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Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!

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(K)Eine Stellungnahme der „Hilfsaktion Märtyrerkirche“

13. August 2014

Gleichzeitig zu meinem Artikel über den Skandal bei der amerikanischen „Voice of the Martyrs“ hatte ich die deutsche „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ (HMK) um eine Stellungnahme angeschrieben. Ich hatte angeboten, eine allfällige Stellungnahme hier als Gegendarstellung zu veröffentlichen (originalgetreu natürlich), aber die HMK erklärte ausdrücklich, davon keinen Gebrauch machen zu wollen. Deshalb bin ich nun nicht frei, ihre ganze Antwort hier wiederzugeben, und muss mich mit einer kurzen Zusammenfassung begnügen und meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen:

Die HMK zeigt sich bereit, weitestgehend auf die Forderung einzugehen, die Namen der Familie Wurmbrand nicht mehr zu verwenden und auch entsprechende Texte aus ihrer Website zu löschen. Allerding blieb unklar, wie weit genau, da es anderer Stelle hiess, dass der Name von Richard Wurmbrand im Impressum des Nachrichtenblattes stehen „muss“.

Des weiteren werden die Vorwürfe von Michael Wurmbrand pauschal bestritten, aber leider nicht konkret widerlegt. Der Rest der „Stellungnahme“ bestand weitgehend aus vagen Andeutungen, inneren Widersprüchen, und Gegen-Anschuldigungen gegen Michael Wurmbrand und mich. Insbesondere blieb unklar, ob die HMK die Anklagen gegen „Voice of the Martyrs“ (VOM) als berechtigt ansieht oder nicht.
Ausserdem enthielt die Antwort der HMK eine direkte Falschaussage: Ich hätte mich nur auf einen einzigen Zeugen abgestützt. Dagegen hatte ich ja sogar aus dem Artikel von „Lighthouse Trails“ gerade den Abschnitt zitiert, wonach diese Organisation eigenständige Abklärungen vorgenommen hat, welche die Aussagen Michael Wurmbrands bestätigten. Einige Fakten sind zudem öffentlich im Internet einsehbar. So z.B. das überdimensionierte Hauptgebäude der VOM, und die enge Verbindung zwischen VOM und HMK. Oder der Umstand, dass der Polizeichef von Bartlesville, dem die Untersuchung gegen Tom White anvertraut war, zugleich im Vorstand von VOM sitzt; und dass White von der Untersuchung zu einem Zeitpunkt erfuhr, als er noch gar nichts davon hätte wissen können, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre.

Auf meine erneute Bitte, die bestehenden Unklarheiten und Widersprüche klarzustellen, erhielt ich vom Leiter der HMK eine Mail mit dem folgenden Titel:

Wahrlich eine merkwürdige Antwort auf die Bitte um Stellungnahme zu einer Angelegenheit von öffentlichem Interesse! Gerade falls wirklich – wie die HMK andeutet – Zweifel an der Wahrheit der Aussagen von Michael Wurmbrand bestehen sollten, dann hätten doch HMK und VOM selber das grösste Interesse daran, die Dinge öffentlich klarzustellen sowie von einer unabhängigen Kommission untersuchen zu lassen!
Mit ihren Nicht-Stellungnahmen hat nun aber die HMK bestätigt, dass sie genau das tut, was ihr Michael Wurmbrand vorwirft: Sie solidarisiert sich mit der VOM in deren Bemühen, ein Offenlegen der Tatsachen zu verhindern. Das ist vielleicht auf den ersten Blick nichts Gravierendes; aber es trägt dazu bei, diese „Kultur der Heimlichtuerei“ zu verbreiten, innerhalb welcher dann eben gravierende Handlungen begangen werden können, wie es bei der VOM geschehen ist. Es scheint der HMK nicht klar zu sein, dass ihr undurchsichtiges Verhalten in keiner Weise dazu geeignet ist, den bestehenden Verdacht auf Unaufrichtigkeit zu zerstreuen.

„Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott getan sind.“ (Johannes 3,19-20)

In meiner zweiten Bitte um Stellungnahme hatte ich u.a. geschrieben:

„Sie sorgen sich um den guten Ruf der HMK? – Ich auch! Aber wenn Sünde in einer Organisation ist, dann sind diejenigen für den Schaden verantwortlich, die gesündigt haben, sowie diejenigen, welche beim Vertuschen der Sünde mitwirken (und das ist der Punkt, der Sie betrifft). Nicht diejenigen, welche die Sünde aufdecken – obwohl es leider eine gängige Praxis ist, dann diese „Whistleblower“ als Sündenböcke hinzustellen.

Sie sorgen sich, dass eventuelle Spendenrückgänge den Bedrängten schaden könnten? – Ich auch! Aber meine erste Sorge hierbei ist, wie vielen Bedrängten schon bisher nicht geholfen wurde, weil die VOM über 28 Millionen Dollar in ihren Luxusbau gesteckt hat statt in Hilfsprojekte. Ehrlichkeit und Integrität in dieser Angelegenheit würde allfällige Spendenrückgänge mehr als wettmachen. Nicht zu reden davon, dass eine offene und transparente Aufarbeitung dieser Dinge das geeignetste Mittel wäre, das Vertrauen der Spender wiederherzustellen.“

Ich muss leider annehmen, dass wir hier ein weiteres trauriges Beispiel dafür haben, wie eine ehemals christliche Institution zu ihrem eigenen Götzen geworden ist, dem man die Wahrheit und die Integrität opfert, und dem man (im Falle von VOM) ein 28 Millionen Dollar teures Denkmal setzt. Wie ich an anderer Stelle schon einmal ausgeführt habe, neigen Institutionen (auch christliche) dazu, ein Eigenleben zu entwickeln, das die einzelnen Mitglieder und Mitarbeiter immer mehr entpersönlicht, sodass die Loyalität zu den unpersönlichen „Interessen der Institution“ allmählich die Loyalität zu Gott und die aufrichtigen mitmenschlichen Beziehungen verdrängt. Diese „Interessen der Institution“ verlangen z.B, dass Leiter, die Sünden begehen, von den anderen Leitern gedeckt werden, und dass alle, die darum wissen, den Mund halten. Und im Falle einer christlichen Institution handeln diese Mitläufer oft sogar im Glauben, ein solches Verhalten sei „christlich“.

Während Menschen von ausserhalb der Institution meistens relativ leicht das Unrechte daran erkennen können, sind die Menschen innerhalb nur selten dazu imstande. Das Trugbild der „institutionellen Interessen“ (die ja offiziell mit einem edlen Auftrag verknüpft sind) bewirkt anscheinend eine derartige Verblendung, dass diese Menschen, die beim Verbergen der Sünden ihrer Mit-Leiter mitwirken, bis zum bitteren Ende daran festhalten, sie hätten keinerlei Unrecht begangen. Schuldig seien nur jene, die die Dinge ans Licht brachten, weil sie „der Institution Schaden zugefügt hätten“. Ich habe dieses Muster schon so oft in verschiedensten Organisationen beobachtet, dass ich es beinahe als ein Naturgesetz bezeichnen würde. (Mit einer Google-Suche zum Thema „Geistlicher Missbrauch“ kann man weitere Beispiele aus „christlichen“ Kreisen finden.)


Zusatzbemerkung:

Offen ist für mich die Frage, ob ein Hilfswerk, das sich in einer solchen Situation befindet, weiterhin finanziell unterstützt werden sollte wegen des vielen Guten, das es ja auch tut. Hier in Perú gibt es eine ziemlich weit verbreitete Ansicht, wonach von gewissen Politikern gesagt wird: „Er ist zwar korrupt und unterschlägt Gelder; aber er tut so vieles für den Fortschritt unserer Stadt/Provinz, dass wir trotzdem ihn unterstützen und wählen.“ D.h. man zieht einen „erfolgreichen“ und „wohltätigen“, aber korrupten Politiker einem ehrlichen vor, der (vielleicht gerade wegen seiner Ehrlichkeit!) weniger sichtbaren „Fortschritt“ zuwege bringt. Aber natürlich muss dagegen eingewandt werden, dass eine solche Haltung ja die Korruption ganz allgemein fördert.
Ich werde mich jedenfalls hüten, irgendein anderes Werk als Alternative zur HMK zu empfehlen. Vielleicht sollten wir dazu übergehen, nur noch Personen zu unterstützen, die wir persönlich kennen? Bei VOM-HMK ist es zu einem Skandal gekommen, weil ein einigermassen bekannter Christ seine Stimme erhoben hat. Aber wer weiss, in wie vielen anderen Institutionen ähnliches vorgeht, und man weiss es nur nicht, weil niemand den Mut hat, dagegen aufzustehen?

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Bemerkenswerte Zitate: Über Schule, Lehrer und Schulpflicht (Teil 3)

22. Februar 2012

Teil 3: Über die Schulpflicht

„Die Grundlage einer echten Demokratie besteht nicht darin, dass die Leute ihre Regierung wählen können. Echte Demokratie besteht, wenn die Leute ihre Lehrer auswählen können.“
Dayal Chandra Soni, Shikshanjali, 1992

„Kinder von 12 oder 13 Jahren an haben bereits sehr lange Schultage und zusätzlich abends zwei, drei oder mehr Stunden Hausaufgaben. (…) Lange bevor sie in eine höhere Schule eintreten, werden viele Kinder einer Arbeitswoche von 70 Stunden oder mehr unterworfen. Seit den frühen und brutalen Tagen der industriellen Revolution haben Kinder nie mehr so hart gearbeitet.“
John Holt (Homeschooling-Pionier)

„Die Entwicklung der Schulbänke bedeutete, dass die Schüler einem Regime unterworfen wurden, welches ihnen möglich machte, obwohl sie stark und aufrecht geboren worden waren, bucklig zu werden! Das Rückgrat, biologisch der ursprünglichste, grundlegende und älteste Teil des Skeletts, der festeste Teil unseres Körpers, (…) das Rückgrat, welches den verzweifelten Kämpfen des Menschen gegen den Wüstenlöwen widerstand; welches stark blieb, wenn er das Mammut bezwang, den harten Felsen bearbeitete und das Eisen zu seinem Gebrauch formte; krümmt sich und bricht unter dem Joch der Schule.
Es ist unverständlich, dass die sogenannte Wissenschaft in den Schulen ein Instrument zur Sklaverei vervollkommnete, ohne auch nur von einem einzigen Lichtstrahl der sozialen Befreiungsbewegung erleuchtet zu werden, welche in aller Welt wuchs und sich entwickelte. Denn das Zeitalter der wissenschaftlichen Schulbänke war zugleich das Zeitalter der Befreiung der Arbeiterklasse vom Joch ungerechter Arbeit.“
Maria Montessori

(Anm: Im unmittelbaren Zusammenhang des obigen Zitats ist vordergründig nur von den anatomischen Auswirkungen des Schulmobiliars die Rede; aber der weitere Zusammenhang zeigt, dass ein Doppelsinn von der Autorin offenbar beabsichtigt war.)

„Unsere Schulpflicht (in den USA) ist eine Erfindung des Staates Massachusetts um 1850. Etwa 80% der Bevölkerung widersetzte sich – einige sogar mit Gewehren -; ihr letzter Stützpunkt in Barnstable, Cape Cod, übergab ihre Kinder erst nach 1880, als das Gebiet militärisch besetzt wurde und die Kinder unter militärischer Bewachung zur Schule gehen mussten.
Etwas merkwürdiges zum Nachdenken: Das Büro von Senator Ted Kennedy gab ein offizielles Dokument heraus, wonach vor der Einführung der Schulpflicht 98% der Einwohner des Staates (Massachusetts) lesen und schreiben konnten; danach blieb die Ziffer ständig unter 91%, wo sie heute (1990) noch ist. Ich hoffe, das interessiert Sie.“
John Taylor Gatto (Preisträger „Lehrer des Jahres“ New York 1990)

„Jene Menschen, die nur gelernt haben, einem von aussen vorgegebenen Programm zu folgen, stehen in Gefahr, ebenfalls von aussen her ‚umprogrammiert‘ zu werden, wenn der Druck einer neuen Gesellschaft es erfordert. Ohne ein aktives inneres Leben und ohne Bewusstsein seiner eigenen Menschlichkeit fehlen selbst dem intelligentesten Menschen jene spezifisch menschlichen Qualitäten, die er von innen her den von aussen aufgezwungenen Programmierungen entgegensetzen könnte, wenn die Integrität seines Seins bedroht wäre.“
Rebeca Wild (Pionierpädagogin in Ecuador)

Die folgenden zwei Zitate zeigen, dass eine solche „Umprogrammierung“ mittels des Schulsystems tatsächlich schon längst von langer Hand geplant und ausgeführt wird:

„In unseren Träumen ergeben sich die Menschen vollkommen fügsam in unsere formenden Hände. Die gegenwärtigen Vorstellungen von Bildung, im Sinne von Bildung des Intellekts und des Charakters, verschwinden aus ihrem Sinn; und ungehindert von der Tradition führen wir unseren eigenen guten Willen aus über ein dankbares und willfähriges Volk. Wir werden nicht versuchen, diese Leute oder irgendeines ihrer Kinder zu Gelehrten oder Philosophen oder Wissenschaftern zu machen. Wir sollen unter ihnen keine zu Schriftstellern, Erziehern oder Dichtern machen, auch nicht zu grossen Künstlern, Malern oder Musikern, noch zu Anwälten, Ärzten, Staatsmännern, Politikern – Geschöpfe, mit denen wir reichlich versorgt sind. Die Aufgabe ist einfach. Wir werden Kinder organisieren und sie auf vollkommene Weise die Dinge lehren, die ihre Eltern auf unvollkommene Weise tun.“
John D.Rockefeller (von dessen Finanzen das amerikanische Schulsystem zwischen 1900 und 1920 abhängig war.)

„Ich bin überzeugt, dass der Kampf um die Zukunft der Menschheit in den Schulzimmern der Staatsschulen gekämpft und gewonnen werden muss, von Lehrern, die ihre Rolle richtigerweise als Proselytenmacher eines neuen Glaubens sehen … Das Schulzimmer wird zum Konfliktschauplatz zwischen dem Alten und dem Neuen werden; zwischen dem verwesenden Leichnam des Christentums mit seinen Übeln und seinem Elend, und dem neuen Glauben des Humanismus…“
John J.Dunphy in „Der Humanist“, Jan.-Feb. 1983

Es folgt ein gegensätzliches Zitat – obwohl es wie das vorige den Begriff „Humanismus“ verwendet. Ich überlasse es dem Leser, über den kontrastierenden Gebrauch dieses Begriffs in den beiden Zitaten nachzudenken… :

„Vor zwei Jahrhunderten führten die Vereinigten Staaten die Welt an in einer Bewegung zur Abschaffung des Monopols einer einzigen Staatskirche. Jetzt brauchen wir die verfassungsmässige Abschaffung des Monopols der Schule, und damit eines Systems, das auf legale Weise Vorurteile mit Diskriminierung verbindet. Der erste Artikel einer Menschenrechtserklärung für eine moderne, humanistische Gesellschaft würde dem Ersten Zusatzartikel zur Verfassung der USA entsprechen: ‚Der Staat erlässt keinerlei Gesetz über die Einrichtung eines Bildungssystems.‘ Es soll keinerlei Ritual geben, das für alle obligatorisch ist.“
Ivan Illich

„Der Anspruch, eine freiheitliche Gesellschaft könne auf den modernen Schulen aufgebaut werden, ist paradox. Alle Sicherungen der persönlichen Freiheit werden aufgehoben im Umgang eines Lehrers mit seinen Schülern. Wenn der Lehrer in seiner Person die Funktionen eines Richters, Ideologen und Arztes vereinigt, dann wird der grundlegende Charakter der Gesellschaft pervertiert durch eben jenen Prozess, der auf das Leben vorbereiten soll. Ein Lehrer, der diese drei Gewalten in sich vereinigt, trägt viel mehr zur Verkrümmung des Kindes bei als alle Gesetze, welche dessen legale oder wirtschaftliche Minderjährigkeit festlegen oder dessen Versammlungs- oder Wohnsitzfreiheit beschränken.“
Ivan Illich

„Jeden Tag stellen die Schulen von neuem sicher, dass die Macht absolut und willkürlich ist, indem sie den Zugang zu grundlegenden Notwendigkeiten wie Toiletten, Wasser, Privatsphäre und Bewegungsfreiheit willkürlich gestatten bzw. verweigern. Auf diese Weise werden grundlegende Menschenrechte, die normalerweise nur den Willen der betroffenen Person erfordern, in Vorrechte verwandelt, die keineswegs garantiert sind.“
John Taylor Gatto

„Von den wichtigeren gesellschaftlichen Institutionen in westlichen Demokratien zeichnen sich nur drei durch die Anwendung von Zwang aus: die Gefängnisse, das Militär und die Staatsschulen.“
Denis P. Doyle

„Faust in meiner Hand“

Als ich an diesem Morgen mit ihm vor dem Schulhaus stand,
Unter dem Arm die grosse bunte Tüte,
Da spürt‘ ich seine kleine, heisse Faust in meiner Hand
Und wusste, dass er ahnte, was ihm blühte.
Mein erster Schultag endete in einem Tränenmeer,
Doch hatte ich nie vor ihm davon gesprochen –
Wie wurde schon am ersten Tag mein Ranzen mir so schwer –
Doch schlau hatte er den Braten längst gerochen.
Und als die anderen Kinder mit der Lehrerin fortgingen,
Hab‘ ich seine Verzweiflung und Verlassenheit gespürt
Und musst‘ ihn flehend, bittend dennoch in die Klasse bringen
Und fühlte mich, wie wenn man ein Kälbchen zur Schlachtbank führt.

Es gab nur Liebe und Versteh‘n, gab nur Freiheit bislang,
Und nun droh‘n Misserfolge und Versagen.
Der Wissensdurst versiegt unter Bevormundung und Zwang,
Die Gängelei erstickt die Lust am Fragen.
Die Schule macht sich kleine graue Kinder, blass und brav,
Die funktionier‘n und nicht infragestellen,
Wer aufmuckt, wer da querdenkt, der ist schnell das schwarze Schaf.
Sie wollen Mitläufer, keine Rebellen,
Ja-Sager wollen sie, die sich stromlinienförmig ducken,
Die ihren Trott nicht stör‘n durch unplanmäss‘ge Phantasie,
Und keine Freigeister, die ihnen in die Karten gucken
Und die vielleicht schon ein Kapitel weiter sind als sie.

Wie oft bist du in all den Jahren aus dem grauen Tor
Bemäkelt und getadelt rausgekommen,
Wie oft habe ich ahnungsvoll und stillschweigend davor
Den Delinquenten in den Arm genommen!
Wie oft hab‘ ich den Spruch gehört: Ihr Sohn hat nur geträumt,
Ihr Sohn hat mit Papierfitzeln geschossen,
Ihr Sohn hat trotz Ermahnung seinen Platz nicht aufgeräumt,
Ihr Sohn hat sein Tuschwasser ausgegossen!
Und nie: Ihr Sohn ist vor der ganzen Klasse aufgestanden
Für einen, den sie peinigten und quälten bis auf‘s Blut!
In dieser Welt kommen uns die wahren Werte abhanden,
In dieser Schule gibt es kein Fach Menschlichkeit und Mut.

Manchmal wünscht‘ ich, wir wär‘n an diesem Tag nicht mitgegangen
Und lieber, wie im Kinderlied, zu Doc David nach Fabuland.
Du hättest nicht nochmal an jener Stelle angefangen,
Wo ich schon einmal stand – die Faust in meines Vaters Hand!(Reinhard Mey in seinem Album Rüm Hart)
gefunden bei: http://hausunterricht.org/

Bemerkenswerte Zitate: Über Schule, Lehrer und Schulpflicht (Teil 2)

15. Februar 2012

Teil 2: Vom Elend der Schule

„Ich nehme an, es liegt daran, dass heute fast alle Kinder zur Schule gehen, wo alles für sie vorgeplant ist, dass sie anscheinend so völlig unfähig sind, eigene Ideen hervorzubringen.“
Agatha Christie (Schriftstellerin)

„Der Konkurrenzgeist, der in der Schule herrscht, zerstört alle Gefühle menschlicher Bruderschaft und Zusammenarbeit, und versteht Erfolg nicht als das Ergebnis einer Liebe zu produktiver und nachdenkender Arbeit, sondern als Produkt des persönlichen Ehrgeizes und der Angst vor Ablehnung.“
Albert Einstein

(Über sein Universitätsstudium): „In Physik jedoch lernte ich bald herauszuspüren, was zu den Grundlagen führte, und mich von allem anderen abzuwenden, von den vielen Dingen, die das Denken überhäufen und vom Wesentlichen ablenken. Der Haken daran war natürlich, dass man alle diese (unwesentlichen) Dinge für die Prüfungen in sein Gedächtnis stopfen musste, ob es einem gefiel oder nicht. Dieser Zwang hatte einen derart abschreckenden Effekt (auf mich), dass ich nach meiner letzten Prüfung ein ganzes Jahr lang auch nur den Gedanken an irgendein wissenschaftliches Problem als widerwärtig empfand. (…) Es ist ein sehr grosser Fehler zu denken, dass die Freude am Sehen und Untersuchen mit Zwang und Pflichtgefühl gefördert werden könnte. Im Gegenteil, ich glaube, dass sogar ein gesundes Raubtier seine Gefrässigkeit verlöre, wenn es mit einer Peitsche dazu gezwungen würde, ständig alles zu fressen, was ihm vorgesetzt würde, selbst wenn es nicht hungrig wäre.“
Albert Einstein

„Warum gehen in Deutschland viele Kinder zur Schule wie zum Zahnarzt? Warum erinnert ihr Lernen zuweilen an Bulimie: Informationen sammeln, Prüfungen bedienen und sich wieder entlasten?“
Reinhard Kahl (Journalist)

„Es gibt keine sicherere Art und Weise, die Begeisterung und das Interesse für ein Thema abzutöten, als es zu einem obligatorischen Bestandteil des Lehrplans zu erklären.“
Paul Lockhart (Mathematiker)

„Als ich für die Zulassungen zu den Diplomprüfungen zuständig war, und es kam ein Student mit lauter Bestnoten in seinem Zeugnis, dann wies ich ihn sofort ab. Es ist einfach nicht möglich, dass jemand in allen Fächern gleich gut oder gleich interessiert ist. (Ausser er tut es nur, um dem Lehrer zu gefallen.) Als Professor hatte ich keine Geduld mit Studenten, die dachten, das Wesentliche am akademischen Erfolg bestehe darin, mir zu wiederholen, was ich ihnen soeben gesagt hatte.“
Roger Shank

„Die Autorität der Lehrenden ist oft ein Hindernis für jene, die lernen wollen.“
Cicero

„Beim Lehren geht es nicht um Information. Es geht darum, eine ehrliche intellektuelle Beziehung zu den Schülern zu haben. Lehren erfordert keine Methode, keine Werkzeuge und keine Ausbildung. Nur die Fähigkeit, authentisch zu sein. Und wenn Sie nicht authentisch sein können, dann haben Sie kein Recht, sich unschuldigen Kindern aufzudrängen.“
Paul Lockhart

„Meine Zukunftsvision besteht darin, dass die Leute nicht mehr Prüfungen ablegen und aufgrund deren Ergebnisse von der Sekundarschule zur Universität wechseln; sondern dass sie als Einzelne von einer Stufe der Unabhängigkeit zu einer höheren gelangen, durch ihre eigene Aktivität, ihre eigene Willensanstrengung, worin die innere Enwicklung des Einzelnen besteht.“
Maria Montessori (Pionierpädagogin)

„Nur in der Theorie dienen die heutigen Bildungseinrichtungen den Schülern. Tatsächlich besteht die wirkliche Aufgabe eines Schülers an jeder ehrgeizigen Institution darin, durch seine Leistung das Ansehen dieser Institution zu steigern.“
John Holt (Homeschooling-Pionier)

„Ein Kind, das zum angemessenen Zeitpunkt und auf die angemessene Weise gelehrt wird, kann innerhalb von vier bis sieben Monaten ohne Schwierigkeiten den ganzen Stoff lernen, der in sechs Jahren Primarschule gelehrt wird. Es gibt deshalb keinen Grund, den offiziellen Lehrplan zu respektieren …“
Rebeca Wild (Pionierpädagogin in Ecuador)

„Der Psychiater J.T.Fisher ging erst mit dreizehn Jahren erstmals zur Schule, und schloss die Sekundarschule mit sechzehn Jahren ab. Später fühlte er sich enttäuscht, als er entdeckte, dass dies keineswegs ein Beweis besonderer Genialität war. Er musste akzeptieren, was die Psychologen sagten: Sie hatten gezeigt, dass ein normales Kind, das erst in der Pubertät mit seiner akademischen Bildung beginnt, bald denselben Leistungsstand erreichen kann, den es erreicht hätte, wenn es mit fünf oder sechs Jahren in die Schule eingetreten wäre.“
Raymond Moore (Psychologe, Schuldirektor und Homeschooling-Pionier)

„Die Schule ist eine Institution, die auf dem Axiom beruht, Lernen sei das Ergebnis von Lehren. Und die institutionelle Weisheit akzeptiert dieses Axiom weiterhin, trotz überwältigender Beweise für das Gegenteil.“
Ivan Illich

„Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass praktisch kein Zusammenhang besteht zwischen guten Noten in standardisierten schriftlichen Prüfungen, und Erfolg im Erwachsenenleben.“
Joe Nathan und Wayne Jennings, Phi Delta Kappan, Mai 1978

„Wenn geglaubt wird, diese Grundschulen würden vom Gouverneur und seinem Rat, von den Funktionären des Literaturfonds, oder von irgendeiner anderen Regierungsautorität besser verwaltet als von den Eltern in jedem Bezirk, dann ist das ein Glaube entgegen aller Erfahrung.“
Thomas Jefferson (Mitbegründer der USA)

„Warum wird es als normal angesehen, dass die Staatsschulen Millionen von Schulversagern produzieren; während eine einzige Familie, die ein Kind zuhause ausbildet, als grösste Bedrohung der öffentlichen Bildung und des Überlebens der Demokratie gilt?“
Stephen Arons, 1983

„(Die Schule) entreisst Kinder zwangsweise einer Welt voll von den Geheimnissen von Gottes eigener Handarbeit, voll von den Anregungen der Persönlichkeit. Sie ist lediglich eine disziplinarische Methode, die sich weigert, die Einzelperson zur Kenntnis zu nehmen. Sie ist eine Fabrik, speziell zu dem Zweck konstruiert, gleichförmige Resultate zu schleifen. (…) Gemäss der Schule ist das Leben dann vollkommen, wenn es einem erlaubt, es als tot zu behanden und es in handliche symmetrische Stücke zu schneiden. Und das war der Grund für mein Leiden, als ich zur Schule geschickt wurde. (…) Ich war keine Schöpfung des Schullehrers, und das Erziehungsministerium wurde nicht konsultiert, als ich geboren wurde. Aber war das ein Grund für sie, sich an mir zu rächen für diese Unterlassung meines Schöpfers? (…) Mein Geist musste also die Zwangsjacke der Schule akzeptieren, die wie die Schuhe einer Mandarinfrau meine Natur von allen Seiten und bei jeder Bewegung kniffen und quetschten. Glücklicherweise konnte ich mich selbst daraus befreien, bevor die Gefühllosigkeit einsetzte.“
Rabindranath Tagore (Literaturnobelpreis 1913)

„Immer mehr Kinder bilden ihre stärkste Bindung gar nicht mehr zu Erwachsenen aus, sondern zu Gleichaltrigen. Wir glauben dann, sie seien unabhängig, und freuen uns. In Wirklichkeit haben sie ihre Abhängigkeit nur auf die anderen Kinder verlagert und orientieren sich fortan an denen. Den Lehrern und Eltern fehlt damit die entscheidende Grundlage für jede Erziehung, nämlich die stabile, tiefe Bindung ihrer Kinder an sie. Deswegen ist das Unterrichten so mühsam geworden. Für die Kinder wiederum bedeutet die Gleichaltrigenorientierung höchsten Stress. Die normalen Verletzungen, die Kinder in ihrer Unreife sich schon immer zugefügt haben, treffen sie mit voller Wucht, denn die anderen Kinder sind nicht mehr einfach nur „Spielkameraden“, sondern das Wichtigste in ihrem Leben, die Erwachsenen sind blasse Randfiguren geworden. Viele dieser Kinder haben zu keinem Erwachsenen mehr eine so tiefe Bindung, dass sie bei ihm schwach sein und sich ausweinen können. Um sich in dieser Situation zu schützen, panzern sie sich gegen ihre Gefühle – sie werden „cool“. Mit den verletzlichen Gefühlen von Angst, Sorge etc., die sie verleugnen, verlieren sie aber auch den Zugang zu den anderen „weichen“ Gefühlen wie Interesse, Begeisterung, Fürsorglichkeit etc.“
Dagmar Neubronner („Die Freilerner“)

„Vielleicht denkst du nur an diese Welt, und vergisst, dass es eine zukünftige Welt gibt, und eine, die ewig dauern wird! Bitte denke ernsthaft daran, und schicke deine Kinder zu solchen Lehrern, die diese zukünftige Welt immer vor ihren Augen haben. Sonst – erlaubt mir, es klar zu sagen – ist es kaum besser, sie zur Schule zu schicken, als sie zum Teufel zu schicken.“
John Wesley (Erweckungsprediger und Begründer des Methodismus)

Der inoffizielle Lehrplan – Was die Schule in Wirklichkeit lehrt

7. März 2010

Auszug aus: John Taylor Gatto, „Underground History of American Education“, Kapitel 15.4.

John Taylor Gatto wurde mehrfach vom Staat New York als „Lehrer des Jahres“ ausgezeichnet. Dann verliess er unter Protest das Schulsystem und ist heute einer der bekanntesten Schulkritiker in den USA. Die folgenden Punkte sind auf seiner über 30-jährigen Erfahrung als Lehrer begründet.


Die Schule zerstört die menschlichen Fundamente auf mindestens acht wesentliche Arten, die so verborgen wirken, dass wenige Menschen sie wahrnehmen; und noch weniger können sich irgendeine andere Art vorstellen, wie Kinder aufwachsen sollten:

1) Die erste Lektion, die in der Schule gelehrt wird, ist Vergesslichkeit.

Kinder werden gezwungen zu vergessen, auf welche Weise sie einst selber wichtige Dinge wie Gehen und Sprechen gelernt haben. Das geschieht auf so angenehme und schmerzlose Weise, dass die meisten von uns darin übereinstimmen würden, dass die Primarschule jener Bereich der Schule ist, der die wenigsten Probleme hat. Und doch ist es gerade da, wo der Sprachbildung ein massiver Schaden zugefügt wird. (…) Würden wir Kinder dazu zwingen, auf dieselbe Weise das Gehen zu lernen, wie wir sie zum Lesenlernen zwingen, dann würden einige wenige gut gehen lernen, trotz unserer Methoden; die meisten würden gleichgültig und freudlos gehen; und einige der übrigen könnten sich überhaupt nie fortbewegen. Der Druck, die „Tagesbetreuung“ immer mehr zu verlängern und die schulfreie Zeit immer mehr einzuschränken, trägt zu der formellen Zwölfjahres-Sequenz bei, die eine äusserste Lenkbarkeit der Erstklässler sicherstellt.

2) Die zweite Lektion, die in der Schule gelehrt wird, ist Verwirrung.

Praktisch nichts von dem, was Schulen als grundlegenden Stoff auswählen, ist grundlegend. Alle Lehrinhalte sind den Normen untergeordnet, die von der Verhaltenspsychologie vorgeschrieben werden, und in einem geringeren Mass von Freudschen Rezepten, die mit Psychologie der „dritten Strömung“ (Carl Rogers, Abraham Maslow) zusammengebündelt werden. Keines dieser Systeme beschreibt die menschliche Realität angemessen. Aber da sie in den Mythologien der „sieben Schritte“ in Universität und Geschäftswelt angesiedelt sind, sind diese Systeme gefährlich immun gegenüber der Kritik des gesunden Menschenverstandes.

Keine der angeblich wissenschaftlichen Schulsequenzen lässt sich empirisch verteidigen. Es gibt keine Beweise dafür. Sie sind nicht mehr als Aberglaube, der schlau mit geliehenen Daten gekreuzt wurde. Die grundlegende Formel Pestalozzis z.B, „vom Einfachen zum Komplizierten“, ist ein Rezept für Katastrophen im Klassenzimmer, da keine zwei Gehirne denselben „einfachen“ Ausgangspunkt haben. Und in den fortgeschritteneren Klassen wissen die Kinder oft mehr als ihre Überwacher. Davon zeugen die jämmerlichen Ergebnisse der Computerausbildung an Staatsschulen, verglichen mit informellen Programmen des Selber-Entdeckens. Ganz ähnlich die endlosen Abfolgen von sogenannten „Themen“, vorgetragen von gutmeinenden Männern und Frauen, die aber nur oberflächliche Kenntnis der Dinge haben, von denen sie sprechen – das ist die Einführung, die die meisten Kinder erhalten in die lügnerische Welt des institutionellen Lebens. Unwissende Mentoren können keine wirklichen Bedeutungen handhaben, nur Daten. Auf diese Weise lehren Schulen die Trennung alles von allem.

3) Die dritte Lektion, die in der Schule gelehrt wird, ist, dass Kinder von Experten einer sozialen Klasse zugeteilt werden und in der Klasse bleiben müssen, der sie zugeteilt wurden.

Das ist eine ägyptische Perspektive, aber wir haben erst gerade angefangen zu entdecken, wie schlecht sie in Amerika hineinpasst. Die natürliche Mentalität der Vereinigten Staaten, wie sie in den ersten zwei Dritteln unserer Geschichte entdeckt und in Verträgen festgelegt wurde, ist jetzt radikal degradiert und über den Haufen geworfen worden. Die Schulbildung hat das Klassensystem wiederbelebt. Die amerikanischen Klassifikationen sind so starr geworden, dass unsere Gesellschaft einem Kastensystem gleicht, das unberechtigten Selbstwert lehrt, sowie dessen Gegenteil: Neid, Selbsthass und Kapitulation. In Klassensystemen teilt der Staat deinen Platz in einer Klasse zu, und wenn du weisst, was gut für dich ist, dann wirst du dich daran halten.

4) Die vierte Lektion, die in Schulen gelehrt wird, ist Gleichgültigkeit.

Mit Pausenglocken und anderen konzentrationsstörenden Technologien lehren Schulen, dass nichts es wert ist, zu Ende geführt zu werden, weil sowohl regelmässig wie unregelmässig irgendeine willkürliche Macht eingreift. Wenn nichts es wert ist, zu Ende geführt zu werden, dann ist auch nichts es wert, angefangen zu werden. Siehst du, wie das eine aus dem anderen folgt? Die Liebe zum Lernen kann diesen ständigen Drill nicht überleben. Schüler werden gelehrt, für kleine Gefälligkeiten zu arbeiten und für zeremonielle Noten, die nur sehr entfernt etwas mit ihren wirklichen Fähigkeiten zu tun haben. Indem Kinder nach äusserlicher Anerkennung und sinnlosen Belohnungen süchtig gemacht werden, machen die Schulen sie gleichgültig gegenüber der wirklichen Kraft und dem Potential, das in eigenen Entdeckungen liegt. Schulen entfremden sowohl die Gewinner wie die Verlierer.

5) Die fünfte Lektion, die in Schulen gelehrt wird, ist emotionelle Abhängigkeit.

Mit Hilfe von Sternchen, Abhaklisten, Lächeln, Stirnrunzeln, Auszeichnungen, Ehrungen und Schande, werden Kinder in der Schule zu einer lebenslangen emotionellen Abhängigkeit konditioniert. Es ist wie ein Hundetraining. Der Kreislauf von Belohnung und Strafe, der Tiertrainern seit alters bekannt ist, bildet den Kern einer psychologischen Schule, die im Leipzig des späten 19.Jahrhunderts entworfen wurde, und im frühen 20.Jahrhundert vollständig in die wissenschaftliche Managementsrevolution in Amerika integriert wurde. Ein halbes Jahrhundert später, um 1968, hatte diese Verhaltenspsychologie das ganze Schulsystem der Vereinigten Staaten infiziert; und bis zum Ende des Jahrhunderts derart durchgehend, dass wenige Menschen sich eine andere Form des Managements vorstellen können. Und es gibt tatsächlich keine bessere, wenn man das Ziel verfolgt, verwaltete Leben in einer verwalteten Wirtschaft und einem verwalteten Gesellschaftssystem zu bekommen.

Jeden Tag stellen die Schulen von neuem sicher, dass die Macht absolut und willkürlich ist, indem sie den Zugang zu grundlegenden Notwendigkeiten wie WCs, Wasser, Privatsphäre und Bewegungsfreiheit willkürlich gestatten bzw. verweigern. Auf diese Weise werden grundlegende Menschenrechte, die normalerweise nur den Willen der betroffenen Person erfordern, in Vorrechte verwandelt, die keineswegs garantiert sind.

6) Die sechste Lektion, die in Schulen gelehrt wird, ist intellektuelle Abhängigkeit.

Gute Menschen warten darauf, dass ein Lehrer ihnen sagt, was sie tun sollen. Gute Menschen tun es auf die Weise, wie der Lehrer es getan haben will. Gute Lehrer warten ihrerseits darauf, dass der Lehrplanaufseher oder das Schulbuch ihnen sagt, was sie tun sollen. Schuldirektoren werden danach beurteilt, ob sie fähig sind, diese Menschengruppen den Erwartungen anzupassen; Schulaufsichtsbehörden danach, ob sie fähig sind, die Schuldirektoren anzupassen; und staatliche Erziehungsdepartemente werden danach beurteilt, ob sie fähig sind, das Denken der Schulaufseher zu lenken gemäss Anweisungen, die von Stiftungen, Universitäten und Politikern kommen, die sensibel sind für die ruhig ausgedrückten Wünsche mächtiger Konzerne und anderer Interessen.

Bei all ihrer schwerfälligen Ausführung ist die Schule ein Musterbeispiel dafür, wie der bürokratische Dienstweg funktionieren soll. Wenn das Ding einmal läuft, kann praktisch niemand seine Richtung ändern, ausser er versteht den komplizierten Code, der es zum Laufen bringt – ein Code, der sich ständig selber weiter verkompliziert, um die menschliche Kontrolle zu verunmöglichen. Die sechste Lektion der Verschulung lehrt, dass Experten alle wichtigen Entscheidungen treffen; aber dass es sinnlos ist, beim nächstliegenden Experten zu protestieren, weil er ebenso hilflos ist wie du bei dem Versuch, das System zu ändern.

7) Die siebente Lektion, die in der Schule gelehrt wird, ist vorläufiger Selbstwert.

Der Selbstwert von Kindern muss von der Beurteilung von Experten abhängig gemacht werden, mittels Ritualen von Zahlenmagie. Der Selbstwert darf nicht von sich aus generiert werden, wie es bei Benjamin Franklin, den Brüdern Wright, Thomas Edison oder Henry Ford der Fall war. Die Rolle von Noten, Zeugnissen, Prüfungen, Auszeichnungen, Stipendien und anderen Belohnungen im Laufe dieses Prozesses ist so offensichtlich, dass sie nicht weiter ausgeführt werden muss. Zusätzlich ist es die tägliche Begegnung mit Hunderten von verbalen und nonverbalen Beurteilungen von seiten der Lehrer, die den Selbstzweifel am effektivsten fördert.

8) Die letzte Lektion, die in der Schule gelehrt wird, nenne ich den Glashauseffekt: Du wirst gelehrt, dass jeder Widerstand zwecklos ist, weil du ständig beobachtet wirst.

Es gibt keinen Ort, wo man sich verstecken könnte. Du solltest das auch nicht wünschen. Dein Ausweichverhalten ist ein Zeichen, dass du noch genauer beobachtet werden sollst als die anderen. Privatsphäre ist ein Gedankenverbrechen. Die Schule sorgt dafür, dass es keine private Zeit und keinen Privatraum gibt, keine unbeaufsichtigte Minute, keinen Arbeitstisch, der nicht durchsucht würde, keine Schramme, die nicht von der medizinischen Kontrolle oder vom beratenden Arm der Gedankenpatrouillen untersucht würde.

Die sensibelsten Kinder, die ich jeweils in der Klasse hatte, verstanden in gewissem Mass, was wirklich vorging. Aber wir würgten den verräterischen Atem in ihnen ab, bis sie anerkannten, dass ihre Zukunft von uns abhing. Hartnäckige Fälle wurden an Umerziehungsanstalten überwiesen, wo sie in lenkbare Zyniker verwandelt wurden.