Posts Tagged ‘Hirte’

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (2.Teil)

19. Dezember 2016

Die Schafe folgen dem Guten Hirten.

Das Gleichnis in Johannes 10 betont die enge Vertrauensbeziehung zwischen den Schafen und dem Guten Hirten:
„Die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe, jedes mit Namen, und führt sie hinaus. Wenn er seine eigenen Schafe hinausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,3-4)
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir …“ (Vers 27)

Hier in Perú (und möglicherweise auch in den anderen ehemaligen spanischen Kolonien) sind diese Worte noch schwieriger zu verstehen als in der europäischen Kultur. Peruanische Hirten gehen nicht vor ihren Schafen her. Sie gehen hinter ihnen und treiben sie vor sich her, so wie man es z.B. mit Kühen machen würde. Dieser kleine kulturelle Unterschied ist ein grosses Hindernis zum Verständnis des Evangeliums. Es macht einen grossen Unterschied in der Beziehung zwischen Hirte und Herde, ob der Hirte vor den Schafen hergeht oder hinter ihnen.

Wo der Hirte die Schafe vor sich hertreibt, besteht eine Beziehung der Überwachung und des gegenseitigen Misstrauens. Die Schafe haben niemanden, dem sie folgen können; sie müssen den Weg selber finden. Ausserdem fühlen sie sich ständig von hinten bedroht. Statt ihrem Hirten zu vertrauen, fürchten sie ihn. Der Hirte vertraut seinen Schafen ebensowenig: er muss sie antreiben, damit sie vorwärtsgehen, und er muss sie ständig überwachen, damit sie nicht vom Weg abkommen.
Das ist genau die Art von Beziehung, die in Perú seit der spanischen Eroberung herrscht zwischen Leitern und Geleiteten in der Gesellschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt, und auch in den Kirchen: Antreiben und angetrieben werden; manipulieren, andere ausnützen, und ausgenützt werden. Auch in europäischen Kirchen habe ich diese Art kontrolliender, überwachender und manipulierender „Leiterschaft“ beobachten müssen. Aber wo diese Art von Beziehungen herrscht, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Diese Beziehungen müssen vom Evangelium grundlegend verändert werden.

Wo der Hirte vor den Schafen hergeht, da sieht es ganz anders aus: Es herrscht eine gegenseitige Vertrauensbeziehung. Die Schafe vertrauen, dass der Hirte sie zu einem guten Ort führen wird, wo es zu essen gibt, und deshalb folgen sie ihm vertrauensvoll. Aber auch der Hirte vertraut seinen Schafen: er vertraut ihnen, dass sie ihm freiwillig folgen werden, und muss sie nicht ständig überwachen. – Ausserdem ist der Hirte derjenige, der als erster den Weg begeht. Wenn irgendwo ein gefährlicher Abgrund ist, eine kaputte Brücke, ein Sumpf, oder sonst ein Hindernis, dann ist der Hirte der erste, der der Gefahr begegnet und sie von den Schafen abwendet.
Das ist die Art von Beziehung, die wir mit dem Herrn Jesus haben können; und das ist auch die Art von Beziehung, die in einer echten christlichen Gemeinde zwischen „Leitern“ und anderen Christen besteht.

Wir stellen ausserdem fest, dass die Schafe immer dem Guten Hirten folgen, nicht einem anderen Schaf! In diesem Gleichnis muss jeder Älteste, „Pastor“ oder „Leiter“ sich selber als Schaf identifizieren, nicht als „Hirte“. Sicher, einige Schafe kennen den Weg besser als andere; aber das rechtfertigt nicht, dass sie sich über die Herde erheben und die Rolle des Hirten an sich reissen würden. Auch jene Schafe, die eine „Leitungsfunktion“ ausüben, werden dadurch nicht zu etwas anderem als Schafe. Eine Gruppe von Christen hört auf, neutestamentliche Gemeinde zu sein, wenn ihre Leiter sich anmassen, die Leben ihrer Mitchristen so zu überwachen und zu dirigieren, wie es allein dem Guten Hirten zusteht.

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Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10

12. Dezember 2016

Nachdem wir einige Worte des Herrn in Matthäus 18 und 23 betrachtet haben, gehen wir nun zu Johannes 10. In diesem Kapitel kommt zwar das Wort „Gemeinde“ nicht vor; aber Jesus spricht symbolisch von der „Schafherde“ und vom „Hirten“. Offenbar ist das ein Gleichnis über die christliche Gemeinde. Untersuchen wir einige Aspekte dieses Gleichnisses.

Die Tür zu den Schafen

Es gibt eine Tür zur Schafhürde, wo die Schafe ein und aus gehen. Jesus sagt: „ICH bin die Tür zu den Schafen“. (Johannes 10,7). Das ist sehr wichtig, um die neutestamentliche Gemeinde zu verstehen. Es gibt eine einzige Art, wie man Teil der Gemeinde werden kann und mit ihr in Kontakt kommen kann: Man muss durch Jesus hineingehen.
Der Herr fährt weiter: „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden; und er wird ein und aus gehen und Weide finden.“ (Vers 9). Wir erinnern uns an ein Lied Davids, das er wahrscheinlich komponierte, während er Schafe hütete: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auf saftigen Weideplätzen lässt er mich ausruhen. An ruhigen Wassern weidet er mich. Er tröstet meine Seele.“ (Psalm 23,1-3) Wenn jemand durch die Tür hineingeht, die Jesus ist, dann führt ihn der Herr auf eine gute Weide. Und dort wird er auch die anderen Schafe antreffen. Wenn wir durch Jesus hineingehen, finden wir auch die Gemeinschaft mit seinen anderen Schafen.

Es ist so wichtig, dies zu verstehen, weil die katholische Kirche diese Ordnung auf den Kopf gestellt hat, und die evangelischen und evangelikalen Kirchen sind ihr darin nachgefolgt. Der römische Katholizismus lehrt, dass die Errettung von der Kirche kommt: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Und ganz ähnlich sagen die Evangelikalen: „Komm zur Kirche, damit du den Herrn kennenlernst.“ In dieser Sichtweise ist die Kirche eine Institution zur Verwaltung des Heils; eine Institution, die ein Eigenleben führt, unabhängig von den einzelnen Christen. Diese Institution stellt sich zwischen den Herrn und die einzelnen Christen. Von daher kommt die Abhängigkeit vom Priestertum, die macht, dass die Christen von einer Institution abhängig werden, oder von den Leitern dieser Institution, statt vom Herrn selber abhängig zu sein.

Das Gleichnis vom Guten Hirten zeigt uns eine andere Sichtweise: Die Gemeinde ist die „Schafherde“, die Gemeinschaft aller Christen. Sie ist weder ein Gebäude noch eine Institution; die Gemeinde ist eine Gruppe von Menschen. Sie besteht aus all jenen Menschen, die „durch Jesus hineingingen“, d.h. die eine persönliche Begegnung mit Jesus hatten und aufgrund dieser Begegnung errettet wurden. Sie sind definitionsgemäss „Gemeinde“, unabhängig von der äusseren Form, welche die Gemeinschaft unter ihnen annimmt. Sie sind in Gemeinschaft miteinander, weil sie zu Jesus gehören; nicht wegen einer gemeinsamen Mitgliedschaft in irgendeiner Institution. – Andererseits darf sich keine Institution rechtmässig „christliche Gemeinde“ nennen, wenn ihre Mitglieder durch irgendeinen anderen Prozess hineingekommen sind als eine persönliche Begegnung mit Jesus. Anstelle des katholischen Mottos sollten wir richtiger sagen: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Gemeinde.“

Damit verachten wir keineswegs die Rolle, die den Christen dabei zukommt, andere Menschen zum Herrn zu führen. Nur müssen wir zwischen zwei Aspekten des christlichen Lebens unterscheiden:

Einerseits die Tätigkeit individueller Christen in ihrem Zeugnis für den Herrn und der Verbreitung des Evangeliums, was sowohl privat wie auch öffentlich geschehen kann;
und andererseits die Gemeinde im eigentlichen Sinn als Versammlung der Christen.

Das Zeugnis von Christen hat den Zweck, dass andere Menschen den Herrn persönlich kennenlernen können. Das geschieht nicht in Form eines „Rituals“ oder einer „institutionellen Handlung“. Es kann nur geschehen, wenn der Herr selber diesen Personen begegnet und sich ihnen offenbart. (Vgl. Lukas 10,22: „Niemand kennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und [niemand kennt,] wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ Und Galater 1,15-16: „Als es aber Gott gefiel, … seinen Sohn in mir zu offenbaren…“) Die „Eingangstür“ ist immer Jesus selber; sie kann nicht durch einen Prediger oder eine Institution ersetzt werden.

Eine Evangelisationsveranstaltung ist nicht „Gemeinde“. Die Gemeinde ist die Gemeinschaft jener, die bereits errettet sind; Evangelisation richtet sich an Unerrettete. Für die ersten Christen war dieser Unterschied sehr klar. Sie bezeugten Jesus privat und in der Öffentlichkeit, wo immer sich eine Gelegenheit bot; aber das nannten sie nicht „Gemeinde“. Wenn sie sich hingegen unter sich versammelten, dann luden sie keine Aussenstehenden dazu ein. Es wird sogar berichtet, dass „von den übrigen sich niemand getraute, sich ihnen anzuschliessen“ (Apostelgeschichte 5,13).

Vom kleinen Schäfchen, das den Hirten hörte

14. März 2014

Ein Gleichnis

Es war einmal ein kleines Schäfchen, das lebte zusammen mit vielen anderen Schafen in einer grossen Herde. Die Schafe hatten einen guten Hirten, und wo immer er sie hinführte, da gingen sie mit ihm.

Aber eines Tages fanden die grösseren Schafe, sie seien jetzt erwachsen und müssten dem Hirten helfen, die Herde richtig zu führen. So fingen sie an, das kleine Schäfchen zurechtzuweisen:
„Pass auf, wo du hinläufst, du hast dir gerade die Hinterbeine verschmutzt!“
„Lauf nicht den schwarzen und braunen Schafen nach, die machen sowieso alles falsch!“
„Du läufst nicht im Takt mit uns; das sieht der Hirte nicht gerne!“

Das kleine Schäfchen versuchte weiterhin die Stimme des Hirten zu hören und ihm zu folgen. Aber das wurde immer schwieriger, weil die grossen Schafe immer öfter dazwischenredeten und sogar anfingen, das kleine Schäfchen zu schubsen. Wenn es sagte: „Aber ich höre doch den Hirten; von dort vorne ruft er uns!“ – dann lachten die grösseren Schafe nur. Oder sie antworteten: „Du willst den Hirten gehört haben? Zuerst musst du einmal lernen, uns zu folgen; wir kennen schliesslich den Hirten schon länger. Und übrigens – du läufst schon wieder nicht im Takt!“

So schwieg das kleine Schäfchen und sagte nichts mehr. Aber als es das nächste Mal aus dem Takt fiel, da stiessen es die grossen Schafe so heftig, dass es umfiel und sich die Knöchel brach.

Jetzt wandte der Hirte seine Aufmerksamkeit dem Geschehen zu. Er liess alle Schafe anhalten und ging zu dem kleinen Schäfchen hin. Er setzte sich nieder, nahm das Schäfchen auf den Arm und liebkoste es. Zu den grösseren Schafen sagte er gar nichts.

Nach ein paar Stunden wurden die Schafe unruhig und fingen an, den Hirten zu fragen: „Wann gehen wir weiter?“ Auch das kleine Schäfchen fragte: „Wann gehen wir weiter?“
Der Hirte schaute es mitleidig an und sagte: „Wir können noch nicht weitergehen; du bist noch nicht geheilt.“ – So verging der Tag, und das kleine Schäfchen erkannte plötzlich, dass es sich dies ja schon immer gewünscht hatte: einmal ganz, ganz nahe beim Hirten zu sein und ganz, ganz lange in seiner Wärme und Liebe zu bleiben.

Am nächsten Tag waren die grossen Schafe schon ungeduldiger und fragten immer öfter: „Wann können wir endlich weitergehen? Wann bringst du uns in das schöne Land, das du uns versprochen hast?“
Aber der Hirte antwortete jedesmal: „Wir können noch nicht weitergehen; mein kleines Schäfchen ist noch nicht geheilt. Es muss so lange in meinen Armen bleiben, bis es geheilt ist.“


Dieses Gleichnis hat mehrere mögliche Ausgänge. Hier sind einige davon:

1. So blieben die Schafe viele Jahre an jenem Ort und warteten. Und wenn sie inzwischen die Lektion nicht gelernt haben, dann sind sie heute noch dort.

2. Eines Tages erwachte das Gewissen in einem der grossen Schafe. Es wusste: es musste zum Hirten gehen. Lange zögerte es. Sein ganzer Mut und Hochmut waren verflogen. Aber schliesslich ging es, warf sich vor dem Hirten nieder und sagte: „Guter Hirte, es tut mir sehr leid, dass ich das kleine Schäfchen geschubst habe. Bitte vergib mir.“ – Der Hirte sah es mitleidig an und sagte nichts. Er wusste, dass das grosse Schaf noch mehr auf dem Herzen hatte. Und das grosse Schaf wusste, dass es sich jetzt auch dem kleinen Schäfchen zuwenden musste: „Bitte vergib mir, dass ich dich geschubst habe. Und bitte vergib mir, dass ich den Hirten spielen wollte.“ Und es begann, zart die Wunde des kleinen Schäfchens zu lecken. – „Ja, ich vergebe dir“, sagte das kleine Schäfchen stockend. Dann wandte sich das grosse Schaf wieder zum Hirten, aber dieses Mal wollten die Worte nicht so recht über seine Lippen kommen: „Ich … ich habe unrecht getan. Ich habe getan als ob … als ob ich du wäre. Dabei bin ich … nichts als … ein gewöhnliches Schaf.“ – Jetzt antwortete der Hirte: „Dann sei wieder Schaf. Ich vergebe dir. Ich nehme die Last von dir, Hirte sein zu müssen. Sei wieder ein Schaf für deine Mitschafe.“ – „Danke, danke, guter Hirte!“ rief das grosse Schaf aus und sprang schnell zu seinen Mitschafen: „Hört mir bitte zu! Ich bin nicht euer Hirte. Es tut mir leid, dass ich den Hirten spielen wollte. Ich habe vielen von euch wehgetan damit. Bitte vergebt mir. Bitte lasst mich wieder einfach ein Schaf sein mit euch zusammen.“ – Einige der anderen Schafe sahen das grosse Schaf misstrauisch an. Aber die meisten vergaben ihm von Herzen, als sie sahen, dass es ernst meinte, was es sagte.
Bald bereuten auch die anderen grossen Schafe, was sie getan hatten. Sie baten den Hirten und ihre Mitschafe um Vergebung, und änderten ihre Lebensweise. Von da an wollten sie nie wieder den Hirten spielen, und sie schubsten auch nie mehr die kleineren Schafe. Und der Hirte sagte: „Jetzt ist mein kleines Schäfchen wieder gesund. Lasst uns weitergehen!“

– Das wäre natürlich der beste Ausgang der Geschichte; aber leider kommt diese Variante im tatsächlichen Schafsleben so gut wie nie vor. Viel häufiger ist die folgende Variante:

3. Eines Tages gingen die grossen Schafe gemeinsam dorthin, wo der Hirte und das kleine Schäfchen waren. Sie stellten sich in einer Reihe vor dem kleinen Schäfchen auf, und der Leithammel sprach mit ernster Miene: „Als Rat der ältesten Schafe haben wir einstimmig beschlossen, dich wegen deines Ungehorsams und deiner Rebellion aus unserer Herde auszuschliessen. Deinetwegen sind wir während dieser ganzen Zeit keinen Schritt weitergekommen. Wir verbieten dir, je wieder deine Lehren zu verbreiten oder mit Schafen aus unserer Herde in Kontakt zu treten.“ – Damit drehten sie sich um und gingen davon. Den Hirten hatten sie dabei überhaupt nicht beachtet.
Einige Zeit später beobachtete das kleine Schäfchen, wie sich ein grosser Teil der Herde auf den Weg machte, dem Leithammel hinterher. Das heisst, sie gingen in die Richtung, wo der Leithammel vermutete, dass der Weg weiterführte. Nur einige wenige Freunde des kleinen Schäfchens, und ein paar alte und gebrechliche Schafe blieben in der Nähe des Hirten. Das kleine Schäfchen konnte noch hören, wie der Leithammel mit einem kurzen Blick zurück sagte: „Jetzt hat es dieses kleine halsstarrige Schaf doch tatsächlich fertiggebracht, unsere Herde zu spalten!“
Später brach auch der Hirte auf, mit den wenigen Schafen, die ihm noch folgten. Nach langer abenteuerlicher Wanderung kamen sie schliesslich in das schöne Land, das er ihnen versprochen hatte. Was aus den anderen Schafen geworden war, erfuhren sie nie.

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Das Neue Testament – Amtliche Version (Anhang)

11. April 2012

Anhang zur Artikelserie: Vergleichstabelle zur Übersetzung verschiedener Amtsbegriffe in der Lutherübersetzung von 1912 und in der Zürcher Bibel von 1931.

Wortfamilie „diákonos“, „diakonía“, „diakoneo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
diákonos „Diener“ Diener, der bei Tisch bedient; und im ganz allgemeinen Sinn. Matthäus 20,26, 23,11, Markus 10,43, Johannes 2,5.9 Matthäus 20,26, 23,11, Markus 9,35, 10,43, Johannes 2,5.9
„Knecht“ Markus 9,35
diákonos „Diener(in)“ Diener(in) Gottes, des Evangeliums, der Gemeinschaft der Heiligen. Johannes 12,26, 1.Kor.3,5, 2.Kor.6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Thess.3,2, 1.Tim.3,8.12, 4,6 Johannes 12,26, Röm.16,1, 1.Kor.3,5, 2.Kor.3,6, 6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Tim.4,6
„im Dienste“ Röm.16,1
„das Amt zu führen“ 2.Kor.3,6
„Diakon“ 1.Tim.3,8.12
(Wort ausgelassen) 1.Thess.3,2
diákonos „Diener“ Bezüglich des Dienstes Jesu Christi Röm.15,8
Diener des Teufels 2 Kor.11,15
Helfer der Apostel Eph.6,21, Kol.4,7
Helfer im weitesten Sinn Gál.2,17
diákonos „Dienerin“ die Regierung als Dienerin Gottes Röm.13,4
diakonía „dienen“ Hausarbeit Lukas 10,40
„Bedienung“ Lukas 10,40
diakonía „Dienst“ Dienst (im weitesten Sinn) 1.Kor.16,15, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19
„Dienstleistung“ Röm.12,7
„Amt“ Röm.12,7
diakonía „Dienst“ Geistlicher Dienst; Ankündigung der Botschaft Gottes Apg.1,25 Apg. 1,17.25, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 11,8, 1.Tim.1,12
„Amt“ Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 1.Tim.1,12
„predigen“ 2.Kor.11,8
diakonía „Handreichung“ Hilfeleistung (finanziell, Nahrungsmittel, usw.) Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12
„Dienst“ Röm.15,31 Röm.15,31, 2.Kor.8,4, 9,1.13
„Dienstleistung“ 2.Kor.9,12
„Versorgung“ Apg. 6,1
„Unterstützung“ Apg.11,29
„Hilfeleistung“ Apg.12,25
„Steuer“ 2 Kor.9,1.13
diakonía „Dienst“ Dienst als Ergebnis einer Gabe des Heiligen Geistes Eph.4,12 1.Kor.12,5, Eph.4,12, Kol.4,17, 2.Tim.4,5
„Amt“ 1.Kor.12,5, Kol.4,17, 2 Tim.4,5
„Dienst“ Dienst für Gott (des Neuen Bundes) 2 Kor.3,7-9
„Amt“ 2 Kor.3,7-9
diakonéo „(be-)dienen“, „die Bedienung besorgen“, „Dienst tun“ Am Tisch bedienen Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 10,40, 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2 Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2
„helfen“ Lukas 10,40
diakonéo „dienen“, „Dienste leisten“(*) allgemein: helfen Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, Apg. 19,22, 2.Tim.1,18, Phlm.13, Hebr.6,10 Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, 2.Tim.1,18(*), Phlm.13, Hebr.6,10
„Gehilfe“ Apg.19,22
diakonéo „Handreichung tun“ Finanzielle Hilfe leisten Lukas 8,3
„(für jemanden) sorgen“ Lukas 8,3
„zu/im Dienst“ Röm.15,25
„besorgen“ 2 Kor.8,19-20
„ausrichten“ 2.Kor.8,19.20
diakonéo „zubereiten“ Einen Brief schreiben oder senden 2 Kor.3,3
„ausfertigen“ 2 Kor.3,3
diakonéo „dienen“ Dem Herrn (Jesus) dienen Matthäus 4,11, 27,55, Markus 1,13, 15,41, Johannes 12,26
„dienen“ Der Gemeinschaft der Heiligen dienen 1.Tim.3,10
„den Dienst übernehmen“ 1.Tim.3,10
„dartun“ Eine Gabe des Heiligen Geistes ausüben 1 Petrus 1,12
„dienen“ 1 Petrus 4,10 1 Petrus 1,12, 4,10
„Dienste leisten“ 1 Petrus 4,11
„ein Amt haben“ 1 Petrus 4,11

Wortfamilie „hyperetes“, „hypereteo“

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hyperétes „Diener“ Diener der Priester; Tempelpolizei; Gefängniswärter Matthäus 5,25, Johannes 18,3.12.18.22, Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, 18,3.12.18.22, Apg.5,22.26
„Knecht“ Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, Apg.5,22.26
„Gerichtsdiener“ Matthäus 5,25
hyperétes „Diener“ Diener Jesu (als König) Johannes 18,36
(Paulus als) Zeuge und Diener des Herrn Apg. 26,16, 1.Kor.4,1
Diener/Helfer der Apostel Apg. 13,5
Synagogendiener Lukas 4,20
Zeugen des Lebens und der Auferstehung Jesu Lukas 1,2
hyperetéo „dienen“ David (als König) Apg. 13,36
„dienen“ Mit den eigenen Händen arbeiten Apg. 20,34
„(für jemanden) sorgen Apg. 20,34
„dienen“ Hilfe leisten (dem gefangenen Paulus) Apg. 24,23
„Dienste leisten“ Apg. 24,23

Wortfamilie „leitourgós“, „leitourgía“, „leitourgeo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
leitourgós „Diener“ die Regierung als Diener Gottes Röm.13,6
„Diener“ Engel Hebr.1,7
„Pfleger“ Jesus als Hoherpriester Hebr.8,2
„Diener“ Hebr.8,2
„Diener“ Diener, der das Evangelium ankündigt Röm.15,16
„Diener (meiner Notdurft)“ Diener/Helfer, der finanzielle Hilfe überbringt Phil.2,25
„Überbringer (meines Bedarfs)“ Phil.2,25
leitourgía „Dienst“ Priesterdienst (nach der alttestamentlichen Ordnung) Lukas 1,23,
Hebr.8,6
„Amt“ Lukas 1,23, Hebr.8,6
„Gottesdienst“ Hebr.9,21
„Gottesdienst“ Opfer (im übertragenen Sinn) Phil.2,17
„priesterliche Darbringung“ Phil.2,17
„Steuer“ Finanzielle Hilfe 2 Kor.9,12
„dienen“ Phil.2,30
„Dienstleistung“ 2 Kor.9,12, Phil.2,30
leitourgéo „Dienst beweisen/leisten“ Finanzielle Hilfe leisten Röm.15,27
„Gottesdienst pflegen/verrichten“ Als Priester dienen (nach der alttestamentlichen Ordnung) Hebr.10,11
„dienen“ dem Herrn dienen (mit Fasten) Apg. 13,2
„Gottesdienst halten“ Apg. 13,2

Wortfamilie „poimén“, „poimaino“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
poimén „Hirte“ Viehhirte Matthäus 9,36, 25,32, Markus 6,34, Luc.2,8.15.18.20
Jesus (der sich mit einem Hirten vergleicht) Matthäus 26,31, Markus 14,27, Johannes 10,2.11.12.16, Hebr.13,20,
1 Petrus 2,25, (5,4)
„Hirten“ (MEHRZAHL) eine Gabe zur Auferbauung der Heiligen Epheser 4,11
poimaino „weiden“ Vieh weiden Lukas 17,7, 1 Kor.9,7
„weiden“ Jesus, der das Volk „weidet“ Offb.2,27, 7,17, 12,5 Matthäus 2,6, Offb.2,27, 7,17, 12,5, 19,15
„ein HERR sein“ Matthäus 2,6
„regieren“ Offb.19,15
„weiden“ „die Schafe Jesu weiden“ Johannes 21,15-17, Apg. 20,28, 1 Petrus 5,2
„weiden“ essen Judas 12

Wortfamilie „epískopos“, „episkopeo“, „episkopé“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
epískopos
(wörtlich „Aufseher“)
„Hüter“ Jesus ist „Hirte und Aufseher unserer Seelen“ 1 Petrus 2,25
„Bischof“ 1 Petrus 2,25
„Vorsteher“ Aufseher in der Gemeinschaft der Heiligen (in der MEHRZAHL nach Apg. 20,28 und Phil.1,1) Apg. 20,28, Phil.1,1
„Bischof“ Apg. 20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7 1.Tim.3,2, Titus 1,7
episkopeo
(wörtlich „Aufsicht üben“)
„darauf sehen“, „zusehen“ aufeinander achtgeben Hebr.12,15
„wohl zusehen“ auf die „Herde Gottes“ achtgeben 1 Petrus 5,2
(Wort ausgelassen) 1 Petrus 5,2
episkopé
(wörtlich „Aufsicht“)
„heimsuchen“, „Heimsuchung“ Eingreifen Gottes Lukas 19,44 Lukas 19,44, 1 Petrus 2,12
„an den Tag kommen“ 1.Petrus 2,12
„Bistum“ Aufsichtsfunktion Apg.1,20
„Vorsteheramt“ Apg.1,20
„Bischofsamt“ 1.Tim.3,1

„Hägoúmenos“

ACHTUNG: Lukas 22,25-26 zeigt uns den Standpunkt Jesu hinsichtlich aller „Leiterschaft“ in seinem Volk:
„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter) wie der Dienende.“
Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hägoúmenos
(wörtlich „Führer“, „Leiter“)
„Fürst“ Hoher Beamter (Joseph in Ägypten) Apg. 7,10
„Regent“ Apg. 7,10
„Herzog“ Jesus als Messias Matthäus 2,6
„Herrscher“ Matthäus 2,6
„der Vornehmste“ Leiter in der Gemeinschaft der Heiligen Lukas 22,26
„der Hochstehende“ Lukas 22,26
„Lehrer“ Apg. 15,22
„führende Männer“ Apg. 15,22
„Lehrer“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24
„Vorsteher“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24

Weitere Begriffe, die in der Lutherübersetzung mit „Amt“ wiedergegeben werden:

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
oikonomía
(Verwaltung, Ordnung, „Ökonomie“)
„Amt“ Stellung eines (Guts-)Verwalters Lukas 16,3-4
„Verwaltung“ Lukas 16,3-4
„Amt“ „Verwaltung“ der Offenbarung Gottes, die Paulus anvertraut wurde 1.Kor.9,17, Eph.3,2
„Predigtamt“ Kol.1,25
„Haushalteramt“ 1.Kor.9,17
„Veranstaltung“ Eph.3,2, Kol.1,25
„Gemeinschaft“ der Heilsplan Gottes, bzw. dessen Verwirklichung Eph.3,9
„[göttliche] Veranstaltung“ Eph.3,9
„Besserung“ 1.Tim.1,4
„Dienstleistung im Haushalt“ 1.Tim.1,4
hieratéuo
(von „hiereus“=Priester, also wörtlich „priestern“)
„des Priesteramtes pflegen“ Dienst des Zacharias im Tempel Lukas 1,8
„Priesterdienst tun“ Lukas 1,8
apostolé
(Aposteldienst; wörtlich „Sendung“)
„Apostelamt“ Tätigkeit der Apostel Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8 Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8
allotri(o)epískopos
(wörtlich etwa „Fremdaufseher“)
„der in ein fremdes Amt eingreift“ In einer Liste zusammen mit „Mörder“, „Dieb“ und „Übeltäter“ aufgeführt.
Gemäss Anmerkung der Zürcher Bibel: Es ist wohl eine gewerbsmässige, gewinnsüchtige Angeberei vor den Gerichten gemeint, die so gut wie Mord, Diebstahl usw. unter das Strafgesetz fiel.
Bauer/Aland, „Wörterbuch zum Neuen Testament“ (6.Auflage): ein Wort mit noch nicht genügend geklärter Bedeutung, vielleicht Hehler, auch wohl Spitzel, Denunziant (…) oder allg. jemand, der sich in fremde Dinge einmischt.
1.Petrus 4,15
„einer, der in fremde Sachen eingreift“ 1.Petrus 4,15

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ (Teil 2)

31. März 2012

Andere Ausdrücke für „Diener“

Es gibt im Griechischen des Neuen Testamentes einige andere sinnverwandte Wörter für „Diener“. Eines davon ist „hypäretäs“, das u.a. für Synagogen-, Gerichts-, u.ä. „offizielle“ Diener gebraucht wird. In den beiden von mir hier verwendeten Übersetzungen ist dieses Wort an keiner Stelle „amtlich“ übersetzt worden; aber vielleicht gibt es andere Übersetzungen (so gesehen z.B. im Spanischen), die das tun.

Ein anderes solches Wort ist „leitourgós“. Davon abgeleitet ist „leitourgía“ (Dienst); ein Ausdruck, der im Neuen Testament vor allem für zweierlei Dinge verwendet wird: für finanzielle Dienstleistungen, und für den Dienst eines jüdischen Priesters nach der Ordnung des Alten Testaments. Von daher kommt unser Wort „Liturgie“. Hier fällt mir auf, dass dieses Wort seinen Ursprung im alttestamentlichen Priestertum hat, welches mit dem Kommen Jesu hinfällig geworden ist. Der neutestamentliche Gläubige braucht keinen Priester oder Mittler mehr, um sich Gott zu nähern, denn die Mittlerschaft von Jesus Christus genügt dazu völlig (1.Tim.2,5, Hebr.10,19-22). Andererseits ist jeder Christ ein Priester vor Gott (1.Petrus 2,5.9). Der ursprüngliche Sinn von „Liturgie“ bezieht sich also auf etwas, was wir als Christen gar nicht mehr nötig haben!

Luther übersetzt „leitourgía“ in Lukas 1,23 und Hebräer 8,6 mit „Amt“ (es geht hier um den alttestamentlichen Priesterdienst), während die Zürcher Übersetzung an diesen Stellen „Dienst“ sagt. In Hebräer 9,21 haben dagegen beide Übersetzungen „Gottesdienst“. (Was ist „Gottesdienst“? Eine rituelle Verrichtung, oder ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber? Das Problem liegt hier nicht so sehr in der Übersetzung, als vielmehr in unserem heutigen (Miss-)Verständnis des Wortes „Gottesdienst“.)
– In Philipper 2,30 sagt Luther „dienen“ und in 2.Korinther 9,12 „Steuer“ (in diesen beiden Stellen geht es um finanzielle Hilfe); die Zürcher Bibel übersetzt in beiden Stellen „Dienstleistung“. – Ein besonderes Problem scheint den Übersetzern Philipper 2,17 gewesen zu sein: „Und wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über dem Opfer und Dienst (leitourgía) eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Die Lutherübersetzung hat hier „Gottesdienst“ (statt einfach „Dienst“); die Zürcher Übersetzung sagt „priesterliche Darbringung“ (wohl aus der Überlegung heraus, dass „leitourgía“ in anderem Zusammenhang für den Priesterdienst verwendet wird). Aber diese Übersetzungen bringen bereits ein bestimmtes Vorverständnis über die Auslegung mit hinein. Natürlich ist diese Stelle nicht so einfach zu verstehen, weil Paulus hier neutestamentliches christliches Leben in alttestamentlichen Begriffen ausdrückt. Aber warum nicht diese Verständnis- und Auslegungsarbeit dem Leser überlassen, indem man einfach das neutrale Wort „Dienst“ als Übersetzung gebraucht? – Dasselbe gilt für die anderen angeführten Stellen.


Hierarchische Stellung, oder einfache Beschreibung einer Funktion?

Untersuchen wir jetzt einige Ausdrücke, die für spezifische „Ämter“ (Dienste) verwendet werden.

Beginnen wir mit dem „Bischof“ – ein Ausdruck, der bereits im zweiten Jahrhundert so gebraucht wurde, als handelte es sich um die „höchste Stufe in der kirchlichen Hierarchie“. „Bischof“ ist eine verballhornte Form des griechischen „epískopos“, was wörtlich „Aufseher“ bedeutet. Genauso wie „diákonos“, handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich kein bestimmtes „Amt“ bedeutete. Er bezeichnete einfach die Tätigkeit der Fürsorge und Wachsamkeit für andere. Es würde keineswegs schaden, „epískopos“ mit „Aufseher“, „Fürsorger“ o.ä. zu übersetzen, statt des künstlichen Wortes „Bischof“.
Dieses Wort kommt fünfmal im Neuen Testament vor (Apg.20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7, 1.Petrus 2,25). Von diesen Stellen gibt uns jene in der Apostelgeschichte eine besondere Information: Paulus spricht hier zu den versammelten Ältesten von Ephesus (Apg.20,17), und zu ihnen sagt er, dass „euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen (Aufsehern)„. Somit ist „Bischof“ (Aufseher) kein „Amt“ für sich; es handelt sich einfach um eine der Funktionen der Ältesten.

Von „epískopos“ abgeleitet ist das Verb „episkopéo“ (Aufsicht üben; achtgeben). Es kommt zweimal vor im Neuen Testament: In 1.Petrus 5,2 wird es als eine Funktion der Ältesten genannt (Luther übersetzt „wohl zusehen“; während die Zürcher Übersetzung das Wort auslässt). Und in Hebräer 12,15 wird es als eine der Funktionen aller Mitglieder der christlichen Gemeinschaft genannt, und wird übersetzt mit „darauf sehen“ oder „zusehen“.

Dann gibt es noch das Wort „episkopé“ (Aufsicht), welches in diesem Sinn vorkommt in Apg.1,20 und 1.Tim.3,1. In der Timotheusstelle wird es einhellig als „Bischofsamt“ übersetzt (obwohl es sich in Wirklichkeit, wie wir gesehen haben, um eine der Funktionen der Ältesten handelt.) In der Apostelgeschichte, wo gesagt wird, jemand müsse die „episkopé“ des Judas übernehmen, sagt die Zürcher Übersetzung „Vorsteheramt“ (auch in Apg.20,28 und Phil.1,1 übersetzt diese Version „Vorsteher“, nicht „Bischof“). – Es gibt aber keinen Wortbestandteil in „episkopé“, der „Amt“ bedeutet. – Luther sagt dagegen in Apg.1,20 „Bistum“. (Was für einem „Bistum“ ist Judas vorgestanden??)
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass „episkopé“ noch einen anderen Sinn hat, nämlich den der „Aufmerksamkeit“ Gottes oder seines Eingreifens. In diesem Sinn kommt das Wort in Lukas 19,44 und 1.Petrus 2,12 vor und wird normalerweise mit „Heimsuchung“ übersetzt.

Wenn wir nun zu dem Begriff des „Ältesten“ (presbýteros) kommen, so habe ich keine Probleme mit der Übersetzung. Wörtlich handelt es sich zwar um einen Komparativ („die Älteren“) – was bedeutet, dass in dem Fall, wo eine Gemeinde ausschliesslich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, die „Älteren“ weniger als dreissig Jahre alt sein könnten. Aber von mir aus gesehen macht es keinen grossen Unterschied, ob man „die Älteren“ oder „die Ältesten“ sagt. Es ist ein Begriff, der weitgehend seinen normalen Wortsinn beibehalten hat. „Alt“ oder „Ältester“ zu sein, ist keine hierarchische Stellung; es ist eine Anerkennung aufgrund der (v.a. geistlichen) Reife, die von den übrigen Geschwistern im Leben dieser Personen festgestellt wird.
Einige Gemeinden haben zwar auch die Funktion der Ältesten zu einem hierarchischen „Amt“ gemacht. Dabei sind in den meisten dieser Gemeinden die „Ältesten“ dem „Pastor“ untergeordnet, wodurch sie faktisch zu „Zweitältesten“ degradiert werden. Ein solches Zweistufenschema (Älteste-Pastor) ist in der Bibel nicht zu finden.
Ein kleines Problem habe ich mit der Übersetzung von 1.Timotheus 4,14, wo die Kollektivform „presbytérion“ (Gemeinschaft der Ältesten) vorkommt. Die Zürcher Übersetzung macht daraus einen „Rat der Ältesten“, was dem Begriff sofort einen Beigeschmack von „Amtlichkeit“ und „Parlamentssitzung“ gibt. Luther sagt dagegen schlicht – und richtiger – „unter Handauflegung der Ältesten„.
Es gibt Denominationen, die auch diesen Begriff in ihre eigene Sprache aufgenommen haben und die Behörde des „Presbyteriums“ eingeführt haben (so gibt es z.B. die „Presbyterianische Kirche“). Ich denke, deutschsprachige Leser werden schnell die Künstlichkeit dieses Begriffs erkennen.

Sehen wir uns jetzt das Wort an, das die Evangelischen bzw. Evangelikalen normalerweise für ihre Gemeindeleiter gebrauchen: „Pastor“ (oder davon abgeleitet „Pfarrer“).
Es handelt sich dabei um das Wort „Hirte“ auf lateinisch; im Griechischen des Neuen Testamentes heisst es „poimén“ und wird durchwegs richtig und natürlich mit „Hirte“ übersetzt. Auffallend ist jetzt aber, dass dieses Wort im Neuen Testament nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit geistlichem Dienst vorkommt: in Epheser 4,11, fast am Ende einer Liste von fünf verschiedenen „Gaben zur Auferbauung der Heiligen“. Ausserdem kommt es in sieben neutestamentlichen Versen in seinem eigentlichen Sinn vor (Viehhirte); sowie in neun Versen, in denen sich Jesus selber mit einem Hirten vergleicht.
Natürlich hatten die Christen jener Zeit keinerlei „amtliche“ oder „hierarchische“ Vorstellung, wenn sie das Wort „Hirte“/“Pastor“ hörten! Sie hatten niemals einen gutgekleideten Mann auf einer Kanzel stehen sehen, der sich „Hirte“/“Pastor“ nennen liess. Die einzigen Hirten, die sie kannten, waren eben die Kuh- und Schafhirten ihrer ländlichen Umgebung. Wenn sich also Jesus mit einem Hirten verglich, dann war das ein Ausdruck äusserster Demut. Er verglich sich mit einer der einfachsten und ärmlichsten Tätigkeiten, die in seinem Umfeld ausgeübt wurden!

Es gibt ausserdem das abgeleitete Verb „poimaino“ (weiden; als Hirte hüten). Dieses Wort kommt zweimal in seinem eigentlichen Sinn vor (Vieh weiden), und fünfmal als Beschreibung von Jesus. Als Funktion in der christlichen Gemeinschaft kommt es an drei Stellen vor (Johannes 21,6, Apostelgeschichte 20,28, und 1.Petrus 5,2). In Johannes 21 handelt es sich um den Auftrag Jesu an Petrus. In der Apostelgeschichte und im 1.Petrusbrief geht es um eine Funktion der Ältesten. (In diesem Zusammenhang nennt sich auch Petrus selber im vorangehenden Vers „Ältester“.)
Der „Hirtendienst“ bzw. das „Pfarramt“ ist also, ebenso wie das „Bischofsamt“, in Wirklichkeit kein gesondertes „Amt“. Es ist einfach eine der Funktionen der Ältesten in der Gemeinde.

Dann gibt es noch ein griechisches Wort, das in verschiedenen Übersetzungen, und sogar an verschiedenen Stellen innerhalb derselben Übersetzung, ganz unterschiedlich wiedergegeben wird. Es erstaunt mich eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus diesem Wort eine kirchlich-hierarchische „Amtsbezeichnung“ zu machen. Es handelt sich um das Wort „hägoúmenos“, das wörtlich „Führer“ oder „Leiter“ bedeutet. Von allen neutestamentlichen Begriffen ist das also derjenige, der unserem heutigen Konzept von „Leiterschaft“ am nächsten kommt.

Im Neuen Testament kommt „hägoumenos“ siebenmal vor. In Apostelgeschichte 7,10 wird es mit „Fürst“ bzw. „Regent“ übersetzt und bezieht sich auf die Regierungsstellung Josefs in Ägypten. In Matthäus 2,6 wird es mit „Herzog“ bzw. „Herrscher“ übersetzt und spricht von der Stellung des verheissenen Messias. In Lukas 22,26 spricht es von Leiterschaft im allgemeinen und wird mit „der Vornehmste“ bzw. „der Hochstehende“ übersetzt. In Apg.15,22 werden massgebende Männer in der christlichen Gemeinde und Reisebegleiter von Paulus und Barnabas so genannt. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „führende Männer“; Luther – ziemlich unangebracht – mit „Lehrer“. Es ist interessant, dass das Neue Testament gerade hier, wo es um das Eigentliche von „Leiterschaft“ und Einfluss in der Gemeinde geht, keine spezifische „Amts-“ oder Funktionsbezeichnung gebraucht, sondern ein Wort, das eben nur gerade dies spezifisch ausdrückt: Leiterschaft.
Die meistzitierten (und am meisten missbrauchten) Stellen über „haegoúmenoi“ sind aber Hebräer 13,7 und 17 (und dazu am Rande noch Vers 24). Insbesondere Vers 17 wird oft als Begründung für die berühmt-berüchtigte Lehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ zitiert. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „Vorsteher“, Luther wiederum mit „Lehrer“.
(Luther sah im Lehrdienst die wichtigste Aufgabe eines reformierten Pfarrers. Er hat damit leider das katholische Priester- und Sakramentssystem nicht wirklich überwunden, sondern ihm lediglich einen anderen Akzent gegeben. Er hat zwar dem Pfarrer seine priesterliche Mittlerfunktion genommen, die nur Jesus allein zukommt; aber dafür hat er ihm eine nicht weniger gefährliche andere Macht- und Monopolstellung verschafft: Er machte aus dem Pfarrer einen gelehrten Akademiker, der aufgrund seiner Studien über „geheimes Wissen“ verfügt, das gewöhnlichen Laien nicht zugänglich ist. „Wissensvermittlung“ ist aber nicht das Eigentliche am neutestamentlichen Lehrdienst, wie wir in der nächsten Folge sehen werden.)

Rechtfertigt nun Hebräer 13,17 den autoritären Leitungsstil, den allzuviele „Pastoren“ heutzutage ausüben? – Dieser Frage im Detail nachzugehen, würde hier zu weit führen. Ich hoffe mich ein anderes Mal damit befassen zu können. Hier nur stichwortartig drei Gründe, warum das nicht der Fall ist:

1. Dieser Vers identifiziert die „hägoúmenoi“ in keiner Weise mit den „Hirten“/“Pastoren“. Wir haben bereits gesehen, dass ein spezifisches „Pastorenamt“ (im heutigen Sinn) im Neuen Testament gar nicht existiert.
2. Die „hägoúmeoi“ werden in der Mehrzahl genannt; d.h. es gibt nicht nur einen einzigen von ihnen in der Gemeinde. Die Gemeinden im Neuen Testament wurden immer von einem Team von mehreren Leitern geleitet, nie von einem allein.
3. Die lehrreichste Stelle über die Rolle eines „hägoúmenos“ in der Gemeinde finden wir in Lukas 22,25-26. Da sagt Jesus, der Herr:

„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter, hägoúmenos) wie der Dienende (diakonéo).“

In der christlichen Gemeinde darf sich also auch ein „hägoúmenos“ (Leiter) nicht anmassen, mehr zu sein als ein „diákonos“ (Diener). Er muss sogar umso mehr Diener werden, je wichtiger er sein möchte.

(Fortsetzung folgt)

Das Neue Testament – „Amtliche Version“

23. März 2012

Wenn ich über neutestamentliche Gemeinde sprechen will, stehe ich immer wieder vor dem Problem, dass die meisten unserer Bibelausgaben das Verständnis dieses Themas erschweren. Fast alle von uns haben sich angewöhnt, das Neue Testament in einer „amtlichen Version“ zu lesen. D.h. eine Übersetzung, die das gegenwärtige traditionelle Kirchenmodell voraussetzt, mit einem Pfarrer oder Pastor, der „predigt“, und vielen passiven Zuhörern, die dem Pastor folgen.

Da ich schon lange nicht mehr im deutschen Sprachraum lebe, habe ich keinen Überblick mehr über die deutschen Bibelübersetzungen. Ich nehme die Beispiele für diesen Artikel aus zwei älteren Versionen, die ich gerade zur Hand habe: die Lutherbibel in der Revision von 1912 und die Zürcher Bibel (Zwingli) in der Revision von 1931. Der Leser möge selber seine eigene Lieblingsübersetzung mit den folgenden Angaben zum Urtext vergleichen.

Im allgemeinen bin ich sehr für die älteren Bibelausgaben, da sie in der Regel noch näher am Urtext sind. Aber was das hier behandelte Thema betrifft, so sind diese – insbesondere die Lutherübersetzung, wie wir sehen werden – auch sehr „amtlich“, und verdunkeln damit den Sinn dessen, was die neutestamentliche Gemeinde wirklich war.

Das betrifft insbesondere das Wort „Amt“ selber. Woran denken wir zuerst, wenn wir z.B. vom „Predigtamt“ hören? An einen gutgekleideten „Pfarrer“ oder „Prediger“, der auf der Kanzel steht und über die Kirche regiert? Das vermittelt uns von Anfang an eine völlig verkehrte Vorstellung von der Gemeinde, die im Neuen Testament beschrieben wird. In Wirklichkeit existiert das Wort „Amt“ im Neuen Testament gar nicht! Wo es in den Übersetzungen vorkommt, steht im Urtext meistens eines von mehreren Wörtern, die schlicht „Dienst“ bedeuten und mit anderen Wörtern verwandt sind, die auch meistens mit „Diener“ übersetzt werden. Wären die „amtlichen Versionen“ konsequent, dann müssten sie statt von „Dienern Gottes“ von „Amtsträgern Gottes“ sprechen.

Vom Neuen Testament her gibt es aber keinerlei Grundlage, einen „Amtsträger“ über eine Gemeinde zu setzen und ihm Privilegien zu geben, die die „Laien“ nicht haben. Im Gegenteil: Wer „Amtsträger“ sein möchte, muss dazu bereit sein, die Stellung eines DIENERS einzunehmen.


„Amtsträger“, „Diakone“, oder „Diener“?

In der überwiegenden Mehrzahl der Stellen, wo in der Lutherübersetzung das Wort „Amt“ vorkommt, handelt es sich um die Übersetzung des griechischen Wortes „diakonía“. (Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 12,7, 1.Kor.12,5, 2.Kor.3,7-9, 4,1, 5,18, 6,3, Kol.4,17, 1.Tim.1,12, 2 Tim.4,5.) Dieses selbe Wort wird aber an vielen anderen Stellen (richtigerweise) mit „Dienst“ oder „Dienen“ übersetzt (Lukas 10,40, Apg.1,25, Röm.15,31, 1.Kor.16,15, Eph.4.12, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19); und in einer Reihe von weiteren Stellen (wo es in erster Linie um finanzielle Hilfeleistung geht) mit „Handreichung“ (Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12).

Hier sehen wir bereits die Inkonsequenz der „amtlichen“ Bibelübersetzer. Ein und dasselbe griechische Wort, mit einem klaren und eindeutigen Sinn („Dienst“), wird willkürlich an einigen Stellen mit „Dienst“ und an anderen mit „Amt“ übersetzt. Diese Inkonsequenz kann nur einem einzigen Zweck dienen (amten?): das Image des „Amtsträgers“ auf seinem Podest zu halten, von den „Laien“ gesondert – während gleichzeitig versucht wird, den lächerlichen Eindruck zu vermeiden, der entstehen würde, wenn „diakonía“ konsequent mit „Amt“ übersetzt würde. So wie z.B. in den folgenden Stellen:

„In den Tagen aber, da der Jünger viele wurden, erhob sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in dem täglichen Amt.“ (Apostelgeschichte 6,1)

„Aber unter den Jüngern beschloß ein jeglicher, nach dem er vermochte, zu senden ein Amt den Brüdern, die in Judäa wohnten … “ (Apostelgeschichte 11,29)

„Ich weiß deine Werke und deine Liebe und dein Amt und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust.“ (Offenbarung 2,19)

Offenbar zieht Luther die Übersetzung „Amt“ da vor, wo es um einen speziell „geistlichen“ Dienst geht wie z.B. Evangelisation, biblische Lehre, usw. Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen, wo die Lutherübersetzung trotzdem (richtigerweise) „Dienst“ sagt:

„daß einer empfange diesen Dienst und Apostelamt, davon Judas abgewichen ist, daß er hinginge an seinen Ort.“ (Apostelgeschichte 1,25)
– Hier hat die Wahl von „Dienst“ anscheinend stilistische Gründe, um die Redundanz „Amt und Apostelamt“ zu vermeiden. (Man müsste übrigens auch nicht „Apostelamt“ sagen; das entsprechende griechische Wort hat nichts „Amtliches“ an sich. Man könnte genausogut „Aposteltum“, „Aposteldienst“ o.ä. sagen; oder sogar einfach „Sendung“, denn „Apostel“ bedeutet „Gesandter“..)

„… daß die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Dienstes, dadurch der Leib Christi erbaut werde…“ (Epheser 4,12)
– Hier handelt es sich um eine interessante Abweichung vom „amtlichen Prinzip“. Im Unterschied zu den meisten anderen Stellen ist hier nicht die Rede von Aposteln, Predigern o.ä, die einen geistlichen Dienst haben, sondern von „Laien“, schlichten „Heiligen“. Offenbar kann die „amtliche“ Übersetzung sich nicht erlauben zu sagen, auch „Laien“ könnten ein geistliches „Amt“ haben, und gebraucht deshalb hier das Wort „Dienst“, obwohl es genauso um einen geistlichen Dienst geht wie in den vielen Stellen, wo dasselbe Wort mit „Amt“ übersetzt wird! – So wird der Bibelleser darüber hinweggetäuscht, dass wir in diesem Vers einen wichtigen Beleg dafür haben, dass nicht nur die im Vers zuvor genannten „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“, sondern eben auch die „Laien“ geistlich „dienen“ bzw. „amten“ können. Nur dass Erstere zusätzlich dazu noch die Aufgabe haben, Letztere für diese Aufgabe „zuzurichten“.

Die Zürcher Übersetzung ist in dieser Hinsicht viel weniger „amtlich“. Sie vermeidet grundsätzlich das Wort „Amt“, ausser in Zusammensetzungen wie „Apostelamt“, „Bischofsamt“ usw. (von letzterem werden wir später sprechen). Das Wort „diakonía“ wird in der Zürcher Übersetzung richtigerweise immer mit „Dienst“ oder verwandten Wörtern übersetzt.

Zu „diakonía“ gibt es das entsprechende Verb „diakonéo“ (dienen). Dieses Wort ist auch in der Lutherübersetzung fast überall richtigerweise mit „dienen“ oder einem verwandten Wort übersetzt. Mit Ausnahme von 1.Petrus 4,11:

„so jemand redet, daß er’s rede als Gottes Wort; so jemand ein Amt hat, daß er’s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht …“

Diese Übersetzung ist besonders inkonsequent, wenn man in Betracht zieht, dass dasselbe Wort „diakonéo“ auch im vorhergehenden Vers vorkommt und dort richtig mit „dienen“ übersetzt wurde:

„Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: …“ (worauf der oben zitierte Vers folgt).

Es gibt überhaupt keinen Grund, warum „diakonéo“ im Vers 10 mit „dienen“ übersetzt werden sollte, aber im Vers 11 (in genau demselben Zusammenhang) mit „ein Amt haben“. Ausser eben, man setzt fälschlicherweise voraus, dass die Gemeinde Jesu von „Amtsträgern“ regiert werden solle, und liest dann diese Vorstellung in den Bibeltext hinein.

Dann gibt es auch noch das Wort „diákonos“ (Diener). Dieses wird in der Lutherausgabe richtigerweise mit „Diener“ bzw. „Knecht“ übersetzt – auch wieder mit einer Ausnahme, nämlich in 2.Korinther 3,6, wo von „Dienern des Neuen Bundes“ die Rede ist und Luther stattdessen sagt: „…das Amt zu führen des Neuen Testaments“.
Englische und spanische Ausgaben übersetzen „diákonos“ an bestimmten Stellen gerne mit „Minister“, das klingt noch viel gehobener. Ich bin froh, dass wir im Deutschen wenigstens dieses Problem noch nicht haben …

Dafür gebraucht die Zürcher Übersetzung in 1.Timotheus 3,8 und 12 (interessanterweise und inkonsequenterweise aber nicht in Philipper 1,1) das Kunstwort „Diakon“ (einfach eine buchstäbliche Übertragung des griechischen „diákonos“ ins Deutsche). Damit wird der Eindruck erweckt, das Neue Testament kenne ein besonderes „kirchliches Amt“ des „Diakons“. Wenn ein „Amtsträger“ kein Diener sein will, dann ist es natürlich angenehm, einige andere Geschwister für gewisse Dienstleistungen anzustellen. Würde man diese aber einfach „Diener“ nennen, dann gäbe es wohl nicht allzuviele Freiwillige für diesen Posten. Würde man sie andererseits zu „Amtsträgern“ erheben, dann würde damit eine unwillkommene Konkurrenz zum Pfarrer geschaffen. So erfand man als Zwischenstufe den „Diakon“ (und einige Bibelausgaben nennen in Römer 16,1 Phöbe eine „Diakonisse“). Inzwischen gibt es „Diakone“ für alles mögliche: im evangelikalen Raum habe ich schon von „Zeltdiakonen“, „Baudiakonen“ u.ä. sprechen hören. (Wer gibt in der heutigen Zeit schon gerne zu, dass er unbezahlte „Diener“ anstellt? „Diakon“ klingt da viel besser.) – In Wirklichkeit aber bedeutet „Diakon“, wie wir gesehen haben, gar nichts anderes als „Diener“.

Ich glaube, dass es im Neuen Testament durchaus Christen gab, die sich durch besondere Dienstwilligkeit hervortaten und deshalb in einem besonderen Sinn als „Diener“ bezeichnet wurden; denn 1.Tim.3 spricht offenbar von einer besonderen Gruppe von Menschen innerhalb der Gemeinde. Ich sage nicht, es hätte keine Unterschiede zwischen den Funktionen der verschiedenen Gemeindeglieder gegeben. Warum aber gebrauchten sie das so gewöhnliche Wort „Diener“ als Bezeichnung? Erinnern wir uns, dass das Wort „diákonos“ im Griechischen des Neuen Testamentes nicht diesen „amtlichen“ oder „hierarchischen“ Beigeschmack hatte wie „Diakon“ im Deutschen. Sie nannten sich schlicht „Diener“ – wie auch Paulus selber sich einfach einen „Diener Gottes“ nannte. Es macht einen Unterschied, ob wir einen Begriff einfach als Bezeichnung für eine effektiv ausgeübte Funktion gebrauchen, oder ob wir daraus eine hierarchische Stellung machen.

(Fortsetzung folgt)

PS: Bei späterer Gelegenheit gedenke ich eine Vergleichstabelle anzufügen, welche die Übersetzungen der erwähnten „Amtsbegriffe“ miteinander und mit dem griechischen Text vergleicht.