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Kann jemand, der zuhause ausgebildet wurde, an einer Universität studieren?

18. September 2015

Natürlich – warum nicht? In den USA gibt es bereits Tausende von Universitätsstudenten, die zuvor nie eine Schule besuchten. Nur in unaufgeklärten Ländern wird auch heute noch Homeschooling-Eltern der unberechtigte Vorwurf gemacht, sie würden damit ihren Kindern die berufliche Zukunft verbauen. – Da müsste natürlich zuerst nachgefragt werden, ob eine gute berufliche Zukunft wirklich von einem Universitätsabschluss abhängt; und ob umgekehrt ein Universitätsabschluss wirklich eine gute berufliche Zukunft garantiert. Doch davon ein anderes Mal; in diesem Artikel befasse ich mich spezifisch mit dem Thema „Universitätsstudium“.

Kritiker führen hier meistens die beiden folgenden Aspekte an:

1. Kann man das nötige akademische Niveau erreichen, ohne eine Schule zu besuchen?

Der „Fraser-Report“ führt verschiedene Untersuchungen aus den USA und Kanada an, wonach das akademische Niveau von zuhause ausgebildeten Studenten im Durchschnitt deutlich höher ist als dasjenige von gleichaltrigen Schülern. Das kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden, die dazu beitragen, dass „Homeschooling“ pädagogisch wertvoller und effizienter ist: persönliches und individuelles „Mentoring“; ein individueller, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes zugeschnittener Lehrplan; eine emotionell positive und ermutigende Umgebung; Abwesenheit von negativen Einflüssen der schulischen Umgebung (Unruhe und Disziplinlosigkeit in der Klasse; unpersönliche Lehrer-Schüler-Beziehung; Mobbing).

Nun gibt es in diesen unaufgeklärten Ländern Kritiker, die das trotz der statistisch erwiesenen Fakten einfach nicht glauben wollen: „Ein einzelnes Elternpaar kann doch unmöglich die nötigen Kenntnisse haben, um ihre Kinder bis zur Hochschulreife selber auszubilden!“ – Eine solche Aussage ist etwa so sinnvoll wie die folgende: „Ein Baum kann doch unmöglich höher als zehn Meter werden, weil Wasser in einer Röhre nicht höher als zehn Meter steigen kann!“ – Anstatt stur und blind darauf zu beharren, das sei unmöglich, täte dieser Kritiker besser daran, nachzuforschen, wie es denn die Bäume machen, um Höhen von vierzig Metern und mehr zu erreichen. Ebenso könnten Homeschool-Kritiker einiges lernen, wenn sie stattdessen nachfragten, wie es denn die Eltern gemacht haben, deren zuhause ausgebildete Kinder tatsächlich an einer Universität studieren oder bereits abgeschlossen haben.

Mein ältester Sohn hat dieses Jahr ein Beispiel gegeben. Er hat im ersten Anlauf die Aufnahmeprüfung an eine Universität bestanden, die als eine der anspruchsvollsten hier in Perú gilt. (Nur die allerwenigsten Bewerber schaffen das. Die meisten, die schlussendlich aufgenommen werden, mussten sich nach ihrem Schulabschluss noch während zwei, drei oder noch mehr Jahren speziell auf diese Prüfung vorbereiten.) Jetzt ist er im zweiten Semester seines Informatikstudiums.
– Zur Erklärung: Im hiesigen System gibt es keine Maturitäts- bzw. Abiturprüfungen. Jede Universität erstellt ihre eigenen Aufnahmeprüfungen, deren Niveau von einer Universität zur andern unterschiedlich sein kann. Zu diesen Prüfungen melden sich in der Regel rund zehnmal so viele Bewerber, als Studienplätze vorhanden sind. Es genügt also nicht, an der Prüfung eine genügende Note zu haben; sondern man muss mit seinem Notendurchschnitt zu den obersten 10% aller Bewerber gehören.

Nun, wie haben wir das gemacht, wir Eltern, die wir doch „unmöglich die nötigen Kenntnisse haben können“? – Das mögen Interessierte und Kritiker selber herausfinden. Hier einige Hinweise dazu.

2. Kann man ohne Schulabschlusszeugnis an eine Universität aufgenommen werden?

Zuerst möchte ich erwähnen, dass auch zuhause ausgebildete Jugendliche ein Schulabschlusszeugnis erwerben können. In einigen Ländern durch Bestehen einer entsprechenden Prüfung; in anderen Ländern ist zusätzlich der Besuch des letzten Schuljahres an einer staatlich anerkannten Schule erforderlich. Das ist der Weg, für den sich unsere Kinder entschieden haben. An der Schule, wo sie ihre Zeugnisse erhielten, fragten wir nach, ob wir damit rechnen könnten, dass diese Möglichkeit auch in Zukunft bestehen würde. Wir erhielten zur Antwort: „Diese Möglichkeit muss bestehen bleiben, denn wir dürfen niemandem das Recht auf Bildung verweigern.“ – Staatliche Regierungen weltweit sind also verpflichtet, Jugendlichen (und Erwachsenen), die ihre Ausbildung auf einem anderen als dem offiziell vorgesehenen Weg erworben haben, die Möglichkeit zu bieten, ihre Ausbildung fortzusetzen auf dem Niveau, das ihrem Kenntnisstand entspricht – und natürlich die entsprechenden Zeugnisse zu erhalten.
Interessanterweise wird das sogar im unaufgeklärten Deutschland anerkannt. Während in diesem Land Eltern, die ihr Recht auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder geltend machen wollen, regelmässig schikaniert, bedroht, verfolgt, und vor Gericht verurteilt werden, so haben andererseits deutsche Gerichte festgestellt, dass auch in diesem Land zuhause ausgebildete Jugendliche das Recht haben, in derjenigen Klasse eingeschult zu werden, die ihrem Alter und Kenntnisstand entspricht, ohne zusätzliche Schuljahre absolvieren zu müssen. (Siehe z.B. hier .)

Zum anderen verlangen viele Universitäten (darunter die weltweit rennomiertesten) von den Studienanwärtern gar keinen offiziellen Schulabschluss. In den USA haben die meisten Hochschulen inzwischen ein offizielles Aufnahmeverfahren für zuhause ausgebildete Bewerber. Dieses besteht in der Regel aus einer standardisierten Aufnahmeprüfung, sowie Einreichen eines „Portfolios“ von schriftlichen Arbeiten (Aufsätze, Zusammenfassungen von gelesenen Büchern, Forschungsarbeiten, usw.), die der Bewerber im Lauf seiner Ausbildung zuhause geschrieben hat.
Manche Universitäten ziehen sogar zuhause ausgebildete Studenten vor: Sie „bringen gewisse Fähigkeiten mit – Motivation; Neugier; die Fähigkeit, selber Verantwortung für ihre Ausbildung zu übernehmen -, die von den Schulen nicht sehr gut vermittelt werden.“ (Jon Reider, Aufnahmebeamter der Universität Stanford, zitiert im oben erwähnten „Fraser-Report“.)

Den Knüller habe ich mir bis zum Schluss aufgespart: Das geht sogar in Deutschland! Die Deutsch-Amerikanerin Carla Widman wurde letztes Jahr zum Masterstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zugelassen, obwohl sie nie eine Schule besucht hatte. Wie berichtet wird, verlangte die Universität anfangs zusätzlich zur Bachelor-Urkunde auch noch ein Schulzeugnis. Schliesslich gab sie sich mit einem von Widmans Mutter selber ausgestellten Abiturzeugnis zufrieden.
Ob Carla Widman der Einstieg in den Studienbetrieb schwergefallen ist? – Im Gegenteil! Der Bericht sagt darüber:

„Absolventen vom Gymnasium oder der High School, die über Jahre von den Lehrern den Stoff vorgekaut bekamen, fallen die ersten Semester an der Uni oft schwer. Sie sind es nicht gewohnt, plötzlich alles alleine zu organisieren. Widman dagegen schon: ‚Ich war meine gesamte Schulzeit auf mich allein gestellt. Im Uni-Alltag habe ich mich gerade am Anfang viel leichter getan als manche Kollegen.‘ “

Fazit: Kein Problem. Man kann und man darf an einer Universität studieren, ohne zur Schule gegangen zu sein. Sogar in Deutschland.

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Familie Wunderlich erneut vor Gericht

15. April 2015

Die Familie Wunderlich, deren Kinder im Jahre 2013 in einer gewaltsamen und widerrechtlichen Polizeiaktion von zuhause entführt wurden, wird sich wiederum vor Gericht verantworten müssen, weil sie ihre Kinder weiterhin in der idealen und von Gott bestimmten Umgebung aufziehen, nämlich in der Familie, statt sie den verrohenden und antichristlichen Einflüssen der Schule auszusetzen.

Wunderlichs schreiben:

„Der Termin zur Hauptverhandlung vor dem Strafrichter ist bestimmt auf den Dienstag, 28. April 2015 (9:45 Uhr), im Saal 5 des Amtsgerichts Darmstadt, Mathildenplatz 15 (200m vom Luisenplatz, Darmstadts Mitte, entfernt).
(…)
Strafprozesse sind in der Regel öffentlich, d. h. jeder Interessierte kann als Zuschauer an der Verhandlung teilnehmen. Eine rege Teilnahme von Prozeßbeobachtern kann sich jedenfalls nur förderlich auswirken, weshalb wir uns über eine solche grundsätzlich freuen würden. All diejenigen, die nicht an dem Prozeß teilnehmen können, haben außerdem die Möglichkeit der Fürbitte und des Gebets, über dessen reichlichen Gebrauch wir uns ebenfalls freuen.“

Was wird ihnen vorgeworfen? – „Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht“. Eine Familie, die bewiesen hat, dass sie für die Erziehung ihrer Kinder ein weit grösseres Mass an Zeit und Aufwand opfert als die meisten anderen Familien; eine Familie, die bereit ist, Verfolgung und Gefängnis auf sich zu nehmen (wie in anderen Homeschooling-Fällen schon geschehen) um des Rechtes willen, ihre eigenen Kinder zu erziehen – gerade diese Familie wird der „Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht“ angeklagt. Absurder geht es wirklich nicht mehr.

Ich muss annehmen, dass die Bürokraten, die hinter einer solchen Anklage stehen, allesamt Nachkömmlinge der 68er-Bewegung sind – also der Geistesrichtung, die dafür verantwortlich ist, dass die Mehrheit der gegenwärtigen Generation unerzogen aufwächst und sich entsprechend unerzogen benimmt. Infolgedessen wissen diese Bürokraten offenbar gar nicht mehr, was „Erziehung“ überhaupt ist, und missbrauchen jetzt dieses Wort sogar, um den letzten Rest von echter Erziehung auszurotten, der auf deutschem Boden noch übriggeblieben ist.

Was für eine Zukunft einer Gesellschaft blüht, die so handelt, kann u.a. hier nachgelesen werden.

Familie Wunderlich erhält Sorgerecht zurück: Kindeswohl nur in Deutschland gefährdet

4. September 2014

Ein Beschluss des Oberlandesgerichts Frankfurt vom 15.August hat der Familie Wunderlich das komplette Sorgerecht für ihre Kinder zurückgegeben. Das ist meines Wissens das erste Mal, dass eine deutsche Behörde die Unrechtmässigkeit staatlicher Vollzugs- (und Gewalt-)Massnahmen gegen Homeschooling-Familien anerkennt. Damit ist ein erster Schritt hin zu einer ordentlichen Rechtsstaatlichkeit getan worden.

Das heisst nun aber noch lange nicht, dass damit auch das Recht der Eltern anerkannt worden sei, ihre Kinder selber zu erziehen und auszubilden. Wie in der Presseerklärung über diesen Beschluss ausgeführt wird, missachtet das Gericht weiterhin die diesbezüglichen Bestimmungen in den internationalen Verträgen, die auch von Deutschland unterzeichnet worden sind. Ja, es hält sogar weiterhin daran fest, das Wohl der Kinder sei „gefährdet“, solange sie sich nicht dem deutschen Schulzwang unterwerfen.

Warum hat das Gericht dann trotzdem entschieden, den Eltern das Sorgerecht zurückzugeben?

Ein Grund scheint darin zu liegen (wie ich aus der Presseerklärung schliesse), dass hier ausnahmsweise einmal anerkannt worden ist, wie unverhältnismässig das staatliche Vorgehen gegen die Familie Wunderlich war: gewaltsame Verschleppung der Kinder; Auferlegung von Kosten im fünfstelligen Bereich; Wegnahme der Pässe, um der Familie die Ausreise aus Deutschland zu verunmöglichen. Notorische Schuleschwänzer, die überhaupt keine Ausbildung erhalten, werden ja nicht so brutal behandelt!

Ein zweiter Grund ist aber ironischerweise genau der, der das Jugendamt und das Familiengericht Darmstadt ursprünglich dazu bewogen hatte, den Wunderlichs das Sorgerecht zu verweigern: nämlich ihr offen angekündigter Plan, nach Frankreich auszuwandern. Solche „Republikflucht“ müsse unbedingt verhindert werden, meinten damals die Darmstädter Richter. Dagegen stellt das Oberlandesgericht fest:

„Hingegen kann der Senat in der Planung der Kindeseltern, mit ihren Kindern ihren Wohnsitz dauerhaft nach Frankreich zu verlegen, keine Kindeswohlgefährdung erkennen. […] Unterliegen die Kinder aber durch eine Verlegung ihres Wohnsitzes nicht mehr der deutschen Schulpflicht, ist eine Einschränkung der elterlichen Rechte unter keinem Gesichtspunkt gerechtfertigt.

Damit hat das hohe Gericht indirekt festgestellt, dass das Kindeswohl von zuhause ausgebildeten Kindern nur in Deutschland gefährdet ist und nirgendwo sonst. Bleibt zu hoffen, dass man irgendwann auch zur Einsicht kommt, dass folgerichtig die Gefährdung vom deutschen Staat ausgeht und nicht von den Eltern. Und dass man die Wunderlichs dieses Mal in Frankreich unbehelligt lässt und nicht von Deutschland aus versucht (wie schon einmal geschehen), sogar dort noch französische Beamte anzuweisen, die deutsche Schulpflicht durchzusetzen.

Homeschooling-Kinder werden zu selbständigen Lernern

22. Februar 2014

Das ist bis jetzt die erfreulichste Erfahrung in der Ausbildung unserer Kinder: Mit dem Eintritt in die Pubertät wurden sie zusehends selbständiger in ihrem Lernen. Jetzt haben sie es nur noch selten nötig, dass Papa oder Mama ihnen Bücher geben zu den Themen, die sie sich erarbeiten, oder dass wir ihnen spezifische Aufgaben vorschreiben. Sie wissen jetzt selber, wie und wo sie die benötigten Informationen finden können, und allmählich lernen sie auch, sich selber Ziele zu setzen und diese verantwortlich zu erfüllen. Kurz, sie wachsen und reifen in ihrer Fähigkeit, ihr Lernen selbständig zu organisieren.

Diese Fähigkeit des „Selbstlernens“ wird in naher Zukunft grosse Bedeutung erlangen. Viele höhere Bildungseinrichtungen experimentieren zur Zeit sehr aktiv mit verschiedenen Formen des virtuellen Lernens via Internet; insbesondere die sogenannten MOOCs („Massive Open Online Courses“ = „Offene Massen-Kurse über Internet“). Es wurde erkannt, dass diese neuen Bildungsmodelle vielen Menschen eine höhere Bildung ermöglichen könnten, die bisher aus finanziellen oder geographischen Gründen keine Universität besuchen können. Jetzt wird es möglich, Kurse auf Universitätsniveau über Internet zu absolvieren, ohne je einen Vorlesungssaal zu betreten.
Es gibt da nur ein Problem: Um einen solchen Kurs erfolgreich abschliessen zu können, muss man an aktives und selbständiges Lernen gewöhnt sein. Und das ist eine Fähigkeit, die im herrschenden Schulsystem nicht gefördert wird.

Einer der Pioniere dieser neuen Bildungsmodelle, der Mathematikprofessor Keith Devlin von der Universität Stanford, schreibt dazu in seinem Blog:

„Es scheint, dass viele Menschen die Bildung als etwas erfahren, was andere Menschen ihnen antun; andere, die über sie bestimmen können. Das ist völlig verkehrt, und ist das Gegenteil dessen, was man an einer guten Universität vorfindet. (…) ‚Lernen‘ ist ein aktives Verb. Unsere Aufmerksamkeit sollte sich darauf richten, eine Umgebung zu schaffen, wo der Student lernen kann und will, und wo er die Unterstützung erhalten kann, die er dazu braucht. Es gibt keinen anderen Weg: Jeder, der vorgibt, etwas weiteres tun zu können, als dir beim Lernen zu helfen, der versucht nur, dir das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Zweitens gibt es eine weitverbreitete Idee, dass es bei der Bildung hauptsächlich darum gehe, in den Prüfungen gute Noten zu erzielen – im allgemeinen mittels der effizientesten Methoden (was bedeutet, den tatsächlichen Lernprozess zu umgehen). (…)

Der wesentliche Faktor, um aus der grossartigen Gelegenheit der Internet-Kurse Nutzen zu ziehen, ist die Fähigkeit (selbständig) zu lernen. Das sollte die wichtigste Fähigkeit sein, die an den Grund- und Sekundarschulen erworben wird. Aber aus dem gegenwärtigen Schulsystem, das nur um das ‚Belehrtwerden‘ und das ‚Geprüftwerden‘ kreist, gehen leider nur sehr wenige Schüler mit dieser so wichtigen Fähigkeit hervor; und die wenigen, die diese Fähigkeit erwerben, sagen normalerweise, dass sie sie trotz ihrer Schulbildung erworben haben.“

(Keith Devlin in http://mooctalk.org.)

Die grossen Tendenzen in der Bildung – vor allem in der höheren Bildung – deuten in die Richtung des selbständigen, aktiven Lernens. Und gerade das „Homeschooling“ bietet die besten Voraussetzungen, um diese Fähigkeit zu erwerben.

Tatsächlich hat unser älterer Sohn letztes Jahr zwei MOOCs auf College-Niveau erfolgreich absolviert – auf Englisch, eine Fremdsprache, die er erst vor wenigen Jahren zu lernen begann. Von den Kursthemen hatten wir als Eltern recht wenige Kenntnisse, sodass wir ihm nicht allzu viel helfen konnten. Aber wir konnten ihm als Ermutiger beistehen, und wenn er uns von den Kursinhalten berichtete, wiederholte er sie dabei selber.

Nun fällt diese Fähigkeit des selbständigen Lernens nicht einfach so vom Himmel. Es ist die Frucht einer Methode, die von Anfang an die eigene Aktivität des Kindes und seine eigenen Interessensgebiete wertschätzt, statt ihm zum voraus festgelegte Lektionen und Lerninhalte aufzunötigen. Ein Kind, das einem starren Lehrplan und normierten Prüfungen unterworfen ist, wird abhängig und unselbständig. Es verliert seine Kreativität und seine natürliche Neugier, und seine Motivation richtet sich nicht mehr auf das Lernen an sich, sondern nur noch auf das Bestehen der Prüfungen. Es hört auf, von sich aus Dinge zu erforschen, und gewöhnt sich daran, passiv die Wissensbrocken aufzunehmen, die ihm der Lehrer vorsetzt.

Es ist also nicht einfach die Bildung „zuhause“, die selbständiges Lernen bewirkt. Eine Familie, die ihre Kinder nach einem starren, vorprogrammierten Lehrplan unterrichtet, und sei es auch „zuhause“, wird in ihrem eigenen Heim viele Probleme des Schulsystems reproduzieren. Die Bildungsmodelle, die uns überzeugt haben (insbesondere die „Moore-Formel“ und die „aktive Schule“), erlauben dagegen dem Kind, seinem eigenen Entwicklungsrhythmus gemäss voranzuschreiten und seine eigenen Interessensgebiete zu entwickeln. Nicht nur im Homeschooling, sondern sogar an einer (alternativen) Schule könnte dies verwirklicht werden; vorausgesetzt, diese Schule findet einen Weg, wie jedes Kind seinen eigenen individuellen „Lernplan“ haben kann.

Z.B. haben wir unsere Kinder nie dazu gezwungen, lesen zu lernen, „weil das in ihrem Alter auf dem Lehrplan steht“. Stattdessen haben wir aufmerksam ihre Entwicklung beobachtet; und wenn wir Anzeichen feststellten, dass ein Kind die zum Lesenlernen nötige Reife erreichte, dann brachten wir es ihm bei. Wenn man geduldig auf diesen Moment wartet – der bei einigen Kindern erst im Alter von acht Jahren oder sogar noch später eintritt -, dann lernen die Kinder in der Regel das Lesen ohne Schwierigkeiten innert zwei bis drei Monaten. (Siehe „Vom Lesenlernen“.)
Bei unseren Kindern war das Ergebnis, dass sie sich so sehr über ihre neu erworbene Lesefertigkeit freuten, dass sie alle erreichbaren und für ihr Alter geeigneten Bücher vollständig durchlasen und dann um neuen Lesestoff baten. So suchten und kauften wir weitere Bücher: eine umfangreichere Kinderbibel als jene, die sie bereits hatten; Bücher über Experimente, Bastelarbeiten, Pflanzen, Tiere, usw. Schon im Grundschulalter überraschten uns unsere Kinder mit Kenntnissen über bestimmte Themen (z.B. Tiere), von denen wir selber nichts wussten; aber sie hatten es aus ihren Büchern gelernt.
Als traurigen Gegensatz dazu beobachten wir bei den Schulkindern, die wir betreuen, dass sie das Lesen nur als lästige, erzwungene Pflicht sehen können; und sie nehmen kaum je von sich aus ein Buch in die Hand.

Als unsere Kinder noch kleiner waren, lag es an uns Eltern, die Initiative zu ergreifen für viele lehrreiche Projekte. Z.B. regten wir sie an, den Mond und die Sterne zu beobachten – was sie wiederum motivierte, Bücher über Astronomie und Weltraumfahrt zu lesen. Oder nach einer Reise schlugen wir vor, auf einer Landkarte die Orte zu suchen, wo wir vorbeigekommen waren, und die Distanzen zu messen und zu errechnen. Aber bald begannen die Kinder mit eigenen Projekten. Z.B. sagten sie, als sie etwa elfjährig waren, sie würden gerne chemische Experimente machen. So begannen wir über das Thema zu lesen und besorgten einige Reagenzgläser und Chemikalien, einen Brenner, Plastikhandschuhe und Schutzbrille. Wir machten Experimente und schrieben unsere Beobachtungen auf. Im Lauf dieses mehrmonatigen Projekts lernten unsere Kinder über die Hälfte des Stoffs, den Sekundarschüler mehrere Jahre später im Unterricht lernen.
Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass auch wir als Eltern in diesen Projekten vieles zu lernen hatten. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder zum Lernen motiviert sind, dann müssen auch wir selber aktive Lerner sein. Wie in allen Bereichen des Lebens ist unser eigenes Beispiel entscheidend.

Unser Lehrplan wird also nicht dadurch bestimmt, was einige Funktionäre darüber denken, was Kinder in einem bestimmten Alter lernen sollen. Jedes Kind ist anders, hat andere Interessen und einen anderen „Entwicklungsfahrplan“. Deshalb wird unser Lehrplan bestimmt von den eigenen Interessensgebieten und von der individuellen Entwicklung jedes Kindes. Das bedeutet, dass sie auf einigen Gebieten ihres Interesses dem schulischen Lehrplan weit „voraus“ sind, während sie auf anderen Gebieten im „Rückstand“ sind – d.h. sie wandten einfach nicht viel Zeit dafür auf, diese letzteren Dinge zu lernen. Ist das ein Nachteil? Ich glaube nicht. Es ist gar nicht möglich, „alles“ zu wissen. Jeder muss zwangsläufig aus dem gesamten möglichen Wissen das auslesen, was ihm wissenswert scheint. Wenn jemand Ingenieur werden will, wozu sollte er jahrelang Geschichte lernen? – Wozu sollte ein Historiker seinen Kopf mit Trigonometrie oder Thermodynamik füllen? – Ein wichtiges Merkmal des selbständigen Lerners ist, dass er in der Lage ist zu entscheiden, welche Kenntnisse er benötigt, um seine Ziele zu erreichen. Und diese Entscheidungsfähigkeit kann nicht erworben werden, wenn ständig jemand anders darüber entscheidet, was du zu lernen hast.

Man könnte jetzt einwenden, ein selbständiger Lerner hätte dann „unvollständige“ Kenntnisse. Aber dasselbe trifft ja auch auf die Schüler des Schulsystems zu: Was sie nicht interessiert, bleibt nicht hängen. Fragen Sie irgendeinen durchschnittlichen Schüler über ein Thema, das vor einem halben Jahr an der Prüfung dran war. Wenn es nicht zufällig etwas ist, was ihn brennend interessiert, dann wird er sich an wenig oder nichts erinnern. Aber im Unterschied zum selbständigen Lerner hat er sehr viel mehr Zeit damit verloren, diese Themen zu büffeln, nur um sie nach der Prüfung sogleich wieder zu vergessen.

Der selbständige Lerner hat einen grossen Vorteil: Wenn er bestimmte neue Kenntnisse benötigt, kann er sie sich mit sehr wenig Hilfe und in sehr kurzer Zeit selber aneignen. Und diese Fähigkeit wird in unserer schnellebigen Zeit mit ihren ständigen technischen Neuerungen immer wichtiger werden.

Paul Lockhart: Mathematik in der Schule

11. Januar 2014

Kommentierte auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart

Mathematik in der Schule

Es gibt keinen sichereren Weg dazu, die Begeisterung und das Interesse an einem Thema abzutöten, als es zu einem obligatorischen Schulfach zu machen. Machen wir es zudem zu einem Hauptbestandteil der standardisierten Prüfungen, dann wird das Bildungs-Establishment alles Leben daraus heraussaugen. Schulbehörden verstehen nicht, was Mathematik ist. Ebensowenig verstehen es die Pädagogikexperten, die Schulbuchautoren, die Verlage, und leider verstehen es auch die meisten Mathematiklehrer nicht. Die Reichweite des Problems ist so enorm, dass ich kaum weiss, wo ich beginnen soll.

Beginnen wir mit dem Debakel der Schulreformen. (…) Dieses ganze Gezänk darum, was für „Themen“ in welcher Reihenfolge gelehrt werden sollen, ob diese oder jene Notation verwendet werden soll, oder was für Modelle von Taschenrechnern zu verwenden seien – das ist wie die Stühle auf dem Deck der „Titanic“ umzustellen! Mathematik ist die Musik des Verstandes. Mathematik zu treiben bedeutet, an einem Abenteuer von Entdeckung und Vermutung, Intuition und Inspiration teilzunehmen; in Verwirrung zu kommen – nicht weil Sie keinen Sinn darin sehen, sondern weil Sie ihm einen Sinn gaben und trotzdem noch nicht verstehen, was Ihr Geschöpf tut; eine durchbrechende Idee zu haben; als Künstler frustriert zu sein; von einer fast schmerzhaften Schönheit überwältigt zu sein; lebendig zu sein. Wenn Sie das alles aus der Mathematik wegnehmen, dann können Sie so viele Konferenzen abhalten, wie Sie wollen, es nützt nichts mehr. Ihr Ärzte, operiert soviel Ihr wollt: euer Patient ist bereits tot.

Das Traurigste an diesen „Reformen“ sind die Versuche, „Mathematik interessant zu machen“ und „relevant für das Leben der Kinder“. Mathematik muss nicht interessant gemacht werden – sie ist bereits interessanter, als wir ertragen können! Und ihre Herrlichkeit besteht darin, dass sie für unser Leben überhaupt nicht relevant ist. Deshalb macht sie Spass!

Die Versuche, Mathematik als relevant für das tägliche Leben darzustellen, wirken unvermeidlich gezwungen und gekünstelt: „Seht, Kinder, wenn ihr Algebra könnt, dann könnt ihr herausfinden, wie alt Maria ist, wenn wir wissen, dass sie zwei Jahre älter ist als das Doppelte von ihrem Alter vor sieben Jahren!“ (Als ob jemand irgendwann einmal Zugang zu einer solch lächerlichen Information hätte anstelle von Marias Alter.) – In der Algebra geht es nicht um das tägliche Leben, es geht um Zahlen und Symmetrien – und das ist an und für sich eine wertvolles Unterfangen:

„Nehmen wir an, ich kenne die Summe und die Differenz zweier Zahlen. Wie kann ich diese Zahlen herausfinden?“

Das ist eine einfache und elegante Frage, und sie braucht keine zusätzlichen Anstrengungen, um sie interessant erscheinen zu lassen. Die alten Babylonier hatten Freude daran, an solchen Problemen zu arbeiten, und unsere Schüler ebenso. (Und ich hoffe, Ihnen macht es ebenfalls Spass, darüber nachzudenken!) Wir müssen keine Purzelbäume schlagen, um die Mathematik „relevant“ zu machen. Sie ist ebenso relevant wie jede andere Kunst: als sinnvolle menschliche Erfahrung.

Anmerkung meinerseits: Recht hat Lockhart hier, dass die „Relevanz“ von Schulbuchaufgaben nur vorgetäuscht ist. Warum soll ich Textaufgaben über einen Bauernhof oder einen Kaufladen lösen, wenn meine tatsächliche Umgebung aus einer sterilen Schulbank vor einer Wandtafel besteht? – Anders sieht die Sache aber aus, wenn das Kind tatsächlich eine Zeitlang auf einem Bauernhof leben oder in einem Laden mitarbeiten kann. Die reale Umgebung wird ihm unweigerlich konkrete mathematische Probleme stellen: Wie gross muss ein Eimer sein, um zwei Kühe zu melken? Wieviel Rückgeld muss ich geben? Usw.
Das Problem bei Lockhart scheint mir zu sein, dass er trotz allem an der sterilen Schulzimmerumgebung festhält, die, wie Raymond Moore sagt, höchstens ein zweidimensionales Abbild des wirklichen, dreidimensionalen Lebens bieten kann. Homeschooling bietet dagegen enorm vielfältige Möglichkeiten zu praktischen Tätigkeiten des wirklichen Lebens (wie z.B. die Mithilfe auf einem Bauernhof oder in einem Laden), die, wenn sie entsprechend verwertet werden, immer wieder Anlass zu mathematischem Denken geben. Mathematisches Verständnis sollte sich nicht auf abstrakte Gebilde beschränken. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, mathematische Konzepte in Situationen des praktischen Lebens hinein zu „übersetzen“, und umgekehrt.

Hier ein authentisches Beispiel aus unserem Alltag, wie praktische Probleme und mathematische Abstraktion ineinander übergehen und einander gegenseitig bereichern: Eine Nachbarin von uns hatte ein Grundstück gekauft, hegte aber den Verdacht, sie sei bei der Flächenangabe betrogen worden. Sie liess deshalb die Seiten und die Diagonalen genau ausmessen (es handelte sich um ein unregelmässiges Viereck) und kam dann mit den Massen zu meinem ältesten Sohn mit der Bitte, er möge ihr doch die Fläche ausrechnen. Er erkannte sofort, dass eine Diagonale das Viereck in zwei Dreiecke teilt, dessen Seitenlängen nun bekannt sind. Er wusste aber nicht, wie man daraus die Fläche ausrechnen kann. „Wenn wir nur die Höhe des Dreiecks wüssten!“ – „Aber vielleicht können wir sie ausrechnen. Zeichnen wir sie doch einmal ein, und schreiben wir alles auf, was wir darüber wissen.“

Heron0

– Mit Hilfe des Satzes von Pythagoras und dreier Gleichungen kamen wir so auf eine Formel für die Höhe und damit für die Fläche. Unser Ergebnis sah so aus:

Heron1

und somit:

Heron2

Dann suchten wir in einer Formelsammlung, ob wir etwas Entsprechendes fänden. Einmal um zu überprüfen, ob wir richtig gerechnet hatten, und auch einfach aus Neugier. Wir fanden die Heronsche Flächenformel, die so aussieht:

Heron3

– wobei p den halben Umfang des Dreiecks bedeutet. Diese Formel ist natürlich bedeutend schöner und eleganter als unsere; insbesondere ist sie symmetrisch inbezug auf die drei Seiten a, b und c. Es ist aber nicht auf den ersten Blick einsichtig, ob diese Formel wirklich gleichbedeutend ist mit der unsrigen. Es stellte sich daher die Frage, ob man zeigen kann, dass die beiden Formeln tatsächlich gleichbedeutend sind. Das war nun natürlich eine mathematische Abstraktion, völlig losgelöst von dem praktischen Problem mit dem Grundstück. Wir stellten fest, dass man in unserer Formel den Ausdruck unter der Wurzel in Faktoren zerlegen kann (das war etwas, was mein Sohn damals sowieso am Üben war) und dann nach einigen Umformungen tatsächlich zu der Form kommt, wie sie in der Formelsammlung steht.
So hat mein Sohn die Formel weitgehend selbständig hergeleitet – und erst noch mit Praxisbezug -, mit weitaus grösserem Lerneffekt, als es normalerweise in der Schule geschieht. Ohne es geplant zu haben, haben wir effektiv alle folgenden Lehrplanpunkte „durchgenommen“:
– Elementare Geometrie des Dreiecks und Vierecks
– Satz von Pythagoras
– Lösung eines Gleichungssystems mit mehreren Unbekannten
– Faktorenzerlegung eines algebraischen Ausdrucks, einschliesslich Gebrauch der binomischen Formel für (a+b)2
– Flächenformel nach Heron.
Und unsere Nachbarin war zufrieden, weil sie jetzt wusste, wie gross ihr Grundstück war.

In diesem Problem liegt übrigens eine weitere Forschungsaufgabe, die wir aber (noch) nicht durchgeführt haben: Die alten Griechen kannten ja keine Algebra, sondern führten die meisten mathematischen Schlussfolgerungen und Beweise auf graphisch-geometrische Weise durch. Heron kann also seine Formel nicht auf dem oben beschriebenen Weg gefunden haben. Wie kann man diese Formel rein geometrisch herleiten?

Denken Sie etwa, Kinder wollen wirklich etwas, was für ihr tägliches Leben relevant ist? Denken Sie, sie würden sich für etwas Praktisches wie Zinseszinsen begeistern? Sie erfreuen sich vielmehr an Phantasie, und genau das kann die Mathematik geben – eine Erholung vom täglichen Leben, ein Gegenmittel gegen die Arbeitswelt.

Anmerkung meinerseits: Lockhart erweist sich hier als Nachfolger G.H.Hardys, der kategorisch behauptete, Mathematik sei nur so lange Mathematik, wie sie keine praktische Anwendung habe und nichts mit der tatsächlichen physikalischen Welt zu tun habe. Er weicht damit der Frage aus, woher es dann kommt, dass die Mathematik tatsächlich so genau mit den Gesetzen des physikalischen Universums übereinstimmt. Von einer rein „imaginären“ Gedankenkonstruktion wäre das ja nicht zu erwarten. (Nur ab und zu erwähnt Lockhart beiläufig, dass mathematische Konzepte manchmal im Nachhinein „zufällig“ (?) eine praktische Anwendung finden.)
Die pragmatische Erklärung, Mathematik sei eben aus der Beobachtung der physikalischen Welt und als Antwort auf praktische Notwendigkeiten entstanden, überzeugt dagegen auch nicht. Viele mathematische Konzepte wurden erdacht, lange bevor ihre Übereinstimmung mit physikalischen Gesetzmässigkeiten und ihre Anwendbarkeit hierauf entdeckt wurde. Z.B. untersuchten bereits die alten Griechen die Eigenschaften der Kegelschnitte; aber erst Kepler entdeckte, dass Kegelschnitte die Umlaufbahnen von Planeten und anderen Himmelskörpern exakt beschreiben.
Für mich ist die einleuchtendste Erklärung die christliche: Derselbe Gott, der das Universum erschaffen hat, hat auch die menschlichen Denkstrukturen geschaffen, sodass es notwendigerweise eine Entsprechung zwischen den beiden geben muss.
Daraus folgt aber, dass eine praktische Anwendbarkeit der Mathematik zu erwarten ist, und ebenso, dass mathematisches Denken öfters auch durch praktische Probleme des täglichen Lebens angestossen wird. Das tut der Mathematik als Mathematik keinen Abbruch, ist aber – hierin stimme ich mit Lockhart überein – nicht ihr tieferer Sinn.

Ein ähnliches Problem ergibt sich, wenn Lehrer oder Schulbücher „kindgemäss“ sein wollen. (…) Um den Schülern zu helfen, die Formel für den Kreisumfang zu lernen, erfinden sie z.B. eine Geschichte von einem Hund, der um einen kreisrunden Baum herumläuft und „Pipi“ an seinen Rand macht (U=2pr), oder ähnlichen Unsinn.
Aber was ist mit der wirklichen Geschichte? Die Geschichte vom Kampf der Menschheit mit der Messung von Kurven; von Eudoxus und Archimedes und ihrer Methode der Ausschöpfung; von der Transzendenz der Zahl Pi? Was ist interessanter: den Umfang von Kreisen zu berechnen mit einer Formel, die man von jemandem ohne weitere Erklärung vorgesetzt bekommt, oder die Geschichte eines der schönsten und faszinierendsten Probleme der Menschheitsgeschichte zu hören? Wir heute töten das Interesse der Menschen an Kreisen ab! Welches andere Schulfach wird so gelehrt, ohne jede Erwähnung seiner Geschichte, Philosophie, thematischen Entwicklung, ästhetischen Kriterien, und seines aktuellen Standes? Welches andere Schulfach verachtet seine primären Quellen – herrliche Kunstwerke von einigen der kreativsten Denker der Geschichte – zugunsten von drittklassigen Schulbuchnachahmungen?

Das grösste Problem mit der Schulmathematik ist, dass es in ihr keine Probleme mehr gibt. – Ich weiss, diese faden „Übungen“ werden als Probleme ausgegeben: „Dies ist ein Beispiel für ein Problem. Hier steht, wie man es löst. Ja, das kommt an der Prüfung. Löst die Übungen 1 bis 35 als Hausaufgabe.“ Was für eine traurige Art, Mathematik zu lernen: wie ein abgerichteter Schimpanse.

Aber ein echtes Problem, eine echte, ehrliche, natürliche, menschliche Frage – das ist etwas anderes. Wie lang ist die Diagonale eines Würfels? Hören die Primzahlen nie auf? Ist Unendlich eine Zahl? Auf wieviele Arten kann ich eine Fläche symmetrisch mit Fliesen belegen? – Die Geschichte der Mathematik ist die Geschichte der menschlichen Beschäftigung mit Fragen wie diesen. Nicht des gedankenlosen Wiederkäuens von Formeln und Algorithmen.

Ein gutes Problem besteht darin, dass du nicht weisst, wie man es lösen kann. Das macht es zu einer guten Gelegenheit; zu einem Sprungbrett zu weiteren interessanten Fragen: Ein Dreieck füllt die Hälfte einer Schachtel aus. Wie steht es nun mit einer Pyramide in einer dreidimensionalen Schachtel? Können wir dieses Problem auf ähnliche Weise lösen?

Ich verstehe den Gedanken, die Schüler bestimmte Techniken üben zu lassen. Ich tue das auch. Aber nicht als Selbstzweck. Wie in jeder Kunst, sollten die Techniken in ihrem Zusammenhang eingeübt werden: die grossen Probleme, ihre Geschichte, der kreative Prozess. Geben Sie Ihren Schülern ein gutes Problem und lassen Sie sie damit kämpfen und frustriert werden. Sehen sie, was für Ideen sie hervorbringen. Warten Sie, bis sie verzweifelt nach einer Idee verlangen, und dann geben Sie ihnen eine Technik. Aber nur so viel wie nötig.

Legen Sie also Ihre Lektionenpläne und Ihre Projektoren beiseite, Ihre vierfarbigen Schulbuchgräuel, Ihre CD-ROMs und den ganzen Multimedia-Zirkus der gegenwärtigen Schulbildung, und treiben Sie einfach Mathematik mit Ihren Schülern! Zeichnungslehrer verschwenden ihre Zeit auch nicht mit Schulbüchern und sturem Üben von Techniken. Sie lassen die Kinder zeichnen, gehen von Tisch zu Tisch, machen Vorschläge und geben Rat:

„Ich habe über unser Dreiecksproblem nachgedacht, und habe etwas festgestellt. Wenn das Dreieck so richtig schief liegt, dann füllt es nicht die Hälfte der Schachtel aus! Sehen Sie, hier:“

Lockhart4

„Eine ausgezeichnete Beobachtung! Unsere Erklärung mit dem Zerschneiden geht davon aus, dass die Spitze des Dreiecks über der Grundlinie liegt. Jetzt brauchen wir eine neue Idee.“
„Soll ich versuchen, es auf eine andere Weise zu zerteilen?“
„Bestimmt. Probiere alles mögliche aus. Lass mich wissen, was du herausfindest!“

Anmerkung meinerseits: Lockhart berührt hier einen wesentlichen Punkt: die kindliche Neugier und Phantasie als Antrieb zur Mathematik. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich hatte das Glück, als Kind in mathematischer Hinsicht so frühreif zu sein (und gleichzeitig in einer Zeit zu leben, als Kinder noch nicht so früh eingeschult wurden wie heute), dass ich Gelegenheit hatte, Mathematik zu treiben, bevor ich zur Schule kam, unbeeinflusst von Lehrplänen und schulischen Methoden. Ich erinnere mich noch, wie ich als etwa Sechsjähriger u.a. spielerisch die Eigenschaften der „Dreieckszahlen“ untersuchte (ohne schon auf eine algebraische Formel zu kommen), und ein Heftchen mit Multiplikationstabellen von 1 x 1 bis etwa 20 x 30 füllte, aus reiner Neugier, was für Zahlen dabei herauskommen würden.
Andererseits möchte ich hier ergänzen, dass das kindliche Denken noch nicht zu Abstraktionen neigt. Die kindliche Phantasie entzündet sich an konkreten Gegenständen und Ereignissen seiner Umgebung, und drückt sich meistens in konkreten Darstellungen und Handlungen aus. (Ein klassisches Beispiel ist das freie Spiel mit Gegenständen, wo ein Holzklotz als Haus dienen kann und ein abgebrochener Ast als Pferdchen.) So entsprang z.B. das Konzept der „Dreieckszahlen“ aus konkreten Zeichnungen auf dem Papier, bzw. aus mit Steinchen und anderen Gegenständen gelegten Figuren. Was nicht mehr konkret dargestellt und nachvollzogen werden kann, ist dem kindlichen Verständnis in der Regel nicht zugänglich.
Mir scheint deshalb, Lockhart idealisiert zu sehr, wenn er das kindliche Entdecken der Mathematik direkt dem Forschen eines erwachsenen Mathematikers gleichstellt. Die beteiligten Denkstrukturen sind in diesen Fällen nicht dieselben. Er kommt meines Erachtens der pädagogischen Wirklichkeit näher, wenn er an anderer Stelle (siehe in der nächsten Folge) vorschlägt, den Mathematikunterricht in den unteren Schuljahren hauptsächlich mit (Denk-)Spielen zu verbringen. Hier kann das Kind seine Entdeckungen anhand konkreter Handlungen machen.

 Fortsetzung folgt

Paul Lockhart: Mathematik als Kunst, und das Elend des Mathematikunterrichts

31. Dezember 2013

Vorwort des Übersetzers:

Vor einigen Jahren fand ich im Internet Paul Lockharts „A Mathematician’s Lament“ (Klage eines Mathematikers). Diese Schrift bestätige manche meiner eigenen Gedanken über den Mathematikunterricht an den Schulen, wie ich ihn während der letzten Jahre hauptsächlich aus der Perspektive meiner Nachhilfeschüler kennenlernte. Nachdem ich jahrelang in meiner Umgebung mit meinen Ideen über das Mathematiklernen nur auf Unverständnis stiess, und insbesondere alle Leute, die es eigentlich wissen müssten (d.h. Lehrer und Schulplaner) das Gegenteil vertreten, da begann ich mich allmählich zu fragen, ob wirklich die ganze Welt verrückt ist, oder ob vielleicht ich selber der Verrückte bin. Seit meiner „Entdeckung“ von Lockhart habe ich aber noch weitere solche „Verrückte“ gefunden. Schlechte Nachrichten für den Rest der Welt…
Nun ist Paul Lockhart nicht irgendwer. Er ist ein Berufsmathematiker mit Unterrichtserfahrung sowohl an Universitäten wie auch an Volksschulen in den USA. Er weiss also, wovon er spricht.

Ich habe Lockhart schon bei verschiedenen Gelegenheiten zitiert und möchte jetzt einen längeren Auszug aus seinen Gedanken wiedergeben – mit einigen Kommentaren meinerseits. In manchen Einzelheiten bin ich mit ihm nicht einverstanden, da er offenbar aus einer anderen weltanschaulichen Ecke kommt als ich. Aber in den Grundzügen finde ich seine Schrift gut, wichtig, bereichernd und in gutem Sinne herausfordernd. Ausserdem sind die konstruktiven Ideen, die er neben seiner Schulkritik bringt, auch für die Situation des Homeschooling anwendbar. Das Original ist etwas lang für einen Blog-Artikel (25 A4-Seiten), weshalb ich mich auf die wichtigsten Auszüge beschränke; ein ganzes Kapitel (über Beweisführung und Formalismus in der Geometrie) habe ich weggelassen.


Kommentierte auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart:

Der Alptraum eines Musikers

Ein Musiker erwacht aus einem schrecklichen Alptraum. In seinem Traum befindet er sich in einer Gesellschaft, wo der Musikunterricht obligatorisch gemacht wurde. „Wir helfen unseren Schülern, konkurrenzfähiger zu werden in einer immer mehr mit Geräuschen erfüllten Welt.“ Erzieher, Schulsysteme und der Staat werden für dieses wichtige Projekt verantwortlich gemacht. Untersuchungen werden in Auftrag gegeben, Kommissionen werden gebildet, und Entscheidungen werden getroffen – alles ohne den Rat oder die Mitwirkung auch nur eines einzigen ausübenden Musikers oder Komponisten.

Da Musiker ihre Ideen in der Form von Musiknoten ausdrücken, müssen diese seltsamen Linien und Punkte als „die Sprache der Musik“ angesehen werden. Es ist notwendig, dass die Schüler diese Sprache beherrschen, wenn sie irgendeinen Grad musikalischer Fähigkeit erreichen sollen. Ja, es wäre einfach lächerlich, von einem Kind zu erwarten, dass es ein Lied singt oder ein Instrument spielt, ohne zuerst gründlich in Notenschrift und Musiktheorie geschult zu sein. Musik zu spielen und zu hören, und erst recht eigene Stücke zu komponieren, sind sehr fortgeschrittene Themen, die erst auf Gymnasial- und Hochschulstufe behandelt werden können.

Primar- und Sekundarschule hingegen haben die Aufgabe, die Schüler in diese Musiksprache einzuführen. „Im Musikunterricht nehmen wir unser Notenpapier und schreiben Noten von der Tafel ab oder transponieren sie in eine andere Tonart. Wir müssen die Notenschlüssel und Vorzeichen richtig schreiben und anwenden, und unser Lehrer kontrolliert streng, dass wir die Viertelnoten vollständig ausfüllen. Einmal hatten wir ein schwieriges Problem über chromatische Tonleitern, und ich hatte es richtig gelöst, aber mein Lehrer gab mir eine schlechte Note, weil die Notenhälse auf die falsche Seite zeigten.“

(…)
In den höheren Schuljahren nimmt der Druck erst recht zu. Um ans Gymnasium zu kommen, müssen die Schüler Rhythmus- und Harmonielehre und den Kontrapunkt beherrschen. „Es ist eine Menge Lernstoff; aber wenn sie dann am Gymnasium endlich richtige Musik zu hören bekommen, dann werden sie diese Arbeit der früheren Schuljahre wertschätzen.“ – Natürlich werden sich nur wenige Schüler auf Musik spezialisieren, sodass nur wenige überhaupt die Töne zu hören bekommen werden, die durch die schwarzen Notenköpfe dargestellt werden. „Um die Wahrheit zu sagen: die meisten Schüler sind nicht besonders gut in Musik. Die Schulstunden langweilen sie, und ihre Hausaufgaben sind kaum lesbar. Es scheint sie gar nicht zu interessieren, wie wichtig die Musik in der heutigen Welt ist.“ (…)

Der Musiker wacht schweissgebadet auf und wird sich dankbar bewusst, dass es nur ein verrückter Traum war. „Natürlich!“ ruft er aus. „Keine Gesellschaft würde je eine so schöne und sinnreiche Kunst auf so etwas Geistloses und Triviales reduzieren. Keine Kultur kann so grausam zu ihren Kindern sein, dass sie ihnen auf solche Weise ein natürliches, befriedigendes Mittel menschlichen Ausdrucks vorenthielte. Wie absurd!“

(…)

Aber leider ist unser gegenwärtiger Mathematikunterricht genau ein solcher Alptraum. Wenn ich eine Strategie entwickeln müsste, um die natürliche Neugier eines Kindes und seine Liebe zum Erfinden von Mustern zu zerstören, dann könnte ich keine bessere Lösung dafür finden als die gegenwärtige Schule. Ich könnte gar nicht auf derartige sinnlose und seelenzerstörerische Ideen kommen, wie sie den gegenwärtigen Mathematikunterricht prägen.
Jedermann weiss, dass etwas falsch läuft. Die Politiker sagen: „Wir brauchen höhere Anforderungen.“ Die Schulen sagen: „Wir brauchen mehr Geld und Ausrüstung.“ Die Pädagogikexperten sagen das eine, und die Lehrer das andere. Aber sie haben alle unrecht. Die einzigen, die verstehen, was vorgeht, sind jene, die meistens beschuldigt und nie um ihre Meinung gefragt werden: die Schüler. Sie sagen: „Die Mathematikstunden sind dumm und langweilig“, und sie haben recht.


Mathematik und Kultur

Zuallererst müssen wir verstehen, dass Mathematik eine Kunst ist. Der Unterschied zwischen der Mathematik und anderen Künsten wie Musik oder Malerei besteht lediglich darin, dass unsere Kultur sie nicht als Kunst erkennt. Jedermann versteht, dass Dichter, Maler und Musiker Kunstwerke schaffen. Unsere Gesellschaft ist sogar recht grosszügig im Bereich der Kreativität: Architekten, Köche und sogar Fernsehdirektoren werden als Künstler bezeichnet. Warum also nicht auch die Mathematiker?

Ein Teil des Problems besteht darin, dass niemand weiss, was Mathematiker eigentlich tun. Nach der allgemeinen Auffassung scheinen sie irgendwie mit der Wissenschaft verbunden zu sein – vielleicht helfen sie den Wissenschaftern mit ihren Formeln, oder füttern Computer zu irgendeinem Zweck mit grossen Zahlen. Die meisten Menschen ordnen Mathematiker den „rationalen Denkern“ zu, im Gegensatz zu den „poetischen Träumern“.

In Wirklichkeit aber gibt es nichts Träumerischeres, Poetischeres, Radikaleres, Subversiveres und Psychedelischeres als die Mathematik. Sie ist ebenso überwältigend wie die Kosmologie und die Physik (die Mathematiker erfanden Schwarze Löcher lange bevor die Astronomen tatsächlich welche entdeckten), und erlaubt mehr Ausdrucksfreiheit als die Dichtung oder die Musik (welche stark von den Eigenschaften des physikalischen Universums abhängen). Mathematik ist die reinste aller Künste, und zugleich die am meisten missverstandene.

Ich möchte also zu erklären versuchen, was Mathematik ist, und was Mathematiker tun. Eine ausgezeichnete Beschreibung stammt von G.H.Hardy:

„Ein Mathematiker ist wie ein Maler oder ein Dichter ein Schöpfer von Mustern. Wenn seine Muster dauerhafter sind als Dichtung oder Musik, dann liegt das daran, dass sie aus Ideen bestehen.“

Mathematiker schaffen also Muster aus Ideen. Was für Ideen? Ideen über Nashörner? Nein, die überlassen wir den Biologen. Ideen über Sprache und Kultur? Nein, normalerweise nicht. Diese Dinge sind viel zu kompliziert für den Geschmack der meisten Mathematiker. Wenn es ein allgemeines ästhetisches Prinzip in der Mathematik gibt, dann dieses: Einfach ist schön. Die Mathematiker denken gerne über die einfachst möglichen Dinge nach, und die einfachst möglichen Dinge sind imaginär.

Anmerkung meinerseits: Diese Aussagen über Mathematik als Kunst und als entdeckerisch-kreativer Prozess mögen Lesern, deren Freude an der Mathematik durch langweilige Schulstunden verdorben wurde, als weit hergeholt erscheinen. Aber eben: das Problem liegt nicht bei der Mathematik, es liegt bei der Schule. Ich möchte dem Leser sehr ans Herz legen, das untenstehende Beispiel Lockharts mitzudenken und nachzuvollziehen, um zu verstehen, worum es beim „mathematischen Prozess“ eigentlich geht.
– Ich würde hier noch einen Schritt weitergehen und sagen: Mathematik, richtig verstanden, ist eine Form der Anbetung, die darin besteht, „Gottes Gedanken Ihm nachzudenken“ (wie Johannes Kepler sagte). So empfanden es grosse Wissenschafter der Vergangenheit wie Newton, Kepler oder Maxwell, angesichts der mathematischen Gesetze, die das Universum regieren. Sie sahen in der Mathematik einen Widerhall der „Dekrete Gottes“, welche die Welt aufrechterhalten.

Wenn ich z.B. Lust habe, über Formen nachzudenken – was oft vorkommt – , dann könnte ich mir ein Dreieck in einer rechteckigen Schachtel vorstellen:

Lockhart1

Ich frage mich, wieviel von dieser Schachtel das Dreieck ausfüllt? Vielleicht zwei Drittel?
Es ist hier wichtig zu verstehen, dass ich nicht über diese Zeichnung von einem Dreieck in einer Schachtel spreche. Ich spreche auch nicht von einem Metalldreieck als Teil einer Brückenverstrebung. Ich habe keinen praktischen Vorsatz; ich spiele einfach. Das ist Mathematik: Neugierig sein, spielen, mich mit meinen Vorstellungen unterhalten.
Die Frage, wieviel von der Schachtel das Dreieck ausfüllt, hat zunächst nicht einmal einen Sinn, wenn man sie auf tatsächliche physikalische Gegenstände bezieht. Sogar ein mit höchster Präzision hergestelltes wirkliches Dreieck ist eine hoffnungslos komplizierte Sammlung von umherschwingenden Atomen, die ständig ihre Form ändert. Ausser natürlich, wenn wir über irgendwie angenäherte Masse sprechen wollen. Aber da bekommen wir es mit aller Art von Einzelheiten der wirklichen Welt zu tun. Das überlassen wir den Wissenschaftern. Die mathematische Frage handelt von einem imaginären Dreieck in einer imaginären Schachtel. Seine Seiten sind vollkommen, weil ich sie so haben möchte. Das ist ein wichtiges Thema in der Mathematik: Die Dinge sind so, wie Sie sie haben möchten. Sie haben endlose Wahlmöglichkeiten; die Wirklichkeit kommt Ihnen nicht in die Quere.

Wenn Sie andererseits einmal eine Wahl getroffen haben (z.B. ob Ihr Dreieck symmetrisch sein soll oder nicht), dann tun Ihre Geschöpfe, was sie von sich aus tun, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Das ist das Erstaunliche an den imaginären Mustern: sie geben Ihnen Antwort! Das Dreieck füllt einen bestimmten Anteil der Schachtel aus, und ich kann nicht darüber bestimmen, wie gross dieser Anteil ist. Es ist eine ganz bestimmte Zahl, und ich muss herausfinden, wie gross sie ist.

Wir fangen also an zu spielen und uns vorzustellen, was wir wollen, und bilden Muster und stellen Fragen darüber. Aber wie beantworten wir die Fragen? Das ist nicht wie in der Wissenschaft. Ich kann kein Experiment mit Reagenzgläsern und Maschinen machen, das mir die Wahrheit über ein Gebilde meiner Vorstellung sagt. Fragen über unsere Vorstellungen können nur mit Hilfe unserer Vorstellungen beantwortet werden, und das ist harte Arbeit.

In dem Beispiel mit dem Dreieck sehe ich etwas Einfaches und Schönes:

  Lockhart2

Wenn ich das Rechteck auf diese Weise in zwei Rechtecke zerschneide, dann sehe ich, dass jeder Teil seinerseits von einer Dreiecksseite diagonal in zwei Hälften zerschnitten wird. Innerhalb des Dreiecks ist also genauso viel Platz vorhanden wie ausserhalb. Das bedeutet, dass das Dreieck genau die Hälfte der Schachtel ausfüllt!

So sieht und fühlt sich ein Stück Mathematik an. Die Kunst des Mathematikers besteht darin, einfache und elegante Fragen zu stellen über unsere imaginären Geschöpfe, und befriedigende und schöne Erklärungen zu finden. Dieser Bereich der reinen Ideen ist faszinierend, macht Spass und kostet nichts!

Woher kam nun diese meine Idee? Wie kam ich darauf, diese zusätzliche Linie zu zeichnen? Wie weiss ein Maler, wo er seinen Pinsel ansetzen soll? Inspiration, Erfahrung, Versuch und Irrtum, oder einfach Glück. Das ist die ganze Kunst; eine Kunst, die Dinge in andere umwandelt. Das Verhältnis zwischen dem Rechteck und dem Dreieck war ein Geheimnis, und dann machte eine einzige kleine Linie es offenbar. Zuerst konnte ich es nicht sehen, und dann sah ich es plötzlich. Irgendwie konnte ich aus dem Nichts eine tiefgründige, einfache Schönheit schaffen, und ich selber wurde in dem Prozess verändert. Ist es nicht das, worum es bei aller Kunst geht?

Deshalb ist es so herzzerreissend zu sehen, was der Mathematik in der Schule angetan wird. Dieses reichhaltige und faszinierende Abenteuer der Vorstellungskraft wird reduziert auf eine sterile Sammlung von „Daten“, die auswendiggelernt werden müssen, und Prozeduren, die angewandt werden müssen. Anstelle einer einfachen und natürlichen Frage über Formen, und eines kreativen und lohnenden Prozesses von Erfindung und Entdeckung, wird den Schülern Folgendes vorgesetzt:

Lockhart3
Flächenformel des Dreiecks: F = 1/2 b h

„Die Fläche eines Dreiecks ist gleich des halben Produktes aus dessen Grundlinie und dessen Höhe.“ Die Schüler müssen diese Formel auswendiglernen und sie dann in unzähligen Übungen „anwenden“. Damit ist jede Spannung und jede Freude weg, und sogar die Anstrengung und Frustration des kreativen Prozesses. Es gibt hier nicht einmal mehr ein Problem. Die Frage wurde im selben Atemzug gestellt und beantwortet – dem Schüler bleibt nichts mehr zu tun übrig.

Lassen Sie mich klarstellen, wogegen ich mich ausspreche. Ich bin nicht gegen Formeln, noch gegen das Lernen interessanter Tatsachen. Das alles ist in seinem Zusammenhang gut, und hat seinen Platz, so wie das Wörterlernen in einer Fremdsprache seinen Platz hat: Es hilft einem, reichere und detailliertere Kunstwerke zu schaffen. Aber das Entscheidende hier ist nicht die Tatsache, dass das Dreieck die Hälfte der Schachtel ausfüllt. Das Entscheidende ist die schöne Idee, es mit dieser Linie zu unterteilen. Das kann andere schöne Ideen inspirieren und zu kreativen Durchbrüchen in anderen Problemen führen. Eine reine Darstellung der Tatsache kann das nicht.

Wenn wir den kreativen Prozess weglassen und nur dessen Ergebnis übriglassen, dann wird niemand innerlich daran beteiligt sein. Es ist wie wenn man mir sagt, Michelangelo hätte eine schöne Skulptur geschaffen, mich aber die Skulptur selber nicht sehen lässt. Wie soll ich davon inspiriert werden? (In Wirklichkeit ist es sogar noch schlimmer. Wenn man von Michelangelo spricht, dann verstehe ich zumindest, dass es die Kunst der Skulptur gibt, und dass man es mir nicht erlaubt, sie zu bewundern.)

Wenn man sich nur auf das Was konzentriert und das Warum ausser acht lässt, dann wird die Mathematik auf eine leere Hülle reduziert. Die Kunst liegt nicht in der „Wahrheit“, sondern in deren Erklärung, in der Argumentation. (…) Mathematik ist die Kunst des Erklärens. Wenn wir den Schülern die Gelegenheit vorenthalten, an dieser Kunst mitzuwirken – ihre eigenen Probleme zu stellen, ihre eigenen Vermutungen anzustellen und Entdeckungen zu machen, sich dabei zu irren, kreativ frustriert zu sein, eine Inspiration zu haben, und ihre eigenen Erklärungen und Beweise zusammenzuschustern – dann berauben wir sie der Mathematik selber.

Ich beklage mich also nicht über das Vorkommen von Tatsachen und Formeln im Mathematikunterricht. Ich beklage mich über die Abwesenheit der Mathematik in unserem Mathematikunterricht.

(…)

Wenn Ihr Mathematiklehrer Ihnen die Vorstellung vermittelt (ausdrücklich oder durch sein Beispiel), in der Mathematik ginge es um das Auswendiglernen von Formeln und Definitionen und Algorithmen, wer wird diese Vorstellung berichtigen?
Dieses kulturelle Problem ist ein Monster, das sich selber fortpflanzt: die Schüler lernen von ihren Lehrern, was Mathematik sei, und diese haben es wiederum von ihren Lehrern gelernt, sodass dieser Mangel an Verständnis und Wertschätzung der Mathematik sich von Generation zu Generation wiederholt. Noch schlimmer: Diese Weiterverbreitung von „Pseudo-Mathematik“, diese Betonung auf der richtigen, aber sinnlosen Manipulation von Symbolen, schafft ihre eigene Kultur und ihre eigenen Wertvorstellungen. Jene, die sie beherrschen, bilden sich auf ihren Erfolg etwas ein. Das Letzte, was sie hören wollen, ist, dass es bei der Mathematik um reine Kreativität und ästhetisches Gefühl gehe. Manch ein Universitätsstudent hat mit Betrübnis entdeckt, nachdem man ihm zehn Jahre lang gesagt hatte, er sei „gut in Mathematik“, dass er in Wirklichkeit keinerlei mathematisches Talent hatte und lediglich gut darin war, den Anweisungen anderer zu folgen. In der Mathematik geht es aber nicht darum, den Richtungsweisungen anderer zu folgen; es geht darum, neue Richtungen einzuschlagen.

(…)

Anmerkung meinerseits: Lockhart spricht hier ein wichtiges Problem an, das ich aus einer etwas anderen Perspektive auch schon angesprochen habe in „Mathematikunterricht – eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?“: Der Schulunterricht zielt darauf ab, die Schüler in mechanischen Fertigkeiten zu trainieren, die genausogut von einem Taschenrechner ausgeführt werden könnten; aber wirkliche mathematische Prinzipien werden ihnen kaum vermittelt. Der Schüler erhält dadurch den Eindruck, es gehe bei der Mathematik darum, stur den (meistens uneinsichtigen) Anordnungen eines Lehrers zu folgen. Er wird nur das „Wie“ gelehrt, aber nicht das „Warum“. Die Einsicht wird ihm vorenthalten, dass mathematische Gesetze ein „Allgemeingut“ sind, das er auch von sich aus entdecken kann.
– Ob diese Beobachtungen auf die Schulsysteme aller Länder zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Auf Perú, wo ich zur Zeit lebe, treffen sie mit Sicherheit zu. In der Schweiz, wo ich meine Schulzeit verbrachte, erlebte ich seinerzeit am Gymnasium noch einen Unterricht, der grossen Wert legte auf die „Kunst des Erklärens“, die Herleitung und Begründung der mathematischen Formeln und Tatsachen; und ab und zu gab es auch Aufgaben zum eigenen Forschen (wenn auch mit sehr eng umrissenen Themen und Fragestellungen). Aber eben erst am Gymnasium; und in der Schweiz kommt die Mehrheit der Schüler nicht dazu, ein Gymnasium zu besuchen – in der Regel nur jene, die zum vornherein vorhaben, nachher ein Universitätsstudium aufzunehmen. Auf den unteren Schuljahren wurden die mathematischen „Techniken“ zwar mit verschiedenen Materialien veranschaulicht; aber es ging eben doch vorwiegend um die „richtige, aber sinnlose Manipulation von Symbolen“. Während die Einsicht nicht vermittelt wurde, dass Mathematik auf (im Grunde wenigen und einfachen) Prinzipien und Gesetzen beruht, die man auch selber entdecken kann und mit denen man „spielen“ kann. – Die nächste Folge wird das Thema „Mathematik an der Schule“ vertiefen.

Fortsetzung folgt

China bereits freier als Deutschland?

25. Oktober 2013

In einem früheren Artikel habe ich gemutmasst, dass in nicht allzuferner Zukunft China die westlichen Länder auch hinsichtlich Freiheit und Menschenrechten zurechtweisen müsse. Das fängt jetzt tatsächlich an zu geschehen. Zwar noch nicht auf offizieller Ebene, aber in einem privaten Blog-Kommentar. Auf der Seite http://wunderlich-children.com hat ein Chinese einen Kommentar eingestellt, der in deutscher Übersetzung wie folgt lautet:

„Uns in China liegt es daran, dass die Wunderlich-Kinder freigelassen werden. Das ist eine traurige Situation, wenn ein beschäftigtes Regierungsamt seine Zeit darauf verschwenden muss, kleine Kinder zu traumatisieren, statt seine Pflicht zu erfüllen, jenen Familien zu helfen, die wirklich ihre Kinder vernachlässigen oder missbrauchen.

Wir dachten, Deutschland sei ein hochentwickeltes Land. Ist (dieses Land) derart paranoid, dass es nicht tolerieren kann, wenn Eltern ihre eigenen Kinder in einer liebenden Umgebung lehren? Die meisten entwickelten Länder verstehen, dass Homeschooling eine Eins-zu-Eins-Situation oder zumindest eine Mentoring-Situation ist. Das ist grossartig, um die Fähigkeiten zum kreativen Problemlösen und zum kritischen Denken zu entwickeln. Warum sollte eine Nation davor Angst haben? Es würde Eure Nation stärken. Ihr solltet die Eltern dazu ermutigen, sich mehr um das Leben ihrer Kinder zu kümmern. Die Untersuchungen zeigen beständig, dass dies die besten Studenten hervorbringt.

Wir bildeten unsere Kinder zuhause aus, und jetzt sind sie an der Universität und erhalten die höchsten Ehren und Bestnoten. Warum sollte man davor Angst haben? (…)

Sun Bao Ling“

Tatsächlich erlebt China – obwohl immer noch offiziell ein kommunistisches Land – anscheinend den Beginn eines Homeschooling-Booms, der von den Behörden stillschweigend toleriert wird. So berichtet Rachel Terry im März 2012 nach einem China-Aufenthalt: (Original-Artikel bei http://www.kgnw.com/homeschool/11689022/)

„Im Jahre 2005 veröffentlichte China Daily ein Interview mit einem Lehrer am Baiyun-Institut in Guangzhou, der seine neunjährige Tochter zuhause ausbildete. Der Vater, Wei Yuan, sagte, er hätte sich dazu entschieden, weil die Lehrmethoden der Schule „veralbernd“ seien. „Die Kinder müssen ihre Additionen wieder und wieder wiederholen, und es wird ihnen nicht erlaubt, sich offen in Aufsätzen auszudrücken.“

Der inzwischen berühmte Han Han kann sich damit identifizieren. Seine Eltern erlaubten ihm, die Sekundarschule abzubrechen, die in China strenger ist als in den USA. Die Schulen wussten nicht, was sie mit Han Han anfangen sollten. Als er noch in der Schule war, gewann er den ersten Preis in Chinas landesweitem Schreibwettbewerb, fiel aber im selben Schuljahr in sieben Fächern in der Jahresabschlussprüfung durch.

Nachdem er die Schule verlassen hatte, begann er wie wild zu schreiben. Von seinem ersten Roman, „Die dreifache Tür“, wurden über zwei Millionen Exemplare verkauft. Es ist damit Chinas meistverkauftes literarisches Werk der letzten zwanzig Jahre. Ein anderer seiner Romane wurde in Hollywood verfilmt. (…) Han Han gedeiht offenbar, ohne eine traditionelle chinesische Bildung erhalten zu haben. Die Leute sprechen darüber und verwundern sich.“

Obwohl Homeschooling von Gesetzes wegen in China einer strengen Bewilligungspflicht unterliegt, gehen die Behörden anscheinend selten gegen Familien vor, die ohne Bewilligung ihre Kinder zuhause ausbilden. Gemäss dem oben zitierten Artikel hat es zwar einige wenige Gerichtsfälle gegeben, aber keinen Fall, in welchem die Behörden ein zuhause ausgebildetes Kind gezwungen hätten, zur Schule zu gehen. Im Juli dieses Jahres hat sogar China Radio International wohlwollend über die chinesische Homeschooling-Bewegung berichtet.

Gemäss einem kürzlichen Bericht im renommierten „Wall Street Journal“ meldeten sich auf eine Internetumfrage eines Forschungsinstituts in Beijing 18’000 Eltern, die sich zum Homeschooling entschieden hatten. (Nach anderen Quellen werden in China bereits 18’000 Kinder tatsächlich zuhause ausgebildet.) 54% der Eltern begründeten ihre Entscheidung damit, sie seien nicht einverstanden mit der strengen Lehrphilosophie der traditionellen Schulen. 6% gaben religiöse Gründe an, darunter viele Christen.

Die Umfrage fand auch, dass in China mindestens 100’000 Kinder keine traditionellen Schulen besuchen, sondern private Alternativschulen verschiedenster Ausrichtungen, inbegriffen kirchliche Schulen. Eine bemerkenswerte Bildungsvielfalt und -freiheit für ein „kommunistisches“ Land!

Bildungsfreiheit ist ein wesentlicher Indikator für den allgemeinen Grad der Freiheit, die ein Land geniesst. Zumindest nach diesem Indikator gemessen, ist China offenbar bereits ein freieres Land als z.B. Deutschland oder Schweden.

– Nur so aus Neugier habe ich nebenbei ein paar Statistiken über einen anderen klassischen Freiheitsindikator angesehen, nämlich die Bedingungen, die der Staat der Privatwirtschaft auferlegt (also die wirtschaftliche Freiheit). Siehe z.B. http://data.worldbank.org/topic/private-sector. In dieser Hinsicht sind gegenwärtig die Bedingungen in Deutschland (noch) günstiger als in China. Es fällt aber auf, dass in praktisch allen Bereichen die Freiheit in China rapide zunimmt, während sich in Deutschland die Bedingungen nur zögerlich verbessern, oder sich sogar verschlechtern. So hat z.B. zwischen 2008 und 2012 in Deutschland der durchschnittliche Zeitaufwand für einen Unternehmer zugenommen, die steuerlichen Formalitäten zu erledigen, während er in China um 23% abgenommen hat. – Der durchschnittliche Gesamtsteuerfuss für Unternehmen ist gemäss den Weltbank-Daten zwischen 2008 und 2012 in Deutschland von 50,5% auf 46,8% gesunken (3,7 Prozentpunkte), in China aber im selben Zeitraum von 79,9% auf 63,7% (16,2 Prozentpunkte). Rechnet man die Daten hoch, so findet man, dass ca. ab 2020 die steuerlichen Bedingungen für Unternehmer in China voraussichtlich besser sein werden als in Deutschland, falls sich die gegenwärtigen Tendenzen in derselben Weise fortsetzen. Auch dieser Indikator bestärkt also die Annahme, dass freiheitsliebende Menschen bald in China besser aufgehoben sein werden als in Deutschland.

„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht (Teil 3)

29. September 2013

Zur vorhergehenden Folge

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont (Auszug aus der nachfolgenden Frage- und Antwort-Zeit)

Frage aus dem Publikum: Ich habe gehört, dass die Schulen jetzt nicht nur die Willfährigkeit der Schüler verlangen, sondern dass auch gegen nichtangepasste Eltern vorgegangen wird, die sich zu sehr für die Erziehung ihrer Kinder interessieren. Jemand sagte mir, die Schuldirektoren hätten eine „Feindesliste“; und ich möchte Sie bitten, etwas zu den möglichen Anwendungen einer solchen Feindesliste zu sagen.

Antwort: Ja, diese Listen existieren. – Die Studien der Rand Corporation befassen sich mit jeder Bevölkerungsgruppe, die das Fortschreiten dieses Projektes aufhalten könnte. Eine solche Bevölkerungsgruppe sind diejenigen, die von einer Tradition der Freiheit herkommen, die sich gewohnt sind, für ihre Meinung einzutreten und Grenzen zu setzen. So wurde eine faszinierende Technik entwickelt, die bereits überall eingesetzt wird. Sie nennt sich Delphi-Technik und wird in der erwähnten Studie beschrieben.
Die Delphi-Technik funktioniert so: Nehmen wir an, Sie haben ein Problem mit den Schulbehörden Ihres Staates. Jemand ruft die Behörden und die Leute, die das Problem sehen, zusammen und sagt: „Ich bin sicher, dass wir dies auf friedliche Weise lösen können.“ Aber dieser Vermittler ist bereits darüber instruiert worden, was als Ergebnis herauskommen soll. Die ursprüngliche Methode ist so – sie sind jetzt ein wenig diskreter, da wir herausgefunden haben, woran man dieses Ding erkennt -: Der Vermittler bittet jedermann, völlig offen und ehrlich zu sein inbezug auf seine Meinung. Manchmal schreiben sie es auf grosse Papiere auf, die an der Wand aufgehängt werden, angeblich damit Sie sich später mit Menschen zusammenfinden können, die mit Ihren Ideen harmonieren. Aber der wahre Zweck ist, dass der Vermittler jene wenigen identifizieren kann, die in der Lage sind, die Macht des Staates oder des Vermittlers umzustürzen, und den Fortschritt des Projekts aufzuhalten. Was dann geschieht, ist dass der Vermittler einen dieser Menschen persönlich beschimpft und sagt: „Sie verschwenden die Zeit dieser Leute, wir haben genug von Ihrem Unsinn.“ Sie werden dies aus eigener Erfahrung kennen.
An der Snowbird-Konferenz in Salt Lake City 1990 war ich der Vertreter des Staates New York. Zusammen mit den Vertretern dreier anderer Staaten waren wir dort, um öffentlich eine Schulform der Zukunft zu entwerfen, und die unsere war sehr freiheitlich. In dem Moment, als wir diese Dinge vorstellen sollten, startete der Moderator einen persönlichen Angriff auf mich, und appellierte an andere Gruppenmitglieder, mich daran zu hindern, diese ihre wunderbare Gelegenheit zunichte zu machen, Publizität zu erhalten. Ich war natürlich erstaunt. Er war auch erstaunt, da wir aus unserer Erfahrung Wege kennen, mit solchen Dingen umzugehen. Es war eine sehr, sehr unangenehme Erfahrung. Die Veranstalter veröffentlichten das Schlussdokument, ohne den Beitrag unserer Gruppe auch nur mit einem Wort zu erwähnen. – Das ist eine von tausend Techniken, die in den sechziger Jahren entworfen wurden oder seither dazukamen.
Das Projekt geht weiter, aber Leute wie Ihr („Homeschooler“) seid ernsthaft in dessen Gebiet eingedrungen. Die Leute, die dahinterstehen, sind jetzt ein wenig entmutigt, und ein Grund dafür ist das explosive Wachstum der Homeschooling-Gemeinschaft und ihr grossartiger Erfolg. Ich bin jetzt ständig eingeladen, irgendwo zu sprechen…

Frage: Könnten Sie uns Informationen geben über die Entstehung des Nationalen Zentrums für Bildung und Wirtschaft (englische Abkürzung NCEE)?

Antwort: Ich habe im Vorbeigehen die Experimente erwähnt, die von den Lehrerbildnern der Universität Columbia in China unternommen wurden. Das war nach dem Umsturz des chinesischen Imperiums, der weitgehend mit amerikanischem Geld und mit der Hilfe amerikanischer Denker geschah. China wurde als Testlabor für bestimmte soziale Ideen gebraucht. Wenn Sie je eine Biographie über John Dewey lesen: der Autor wird sich sehr vorsichtig äussern über die zwei Jahre, die Dewey in den zwanziger Jahren in China verbrachte. Ein ziemlich seltsamer Wohnort für einen Gelehrten aus New York City.

Auch die Sowjetunion war ein Testfeld für gewisse (amerikanische) soziale Projekte, und wenn wir Zeit hätten, könnte ich dies dokumentieren und gewisse Bücher zur Lektüre vorschlagen. (Anm.d.Ü: Diese Verbindungen zwischen den Schöpfern des amerikanisch-westlichen Schulsystems und sowjetkommunistischen Pädagogen werden u.a. dokumentiert in Charlotte Iserbyt, „The Deliberate Dumbing Down of America“.) Jedenfalls gab es 1986 an der Universität Moskau, bei der Progress Publishing Co. in Moskau, eine Serie von Dokumenten darüber, die Schule mit der Arbeitswelt zu koordinieren; und dort wurden auch Projekte in Gang gesetzt, um sicherzustellen, dass es keine unternehmerische Tätigkeit geben würde. Dieses Dokument wurde vom NCEE übersetzt … sie sagten nicht, dass sie diese Dokumente übersetzten, aber diese Übersetzung wurde zum Grundlagendokument für die (amerikanische) Gesetzgebung über Schule und Arbeitswelt.

(…) Ein Brief von Marc Tucker vom NCEE an Hillary Clinton ist bekanntgeworden, worin er (…) detailliert den Plan des NCEE für die „Verwaltung menschlicher Ressourcen“ in den USA beschreibt. Viele der gegenwärtig verwirklichten Pläne und Programme (…) sind ein direktes Ergebnis dieses Vorschlags. Lesen Sie den vollständigen Text dieses Briefes (z.Z. abrufbar auf http://www.eagleforum.org/educate/marc_tucker/, Anm.d.Ü.), und Sie werden nicht länger glauben können (wie das staatliche Erziehungsdepartement uns weismachen will), dass alle diese Programme auf unserem eigenen Boden gewachsen seien.

Anm.d.Ü: Ich möchte hier zumindest das Vorwort der oben angegebenen Web-Adresse auf deutsch wiedergeben. Es fasst die wichtigsten Punkte aus diesem Brief zusammen:

„Am 25.Sept. 1998 deponierte Bob Schaffer in den Kongressakten einen 18-seitigen Brief, der berühmt geworden ist als Marc Tuckers „Liebe Hillary“-Brief. Er legt den Masterplan der Regierung Clinton dar, um das gesamte Bildungssystem der USA unter Regierungskontrolle zu bringen, sodass es der landesweiten wirtschaftlichen Planung der Arbeitskräfte dienen kann.

Dieser Brief wurde am 11.November 1992 von Marc Tucker geschrieben, dem Präsidenten des NCEE. Er beschreibt einen Plan, um „das ganze amerikanische System umzugestalten“ in ein „nahtloses Netz, das sich buchstäblich von der Wiege bis zum Grab erstreckt und für jedermann dasselbe ist“, koordiniert von „einem System von Arbeitsmarktbehörden (labor market boards) auf der Ebene von Gemeinden, Staaten und des Bundes“, wo Lehrpläne und „Arbeitsstellen-Übereinstimmung“ (job matching) in den Händen von Beratern liegen, welche „Zugang zum integrierten, computerisierten Programm haben“.

Tuckers Plan veränderte die Mission der Schulen grundlegend: nicht mehr Kinder akademische Grundlagen und Wissen zu lehren, sondern sie daraufhin zu „trainieren“, der weltweiten Wirtschaft zu dienen in Arbeitsstellen, die von staatlichen Behörden (den „workforce boards“) ausgewählt werden. Nichts in diesem umfassenden Plan hat irgendetwas zu tun damit, Schulkindern das Lesen, Schreiben oder Rechnen beizubringen.

Tuckers ehrgeiziger Plan wurde mit Hilfe dreier Gesetze in Gang gesetzt, die 1994 vom Kongress angenommen und von Präsident Clinton unterzeichnet wurden: des „Ziele 2000 – Gesetzes“, des „Schule-zur-Arbeit-Gesetzes“, und des neu autorisierten „Elementar- und Sekundarschulgesetzes“. Diese Gesetze legen folgende Mechanismen fest, um die Staatsschulen neu zu strukturieren:

1. Alle gewählten Behördenmitglieder in (örtlichen) Schulbehörden und in den Legislativen der Staaten zu übergehen, indem Bundesgelder (ausschliesslich) zum Gouverneur fliessen und zu dessen Beauftragten in den Arbeitsentwicklungsämtern (workforce development boards).
2. Eine computerisierte Datenbank zu benützen unter dem Namen „Arbeitsmarktinformationssystem“, in welche das Schulpersonal alle Informationen über jedes Schulkind und dessen Familie eingibt, identifiziert mit der Sozialversicherungsnummer des Kindes: akademische, medizinische, mentale, psychologische und verhaltensmässige Informationen, sowie über die Befragungen durch Berater. Diese computerisierten Daten sind Schulen, Regierungsstellen und zukünftigen Arbeitgebern zugänglich.
3. Benützung „nationaler Standards“ und „nationaler Prüfungen“, um die Kontrolle der Bundesregierung über die Prüfungen, Leistungsbeurteilungen, schulischen Ehrungen und Belohungen und Finanzhilfe zu zementieren, sowie über das „Certificate of Initial Mastery“, welches das bisherige Schulabschlusszeugnis ersetzen soll.

Dem deutschen System nachgebildet (!!!), ist es Tuckers Plan, Kinder auf spezifische Arbeiten hin zu trainieren, um in der Arbeitskraft der globalen Wirtschaft zu dienen, statt sie zu bilden, sodass sie fähig würden, über ihr eigenes Leben zu entscheiden.“


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

Zweifelhafte „Obhut“ des Staates: Wo kommen die Kinder dann hin?

20. September 2013

Die Diskussion um die sogenannte „Inobhutnahme“ von Kindern durch den Staat (wie z.B. im Fall Wunderlich) dreht sich oft darum, inwieweit es statthaft oder den Kindern zumutbar sei, von Eltern erzogen zu werden, deren Überzeugungen und Erziehungsstil weit von den Vorstellungen der Gesellschaft im allgemeinen abweichen (so z.B. im Fall von überzeugten Christen!!). Oder auch – in anderen Fällen – von Eltern, die ihre Kinder tatsächlich vernachlässigen oder schlecht behandeln. Seltener wird in Erwägung gezogen, wo diese ihren Eltern entrissenen Kinder dann hinkommen. Auch wenn ein Kind tatsächlich von seinen Eltern nicht besonders gut behandelt würde: wird es in staatlichen Einrichtungen etwa besser behandelt? Ist der Staat zur Kindererziehung besser geeignet als die leiblichen Eltern?

Ich habe seinerzeit selber eine Zeitlang in einem Kinderheim gearbeitet. Damals war die Heimerziehung bereits ziemlich „modernisiert“ worden. Die Kinder wurden im allgemeinen nicht mehr geschlagen – und wenn einem Erzieher aus Überforderung die Hand ausrutschte, dann musste er u.U. damit rechnen, dass das Kind zurückschlug. (Ein Erzieher ist einmal von einem 15jährigen Jungen k.o. geschlagen worden.) Die Kinder waren in Wohngruppen von je acht bis zehn Kindern aufgeteilt, je unter der Leitung eines Erzieherehepaars zusammen mit einem oder mehreren Miterziehern und Praktikanten. Die Idee dahinter, das Betreuungsumfeld der Kinder so familienähnlich wie möglich zu gestalten, ist m.E. eines der bestmöglichen Konzepte in der Heimerziehung. Aber selbst dieses bestmögliche Konzept funktionierte in der Praxis nicht. Beredtes Zeugnis davon war die Tatsache, dass jene Erzieher, die eigene Kinder hatten, diese in ihrer eigenen Wohnung getrennt von den Heimkindern aufzogen. Es wäre ihnen wohl unverantwortlich erschienen (!), ihre Kinder zusammen mit den Heimkindern aufwachsen zu lassen.

Die auch nur annähernde Schaffung einer Familienatmosphäre wurde schon durch den häufigen Wechsel der Bezugspersonen verunmöglicht. Ein Erzieher sagte mir einmal: „Diese Arbeit kannst du höchstens fünf bis zehn Jahre lang tun, nachher bist du ausgebrannt.“ (Wobei auch diese fünf bis zehn Jahre in der Regel mehrere Stellen- oder zumindest Gruppenwechsel einschliessen.) Auf der Wohngruppe, wo ich arbeitete, gab es innerhalb eines Jahres vier Mitarbeiterwechsel.

Die Heimkinder verhielten sich im allgemeinen rebellisch und gewalttätig, logen und stahlen, waren verschiedensten Suchtverhalten ergeben – so hatten sie z.B. die raffiniertesten Methoden entwickelt, um Zigaretten ins Heim zu schmuggeln und dort zu verstecken. (Drogen waren damals noch kaum verbreitet; so spielten Zigaretten deren Rolle.) Möglicherweise hatten die älteren auch Sex untereinander; das kann ich zwar nicht direkt bezeugen, konnte es mir aber im Nachhinein aus bruchstückhaften Aussagen zusammenreimen.

Allgemein herrschte das Klima eines ständigen „Kriegs“ zwischen Kindern und Erziehern. Letztere wurden von den Kindern hauptsächlich als Gefängniswärter erlebt – was von einigen Kindern unverblümt ausgesprochen wurde. Das erste, was ein Erzieher in der Praxis lernen musste, war den Kindern mit verschiedensten disziplinarischen Mitteln Herr zu werden. Umgekehrt lernten die Kinder von ihren ersten Tagen im Heim an, wie man Erzieher hintergeht, belügt und betrügt. Auch Kinder, die anfangs noch „normal“ waren, wurden bald von diesem Verhalten angesteckt. Ich muss annehmen, dass ein grosser Teil dieser Verhaltensweisen der Kinder durch die Heimeinweisung erst hervorgerufen oder zumindest verstärkt wurden. Es ist ein gravierender Einschnitt im Leben, wenn man in ein Heim gesteckt wird, um von Menschen erzogen zu werden, die man zuvor nie gesehen hat und die man sich nicht selbst ausgesucht hat; und wenn man nicht einmal mehr die Strasse überqueren darf, um ein Nachbarskind zu besuchen oder sich etwas zu kaufen. Es ist deshalb blanker Hohn, wenn christlichen Homeschooling-Familien vorgeworfen wird, ihre Kinder wüchsen isoliert auf – und dann steckt man sie in ein Heim, wo sie noch viel isolierter leben!
– Natürlich gab es im Heim auch Zeiten gemeinsamer Ausflüge, Spiele, Bastelarbeiten und anderer sinnvoller Tätigkeiten; aber selbst während diesen „harmonischeren“ Zeiten war allen klar, dass es sich nur um Zeiten des „Waffenstillstands“ handelte und nicht um einen echten Frieden. Es war illusorisch, unter solchen Bedingungen eine Vertrauensbeziehung zu den Kindern – die wichtigste Voraussetzung für eine echte „Erziehung“ – herstellen zu wollen. Ebenso illusorisch war es, unter diesen Umständen eine Besserung des Verhaltens der Kinder zu erwarten, oder ihnen Werte vermitteln zu wollen. Im Gegenteil, die Atmosphäre eines Kinderheims macht die Kinder zu Rebellen, und nicht wenige von ihnen zu Kriminellen.

Würde man das Verhalten von Heimkindern psychologisch analysieren und daraus Rückschlüsse ziehen auf die Fähigkeiten der Heimerzieher, dann müsste man diese als ebenso „erziehungsunfähig“ einstufen wie die Eltern, denen die Kinder weggenommen wurden.

Es muss also nicht nur gefragt werden, wo die Grenzlinie gezogen werden soll, ab der das Wohl eines Kindes tatsächlich gefährdet wäre, wenn es bei seinen Eltern verbleibt. (Bzw. ob ein solches Urteil überhaupt gefällt werden darf.) Es muss ebenso gefragt werden, ob die Alternative, die der Staat vorsieht (meistens die Einweisung in ein Heim) nicht das Wohl des Kindes noch viel stärker gefährdet.

Ein krasses Beispiel – aber leider kaum ein Einzelfall – wird in „Die Familie und ihre Zerstörer“ (Fassung vom 9.Sept.2013, S.485) dokumentiert:

„Vermutlich sind 99% der SOS-Kinderdorf Einsitzenden keine Waisenkinder, sondern Kinder mit lebenden Eltern oder Elternteilen. Jedes Kinderdorfkind bedeutet natürlich finanzielle Förderungen, Spendengelder und sonstige staatliche Unterstützungen. Auf jeden Fall bedeutet es Jobs für ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen.
‚Ein Kind wurde mit 6 Jahren den Eltern entzogen. Der Vater wurde von den Behörden des sexuellen Missbrauchs verdächtigt (Grund der Kindeswegnahme). Es kam jedoch niemals zu einer Anklage seitens der Staatsanwaltschaft. Die Mutter wurde von SozialarbeiterInnen unter Druck gesetzt, sich vom Kindesvater scheiden zu lassen. Aber die Kindesmutter blieb dem Mann treu. Deshalb musste das Kind im Heim bzw. Kinderdorf bis ins Erwachsenenalter bleiben. Unter der Obsorge des Kinderdorfes wuchs die Kleine zu einer nunmehr drogensüchtigen teilentmündigten Prostituierten heran. Schlechter hätten es die leiblichen Eltern wohl auch nicht vermocht.'“

Eltern werden vom Staat daraufhin überwacht, ob sie ihre Kinder „richtig“ erziehen. Wer aber überwacht die staatlichen „Erzieher“? Im Jahr 2012 haben deutsche Jugendämter insgesamt 40’227 Kinder „in Obhut genommen“, das sind täglich 110 Kinder, die ihren Eltern weggenommen wurden. Wieviele Kinder sind im selben Zeitraum aus Kinderheimen freigelassen worden? Was für eine staatliche Stelle wacht mit demselben Eifer über der Erziehung, die Heimkindern zuteil wird? Würden Kinderheime mit denselben Methoden psychologisch analysiert wie Familien, dann würden zweifellos eine Menge „gestörter Beziehungen“ diagnostiziert, die unbedingt „therapiert“ werden müssten, oder die sogar das Kindeswohl derart gefährdeten, dass die Kinder aus dieser Umgebung entfernt werden müssten. Warum werden solche Massstäbe nur an Familien angelegt, nicht aber an Kinderheime? Wer hat dem Staat das Recht gegeben, die seiner „Obhut“ unterstehenden Kinder in Verhältnissen aufzuziehen, die schlimmer sind als sogenannt „gestörte“ Familien?

Fragen, die im heutigen Zeitalter staatlicher Kindererziehung unbedingt aufgearbeitet werden sollten.