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Die Gemeinde in der Offenbarung: Das Volk Gottes bereitet sich auf die Verfolgung vor

19. Mai 2020

Im 12.Kapitel der Offenbarung sagt „eine laute Stimme im Himmel“:

„…denn hinausgeworfen wurde der Ankläger unserer Geschwister, der sie vor unserem Gott Tag und Nacht anklagt. Und sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes, und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod.“ (Offenbarung 12,10-11)

Hier haben wir sehr kurz zusammengefasst die siegreichen „Waffen“ des Volkes Gottes. Wir haben keine Verheissung, diesen Krieg physisch zu gewinnen. Im Gegenteil, wir haben gesehen, dass das „Tier“ die Heiligen im Krieg besiegt (13,7). Das ist eine höchst unbequeme Prophetie. Beschützt denn Gott die Seinen nicht? Warum lässt er es zu, dass sein Volk zerstört wird?
Solche Fragen kommen jedesmal auf, wenn wir von Glaubensgeschwistern hören, die Verfolgung, Folter und sogar den Tod erleiden. Ich kann darauf nur eine Antwort finden, und diese ist weder einfach noch beruhigend: Die Gemeinde folgt Jesus nach, indem sie sein Kreuz trägt (Matthäus 16,24-25). Deshalb muss es so sein, dass ein Teil der Gemeinde – vielleicht ein bedeutender Teil der Gemeinde – dem Beispiel des Herrn in seinem Tod folgt.

Und dennoch heisst es in den oben zitierten Versen, dass die Gemeinde siegt. Nicht physisch, aber geistlich.Sie siegt durch das Blut des Lammes. Das bedeutet zuerst, dass die Nachfolger Jesu von jeder Anklage befreit sind. Der Kampf ist in erster Linie geistlich: Die Anklagen des Feindes können, wenn sie wahr sind, die ewige Verdammnis des Angeklagten bewirken. Aber wenn es sich um Nachfolger Jesu handelt, dann „reinigt uns das Blut Jesu von aller Sünde“ (1.Johannes 1,7).
Der Feind wird auch viele Stimmen dieser Welt benutzen, um uns anzuklagen: Wir handelten gegen die Gebräuche einer Welt, die Gott ablehnt; wir seien nicht „politisch korrekt“; wir würden uns nicht der organisierten Religion unterstellen. (Das ist nichts Neues. Im Römischen Reich wurden die Christen des Atheismus beschuldigt, weil sie weder Tempel bauten, noch Opfer darbrachten, noch Statuen verehrten.) Aber das vergossene Blut Jesu anulliert die Anklagen.
Ausserdem ist das Blut des Lammes unser Vorbild für den Fall, dass es uns bestimmt ist, seinem Weg zu folgen. „Lasst uns auf Jesus schauen, den Urheber und Vollender des Glaubens. Um der vor ihm liegenden Freude willen ertrug er das Kreuz, achtete die Schande gering, und erhielt den Ehrenplatz zur Rechten des Thrones Gottes. Seht auf den, der solchen Widerspruch der Sünder gegen ihn ertrug, damit ihr nicht erschöpft werdet und in euren Seelen ermüdet.“ (Hebräer 12,2-3) Im eigenen Leiden identifizieren wir uns am meisten mit dem, was er erlitten hat. Und er, der bereits überwunden hat, steht an unserer Seite, um uns zu stärken.

Die Nachfolger Jesu siegen auch durch das Wort ihres Zeugnisses. „Jeden, der mich vor den Menschen bekennt, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Aber jeden, der mich vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Matthäus 10,32-33) Das ist ein kritischer Punkt, wenn Jesus zu bekennen Leiden und sogar den Tod bedeuten kann. Warum bekennen die Nachfolger Jesu ihn auch in einer solchen Extremsituation? – Weil es ihnen wichtiger ist, zu Jesus zu gehören und die Ewigkeit mit ihm zu verbringen. Das ist wichtiger als das ganze Leben auf dieser Erde. Deshalb ist ihr Zeugnis ihr Sieg: Es beweist, dass sie zu Jesus gehören, und dass sie ihn mehr lieben als ihr eigenes Leben.

Die Nachfolger Jesu in der Endzeit siegen durch ihre Hingabe bis zum Tod. Darin gleichen sie den Christen der ersten Jahrhunderte. Sie sind keine „siegreiche“ Gemeinde in dem Sinne, dass sie in der Gesellschaft und Politik Einfluss hätten; auch nicht in dem Sinne, dass sie sehr zahlreich wären. Im Gegenteil: Sie sind siegreich, weil sie wissen, dass sie nichts von dem nötig haben. Sie lassen sich nicht von den Zeitströmungen beeinflussen; sie lassen sich nicht von den Mächtigen dieser Welt verführen. Die wahre Gemeinde besteht aus den Nachfolgern dessen, der sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18,36) Sie widersteht deshalb den Versuchungen, schon jetzt in dieser Welt ein angebliches „Reich Gottes“ errichten zu wollen. Ihr Sieg ist das Blut Jesu, der sich selber für uns dahingegeben hat; und das befähigt seine Nachfolger, auch ihr Leben dahinzugeben. Wie Tertullian sagte, ein christlicher Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Gemeinde.“ Je heftiger die Christen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus. Oft bekehrten sich sogar einige der Verfolger selber zu Christus, unter dem Eindruck des Beispiels der Märtyrer.

Johannes selber litt unter der Verfolgung, als ihm auf Patmos der Herr erschien. Er erhielt die Offenbarung, um die Gemeinde auf Verfolgungen vorzubereiten und sie darin zu stärken. Die Nachfolger Jesu müssen den Gebrauch ihrer geistlichen Waffen schon in Friedenszeiten üben. Sie müssen von Anfang an lernen, auf das Blut des Lammes zu vertrauen; Jesus zu bezeugen, gerade wenn die Welt sich über ihren so andersartigen Lebensstil verwundert und ärgert; und nicht „ihr Leben zu lieben“ und die Bequemlichkeiten und den Beifall dieser Welt.

Später, wo die Offenbarung von den Verfolgungszeiten spricht, wird zweimal der Glaube und die Ausdauer betont:

„Hier ist die Ausdauer und der Glaube der Heiligen.“ (Offenbarung 13,10)

„Hier ist die Ausdauer der Heiligen, die die Gebote Gottes bewahren und den Glauben Jesu.“ (Offenbarung 14:12)

Können wir in widrigen Situationen ausharren? Können wir „mit Ausdauer den Wettkampf laufen, den wir vor uns haben (…), unseren Blick auf Jesus gerichtet“ (Hebräer 12,1-2)? Ermutigen wir einander zur Ausdauer? Ausdauer ist nötig, weil die Trübsal lange dauern kann.
Und da ist auch der Glaube, das Vertrauen auf Gott. Das ist nicht ein Glaube, dass Gott etwas Bestimmtes tun wird, was wir wünschen. Es ist nicht ein Glaube, „dass die Trübsal aufhören wird“. (Die Gläubigen in der Sowjetunion sind siebzig Jahre durch Trübsal gegangen!) Vielmehr ist es der Glaube, dass Gottes Pläne sich erfüllen, auch inmitten der Trübsal; und dass seine Pläne die besten sind, auch wenn wir sie nicht verstehen. Der Glaube, dass „denen, die Gott lieben, alles zum Guten mitwirkt“ (Römer 8,28). Alles, auch die Trübsal und die Verfolgung. Das ist der Glaube, der Ausdauer bewirkt. Wie Bruder Yun sinngemäss sagte, ein chinesischer Christ, der viel Verfolgung erlitt: „Wenn ihr für uns betet, dann betet nicht, dass die Unterdrückung aufhöre. Betet, dass Gott uns stärkere Schultern gebe, damit wir mehr ertragen können.“ Und Richard Wurmbrand, der wegen seines Glaubens vierzehn Jahre Gefängnis und Folter in Rumänien erlitt, sagte: „Es ist notwendig, sich jetzt auf das Leiden vorzubereiten. Es ist zu schwierig, sich darauf vorbereiten, wenn Sie bereits ins Gefängnis geworfen wurden. (…) Als ich mich bekehrte, wurde ich bewusst ein Teil eines geschlagenen Leibes, eines verhöhnten Leibes, eines Leibes, auf dem herumgehackt wird, der mit einer Dornenkrone gekrönt ist und durch dessen Hände und Füsse Nägel getrieben sind. Ich akzeptierte dies als mein mögliches zukünftiges Schicksal.“

Die Gemeinde in der Trübsal

17. Mai 2020

Die Zeit, die in Offenbarung 6 bis 19 beschrieben wird, wird oft „die Trübsal“ oder „die grosse Trübsal“ genannt. Ich werde deshalb auch ab und zu diesen Begriff verwenden, obwohl er mir nicht ganz zutreffend erscheint.
Manche Evangelikale, besonders aus dispensationalistischem Hintergrund, werden sagen, der Titel dieser Betrachtung habe keinen Sinn, die Gemeinde müsse nicht durch die Trübsal gehen, weil sie vorher entrückt werde. Auf diesen Fragenkomplex bin ich in einer Artikelserie über den Dispensationalismus bereits eingegangen.

In Offenbarung 4,1 sagt Jesus zu Johannes: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss.“ Einige dispensationalistische Ausleger sagen, hier sei die Entrückung beschrieben, und von diesem Moment an befände sich die Gemeinde nicht mehr auf der Erde. Aber damit wird etwas in den Text hineingelegt, was nicht dasteht. Jesus spricht hier nicht zur Gemeinde, sondern zu Johannes persönlich. Und nicht, um ihn von der Erde wegzunehmen, sondern um ihm die Fortsetzung der Vision zu zeigen. Die folgenden Kapitel sprechen sehr wohl von der Gemeinde auf der Erde. Auch wenn das Wort „Gemeinde“ nicht ausdrücklich vorkommt. Aber Ausdrücke wie „die Heiligen“ oder „das Volk Gottes“ sind gleichbedeutend mit „Gemeinde“.

In 6,9 sieht Johannes „die Seelen derer, die um des Wortes Gottes willen getötet worden waren …“ Gott lässt ihnen sagen, „dass sie noch eine kurze Zeit ausruhen sollen, bis auch ihre Mitknechte und Geschwister vervollständigt würden, die auch getötet werden sollen wie sie“ (6,11). Die „Knechte“ Gottes sind also noch auf der Erde, und auch wenn uns der Gedanke daran unangenehm ist: viele von ihnen werden Verfolgung und den Märtyrertod erleiden.

In 9:4 befiehlt der Herr den Heuschrecken: „dass sie weder das Gras der Erde noch irgendetwas Grünes noch irgendeinen Baum schädigen sollen, sondern nur die Menschen, die nicht das Siegel Gottes auf ihren Stirnen haben.“ Diese Ausdrucksweise impliziert, dass es auf der Erde auch Menschen gibt, die das Siegel Gottes haben (7,2-5), also echte Diener Gottes.

Eine ähnliche Stelle ist 16,2: „…und es kam ein bösartiges Geschwür über die Menschen, die das Zeichen des Tiers hatten, und die sein Bild anbeteten.“ Wiederum wird hier vorausgesetzt, dass es auch Menschen auf der Erde gibt, die das Zeichen des Tiers nicht haben, die also dem Herrn nachfolgen.

Über das „Tier“ heisst es in 13,7: „Und es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen gegen die Heiligen und sie zu besiegen …“ Die „Heiligen“ sind die echten Christen. Sie sind noch auf der Erde.

In 18,4 ruft eine Stimme vom Himmel: „Geht hinaus aus ihr (aus Babylon), mein Vok, damit ihr nicht an ihren Sünden teilnehmt, und nicht ihre Plagen erleidet!“ – Wiederum ein Ruf an das Volk Gottes auf der Erde.

Wir sollten also aufmerksam zur Kenntnis nehmen, was der Herr seinem Volk auf der Erde sagt für die Zeiten, die in der Offenbarung beschrieben sind. In der nächsten Betrachtung werden wir mit diesem Thema weiterfahren.

Die Gemeinde in der Johannesoffenbarung: Die himmlische Perspektive

13. Mai 2020

Im Buch der Offenbarung wechselt die Perspektive ständig zwischen der Erde und dem Himmel. Die Kapitel 4, 5, 7, 10, 14, 15, 21 und 22 beschreiben fast ausschliesslich, was in der Umgebung des Thrones Gottes geschieht. Diese Perspektive ist unerlässlich, um die Offenbarung zu verstehen: Das Schwergewicht liegt nicht auf den irdischen Begebenheiten. Viele schreckliche Dinge geschehen auf dieser Erde, und werden weiterhin geschehen. Wir könnten entmutigt werden und vor Angst vergehen, wenn wir nur diese Seite sähen. Aber die Offenbarung Gottes zeigt uns, dass die irdischen Geschehnisse nicht die letzte Wirklichkeit sind. Gott ist souverän. Er sitzt auf dem Thron und hat alles unter Kontrolle. Gott ist es, der die Weltgeschichte bis zu ihrem Ende lenkt. Eine Schlüsselstelle in der Offenbarung ist das „Lied der Überwinder“:

„Gross und staunenswert sind deine Taten, Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Nationen!
Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen?
Denn du allein bist heilig,
denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten,
denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“
(Offenbarung 15,3-4)

Gott ist allmächtig, heilig und gerecht. Er führt seine gerechten Gerichte aus, und nichts und niemand kann ihn daran hindern. Das ist eine ermutigende und tröstliche Botschaft für alle, die auf der Seite Gottes stehen; aber sie ist Grund zur Furcht für jene, die sich ihm widersetzen.

Gott hat niemandes Hilfe nötig, um seine Gerichte auf der Erde auszuführen. Er ist souverän und richtet mit seiner eigenen Macht. Und wo er Menschen als Werkzeuge des Gerichts braucht, da tut er es auf solche Weise, dass diese Werkzeuge sich dessen nicht einmal bewusst sind. So machte er es zur Zeit des Alten Testaments mit den Königen von Assyrien und Babylonien.

Deshalb rufen uns die Prophetien der Offenbarung zuallererst dazu auf, Gott anzubeten und seine Souveränität anzuerkennen. „Fürchtet Gott und gebt ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet den an, der den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserquellen gemacht hat!“ (14,7) In der Tat sind die Kapitel, die Szenen im Himmel beschreiben, voll von Anbetung.

Gott möchte, dass wir von Anfang an diese Perspektive einnehmen. Deshalb beginnt die Vision nicht mit Zukunftsprophetien. Sie beginnt mit einer Vision von Jesus selber in seiner himmlischen Herrlichkeit und Macht:

„…Sein Haupt und seine Haare waren weiss wie weisse Wolle, wie Schnee; und seine Augen wie eine Feuerflamme; und seine Füsse wie Erz, glühend in einem Ofen; und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser; und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne; und aus seinem Mund ging ein scharfes zweischneidiges Schwert hervor; und sein Gesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Macht.“ (1,14-16)

Das erste, was das Volk Gottes in dieser Endzeit nötig hat, ist die Majestät Jesu zu erkennen und anzuerkennen. Die Vision war so eindrücklich und machtvoll, dass Johannes „wie tot zu seinen Füssen fiel“. Dieser Zerbruch angesichts der Majestät des Herrn war nötig, damit Johannes seine Worte empfangen konnte. Und auch wir haben das nötig, um sein Wort verstehen zu können. – Dieses Thema wird in den Kapiteln 4 und 5 fortgesetzt, wo Johannes den Thron Gottes sehen darf, und an der Anbetung der Millionen von Engeln teilnehmen darf, die den Thron umgeben.

Ein anderer wichtiger Aspekt für das Volk Gottes in der Endzeit sind „die Gebete der Heiligen“. (Erinnern wir uns, dass alle echten, wiedergeborenen Christen Heilige sind.) Diese Gebete gelangen wie ein Weihrauchopfer vor Jesus und den Thron Gottes (5,8). Später heisst es: „Es war still im Himmel etwa eine halbe Stunde lang“ (8,1). Diese Stille geht zu Ende, als ein Engel ein Weihrauchgefäss mit den Gebeten der Heiligen herbeibringt. Dann wird das Weihrauchgefäss auf die Erde geschleudert, und damit gehen die Gerichte Gottes weiter (8,3-5). Das Gebet ist also das einzige Mittel, mit dem das Volk Gottes aktiv an der Erfüllung von Gottes Gerichten auf der Erde teilnimmt: Nachdem die Gebete der Heiligen vor den Thron Gottes kommen, können die Gerichte weitergehen.

Die neutestamentliche Gemeinde in den Sendschreiben der Offenbarung – Teil 2

7. Mai 2020

In der vorhergehenden Betrachtung haben wir die ersten drei Sendschreiben untersucht. Wir haben auf die zentrale Botschaft aller sieben Sendschreiben hingewiesen: „Kehre um zu dem, was am Anfang war!“ Das ist auch die prophetische Botschaft Gottes an die heutige Gemeinde. Behalten wir diesem Aspekt im Sinn, während wir die anderen vier Sendschreiben betrachten.

Thyatira: Liebe ohne Unterscheidungsvermögen

Die Gemeinde von Thyatira war bekannt für ihre „Werke, Liebe, Glaube, Dienst, und Ausdauer“ (2,19). Offenbar betonte diese Gemeinde die Nächstenliebe und gegenseitige Hilfe, und Jesus lobt sie dafür. Aber im Vergleich zu Ephesus fiel die Gemeinde von Thyatira in den entgegengesetzten Fehler: Um der Liebe willen hörte sie auf, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen. Deshalb wurde ihre Liebe pervertiert:

„Liebe“ als sexuelle Unmoral. „…sie verführt meine Diener und lehrt sie, Unzucht zu treiben …“ (2,20) Einige von ihnen verwechselten offenbar „Liebe“ mit ausserehelichen sexuellen Beziehungen, und „lehrten“ das sogar.

„Liebe“ als Toleranz gegenüber der Sünde. „Aber ich habe gegen dich, dass du diese Frau Jesabel [gewähren] lässt, die sich eine Prophetin nennt, und meine Diener lehrt…“ (2,20) Auch jene, die die genannten Sünden nicht selber begingen, tolerierten sie innerhalb der Gemeinde. Das Wort „lassen“ ist dasselbe, das auch mit „vergeben“ übersetzt wird. Aufgrund einer falsch verstandenen Liebe „vergaben“ die Christen von Thyatira einer falschen Prophetin, unmoralischen Frau und Sünderin, obwohl sie selber keine Anzeichen einer Umkehr zeigte (2,21).

All das ist hochaktuell. Viele heutige Gemeinden sind voll von Sünde, Unmoral, und falschen Lehren; und zudem wird gesagt: „Wir müssen Liebe üben und vergeben.“ Jesus verurteilt eine solche Haltung und zeigt, dass er gerecht richtet (2,22-23). Die Vergebung ist nur für jene, die umkehren, und wahre Liebe schliesst Unterscheidungsvermögen nicht aus.

Sardes: Die Namenschristen

Die Gemeinde von Sardes hat den „Namen“ (bzw. den Ruf) einer lebendigen Gemeinde. Es wird uns nicht gesagt, worauf dieser gute Ruf beruht. Aus dem Zusammenhang können wir aber annehmen, dass es sich um Dinge des äusseren Anscheins handelt, wie sie auch heute an manchen Kirchen bewundert werden: eine grosse Mitgliederzahl, ein wortgewandter Prediger, mitreissende Musik, beeindruckende soziale Hilfsprogramme, u.ä. Jesus sagt, dass in seinen Augen nichts dergleichen einen guten Ruf begründet: „…aber du bist tot. … denn ich habe deine Werke nicht vollständig gefunden vor Gott.“ (3,1-2)

Das geistliche Leben misst sich nicht nach dem äusseren Anschein. Vers 4 sagt, dass einige wenige in Sardes „ihre Kleider nicht befleckt haben“. Das grösste Problem in Sardes war also wahrscheinlich die verborgene Sünde, die ein Betrachter von aussen nicht wahrnahm. Aber Gott konnte sehen, dass ihre „Kleider befleckt“ waren. Vers 3 zeigt zudem, dass sie vergessen oder venachlässigt hatten, „was du empfangen und gehört hast“. Sie konnten das Problem an ihrer Situation nicht erkennen, weil sie sich nur nach dem äusseren Anschein beurteilten, aber nicht nach dem Wort Gottes, das sie am Anfang empfangen hatten.

Von dieser Art Kirchen gibt es jede Menge. Kirchen, die hauptsächlich einen guten Eindruck machen wollen, Mitglieder gewinnen und bekannt sein wollen. Sie können sich nicht vorstellen, dass etwas daran falsch sein sollte, denn „wir wachsen ja, wir sind beliebt, es geht uns finanziell gut …“ Wenn jemand ihnen erklären will, dass die Urgemeinde anders war, oder wenn jemand mit ihnen über die Wiedergeburt, Reinheit und Heiligkeit sprechen möchte, dann sagen sie: „Aber das sind veraltete Ideen, die Kirche hat sich seither weiterentwickelt, wir befinden uns jetzt auf einer höheren Stufe als jene primitiven Christen.“ Sie sind nur Namenschristen; sie glauben Christen zu sein, weil sie nach aussen hin gut aussehen; aber sie messen sich nicht am Wort Gottes.
Gott beurteilt diese Kirche strenger als jede andere: „Du bist tot!“ Die meisten ihrer Mitglieder haben nicht einmal geistliches Leben; sie haben nie wirklich den Herrn kennengelernt; sie sind nicht wiedergeboren. Sie haben gelernt, sich einen Anschein von Christlichkeit zu geben, aber ihr Herz wird weiterhin von der Sünde beherrscht. Nur „einige wenige“ sind würdig, an der Seite Gottes zu gehen (3,4).

Die Kirche von Sardes hat wenig Hoffnung auf Wiederherstellung. Nur ein winziger Teil von ihr ist überhaupt noch am Leben; und dieser kleine Teil ist ebenfalls „am Sterben“ (V.2). Wenn eine solche Kirche auf ihrem Weg weitergeht, dann stirbt sie nicht nur geistlich: sie wird zu „Babylon“.
Aber der Herr ruft immer noch zur Umkehr. Eine radikale und tiefgreifende Umkehr, und eine entschiedene Rückkehr zu dem, „was du empfangen und gehört hast“, könnte diese Gemeinde noch retten. Aber sie müsste auf alles verzichten, worauf sie so stolz ist: ihr guter Ruf, ihre farbenfrohen „Gottesdienste“, ihre „Shows“, und alle ihre Versuche, einen guten äusseren Anschein zu erwecken. Sie müsste ihre äusserlichen Veranstaltungen aufgeben, die keine geistliche Substanz haben, und sich stattdessen einer radikalen innerlichen Herzensreinigung unterziehen.

Philadelphia: Wenn ich schwach bin, bin ich stark

Die Gemeinde von Philadelphia war das Gegenteil von Sardes. Sie hatte „geringe Kraft“ (3,8), sie konnte nicht viele äusserliche Erfolge vorweisen, und so erfreute sie sich wahrscheinlich auch nicht des guten Rufes einer Gemeinde wie Sardes.

Aber diese Gemeinde hielt treu am Wort des Herrn fest: „Du hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. (…) Denn du hast das Wort meiner Ausdauer bewahrt …“ (3,8.10) Diese Gemeinde folgte nicht den Zeitströmungen, und gab auch dem Druck und der Verfolgung nicht nach. Deshalb verspricht ihr der Herr „eine offene Tür, die niemand schliessen kann“ (3,8). Das kann im Hinblick auf die Ewigkeit verstanden werden, als die Tür zum Himmelreich (Matth.7,13, 25,10). Aber es kann auch als Gelegenheit zu wirksamer Verkündigung des Evangeliums verstanden werden, wie Paulus diesen Ausdruck ab und zu gebraucht.

In diesem Zusammenhang gibt Gott eine ungewöhnliche Verheissung: „Ich gebe euch von der Synagoge des satans, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern lügen; siehe, ich werde machen, dass sie kommen und dir zu Füssen (Gott) anbeten, und anerkennen, dass ich dich geliebt habe.“ (3,9) – Diese Verheissung spricht von der Bekehrung einer besonderen Gruppe, die äusserst schwierig zu überzeugen sind: „die Synagoge des satans, die sich Juden nennen und es nicht sind“. Was sind das für Personen?
– In der Zeit des Johannes könnten damit jene Juden gemeint sein, die Jesus ablehnten und die anderen Juden verfolgten, welche Jesus angenommen hatten. Aber das Buch der Offenbarung ist zugleich eine Prophetie für alle Zeiten. Es muss deshalb auch eine Anwendung auf die Gemeinden unter den nichtjüdischen Völkern geben. Offenbarung 17 sagt den Aufstieg einer falschen Kirche voraus, die sich einen christlichen Anschein gibt, aber die wahren Christen verfolgt. Trifft der Ausdruck nicht auch auf sie zu?
Auffallenderweise kommt dieser Ausdruck „Synagoge des satans“ genau zweimal vor: hier, und im Brief an Smyrna. Also genau in den Briefen an jene Gemeinden, die Jesus treu blieben, und an denen der Herr nichts auszusetzen hat. Wären damit also nicht auch die abgefallenen Mitglieder der anderen Gemeinden gemeint, z.B. jene vom Typ Sardes?
Ausgerechnet über diese Gruppe von falschen Brüdern und Verfolgern erhält die Gemeinde von Philadelphia die Verheissung, dass einige von ihnen Gott anerkennen werden, und dass sie die Jünger von Philadelphia als echte Jünger anerkennen werden. Nur die schwache, aber treue und ausdauernde Gemeinde erhält diese Verheissung.

Zudem erhält sie die Verheissung, dass „ich dich auch bewahren werde vor der Stunde der Prüfung, die über die ganze Menschheit kommen wird …“ (3,10). Um in diesen Zeiten den Glauben zu bewahren, ist keine grosse Kraft notwendig. Aber es ist nötig, das Wort Gottes treu zu bewahren, so wie es am Anfang gegeben wurde. Es ist nötig, zu den Grundlagen der Urgemeinde zurückzukehren, und nicht die Wahrheit Gottes mit den Erfindungen und Geboten von Menschen zu vermischen, die später dazukamen.

Und für die Ewigkeit verspricht Jesus, die Jünger von Philadelphia zu einer „Säule im Tempel meines Gottes“ zu machen (3,12). Eine Säule ist Ausdruck einer grossen, tragenden Kraft. Genau jene, die nach irdischen Massstäben eine „kleine Kraft“ hatten, werden in der neuen Schöpfung Gottes „Säulen“ sein.

Laodizäa: Christentum ohne Christus

Die Gemeinde von Laodizäa sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus. Sie taten nichts Böses. Sie stahlen nicht, sie waren nicht unzüchtig, sie lästerten nicht, sie folgten auch keinen falschen Lehren. Und sie sehen alle zufrieden und glücklich aus. Sie sind nicht tot wie jene von Sardes. Nur ein wenig lau. Wo ist das Problem damit?

Wir müssen bis zum Vers 20 lesen, um zum Kern der Sache zu kommen:

„Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an. Wenn jemand auf meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm zu Abend essen und er mit mir.“

Diese Worte werden oft in evangelistischen Predigten gelesen. Aber in ihrem Zusammenhang sind sie nicht an Ungläubige gerichtet. Jesus spricht zur Gemeinde! Da müssen wir uns fragen: Warum muss der Herr an die Tür der Gemeinde klopfen? Warum ist er nicht drinnen?
Einen Teil der Antwort finden wir im Vers 17. Die Laodizäer sagten: „Ich habe nichts nötig.“ Mit anderen Worten: „Wir brauchen dich nicht, Jesus! Wir haben schon alles.“ Wenn eine Gemeinde glaubt, sie wisse, wie „es gemacht wird“ im Reich Gottes; wenn sie glaubt, sie habe schon alles, dann zieht sich Jesus still zurück. Oder noch schlimmer: die Gemeinde stösst ihn aus. Ich fürchte, viele heutige Gemeinden haben den Herrn Jesus aus ihrer Mitte ausgeschlossen, weil er sich nicht an ihre Vorstellungen anpasst. Und sie haben nicht einmal bemerkt, dass Jesus nicht mehr unter ihnen ist. Ihre Programme funktionieren weiterhin; die „Gottesdienstbesucher“ kommen regelmässig, und alle sehen zufrieden aus.

Die Gegenwart des Herrn wirkt in einer solchen Gemeinde unbequem und aufrührerisch. Erweckungsprediger wie John Wesley, George Whitefield, oder Charles Finney galten in den Kirchen ihrer Zeit als Aufrührer, weil sie sagten: „Ihr – die getauften Gemeindeglieder -, gerade ihr müsst wiedergeboren werden! Ihr müsst umkehren! Ihr müsst Gott kennenlernen!“ – Viele Kirchen stiessen diese unbequement Prediger aus. Und damit warfen sie Jesus hinaus.

Die selbstgefällige Gemeinde von Laodizäa versteht nicht, dass Jesus mehr will als einige gut funktionierende „Gottesdienste“. Jesus möchte mehr als religiöse Zeremonien. Er möchte nicht einfach einige harmlose Christen haben, die damit zufrieden sind, „nichts Böses zu tun“, die aber auch nichts Gutes tun. Eine „gut funktionierende“ Gemeinde kann in grösserer Gefahr stehen als eine mit Problemen und Konflikten, denn die „gut funktionierende“ Gemeinde ist sich ihres Mangels nicht mehr bewusst.

Solche Gemeinden finden wir heute auch zuhauf. Besonders unter jenen, die „respektabel“ geworden sind, finanziell abgesichert, und die auf eine Tradition von mehreren Generationen zurückblicken können. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, dass sie Jesus anklopfen hören; dass sie es bereuen, ihn ausgeschlossen zu haben, und dass sie ihm von Neuem den Ort geben, der ihm in der Gemeinde zukommt. Dann werden sie wieder erfahren können, was ihnen fehlte und was sie verachtet haben: die enge koinonía mit dem Herrn selber, und miteinander. „Ich werde mit ihm zu Abend essen, und er mit mir.“ (3,20)

Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!

Echte oder falsche Umkehr? (Teil 2)

9. Oktober 2015

Vorsicht vor Fälschungen

Nach alldem (siehe Teil 1) können wir verstehen, dass wahrscheinlich viele Mitglieder christlicher Gemeinden sich nie wirklich bekehrt haben. Sie haben eine äusserliche Handlung vollzogen (ein Übergabegebet, ein Sündenbekenntnis, eine Taufe), die Gemeinde hat das als Bekehrung aufgefasst, und jetzt nennen sie sich „Christen“. Aber sie erlebten keine echte Bekehrung.
Das ist eine ernste Angelegenheit. Es geht hier nicht um philosophische Unterscheidungen. Nur eine echte Bekehrung führt zur Erlösung. Deshalb sind viele, die sich Christen nennen, in Wirklichkeit auf dem Weg ins Verderben.

Als der Evangelist Philippus in Samarien das Evangelium verkündete, bekehrte sich eine sehr bekannte Persönlichkeit. Er war „ein Mann namens Simon, der vorher in jener Stadt Zauberei betrieben hatte und die Leute von Samarien verführt hatte … Aber als sie Philippus glaubten … glaubte auch Simon, liess sich taufen, und hängte sich an Philippus…“ (Apostelgeschichte 8,9.13)
Was für eine wunderbare Veränderung! Der berühmte Zauberer und Betrüger sagt der Zauberei ab und wird Christ!

Einige Tage später geschah etwas Besonderes. Die Apostel kamen von Jerusalem und beteten über den Bekehrten, damit sie den Heiligen Geist erhielten. „Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Heilige Geist gegeben wurde, bot er ihnen Geld an und sagte: Gebt auch mir diese Macht…“ (Apg.8,18-19) Wäre das nicht wunderbar, einen Diener mehr zu haben, der den Heiligen Geist geben könnte? – Aber Petrus liess sich nicht so leicht hinters Licht führen. „Petrus sagte zu ihm: Dein Geld gehe mit dir ins Verderben, weil du gedacht hast, man könne die Gabe Gottes mit Geld kaufen. Du hast kein Los und keinen Anteil an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Kehre also um von deiner Bosheit, und bitte Gott, dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde…“ (Apg.8,20-22)

Hier wird Simon entlarvt. Seine Umkehr war nicht echt. Äusserlich hatte er der Zauberei abgesagt; aber innerlich dachte er nur daran, sie durch eine andere Art „Zauberei“ zu ersetzten: die Kraft des Heiligen Geistes. Er sehnte sich nach dieser Macht, nicht um Gott zu gefallen, sondern einfach um Macht zu besitzen. Die Motive seines Herzens hatten sich nicht geändert.

Jetzt hat Simon eine zweite Gelegenheit, wirklich umzukehren. Wird er diese Gelegenheit ergreifen?

– „Und Simon antwortete: Betet ihr für mich zum Herrn, dass nichts von dem, was ihr gesagt hat, über mich komme.“ (Apg.8,24)

Viele unserer heutigen Geschwister würden denken: „Jetzt hat sich Simon wirklich bekehrt.“ Zum zweiten Mal würden sie ihn fröhlich als Bruder willkommen heissen. Und zum zweiten Mal wären sie betrogen!

Untersuchen wir Simons Reaktion. Petrus hatte ihm gesagt: „Bitte Gott…“ Aber Simon tat das nicht. Stattdessen sagte er: „Betet ihr für mich zum Herrn…“ Er war nicht bereit, sich selber vor Gott zu demütigen! (Hier sehen wir gleichzeitig den Anfang des römisch-katholischen Systems, wo der Gläubige seine Sünden nicht direkt vor Gott bekennen kann, sondern die Vermittlung eines „Priesters“ benötigt. Aber das wäre ein anderes Thema…)
Ausserdem hatte ihm Petrus gesagt: „Kehre um … dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde“. Simon bat um etwas anderes. Er bat stattdessen, „dass nichts von dem über mich komme“. Mit anderen Worten, Simon bat darum, der Strafe Gottes entrinnen zu können, aber ohne sein Herz zu ändern. Er wollte die Vergebung und das Wohlwollen Gottes nicht; er wollte nur einer unbequemen Situation entrinnen.

Irenäus, ein Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts, berichtet uns, was später mit Simon geschah:

„Er widmete sich dann … mit noch grösserem Eifer dem Studium der Zauberkunst, um die Mengen noch besser in Erstaunen zu versetzen und sie zu beherrschen. … Dieser Mann wurde dann von den Menschen verherrlicht, als ob er ein Gott wäre; und er lehrte, dass er selber unter den Juden als der Sohn erschienen sei, aber in Samarien als der Vater heruntergekommen sei. … Mit einem Wort, er stellte sich selbst dar, als wäre er die allerhöchste aller Mächte, der Vater über alles…“
(Irenäus, „Gegen die Irrlehrer“, I,23)

So weit verirrte sich der Mann, der nach aussen „bekehrt“ aussah, aber seine Bekehrung war nicht echt. Lassen wir uns nicht täuschen!

Ich erwarte jetzt nicht, dass du und ich fähig wären, alle falschen Bekehrten zu entdecken. Sogar der grosse Evangelist Philippus wurde anfangs von Simon getäuscht. Aber unsere eigene Bekehrung sollten wir überprüfen. War deine Bekehrung echt? Ist dein Herz aufrichtig vor Gott?

Zwei reuige Könige

Ich möchte zwei Beispiele aus dem Alten Testament erzählen, die den Unterschied zwischen einer echten und einer falschen Umkehr noch etwas mehr illustrieren.

Der König Saul war Gott ungehorsam gewesen. Der Prophet Samuel konfrontierte ihn: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hat, hat auch er dich verworfen, dass du nicht mehr König seist.“ (1.Samuel 15,23)
Wie antwortete Saul?
– „Ich habe gesündigt; denn ich habe das Gebot des Herrn gebrochen und deine Worte, denn ich fürchtete das Volk und gab ihrer Stimme nach. Vergib also jetzt meine Sünde und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn anbete.“ (1.Samuel 15,24-25)

Es scheint, dass Saul seine Sünde eingesteht und bereut. Aber da ist ein kleines Detail: Saul bat zwar Samuel um Vergebung, aber nicht Gott. Saul verstand, dass Samuel verärgert war, denn Samuel stand in jenem Moment gerade vor ihm (und wahrscheinlich nicht mit einem sehr liebenswürdigen Gesichtsausdruck). Aber anscheinend verstand Saul nicht, dass sein Vergehen gegen Gott unvergleichlich schwerer wog als sein Vergehen gegen Samuel.

Samuel, der Prophet Gottes, sah sehr gut, wie es im Herzen Sauls wirklich aussah:
„Und Samuel antwortete Saul: Ich werde nicht mit dir zurückkehren, denn du hast das Wort des Herrn verworfen, und der Herr hat dich verworfen, dass du nicht mehr König seist über Israel.“ (1.Samuel 15,26) – Samuel sah, dass Sauls Reue nicht echt war, und nahm sie deshalb nicht an.

„Und er (Saul) sagte: Ich habe gesündigt; aber ich bitte dich, ehre mich vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel, und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn, deinen Gott, anbete.“ (1.Samuel 15,30)

Jetzt kommt der wahre Beweggrund Sauls ans Licht: „damit du mich vor dem Volk ehrst“. Es war Saul wichtig, was die Leute von ihm dachten; aber was Gott von ihm dachte, kümmerte ihn nicht. Er wollte nur vor den Menschen gut dastehen.
„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; aber wer auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25). Saul hatte Menschenfurcht, aber keine Gottesfurcht. Er wollte von Menschen geehrt werden, aber die Ehre Gottes kümmerte ihn nicht. Und mit diesem verkehrten Herzen konnte er sogar noch Reue heucheln!

Danach tat Samuel etwas Bedeutungsvolles. Er liess den König der Amalekiter herbeiholen (den Saul im Krieg gefangengenommen hatte) und tötete ihn. Das war der Befehl Gottes an Saul gewesen: den König von Amalek zu töten. Samuel tat also, was Saul hätte tun sollen. Hätte Saul seinen Ungehorsam wirklich bereut, dann hätte er selber den Befehl ausgeführt – zumindest nach der Konfrontation mit Samuel. Dass er es nicht tat, ist ein weiterer Hinweis, dass seine Umkehr nicht echt war.

Der König von Amalek personifiziert die Sünde in unserem Leben. Es nützt nichts, zu bekennen „Ich habe gesündigt“ und um Vergebung zu bitten, solange du den „König von Amalek“ am Leben lässt in deinem Herzen. Welches ist der „König von Amalek“ in deinem Leben, die Sünde, die du immer noch tolerierst, und die du schon lange hättest „töten“ sollen?

Wir sehen hier auch, wie schwierig es gerade für Autoritätspersonen ist, von Herzen umzukehren. Strebe keine Leiterschaftsposition an, solange du nicht fähig bist, vor deinen „Untergebenen“ ehrlich und ohne Umschweife deine Sünden zugeben zu können, ohne Rücksicht darauf, wie du nachher vor ihnen dastehst.


Sehen wir jetzt den Fall des Königs David an. David fiel auch in Sünde – und wenn wir näher hinsehen, in eine schlimmere Sünde als die Sünde Sauls: Er beging Ehebruch mit Bathseba, und liess den Ehemann Bathsebas mit List töten. Dennoch vergab Gott David, während er Saul nicht vergab. David wird sogar „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt. Was war der Unterschied?

Im Psalm 51 haben wir das Gebet Davids, nachdem er vom Propheten Nathan konfrontiert worden war:

„Hab Mitleid mit mir, oh Gott, nach deiner Barmherzigkeit;
nach der Grösse deines Erbarmens lösche meine Sünden aus.
… Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und habe das Böse getan vor deinen Augen…
Siehe, du liebst die Wahrheit im Innersten,
und im Verborgenen liessest du mich Weisheit verstehen.
… Schaffe in mir, oh Gott, ein reines Herz, und erneuere einen aufrichtigen Geist in mir.
Verwirf mich nicht von deiner Gegenwart, und nimm deinen Heiligen Geist nicht weg von mir.“
(Psalm 51, 1.4.6.10.11)

David wendet sich zuallererst an Gott. Er ist sich sehr bewusst, dass die erste Person, die durch seine Sünde verletzt wurde, Gott selber ist. „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt…“ Gott ist auch der einzige, der David wiederherstellen kann. Alles andere ist im Vergleich dazu zweitrangig.
Dann sehen wir, was die tiefste Sehnsucht im Herzen Davids ist. Nicht die Ehre vor dem Volk; nicht das Entrinnen vor Gottes Strafe. Seine tiefste Sehnsucht ist „ein reines Herz und ein aufrichtiger Geist“. Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der wirklich umgekehrt ist. Es kümmert ihn nicht, was die Leute sagen – tatsächlich legten die Leute Davids Verhalten nach seiner Umkehr völlig falsch aus, und er stand dann sehr schlecht da vor ihnen. Aber David wusste, dass Gott „die Wahrheit im Innersten liebt“, da, wo niemand hinsieht. Das war ihm wichtiger als alles andere.
Jemand hat einmal gesagt: „Deine Integrität zeigt sich in dem, was du tust, wenn niemand zusieht.“
Das war die Integrität, die David hatte. Deshalb vergab ihm Gott und verwarf ihn nicht. Obwohl David auch leiden musste, nahm ihm doch Gott weder das Königreich noch das Leben, wie er es mit Saul getan hatte.

Gott sucht die wahre Umkehr. Welcher Art ist deine Umkehr? Von der Art Sauls oder von der Art Davids? Ist es eine Umkehr nur vor den Menschen, oder eine echte Umkehr vor Gott, der „ins Verborgene sieht“?


Nachbemerkung: Diesen Artikel hatte ich schon vor Jahren zuerst auf Spanisch verfasst. Etwas später fand ich, dass manche der alten Erweckungsprediger (John Wesley, Charles Finney, Dwight L.Moody, …) diese Thematik ebenfalls behandelt hatten, z.T. sogar unter dem wortwörtlich gleichen Titel. Nicht dass ich etwa von ihnen abgeschrieben hätte – das Thema scheint sich einfach aufzudrängen, wenn man anfängt, sich etwas mehr um den geistlichen Zustand seiner Mitmenschen zu kümmern, welche die Kirchen und Gemeinden bevölkern.
Heute allerdings wird man vom sogenannten „evangelikalen Mainstream“ als komischer Kauz oder Extremist angesehen, wenn man diese Themen anspricht. – Apropos „Mainstream“: In meiner Jugend wurde in christlichen Jugendgruppen oft ein Lied gesungen: „Sei ein lebendiger Fisch, schwimme doch gegen den Strom … Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, lassen sich von allen andern treiben …“ Dieses Lied – bzw. seine Aussage – ist heute wohl nicht mehr allzu populär?

Echte oder falsche Umkehr?

27. September 2015

„Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu des Messias zur Vergebung der Sünden; und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes erhalten.“
(Petrus an Pfingsten, Apostelgeschichte 2,38)

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, ihr könntet dem kommenden Zorn entfliehen? Bringt der Umkehr entsprechende Früchte, und denkt nicht daran, bei euch selbst zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Vater‘; denn ich sage euch: Gott kann sogar aus diesen Steinen Kinder Abrahams erwecken. Und die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt; deshalb wird jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, umgehauen und ins Feuer geworfen.“
(Johannes der Täufer, Matthäus 3,7-10)

Die Umkehr ist notwendig, um wiedergeboren zu werden und ein Christ zu werden. Ohne Umkehr gibt es keine Vergebung der Sünden und keine Erlösung. Wie wichtig ist es also zu verstehen, was Umkehr ist! – Leider haben die heutigen Gemeinden die Bedeutung dieses Wortes so verwässert, dass fast jeder Sünder sagen kann, er hätte sich „bekehrt“, und die Gemeinden glauben es ihm.

Was Umkehr NICHT ist

Ich möchte zuerst einige Handlungen aufzählen, die in gewissen Gemeinden als Umkehr gelten, es aber NICHT sind.

– Ein „Übergabegebet“ wiederholen und sagen: „Herr, vergib mir alle meine Sünden.“

Die Menschen, die das tun, tun es normalerweise, weil irgendein Leiter oder Prediger ihnen sagte, sie sollten es tun. Der Antrieb dazu kommt meistens nicht aus ihnen selbst. Frage irgendeine dieser Personen: „Von welchen Sünden genau möchtest du, dass Gott sie dir vergibt?“ – Viele werden keine einzige konkrete Sünde nennen können; in Wirklichkeit sind sie sich ihrer Sünden nicht bewusst. Und auch wenn sie z.B. sagen, dass sie gelogen oder gestohlen haben, nehmen viele es nicht so ernst: morgen könnten sie ohne weiteres dieselbe Sünde wieder begehen. Das ist keine Umkehr.

– Dasselbe, aber mit lautem Wehklagen und unter Tränen.

Einige liebe Geschwister denken, Tränen seien ein sicheres Zeichen der Umkehr. Leider irren sie sich hierin oft. In gewissen Kreisen vergiessen viele Menschen Tränen aufgrund eines Nachahmungseffektes: sie haben andere weinen gesehen, als diese ihre Sünden bereuten, und denken deshalb, sie müssten dasselbe tun. – Ich hatte selber mehrere Begegnungen mit Menschen, die eine Sünde begangen hatten, unter Tränen um Vergebung baten und versicherten: „Ich werde Ihnen jetzt die ganze Wahrheit sagen“ – aber die Dinge, die sie mit dieser Versicherung erzählten, waren lauter Lügen.

– Im Gottesdienst nach vorne gehen, niederknien und ein Übergabegebet sprechen.

Wie die vorhergehenden, ist auch das einfach ein äusserliches Ritual. Aber wirkliche Umkehr hängt nicht daran, was wir äusserlich tun; es ist eine Angelegenheit des Herzens und des ganzen Lebens.

– Die Sünden bekennen, die man begangen hat, und dafür um Vergebung bitten.

Jetzt kommen wir schon einen Schritt näher. Da gesteht jemand ein, was er getan hat, und dass es Sünde war. Aber ist das schon Umkehr? – Ein Mörder vor Gericht wird dasselbe tun, wenn die Beweise gegen ihn genügendes Gewicht haben. Aber er wird es nur deshalb tun, weil er weiss, dass dann sein Urteil milder ausfallen wird. Nicht weil er wirklich bereut, sondern um einer grösseren Strafe zu entgehen. – Auf ähnliche Weise bekennen einige Sünder ihre Sünden, nachdem diese ans Licht kamen, weil sie wissen, dass sie so vielleicht eine Disziplinarmassnahme oder ein anderes Problem vermeiden können. Wenn das das Motiv ist, dann ist es keine Umkehr!

– Traurig sein, weil die Sünde ans Licht kam.

Trauer gehört wirklich zu einer echten Umkehr. Aber ist das genug? – Wir müssen fragen, warum jemand traurig ist. Weil er sich schämt, weil seine Sünde ans Licht kam, weil er ein schlechtes Gewissen hat? Natürlich verursacht das alles auch Trauer – aber es ist noch keine Umkehr. Frage dich: Würdest du dieselbe Trauer spüren, wenn niemand von deiner Sünde wüsste?
Das eigentliche Problem ist, dass deine Sünde Gott beleidigt und dich von ihm distanziert. Wegen Gott solltest du umkehren; nicht wegen der anderen Christen, und auch nicht wegen deines schlechten Gewissens. – Selbst wenn du entscheiden würdest, diese Sünde nicht mehr zu begehen: wenn es nur darum geht, dass du dich nicht mehr schlecht fühlst, dann ist es keine echte Umkehr. Solange du noch nicht verstanden hast, wie sehr deine Sünde deiner Beziehung zu Gott schadet, und wie wichtig Gottes Ehre ist, so lange bist du noch nicht wirklich umgekehrt.

Was ist dann Umkehr?

Im Griechischen des Neuen Testamentes gibt es zwei Wörter, die mit „umkehren“ oder „sich bekehren“ übersetzt werden, und jedes dieser Wörter lehrt uns etwas über die eigentliche Bedeutung:

„epistrefo“ = „zurückkehren, sich umwenden“.
Hier können wir uns eine Person vorstellen, die auf einen Abgrund zugeht. Sie schreitet auf einem bösen Weg voran, in Richtung auf die Verlorenheit. Wer einfach sagt „Herr, vergib mir alle meine Sünden“, der ist wie jemand, der auf diesem bösen Weg weitergeht, nur ab und zu sagt „Herr, vergib mir“, und dann in derselben Richtung weitergeht. Wer seine Sünden eingesteht und bekennt, der ist wie jemand, der stehenbleibt, aber sonst nichts weiter tut.
Die wirkliche Umkehr bedeutet, nicht nur stehenzubleiben, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Gott sagt: „Wer seine Sünden zudeckt, wird keinen Erfolg haben; aber wer sie bekennt und hinter sich lässt, wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Sprüche 28,13) Nicht nur die Sünde bekennen, sondern sie hinter sich lassen.
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Wiedergutmachung. Sieh, wie Zachäus seine Umkehr ausdrückte: „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen; und wo ich jemanden betrogen habe, gebe ich es ihm vierfach zurück.“ (Lukas 19,8). Wenn ein Dieb wirklich umkehrt, dann wird er zurückgeben, was er gestohlen hat (und das freiwillig, ohne dass irgendein Gesetz oder irgendeine Autorität ihn dazu zwingen würde). Wenn ein Lügner umkehrt, wird er seine Lügen richtigstellen und die Wahrheit sagen.

„metanoeo“ = „den Sinn ändern“.
Ein reuiger Sünder wird nicht nur seine Handlungsweise ändern, sondern auch seine Art zu denken. Statt die Sünde zu lieben, wird er sie jetzt hassen. Er wird gegen die Versuchung angehen, nicht erst wenn er bereits dabei ist, eine Sünde zu begehen, sondern schon wenn er ans Sündigen denkt. „…indem wir jeden Gedanken gefangennehmen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor.10,5). Schon in seinem Sinn sagt er der Sünde ab und trennt sich von ihr.
Auch die Motivation, das Gute zu tun, muss sich ändern. Viele Menschen versuchen, das Gute zu tun, aber sie tun es aus Gründen, die Gott nicht gefallen. Sie tun es, um vor den anderen als „gut“ zu erscheinen. Sie tun es, weil ihre Eltern, ihre Gemeindeleiter, oder sonst jemand ihnen Vorwürfe machen wird, wenn sie sündigen. Sie tun es, weil die Folgen der Sünde unangenehm sind und sie nicht leiden wollen. – Ein reuiger Sünder denkt anders. Er beginnt Gott zu lieben, und aus Liebe zu Gott entscheidet er sich gegen die Sünde.
Stelle dir zwei Diebe vor, die gerade aus dem Gefängnis kommen. Der erste sagt: „Ich werde nicht mehr stehlen, weil ich nicht ins Gefängnis zurück will, und weil die Polizei überall kontrolliert.“ So stiehlt er nicht mehr; aber nur aus Angst vor der Strafe. Hätte er eine sichere Gelegenheit zu stehlen, ohne entdeckt zu werden, dann würde er es tun. – Der zweite Dieb sagt: „Ich habe verstanden, dass Stehlen böse ist, dass ich vielen Menschen Leiden zugefügt habe mit meinem Stehlen und dass damit Gott beleidigt wurde. Ich habe begonnen Gott zu lieben, und deshalb werde ich nicht mehr stehlen.“ Dieser zweite Dieb wird nie mehr stehlen, selbst wenn er die Sicherheit hätte, nicht entdeckt zu werden. – Äusserlich handeln beide gleich. Aber nur der zweite Dieb ist wirklich umgekehrt. Die Umkehr des ersten ist nicht echt; seine Motivation hat sich nicht geändert.

Ist die Sünde noch etwas Anziehendes in deinem Denken? Wenn ja, dann hast du deinen Sinn noch nicht geändert.
Bemühst du dich sehr, nicht zu sündigen, weil andere Christen dich schief ansehen könnten; empfindest aber in deinem Inneren, dass diese Bemühungen gegen deine eigene Natur gehen, und sehnst dich im Grunde danach, eine bestimmte Sünde begehen zu können, ohne dass es jemand erfahren könnte? Wenn ja, dann bist du noch nicht wirklich umgekehrt; du hast nur dein Handeln geändert, aber nicht deine Denkweise.

Um zu einer echten Umkehr zu kommen, ist ein übernatürliches Werk des Heiligen Geistes in deinem Herzen notwendig. „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht.“ (Johannes 16,8). Diese göttliche Überführung von der Sünde kann dich zur echten Umkehr führen, wenn du es zulässt. Vielleicht ist deine jetzige Kenntnis über die Sünde blosse Theorie: „Ja, ich weiss, dass ich gesündigt habe und umkehren sollte.“ Aber es ist nötig, dass der Heilige Geist es dir ins Herz spricht. Er wird es tun, wenn du ihn ernsthaft suchst. Er ist es auch, der dich zu einer ganz neuen Person machen kann.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Kirche im Sturzflug

1. April 2015

Das tragische „Germanwings“-Unglück hat auch hier im fernen Perú Schlagzeilen gemacht. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ich diese Woche eines Morgens erwachte mit dem Bild eines Piloten vor Augen, der verzweifelt an die verschlossene Cockpit-Tür klopft. Nur war in meinem Bild der Pilot Jesus, und das Flugzeug war die „offizielle“ christliche Kirche.

Nun ist Jesus natürlich nicht verzweifelt, denn er hat ja schon immer gewusst (und vorausgesagt!), dass so etwas passieren würde, und er hat weiterhin alles unter Kontrolle. Und Jesus flucht auch nicht wie jener Pilot. Aber im übrigen gibt es frappierende Parallelen.

Seit Jesus nicht mehr auf der Erde ist, hat er das „Steuer“ seiner Gemeinde unzulänglichen Menschen überlassen. Das heisst aber nicht, dass er als „Pilot“ abgedankt hätte! Nicht wie es hier auf gewissen frommen Autoaufklebern heisst: „Jesus ist mein Copilot.“ Nein, wirklich von Jesus beauftrage Leiter bleiben sich ständig bewusst, dass Jesus nicht nur der Copilot ist, sondern der wahre Pilot, und dass sie ständig und vollständig von ihm abhängig bleiben müssen, um auf dem rechten Kurs zu bleiben.

Aber im Lauf der Geschichte und bis heute haben sich unzählige kirchliche Leiter selber das Amt des „Piloten“ angemasst. Auch wenn sie sich offiziell „Stellvertreter Christi“ oder „Diener Gottes“ nennen, so haben sie doch durch ihre Taten und Entscheidungen gezeigt, dass sie sich selber am Ruder wähnen. Und so kam der Moment, wo sie begannen, die ihnen anvertrauten Organisationen in den geistlichen Sturzflug zu lenken – ob absichtlich oder in geistiger Umnachtung, bleibe dahingestellt.

Für die Evangelischen und Evangelikalen geht dieser Sturzflug offenbar – aus ihren Aktivitäten und Verlautbarungen der letzten Jahre zu schliessen – in Richtung Rom. Und zugleich – da das Wort Gottes zunehmend verharmlost, bezweifelt, oder überhaupt beiseitegeschoben wird – in Richtung einer erschreckenden moralischen Verderbtheit, die höchstens noch mit der römischen Hierarchie des Spätmittelalters vergleichbar ist. Hier in Perú zumindest – ich weiss nicht, wie es diesbezüglich in Europa steht – werden manche Gemeinden und Gemeindeverbände von Personen geleitet, die, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, im Gefängnis sitzen müssten.

Hat nicht Jesus solche Dinge schon vorausgesagt? „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie räuberische Wölfe!“ (Matthäus 7,15). – Oder im Gleichnis von den guten und bösen Knechten:

„Wer ist also der treue und kluge Knecht, den sein Herr dazu über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Speise zur rechten Zeit zu geben? Wohl jenem Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! …“ (Ein guter, gottesfürchtiger Leiter ist ein solcher vom Herrn eingesetzter „Knecht“ oder „Copilot“.) „Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit den Trunkenen isst und trinkt …“ (das böse Ende ist in Matthäus 24,45-51 nachzulesen.)

Jesus hat sogar vorausgesagt, dass diese „bösen Knechte“ der offiziellen Kirchen die echten Nachfolger Jesu verfolgen werden: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen.“ (Johannes 16,2)

Ja, in solchen Zeiten steht Jesus draussen vor der Tür und klopft an (Offenbarung 3,20), weil die „bösen Knechte“ ihn aus der Kirche ausgesperrt haben, wie jener Copilot den Piloten. Glauben Sie nur nicht, dass ein solcher Copilot den Piloten wieder hereinlassen wird! Er wird zwar viele schöne Worte machen; aber wenn er sich einmal vorgenommen hat, das Flugzeug auf Sturzflug zu schicken, dann wird er dieses Vorhaben verbohrt bis zum katastrophalen Ende führen.

Tatsächlich können aussergewöhnliche und rätselhafte Unglücksfälle wie dieser Flugzeugabsturz ein Anklopfen Gottes sein an die Tür einer Kirche oder Gesellschaft, die für andere Arten seines Redens bereits taub geworden ist. „Oder jene achtzehn, die der Turm von Siloah bei seinem Einsturz tötete, meint ihr, sie seien schuldiger gewesen als alle Menschen, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise umkommen.“ (Matthäus 13,4-5)

Die gute Nachricht ist, dass es (gegenwärtig noch) möglich ist, aus dem „Flugzeug Kirche“ auszusteigen. Wenn „böse Knechte“ an der Tür stehen, die verhindern wollen, dass Jesus hereinkommt und die Führung übernimmt, so können sie doch nicht verhindern, dass Sie und ich zu Jesus hinausgehen und uns aus eigenem Entschluss seiner Führung unterstellen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo auch dieses Flugzeug abhebt zu seinem letzten Flug, der in den Untergang führt. Dann werden seine Passagiere nicht mehr aussteigen können. Nicht weil es nicht mehr möglich wäre; aber weil sie dann zu verblendet sein werden, um das überhaupt noch zu wünschen. Denn „Gott sendet ihnen eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“ (2.Thessalonicher 2,11-12)

In welchem Flugzeug sitzen Sie?

Was ist Erweckung? – Teil 2

30. März 2015

Wann geschieht Erweckung?

Wir haben gesehen, was „Erweckung“ bedeutet: Die Gemeinde, die geistlich am Sterben ist, beginnt wieder zu leben.

So seltsam es also erscheinen mag: Erweckungen geschehen, wenn die Gemeinde sie nötig hat, d.h. wenn die Gemeinde am Sterben ist.

Tatsächlich wiederholt sich dieser Kreislauf von Abfall und Erweckung, neuerlichem Abfall und neuerlicher Erweckung, durch die ganze Kirchengeschichte. Und fast immer gab es vor einer Erweckung eine Zeit „geistlicher Dürre“. Eine Zeit zunehmender Unmoral in Kirche und Gesellschaft; eine Zeit, wo die Menschen dachten, das Wort Gottes hätte nichts mit ihrem täglichen Leben zu tun; eine Zeit, wo die Christen sich damit zufriedengaben, ihre kirchlichen Rituale zu erfüllen, aber ihre Leben änderten sich nicht.

So ist die heutige Zeit!

Täuschen wir uns nicht. In Lateinamerika, wo ich lebe, wachsen zwar die evangelischen Gemeinden (noch), aber das ist keine Erweckung! Gemeindewachstumsprogramme, gefühlvoller Lobpreis, gute Organisation und Mitgliederwerbung… nichts von dem ist Erweckung. Solange die Leben nicht zutiefst vom Heiligen Geist durchgeschüttelt und verändert werden, vervielfachen wir nur die Zahl von schlafenden und sterbenden Christen.

Aber damit Erweckung geschieht, muss ein zweiter Umstand erfüllt sein:

Eine genügend grosse Anzahl von Christen muss die Augen öffnen. Sie müssen sich bewusst werden, in welch traurigen Zuständen wir leben. Sie müssen zuerst ihr eigenes Leben vor Gott in Ordnung bringen, und dann zum Herrn schreien um Erweckung.

„Und er rief laut in meine Ohren: ‚Die Gerichtsvollstrecker der Stadt sind gekommen, und jeder hat in seiner Hand seine Zerstörungswaffe.‘ … Und der Herr rief den in Leinen gekleideten Mann, der an seinem Gürtel das Schreibzeug hatte, und sagte zu ihm: Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die seufzen und schreien wegen all der Greuel, die in ihr geschehen.“ (Ezechiel 9,1-4)

Wen bezeichnet Gott auf diese Weise? Nicht einfach jene, die an den Greueln in der Stadt „nicht teilnahmen“. Zusätzlich war es nötig, „zu seufzen und zu schreien“ wegen dieser Greuel.
Für uns als Christen können wir „Jerusalem“ auf die Gemeinde anwenden. Es ist nötig, dass einige Christen anfangen „zu seufzen und zu schreien“ über den Greueln, die in der Gemeinde geschehen. Der Herr sucht Fürbitter mit offenen Augen, die den wahren Zustand der Gemeinde sehen können und zu Gott schreien um Erweckung. Alle Erweckungen in der Geschichte begannen mit der persönlichen Umkehr und dem eifrigen Gebet einiger Christen.

Ezechiel fährt fort:
„Und zu den anderen sagte er, während ich es hörte: Geht hinter diesem durch die Stadt und tötet; eure Augen sollen nicht schonen und kein Mitleid haben. Tötet Alte, junge Männer und Frauen, Kinder und Frauen, bis niemand mehr übrigbleibt; aber jene, die das Zeichen an sich haben, sollt ihr nicht anrühren. Und fangt an bei meinem Heiligtum! – Und sie fingen an mit den Ältesten, die vor dem Tempel standen…“ (Ezechiel 9,5-6)

Das Volk, das nicht umkehrt, wird ein schreckliches Gericht Gottes erleben. Und wo fängt dieses Gericht an? Beim Tempel, und bei den religiösen Leitern!
– „Aber das war im Alten Testament“, wirst du sagen; „leben wir jetzt nicht im Zeitalter der Gnade?“

Täusche dich nicht. Das folgende Zitat ist aus dem Neuen Testament:
„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Haus Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird dann das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn der Gerechte nur mit Mühe gerettet wird, wo bleibt dann der Gottlose und der Sünder?“ (1.Petrus 4,17-18)

Es ist nötig, dass eine genügende Anzahl Christen wirklich „verzweifelt “ wird für eine Erweckung. Der Reformator John Knox betete so: „Gott, gib mir Schottland, oder gib mir den Tod!“ Er gab sich nicht mit weniger zufrieden; Schottland musste gerettet werden, und Knox würde sein eigenes Leben darum geben.

Andrew Strom schreibt (in „Die Geheimnisse der frühen Kirche“):

„Wie die Geschichte zeigt, kann die Gemeinde nur dann eine echte Erweckung erwarten, wenn ein Rest von Gottes Volk „verzweifelt“ wird – verzweifelt über den abgefallenen Zustand der Gemeinde, verzweifelt über die Lauheit in ihnen selber und den Menschen um sie herum, verzweifelt über die Tatsache, dass Gott nicht verherrlicht wird, dass Er nicht wirklich Herr der Gemeinde ist, dass Seine Worte verspottet werden oder als irrelevant angesehen werden von einer sterbenden Welt. Erweckung wird kommen, wenn Gottes Volk sich wirklich demütigt; wenn sie ihre „positiven Phantasien“ („Steh auf, du Volk der Kraft“, usw.) ersetzen durch die Realität von Jakobus‘ Klage: „Fühlt euer Elend, und trauert und weint! Euer Lachen soll sich in Trauer verwandeln, und eure Freunde in Niedergeschlagenheit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen!“ (Jak.4,9-10)
Wie von Evan Roberts gesagt wurde: „Er zerbrach vor Gott und weinte bitterlich, dass er sie vor ihm beugen möge, in einer Agonie des Gebets, während Tränen über seine Wangen liefen und sein ganzer Körper sich vor Schmerz krümmte.“ – Und John Wesley fragte: „Hast du Tage des Fastens und Gebets? Stürme den Thron der Gnade und verbleibe dort, und Erbarmen wird aus der Höhe herunterkommen.“ Geschwister, wir müssen VERZWEIFELT werden in unseren Gebeten!“


Was ist also eine Erweckung?

Soweit können wir verstehen, dass Erweckung alles zu tun hat damit, zu einer richtigen Beziehung mit Gott zurückzukehren.

Auf persönlicher Ebene bedeutet dies:
Die Christen erleben eine tiefe Umkehr von ganzem Herzen.
Ein Christ, der erweckt wird, begnügt sich nicht damit, nur die offensichtlichsten Sünden hinter sich zu lassen (wie z.B. Trunkenheit, Diebstahl und Betrug, sexuelle Sünden…). Er prüft sich selbst, um auch jene verborgenen Sünden aus seinem Leben zu verbannen, von denen niemand weiss: die kleinen Notlügen, die Falschheit im Denken, die neidischen, habsüchtigen oder boshaften geheimen Absichten gegen andere Menschen, die sexuellen Phantasien, den versteckten Stolz, die Undankbarkeit und Gleichgültigkeit Gott gegenüber, den Gehorsam, der nur äusserlich ist und nicht von Herzen, die Feigheit, wo es darum geht, Zeugnis abzulegen oder für die Gerechtigkeit aufzustehen, usw. Oft sind es diese „kleinen“ versteckten Sünden, die eine Erweckung verhindern.

Auf der Ebene der Gemeinde bedeutet es:
Die Gemeinde wird wieder zu dem, was sie nach der Lehre Jesu und der Apostel sein sollte.
In einer Erweckung verwirft die Gemeinde die menschlichen Traditionen und Gewohnheiten, denen sie bis dahin gefolgt ist, und beginnt die Worte des Herrn ernsthaft in die Tat umzusetzen. Die Gemeinde wagt es wieder, die Erwartungen der Welt (und selbst der Christen) radikal zu ignorieren, um dem Herrn allein zu gehorchen.

Zwar hat die Gemeinde während ihrer ganzen Geschichte in keiner Erweckung je wieder die Höhe der Urgemeinde erreicht. Aber in jeder Erweckung wurden einige biblische Wahrheiten wiederentdeckt, die die Gemeinde in den Zeiten des Abfalls verloren hatte. Wenn wir die heutigen Gemeinden mit dem Wort Gottes vergleichen, dann sehen wir, dass es noch viele biblische Wahrheiten gibt, die wiederhergestellt werden sollten!

Was ist Erweckung? (Teil 1)

23. März 2015

Erweckung ist etwas, was unsere Gemeinden dringend nötig haben. Aber leider ist dieses Wort „Erweckung“ von den Christen in den letzten Jahren sehr missverstanden worden. Deshalb scheint es mir nötig, zuerst diese Missverständnisse anzusprechen und klarzustellen, was Erweckung eigentlich ist.

Was sagt die Bibel über Erweckung?

Der Herr sagt zu der Gemeinde in Sardes:
„Ich kenne deine Taten, dass du den Namen hast, du lebest, aber du bist tot. Sei wachsam und stärke das andere, was am Sterben ist; denn ich habe deine Taten nicht vollkommen gefunden vor Gott. Erinnere dich also daran, was du erhalten und gehört hast, und halte es, und kehre um.“ (Offenbarung 3,1-3)

Das bedeutet Erweckung: die Gemeinde, die am Sterben ist, wird wieder lebendig.
(Das englische Wort „revival“ ist hier noch klarer; es bedeutet wörtlich „Wiederbelebung“.)

Wie kann die Gemeinde wieder zum Leben erwachen?

Zuerst einmal muss sie erkennen, dass sie tot ist, oder am Sterben! Die Gemeinde muss erkennen, dass sie in Wirklichkeit das geistliche Leben nicht hat, das sie verkündet. Die Gemeinde muss eingestehen, dass sie sich darum bemüht hat, menschliche Programme zu erfüllen, statt das Leben Jesu zu leben. Diese Programme können nach aussen hin sehr feierlich aussehen, oder sehr lebendig und fröhlich; aber es ist keine geistliche Realität in ihnen. Die Gemeinde muss eingestehen, dass sie verführt worden ist und selber die Menschen verführt, wenn sie vorgibt, ihre Programme seien geistliches Leben.

Der Apostel Paulus schreibt:
„Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern konfrontiert sie; denn es ist schändlich auch nur davon zu reden, was sie im Geheimen tun. Aber alle Dinge werden offenbar, wenn sie vom Licht konfrontiert werden; denn alles, was offenbar ist, ist Licht.“ (andere mögliche Übersetzung: „Denn das Licht ist es, das alles offenbar macht.“) Deshalb heisst es:

Erwache, du Schläfer,
und steh auf von den Toten,
und Christus wird dich erleuchten.“ (Epheser 5,11-14)

An wen schreibt Paulus hier? An die Ungläubigen, die „Welt“? – Ganz und gar nicht! Paulus schreibt an die Gemeinde, an die Christen in Ephesus. Offenbar gibt es viele Christen, die schlafen oder sogar schon tot sind – und genau deshalb haben wir Erweckung nötig.
Wir haben hier wieder dieselbe Botschaft wie an Sardes: Steh auf von den Toten! Kehr um!
Paulus erwähnt die „unfruchtbaren Taten der Finsternis“. Im Textzusammenhang sehen wir, dass er von „Unzucht“ spricht, von „Unreinheit“, „Habsucht“ (oder finanzieller Unredlichkeit), „unehrlichen Worten“, „Torheiten“, usw. (Verse 3-4); und er sagt, dass jene, die diese Dinge verüben, das Reich Gottes nicht ererben können (Vers 5).
Die schlafende oder sterbende Gemeinde ist eine Gemeinde, die an diesen „Taten der Finsternis“ teilnimmt: sie verübt selber diese Taten, oder zumindest toleriert sie sie und konfrontiert sie nicht.
Das ist tatsächlich der Fall in den heutigen Gemeinden, und ich sage das aus eigener Erfahrung. Ich habe in mehreren Gemeinden und christlichen Organisationen mitgearbeitet, und in jeder dieser Organisationen geschah dasselbe: Irgendwann einmal wurde von mir erwartet, dass ich dazu mithelfe, irgendeine „Tat der Finsternis“ zu begehen oder zumindest eine solche Tat anderer zu verbergen – eine kleine finanzielle Unregelmässigkeit; ein kleiner Betrug; eine Manipulation oder Unterdrückungsmassnahme von seiten der Leiterschaft; ein Fall sexueller Unmoral, der die Organisation in ein schlechtes Licht gestellt hätte, wenn er bekannt geworden wäre -, und wenn ich mich weigerte, beim Begehen oder Verbergen dieser Tat mitzuhelfen, dann hatte ich nur noch die Wahl, entweder ausgeschlossen zu werden oder selber zu gehen.

Ist das die Gemeinde Jesu?

Die Gemeinde braucht Erweckung, weil sie schläft und am Sterben ist. Die Gemeinde wirkt bei Taten der Finsternis mit, statt sie zu konfrontieren, und damit zeigt sie, dass sie das Licht Christi nicht hat. Die Gemeinde!

Der Herr ist davon nicht überrascht. Es ist bereits vorausgesagt, dass dies geschehen wird:
„Niemand täusche euch auf irgendeine Weise; denn (der Herr) wird nicht kommen, bis zuvor der Abfall kommt… Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits am Werk…“ (2.Thess.2,3.7)

„Abfall“ bedeutet „sich entfernen, weggehen“ (vom Glauben). Wiederum spricht der Apostel von der Gemeinde: nur diejenigen können abfallen, die einmal im Glauben standen. – Wir müssen dabei verstehen, dass dieses „Weggehen“ nicht von einem Tag auf den anderen geschieht. Es ist ein allmählicher Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte erstrecken kann. Einige sind erst ganz am Anfang in diesem Prozess, indem sie anfangen, einige Bereiche ihres Lebens dem Herrn vorzuenthalten; andere sind schon so weit „weggegangen“, dass sie Grundlagen des christlichen Glaubens verleugnen. Das Endstadium dieses „Abfalls“ besteht dann darin, dass jemand – ausdrücklich oder unausgesprochen – dem Herrn Jesus überhaupt absagt. Aber wie gesagt, wird dieses Endstadium meistens erst nach einem längeren Prozess erreicht.

Bei seinem Abschied von den Ältesten von Ephesus sagte Paulus:
„Denn ich weiss, dass nach meinem Weggang reissende Wölfe in eure Mitte kommen werden, die die Herde nicht verschonen werden. Und aus eurer eigenen Mitte werden Menschen aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen.“ (Apostelgeschichte 20,29-30).

Paulus sagt, dies würde „nach seinem Weggang“ geschehen, also sehr bald. Kaum waren die Apostel nicht mehr da, begann die Gemeinde abzuirren!

Könnte dieser Abfall so weit führen, dass die Wölfe über die Gemeinde regieren??

Denke gut darüber nach. Die protestantischen Geschichtsschreiber sagen uns, dass dies vor vielen Jahrhunderten bereits geschah, vor der Zeit Luthers. Deshalb war die Reformation notwendig – die katholische Kirche stand unter der Herrschaft von „Wölfen“.
Wenn dies in der römischen Kirche geschah, warum sollte es nicht auch in den evangelischen Gemeinden geschehen können? Ich behaupte, dass wir auf dem direkten Weg dazu sind. Viele evangelische Leiter sind bereits sehr beeinflusst von den Ideen des Antichristen.

Und was ist unsere Antwort darauf?

Eine landläufige Vorstellung von „Erweckung“ besteht darin, dass viele Ungläubige zum Glauben kommen. Das ist eine normale sekundäre Folge von Erweckungen (davon später); aber wir haben gesehen, dass die Bibelstellen, die von Erweckung und deren Notwendigkeit sprechen, sich allesamt an die Gemeinde richten.

Lesen wir nochmals die Worte des Herrn an die Gemeinde in Sardes:
„Erinnere dich also daran, was du erhalten und gehört hast, und halte es, und kehre um.“ (Offenbarung 3,3)

Die Antwort besteht darin, zu dem zurückzukehren, was wir am Anfang erhalten haben; zur Lehre des Herrn und seiner Apostel zurückzukehren, und alle menschlichen Traditionen zurückzulassen, die später kamen.