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Der Überrest des Volkes Gottes

19. Mai 2013

„Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt über Elias, wie er Gott anfleht gegen Israel? ‚Herr, deine Propheten haben sie getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben, und mich wollen sie auch töten.‘
Aber was sagt die (göttliche) Anweisung? ‚Ich habe mir siebentausend Männer übrigbehalten, die nicht vor Baal niedergekniet sind.‘ So ist auch zur gegenwärtigen Zeit ein durch Gottes Gnade ausgewählter Überrest übriggeblieben.“

(Römer 11,2-5)

Diese Schriftstelle spricht über eine Zeit des Abfalls von Gott. Unter dem bösen Königspaar Ahab und Isebel hatte ganz Israel angefangen, fremden Göttern zu folgen. Der Prophet Elias musste sich mehrere Jahre lang versteckt halten, weil der König ihn töten wollte. Dann sagte ihm Gott, er solle sich dem König zeigen und die Propheten des falschen Gottes Baal herausfordern. In dieser Konfrontation zeigte Gott vor dem ganzen Volk, dass er der wahre Gott ist, indem er Feuer vom Himmel über das Opfer Elias‘ fallen liess (1. Könige 18).
Aber dann drohte Isebel, Elias zu töten, und er musste wiederum in die Wüste fliehen. Dort, völlig erschöpft und deprimiert, rief er vor Gott aus: „Ich habe geeifert für den Herrn Gott der Heerscharen; denn die Kinder Israels haben deinen Bund verlassen, haben deine Altäre niedergerissen, und haben deine Propheten mit dem Schwert getötet; und ich allein bin übriggeblieben, und sie suchen mich, um mich zu töten.“ (1.Könige 19,14). – Als Antwort trug Gott ihm auf, zwei neue Könige und einen neuen Propheten zu salben (seinen Nachfolger Elisa), und versicherte ihm, er sei nicht völlig allein: „Und ich werde bewirken, dass in Israel siebentausend übrigbleiben, die nicht vor Baal niedergekniet sind…“ (1.Könige 19,18).

Auf diese Situation bezieht sich also Paulus im Römerbrief, und er vergleicht sie mit seiner eigenen Zeit: „So auch zur gegenwärtigen Zeit …“ Was war denn zur Zeit des Paulus geschehen? – Das jüdische Volk hatte sich wiederum von Gott abgewandt. Sie hatten Jesus abgelehnt, ihren von Gott gesandten Erlöser. Und wenn Paulus als Jude das Evangelium verkündete, dann wurde er oft von seinen eigenen Volksgenossen verfolgt. Er hätte auch oft ausrufen können: „Ich allein bin übriggeblieben …!“ – Aber dann sagt er: So wie zur Zeit Elias‘ ein treuer Rest des Volkes Gottes übrigblieb, so auch jetzt. Obwohl die Mehrheit des Volkes Gott ungehorsam war, so hat er sich doch eine kleine Zahl von Menschen übrigbehalten, die sich auf seine Seite stellen. Und an vielen Orten, wo Paulus auf seinen Reisen hinkam, konnte er einige Menschen finden, die zu diesem Überrest gehörten. Obwohl die meisten Juden seine Botschaft ablehnten, so gab es auch immer einige, die glaubten und treu dem Herrn folgten.

„So auch zur gegenwärtigen Zeit“ hat sich die Mehrheit derer, die sich „Christen“, „Volk Gottes“, etc. nennen, von Gott abgewandt. Sie haben zwar ihre äusseren religiösen Formen beibehalten (so wie die Juden zur Zeit Paulus‘ ihre Synagogen hatten), aber sie lehnen die Botschaft des biblischen Evangeliums ab. Doch gibt es einige wenige unter ihnen, die merken, was geschieht; die nicht dem Strom der Zeit folgen, sondern weiterhin dem Herrn treu sind. Das ist der Überrest Gottes in der heutigen Zeit.

Dasselbe ist im Lauf der Kirchengeschichte mehrmals geschehen. Die grossen institutionalisierten Kirchen haben sich sehr schnell von dem Weg abgewandt, den Jesus und die Apostel vorgezeichnet hatten. Übrig blieb ein kleiner, versteckter, unbekannter Rest, der dem Herrn treu blieb. Ab und zu, bei besonderen historischen Gelegenheiten, trat dieser Überrest plötzlich wieder ins Rampenlicht – so wie Elias in seiner Konfrontation mit den Baalspropheten – und wurde zum Kern einer neuen Erweckung. Dann konnte die Welt für kurze Zeit wieder das helle Licht eines echten christlichen Lebens und echter christlicher Gemeinschaft sehen. Aber mit der Zeit wandten sich auch diese erweckten Gemeinschaften wieder dem Traditionalismus zu, dem Menschenwerk statt Gottes Werk, und fielen von Gott ab. Und sie organisierten sich sogar unter genau den Namen, die ihnen die Welt mit Verachtung gegeben hatte: „Protestanten“, „Täufer“, „Quäker“, „Methodisten“, usw. So hörten sie auf, erweckte Gemeinschaften zu sein, und wurden zu institutionalisierten Kirchen wie alle anderen. Mit Ausnahme eines neuen kleinen Überrests.
(Siehe dazu: „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.)

Der Überrest Gottes ist also während der meisten Zeit ein verborgenes, zerstreutes, verachtetes und verfolgtes Volk. Jene, die zu ihm gehören, fühlen sich oft einsam und denken: „Ich allein bin übriggeblieben, sonst folgt niemand mehr dem Herrn.“ Und doch sagt der Herr: „Ich habe mir siebentausend übrigbehalten…“

Dieser Überrest ist also keine „Kirche“, „Gemeinde“ oder „Organisation“. (Auf gar keinen Fall ist er eine institutionalisierte Kirche, die das Wort „Überrest“ in ihren Namen setzt – wie es tatsächlich schon vorgekommen ist!) Einige derer, die zum Überrest gehören, befinden sich in institutionalisierten Kirchen; aber sie wissen, dass sie auch innerhalb dieser „Kirche“ von Namenschristen nur „Pilger und Fremdlinge“ sind. Andere haben zwei oder drei Geschwister „nach dem Herzen Gottes“ gefunden und ermutigen einander gegenseitig in diesem kleinen Kreis. (Nach Hebräer 10,24-25, richtig verstanden.) Und wieder andere wandern völlig allein durch die Wüste und fragen sich, ob es wohl noch andere gibt, die denselben Weg gehen.

Das ist die „Herde“, von der Jesus sagte: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Johannes 10,27). Der Herr selber ist es, der sie weidet, führt und „organisiert“. Oft führt er sie auf Wegen, die die Welt (inbegriffen die religiöse Welt) nicht versteht. Aber sie folgen ihm, denn „sie hören nicht auf die Stimme der anderen“ (Johannes 10:5).

Auch so sind sie nicht frei von Versuchungen und Gefahren. Jeder von ihnen weiss, dass er zum Überrest gehört (oder wird sich dessen allmählich bewusst); aber voneinander können sie es nicht mit Sicherheit wissen. So sind sie manchmal in Gefahr, sich in einem ungleichen Bund zusammenzuschliessen mit jemandem, der fälschlich vorgibt, zum Überrest zu gehören. Oder umgekehrt, jemandem zu misstrauen, der sehr wohl zum Überrest gehört, aber irgendwie „anders“ ist.
Der Überrest definiert sich mit keinem Namen, mit keiner Etikette, mit keinem Versammlungsort, mit keinem Glaubensbekenntnis ausser dem Wort Gottes, und mit keinem Leiter ausser dem Herrn Jesus Christus. Deshalb kann es unter ihnen eine grosse Vielfalt an Hintergründen und theologischen Strömungen geben. So stehen sie manchmal in Gefahr, einander gegenseitig anzugreifen wegen zweitrangiger theologischer Differenzen. Dies umso mehr, als sie in den institutionalisierten Kirchen so viele Irrlehren und abwegige Praktiken gesehen haben, dass sie manchmal auch ihren wirklichen Glaubensgeschwistern misstrauen.
Wenn sie unter der Verachtung, der Ablehnung und der Verfolgung von seiten der Namenschristen leiden, dann können sie andererseits auch versucht werden, sich der sicheren, bequemen und respektablen Umgebung einer institutionalisierten Kirche zu unterwerfen. Oder ihre eigene Organisation zu gründen, um den anderen sichtbar zu zeigen, dass „wir besser sind“ und dass „unter uns der Herr tatsächlich wirkt“. Aber sie sollten eigentlich wissen, dass sie, sobald sie anfangen „respektabel“ zu werden, aufhören, der Überrest zu sein.

Die zum Überrest gehören, können mit allem Freimut von ihrem Glauben an Jesus Christus sprechen, in jeder Situation, wo ihnen der Herr Gelegenheit gibt dazu. Aber sie haben dabei keine „geheime Agenda“: Sie müssen nicht eine obligatorische Anzahl von „Evangelisationsstunden“ erfüllen; noch müssen sie Mitglieder für „ihre Gemeinde“ gewinnen; noch müssen sie die Spenden- und Zehnteneinnahmen erhöhen; noch müssen sie vor Gott „Punkte sammeln“. Deshalb brauchen sie keine aufsehenerregenden Veranstaltungen zu organisieren, und müssen auch niemanden manipulieren. Sie sind schlichte Zeugen dessen, was Gott in ihrem Leben getan hat.

Sie anerkennen und achten echte geistliche Autorität, wo immer sie ihr begegnen; aber sie kennen weder Ämter noch hierarchische Leiterschaftspositionen. Und jene, die zu solcher Anerkennung gelangen, nehmen dies nicht zum Anlass, sich über ihre Geschwister zu erheben. Im Gegenteil, sie demütigen sich noch mehr in der Furcht Gottes, und werden noch mehr zu Dienern ihrer Geschwister (Lukas 21,24-28).

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Wer rettet die Familie?

27. Februar 2013

Anmerkung: Dies ist die nur unwesentlich geänderte Übersetzung eines Artikels, den ich im Jahre 2011 auf meiner spanischsprachigen Website veröffentlichte. Soweit ich aus der Ferne feststellen kann, treffen die meisten hier gemachten Beobachtungen auch auf den deutschsprachigen Raum zu, weshalb ich mich entschloss, eine deutsche Fassung zu erstellen. Einen kulturellen Unterschied glaube ich jedoch zu sehen: Es scheint mir, dass im deutschsprachigen Raum die staatliche Bevormundung und Beinahe-Abschaffung der Familie hauptsächlich von den Regierungen und von politischen Ideologen ausgeht, die zunächst einige Widerstände von seiten der Familien selbst zu überwinden hatten. Hier in Lateinamerika dagegen werden die staatlichen Eingriffe von den Familien selber gewünscht und als wichtige Schritte zur „Bekämpfung der Armut“ angesehen, weshalb es so gut wie keine Stimmen gibt, die sich dagegen aussprechen. Die Familien hierzulande schaffen sich selber ab! Deshalb schreitet der Familienzerfall hier noch viel rasanter voran als in Europa. Noch vor zwanzig Jahren galt Perú als ein Land, das den Familienzusammenhalt gross schrieb (während es in Europa bereits erhebliche Scheidungsraten gab); und viele Jugendliche lernten ihr Handwerk im elterlichen Familienbetrieb. Heute aber wird in den meisten Familien, die ich kenne, nicht einmal mehr gemeinsam gegessen; und Kinder, die bei ihrem Vater und ihrer Mutter wohnen, sind in der Minderheit.


Gott hat uns so geschaffen, dass wir in einer Familie geboren werden, dass ein Vater und eine Mutter nötig sind, damit ein Kind zur Welt kommt, und dass dann Vater und Mutter das Kind erziehen. Das ist die Ordnung der menschlichen Gesellschaft seit der Erschaffung der Welt, und diese Ordnung wird in vielen Bibelstellen bestätigt. Hier nur einige wenige Beispiele:

„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein; und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und sollst davon reden, wenn du in deinem Haus bist, und wenn du auf dem Weg gehst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst…“
(5. Mose 6,6-7)

„…Aber ich und mein Haus (Familie) werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15)

„Hört, Kinder, die Lehre eines Vaters, und achtet darauf, damit ihr Einsicht lernt. Denn ich gebe euch gute Lehre; verlasst mein Gesetz nicht. Denn auch ich war ein Sohn bei meinem Vater, zart und einzig in der Obhut meiner Mutter. Und er lehrte mich, und sagte zu mir: Dein Herz halte meine Gründe fest, halte meine Gebote, so wirst du leben.“
(Sprüche 4,1-4)

„Und ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Disziplin und Ermahnung des Herrn.“
(Epheser 6,4)

Ein Vater ist das „Bild Gottes“ par excellence:

„Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
(Epheser 3,14-15)

Deshalb ist es lebenswichtig, dass ein Kind in seiner Kindheit Vaterschaft erfährt. Andernfalls wird es ernsthafte Schwierigkeiten haben, Gott als Vater zu verstehen und kennenzulernen.

Ein anderer Aspekt der Familie ist das Zusammenleben mit Geschwistern. Da ist es natürlich, dass es ältere und jüngere Geschwister gibt, und dass jeder anders ist. Niemand findet es verwunderlich, dass z.B. ein Kind künstlerisch veranlagt ist, während ein anderes ein Bücherwurm ist und ein drittes ein Sportler. Es verwundert auch niemanden, dass das kleine Brüderchen noch nicht so viele Dinge weiss wie seine ältere Schwester.
Die jüngeren Geschwister lernen von den älteren, und die älteren lernen, den jüngeren zu helfen und Geduld zu haben mit ihnen. Das ist ein natürliches und sehr wirksames pädagogisches Modell, das von Gott selber eingerichtet wurde und über viele Jahrhundert erprobt ist.

Warum dann hat es die Menschheit während der letzten 150 Jahre unternommen, dieses göttliche Modell auf den Kopf zu stellen und „Erziehung“ durch „Schule“ zu ersetzen?

Die Originalausgabe von 1828 des Wörterbuchs von Webster, das für die englische Sprache massgebend ist, definiert „erziehen/bilden“ („to educate“) folgendermassen:

„Ein Kind aufziehen; instruieren; den Verstand informieren und erleuchten; den Sinn erfüllen mit den Prinzipien der Künste, der Wissenschaft, der Moral, der Religion und des guten Benehmens. Kinder gut zu erziehen ist eine der wichtigsten Pflichten der Eltern und Tutoren (Hauslehrer).“

Wir stellen fest, dass diese Definition die Schule mit keinem Wort erwähnt!

Aber die gegenwärtige Gesellschaft hat alles auf den Kopf gestellt: wenn von „Erziehung“ oder „Bildung“ gesprochen wird, dann denkt jedermann an „Schule“, und niemand spricht von der Familie.

Hier in Perú waren vor kurzem (2011) die Präsidentschaftswahlen. Etwas vom Betrüblichsten am Wahlkampf war für mich, dass keiner der Kandidaten irgendeinen Vorschlag zum Schutz und zur Stärkung der Familien hatte. Keinem fiel es ein, z.B. den vielen Müttern zu helfen, die aus finanziellen Gründen ausser Haus arbeiten müssen, damit sie etwas weniger arbeiten müssten und ihren Kindern mehr Zeit widmen könnten. Viele Kandidaten versprachen Schulfrühstücke und Schulmittagessen, aber keiner machte einen Vorschlag, der dazu beitragen könnte, dass die Kinder zuhause frühstücken und zu Mittag essen könnten, und so ein wenig Familienleben haben könnten, statt den ganzen Tag in der Schule oder auf der Strasse zu verbringen. Keiner schlug vor, den Alkoholismus zu bekämpfen, oder irgendeinen der anderen Faktoren des allgemeinen Zerfalls der Familien. (Laut Statistiken gehört Perú zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil an Alkoholikern.) Und soweit ich sehen und hören konnte, fiel es auch keinem Journalisten ein, entsprechende Fragen zu stellen.

Nun, wenn diese Dinge ein bedeutendes Bevölkerungssegment interessierten, dann hätte sich sicher irgendein Politiker damit befasst. Aber anscheinend interessiert sich niemand dafür, die Familien zu retten. Anscheinend möchte jedermann Kinder zeugen, nur um sie sogleich nach der Geburt dem Staat zu überlassen. So wächst eine ganze Generation heran, die nicht mehr weiss, was Vaterschaft ist, was Geschwister sind, was Zuneigung und Liebe ist, und wer Gott ist.

Eltern möchten, dass ihre Kinder „gebildet“ werden; aber sie vergessen, dass sie selber das wichtigste Element einer wirklichen Bildung sind. Was die Wissensvermittlung betrifft, so haben zwar manche Eltern Hilfe von ausserhalb der Familie nötig – aber ich beobachte täglich in meiner Arbeit, dass die Schule gerade auf diesem Gebiet erbärmlich versagt. Die meisten Kinder verstehen gar nicht, was die Lehrer ihnen beizubringen versuchen!
Kürzlich sagte mir eine erschöpfte Mutter: „Den ganzen Nachmittag bin ich beschäftigt mit den Hausaufgaben meines Sohnes, weil die Lehrerin von mir verlangt, dass ich ihm dieses und jenes beibringe…“ – Ich fragte sie: „Aber wird denn nicht die Lehrerin dafür bezahlt, Ihren Sohn zu unterrichten?“ – „Doch, aber die Lehrerin sagt, sie hätte so viele Kinder in ihrer Klasse, dass sie sich nicht wirklich um alle kümmern kann, und dass ich das zuhause viel besser kann, wo ich nur zwei Kinder habe.“ – „Wozu schicken Sie sie dann überhaupt noch zur Schule?“
Tatsächlich beweist das Schulsystem bereits seine Unfähigkeit, Kinder zu lehren; aber statt seine Niederlage zuzugeben, verlangt es jetzt von den Eltern, sich zu seinen Sklaven zu machen. Jetzt wird auch die wenige Zeit, die die Familie noch zusammen verbringen könnte, von den Hausaufgaben beansprucht.

Ein anderer Elternwunsch ist es, dass ihre Kinder „sozialisiert“ würden. Was bedeutet das?
– Wahrscheinlich wissen viele Eltern nicht, was die meisten Pädagogen und Schulplaner unter „Sozialisierung“ verstehen: nämlich die Anpassung des Kindes an die Forderungen der Gesellschaft (bzw. der Schul- und Gesellschaftsplaner). Mit anderen Worten: dass das Kind sich dem Gruppendruck unterwirft und sich der Mehrheit angleicht. Von daher kommen z.B. die normierten Lehrpläne, die verlangen, dass alle Kinder im selben Alter dasselbe lernen und tun.
In der schulischen Umgebung darf es keine „älteren und jüngeren Geschwister“ geben; keine unterschiedlichen Interessen, Talente, und persönliche Entwicklungsgeschwindigkeiten; alle müssen gleich sein. Das Kind hat keine Geschwister mehr, nur noch „Kameraden“. (Im Spanischen ist das dasselbe Wort wie „Genossen“.) Anstelle der mitmenschlichen Beziehungen einer Familie kennen diese Kinder nur noch institutionalisierte Beziehungen. Statt der Zuneigung liebender Eltern erhalten sie nur noch die Aufmerksamkeit eines/r Angestellten, der/die diese Arbeit nur tut (oft lustlos), um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Und da verwundert es uns noch, dass die Familien auseinanderfallen?

Nun denken die meisten Leute an etwas anderes, wenn sie das Wort „Sozialisierung“ hören. Sie denken z.B. daran, ein friedliches Zusammenleben zu lernen, miteinander zu teilen und einander zu helfen, sich gegenseitig zu respektieren, usw. Das wäre eine gute und positive Bedeutung des Wortes „Sozialisierung“. Aber geschieht dies in der Schule? In Tat und Wahrheit, kaum – trotz der Bemühungen einiger wohlmeinender Lehrer. In einer Gruppe von dreissig (oder auch nur zwanzig) Kindern herrscht natürlicherweise das Recht des Stärkeren; und ein Lehrer kann nicht viel tun, um diese Gruppendynamik zu durchbrechen (wenn er es überhaupt will). Somit wird das Schulkind durch das schlechte Benehmen seiner Kameraden „sozialisiert“ statt durch die (vielleicht) guten Absichten des Lehrers.

Wer ist jetzt ein besseres Beispiel für ein Kind: seine gleichaltrigen Kameraden, die ebenso ihren Eltern entfremdet sind wie es selber; oder seine eigenen Eltern?
Die Eltern befinden sich natürlich in einer viel besseren Ausgangslage, um dem Kind ein gutes Beispiel zu geben im Benehmen, im Zusammenleben, und in allem, was zur „Sozialisierung“ (in ihrem guten Sinn) gehört. Natürlich mit Ausnahme jener traurigen Fälle, wo die Eltern ihre Kinder völlig ablehnen oder Kriminelle oder gewalttätige Alkoholiker sind. Aber ebenso gibt es auch Lehrer, die ihre Schüler ablehnen oder Kriminelle oder Alkoholiker sind.
Beobachten Sie eine Gruppe von Schulkindern auf dem Schulhof während der Pause, oder auf der Strasse bei Schulschluss: Die Kinder behandeln einander vorwiegend mit Aggressionen, Flüchen, Hänseleien und Schlägen. Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder auf diese Weise „sozialisiert“ werden?
In einer Familie dagegen, wo die Eltern (oder zumindest ein Elternteil) anwesend sind, können die Beziehungen zwischen Geschwistern und zu Freunden (wenn sie nach Hause eingeladen werden) viel besser beobachtet und „moderiert“ werden. Die Gegenwart und das Beispiel der Eltern haben mehr Gewicht, und das Kind hat ein Vorbild, an dem es sich orientieren kann.

Natürlich ist Kindererziehung nicht einfach. Es ist eine Arbeit, die Zeit und Vorbereitung erfordert. Aber Eltern, die ihre Kinder lieben, werden ohne weiteres zu diesem „Opfer“ bereit sein, zum Wohl ihrer Kinder. (In Wirklichkeit bereichert dieses „Opfer“ die Eltern selber: an Erfahrung, Reife, und mit einer besseren Beziehung zu ihren Kindern.) Ich kann wirklich nicht verstehen, warum so viele Eltern ihre Kinder vom Babyalter an und möglichst ganztags fremden Personen zur Betreuung überlassen wollen, und sich damit zufriedengeben, sie einige wenige Minuten pro Tag zu sehen. Verwundert es uns da, dass die Familienstreitigkeiten zunehmen, die Trennungen und Scheidungen, die psychologischen Störungen bei Kindern? Und dass in der Folge die ganze Gesellschaft auseinanderzufallen beginnt?

Traurigerweise haben auch die christlichen Kirchen anscheinend nicht erkannt, was vorgeht. Im Gegenteil, soweit ich sehe, machen sie diese Demontierung der Familien fröhlich mit. Statt Familien zu vereinen, trennen sie sie noch mehr mit ihren Programmen von „Sonntagschule“, „Jugendgruppe“, „Männer-“ bzw. „Frauentreffen“, usw. Und in allem was ich oben beschrieben habe, sehe ich, dass die Kirchen den Strömungen der Welt folgen, ohne eine Alternative anzubieten. Gut, es gibt einige evangelische Schulen – aber leider haben auch diese keine christliche Sicht von Erziehung und Familie. Gibt es da überhaupt noch jemanden, der aufstehen würde zur Rettung dieser vom Aussterben bedrohten Art, der FAMILIE?

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (2.Teil)

4. April 2011

Dies ist die Fortsetzung eines Artikels, der Parallelen zwischen der Institution Schule und der institutionalisierten Kirche aufzeigt.

Vorgeschriebene Prozeduren statt Erfüllung der eigentlichen Aufgabe

Es ist mir schon aufgefallen, dass berufsmässige Lehrer sich nur selten dafür interessieren, wie Kinder wirklich lernen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in der Regel habe ich gefunden, dass gerade Lehrer die grössten Schwierigkeiten haben, Daten über Lernvorgänge und geeignete Lernumgebungen zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind derart voll von staatlich vorgeschriebenen Prozeduren, Lehrplänen und Lehrmethoden, dass sie nicht mehr danach fragen, ob diese Prozeduren und Methoden tatsächlich ihrem angeblichen Ziel dienen, nämlich dass Kinder lernen. – Umgekehrt fand ich, dass gerade jene Personen, in denen ich eine natürliche Lehrbegabung feststellen konnte, am wenigsten daran interessiert waren, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Schuldirektoren, Mitglieder von Schulbehörden, usw, sind in der Regel noch weiter entfernt von der pädagogischen Wirklichkeit. Sie sind vollends zu Funktionären des Staates geworden, blind dessen Anordnungen folgend, ohne überhaupt danach zu fragen, ob irgendetwas davon wirklich gut ist für die Kinder.

Meine eigenen Kinder haben am meisten gelernt bei Aktivitäten, die am wenigsten mit „Schule“ zu tun hatten: Gemeinsam herausfinden, wie man ein bestimmtes Computerspiel programmieren kann. Im Internet Bilder und Beschreibungen von Tier- und Pflanzenarten suchen. Eine Reise in eine andere Landesgegend unternehmen. Spontan ein Buch lesen, das einen interessiert, ohne vorgegebene Prüfungsfragen dazu beantworten zu müssen.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich in den institutionalisierten Kirchen. Pfarrer und Pastoren fragen höchst selten danach, wie Christen in ihrem Glaubensleben wachsen, wie Gott bei einer echten Bekehrung wirkt, und ob ihre Gemeindeglieder wirklich zum Glauben an Jesus gekommen sind. Stattdessen sind sie voll von übernommenen evangelistischen Strategien und kirchlichen Traditionen, die angepasste Mitglieder hervorbringen, aber Gläubige an Jesus? Man gibt sich damit zufrieden, dass jemand von der Strategie „erreicht“ wurde, die gerade Mode ist (Massenevangelisation, Strassenpredigt, Alphakurs, „besucherfreundlicher Gottesdienst“, oder was auch immer), und die vorgeschriebenen Schritte durchlaufen hat („Übergabegebet“, Taufe, Glaubensgrundkurs, etc.). Die richtige Durchführung der Prozeduren und Rituale wird wichtiger genommen als die Frage, ob überhaupt noch eine geistliche Wirklichkeit dahintersteht.

Die intensivsten gemeinsamen Gebetszeiten und das lebendigste Interesse an Glaubensfragen habe ich meistens in einem Umfeld gefunden, das am wenigsten mit „Kirche“ zu tun hatte: bei „wilden“, von keiner Gemeinde abgesegneten Jugendversammlungen und -einsätzen.

Sowohl für Schule wie für Kirche gilt: Je institutionalisierter, desto mehr an der eigentlichen Aufgabe vorbei.

Institutionalisierung der mitmenschlichen Beziehungen

Sowohl die Schule wie auch die institutionalisierten Kirchen begehen einen Etikettenschwindel hinsichtlich der mitmenschlichen Beziehungen. Die Schule behauptet, zur „Sozialisierung“ der nächsten Generation notwendig zu sein. In Diskussionen um das „Homeschooling“ (Bildung zuhause) wird oft gefragt: „Wie sollen die Kinder denn lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, wenn sie nicht zur Schule gehen?“ „Wie sollen sie lernen, mit Andersdenkenden umzugehen?“ etc. – In ganz ähnlicher Weise behaupten Vertreter der institutionalisierten Kirchen, ein Christ brauche diese Institutionen, um christliche Gemeinschaft zu haben und zu lernen.

Die tatsächliche Praxis sieht aber ganz anders aus. In Wirklichkeit werden in beiden Institutionen die mitmenschlichen Beziehungen den institutionellen Zielen untergeordnet und dadurch verfremdet. Statt dass die Menschen zusammengeführt werden, werden sie voneinander getrennt. Es gibt meines Wissens nur zwei Arten von Orten auf der Welt, wo Menschen stundenlang nebeneinander auf einer Bank sitzen, ohne miteinander auch nur ein Wort wechseln zu können bzw. zu dürfen: in der Schule und in der Kirche. – Nein, es gibt noch einen dritten solchen Ort: in einem klassischen Konzert. Aber da behauptet niemand, der Besuch von klassischen Konzerten sei notwendig, um mitmenschliche Gemeinschaft zu haben.

Was für mitmenschliche Beziehungen gibt es denn unter den Schülern einer Schule? Sie begegnen einander in erster Linie nicht als Mitmenschen, sondern als Konkurrenten. Es ergibt sich eine Hackordnung, wo das „Recht des Stärkeren“ durchgesetzt wird. Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Mitleid, usw, werden dagegen nicht gefördert. Wie John Taylor Gatto nach über 30-jähriger Erfahrung als Lehrer sagte:

„Die Kinder, die ich unterrichte, sind grausam untereinander. Sie haben kein Mitleid mit dem Unglücklichen, lachen über Schwachheit, und verachten ihre Nächsten, die Hilfe brauchen. – Die Kinder, die ich unterrichte, fühlen sich unwohl bei menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit. Sie gleichen vielen Adoptivkindern, die ich kennenlernte: sie können mit echter Intimität nicht umgehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, ihr echtes Ich geheimzuhalten hinter einer künstlichen äusseren Persönlichkeit…“
(Siehe „Warum Schulen nicht bilden“.)

Und wie steht es mit dem Umgang mit Andersdenkenden? Wer anders denkt als der Lehrer, hat keine Chance. Und auf Gebieten, wo der Lehrer nichts dazu sagt, bildet sich schnell aufgrund der Hackordnung eine „Klassen-Massen-Meinung“. Wer sich der nicht anschliesst, wird zum Aussenseiter – selbt über so unwichtigen Fragen wie die nach der besten Fernsehsendung, dem besten Sportler oder der besten Musikgruppe.

Was die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrifft, so kann diese kaum offen und mitmenschlich werden, solange der Lehrer aufgrund seiner Gewalt der Notengebung die absolute Kontrolle über den sozialen Status und die berufliche Zukunft seiner Schüler hat. Ein Lehrer mag persönlich noch so mitfühlend sein und seine Schüler echt wertschätzen – das System zwingt ihn dazu, jenen, die weniger „leisten“, einen negativen Stempel aufzudrücken.

Wie anders war das in den Zeiten, als ein angehender Handwerker oder Akademiker sich noch persönlich seinen Lehrmeister aussuchen konnte, nicht unter institutionellem Druck, sondern mit persönlicher Kenntnis des Lehrmeisters und dessen Qualitäten! Ein griechischer Philosoph zu seinen Schülern, ein altjüdischer Prophet oder Rabbi zu seinen Jüngern, ein mittelalterlicher Handwerksmeister zu seinen Gesellen – diese hatten sicherlich engere und offenere Beziehungen zueinander als ein heutiger Lehrer zu seinen Schülern, oder ein heutiger Pastor zu seinen Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich, weil die damaligen Lehrer-Schüler-Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhten. Aber je mehr die Institutionalisierung fortschritt, desto schneller nahm die Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ab.

– Was die institutionalisierten Kirchen betrifft, so findet bei deren Anlässen in Wirklichkeit äusserst wenig „Gemeinschaft“ statt. Nebeneinander in einer Bank zu sitzen, dieselben Lieder zu singen und dieselbe Predigt anzuhören, ist noch lange keine Gemeinschaft. – Viele Kirchen heute haben Hauskreise. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber allzu oft sind diese Hauskreise zentral programmiert und überwacht, sodass ein vorgegebenes Programm absolviert werden muss, das eine wirklich transparente Gemeinschaft verhindert. Oder sie stehen unter einem Leistungsdruck, so und so viele neue Mitglieder zu gewinnen, und bemühen sich deshalb krampfhaft, „anziehend“ zu sein – was genau das Gegenteil bewirkt. – Unabhängige Hausgemeinden haben in dieser Hinsicht mehr Freiheit; aber ob sie diese Freiheit wirklich nutzen bzw. sie ihren Mitgliedern zugestehen, steht auf einem anderen Blatt.
In dem Buch „Der Schrei der Wildgänse“ (Wayne Jacobsen und Dave Coleman) fordert ein Besucher eines Hausgemeindetreffens die Teilnehmer mit den folgenden Bemerkungen und Fragen heraus:

„Statt zu versuchen eine Hausgemeinde zu bauen, lernt einander zu lieben und eure Lebensreise miteinander zu teilen. An wessen Seite bittet dich Gott jetzt gerade den Weg zu gehen, und wie kannst du diese Person ermutigen? (…) Versucht nicht, es gezwungen, exklusiv oder dauerhaft zu machen. Beziehungen funktionieren nicht auf diese Weise. (…) Die Gemeinde ist Gottes Volk, das lernt, sein Leben miteinander zu teilen. Marvin hier und Diana dort drüben. Als ich Ben nach eurem gemeinsamen Leben fragte, hat er mir über eure Zusammenkünfte erzählt, aber nichts über eure Beziehungen. Das war vielsagend. Kennst du Roarys grösste Hoffnung, oder Jakes gegenwärtige Kämpfe? Solche Dinge kommen selten während Zusammenkünften zutage. Sie erscheinen im Rahmen natürlicher Beziehungen während der Woche.“

Zur Beziehung zwischen Pastoren/Pfarrern und Gemeindegliedern muss ähnliches gesagt werden wie zur Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nur dass die Gewalt des Gemeindeleiters nicht über die berufliche Zukunft besteht (vollzeitliche Kirchenmitarbeiter ausgenommen), sondern – angeblich – über die ewige Zukunft. Gerade bei tiefgläubigen Mitgliedern kann das zu einem unerträglichen Druck führen.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass der Grad der Institutionalisierung umgekehrt proportional ist zum Grad echter Gemeinschaft. Wie ich in anderem Zusammenhang schon ausführte, werden in einer solchen Umgebung die mitmenschlichen Beziehungen zu Zweckfreundschaften verfremdet. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele. Man zeigt nach aussen hin Verständnis, Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft mit seinen Mitmenschen – aber nur solange diese sich mit-institutionalisieren lassen. Wenn der institutionelle Zweck wegfällt, platzt die Seifenblase einer solchen „Freundschaft“.

Erst recht fatal wirkt sich die Institutionalisierung aus, wenn es zu Konflikten kommt. Diese werden dann überproportioniert zu institutionellen „Disziplinarfällen“, und können im Extremfall die ganze berufliche und persönliche Zukunft von Betroffenen zerstören. In einer nicht-institutionalisierten Umgebung können dagegen persönliche Konflikte auf persönlicher Ebene behandelt werden, was eine Lösung erheblich erleichtert. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament möge dies illustrieren:

Paulus und Barnabas waren auf der ersten Missionsreise enge Mitarbeiter und Freunde gewesen. Einer ihrer Begleiter war Johannes Markus gewesen, der aber auf halbem Weg umkehrte – die Gründe dafür werden uns nicht mitgeteilt. Als sie dann zur zweiten Missionsreise aufbrachen, wollte Barnabas wiederum Johannes Markus mitnehmen, aber Paulus wollte nichts davon wissen. Über dieser Frage zerstritten sich Paulus und Barnabas und trennten sich. In der Folge unternahm Barnabas mit Johannes Markus eine eigene Missionsreise nach Zypern, während Paulus sich einen anderen Begleiter suchte und nach Kleinasien reiste. (Siehe Apostelgeschichte 15,36-40).

So wie die Geschichte uns berichtet wird, handelte es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen den Beteiligten, die darüber hinaus keine grösseren Wellen schlug. Die Auseinandersetzung berührte keine wesentlichen Glaubensfragen, und man konnte sie deshalb auf sich beruhen lassen. Ich nehme an, dass die Beziehung zwischen Paulus und Barnabas während längerer Zeit getrübt blieb. Aber keiner der Beteiligten wurde dadurch in seinem geistlichen Dienst geschädigt. Viele Jahre später lesen wir sogar, dass auch Paulus die Nützlichkeit von Johannes Markus wieder anerkannte (2.Timotheus 4,11). Immerhin handelt es sich bei diesem Mann um den Verfasser des Markusevangeliums.

Wie wäre diese Geschichte in einer heutigen institutionalisierten Kirche oder Missionsgesellschaft ausgegangen? – Da ich ähnliches schon erlebt habe, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Die persönliche Auseinandersetzung wäre institutionalisiert worden: Da Paulus der Leiter des „Missionsunternehmens“ war, hätte seine Erklärung, Markus sei untauglich zur Missionsarbeit, sofort offizielle Geltung erlangt und wäre den wichtigsten Leitern bekanntgemacht worden. Barnabas hätte durch seine Trennung von Paulus seine „geistliche Abdeckung“ verloren (obwohl ursprünglich er der Hauptleiter gewesen war!) und wäre womöglich der „Kirchenspaltung“ und „Rebellion“ beschuldigt worden. Sowohl Barnabas wie Markus wäre die Weiterarbeit im Rahmen der mit Paulus verbundenen Gemeinden verunmöglicht worden. Entweder hätten sie aufgegeben, oder sie hätten eine neue Konfession bzw. Denomination gegründet. – Wie gut, dass Paulus sich nicht als Leiter einer „Institution“ verstand!

In einer institutionalisierten Umgebung können persönliche Konflikte nicht auf persönlicher Ebene gelöst werden, wo sie hingehören. Die Beteiligten können sich nicht einfach als Mitmenschen begegnen: ihr jeweiliger Rang innerhalb der institutionellen Hierarchie überschattet jeden Versuch der Kommunikation. Ein einzelner Leiter oder eine kleine Gruppe von Leitern institutionalisiert und verabsolutiert seine persönliche Meinung. Der persönliche Konflikt wird zu einer kirchenpolitischen Machtdemonstration von seiten des Leiters – oder zu einem Machtkampf, falls es sich um Leiter von ähnlichem Rang handelt.

Fazit

Kirche und Schule sind heutzutage beide in ähnlicher Weise institutionalisiert. Das führt in beiden Institutionen zu ganz ähnlich gelagerten Problemen.

Dementsprechend haben sich auf beiden Gebieten in den letzten Jahrzehnten ähnlich ausgerichtete Gegenbewegungen gebildet: Im Bereich der Bildung die Homeschooling- und Unschooling-Bewegung, und im Bereich der christlichen Gemeinde die verschiedenen Hausgemeindebewegungen, „beziehungsorientierte Gemeinde“ („relational church“), und andere Arten nicht-institutionalisierten Christentums. (Wobei einige Hausgemeindebewegungen ebenso institutionalisiert sind wie die traditionellen Kirchen; diese rechne ich hier nicht mit.)

Ich habe in diesem Artikel versucht, die Parallelen zu beschreiben. Mit der hauptsächlichen Absicht aufzuzeigen, dass die beiden Bewegungen – soweit Christen betroffen sind – wesensmässig zusammengehören und voneinander lernen können. Haus-Gemeinde und Home-Schooling sind eng miteinander verwandt. Beide – wenn richtig verstanden – stellen die Familie wieder in den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Beide arbeiten für die Wiederherstellung der mitmenschlichen Beziehungen, die durch die Institutionalisierung verfremdet wurden. Und es ist meine Überzeugung, dass beide dem ursprünglichen Christentum näher stehen als jede andere zur Zeit existierende Bewegung.

Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme. (1.Teil)

25. März 2011

In früheren Artikeln habe ich ab und zu auf einige Probleme der institutionalisierten Kirche hingewiesen, die offensichtlich nicht mehr das ist, was Jesus ursprünglich gemeint hat. In anderen Artikeln bin ich auf einige Probleme der Institution „Schule“ eingegangen. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass viele Probleme dieser beiden Institutionen parallel laufen. Beide „institutionalisieren“ Menschen in einer Weise, die sowohl dem Plan Gottes wie auch den nach aussen hin erklärten Zielen dieser Institutionen zuwiderlaufen. Ich möchte jetzt gerne einige dieser Parallelen aufzeigen.

Beide Institutionen sind familienfeindlich

Das ist der Punkt, der uns persönlich am meisten betrifft. Als Eltern möchten wir unseren Kindern ein gesundes Familienleben mitgeben, und das bedeutet in erster Linie Zeit zu haben, um für sie da zu sein. Leider stellten wir fest, dass sowohl die Schule wie auch die institutionelle Kirche dieses Ziel massiv behindern.

In den allermeisten christlichen Kirchen werden bei den meisten Anlässen – insbesondere im „Gottesdienst“ – die Kinder von ihren Eltern getrennt. In vielen Kirchen, die ich kennenlernte, ist der Kindergottesdienst vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass die Familien nicht einmal gemeinsam „zur Kirche gehen“ können. Eine Familie, die regelmässig die Anlässe einer solchen Kirche besucht, kann sonntags kaum noch gemeinsam Zeit verbringen.

Bei Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ebenso hoch ist wie unter der übrigen Bevölkerung. Offenbar tragen die Kirchen nichts dazu bei, den Familienzusammenhalt zu stärken.

In den meisten Kirchen heisst der Kindergottesdienst „Sonntagschule“. Deutlicher kann man die Nähe zur Institution Schule nicht mehr ausdrücken.

Natürlich läuft diese ganze Institutionalisierung und altersgruppenweise Verwaltung von Kirchenmitgliedern der Bibel zuwider. In der ursprünglichen christlichen Gemeinde war die Familie das Zentrum des „Gemeindelebens“, und alles andere wurde um die Familie herum aufgebaut. Aber die heutigen institutionalisierten Kirchen haben das „Gemeindeleben“ der Familie entfremdet und es in ein unpersönliches Gebäude für schulähnliche Veranstaltungen verlegt.

In den letzten Jahren sind wieder vermehrt Hausgemeinden gegründet worden, die dem neutestamentlichen Urbild näherkommen möchten. Solche Hausgemeinden haben die grosse Chance, die Familie als Kern des Gemeindelebens wiederzuentdecken und die institutionellen und „schulischen“ Formen von „Kirche“ abzulegen. Die Frage ist, ob sie diese Chance wahrnehmen werden. (Da es in Perú m.W. noch keine Hausgemeindebewegung gibt, kann ich diese Frage nicht aus eigener Beobachtung beantworten.)

Wenn wir nun von der Institution Schule sprechen, da ist die Zertrennung der Familien noch offensichtlicher. Immer früher und immer länger werden die Kinder von ihren Familien getrennt. Lag das Schuleintrittsalter vor hundert Jahren noch um acht Jahre und bestand ein Schultag aus wenigen Stunden, so müssen heute in vielen Ländern (z.B. hier in Perú) schon die Dreijährigen zur Schule gehen. Im Primarschulalter sind sie täglich rund sechs Stunden ausser Haus, in der Sekundarschule können es bis acht Stunden sein. Und selbst die schulfreie Zeit ist nicht wirklich frei: In dieser Zeit müssen Hausaufgaben gemacht werden – je länger je mehr als Gruppenarbeiten, sodass die Kinder auch in dieser Zeit nicht zuhause sein können. Was bleibt da noch an Zeit übrig, um auch nur halbwegs ein Familienleben zu pflegen?

Aber nach dem Willen der Schulplaner soll es ja gar kein Familienleben geben. Schon vor über 20 Jahren bemerkte Eberhard Mühlan:

“Der Deutsche Bildungsrat empfiehlt allen Ernstes als Ziel des pädagogischen Handelns im Elementarbereich, ‚die Abhängigkeit des Kindes von Bezugspersonen zu mindern‘. Damit sind in erster Linie wir Mütter und Väter gemeint! (…) Die Kinder gehören der Gesellschaft, die grosszügigerweise gewisse Erziehungsaufgaben an die Eltern oder an staatliche Einrichtungen verteilt.”
(Eberhard Mühlan, “Kinder in der Zerreissprobe”, Schulte+Gerth Verlag 1985)

Offenbar ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht worden: Funktionierende Familien sind kaum noch anzutreffen. Ist es zu weit hergeholt, diese Entwicklung hauptsächlich der zunehmenden Verschulung und Institutionalisierung der Gesellschaft zuzuschreiben?

Unantastbare Autoritäten

In beiden Institutionen, Schule und institutionalisierte Kirche, gibt es Autoritätspersonen, die sich einen Absolutheitsanspruch anmassen, der nicht in Frage gestellt werden kann bzw. darf.

Der Lehrer ist ein berufsmässiger Besserwisser, der anderen Menschen vorschreibt, was und wie sie zu lernen haben. Darauf beruht das System, und deshalb kann nicht zugelassen werden, dass ein Schüler etwas besser weiss als sein Lehrer – das könnte das ganze System zum Zusammenbruch bringen. Ebensowenig kann zugelassen werden, dass ein Schüler selbständig Dinge lernt, die sein Lehrer nicht weiss, oder die nicht im Lehrplan stehen; oder dass er auf andere Weise lernt, als die Schule vorschreibt. – Ich will hiermit nicht unterstellen, Lehrer handelten böswillig aus den erwähnten Absichten heraus. Nur zu oft sind sie selber auch Gefangene eines Systems, das sie nicht ändern können. Da ich selber als Lehrer gearbeitet habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwer manchmal die Last sein kann, alles besser wissen zu müssen.

Etwas ganz ähnliches geschieht in vielen Kirchen. Der Pfarrer / Prediger ist in der Regel von einer „sakralen Aura“ umgeben, die weit über die wirkliche Autorität hinausgeht, die ihm natürlicherweise zukäme. Verschiedene Konfessionen bewerkstelligen das auf verschiedene Weise, aber das Endergebnis ist überall etwa dasselbe:
– In der katholischen Kirche herrscht die Idee, der Priester werde durch die Priesterweihe zu einer besonderen Klasse Mensch – ein „Kleriker“, aus der Masse der „Laien“ herausgehoben -, und deshalb darf er nicht in Frage gestellt werden, selbst wenn er unrecht hat. Wie mir einmal ein katholischer Apologet sinngemäss schrieb: „Die Kirche ist heilig, weil sie von Jesus selber eingesetzt worden ist, und deshalb müssen wir sie als heilig ansehen, selbst wenn wir in ihr Dinge sehen, die wir als unheilig bezeichnen würden.“ Also: Wenn ich in der Hierarchie der Kirche etwas Unheiliges beobachte, erkläre ich es einfach dennoch als heilig, und damit habe ich das Problem als gelöst zu betrachten.
– Reformierte Pfarrer gewinnen ihren Status hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie studierte Theologen sind. Somit wissen sie „tiefe Geheimnisse“, die von gewöhnlichen Laien nicht gewusst werden können. (Insbesondere, wie man mehr oder weniger überzeugend begründet, warum ein bestimmter Abschnitt in der Bibel nicht das bedeutet, was er effektiv aussagt.) Deshalb können Theologen von Nicht-Theologen nicht in Frage gestellt oder belehrt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Theologen wie „Laien“ dieselbe Bibel vor sich haben…
– In vielen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen ist eine Lehre vorherrschend, wonach Gott zu gehorchen bedeutet, „der von Gott eingesetzten Leiterschaft zu gehorchen“. Wer sich seinem Pastor „unterordnet“, der geniesst gemäss dieser Lehre die „Abdeckung“ Gottes; wer ihm widerspricht, ist den Angriffen des Feindes schutzlos ausgeliefert. Oft wird das so weit getrieben, dass gesagt wird: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht hat oder sündigt, denn Gott wird dich danach beurteilen, ob du deinem Leiter gehorcht hast oder nicht.“ – Es würde hier zu weit führen, im Detail zu zeigen, warum diese Lehre abwegig ist. Der Effekt ist klar: Pastoren erhalten eine unantastbare Machtstellung, denn ihnen zu widersprechen würde ja bedeuten, unter das Gericht Gottes zu fallen. Heute wird das als „geistlicher Missbrauch“ bezeichnet.
(Nebenbemerkung: Interessanterweise befinden sich die Evangelikalen mit dieser Auffassung näher beim Katholizismus als bei der Reformation.)

In beiden Institutionen, Schule und institutionelle Kirche, führt die beschriebene Situation zur Bevormundung, Abhängigkeit und dauernden Unreife der Personen, die unter diesen Institutionen stehen. Folgen sind: Verlust der Kreativität, des selbständigen Denkens und des Urteilsvermögens; Abhängigkeit von vorgegebenen Lern- und Verhaltensmustern; Entpersönlichung. Derart „institutionalisierte“ Kirchenmitglieder lernen nicht, Jesus nachzufolgen, sondern ihren Leitern. Derart „institutionalisierte“ Schüler lernen nicht, wirkliche Kenntnisse zu erwerben, sondern sie lernen nur, wie sie antworten müssen, dass der Lehrer zufrieden ist.

Auch bei diesem Punkt muss ich hervorheben, dass die ursprüngliche christliche Gemeinde anders war. Dort gab es nur eine absolute Autorität, Jesus selber. Gegenüber allen anderen Autoritäten galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29) und: „Prüft alles, behaltet das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21).

Dem Opfer wird die Schuld gegeben

Es ist eine traurige Dynamik in den meisten Situationen des Machtmissbrauchs, dass dem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben wird für das, was ihm zugestossen ist. Leider tritt diese Dynamik auch in den hier beschriebenen Institutionen auf.

Die institutionalisierte Kirche lehrt: „Ohne Pastor und institutionelle Kirche kann ein Christ nicht im Glauben wachsen.“ Es ist also Gesetz, dass man die kirchlichen Anlässe besucht und sich vom Pastor „pastorisieren“ lässt. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Kirche muss man auch noch andere Auflagen erfüllen, wie z.B: die Sakramente in Anspruch nehmen, den Zehnten geben, ein Bibelstudienprogramm besuchen, Bauprojekte unterstützen, usw. Als Gegenleistung wird Wachstum im christlichen Glaubensleben versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieses Wachstum nicht eintritt – wenn z.B. jemand von dem ganzen „Christentum“ zunehmend gelangweilt statt auferbaut wird, oder wenn jemand in grobe Sünde fällt? Meistens wird dann dieser Person die Schuld gegeben: „Du hast eben nicht genug Gott gesucht“, oder „Du hast einen kritischen Geist gegen die Leiterschaft“, oder „Du musst mehr Selbstdisziplin, Hingabe, Glaube (oder was auch immer) haben“, etc.
Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn es der Pastor und die Kirche wäre, was Glaubenswachstum hervorbringt, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieses Wachstum nicht eintritt? Wenn andererseits der Gläubige selber für sein Glaubensleben verantwortlich ist, warum soll er sich dann von einer institutionellen Kirche abhängig machen?

(Anmerkung: Geistliche Gemeinschaft unter Christen und gegenseitige Auferbauung ist etwas sehr Wichtiges. Ich möchte überhaupt nichts dagegen sagen. Aber gerade diese Art Gemeinschaft findet in den institutionellen Kirchen nur höchst selten statt – meistens muss man sie ausserhalb dieser Kirchen suchen.)

Dasselbe geschieht auch in den Schulen. Schulbehörden und Lehrerverbände verkünden: „Ohne Schule und ohne Lehrer kann man nicht lernen.“ Es ist also Gesetz, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“ (richtiger gesagt: gezwungenermassen den grössten Teil des Tages in der Schule absitzen), sich vom Lehrer belehren lassen und zuhause Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung wird Lernerfolg versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieser Lernerfolg nicht eintritt – wenn z.B. ein Schüler sich ständig nur langweilt, schlechte Noten hat und immer weniger versteht? Meistens wird dann dem Schüler die Schuld gegeben (oder dessen Eltern): „Du hast eine Lernstörung“, oder „Du hast eine gestörte häusliche Umgebung“, oder „Du bist einfach faul“, etc.
Ist das nicht derselbe Widerspruch? Wenn es die Schule und die Lehrer wären, die zum Lernerfolg führen, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieser Erfolg nicht eintritt? (Wie einmal jemand sagte: „Schulversagen ist in Wirklichkeit das Versagen der Schule.“) Wenn andererseits der Schüler selber für sein Lernen verantwortlich ist, warum zwingt man ihn dann dazu, zur Schule zu gehen, wenn es doch so viele alternative Lernmöglichkeiten gibt?

Zu beiden Institutionen muss zudem gesagt werden, dass die Versagerquote hoch ist – zu hoch im Vergleich mit dem, was sie versprechen. Schulen und Lehrer setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie dem „homeschooling“ mangelnde Qualität vorwerfen, während sie selber so viele Schüler mit mangelhaften Noten und mangelhaften Kenntnissen hervorbringen. Und Kirchen und Pastoren setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie den „nicht-institutionellen“ Christen Ungehorsam, mangelnde Verbindlichkeit und weiss ich was noch alles vorwerfen, während sie selber so viele Mitglieder hervorbringen, die dem Wort Gottes ungehorsam sind oder überhaupt vom Glauben abfallen.

Falsche Kriterien für die Eignung zu einer bestimmten Aufgabe

In einer weniger verschulten und institutionalisierten Gesellschaft konnte ein Arbeiter durch die Qualität seiner Arbeit überzeugen. Wer in einem Handwerk ein Meister werden wollte, der übte sich so lange, bis er ein Produkt von Spitzenqualität herstellen konnte – eben sein „Meisterstück“. Auf welche Weise er genau zu dieser Fähigkeit kam, war dabei unwesentlich. – Salomo sagte: „Siehst du einen Mann, geschickt in seinem Beruf? In Königsdienst wird er treten, Niedrigen wird er nicht dienen.“ (Sprüche 22,29).

Aber in der heutigen institutionellen Bürokratie genügt es nicht, die eigene Fähigkeit zu beweisen. Man braucht in erster Linie ein offizielles Diplom. Dieses bescheinigt nicht so sehr die tatsächliche Fähigkeit oder die tatsächlichen Kenntnisse, als vielmehr die Tatsache, dass man den offiziell vorgeschriebenen Ausbildungsgang hinter sich gebracht hat. Das wirkliche Lehrziel der Ausbildung besteht nicht in den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten, sondern in der Unterordnung unter die Institution. Dass man dieselben Fähigkeiten oder Kenntnisse auch auf anderen Wegen erlangen könnte, wird dabei nicht berücksichtigt. Man wird nicht darnach bewertet, was man als Mensch ist oder kann, sondern darnach, ob man sich „institutionalisieren“ lässt. Man muss die vorgeschriebene Schule besuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, und dann bekommt man ein Diplom, mit dem man einen Arbeitgeber suchen kann. Das führt zur „Angestelltenmentalität“ (diesen Ausdruck habe ich mir von Wolfgang Simson ausgeliehen): man bettelt darum, dass einem jemand Arbeit gibt, und ist dann ein Leben lang von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Gegensatz dazu wäre die „Unternehmermentalität“: Man schafft sich selber seine Arbeit, aufgrund der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten.

Die institutionelle Kirche macht dieses Spiel freudig mit. Das Glaubensleben von Mitgliedern wird danach beurteilt, wie oft sie zum Gottesdienst kommen, wieviel Zeit sie der Gemeinde zur Verfügung stellen, wieviele Glaubenskurse sie besucht haben, usw. (Erwähnt Jesus irgendetwas davon als Mass unserer Liebe zu ihm?) – Pastoren und Leiter werden selten nach ihren Fähigkeiten und ihrer geistlichen Berufung gewählt. Vielmehr müssen sie zuerst den vorgeschriebenen Ausbildungsgang absolvieren (Bibelschule bzw. Theologiestudium; Kandidatenzeit bzw. Vikariat, usw.), und dann unter Beweis stellen, dass sie sich widerspruchslos in die Institution einfügen. Kirchen suchen „Angestellte“, und einige wenige Leiter an der Spitze gefallen sich in der Rolle der „Arbeitgeber“ – aber ein gewöhnlicher Christ kann und darf in einer solchen Kirche nichts aus eigener Initiative „unternehmen“.

Wie anders sah die Ausbildung eines neutestamentlichen Mitarbeiters wie z.B. Timotheus aus! Paulus lud ihn einfach ein, ihn auf der Reise zu begleiten. Timotheus half ihm, wo er konnte, und erlebte mit, wie neue Gemeinden gegründet wurden und Gott wirkte. Dadurch lernte er und wuchs in Verantwortung. Seine Beziehung zu Paulus war persönlich, nicht „institutionell“. Timotheus war kein „Missionskandidat der Missionsgesellschaft Paulus & Co.“ (Es ist sehr bezeichnend, dass im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde keine Eigennamen von Institutionen, „Werken“ oder Gruppierungen vorkommen!) Er musste auch keinen vorgeschriebenen Lehrplan absolvieren und erhielt nie ein Abschlusszeugnis. Er war einfach ein Glaubensbruder, der einem anderen Glaubensbruder half und dabei offenbar seine eigene Berufung entdeckte.
Ein solcher „Mitarbeiter in Ausbildung“ musste auch nicht unbedingt von Paulus „abgedeckt“ sein. Wir sehen, dass ein unabhängiger Mitarbeiter wie z.B. Apollos genau dieselben Chancen hatte wie Timotheus. (Apg.18,24-28, 1.Kor.3,1-9). – Der Apostel Johannes wendet sich in seinem dritten Brief scharf gegen die institutionellen Einschränkungen der Gemeindemitarbeit, wie sie heute überall an der Tagesordnung sind: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen gern der Erste wäre, nimmt uns nicht an. (…) Und damit nicht zufrieden, nimmt er weder selber die Brüder auf, noch lässt er es denen zu, die es tun wollen, und stösst sie aus der Gemeinde aus.“ (3.Joh.9-10) Allzuviele heutige Gemeinden werden von einem modernen Diotrephes geleitet.
– Zurück zu Timotheus. Es muss einmal der Moment gekommen sein, wo die Mitbrüder seine geistliche Berufung und Befähigung erkannten und anerkannten. Allmählich wurde sein Dienst von dem des Paulus unabhängig. Die Brüder beteten für ihn mit Handauflegung; aber auch da erhielt Timotheus keinen „Titel“ und keine offizielle „Anstellung“. Er wird nie „Pfarrer Timotheus“, „Lehrer Timotheus“, „Evangelist Timotheus“ oder so ähnlich genannt (obwohl er anscheinend alle die Gaben hatte, die diesen Bezeichnungen zugrunde liegen). Er wurde nie in ein institutionelles Schema gepresst. Er war schlicht und einfach Timotheus, mit genau den persönlichen und unverwechselbaren Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hatte und die die Mitbrüder in ihm sehen konnten.

(Fortsetzung folgt)

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 2)

25. August 2010

In der ersten Folge habe ich einige Wesenszüge des „Tieres“ in Offenbarung 13 untersucht. Wir haben gesehen, dass es sich dabei um eine „Instutionalisierung“ handelt, die den Einzelmenschen entpersönlicht. Ich habe dann kurz das Milgram-Experiment beschrieben; ein psychologisches Experiment, das die Bereitschaft von Menschen zur blinden Unterordnung untersucht. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass 60 bis 70% der Bevölkerung auf die Anordnung einer Autoritätsperson hin so weit gehen, einem Mitmenschen grausame Schmerzen zuzufügen und ihn sogar in Lebensgefahr zu bringen!

Da ich vorwiegend an christliche Leser denke, stelle ich mir jetzt die Frage: Wie gross ist die Gefahr der christlichen Kirche, zu „vertieren“?

Auf meinem Weg durch eine Vielzahl christlicher Gemeinden und Institutionen begegneten mir leider auf Schritt und Tritt die Anzeichen einer solchen Institutionalisierung oder „Vertierung“.

Ein Gemeindeleiter sagte mir, als ich gewisse administrative Gebräuche seines Gemeindeverbandes ausser acht gelassen hatte: „Du weisst noch nicht, wie die Dinge im Reich Gottes funktionieren.“ (Womit er anscheinend die Gebräuche seines Verbandes mit dem Reich Gottes gleichsetzte.)
Ein anderer Gemeindeleiter, der sich durch eine meiner Schriften angegriffen fühlte, fragte mich: „Hast du etwas gegen die organisatorische Struktur unseres Verbandes?“ Von der Bibel her hatte er jedoch nichts zu antworten auf das, was ich geschrieben hatte.
An Vorstandssitzungen einer sogenannt christlichen Organisation wurden anstössige Vorfälle innerhalb der Organisation nicht darnach beurteilt, was Jesus dazu sagt, sondern ob die Leute draussen darüber redeten oder nicht, und ob dies dem Ansehen der Institution schadete oder nicht. Je nachdem konnte ein und dieselbe Handlung entweder mit Schweigen zugedeckt oder drakonisch bestraft werden.
In einer anderen Organisation herrschte die Ansicht, man könne ohne weiteres lügen oder eine Unterschrift fälschen, wenn dies den Zwecken der Organisation diente.

Solche Anzeichen deuten darauf hin, dass in allzuvielen „christlichen“ Organisationen die „Interessen der Institution“ und das „Ansehen der Institution“ mehr gelten als die Interessen Gottes und das Ansehen Gottes. Diese Institutionen sind zu ihren eigenen Götzen geworden; sie haben sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt.

Demgegenüber fällt auf, dass das Neue Testament keine „institutionelle“ Sprache benützt – zumindest wenn man diese nicht von aussen her hineinliest. Manche Bibelübersetzungen sind leider sehr von der gegenwärtigen institutionellen Kirche geprägt und übersetzen daher „Gemeinde“ (oder „Versammlung“) als „Kirche“, „Aufseher“ als „Bischof“, „Diener“ als „Diakon“, „Hirte“ als „Pastor“, „Dienst“ als „Amt“, usw. Ursprünglich hatte aber keines dieser Wörter eine „institutionelle“ Bedeutung. Sie beschrieben einfach, was diese Menschen taten, ohne dass dies mit einer hierarchischen „Stellung“ oder „Amt“ verbunden gewesen wäre.

Jesus und die Apostel bewegten sich ausserhalb jedes institutionellen Rahmens. Sie hatten keinerlei offizielle Anerkennung oder „Position“. Es ist bezeichnend, dass sie ihre schärfsten Zusammenstösse genau mit den religiösen Institutionen ihrer Umgebung hatten: mit den Synagogen und deren Leitern, und mit dem Hohen Rat. Sie traten zwar nicht aus der Synagoge aus, aber ihr ganzes Leben und ihre Lehre stellten dieses System radikal in Frage.

Sie gründeten auch keine neue Institution. Die neutestamentliche Gemeinde wurde nicht von Organigrammen, Reglementen und Statuten zusammengehalten, sondern von einer Person: vom auferstandenen Herrn selber. Sein Konzept von „Kirche“ war äusserst einfach: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

In einer kleinen Begebenheit zeigte Jesus, dass er keine „Institution“ zu verteidigen hatte:

„Johannes antwortete: ‚Meister, wir haben jemanden gesehen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, aber er folgt uns nicht; und wir haben es ihm verboten, weil er uns nicht folgte.‘ Aber Jesus sagte: ‚Verbietet es ihm nicht; denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, wird darauf Böses sagen können über mich.'“ (Markus 9,38-39)

Auch als die Gemeinde wuchs und die Aufgaben und Dienste vielfältiger wurden, war dies kein Anlass zur Bildung einer Hierarchie. Interessanterweise benutzt das Neue Testament nie die Wörter „über“ oder „unter“, wenn es von den Beziehungen zwischen verschiedenen Gliedern der Gemeinde spricht. Stattdessen ist die Rede von Dienern oder Aufsehern, die „bei euch“ oder „in eurer Mitte“ arbeiten, also auf gleicher Ebene. Die „Unterordnung“ in der neutestamentlichen Gemeinde war gegenseitig (Epheser 5,21).

Auch finden wir im Neuen Testament nicht „die Kirche“ als abstrakten Begriff mit einem institutionellen Eigenleben. „Kirche“ bzw. „Gemeinde“ bezieht sich jeweils klar auf die Gesamtheit der einzelnen Mitglieder als Menschen; öfters erscheint „Gemeinde“ austauschbar mit „die Jünger“ oder „die Heiligen“.

Einen interessanten Kontrast dazu bildet in der Apostelgeschichte der Silberschmied Demetrius, der mit der Anbetung der Göttin Artemis ein Geschäft machte. Als er durch den Einfluss von Paulus sein Geschäft gefährdet sah, wandte er sich an seine Angestellten und Berufskollegen mit den Worten:
„…Und nicht nur unser Handwerk läuft Gefahr, in Verruf zu geraten, sondern auch, dass der Tempel der grossen Göttin Artemis geringgeachtet wird, und ihre Grösse niedergerissen wird, die ganz Asien und die ganze Erde verehrt.“ (Apostelgeschichte 19,27)
– Demetrius spricht nicht über seine persönliche Betroffenheit, sondern apelliert an den „guten Ruf der Institution“ (seines Berufsverbandes) und deren Statussymbols, des Artemistempels. Somit sehen es die Silberschmiede als ihre „institutionelle Pflicht“, Demetrius zu unterstützen; und er bringt es fertig, die ganze Stadt in Aufruhr zu versetzen. Dieser Volksauflauf war eine deutliche Konfrontation zwischen der „Tiernatur“, die sich im „Geist einer Institution“ manifestiert, und dem Geist Gottes, der in seinen Dienern lebt. Nie hat hingegen ein Apostel das „Ansehen der christlichen Gemeinde“ als Vorwand benützt, um die Christen auf seine Seite zu ziehen, und sei es für ein noch so berechtigtes Anliegen.

Aber sobald die Apostel nicht mehr da waren, begannen sich die Gemeinden zu institutionalisieren, und gaben damit der „Tiernatur“ in ihrer eigenen Mitte Raum. Schon anfangs des 2.Jahrhunderts begann sich eine hierarchische Struktur auszubilden, indem in einigen Städten ein „Bischof“ sich eine Art „Befehlsgewalt“ über die anderen Ältesten der Gemeinde zusprach. Und „Ältester“ zu sein, war plötzlich nicht mehr eine natürliche Anerkennung geistlicher Reife, sondern wandelte sich zur Mitgliedschaft in einem „Leitungsgremium“.

Später kam es so weit, dass bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Christenheit die Leiter der jeweiligen Parteien einander gegenseitig „aus der Kirche ausschlossen“. Eine solche Handlung hat eine ganz andere Färbung als die Anweisungen Paulus‘ an die Korinther (1. Korinther 5), mit unbussfertigen Sündern keine brüderliche Gemeinschaft zu haben, oder in einem besonders anstössigen Fall den Betreffenden „dem satan zu übergeben“. Letzteres, obwohl es hart klingt, ist immer noch eine persönliche Entscheidung auf der Basis persönlicher Beziehungen (die bei einer Umkehr des Schuldigen auch persönlich wiederhergestellt werden können, wie der 2.Korintherbrief bezeugt). Ersteres jedoch, „Ausschluss aus der Kirche“, ist eine offizielle Handlung im Namen einer „Institution“, unpersönlich und mitleidslos.

In einer „tierischen“ Institution werden selbst die mitmenschlichen Beziehungen und Freundschaften „institutionalisiert“. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele, die man miteinander teilt – nicht anders als in einem Wirtschaftsbetrieb. Das hat sehr traurige Folgen, die ich in meinem eigenen Leben mehrmals erlebt habe:
Man täuscht sich selber über die Qualität der Beziehungen, die man zu anderen hat. Was man als Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft wahrnimmt (bei sich selbst und bei anderen), ist oft nur ein zweckgebundenes Mittel, die Zusammenarbeit innerhalb der Institution zu verbessern. Bei einer institutionellen Krise zeigt sich dann das wahre Gesicht der Beteiligten, und es kommt zur grossen Enttäuschung.
Wenn sich die Institution aus irgendeinem Grund gegen einen wendet, dann verliert man mit einem Schlag alle Freundschaften, die man dort gehabt zu haben meinte. Diejenigen, die nur eine „zweckgebundene“ Beziehung pflegten, haben keinen Grund mehr, diese weiter zu pflegen; und jene, die echte Freunde waren, getrauen sich nicht mehr, die Freundschaft weiterzuführen, weil sie sonst selber von der Institution als „Feinde“ angesehen werden könnten.

Diese Institutionalisierung des Christentums kam zu ihrem Höhepunkt, als im 4.Jh. die Kaiser Konstantin und Theodosius die christliche Gemeinde praktisch dem Römischen Reich einverleibten (oder umgekehrt), indem das Christentum zuerst unter den persönlichen Schutz des Kaisers gestellt und dann zur Staatsreligion erklärt wurde. Jetzt wurde die Hierarchie der Kirche vollends dem römischen Verwaltungsapparat gleichgestaltet. (Man beachte, dass das Römische Reich die deutlichste Verkörperung des „Tieres“ in der damaligen Zeit war. Johannes spielt in der Offenbarung sogar an mehreren Stellen direkt auf Rom an.) Daraus entstand die römisch-katholische Kirche und ihre Zwillingsschwester, die orthodoxe Kirche Osteuropas.
Diese „konstantinische Wende“ ist von der Christenheit bis heute nicht überwunden worden. Der reformierte und evangelikal-pfingstliche Flügel del Christenheit hat zwar in den letzten 500 Jahren verschiedene Änderungen vorgenommen. Aber auch diese Gruppe blieb in ihrer Grundhaltung weitgehend konstantinisch und nicht biblisch: Kirche wird als eine Institution verstanden, die in irgendeiner Weise dem Staat angegliedert oder ihm nachgebildet ist. „Nicht-institutionelle“ Christen führten während der ganzen Kirchengeschichte nach dem Tod des letzten Apostels ein Schattendasein oder wurden blutig verfolgt; seien es die Waldenser im Mittelalter, die Täufer in der Reformationszeit, oder manche heutigen Hausgemeindebewegungen in China und anderswo.

Die Mehrheit der Christenheit denkt und lebt in institutionellen Paradigmen und bezeugt damit ihre Affinität zur „Tiernatur“. Diese Mehrheit wird sich sehr wahrscheinlich widerstandslos in das weltweite „tierische“ System eingliedern, wenn es so weit ist. Wer das nicht glaubt, der möge darüber nachlesen, wie die Mehrheit der deutschen Kirchenführer enthusiastisch Hitler unterstützten im Glauben, er sei einer der ihren. (Etwas mehr darüber im übersetzten Artikel: „Wir brauchen verzweifelt eine Bekennende Kirche“.)

Ein weiteres Anzeichen dafür ist, wie die Kirchen während der letzten 150 bis 200 Jahre es nicht nur zugelassen, sondern aktiv unterstützt haben, dass die Regierungen dieser Welt ihnen ihre ureigensten Handlungsräume weggenommen haben. Während Jahrhunderten war es zumindest im Einflussbereich des Christentums klar, dass die Regierung für die Rechtsprechung und die Landesverteidigung zuständig war (Römer 13,3-5) und für nichts anderes. Aber heute scheint die Mehrheit der Christen und der christlichen Leiter nichts dabei zu finden, wenn der Staat z.B. die Kranken pflegt, die Armen versorgt und die Kinder erzieht – und alle diese Bereiche entsprechend kontrolliert und überwacht.

Früher wurden alle diese Aufgaben in erster Linie von der Familie und Verwandtschaft wahrgenommen, und in zweiter Linie von der „geistlichen Familie“, der christlichen Gemeinde. Aber mit der zunehmenden Institutionalisierung der Kirche wurden auch diese sozialen Aufgaben immer mehr von der Kirche als Institution übernommen. Damit fand eine Akzentverschiebung statt: Wenn ein Christ oder eine Gruppe von Christen aus persönlichem Mitleid einen Kranken pflegt oder einen Armen versorgt, den er persönlich kennt, dann ist dies eine Tat der Nächstenliebe. Wenn aber die Kirche als Institution dies tut, und die Christen wiederum dieser Institution ihr Geld oder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, dann werden diese Handlungen entpersönlicht. Der Christ, der hilft, erfüllt jetzt eine „institutionelle Pflicht“; und der, dem geholfen wird, sieht sich zu einem „institutionellen Fall“ degradiert.

Es war also nur der natürliche Fortgang dieser Entwicklung, als die Kirchen allmählich ihren politischen Einfluss verloren und die Staatsregierungen erstarkten, dass diese sozialen Aufgaben an die „Institution Staat“ übergingen. Institutionalisiert waren sie ja schon. Ich wäre deshalb nicht überrascht, wenn dieselben Kirchen zu einem zukünftigen Zeitpunkt dem Staat auch ihren letzten übriggebliebenen Handlungsraum überliessen: den eigentlichen „religiösen Bereich“. (Auch hierfür gibt es in der Geschichte bereits Präzedenzfälle.)

Als Folge wird der Staat totalitär. Alles, was der Staat leistet und finanziert, das überwacht er auch. Die „tierischen“ Bestrebungen werden immer ausgeprägter, der Institution (in diesem Fall dem Staat) immer mehr Macht und Einfluss zukommen zu lassen, und die Institution vor der Kontrolle durch die Öffentlichkeit abzuschirmen. Gleichzeitig nimmt die Feindseligkeit gegenüber jenen zu, die aus irgendeinem Grund als Bedrohung der „Interessen der Institution“ empfunden werden.

Ich zitiere nochmals John Taylor Gatto:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich etwas verändert in Amerika. Es werden massive Anstrengungen unternommen, um eine zentral organisierte Kontrolle der Arbeitsplätze mit einer zentral organisierten Verwaltung der Schulbildung zu verbinden. Das wäre die amerikanische Entsprechung zum chinesischen „Dangan“ – eine persönliche Datei, die im Kindergarten begonnen wird (sie verzeichnet Schulleistungen, Haltungen, Verhaltensmerkmale, die Krankheitsgeschichte, und andere persönliche Daten), und mit allen Arbeitsmöglichkeiten verbunden wird. In China kann man dem Dangan nicht entfliehen. Er ist ein Teil eines Netzes der gesellschaftlichen Überwachung, die die Stabilität der Gesellschaftsordnung sichert; Gerechtigkeit hat nichts damit zu tun. Der Dangan kommt in die Vereinigten Staaten unter dem Deckmantel von geschickt ausgedachten Änderungen in der Medizin, Arbeitswelt, Schule, Sozialdiensten, usw, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Tatsächlich werden diese Teile koordiniert durch eine Verbindung zwischen Stiftungen, Regierungsstellen, die Subventionen vergeben, der Werbeabteilungen von Unternehmen, wichtigen Universitäten, und ähnlichen Stellen, die sich ausserhalb des Gesichtsfeldes der Öffentlichkeit befinden.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

Dasselbe geschieht schon fast weltweit – auch hier in Perú. Im hiesigen Gesundheitswesen ist z.B. jetzt eine neue interne Regelung in Kraft, wonach Kinder, die zu einer Untersuchung oder Behandlung zu einem staatlichen Gesundheitsposten gebracht werden, vom Personal nach ihrer Familien- und Schulsituation befragt werden und die entsprechenden Informationen an die übergeordnete Regionalstelle weitergeleitet werden müssen. Teenager werden zusätzlich nach ihrem Sexualleben befragt. Da praktisch das ganze Gesundheitswesen verstaatlicht ist, kann sich keine Familie dieser Überwachung entziehen (ausser man wird nie krank).

Schon vor vielen Jahren hat der Autor George Orwell diese „tierische Dynamik“ sehr gut verstanden, angesichts der damaligen Machtausweitung des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Sein Klassiker „1984“ ist in dieser Hinsicht sehr instruktiv, wenn auch sehr pessimistisch. Leider scheint dieser Roman gegenwärtig – zu Unrecht – in Vergessenheit zu geraten.

Ich möchte aber nicht an diesem Punkt aufhören. Das Buch der Offenbarung wurde hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben, eine „Ewigkeitsperspektive“ in die Weltereignisse hineinzubringen. Alle paar Kapitel, zwischen den Beschreibungen schrecklicher Dinge auf der Erde, wendet sich der Blick des Johannes wieder zum Himmel, von wo ihm Jesus erschienen ist, der Auferstandene und Lebendige. Dort sieht er Gott auf seinem Thron, wie er Engelsheere kommandiert und mit starker Hand die Weltereignisse regiert. Nichts kann geschehen ohne seine Einwilligung. Er sieht auch eine unzählbare Schar Erlöster, die nach einem leidvollen Leben jetzt vor Gottes Thron stehen, und „sie werden nicht mehr Hunger oder Durst haben, und die Sonne oder Hitze wird nicht mehr auf sie fallen; denn das Lamm (Jesus), das in der Mitte des Thrones ist, wird sie hüten und sie zu Quellen des Lebenswassers führen; und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen.“ (Offenbarung 7,16-17)

Das macht natürlich nur Sinn für jemanden, der erfahren hat, dass „Himmel“ und „Ewigkeit“ nicht leere Worte sind, sondern wirklichere und beständigere Realitäten als die gegenwärtige sichtbare Welt. (Aber wer diese Perspektive nicht kennt, wird vermutlich auch dem Rest dieses Artikels nicht viel Sinn abgewinnen können.)
Es gibt also in der letzten Zeit, wie in der Offenbarung beschrieben, nicht nur die institutionalisierte „Tier-Kirche“. Es gibt auch noch wirkliche Nachfolger von Jesus, die ihm wirklich begegnet sind und ihn persönlich kennengelernt haben. Diese echten Nachfolger Jesu lassen sich nicht so einfach in ein institutionalisiertes „System“ einspannen. Sie haben über sich eine höhere Autorität: Jesus selber. Und genau das ist den Anführern der institutionalisierten Kirchen ein Dorn im Auge: Sie möchten gerne selber die höchste Autorität sein. Sie ärgern sich über die einfachen Nachfolger Jesu, die sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).
Aber wir lesen in der Offenbarung auch, dass es dem „Tier“ nur für kurze Zeit erlaubt wird, die Welt zu beherrschen. Jesus selber wird kommen und das „Tier“ und sein Reich zunichte machen. Die Zukunft wird den einfachen Nachfolgern Jesu gehören, die zur Zeit noch verachtet, verfolgt und ausgeschlossen werden. Wenn wir sehen, wie sich gegenwärtig in der Welt alle die „tierischen“ Entwicklungen bewahrheiten, die in der Bibel vorausgesagt sind, dann haben wir allen Grund zu glauben, dass sich auch diese Voraussage bewahrheiten wird.

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 1)

15. August 2010

Die uralte biblische Offenbarung ist auch heute hochaktuell. Ich möchte deshalb in diesem Artikel auf einige Abschnitte aus der Johannesoffenbarung eingehen. Nicht um die theologischen Kontroversen anzufachen, die es um dieses Buch gibt; sondern um einige aktuelle Bezüge herzustellen.

Prophetie ist nicht einfach gleich „Vorhersage“ oder „Zukunftsschau“. Prophetie ist ein „Blick hinter die Kulissen“ auch der gegenwärtigen Weltereignisse. Deshalb hatte die Offenbarung des Johannes sowohl den Christen im Römischen Reich, wie auch den Reformatoren und Wiedertäufern am Anbruch der Neuzeit, wie auch uns heute etwas zu sagen. Die Wahrheiten Gottes sind zeitlos, und es gibt bestimmte „Muster“, die den Weltereignissen aller Jahrhunderte zugrunde liegen.

Einen besonders vielsagenden „Blick hinter die Kulissen“ finden wir im 13.Kapitel der Offenbarung. Im Zentrum dieses Kapitels steht ein mysteriöses „Tier“. Hier ein paar Ausschnitte:

„Und die ganze Erde staunte dem Tier nach, und sie beteten den Drachen an, der dem Tier die Macht gegeben hatte, und sie beteten das Tier an: ‚Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?'“ (Verse 3-4)

„Und es wurde ihm gegeben, gegen die Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen; und es wurde ihm Macht gegeben über jeden Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation. Und alle Bewohner der Erde beteten es an; (alle) deren Name nicht aufgeschrieben ist im Buch des Lebens des geschlachteten Lammes seit der Grundlegung der Welt.“ (Verse 7-8)

„Und es macht, dass allen, den Kleinen und den Grossen, den Reichen und den Armen, den Freien und den Sklaven, ein Zeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn gegeben wird; und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, der nicht das Zeichen des Namens des Tieres hat, oder die Zahl seines Namens.“ (Verse 16-17)

Wir haben es hier mit einem Phänomen weltweiten Ausmasses zu tun. „Jeder Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation“ – das bedeutet „global“. Und es geht um Macht, sehr viel Macht. Politische Macht (Regierungsgewalt und Krieg), religiöse Macht (das „Tier“ wird angebetet; und es besiegt die „Heiligen“, d.h. die Nachfolger Jesu), und wirtschaftliche Macht (niemand kann kaufen oder verkaufen ohne Bewilligung des „Tieres“). Eine solche Machtkonzentration war der Traum vieler berühmter Herrscher und Politiker seit den Tagen Nebukadnezars und Alexanders des Grossen, bis zu den heutigen Architekten einer „neuen Weltordnung“. Offenbarung Kapitel 13 deckt das „Muster“ auf, das hinter all diesen Unternehmen steckt.

Darüber könnte vieles gesagt werden. Ich möchte mich hier darauf beschränken, dem Ausdruck „Tier“ nachzugehen. In gewissen christlichen Kreisen ist es Mode, vom „Antichristen“ zu sprechen und nach dessen Kommen Ausschau zu halten; und in diesem Zusammenhang wird dann das erwähnte Kapitel zitiert. Aber das Wort „Antichrist“ kommt im Buch der Offenbarung gar nicht vor. (Dieser Ausdruck erscheint nur in den Johannesbriefen, und bezieht sich dort offensichtlich auf eine Vielzahl von Personen.) – Paulus beschreibt im 2.Thessalonicherbrief, Kapitel 2, einen „Menschen der Sünde“ oder „Mensch der Gesetzlosigkeit“, welcher der landläufigen Vorstellung vom „Antichrist“ nahekommt. Aber ob dieser „Mensch der Sünde“ identisch ist mit dem „Tier“ in der Offenbarung, wäre erst noch zu zeigen. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Paulus einen Menschen meint, einen „Er“; aber die Offenbarung spricht von einem Tier, einem unpersönlichen „Es“.

Oft können unklare Stellen der Bibel mit anderen, klareren Stellen erklärt werden. Es gibt ein Buch im Alten Testament, das in vielen Aspekten die Vision der Offenbarung vorausnimmt: das Buch Daniel. Im Kapitel 7 beschreibt Daniel eine Vision von vier Tieren. Das vierte dieser Tiere entspricht fast genau dem „Tier“ in der Offenbarung. Daniel erhält dazu die folgende Erklärung:

„Das vierte Tier wird ein viertes Reich auf der Erde sein, das von allen anderen Reichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde fressen, zertreten und zermalmen. Und die zehn Hörner bedeuten, dass sich aus jenem Reich zehn Könige erheben werden…“ (Daniel 7,23-24)

Dieses „Tier“ ist also nicht eine Einzelperson, sondern ein „Reich“ oder eine „Regierung“. Es trägt „Hörner“, welche einzelne Könige oder Regierungspersonen verkörpern; aber das „Tier“ als ganzes ist viel mehr als eine Einzelperson. Wer lediglich nach dem Kommen eines einzelnen „Antichristen“ Ausschau hält, läuft deshalb Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Das „Tier“ existiert bereits jetzt, und es existierte schon zur Zeit des Apostels Johannes; aber wegen der gängigen Auslegungen sind viele Christen nicht imstande, es zu sehen.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Einzelperson und einem „Tier“ zu verstehen. Eine Einzelperson hat z.B. Gefühle, Verstand, Mitleid, Liebe, oder auch Hass und Zorn. Ein Tier hat das alles nicht. Es handelt irrational, instinktgetrieben. Ein Mensch hat ein Verantwortungsbewusstsein und kann für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden; ein Tier nicht.

Wenn sich Menschen in grösseren Gruppen zusammenschliessen und sich eine Struktur geben als Gremium, Institution, etc, dann beginnt von einem nicht genau festzulegenden Punkt an diese Institution ein Eigenleben zu entwickeln. John Taylor Gatto beschrieb dieses Phänomen folgendermassen:

„Institutionelle Moral besteht immer aus Propaganda. Wenn einmal eine institutionelle Maschinerie von genügender Grösse und Kompliziertheit aufgebaut ist, beginnt eine logische Entwicklung, die intern darauf ausgerichtet ist, alle ethischen Gebote zu unterdrücken und schliesslich zu eliminieren…
Die hauptsächliche Aufgabe aller institutionellen Verwalter ist es, dafür zu sorgen, dass ihre Institution zunimmt an Macht, an Anzahl der Angestellten (oder Mitglieder), an Unüberprüfbarkeit von seiten der Öffentlichkeit, und an Belohnungen für die Schlüsselpersonen. Die hauptsächliche Aufgabe ist natürlich nie jene, die öffentlich als Zweck der Institution verkündet wird. Ob wir von Bürokratien zur Kriegführung, zur Postzustellung oder zur Kindererziehung sprechen, macht keinen Unterschied.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

In anderen Worten: Das „Menschliche“ geht verloren. Die Wünsche, Bedürfnisse und (hoffentlich) edlen Absichten der Menschen, welche sich anfangs zusammenschlossen, treten immer mehr in den Hintergrund. Dafür wird es immer wichtiger, die wachsenden Bedürfnisse eines unpersönlichen „Es“ – der Institution – zu befriedigen. Die „Tier-Natur“ der Institution wird mit der Zeit immer dominanter. Selbst Menschen, die offiziell an der „Spitze“ einer solchen Institution stehen – Staatspräsidenten, Generäle, Kirchenführer -, müssen eines Tages erkennen, dass sie zu Sklaven ihres eigenen Systems geworden sind. Sie wissen, dass sie sehr schnell gestürzt werden können, wenn sie gegen die „heiligen Interessen der Institution“ angehen.

Je grösser und komplizierter eine solche Institution, desto eher verschwindet der Einzelmensch hinter dem „Tier“. Ja, er kann sich sogar so weit mit dem „Tier“ identifizieren, dass er seine eigenen menschlichen Regungen verliert und selber anfängt, die „Tier-Natur“ anzunehmen. Es ist dabei belanglos, ob es sich um eine klassische Hierarchie handelt (wie im Militär oder im Vatikan), oder um ein postmodernes, New-Age-konformes „Netzwerk“.

Es gibt historische Momente, wo dieser entmenschlichende Vorgang in ein helles Schlaglicht gestellt wird. Leider werden diese Momente nur zu schnell vergessen. Ein solcher Moment war z.B. das „Erwachen“ Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, als nicht nur Deutschland sich fragte: Wie war es möglich, dass eine ganze hochzivilisierte Nation einer derartigen barbarischen Ideologie und Kriegsmaschinerie hinterherlief? Aber auf dem Höhepunkt der Macht und Popularität des „Dritten Reiches“ hatte tatsächlich „die ganze Welt diesem Tier nachgestaunt“, und hatte gesagt: „Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?“

Im Jahre 1961, als der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor Gericht kam, ersann der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, um die Bereitschaft von Menschen zu untersuchen, abwegigen und sogar grausamen Anordnungen einer Autoritätsperson Folge zu leisten. Er wollte damit Fragen wie diese untersuchen: „Könnte es sein, dass Eichmann und seine Million Komplizen im ‚Holocaust‘ einfach Befehlen folgten? Können wir sie wirklich alle Komplizen nennen?“ – In seinem Bericht über das Experiment schrieb Milgram:

„Wie viel Schmerz wird ein Normalbürger einem Mitmenschen zufügen, einfach weil ein Wissenschafter oder Versuchsleiter es ihm befiehlt? … Selbst wenn die Schreie der Opfer den Versuchsteilnehmern in den Ohren klangen, gewann die Autorität meistens. … Gewöhnliche Menschen, die einfach ihre Arbeit tun, ohne persönliche Feindseligkeit, können Agenten eines schrecklichen und zerstörerischen Prozesses werden. Noch mehr: Auch wenn die zerstörerischen Folgen ihrer Arbeit offensichtlich werden, und ihnen gesagt wird, sie sollen Handlungen begehen, die unvereinbar sind mit grundlegenden moralischen Massstäben, sogar dann sind relativ wenige Menschen in der Lage, der Autorität zu widerstehen.“

(Dieses Zitat und die meisten anderen Angaben zum Milgram-Experiment stammen aus dem einschlägigen Artikel in Wikipedia.)

In dem Experiment ging es darum, dass der Versuchsperson gesagt wurde, sie solle das Verhalten einer anderen Versuchsperson mittels immer stärkerer Elektroschocks kontrollieren. (Was die Versuchsperson nicht wusste: In Wirklichkeit wurden keine Elektroschocks verabreicht, sondern die andere „Versuchsperson“ war ein Schauspieler, der den Schmerz nur vortäuschte.) Der Versuchsleiter übte keinen Druck auf die Versuchsperson aus. Jedesmal wenn eine Versuchsperson nicht mehr weitermachen wollte, sagte der Versuchsleiter lediglich, in dieser Reihenfolge:
1. „Bitte fahren Sie weiter.“
2. „Das Experiment verlangt, dass Sie weiterfahren.“
3. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weiterfahren.“
4. „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weiterfahren.“
Wenn nach dieser vierten Aufforderung eine Versuchsperson weiter darauf bestand, das Experiment abzubrechen, dann wurde es abgebrochen.

Das Experiment wurde an verschiedenen Orten der Welt und in verschiedenen Umgebungen wiederholt, überall mit demselben Ergebnis: Zwischen 61% und 66% der Versuchspersonen waren bereit, bis zu potentiell tödlichen Elektroschocks (wenn sie echt gewesen wären) von 450 Volt zu gehen. Im ersten Experiment von Milgram brach nur eine von 40 Versuchspersonen das Experiment unterhalb der Schwelle von 300 Volt ab. Keine einzige Versuchsperson verlangte, dass das Experiment an sich eingestellt würde.

Dieses Experiment gibt einen erschreckenden Einblick in die „Tier-Natur“ von Institutionen und politischen Systemen. Anscheinend der einzige Faktor, der die Bereitschaft der Versuchspersonen beeinflusste, war die persönliche Nähe. Wenn die Versuchsperson z.B. selber den Arm der anderen „Versuchsperson“ auf eine elektrisch geladene Platte halten musste, war die Bereitschaft zum Gehorsam deutlich geringer, als wenn sie von der anderen Person durch eine Glaswand getrennt war und die „Schocks“ aus der Entfernung auslöste.

„Wer kann dem Tier widerstehen?“ Anscheinend nur wenige. Ein jüdischer Versuchsteilnehmer – einer der wenigen, die das Experiment vorzeitig abgebrochen hatten – schrieb später, er hätte sich geweigert weiterzumachen, weil ihm der Verdacht gekommen sei, „das ganze Experiment sei dazu bestimmt, herauszufinden, ob gewöhnliche Amerikaner unmoralische Befehle ausführen würden, so wie es viele Deutsche während der Nazizeit taten.“

Leider fand ich keine Information darüber, ob der glaubensmässige Hintergrund der Versuchsteilnehmer das Ergebnis beeinflusste. Es wäre interessant zu erfahren, ob z.B. gläubige Juden und Christen, die in ihrem Gewissen an Gottes Wort gebunden sind, eher widerstehen konnten.

Die Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher warfen Licht auf einen weiteren Aspekt der „Tier-Natur“: Es ist schwierig bis unmöglich, eine ganze Institution oder ein politisches System zur Verantwortung zu ziehen. Jeder Beteiligte, bis hin zu den Leuten an der Spitze, versteckt seine persönliche Verantwortung hinter der Gesamt-Verantwortung des „Systems“ oder der „Institution“ (welche keine Persönlichkeit und kein Verantwortungsbewusstsein hat). Selbst wenn ihnen das ganze Ausmass des Leidens gezeigt wurde, das sie verschuldet hatten, zeigten einige, wie z.B. Eichmann, kein persönliches Schuldbewusstsein.

Im Kleinen beobachtete ich ähnliches in einigen Institutionen, sogar in solchen, die sich christlich nennen. Menschen, die an unrechten und unmoralischen Handlungen mitgewirkt hatten, konnten keine persönliche Schuld darin sehen, obwohl sie das Unrechte der Handlung an sich eingestanden. Schliesslich hatten sie „im besten Interesse der Institution“ gehandelt. Aber warum wird allgemein geglaubt, eine Institution, die gar keine Persönlichkeit hat, könnte berechtigte „Interessen“ haben?

Milgram konnte das erschreckende Ergebnis seines Experimentes nicht erklären. Das 13.Kapitel der Offenbarung liefert vielleicht nicht eine volle Erklärung, aber einen erhellenden Blick darauf. Es gibt in der Welt ein dämonisch inspiriertes Bestreben, immer grössere „tierische“ Institutionen zu errichten und diesen zu folgen, bis schliesslich die ganze Welt „institutionalisiert“ ist. Dies erklärt gewisse weltweite paradoxe Entwicklungen. Z.B. dass auf der einen Seite zunehmend nationale Grenzen, Handelsbarrieren usw. beseitigt werden, um die Welt zu „einigen“ und internationale „Freiheiten“ einzuführen; dass aber andererseits der Bürger zunehmend von seiner eigenen Regierung kontrolliert und überwacht wird, bis er keinen Schritt mehr tun kann, ohne von einer Überwachungskamera beobachtet zu werden, und keine Produkte mehr erwerben kann, ohne sich registrieren zu lassen.

Fortsetzung folgt…

Quellenangaben:

John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“
( http://www.johntaylorgatto.com )
Wikipedia (englisch), Artikel „Milgram experiment“

Weitere empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
George Orwell, „1984“ (Ein Klassiker, der nicht in Vergessenheit geraten sollte!)
Wayne Jacobsen und David Coleman, „Der Schrei der Wildgänse“, Gloryworld-Medien (Englische Originalversion online bei http://www.jakecolsen.com )

„Sie sehnen sich nach Familie“ – nicht nach Institution! Ein Nachtrag.

21. Januar 2010

Vor einigen Wochen schrieb ich einen Bericht über unsere gegenwärtige Tätigkeit unter dem Titel „Sie sehnen sich nach Familie“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/12/12/sie-sehnen-sich-nach-familie/).

Ein – im übrigen wohlmeinender – Verfechter des institutionalisierten Christentums schrieb mir, als Argument für die Eingliederung in eine „institutionelle“ Gemeinde: „Wie schön und wichtig für diese gute Arbeit wäre ein Netzwerk von Mitarbeiter mit weitern Gaben, die auch helfen könnten, dass diese punktuelle Arbeit eine Fortsetzung und Weiterführung finden würde!“
Ja, das wäre eigentlich schön und gut. Im Grunde habe ich nichts dagegen, wenn Freunde oder Mitarbeiter im institutionellen Kirchentum involviert sind – solange sie ihrerseits uns zugestehen, unseren Weg zu gehen. Und weitere Mitarbeiter zu haben, die diese Arbeit mittragen, wäre auch nicht schlecht. Aber persönlich würde ich es vorziehen, Mitarbeiter zu haben, die wie wir dazu bereit sind, unabhängig vom institutionellen Kirchensystem zu arbeiten. Ich habe genügend Zeit in diesem System verbracht – etwa zwei Jahrzehnte -, um mir vorstellen zu können, was geschähe bei dem Versuch, unsere gegenwärtige Tätigkeit im Rahmen einer solchen Institution auszuüben.

Wäre ich noch Mitglied der Missionsgesellschaft, mit der ich erstmals nach Perú kam, dann hätte ich nicht einmal die Frau heiraten dürfen, mit der ich inzwischen viele glückliche Ehejahre verbracht habe. Ich hätte also höchstwahrscheinlich bis heute nicht einmal eine Familie. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Bevor ich anfangen könnte, den Nachbarskindern zu helfen, müsste ich der Leiterschaft „meiner“ Institution eine möglichst überzeugende Projektbeschreibung vorlegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mehrere dicke Umschläge mit vergangenen Projekten, Grundsatzerklärungen, Visions- und Missionsbeschreibungen, Anforderungsprofilen für Mitarbeiter, usw. usw. – lauter wertloses Papier, weil die darin enthaltenen Vorschläge vor Jahren inmitten der Unmöglichkeiten institutioneller Bürokratien versickert sind.

Es würde also eine lange Reihe von Kommissionssitzungen, Abklärungsgesprächen, Korrespondenzen, usw. beginnen.

Dann würde die Institution – falls ich wirklich ihr Wohlwollen für mein Projekt gewinnen könnte – mit 99%iger Sicherheit darauf bestehen, für dessen Durchführung eine Räumlichkeit zu kaufen oder zu mieten, weil eine solche Unternehmung in unserer eigenen Wohnung zu sehr den Anstrich einer eigenwilligen Privatinitiative hätte (oder was auch immer als Grund angegeben würde). Dieser Schritt würde aber unweigerlich zu einer langen Diskussion über Budgetfragen, Mittelbeschaffung usw. führen.

Dann käme bestimmt irgendein schlauer Kopf auf die Idee, wenn wir schon so etwas machten, dann sollten wir es doch gleich „richtig“ machen, d.h. als staatlich anerkannte „Akademie“ usw. Das würde uns viel mehr Türen öffnen und den Einfluss unserer Arbeit ausweiten. (Trifft nach den Massstäben dieser Welt sicherlich zu.) – Somit würde ein Bewilligungsverfahren beim Erziehungsministerium eingeleitet. Auf den Unterlagen dafür könnten wir aber nicht als Verantwortliche figurieren, da weder meine Frau noch ich ein gültiges Lehrerdiplom haben. Es müsste also zuerst ein „Alibi-Lehrer“ gesucht werden, der für uns unterschreiben würde. Das wiederum würde zu einem Kompetenzenkonflikt zwischen diesem Lehrer und uns führen, was von Anfang an den Erfolg des Projektes in Frage stellen würde.

Über diesen mehrfachen Bewilligungsverfahren (zuerst bei unserer eigenen Institution, dann bei den staatlichen Instanzen) wäre der grösste Teil des Schuljahres bereits verstrichen. Aber angenommen, diese Verfahren hätten Erfolg und wir könnten wirklich beginnen: auch dann wäre unsere Arbeit noch nicht sicher. Wir müssten jederzeit damit rechnen, dass die Institutionsleitung willkürlich unsere besten Mitarbeiter in andere Arbeitszweige versetzen würde und uns (wenn überhaupt) andere, unerfahrene und ungeeignete Mitarbeiter zuteilen würde. (Ich schreibe aus Erfahrung. Die meisten meiner vergangenen – institutionellen – Projekte sind genau aus diesem Grund eingegangen.)

Jetzt komme ich erst zum Hauptpunkt: Schon ziemlich am Anfang dieses institutionellen Hürdenlaufs wäre das Wesentliche verlorengegangen, das für die meisten Kinder der eigentliche Grund ist, überhaupt zu uns zu kommen und nicht zu einem anderen existierenden Hilfsangebot: nämlich dass wir eine Familie sind und eben nicht eine Institution. Genau jene Kinder, die gegenwärtig am meisten unsere Hilfe nötig haben und davon profitieren, wären gar nicht erst zu uns gekommen.

Ganz zu schweigen davon, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Hausaufgabenhilfe einer „Sekte“ senden würden. Wir haben herausgefunden, dass viele unserer Nachbarn religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind – und die meisten von ihnen haben gute Gründe zum Misstrauen. (Etwa ein Drittel von ihnen sind ehemalige Mitglieder evangelischer Gemeinden.) Gerade der Umstand, dass wir keiner solchen Organisation angehören, ermöglicht unbefangene Glaubensgespräche. Wir hoffen, dass so einige von den Gemeinden enttäuschte Menschen dennoch wieder einen Zugang zu Jesus finden können, unabhängig von vergangenen schlechten Erfahrungen und ohne den Druck, „Mitglied“ einer „Organisation“ werden zu müssen. Viele von ihnen sind nicht grundsätzlich dem Glauben abgeneigt; sie stossen sich nur an dessen verzerrter Form, der sie in den Gemeinden begegnet sind. – Ein gemeindlich-institutionalisiertes Hilfsprogramm wird dagegen – mit wenigen Ausnahmen – nur solche Menschen anziehen, die sich bereits im Dunstkreis evangelischer Tradition bewegen, und die gerade deshalb „Glauben an Jesus“ mit „Mitgliedschaft in einer Organisation“ verwechseln.

Die Kinder, die zu uns kommen, sind noch weit davon entfernt, das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Aber ihre „Sehnsucht nach Familie“ zielt in die richtige Richtung – im Gegensatz zur „Sehnsucht nach Institution“ oder zur „Sehnsucht nach religiöser Betätigung“, die ich in einigen anderen Menschen beobachte. Christliche Gemeinde ist in erster Linie Familie, nicht Institution. Wenn ein Attribut Gottes es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, dann ist es: „VATER“. Nicht nur der Vater von Jesus, sondern auch der Vater einer Familie, zu der jeder wahrhaft Gläubige gehört.

Hierzu ein beachtenswerter Denkanstoss von Wolfgang Simson:

„Die Art von Gemeinde, die wir hier auf Erden haben, hängt stark davon ab, wie wir uns Gott im Himmel vorstellen. Wenn wir glauben, wir hätten einen ‚Lehrer im Himmel‘, dann wird die Gemeinde zu einem Schulzimmer, wo wir uns Notizen machen und sie gleich anschliessend vergessen. Wenn wir glauben, Gott sei ein Richter, dann sieht die Gemeinde wie eine Polizeistation aus. Wenn wir glauben, Gott sei ein Arzt, dann wird die Gemeinde wie ein Spital, wo wir einander die Wunden verbinden und dann einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, Gott sei ein General, dann wird die Gemeinde zu einer Armee. Aber wenn wir verstehen, dass Gott in erster Linie ein Vater ist, dann wird die Gemeinde wie eine Familie sein.“

Deshalb glaube ich, ein Kind, das nach einer echten Familie sucht, hat die besten Voraussetzungen dafür, den Vater im Himmel zu finden und kennenzulernen.