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Was ist Erweckung? – Teil 2

30. März 2015

Wann geschieht Erweckung?

Wir haben gesehen, was „Erweckung“ bedeutet: Die Gemeinde, die geistlich am Sterben ist, beginnt wieder zu leben.

So seltsam es also erscheinen mag: Erweckungen geschehen, wenn die Gemeinde sie nötig hat, d.h. wenn die Gemeinde am Sterben ist.

Tatsächlich wiederholt sich dieser Kreislauf von Abfall und Erweckung, neuerlichem Abfall und neuerlicher Erweckung, durch die ganze Kirchengeschichte. Und fast immer gab es vor einer Erweckung eine Zeit „geistlicher Dürre“. Eine Zeit zunehmender Unmoral in Kirche und Gesellschaft; eine Zeit, wo die Menschen dachten, das Wort Gottes hätte nichts mit ihrem täglichen Leben zu tun; eine Zeit, wo die Christen sich damit zufriedengaben, ihre kirchlichen Rituale zu erfüllen, aber ihre Leben änderten sich nicht.

So ist die heutige Zeit!

Täuschen wir uns nicht. In Lateinamerika, wo ich lebe, wachsen zwar die evangelischen Gemeinden (noch), aber das ist keine Erweckung! Gemeindewachstumsprogramme, gefühlvoller Lobpreis, gute Organisation und Mitgliederwerbung… nichts von dem ist Erweckung. Solange die Leben nicht zutiefst vom Heiligen Geist durchgeschüttelt und verändert werden, vervielfachen wir nur die Zahl von schlafenden und sterbenden Christen.

Aber damit Erweckung geschieht, muss ein zweiter Umstand erfüllt sein:

Eine genügend grosse Anzahl von Christen muss die Augen öffnen. Sie müssen sich bewusst werden, in welch traurigen Zuständen wir leben. Sie müssen zuerst ihr eigenes Leben vor Gott in Ordnung bringen, und dann zum Herrn schreien um Erweckung.

„Und er rief laut in meine Ohren: ‚Die Gerichtsvollstrecker der Stadt sind gekommen, und jeder hat in seiner Hand seine Zerstörungswaffe.‘ … Und der Herr rief den in Leinen gekleideten Mann, der an seinem Gürtel das Schreibzeug hatte, und sagte zu ihm: Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die seufzen und schreien wegen all der Greuel, die in ihr geschehen.“ (Ezechiel 9,1-4)

Wen bezeichnet Gott auf diese Weise? Nicht einfach jene, die an den Greueln in der Stadt „nicht teilnahmen“. Zusätzlich war es nötig, „zu seufzen und zu schreien“ wegen dieser Greuel.
Für uns als Christen können wir „Jerusalem“ auf die Gemeinde anwenden. Es ist nötig, dass einige Christen anfangen „zu seufzen und zu schreien“ über den Greueln, die in der Gemeinde geschehen. Der Herr sucht Fürbitter mit offenen Augen, die den wahren Zustand der Gemeinde sehen können und zu Gott schreien um Erweckung. Alle Erweckungen in der Geschichte begannen mit der persönlichen Umkehr und dem eifrigen Gebet einiger Christen.

Ezechiel fährt fort:
„Und zu den anderen sagte er, während ich es hörte: Geht hinter diesem durch die Stadt und tötet; eure Augen sollen nicht schonen und kein Mitleid haben. Tötet Alte, junge Männer und Frauen, Kinder und Frauen, bis niemand mehr übrigbleibt; aber jene, die das Zeichen an sich haben, sollt ihr nicht anrühren. Und fangt an bei meinem Heiligtum! – Und sie fingen an mit den Ältesten, die vor dem Tempel standen…“ (Ezechiel 9,5-6)

Das Volk, das nicht umkehrt, wird ein schreckliches Gericht Gottes erleben. Und wo fängt dieses Gericht an? Beim Tempel, und bei den religiösen Leitern!
– „Aber das war im Alten Testament“, wirst du sagen; „leben wir jetzt nicht im Zeitalter der Gnade?“

Täusche dich nicht. Das folgende Zitat ist aus dem Neuen Testament:
„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Haus Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird dann das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn der Gerechte nur mit Mühe gerettet wird, wo bleibt dann der Gottlose und der Sünder?“ (1.Petrus 4,17-18)

Es ist nötig, dass eine genügende Anzahl Christen wirklich „verzweifelt “ wird für eine Erweckung. Der Reformator John Knox betete so: „Gott, gib mir Schottland, oder gib mir den Tod!“ Er gab sich nicht mit weniger zufrieden; Schottland musste gerettet werden, und Knox würde sein eigenes Leben darum geben.

Andrew Strom schreibt (in „Die Geheimnisse der frühen Kirche“):

„Wie die Geschichte zeigt, kann die Gemeinde nur dann eine echte Erweckung erwarten, wenn ein Rest von Gottes Volk „verzweifelt“ wird – verzweifelt über den abgefallenen Zustand der Gemeinde, verzweifelt über die Lauheit in ihnen selber und den Menschen um sie herum, verzweifelt über die Tatsache, dass Gott nicht verherrlicht wird, dass Er nicht wirklich Herr der Gemeinde ist, dass Seine Worte verspottet werden oder als irrelevant angesehen werden von einer sterbenden Welt. Erweckung wird kommen, wenn Gottes Volk sich wirklich demütigt; wenn sie ihre „positiven Phantasien“ („Steh auf, du Volk der Kraft“, usw.) ersetzen durch die Realität von Jakobus‘ Klage: „Fühlt euer Elend, und trauert und weint! Euer Lachen soll sich in Trauer verwandeln, und eure Freunde in Niedergeschlagenheit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen!“ (Jak.4,9-10)
Wie von Evan Roberts gesagt wurde: „Er zerbrach vor Gott und weinte bitterlich, dass er sie vor ihm beugen möge, in einer Agonie des Gebets, während Tränen über seine Wangen liefen und sein ganzer Körper sich vor Schmerz krümmte.“ – Und John Wesley fragte: „Hast du Tage des Fastens und Gebets? Stürme den Thron der Gnade und verbleibe dort, und Erbarmen wird aus der Höhe herunterkommen.“ Geschwister, wir müssen VERZWEIFELT werden in unseren Gebeten!“


Was ist also eine Erweckung?

Soweit können wir verstehen, dass Erweckung alles zu tun hat damit, zu einer richtigen Beziehung mit Gott zurückzukehren.

Auf persönlicher Ebene bedeutet dies:
Die Christen erleben eine tiefe Umkehr von ganzem Herzen.
Ein Christ, der erweckt wird, begnügt sich nicht damit, nur die offensichtlichsten Sünden hinter sich zu lassen (wie z.B. Trunkenheit, Diebstahl und Betrug, sexuelle Sünden…). Er prüft sich selbst, um auch jene verborgenen Sünden aus seinem Leben zu verbannen, von denen niemand weiss: die kleinen Notlügen, die Falschheit im Denken, die neidischen, habsüchtigen oder boshaften geheimen Absichten gegen andere Menschen, die sexuellen Phantasien, den versteckten Stolz, die Undankbarkeit und Gleichgültigkeit Gott gegenüber, den Gehorsam, der nur äusserlich ist und nicht von Herzen, die Feigheit, wo es darum geht, Zeugnis abzulegen oder für die Gerechtigkeit aufzustehen, usw. Oft sind es diese „kleinen“ versteckten Sünden, die eine Erweckung verhindern.

Auf der Ebene der Gemeinde bedeutet es:
Die Gemeinde wird wieder zu dem, was sie nach der Lehre Jesu und der Apostel sein sollte.
In einer Erweckung verwirft die Gemeinde die menschlichen Traditionen und Gewohnheiten, denen sie bis dahin gefolgt ist, und beginnt die Worte des Herrn ernsthaft in die Tat umzusetzen. Die Gemeinde wagt es wieder, die Erwartungen der Welt (und selbst der Christen) radikal zu ignorieren, um dem Herrn allein zu gehorchen.

Zwar hat die Gemeinde während ihrer ganzen Geschichte in keiner Erweckung je wieder die Höhe der Urgemeinde erreicht. Aber in jeder Erweckung wurden einige biblische Wahrheiten wiederentdeckt, die die Gemeinde in den Zeiten des Abfalls verloren hatte. Wenn wir die heutigen Gemeinden mit dem Wort Gottes vergleichen, dann sehen wir, dass es noch viele biblische Wahrheiten gibt, die wiederhergestellt werden sollten!

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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 4

13. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

8. Zweifel nach der Bekehrung

Einige Bekehrte sind fast immer voll von Hoffnung und Zufriedenheit hinsichtlich ihrer eigenen Errettung; aber doch nicht so sehr, dass sie die Selbstprüfung als unnötig ansähen. Andererseits fallen die meisten ab und zu ein einen „toten“ Geisteszustand und haben dann häufige Skrupel und Furcht hinsichtlich ihres Zustandes.

Sie wissen, wie schrecklich eine falsche Hoffnung ist; und die meisten sind sehr vorsichtig, wenn sie von ihren Erfahrungen Zeugnis geben. Manche fürchteten danach, als Heuchler gehandelt zu haben, und sich stärker ausgedrückt zu haben, als es in ihrem Fall zulässig wäre; aber sie wussten nicht, wie sie sich korrigieren könnten.

Ich denke, der Hauptgrund für diese Zweifel und Furcht nach der Bekehrung besteht darin, dass sie noch so viel Verderbnis in ihren Herzen übrig finden. Anfangs schienen ihre Seelen völlig lebendig zu sein, ihre Herzen waren in Ordnung, und sie fanden wenig Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens. Dann sind sie überrascht, wenn sie feststellen, dass sie ab und zu wieder in Gleichgültigkeit oder in ablenkende Gedanken fallen während den gemeinsamen oder persönlichen Anbetungszeiten, und diese Gedanken nicht aufhalten können. Oder sie finden wieder weltliche Haltungen in sich: Stolz, Neid, Rachsucht, und andere Werke der innewohnenden Sünde. Dann sinkt ihr Mut vor Enttäuschung, und sie beginnen zu denken, sie seien nur Heuchler.

Dann sagen sie, es sei so viel Verderbnis in ihren Herzen, dass da keine Güte wohne. Viele sind ihrer eigenen Verderbtheit gegenüber viel sensibler als vor ihrer Bekehrung, und es scheint ihnen, ihr Zustand würde schlimmer statt besser. Aber die Wahrheit ist, dass sie jetzt – im Gegensatz zu früher – ihrem eigenen Herzen gegenüber wachsam sind, und deshalb den Schmerz ihrer eigenen Wunde stärker fühlen. So sind sie sich ihrer eigenen Sünde viel stärker bewusst und kämpfen auch stärker dagegen.

Sie sind auch davon überrascht, dass sie so wenig der Vorstellung entsprechen, die sie zuvor von einem gottesfürchtigen Menschen gehabt hatten. Obwohl die Gnade tatsächlich noch viel herrlicher ist, als sie sich vorgestellt hatten, so haben doch die Gottesfürchtigen weniger davon, und mehr verbleibende Verderbnis, als sie gedacht hatten. Sie wussten nicht, dass Bekehrte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb sind sie bei aller Selbstprüfung normalerweise nicht davon überzeugt, dass sie wirklich in der Gnade stehen, während sie durch diese „toten“ Zeiten gehen. Wenn sie von den Zeichen der Gnade hören, anhand derer sie sich selbst prüfen können, dann sind ihre Gedanken oft so umwölkt, dass sie nicht wissen, wie sie diese Zeichen anwenden sollen. Sie wissen kaum, ob sie dieses oder jenes haben oder nicht, und ob sie dieses oder jenes erfahren haben oder nicht. Sie können die Erinnerung an ihre besten, entzückendsten und herausragendsten Erfahrungen nicht wiedergewinnen. Aber wenn der Einfluss des Geistes Gottes zurückkehrt, bricht das Licht durch die Wolken, und die Zweifel und die Dunkelheit verschwinden.

Oft werden die Bekehrten neu belebt durch ein Gespräch über göttliche Dinge. Und wenn sie ihren christlichen Geschwistern ihre vergangenen Erfahrungen erzählen, lebt die Erinnerung wieder auf, und die Erfahrung selbst wird in gewissem Mass erneuert. Manchmal, wenn sie voll von Zweifeln sind, kommt ihnen eine Schriftstelle nach der andern in den Sinn, die ihre Schwierigkeiten beantwortet. Aber oft geht dem neuen Trost eine neue Demütigung voraus.

9. Innere Eindrücke und Bilder

Manche Menschen haben von diesem grossen Werk schlecht gedacht, nachdem sie von den (geistlichen) Eindrücken hörten, die die Menschen hier in ihrer Vorstellung empfangen hatten. Es gab viele Missverständnisse und falsche Berichte darüber. Soweit ich weiss, ist niemand hier in der Stadt der Meinung, es solle irgendwelches Gewicht gelegt werden auf Visionen, die jemand mit seinen körperlichen Augen gesehen hätte. Das Gegenteil ist unser Prinzip. Es gab zwar Menschen, die zu sehr von nichtigen und nutzlosen Vorstellungen beeinflusst wurden; aber diese wurden mit Leichtigkeit zurechtgewiesen. Man soll sich nicht darüber verwundern, dass eine Gemeinde in solchen Fällen Hilfe braucht, um zwischen Weizen und Spreu zu unterscheiden. Aber jene Eindrücke, die für gewöhnlich auftraten, scheinen mir keine anderen zu sein als jene, die von der menschlichen Natur unter solchen Umständen zu erwarten sind, als natürliches Ergebnis der starken Konzentration des Sinnes und der Eindrücke des Herzens.

Kaum jemand denkt, er hätte etwas mit seinen körperlichen Augen gesehen; sie werden einfach innerlich von gewissen Ideen und von Bildern in ihrem Geist stark beeindruckt. Einige sahen z.B, wenn sie in starker Furcht vor der Hölle waren, höchst lebendige Bilder von einem brennenden Ofen. Einige, wenn sie stark beeindruckt wurden von der Schönheit und Herrlichkeit Christi, erhielten in ihrem Sinn eine Idee von jemandem von herrlicher Majestät und gütigem Aussehen. Einige, die vom Tod Jesu stark berührt wurden, hatten gleichzeitig eine lebendige Idee von Christus, der am Kreuz hängt, während Blut aus seinen Wunden strömt. Wenn man weiss, wie sehr schon jeglicher starker Eindruck über Dinge dieser Welt geistige Bilder hervorruft, wird man sich über solche Dinge nicht verwundern.

Es gab tatsächlich einige wenige Fälle von Eindrücken, die mir ein Geheimnis bleiben, welche von einem viel grösseren Bewusstsein von der geistlichen Vollkommenheit göttlicher Dinge begleitet wurden. Aber ich konnte nicht herausfinden, ob die Eindrücke jener Menschen mehr waren als das, was natürlicherweise aus ihrem geistlichen Bewusstsein hervorgehen könnte. Ich bin in solchen Fällen immer äusserst vorsichtig gewesen und bemühte mich sehr, die Leute den Unterschied zu lehren zwischen dem, was geistlich ist, und dem, was nur Einbildung ist.

Man wird aus diesem Bericht ersehen haben, dass die Menschen hier die Gewohnheit haben, freimütig miteinander über ihre geistlichen Erfahrungen zu sprechen. Manche (Aussenstehende) fühlten sich davon abgestossen. Aber wenn auch unsere Leute in gewisser Hinsicht darin in Extreme gegangen sind, so ist es doch zweifellos eine Gewohnheit, die natürlicherweise durch die Umstände dieser Stadt und ihrer Nachbarstädte entstanden ist. Wo immer Menschen sich so sehr mit derselben Sache beschäftigen, dass diese Sache in ihren Gedanken zuvorderst ist, da werden sie diese Sache natürlicherweise zu ihrem Gesprächsthema machen, wenn sie zusammenkommen, und darin immer freimütiger werden. Ihre Hemmungen verschwinden, und sie werden nicht voreinander verbergen, was sie erlebt haben. Und im allgemeinen hat diese Gewohnheit viele gute Wirkungen hervorgebracht, und Gott hat sie gesegnet. Ich gebe zu, dass es auch einige schlechte Folgen gab, die aber eher einem indiskreten Umgang damit zuzuschreiben sind als der Gewohnheit selbst. Niemanden wird es verwundern, dass unter einer so grossen Menge auch einige sind, die in der Wahl der Zeit, der Gelegenheit und der Art und Weise solcher Gespräche unvorsichtig sind.

(Anm:  Punkt 9 gehört nicht mehr direkt zum Thema der Bekehrung. Ich habe diesen Abschnitt dennoch zum Nutzen des Lesers in gekürzter Form beibehalten. Es hat mich beeindruckt – v.a. angesichts der z.T. sehr heftigen Auseinandersetzungen um charismatische Erscheinungen während der letzten hundert Jahre, insbesondere im deutschen Sprachraum -, dass Edwards um diese Dinge überhaupt kein grosses Tamtam macht, weder im zustimmenden noch im ablehnenden Sinn. (Obwohl, wie aus dem Text hervorgeht, es auch damals Auseinandersetzungen darum gab.) Er beschreibt sie einfach als natürlicherweise auftretende Begleiterscheinungen, wo immer eine grössere Anzahl Menschen sich über längere Zeit und intensiv auf geistliche Dinge konzentriert. Würde Edwards heute leben, dann wäre er kaum ein Charismatiker. Aber ebensowenig würde er ständig im Sinne der Berliner Erklärung „Von unten, von unten!“ rufen und einen Skandal daraus machen. Solch ausgeglichene Persönlichkeiten hätten auch die deutschsprachigen Evangelikalen und Pfingstler der letzten hundert Jahre in grösserer Zahl nötig gehabt.)

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 3

4. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

4. Der Sünder muss davon überführt werden, dass seine Verdammung gerecht ist.

Ein Diener Gottes, der mit Menschen unter solchen Umständen zu tun hat, muss ausdrücklich betonen, dass Gott in keiner Weise verpflichtet ist, irgendeinem natürlichen Menschen Gnade zu erweisen, dessen Herz nicht zu Gott umgekehrt ist; und dass niemand rechtmässig etwas von Gott fordern kann aufgrund von irgendetwas, was er getan hat, bevor er zum Glauben an Jesus Christus kam oder eine echte Umkehr in ihm begann. Hätte ich jene, die in grosser Seelennot zu mir kamen, irgendetwas anderes gelehrt, dann hätte ich sie zugrunde gerichtet. Ich hätte dann die Absichten des Heiligen Geistes mit ihnen direkt durchkreuzt; denn hätten sie mir geglaubt, dann hätten sie angefangen sich selbst zu schmeicheln und wären sorglos geworden, und hätten so der Überführung ein Ende bereitet; oder sie hätten ihren Hader gegen Gott liebgewonnen und sich so den Weg versperrt, sich vor ihm zu demütigen.

Und dennoch brauchen Menschen unter Überführung auch Ermutigung, indem sie von der unendlichen und allgenügenden Gnade Gottes in Christus hören; und dass Gott sich finden lässt von denen, die ihn suchen, und dass er seine eigenen Mittel segnet. So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten, die beide zu Nachlässigkeit führen.
Ich denke, die gesegnetsten Gespräche waren jene, in welchen die Lehre von Gottes absoluter Souveränität inbezug auf die Errettung von Sündern betont wurde, und seine rechtmässige Freiheit inbezug auf das Beantworten von Gebeten natürlicher Menschen, solange sie in diesem Zustand verharren. Ich fand nie so viel unmittelbare Frucht der Errettung, als wenn ich über die Worte in Römer 3,19 predigte: „Damit jeder Mund verschlossen würde“, und von daher zeigte, dass es völlig gerecht wäre, wenn Gott alle natürlichen Menschen für immer verstiesse.

Bei jenen, wo die Überführung zur Errettung führt, zeigt sich normalerweise als erstes nach ihrer Seelennot eine Überzeugung, dass Gottes Verdammung gegen sie gerecht ist. In ihren Zeugnissen darüber drückten sie sich auf unterschiedliche Weise aus: einige, dass sie erkannten, dass Gott souverän ist und andere annehmen, aber sie verstossen kann; einige, dass sie davon überzeugt wurden, dass Gott gerechterweise jeder Person in der Stadt oder in der Welt Gnade erweisen könnte ausser ihnen selbst; einige, dass sie jetzt sehen, dass Gott gerechterweise alle ihre Bemühungen und Gebete für nichts achten könnte; einige, dass selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang suchten und sich bemühten, Gott sie dennoch gerechterweise in die Hölle werfen dürfte, weil all ihre Bemühungen und Gebete nicht die geringste Sünde sühnen können, noch irgendein Anrecht auf einen Segen Gottes erwerben. Einige erklärten, dass sie sich so in der Hand Gottes befänden, dass er mit ihnen machen konnte, was immer er wollte; und andere, dass Gott in ihrer Verdammung verherrlicht würde, und dass sie sich sogar darüber wunderten, dass Gott ihnen so lange erlaubte zu leben und sie nicht schon längst in die Hölle geworfen hatte.

5. Genau in diesem Moment des Zerbruchs und der tiefsten Demütigung kann der Sünder die Gnade Gottes verstehen und annehmen.

Unmittelbar vor dieser Entdeckung von Gottes Gerechtigkeit ist der Sinn des Menschen normalerweise ausserordentlich unruhig und befindet sich in einer Art Kampf und Tumult, oder Beklemmung. Aber sobald sie zu dieser Überführung kommen, beruhigt sich im allgemeinen ihr Sinn und kommt zu einer unerwarteten Gefasstheit. Meistens, wenn auch nicht immer, wird dann das drückende Gewicht von ihrem Geist weggenommen, und eine allgemeine Hoffnung erwacht, dass Gott irgendwann gnädig sein wird. Manche beschliessen dann, Gott zu Füssen zu liegen und seine Zeit abzuwarten, und ruhen darin. Sie merken nicht, dass der Geist Gottes sie gerade jetzt in einen Zustand gebracht hat, wo sie zum Empfang der Gnade vorbereitet sind. Denn viele Menschen, wenn sie zuerst zu diesem Bewusstsein der Gerechtigkeit Gottes kommen, denken nicht, dass gerade dies die Demütigung und der Zerbruch sei, von dem sie so viel gehört hatten.

Bei vielen Menschen geht diese erste Überführung von der Gerechtigkeit Gottes über die gewöhnliche Verurteilung durch das Gesetz hinaus. Im Gegenteil, sie kommt nicht aus der Furcht aufgrund des Gesetzes, sondern ist ein Beweis der Gnade Gottes, und führt sie dazu, diese Eigenschaft Gottes, die Gerechtigkeit, zu bewundern. Einige sagten sogar, dass sie erkennen konnten, wie die Herrlichkeit Gottes gerade in ihrer eigenen Verdammnis hell aufleuchten würde, und fühlten sich dazu bereit, verdammt zu werden, damit Gott dadurch verherrlicht würde. Sie hatten aber keine klare Vorstellung von der Verdammnis, und es gibt auch kein Bibelwort, das eine derartige Selbstverleugnung verlangen würde. Aber, wie andere es klarer ausdrückten, die Erlösung erschien ihnen als zu gut für sie und wäre unvereinbar mit der Majestät Gottes, den sie so sehr beleidigt hatten.

Diese Ruhe des Geistes, den einige nach ihrer Verzweiflung finden, dauert einige Zeit an, bevor sie eine besondere und angenehme Offenbarung der Gnade Gottes im Evangelium erhalten. Aber sehr oft folgt darauf ein tröstendes und liebliches Bild des mitleidsvollen Gottes, des allgenügenden Erlösers. Oft wird ihr Sinn auf Christus gerichtet in seinem Willen, Sünder zu erretten; andere erhalten Gedanken über die angenehmen und herrlichen Eigenschaften Gottes, die sich im Evangelium offenbaren: Seine Gnade und sein Mitleid; oder seine unendliche Macht zu erlösen; oder seine Wahrheit und Treue. Einige entdecken zuerst die Wahrheit und Gewissheit des Evangeliums; andere die Wahrheit spezifischer Verheissungen.

Bei einigen liegen die erste Sicht darauf, dass sie gerechterweise die Hölle verdienen, und auf die Souveränität Gottes inbezug auf ihre Erlösung, und die Entdeckung der allgenügenden Gnade so nahe beisammen, dass sie in eins zusammenzufliessen scheinen.
Manchmal erscheint die Gnade nach der Demütigung als ein ernsthaftes Verlangen der Seele nach Gott und nach Christus: ihn zu kennen, ihn zu lieben, demütig vor ihm zu sein, Gemeinschaft mit ihm zu haben. Dieses Verlangen ist normalerweise verbunden mit dem festen Entschluss, diesem Gut für immer zu folgen, und mit einer hoffnungsvollen, erwartungsvollen Haltung. Wenn jemand mit dieser Haltung anfing, dann folgten normalerweise bald weitere Erfahrungen und Entdeckungen, die noch klarer von einer Herzensveränderung zeugten.

6.Wenn Gott so mit seiner Gnade an ihnen wirkt, erkennen viele noch nicht, dass sie bereits bekehrt sind.

Oft, wenn den Menschen erstmals dieser Evangeliumsgrund der Erleichterung offenbart wird, denken sie noch gar nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Sie fühlen sich einfach erfrischt davon, dass Gott ihnen für alles genügt, und dass in Christus so volle Vorsehung getroffen wurde für alles, nachdem sie so niedergeschlagen waren im Bewusstsein ihrer Schuld und in der Furcht vor dem Zorn Gottes. Das bewirkt in ihnen einen festen Entschluss, sich selbst und ihr ganzes Leben Gott und seinem Sohn zu weihen, und geduldig zu warten, bis Gott alles bewirken würde; und oft sind sie fest davon überzeugt, dass Gott es zu seiner eigenen Zeit für sie tun würde.

So entsteht in ihnen eine heilige Ruhe der Seele in Gott durch Christus. Aber sie denken nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Der Grund dafür ist oft, dass sie nicht erkennen, dass dieses Sich-Erfreuen an der Entdeckung der Gnade bereits die wirkliche Annahme dieser Gnade ist. Sie wissen nicht, dass diese liebliche Befriedigung an der Gnade und völligen Erlösung Gottes, die sie spüren, ein echtes Empfangen dieser Gnade ist, oder ein klarer Beweis davon, dass sie sie empfangen haben. Sie erwarteten wer weiss nicht was für einen seelischen Akt, oder vielleicht wussten sie gar nicht, was sie zu erwarten hätten.

Tatsächlich hatten viele von ihnen vor ihrer Bekehrung eine sehr unvollkommene Idee davon, was eine Bekehrung ist. Die Ausdrücke, die andere gebrauchten, um ihre Bekehrung zu beschreiben, vermittelten ihrem Sinn nicht ihre wirkliche Bedeutung. Sie verstanden davon nicht mehr als ein Blindgeborener von den Namen der Farben.

In unserer Stadt beobachteten wir, dass Menschen mit dem grössten Wissen, die am meisten über diese Dinge studiert hatten, verwirrter waren als andere. Einige von ihnen erklärten, dass all ihr früheres Wissen zunichte gemacht wurde, und dass sie sich wie unwissende Kleinkinder fühlten. Es schien, dass sie es mehr nötig hatten, über ihre eigenen Umstände belehrt zu werden, als die einfachsten Christen.

Es war wunderbar zu sehen, wie die Gefühle der Menschen manchmal bewegt wurden, wenn Gott plötzlich ihre Augen öffnete. Ihre freudige Überraschung liess ihr Herz springen, sodass einige in Lachen ausbrachen, während sie oft gleichzeitig laut weinten und ihre Tränen wie ein Strom flossen. Einige konnten es nicht vermeiden, laut aufzuschreien als Ausdruck ihrer grossen Bewunderung.

Bei vielen dauern diese Erfahrungen lange Zeit an, ohne dass sie denken, sie seien bereits bekehrt; und niemand weiss, wie lange sie so fortfahren würden, wenn ihnen nicht durch besondere Belehrung geholfen würde. Einige haben manche Jahre so gelebt; einige in grosser Hoffnung, dass sie eines Tages Gnade empfangen würden; andere kehrten zu grösserer Verzweiflung zurück, weil sie sich jetzt des Elends ihres natürlichen Zustands stärker bewusst waren und sie für die Realität der ewigen Dinge sensibler geworden waren. Der Teufel versäumt die Gelegenheit nicht, solche Menschen auf verschiedenste Weise zu versuchen. Deshalb brauchen Menschen in diesem Zustand jemanden, der sie zum Verständnis dessen führt, was das Wort Gottes über die Gnade lehrt; und der ihnen hilft, es auf sich selbst anzuwenden.

Jedesmal, wenn ich über die Beweise der Errettung bei einer Person befriedigt war, teilte ich es dieser Person mit. Ich bin deswegen von manchen beschuldigt und getadelt worden. Aber ich habe nie Menschen beurteilt, sondern nur Erfahrungen, so wie sie mir geschildert und qualifiziert wurden. Ich hielt es für meine Pflicht als Hirte, Menschen beizustehen und sie zu lehren, Regeln der Schrift auf ihren eigenen Fall anzuwenden; und wo mir ein Fall klar erschien, erklärte ich freimütig meine Hoffnung darüber. Aber ich tat dies längst nicht bei allen, über die ich gewisse Hoffnungen hegte; und ich glaube, ich war viel vorsichtiger, als manche annahmen. Aber ich möchte mich nicht des Trostes berauben, mich zusammen mit jenen zu freuen, die in grosser Verzweiflung waren, und deren Umstände ich kannte, wenn genügend Beweise vorhanden zu sein scheinen, dass die Toten lebendig geworden und die Verlorenen gefunden worden sind. Ich bin mir bewusst, dass dieses Vorgehen sicherer gewesen wäre in der Hand eines Mannes von reiferem Urteil und grösserer Erfahrung; aber es war dennoch absolut notwendig, aus den obenerwähnten Gründen; und es war eine Praktik, die Gott unter uns in bemerkenswerter Weise gesegnet hat. Viele Menschen hatten Gnade erlangt, aber sie waren wie Bäume im Winter, weil sie sich ihres Zustands nicht bewusst waren.

Gott hat nichts so benützt zur Ausbreitung seines Werkes unter uns, wie die Nachrichten über die Bekehrung anderer Menschen. Das war es, was die Sünder dazu erweckte, denselben Segen zu suchen; und was die Heiligen neu belebte. Aber ich weise meine Leute oft darauf hin, dass kein Mensch das Herz eines anderen kennen kann, und wie unsicher es ist, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen. Auch betonte ich ständig, dass der Erweis von Aufrichtigkeit in den Früchten besser ist als alles, was mit Worten ausgedrückt werden kann, und dass ohne dies jeder Anspruch auf geistliche Erfahrungen vergeblich ist. Meine ganze Gemeinde kann dies bezeugen. Und im allgemeinen zeigten die Menschen eine grosse Furcht davor, sich selbst zu betrügen und auf einem falschen Fundament zu bauen.

Eine Bekehrung ist ein grosses und herrliches Werk der Macht Gottes. Sie verändert das Herz in einem Augenblick und flösst einer toten Seele Leben ein. Aber nicht alle können den genauen Moment angeben, als sie zum ersten Mal die Gnade erlangten. Einige hatten eine sehr klare Erfahrung. Aber andere wissen nicht, was die Gnade der Bekehrung ist, sogar wenn sie sie bereits haben. Einige wissen nicht, ob ihre erste Erfahrung nur eine gewöhnliche Erleuchtung war, und vielleicht eine bemerkenswertere spätere Erfahrung ihre Erlösung war. Das Werk Gottes in der Seele ist sehr geheimnisvoll, und die Manifestation des Reiches Gottes im Herzen ist wie es in Markus 4,26-28 gesagt wird:
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen in die Erde streut, und er schläft und steht auf Nacht und Tag, und der Same sprosst und wächst auf, ohne dass er weiss wie; denn die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst den Halm, dann die Ähre, und danach das volle Korn in der Ähre.“

Bei einigen ist das Licht der Bekehrung wie eine herrliche Helligkeit, die ihnen plötzlich aufleuchtet. Bei anderen ist es wie der Tagesanbruch, wo zuerst nur wenig Licht erscheint und vielleicht noch von einer Wolke verdunkelt wird, aber dann erscheint es wieder und ein wenig heller, und nimmt allmählich zu, mit dunkleren Zeiten dazwischen, bis schliesslich der klare Tag anbricht.

7. Die Bekehrung lässt alle Dinge in einem neuen Licht erscheinen.

Die Bekehrung bringt normalerweise eine aussergewöhnliche Überzeugung von der Wirklichkeit und Gewissheit der grossen Dinge der Religion mit sich; aber in einigen geschieht das erst einige Zeit nach der Bekehrung. Sie erhalten diese Sicht und diesen Geschmack von der göttlichen Vorzüglichkeit im Evangelium, was für sie überzeugender ist als viele Bücher voll von Argumenten. Oft ist die Herrlichkeit der christlichen Wahrheiten diesen Menschen so vorgeführt worden, dass sie sie sahen und schmeckten und ihre Göttlichkeit fühlten, und so wenig daran zweifeln konnten, wie sie gezweifelt hätten, dass die Sonne existiert, wenn sie mit geöffneten Augen draussen mitten im Sonnenschein standen. Und doch, wenn wir sie fragten, warum sie glaubten, dass diese Dinge wahr seien, dann wären viele von ihnen nicht in der Lage, genügende Gründe klar auszudrücken. Vielleicht könnten sie nur sagen, dass sie sehen, dass Gott wahr ist. Aber im persönlichen Gespräch mit ihnen würde man bald zufriedengestellt und verstünde, dass sie mächtige Beweise der Gottheit in sich selbst tragen.

Sie sind so erfüllt von ihrer neuen Entdeckung, und die Dinge erscheinen ihnen so offensichtlich und vernünftig, dass sie oft zuerst denken, sie könnten andere überzeugen. Zu diesem Zweck beginnen sie mit jedermann zu sprechen; und wenn sie enttäuscht werden, verwundern sie sich, dass ihre Gründe keinen stärkeren Eindruck machen. Die Dinge (des Evangeliums) erscheinen ihnen jetzt so offensichtlich und einfach, dass jedermann sie einsehen sollte. Wenn man sie fragt, warum sie selber es zuvor nicht so gesehen hatten, dann sagen sie vielleicht, sie hätten einfach nicht daran gedacht. Aber oft erleben sie dann stattdessen eine andere Schwierigkeit: wenn Gott sich von ihnen zurückzieht, finden sie sich wieder blind; sie verlieren die Überzeugung der Dinge, die ihnen so klar erschienen waren, und sie können sie mit all ihren eigenen Anstrengungen nicht wieder zurückgewinnen, bis Gott den Einfluss seines Geistes erneuert.

Nach ihrer Bekehrung sagen die Leute oft, dass ihnen die religiösen Dinge als neu erschienen: die Predigt ist etwas Neues, als ob sie noch nie zuvor eine Predigt gehört hätten; die Bibel ist ein neues Buch, wo sie neue Kapitel, neue Psalmen, neue Geschichten finden, weil sie alles in einem neuen Licht sehen.
Eine etwa siebzigjährige Frau hatte die meiste Zeit ihres Lebens unter dem mächtigen Dienst meines Grossvaters verbracht. Als sie im Neuen Testament über das Leiden Christi für die Sünder las, erstaunte sie darüber als etwas Wirkliches und sehr Wunderbares, aber etwas ganz Neues für sie. Sie verwunderte sich darüber, dass sie noch nie davon gehört hätte; aber gleich darauf erinnerte sie sich, dass sie oft davon gehört und gelesen hatte, aber es noch nie zuvor als etwas Wirkliches gesehen hatte. Sie begann darüber nachzudenken, wie wunderbar es war, dass der Sohn Gottes solches Leiden für die Sünder auf sich genommen hatte; und wie sie ihre Zeit in undankbarem Sündigen gegen einen so guten Gott und einen solchen Erlöser verbracht hatte. (Obwohl sie als eine Person von untadeliger und unanstössiger Lebensführung bekannt war.) Sie war so überwältigt von diesen Gedanken, dass sie beinahe darunter zerbrach und die Menschen um sie herum dachten, sie würde sterben.

Viele sprachen davon, wie ihre Herzen in Liebe zu Gott und Christus hingezogen wurden; und wie ihr Sinn von entzückender Betrachtung der Herrlichkeit und Gnade Gottes erfüllt wurde, und der Vorzüglichkeit Jesu und seiner opferbereiten Liebe. Mehrere unserer Kinder drückten dies aus und sagten, sie seien bereit, Vater und Mutter und alle Dinge in der Welt zu verlassen, um bei Jesus zu sein. Mehrere Personen wurden derart überwältigt von der Herrlichkeit Gottes, dass ihr Körper wahrscheinlich zerbrochen wäre, wenn Gott ihnen noch ein wenig mehr von sich selbst gezeigt hätte. Ich habe einige in einem solchen Zustand gesehen und mit ihnen gesprochen, und sie waren mit Gewissheit völlig nüchtern und weit entfernt von jeglicher wilden Schwärmerei. Und sie sprachen – wenn sie überhaupt zu sprechen in der Lage waren – von der Herrlichkeit der Vollkommenheit Gottes, von seiner wunderbaren Gnade in Christus, und ihrer eigenen Unwürdigkeit, in einer Weise, wie es gar nicht ausgedrückt werden kann.

Jene unter uns, die mit den aussergewöhnlichsten Offenbarungen ausgezeichnet wurden, zeigten in keiner Weise die anmassende, überhebliche und selbstzufriedene Haltung von Schwärmern; ganz im Gegenteil. Sie sind bekannt für einen demütigen, bescheidenen Geist. Kaum jemand sonst ist sich so seines Bedürfnisses nach Belehrung bewusst, und so eifrig, sie aufzunehmen, wie einige von ihnen; oder ist so schnell dazu bereit zu denken, andere seien besser als sie selber. Sie sprechen viel von ihrer Errettung durch die freie und souveräne Gnade, durch die Gerechtigkeit Jesu allein; und sie verzichten freudig auf ihre eigene Gerechtigkeit. Oft sagen sie, ihre Worte seien gar nicht imstande, ihre Erfahrungen auszudrücken. Einige berichten, wie ihnen diese geistlichen Erfahrungen die Nichtigkeit aller irdischen Vergnügungen gezeigt hatten, und wie gemein und wertlos ihnen jetzt alle diese Dinge erscheinen.

Viele vergassen sogar zu essen, während ihr Sinn von geistlichen Köstlichkeiten erfüllt wurde. Auch alle Dinge draussen, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Wolken, der Himmel und die Erde, erscheinen ihnen, als läge eine göttlichen Herrlichkeit und Lieblichkeit darauf. Sie erfreuen sich auch der Gewissheit ihres Heils; aber das ist nicht das Hauptobjekt ihrer Gedanken und Meditationen. Vielmehr richtet sich die höchste Aufmerksamkeit ihres Geistes auf die herrliche Vorzüglichkeit Gottes und Christi.

Die grösste Freude finden viele von ihnen, wenn sie am tiefsten in den Staub gedemütigt und von sich selbst entleert sind; wenn sie nichts sind, und Gott alles ist. Viele spüren eine ernsthafte Sehnsucht der Seele, Gott zu loben; aber zugleich klagen sie, dass sie ihn nicht so loben könnten wie sie wollten, und sie möchten, dass andere ihnen dabei helfen, Gott zu loben. Sie möchten, dass jedermann Gott lobe, und rufen alle Dinge auf, ihn zu loben. Sie haben ein sehnsuchtsvolles Verlangen, zur Ehre Gottes zu leben, und etwas zu seiner Ehre zu tun; aber gleichzeitig beklagen sie ihr Ungenügen und ihre Fruchtlosigkeit, und dass sie nichts von sich aus tun können.

Während Gott auf so bemerkenswerte Weise unter uns gegenwärtig war durch seinen Geist, war kein Buch so köstlich wie die Bibel; besonders die Psalmen, die Prophezeiungen Jesajas, und das Neue Testament. Unsere Bekehrten waren vereint in brüderlicher Liebe zueinander. Nie wurden so viele Sünden bekannt und Schaden wiedergutgemacht wie letztes Jahr. Die Bekehrten zeigten auch ein grosses Verlangen nach der Bekehrung anderer.

Einige Personen erfuhren durch ihre Bekehrung eine grosse Hilfe inbezug auf ihre lehrmässigen Vorstellungen. Das war besonders auffällig in einem, der als Kind nach Kanada entführt und in der Religion der Papisten erzogen worden war. Vor einigen Jahren war er hierher in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und war in gewissem Mass vom päpstlichen Glauben abgebracht worden; aber er schien sehr ungeschickt und unverständig zu sein in der reformierten Lehre, bis er bekehrt wurde. Dann war er in dieser Hinsicht ausserordentlich verändert.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

Die Täufer – Teil 3

27. März 2013

Die Extremisten

Wie die Lutheraner, so hatten auch die Täufer ihre Extremisten. Einer von ihnen, der Niederländer David Joris, wurde ein extremer Mystiker und sagte, die Bibel könne unmöglich richtig verstanden werden, es sei denn, man erhalte besondere Offenbarungen Gottes (und er sagte, er selber erhielte solche spezielle Offenbarungen). Aber Menno Simons, der Leiter der niederländischen Täufer, wies ihn zurecht und warnte vor ihm als einem falschen Propheten. Wenig später floh Joris in die Schweiz und wohnte dort unter einem falschen Namen, indem er sich als Reformierter ausgab. Erst nach seinem Tod wurde der Betrug aufgedeckt.

Besonders traurig war der Fall von Thomas Müntzer. Er und seine Anhänger lehrten, das Tausendjährige Reich sei im Anbruch, und sie seien dazu bestimmt, jetzt mit Christus zusammen zu regieren. Tatsächlich gelangten sie 1534 in Münster an die Macht. Einige unter ihnen liessen sich von ungeprüften persönlichen Eingebungen leiten, indem sie z.B. sagten, die Polygamie sei erlaubt, da sie im Alten Testament existierte. Einer von ihnen sagte sogar, er sei der neue König David, und liess sich als solcher krönen.
In dieser Situation schlossen sich Katholiken und Reformierte zusammen und vereinigten ihre Truppen, um die Stadt zu erobern. Daraufhin griffen die Anhänger Müntzers ebenfalls zu den Waffen. In einem schrecklichen Gemetzel wurden sie besiegt.
Durch diese Vorkommnisse verlor die Täuferbewegung ihr Ansehen in den Augen grosser Teile der Bevölkerung. Aber in Wirklichkeit waren die Anhänger Müntzers keine typischen Täufer. J.H.Yoder und Alan Kreider machen die folgenden Beobachtungen:

„Jahrhundertelang nahmen Kirchen und Regierungen die Ausschreitungen dieser Wochen vor dem Fall der Stadt (Juni 1535) zum Anlass, das Täufertum insgesamt mit Fanatismus und Anarchie gleichzusetzen. Es ist aber auffallend, dass viele Merkmale dieses Täuferreichs (etwa die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit, die Gültigkeit alttestamentlicher Sozialordnungen oder die Anwendung von Gewalt durch Christen) eher typisch sind für die offiziellen Kirchen als für die übrigen Täufer.“
(John H.Yoder und Alan Kreider, „Die Täufer“, in Tim Dowley, „Handbuch Die Geschichte des Christentums“.)

Tatsächlich missachteten die Anhänger Müntzers die Prinzipien der Trennung von Kirche und Staat, und des Nicht-Widerstehens; beides wesentliche Prinzipien der Täuferbewegung. Sie waren somit keineswegs typische Vertreter dieser Bewegung. Es trifft hier dasselbe zu wie auf die lutherische Reformation: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er einige ihrer Anhänger zu Extremen und Exzessen verleitet.“

Luther und die Täufer

Martin Luther war es, der die Bezeichnung „Wiedertäufer“ populär machte. Aber er verstand diese Bewegung nicht wirklich, noch hatte er nähere Kontakte mit ihnen. Anfänglich ging er gegen sie auf dieselbe Weise vor wie gegen andere „Ketzer“ (d.h. die von ihm als solche wahrgenommen wurden):

„Die Ketzer müssen mit der Schrift überwunden werden, nicht mit dem Feuer. Wenn es eine Kunst wäre, die Ketzer mit Feuer zu besiegen, dann wären die Henker die gelehrtesten Doktoren der Welt.“
(in: „Sendschreiben an den christlichen Adel der deutschen Nation“, 1520)

Noch 1524 schrieb er:
„Lasst sie nur predigen, soviel sie wollen und mit aller Zuversicht; denn wie ich sagte, ist es nötig, dass Sekten auftreten, und das Wort Gottes muss auf das Schlachtfeld gehen und streiten.“
(In: „Sendschreiben an die sächsischen Fürsten über den aufrührerischen Geist“)

(Anm: Beide Zitate sind aus dem Englischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem deutschen Original überein.)

Deshalb schrieb Luther mehrere Artikel gegen die „Wiedertäufer“ und predigte mehrmals gegen sie. Er hoffte, sie so zu überzeugen. Aber seine Enttäuschung war gross, als sie umso mehr an ihren Überzeugungen festhielten und seine Argumente widerlegten. (Es kam ihm nie in den Sinn, dass in dieser Sache er selber derjenige sein könnte, der sich der Schrift widersetzte. Seine biblischen Argumente zugunsten der Säuglingstaufe waren recht schwach, und widersprachen zudem den Argumenten Zwinglis und Calvins.) Deshalb begann sich seine Haltung den Täufern gegenüber zu verhärten.

Ausserdem begann Luther die Auseinandersetzung als eine mehr politische als geistliche Angelegenheit zu sehen. Nach der Schlacht von Münster war er davon überzeugt, alle Täufer seien Rebellen und Aufrührer. (Mangels richtiger Information unterschied er nicht zwischen den Anhängern Müntzers und den pazifistischen Täufern.) Deshalb ordnete er an – wie schon Zwingli vor ihm -, die „Wiedertäufer“ seien politisch zu verfolgen und zu töten.

Wenn wir den Weg Luthers betrachten, dann scheint es unglaublich, dass er zu einem Christenverfolger werden könnte. Er selber war während vielen Jahren seines Lebens um seines Glaubens willen verfolgt worden. Nachdem er selber so viel gelitten hatte, konnte er nicht mit den Täufern mitfühlen? Sie gingen denselben Weg wie er. Nur wagten sie, einige Schritte weiter zu gehen; Schritte, die Luther selber nicht zu tun wagte.

Tatsächlich ist diese Geschichte schwer zu verstehen; aber sie ist nicht die einzige ihrer Art. Im Gegenteil, es handelt sich um ein Muster, das in der Kirchengeschichte mehrmals wiederkehrt. Bei Calvin und Zwingli beobachten wir dasselbe: Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit gibt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die Strömung, für die er steht, beginnt „angesehen“ und „offiziell“ zu werden. Aus dem verfolgten Pionier wird ein einflussreicher und mächtiger Leiter. In diesem Moment scheint er zu vergessen, was er in der Vergangenheit leiden musste, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die noch weiter gehen als er selber.

So geschieht es auch in der Gegenwart. Ich weiss von mehreren evangelikalen Leitern, die einen recht radikalen Glauben vertraten und deshalb von den Gemeinden abgelehnt wurden. Wegen ihres Bestrebens, dem Herrn nachzufolgen, auch entgegen allen Strömungen der Zeit, wurden sie „Rebellen“, „Kirchenspalter“, „konfliktiv“ und „lieblos“ genannt, und weitere Schimpfnamen, die die evangelikale Welt für solche Fälle auf Lager hat. Aber sie gingen vorwärts in den Überzeugungen, die Gott in ihr Herz gelegt hatte, trotz allen Angriffen. Mit der Zeit begann um sie herum eine kleine Erweckung, der Herr veränderte Leben, und sie wurden zu Leitern eines eigenen „Werkes“, von Gott gesegnet, von den einen bewundert und von den anderen beneidet. Aber gleichzeitig wurden ihre Besonderheiten, die einmal Ausdruck einer echten Erweckung gewesen waren, zu einer neuen Tradition. Einer Tradition, die nicht hinterfragt werden durfte, da sie doch in ihren Anfängen so von Gott gesegnet gewesen war. Einige Gottesmänner in diesen Bewegungen begannen das zu sehen, suchten authentischere Wege und begannen zu protestieren. Aber dann griff der Pionier-Leiter sie an und schloss sie aus, genau so, wie er selber in seinen Anfängen angegriffen worden war. Jetzt war er es, der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ forderte, selbst wenn die Leiterschaft im Irrtum war. Er wollte den anderen nicht das Recht zugestehen, dasselbe zu tun wie er selber einige Jahrzehnte früher. (Tatsächlich sind die meisten gegenwärtig existierenden evangelikalen Denominationen unter so ähnlichen Umständen entstanden.)

Tatsächlich ist diese traurige Erscheinung so häufig, dass jemand sagte: „Die Erweckung von gestern verfolgt immer die Erweckung von morgen.“ Wie nötig ist es da, ständig Gott zu erlauben, uns zu prüfen und zurechtzuweisen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir einmal in diese Situation kommen!

– Es gibt hier noch einen weiteren beachtenswerten Punkt. Wir finden in dieser Geschichte auch die Wurzeln des gegenwärtigen Konfliktes zwischen der ökumenischen Bewegung und dem echten Christentum. Nicht zufällig begann die moderne ökumenische Bewegung gerade mit den reformierten Staatskirchen. Für die Reformatoren waren Kirche und Staat eins. Sie wollten, dass die Kirche alle einschlösse – deshalb zwang Zwingli alle Bürger, ihre Kleinkinder taufen zu lassen. Damit wurde angenommen, jedermann sei Christ, ob bekehrt oder nicht. Das war der grösste Skandal, den die Täufer verursachten: Sie wagten es, den getauften Kirchenmitgliedern zu sagen, sie seien noch gar keine Christen, und sie müssten sich erst bekehren. Wir werden sehen, dass John Wesley zweihundert Jahre später in der anglikanischen Kirche denselben Skandal verursachte – obwohl Wesley sich nicht gegen die Säuglingstaufe aussprach. Im Kern ging es nämlich nicht um die Säuglingstaufe, sondern um den Ruf zur Umkehr.
Die ökumenische Bewegung hat im Grunde dasselbe Kirchenverständnis wie Luther: Alle Getauften sind Christen, bekehrt oder nicht; und niemand hat das Recht, ihnen zu sagen, sie müssten sich bekehren. Daher die Politik des „Neins zum Proselytismus“ des Weltkirchenrates. Diese Politik verbietet jede Evangelisation unter Namenschristen. Inzwischen hat sich auch die grosse Mehrheit der Evangelikalen dieser ökumenischen Politik der Nicht-Evangelisation angeschlossen. (Siehe „Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan“.) Heute ist der Zankapfel nicht mehr die Säuglingstaufe. Tausende und Millionen Erwachsener erhalten heutzutage ihre „Glaubenstaufe“ in evangelikalen Kirchen, ohne sich wirklich zu Christus bekehrt zu haben. Aber die heutigen evangelischen Kirchen, im Zuge der weltkirchenrätlichen Politik, reagieren sehr aggressiv, wenn jemand ihnen sagt, sie müssten zuerst von neuem geboren werden, oder eine „Bekehrung“ ohne Lebensumkehr sei keine Bekehrung. Das ist im Kern dieselbe Kontroverse wie zwischen den Reformatoren und den Täufern. Nur dass sich heute auch die „täuferischen“ Kirchen in dieser Sache mehrheitlich mit dem Standpunkt der Reformatoren identifizieren (welcher in diesem Punkt nicht wesentlich vom katholischen abweicht).

Die katholische Kirche und die Täufer

Die katholische Kirche unterschied nicht gross zwischen Reformierten und Täufern. Vom katholischen Standpunkt aus gesehen waren beide gleichermassen Ketzer und wurden gleichermassen verfolgt.
Doch selbst die erbittertsten Gegner der Täufer konnten nicht umhin, deren tugendhaftes Leben anzuerkennen. Nur argwöhnten die Katholiken dahinter ein teuflisches Täuschungsmanöver. Der katholische Priester von Feldsberg (Österreich) schrieb 1603:

„Von all den Ketzern und Sekten …, welche hatte je eine schönere Erscheinung und grössere äussere Heiligkeit als die Wiedertäufer? Andere Sekten, wie zum Beispiel die Calvinisten, Lutheraner und Zwinglianer, sind zum grössten Teil aufrührerisch, grausam, und fleischlichen Genüssen ergeben. Nicht so die Wiedertäufer. Sie nennen einander Brüder und Schwestern, sie gebrauchen keine profanen oder Schimpfworte, sie schwören nicht, sie gebrauchen keine Waffen, und anfänglich trugen sie nicht einmal Messer. Sie sind nicht unmässig im Essen und Trinken; sie tragen keine Gewänder zur weltlichen Zurschaustellung. Sie gehen nicht vor Gericht; sie ertragen alles mit Geduld und im Heiligen Geist, wie sie vorgeben. Wer würde glauben, dass sich unter diesen Schafskleidern lauter reissende Wölfe verbergen!“
(Christoph Andreas Fischer, „Von der Wiedertäufer verfluchten Ursprungs“)

Auch die reformierten Feinde der Täufer bezeugten, dass sie ein tugendhaftes Leben führten, doch machten sie ihnen gerade dieses zum Vorwurf: sie übten Werkgerechtigkeit und verleugneten die Rechtfertigung aus Glauben. (Wie wir oben schon sahen, beruht dieser Vorwurf auf dem Unverständnis der täuferischen Lehre, und auf einem grundlegenden Fehler in der reformierten Gnadenlehre.)

(Fortsetzung folgt)

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Was ist Gnade?

8. September 2012

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich ohne nachzudenken geantwortet: „Gnade ist ein unverdientes Geschenk.“ Ohne nachzudenken, weil ich diese Definition bereits als junger Christ von anderen Menschen übernommen hatte und es mir nie in den Sinn gekommen war, sie zu hinterfragen. Es handelt sich bei dieser Definition offenbar um einen Gemeinplatz, der überall in den Kirchen, Predigten, Bibelschulen und theologischen Seminaren umherschwirrt, und den einer dem anderen nachplappert – eben ohne nachzudenken.

(Siehe in dem Zusammenhang auch: „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Ins Nachdenken kam ich erst, als ich zufällig über eine andere Definition stolperte: „Gnade ist Gottes Berührung eines menschlichen Herzens, und deren Widerspiegelung im Leben.“ („Grace is the divine touch upon a human heart and the reflection in the life there on.“ – Darren Smith, http://www.streetscapeministries.com ).

Nun möchte ich natürlich nicht vorschlagen, einfach diese Definition ohne Nachdenken zu übernehmen. Aber ich möchte gerne etwas weiter darüber nachdenken, was „Gnade“ eigentlich bedeutet.

Zuerst einmal scheint „Gnade“ im Neuen Testament weniger eine Tat Gottes auszudrücken, als vielmehr eine Eigenschaft seines Wesens. Das griechische Wort dafür ist „charis“. Ich habe dazu das „Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Bauer/Aland konsultiert. (Die Autoren haben zwar einen amtskirchlichen und bibelkritischen Hintergrund; aber sie haben eine immense Forschungsarbeit geleistet, die – bei entsprechendem Unterscheidungsvermögen – durchaus ihren Wert hat.) Da wird als erste und ursprüngliche Bedeutung angegeben: „Anmut, Lieblichkeit“. Tatsächlich ist das Wort „Charme“ vom griechischen „charis“ abgeleitet!
Als zweite Bedeutung steht dann „Gunst, Huld, Wohlwollen, gnädige Fürsorge“. Das ist schon eher etwas, was „mir zugute“ kommen kann; in erster Linie sind es aber immer noch Wesens- oder Charaktereigenschaften von Gott selbst. – Im weiteren folgen dann (im Wörterbuch) einige Bedeutungen, die direkter mit „Gnade“ und davon abgeleiteten Begriffen zu tun haben; die exakte Übersetzung bzw. Interpretation der betreffenden Stellen ist weitgehend Auslegungssache. Und schliesslich als letzte Bedeutung noch „Dank, Dankbarkeit“.

Es ist also anscheinend vorzuziehen, bei „Gnade“ in erster Linie an etwas zu denken, was Gott ist; und erst in zweiter Linie an etwas, was er für mich tut. Ich denke, es ist nötig, zu einer mehr Gott-zentrierten statt menschenzentrierten Sicht von „Gnade“ zu kommen.

Ein zweiter Aspekt, der mir an Darren Smiths Definition aufgefallen ist: Echte Gnade wirkt lebensverändernd. Offenbar geht es nicht einfach darum, „ein Auge zuzudrücken“ oder „Gnade vor Recht ergehen zu lassen“, wie die Definition von Gnade als „unverdientem Geschenk“ fälschlich nahelegt. Einen Verbrecher einfach laufenzulassen, statt ihn seiner verdienten Strafe zuzuführen, wird kaum sein Leben verändern. Ausser vielleicht, dass er noch unverfrorener seine Übeltaten verüben wird.
Schon Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ (1937) diese Verkehrung des Gnadenbegriffs in den modernen Kirchen beklagt:

„Wir nehmen an, Gnade bestünde darin, dass die Schuld zum voraus bezahlt wurde; und da sie bezahlt wurde, könne man jetzt alles umsonst bekommen. (…) Was wäre die Gnade, wenn sie nicht billig wäre?
Billige Gnade bedeutet Gnade als eine Doktrin, ein Prinzip, ein System. (…) Die Kirche, welche die rechte Lehre über die Gnade hat, nimmt ipso facto – so wird angenommen – an dieser Gnade teil. In einer solchen Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der echte Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit reduziert sich die billige Gnade auf eine Verneinung des lebendigen Wortes Gottes. (…)
Gut, dann lebe der Christ wie der Rest der Welt, passe sich in jedem Lebensbereich an die Normen der Welt an, und strebe nicht vermessen nach einem Leben unter der Gnade, verschieden von seinem alten Leben unter der Sünde. Das wäre die Irrlehre der Schwärmer, der Wiedertäufer und ähnlichem Gesindel. Der Christ hüte sich davor, sich gegen die freie und unbeschränkte Gnade Gottes aufzulehnen und sie zu schänden. Keinesfalls soll er versuchen, eine neue Religion des Buchstabens aufzurichten, indem er versucht, ein Leben im Gehorsam gegen die Gebote Jesu Christi zu leben! (…) Er lebe also wie der Rest der Welt. (…)
Billige Gnade ist die Predigt der Vergebung ohne die Forderung der Umkehr, Taufe ohne Gemeindezucht, Kommunion ohne Bekenntnis, Absolution ohne Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne das Kreuz, Gnade ohne den lebendigen und fleischgewordenen Jesus Christus.“
(Rückübersetzt aus der spanischen Fassung.)

Tatsächlich ist jede Person im Neuen Testament, die wirklich die Gnade Gottes erfahren hatte, dadurch tiefgreifend und bleibend verändert worden. Herausragendes Beispiel ist der Christenverfolger Saulus, der nach seiner Begegnung mit Jesus „zum Paulus wurde“. Später schrieb er über die Gnade:

„Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin. Und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern mehr als sie alle habe ich gearbeitet; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ (1.Korinther 15:10)

Und:

„Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen zum Heil dient, indem sie uns erzieht, dass wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen, und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Welt…“ (Titus 2,11-12)

Also: Die Gnade Gottes verändert Leben. Sie macht aus dem Saulus einen Paulus; sie bewirkt Arbeit für den Herrn; sie erzieht uns zu einem gottesfürchtigen Leben; und so dient sie uns zum Heil (nicht indem Gott einfach „ein Auge zudrücken“ würde). Hätte die Gnade nicht diese Auswirkungen, dann wäre sie „vergeblich“. Wenn die Gnade Gottes dein Leben nicht in dieser Weise radikal verändert hat, dann war es nicht wirklich die Gnade Gottes.

Soweit meine Denkanstösse – es lohnt sich, über das Thema weiter nachzudenken.

Von der unbarmherzigen Gnade

22. Juni 2011

Nein, der Titel ist kein Tippfehler. Ich werde das sogleich erklären.

Vor rund siebzig Jahren schrieb Dietrich Bonhoeffer über die „billige Gnade“, die in allzuvielen Kirchen verkündigt wird:

„Die billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Heute kämpfen wir um eine Gnade, die etwas kostet.
(…) Die Kirche, die die richtige Lehre von der Gnade hat, nimmt an, dass sie ipso facto an dieser Gnade teilhat. In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der wirkliche Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit wird die billige Gnade zu einer Verleugnung des lebendigen Wortes Gottes.
Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders. Die Gnade allein tut alles, sagen sie, und so kann alles bleiben wie zuvor. Die Welt fährt fort im selben alten Wandel, und wir sind noch Sünder, ‚auch im besten Leben‘, wie Luther sagte. Gut, dann möge der Christ leben wie die übrige Welt, möge sich in jedem Lebensbereich an die Massstäbe der Welt anpassen, und möge sich nicht anmassen, ein Leben unter der Gnade leben zu wollen, das sich von seinem alten Leben unter der Sünde unterscheidet.
(… Die echte Gnade) ist teuer, weil sie uns zur Nachfolge ruft; und sie ist Gnade, weil sie uns ruft, Jesus Christus zu folgen. Sie ist teuer, weil sie einen das Leben kostet; und sie ist Gnade, weil sie einem das einzig wahre Leben gibt. Sie ist teuer, weil sie die Sünde verurteilt; und sie ist Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Vor allem ist die Gnade teuer, weil sie Gott das Leben seines Sohnes kostete. ‚Denn ihr seid teuer erkauft worden‘; und was Gott teuer war, darf uns nicht billig sein.“
(Dietrich Bonhoeffer, „Nachfolge“, 1937)

(Anm: Das Zitat ist rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe und stimmt deshalb wahrscheinlich nicht wörtlich mit dem Original überein.)

Diese Worte sind heute noch genauso aktuell wie damals (wenn nicht noch mehr), und nicht nur in den bösen Landeskirchen, sondern genauso in den ebenso bösen Freikirchen. Zudem ist in den letzten Jahrzehnten noch eine weitere Nuance dazugekommen: Unter dem Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung, „Abdeckung-und-Unterordnungs“-Lehre, und verwandten Strömungen, ist die Art „Gnade“, die heute verkündet wird, nicht nur billig, sondern dazu auch noch unbarmherzig und grausam.

Bevor ich mehr dazu sage, möchte ich einige Abschnitte aus einer Artikelserie zitieren, die mir kürzlich über den Weg kam. Es handelt sich um das Zeugnis eines ehemaligen Insiders der amerikanischen „Prophetenbewegung“ und Mitarbeiters der „Elijah-List“ – eines e-Mail-Versands, der an Tausende von Empfängern jeweils die neusten „prophetischen Worte“ verbreitet und anscheinend auch in Europa wohlbekannt ist. Was ich da las, kam mir unangenehm vertraut vor aus meinen eigenen Erfahrungen in der evangelikalen Welt.

Es geht mir hier nicht einmal so sehr um die Besonderheiten dieser „Prophetenbewegung“. (Dazu wäre auch einiges zu sagen, aber nicht hier.) Es geht mir vielmehr um das falsche Verständnis von „Gnade“, das so ziemlich überall verbreitet ist, wie ich selber erfahren musste – sowohl in charismatischen wie in nicht-charismatischen Kreisen, sowohl in Südamerika wie in Europa.

Da schreibt also Kevin Kleint in http://www.zionfire.org/elijah-list-1/ :

„Nachdem am 11.September die Zwillingstürme fielen, nahmen die Besuche auf der Elijah-List-Webseite und die Einträge in die Liste dramatisch zu, und damit auch die Arbeitslast. Von da an musste ich während mehreren Jahren 24 Stunden am Tag abrufbar sein. Obwohl ich für meine Arbeit bezahlt wurde, waren die Forderungen von Steve (dem Gründer der Elijah-List) völlig unvernünftig. Wenn er anrief und ich liess nicht sofort alles stehen und liegen, was ich gerade tat, um sein Verlangen zu erfüllen, dann wusste ich bereits, dass ich am selben Tag ein e-Mail erhalten würde, das mich zutiefst schuldig fühlen liesse. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als ich gerade meinen Hund badete und über und über mit Schmutz und Haaren bedeckt war, als er anrief und wollte, dass ich etwas an der Website überprüfte. Ich bat ihn, zehn Minuten zu warten, damit ich mich saubermachen konnte; aber er ärgerte sich, weil ich nicht sofort ’sprang‘.

Dieses Verhalten war ein ständiges Problem während der ganzen sieben Jahre, nicht nur für mich, sondern auch für andere Mitarbeiter der Elijah-List. Neben anderen Manipulationstechniken, wurde ich regelmässig ‚rebellisch‘ und ’nicht untergeordnet‘ genannt. Ich fand das sehr seltsam, denn alle meine früheren Arbeitgeber hatten mich sehr umgänglich und dienstbereit gefunden! Tatsächlich fragte mich mein Chef an meiner darauffolgenden Arbeitsstelle: ‚Wo ist dein Selbstvertrauen? Du sagst nie etwas, und du verhältst dich so, als hätte deine Meinung keinerlei Wert.‘ Ich musste von Grund auf neu lernen, zu einer Arbeitsdiskussion etwas beizutragen, weil das emotionelle und geistliche ‚Niedergeschlagenwerden‘ der vorangegangenen sieben Jahre bei der Elijah-List mich so demoralisiert und erbärmlich zurückgelassen hatte, dass ich kaum normal funktionieren konnte.

(…) Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe nichts gegen Steve – ich habe ihm vergeben. Aber ich bin der Meinung, wenn jemand auf der Kanzel ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ predigt und (nach seinen eigenen Worten) seinen ganzen Dienst darauf aufbaut, dann sollte er im ‚wirklichen Leben‘ demgemäss leben. Wenn jemand von der Kanzel herab von ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ spricht, aber seinen Angestellten gegenüber rücksichtslos, quälerisch und herrschsüchtig ist, dann stinkt das nach Heuchelei und ist weit entfernt von Gnade.“

Was hier beschrieben ist, wird auch „geistlicher Missbrauch“ genannt. Diese Art von Missbrauch besteht darin, dass ein Leiter seine Untergebenen dahin manipuliert, zu tun was er will, indem er den Namen Gottes dafür in Anspruch nimmt: „Gott hat mir gezeigt, dass ….“; „Gott zu gehorchen bedeutet, seinem Leiter zu gehorchen“; usw. Das ist keineswegs eine harmlose Sache. Die derart Geschädigten brauchen viele Jahre, um sich von den dadurch verursachten Persönlichkeitsstörungen (z.B. wie oben beschrieben) zu erholen, und wieder Vertrauen zu Gott zu fassen. Viele wollen danach überhaupt nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun haben.
Und tatsächlich, so unvorstellbar es auch scheint, rechtfertigen viele dieser Missbraucher ihr Verhalten mit Worten wie „Gnade“, „Liebe“, „Barmherzigkeit“! Sie selber sind „Gottes Stimme“ für dich, und du musst es als ein grosses Vorrecht ansehen, unter ihrer Leiterschaft arbeiten zu dürfen … sobald du aber auf etwas hinweist, was in ihrem eigenen Leben nicht stimmt, oder dich über die Missbräuche beklagst, dann zeigst du damit einen „Kritikgeist“, bist „lieblos“, „richtend“ und „unbarmherzig“ …

Lesen wir noch etwas weiter:

„Gleichzeitig mit den zunehmenden Kontakten und Einnahmen kam die Menschenfurcht – in epidemischen Ausmassen, und wie die Bibel sagt, war das eine Falle (Sprüche 29,25). Da man die Einnahmen nicht verlieren wollte, und ebensowenig die Gunst der Beitragsschreiber (die anderen „prophetischen“ Dienste) und des Publikums, gründeten sich die meisten Entscheidungen über Veröffentlichungen auf unsere Beziehung mit diesen Personen, und auf die öffentliche Wahrnehmung ihres Produktes … ob es sich gut verkaufen liess oder nicht.

Manchmal sandten uns diese Dienste Beiträge, die nicht unbedingt mit der Philosophie der Elijah-List im Einklang standen, ’nur aufbauende Worte‘ zu veröffentlichen. Da Steve nicht von dieser Philosophie abweichen wollte, musste er Vorworte dazu schreiben (manchmal drei bis vier Abschnitte lang) und versuchen, den korrigierenden und zur Umkehr aufrufenden Aspekt des Beitrags herunterzuspielen. Er bemühte sich jeweils, die Leute auf die ‚weichere‘ Seite Gottes hinzuweisen. Ab und zu wurden gewisse ‚anstössige‘ Sätze in einem Beitrag völlig umformuliert. Diese subtilen, und manchmal unverschämten Manipulationen ärgerten normalerweise die Beitragsschreiber, besonders die „idealistischeren“ unter ihnen.

Das letzte Mal, als ich es in der Bibel nachlas, stand dort, ein Prophet habe sich nicht um Menschenmeinungen zu kümmern, und solle das Wort Gottes unverfälscht weitergeben.“

Damit habe ich auch Erfahrung. Mehrmals haben evangelikale Kirchen und Organisationen meine Artikel ohne Absprache sinnentstellend gekürzt und verstümmelt, oder deren Veröffentlichung und Verbreitung überhaupt verboten – nicht etwa, weil sie Irrlehren enthalten hätten, sondern weil sie mit der Politik der jeweiligen Organisation nicht im Einklang standen (siehe „Von der evangelikalen Zensur“).

Jetzt kommt der eigentliche Kern dessen, was Kevin Kleint über die Gnade und deren Verfälschung zu sagen hat, und ich möchte das ausführlich zitieren:

„Die Leiterschaft der Prophetenbewegung, inbegriffen die Elijah-List, hat eine schlau aufgebaute Mauer der Verführung konstruiert, die sie aller Rechenschaftspflicht enthebt und sie gegen Kritik und Ermahnung immun macht. Grundlage dieser Mauer ist die falsche Auslegung und Anwendung von Matthäus 7,1-5 (’nicht richten‘) und ähnlichen Versen.

Als Ergebnis darf niemand sagen, sie (die ‚Propheten‘) machten irgendetwas falsch. Wenn jemand sagt, er sehe etwas Falsches im Verhalten der ‚Propheten‘, dann muss er sofort hören, er wandle nicht in der Liebe, und wir sollten dem Propheten ‚Gnade‘ geben. Er muss auch hören, wir sollten nicht richten, damit wir nicht ebenso gerichtet werden … Und weil wir diese Leiter auf ein Podest stellen und sie im Grunde abgöttisch verehren, akzeptieren die meisten Leute diese Argumentation sehr leicht und ignorieren die Sünde.

Diese Dynamik schlägt auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde durch. Wir haben Angst, etwas über die Sünde im Leben unseres Nächsten zu sagen, weil wir nicht als ‚richtend‘ oder ‚böswillig‘ angesehen werden wollen. Wegen dieser Angst verbreitet sich die Sünde unkontrolliert in der Gemeinde und gedeiht! Was denken Sie, warum unsere Raten von Scheidungen, Abtreibungen, Pornographie- und Drogenkonsum dieselben sind wie in der Welt? Weil es in unseren Versammlungen keine Reinheit, keine Heiligkeit, und kein Feuer des Heiligen Geistes gibt! Wussten Sie, dass tatsächlich Hexen und Teufelsanbeter in unsere ‚Anbetungshäuser‘ kommen und sich da wohlfühlen können? Möge sich Gott unser erbarmen!

Die folgenden Verse werden von den ‚Propheten‘ und ihren Nachfolgern gewöhnlich heruntergespielt und/oder ignoriert:

1. Kor. 6,3: ‚Wisst ihr nicht, dass wir Engel richten werden? Wieviel mehr dann die Dinge dieses Lebens?‘
– Dieser Vers spricht davon, Dinge in diesem Leben zu unterscheiden bzw. zu richten.
1. Kor. 6,5: ‚Ich sage dies zu eurer Schande. Gibt es keinen einzigen Weisen unter euch, der zwischen seinen Brüdern richten könnte?‘
– Dieser Vers spricht davon, Angelegenheiten zwischen Brüdern zu richten.
1. Kor. 11,31: ‚Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden.‘
– Dieser Vers spricht davon, die Sünde in unserem eigenen Leben zu richten.

Zurechtweisen oder nicht zurechtweisen?

Die Bibel sagt nicht nur, wir sollten Verhaltensweisen und Angelegenheiten richten; sie erlaubt uns auch ZURECHTZUWEISEN!

Lukas 17,3: ‚Achtet auf euch selbst. Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, unseren Bruder oder unsere Schwester zurechtzuweisen, wenn er/sie in Sünde ist.
1 Tim. 5,20: ‚Jene, die sündigen, weise in Gegenwart aller zurecht, damit auch die übrigen sich fürchten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, einen ÄLTESTEN zurechtzuweisen, der in Sünde ist (lesen Sie dazu die vorangehenden Verse)!
2. Tim. 4,2: ‚Verkünde das Wort! Sei bereit zur Zeit und zur Unzeit. Überführe, weise zurecht, ermahne, mit aller Langmut und Belehrung.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, Zurechtweisung als wichtiges Element unserer Predigt zu gebrauchen!
Titus 2,15: ‚Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, mit Autorität zurechtzuweisen!

Die meisten Dienste, die mit der Elijah-List verbunden sind, die ‚prophetische‘ Kirche, und ein grosser Teil der übrigen Kirche, ertragen es nicht, wenn diese Verse angeführt werden, denn dann wird ihre Heilssicherheit beunruhigt durch die Möglichkeit, dass Sünde aufgedeckt werden könnte. Das Verrückte ist: Sie wollen die Sünde verborgen halten, und dann wundern sie sich, warum sie zu den niedergeschlagensten und verwirrtesten Leuten in der Kirche gehören. Ich habe es selber erlebt! Nie in meinem Leben erlebte ich so viel Niederlage, Krankheit und Verwirrung wie während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List! Wenn jemand da hindurch geht, dann sagt man ihm, sie erlebten einfach den ‚geistlichen Krieg‘ … d.h. der Feind sei daran schuld, dass sie dieses Trauma erleben. Das tönt grossartig für das fleischliche Denken, denn schliesslich … wer will schon selber schuld sein?“

(Anmerkung hier: Eine andere Spielart besteht darin, dass die Leiter die zitierten Verse sehr wohl anwenden, sie aber so auslegen, dass nur sie als Leiter die Erlaubnis hätten, alle anderen zurechtzuweisen – und z.B. jeden Widerspruch als „Sünde der Rebellion“ anzuprangern – , während sie selbst von niemandem zurechtgewiesen werden dürfen.)

„(…) Wenn die Mauer der Verführung aus dem Missbrauch von Bibelstellen über das Richten besteht, dann ist der Missbrauch des Wortes ‚Gnade‘ der Mörtel, der die Mauer zusammenhält. Gnade ist in den prophetischen Kreisen ein sehr verschwommener Begriff, der in den meisten Gesprächen anstelle von ‚Barmherzigkeit‘ oder ‚Sünde zudecken‘ gebraucht wird. Nach den Worten von Steve Shultz geht es bei der ganzen Philosophie und Grundlage der Elijah-List um diese Gnade. Aber wenn Sie ihn über Gnade predigen hören, dann erhalten Sie normalerweise eine verdrehte Idee davon. Seine Hauptidee ist, wir sollten nett sein zu den Menschen, weil Gott sie liebt, und schliesslich war er auch nett zu Ihnen, also sollten Sie dasselbe tun. Das ist nicht unbedingt falsch, aber es ist nicht ‚Gnade‘; und es trägt dazu bei, die Mauer der Verführung zu stärken mit ihrer Denkweise, niemandes Handlungen zu richten.

Lasst uns sehen, was in Titus 2,11-15 über Gnade steht:

v.11: ‚Denn die rettende Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen,
v.12: die uns dazu erzieht, dass wir der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen absagen, und (so) in der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig leben,
v.13: während wir die glückselige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten,
v.14: der sich selbst für uns gab, um uns von jeder Gesetzlosigkeit zu erlösen, und für sich selber ein Eigentumsvolk zu reinigen, das guten Werken nacheifert.
v.15: Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘

Aus diesen Versen weiss ich also, dass Sie einige Dinge lehren müssen, wenn Sie eine Botschaft der Gnade predigen:

– Der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen abzusagen,
– In der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig zu leben,
– Die Wiederkunft Jesu zu erwarten,
– (aus Vers 14) Uns seines Werkes am Kreuz bewusst zu sein, und wie er ein reines und heiliges Eigentumsvolk sucht.

(…) Diese Gedanken werden in den meisten heutigen ‚Gnaden-‚botschaften nicht gelehrt. Leider hören wir meistens nur davon, wie Gott unser ‚Kamerad‘ sein möchte. Für eine Gemeindekultur, die nur Ohrenkitzel sucht, ist das eine wunderbare Nachricht! Weil Jesus ihr Kamerad ist, müssen sie nicht gerecht leben! Sie müssen nicht nüchtern leben! Gott hat ‚Gnade‘ für all das!
Und als Ergebnis herrscht das Fleisch ungehindert in unseren Leben.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass die heutigen falschen Propheten und ihre Nachfolger sich grosser prophetischer Einsichten rühmen, aber in Tat und Wahrheit wenig oder gar kein Unterscheidungsvermögen haben.

Während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List (und meiner fünf Jahre bei Vineyard) hatte ich so viele Begegnungen mit Menschen, die von Zauberei (in unterschiedlichem Grad), Pornographie und dem homosexuellen Geist beeinflusst waren, und NICHTS wurde dazu gesagt oder getan. Wie schon erwähnt, nehmen Hexen an diesen Konferenzen und Gottesdiensten teil und gehen unüberführt und unerrettet wieder weg. Menschen, die einen homosexuellen Geist hatten und/oder bekanntermassen pornographiesüchtig waren, wurde es erlaubt, von der Kanzel aus ‚prophetische Worte‘ zu geben, und niemand sagte etwas dagegen.“

Kleint erwähnt dann zahlreiche ihm persönlich bekannte Beispiele, die das Gesagte belegen; sowohl von weniger bekannten Mitarbeitern wie auch von Personen, die international Schlagzeilen gemacht haben. Der interessierte Leser möge es selber nachlesen (siehe Link am Anfang).

„Barmherzigkeit mit dem Wolf ist Grausamkeit gegenüber den Schafen.“
(Sprichwort der alten Puritaner.)

Ich hoffe, es ist jetzt klarer geworden, warum ich diese Vorstellung von Gnade „unbarmherzig“ nenne. Diese schon an Allversöhnung grenzende Lehre und Praxis klingt zunächst ganz einladend (und entspricht natürlich auch dem gegenwärtigen Zeitgeist). „Komm nur zu Jesus, er ist gnädig und vergibt dir alles“ (ohne von Umkehr, Bekennen und Lassen der Sünde, usw. zu sprechen). Dann aber fangen die Probleme an: eine Gemeinde, wo die grosse Mehrheit der Mitglieder gar nicht für Jesus lebt, wird bald zu einer Hölle auf Erden. Wie stellen sich diese Leute denn den Himmel vor? Wenn Gott alle unbekehrten Betrüger, Diebe, Vergewaltiger und Mörder in den Himmel liesse, dann wären wir ja selbst dort unseres Lebens nicht sicher! Der Himmel wäre dann noch schlimmer als diese Erde, denn aus diesem Zustand heraus gäbe es ja keine „Erlösung“ mehr. Ein solcher „Himmel“ wäre tatsächlich grausam! – Oder denken diese Leute, Gott würde alle diese unbekehrten Sünder bei ihrem Tod auf wunderbare Weise in Heilige verwandeln? Davon steht nichts in meiner Bibel – ganz abgesehen davon, dass hier ja die Rede ist von Menschen, die ihre Sünde gar nicht lassen wollen. Nein, meine Herren Allversöhner, es ist gerade ein Akt der Liebe und Gnade Gottes, dass er streng darüber wacht, dass (wenigstens) der Himmel ein reiner Ort bleibt!

Das zweite Problem ist eingangs schon erwähnt worden: In einem System solcher falsch verstandener „Gnade“ gibt es keinerlei Schutz oder Sicherheitsvorkehrungen gegen herrschsüchtige Machtmenschen. Diese sind die allerersten, die „Gnade“ für sich selbst beanspruchen. Was hingegen die Barmherzigkeit mit den Opfern solcher Missbräuche betrifft, so darf davon gar nicht gesprochen werden – das wäre „lieblos“ oder „richtend“. Es gibt in solchen Gemeinden und Organisationen ein ungeschriebenes Gesetz, dass man über diese Dinge keinesfalls sprechen darf. Wer dieses Gesetz übertritt und aktuelle Probleme anspricht, dem wird vorgeworfen, er selber hätte durch sein Reden das Problem verursacht. Tatsächlich muss jeder, der derartige Missbräuche aufzeigt, damit rechnen, im Namen der „Gnade“ und „Barmherzigkeit“ ganz unbarmherzig angeklagt, aus der Gemeinde ausgeschlossen und verleumdet zu werden. Alles schon selber erlebt.

Ein drittes Problem ist von Kleint auch angetönt worden, aber ich möchte es hier noch klarer hervorheben: Ein solches falsches Verständnis von Gnade verunmöglicht die Verkündigung des wahren Evangeliums. Von Reue, Umkehr, Selbstverleugnung, Nachfolge, usw, darf in einer solchen Umgebung nicht mehr gesprochen werden – das wäre „richtend“. Durch dieses (meistens unausgesprochene) Predigtverbot wird der Zugang zu Gott erst recht verschlossen; denn das wären ja genau die Dinge, die das Erlösungswerk Jesu für uns wirksam machen!
Ich war einmal zu einer Ausbildung für Sonntagschullehrer eingeladen, musste aber nach dem ersten Morgen feststellen, dass keiner der Teilnehmer eine geistliche Wiedergeburt in seinem Leben bezeugen konnte. Natürlich begann ich daraufhin über Bekehrung und Wiedergeburt zu sprechen: wie könnten sie denn Kindern das Evangelium nahebringen, wenn es in ihrem eigenen Leben noch keine Wirklichkeit geworden war? Die Teilnehmer waren jedoch nicht zufrieden: sie wollten wohl einen kirchlichen „Dienst“ tun; aber selber sich zu Jesus bekehren, das wollten sie nicht. – In meiner Einfalt erzählte ich später diese Begebenheit einigen Freunden, die mich (damals noch) unterstützten. Sie machten mir daraufhin schwere Vorwürfe: ich hätte die Erwartungen jener Kirche enttäuscht und sei ungehorsam gewesen, denn schliesslich hätten sie mich nicht zum Evangelisieren eingeladen….
Es ist wirklich äusserst schwierig, in diesem Klima der falschen Gnade überhaupt noch einen Freiraum zu finden, wo man über die echte Gnade Gottes in Jesus Christus sprechen darf! Die alten Erweckungsprediger wie Jonathan Edwards, John Wesley, Charles Finney, etc, gingen in die Kirchen und sagten den Kirchenmitgliedern und Pastoren(!): „Prüft euch an der Schrift, ob ihr wirklich Christen seid. Ihr – gerade ihr – müsst zuerst wiedergeboren werden!“ – Wer das heute zu sagen wagt, der wird wegen „Respektlosigkeit gegenüber der Kirche“ vor die Tür gesetzt. (Um der Geschichte gerecht zu werden: das geschah den alten Erweckungspredigern auch. Wesley wurde aus einer Kirche nach der anderen hinausgeworfen, bis es keine Kanzel in England mehr gab, von der man ihm erlaubt hätte zu predigen, und er keine andere Wahl mehr hatte, als draussen auf freiem Feld zu predigen. Und dort war es, wo Erweckung geschah.)

Zum äussersten Extrem kommt diese Ablehnung des Evangeliums im ökumenischen Weltkirchenrat und den angeschlossenen Kirchen. Nicht nur wird dort die Auferstehung Jesu als „veraltete Mythologie“ bezeichnet und stattdessen heidnische Zeremonien durchgeführt; sondern das biblische Evangelium von Umkehr, Glaube an Jesus Christus und Wiedergeburt ist sogar schon als „Häresie“ bezeichnet worden. Wenn ich aber die Evangelikalen beobachte, dann habe ich allen Grund zur Annahme, dass sie diesen Entwicklungen bald folgen werden.

Ein solches Verbot der biblischen Evangelisation ist in höchstem Masse unbarmherzig, denn es hindert die Menschen daran, die einzige Botschaft zu hören, durch die sie die echte Gnade Gottes kennenlernen könnten!

Ich bin Gott bis heute dankbar, dass er mir in seiner Gnade zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben klar gezeigt hat, dass ich – obwohl ich mich „Christ“ nannte – in Sünde gefangen war und eine Umkehr und Wiedergeburt brauchte. Er war so barmherzig mit mir, dass er mir nicht erlaubte, weiter in einer Täuschung zu leben. In dem Moment, als das geschah, war es alles andere als angenehm – aber es war der Beginn meiner echten Hinwendung zu Jesus. Möchte doch diese Gnade und Barmherzigkeit wieder auf den Leuchter gestellt werden!