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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

20. Juli 2017

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

Hilfe für die Philippinen

24. November 2013

Leider komme ich mit dieser Nachricht etwas spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Ich möchte hiermit gerne einen Spendenaufruf weitergeben, der mir von Wolfgang Simson zugesandt wurde. Er erwähnt darin die schockierende Tatsache, dass am selben Tag, als die Philippinen von einem Taifun verwüstet wurden, ein Millionär an einer Kunstauktion für ein einziges Bild über hundert Millionen Euro ausgab – während die gesamte deutsche Bundesregierung als Hilfe für die Taifunopfer lediglich 1.5 Millionen Euro zu spenden bereit war.

Wer gerne einen persönlichen Beitrag zu christlicher Hilfe leisten möchte, lese bitte die Informationen im beiligenden Dokument. Spenden auf die dort angegebenen Konten werden nicht in irgendwelchen institutionellen oder regierungsamtlichen Kanälen versickern, sondern direkt dem einheimischen Hausgemeinden-Gründer und -leiter Molong Nacua zukommen, der über diese Gemeinden Kontakte zu Bedürftigen im ganzen Land hat und deshalb effizient vor Ort helfen kann. Vielen Dank!

Hier nähere Informationen:

Spenden-Weltrekord-Aktion

Die christliche Gemeinde ist auf Familien aufgebaut

12. Juni 2013

Mit „christlicher Gemeinde“ meine ich die Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird – denn das ist etwas ganz anderes, als was heute allgemein unter „Kirche“ oder „Gemeinde“ verstanden wird. Die neutestamentliche Gemeinde hatte ihr irdisches Zentrum in den Familien.

Natürlich ist das eigentliche Zentrum der Gemeinde im Himmel, in der Person von Jesus selber. Aber in diesem Artikel möchte ich über die irdische Organisation der Gemeinde sprechen. Und auf dieser Erde ist die Familie das zutreffendste Bild der göttlichen Dreieinigkeit. Wenn wir eine echte „Reformation“ der Gemeinde wollen, dann müssen wir die Familie als irdisches Zentrum der Gemeinde wiederentdecken, und die Gemeinde um die Familien herum strukturieren und die Familien stärken, statt sie auseinanderzureissen, wie das allzu viele heutige Gemeinden tun.

Vorläufer der christlichen Gemeinde war Israel, das erwählte Volk Gottes des Alten Testaments. Dieses Volk war während seiner ganzen Geschicht durchgängig nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert.
Das ganze Volk hat seinen Urprung in drei Generationen von Familien: die Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von jedem Sohn Jakobs entsprang einer der Stämme Israels. Wir lesen über die Organisationsform des Volkes:

„Die Israeliten lagerten sich jeder bei seinem Banner, unter dem Feldzeichen der Familien ihrer Väter…“ (4.Mose 2,2) – Die Fortsetzung des Kapitels gibt für jeden Stamm den Ort an, wo sie sich während der Wüstenwanderung lagern sollten.

„Und ihr sollt das Land durchs Los als Erbe zugeteilt erhalten, nach euren Familien; (…) nach den Stämmen eurer Väter sollt ihr es als Erbe zugeteilt erhalten.“ (4.Mose 33,54) – Jeder Stamm erhielt ein bestimmtes Gebiet des verheissenen Landes zugeteilt. (Siehe auch Josua 14 – 19.)

„Tretet also morgen nach euren Stämmen herzu; und der Stamm, den der Herr (durchs Los) bestimmen wird, soll nach seinen Sippen herzutreten; und die Sippe, die der Herr bestimmen wird, soll nach ihren Familien herzutreten; und die Familie, die der Herr bestimmen wird, soll Mann für Mann herzutreten …“ (Josua 7,14). – Das war das Vorgehen, mit welchem ermittelt wurde, wer vom Volk gesündigt hatte. Die Organisation des Volkes nach Verwandtschaftsgraden ist klar ersichtlich. Dasselbe Vorgehen wurde angewandt, um die Wahl Sauls zum König zu bestätigen (1.Samuel 10,20-21).

Noch viele Jahrhunderte später organisierte Nehemia das Volk nach Familien, um die Stadtmauer zu verteidigen:
„Da stellte ich an den tiefer liegenden Orten hinter der Mauer, und an den offenen Stellen, das Volk nach Familien auf, mit ihren Schwertern, Lanzen und Bogen. Dann sah ich sie an, und erhob mich und sagte zu den Adligen und den Offizieren, und zum übrigen Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den grossen und furchtbaren Herrn, und kämpft für eure Brüder, für eure Söhne und Töchter, für eure Frauen und für eure Häuser!“ (Nehemia 4,13-14)

Das wichtigste jüdische Fest, das Passah, wird in den Familien gefeiert:
„Am zehnten Tag dieses Monats soll jeder ein Lamm nehmen nach den Familien ihrer Väter, ein Lamm für jede Familie.“ (2.Mose 12,3)
„… Das sollt ihr halten, ihr und eure Kinder, als ein ewiges Gebot. … Und wenn eure Kinder euch fragen: Was bedeutet dieser euer Brauch?, dann sollt ihr antworten: Das ist das Passahopfer des Herrn, der an den Häusern der Israeliten in Ägypten vorüberging … „ (2.Mose 12,21-27)
Während der Passahfeier muss ein Kind (normalerweise das jüngste) mit dieser Frage das Gespräch beginnen. Als Antwort erzählt der Vater seiner Familie die Geschichte des Passah und leitet die Feier.

Dieses Familienbewusstsein ist auch im heutigen Israel noch gegenwärtig:

„In dieser Zeit (in Israel) ging mir auf, wie sehr die jüdische Kultur eine Familienkultur ist, bei der der Tisch mit Essen und tiefen Diskussionen über die heiligen Schriften im Mittelpunkt steht. Durch diese Erfahrungen in Israel ging mir auf, wie sehr das Gemeindeleben, wie ich es in verschiedenen Frei- und Grosskirchen kennengelernt hatte, vom griechischen Geist geprägt ist. Im griechischen Geist entwerfen wir schöne Theorien und gehen in Gottesdienste, bei denen die wenigsten aktiv teilnehmen. (…) Demgegenüber lebt das Judentum davon, dass man sieht, wie etwas gemacht wird. Dabei trifft man sich um den Tisch herum. Dort behandelt man sowohl Fragen des Alltags als auch geistliche Themen. Das Ganze geschieht im Gespräch miteinander. Für mich war mein sechsjähriger Aufenthalt in Israel eine Zeit, in der Gott mir den Filter wegnahm, durch den ich die Bibel vorher gelesen hatte.
(…) Gleichzeitig ist die Kernfamilie immer Teil eines grösseren Zusammenhanges, d.h. der Grossfamilie bzw. der Sippe. Auf diese Weise überlebten die Juden als Minderheit in einem ihnen feindlich gesonnen Umfeld, der Diaspora. Die Juden waren sich bewusst: ‚Wir als Juden, als Gottes auserwähltes Volk, gehören zusammen.‘ Trotz dieses gemeinschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühls geht der Einzelne nicht unter im ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘, sondern man fördert die Fähigkeiten, Talente und Gaben der Einzelnen.
Wer aber aus dem Volk herausragt, indem er an Geld, Macht und Einfluss in der Gesellschaft gewinnt, hat immer auch eine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. Das sieht man bis heute in Israel, wo reiche Juden aus aller Welt für de Armen, Schwachen und Benachteiligten spenden. Zudem ist man sich bewusst, dass man zu einer Grossfamilie gehört, einer Sippe, die sich gegenseitig unterstützt. In einer solchen Grossfamilie gibt es immer einen zusätzlichen Teller, ein zusätzliches Bett oder sonstige materielle, ideelle oder praktische Hilfe. Lebt man in erreichbarer Nähe, so trifft sich die Grossfamilie regelmässig – nicht nur zu den herausragenden Zeiten im Leben ihrer Mitglieder – und sitzt gemeinsam um den Tisch, isst miteinander und tauscht sich aus.“
(Markus Jerominski, in „Väter und Mütter, die die Welt prägen“.)

Diese selben Prinzipien galten in der Urgemeinde. Die ersten Christen verstanden sich wie Israel als Grossfamilie. Das ganze Leben der christlichen Gemeinschaft war familienzentriert.

Ihr bevorzugter Versammlungsort war das eigene Haus. In den Ursprachen der Bibel ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Das Neue Testament erwähnt u.a: „die Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquila“ (1.Kor.16,19), „die Gemeinde im Haus von Nympha“ (Kol.4,15), „die Gemeinde im Haus von Philemon“ (Phm.2). Von Gayus wird gesagt, „der mich und die ganze Gemeinde beherbergt“ (Röm.16,23). In Apg.2,46 heisst es von den ersten Christen: „Sie brachen das Brot in den Häusern, assen zusammen mit Freude und Einfachheit des Herzens.“ Da wird deutlich der „Familientisch“ der jüdischen Kultur sichtbar. Ebenso in Apg.5,42: „Und jeden Tag, im Tempel und in den Häusern, hörten sie nicht auf, Jesus Christus zu verkünden und von ihm zu lehren.“ (Siehe auch Apg. 2,2, 8,3, 11,11-15, 12,12, 16,31-34, 16,40.)

Diese „Hausgemeinden“ (wahrscheinlich Gemeinschaften von mehreren Familien, die in der Nähe wohnten) bildeten also etwas wie geistliche „Sippen“, und zusammen mit anderen „Sippen“ der Stadt bildeten sie die geistliche Grossfamilie ihrer Stadt („die Gemeinde in Ephesus“, „die Gemeinde in Korinth“, usw.). So sagt Paulus in Eph.2,19, dass wir als Christen „Mitglieder der Familie Gottes“ sind.

Insbesondere ist das „Abendmahl“ die Fortsetzung des jüdischen Passahmahls (Matth.26,17-29). So wie das Passah in den Familien gefeiert wird, so auch das Abendmahl in der Urgemeinde. („Sie brachen das Brot in den Häusern„, Apg.2,46). So wie der jüdische Familienvater die Passahfeier leitet, so leitete der urchristliche Familienvater das Abendmahl. Dazu war kein „Priester“, „Pfarrer“ oder „Pastor“ notwendig.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Hausgemeinden nicht einfach „Zellen“ oder „Hauskreise“ einer grösseren zentralisierten Kirche waren, so wie sich heute manche Freikirchen organisieren. Die Hausgemeinde war eine vollgültige, weitestgehend unabhängige Gemeinde. Paulus spricht die Hausgemeinden in seinen Briefen immer als „Gemeinden“ an, nicht als „Gruppen“ oder „Zellen“.

Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass sich die Hausgemeinden nicht einfach dadurch auszeichneten, dass sie sich in Privathäusern versammelten statt an irgendeinem anderen Ort. Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie Familiengemeinden waren. Ihr Kern bildete eine Familie, und ihr Zusammenleben hatte die Struktur einer Familie.
Offenbar waren die Familien in diesen Versammlungen vereint. Einige Abschnitte in den apostolischen Briefen richten sich direkt an die Kinder (Eph.6,1-3, Kol.3,20, 1.Joh.2,12-13). Die Kinder waren demnach anwesend, wenn diese Briefe vorgelesen wurden. Die Urgemeinde spaltete die Familien nicht auf in „Männerklub“, „Frauentreffen“, „Jugendgruppe“ und „Sonntagschule“, wie es die meisten gegenwärtigen Kirchen machen. Im Gegenteil, sie versammelte sich als eine „Familie von Familien“.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament lesen wir oft davon, dass ganze Familien sich entscheiden, dem Herrn nachzufolgen. So sagt Gott in seiner Berufung an Abraham: „… und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet sein.“ (1.Mose 12,3).
Josua verpflichtete sich, zusammen mit seiner ganzen Familie dem Herrn zu dienen: „… aber ich und mein Haus werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15).
In der Apostelgeschichte lesen wir, dass sich Cornelius „mit seinen Verwandten und seinen engsten Freunden“ zum Herrn bekehrte (Apg.10,24.44). Ebenso „Lydia und ihre Familie“ (Apg.16,15), und der Gefängnisaufseher mit „allen, die in seinem Haus waren“ (Apg.16,31-34).

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (2.Teil)

4. April 2011

Dies ist die Fortsetzung eines Artikels, der Parallelen zwischen der Institution Schule und der institutionalisierten Kirche aufzeigt.

Vorgeschriebene Prozeduren statt Erfüllung der eigentlichen Aufgabe

Es ist mir schon aufgefallen, dass berufsmässige Lehrer sich nur selten dafür interessieren, wie Kinder wirklich lernen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in der Regel habe ich gefunden, dass gerade Lehrer die grössten Schwierigkeiten haben, Daten über Lernvorgänge und geeignete Lernumgebungen zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind derart voll von staatlich vorgeschriebenen Prozeduren, Lehrplänen und Lehrmethoden, dass sie nicht mehr danach fragen, ob diese Prozeduren und Methoden tatsächlich ihrem angeblichen Ziel dienen, nämlich dass Kinder lernen. – Umgekehrt fand ich, dass gerade jene Personen, in denen ich eine natürliche Lehrbegabung feststellen konnte, am wenigsten daran interessiert waren, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Schuldirektoren, Mitglieder von Schulbehörden, usw, sind in der Regel noch weiter entfernt von der pädagogischen Wirklichkeit. Sie sind vollends zu Funktionären des Staates geworden, blind dessen Anordnungen folgend, ohne überhaupt danach zu fragen, ob irgendetwas davon wirklich gut ist für die Kinder.

Meine eigenen Kinder haben am meisten gelernt bei Aktivitäten, die am wenigsten mit „Schule“ zu tun hatten: Gemeinsam herausfinden, wie man ein bestimmtes Computerspiel programmieren kann. Im Internet Bilder und Beschreibungen von Tier- und Pflanzenarten suchen. Eine Reise in eine andere Landesgegend unternehmen. Spontan ein Buch lesen, das einen interessiert, ohne vorgegebene Prüfungsfragen dazu beantworten zu müssen.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich in den institutionalisierten Kirchen. Pfarrer und Pastoren fragen höchst selten danach, wie Christen in ihrem Glaubensleben wachsen, wie Gott bei einer echten Bekehrung wirkt, und ob ihre Gemeindeglieder wirklich zum Glauben an Jesus gekommen sind. Stattdessen sind sie voll von übernommenen evangelistischen Strategien und kirchlichen Traditionen, die angepasste Mitglieder hervorbringen, aber Gläubige an Jesus? Man gibt sich damit zufrieden, dass jemand von der Strategie „erreicht“ wurde, die gerade Mode ist (Massenevangelisation, Strassenpredigt, Alphakurs, „besucherfreundlicher Gottesdienst“, oder was auch immer), und die vorgeschriebenen Schritte durchlaufen hat („Übergabegebet“, Taufe, Glaubensgrundkurs, etc.). Die richtige Durchführung der Prozeduren und Rituale wird wichtiger genommen als die Frage, ob überhaupt noch eine geistliche Wirklichkeit dahintersteht.

Die intensivsten gemeinsamen Gebetszeiten und das lebendigste Interesse an Glaubensfragen habe ich meistens in einem Umfeld gefunden, das am wenigsten mit „Kirche“ zu tun hatte: bei „wilden“, von keiner Gemeinde abgesegneten Jugendversammlungen und -einsätzen.

Sowohl für Schule wie für Kirche gilt: Je institutionalisierter, desto mehr an der eigentlichen Aufgabe vorbei.

Institutionalisierung der mitmenschlichen Beziehungen

Sowohl die Schule wie auch die institutionalisierten Kirchen begehen einen Etikettenschwindel hinsichtlich der mitmenschlichen Beziehungen. Die Schule behauptet, zur „Sozialisierung“ der nächsten Generation notwendig zu sein. In Diskussionen um das „Homeschooling“ (Bildung zuhause) wird oft gefragt: „Wie sollen die Kinder denn lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, wenn sie nicht zur Schule gehen?“ „Wie sollen sie lernen, mit Andersdenkenden umzugehen?“ etc. – In ganz ähnlicher Weise behaupten Vertreter der institutionalisierten Kirchen, ein Christ brauche diese Institutionen, um christliche Gemeinschaft zu haben und zu lernen.

Die tatsächliche Praxis sieht aber ganz anders aus. In Wirklichkeit werden in beiden Institutionen die mitmenschlichen Beziehungen den institutionellen Zielen untergeordnet und dadurch verfremdet. Statt dass die Menschen zusammengeführt werden, werden sie voneinander getrennt. Es gibt meines Wissens nur zwei Arten von Orten auf der Welt, wo Menschen stundenlang nebeneinander auf einer Bank sitzen, ohne miteinander auch nur ein Wort wechseln zu können bzw. zu dürfen: in der Schule und in der Kirche. – Nein, es gibt noch einen dritten solchen Ort: in einem klassischen Konzert. Aber da behauptet niemand, der Besuch von klassischen Konzerten sei notwendig, um mitmenschliche Gemeinschaft zu haben.

Was für mitmenschliche Beziehungen gibt es denn unter den Schülern einer Schule? Sie begegnen einander in erster Linie nicht als Mitmenschen, sondern als Konkurrenten. Es ergibt sich eine Hackordnung, wo das „Recht des Stärkeren“ durchgesetzt wird. Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Mitleid, usw, werden dagegen nicht gefördert. Wie John Taylor Gatto nach über 30-jähriger Erfahrung als Lehrer sagte:

„Die Kinder, die ich unterrichte, sind grausam untereinander. Sie haben kein Mitleid mit dem Unglücklichen, lachen über Schwachheit, und verachten ihre Nächsten, die Hilfe brauchen. – Die Kinder, die ich unterrichte, fühlen sich unwohl bei menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit. Sie gleichen vielen Adoptivkindern, die ich kennenlernte: sie können mit echter Intimität nicht umgehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, ihr echtes Ich geheimzuhalten hinter einer künstlichen äusseren Persönlichkeit…“
(Siehe „Warum Schulen nicht bilden“.)

Und wie steht es mit dem Umgang mit Andersdenkenden? Wer anders denkt als der Lehrer, hat keine Chance. Und auf Gebieten, wo der Lehrer nichts dazu sagt, bildet sich schnell aufgrund der Hackordnung eine „Klassen-Massen-Meinung“. Wer sich der nicht anschliesst, wird zum Aussenseiter – selbt über so unwichtigen Fragen wie die nach der besten Fernsehsendung, dem besten Sportler oder der besten Musikgruppe.

Was die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrifft, so kann diese kaum offen und mitmenschlich werden, solange der Lehrer aufgrund seiner Gewalt der Notengebung die absolute Kontrolle über den sozialen Status und die berufliche Zukunft seiner Schüler hat. Ein Lehrer mag persönlich noch so mitfühlend sein und seine Schüler echt wertschätzen – das System zwingt ihn dazu, jenen, die weniger „leisten“, einen negativen Stempel aufzudrücken.

Wie anders war das in den Zeiten, als ein angehender Handwerker oder Akademiker sich noch persönlich seinen Lehrmeister aussuchen konnte, nicht unter institutionellem Druck, sondern mit persönlicher Kenntnis des Lehrmeisters und dessen Qualitäten! Ein griechischer Philosoph zu seinen Schülern, ein altjüdischer Prophet oder Rabbi zu seinen Jüngern, ein mittelalterlicher Handwerksmeister zu seinen Gesellen – diese hatten sicherlich engere und offenere Beziehungen zueinander als ein heutiger Lehrer zu seinen Schülern, oder ein heutiger Pastor zu seinen Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich, weil die damaligen Lehrer-Schüler-Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhten. Aber je mehr die Institutionalisierung fortschritt, desto schneller nahm die Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ab.

– Was die institutionalisierten Kirchen betrifft, so findet bei deren Anlässen in Wirklichkeit äusserst wenig „Gemeinschaft“ statt. Nebeneinander in einer Bank zu sitzen, dieselben Lieder zu singen und dieselbe Predigt anzuhören, ist noch lange keine Gemeinschaft. – Viele Kirchen heute haben Hauskreise. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber allzu oft sind diese Hauskreise zentral programmiert und überwacht, sodass ein vorgegebenes Programm absolviert werden muss, das eine wirklich transparente Gemeinschaft verhindert. Oder sie stehen unter einem Leistungsdruck, so und so viele neue Mitglieder zu gewinnen, und bemühen sich deshalb krampfhaft, „anziehend“ zu sein – was genau das Gegenteil bewirkt. – Unabhängige Hausgemeinden haben in dieser Hinsicht mehr Freiheit; aber ob sie diese Freiheit wirklich nutzen bzw. sie ihren Mitgliedern zugestehen, steht auf einem anderen Blatt.
In dem Buch „Der Schrei der Wildgänse“ (Wayne Jacobsen und Dave Coleman) fordert ein Besucher eines Hausgemeindetreffens die Teilnehmer mit den folgenden Bemerkungen und Fragen heraus:

„Statt zu versuchen eine Hausgemeinde zu bauen, lernt einander zu lieben und eure Lebensreise miteinander zu teilen. An wessen Seite bittet dich Gott jetzt gerade den Weg zu gehen, und wie kannst du diese Person ermutigen? (…) Versucht nicht, es gezwungen, exklusiv oder dauerhaft zu machen. Beziehungen funktionieren nicht auf diese Weise. (…) Die Gemeinde ist Gottes Volk, das lernt, sein Leben miteinander zu teilen. Marvin hier und Diana dort drüben. Als ich Ben nach eurem gemeinsamen Leben fragte, hat er mir über eure Zusammenkünfte erzählt, aber nichts über eure Beziehungen. Das war vielsagend. Kennst du Roarys grösste Hoffnung, oder Jakes gegenwärtige Kämpfe? Solche Dinge kommen selten während Zusammenkünften zutage. Sie erscheinen im Rahmen natürlicher Beziehungen während der Woche.“

Zur Beziehung zwischen Pastoren/Pfarrern und Gemeindegliedern muss ähnliches gesagt werden wie zur Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nur dass die Gewalt des Gemeindeleiters nicht über die berufliche Zukunft besteht (vollzeitliche Kirchenmitarbeiter ausgenommen), sondern – angeblich – über die ewige Zukunft. Gerade bei tiefgläubigen Mitgliedern kann das zu einem unerträglichen Druck führen.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass der Grad der Institutionalisierung umgekehrt proportional ist zum Grad echter Gemeinschaft. Wie ich in anderem Zusammenhang schon ausführte, werden in einer solchen Umgebung die mitmenschlichen Beziehungen zu Zweckfreundschaften verfremdet. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele. Man zeigt nach aussen hin Verständnis, Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft mit seinen Mitmenschen – aber nur solange diese sich mit-institutionalisieren lassen. Wenn der institutionelle Zweck wegfällt, platzt die Seifenblase einer solchen „Freundschaft“.

Erst recht fatal wirkt sich die Institutionalisierung aus, wenn es zu Konflikten kommt. Diese werden dann überproportioniert zu institutionellen „Disziplinarfällen“, und können im Extremfall die ganze berufliche und persönliche Zukunft von Betroffenen zerstören. In einer nicht-institutionalisierten Umgebung können dagegen persönliche Konflikte auf persönlicher Ebene behandelt werden, was eine Lösung erheblich erleichtert. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament möge dies illustrieren:

Paulus und Barnabas waren auf der ersten Missionsreise enge Mitarbeiter und Freunde gewesen. Einer ihrer Begleiter war Johannes Markus gewesen, der aber auf halbem Weg umkehrte – die Gründe dafür werden uns nicht mitgeteilt. Als sie dann zur zweiten Missionsreise aufbrachen, wollte Barnabas wiederum Johannes Markus mitnehmen, aber Paulus wollte nichts davon wissen. Über dieser Frage zerstritten sich Paulus und Barnabas und trennten sich. In der Folge unternahm Barnabas mit Johannes Markus eine eigene Missionsreise nach Zypern, während Paulus sich einen anderen Begleiter suchte und nach Kleinasien reiste. (Siehe Apostelgeschichte 15,36-40).

So wie die Geschichte uns berichtet wird, handelte es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen den Beteiligten, die darüber hinaus keine grösseren Wellen schlug. Die Auseinandersetzung berührte keine wesentlichen Glaubensfragen, und man konnte sie deshalb auf sich beruhen lassen. Ich nehme an, dass die Beziehung zwischen Paulus und Barnabas während längerer Zeit getrübt blieb. Aber keiner der Beteiligten wurde dadurch in seinem geistlichen Dienst geschädigt. Viele Jahre später lesen wir sogar, dass auch Paulus die Nützlichkeit von Johannes Markus wieder anerkannte (2.Timotheus 4,11). Immerhin handelt es sich bei diesem Mann um den Verfasser des Markusevangeliums.

Wie wäre diese Geschichte in einer heutigen institutionalisierten Kirche oder Missionsgesellschaft ausgegangen? – Da ich ähnliches schon erlebt habe, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Die persönliche Auseinandersetzung wäre institutionalisiert worden: Da Paulus der Leiter des „Missionsunternehmens“ war, hätte seine Erklärung, Markus sei untauglich zur Missionsarbeit, sofort offizielle Geltung erlangt und wäre den wichtigsten Leitern bekanntgemacht worden. Barnabas hätte durch seine Trennung von Paulus seine „geistliche Abdeckung“ verloren (obwohl ursprünglich er der Hauptleiter gewesen war!) und wäre womöglich der „Kirchenspaltung“ und „Rebellion“ beschuldigt worden. Sowohl Barnabas wie Markus wäre die Weiterarbeit im Rahmen der mit Paulus verbundenen Gemeinden verunmöglicht worden. Entweder hätten sie aufgegeben, oder sie hätten eine neue Konfession bzw. Denomination gegründet. – Wie gut, dass Paulus sich nicht als Leiter einer „Institution“ verstand!

In einer institutionalisierten Umgebung können persönliche Konflikte nicht auf persönlicher Ebene gelöst werden, wo sie hingehören. Die Beteiligten können sich nicht einfach als Mitmenschen begegnen: ihr jeweiliger Rang innerhalb der institutionellen Hierarchie überschattet jeden Versuch der Kommunikation. Ein einzelner Leiter oder eine kleine Gruppe von Leitern institutionalisiert und verabsolutiert seine persönliche Meinung. Der persönliche Konflikt wird zu einer kirchenpolitischen Machtdemonstration von seiten des Leiters – oder zu einem Machtkampf, falls es sich um Leiter von ähnlichem Rang handelt.

Fazit

Kirche und Schule sind heutzutage beide in ähnlicher Weise institutionalisiert. Das führt in beiden Institutionen zu ganz ähnlich gelagerten Problemen.

Dementsprechend haben sich auf beiden Gebieten in den letzten Jahrzehnten ähnlich ausgerichtete Gegenbewegungen gebildet: Im Bereich der Bildung die Homeschooling- und Unschooling-Bewegung, und im Bereich der christlichen Gemeinde die verschiedenen Hausgemeindebewegungen, „beziehungsorientierte Gemeinde“ („relational church“), und andere Arten nicht-institutionalisierten Christentums. (Wobei einige Hausgemeindebewegungen ebenso institutionalisiert sind wie die traditionellen Kirchen; diese rechne ich hier nicht mit.)

Ich habe in diesem Artikel versucht, die Parallelen zu beschreiben. Mit der hauptsächlichen Absicht aufzuzeigen, dass die beiden Bewegungen – soweit Christen betroffen sind – wesensmässig zusammengehören und voneinander lernen können. Haus-Gemeinde und Home-Schooling sind eng miteinander verwandt. Beide – wenn richtig verstanden – stellen die Familie wieder in den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Beide arbeiten für die Wiederherstellung der mitmenschlichen Beziehungen, die durch die Institutionalisierung verfremdet wurden. Und es ist meine Überzeugung, dass beide dem ursprünglichen Christentum näher stehen als jede andere zur Zeit existierende Bewegung.

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (1.Teil)

25. März 2011

In früheren Artikeln habe ich ab und zu auf einige Probleme der institutionalisierten Kirche hingewiesen, die offensichtlich nicht mehr das ist, was Jesus ursprünglich gemeint hat. In anderen Artikeln bin ich auf einige Probleme der Institution „Schule“ eingegangen. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass viele Probleme dieser beiden Institutionen parallel laufen. Beide „institutionalisieren“ Menschen in einer Weise, die sowohl dem Plan Gottes wie auch den nach aussen hin erklärten Zielen dieser Institutionen zuwiderlaufen. Ich möchte jetzt gerne einige dieser Parallelen aufzeigen.

Beide Institutionen sind familienfeindlich

Das ist der Punkt, der uns persönlich am meisten betrifft. Als Eltern möchten wir unseren Kindern ein gesundes Familienleben mitgeben, und das bedeutet in erster Linie Zeit zu haben, um für sie da zu sein. Leider stellten wir fest, dass sowohl die Schule wie auch die institutionelle Kirche dieses Ziel massiv behindern.

In den allermeisten christlichen Kirchen werden bei den meisten Anlässen – insbesondere im „Gottesdienst“ – die Kinder von ihren Eltern getrennt. In vielen Kirchen, die ich kennenlernte, ist der Kindergottesdienst vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass die Familien nicht einmal gemeinsam „zur Kirche gehen“ können. Eine Familie, die regelmässig die Anlässe einer solchen Kirche besucht, kann sonntags kaum noch gemeinsam Zeit verbringen.

Bei Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ebenso hoch ist wie unter der übrigen Bevölkerung. Offenbar tragen die Kirchen nichts dazu bei, den Familienzusammenhalt zu stärken.

In den meisten Kirchen heisst der Kindergottesdienst „Sonntagschule“. Deutlicher kann man die Nähe zur Institution Schule nicht mehr ausdrücken.

Natürlich läuft diese ganze Institutionalisierung und altersgruppenweise Verwaltung von Kirchenmitgliedern der Bibel zuwider. In der ursprünglichen christlichen Gemeinde war die Familie das Zentrum des „Gemeindelebens“, und alles andere wurde um die Familie herum aufgebaut. Aber die heutigen institutionalisierten Kirchen haben das „Gemeindeleben“ der Familie entfremdet und es in ein unpersönliches Gebäude für schulähnliche Veranstaltungen verlegt.

In den letzten Jahren sind wieder vermehrt Hausgemeinden gegründet worden, die dem neutestamentlichen Urbild näherkommen möchten. Solche Hausgemeinden haben die grosse Chance, die Familie als Kern des Gemeindelebens wiederzuentdecken und die institutionellen und „schulischen“ Formen von „Kirche“ abzulegen. Die Frage ist, ob sie diese Chance wahrnehmen werden. (Da es in Perú m.W. noch keine Hausgemeindebewegung gibt, kann ich diese Frage nicht aus eigener Beobachtung beantworten.)

Wenn wir nun von der Institution Schule sprechen, da ist die Zertrennung der Familien noch offensichtlicher. Immer früher und immer länger werden die Kinder von ihren Familien getrennt. Lag das Schuleintrittsalter vor hundert Jahren noch um acht Jahre und bestand ein Schultag aus wenigen Stunden, so müssen heute in vielen Ländern (z.B. hier in Perú) schon die Dreijährigen zur Schule gehen. Im Primarschulalter sind sie täglich rund sechs Stunden ausser Haus, in der Sekundarschule können es bis acht Stunden sein. Und selbst die schulfreie Zeit ist nicht wirklich frei: In dieser Zeit müssen Hausaufgaben gemacht werden – je länger je mehr als Gruppenarbeiten, sodass die Kinder auch in dieser Zeit nicht zuhause sein können. Was bleibt da noch an Zeit übrig, um auch nur halbwegs ein Familienleben zu pflegen?

Aber nach dem Willen der Schulplaner soll es ja gar kein Familienleben geben. Schon vor über 20 Jahren bemerkte Eberhard Mühlan:

“Der Deutsche Bildungsrat empfiehlt allen Ernstes als Ziel des pädagogischen Handelns im Elementarbereich, ‚die Abhängigkeit des Kindes von Bezugspersonen zu mindern‘. Damit sind in erster Linie wir Mütter und Väter gemeint! (…) Die Kinder gehören der Gesellschaft, die grosszügigerweise gewisse Erziehungsaufgaben an die Eltern oder an staatliche Einrichtungen verteilt.”
(Eberhard Mühlan, “Kinder in der Zerreissprobe”, Schulte+Gerth Verlag 1985)

Offenbar ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht worden: Funktionierende Familien sind kaum noch anzutreffen. Ist es zu weit hergeholt, diese Entwicklung hauptsächlich der zunehmenden Verschulung und Institutionalisierung der Gesellschaft zuzuschreiben?

Unantastbare Autoritäten

In beiden Institutionen, Schule und institutionalisierte Kirche, gibt es Autoritätspersonen, die sich einen Absolutheitsanspruch anmassen, der nicht in Frage gestellt werden kann bzw. darf.

Der Lehrer ist ein berufsmässiger Besserwisser, der anderen Menschen vorschreibt, was und wie sie zu lernen haben. Darauf beruht das System, und deshalb kann nicht zugelassen werden, dass ein Schüler etwas besser weiss als sein Lehrer – das könnte das ganze System zum Zusammenbruch bringen. Ebensowenig kann zugelassen werden, dass ein Schüler selbständig Dinge lernt, die sein Lehrer nicht weiss, oder die nicht im Lehrplan stehen; oder dass er auf andere Weise lernt, als die Schule vorschreibt. – Ich will hiermit nicht unterstellen, Lehrer handelten böswillig aus den erwähnten Absichten heraus. Nur zu oft sind sie selber auch Gefangene eines Systems, das sie nicht ändern können. Da ich selber als Lehrer gearbeitet habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwer manchmal die Last sein kann, alles besser wissen zu müssen.

Etwas ganz ähnliches geschieht in vielen Kirchen. Der Pfarrer / Prediger ist in der Regel von einer „sakralen Aura“ umgeben, die weit über die wirkliche Autorität hinausgeht, die ihm natürlicherweise zukäme. Verschiedene Konfessionen bewerkstelligen das auf verschiedene Weise, aber das Endergebnis ist überall etwa dasselbe:
– In der katholischen Kirche herrscht die Idee, der Priester werde durch die Priesterweihe zu einer besonderen Klasse Mensch – ein „Kleriker“, aus der Masse der „Laien“ herausgehoben -, und deshalb darf er nicht in Frage gestellt werden, selbst wenn er unrecht hat. Wie mir einmal ein katholischer Apologet sinngemäss schrieb: „Die Kirche ist heilig, weil sie von Jesus selber eingesetzt worden ist, und deshalb müssen wir sie als heilig ansehen, selbst wenn wir in ihr Dinge sehen, die wir als unheilig bezeichnen würden.“ Also: Wenn ich in der Hierarchie der Kirche etwas Unheiliges beobachte, erkläre ich es einfach dennoch als heilig, und damit habe ich das Problem als gelöst zu betrachten.
– Reformierte Pfarrer gewinnen ihren Status hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie studierte Theologen sind. Somit wissen sie „tiefe Geheimnisse“, die von gewöhnlichen Laien nicht gewusst werden können. (Insbesondere, wie man mehr oder weniger überzeugend begründet, warum ein bestimmter Abschnitt in der Bibel nicht das bedeutet, was er effektiv aussagt.) Deshalb können Theologen von Nicht-Theologen nicht in Frage gestellt oder belehrt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Theologen wie „Laien“ dieselbe Bibel vor sich haben…
– In vielen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen ist eine Lehre vorherrschend, wonach Gott zu gehorchen bedeutet, „der von Gott eingesetzten Leiterschaft zu gehorchen“. Wer sich seinem Pastor „unterordnet“, der geniesst gemäss dieser Lehre die „Abdeckung“ Gottes; wer ihm widerspricht, ist den Angriffen des Feindes schutzlos ausgeliefert. Oft wird das so weit getrieben, dass gesagt wird: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht hat oder sündigt, denn Gott wird dich danach beurteilen, ob du deinem Leiter gehorcht hast oder nicht.“ – Es würde hier zu weit führen, im Detail zu zeigen, warum diese Lehre abwegig ist. Der Effekt ist klar: Pastoren erhalten eine unantastbare Machtstellung, denn ihnen zu widersprechen würde ja bedeuten, unter das Gericht Gottes zu fallen. Heute wird das als „geistlicher Missbrauch“ bezeichnet.
(Nebenbemerkung: Interessanterweise befinden sich die Evangelikalen mit dieser Auffassung näher beim Katholizismus als bei der Reformation.)

In beiden Institutionen, Schule und institutionelle Kirche, führt die beschriebene Situation zur Bevormundung, Abhängigkeit und dauernden Unreife der Personen, die unter diesen Institutionen stehen. Folgen sind: Verlust der Kreativität, des selbständigen Denkens und des Urteilsvermögens; Abhängigkeit von vorgegebenen Lern- und Verhaltensmustern; Entpersönlichung. Derart „institutionalisierte“ Kirchenmitglieder lernen nicht, Jesus nachzufolgen, sondern ihren Leitern. Derart „institutionalisierte“ Schüler lernen nicht, wirkliche Kenntnisse zu erwerben, sondern sie lernen nur, wie sie antworten müssen, dass der Lehrer zufrieden ist.

Auch bei diesem Punkt muss ich hervorheben, dass die ursprüngliche christliche Gemeinde anders war. Dort gab es nur eine absolute Autorität, Jesus selber. Gegenüber allen anderen Autoritäten galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29) und: „Prüft alles, behaltet das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21).

Dem Opfer wird die Schuld gegeben

Es ist eine traurige Dynamik in den meisten Situationen des Machtmissbrauchs, dass dem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben wird für das, was ihm zugestossen ist. Leider tritt diese Dynamik auch in den hier beschriebenen Institutionen auf.

Die institutionalisierte Kirche lehrt: „Ohne Pastor und institutionelle Kirche kann ein Christ nicht im Glauben wachsen.“ Es ist also Gesetz, dass man die kirchlichen Anlässe besucht und sich vom Pastor „pastorisieren“ lässt. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Kirche muss man auch noch andere Auflagen erfüllen, wie z.B: die Sakramente in Anspruch nehmen, den Zehnten geben, ein Bibelstudienprogramm besuchen, Bauprojekte unterstützen, usw. Als Gegenleistung wird Wachstum im christlichen Glaubensleben versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieses Wachstum nicht eintritt – wenn z.B. jemand von dem ganzen „Christentum“ zunehmend gelangweilt statt auferbaut wird, oder wenn jemand in grobe Sünde fällt? Meistens wird dann dieser Person die Schuld gegeben: „Du hast eben nicht genug Gott gesucht“, oder „Du hast einen kritischen Geist gegen die Leiterschaft“, oder „Du musst mehr Selbstdisziplin, Hingabe, Glaube (oder was auch immer) haben“, etc.
Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn es der Pastor und die Kirche wäre, was Glaubenswachstum hervorbringt, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieses Wachstum nicht eintritt? Wenn andererseits der Gläubige selber für sein Glaubensleben verantwortlich ist, warum soll er sich dann von einer institutionellen Kirche abhängig machen?

(Anmerkung: Geistliche Gemeinschaft unter Christen und gegenseitige Auferbauung ist etwas sehr Wichtiges. Ich möchte überhaupt nichts dagegen sagen. Aber gerade diese Art Gemeinschaft findet in den institutionellen Kirchen nur höchst selten statt – meistens muss man sie ausserhalb dieser Kirchen suchen.)

Dasselbe geschieht auch in den Schulen. Schulbehörden und Lehrerverbände verkünden: „Ohne Schule und ohne Lehrer kann man nicht lernen.“ Es ist also Gesetz, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“ (richtiger gesagt: gezwungenermassen den grössten Teil des Tages in der Schule absitzen), sich vom Lehrer belehren lassen und zuhause Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung wird Lernerfolg versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieser Lernerfolg nicht eintritt – wenn z.B. ein Schüler sich ständig nur langweilt, schlechte Noten hat und immer weniger versteht? Meistens wird dann dem Schüler die Schuld gegeben (oder dessen Eltern): „Du hast eine Lernstörung“, oder „Du hast eine gestörte häusliche Umgebung“, oder „Du bist einfach faul“, etc.
Ist das nicht derselbe Widerspruch? Wenn es die Schule und die Lehrer wären, die zum Lernerfolg führen, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieser Erfolg nicht eintritt? (Wie einmal jemand sagte: „Schulversagen ist in Wirklichkeit das Versagen der Schule.“) Wenn andererseits der Schüler selber für sein Lernen verantwortlich ist, warum zwingt man ihn dann dazu, zur Schule zu gehen, wenn es doch so viele alternative Lernmöglichkeiten gibt?

Zu beiden Institutionen muss zudem gesagt werden, dass die Versagerquote hoch ist – zu hoch im Vergleich mit dem, was sie versprechen. Schulen und Lehrer setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie dem „homeschooling“ mangelnde Qualität vorwerfen, während sie selber so viele Schüler mit mangelhaften Noten und mangelhaften Kenntnissen hervorbringen. Und Kirchen und Pastoren setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie den „nicht-institutionellen“ Christen Ungehorsam, mangelnde Verbindlichkeit und weiss ich was noch alles vorwerfen, während sie selber so viele Mitglieder hervorbringen, die dem Wort Gottes ungehorsam sind oder überhaupt vom Glauben abfallen.

Falsche Kriterien für die Eignung zu einer bestimmten Aufgabe

In einer weniger verschulten und institutionalisierten Gesellschaft konnte ein Arbeiter durch die Qualität seiner Arbeit überzeugen. Wer in einem Handwerk ein Meister werden wollte, der übte sich so lange, bis er ein Produkt von Spitzenqualität herstellen konnte – eben sein „Meisterstück“. Auf welche Weise er genau zu dieser Fähigkeit kam, war dabei unwesentlich. – Salomo sagte: „Siehst du einen Mann, geschickt in seinem Beruf? In Königsdienst wird er treten, Niedrigen wird er nicht dienen.“ (Sprüche 22,29).

Aber in der heutigen institutionellen Bürokratie genügt es nicht, die eigene Fähigkeit zu beweisen. Man braucht in erster Linie ein offizielles Diplom. Dieses bescheinigt nicht so sehr die tatsächliche Fähigkeit oder die tatsächlichen Kenntnisse, als vielmehr die Tatsache, dass man den offiziell vorgeschriebenen Ausbildungsgang hinter sich gebracht hat. Das wirkliche Lehrziel der Ausbildung besteht nicht in den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten, sondern in der Unterordnung unter die Institution. Dass man dieselben Fähigkeiten oder Kenntnisse auch auf anderen Wegen erlangen könnte, wird dabei nicht berücksichtigt. Man wird nicht darnach bewertet, was man als Mensch ist oder kann, sondern darnach, ob man sich „institutionalisieren“ lässt. Man muss die vorgeschriebene Schule besuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, und dann bekommt man ein Diplom, mit dem man einen Arbeitgeber suchen kann. Das führt zur „Angestelltenmentalität“ (diesen Ausdruck habe ich mir von Wolfgang Simson ausgeliehen): man bettelt darum, dass einem jemand Arbeit gibt, und ist dann ein Leben lang von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Gegensatz dazu wäre die „Unternehmermentalität“: Man schafft sich selber seine Arbeit, aufgrund der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten.

Die institutionelle Kirche macht dieses Spiel freudig mit. Das Glaubensleben von Mitgliedern wird danach beurteilt, wie oft sie zum Gottesdienst kommen, wieviel Zeit sie der Gemeinde zur Verfügung stellen, wieviele Glaubenskurse sie besucht haben, usw. (Erwähnt Jesus irgendetwas davon als Mass unserer Liebe zu ihm?) – Pastoren und Leiter werden selten nach ihren Fähigkeiten und ihrer geistlichen Berufung gewählt. Vielmehr müssen sie zuerst den vorgeschriebenen Ausbildungsgang absolvieren (Bibelschule bzw. Theologiestudium; Kandidatenzeit bzw. Vikariat, usw.), und dann unter Beweis stellen, dass sie sich widerspruchslos in die Institution einfügen. Kirchen suchen „Angestellte“, und einige wenige Leiter an der Spitze gefallen sich in der Rolle der „Arbeitgeber“ – aber ein gewöhnlicher Christ kann und darf in einer solchen Kirche nichts aus eigener Initiative „unternehmen“.

Wie anders sah die Ausbildung eines neutestamentlichen Mitarbeiters wie z.B. Timotheus aus! Paulus lud ihn einfach ein, ihn auf der Reise zu begleiten. Timotheus half ihm, wo er konnte, und erlebte mit, wie neue Gemeinden gegründet wurden und Gott wirkte. Dadurch lernte er und wuchs in Verantwortung. Seine Beziehung zu Paulus war persönlich, nicht „institutionell“. Timotheus war kein „Missionskandidat der Missionsgesellschaft Paulus & Co.“ (Es ist sehr bezeichnend, dass im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde keine Eigennamen von Institutionen, „Werken“ oder Gruppierungen vorkommen!) Er musste auch keinen vorgeschriebenen Lehrplan absolvieren und erhielt nie ein Abschlusszeugnis. Er war einfach ein Glaubensbruder, der einem anderen Glaubensbruder half und dabei offenbar seine eigene Berufung entdeckte.
Ein solcher „Mitarbeiter in Ausbildung“ musste auch nicht unbedingt von Paulus „abgedeckt“ sein. Wir sehen, dass ein unabhängiger Mitarbeiter wie z.B. Apollos genau dieselben Chancen hatte wie Timotheus. (Apg.18,24-28, 1.Kor.3,1-9). – Der Apostel Johannes wendet sich in seinem dritten Brief scharf gegen die institutionellen Einschränkungen der Gemeindemitarbeit, wie sie heute überall an der Tagesordnung sind: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen gern der Erste wäre, nimmt uns nicht an. (…) Und damit nicht zufrieden, nimmt er weder selber die Brüder auf, noch lässt er es denen zu, die es tun wollen, und stösst sie aus der Gemeinde aus.“ (3.Joh.9-10) Allzuviele heutige Gemeinden werden von einem modernen Diotrephes geleitet.
– Zurück zu Timotheus. Es muss einmal der Moment gekommen sein, wo die Mitbrüder seine geistliche Berufung und Befähigung erkannten und anerkannten. Allmählich wurde sein Dienst von dem des Paulus unabhängig. Die Brüder beteten für ihn mit Handauflegung; aber auch da erhielt Timotheus keinen „Titel“ und keine offizielle „Anstellung“. Er wird nie „Pfarrer Timotheus“, „Lehrer Timotheus“, „Evangelist Timotheus“ oder so ähnlich genannt (obwohl er anscheinend alle die Gaben hatte, die diesen Bezeichnungen zugrunde liegen). Er wurde nie in ein institutionelles Schema gepresst. Er war schlicht und einfach Timotheus, mit genau den persönlichen und unverwechselbaren Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hatte und die die Mitbrüder in ihm sehen konnten.

(Fortsetzung folgt)

„Christlicher Aussteiger“ – und wann kommt der Einstieg?

5. Oktober 2010

Ich sehe mich veranlasst, nochmals etwas über den Titel meines Blogs zu schreiben. Ich wurde nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass er missverständlich ist: „Das klingt, als wolltest du vom Christentum nichts mehr wissen.“ Und jemand anders meinte: „Aussteiger – das klingt so negativ. Warum nicht ‚christlicher Einsteiger‘?“

Zur Eröffnung dieses Blogs habe ich zwar unter dem Titel „Warum christlicher Aussteiger?“ schon einige Stichworte dazu geschrieben. Aber ich denke, einige zusätzliche Bemerkungen sind jetzt dran.

Zuerst: Ich bin tatsächlich aus manchem ausgestiegen, was so landläufig mit dem „Christentum“ in Verbindung gebracht wird. Das „Kirchentum“, das „Pfarrertum“, und viele damit verbundene Erscheinungen, sagen mir tatsächlich nichts mehr. Aber nicht weil ich gegen das Christentum wäre, sondern im Gegenteil: Ich habe festgestellt, dass diese Dinge ein echtes Christentum verhindern. Wenn wir zum Anfang des Christentums zurückgehen, d.h. zur Urgemeinde, dann finden wir keine „Kirche“ (in der Art der heutigen kirchlichen Organisationen), keine Kirchengebäude (weder mit Turm noch ohne), keine Pfarrer, keine Sonntags-Predigtgottesdienste, keine theologischen Fakultäten oder Bibelschulen, etc. So manches, was heute untrennbar mit dem „Christentum“ verbunden scheint, ist in Wirklichkeit völlig unwesentlich (und z.T. sogar hinderlich) für ein echtes Christenleben. In anderen Worten: Ich bin aus einem missverstandenen „Christentum“ ausgestiegen, um wieder näher an das ursprüngliche, echte Christentum heranzukommen.

Damit komme ich zur Frage nach dem „Einstieg“: Warum also nicht „Einsteiger“ in das ursprüngliche Christentum?

Das hat vor allem mit meiner persönlichen Situation zu tun. Ich bin schlicht noch nicht so weit! Ich musste feststellen, dass zwischen „Ausstieg“ und neuem „Einstieg“ eine Durststrecke liegt, die länger ist als erwartet. So wie zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Einzug ins Gelobte Land eine lange Wüstenwanderung lag. Oder so wie der Prophet Jeremias zuerst den Ruf ausführen musste, „auszureissen, zu zerstören und niederzureissen“, bevor er dann auch „aufbauen und pflanzen“ durfte (Jer.1,10). Ein unnütz gewordenes und abbruchreifes Gebäude muss zuerst vollends abgerissen werden, bevor am selben Ort ein Neubau errichtet werden kann. Das Unkraut muss zuerst ausgerissen werden, bevor am selben Ort etwas Neues gepflanzt werden kann.

Ich glaube, dass die gegenwärtige Zeit tatsächlich eine Zeit des „Abbruchs“ oder des Niedergangs ist für das traditionelle, missverstandene Christentum. Nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern überhaupt in der Welt. „Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes …“, schreibt Petrus (1.Petrus 4,17). Viele der gegenwärtigen Krisen in den traditionellen Kirchen sind von Gott zugelassene „Abbrucharbeiten“, damit wenigstens ein Überrest zum echten Christentum zurückfinden möge. – Dazu muss ich auch die persönlichen Krisen rechnen, durch die Gott mich in den vergangenen Jahren hindurchgeführt hat. Er musste auch in mir selbst viel falsches „Christentum“ abbrechen, das auf menschlichen Traditionen aufgebaut war statt auf einem persönlichen Kennenlernen Gottes.

Wann also werde ich wieder „einsteigen“ können?

Wenn in mir selbst dieses alte Gebäude des Traditionschristentums abgebrochen sein wird, sodass Gott mich wirklich gebrauchen kann. (Manchmal habe ich das Gefühl, es sei bald so weit; aber ich weiss, mein eigenes Gefühl kann mich täuschen.)

Und wenn um mich herum andere Christen von Gott erweckt werden, die ebenfalls durch diesen „Abbruchprozess“ gegangen sind und dann anfangen können, auf dem wahren Fundament wieder aufzubauen. Wenn „Kirche“ wieder zur Familie wird unter Gott dem Vater (statt einer von Mietlingen beherrschten Institution). Wenn Jesus wieder zum Fundament wird – nicht Machtmenschen und Bürokraten, nicht von Menschen aufgestellte Kirchengesetze und Kirchentraditionen.

Hoffnung sehe ich in einigen Hausgemeindebewegungen, die an verschiedensten Orten der Welt aufspriessen. In manchen dieser Bewegungen wird ernsthaft versucht, auf urchristliche Prinzipien zurückzugehen. Aber selbst in diesen Bewegungen sehe ich z.T. noch die Gefahr des „Programmatismus“. Sie werfen zwar alte Traditionen über Bord, kommen aber in die Gefahr, stattdessen einfach neue Traditionen und Programme zu institutionalisieren, die ebenso zum Wort Gottes „hinzugefügt“ werden wie vorher die alten. (Ich hoffe, sie werden sich dieser Gefahr bewusst, bevor sie in dasselbe Fahrwasser kommen, das sie verlassen haben.) – Und hier in Perú gibt es noch nicht einmal eine Hausgemeindebewegung…

„Mehr Familie, weniger Institution“ – das ist mein persönliches Motto in diesem Wandlungsprozess. Wenn das eines Tages in meiner eigenen Familie sichtbar wird, und wenn Gott um uns herum Gleichgesinnte erweckt – dann werde ich mich wieder „Einsteiger“ nennen können. Wann es soweit sein wird, weiss Gott allein.

Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

1. November 2009

Die „zweite Bekehrung“, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner „ersten Bekehrung“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: „Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?“ – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche „Gemeinde“ basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend „institutionelle“ Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination „anerkannt“ ist; ob ein Pastor „ordnungsgemäss ordiniert“ ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter „anerkannten“; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, „Kirche zu spielen“, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen „glücklichen Eindruck“ zu erwecken: „Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!“ – „…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!“ – usw. – Wie oft sehe ich, dass „Treue im Glauben“ einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

„Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…“ (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von „Gottesdienstbesuch“? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als „Versammlung“ im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht „einander“ – es heisst nicht „eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören“. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit „ermahnen“ übersetzte Wort bedeutet vor allem „ermutigen“, „aufmuntern“, „trösten“), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was „funktioniert“.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

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