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Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.

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John Wesley und die Methodisten – Teil 5: Erweckung bedeutet, zu urgemeindlichen Zuständen zurückzukehren

17. August 2013

Jede Erweckung bedeutet eine neuerliche Annäherung an die Urgemeinde. In Zeiten des Abfalls entfernt sich die Gemeinde von den Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde. In Erweckungszeiten kehrt sie um „zu dem, was im Anfang war“. (Siehe „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.) So erschienen auch in der methodistischen Erweckung wieder einige Kennzeichen der Urgemeinde:

  • Zuerst und vor allem die Betonung der Wiedergeburt. Eine abgefallene Kirche begnügt sich damit, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten oder neue dazuzugewinnen, seien es auch blosse Namenschristen. Aber eine erweckte Gemeinde betont, dass nur jene wahre Christen sind, die eine Wiedergeburt erlebt haben und deren Leben dies bezeugt.
  • Die Predigten im Freien. Die Urgemeinde schloss sich nicht hinter vier Wänden ein und kannte keine „heiligen Gebäude“. Die Apostel, und Jesus selber, predigten oft in der Öffentlichkeit und im Freien. Wir haben bereits gesehen, wie Wesley anfangs grosse Vorurteile hatte gegen diese Art des Predigens; aber die Not zwang ihn dazu, und dann fand er, dass es auch biblisch war.
  • Die persönliche Gemeinschaft in kleinen Gruppen, in den Häusern, und wo jeder etwas beiträgt, ohne zwischen „Klerikern“ und „Laien“ zu unterscheiden. Mehrere Stellen im Neuen Testament zeugen von dieser Art von Versammlungen:
    „Und sie verharrten … in der Gemeinschaft miteinander …“ (Apg.2,42)
    „… und sie brachen das Brot in den Häusern, und assen zusammen mit Freude und Schlichtheit des Herzens…“ (Apg.2,46)
    „Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprachenrede, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Erbauung.“ (1.Kor.14,26)
    Das war es, was die ersten Methodisten in ihren „Gesellschaften“ und „Klassen“ praktizierten. Wir haben gesehen, dass sie – dem Beispiel der Herrnhuter folgend – auch das urchristliche Liebesmahl wiederentdeckten.
  • Die Aussendung von „Laienpredigern“. Die Apostel selber sind ein Präzedenzfall dafür, denn sie waren von keiner religiösen Leiterschaft und von keiner Organisation anerkannt. Sie zogen aus, einzig aufgrund der Berufung durch Jesus selber. Ihre Qualifikationen bestanden nicht aus einem Theologiestudium oder einer kirchlichen Position, sondern aus ihrer persönlichen Bekanntschaft mit dem Herrn. Dieses selbe Kriterium wandte auch Wesley an bei der Auswahl und Aussendung seiner Prediger.
  • Ihre Sorge für die Armen, auf persönlicher Ebene und aus christlicher Liebe motiviert. Das war ebenfalls ein Kennzeichen der Urgemeinde:
    „So gab es unter ihnen keinen Bedürftigen; denn alle, die Grundstücke oder Häuser besassen, verkauften sie, und brachten den Erlöse des Verkauften, und legten es den Aposteln zu Füssen; und es wurde an jeden nach seinen Bedürfnissen verteilt.“ (Apg.4,34-35)
    „Nur baten sie uns, an die Armen zu denken; was ich mich auch fleissig bemühte zu tun.“ (Gal.2,10)

Der wesleyanische Autor Luke L.Keefer ist überzeugt, dass Wesley die Urgemeinde als Vorbild für die christliche Gemeinde aller Zeiten ansah:

„In den ersten Jahren der Erweckung kam Wesley zu einem neuen Gemeindeverständnis. (…) Seine fehlgeleitete Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde) von Oxford und Georgia rührte von einer statischen Sicht der alten Kirche her. Er hatte irrtümlich den Gemeindepraktiken, die lediglich Anpassungen an die kulturellen Gegebenheiten jener Zeit waren, universellen Wert zugeschrieben. Sein Studium der Gemeinde in der Apostelgeschichte offenbarte ein dynamisches Gemeindekonzept. Der Geist führte in seiner Vorsehung die Gemeinde zu Leitungs- und Dienstformen, die die Ausbreitung des Evangeliums förderten. Das passte genau zu den eigenen Erfahrungen Wesleys mit der Erweckung in Bristol und an anderen Orten, wo er zu Neuerungen geführt worden war, um die Erweckung auszubreiten.
Das bedeutete in erster Linie, dass die wahre Gemeinde eine missionarische Gemeinde war wie die Urgemeinde. Wesley sagte seinen Predigern, ihre Hauptaufgabe sei die Errettung von Seelen. Sie sollten sich nicht um die Pfarreigrenzen kümmern, die von jahrhundertelangen kirchlichen Traditionen errichtet worden waren. Wie die ersten Apostel sollten die methodistischen Prediger an jeden Ort hingehen, wohin der Geist sie führte, um die gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden. Noch mehr: Der Methodismus lehnte die sakramentale Theologie ab, wonach die Erlösung der gesamten Gemeinschaft durch die Riten der Kirche verliehen sei. Für die Methodisten war das Christsein nicht eine Frage des Territoriums oder der Zeremonien; es war eine Frage der persönlichen Bekehrung.
In zweiter Linie betrachtete Wesley jetzt die Leitung und die Praxis der Gemeinde lediglich als etwas Funktionales. (…) Die entscheidende Frage zur Gemeindepraxis war jetzt: Wie weit fördert oder hindert dies den missionarischen Auftrag der Gemeinde? Wesley drückte es auf die beste Weise aus in seiner Antwort an ‚John Smith‘:
‚Ich frage, was ist der Zweck jeder gemeindlichen Ordnung? Ist es nicht, Seelen aus der Gewalt des satans zu Gott zu bringen, und sie in Gottes Furcht und Liebe aufzuerbauen? Somit hat die Ordnung Wert, solange sie diesen Zwecken dient; und wenn sie nicht dazu dient, dann ist sie nichts wert.‘
Man fühlt die Auswirkungen dieser Worte, wenn man die phänomenalen Änderungen entdeckt, die Wesley in seiner Ekklesiologie während der 1740er Jahre vornahm. Er gab seinen früheren Glauben an die apostolische Sukzession auf, an die dreifache Ordnung des Dienstes (Bischöfe, Priester und Diakone), und an das göttliche Recht der bischöflichen Regierung in der Kirche. (…) Nach seiner Einschätzung gewann die offizielle Kirche (die diesen Angelegenheiten der Regierungsform höchstes Gewicht beimass) keine Seelen. Tatsächlich verhinderte ihr Bestehen auf diesen Strukturen die evangelistische Arbeit. Andererseits erfüllte die methodistische Predigt der Laien auf den Feldern und unterwegs den evangelistischen Auftrag der Gemeinde.“
(Luke L. Keefer, Jr: „John Wesley, Disciple of Early Christianity“)

Ebenso interessant sind die Beobachtungen desselben Autors über Wesleys historische Sicht der Gemeinde:

„Die christlichen ‚Primitivisten‘ teilen eine Geschichtsschau, welche die Zeit in drei Perioden einteilt: ein Goldenes Zeitalter, einen Fall, und eine Wiederherstellung. (…)
Für Wesley dauerte das Goldene Zeitalter von der Menschwerdung Christi bis zur Krönung Konstantins. Aber sein Goldenes Zeitalter bestand aus einer Reihe von konzentrischen Kreisen. Ein Vergleich mit dem biblischen Tempel kann diesen Gedanken veranschaulichen. Die nachapostolische Zeit war der Vorhof des Tempels. Die neutestamentliche Zeit war das Heiligtum, qualitativ verschieden vom zweiten und dritten Jahrhundert. Innerhalb der neutestamentlichen Zeit war die Gemeinde der ersten vier Kapitel der Apostelgeschichte das Allerheiligste. Die Jerusalemer Gemeinde war für Wesley das höchste Idealbild des Urchristentums.
Im Kern des Falles, wie ihn Wesley verstand, war „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. Dieses existierte bereits im Neuen Testament und befleckte sogar die Gemeinde in Jerusalem. Die Habsucht (Apg.5), die Parteilichkeit (Apg.6) und die Vorurteile (Apg.15) stellten sogar im Goldenen Zeitalter Probleme dar. Die apostolischen Briefe widerspiegeln verschiedene Fehler in der Gemeinde. Wesley glaubte, dass diese Fehler während des zweiten und dritten Jahrhunderts mehr und mehr zunahmen – ab und zu von periodischen Erweckungen aufgehalten -, und in einem abgrundtiefen Fall gipfelten, als Konstantin versuchte, das Reich zu christianisieren.
Wesley glaubte, dass die Wiederherstellung der Gemeinde mit der protestantischen Reformation begonnen hatte. Aber dies war eine unangemessene und unvollständige Reformation. Wesley anerkannte, dass die Reformatoren die Lehre und die Anbetung in der Gemeinde gereinigt hatten; aber das war für ihn nicht das Wesentliche. Die Kirche vom Romanismus zu reinigen, beseitigte die Fehler des Konstantinismus noch nicht. Solange die Menschen nicht in ihren Herzen und in ihren Leben reformiert würden, war auch eine ‚weniger römische‘ Kirche noch immer nicht eine Gemeinde wie die Urgemeinde.“
(Keefer, a.a.O.)

(Fortsetzung folgt)

Über die Einheit der Christen – Teil 3 – Die Einsamkeit des Christen

27. Juli 2011

Nachdem ich in der vorangehenden Folge über christliche Einheit und Gemeinschaft schrieb, ist es mir wichtig, auch die Kehrseite zu erwähnen: ein echter Christ ist oft einsam. Nicht nur in der „Welt“, sondern oft auch in den gegenwärtigen Gemeinden.

Manche grossen Männer Gottes in der Bibel wurden für längere Zeit von Gott buchstäblich in die Wüste geschickt. Abraham musste Hunderte von Kilometern durch die heutige arabische und syrische Wüste wandern, auf der Suche nach einem Land, das Gott ihm erst zu einem unbekannten Zeitpunkt unterwegs zeigen würde. Moses verbrachte vierzig Jahre damit, in der Wüste Schafe zu hüten; und dann nochmals vierzig Jahre als Führer eines halsstarrigen Volkes in derselben Wüste. Johannes der Täufer verbrachte fast sein ganzes Leben in der Wüste. Jesus selber wurde vom Heiligen Geist in die Wüste getrieben, um vierzig Tage lang zu fasten und vom Teufel versucht zu werden.

Gott benutzte verschiedene Umstände, um diese Menschen in die Wüste zu bringen. Oft war es die Flucht vor Feinden (z.B. Moses, David, Elias). Manchmal war es auch ein direkter Ruf Gottes (Abraham, Johannes der Täufer, Jesus). Andere haben sich anscheinend freiwillig zeitweise in die Wüste zurückgezogen, um Gott zu suchen (Ezechiel, Daniel, Paulus – Gal.1,15-17 – wobei bei Paulus evtl. auch der Umstand der Flucht mitspielte, Apg. 9,23-25).

Ebenso unterschiedlich war auch das Handeln Gottes an diesen Menschen in der Wüste. Für manche war es eine Zeit der Läuterung und Vorbereitung für eine zukünftige Aufgabe (Moses, David, Jesus – wobei Jesus natürlich keine Läuterung nötig hatte -, Paulus). Manche erlebten Versuchungen und harte Anfechtungen (David, Elias, Jesus). Manche hatten in der Wüste eindrückliche Begegnungen mit Gott (Moses, Elias, Ezechiel, Daniel, Johannes der Apostel auf Patmos).

Aber alle sind in ihrer Wüstenzeit von Gott bleibend verändert worden. Und noch etwas war ihnen gemeinsam: die Erfahrung grosser Einsamkeit. Sie waren von der Gesellschaft abgeschnitten – auch vom „religiösen Leben“ der Gesellschaft. Sie konnten ihre tiefsten Erfahrungen mit niemandem teilen. Selbst als sie aus der Wüste zurückkamen, blieben sie „besondere“, „abgesonderte“ Menschen, weitgehend unverstanden von ihren Mitmenschen, die keine solche Wüstenerfahrung hinter sich hatten.

Ein besonderes Beispiel gibt uns Johannes der Täufer, der „Rufer in der Wüste“: Er ging nicht zu den Menschen, um ihnen zu prophezeien. Stattdessen mussten die Menschen zu ihm in die Wüste hinausgehen, wenn sie ihm zuhören wollten oder von ihm getauft werden wollten. Damit gab er ihnen zu verstehen: Wer die Botschaft Gottes erhalten will, muss bereit sein, die Wüstenerfahrung zu teilen. Das ist etwas, was keine gelehrte theologische Schule und keine wohlorganisierte Gemeinde mit klimatisierten Räumlichkeiten vermitteln kann.

Damit kommen wir zu dem Punkt, wo das „Wüstenprinzip“ allen Nachfolgern Jesu gilt:

„Denn die Körper jener Tiere, deren Blut für die Sünde vom Hohepriester ins Heiligtum gebracht wird, werden draussen vor dem Lager verbrannt. Deshalb litt auch Jesus ausserhalb des Tors, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen. Lasst uns deshalb zu ihm hinausgehen, ausserhalb des Lagers, und seine Schmach tragen.“ (Hebräer 13,11-13)

Das „Lager“ bezieht sich hier auf das Zeltlager Israels, also auf die Gemeinschaft des Volkes Gottes; das „Tor“ auf das Stadttor Jerusalems. Es wird angenommen, der Hebräerbrief sei an die Jerusalemer Christen geschrieben, die vor der römischen Belagerung in die Wüste geflohen waren. Wahrscheinlich vermissten viele von ihnen die Annehmlichkeiten der Stadt und die grossen Versammlungen im Tempel. Aber die zitierten Verse zeigen uns, dass es zum Weg eines Nachfolgers Jesu gehört, solch angenehme Gemeinschaft hinter sich zu lassen – oft sogar die Gemeinschaft derer, die sich „Volk Gottes“ nennen und in der Vergangenheit selber einmal in die Wüste hinausgezogen waren.

– In der Folge gebe ich einige Zitate wieder, die zeigen, dass Nachfolge Jesu oft gerade nicht „fröhliche Gemeinschaft“ bedeutet; und die weiteres Licht darauf werfen, warum Nachfolger Jesu oft sogar gerade inmitten anderer Christen einsam sind.

Die Bergspitzen des Gebets
Die amerikanischen Pioniere, die nach dem Westen zogen, suchten jeweils einen hochgelegenen Aussichtspunkt, von wo aus sie das vor ihnen liegende Wegstück überblicken konnten. Die Pioniere einer Erweckung sind nicht anders. Von der Höhe ihrer gebeugten Kniee aus suchen sie den geistlichen Horizont ab, ob sie ein kleines Zeichen einer kommenden Bewegung Gottes sehen können. Sie besteigen ständig die Bergspitzen des Gebets, in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Zeichen von Erweckung zu entdecken.
…Jeder echte Erweckungspionier ist wohlbekannt mit dem Geschmack heisser Tränen und Herzeleid. Das Gebet ist für ihn nicht nur ein Mittel, neue Richtungsweisung zu erhalten; es ist auch ein übernatürlicher Weg, der Last eines gebrochenen Herzens Ausdruck zu verleihen. Der Pionier wird wiederholt gepeinigt von der zunehmenden Krise einer kraftlosen Gemeinde inmitten einer sündenkranken und verlorenen Welt. Seine Hoffnung wird verspottet und herausgefordert von einer religiösen Einöde und Tälern voll von vertrockneten Knochen. Aber seltsamerweise sind es genau diese öden und bedrohlichen geistlichen Bedingungen, die den Pionier weiter ins Gebet treiben, um neue Wege des Heiligen Geistes zu finden. Sich in einer solchen Umgebung behaglich niederzulassen, würde den Tod ihres Dienstes und ihrer Vision bedeuten. (…)

Du bist NICHT verrückt!
Hast Du Dich je über diesem göttlichen Herzeleid gefragt, ob Du dabei bist, verrückt zu werden? Viele der frühen Pioniere, die nach Westen zogen, hatten ähnliche Gefühle, als sie die Sicherheit und Bequemlichkeit ihrer Häuser verliessen. Obwohl sie ihren Besitz und ihre Nachbarn schätzten, fühlten sie dennoch, dass sie irgendwie nicht ganz hineinpassten oder dazugehörten. Sie konnten den wachsenden Hunger nach etwas anderem nicht loswerden. In ganz ähnlicher Weise gibt es heute Tausende junger Erweckungspioniere, die dieselben intensiven und oft befremdlichen Gefühle teilen. Ich spreche über etwas, was vom Heiligen Geist gewirkt ist; ein Unbehagen, das von Gott kommt, und das Dir nicht erlaubt, Dich mit weniger zufriedenzugeben als mit der wirklichen Gegenwart Jesu Christi.
Nicht an den Erweckungsprozess Gottes gewöhnt, versuchen einige Pioniere, dem Eindruck Gottes auf ihren Herzen zu entfliehen. Eins ums andere Mal bemühen sie sich, sich in die neusten Pläne und Strömungen der Gemeinde einzufügen. Aber sie finden nie Erleichterung darin. Sogar inmitten von erneuerten Gemeinschaften fühlen sie sich oft als unangepasste Aussenseiter. Während andere in der Gemeinde völlig zufrieden scheinen, kann der Erweckungspionier in genau derselben Umgebung kaum die Tränen zurückhalten, und den Hunger nach mehr. Sind Dir diese befremdlichen und unbequemen Gefühle bekannt? Ist Dein hungriges Herz verwirrt darüber, wo Du hineinpasst im Haus Gottes? – Vielleicht hat Gott dir nicht erlaubt, „hineinzupassen“!
Oft findet die prophetische Botschaft des Pioniers kein Gehör, solange Gott nicht ein frisches Werk tut. Deshalb sollten junge Pioniere nicht überrascht sein, wenn sie angeklagt werden, zu idealistisch und unpraktisch zu sein. Solche Kritik und Unverständnis sind oft ein Teil von Gottes Trainingsprozess. … Obwohl er oft gemieden und sogar heftig abgelehnt wird, lernt der echte Pionier durch Versuch und Irrtum, es in Sanftmut und Geduld zu ertragen. Trotzdem sollte sich jeder Pastor und geistliche Leiter davor hüten, allzuschnell den aufrichtigen Eifer eines jungen Pioniers als den kritischen Geist eines unreifen Rebellen abzutun.“
(David Smithers, „The New Pioneers of Revival“, http://www.watchword.org. – Diese Seite ist eine wahre Fundgrube an Artikeln von und über Erweckung, leider alle auf Englisch.)

Der Heilige muss den Weg allein gehen
Die meisten grossen Seelen der Welt waren einsam. Einsamkeit scheint ein Preis zu sein, den der Heilige für seine Heiligkeit bezahlen muss.
… Die vorchristlichen Propheten waren unter sich sehr verschieden, aber sie hatten eines gemeinsam: ihre Einsamkeit. Sie liebten ihr Volk und ehrten die Religion ihrer Väter, aber ihre Loyalität zu Gott und ihr Eifer um das Wohlergehen ihrer Nation Israel entfremdeten sie den Massen. „Ich wurde meinen Geschwistern ein Fremder, und den Kindern meiner Mutter ein Unbekannter“, rief einer von ihnen aus und sprach für alle anderen mit.
…Jesus starb allein in der Dunkelheit, verborgen vor den Blicken der Menschen; und niemand sah ihn, als er siegreich auferstand und aus dem Grab kam.
…Manchmal reagieren wir aus einem religiösen Reflex heraus und wiederholen pflichtbewusst die „richtigen“ Worte, obwohl sie weder unsere wirklichen Gefühle wiedergeben noch durch unsere persönliche Erfahrung abgedeckt sind. Jemand mag z.B. heiter sagen: „Oh, ich bin nie einsam. Jesus hat gesagt, dass er immer bei mir ist.“
Dieses Zeugnis, das die meisten Christen auf Lager haben, ist zu nett, um wahr zu sein. Es drückt aus, was der Sprecher denkt, es sollte wahr sein; nicht was er durch Erfahrung als wahr erkannt hat. Dieses heitere Verneinen der Einsamkeit beweist nur, dass der Sprecher nie den Weg mit Gott gegangen ist, ohne die mutmachende Unterstützung der Gesellschaft. Das Gefühl der Gemeinschaft, das er irrtümlich der Gegenwart Christi zuschreibt, kommt wahrscheinlich von der Gegenwart freundlicher Menschen. Erinnere dich daran: du kannst kein Kreuz in Gemeinschaft tragen. Auch wenn jemand von einer grossen Menschenmenge umgeben ist: sein Kreuz ist allein seines, und die Tatsache, dass er es trägt, sondert ihn ab. Die Gesellschaft hat sich gegen ihn gewandt; sonst hätte er kein Kreuz. Niemand ist ein Freund des Mannes mit dem Kreuz. „Sie verliessen ihn alle und flohen.“
Der Schmerz der Einsamkeit kommt aus unserer Natur. Gott hat uns füreinander gemacht. Der Wunsch nach menschlicher Gemeinschaft ist natürlich und recht. Die Einsamkeit des Christen kommt von seinem Weg mit Gott in einer ungöttlichen Welt. Dieser Weg sondert ihn oft ab, nicht nur von der unbekehrten Welt, sondern oft auch von der Gemeinschaft guter Christen. Sein Inneres schreit nach Gemeinschaft mit anderen seiner Art, mit anderen, die seine Sehnsucht verstehen, seine Wünsche, sein Aufgehen in der Liebe Christi. Da es in seinem Freundeskreis so wenige gibt, die innere Erfahrungen teilen, sieht er sich gezwungen, seinen Weg allein zu gehen.
…Der Mensch, der die Gegenwart Gottes tatsächlich erfahren hat, wird nicht viele finden, die ihn verstehen. Er wird natürlich gewisse soziale Gemeinschaft finden im Umgang mit religiösen Menschen in den Aktivitäten der Gemeinde; aber echte geistliche Gemeinschaft wird schwer zu finden sein. Er sollte nichts anderes erwarten. Schliesslich ist er ein Fremdling und Pilger… Er hat einen anderen Geist als die Volksmengen, die die Vorhöfe des Hauses des Herrn zertreten. Er hat gesehen, was sie nur vom Hörensagen kennen; und er geht unter ihnen umher ähnlich wie Zacharias, als er vom Altar zurückkehrte und die Leute tuschelten: „Er hat eine Vision gesehen.“
…Es ist gerade diese Einsamkeit, die ihn auf Gott zurückwirft. „Wenn auch Vater und Mutter mich verlassen, der Herr nimmt mich auf.“ Da er keine menschliche Gemeinschaft finden kann, sucht er in Gott, was er nirgendwo sonst finden kann. Er lernt in innerer Einsamkeit, was er in der Menge nicht hätte lernen können: dass Christus alles in allem ist; dass er uns zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht wurde, dass wir in ihm das höchste Gut des Lebens haben.“
(Aus A.W.Tozer, „The Dwelling Place of God“)

„Wenn es zwischen denen, die sich als Christen bezeichnen, an brüderlicher Liebe und christlichem Vertrauen mangelt, dann ist eine Erweckung nötig. Wenn Christen in einen niedrigen und abgefallenen Zustand gesunken sind, dann haben sie nicht dieselbe Liebe und nicht dasselbe Vertrauen zueinander, und können sie gar nicht haben, als wenn sie alle lebendig wären und heilige Leben lebten.
Gott liebt alle Menschen mit einer Liebe des Wohlwollens; aber die Liebe des Wohlgefallens fühlt er nur gegenüber denjenigen, die heilig leben. Christen können einander mit der Liebe des Wohlgefallens nur soweit lieben, wie sie heilig sind. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Abbild Christi in seinem Volk ist, dann kann diese Liebe nur da ausgeübt werden, wo dieses Abbild tatsächlich existiert. Eine Person muss das Abbild Christi widerspiegeln, und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen diese Person mit der Liebe des Wohlgefallens lieben können. Es ist vergeblich, Christen dazu aufzurufen, einander mit der Liebe des Wohlgefallens als Christen zu lieben, wenn sie in Stumpfheit abgesunken sind. Sie sehen aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen könnte. Es ist (in diesem Zustand) nahezu unmöglich, füreinander etwas anderes zu fühlen als für die Sünder. Lediglich zu wissen, dass sie zur Gemeinde gehören, oder einander gelegentlich am Abendmahlstisch zu sehen, wird keine christliche Liebe hervorbringen; ausser sie können ineinander das Abbild Christi sehen.“
(Aus Charles Finney, „Revival Lectures“, 2.Kapitel)

Über die Einheit der Christen – Teil 2 – Was ist christliche Einheit?

19. Juli 2011

Zuerst kurz zusammengefasst einige Punkte, die ich schon im ersten Teil erwähnte:

Das vielzitierte Gebet Jesu um Einheit (Joh.17,20-23) bezieht sich auf diejenigen, “die an mich glauben”. Das bedeutet:
– Eine Einheit von Einzelpersonen. Nicht von Organisationen.
– Eine Einheit von Gläubigen. Nicht von Namenschristen, nicht von “Getauften”, nicht von “Gemeindegliedern”, erst recht nicht eine Einheit der ganzen Menschheit.

Wie könnte diese Einheit Wirklichkeit werden? Auf diese Frage möchte ich in dieser Folge eingehen.

Wie wir gesehen haben, führt die ökumenische Bewegung nicht zu dieser Einheit hin. – Andererseits ist die Zersplitterung der Christenheit in Konfessionen, Denominationen, etc, eine unleugbare Tatsache. Man kann dem Problem nicht ausweichen mit dem Argument, die von Jesus gemeinte Einheit sei eben geistlich und daher “unsichtbar”. Jesus erklärt in Joh.17,23, diese Einheit diene (u.a.) dazu, “damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast”. Wenn die Welt irgendetwas erkennen soll, dann muss die Einheit notwendigerweise sichtbar sein.

Ich möchte die gegenwärtige Situation in einem Bild darstellen. In der Mitte ist Jesus, symbolisiert durch ein Kreuz, die Mitte des christlichen Glaubens. Um diese Mitte herum haben sich verschiedene “Gefässe” gebildet, Organisationen, die als ihren Zweck angeben, das Christentum zu verkörpern. Das sind die verschiedenen Konfessionen, Denominationen und Gemeinden. Manche dieser Organisationen begannen als echte geistliche Erweckungen in der Mitte, beim Kreuz. Aber im Lauf der Geschichte erstarrten sie zu menschlichen Organisationen und entfernten sich allmählich von der Mitte. Deshalb sind alle diese Gefässe im Bild in einer gewissen Distanz vom Kreuz dargestellt. Sie sind auch keine reinen christlichen Gemeinden mehr, sondern enthalten einen gewissen Prozentsatz (eine Mehrheit, wie ich befürchte) von Namenschristen, die nicht wiedergeboren sind. (Im Bild dargestellt dadurch, dass die Gefässe sowohl weisse wie schwarze Punkte enthalten.)

Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf diese Situation.

Den Ökumenismus habe ich in der vorherigen Folge beschrieben. Man könnte sagen, der Ökumenismus versucht alle diese Gefässe zusammenzufassen und alles, was darin ist; während er die Mitte, das Kreuz und die Person Jesu, weitgehend ausser acht lässt. Die gegenwärtige ökumenische Bewegung hat sich sogar anderen Religionen geöffnet; deshalb ist im Bild der Kreis des „Ökumenismus“ noch weiter gezeichnet als der Kreis derer, die sich „Christen“ nennen.

Es gibt auch die gegenteilige Reaktion, den Denominationalismus oder Konfessionalismus. Der Denominationalismus sucht die Einheit in einer erzwungenen Übereinstimmung mit der eigenen Gemeindetradition. Wenn wir in den Paulusbriefen aufgefordert werden, „gleichgesinnt“ zu sein, dann legen Denominationalisten dies so aus: „Alle müssen mit unserer speziellen Tradition, Gottesdienstform und Bibelauslegung übereinstimmen.“ Sie sehen das „Unreine“ in den anderen Gefässen, übersehen aber die „dunklen Punkte“ in ihrem eigenen Gefäss (und oft auch die hellen Punkte in den anderen Gefässen).
– Eine spezielle Form des Denominationalismus ist das Papsttum, wo die Einheit auf der gemeinsamen Unterordnung unter eine menschliche Hierarchie beruht, und auf der Lehre, die römisch-katholische Kirche sei die einzige wahre Kirche. – Evangelische Denominationalisten behaupten zwar nicht, sie seien die einzige wahre Kirche; aber in der Praxis handeln sie oft so, als ob sie dies glaubten.

Auch diese Form der Einheit lässt die Mitte des christlichen Glaubens, die Person Jesu, weitgehend ausser acht. Stattdessen stellt sie einen menschlichen Leiter, eine menschliche Tradition oder eine spezifische Lehrmeinung in den Mittelpunkt.

„Die Extreme berühren sich“ auch hier: Im Verbot des „Proselytismus“ berühren sich Ökumenismus und Denominationalismus. Beide widersprechen einander bezüglich der Form, wie Einheit hergestellt werden soll; aber beide sind sich in diesem Punkt einig: Die „Gefässe“ sind heilige Kühe, die nicht angetastet werden dürfen.

Und das ist genau der Grund, warum beide an der christlichen Einheit vorbeizielen. Die Einheit, um die Jesus betete, ist eine Einheit in ihm selbst. Nicht in einer menschlichen Organisation; auch nicht in einer Vereinbarung zwischen vielen solchen Organisationen.
„Ich in ihnen, und du in mir, damit sie vollkommen seien in Einheit…“ (Joh.17,23).

Bevor Jesus um Einheit betete, betete er um Heiligung:
„Ich bete nicht, dass du sie aus der Welt herausnimmst; aber dass du sie vor dem Bösen behütest. Sie sind nicht von der Welt, so wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ (Joh.17,15-19)

„Heilig“ sein bedeutet „ausgesondert sein für Gott“, „ganz und gar auf der Seite Gottes stehen“, und deshalb auch „ganz und gar gegen alles, was Gott widerspricht“. Im Gebet Jesu ist Heiligung die Basis für Einheit. Nur diejenigen, die zuerst ganz radikal „parteiisch“ werden für Gott und seine Wahrheit, können dann „unparteiisch“ in die Einheit mit allen anderen eintreten, die zur „Partei Gottes“ gehören.

In anderen Worten: Solange wir uns anstrengen, uns „einander“ anzunähern oder andere „näher zu uns“ hinzuziehen, werden wir keine Einheit schaffen können. Wenn wir uns aber darauf konzentrieren, uns Jesus anzunähern, dann werden wir finden, dass wir unweigerlich auch einander näherkommen.
Beim Versuch, auf menschlicher Ebene „Einheit“ zu schaffen, machen wir oft die Erfahrung: Sobald wir uns einem gewissen Segment der „Christenheit“ annähern, sehen wir uns in einer grösseren Distanz zu einem anderen Segment. Sobald wir neue Freunde im einen Lager gewinnen, machen wir uns Feinde in einem anderen Lager.
Im Bild können wir dies mit einer Hin- und Her-Bewegung auf einer Kreislinie vergleichen, die im ständig gleichen Abstand um das Kreuz herumläuft. So können wir zwar einigen Mitchristen näherkommen, entfernen uns aber gleichzeitig von anderen.
Die Alternative dazu wäre eine Bewegung auf Jesus hin, direkt auf das Zentrum zu. Dabei scheint es zunächst, dass wir uns von allen Gefährten entfernen, die wir neben uns auf der Kreislinie zurücklassen. Aber bald werden wir andere finden, die aus anderen Richtungen auf dasselbe Zentrum zugehen; und je näher wir zu Jesus kommen, desto näher kommen wir auch diesen anderen.

Da ist aber noch ein Problem. Wir sind ja (mehrheitlich) in unseren „Gefässen“ drin! Wie weit werden uns diese Gefässe erlauben, uns Jesus anzunähern? – Ideal wäre es natürlich, wenn das ganze Gefäss zur Mitte, zu Jesus zurückkehrte. Das war das Ideal der Reformation und manch anderer Erneuerungsbewegungen. Aber die Kirchengeschichte zeigt, dass dies so gut wie unmöglich ist. Fast alle geistlichen Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen wurden von ihren eigenen „Muttergefässen“ abgelehnt und sogar verfolgt. Oft waren es gerade die kirchlichen Leiter, welche die Gemeindeglieder davor zurückhielten, einer Erweckungsbewegung zu folgen.

Historisch geschah deshalb meistens das Folgende: In Erweckungszeiten wurden Gläubige „aufgeweckt“ und begannen sich Jesus anzunähern. Da ihr „Gefäss“, ihre Gemeinde, diese Bewegung aber nicht mitmachte, wurde mit der Zeit die Spannung so gross, dass diese Erweckten sich gezwungen sahen, ihr „Gefäss“ hinter sich zu lassen (durch eigene Entscheidung oder durch Ausschluss). Sie fanden Gemeinschaft und Einheit mit anderen Erweckten (oft aus unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund), in der Nähe zu Jesus. Diese Einheit war jeweils am intensivsten in der Anfangszeit, solange die Gemeinschaft mit Jesus vorrangig war und die Organisation zweitrangig. Aber mit der Zeit flaute die Erweckung ab, und das neue organisatorische „Gefäss“ trat in den Vordergrund (und begann sich gleichzeitig von der Mitte zu entfernen).

Paulus warnte die Korinther davon, sich mit menschlichen „Denominationen“ zu identifizieren:
„…dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, und ich zu Apollos, und ich zu Kephas, und ich zu Christus. Ist etwa Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder wurdet ihr auf den Namen von Paulus getauft?“ (1.Kor.1,12.13)
„Wer ist denn Paulus, und wer ist Apollos? Diener, durch die ihr zum Glauben gekommen seid, und dies wie der Herr es jedem gegeben hat. … Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist: Jesus Christus.“ (1.Kor.3,5.11)

In anderen Worten sagt er: „Ich erhebe keinen Besitzanspruch auf euch. Nicht ich bin es, der sein Leben für euch gegeben hat; Jesus hat dies getan. Er allein ist euer Fundament und euer Eigentümer. Werdet also nicht Nachfolger von menschlichen Parteien.“

– Ich könnte verschiedene historische Beispiele anführen für das Gesagte. Hier stellvertretend nur ein paar Zitate aus dem Buch „Azusa Street“ von Frank Bartleman, einem der ersten Pioniere der Pfingstbewegung:

„Ein Geist grosser Demut zeigte sich in dieser Versammlung. Alle waren auf Gott konzentriert. Offenbar hatte der Herr seinen kleinen Überrest gefunden, – draussen, wie immer -, durch den er seinen Willen tun konnte. Er konnte dies in keinem der Missionswerke des Landes tun; alle befanden sich in den Händen von Menschen. …Der Geist wurde von neuem in einem ärmlichen ‚Stall‘ geboren, ausserhalb der kirchlichen Institutionen, wie immer. Ein ‚Leib‘ muss vorbereitet sein, in Umkehr und Demut, für jede Ausgiessung des Geistes.“

„Wir waren alle Brüder. Wir hatten kein menschliches Programm. Gott selber leitete uns. Wir hatten keine Priesterklasse und keine priesterlichen Dienste. Diese Dinge kamen später, mit dem Abfall der Bewegung. Anfangs hatten wir nicht einmal eine Bühne oder Kanzel. Alle befanden sich auf derselben Höhe. Die Diener Gottes waren Diener im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Wir dürfen keine Lehre vertreten, und keine Erfahrung suchen, ausser in Christus. …Die Aufmerksamkeit der Leute muss sich zuerst, und immer, auf ihn richten. Ein wahres ‚Pfingsten‘ wird eine sehr starke Überführung von Sünde bewirken, eine Rückkehr zu Gott. …Jedes Werk, das den Heiligen Geist oder die Gaben über Jesus erhebt, wird im Fanatismus enden. Alles, was Jesus erhoben und geliebt macht, ist gut und sicher…“

„Eines Tages zeigte mir Gott, dass sie (die Leiter von Azusa Street) daran dachten, sich zu organisieren, obwohl niemand ein Wort davon gesagt hatte. Der Geist hiess mich aufstehen und sie vor der Gefahr warnen, aus dem pfingstlichen Werk eine ‚Partei‘ zu machen. Die Heiligen sollten ‚ein Leib‘ bleiben, und frei sein, nicht ‚wieder unter einem (kirchlichen) Joch’… Am nächsten Tag fand ich über der Tür von Azusa ein Schild: ‚Missionswerk des apostolischen Glaubens.‘ Der Herr sagte mir: ‚Das ist es, was ich dir sagte.‘ Sie hatten es tatsächlich getan. Ein ‚Parteigeist‘ kann nicht ‚pfingstlich‘ sein. …Danach versuchten sie, das ganze Werk an der Küste in diese Organisation einzuschliessen, aber sie versagten kläglich… Das Volk Gottes muss frei sein von Hierarchien.“

„Je mehr die Bewegung abfiel, desto höher wurden die Bühnen, und desto feiner die Anzüge (der Prediger)… Die Könige kehrten auf ihre Throne zurück. Wir waren nicht mehr alle Brüder. Und die Spaltungen multiplizierten sich. Während Bruder Seymour in Azusa Street seinen Kopf in einer leeren Schachtel hielt, ging alles gut. (Anm: Er verbrachte die meiste Zeit in den Versammlungen so betend, statt zu ‚leiten‘.) Aber schliesslich bauten sie auch für ihn einen Thron. Jetzt haben wir nicht nur eine Hierarchie, sondern viele.“

Ähnliche Beobachtungen könnten wir auch bei anderen Erweckungsbewegungen machen wie z.B.bei den Pietisten, den Herrnhutern, den Methodisten, usw. Am Anfang war die Einheit mit Jesus zentral, was automatisch eine Einheit unter den Erweckten bewirkte. Mit der Zeit aber trat die „Organisation“ und die „Gemeindetradition“ in den Vordergrund, während die Beziehung zu Jesus (und damit die Erweckung und die Einheit) abflaute.

Über die Einheit der Christen – Teil 1: Warum ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mitmache

12. Juli 2011

Lange Zeit habe ich interdenominationell mit christlichen Gemeinden aus verschiedensten Hintergründen zusammengearbeitet, ohne mich aber einem bestimmten Gemeindeverband zu verpflichten. Man könnte das eine „ökumenische“ Gesinnung nennen. Manche Bekannte konnten es deshalb nicht richtig einordnen, dass ich andererseits aber die ökumenische Bewegung kritisch beurteile. Ist das nicht ein Widerspruch? Bin ich jetzt für oder gegen die Einheit der Christen? – Mit dieser Artikelserie möchte ich auf diesen Themenkreis eingehen.

(NB: Die meisten Zitate sind aus dem Spanischen (rück-) übersetzt und stimmen deshalb nicht unbedingt mit dem ursprünglichen bzw. offiziellen deutschen Wortlaut überein.)

Wem gilt die Einheit?

Die ökumenische Bewegung nimmt Johannes 17,21 zum Leitspruch: “…damit sie alle eins seien, wie du, Vater in mir und ich in dir…” Jesus betet hier für seine Jünger, und “für diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben”. – Die Verfassung des Weltkirchenrates (World Council of Churches, WCC – auch bekannt als „Ökumenischer Rat der Kirchen“, ÖRK) sagt: “Der Weltrat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften, und versuchen gemeinsam auf ihre gemeinsame Berufung zu antworten…” Das klingt zunächst ganz gut; dennoch stellen wir schon hier einen wichtigen Unterschied zu Johannes 17 fest: Jesus betet für die Einheit der Gläubigen, also Einzelpersonen; der WCC dagegen ist “eine Gemeinschaft von Kirchen”, also Organisationen.

Wenn eine Organisation “Jesus Christus als Gott und Retter bekennt”, garantiert das schon, dass deren Mitglieder auch persönlich Gläubige sind? Man muss nur die Situation jener Kirchen betrachten, die schon einige Jahrhunderte Geschichte hinter sich haben (und sich entsprechend weit von den Idealen ihrer Gründer entfernt haben), um zu sehen, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist.
– Abgesehen davon gibt es auch Mitgliedskirchen des WCC, die überhaupt kein Glaubensbekenntnis mehr haben, wie z.B. die Schweizer reformierten Landeskirchen. (Wir werden in der Folge noch weitere Beispiele sehen, wo die Praktik des WCC seinem offiziellen Bekenntnis widerspricht.)

Wer ist ein Christ?

Gemäss dem Weltkirchenrat beruht die Ökumene darauf, dass “diejenigen, die im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden, zur Einheit mit Christus gelangten…” (in: “Ein Schatz in irdenen Gefässen: Ein Instrument zu einer ökumenischen Besinnung über Hermeneutik”, Kommission “Glaube und Verfassung” des WCC). – Ein weiterer Unterschied zu Johannes 17: Jesus betet für die Gläubigen; der WCC vereint Getaufte. Offensichtlich ist nicht jeder Getaufte ein Gläubiger; insbesondere in jenen Kirchen, welche die Säuglingstaufe pflegen.

An Pfingsten sagte Petrus zu denjenigen, denen seine Worte “mitten durchs Herz” gingen, und die fragten: “Was sollen wir tun (um gerettet zu werden)?” – und nur zu diesen -: “Bekehrt euch (kehrt um, ändert euch) und lasst euch taufen…” (Apostelgeschichte 2,38). Hier, und an manchen ähnlichen Stellen im Neuen Testament, sehen wir, dass die Bekehrung der Taufe vorausgeht. – Im Missionsbefehl nach Lukas wird die Taufe überhaupt nicht erwähnt; aber die Bekehrung und die Vergebung der Sünden (Lukas 24,47). – Nach alldem ist klar, dass biblisch nicht die Taufe (als Ritual), sondern die Bekehrung (des Herzens) Grundlage ist für die Einheit mit Christus.

Siehe dazu auch: „Wer oder was ist ein Christ?“

Glaubt der Weltkirchenrat wirklich an Jesus “nach dem Zeugnis der Schriften”?

Im Vorbereitungsmaterial zur Weltkonferenz über Mission und Evangelisation des WCC 1973 finden sich folgende Worte:
“Das Reden von Erlösung ist mit einer veralteten Religionspsychologie verbunden. (…) Ich als Mensch des Jahres 1972 habe kein Interesse an der Erlösung meiner Seele; … die ewige Glückseligkeit enthält beinahe nichts. Das Erlösungswerk Christi für uns ist ebenso unvorstellbar, denn er war so weit von uns entfernt in der Geschichte, und ist so anders als die meisten von uns. Die Kirche muss die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehen, dass die Erlösung der Seele für unsere Zeitgenossen keine dringende Angelegenheit ist. … Die Idee vom “Lamm Gottes” hat keinen Platz in der modernen verstädterten Welt; ebensowenig der Ausspruch, dass Christus uns erlöste durch seinen Tod am Kreuz. Was ich sagen möchte, ist dies: Die Erlösung in ihrem traditionellen Sinn ist wirklich unverständlich für viele Menschen heute.”
(George Johnston, “Soll die Kirche heute noch über Erlösung sprechen?”)

Diese Art von “Theologie”, die dem eingangs zitierten Bekenntnis des WCC direkt widerspricht, wird von diesem nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert. Im bereits zitierten Dokument “Ein Schatz in irdenen Gefässen…” heisst es: “Die Natur der biblischen Texte bedeutet, dass zu ihrer Interpretation der ständige Gebrauch der historisch-kritischen Methode nötig sein wird…” – In einem früheren Artikel habe ich die “historisch-kritische Methode” eingehend beleuchtet. Wir haben dort gesehen, dass die konsequenten Vertreter dieser Methode nicht “den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften” – im Gegenteil, die Methode an sich beruht auf der Verleugnung dieses Zeugnisses. (Einzelheiten siehe im erwähnten Artikel.)

Bei dem zitierten Dokument handelt es sich um eine offizielle Erklärung der Kommission für “Glaube und Verfassung” des Weltkirchenrates. Dieser hat somit die “historisch-kritische Methode” zu seiner offiziellen Theologie erklärt. Das bedeutet aber zugleich, dass der Weltkirchenrat nicht offen ist für diejenigen Kirchen und Christen, welche die “historisch-kritische Methode” ablehnen. Die ökumenische Bewegung anerkennt in Wirklichkeit nicht die ganze Vielfalt christlicher Kirchen und Strömungen, sondern nur diejenigen, die sich dem Diktat der “historisch-kritischen Methode” unterwerfen. Dies ist für mich ein gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Wo ist die Grenze der Ökumene?

Die Verfassung des WCC spricht nur von christlichen Kirchen. Seine Praktik geht aber weit darüber hinaus. In einer offiziellen Erklärung von 1997 heisst es:
“Immer mehr Stimmen aus den Kirchen … sprechen von der Notwendigkeit einer ‚erweiterten Ökumene'(Makro-Ökumene), wonach die ökumenische Bewegung sich anderen Religionen und kulturellen Traditionen ausserhalb der christlichen Gemeinschaft öffnen soll.”

In der Praxis ist das schon längst Wirklichkeit. An den Weltversammlungen des WCC werden regelmässig heidnische Zeremonien aus dem Schamanismus, aus afrikanischen Ahnenkulten, usw. durchgeführt, wo direkt die Götter und Geister dieser Religionen angerufen werden. Im Gegensatz dazu hat m.W. der WCC noch nie die Vertreter solcher Religionen dazu aufgefordert, Jesus Christus anzubeten. Der vom WCC geforderte “interreligiöse Dialog” ist sehr einseitig. Eine Konsultation des WCC über religiösen Pluralismus im Ökumenischen Institut Bossey schlug in ihrem Schlussbericht (1999) Christen vor, “Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen anderer Religionen in ihre eigene Liturgie und Anbetung aufzunehmen, z.B. Lesungen aus den Schriften des Hinduismus …” Andererseits hat der WCC bereits 1973 in Bangkok die christlichen Kirchen in Europa und Amerika dazu aufgerufen, keine Missionare mehr in Drittweltländer zu senden. Also: nach der Politik des WCC dürfen die Christen keine Heiden missionieren, aber Heiden dürfen und sollen Christen missionieren.

Da ich nicht dazu gezwungen werden möchte, heidnischen Bräuchen und Glaubensinhalten zu folgen, ist dies für mich ein weiterer gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Das Verhältnis zwischen christlichen Gemeinden und zwischen einzelnen Christen

Der Weltkirchenrat spricht sich in scharfen Worten gegen den “Proselytismus” aus:
“Mitglied (des WCC) zu sein bedeutet, die Mission der Kirche als gemeinschaftlich geteilte Verantwortung zu sehen, statt missionarische oder evangelistische Aktivitäten isoliert voneinander zu unternehmen; und noch viel weniger zur Konkurrenz gegen andere Gläubige oder zum Proselytismus zu greifen.”
(“Zu einem gemeinsamen Verständnis und Vision des Weltkirchenrates”, 1997)

Religionsfreiheit und Proselytismus. Es gibt keine Ausnahme zum grundlegenden Menschenrecht der Religionsfreiheit. … Wir bekräftigen die Notwendigkeit einer ökumenischen Disziplin, besonders in der Beziehung mit Ländern, die sich in der schwierigen Situation des Übergangs zur Demokratie befinden, und unter der Invasion ausländischer religiöser Bewegungen und dem Proselytismus leiden. Wir wiederholen, dass der WCC sich dem Proselytismus entgegensetzt, und fordern die Mitgliedskirchen auf, den Glauben und die Integrität der Schwesterkirchen zu respektieren…”
(Erklärung über Menschenrechte, Weltkonferenz des WCC 1998)

Was bedeutet dies im Klartext? – Der WCC versteht unter “Proselytismus” jegliche Form der Evangelisation, die sich an Menschen richtet, welche bereits Mitglieder einer “christlichen” Kirche sind. Nach dieser Definition dürfte z.B. in Ländern wie Perú, wo fast jedermann nominell katholisch ist, überhaupt nicht evangelisiert werden. Im Rahmen der sogenannten Makro-Ökumene (s.o.) wird dann der Begriff “Proselytismus” auch auf die Evangelisation unter Angehörigen anderer Religionen ausgeweitet.

Gemäss dem erstgenannten Zitat dürften Gemeinden und Christen von sich aus keinerlei missionarische oder evangelistische Aktivitäten unternehmen, sondern nur “gemeinschaftlich geteilte”, d.h. im Rahmen der ökumenischen Bewegung. – Das zweite Zitat steht im Zusammenhang mit dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit, womit suggeriert wird, Evangelisation sei ein Angriff auf die Religionsfreiheit. (Nirgendwo wird hingegen gesagt, dass die Religionsfreiheit auch das Recht auf Evangelisation einschliesse.)

Wäre eine Einheit der Christen Wirklichkeit in den Kirchen des Weltkirchenrates, dann käme keine dieser Kirchen auf die Idee, ihre Mitglieder eifersüchtig vor “Proselytismus” schützen zu wollen. In Wirklichkeit werden dadurch die Mitglieder vom Glauben abgefallener Kirchen davor “beschützt”, das biblische Evangelium zu hören; und die Barrieren zwischen den Kirchen werden noch verstärkt, da die Mitglieder davon abgehalten werden, ihren eigenen “konfessionellen Zaun” zu übertreten – es sei denn im Rahmen der Einheits-Ideologie des Weltkirchenrates.
Wäre eine solche Politik in früheren Jahrhunderten in Kraft gewesen, dann hätte Luther nie die katholische Kirche zur Umkehr aufrufen dürfen. Wesley hätte nie seine von der anglikanischen Kirche nicht anerkannten Laienprediger losschicken dürfen, um Anglikaner zur Bekehrung aufzurufen. Selbst Paulus hätte nie in den jüdischen Synagogen über Jesus predigen dürfen.

Leider haben auch die evangelikalen Gemeinden und Allianzen in dieser Hinsicht, soweit ich beobachten kann, die Politik des Weltkirchenrates übernommen. Zwar nicht in bezug auf die Evangelisation von Katholiken, aber in bezug auf die Beziehungen der Mitgliedskirchen untereinander. (Statt “Proselytismus” benutzen sie den Ausdruck “Schafe stehlen”.) Wenn ein Evangelikaler in Perú die Gemeinde wechseln will, braucht er dazu einen Empfehlungsbrief des Pastors; und wehe dem Pastor, der diese Prozedur nicht beachtet! In manchen Gemeinden wird den Mitgliedern verboten, ohne Erlaubnis ihres Pastors einen Gottesdienst in einer anderen Gemeinde zu besuchen. Es gibt zwar gemeinsame Anlässe der Gemeinden unter der Aufsicht der Allianz. Wenn aber “gewöhnliche Christen” aus verschiedenen Gemeinden sich zusammentun, ohne dazu den “Segen” ihrer Pastoren einzuholen, dann werden sie argwöhnisch beobachtet, und meistens werden die Beteiligten von ihren Gemeindeleitern schnell und barsch zurückgepfiffen.
Dies ist besonders problematisch, wenn wir in Betracht ziehen, dass inzwischen auch viele “Evangelikale” nur Namenschristen sind, und dass auch in vielen “evangelikalen” Gemeinden nicht mehr das biblische Evangelium verkündet wird. Das “Nein zum Proselytismus” hindert auch diese Namenschristen daran, das Evangelium zu hören. Ausserdem wird dadurch verhindert, dass Leiter und Mitglieder von Gemeinden, die sich vom Evangelium entfernt haben, von Vertretern anderer Gemeinden auf ihren Fehler aufmerksam gemacht werden könnten.

Ich möchte mir nicht von Leitern, die sich “christlich” nennen, einen Maulkorb umbinden lassen bezüglich meines Zeugnisses für Christus. Deshalb bin ich nicht dazu bereit, mich dieser Ökumene anzuschliessen.

Ich hoffe hiermit auch dargestellt zu haben, dass “Ökumene” und “christliche Einheit” nicht gleichbedeutend sind. (In einer Fortsetzung möchte ich, so Gott will, darauf eingehen, wie ich christliche Einheit verstehe.) Aus den genannten Gründen mache ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mit; und auch nicht mit “evangelikalen” Gemeinden, die im selben Fahrwasser mitschwimmen.

Hier in Perú (und anscheinend in Lateinamerika überhaupt) sind die Verbindungen zwischen Evangelikalen und ökumenischer Bewegung auf den höchsten Leiterschaftsebenen schon sehr weit fortgeschritten; aber das „gewöhnliche Kirchenvolk“ hat noch nichts davon mitbekommen. Das beunruhigt mich.
Bei Nachforschungen über diese Verknüpfungen stiess ich immer wieder auf dieselben Organisationen, und oft in Zusammenarbeit miteinander: Die United Bible Societies (UBS) und die ihnen angeschlossenen nationalen Bibelgesellschaften (die in Lateinamerika führend sind in der Verbreitung bibelkritischer Theologie); die Lateinamerikanische Theologische Bruderschaft (Fraternidad Teológica Latinomericana, FTL) – eine auf höheren Ebenen einflussreiche Organisation, von der aber die meisten „gewöhnlichen“ Kirchenmitglieder und Pastoren nicht einmal Kenntnis haben -; der Lateinamerikanische Kirchenrat (CLAI, das ist der lateinamerikanische Zweig des Weltkirchenrates); und das Sozialwerk „World Vision“ ( = „Weltliche Vision“ in der angebrachtesten – wenn auch nicht ganz korrekten – Übersetzung). Alle diese Organisationen vertreten mehr oder weniger offen die Ziele des Weltkirchenrates und die bibelkritische Theologie; werden aber von den Evangelikalen mit offen Armen als „Geschwister“ empfangen. Auch das beunruhigt mich. (Ich verbiete niemandem, ökumenische Überzeugungen zu haben und zu vertreten. Aber wo das auf diese verdeckte Weise geschieht, hintenherum und unter „bibeltreuer“ Tarnung, da kann ich nicht schweigen.) – Wie aus der Aufzählung hervorgeht, betreffen diese ökumenischen Verknüpfungen sowohl einheimische wie ausländische Organisationen.

Hier in Perú muss ich auch die Evangelische Allianz zu diesen ökumenischen Verknüpfungen zählen (hierzulande CONEP – Concilio Nacional Evangélico del Perú – genannt). Im Internet-Verzeichnis der internationalen Mitarbeiter des Weltkirchenrates (Stand 2004) figurieren genau zwei Peruaner: Rafael Goto Silva und Tito Paredes. Derselbe Rafael Goto Silva war von 2005 bis 2009 Präsident des CONEP; Tito Paredes war ebenfalls Leitungsmitglied. Mehrere andere Mitglieder des siebenköpfigen Vorstandes sind ebenfalls Mitglieder bzw. Mitarbeiter von ökumenischen Organisationen. Somit sind praktisch alle evangelikalen Kirchen in Perú – obwohl sie offiziell keine Mitglieder des Weltkirchenrates sind – „inoffiziell“ via CONEP in die weltweite ökumenische Bewegung eingebunden worden. Auch das beunruhigt mich natürlich.

Ich betone nochmals, es geht mir hier nicht darum, dass die Evangelische Allianz keine ökumenische Ausrichtung haben „dürfte“. (Sie hat sie ja sowieso, egal ob jemand dies kritisiert oder nicht.) Es geht mir um die unredlichen Methoden, die dabei angewandt werden, damit die breite Masse der Gemeindeglieder und Pastoren (die der Ökumene mehrheitlich kritisch gegenüberstehen) nichts davon mitbekommt. Von den Kanzeln herab wird die Ökumene lautstark verurteilt, während die obersten Leiter derselben Gemeindeverbände selber Ökumeniker sind. Im Jahre 1999 wurde mit einem politischen Manöver (das in einem Pressebericht als „Staatsstreich“ bezeichnet wurde) die nationale Leiterschaft eines der grössten peruanischen Gemeindeverbände abgesetzt und durch andere Leiter ersetzt, die der ökumenischen Bewegung freundlich gesinnt waren und ihr z.T. selber angehörten. – An der Bibelschule, wo ich selber mehrere Jahre lang mitarbeitete, wurde offiziell die göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel gelehrt; inoffiziell aber waren die meisten Lehrer Ökumeniker und Bibelkritiker. (Meine Schüler des Abschlussjahrganges fielen aus allen Wolken, als ich ihnen die Denkvoraussetzungen der Bibelkritik erklärte und ihnen zeigte, dass die Hälfte der Bücher in der Schulbibliothek bibelkritisch waren: „Bis jetzt hat kein einziger Lehrer mit uns über dieses Thema gesprochen!“) Klar, dass auch das mich beunruhigt.

Es ist bezeichnend, dass es ein Vertreter der peruanischen Bibelgesellschaft war, welcher vor der Regionalsynode eines grossen Gemeindeverbandes forderte, die Verbreitung meiner Schrift über den Ökumenismus (wo obige Informationen mit Quellenangaben dokumentiert waren) sei in den Gemeinden zu verbieten, und mir als Person sei ein Lehr- und Predigtverbot zu erteilen. Deshalb erscheint der vorliegende Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.

Bezeichnend auch, dass die Schweizer Missionsorganisation, die mich damals noch (zumindest als Lippenbekenntnis) „unterstützte“, aus meinem Jahresbericht vor der Veröffentlichung einen Hinweis auf diese Situation wegstrich, ohne jede Rücksprache mit mir. Auch deshalb erscheint dieser Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.

Ausbildung der Kinder zuhause („Homeschooling“) nach Raymond Moore

23. Juli 2009

Die Vorschläge von Raymond und Dorothy Moore sind jene, die uns am meisten überzeugt haben. Sie können sich auf eine immense Zahl von Forschungen abstützen, und dazu auf ihre eigene langjährige Erfahrung als Lehrer, Schulpsychologen und -direktoren, und Eltern. Dadurch kamen sie zum Schluss:

Erziehung der Kinder zuhause („Homeschooling“) ist:
– das Beste für eine gesunde Entwicklung der Kinder,
– möglich und gar nicht so schwierig für die Eltern, unabhängig von deren schulischem Niveau,
– kein „Schulunterricht zuhause“, sondern etwas viel Natürlicheres und Kindgemässeres.

Ich gebe zu, unsere eigene Anwendung der nachfolgenden Prinzipien ist nicht ideal. Aufgrund unserer Lebensumstände haben wir auch keine „Mentoren“ o.ä. in unserer Nähe, die uns in dieser Hinsicht helfen könnten. Aber unsere Kinder lernen trotz unserer Unzulänglichkeiten. Und vielleicht können gerade unsere „halbfertigen“ und pionierhaften Erfahrungen andere Eltern ermutigen, die ihren Kindern eine gesunde Entwicklung und Lernerfahrung abseits vom schulischen Druck bieten möchten. Deshalb gedenke ich weiterhin ab und zu in der Rubrik „Aus der Schule geplaudert“ einige unserer Erfahrungen zu berichten.

Nachstehend also die „Moore-Formel“, wie sie von Raymond Moore auf seiner Homepage (http://www.moorefoundation.com/) beschrieben wird:

Die Moore-Formel

Wie man mit wenig Stress, wenig Aufwand und grossem Erfolg Kinder unterrichten kann.

(…)

DIE FORMEL:
1) Lernen,
von wenigen Minuten bis zu einigen Stunden am Tag, je nach der Reife des Kindes.
2) Körperliche und Handarbeit, mindestens so viel wie Lernen.
3) Dienst zuhause oder am Wohnort, etwa eine Stunde täglich.
Konzentrieren Sie sich auf die Interessen und Bedürfnisse der Kinder; seien Sie ein Beispiel an Ausdauer, Neugier und Geduld. Leben Sie mit ihnen! Sorgen Sie sich weniger um Prüfungen. Wenn Sie Ihre Kinder lieben und lesen, schreiben, zählen und klar sprechen können, dann sind Sie mit der Moore-Formel ein meisterhafter Lehrer.

LERNEN: Moore bietet einige Lehrgänge zum selber Entdecken an. Benutzen Sie weniger Schul- und Arbeitsbücher. Im allgemeinen sind die Eltern die besten Lehrer für ihre Kinder. Eine Untersuchung des Smithsonian-Instituts über zwanzig Genies der Weltklasse hob drei Faktoren in ihrer Entwicklung hervor:

(more…)