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Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)

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