Posts Tagged ‘Gebet’

Der Reformator Martin Luther – Teil 7 – Die Extremisten; Die Reformation siegt politisch

19. November 2012

Die Extremisten

Während der Abwesenheit Luthers ging die Reformation in vielen Teilen Deutschlands weiter. Aber an einigen Orten fielen ihre Leiter in Extreme. Eine Gruppe, die sich die „Zwickauer Propheten“ nannten, erklärte, da sie direkte Offenbarungen von Gott bekämen, sei die Bibel nicht mehr nötig. (Entgegen 1.Kor.14,29 und 1.Thess.5,20-21, wonach jede Prophetie oder Offenbarung geprüft werden soll.)
Unter ihrem Einfluss kam es an verschiedenen Orten zu Gewalt gegen Priester und Mönche. Es entstand eine derartige Unordnung, dass Luther sich gezwungen fühlte, unter Lebensgefahr sein Versteck zu verlassen und die Dinge in Ordnung zu bringen.
Eine „Offenbarung“ dieser Propheten besagte, das Volk solle sich in Waffen gegen die Führer der Kirche und des Staates erheben. In verschiedenen Landesteilen waren die Bauern sehr unzufrieden und dachten bereits an eine Revolution. Mit diesen „Offenbarungen“ sahen sie sich in ihrem Vorhaben bestärkt, und es brach ein zweijähriger Bürgerkrieg aus.

Durch diese Vorgänge geriet die Reformation in Verruf, obwohl Luther selbst nie von einer politischen Revolution gesprochen hatte. Doch es ist gesagt worden: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er sie in Extreme führt.“
Diese Gefahr besteht normalerweise nicht am Anfang einer Erweckung, sondern wenn sie bereits fortgeschritten ist. In dem Mass wie die Erneuerungsbewegung an Boden gewinnt, schliessen sich ihr Leute an, die nicht mehr dieselben reinen Absichten haben wie die anfänglichen Erneuerer. Das ist eine grosse Herausforderung an die Pioniere und Leiter: Einerseits müssen sie die biblische Wahrheit standhaft und radikal verkünden und gegen alle Traditionen verteidigen. Aber andererseits müssen sie jene Extreme zurückbinden, die über das Wort Gottes hinausgehen. Das ist ein Krieg zwischen zwei Fronten: die Traditionalisten auf der einen Seite und die Extremisten auf der anderen Seite.
Wenn das geschieht, wird die Erweckung manchmal auch von wohlmeinenden Beobachtern abgelehnt, wegen der Exzesse, die sie beobachten. Aber wir müssen immer unterscheiden zwischen dem eigentlichen Wesen der Erweckung, und ihren Exzessen und Extremen. Die Exzesse sind kein Grund, die ganze Erweckung als solche abzulehnen.

Die Reformation siegt politisch

Luther ging mit diesen Schwierigkeiten nicht auf die bestmögliche Weise um; er liess sich öfter zu sehr einseitigen und verletzenden Stellungnahmen hinreissen. Er erreichte aber, dass die Reformation fortschritt, bis die Mehrheit Deutschlands auf ihrer Seite stand. In der Lehre und Struktur der Kirche wurden viele Änderungen vorgenommen – eine grosse und schwierige Aufgabe. Das alles, während Luther immer noch in Acht und Bann stand, und seine Feinde versuchten, das Wormser Edikt zu erfüllen, wonach er getötet werden sollte. Ausserdem musste Luther feststellen, dass die meisten Leute trotz ihrer Sympathie für die Reformation noch keine echten Christen waren.
Der Reichstag von Speyer (1526) beschloss, das Wormser Edikt nicht anzuwenden und Luther zu schützen. Ausserdem wurde beschlossen, jeder Landesfürst sei frei, über die Konfession seines Landes zu entscheiden. Viele Länder wurden reformiert. (Man beachte aber, dass diese Freiheit nur für die Fürsten galt. Die übrige Bevölkerung musste sich dann der Entscheidung des Fürsten unterwerfen.)
Aber unter dem Einfluss der Katholiken versuchte der zweite Reichstag von Speyer (1529) die Beschlüsse von 1526 zu annullieren. Daraufhin legten die Reformierten einen formellen „Protest“ vor und erklärten, die Beschlüsse eines Reichstags könnten nur mit Einstimmigkeit aller Länder annulliert werden. Seither wurden die Reformierten auch „Protestanten“ genannt.
Während vieler Jahre breitete sich die Reformation inmitten politischer Konflikte aus. Im Schmalkaldischen Krieg (1547-1552) griff der Kaiser die reformierten Länder an; aber die Reformierten siegten, und 1555 wurden sie schliesslich vom Kaiser anerkannt.

Es mag ein schockierender Gedanke sein, eine Erweckung könne zu kirchlichen und sogar politischen Auseinandersetzungen führen. Aber die Welt (auch die Welt innerhalb der Kirche) „liegt in der Gewalt des Bösen“ (1.Joh.5,19) und hasst das Licht Jesu (Joh.3,19-20). Deshalb muss jeder, auch der Friedfertigste, der dieses Licht auf den Leuchter stellt, mit gewalttätigem Widerstand der Welt rechnen. Ausserdem wird der Feind jeder Erweckung alle möglichen Störmanöver – inbegriffen politische – durchführen. Auch diese Tatsache sollten wir im Auge behalten, wenn wir Erweckung wünschen. Eine Erweckung ist ein Einbruch der Wahrheit Gottes in diese finstere Welt und bringt deshalb notwendigerweise diese Welt durcheinander. Im Alten Testament hat Gott zweimal sein Volk Israel aus der Gewalt eines heidnischen Volkes befreit (aus Ägypten und aus Babylon), was beide Male von heftigen politischen und sogar kriegerischen Konflikten begleitet war. Im Neuen Testament lesen wir, wie mehrmals ganze Städte aufgrund der Anwesenheit des Apostels Paulus in Aufruhr gerieten.
Denken wir aber daran, dass solcher scheinbar politischer Widerstand in Wirklichkeit geistliche Hintergründe hat. Versuchen wir also nicht unsererseits mit politischen Mitteln dagegen zu kämpfen. Unsere Waffen sind geistlich.

Inmitten der ersten Auseinandersetzungen um das Überleben der Reformation „kämpfte“ Luther vor allem im Gebet. Während des Augsburger Reichstags (1530) wurde über die Anerkennung der Reformierten verhandelt. Luther selber konnte daran nicht teilnehmen, weil der Kaiser ihm nicht wohlgesinnt war und sein Leben immer noch in Gefahr war. Er blieb in einer Zufluchtsburg, wo er während der ganzen Dauer des Reichstags betete, oft mit Fasten, während die reformierten Delegierten ihm die aktuellen Nachrichten zukommen liessen.
Bei einer anderen Gelegenheit soll Luther gesagt haben: „Heute habe ich so viel Arbeit, dass ich zuerst einmal drei Stunden beten muss.“ – Freunde Luthers sagten, dass er jeden Tag drei Stunden betete. Während er sich an seine Mönchsgelübde gebunden fühlte, waren das vor allem die vorgeschriebenen liturgischen Gebete. Später begann er sich mehr und mehr Zeit zu nehmen für das persönliche Gespräch mit Gott.

Leider ist Luther nicht konsequent bei diesem „geistlichen Kampf“ geblieben, sondern hat in anderen Auseinandersetzungen selber auch zu politischen Machtmitteln gegriffen. Im Bauernkrieg z.B. begann er plötzlich aufs schärfste gegen die Bauern zu schreiben und zu ihrer Vernichtung aufzurufen. Möglich, dass es eine zu grosse Versuchung für ihn war, als die Reformation obsiegte und er plötzlich zu einem der einflussreichsten Männer Deutschlands geworden war. Möglich auch, dass sein impulsives Temperament ihn zu einem unkontrollierten Zorn hinriss, als sein Name und seine Worte für eine Sache in Anspruch genommen wurden, die er weder gewollt noch vorausgesehen hatte.
So wie – nach den Worten Tertullians – „das Blut der Märtyrer der Same der Kirche ist“, so ist allzu oft die weltliche Macht und das öffentliche Ansehen ihr Verderben gewesen. Wie schon zu Konstantins Zeiten der politische Sieg des Christentums seine geistliche Niederlage war, so wiederholte sich leider ein ähnliches Muster auch in der Reformationszeit.

Werbeanzeigen

Über die Einheit der Christen – Teil 3 – Die Einsamkeit des Christen

27. Juli 2011

Nachdem ich in der vorangehenden Folge über christliche Einheit und Gemeinschaft schrieb, ist es mir wichtig, auch die Kehrseite zu erwähnen: ein echter Christ ist oft einsam. Nicht nur in der „Welt“, sondern oft auch in den gegenwärtigen Gemeinden.

Manche grossen Männer Gottes in der Bibel wurden für längere Zeit von Gott buchstäblich in die Wüste geschickt. Abraham musste Hunderte von Kilometern durch die heutige arabische und syrische Wüste wandern, auf der Suche nach einem Land, das Gott ihm erst zu einem unbekannten Zeitpunkt unterwegs zeigen würde. Moses verbrachte vierzig Jahre damit, in der Wüste Schafe zu hüten; und dann nochmals vierzig Jahre als Führer eines halsstarrigen Volkes in derselben Wüste. Johannes der Täufer verbrachte fast sein ganzes Leben in der Wüste. Jesus selber wurde vom Heiligen Geist in die Wüste getrieben, um vierzig Tage lang zu fasten und vom Teufel versucht zu werden.

Gott benutzte verschiedene Umstände, um diese Menschen in die Wüste zu bringen. Oft war es die Flucht vor Feinden (z.B. Moses, David, Elias). Manchmal war es auch ein direkter Ruf Gottes (Abraham, Johannes der Täufer, Jesus). Andere haben sich anscheinend freiwillig zeitweise in die Wüste zurückgezogen, um Gott zu suchen (Ezechiel, Daniel, Paulus – Gal.1,15-17 – wobei bei Paulus evtl. auch der Umstand der Flucht mitspielte, Apg. 9,23-25).

Ebenso unterschiedlich war auch das Handeln Gottes an diesen Menschen in der Wüste. Für manche war es eine Zeit der Läuterung und Vorbereitung für eine zukünftige Aufgabe (Moses, David, Jesus – wobei Jesus natürlich keine Läuterung nötig hatte -, Paulus). Manche erlebten Versuchungen und harte Anfechtungen (David, Elias, Jesus). Manche hatten in der Wüste eindrückliche Begegnungen mit Gott (Moses, Elias, Ezechiel, Daniel, Johannes der Apostel auf Patmos).

Aber alle sind in ihrer Wüstenzeit von Gott bleibend verändert worden. Und noch etwas war ihnen gemeinsam: die Erfahrung grosser Einsamkeit. Sie waren von der Gesellschaft abgeschnitten – auch vom „religiösen Leben“ der Gesellschaft. Sie konnten ihre tiefsten Erfahrungen mit niemandem teilen. Selbst als sie aus der Wüste zurückkamen, blieben sie „besondere“, „abgesonderte“ Menschen, weitgehend unverstanden von ihren Mitmenschen, die keine solche Wüstenerfahrung hinter sich hatten.

Ein besonderes Beispiel gibt uns Johannes der Täufer, der „Rufer in der Wüste“: Er ging nicht zu den Menschen, um ihnen zu prophezeien. Stattdessen mussten die Menschen zu ihm in die Wüste hinausgehen, wenn sie ihm zuhören wollten oder von ihm getauft werden wollten. Damit gab er ihnen zu verstehen: Wer die Botschaft Gottes erhalten will, muss bereit sein, die Wüstenerfahrung zu teilen. Das ist etwas, was keine gelehrte theologische Schule und keine wohlorganisierte Gemeinde mit klimatisierten Räumlichkeiten vermitteln kann.

Damit kommen wir zu dem Punkt, wo das „Wüstenprinzip“ allen Nachfolgern Jesu gilt:

„Denn die Körper jener Tiere, deren Blut für die Sünde vom Hohepriester ins Heiligtum gebracht wird, werden draussen vor dem Lager verbrannt. Deshalb litt auch Jesus ausserhalb des Tors, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen. Lasst uns deshalb zu ihm hinausgehen, ausserhalb des Lagers, und seine Schmach tragen.“ (Hebräer 13,11-13)

Das „Lager“ bezieht sich hier auf das Zeltlager Israels, also auf die Gemeinschaft des Volkes Gottes; das „Tor“ auf das Stadttor Jerusalems. Es wird angenommen, der Hebräerbrief sei an die Jerusalemer Christen geschrieben, die vor der römischen Belagerung in die Wüste geflohen waren. Wahrscheinlich vermissten viele von ihnen die Annehmlichkeiten der Stadt und die grossen Versammlungen im Tempel. Aber die zitierten Verse zeigen uns, dass es zum Weg eines Nachfolgers Jesu gehört, solch angenehme Gemeinschaft hinter sich zu lassen – oft sogar die Gemeinschaft derer, die sich „Volk Gottes“ nennen und in der Vergangenheit selber einmal in die Wüste hinausgezogen waren.

– In der Folge gebe ich einige Zitate wieder, die zeigen, dass Nachfolge Jesu oft gerade nicht „fröhliche Gemeinschaft“ bedeutet; und die weiteres Licht darauf werfen, warum Nachfolger Jesu oft sogar gerade inmitten anderer Christen einsam sind.

Die Bergspitzen des Gebets
Die amerikanischen Pioniere, die nach dem Westen zogen, suchten jeweils einen hochgelegenen Aussichtspunkt, von wo aus sie das vor ihnen liegende Wegstück überblicken konnten. Die Pioniere einer Erweckung sind nicht anders. Von der Höhe ihrer gebeugten Kniee aus suchen sie den geistlichen Horizont ab, ob sie ein kleines Zeichen einer kommenden Bewegung Gottes sehen können. Sie besteigen ständig die Bergspitzen des Gebets, in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Zeichen von Erweckung zu entdecken.
…Jeder echte Erweckungspionier ist wohlbekannt mit dem Geschmack heisser Tränen und Herzeleid. Das Gebet ist für ihn nicht nur ein Mittel, neue Richtungsweisung zu erhalten; es ist auch ein übernatürlicher Weg, der Last eines gebrochenen Herzens Ausdruck zu verleihen. Der Pionier wird wiederholt gepeinigt von der zunehmenden Krise einer kraftlosen Gemeinde inmitten einer sündenkranken und verlorenen Welt. Seine Hoffnung wird verspottet und herausgefordert von einer religiösen Einöde und Tälern voll von vertrockneten Knochen. Aber seltsamerweise sind es genau diese öden und bedrohlichen geistlichen Bedingungen, die den Pionier weiter ins Gebet treiben, um neue Wege des Heiligen Geistes zu finden. Sich in einer solchen Umgebung behaglich niederzulassen, würde den Tod ihres Dienstes und ihrer Vision bedeuten. (…)

Du bist NICHT verrückt!
Hast Du Dich je über diesem göttlichen Herzeleid gefragt, ob Du dabei bist, verrückt zu werden? Viele der frühen Pioniere, die nach Westen zogen, hatten ähnliche Gefühle, als sie die Sicherheit und Bequemlichkeit ihrer Häuser verliessen. Obwohl sie ihren Besitz und ihre Nachbarn schätzten, fühlten sie dennoch, dass sie irgendwie nicht ganz hineinpassten oder dazugehörten. Sie konnten den wachsenden Hunger nach etwas anderem nicht loswerden. In ganz ähnlicher Weise gibt es heute Tausende junger Erweckungspioniere, die dieselben intensiven und oft befremdlichen Gefühle teilen. Ich spreche über etwas, was vom Heiligen Geist gewirkt ist; ein Unbehagen, das von Gott kommt, und das Dir nicht erlaubt, Dich mit weniger zufriedenzugeben als mit der wirklichen Gegenwart Jesu Christi.
Nicht an den Erweckungsprozess Gottes gewöhnt, versuchen einige Pioniere, dem Eindruck Gottes auf ihren Herzen zu entfliehen. Eins ums andere Mal bemühen sie sich, sich in die neusten Pläne und Strömungen der Gemeinde einzufügen. Aber sie finden nie Erleichterung darin. Sogar inmitten von erneuerten Gemeinschaften fühlen sie sich oft als unangepasste Aussenseiter. Während andere in der Gemeinde völlig zufrieden scheinen, kann der Erweckungspionier in genau derselben Umgebung kaum die Tränen zurückhalten, und den Hunger nach mehr. Sind Dir diese befremdlichen und unbequemen Gefühle bekannt? Ist Dein hungriges Herz verwirrt darüber, wo Du hineinpasst im Haus Gottes? – Vielleicht hat Gott dir nicht erlaubt, „hineinzupassen“!
Oft findet die prophetische Botschaft des Pioniers kein Gehör, solange Gott nicht ein frisches Werk tut. Deshalb sollten junge Pioniere nicht überrascht sein, wenn sie angeklagt werden, zu idealistisch und unpraktisch zu sein. Solche Kritik und Unverständnis sind oft ein Teil von Gottes Trainingsprozess. … Obwohl er oft gemieden und sogar heftig abgelehnt wird, lernt der echte Pionier durch Versuch und Irrtum, es in Sanftmut und Geduld zu ertragen. Trotzdem sollte sich jeder Pastor und geistliche Leiter davor hüten, allzuschnell den aufrichtigen Eifer eines jungen Pioniers als den kritischen Geist eines unreifen Rebellen abzutun.“
(David Smithers, „The New Pioneers of Revival“, http://www.watchword.org. – Diese Seite ist eine wahre Fundgrube an Artikeln von und über Erweckung, leider alle auf Englisch.)

Der Heilige muss den Weg allein gehen
Die meisten grossen Seelen der Welt waren einsam. Einsamkeit scheint ein Preis zu sein, den der Heilige für seine Heiligkeit bezahlen muss.
… Die vorchristlichen Propheten waren unter sich sehr verschieden, aber sie hatten eines gemeinsam: ihre Einsamkeit. Sie liebten ihr Volk und ehrten die Religion ihrer Väter, aber ihre Loyalität zu Gott und ihr Eifer um das Wohlergehen ihrer Nation Israel entfremdeten sie den Massen. „Ich wurde meinen Geschwistern ein Fremder, und den Kindern meiner Mutter ein Unbekannter“, rief einer von ihnen aus und sprach für alle anderen mit.
…Jesus starb allein in der Dunkelheit, verborgen vor den Blicken der Menschen; und niemand sah ihn, als er siegreich auferstand und aus dem Grab kam.
…Manchmal reagieren wir aus einem religiösen Reflex heraus und wiederholen pflichtbewusst die „richtigen“ Worte, obwohl sie weder unsere wirklichen Gefühle wiedergeben noch durch unsere persönliche Erfahrung abgedeckt sind. Jemand mag z.B. heiter sagen: „Oh, ich bin nie einsam. Jesus hat gesagt, dass er immer bei mir ist.“
Dieses Zeugnis, das die meisten Christen auf Lager haben, ist zu nett, um wahr zu sein. Es drückt aus, was der Sprecher denkt, es sollte wahr sein; nicht was er durch Erfahrung als wahr erkannt hat. Dieses heitere Verneinen der Einsamkeit beweist nur, dass der Sprecher nie den Weg mit Gott gegangen ist, ohne die mutmachende Unterstützung der Gesellschaft. Das Gefühl der Gemeinschaft, das er irrtümlich der Gegenwart Christi zuschreibt, kommt wahrscheinlich von der Gegenwart freundlicher Menschen. Erinnere dich daran: du kannst kein Kreuz in Gemeinschaft tragen. Auch wenn jemand von einer grossen Menschenmenge umgeben ist: sein Kreuz ist allein seines, und die Tatsache, dass er es trägt, sondert ihn ab. Die Gesellschaft hat sich gegen ihn gewandt; sonst hätte er kein Kreuz. Niemand ist ein Freund des Mannes mit dem Kreuz. „Sie verliessen ihn alle und flohen.“
Der Schmerz der Einsamkeit kommt aus unserer Natur. Gott hat uns füreinander gemacht. Der Wunsch nach menschlicher Gemeinschaft ist natürlich und recht. Die Einsamkeit des Christen kommt von seinem Weg mit Gott in einer ungöttlichen Welt. Dieser Weg sondert ihn oft ab, nicht nur von der unbekehrten Welt, sondern oft auch von der Gemeinschaft guter Christen. Sein Inneres schreit nach Gemeinschaft mit anderen seiner Art, mit anderen, die seine Sehnsucht verstehen, seine Wünsche, sein Aufgehen in der Liebe Christi. Da es in seinem Freundeskreis so wenige gibt, die innere Erfahrungen teilen, sieht er sich gezwungen, seinen Weg allein zu gehen.
…Der Mensch, der die Gegenwart Gottes tatsächlich erfahren hat, wird nicht viele finden, die ihn verstehen. Er wird natürlich gewisse soziale Gemeinschaft finden im Umgang mit religiösen Menschen in den Aktivitäten der Gemeinde; aber echte geistliche Gemeinschaft wird schwer zu finden sein. Er sollte nichts anderes erwarten. Schliesslich ist er ein Fremdling und Pilger… Er hat einen anderen Geist als die Volksmengen, die die Vorhöfe des Hauses des Herrn zertreten. Er hat gesehen, was sie nur vom Hörensagen kennen; und er geht unter ihnen umher ähnlich wie Zacharias, als er vom Altar zurückkehrte und die Leute tuschelten: „Er hat eine Vision gesehen.“
…Es ist gerade diese Einsamkeit, die ihn auf Gott zurückwirft. „Wenn auch Vater und Mutter mich verlassen, der Herr nimmt mich auf.“ Da er keine menschliche Gemeinschaft finden kann, sucht er in Gott, was er nirgendwo sonst finden kann. Er lernt in innerer Einsamkeit, was er in der Menge nicht hätte lernen können: dass Christus alles in allem ist; dass er uns zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht wurde, dass wir in ihm das höchste Gut des Lebens haben.“
(Aus A.W.Tozer, „The Dwelling Place of God“)

„Wenn es zwischen denen, die sich als Christen bezeichnen, an brüderlicher Liebe und christlichem Vertrauen mangelt, dann ist eine Erweckung nötig. Wenn Christen in einen niedrigen und abgefallenen Zustand gesunken sind, dann haben sie nicht dieselbe Liebe und nicht dasselbe Vertrauen zueinander, und können sie gar nicht haben, als wenn sie alle lebendig wären und heilige Leben lebten.
Gott liebt alle Menschen mit einer Liebe des Wohlwollens; aber die Liebe des Wohlgefallens fühlt er nur gegenüber denjenigen, die heilig leben. Christen können einander mit der Liebe des Wohlgefallens nur soweit lieben, wie sie heilig sind. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Abbild Christi in seinem Volk ist, dann kann diese Liebe nur da ausgeübt werden, wo dieses Abbild tatsächlich existiert. Eine Person muss das Abbild Christi widerspiegeln, und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen diese Person mit der Liebe des Wohlgefallens lieben können. Es ist vergeblich, Christen dazu aufzurufen, einander mit der Liebe des Wohlgefallens als Christen zu lieben, wenn sie in Stumpfheit abgesunken sind. Sie sehen aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen könnte. Es ist (in diesem Zustand) nahezu unmöglich, füreinander etwas anderes zu fühlen als für die Sünder. Lediglich zu wissen, dass sie zur Gemeinde gehören, oder einander gelegentlich am Abendmahlstisch zu sehen, wird keine christliche Liebe hervorbringen; ausser sie können ineinander das Abbild Christi sehen.“
(Aus Charles Finney, „Revival Lectures“, 2.Kapitel)

Nicht ganz weihnächtliche Grüsse…

26. Dezember 2010

Nein, ich konnte dieses Jahr keine Weihnachtsgrüsse versenden. In anderen Jahren habe ich das manchmal getan. Nicht, weil ich wirklich daran glaubte, Weihnachten sei ein echt christliches Fest; aber weil es eine Zeit des Jahres ist, in der einige Menschen immerhin etwas sensibler werden für die Person Jesu.

Doch dieses Jahr hatte ich einfach keine „guten Nachrichten“ zu versenden. Stattdessen ist mein Herz schwer von traurigen Nachrichten und traurigen Zuständen, sowohl in nächster Nähe wie auch weit weg. Zwei der „Nachrichten“, die mich besonders beschäftigen, stehen in den beiden Artikeln, die ich ebenfalls heute veröffentlicht habe. Sie sprechen Dinge an, bei denen man lieber wegsehen und weghören möchte. (Deshalb veröffentliche ich sie erst nach Weihnachten, um den Lesern die Freude am guten Weihnachtsessen nicht zu verderben…) Aber gerade diese Dinge müssen gehört werden, wenn wir Teil dessen sein möchten, was Gott heute tut.

Massaker an Unschuldigen: Das Christentum im Irak ist vom Aussterben bedroht

Wie gross ist diese Finsternis!

Die beiden Artikel, obwohl aus ganz unterschiedlichen Weltecken und Hintergründen, haben einen traurigen inneren Zusammenhang: Im Osten arbeitet die extrem-islamische Verfolgung gezielt und grausam auf die Ausrottung des Christentums hin. Im Westen erreichen die offiziellen Kirchen mit ganz anderen, aber ebenso wirksamen Mitteln dasselbe.

Ist das wirklich die Zeit, einander Weihnachtsgrüsse zu schicken, jene zu beschenken, die einen wiederum beschenken, und jene einzuladen, die einen wiederum einladen? Ist das nicht viel eher die Zeit, in Sack und Asche zu gehen, und einen dringenden Hilfeschrei zum Himmel zu erheben? Wie seinerzeit Jesaja ausrief:

„Blicke herab vom Himmel und schaue hernieder von deiner heiligen, herrlichen Wohnstatt! Wo ist dein Eifer und deine Stärke? das Wallen deiner Liebe und deines Erbarmens? Halte dich doch nicht zurück, denn du bist unser Vater! (…) Warum lässest du uns, o Herr, abirren von deinen Wegen? verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten? Kehre wieder um deiner Knechte, um der Stämme willen, die dein eigen sind.
Warum schreiten die Gottlosen durch deinen Tempel, zertreten unsere Feinde dein Heiligtum? Warum sind wir geworden wie solche, die du nie beherrscht hast, die nicht nach deinem Namen benannt sind?
O dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass vor dir die Berge erbebten, gleichwie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer Wasser ins Wallen bringt, damit dein Name deinen Feinden kundwürde und vor dir die Völker erzitterten, indem du furchtbare Dinge tätest, die wir nicht erhofften, wie man sie von Urzeit an nie vernommen! …“
(Jesaja 63,15-64,4 … usw, die ganze Fortsetzung von Kap.64)

Ein Wort zur Wirtschaftskrise

3. Juli 2009

(Gefunden im Internet, Quelle s.u.)

Im September 1857 verteilte ein junger Geschäftsmann namens Jeremiah Lamphier in Manhattan ein Traktat mit dem Titel: „Wie oft soll ich beten?“, mit dem er Geschäftleute zu einem wöchentlichen Gebetstreffen einlud. Zum ersten Treffen kamen nur sechs Personen, aber nach drei Wochen waren es über hundert.
Am 14. Oktober 1857 brach das gesamte Bankensystem der Vereinigten Staaten zusammen. Viele Unternehmen gingen bankrott, und Hunderttausende waren finanziell ruiniert. Die Banken in New York blieben während zwei Monaten geschlossen. Während sich die Krise verschärfte, gab es Aufruhr in den grösseren Städten.
Auf dem Höhepunkt der Krise veröffentlichte die Synode der New Yorker Presbyterianischen Kirche folgende Erklärung:

„Hinsichtlich der kürzlichen wirtschaftlichen Katastrophe, die Synode von New York, tief beeindruckt von der Tatsache, dass der Herr einen Streit mit Seinem Volk hat, und dass es uns obliegt, uns unter Seine Hand zu demütigen, empfehlen wir ernsthaft allen unseren Kirchen, den 5.November zu reservieren als einen Tag besonderer Demütigung und Gebet zu Gott dem Allmächtigen, dass er Mitleid mit uns haben möge.“

Es war die allgemeine Ansicht der Christen jener Tage, dass Gott „einen Streit mit Seinem Volk hatte“, und dass Er durch diese Krise die Aufmerksamkeit des Volkes auf Sein Reich richten wollte. Sie antworteten mit Gebet und Fasten (Demütigung). Gott hatte tatsächlich Mitleid, und das Ergebnis war die grosse Gebets-Erweckung von 1858. Tausende von Geschäftsleuten trafen sich täglich zum Gebet, und Hunderttausende bekehrten sich.

Die Antwort auf eine Krise offenbart den Charakter und die Prioritäten, sowohl der Einzelpersonen als auch der Nation. Es geht nie ums Geld. Es geht immer ums Herz. Auf persönlicher Ebene offenbaren finanzielle Krisen, wie tief der Geist Mammons in unseren Herzen verwurzelt ist.

Es gibt einen grossen Kontrast zwischen der Antwort der Kirche auf die Krise von 1857, und die anscheinende Nicht-Antwort der Kirche auf die Krise von 2008. Die Kirche von 1857 antwortete mit Umkehr und einer Suche nach den persönlichen und geistlichen Wurzeln des Problems: „Herr, was ist falsch mit uns? Was immer es ist, wir wollen Busse tun.“ Die Kirche von 2008 scheint zu sagen: „Herr, wie konntest Du das zulassen, und warum tut die Regierung nichts dagegen?“ Die Kirche von 1857 erkannte, dass Gott „einen Streit mit Seinem Volk“ hatte. Die Kirche von 2008 sieht nur den Streit zwischen der Regierung und Wall Street.

Die Kirche von 1857 hatte recht. Gott ruft Sein Volk zurück zu persönlicher Heiligkeit und Gottesfurcht. Er möchte ein heiliges, bussfertiges und Ihm nahes Volk, nicht ein stolzes, reiches und selbstgefälliges. Um dies zu erreichen, geht Er offenbar so weit, die „Eiterbeule“ des falschen Wohlstands aufzuschneiden. Wir sollten darauf antworten wie die Kirche von 1857.

Heute wird dies aber kaum auf der Ebene irgendeiner institutionellen Kirche geschehen. Fangen wir in unseren eigenen Häusern damit an.

(Von R.Maurice Smith, www.parousianetwork.org)