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Wer rettet die Familie?

27. Februar 2013

Anmerkung: Dies ist die nur unwesentlich geänderte Übersetzung eines Artikels, den ich im Jahre 2011 auf meiner spanischsprachigen Website veröffentlichte. Soweit ich aus der Ferne feststellen kann, treffen die meisten hier gemachten Beobachtungen auch auf den deutschsprachigen Raum zu, weshalb ich mich entschloss, eine deutsche Fassung zu erstellen. Einen kulturellen Unterschied glaube ich jedoch zu sehen: Es scheint mir, dass im deutschsprachigen Raum die staatliche Bevormundung und Beinahe-Abschaffung der Familie hauptsächlich von den Regierungen und von politischen Ideologen ausgeht, die zunächst einige Widerstände von seiten der Familien selbst zu überwinden hatten. Hier in Lateinamerika dagegen werden die staatlichen Eingriffe von den Familien selber gewünscht und als wichtige Schritte zur „Bekämpfung der Armut“ angesehen, weshalb es so gut wie keine Stimmen gibt, die sich dagegen aussprechen. Die Familien hierzulande schaffen sich selber ab! Deshalb schreitet der Familienzerfall hier noch viel rasanter voran als in Europa. Noch vor zwanzig Jahren galt Perú als ein Land, das den Familienzusammenhalt gross schrieb (während es in Europa bereits erhebliche Scheidungsraten gab); und viele Jugendliche lernten ihr Handwerk im elterlichen Familienbetrieb. Heute aber wird in den meisten Familien, die ich kenne, nicht einmal mehr gemeinsam gegessen; und Kinder, die bei ihrem Vater und ihrer Mutter wohnen, sind in der Minderheit.


Gott hat uns so geschaffen, dass wir in einer Familie geboren werden, dass ein Vater und eine Mutter nötig sind, damit ein Kind zur Welt kommt, und dass dann Vater und Mutter das Kind erziehen. Das ist die Ordnung der menschlichen Gesellschaft seit der Erschaffung der Welt, und diese Ordnung wird in vielen Bibelstellen bestätigt. Hier nur einige wenige Beispiele:

„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein; und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und sollst davon reden, wenn du in deinem Haus bist, und wenn du auf dem Weg gehst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst…“
(5. Mose 6,6-7)

„…Aber ich und mein Haus (Familie) werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15)

„Hört, Kinder, die Lehre eines Vaters, und achtet darauf, damit ihr Einsicht lernt. Denn ich gebe euch gute Lehre; verlasst mein Gesetz nicht. Denn auch ich war ein Sohn bei meinem Vater, zart und einzig in der Obhut meiner Mutter. Und er lehrte mich, und sagte zu mir: Dein Herz halte meine Gründe fest, halte meine Gebote, so wirst du leben.“
(Sprüche 4,1-4)

„Und ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Disziplin und Ermahnung des Herrn.“
(Epheser 6,4)

Ein Vater ist das „Bild Gottes“ par excellence:

„Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
(Epheser 3,14-15)

Deshalb ist es lebenswichtig, dass ein Kind in seiner Kindheit Vaterschaft erfährt. Andernfalls wird es ernsthafte Schwierigkeiten haben, Gott als Vater zu verstehen und kennenzulernen.

Ein anderer Aspekt der Familie ist das Zusammenleben mit Geschwistern. Da ist es natürlich, dass es ältere und jüngere Geschwister gibt, und dass jeder anders ist. Niemand findet es verwunderlich, dass z.B. ein Kind künstlerisch veranlagt ist, während ein anderes ein Bücherwurm ist und ein drittes ein Sportler. Es verwundert auch niemanden, dass das kleine Brüderchen noch nicht so viele Dinge weiss wie seine ältere Schwester.
Die jüngeren Geschwister lernen von den älteren, und die älteren lernen, den jüngeren zu helfen und Geduld zu haben mit ihnen. Das ist ein natürliches und sehr wirksames pädagogisches Modell, das von Gott selber eingerichtet wurde und über viele Jahrhundert erprobt ist.

Warum dann hat es die Menschheit während der letzten 150 Jahre unternommen, dieses göttliche Modell auf den Kopf zu stellen und „Erziehung“ durch „Schule“ zu ersetzen?

Die Originalausgabe von 1828 des Wörterbuchs von Webster, das für die englische Sprache massgebend ist, definiert „erziehen/bilden“ („to educate“) folgendermassen:

„Ein Kind aufziehen; instruieren; den Verstand informieren und erleuchten; den Sinn erfüllen mit den Prinzipien der Künste, der Wissenschaft, der Moral, der Religion und des guten Benehmens. Kinder gut zu erziehen ist eine der wichtigsten Pflichten der Eltern und Tutoren (Hauslehrer).“

Wir stellen fest, dass diese Definition die Schule mit keinem Wort erwähnt!

Aber die gegenwärtige Gesellschaft hat alles auf den Kopf gestellt: wenn von „Erziehung“ oder „Bildung“ gesprochen wird, dann denkt jedermann an „Schule“, und niemand spricht von der Familie.

Hier in Perú waren vor kurzem (2011) die Präsidentschaftswahlen. Etwas vom Betrüblichsten am Wahlkampf war für mich, dass keiner der Kandidaten irgendeinen Vorschlag zum Schutz und zur Stärkung der Familien hatte. Keinem fiel es ein, z.B. den vielen Müttern zu helfen, die aus finanziellen Gründen ausser Haus arbeiten müssen, damit sie etwas weniger arbeiten müssten und ihren Kindern mehr Zeit widmen könnten. Viele Kandidaten versprachen Schulfrühstücke und Schulmittagessen, aber keiner machte einen Vorschlag, der dazu beitragen könnte, dass die Kinder zuhause frühstücken und zu Mittag essen könnten, und so ein wenig Familienleben haben könnten, statt den ganzen Tag in der Schule oder auf der Strasse zu verbringen. Keiner schlug vor, den Alkoholismus zu bekämpfen, oder irgendeinen der anderen Faktoren des allgemeinen Zerfalls der Familien. (Laut Statistiken gehört Perú zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil an Alkoholikern.) Und soweit ich sehen und hören konnte, fiel es auch keinem Journalisten ein, entsprechende Fragen zu stellen.

Nun, wenn diese Dinge ein bedeutendes Bevölkerungssegment interessierten, dann hätte sich sicher irgendein Politiker damit befasst. Aber anscheinend interessiert sich niemand dafür, die Familien zu retten. Anscheinend möchte jedermann Kinder zeugen, nur um sie sogleich nach der Geburt dem Staat zu überlassen. So wächst eine ganze Generation heran, die nicht mehr weiss, was Vaterschaft ist, was Geschwister sind, was Zuneigung und Liebe ist, und wer Gott ist.

Eltern möchten, dass ihre Kinder „gebildet“ werden; aber sie vergessen, dass sie selber das wichtigste Element einer wirklichen Bildung sind. Was die Wissensvermittlung betrifft, so haben zwar manche Eltern Hilfe von ausserhalb der Familie nötig – aber ich beobachte täglich in meiner Arbeit, dass die Schule gerade auf diesem Gebiet erbärmlich versagt. Die meisten Kinder verstehen gar nicht, was die Lehrer ihnen beizubringen versuchen!
Kürzlich sagte mir eine erschöpfte Mutter: „Den ganzen Nachmittag bin ich beschäftigt mit den Hausaufgaben meines Sohnes, weil die Lehrerin von mir verlangt, dass ich ihm dieses und jenes beibringe…“ – Ich fragte sie: „Aber wird denn nicht die Lehrerin dafür bezahlt, Ihren Sohn zu unterrichten?“ – „Doch, aber die Lehrerin sagt, sie hätte so viele Kinder in ihrer Klasse, dass sie sich nicht wirklich um alle kümmern kann, und dass ich das zuhause viel besser kann, wo ich nur zwei Kinder habe.“ – „Wozu schicken Sie sie dann überhaupt noch zur Schule?“
Tatsächlich beweist das Schulsystem bereits seine Unfähigkeit, Kinder zu lehren; aber statt seine Niederlage zuzugeben, verlangt es jetzt von den Eltern, sich zu seinen Sklaven zu machen. Jetzt wird auch die wenige Zeit, die die Familie noch zusammen verbringen könnte, von den Hausaufgaben beansprucht.

Ein anderer Elternwunsch ist es, dass ihre Kinder „sozialisiert“ würden. Was bedeutet das?
– Wahrscheinlich wissen viele Eltern nicht, was die meisten Pädagogen und Schulplaner unter „Sozialisierung“ verstehen: nämlich die Anpassung des Kindes an die Forderungen der Gesellschaft (bzw. der Schul- und Gesellschaftsplaner). Mit anderen Worten: dass das Kind sich dem Gruppendruck unterwirft und sich der Mehrheit angleicht. Von daher kommen z.B. die normierten Lehrpläne, die verlangen, dass alle Kinder im selben Alter dasselbe lernen und tun.
In der schulischen Umgebung darf es keine „älteren und jüngeren Geschwister“ geben; keine unterschiedlichen Interessen, Talente, und persönliche Entwicklungsgeschwindigkeiten; alle müssen gleich sein. Das Kind hat keine Geschwister mehr, nur noch „Kameraden“. (Im Spanischen ist das dasselbe Wort wie „Genossen“.) Anstelle der mitmenschlichen Beziehungen einer Familie kennen diese Kinder nur noch institutionalisierte Beziehungen. Statt der Zuneigung liebender Eltern erhalten sie nur noch die Aufmerksamkeit eines/r Angestellten, der/die diese Arbeit nur tut (oft lustlos), um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Und da verwundert es uns noch, dass die Familien auseinanderfallen?

Nun denken die meisten Leute an etwas anderes, wenn sie das Wort „Sozialisierung“ hören. Sie denken z.B. daran, ein friedliches Zusammenleben zu lernen, miteinander zu teilen und einander zu helfen, sich gegenseitig zu respektieren, usw. Das wäre eine gute und positive Bedeutung des Wortes „Sozialisierung“. Aber geschieht dies in der Schule? In Tat und Wahrheit, kaum – trotz der Bemühungen einiger wohlmeinender Lehrer. In einer Gruppe von dreissig (oder auch nur zwanzig) Kindern herrscht natürlicherweise das Recht des Stärkeren; und ein Lehrer kann nicht viel tun, um diese Gruppendynamik zu durchbrechen (wenn er es überhaupt will). Somit wird das Schulkind durch das schlechte Benehmen seiner Kameraden „sozialisiert“ statt durch die (vielleicht) guten Absichten des Lehrers.

Wer ist jetzt ein besseres Beispiel für ein Kind: seine gleichaltrigen Kameraden, die ebenso ihren Eltern entfremdet sind wie es selber; oder seine eigenen Eltern?
Die Eltern befinden sich natürlich in einer viel besseren Ausgangslage, um dem Kind ein gutes Beispiel zu geben im Benehmen, im Zusammenleben, und in allem, was zur „Sozialisierung“ (in ihrem guten Sinn) gehört. Natürlich mit Ausnahme jener traurigen Fälle, wo die Eltern ihre Kinder völlig ablehnen oder Kriminelle oder gewalttätige Alkoholiker sind. Aber ebenso gibt es auch Lehrer, die ihre Schüler ablehnen oder Kriminelle oder Alkoholiker sind.
Beobachten Sie eine Gruppe von Schulkindern auf dem Schulhof während der Pause, oder auf der Strasse bei Schulschluss: Die Kinder behandeln einander vorwiegend mit Aggressionen, Flüchen, Hänseleien und Schlägen. Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder auf diese Weise „sozialisiert“ werden?
In einer Familie dagegen, wo die Eltern (oder zumindest ein Elternteil) anwesend sind, können die Beziehungen zwischen Geschwistern und zu Freunden (wenn sie nach Hause eingeladen werden) viel besser beobachtet und „moderiert“ werden. Die Gegenwart und das Beispiel der Eltern haben mehr Gewicht, und das Kind hat ein Vorbild, an dem es sich orientieren kann.

Natürlich ist Kindererziehung nicht einfach. Es ist eine Arbeit, die Zeit und Vorbereitung erfordert. Aber Eltern, die ihre Kinder lieben, werden ohne weiteres zu diesem „Opfer“ bereit sein, zum Wohl ihrer Kinder. (In Wirklichkeit bereichert dieses „Opfer“ die Eltern selber: an Erfahrung, Reife, und mit einer besseren Beziehung zu ihren Kindern.) Ich kann wirklich nicht verstehen, warum so viele Eltern ihre Kinder vom Babyalter an und möglichst ganztags fremden Personen zur Betreuung überlassen wollen, und sich damit zufriedengeben, sie einige wenige Minuten pro Tag zu sehen. Verwundert es uns da, dass die Familienstreitigkeiten zunehmen, die Trennungen und Scheidungen, die psychologischen Störungen bei Kindern? Und dass in der Folge die ganze Gesellschaft auseinanderzufallen beginnt?

Traurigerweise haben auch die christlichen Kirchen anscheinend nicht erkannt, was vorgeht. Im Gegenteil, soweit ich sehe, machen sie diese Demontierung der Familien fröhlich mit. Statt Familien zu vereinen, trennen sie sie noch mehr mit ihren Programmen von „Sonntagschule“, „Jugendgruppe“, „Männer-“ bzw. „Frauentreffen“, usw. Und in allem was ich oben beschrieben habe, sehe ich, dass die Kirchen den Strömungen der Welt folgen, ohne eine Alternative anzubieten. Gut, es gibt einige evangelische Schulen – aber leider haben auch diese keine christliche Sicht von Erziehung und Familie. Gibt es da überhaupt noch jemanden, der aufstehen würde zur Rettung dieser vom Aussterben bedrohten Art, der FAMILIE?

„Sie sehnen sich nach Familie“ – nicht nach Institution! Ein Nachtrag.

21. Januar 2010

Vor einigen Wochen schrieb ich einen Bericht über unsere gegenwärtige Tätigkeit unter dem Titel „Sie sehnen sich nach Familie“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/12/12/sie-sehnen-sich-nach-familie/).

Ein – im übrigen wohlmeinender – Verfechter des institutionalisierten Christentums schrieb mir, als Argument für die Eingliederung in eine „institutionelle“ Gemeinde: „Wie schön und wichtig für diese gute Arbeit wäre ein Netzwerk von Mitarbeiter mit weitern Gaben, die auch helfen könnten, dass diese punktuelle Arbeit eine Fortsetzung und Weiterführung finden würde!“
Ja, das wäre eigentlich schön und gut. Im Grunde habe ich nichts dagegen, wenn Freunde oder Mitarbeiter im institutionellen Kirchentum involviert sind – solange sie ihrerseits uns zugestehen, unseren Weg zu gehen. Und weitere Mitarbeiter zu haben, die diese Arbeit mittragen, wäre auch nicht schlecht. Aber persönlich würde ich es vorziehen, Mitarbeiter zu haben, die wie wir dazu bereit sind, unabhängig vom institutionellen Kirchensystem zu arbeiten. Ich habe genügend Zeit in diesem System verbracht – etwa zwei Jahrzehnte -, um mir vorstellen zu können, was geschähe bei dem Versuch, unsere gegenwärtige Tätigkeit im Rahmen einer solchen Institution auszuüben.

Wäre ich noch Mitglied der Missionsgesellschaft, mit der ich erstmals nach Perú kam, dann hätte ich nicht einmal die Frau heiraten dürfen, mit der ich inzwischen viele glückliche Ehejahre verbracht habe. Ich hätte also höchstwahrscheinlich bis heute nicht einmal eine Familie. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Bevor ich anfangen könnte, den Nachbarskindern zu helfen, müsste ich der Leiterschaft „meiner“ Institution eine möglichst überzeugende Projektbeschreibung vorlegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mehrere dicke Umschläge mit vergangenen Projekten, Grundsatzerklärungen, Visions- und Missionsbeschreibungen, Anforderungsprofilen für Mitarbeiter, usw. usw. – lauter wertloses Papier, weil die darin enthaltenen Vorschläge vor Jahren inmitten der Unmöglichkeiten institutioneller Bürokratien versickert sind.

Es würde also eine lange Reihe von Kommissionssitzungen, Abklärungsgesprächen, Korrespondenzen, usw. beginnen.

Dann würde die Institution – falls ich wirklich ihr Wohlwollen für mein Projekt gewinnen könnte – mit 99%iger Sicherheit darauf bestehen, für dessen Durchführung eine Räumlichkeit zu kaufen oder zu mieten, weil eine solche Unternehmung in unserer eigenen Wohnung zu sehr den Anstrich einer eigenwilligen Privatinitiative hätte (oder was auch immer als Grund angegeben würde). Dieser Schritt würde aber unweigerlich zu einer langen Diskussion über Budgetfragen, Mittelbeschaffung usw. führen.

Dann käme bestimmt irgendein schlauer Kopf auf die Idee, wenn wir schon so etwas machten, dann sollten wir es doch gleich „richtig“ machen, d.h. als staatlich anerkannte „Akademie“ usw. Das würde uns viel mehr Türen öffnen und den Einfluss unserer Arbeit ausweiten. (Trifft nach den Massstäben dieser Welt sicherlich zu.) – Somit würde ein Bewilligungsverfahren beim Erziehungsministerium eingeleitet. Auf den Unterlagen dafür könnten wir aber nicht als Verantwortliche figurieren, da weder meine Frau noch ich ein gültiges Lehrerdiplom haben. Es müsste also zuerst ein „Alibi-Lehrer“ gesucht werden, der für uns unterschreiben würde. Das wiederum würde zu einem Kompetenzenkonflikt zwischen diesem Lehrer und uns führen, was von Anfang an den Erfolg des Projektes in Frage stellen würde.

Über diesen mehrfachen Bewilligungsverfahren (zuerst bei unserer eigenen Institution, dann bei den staatlichen Instanzen) wäre der grösste Teil des Schuljahres bereits verstrichen. Aber angenommen, diese Verfahren hätten Erfolg und wir könnten wirklich beginnen: auch dann wäre unsere Arbeit noch nicht sicher. Wir müssten jederzeit damit rechnen, dass die Institutionsleitung willkürlich unsere besten Mitarbeiter in andere Arbeitszweige versetzen würde und uns (wenn überhaupt) andere, unerfahrene und ungeeignete Mitarbeiter zuteilen würde. (Ich schreibe aus Erfahrung. Die meisten meiner vergangenen – institutionellen – Projekte sind genau aus diesem Grund eingegangen.)

Jetzt komme ich erst zum Hauptpunkt: Schon ziemlich am Anfang dieses institutionellen Hürdenlaufs wäre das Wesentliche verlorengegangen, das für die meisten Kinder der eigentliche Grund ist, überhaupt zu uns zu kommen und nicht zu einem anderen existierenden Hilfsangebot: nämlich dass wir eine Familie sind und eben nicht eine Institution. Genau jene Kinder, die gegenwärtig am meisten unsere Hilfe nötig haben und davon profitieren, wären gar nicht erst zu uns gekommen.

Ganz zu schweigen davon, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Hausaufgabenhilfe einer „Sekte“ senden würden. Wir haben herausgefunden, dass viele unserer Nachbarn religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind – und die meisten von ihnen haben gute Gründe zum Misstrauen. (Etwa ein Drittel von ihnen sind ehemalige Mitglieder evangelischer Gemeinden.) Gerade der Umstand, dass wir keiner solchen Organisation angehören, ermöglicht unbefangene Glaubensgespräche. Wir hoffen, dass so einige von den Gemeinden enttäuschte Menschen dennoch wieder einen Zugang zu Jesus finden können, unabhängig von vergangenen schlechten Erfahrungen und ohne den Druck, „Mitglied“ einer „Organisation“ werden zu müssen. Viele von ihnen sind nicht grundsätzlich dem Glauben abgeneigt; sie stossen sich nur an dessen verzerrter Form, der sie in den Gemeinden begegnet sind. – Ein gemeindlich-institutionalisiertes Hilfsprogramm wird dagegen – mit wenigen Ausnahmen – nur solche Menschen anziehen, die sich bereits im Dunstkreis evangelischer Tradition bewegen, und die gerade deshalb „Glauben an Jesus“ mit „Mitgliedschaft in einer Organisation“ verwechseln.

Die Kinder, die zu uns kommen, sind noch weit davon entfernt, das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Aber ihre „Sehnsucht nach Familie“ zielt in die richtige Richtung – im Gegensatz zur „Sehnsucht nach Institution“ oder zur „Sehnsucht nach religiöser Betätigung“, die ich in einigen anderen Menschen beobachte. Christliche Gemeinde ist in erster Linie Familie, nicht Institution. Wenn ein Attribut Gottes es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, dann ist es: „VATER“. Nicht nur der Vater von Jesus, sondern auch der Vater einer Familie, zu der jeder wahrhaft Gläubige gehört.

Hierzu ein beachtenswerter Denkanstoss von Wolfgang Simson:

„Die Art von Gemeinde, die wir hier auf Erden haben, hängt stark davon ab, wie wir uns Gott im Himmel vorstellen. Wenn wir glauben, wir hätten einen ‚Lehrer im Himmel‘, dann wird die Gemeinde zu einem Schulzimmer, wo wir uns Notizen machen und sie gleich anschliessend vergessen. Wenn wir glauben, Gott sei ein Richter, dann sieht die Gemeinde wie eine Polizeistation aus. Wenn wir glauben, Gott sei ein Arzt, dann wird die Gemeinde wie ein Spital, wo wir einander die Wunden verbinden und dann einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, Gott sei ein General, dann wird die Gemeinde zu einer Armee. Aber wenn wir verstehen, dass Gott in erster Linie ein Vater ist, dann wird die Gemeinde wie eine Familie sein.“

Deshalb glaube ich, ein Kind, das nach einer echten Familie sucht, hat die besten Voraussetzungen dafür, den Vater im Himmel zu finden und kennenzulernen.

Sie sehnen sich nach Familie…

12. Dezember 2009

Ich denke, es ist an der Zeit, unserer gegenwärtigen Tätigkeit einen Artikel zu widmen. Seit mehreren Monaten besteht unsere Hauptbeschäftigung darin, Kindern aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben zu helfen und/oder sie in Abwesenheit ihrer Eltern zu hüten.

Wir haben diese Arbeit nicht eigentlich „geplant“. Sie ist eher die vorläufige Antwort auf unsere Frage an Gott: „Was möchtest Du, was wir tun?“, und auf unsere Bereitschaft, „nach unseren Kräften zu tun, was uns vor die Hände kommt“, wie in Prediger 9,10 steht.

Vor gut einem halben Jahr fielen uns zwei kleine Mädchen auf, die öfters in der Nähe unseres Hauses spielten. Sie sahen ziemlich verwahrlost und schmutzig aus. Zudem hatten sie die Angewohnheit, sich mit ihren Puppen und Zubehör an den Rand einer Strasse zu setzen – oder manchmal auch mitten auf die Strasse -, wo immer wieder Motorräder und Autos vorbeifahren. Als „Spielplatz“ ein ziemlich ungeeigneter und gefährlicher Ort. So luden wir die beiden eines Tages zu uns nach Hause ein. Von da an kamen sie öfters, und da die ältere der beiden zur Schule geht, halfen wir ihr auch ab und zu bei den Hausaufgaben. Manchmal assen sie auch bei uns zu Mittag oder zu Abend.

Zugleich erfuhren wir mehr über ihre Familiensituation. Sie wohnen zusammen mit ihrer Mutter und zwei weiteren (älteren) Geschwistern in einem einzigen Zimmer mit zwei Betten. Eine bessere Wohnung können sie sich nicht leisten. Ihre Mutter arbeitet den grösseren Teil des Tages auswärts. Manchmal kümmert sich ihre vierzehnjährige Schwester um sie, aber manchmal sind sie auch ganz sich selber überlassen. Ihr Vater war schon monatelang nicht nach Hause gekommen. Er arbeitete in einer weit entfernten Stadt, und es wurde gemunkelt, dass er dort eine andere Frau hätte. Einmal hatte er ihnen ein wenig Geld geschickt; aber meistens schickte er keines, weil er es vertrank. Ihre Mutter ist ein wenig unberechenbar. Manchmal sagt sie, es sei gut, dass ihre Kinder zu uns kommen könnten; dann wieder verbietet sie es ihnen aus unerfindlichen Gründen. Ab und zu kommt auch sie betrunken nach Hause.

Der zehnjährige Bruder kam manchmal auch zu uns, aber nur selten. Es war auch nicht so einfach, etwas anzufangen mit ihm: er hatte sich schon zu sehr daran gewöhnt, seine Tage ohne Aufsicht auf der Strasse spielend zu verbringen. (In den letzten Wochen kam er aber wieder öfter und brachte ein paarmal sogar seine Hausaufgaben mit.)

Eines Tages fragte uns die ältere der beiden Mädchen: „Darf ich morgen eine Freundin mitbringen?“ – Ihre Freundin ist zehn Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Grossmutter, die nur Quechua spricht und ihr deshalb bei den Aufgaben nicht helfen kann. Ihre Mutter sieht sie nur an den Wochenenden und ihren Vater noch seltener. Einmal erzählte sie uns, dass sie als Kleinkind überfallen und entführt worden war.

Nach einiger Zeit kamen zwei weitere Kinder dazu. Auch sie sehen ihre Eltern höchstens an den Wochenenden; unter der Woche sind sie allein mit ihrer fünfzehnjährigen Schwester, die für sie kocht und den Haushalt besorgt.

Dann kamen zwei Buben mit ihrer Mutter: „Wir haben gehört, dass es hier eine Akademie gibt; können wir auch teilnehmen?“ („Akademie“ nennen sich hierzulande die bezahlten ausserschulischen Förderungsangebote, von denen es viele gibt. Manche Lehrer machen anscheinend ein gutes Geschäft damit: Die Kinder lernen in der Schule in der Regel nicht allzuviel, und die Eltern lassen sich leicht davon überzeugen, dass sie mit „mehr vom Gleichen“ mehr lernen würden. Aus meiner Sicht ein Trugschluss: meistens bewirkt es nur Übermüdung und Überforderung.)
Wir erklärten ihnen, nein, wir seien eigentlich keine „Akademie“; aber wenn sie mit unserer informellen Arbeitsweise zufrieden seien, könnten wir ihnen schon helfen. Seither kommen sie fast jeden Tag.

Offenbar begann es sich unter den Kindern im Quartier herumzusprechen: „Hier ist das Haus, wo sie dir helfen.“ Inzwischen sind es rund zwanzig Kinder, die mehr oder weniger häufig zu uns kommen. Das Hauptmotiv ist jetzt Aufgabenhilfe und Nachhilfeunterricht. Aber wenn wir mit unserem „Programm“ fertig sind, wollen die meisten gar nicht nach Hause gehen. Wenn wir sie fragen, um welche Zeit sie zuhause sein müssen, bekommen wir oft Antworten wie: „Ich darf so lange fortbleiben, wie ich will.“ – „Meine Eltern sagen nichts, sie sind gar nicht zuhause.“ – Das einzige, was anscheinend viele Eltern interessiert, sind die Schulnoten. Es gab schon Eltern, die ihre Kinder nicht mehr zu uns kommen lassen wollten, weil sich ihre Schulnoten nicht verbessert hatten.

Die Kinder interessiert aber offenbar etwas anderes. Nachhilfeunterricht könnten sie ja auch woanders bekommen. Aber es scheint, dass sie nirgendwo sonst eine Familienatmosphäre gefunden haben. Sie kommen mit der Idee, in eine „Schule“ zu gehen, und überrascht finden sie etwas vor, von dem sie gar nicht wussten, dass es existiert: eine Familie. Eine Schülerin brachte dies auf rührende Weise in einem Brief zum Ausdruck, als sie einige Tage nicht kommen konnte: „Ich bitte Gott meinen Vater, dass ich Euch bald wiedersehen kann. Ich liebe Euch wie meine Eltern, denn Ihr habt mir elterliche Liebe gegeben, und ich danke Euch vielmals für alles, was Ihr mich gelehrt habt.“ – Auch jene, die nicht so vernachlässigt sind wie die eingangs beschriebenen Kinder, erleben anscheinend zuhause viel Konflikte, Willkür und Gleichgültigkeit. Nur schon dass man sich zum Essen zusammen an einen Tisch setzt, kommt in den meisten Familien kaum noch vor. Dass Eltern sich Zeit nehmen, ihren Kindern zuzuhören oder mit ihnen etwas zu unternehmen, ist noch seltener. Aber das ist das Ideal dieser Zeit: die Eltern „emanzipieren“ sich, und die Kindererziehung wird vom Staat übernommen. Dass die Kinder darunter leiden, scheint nicht viele zu interessieren…

Unsere Arbeit ist da natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber es ist das, was Gott uns zur Zeit „vor die Hände gelegt hat“. Und so wollen wir den Kindern auch nahebringen, wer Gott als Vater ist. Er ist das „Urmodell“ aller Elternschaft: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde ihren Namen hat…“ (Epheser 3,14-15) Er ist ein Vater, der immer Zeit hat für seine Kinder. Ein Vater, der immer guten Rat weiss. Ein Vater, der alle seine Kinder gerecht behandelt. „Ein Vater der Vaterlosen und Beschützer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung. Gott lässt die Verlassenen in einer Familie wohnen…“ (Psalm 68,5-6) Und deshalb hat Gott uns Menschen von Anfang an nicht in eine Schule, eine Institution oder einen Wirtschaftsbetrieb gestellt, sondern in eine Familie.

Manchmal bleiben einige der Kinder auch zum Abendessen bei uns, weil ihre Eltern spät nach Hause kommen.

Wir können ja nicht wirklich „Ersatzeltern“ sein für alle diese Kinder; und wir wollen auch nicht den Platz ihrer leiblichen Eltern einnehmen. Aber wir können sie auf Gott, den himmlischen Vater, hinweisen, und sie ermutigen, vor ihm ihr Herz auszuschütten und bei ihm Hilfe zu suchen. Wenn die Kinder bei uns etwas finden, was (vorübergehend) ihre Sehnsucht stillt, dann kommt das ja nicht aus uns selber. Was wir ihnen an „Elternschaft“ geben können, ist höchstens ein Abglanz der Vaterschaft Gottes. Deshalb wünschen wir uns, dass sie zum Ursprung dieser Elternschaft finden können: zum Vaterherz Gottes. Nur dort wird ihre tiefste Sehnsucht wirklich gestillt werden.

Zusätzlich haben wir angefangen, ab und zu Elternabende anzubieten. So hoffen wir, mit der Zeit auch die Eltern auf ihre Aufgabe und Verantwortung anzusprechen. Das ist nicht einfach: viele von ihnen haben ja ihrerseits auch kein elterliches Vorbild gehabt. Und jahrzehntealte Vorstellungen und Gewohnheiten ändern sich nicht leicht. Wir werden sehen, was daraus wird…

Anscheinend ist wirkliche „Familie“ tatsächlich nur da möglich, wo die Kultur von der Offenbarung Gottes erleuchtet wird. Alfred Edersheim, ein grosser Kenner der Antike und des antiken Judentums, schreibt (in „Sketches of Jewish Social Life“):

„Aber wenn wir die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Jungen und Alten betrachten, dann erscheint der riesige Unterschied zwischen Judentum und Heidentum am auffälligsten. Sogar die Beziehung, in der Gott selber sich seinem Volk vorstellte, als ihr Vater, verlieh den Banden zwischen irdischen Eltern und ihrem Nachwuchs eine besondere Stärke und Heiligkeit.“
(Kap.6)

Und etwas weiter unten:

„So ungewöhnlich es auch klingt: Ausserhalb der Grenzen Israels konnte man kaum von einem wirklichen Familienleben sprechen; nicht einmal von Familie wie wir sie verstehen. Es ist bedeutungsvoll, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus es als etwas Aussergewöhnliches unter den Juden hervorhebt – ein Merkmal, das sie einzig mit den alten barbarischen Germanen gemeinsam hatten -, dass sie es als ein Verbrechen betrachteten, ihren Nachwuchs zu töten!
Es ist hier nicht Raum, das Aussetzen von Kindern zu beschreiben, oder die verschiedenen Verbrechen, mit denen die alten Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Kultur versuchten, die aus ihrer Sicht überflüssige Bevölkerung loszuwerden. Wenige, die gelernt haben, die klassische Antike zu bewundern, haben wirklich eine Ahnung von ihrem sozialen Leben – weder über die Stellung der Frau, noch über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, noch über die Sklaverei, die Kindererziehung, die Beziehung der Kinder zu den Eltern, oder den Zustand der öffentlichen Moral. (…) Und all das nicht nur als die Zustände unter den niederen Bevölkerungsschichten, sondern völlig zu eigen gemacht und gutgeheissen von jenen, deren Namen zu allen Zeiten bewundert wurden als Denker, Weise, Dichter, Historiker und Staatsmänner. Paulus‘ Beschreibung der alten Welt im ersten und zweiten Kapitel des Römerbriefs muss jenen, die wirklich dort lebten, noch als zart und mitleidsvoll erschienen sein; das vollständige Bild ans helle Licht zu bringen, wäre unerträglich gewesen. Für eine solche Welt gab es nur die Alternative: entweder das Gericht von Sodom, oder das Erbarmen des Evangeliums und die Heilung durch das Kreuz.“
(Kap.8)

Das wurde übrigens vor mehr als hundert Jahren geschrieben. Was würde Edersheim heute sagen, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur inzwischen den Zuständen des alten Rom bedenklich nahe gekommen ist?