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Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.