vertrete, sei nicht bibeltreu. Damit leisten sie der „fundamentalistischen“ Bewegung einen Bärendienst. In den letzten Jahren ist vermehrt auch von evangelikaler Seite Kritik an dieser Bewegung laut geworden: „Christliche Fundamentalisten“ (d.h. bibeltreue Christen) seien konfliktiv, gesprächsunfähig, und nähmen die Bibel zu wörtlich. Nun sind natürlich viele heutige Evangelikale in Wirklichkeit gemässigt-kritisch in ihrer Haltung zur Bibel, und kritisieren deshalb jeden, der sich dem Wort der Bibel als irrtumslose Autorität unterstellt. Aber ich habe den Verdacht, dass manches an dieser Kritik ebenso auf die oben beschriebene Sturheit insbesondere des dispensationalistischen Flügels zurückzuführen ist, welcher nicht nur Gottes Wort, sondern auch die eigene spezielle Auslegung davon als „irrtumslos“ betrachtet.

Massstab für die Auslegung: das Alte oder das Neue Testament?

„Denn das Ende (oder richtiger: „Ziel“) des (alttestamentlichen) Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“ (Römer 10,4)

(alttestamentliche Verordnungen), „Dinge, die ein Schatten des Zukünftigen sind, sein eigentliches Wesen aber gehört Christus an.“ (Kolosser 2,17)

Daraus ergibt sich ein wichtiges Auslegungsprinzip: Das ganze Alte Testament zielt auf Christus hin. Seine eigentliche Erfüllung ist das Neue Testament. Deshalb muss das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Die meisten christlichen Bibelausleger gehen nach diesem Prinzip vor.

Der Dispensationalismus dagegen nimmt die (wörtlich und physisch verstandenen) alttestamentlichen Verheissungen an Israel zur Grundlage, um von daher das Neue Testament zu interpretieren. Deshalb will der Dispensationalismus in allen möglichen neutestamentlichen Stellen und Begriffen ein irdisches messianisches Reich für Israel sehen (z.B. die „Errettung Israels“ in Röm.11,26, oder das Tausendjährige Reich in Offb.20,4-6), obwohl da gar nicht davon die Rede ist. Mit anderen Worten: der Dispensationalismus interpretiert neutestamentliche Aussagen im Licht des Alten Testaments.

Besonders deutlich wird das in der Auslegung der Kapitel Ezechiel 40 bis 48. Dies ist zugegebenermassen einer der schwierigsten Abschnitte der ganzen Bibel, weil da vom jüdischen Tempel- und Opferdienst (inklusive Sündopfer) die Rede ist, aber sich die genauen Voraussagen in der Geschichte Israels so nicht erfüllt haben. Es gibt deshalb mindestens fünf Auslegungsmöglichkeiten:
1. Die Prophetie bezieht sich auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil und hat sich nicht detailgetreu erfüllt, entweder weil die Juden die darin enthaltenen Weisungen nicht ausführten, oder weil die Prophetie nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint ist.
2. Die Prophetie ist geistlich zu verstehen und beschreibt symbolhaft die christliche Gemeinde, die ja im Neuen Testament mehrfach als „Tempel Gottes“ bezeichnet wird (z.B. 1.Kor.3,16-17, Eph.2,19-22, 1.Petrus 2,5).
3. Die Prophetie wird sich in der Zukunft wörtlich erfüllen (Wiederherstellung des Tempel- und Opferdienstes für Israel).
4. Die Prophetie wird sich in der Zukunft geistlich erfüllen (im Neuen Jerusalem, Offb.21 und 22).
5. Die Prophetie ist überhaupt nicht zur Erfüllung bestimmt, sondern dazu, den Zuhörern ein Idealbild sozusagen als Spiegel vorzuhalten, damit sie beschämt werden und von ihrer Sünde überführt werden (Ezechiel 43,10-11, 45,9-10), d.h. wie weit sie von diesem Idealbild entfernt sind.

Vom Neuen Testament her ist es klar, dass Tempel- und Opferdienst mit dem einmaligen Sündopfer Jesu abgeschafft sind, und dass damit ein „Wechsel des Gesetzes“ und des Priestertums stattgefunden hat (Hebräer 7,12). Seither besteht auch für Israel der einzige Weg zum Heil im Glauben an Jesus Christus. Im Licht des Neuen Testaments scheidet also die Auslegung Nr.3 aus (wörtliche Wiedereinführung des Tempel- und Opferdienstes in der Zukunft). Genau dies ist aber die Auslegung, die vom Dispensationalismus vorgebracht wird: Da Israel und die christliche Gemeinde zwei völlig verschiedene Körperschaften seien, „müsse“ Ezechiels Prophetie noch wörtlich und speziell für Israel in Erfüllung gehen. Dispensationalisten postulieren deshalb, dies werde im Tausendjährigen Reich der Fall sein. Nur in einem Punkt weichen sie inkonsequenterweise von einem wörtlichen Verständnis ab: Die von Ezechiel erwähnten Sündopfer seien selbstverständlich keine Sündopfer, sondern „Erinnerungsopfer“ an das Opfer Jesu. Dies obwohl im ganzen Neuen Testament nirgends von einem zukünftigen Tempel- oder Opferdienst für Israel die Rede ist. So werden dem Neuen Testament alttestamentliche Vorstellungen aufgezwungen, statt das Alte Testament vom Neuen her auszulegen.

Gegenwärtig kein Evangelium für Israel?

Wir haben schon gesehen, dass Dispensationalisten mit zwei separaten „Evangelien“ rechnen, eines für die Juden und eines für die Heiden. Manche unter ihnen gehen deshalb so weit, dass sie sagen, in der gegenwärtigen Zeit müssten bzw. sollten die Juden überhaupt nicht evangelisiert werden. Gleichzeitig sind Dispensationalisten aber sehr aktiv in Organisationen zur Unterstützung des irdischen Staates Israel. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Israel-Hilfsorganisationen existieren, die bewusst darauf verzichten, Juden zu evangelisieren. D.h. sie enthalten dem jüdischen Volk genau das Wichtigste vor, was Christen Israel geben könnten, nämlich das Evangelium!
Eine offene Frage wäre hier zudem, warum überhaupt die irdische Wiederherstellung des Staates Israel schon vor über 60 Jahren stattfinden konnte, wo doch nach dispensationalistischer Ansicht Gott sein Handeln an Israel erst wieder aufnehmen würde, nachdem die „Zeit der Gemeinde“ abgeschlossen wäre – siehe in der nächsten Folge. (Tatsächlich sagte Darby, Jesus müsse zuerst wiederkommen, bevor Israel in sein Land zurückkehren könnte.)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle

17. Mai 2012

Warum ein Artikel über den Dispensationalismus? – Dispensationalisten haben sich ziemlich hervorgetan im Analysieren und Zurückweisen aller Arten von „endzeitlichen Verführungen“. Das ist eine gute und nötige Arbeit. Aber wenn sie von dispensationalistischer Seite kommt, dann werden dafür einfach andere, eben dispensationalistische Fehler in die Gemeinde Jesu eingeführt. Deshalb muss auch der Dispensationalismus analysiert werden. Das ist – insbesondere im deutschen Sprachraum – noch viel zu wenig gemacht worden. In manchen Kreisen gilt anscheinend die Gleichung „bibeltreu = dispensationalistisch“. Ich möchte hier aufzeigen, warum diese Gleichung nicht so ohne weiteres aufgeht.
Ich habe dabei nicht vor endgültig zu beweisen, ob der Dispensationalismus an sich „falsch“ oder „richtig“ sei – ich denke, das ist rein argumentativ nicht zu entscheiden. Ich möchte einfach einige wenig bekannte Hintergründe aufzeigen, die Sinn machen, wenn ich sie mit der Argumentationsweise und dem Verhalten von mir bekannten Dispensationalisten vergleiche. Und die begründen, warum ich den Dispensationalismus als zumindest „zweifelhaft“ bezeichne.

Die theologische Strömung des Dispensationalismus wurde im wesentlichen von John Nelson Darby anfangs des 19.Jahrhunderts ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein Auslegungsschema, welches jede Bibelstelle einer bestimmten heilsgeschichtlichen „Dispensation“ zuweisen will und je nachdem die Anwendbarkeit der betreffenden Bibelstelle einschränkt. In Anwendung dieses Schemas kommen dispensationalistische Ausleger teils zu durchaus zutreffenden Schlussfolgerungen (z.B. dass bestimmte Bibelstellen nur auf das Volk Israel wörtlich anwendbar sind, andere wiederum nur auf die an Jesus Gläubigen); teils aber zu haarsträubenden Gedankensprüngen. Z.B. dass die Zehn Gebote für Christen nicht gelten würden, ausser sie würden durch ausdrückliche Wiederholung im Neuen Testament erneut gültig gemacht. Oder dass die Bergpredigt erst nach der Wiederkunft Jesu Gültigkeit erlangen werde. Oder dass es zwei verschiedene Evangelien gebe, ein „Evangelium vom Reich“ nur für die Juden, und ein „Evangelium der Gnade“ nur für die Heiden.

Damit ist bereits ein wesentliches Problem des Dispensationalismus angesprochen: Manche Bibelstellen lassen sich von ihrer Aussage und ihrem Zusammenhang her nicht eindeutig einer einzigen, bestimmten „Dispensation“ zuordnen. (Ganz abgesehen davon, dass der Begriff der „Dispensation“ an sich in der Bibel nirgends im Sinne des Dispensationalismus definiert oder verwendet wird). In diesen Fällen nimmt der Dispensationalist die Zuordnung nach willkürlichen und oft fragwürdigen Kriterien vor, und hält dann dogmatisch an der einmal getroffenen Zuordnung fest. Es handelt sich nicht um ein vorurteilsloses Herangehen an die Bibel, sondern um ein zum voraus festgelegtes Auslegungsschema, das dann der Bibel übergestülpt wird.

Verbreitet wurde der Dispensationalismus seit Anfang des 20.Jahrhunderts vor allem durch die Kommentare der „Scofield-Bibel“, die sich auch heute noch in gewissen Kreisen grosser Beliebtheit erfreut. Durch die kritiklose Aufnahme dieser Kommentare haben sich manche Gläubige ein sehr einseitiges Bibelverständnis angeeignet, sodass sie den Bibeltext nur noch durch die dispensationalistische Brille lesen und verstehen können. (Dieselbe Gefahr besteht natürlich bei Bibelkommentaren jedweder theologischen Ausrichtung. Doch habe ich bei Dispensationalisten beobachtet, dass sie sich ganz besonders an ihr spezifisches Auslegungsschema klammern und jede Kritik daran als eine Kritik an der Bibel selbst werten. – Persönlich ziehe ich es vor, ganz ohne Bibelkommentare auszukommen. Wenn es aber doch einmal notwendig sein sollte, dann versuche ich, zur selben Stelle zwei oder drei Kommentare aus gegensätzlichen theologischen Richtungen zu finden und vergleiche sie miteinander.)
Weiter waren führende Dispensationalisten anfangs des 20.Jh. sehr aktiv in der Begründung des amerikanischen „Fundamentalismus“. (Das war damals noch kein Schimpfwort, sondern bezeichnete einfach die Haltung, auf der biblischen Wahrheit als „Fundament“ aufzubauen, und an den „fundamentalen“ Glaubenswahrheiten festzuhalten.) Dadurch ist ein grosser Prozentsatz ernsthafter Christen dispensationalistisch infiziert worden, sodass es eben zu der Auffassung kam, nur die dispensationalistische Auslegung sei bibeltreu.
Die Bestseller-Autoren Hal Lindsey und Tim La Haye haben in den letzten Jahrzehnten weiter beigetragen zur Popularisierung des Dispensationalismus – insbesondere dessen spekulativer Auslegung der biblischen Endzeitprophetien.

Der Ursprung des Dispensationalismus – eine neue Lehre

Wenden wir uns nun dem Ursprung des Dispensationalismus zu. Die Anfänge dieser Strömung sind eng verflochten mit den Auseinandersetzungen um die Person J.N.Darbys bei den damaligen Plymouth-Brüdern, aus denen später die Denominationen der „Offenen Brüder“ (open brethren) und der „Geschlossenen Brüder“ (exclusive brethren) hervorgingen. Darby war eine führende Persönlichkeit – während längerer Zeit die dominante Persönlichkeit – in der Brüderbewegung, und er versuchte seinen Dispensationalismus als die verbindliche Theologie dieser Bewegung durchzusetzen. Dem widersetzten sich jedoch andere leitende Brüder, u.a. Georg Müller (der bekannte „Waisenvater“ von Bristol) und der Theologe Samuel Prideaux Tregelles (bekannt als biblischer Textforscher). Georg Müller sagte einmal, er sähe sich gezwungen, zwischen Darby und der Bibel zu entscheiden, und er wähle die Bibel. (Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)
Auseinandersetzungen und Spaltungen in der Brüderbewegung entstanden nicht nur aufgrund des Dispensationalismus, sondern auch aufgrund der autoritären und anmassenden Persönlichkeit Darbys. Doch das nur am Rande.

Darbys Selbstzeugnis

Gemäss Darbys eigenem Zeugnis erhielt er die „dispensationalistische Wahrheit“, während er sich von einer schweren Verletzung nach einem Reitunfall erholte und die Bibel las:

„Das 32.Kapitel von Jesaja lehrte mich klar, von Gott her, dass noch eine von Ihm angeordnete Ökonomie (Dispensation) bevorstand; ein Zustand der Dinge, der noch in keiner Weise hergestellt ist. Das Bewusstsein meiner Vereinigung mit Christus hatte mir den gegenwärtigen himmlischen Anteil der Herrlichkeit gegeben, während dieses Kapitel klar den dazugehörigen irdischen Anteil darlegt. Ich konnte damals diese Dinge noch nicht an ihren jeweiligen Platz stellen oder sie der Reihe nach anordnen, wie ich es jetzt kann; aber die Wahrheiten selbst wurden (mir) damals von Gott offenbart, durch das Wirken Seines Geistes beim Lesen Seines Wortes.
Was musste getan werden? Ich sah in jenem Wort das Kommen Christi, um die Gemeinde zu sich zu nehmen in der Herrlichkeit. (…)“
(Nach Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“)

Dieses Zeugnis fasst kurz, und nicht allzu klar, die zwei Hauptlehren zusammen, die Darby – erst mehrere Jahre später – zu verkündigen begann:
1. Israel und die Gemeinde sind zwei so völlig unterschiedliche Körperschaften, dass Bibelstellen, die für Israel gelten, nicht zugleich für die Gemeinde gelten können, und umgekehrt. Insbesondere beziehen sich die alttestamentlichen Prophezeiungen über die zukünftige Herrlichkeit Israels ausschliesslich auf die Rolle Israels im tausendjährigen Reich, und dürfen nicht auf die christliche Gemeinde übertragen werden. Das Zeitalter der Gemeinde war „unsichtbar“ für die Autoren des Alten Testaments.
2. Die Wiederkunft Jesu findet in zwei unterschiedlichen „Etappen“ statt: zuerst ein „geheimes“ Kommen, das nur von der Gemeinde wahrgenommen wird und bei dem diese entrückt wird (noch vor der „grossen Trübsal“); später ein öffentliches Kommen zum Weltgericht.

Mit der Zeit wurden diese Ideen weiter ausgearbeitet (hauptsächlich von Scofield) zu einem kompletten System von „Dispensationen“.

Darby hatte übrigens eine äusserst negative Sicht von allen Dispensationen, einschliesslich der gegenwärtigen:

„In jedem Beispiel gab es ein völliges und unmittelbares Versagen seitens des Menschen; dennoch konnte die Langmut Gottes aus Gnade die Dispensation tolerieren und zu Ende bringen, in welcher der Mensch von Anfang an versagt hatte; und ausserdem wurde uns nicht ein einziges Beispiel der Wiederherstellung irgendeiner Dispensation gegeben, obwohl es teilweise Wiederbelebungen [bestimmter Dispensationen] durch den Glauben geben konnte.“
(Gesammelte Werke J.N.Darbys, zitiert in Edmund Hamer Broadbent, „The Pilgrim Church“)

Broadbent fasst die Lehre Darbys zu diesem Punkt weiter zusammen:

„Die Beispiele, die er von diesem Versagen am Anfang jeder Periode gibt, sind: die Trunkenheit Noahs, der Fall Abrahams, der nach Ägypten ging und dort Sara verleugnete, und das goldene Kalb, das die Israeliten anbeteten.
Dasselbe behauptete er von der Gemeinde: ‚Innerhalb der Christenheit fand eine moralische Abweichung von Gott statt.‘ Sogar im Leben der Apostel waren der ‚Abfall‘, die ‚gefährlichen Zeiten‘, ‚die letzte Stunde‘ und das Werk des ‚Geheimnisses der Gesetzlosigkeit‘ bereits gegenwärtig. Die Apostel versagten in der Ausführung des Auftrags des Herrn, in die ganze Welt zu gehen und das Evangelium allen zu predigen. Ausserdem blieben sie in Jerusalem, als sie von dort hätten fliehen sollen. Ein neuer Heidenapostel musste erstehen, um ihr Ungenügen zu kompensieren. ‚So‘, schreibt Darby, ‚versagte diese Periode, genau wie die anderen, und wurde gleich zu Anfang unterbrochen (…) kaum war sie voll eingesetzt, als sie bereits scheiterte.‘
Er fragt dann, ob die Gläubigen ‚in unseren Tagen kompetent seien, Gemeinden zu organisieren nach dem Modell der ursprünglichen Gemeinden, wie sie annehmen‘, und ‚ob die Formierung solcher Körperschaften dem Willen Gottes gemäss sei‘. Seine Antwort ist ’nein‘, weil ‚die Kirche sich im Zustand einer Ruine befindet (…) die erste Abweichung ist fatal und ist eine Grundlage für das Gericht (…) die Schrift registriert nirgends eine Wiederherstellung eines solchen Zustandes (…) Wenn wir anerkennen, dass wir in einem Abfall leben, der sich verschnellert bis zu seiner schliesslichen Vollendung, statt in einer Gemeinde oder einer Periode, die Gott durch seine Gnadentreue unterhält, dann verändert das die ganze Stellung der Seele‘, sagt Darby.“
(Broadbent, a.a.O.)

Es ist mir nicht bekannt, inwieweit heutige Dispensationalisten diese pessimistische Sicht von der Gemeinde teilen. In gewisser Hinsicht kann ich Darby ja verstehen: Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde sowie die Kirchengeschichte ansieht, dann findet man tatsächlich viel mehr Anzeichen von Abfall als von Erweckung. Und sogar manches, was als Erweckung ausgegeben wird und wurde, ist in Wirklichkeit ein noch weiteres Abweichen von Gott. Ich kann von daher auch nachvollziehen, dass Dispensationalisten sehr misstrauisch sind gegenüber allem, was nach Erweckung riecht.
Wenn man aber daraus schliesst, dass der Abfall die unvermeidliche Norm sei, und das seit den ersten Anfängen der Kirchengeschichte, dann ist das nicht Schriftauslegung, sondern Erfahrungstheologie. Die Schrift spricht nicht nur von Abfall, sondern sie sagt auch: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ (Matthäus 28,20) – „…und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.“ (Johannes 10,28) – „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8,31) – „Er wird aber stehenbleiben, denn der Herr vermag ihn aufrechtzuhalten.“ (Römer 14,4) – „Gott aber ist treu, der euch nicht über euer Vermögen wird versucht werden lassen, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt.“ (1.Korinther 10,13) – „Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und haben ihr Leben nicht liebgehabt bis zum Tode.“ (Offenbarung 12,11)
– Alle diese Verheissungen (und es gibt noch weitere) zeigen, dass Gott willens und mächtig ist, die Seinen (d.h. die wahre Gemeinde) im Glauben zu bewahren. Die Behauptung, der Abfall sei notwendig und unvermeidlich, zeugt von Kleinglauben diesen Verheissungen gegenüber.

Nun ging Darby ja noch viel weiter als das, wie die obigen Zitate zeigen. Er leugnete nicht nur die Legitimität von Erweckungen oder des Wunsches nach Erweckung. Er leugnete überhaupt die Legitimität eines jeden Unterfangens, neutestamentliche Gemeinde zu bauen, von der nachapostolischen Zeit bis heute! Nach Darby hat „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments aufgehört zu existieren, sobald die Apostel nicht mehr da waren. Von daher leugnete er auch die Gültigkeit neutestamentlicher Verheissungen oder Anweisungen an die Gemeinde für die nachapostolische Zeit. Die echten Christen heute sollten sich zwar als „zwei oder drei“ versammeln, aber sie dürften sich in keiner Weise anmassen, eine „Gemeinde“ zu bilden. (Es ist mir ein Rätsel, wie Darby diese seine Lehre vereinbaren konnte mit seiner späteren Forderung nach strenger Gemeindezucht – sogar in Fällen, wo eine solche gar nicht angebracht war.)

Zweifel an der Aufrichtigkeit Darbys

Der weiter oben erwähnte S.P.Tregelles – ein Insider der damaligen Brüderbewegung – veröffentlichte jedoch eine von Darby abweichende Version über den Ursprung des Dispensationalismus: Die Lehre einer „geheimen Entrückung“, und eines „geheimen“ Kommens Jesu, war bereits 1811 veröffentlicht worden in einem spanischen Buch mit dem Titel „La venida del Mesías en gloria y majestad“ (Das Kommen des Messias in Herrlichkeit und Majestät), von einem gewissen Juan Josafat Ben Ezra. Das war das Pseudonym des jesuitischen Priesters Emanuel Lacunza. Es ist spekuliert worden, dass Lacunza unter diesem Pseudonym schrieb, um sein Buch für Protestanten akzeptabel zu machen. Ob das seine Absicht war oder nicht, es funktionierte: Das Buch wurde vom Vatikan auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, was es für Protestanten erst recht interessant machte.
Dieses spanische Buch wurde 1827 von dem schottischen Prediger Edward Irving auf Englisch übersetzt und verbreitet. (Interessanterweise ist 1827 das Jahr, das Darby angibt als den Beginn seiner öffentlichen Lehre des Dispensationalismus. Nachgewiesen werden kann seine Lehre über diese Themen aber erst ab 1833.) Nun hatte Darby in jener Zeit recht engen Kontakt mit Irving und seinen Anhängern, und nahm an mehreren ihrer Zusammenkünfte und Konferenzen (u.a. über biblische Prophetie) teil. Tregelles versichert, Darby hätte seine Ansichten über die Entrückung von Irvings Gruppe übernommen. (Angaben grösstenteils nach Wikipedia, Artikel „Rapture“ und „Edward Irving“ (englisch)

„Ich weiss nichts über irgendeine definitive Lehre, dass es eine geheime Entrückung der Gemeinde anlässlich einer geheimen Wiederkunft gäbe, bevor dies in Herrn Irvings Gemeinde ausgesprochen wurde als eine ‚Eingebung‘ von – wie es damals angenommen wurde – der Stimme des Geistes. Aber [unabhängig davon] ob jemand irgendwann [zuvor] so etwas behauptet hatte oder nicht, von dieser angeblichen Offenbarung war es, wo die moderne Lehre und die diesbezügliche moderne Ausdrucksweise herstammte. Sie kam nicht aus der Heiligen Schrift, sondern von etwas, was fälschlicherweise behauptete, Gottes Geist zu sein.“
(S.P.Tregelles, „The Hope of Christ’s Second Coming“, zitiert bei Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“)

Ein anderer der frühen Plymouth-Brüder war Robert Baxter. Er schrieb:

„In einigen der Schriften von Herrn Irving wurde die Meinung ausgesprochen, dass vor dem zweiten Kommen Christi, und vor dem Anbruch des Tages der Rache über die Welt, wie er in der Schrift nachdrücklich genannt wird, die Heiligen zum Himmel entrückt würden wie Henoch und Elias, und so vor der Zerstörung dieser Welt gerettet würden, wie Noah in der Arche gerettet wurde, und wie Lot aus Sodom gerettet wurde. Das war eine Meinung, der ich mich nie anschliessen konnte; da ich annahm, unsere Zuflucht in und durch die Tage der Rache würde irgendein irdisches Heiligtum sein, bis der Herr käme, die Toten auferweckt würden, und die am Leben gebliebenen entrückt würden (1.Thess.4,17).“
(Robert Baxter, „Narrative of Facts“, 1833, zitiert a.a.O.)

Die „Irvingiten“ waren eine Art charismatische Splittergruppe, die das Zungenreden und prophetische Eingebungen pflegten. Bekannt geworden ist eine dieser Eingebungen, die im Jahre 1830 der fünfzehnjährigen Margaret MacDonald gegeben wurde. Diese lehrt ein „geheimes“ Kommen Jesu und eine geheime Entrückung als ein separates Ereignis, verschieden vom öffentlichen zweiten Kommen Jesu. Einige Forscher vermuten, dass Darby auch anwesend war, als dieses Wort weitergegeben wurde – jedenfalls war er mit Margaret MacDonald bekannt. (Dave MacPherson, „The Incredible Cover-Up: The True Story of the Pre-Trib Rapture“, 1975) Es ist nicht klar, ob Tregelles sich auf diese selbe Eingebung bezieht oder auf eine andere. Jedenfalls sagt er, seines Wissens hätte zuvor niemand (also auch Darby nicht) eine geheime Entrückung gelehrt.
Die Irvingiten entwickelten zunehmend abwegigere Lehren und Praktiken, sodass Darby sich gegen sie wandte und sie schliesslich entschieden ablehnte. Auch die schottische Kirche schloss Irving im Jahre 1833 wegen Irrlehre aus ihrer Mitte aus. (Wikipedia, Artikel „Edward Irving“ (englisch)

Die Diskussion darüber, ob das Selbstzeugnis Darbys oder das Zeugnis Tregelles‘ glaubwürdiger sei, dauert bis heute an. Verteidiger des Dispensationalismus, welche das Zeugnis Tregelles‘ ablehnen, haben wortreich argumentiert, die Irvingiten hätten nicht wirklich eine Entrückung vor der Trübsal gelehrt, und ihre dementsprechenden Äusserungen könnten auch als Entrückung während oder nach der Trübsal ausgelegt werden. (Lacunza z.B. nahm einen Zeitraum von 45 Tagen zwischen der Entrückung und der Wiederkunft Jesu an.) Aber damit wird die Auseinandersetzung auf einen Nebenschauplatz abgelenkt. Der Kern der neuen Lehre besteht nicht darin, ob die Entrückung „vor“ oder „nach“ der Trübsal stattfinde, sondern ob es überhaupt eine „geheime“ Entrückung gibt, d.h. ein „geheimes“ Kommen Jesu, verschieden von seiner öffentlichen Wiederkunft. Diese Idee von „zwei Etappen“ der Wiederkunft Jesu wurde von Lacunza, sowie von Irving und seinen Anhängern unmissverständlich gelehrt.

Einerseits ist die Anfrage berechtigt, ob Darby tatsächlich einen seiner Schlüsselgedanken von einer Gruppierung übernommen haben sollte, die er letztendlich heftig ablehnte. Andererseits wäre das aber gerade eine Erklärung dafür, warum er die Herkunft dieser Idee verschwieg, obwohl er als Teilnehmer an Irvings Konferenzen mit dessen Lehre vertraut gewesen sein muss. Da er sich öffentlich gegen die Irvingiten ausgesprochen hatte, konnte er ja nicht gut sagen, dass er eine ihrer Lehren zu einem Grundstein seines theologischen Systems gemacht hatte! – Man bedenke, dass der Brief, in dem Darby erstmals seine „Erleuchtung“ nach seinem Reitunfall schildert, dreissig Jahre nach dem Ereignis geschrieben wurde. Er hat also dreissig Jahre lang überhaupt keine Erklärung für den Ursprung seiner Lehre geliefert.

So oder so: Der Dispensationalismus ist eine „neue Offenbarung“

Auch wenn Darby die Wahrheit gesagt haben sollte: Er selber führt seine Lehre auch auf eine „neue Offenbarung“ zurück. („Die Wahrheiten selbst wurden damals von Gott offenbart…“) Zwar eine „Offenbarung“, die ihm beim Lesen der Heiligen Schrift kam – aber eben doch eine „neue Offenbarung“, die ihn dazu führte, die Bibel auf eine Art und Weise auszulegen, wie sie vor ihm in der ganzen Kirchengeschichte noch nie ausgelegt worden war. Die Wendung „Gott offenbarte mir…“ erscheint noch an weiteren Stellen in Darbys Schriften, wo er auf seine Entdeckung der „dispensationalistischen Wahrheit“ Bezug nimmt. (Quellen bei Stephen Sizer , „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Das ist ein wichtiger Kritikpunkt gegen den Dispensationalismus: Es handelt sich um eine neue Lehre, die allen vorangegangenen Theologien widerspricht. Sollten sich tatsächlich alle Gottesmänner der ganzen Kirchengeschichte vor Darby geirrt haben? Jede andere ernstzunehmende theologische oder denominationelle Strömung hat historische Vorgänger, mit denen sie im Einklang steht. Die Reformatoren konnten auf Augustin, auf Wyclif und auf Hus zurückverweisen. Die Täufer waren geistliche Nachfahren der Waldenser, sowie der Gemeinde der ersten Jahrhunderte und natürlich der Apostel selber. Die Pfingstbewegung hat Vorgänger im Montanismus, in John Wesley, und ebenfalls in der Praxis der Urgemeinde. Auch die Hausgemeindebewegung kann auf die Urgemeinde zurückverweisen, sowie auf Minucius Felix, auf Schwenckfeld, die Quäker, den frühen Methodismus, und andere. Der Dispensationalismus hat keine solchen historischen Vorgänger.
Diese Tatsache ist eine grosse Verlegenheit für die Verteidiger des Dispensationalismus. Wenn sie das Selbstzeugnis von Darby annehmen wollen, dass seine Lehre tatsächlich seine eigene originale Erfindung (bzw. „Offenbarung“) war, dann müssen sie erklären, warum niemand vor ihm auf diese Idee kam, und warum alle Theologen vor ihm die Bibel „falsch“ ausgelegt haben. Wenn sie dagegen nach historischen Vorgängern suchen wollen, dann landen sie bei einem jesuitischen Priester und einem charismatischen Sektengründer.

Pikant daran ist, dass die Dispensationalisten – zumindest in Deutschland – führend sind in der Opposition gegen die Pfingst- und die charismatische Bewegung. Da „darf“ es natürlich nicht wahr sein, dass ihr eigener Ursprung in einer charismatischen Bewegung und in einer „neuen Offenbarung“ liege!
Das Verhältnis zwischen Dispensationalisten und Pfingstlern ist doppelt paradox. Einmal eben wegen dieses Ursprungs des Dispensationalismus in einer „neuen Offenbarung“. Ob es Lacunza, Irving oder Darby war, der diese „Offenbarung“ als erster erhielt, ist hierbei ziemlich unwesentlich. Manche Vorwürfe der Dispensationalisten gegen die Pfingstbewegung (z.B. das Akzeptieren „neuer Offenbarungen“, oder unsachgemässer Umgang mit der Schrift) fallen damit auf sie selbst zurück.
Aber auch die Haltung der Pfingstler in dieser Frage ist widersprüchlich: Während sie einerseits an der fortdauernden Gültigkeit aller Gaben des Heiligen Geistes festhalten, haben sie andererseits die meisten Postulate des Dispensationalismus unkritisch übernommen. Es gibt kaum eine pfingstliche Kirche oder Denomination, wo nicht dispensationalistische Auslegungsprinzipien und das dispensationalistische Endzeitschema gelehrt werden. (Mit Ausnahme der dominionistischen Kreise in den USA, die inzwischen auch unter Charismatikern an Einfluss gewinnen.) Als ich einmal in einer kleineren pfingstlichen Buchhandlung nach Büchern über biblische Prophetie fragte, wurde mir als einziger Titel ein Buch von Tim La Haye angeboten. J.M.Thekkel, ein glühender Verfechter des Dispensationalismus, behauptet (wahrscheinlich ein wenig übertrieben), dass „100% der Pfingstler, 98% der Plymouth-Brüder und 95% der Südlichen Baptisten an die Entrückung vor der Trübsal glauben“. (John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“).

Wie legt das Neue Testament das Alte aus?

Was die kirchengeschichtliche Neuheit des Dispensationalismus betrifft, so ist auch der Umstand von Gewicht, dass das Neue Testament nirgends eine „dispensationalistische“ Auslegung alttestamentlicher Texte nahelegt. Ganz im Gegenteil: der Umgang neutestamentlicher Autoren (inbegriffen Jesus selbst) mit alttestamentlichen Texten widerspricht dispensationalistischen Auslegungsprinzipien diametral. Da werden Prophetien aus dem Alten Testament mit aller Selbstverständlichkeit wörtlich auf die christliche Gemeinde angewandt. Einige Beispiele mögen dies zeigen:

„Da sagt Jesus zu ihnen: Ihr werdet in dieser Nacht alle an mir Anstoss nehmen; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.“ (Matth.26,31)

Jesus wendet das alttestamentliche Wort, das über das (ganze) Volk Israel gesprochen worden war, auf die exklusive Gruppe seiner elf Jünger an.

„Da öffnete er ihnen den Sinn, damit sie die Schriften verständen, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben, dass der Christus auf diese Weise leiden und am dritten Tage auferstehen werde, und dass auf seinen Namen hin Umkehr zur Vergebung der Sünden verkündet werden solle unter allen (Heiden-)Völkern, beginnend mit Jerusalem.“ (Lukas 24,45-47)

Jesus lehrte seine Jünger offensichtlich nicht die dispensationalistischen Auslegungsmethoden! Er öffnete ihr Verständnis für die (alttestamentlichen) Schriften in dem Sinne, dass dort die Erfüllung des Missionsauftrags vorausgesagt wird, also die Ausbreitung der christlichen Gemeinde unter alle Völker.

„Denn es steht geschrieben im Buch der Psalmen: Seine Behausung soll veröden, und niemand soll dasein, der darin wohnt, und: Sein Vorsteheramt soll ein anderer empfangen.“ (Apg.1,20)

Diese alttestamentlichen Stellen werden von den Aposteln als wörtliche und direkte Anweisung in ihrer Situation verstanden, einen Nachfolger anstelle von Judas zu wählen.

„Und Paulus und Barnabas sagten freimütig: Euch (Israeliten) zuerst musste das Wort Gottes verkündigt werden; da ihr es von euch stosst und euch des ewigen Lebens selbst nicht für würdig achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. Denn so hat uns der Herr geboten: Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil gereichest bis an das Ende der Erde.“ (Apg.13,46-47)

Hier sehen Paulus und Barnabas im Alten Testament die christliche Heidenmission vorausgesagt. – Ebenso Jakobus in Apg.15,14-17.

„Das Jerusalem droben aber ist eine Freie, und das ist unsere Mutter. Denn es steht geschrieben: Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst; brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht in Wehen liegst! Denn viele Kinder wird die Vereinsamte haben, mehr als die, welche den Mann hat.“ (Galater 4,26-27)

Paulus wendet dieses Wort aus Jesaja auf die Heidenchristen in Galatien an.

Nun mag ein Dispensationalist einwenden, es handle sich bei solchen apostolischen Bibelauslegungen um göttlich inspirierte Ausnahmen, die während der apostolischen Dispensation unter der direkten Leitung des Heiligen Geistes zulässig gewesen seien, heute aber nicht mehr. So kommt ihm sein eigenes Dispensationen-Schema zu Hilfe, um dasselbe zu retten – wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog.

Paulus will aber offensichtlich seine Art der Auslegung nicht als Ausnahme verstanden wissen. In 1.Korinther 10 fasst er kurz die Wüstenwanderung Israels nach dem Auszug aus Ägypten zusammen und sagt dann in Vers 6:

„Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen … (usw.)“

Damit wird nicht eine einmalige apostolische inspirierte „Ausnahme-Auslegung“ angesprochen, sondern ein allgemeines Auslegungsprinzip: Die im Alten Testament berichteten Ereignisse sind „Vorbilder“ für die christliche Gemeinde.

In einem zweiten Teil werde ich näher auf einige Aspekte der dispensationalistischen Bibelauslegung eingehen.