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Die christliche Gemeinde ist auf Familien aufgebaut

12. Juni 2013

Mit „christlicher Gemeinde“ meine ich die Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird – denn das ist etwas ganz anderes, als was heute allgemein unter „Kirche“ oder „Gemeinde“ verstanden wird. Die neutestamentliche Gemeinde hatte ihr irdisches Zentrum in den Familien.

Natürlich ist das eigentliche Zentrum der Gemeinde im Himmel, in der Person von Jesus selber. Aber in diesem Artikel möchte ich über die irdische Organisation der Gemeinde sprechen. Und auf dieser Erde ist die Familie das zutreffendste Bild der göttlichen Dreieinigkeit. Wenn wir eine echte „Reformation“ der Gemeinde wollen, dann müssen wir die Familie als irdisches Zentrum der Gemeinde wiederentdecken, und die Gemeinde um die Familien herum strukturieren und die Familien stärken, statt sie auseinanderzureissen, wie das allzu viele heutige Gemeinden tun.

Vorläufer der christlichen Gemeinde war Israel, das erwählte Volk Gottes des Alten Testaments. Dieses Volk war während seiner ganzen Geschicht durchgängig nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert.
Das ganze Volk hat seinen Urprung in drei Generationen von Familien: die Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von jedem Sohn Jakobs entsprang einer der Stämme Israels. Wir lesen über die Organisationsform des Volkes:

„Die Israeliten lagerten sich jeder bei seinem Banner, unter dem Feldzeichen der Familien ihrer Väter…“ (4.Mose 2,2) – Die Fortsetzung des Kapitels gibt für jeden Stamm den Ort an, wo sie sich während der Wüstenwanderung lagern sollten.

„Und ihr sollt das Land durchs Los als Erbe zugeteilt erhalten, nach euren Familien; (…) nach den Stämmen eurer Väter sollt ihr es als Erbe zugeteilt erhalten.“ (4.Mose 33,54) – Jeder Stamm erhielt ein bestimmtes Gebiet des verheissenen Landes zugeteilt. (Siehe auch Josua 14 – 19.)

„Tretet also morgen nach euren Stämmen herzu; und der Stamm, den der Herr (durchs Los) bestimmen wird, soll nach seinen Sippen herzutreten; und die Sippe, die der Herr bestimmen wird, soll nach ihren Familien herzutreten; und die Familie, die der Herr bestimmen wird, soll Mann für Mann herzutreten …“ (Josua 7,14). – Das war das Vorgehen, mit welchem ermittelt wurde, wer vom Volk gesündigt hatte. Die Organisation des Volkes nach Verwandtschaftsgraden ist klar ersichtlich. Dasselbe Vorgehen wurde angewandt, um die Wahl Sauls zum König zu bestätigen (1.Samuel 10,20-21).

Noch viele Jahrhunderte später organisierte Nehemia das Volk nach Familien, um die Stadtmauer zu verteidigen:
„Da stellte ich an den tiefer liegenden Orten hinter der Mauer, und an den offenen Stellen, das Volk nach Familien auf, mit ihren Schwertern, Lanzen und Bogen. Dann sah ich sie an, und erhob mich und sagte zu den Adligen und den Offizieren, und zum übrigen Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den grossen und furchtbaren Herrn, und kämpft für eure Brüder, für eure Söhne und Töchter, für eure Frauen und für eure Häuser!“ (Nehemia 4,13-14)

Das wichtigste jüdische Fest, das Passah, wird in den Familien gefeiert:
„Am zehnten Tag dieses Monats soll jeder ein Lamm nehmen nach den Familien ihrer Väter, ein Lamm für jede Familie.“ (2.Mose 12,3)
„… Das sollt ihr halten, ihr und eure Kinder, als ein ewiges Gebot. … Und wenn eure Kinder euch fragen: Was bedeutet dieser euer Brauch?, dann sollt ihr antworten: Das ist das Passahopfer des Herrn, der an den Häusern der Israeliten in Ägypten vorüberging … „ (2.Mose 12,21-27)
Während der Passahfeier muss ein Kind (normalerweise das jüngste) mit dieser Frage das Gespräch beginnen. Als Antwort erzählt der Vater seiner Familie die Geschichte des Passah und leitet die Feier.

Dieses Familienbewusstsein ist auch im heutigen Israel noch gegenwärtig:

„In dieser Zeit (in Israel) ging mir auf, wie sehr die jüdische Kultur eine Familienkultur ist, bei der der Tisch mit Essen und tiefen Diskussionen über die heiligen Schriften im Mittelpunkt steht. Durch diese Erfahrungen in Israel ging mir auf, wie sehr das Gemeindeleben, wie ich es in verschiedenen Frei- und Grosskirchen kennengelernt hatte, vom griechischen Geist geprägt ist. Im griechischen Geist entwerfen wir schöne Theorien und gehen in Gottesdienste, bei denen die wenigsten aktiv teilnehmen. (…) Demgegenüber lebt das Judentum davon, dass man sieht, wie etwas gemacht wird. Dabei trifft man sich um den Tisch herum. Dort behandelt man sowohl Fragen des Alltags als auch geistliche Themen. Das Ganze geschieht im Gespräch miteinander. Für mich war mein sechsjähriger Aufenthalt in Israel eine Zeit, in der Gott mir den Filter wegnahm, durch den ich die Bibel vorher gelesen hatte.
(…) Gleichzeitig ist die Kernfamilie immer Teil eines grösseren Zusammenhanges, d.h. der Grossfamilie bzw. der Sippe. Auf diese Weise überlebten die Juden als Minderheit in einem ihnen feindlich gesonnen Umfeld, der Diaspora. Die Juden waren sich bewusst: ‚Wir als Juden, als Gottes auserwähltes Volk, gehören zusammen.‘ Trotz dieses gemeinschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühls geht der Einzelne nicht unter im ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘, sondern man fördert die Fähigkeiten, Talente und Gaben der Einzelnen.
Wer aber aus dem Volk herausragt, indem er an Geld, Macht und Einfluss in der Gesellschaft gewinnt, hat immer auch eine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. Das sieht man bis heute in Israel, wo reiche Juden aus aller Welt für de Armen, Schwachen und Benachteiligten spenden. Zudem ist man sich bewusst, dass man zu einer Grossfamilie gehört, einer Sippe, die sich gegenseitig unterstützt. In einer solchen Grossfamilie gibt es immer einen zusätzlichen Teller, ein zusätzliches Bett oder sonstige materielle, ideelle oder praktische Hilfe. Lebt man in erreichbarer Nähe, so trifft sich die Grossfamilie regelmässig – nicht nur zu den herausragenden Zeiten im Leben ihrer Mitglieder – und sitzt gemeinsam um den Tisch, isst miteinander und tauscht sich aus.“
(Markus Jerominski, in „Väter und Mütter, die die Welt prägen“.)

Diese selben Prinzipien galten in der Urgemeinde. Die ersten Christen verstanden sich wie Israel als Grossfamilie. Das ganze Leben der christlichen Gemeinschaft war familienzentriert.

Ihr bevorzugter Versammlungsort war das eigene Haus. In den Ursprachen der Bibel ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Das Neue Testament erwähnt u.a: „die Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquila“ (1.Kor.16,19), „die Gemeinde im Haus von Nympha“ (Kol.4,15), „die Gemeinde im Haus von Philemon“ (Phm.2). Von Gayus wird gesagt, „der mich und die ganze Gemeinde beherbergt“ (Röm.16,23). In Apg.2,46 heisst es von den ersten Christen: „Sie brachen das Brot in den Häusern, assen zusammen mit Freude und Einfachheit des Herzens.“ Da wird deutlich der „Familientisch“ der jüdischen Kultur sichtbar. Ebenso in Apg.5,42: „Und jeden Tag, im Tempel und in den Häusern, hörten sie nicht auf, Jesus Christus zu verkünden und von ihm zu lehren.“ (Siehe auch Apg. 2,2, 8,3, 11,11-15, 12,12, 16,31-34, 16,40.)

Diese „Hausgemeinden“ (wahrscheinlich Gemeinschaften von mehreren Familien, die in der Nähe wohnten) bildeten also etwas wie geistliche „Sippen“, und zusammen mit anderen „Sippen“ der Stadt bildeten sie die geistliche Grossfamilie ihrer Stadt („die Gemeinde in Ephesus“, „die Gemeinde in Korinth“, usw.). So sagt Paulus in Eph.2,19, dass wir als Christen „Mitglieder der Familie Gottes“ sind.

Insbesondere ist das „Abendmahl“ die Fortsetzung des jüdischen Passahmahls (Matth.26,17-29). So wie das Passah in den Familien gefeiert wird, so auch das Abendmahl in der Urgemeinde. („Sie brachen das Brot in den Häusern„, Apg.2,46). So wie der jüdische Familienvater die Passahfeier leitet, so leitete der urchristliche Familienvater das Abendmahl. Dazu war kein „Priester“, „Pfarrer“ oder „Pastor“ notwendig.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Hausgemeinden nicht einfach „Zellen“ oder „Hauskreise“ einer grösseren zentralisierten Kirche waren, so wie sich heute manche Freikirchen organisieren. Die Hausgemeinde war eine vollgültige, weitestgehend unabhängige Gemeinde. Paulus spricht die Hausgemeinden in seinen Briefen immer als „Gemeinden“ an, nicht als „Gruppen“ oder „Zellen“.

Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass sich die Hausgemeinden nicht einfach dadurch auszeichneten, dass sie sich in Privathäusern versammelten statt an irgendeinem anderen Ort. Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie Familiengemeinden waren. Ihr Kern bildete eine Familie, und ihr Zusammenleben hatte die Struktur einer Familie.
Offenbar waren die Familien in diesen Versammlungen vereint. Einige Abschnitte in den apostolischen Briefen richten sich direkt an die Kinder (Eph.6,1-3, Kol.3,20, 1.Joh.2,12-13). Die Kinder waren demnach anwesend, wenn diese Briefe vorgelesen wurden. Die Urgemeinde spaltete die Familien nicht auf in „Männerklub“, „Frauentreffen“, „Jugendgruppe“ und „Sonntagschule“, wie es die meisten gegenwärtigen Kirchen machen. Im Gegenteil, sie versammelte sich als eine „Familie von Familien“.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament lesen wir oft davon, dass ganze Familien sich entscheiden, dem Herrn nachzufolgen. So sagt Gott in seiner Berufung an Abraham: „… und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet sein.“ (1.Mose 12,3).
Josua verpflichtete sich, zusammen mit seiner ganzen Familie dem Herrn zu dienen: „… aber ich und mein Haus werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15).
In der Apostelgeschichte lesen wir, dass sich Cornelius „mit seinen Verwandten und seinen engsten Freunden“ zum Herrn bekehrte (Apg.10,24.44). Ebenso „Lydia und ihre Familie“ (Apg.16,15), und der Gefängnisaufseher mit „allen, die in seinem Haus waren“ (Apg.16,31-34).

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Eine israelische Anekdote

14. Juli 2012

Die folgende Anekdote, die im Internet kursiert, ist wahrscheinlich nicht wahr, aber zumindest gut erfunden:

Der israelische Botschafter vor den Vereinten Nationen begann sein Votum:

„Meine Damen und Herren, bevor ich mit meiner Rede beginne, möchte ich Ihnen eine alte Passah-Geschichte erzählen.

Als Moses die Juden aus Ägypten ins Gelobte Land führte, musste er mit ihnen durch die beinahe endlose Wüste Sinai ziehen. Das Volk wurde durstig und brauchte Wasser. So schlug Moses mit seinem Stab an eine Bergflanke, und Wasser schoss heraus. Es bildete sich ein kristallklarer, kühler See. Das Volk freute sich, und alle tranken nach Herzenslust.

Moses wollte auch seinen ganzen Körper reinigen, deshalb ging er zur anderen Seite des Sees, entledigte sich all seiner Kleider und badete sich im erfrischenden Wasser. Aber als Moses wieder aus dem Wasser stieg, entdeckte er, dass seine Kleider verschwunden waren. Und er sagte: ‚Ich habe Grund anzunehmen, dass die Palästinenser meine Kleider gestohlen haben.'“

Da springt der palästinensische Delegierte auf und ruft erregt: „Das ist eine Unverschämtheit! Es ist doch allgemein bekannt, dass es zu der Zeit noch gar keine Palästinenser gab!“

Der israelische Delegierte fährt ungerührt fort: „Und diese Tatsache wollen wir alle im Sinn behalten, während ich nun zum eigentlichen Thema meiner Rede komme …“

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 3)

31. Mai 2012

Endzeitspekulationen

Der dispensationalistische „Endzeitfahrplan“ beruht weitgehend auf einer eigenwilligen Auslegung der Prophetie über die „siebzig Wochen“ in Daniel 9: Es handle sich hier ausschliesslich um eine Prophetie für Israel, weshalb das ganze Zeitalter der christlichen Gemeinde davon ausgenommen sei. Somit müsse zwischen der 69.Woche (Hinrichtung des Messias) und der 70.Woche („das Ende“) ein für den Propheten unsichtbarer Zeitraum von unbestimmter Dauer liegen. Dieser Zeitraum sei die Dispensation der Gemeinde, nach deren Ende Gott seine Pläne mit Israel wieder aufnehme.
Für einen ernsthaften Bibelausleger sollte auf den ersten Blick klar sein, dass es sich hier um Spekulation handelt: Nichts im Text selbst oder im weiteren Zusammenhang legt eine solche Auslegung nahe. Nur wenn das dispensationalistische Auslegungsschema bereits als korrekt vorausgesetzt wird, macht diese Auslegung Sinn. Nimmt man dieses Schema weg, dann kann man diese Auslegung mit viel Grosszügigkeit vielleicht noch als möglich bezeichnen, aber sicher nicht als zwingend.

Timothy Weber gibt eine kurze Beschreibung der Schwierigkeiten und Schlussfolgerungen, die sich aus dieser Auslegung ergeben:

„Dies (die dispensationalistische Auslegung von Daniel 9) bedeutete im Kern, dass die christliche Gemeinde keine Prophezeiungen ihr eigen nennen durfte. Sie befand sich in einem mysteriösen, prophetischen zeitlosen Raum, in einer „grossen Klammer“, die keinen Platz hatte in Gottes ursprünglichen Plänen. (…) Diese Perspektive brachte die Dispensationalisten – um nicht zu sagen die ganze Gemeinde – in eine schwierige Lage. Gemäss ihrer Argumentation ist die Gemeinde in der Welt, aber sie kann keine der Prophetien über zukünftige irdische Ereignisse für sich beanspruchen. Wie wir schon gesehen haben, erröteten die Dispensationalisten beim Gedanken daran, Gottes himmlischem Volk irdische Prophetien zuzuschreiben. Ausserdem wusste jeder Dispensationalist, dass die Bibel voll ist von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse. Daniels siebzigste Woche, die auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben wurde, muss irgendwann stattfinden. Diese problematische Zeit, von allen Prämillenialisten* „die grosse Trübsal“ genannt, wird in der Johannesoffenbarung und an anderen Stellen (z.B. Matth.24 und 2.Thess.2) sehr detailliert beschrieben.
Die Dinge werden dadurch noch komplizierter, dass die Dispensationalisten glaubten, Gott sei nicht willens oder nicht fähig, mit seinen zwei Völkern zugleich zu handeln oder seine beiden Pläne zur selben Zeit auszuführen. Als Folge davon erschien es notwendig, die Gemeinde hinwegzunehmen, bevor Gott zu seinen endzeitlichen Plänen für Israel schreiten könne. Dieses ziemlich schwierige Problem wurde mit Leichtigkeit gelöst durch die umstrittenste und speziellste Lehre des Dispensationalismus: die geheime Entrückung der Gemeinde vor der grossen Trübsal. (…)
Es scheint, dass bis zu den frühen 1830er-Jahren alle futuristischen Prämillenialisten die Entrückung im Zusammenhang mit dem zweiten Kommen Christi am Ende der Trübsal gesehen hatten. Aber die Dispensationalisten, mit Hilfe der erfinderischen Lehre John Darbys, rissen die beiden Ereignisse auseinander. Bei der Entrückung, sagten sie, würde Christus „für“ seine Heiligen kommen, und beim zweiten Kommen würde er „mit“ seinen Heiligen kommen. Zwischen diesen beiden Ereignissen würde die Trübsal stattfinden, die von den Dispensationalisten mit Daniels siebzigster Woche und mit der Herrschaft des Antichristen gleichgesetzt wurde. Auf diese Weise würde die Gemeinde von der Bühne verschwinden, sodass Gott mit seinem prophetischen Countdown und seinem Handeln mit Israel fortfahren könnte.“
(Timothy Weber, „Living in the Shadow of the Second Coming–American Premillennialism 1825-1982“, zitiert in Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)

* (Prämillenialismus = die Lehre, dass Jesus vor dem Tausendjährigen Reich zurückkommt, um dieses aufzurichten.)

Ich denke, es ist hier der Ort, auf ein paar Bibelstellen hinzuweisen, die von Dispensationalisten meistens übergangen (oder dann umgedeutet) werden:

„Denn dann wird eine grosse Drangsal („Trübsal“) sein, wie von Anfang der Welt an bis jetzt keine gewesen ist und auch keine sein wird. (…) Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus, oder dort, so glaubt es nicht! (…) Wenn man nun zu euch sagt: Siehe, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus; siehe, er ist in den Gemächern, so glaubt es nicht! Denn wie der Blitz vom Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet, so wird die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein.“ (Matth.24,21.23.26-27)

Deutlicher kann kaum gesagt werden, dass die Wiederkunft Jesu ein öffentliches, auf der ganzen Welt sichtbares Ereignis sein wird. Und dass jeder, der eine „geheime“ Wiederkunft Jesu ankündigt, ein Verführer ist! – Da Jesus diese Verführungen für die Zeit der „grossen Drangsal“ vorhersagt, wird er bis dahin offensichtlich noch nicht wiedergekommen sein.

„Sogleich aber nach der Drangsal („Trübsal“) jener Tage (…) wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen, und dann werden alle Geschlechter der Erde wehklagen und werden den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels kommen sehen mit grosser Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“ (Matth.24,29-31)

Dies ist die unmittelbare Fortsetzung der oben zitierten Stelle. Vers 31 spricht offensichtlich von der „Entrückung“ (man beachte die Parallelen zu 1.Thess.4,16-17) – die gemäss Vers 29 nach der „grossen Trübsal“ und beim öffentlich sichtbaren Wiederkommen Jesu geschehen wird.

„Siehe, der Herr ist gekommen mit seinen heiligen Zehntausenden, um wider alle Gericht zu halten und alle Gottlosen zu bestrafen …“ (Judas 14)

Diese Verse werden von Dispensationalisten als die Wiederkunft Jesu „mit seiner entrückten Gemeinde“ ausgelegt. Mehrere alte Handschriften haben hier aber zusätzlich die Worte: „…mit seinen heiligen Zehntausenden von Engeln„. Dieses Verständnis wird von den folgenden Parallelstellen bestätigt:

„Und die Heere im Himmel folgten ihm nach auf weissen Pferden, bekleidet mit weissem reinem Linnen.“ (Offb.19,14)

Nur Engel, nicht aber Menschen, werden in der Bibel als „Heere im Himmel“ bezeichnet.

„Wenn aber der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen …“ (Matth.25,31)

Engel sind nicht entrückte Christen. Übrigens werden auch die verstorbenen Christen im Jenseits nicht zu „Engeln“, wie ein alter Volksglaube meint.

Noch eine weitere typische dispensationalistische Falschauslegung möchte ich hier erwähnen:

„Denn Gott hat uns nicht für das Zorngericht bestimmt, sondern zur Erwerbung des Heils durch unsern Herrn Jesus Christus, der um unsertwilllen gestorben ist (…)“ (1.Thess.5,9-10)

Hier sagen Dispensationalisten: „Siehst du, wir sind nicht für das Zorngericht bestimmt, also werden wir vor der Trübsal entrückt werden.“ Damit setzen sie „Zorngericht“ und „Trübsal“ gleich – eine äusserst problematische Gleichsetzung, die vom Text her nicht gegeben ist. Es wird hier einfach versucht, mittels dieser künstlichen Konstruktion eine weitere Bestätigung zu finden für das zum voraus festgelegte dispensationalistische Schema. In der Fortsetzung des Verses wird „Zorngericht“ nicht zu „Entrückung“ im Gegensatz gestellt, sondern zu „Erwerbung des Heils“. Dass damit das ewige Heil gemeint ist und nicht etwa die Entrückung, wird vollends klar durch die Fortsetzung: „…Jesus Christus, der um unsertwillen gestorben ist“. Jesus ist gestorben, um unser ewiges Heil zu erwirken, nicht bloss eine Bewahrung vor irdischer Trübsal mittels der Entrückung! Somit kann mit „Zorngericht“ nicht die „Trübsal“ gemeint sein, sondern nur das endgültige Gericht über Gottes Feinde.
Eine Parallelstelle ist Römer 5,9: „Um so viel mehr nun werden wir, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt worden sind, durch ihn vor dem Zorn gerettet werden.“ Auch hier geht es vom Zusammenhang her eindeutig um das ewige Heil, nicht um die Entrückung.
Ausserdem besteht ja auch nach dispensationalistischer Ansicht die „Trübsal“ in der Bedrängnis und Verfolgung von Gottes Volk durch seine Feinde – also gerade im Leiden jener, die nicht unter Gottes Zorn fallen. Das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Gericht über das „Tier“ und sein Reich, wie insbesondere aus Offb.16 deutlich hervorgeht; sowie das endgültige Gericht, wie wir oben gesehen haben. Es handelt sich also sachlich um zwei ganz verschiedene Dinge: Die „Trübsal“ wird durch den Zorn des Teufels gegen die Nachfolger Jesu bewirkt (Offb.12,12.17, vgl. Matth.24,9); das „Zorngericht“ hingegen ist Gottes Zorn gegen seine Feinde. Ersteres muss von den Heiligen mit Standhaftigkeit und Glaube ertragen werden (Offb.13,10; Matth.24,13); von letzterem werden sie verschont. Es steht aber nirgends, dass diese Verschonung mittels der Entrückung geschehe. Aus Stellen wie Offb.9,4; 16,2.10; 18,19-20 kann geschlossen werden, dass vielmehr Gott in einigen seiner irdischen Gerichte einen Unterschied macht zwischen den Seinen und den Nachfolgern des „Tiers“ – so wie die Israeliten von den ägyptischen Plagen verschont wurden (2.Mose 8,22; 9,6.26; 10,23; 11,6-7).

Kurzer Anhang zur Auslegung der Offenbarung des Johannes

Grundsätzlich gibt es drei Arten, die Johannesoffenbarung (und verwandte Prophetien) auszulegen: die präteristische, die historizistische und die futuristische.
Die präteristische („vergangenheitliche“) Auslegung wird v.a. von der römisch-katholischen Kirche angewandt. Sie behauptet, die Visionen der Offenbarung hätten sich bereits in der Vergangenheit erfüllt, nämlich zur Zeit des Römischen Reiches. Mit dem Untergang Roms sei das Tausendjährige Reich angebrochen.
Die historizistische („geschichtliche“) Auslegung wurde früher von den meisten reformierten und evangelikalen Auslegern angewandt, ist aber in letzter Zeit – nicht zuletzt durch den Einfluss des Dispensationalismus – etwas aus der Mode gekommen. Diese Auslegung sieht in den Voraussagen der Offenbarung Ereignisse, die sich während eines langen Zeitraums erfüllen – d.h. insbesondere in der Geschichte der christlichen Kirche, von ihren Anfängen bis zur Wiederkunft Jesu.
Die futuristische („zukünftige“) Auslegung schliesslich wendet die Prophetien der Offenbarung ausschliesslich auf einen sehr kurzen Zeitraum kurz vor der Wiederkunft Jesu an – die sogenannte „Endzeit“. Die gegenwärtig einflussreichste Spielart der futuristischen Auslegung ist eben der Dispensationalismus.

Es kann auch hier rein argumentativ nicht schlüssig bewiesen werden, dass eine bestimmte dieser Auslegungsarten richtig sei und die anderen falsch. Bedenkenswert scheint mir aber zu sein, dass sowohl die präteristische wie auch die futuristische Auslegung die Offenbarung in gewisser Weise „entschärfen“: Sie gilt dann entweder für eine ferne Vergangenheit oder für eine ferne Zukunft, aber nicht für das Jetzt und Heute. Präteristen wiegen sich in der (m.E. falschen) Sicherheit, bereits im Tausendjährigen Reich zu leben. Futuristen ergehen sich in Spekulationen über zukünftige Ereignisse und halten nach Anzeichen eines zukünftigen Antichristen Ausschau, übersehen aber weitgehend den ständig schon stattfindenden Konflikt zwischen christlichen und antichristlichen Kräften seit den Anfängen der Kirche (1.Joh.2,18 !) bis zur Gegenwart. Deshalb können sie nicht allzu viele für die Gegenwart relevante Aussagen machen. Nur aufgrund einer historizistischen Auslegung konnten z.B. die Reformatoren den Papst „Antichrist“ und die römische Kirche „Babylon“ nennen.

Speziell die dispensationalistische Auslegung führt zudem zu einer „Fluchtmentalität“: Der Missionsbefehl und die damit verbundenen Verheissungen kommen in dieser Auslegung nur am Rande vor. (Insbesondere da ja nach dispensationalistischer Ansicht alttestamentliche Verheissungen und Anweisungen nicht auf das Zeitalter der Gemeinde bezogen werden dürfen.) Stattdessen stehen das Kommen „des“ Antichristen, die „grosse Trübsal“ und die Entrückung im Mittelpunkt. Diese Sicht kann dazu führen, dass Christen nur noch auf die Entrückung warten, und ihren gegenwärtigen Auftrag – wenn überhaupt – nur mit äusserstem Pessimismus wahrnehmen. So zeigt z.B. Gary North, wie im Buch und Film „Left Behind“ von Tim La Haye die Christen letztlich als eine für die Gegenwart völlig belanglose Gruppierung dargestellt werden. (Gary North, „Left Behind Culturally“.) Von Darbys negativer Sicht der Gemeinde haben wir im 1.Teil schon gesprochen.

Kirchengeschichtlich ist interessant, dass sowohl bei den grossen Erweckungspredigern der Vergangenheit (z.B. Jonathan Edwards), wie auch beim Entstehen der modernen Weltmissionsbewegung (William Carey) im 18.Jahrhundert, gerade alttestamentliche Verheissungen im Mittelpunkt standen. Diese wurden vor dem Aufkommen des Dispensationalismus mit aller Selbstverständlichkeit auf das Zeitalter der Gemeinde angewandt.

Heilsentscheidend sind diese Fragen nicht. Dass sie dennoch einschneidende Folgen im Glaubensleben haben können, zeigt folgender Ausschnitt aus einem offenen Brief von Corrie Ten Boom (1974):

„Machmal bekomme ich Angst, wenn ich die Bibel lese und dann diese Welt anschaue und sehe, wie sich alle diese Voraussagen über die Trübsal und die Verfolgung erfüllen. Aber ich kann dir sagen, wenn das dir auch Angst macht: Ich habe auch die letzten Seiten gelesen. Ich kann jetzt rufen: „Halleluja!“, denn es steht dort geschrieben, dass Jesus sagt: „Wer überwindet, der wird alle diese Dinge ererben; und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“ Das ist die Zukunft und Hoffnung dieser Welt. Nicht dass die Welt überleben wird – aber dass wir Überwinder sein werden inmitten einer sterbenden Welt.
Als Betsy und ich im Konzentrationslager waren, beteten wir, dass Gott Betsy heilen würde, die schwerkrank war. „Ja, der Herr wird mich heilen“, sagte Betsy zuversichtlich. Am nächsten Tag starb sie, und ich konnte es nicht verstehen. Sie legten ihren dünnen Körper auf den Zementboden zusammen mit all den anderen Leichen der Frauen, die an jenem Tag gestorben waren.
Es war schwer für mich zu verstehen, und zu glauben, dass Gott einen Plan hatte mit alldem. Aber aufgrund von Betsys Tod reise ich heute durch die ganze Welt und spreche zu den Menschen über Jesus.
Einige unter uns lehren, dass es keine Trübsal gibt, dass die Christen dem allem entfliehen werden. Das sind die falschen Lehrer, von denen Jesus sagte, dass sie in den letzten Tagen auftreten werden. Die meisten von ihnen wissen wenig darüber, was bereits jetzt in der Welt geschieht. Ich bin in Ländern gewesen, wo die Heiligen jetzt schon schreckliche Verfolgung leiden.
In China wurden die Christen gelehrt: „Sorgt euch nicht, bevor die Trübsal kommt, werdet ihr entrückt werden.“ Dann kam eine schreckliche Verfolgung. Millionen von Christen wurden zu Tode gefoltert. Später hörte ich einen chinesischen Bischof traurig sagen:
„Wir haben versagt. Wir hätten die Leute für die Verfolgung stärken sollen, statt ihnen zu sagen, Jesus würde vorher wiederkommen. Sagt den Leuten, wie sie in Verfolgungszeiten stark sein können, wie sie standhaft bleiben können, wenn die Trübsal kommt – standhaft zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren.“
Ich glaube, dass ich einen göttlichen Auftrag habe, den Menschen zu sagen, dass es möglich ist, im Herrn Jesus Christus stark zu sein. Wir (im Westen) befinden uns in der Ausbildung für die Trübsal; aber mehr als sechzig Prozent des Leibes Christi weltweit befinden sich bereits in der Trübsal. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Wir werden die nächsten sein.“

Schluss

Ich möchte nicht so weit gehen, den Dispensationalismus kategorisch als „Irrlehre“ oder „von unten“ zu verurteilen, wie das mit anderen theologischen und denominationellen Strömungen gemacht worden ist (oft zu Unrecht). Ich habe aber dargelegt, warum ich den Dispensationalismus zumindest als „fragwürdig“ und „zweifelhaft“ bezeichnen muss. Ich fasse meine zwei diesbezüglichen Hauptpunkte zusammen:

1. Die Hauptgedanken des Dispensationalismus entstammen nicht direkt der Bibel, sondern einer ausserbiblischen „Offenbarung“ oder „Erleuchtung“, welche der gesamten Bibelauslegung von 1800 Jahren vorausgegangener Kirchengeschichte widerspricht. Wenn auch darüber gestritten wird, ob es Darby, Irving oder noch jemand anders war, der diese „Offenbarung“ zuerst erhielt und verbreitete – unbestreitbar ist die kirchengeschichtliche Neuheit der dispensationalistischen Lehre, und die Tatsache, dass Darby selber sie als „von Gott (ihm) offenbart“ bezeichnete.

2. Die dispensationalistische Bibelauslegung setzt ein zum vornherein festgelegtes Schema voraus, welchem die biblischen Aussagen untergeordnet werden. Das Schema selbst wird verabsolutiert und „darf“ nicht von der Bibel her hinterfragt werden. Daher widersprechen sich Dispensationalisten selbst, wenn sie sich zur irrtumslosen Autorität der Heiligen Schrift bekennen: In Wirklichkeit sprechen sie ihrem Auslegungsschema höhere Autorität zu als der Bibel.

Die beiden Punkte hängen natürlich eng zusammen. Sie führen dazu, dass Dispensationalisten im Endeffekt (wenn auch unausgesprochen und vielleicht sogar unbewusst) neben dem Wort Gottes eine zweite und „höhere“ Offenbarungsquelle annehmen, nämlich ihr eigenes Dispensationen-Schema.

Die Gefahr der „Schematisierung“ in der Bibelauslegung besteht natürlich bei jeder theologischen Richtung. Jeder Ausleger kommt von einem bestimmten Vorverständnis her, das er dann (meistens unbewusst) in die Bibel hineinprojiziert. Wir sollten uns daher immer bewusst bleiben, dass die Bibel kein „schematisches“ Buch ist, sondern ein organisches, lebendiges, und erst noch ein übernatürliches. Von daher ist nicht zu erwarten, dass sie sich in irgendein abgeschlossenes, dem menschlichen Verstand völlig zugängliches Schema einfügen wird – sei dies nun ein dispensationalistisches, reformatorisches, pfingstliches, oder noch ein anderes. Jeder Ausleger, der ein solches Schema vertritt, wird – wenn er ehrlich ist – zugeben müssen, dass es einige Bibelstellen gibt, die sich nicht in das Schema einfügen lassen, bzw. ihm widersprechen. Er steht dann vor der Gewissensentscheidung, ob er sich und anderen die Unzulänglichkeit seines Schemas eingesteht, oder ob er den Bibeltext umbiegt, um sein Schema aufrechtzuerhalten.

Letztere Gefahr scheint mir nun beim Dispensationalismus besonders gross – ich habe mehrere Beispiele dafür angeführt. Eben weil Dispensationalisten (unausgesprochen) ihrem besonderen Schema anscheinend Offenbarungscharakter zusprechen und es deshalb als unumstösslich und als die einzig wahre, bibeltreue Auslegung ansehen. Eine solche Haltung führt zu dogmatischer Willkür und Unbelehrbarkeit. Ich bin ganz damit einverstanden, wenn die Irrtumslosigkeit der Bibel verteidigt wird – aber dieser Anspruch der Irrtumslosigkeit darf nicht auf eine spezielle Auslegung der Bibel ausgedehnt werden.


Internet-Quellen zum Artikel und weitere Lektüre, nach Standpunkt geordnet:

Neutral:

Wikipedia (englisch), http://en.wikipedia.org, Artikel „John Nelson Darby“, „Edward Irving“, „Rapture“.

Pro-Dispensationalistisch:

Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“
(Historische Verteidigung Darbys als erster „Entdecker“ des Dispensationalismus, gegen die Thesen von Dave MacPherson.)

John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“
(Ähnlich wie Thomas Ice. Versucht zusätzlich zu begründen, warum der Dispensationalismus erst im 19.Jh. ohne historische Vorgänger in Erscheinung trat.)

Tricia Tillin, „Margaret McDonald’s Vision in 1830“, bei www.apostasynow.com
(Speziell über die umstrittene „Prophetie“ der Irvingiten. – In einem Nachwort wird klargestellt, dass die Autorin keine Anhängerin des traditionellen Dispensationalismus im Sinne C.I.Scofields ist.)

Kontra-Dispensationalistisch:

Hans-Werner Deppe u.a: Verschiedene Artikel bei http://betanien.de/verlag/material/index.php?kategorie=Eschatologie
(Das ist die bisher einzige Internet-Site, wo ich eine deutschsprachige Auseinandersetzung mit dem Dispensationalismus aus bibeltreuer Sicht fand. Einige Bücher zum Thema werden auf derselben Site vorgestellt.)

Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“
(Ausführliche geschichtliche Darstellung, z.T. in Anlehnung an Dave MacPherson.)

Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“
(Ausführliche Darstellung dispensationalistischer Endzeitlehren und ihrer Entstehung.)

Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“
(Kritische Betrachtung der Person Darbys und seines Dispensationen-Schemas.)
Sizer vertritt leider in anderen Artikeln einige fragwürdige politische Ansichten bezüglich Israel, die ich nicht teilen kann. Das mindert aber nicht den Wert der von ihm angeführten Studien und Quellen über die Geschichte Darbys und des Dispensationalismus.

Gary North, „Left Behind Culturally“
(Kritische Besprechung des Buchs und Films „Left Behind“ von Tim La Haye, aus reformiert-konservativer Sicht.)

Dave MacPherson, „Pretrib Rapture Dishonesty“

(Weitere verwendete Quellen sind im Text erwähnt.)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 2)

24. Mai 2012

Im ersten Teil habe ich v.a. die Grundzüge und den Ursprung des Dispensationalismus beschrieben. Betrachten wir nun noch einige andere Aspekte dieser theologischen Strömung:

Dogmatische Willkür

Ein weiterer Punkt, der mir den Dispensationalismus fragwürdig macht, ist die Willkür, mit der Dispensationalisten manche Bibeltexte auslegen, und der Dogmatismus, mit dem sie an ihrer willkürlichen Auslegung als „die einzig richtige“ festhalten. Selbst Bibellehrer, die im allgemeinen viel Gutes und Richtiges zu sagen haben, ziehen bei gewissen Bibelstellen und Themen unbegründbare, sprunghafte Schlussfolgerungen.

So rechnet z.B. Erich Sauer mit drei verschiedenen „Jüngsten Gerichten“, die nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich auseinanderzuhalten seien – ohne einsichtige Begründung -; und behauptet im Zusammenhang damit, der „Richterstuhl Christi“ bei Paulus sei etwas ganz anderes als der „Thron Christi“ bei Johannes. Obwohl Dispensationalisten im allgemeinen laut betonen, sie legten die Bibel so wörtlich wie möglich aus, und an ihrer vollen Inspiration und Widerspruchsfreiheit festhalten, so zeigen solche Auslegungen doch eine eigenartige Geistesverwandtschaft mit der „historisch-kritischen“ Methode, die Widersprüche innerhalb der Bibel sucht und z.B. eine „paulinische“ und eine „johanneische“ Theologie gegeneinander ausspielt.

Eine andere Gemeinsamkeit mit der „historisch-kritischen“ Methode besteht darin, dass vielen Bibelstellen die Gültigkeit für die Gegenwart abgesprochen wird. Wenn (laut Dispensationalismus) das ganze Alte Testament nicht auf die Gemeinde angewandt werden kann, ein grosser Teil der Verkündigung Jesu sich ausschliesslich auf die Zeit nach seiner Wiederkunft bezieht, und viele Anweisungen in den apostolischen Briefen nur für die apostolische Zeit gültig waren, dann bleibt für uns heute nicht mehr viel übrig. Die Begründungen hören sich zwar anders an als die Gründe bibelkritischer Theologen. (Ich sage ja nicht, Dispensationalismus und „historisch-kritische“ Methode seien dasselbe. Ich sage nur, es bestehe eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen den beiden.) Aber ob ein „historisch-kritischer“ Bibelausleger einem bestimmten Text die aktuelle Gültigkeit abspricht, weil er „zeit- und kulturgebunden“ sei, oder ob ein dispensationalistischer Ausleger vom selben Text sagt, er gelte nicht für heute, weil er einer anderen Heilszeit zugehöre – das kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes (Jesaja 40,8; Matthäus 5,18; 24,35) wird damit bestritten.

Dispensationalisten werden natürlich abstreiten, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihrer Methode und der rationalistischen Bibelkritik bestehe. Schliesslich rechnen sich die meisten Dispensationalisten dem „fundamentalistischen“ Flügel der Christenheit zu. Aber es macht einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wenn gewisse Dispensationalisten z.B. vehement die Echtheit der biblischen Wunderberichte verteidigen – nur um dann mit derselben Vehemenz abzustreiten, dass solche Wunder auch heute noch geschehen könnten.

Zwei weitere Beispiele willkürlicher Auslegung:

1. „Die Bereiche des biblischen Bekenntnisses werden von lehrmässigen Irrtümern infiltriert werden, die sich überall ausbreiten werden (Matth.13,33). Dennoch wird ein kostbarer Überrest Israels übrigbleiben, um erlöst werden zu können (Matth.13,44), und die kostbare Perle, die Gemeinde, wird ebenfalls erlöst werden (Matth.13,45-46).“
(Herman Hoyt, „Dispensational Premillennialism“, in „The Meaning of the Millennium–4 Views“, Hrsg. Robert G. Clouse, 1977. – In diesem Buch legen vier Autoren aus vier verschiedenen theologischen Richtungen ihre Ansichten über das Tausendjährige Reich dar, und geben ausserdem ihre Entgegnungen zu den Artikeln der jeweils anderen Autoren ab.)

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich auf das Gleichnis vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Die von Hoyt gegebenen Auslegungen können vom Text her überhaupt nicht begründet werden. Alle zitierten Gleichnisse beginnen mit denselben Worten: „Das Himmelreich ist gleich…“, und sind somit parallel zu verstehen. Die Deutung auf lehrmässige Irrtümer im ersten Gleichnis, auf Israel im zweiten und auf die Gemeinde im dritten, ist völlig willkürlich. Für seine Auslegung des zweiten und dritten Gleichnisses gibt es auch keine Parallelstellen, die als Begründung herangezogen werden könnten. (Für das Gleichnis vom Sauerteig könnte der Autor geltend machen, dass es tatsächlich – in ganz anderem Zusammenhang – Bibelstellen gibt, wo „Sauerteig“ im Sinn von „Unreinheit“ verstanden wird. Diese Deutung würde aber dem Sinn widersprechen, den Jesus selber dem Gleichnis gibt mit den einführenden Worten „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig“ – nicht „die lehrmässigen Irrtümer sind gleich…“. Sauerteig wird unter den Teig gemischt, um gutes Brot herzustellen, nicht um es zu verderben.) Jedenfalls widersprechen diese Auslegungen dem Prinzip, das die Dispensationalisten sonst selber verkünden: dass jede Schriftstelle, soweit wie möglich, nach ihrem natürlichsten und wörtlichsten Sinn verstanden werden sollte.
Die anderen Autoren des Buches haben denn auch an Hoyts Beitrag bemängelt, dass das blosse Anführen von Bibelstellen in Klammern nicht genüge, um eine eigenwillige Auslegung zu begründen.

2. „Die biblische Lehre vom Königreich Gottes

(…) Dieses Königreich wird dadurch gekennzeichnet sein, daß Gott selbst durch Seinen gesalbten König, den Messias (Christus) auf der Erde unmittelbar herrschen wird; der Satan wird gebunden und entmachtet sein, und die gottlosen Herrscher auf Erden werden gestürzt sein.
(…) »Nachdem aber Johannes gefangengenommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15-16)
Wohlgemerkt: Er sagte nicht, daß dieses Königreich, das die Propheten angekündigt hatten und das Israel erhoffte, bereits gekommen sei. Es war nahe herbeigekommen (Lk 10,9), für das Volk in greifbare Nähe gerückt, aber eben noch nicht angebrochen. Es war in einem gewissen Sinn in dem Messias selbst und Seinen Wunderzeichen zu ihnen gekommen (vgl. Mt 12,28; Lk 17,21), aber sie sahen den wirklichen Anbruch dieses Königreiches eben nicht; denn das hätte das Eingreifen des Messias vom Himmel her, das Gericht über alles Böse und den Beginn der realen Friedensherrschaft auf Erden bedeutet.
(…) Das »Evangelium vom Reich Gottes«, das der Herr und Seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde. Dieses Evangelium kündigte also dem Volk Israel und nur diesem Volk an, daß es bald in die verheißenen Segnungen der unmittelbaren, in Jerusalem verwirklichten Königsherrschaft des Messias eintreten könne, wenn es Buße tue und glaube.
Man beachte, daß der Herr ausdrücklich Seinen Gesandten gebot, diese Botschaft nur dem Haus Israel zu verkündigen, nicht den Heidenvölkern (Mt 10,5-8). Wir finden diesen Begriff »Evangelium vom Reich Gottes« nur im Zusammenhang mit Israel (bis auf die Ausnahme von Mt 24,14, auf die wir unten noch eingehen). Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können (vgl. Apg 3,19-21). Nun aber verwarf das Volk als ganzes seinen Messias. Deshalb wurde das Reich Gottes von ihnen genommen und einem anderen Volk, dem Volk Gottes des Neuen Bundes, gegeben (Mt 21,43; 1Pt 2,10; Tit 2,14).
(…) Das den Juden einst verkündigte »Evangelium vom Reich« ist heute weder für Juden noch für Heiden gültig; es ist in der heutigen Zeit nicht zur Verkündigung bestimmt, sondern wird erst nach der Entrückung der Gemeinde, kurz vor dem Anbrechen des messianischen Reiches, noch einmal unter allen Völkern verkündet werden (Mt 24,14).“
(Rudolf Ebertshäuser, „Aufbruch in ein neues Christsein? – Emerging Church – Der Irrweg der postmodernen Evangelikalen“, 2008 – eine im übrigen gut durchdachte und fundierte Aufklärungsschrift, die nur leider nebenbei die dispensationalistischen Sonderlehren hineinschmuggelt.)

Wie so oft in dispensationalistischen Auslegungen, sind hier gute und richtige Gedanken mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten vermengt. Natürlich wird das „Reich Gottes“ im Sinne einer irdischen Herrschaft des Messias erst bei seiner Wiederkunft aufgerichtet werden. Aber wird dadurch gleich das „Evangelium vom Reich Gottes“ für die christliche Gemeinde völlig bedeutungslos? Diese Aussage ist ein weiteres Beispiel für die dispensationalistische Zerstückelung der Bibel, wodurch grosse Teile (in diesem Fall wesentliche Teile der Verkündigung Jesu) herausgeschnitten und als für die Gemeinde nicht gültig erklärt werden. Unter diesen Voraussetzungen kann der Autor natürlich nicht anders, als Matthäus 24,14 zu einer Ausnahme zu erklären und die Erfüllung dieses Verses auf die Zeit nach der Entrückung zu verschieben. (Merkt der Autor nicht, in was für Widersprüche er sich damit verwickelt? Wer soll denn „nach der Entrückung“, also gemäss Dispensationalismus mitten in der „grossen Trübsal“ und Verfolgung, allen Völkern – also weltweit – das Evangelium verkündigen, nachdem die Gemeinde gar nicht mehr da ist?)
– Zwischen der spekulativen Aussage, das messianische Reich wäre sogleich zu Israel gekommen, wenn das Volk Israel Jesus nicht verworfen hätte, und dem als Begründung angegebenen Text Apg.3,19-21, kann ich keinen logischen Zusammenhang herstellen. Es handelt sich hier ja um einen Ruf zur Umkehr, nachdem Israel Jesus bereits verworfen hatte. (Hätte das Volk Israel Jesus nicht verworfen, dann hätte Jesu stellvertretender Opfertod gar nicht stattgefunden!!)
Auch Ebertshäuser legt im übrigen die Himmelreichsgleichnisse vom Sauerteig und vom Senfkorn (Matth.13,31-33) ohne nähere Begründung im Sinne von antichristlichen Einflüssen aus. Es scheint, dass Dispensationalisten diese Auslegungen jeweils voneinander abschreiben, ohne überhaupt noch über deren Sinn oder Unsinn nachzudenken. (Dave MacPherson belegt in seinem Internet-Artikel „Pretrib Rapture Dishonesty“ über ein Dutzend Fälle von inter-dispensationalistischen Plagiaten allein zwischen 1970 und 2000, z.T. in weltweit bekannten Publikationen.)

Meine persönliche Erfahrung war überdies, dass ein Dispensationalist, auf andere (und sinnvollere) Auslegungsmöglichkeiten angesprochen, in der Regel ganz erstaunt reagiert, dass jemand diese Stellen überhaupt anders verstehen könnte als er; es sei doch „sonnenklar“, dass seine Auslegung die richtige sei. (So setzt Ebertshäuser über den oben zitierten Abschnitt wie selbstverständlich den Titel „Die biblische Lehre …“. Richtiger wäre „Die dispensationalistische Lehre …“.) Es kann auch vorkommen, dass der Dispensationalist anstelle einer Begründung einfach die anderen Auslegungen „abschiesst“ mit der Bemerkung, diese seien eben von Irrlehrern (z.B. Calvinisten, Pfingstlern, u.a.) inspiriert und deshalb falsch. (Also: Bevor Darby kam, war niemand in der Lage, die Bibel richtig zu verstehen. – Man kann natürlich über den Calvinismus, die Pfingstbewegung, etc, verschiedener Meinung sein. Meines Wissens blieb aber den Dispensationalisten unserer Tage die Dreistigkeit vorbehalten, den Calvinismus kategorisch als „Irrlehre“ zu brandmarken.)
Dieses irrationale Verhalten von ansonsten klug und vernünftig denkenden Menschen bestärkt bei mir den Verdacht, beim Dispensationalismus könnte noch etwas anderes mit im Spiel sein als rein sachliche Bibelauslegung: nämlich eine Bindung an eine „neue Offenbarung“, die in ihrem Denken mindestens denselben Stellenwert einnimmt wie das Wort der Bibel selbst. (Siehe Teil 1.)
C.H. Spurgeon sagte schon vor über hundert Jahren über Darbys Plymouth-Brüder: „Sie haben Entzücken daran, irgendeine noch unentdeckte Kaulquappe der Auslegung aufzufischen, um sie in der ganzen Stadt als eine seltene Delikatesse anzupreisen.“ (C. H. Spurgeon, „Commenting and Commentaries“, 1876, zitiert in Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Um nochmals klarzustellen, worum es mir bei meiner Kritik im Kern geht: Ich habe nichts dagegen, dass Dispensationalisten die Bibel auf ihre Weise auslegen. Man kann über die Auslegung vieler Bibelstellen geteilter Meinung sein, ohne dass man einander dabei gleich der Bibelkritik oder der Irrlehre bezichtigen müsste. Aber man sollte dann auch dazu bereit sein, die eigene Auslegung aus der Bibel selbst zu begründen – und gegebenenfalls zuzugestehen, dass die Gegenseite ebenso (oder noch mehr) auf biblischer Grundlage steht. Das ist es, was viele Dispensationalisten – nach meiner Beobachtung – nicht tun: Sie nehmen ihre Begründungen – wenn überhaupt – aus einem zum vornherein festgelegten Dispensationen-Schema statt aus der Bibel selbst; und sie behaupten, ihre Auslegung sei die einzig richtige, und wer eine andere Auslegung vertrete, sei nicht bibeltreu. Damit leisten sie der „fundamentalistischen“ Bewegung einen Bärendienst. In den letzten Jahren ist vermehrt auch von evangelikaler Seite Kritik an dieser Bewegung laut geworden: „Christliche Fundamentalisten“ (d.h. bibeltreue Christen) seien konfliktiv, gesprächsunfähig, und nähmen die Bibel zu wörtlich. Nun sind natürlich viele heutige Evangelikale in Wirklichkeit gemässigt-kritisch in ihrer Haltung zur Bibel, und kritisieren deshalb jeden, der sich dem Wort der Bibel als irrtumslose Autorität unterstellt. Aber ich habe den Verdacht, dass manches an dieser Kritik ebenso auf die oben beschriebene Sturheit insbesondere des dispensationalistischen Flügels zurückzuführen ist, welcher nicht nur Gottes Wort, sondern auch die eigene spezielle Auslegung davon als „irrtumslos“ betrachtet.

Massstab für die Auslegung: das Alte oder das Neue Testament?

„Denn das Ende (oder richtiger: „Ziel“) des (alttestamentlichen) Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“ (Römer 10,4)

(alttestamentliche Verordnungen), „Dinge, die ein Schatten des Zukünftigen sind, sein eigentliches Wesen aber gehört Christus an.“ (Kolosser 2,17)

Daraus ergibt sich ein wichtiges Auslegungsprinzip: Das ganze Alte Testament zielt auf Christus hin. Seine eigentliche Erfüllung ist das Neue Testament. Deshalb muss das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Die meisten christlichen Bibelausleger gehen nach diesem Prinzip vor.

Der Dispensationalismus dagegen nimmt die (wörtlich und physisch verstandenen) alttestamentlichen Verheissungen an Israel zur Grundlage, um von daher das Neue Testament zu interpretieren. Deshalb will der Dispensationalismus in allen möglichen neutestamentlichen Stellen und Begriffen ein irdisches messianisches Reich für Israel sehen (z.B. die „Errettung Israels“ in Röm.11,26, oder das Tausendjährige Reich in Offb.20,4-6), obwohl da gar nicht davon die Rede ist. Mit anderen Worten: der Dispensationalismus interpretiert neutestamentliche Aussagen im Licht des Alten Testaments.

Besonders deutlich wird das in der Auslegung der Kapitel Ezechiel 40 bis 48. Dies ist zugegebenermassen einer der schwierigsten Abschnitte der ganzen Bibel, weil da vom jüdischen Tempel- und Opferdienst (inklusive Sündopfer) die Rede ist, aber sich die genauen Voraussagen in der Geschichte Israels so nicht erfüllt haben. Es gibt deshalb mindestens fünf Auslegungsmöglichkeiten:
1. Die Prophetie bezieht sich auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil und hat sich nicht detailgetreu erfüllt, entweder weil die Juden die darin enthaltenen Weisungen nicht ausführten, oder weil die Prophetie nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint ist.
2. Die Prophetie ist geistlich zu verstehen und beschreibt symbolhaft die christliche Gemeinde, die ja im Neuen Testament mehrfach als „Tempel Gottes“ bezeichnet wird (z.B. 1.Kor.3,16-17, Eph.2,19-22, 1.Petrus 2,5).
3. Die Prophetie wird sich in der Zukunft wörtlich erfüllen (Wiederherstellung des Tempel- und Opferdienstes für Israel).
4. Die Prophetie wird sich in der Zukunft geistlich erfüllen (im Neuen Jerusalem, Offb.21 und 22).
5. Die Prophetie ist überhaupt nicht zur Erfüllung bestimmt, sondern dazu, den Zuhörern ein Idealbild sozusagen als Spiegel vorzuhalten, damit sie beschämt werden und von ihrer Sünde überführt werden (Ezechiel 43,10-11, 45,9-10), d.h. wie weit sie von diesem Idealbild entfernt sind.

Vom Neuen Testament her ist es klar, dass Tempel- und Opferdienst mit dem einmaligen Sündopfer Jesu abgeschafft sind, und dass damit ein „Wechsel des Gesetzes“ und des Priestertums stattgefunden hat (Hebräer 7,12). Seither besteht auch für Israel der einzige Weg zum Heil im Glauben an Jesus Christus. Im Licht des Neuen Testaments scheidet also die Auslegung Nr.3 aus (wörtliche Wiedereinführung des Tempel- und Opferdienstes in der Zukunft). Genau dies ist aber die Auslegung, die vom Dispensationalismus vorgebracht wird: Da Israel und die christliche Gemeinde zwei völlig verschiedene Körperschaften seien, „müsse“ Ezechiels Prophetie noch wörtlich und speziell für Israel in Erfüllung gehen. Dispensationalisten postulieren deshalb, dies werde im Tausendjährigen Reich der Fall sein. Nur in einem Punkt weichen sie inkonsequenterweise von einem wörtlichen Verständnis ab: Die von Ezechiel erwähnten Sündopfer seien selbstverständlich keine Sündopfer, sondern „Erinnerungsopfer“ an das Opfer Jesu. Dies obwohl im ganzen Neuen Testament nirgends von einem zukünftigen Tempel- oder Opferdienst für Israel die Rede ist. So werden dem Neuen Testament alttestamentliche Vorstellungen aufgezwungen, statt das Alte Testament vom Neuen her auszulegen.

Gegenwärtig kein Evangelium für Israel?

Wir haben schon gesehen, dass Dispensationalisten mit zwei separaten „Evangelien“ rechnen, eines für die Juden und eines für die Heiden. Manche unter ihnen gehen deshalb so weit, dass sie sagen, in der gegenwärtigen Zeit müssten bzw. sollten die Juden überhaupt nicht evangelisiert werden. Gleichzeitig sind Dispensationalisten aber sehr aktiv in Organisationen zur Unterstützung des irdischen Staates Israel. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Israel-Hilfsorganisationen existieren, die bewusst darauf verzichten, Juden zu evangelisieren. D.h. sie enthalten dem jüdischen Volk genau das Wichtigste vor, was Christen Israel geben könnten, nämlich das Evangelium!
Eine offene Frage wäre hier zudem, warum überhaupt die irdische Wiederherstellung des Staates Israel schon vor über 60 Jahren stattfinden konnte, wo doch nach dispensationalistischer Ansicht Gott sein Handeln an Israel erst wieder aufnehmen würde, nachdem die „Zeit der Gemeinde“ abgeschlossen wäre – siehe in der nächsten Folge. (Tatsächlich sagte Darby, Jesus müsse zuerst wiederkommen, bevor Israel in sein Land zurückkehren könnte.)

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle

17. Mai 2012

Warum ein Artikel über den Dispensationalismus? – Dispensationalisten haben sich ziemlich hervorgetan im Analysieren und Zurückweisen aller Arten von „endzeitlichen Verführungen“. Das ist eine gute und nötige Arbeit. Aber wenn sie von dispensationalistischer Seite kommt, dann werden dafür einfach andere, eben dispensationalistische Fehler in die Gemeinde Jesu eingeführt. Deshalb muss auch der Dispensationalismus analysiert werden. Das ist – insbesondere im deutschen Sprachraum – noch viel zu wenig gemacht worden. In manchen Kreisen gilt anscheinend die Gleichung „bibeltreu = dispensationalistisch“. Ich möchte hier aufzeigen, warum diese Gleichung nicht so ohne weiteres aufgeht.
Ich habe dabei nicht vor endgültig zu beweisen, ob der Dispensationalismus an sich „falsch“ oder „richtig“ sei – ich denke, das ist rein argumentativ nicht zu entscheiden. Ich möchte einfach einige wenig bekannte Hintergründe aufzeigen, die Sinn machen, wenn ich sie mit der Argumentationsweise und dem Verhalten von mir bekannten Dispensationalisten vergleiche. Und die begründen, warum ich den Dispensationalismus als zumindest „zweifelhaft“ bezeichne.

Die theologische Strömung des Dispensationalismus wurde im wesentlichen von John Nelson Darby anfangs des 19.Jahrhunderts ins Leben gerufen. Es handelt sich um ein Auslegungsschema, welches jede Bibelstelle einer bestimmten heilsgeschichtlichen „Dispensation“ zuweisen will und je nachdem die Anwendbarkeit der betreffenden Bibelstelle einschränkt. In Anwendung dieses Schemas kommen dispensationalistische Ausleger teils zu durchaus zutreffenden Schlussfolgerungen (z.B. dass bestimmte Bibelstellen nur auf das Volk Israel wörtlich anwendbar sind, andere wiederum nur auf die an Jesus Gläubigen); teils aber zu haarsträubenden Gedankensprüngen. Z.B. dass die Zehn Gebote für Christen nicht gelten würden, ausser sie würden durch ausdrückliche Wiederholung im Neuen Testament erneut gültig gemacht. Oder dass die Bergpredigt erst nach der Wiederkunft Jesu Gültigkeit erlangen werde. Oder dass es zwei verschiedene Evangelien gebe, ein „Evangelium vom Reich“ nur für die Juden, und ein „Evangelium der Gnade“ nur für die Heiden.

Damit ist bereits ein wesentliches Problem des Dispensationalismus angesprochen: Manche Bibelstellen lassen sich von ihrer Aussage und ihrem Zusammenhang her nicht eindeutig einer einzigen, bestimmten „Dispensation“ zuordnen. (Ganz abgesehen davon, dass der Begriff der „Dispensation“ an sich in der Bibel nirgends im Sinne des Dispensationalismus definiert oder verwendet wird). In diesen Fällen nimmt der Dispensationalist die Zuordnung nach willkürlichen und oft fragwürdigen Kriterien vor, und hält dann dogmatisch an der einmal getroffenen Zuordnung fest. Es handelt sich nicht um ein vorurteilsloses Herangehen an die Bibel, sondern um ein zum voraus festgelegtes Auslegungsschema, das dann der Bibel übergestülpt wird.

Verbreitet wurde der Dispensationalismus seit Anfang des 20.Jahrhunderts vor allem durch die Kommentare der „Scofield-Bibel“, die sich auch heute noch in gewissen Kreisen grosser Beliebtheit erfreut. Durch die kritiklose Aufnahme dieser Kommentare haben sich manche Gläubige ein sehr einseitiges Bibelverständnis angeeignet, sodass sie den Bibeltext nur noch durch die dispensationalistische Brille lesen und verstehen können. (Dieselbe Gefahr besteht natürlich bei Bibelkommentaren jedweder theologischen Ausrichtung. Doch habe ich bei Dispensationalisten beobachtet, dass sie sich ganz besonders an ihr spezifisches Auslegungsschema klammern und jede Kritik daran als eine Kritik an der Bibel selbst werten. – Persönlich ziehe ich es vor, ganz ohne Bibelkommentare auszukommen. Wenn es aber doch einmal notwendig sein sollte, dann versuche ich, zur selben Stelle zwei oder drei Kommentare aus gegensätzlichen theologischen Richtungen zu finden und vergleiche sie miteinander.)
Weiter waren führende Dispensationalisten anfangs des 20.Jh. sehr aktiv in der Begründung des amerikanischen „Fundamentalismus“. (Das war damals noch kein Schimpfwort, sondern bezeichnete einfach die Haltung, auf der biblischen Wahrheit als „Fundament“ aufzubauen, und an den „fundamentalen“ Glaubenswahrheiten festzuhalten.) Dadurch ist ein grosser Prozentsatz ernsthafter Christen dispensationalistisch infiziert worden, sodass es eben zu der Auffassung kam, nur die dispensationalistische Auslegung sei bibeltreu.
Die Bestseller-Autoren Hal Lindsey und Tim La Haye haben in den letzten Jahrzehnten weiter beigetragen zur Popularisierung des Dispensationalismus – insbesondere dessen spekulativer Auslegung der biblischen Endzeitprophetien.

Der Ursprung des Dispensationalismus – eine neue Lehre

Wenden wir uns nun dem Ursprung des Dispensationalismus zu. Die Anfänge dieser Strömung sind eng verflochten mit den Auseinandersetzungen um die Person J.N.Darbys bei den damaligen Plymouth-Brüdern, aus denen später die Denominationen der „Offenen Brüder“ (open brethren) und der „Geschlossenen Brüder“ (exclusive brethren) hervorgingen. Darby war eine führende Persönlichkeit – während längerer Zeit die dominante Persönlichkeit – in der Brüderbewegung, und er versuchte seinen Dispensationalismus als die verbindliche Theologie dieser Bewegung durchzusetzen. Dem widersetzten sich jedoch andere leitende Brüder, u.a. Georg Müller (der bekannte „Waisenvater“ von Bristol) und der Theologe Samuel Prideaux Tregelles (bekannt als biblischer Textforscher). Georg Müller sagte einmal, er sähe sich gezwungen, zwischen Darby und der Bibel zu entscheiden, und er wähle die Bibel. (Mark Dankof, „A Historical Critique of Dispensationalism, Zionism, and Daniel’s Prophecy of 70 Weeks“)
Auseinandersetzungen und Spaltungen in der Brüderbewegung entstanden nicht nur aufgrund des Dispensationalismus, sondern auch aufgrund der autoritären und anmassenden Persönlichkeit Darbys. Doch das nur am Rande.

Darbys Selbstzeugnis

Gemäss Darbys eigenem Zeugnis erhielt er die „dispensationalistische Wahrheit“, während er sich von einer schweren Verletzung nach einem Reitunfall erholte und die Bibel las:

„Das 32.Kapitel von Jesaja lehrte mich klar, von Gott her, dass noch eine von Ihm angeordnete Ökonomie (Dispensation) bevorstand; ein Zustand der Dinge, der noch in keiner Weise hergestellt ist. Das Bewusstsein meiner Vereinigung mit Christus hatte mir den gegenwärtigen himmlischen Anteil der Herrlichkeit gegeben, während dieses Kapitel klar den dazugehörigen irdischen Anteil darlegt. Ich konnte damals diese Dinge noch nicht an ihren jeweiligen Platz stellen oder sie der Reihe nach anordnen, wie ich es jetzt kann; aber die Wahrheiten selbst wurden (mir) damals von Gott offenbart, durch das Wirken Seines Geistes beim Lesen Seines Wortes.
Was musste getan werden? Ich sah in jenem Wort das Kommen Christi, um die Gemeinde zu sich zu nehmen in der Herrlichkeit. (…)“
(Nach Thomas Ice, „When did J.N.Darby discover the Rapture?“)

Dieses Zeugnis fasst kurz, und nicht allzu klar, die zwei Hauptlehren zusammen, die Darby – erst mehrere Jahre später – zu verkündigen begann:
1. Israel und die Gemeinde sind zwei so völlig unterschiedliche Körperschaften, dass Bibelstellen, die für Israel gelten, nicht zugleich für die Gemeinde gelten können, und umgekehrt. Insbesondere beziehen sich die alttestamentlichen Prophezeiungen über die zukünftige Herrlichkeit Israels ausschliesslich auf die Rolle Israels im tausendjährigen Reich, und dürfen nicht auf die christliche Gemeinde übertragen werden. Das Zeitalter der Gemeinde war „unsichtbar“ für die Autoren des Alten Testaments.
2. Die Wiederkunft Jesu findet in zwei unterschiedlichen „Etappen“ statt: zuerst ein „geheimes“ Kommen, das nur von der Gemeinde wahrgenommen wird und bei dem diese entrückt wird (noch vor der „grossen Trübsal“); später ein öffentliches Kommen zum Weltgericht.

Mit der Zeit wurden diese Ideen weiter ausgearbeitet (hauptsächlich von Scofield) zu einem kompletten System von „Dispensationen“.

Darby hatte übrigens eine äusserst negative Sicht von allen Dispensationen, einschliesslich der gegenwärtigen:

„In jedem Beispiel gab es ein völliges und unmittelbares Versagen seitens des Menschen; dennoch konnte die Langmut Gottes aus Gnade die Dispensation tolerieren und zu Ende bringen, in welcher der Mensch von Anfang an versagt hatte; und ausserdem wurde uns nicht ein einziges Beispiel der Wiederherstellung irgendeiner Dispensation gegeben, obwohl es teilweise Wiederbelebungen [bestimmter Dispensationen] durch den Glauben geben konnte.“
(Gesammelte Werke J.N.Darbys, zitiert in Edmund Hamer Broadbent, „The Pilgrim Church“)

Broadbent fasst die Lehre Darbys zu diesem Punkt weiter zusammen:

„Die Beispiele, die er von diesem Versagen am Anfang jeder Periode gibt, sind: die Trunkenheit Noahs, der Fall Abrahams, der nach Ägypten ging und dort Sara verleugnete, und das goldene Kalb, das die Israeliten anbeteten.
Dasselbe behauptete er von der Gemeinde: ‚Innerhalb der Christenheit fand eine moralische Abweichung von Gott statt.‘ Sogar im Leben der Apostel waren der ‚Abfall‘, die ‚gefährlichen Zeiten‘, ‚die letzte Stunde‘ und das Werk des ‚Geheimnisses der Gesetzlosigkeit‘ bereits gegenwärtig. Die Apostel versagten in der Ausführung des Auftrags des Herrn, in die ganze Welt zu gehen und das Evangelium allen zu predigen. Ausserdem blieben sie in Jerusalem, als sie von dort hätten fliehen sollen. Ein neuer Heidenapostel musste erstehen, um ihr Ungenügen zu kompensieren. ‚So‘, schreibt Darby, ‚versagte diese Periode, genau wie die anderen, und wurde gleich zu Anfang unterbrochen (…) kaum war sie voll eingesetzt, als sie bereits scheiterte.‘
Er fragt dann, ob die Gläubigen ‚in unseren Tagen kompetent seien, Gemeinden zu organisieren nach dem Modell der ursprünglichen Gemeinden, wie sie annehmen‘, und ‚ob die Formierung solcher Körperschaften dem Willen Gottes gemäss sei‘. Seine Antwort ist ’nein‘, weil ‚die Kirche sich im Zustand einer Ruine befindet (…) die erste Abweichung ist fatal und ist eine Grundlage für das Gericht (…) die Schrift registriert nirgends eine Wiederherstellung eines solchen Zustandes (…) Wenn wir anerkennen, dass wir in einem Abfall leben, der sich verschnellert bis zu seiner schliesslichen Vollendung, statt in einer Gemeinde oder einer Periode, die Gott durch seine Gnadentreue unterhält, dann verändert das die ganze Stellung der Seele‘, sagt Darby.“
(Broadbent, a.a.O.)

Es ist mir nicht bekannt, inwieweit heutige Dispensationalisten diese pessimistische Sicht von der Gemeinde teilen. In gewisser Hinsicht kann ich Darby ja verstehen: Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde sowie die Kirchengeschichte ansieht, dann findet man tatsächlich viel mehr Anzeichen von Abfall als von Erweckung. Und sogar manches, was als Erweckung ausgegeben wird und wurde, ist in Wirklichkeit ein noch weiteres Abweichen von Gott. Ich kann von daher auch nachvollziehen, dass Dispensationalisten sehr misstrauisch sind gegenüber allem, was nach Erweckung riecht.
Wenn man aber daraus schliesst, dass der Abfall die unvermeidliche Norm sei, und das seit den ersten Anfängen der Kirchengeschichte, dann ist das nicht Schriftauslegung, sondern Erfahrungstheologie. Die Schrift spricht nicht nur von Abfall, sondern sie sagt auch: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ (Matthäus 28,20) – „…und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.“ (Johannes 10,28) – „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8,31) – „Er wird aber stehenbleiben, denn der Herr vermag ihn aufrechtzuhalten.“ (Römer 14,4) – „Gott aber ist treu, der euch nicht über euer Vermögen wird versucht werden lassen, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt.“ (1.Korinther 10,13) – „Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und haben ihr Leben nicht liebgehabt bis zum Tode.“ (Offenbarung 12,11)
– Alle diese Verheissungen (und es gibt noch weitere) zeigen, dass Gott willens und mächtig ist, die Seinen (d.h. die wahre Gemeinde) im Glauben zu bewahren. Die Behauptung, der Abfall sei notwendig und unvermeidlich, zeugt von Kleinglauben diesen Verheissungen gegenüber.

Nun ging Darby ja noch viel weiter als das, wie die obigen Zitate zeigen. Er leugnete nicht nur die Legitimität von Erweckungen oder des Wunsches nach Erweckung. Er leugnete überhaupt die Legitimität eines jeden Unterfangens, neutestamentliche Gemeinde zu bauen, von der nachapostolischen Zeit bis heute! Nach Darby hat „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments aufgehört zu existieren, sobald die Apostel nicht mehr da waren. Von daher leugnete er auch die Gültigkeit neutestamentlicher Verheissungen oder Anweisungen an die Gemeinde für die nachapostolische Zeit. Die echten Christen heute sollten sich zwar als „zwei oder drei“ versammeln, aber sie dürften sich in keiner Weise anmassen, eine „Gemeinde“ zu bilden. (Es ist mir ein Rätsel, wie Darby diese seine Lehre vereinbaren konnte mit seiner späteren Forderung nach strenger Gemeindezucht – sogar in Fällen, wo eine solche gar nicht angebracht war.)

Zweifel an der Aufrichtigkeit Darbys

Der weiter oben erwähnte S.P.Tregelles – ein Insider der damaligen Brüderbewegung – veröffentlichte jedoch eine von Darby abweichende Version über den Ursprung des Dispensationalismus: Die Lehre einer „geheimen Entrückung“, und eines „geheimen“ Kommens Jesu, war bereits 1811 veröffentlicht worden in einem spanischen Buch mit dem Titel „La venida del Mesías en gloria y majestad“ (Das Kommen des Messias in Herrlichkeit und Majestät), von einem gewissen Juan Josafat Ben Ezra. Das war das Pseudonym des jesuitischen Priesters Emanuel Lacunza. Es ist spekuliert worden, dass Lacunza unter diesem Pseudonym schrieb, um sein Buch für Protestanten akzeptabel zu machen. Ob das seine Absicht war oder nicht, es funktionierte: Das Buch wurde vom Vatikan auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, was es für Protestanten erst recht interessant machte.
Dieses spanische Buch wurde 1827 von dem schottischen Prediger Edward Irving auf Englisch übersetzt und verbreitet. (Interessanterweise ist 1827 das Jahr, das Darby angibt als den Beginn seiner öffentlichen Lehre des Dispensationalismus. Nachgewiesen werden kann seine Lehre über diese Themen aber erst ab 1833.) Nun hatte Darby in jener Zeit recht engen Kontakt mit Irving und seinen Anhängern, und nahm an mehreren ihrer Zusammenkünfte und Konferenzen (u.a. über biblische Prophetie) teil. Tregelles versichert, Darby hätte seine Ansichten über die Entrückung von Irvings Gruppe übernommen. (Angaben grösstenteils nach Wikipedia, Artikel „Rapture“ und „Edward Irving“ (englisch)

„Ich weiss nichts über irgendeine definitive Lehre, dass es eine geheime Entrückung der Gemeinde anlässlich einer geheimen Wiederkunft gäbe, bevor dies in Herrn Irvings Gemeinde ausgesprochen wurde als eine ‚Eingebung‘ von – wie es damals angenommen wurde – der Stimme des Geistes. Aber [unabhängig davon] ob jemand irgendwann [zuvor] so etwas behauptet hatte oder nicht, von dieser angeblichen Offenbarung war es, wo die moderne Lehre und die diesbezügliche moderne Ausdrucksweise herstammte. Sie kam nicht aus der Heiligen Schrift, sondern von etwas, was fälschlicherweise behauptete, Gottes Geist zu sein.“
(S.P.Tregelles, „The Hope of Christ’s Second Coming“, zitiert bei Ed Tarkowski, „In Search Of The Origins Of The Pretrib Doctrine“)

Ein anderer der frühen Plymouth-Brüder war Robert Baxter. Er schrieb:

„In einigen der Schriften von Herrn Irving wurde die Meinung ausgesprochen, dass vor dem zweiten Kommen Christi, und vor dem Anbruch des Tages der Rache über die Welt, wie er in der Schrift nachdrücklich genannt wird, die Heiligen zum Himmel entrückt würden wie Henoch und Elias, und so vor der Zerstörung dieser Welt gerettet würden, wie Noah in der Arche gerettet wurde, und wie Lot aus Sodom gerettet wurde. Das war eine Meinung, der ich mich nie anschliessen konnte; da ich annahm, unsere Zuflucht in und durch die Tage der Rache würde irgendein irdisches Heiligtum sein, bis der Herr käme, die Toten auferweckt würden, und die am Leben gebliebenen entrückt würden (1.Thess.4,17).“
(Robert Baxter, „Narrative of Facts“, 1833, zitiert a.a.O.)

Die „Irvingiten“ waren eine Art charismatische Splittergruppe, die das Zungenreden und prophetische Eingebungen pflegten. Bekannt geworden ist eine dieser Eingebungen, die im Jahre 1830 der fünfzehnjährigen Margaret MacDonald gegeben wurde. Diese lehrt ein „geheimes“ Kommen Jesu und eine geheime Entrückung als ein separates Ereignis, verschieden vom öffentlichen zweiten Kommen Jesu. Einige Forscher vermuten, dass Darby auch anwesend war, als dieses Wort weitergegeben wurde – jedenfalls war er mit Margaret MacDonald bekannt. (Dave MacPherson, „The Incredible Cover-Up: The True Story of the Pre-Trib Rapture“, 1975) Es ist nicht klar, ob Tregelles sich auf diese selbe Eingebung bezieht oder auf eine andere. Jedenfalls sagt er, seines Wissens hätte zuvor niemand (also auch Darby nicht) eine geheime Entrückung gelehrt.
Die Irvingiten entwickelten zunehmend abwegigere Lehren und Praktiken, sodass Darby sich gegen sie wandte und sie schliesslich entschieden ablehnte. Auch die schottische Kirche schloss Irving im Jahre 1833 wegen Irrlehre aus ihrer Mitte aus. (Wikipedia, Artikel „Edward Irving“ (englisch)

Die Diskussion darüber, ob das Selbstzeugnis Darbys oder das Zeugnis Tregelles‘ glaubwürdiger sei, dauert bis heute an. Verteidiger des Dispensationalismus, welche das Zeugnis Tregelles‘ ablehnen, haben wortreich argumentiert, die Irvingiten hätten nicht wirklich eine Entrückung vor der Trübsal gelehrt, und ihre dementsprechenden Äusserungen könnten auch als Entrückung während oder nach der Trübsal ausgelegt werden. (Lacunza z.B. nahm einen Zeitraum von 45 Tagen zwischen der Entrückung und der Wiederkunft Jesu an.) Aber damit wird die Auseinandersetzung auf einen Nebenschauplatz abgelenkt. Der Kern der neuen Lehre besteht nicht darin, ob die Entrückung „vor“ oder „nach“ der Trübsal stattfinde, sondern ob es überhaupt eine „geheime“ Entrückung gibt, d.h. ein „geheimes“ Kommen Jesu, verschieden von seiner öffentlichen Wiederkunft. Diese Idee von „zwei Etappen“ der Wiederkunft Jesu wurde von Lacunza, sowie von Irving und seinen Anhängern unmissverständlich gelehrt.

Einerseits ist die Anfrage berechtigt, ob Darby tatsächlich einen seiner Schlüsselgedanken von einer Gruppierung übernommen haben sollte, die er letztendlich heftig ablehnte. Andererseits wäre das aber gerade eine Erklärung dafür, warum er die Herkunft dieser Idee verschwieg, obwohl er als Teilnehmer an Irvings Konferenzen mit dessen Lehre vertraut gewesen sein muss. Da er sich öffentlich gegen die Irvingiten ausgesprochen hatte, konnte er ja nicht gut sagen, dass er eine ihrer Lehren zu einem Grundstein seines theologischen Systems gemacht hatte! – Man bedenke, dass der Brief, in dem Darby erstmals seine „Erleuchtung“ nach seinem Reitunfall schildert, dreissig Jahre nach dem Ereignis geschrieben wurde. Er hat also dreissig Jahre lang überhaupt keine Erklärung für den Ursprung seiner Lehre geliefert.

So oder so: Der Dispensationalismus ist eine „neue Offenbarung“

Auch wenn Darby die Wahrheit gesagt haben sollte: Er selber führt seine Lehre auch auf eine „neue Offenbarung“ zurück. („Die Wahrheiten selbst wurden damals von Gott offenbart…“) Zwar eine „Offenbarung“, die ihm beim Lesen der Heiligen Schrift kam – aber eben doch eine „neue Offenbarung“, die ihn dazu führte, die Bibel auf eine Art und Weise auszulegen, wie sie vor ihm in der ganzen Kirchengeschichte noch nie ausgelegt worden war. Die Wendung „Gott offenbarte mir…“ erscheint noch an weiteren Stellen in Darbys Schriften, wo er auf seine Entdeckung der „dispensationalistischen Wahrheit“ Bezug nimmt. (Quellen bei Stephen Sizer , „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Das ist ein wichtiger Kritikpunkt gegen den Dispensationalismus: Es handelt sich um eine neue Lehre, die allen vorangegangenen Theologien widerspricht. Sollten sich tatsächlich alle Gottesmänner der ganzen Kirchengeschichte vor Darby geirrt haben? Jede andere ernstzunehmende theologische oder denominationelle Strömung hat historische Vorgänger, mit denen sie im Einklang steht. Die Reformatoren konnten auf Augustin, auf Wyclif und auf Hus zurückverweisen. Die Täufer waren geistliche Nachfahren der Waldenser, sowie der Gemeinde der ersten Jahrhunderte und natürlich der Apostel selber. Die Pfingstbewegung hat Vorgänger im Montanismus, in John Wesley, und ebenfalls in der Praxis der Urgemeinde. Auch die Hausgemeindebewegung kann auf die Urgemeinde zurückverweisen, sowie auf Minucius Felix, auf Schwenckfeld, die Quäker, den frühen Methodismus, und andere. Der Dispensationalismus hat keine solchen historischen Vorgänger.
Diese Tatsache ist eine grosse Verlegenheit für die Verteidiger des Dispensationalismus. Wenn sie das Selbstzeugnis von Darby annehmen wollen, dass seine Lehre tatsächlich seine eigene originale Erfindung (bzw. „Offenbarung“) war, dann müssen sie erklären, warum niemand vor ihm auf diese Idee kam, und warum alle Theologen vor ihm die Bibel „falsch“ ausgelegt haben. Wenn sie dagegen nach historischen Vorgängern suchen wollen, dann landen sie bei einem jesuitischen Priester und einem charismatischen Sektengründer.

Pikant daran ist, dass die Dispensationalisten – zumindest in Deutschland – führend sind in der Opposition gegen die Pfingst- und die charismatische Bewegung. Da „darf“ es natürlich nicht wahr sein, dass ihr eigener Ursprung in einer charismatischen Bewegung und in einer „neuen Offenbarung“ liege!
Das Verhältnis zwischen Dispensationalisten und Pfingstlern ist doppelt paradox. Einmal eben wegen dieses Ursprungs des Dispensationalismus in einer „neuen Offenbarung“. Ob es Lacunza, Irving oder Darby war, der diese „Offenbarung“ als erster erhielt, ist hierbei ziemlich unwesentlich. Manche Vorwürfe der Dispensationalisten gegen die Pfingstbewegung (z.B. das Akzeptieren „neuer Offenbarungen“, oder unsachgemässer Umgang mit der Schrift) fallen damit auf sie selbst zurück.
Aber auch die Haltung der Pfingstler in dieser Frage ist widersprüchlich: Während sie einerseits an der fortdauernden Gültigkeit aller Gaben des Heiligen Geistes festhalten, haben sie andererseits die meisten Postulate des Dispensationalismus unkritisch übernommen. Es gibt kaum eine pfingstliche Kirche oder Denomination, wo nicht dispensationalistische Auslegungsprinzipien und das dispensationalistische Endzeitschema gelehrt werden. (Mit Ausnahme der dominionistischen Kreise in den USA, die inzwischen auch unter Charismatikern an Einfluss gewinnen.) Als ich einmal in einer kleineren pfingstlichen Buchhandlung nach Büchern über biblische Prophetie fragte, wurde mir als einziger Titel ein Buch von Tim La Haye angeboten. J.M.Thekkel, ein glühender Verfechter des Dispensationalismus, behauptet (wahrscheinlich ein wenig übertrieben), dass „100% der Pfingstler, 98% der Plymouth-Brüder und 95% der Südlichen Baptisten an die Entrückung vor der Trübsal glauben“. (John Mathew Thekkel, „The Origins of the Pre-Tribulation Rapture“).

Wie legt das Neue Testament das Alte aus?

Was die kirchengeschichtliche Neuheit des Dispensationalismus betrifft, so ist auch der Umstand von Gewicht, dass das Neue Testament nirgends eine „dispensationalistische“ Auslegung alttestamentlicher Texte nahelegt. Ganz im Gegenteil: der Umgang neutestamentlicher Autoren (inbegriffen Jesus selbst) mit alttestamentlichen Texten widerspricht dispensationalistischen Auslegungsprinzipien diametral. Da werden Prophetien aus dem Alten Testament mit aller Selbstverständlichkeit wörtlich auf die christliche Gemeinde angewandt. Einige Beispiele mögen dies zeigen:

„Da sagt Jesus zu ihnen: Ihr werdet in dieser Nacht alle an mir Anstoss nehmen; denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.“ (Matth.26,31)

Jesus wendet das alttestamentliche Wort, das über das (ganze) Volk Israel gesprochen worden war, auf die exklusive Gruppe seiner elf Jünger an.

„Da öffnete er ihnen den Sinn, damit sie die Schriften verständen, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben, dass der Christus auf diese Weise leiden und am dritten Tage auferstehen werde, und dass auf seinen Namen hin Umkehr zur Vergebung der Sünden verkündet werden solle unter allen (Heiden-)Völkern, beginnend mit Jerusalem.“ (Lukas 24,45-47)

Jesus lehrte seine Jünger offensichtlich nicht die dispensationalistischen Auslegungsmethoden! Er öffnete ihr Verständnis für die (alttestamentlichen) Schriften in dem Sinne, dass dort die Erfüllung des Missionsauftrags vorausgesagt wird, also die Ausbreitung der christlichen Gemeinde unter alle Völker.

„Denn es steht geschrieben im Buch der Psalmen: Seine Behausung soll veröden, und niemand soll dasein, der darin wohnt, und: Sein Vorsteheramt soll ein anderer empfangen.“ (Apg.1,20)

Diese alttestamentlichen Stellen werden von den Aposteln als wörtliche und direkte Anweisung in ihrer Situation verstanden, einen Nachfolger anstelle von Judas zu wählen.

„Und Paulus und Barnabas sagten freimütig: Euch (Israeliten) zuerst musste das Wort Gottes verkündigt werden; da ihr es von euch stosst und euch des ewigen Lebens selbst nicht für würdig achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. Denn so hat uns der Herr geboten: Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heil gereichest bis an das Ende der Erde.“ (Apg.13,46-47)

Hier sehen Paulus und Barnabas im Alten Testament die christliche Heidenmission vorausgesagt. – Ebenso Jakobus in Apg.15,14-17.

„Das Jerusalem droben aber ist eine Freie, und das ist unsere Mutter. Denn es steht geschrieben: Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst; brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht in Wehen liegst! Denn viele Kinder wird die Vereinsamte haben, mehr als die, welche den Mann hat.“ (Galater 4,26-27)

Paulus wendet dieses Wort aus Jesaja auf die Heidenchristen in Galatien an.

Nun mag ein Dispensationalist einwenden, es handle sich bei solchen apostolischen Bibelauslegungen um göttlich inspirierte Ausnahmen, die während der apostolischen Dispensation unter der direkten Leitung des Heiligen Geistes zulässig gewesen seien, heute aber nicht mehr. So kommt ihm sein eigenes Dispensationen-Schema zu Hilfe, um dasselbe zu retten – wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog.

Paulus will aber offensichtlich seine Art der Auslegung nicht als Ausnahme verstanden wissen. In 1.Korinther 10 fasst er kurz die Wüstenwanderung Israels nach dem Auszug aus Ägypten zusammen und sagt dann in Vers 6:

„Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen … (usw.)“

Damit wird nicht eine einmalige apostolische inspirierte „Ausnahme-Auslegung“ angesprochen, sondern ein allgemeines Auslegungsprinzip: Die im Alten Testament berichteten Ereignisse sind „Vorbilder“ für die christliche Gemeinde.

In einem zweiten Teil werde ich näher auf einige Aspekte der dispensationalistischen Bibelauslegung eingehen.

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 3

28. Januar 2012

Die Synagogen

In der Zeit nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft musste der Prophet Haggai das Volk tadeln wegen seiner Langsamkeit im Wiederaufbau des Tempels:
„Dieses Volk da sagt: ‚Jetzt ist die Zeit noch nicht gekommen, das Haus des Herrn wiederaufzubauen.‘ Darum erging das Wort des Herrn durch den Propheten Haggai folgendermassen: Ist etwa für euch die Zeit gekommen, in getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus in Trümmern liegt? (…) während ein jeder von euch an seinem (eigenen) Haus seine Freude hat.“ (Haggai 1,2-4.9)

Diese Bibelstelle wird von zeitgenössischen Kirchen oft dazu missbraucht, für ihre eigenen Bauvorhaben Werbung zu machen. Damit setzen sie sich aber gerade dem von Haggai angekündigten Gericht aus, denn wie schon in der ersten Folge angedeutet, haben solche denominationell-institutionellen Gebäude überhaupt keine Berechtigung, sich „Haus Gottes“ zu nennen. Einmal, weil Gott verboten hat, an irgendeinem anderen Ort als dem von ihm bestimmten (in Jerusalem) ein „Haus Gottes“ zu erbauen (5.Mose 12). Und dann auch, weil das neutestamentliche „Haus des Herrn“ gar kein Gebäude aus Holz und Stein ist, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen selber.
Aber wie zur Zeit Haggais die Israeliten mehr daran interessiert waren, ihre eigenen Häuser aufzubauen statt des Hauses des Herrn, so sind auch die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen mehr daran interessiert, ihre eigenen Denominationen und Institutionen zu vergrössern, statt das gemeinschaftliche und einzige geistliche „Haus Gottes“ zu fördern.

In jener Zeit nach dem Exil entstand allmählich eine Einrichtung, die zur Zeit Jesu und bis heute als so wesentlich gilt für die jüdische Identität, dass man sehr erstaunt ist, wenn man feststellt, dass sie im Alten Testament überhaupt nicht erwähnt wird: die Synagoge. Die von Gott verordnete „gottesdienstliche“ Einrichtung für Israel ist der Tempel mit seinem Priestertum. Aber nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begann allmählich die Synagoge den Tempel zu verdrängen als Zentrum des religiösen Lebens; und die Autorität der Lehrer (Rabbiner) begann mit der Autorität der Priester zu wetteifern.
Etwas ganz ähnliches geschah nach der Reformation: In den reformierten Kirchen wurde das katholische Priestertum abgeschafft. (Es muss dazu bemerkt werden, dass es keinerlei neutestamentliche Grundlage gibt für ein solches Priestertum. Im Neuen Testament sind alle Gläubigen Priester – 1.Petrus 2,5.9 – unter dem einzigen Hohenpriester Jesus – Hebräer 4,14-16.) An dessen Stelle wurde das Lehramt gesetzt. In dieser Hinsicht ähnelt also die katholische Kirche dem Tempel mit seinem Priestertum, während die reformierten Kirchen den Synagogen mit ihren Lehrern ähneln.
Dazu passt, dass der Tempel ebenso wie die römisch-katholische Kirche ein zentralisiertes System darstellt; die reformierten Kirchen dagegen wie die Synagogen ein weitgehend dezentralisiertes.

In den Synagogen bzw. unter den Rabbinern begannen sich bald unterschiedliche Strömungen herauszubilden. So kennen wir aus der Zeit Jesu insbesondere die Pharisäer, welche eine strenge Absonderung und Gesetzeserfüllung betonten; und andererseits die Sadduzäer, welche nicht an übernatürliche Dinge wie Geistwesen oder die Auferstehung von den Toten glaubten (Apg.23,8). Ich denke, wir können gut im christlichen Raum die Pharisäer mit den evangelikal-fundamentalistischen Theologen vergleichen und die Sadduzäer mit den liberal-modernistischen.

Wir stellen ausserdem fest, dass Israel nach der Gefangenschaft nicht mehr in die grosse Sünde zurückfiel, derentwillen sie unter das Gericht Gottes gekommen waren: den Götzendienst. Beim Kommen Jesu und seinen Konfrontationen mit dem Volk wurde aber deutlich, dass es andere Arten gab, wie das Volk ebenso von Gott abfallen konnte. – In ähnlicher Weise sind die Kirchen der Reformation nie mehr in den katholischen Bilder- und Heiligendienst zurückgefallen. Sie haben aber ihre eigenen Wege, sich ebenso von Gott zu entfernen.

Trotz aller Unterschiede gab es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen dem Tempel und den Synagogen: Der „Gottesdienst“ war immer noch an gewisse „heilige Orte“ und an den Vorsitz gewisser „heiliger Personen“ gebunden. Erst Jesus machte dieser Vorstellung ein Ende (siehe Johannes 4,19-24). – Auch die katholischen und evangelischen/evangelikalen Kirchen haben aber wieder ihre „heiligen Gebäude“ errichtet und ihre „heiligen Männer“ (und Frauen) auf die Kanzeln gestellt, und machen diese zum Zentrum ihrer „Gottesdienste“.

Ich bin schon öfters Kirchenmitgliedern begegnet, die den wöchentlichen „Gottesdienstbesuch“ – auch in einer noch so weit vom Evangelium abgefallenen Kirche – damit begründeten, dass Jesus und die Apostel ja auch regelmässig die Synagogenversammlungen besuchten. Sie übersehen dabei, dass Jesus und die Apostel nicht zum passiven Zuhören in die Synagoge gingen, sondern weil sie dort die Gelegenheit hatten, die Synagogenbesucher zu evangelisieren. (Solche Gelegenheiten werden einem Nachfolger Jesu in den heutigen Kirchen kaum noch gegeben.)
Wesentlich an diesem Argument scheint mir aber der zugrundeliegende Vergleich von Synagoge und heutiger Kirche zu sein. Wenn auch das daraus abgeleitete Argument falsch ist, so scheint mir doch der Vergleich an sich richtig zu sein. Tatsächlich kann wohl alles, was im Neuen Testament von den Synagogen gesagt wird, auch von den heutigen Kirchen gesagt werden. So wie die Juden zur Zeit Jesu gewohnheitsmässig zur Synagoge gingen und wohl (fälschlich) dachten, sie nähmen an einer von Gott verordneten Einrichtung teil, so gehen auch viele Christen heute gewohnheitsmässig zu einem denominationellen, pfarrerzentrierten „Gottesdienst“ und fragen sich gar nicht mehr, ob diese Einrichtung wirklich biblisch verordnet sei.
So wie zur Zeit Jesu die Synagoge und das Rabbinertum (entgegen ihren ursprünglichen Gründungsabsichten) zu einer Brutstätte von aller Art Heuchelei, Manipulation und Machtmissbrauch geworden war (man lese Matthäus 23), so muss man von vielen Kirchen heute dasselbe sagen. Obwohl in manchen Kirchen (insbesondere den evangelikalen) immer noch viel theoretisch richtige Lehre verkündet wird, stimmt das Leben nicht mehr damit überein; so wie auch Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagte: „Alles nun, was sie euch sagen, tut und befolgt; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es und tun es nicht.“ (Matthäus 23,3)
So wie Jesus in der Synagoge öfters die Vorsitzenden verärgerte und sogar als Unruhestifter vertrieben wurde (Matthäus 12,9-14, Lukas 4,16-30, 13,10-17), so ist auch für viele heutige Kirchen die Verkündigung des biblischen Evangeliums und ein Leben konsequenter Nachfolge ein Ärgernis. Jesus sagte seinen Jüngern voraus:
„Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen. Und dies werden sie tun, weil sie den Vater und mich nicht erkannt haben.“ (Johannes 16,2)
Es wäre kurzsichtig, diese Voraussage nur auf die jüdischen Synagogen jener Zeit anzuwenden. Sich christlich nennende Herrscher und Kirchenführer haben im Lauf der Geschichte Hunderttausende, vielleicht Millionen von echten Nachfolgern Jesu umbringen lassen. Die Annahme ist also nicht allzu weit hergeholt, dass auch in den endzeitlichen Christenverfolgungen die offiziellen Kirchen eine entscheidende Rolle spielen werden.

Als Jesus kam und anfing, den Synagogenführern Ärger zu machen, da verbündeten sich die sonst verfeindeten Richtungen (Pharisäer und Sadduzäer) zusammen mit den Priestern, um ihn aus der Welt zu schaffen. Ist der Gedanke zu weit hergeholt, dass sich auch in der letzten Zeit die evangelikal-fundamentalistischen Führer mit den liberal-modernistischen zusammenschliessen werden gegen die echten Christen? Anfänge davon sind bereits zu beobachten. Siehe „Die Evangelische Allianz paktiert mit der Ökumene und dem Vatikan“.

Das Kommen Jesu

Die Geschichte des Alten Bundes endet mit dem Wirken Jesu auf Erden bei seinem ersten Erscheinen. Die Geschichte der christlichen Kirche gemäss ihrer gegenwärtigen Verordnung wird mit dem zweiten Kommen Jesu enden. Was können wir da für Parallelen ziehen?

Die Juden erwarteten sehnsüchtig den Messias, von dessen Kommen sie in den Schriften der Propheten gelesen hatten. Aber als er wirklich kam, erkannten die meisten von ihnen ihn nicht. Insbesondere die offiziellen Leiter ihres Staates und ihrer Religion erkannten ihn nicht – trotz all ihrer Bibelkenntnis! Und jene wenigen Leiter, die zumindest ahnten, wer er sein könnte, unternahmen alles in ihrer Macht Stehende, um sein Auftreten zu verhindern – so wie Herodes der Kindermörder.

Das ist eine wirklich erstaunliche und bestürzende Tatsache.

Heutige Christen – soweit sie nicht unter der Gefangenschaft der rationalistischen Bibelkritik stehen – erwarten ebenso sehnsüchtig das zweite Kommen Jesu, studieren die biblischen Prophezeiungen, versuchen sogar exakte „Endzeitfahrpläne“ aufzustellen. Wäre es möglich, dass viele unter diesen Bibelkundigen – und noch mehr unter den offiziellen Leitern ihrer Kirchen – den Herrn nicht erkennen oder nicht anerkennen werden, wenn er wirklich kommt?

Ich bin sicher, dass die meisten der Angesprochenen bei einem solchen Gedanken entrüstet aufschreien werden. Und doch: die biblische Parallele legt nahe, dass es genau so sein wird.

Warum erkannten so viele Juden beim ersten Kommen Jesu ihren Messias nicht?

Ich glaube, ein wichtiger Grund liegt darin, dass viele von ihnen einen Messias zu ihren Gunsten erwarteten, und nur wenige einen Messias zu Gottes Verherrlichung. Es ist für uns Menschen ein schwerverdaulicher Gedanke, dass Gott zuerst seine eigene Ehre im Auge hat und nicht die Erfüllung unserer Bedürfnisse oder Wünsche. Ich muss zugeben, dass auch ich mit diesem Punkt ab und zu Mühe habe. (Für einen Menschen wäre solche „Ehrsucht“ ja eine grobe Sünde. Für Gott ist sie aber nur angemessen, weil ihm ja solche Ehre tatsächlich gebührt.)
Die meisten erwarteten deshalb, dass der Messias sie von den Römern befreien würde; nicht aber, dass er zu ihnen sagen würde: „Kehrt um!“, oder gar: „Ihr Schlangenbrut!“ – Eine heutige Parallele dazu ist vielleicht, dass viele Christen (irrtümlich, wie ich meine) erwarten, noch vor Beginn der „Trübsal“ entrückt zu werden. Es wird heute viel darüber gepredigt, dass Jesus zu unserer Erlösung kam und wiederkommt; aber wenig darüber, dass er zum Gericht kommen wird.

Für die religiösen und politischen Leiter muss das ein noch grösseres Ärgernis sein als für uns gewöhnliche Sterbliche. Das muss es gewesen sein, was Herodes in solche Panik versetzte: „Wenn dieses Kind tatsächlich der verheissene König ist, dann verliere ich meinen Thron!“ Ja, wenn Jesus wiederkommt, dann werden alle Könige, Präsidenten, Minister und Diktatoren abdanken müssen. Auch alle Kirchenführer, Pfarrer und Pastoren werden von ihren Kanzeln herabsteigen müssen. Sie werden „ihre“ Schäfchen dem rechtmässigen Hirten Jesus zurückgeben müssen. Ich fürchte, allzuviele von ihnen werden dann ebenso eifersüchtig an ihrem „Thron“ festhalten wollen wie Herodes an dem seinen.

Jene unter den Juden, die Jesus wirklich als Messias anerkannten und ihm nachfolgten, waren mehrheitlich Menschen, die nicht allzu vieles zu verlieren hatten. Arme Fischer waren eher dazu bereit, ihre Arbeit und ihren Verdienst aufzugeben, als reiche Jünglinge. Der Zöllner Matthäus muss zwar gut verdient haben, wurde aber als Kollaborateur der Römer verachtet – auch keine sehr beneidenswerte Stellung. Aussätzige und Blinde konnten sowieso nur gewinnen, wenn sie Jesus nachfolgten. Der Ratsherr Nikodemus hingegen konnte es sich seiner Stellung wegen nicht leisten, ihm öffentlich nachzufolgen. Jesus heimlich bei Nacht aufzusuchen (Joh.3), und in einer Ratsversammlung ein ganz vorsichtiges Votum zu seinen Gunsten abzugeben (Joh.7,50-51), war das Äusserste, was er riskieren konnte. Er scheint überhaupt der einzige Angehörige des Rates gewesen zu sein, der Jesus nicht ablehnte. – So ist anzunehmen, dass es auch beim zweiten Kommen Jesu vielen, die heute in der Christenheit Rang und Namen haben, eher mulmig zumute sein wird.

Auf die Wiederkunft Jesu vorbereitet zu sein, ist deshalb nur in zweiter Linie eine Frage der Bibelkenntnis. In erster Linie geht es darum, ob wir wirklich meinen, was wir sagen, wenn wir ihn „Herr“ nennen. Ob wir bereit sind, ihm wirklich den Ehrenplatz zu geben, der ihm gebührt, und unseren eigenen Rang und Namen, unseren Einfluss und unsere Ehre, unser Hab und Gut, und sogar unser eigenes Leben aufzugeben um seinetwillen. Eine tägliche Herausforderung, der ich mich nur im Vertrauen auf Gottes übernatürliche Hilfe stellen kann.

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 2

21. Januar 2012

Von Gott eingesetzte Richter

Mehrere Jahrhunderte lang hatte der Staat Israel eine – aus menschlicher Sicht – äusserst „unordentliche“ Regierungsform: Urplötzlich pflegten vom Heiligen Geist erfüllte Menschen aufzustehen, deren Autorität so allgemein anerkannt wurde, dass sie ganze Stämme im Krieg anführten und auch in zivilen Angelegenheiten ihr Urteil als bindend anerkannt wurde (weshalb sie „Richter“ genannt wurden). Wenn ein Richter starb, brach manchmal die wildeste Anarchie aus; und niemand wusste zum voraus, wann und wo der nächste Richter erscheinen würde.
Ausserdem war das Territorium Israels noch längst nicht allgemein anerkannt oder respektiert: Immer wieder fielen andere Völker ein, raubten und plünderten, oder unterwarfen sich Teile des Landes bzw. der Bevölkerung. Sowohl im Inneren wie im Äusseren herrschte also eine grosse Unsicherheit, und man brauchte einen gefestigten Glauben, um in einer solchen Situation darauf vertrauen zu können, dass Gott tatsächlich alles unter Kontrolle hatte.

Ich denke, diese Zeit kann man gut mit den ersten Jahrhunderten des Christentums vergleichen. Mancherorts waren die Strukturen und Gebräuche noch nicht eindeutig festgelegt. Von aussen her herrschte eine ständige Unsicherheit: man wusste nie, wann die nächste Verfolgung losbrechen würde. Ohne glaubensstarke, von Gottes Geist geleitete Leiter hätte die Gemeinde in jener Zeit kaum überleben können. Aber auch die einzelnen Christen brauchten einen starken, persönlichen Glauben.

„Wir wollen einen König haben!“

Dann kam der Moment, wo die Israeliten diese direkte Abhängigkeit von Gottes Leitung satt hatten und zu Samuel, dem letzten Richter, sagten: „Gib uns einen König, wie ihn alle anderen Nationen haben!“ – Die Regierungszeit von Saul, dem ersten König, war katastrophal. Aber zur Zeit Davids gelang es dem Volk Israel, die ihm feindlich gesinnten Völker definitiv zu besiegen, womit eine (relativ kurze) Periode inneren und äusseren Friedens begann.

So kam auch in der Geschichte der christlichen Kirche ein Moment, wo die Kirche einen König erhielt. Das begann mit dem römischen Kaiser Konstantin, der Christ wurde – zumindest äusserlich. Wie es in seinem Herzen aussah, kann aus der Geschichte nicht restlos geklärt werden. Fest steht, dass Konstantin den Christenverfolgungen ein Ende machte, und dass er von der überwiegenden Mehrheit der Christen nicht nur als politischer, sondern auch als religiöser Führer anerkannt wurde. Beweis dafür ist, dass es Konstantin war, der das berühmte Konzil von Nicäa (325) einberief und dabei auch den Vorsitz innehatte. Dieses Konzil brachte zwar die erste theologisch ausgefeilte Erklärung der göttlichen Dreieinigkeit hervor – ein Glaubensbekenntnis, das bis heute hoch geschätzt wird -, aber kirchenpolitisch gesehen war es eine Katastrophe. Das Bekenntnis von Nicäa war den Konzilsteilnehmern von Konstantin praktisch aufgezwungen worden, sodass sich die scheinbare Einheit sogleich nach dem Konzil wieder auflöste in jahrzehntelange wüste theologische Streitereien und Intrigen.
Konstantins Nach-Nachfolger Theodosius machte dann die Kirche vollends zur „römisch-katholischen“ Kirche: Er erklärte die römische Version des Christentums zur obligatorischen Staatsreligion. Innerhalb eines halben Jahrhunderts waren damit die Heiden von Verfolgern zu Verfolgten geworden. Wie Israel zur Zeit Davids, musste die Kirche jetzt ihre Widersacher nicht mehr fürchten, sondern wurde von diesen gefürchtet.

Vor diesem Hintergrund war es nur natürlich, dass in der Folge nicht nur der römische Staat, sondern auch die Kirche zentral von Rom aus geleitet wurde. Zur Machtstellung des Papstes war es von da her nicht mehr weit. Die Kirche war tatsächlich zu einer Monarchie geworden. Und auf allen Ebenen hatten sich hierarchische Leitungsstrukturen verfestigt, die die Leitung des Heiligen Geistes immer mehr aus der Kirche verdrängten.

Es ist von daher interessant, dass während der Richterzeit das „Haus Gottes“ – die Stiftshütte – ein einfaches Zelt war. Eine bewegliche „Wohnung Gottes“, die auf den Wanderungen Israels überallhin mitgenommen werden konnte. Von den ersten Königen jedoch wurde stattdessen ein Tempel aus Holz und Stein errichtet. (Die Vorarbeiten dazu begannen unter David, und der eigentliche Bau wurde von seinem Sohn Salomo ausgeführt). Beachten wir, dass die Stiftshütte von einem Propheten errichtet wurde, der Tempel hingegen von einem König.
So wie König Salomo die Wohnung Gottes „festzementierte“, so wurde unter dem Einfluss der römischen Kaiser (und gewisser Kirchenführer) die kirchliche Hierarchie und Liturgie „festzementiert“. Und so wie Salomo einen heidnischen Baumeister anstellte – Hiram von Tyrus -, so sind zur Zeit Konstantins und Theodosius‘ viele heidnische Einflüsse in die Kirche eingedrungen.

Natürlich kann man auch hier die Parallele nicht in alle Einzelheiten weiterführen. Ich könnte keinen der römischen Kaiser oder Päpste direkt mit Saul, mit David oder mit Salomo gleichsetzen. Aber die grundsätzlichen Ähnlichkeiten scheinen mir der Erwähnung wert.

Das geteilte Reich

Salomo war der dritte König Israels und zugleich der letzte, der das Reich im Frieden regieren konnte. Kurz nach seinem Tod brach das Reich auseinander. Ebenso teilte sich auch das Römische Reich bald nach Konstantin in eine West- und eine Osthälfte, die fortan getrennte Wege gingen. Da die Kirche mit der Staatsregierung verbunden worden war, hatte das natürlich Auswirkungen auf die Kirche. Ost- und Westkirche (d.h. die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche) lebten sich immer weiter auseinander, bis sie schliesslich einander gegenseitig verurteilten und verfluchten.
Gleichzeitig entfernten sich beide Kirchen immer weiter von den Grundlagen des Wortes Gottes – genauso wie auch das Volk Israel in der Zeit des geteilten Reiches immer weiter von Gott abfiel. Mit gelegentlichen Reformen und halbherziger Umkehr; aber aufs Ganze gesehen müssen wir von einer Zeit des Abfalls von Gott sprechen.

Die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr nach Jerusalem

Diese Zeit des Abfalls mündete schliesslich in die babylonische Gefangenschaft Israels aus (und für das Nordreich vorher schon in die assyrische Gefangenschaft). Die Propheten hatten dieses Gericht Gottes bereits vorhergesagt. Ein grosser Teil des Volkes wurde nach Babylonien deportiert, wo sie nur geringe Freiheiten hatten und die Babylonier vieles unternahmen, um sie zu ihrer Religion zu bekehren. (Im Buch Daniel nachzulesen.)
Die kirchengeschichtliche Parallele dazu liegt auf der Hand. Martin Luther schrieb ein ganzes Buch mit dem Titel: „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“. Jahrhundertelang war die Kirche gefangen in Unmündigkeit, Aberglauben, und aus der Bibel nicht zu begründenden Gebräuchen.
Tatsächlich gibt es in der babylonischen Religion gewisse Parallelen zum römischen Katholizismus. Z.B. versuchten die Babylonier in den ihnen unterworfenen Gebieten ihre Religion durchzusetzen, indem sie die einheimische Führungsschicht dieser Länder „umerzogen“ – nicht viel anders als die katholische Kirche im Mittelalter. Ohne Vermittlung der Priester und Teilnahme an den vorgeschriebenen Zeremonien konnte man in der babylonischen Religion nicht mit den Göttern in Verbindung treten. Auch gewisse Symbole wie z.B. die Verehrung einer „Gottesmutter“ mit ihrem Sohn sind babylonischen Ursprungs.

Erst als das babylonische Reich von den Persern und Medern eingenommen wurde, erhielten die Israeliten die Freiheit, wieder in ihr Land zurückzukehren. Dieses Ereignis ist in der Kirchengeschichte offensichtlich mit der Reformation zu vergleichen. So wie die Israeliten aufgefordert wurden, zurück nach Jerusalem zu ziehen, so erging in der Reformationszeit der Ruf, zum ursprünglichen Wort Gottes zurückzukehren. Aber so wie viele Israeliten sich an das Leben in Babylon gewöhnt hatten und dort blieben, so leisteten auch längst nicht alle Kirchenchristen dem reformatorischen Ruf Folge.

Der Verlust der Unabhängigkeit

Auch nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war Israel kein unabhängiger Staat mehr. Die Juden befanden sich nacheinander unter persischer, griechischer und römischer Herrschaft. Erst in jüngerer Vergangenheit (1948) wurde Israel zum ersten Mal seit der babylonischen Gefangenschaft wieder ein unabhängiger Staat.
Wenn wir nun die babylonische Gefangenschaft als Typus einer „Gefangenschaft“ der Kirche unter eine bestimmte Denkströmung und Kultur verstehen – in diesem Fall die römisch-katholische -, können wir dann auch in den anderen, späteren Besatzungsmächten eine solche Bedeutung sehen?

Die Weltsicht und Religion der Perser war stark vergeistigt und dualistisch; d.h. alles wurde als Ausdruck einer ständigen Auseinandersetzung zwischen einer guten und einer bösen Macht verstanden. Die Perser waren in Angelegenheiten der Religion toleranter als die Babylonier. Es waren die Perser, welche den Juden erlaubten, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wieder aufzubauen.
So sehen wir auch in den Reformationskirchen eine ähnliche Schwerpunktverschiebung: Während die Glaubenstreue eines Katholiken vornehmlich an seiner Unterordnung unter der Hierarchie, und an seiner Teilnahme an den Riten und Sakramenten gemessen wird, so war das Kriterium der Reformatoren, ob etwas (lehrmässig) „richtig oder falsch“ war. – Auch lockerte sich die staatliche Bevormundung in religiösen Angelegenheiten. Besonders in den calvinistischen Ländern (in den lutherischen weniger) fand eine allmähliche Bewegung in Richtung Glaubens- und Gewissensfreiheit statt.
Dennoch haben wir auch hier eine geistige „Fremdherrschaft“, eine Überschattung des Evangeliums durch eine ihm fremde Denkrichtung. Den „rechten Glauben“ an der Übereinstimmung mit der „rechten Lehre“ festzumachen, ist eine unzulässige Reduktion des Evangeliums. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Periode, die von manchen Historikern als „Zeit der toten Orthodoxie“ bezeichnet wird: Die Grundwahrheiten des Evangeliums wurden zwar noch richtig und biblisch („orthodox“) gelehrt, aber nicht mehr auf das wirkliche Leben angewandt.

Das griechische Denken war hauptsächlich humanistisch (d.h. auf den Menschen als solchen zentriert) und philosophisch-intellektuell. Die griechischen Götter waren im Grunde nichts als überzeichnete Abbilder von Menschen, mit höchst menschlichen Bedürfnissen, Schwächen und Fehlern. Die Griechen strebten danach, ihr menschliches Potenzial so weit wie möglich zu entwickeln: sei es im intellektuellen Bereich (Philosophie, Rhetorik, Geometrie…) oder im körperlichen (militärisches Training, Sport, Olympiaden…). Als „am höchsten entwickelte“ Menschen galten die Philosophen.
So begann auch in der Kirche während des 19.Jahrhunderts der Rationalismus zu dominieren: eine Denkrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und meint, alles könne und müsse mit dem menschlichen Verstand erklärt werden. Diese „moderne“ liberale Theologie fragt hauptsächlich danach, ob etwas „logisch“ oder „vernünftig“ sei. Was übernatürlich oder dem menschlichen Verstand nicht einsichtig ist, wird von dieser Theologie abgelehnt. Wir können deshalb durchaus sagen, dass die Mehrheit der Kirche während des 19. und 20. Jahrhunderts vom griechischen Geist beherrscht wurde.

Die Römer übernahmen zwar das griechische Denken, waren aber von sich aus eher pragmatisch orientiert. Sie kümmerten sich mehr um die praktische Verwaltung und Verteidigung ihres Reiches, als um Philosophie. Während die Griechen bedeutende Schritte auf demokratische Regierungsformen hin unternommen hatten, regierten die Römer von Cäsar an wieder weitgehend diktatorisch. – In religiöser Hinsicht finden wir im römischen Reich eine merkwürdige Mischung von Toleranz und Totalitarismus: Einerseits war die Ausübung aller möglichen auch noch so abwegigen Religionen erlaubt. Deshalb erreichte die Ausbreitung der ursprünglich orientalischen Mysterienreligionen in der Römerzeit ihren Höhepunkt. Andererseits war die Verehrung des Kaisers streng obligatorisch. Die Christen wurden nicht deshalb verfolgt, weil sie Christus anbeteten; sie wurden verfolgt, weil sie sich weigerten, zusätzlich zu Christus auch noch den Kaiser anzubeten. Die ersten Leser der Johannesoffenbarung dachten bei dem „Tier“ in Kapitel 13 sicher zuerst an den Machtapparat des römischen Kaisers.
Man kann sich fragen, ob wir uns gegenwärtig im Übergang von der Herrschaft des griechischen Geistes zu der des römischen Geistes befinden. Welteinheitsbestrebungen wie damals die „Pax Romana“ sind wieder hochaktuell. Unter den Evangelikalen geben die Kirchen der USA mit ihrer Strategieversessenheit, ihrem Marketingdenken und ihren auf das Diesseitige ausgerichteten Zielsetzungen den Ton an. Orientalische Religionen und Praktiken verbreiten sich wieder über den ganzen Erdball, und finden inzwischen auch in den meisten Kirchen offene Türen. „Vernunft“ wird nicht mehr so grossgeschrieben wie auch schon; dafür suchen manche Christen nach immer wilderen Manifestationen übernatürlicher Kräfte aus eher zweifelhaften Quellen. Und nicht zuletzt: Unter dem Vorwand von „Toleranz“ und „politischer Korrektheit“ werden die Freiheiten für echte, bekennende Christen immer mehr eingeschränkt.

Ich muss da jedoch eine kleine Mahnung zur Vorsicht anbringen: Je näher wir an die Gegenwart kommen, desto schwieriger wird es, Zeit- und Denkströmungen angemessen zu beurteilen und einzuordnen. Aus dem fehlenden historischen Abstand heraus können Nebensächlichkeiten gross erscheinen, während die wirklich einflussreichen Strömungen oft erst im Nachhinein erkannt werden.

Einen Grundgedanken möchte ich jedoch hervorheben: Seit der Reformation ist zwar in der Kirche manches erneuert worden und ist manche biblische Wahrheit neu entdeckt worden. Aber so wie Israel auch nach der Rückkehr aus Babylon noch nicht wirklich frei und unabhängig war, so ist auch die Kirche mit alldem noch nicht wirklich frei geworden von geistiger „Fremdherrschaft“.

(Fortsetzung folgt)

Interessante Parallelen zwischen der Geschichte Israels und der Kirchengeschichte – Teil 1

14. Januar 2012

Der folgende Artikel ist, wie ich zugebe, weitgehend spekulativ. Ich gehe von dem Grundgedanken aus, dass es gewisse „Muster“ des Handelns Gottes in der Geschichte gibt, die sich in ähnlicher Weise wiederholen. So spricht z.B. Jesus davon, dass die drei Tage und drei Nächte, die Jonas im Bauch des Fisches verbringen musste, eine Art Vorzeichen oder „Vor-Bild“ davon waren, dass er selber, Jesus, drei Tage und drei Nächte begraben sein müsse. (Matthäus 12,40-41.) Oder er verglich sich mit den Propheten Elias und Elisa, die beide mehrheitlich Nicht-Israeliten dienten und von ihrem eigenen Volk abgelehnt wurden, so wie auch Jesus selbst von seinem Volk abgelehnt wurde (Lukas 4,24-27). An anderer Stelle sagte er, Johannes der Täufer sei (in einem gewissen Sinn) der wiedergekommene Prophet Elias gewesen (Matthäus 17,11-13). Theologen würden sagen, Elias sei ein „Typus“ von Johannes bzw. von Jesus gewesen.
Diese „Typologie“ ist dabei nie eine völlig exakte Parallele und ist deshalb mit Vorsicht anzuwenden. Z.B. befand sich Jonas aufgrund seines Ungehorsams gegen Gott im Bauch des Fisches; Jesus dagegen musste gerade infolge seines äussersten Gehorsams sterben und begraben werden.

Da nun Jesus selber solche Parallelen zieht zwischen alttestamentlichen Ereignissen und gewissen Aspekten seines eigenen Lebens und Wirkens, ist die Frage naheliegend, ob es weitergehende Parallelen gibt zwischen der Geschichte des alttestamentlichen und des neutestamentlichen Gottesvolkes. Dass dies auf einer ganz grundsätzlichen, elementaren Ebene der Fall ist, bezeugt Paulus:

„Diese Dinge (er bezieht sich auf Vorkommnisse während der Wanderung Israels durch die Wüste) aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir uns nicht nach Bösem gelüsten lassen, wie es jene gelüstet hat. Werdet auch nicht Götzendiener gleich etlichen von ihnen (…) Lasst uns auch nicht Unzucht treiben, wie etliche von ihnen Unzucht trieben und an einem Tage 23’000 fielen. Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie etliche von ihnen ihn versuchten und von den Schlangen umgebracht wurden. Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und vom Verderber umgebracht wurden. Dies aber widerfuhr jenen zum Exempel; geschrieben aber wurde es zur Warnung für uns, auf die das Ende der Welt gekommen ist.“ (1.Kor.10,6-11)

Ob nun aber solche Parallelen auf konkrete Ereignisse der Kirchengeschichte übertragen werden können, ist eine offene Frage, die in der Bibel nicht beantwortet wird. Einige Ausleger haben versucht, in den sieben Gemeinden von Offenbarung 2 und 3 sieben Etappen der Kirchengeschichte zu sehen – nicht mit vollem Erfolg, wie ich meine; dennoch ist es ein interessanter Ansatz.
Ich möchte hier einen anderen, aber in gewisser Weise ähnlichen Ansatz versuchen, indem ich der Frage nachgehe, ob vielleicht die Geschichte Israels in gewisser Weise die Geschichte des neutestamentlichen Gottesvolkes „typologisch“ vorzeichnet. Auch dieser Ansatz wird sicher – wie die erwähnte Auslegung von Offenbarung 2 und 3 – unvollständig und unbefriedigend bleiben. Es gibt aber einige wirklich auffallende Parallelen, die ich im folgenden beschreiben möchte.

Anfänge des Gottesvolkes

Man kann sich darüber streiten, ob der Anfang der Geschichte Israels als Volk bei Abraham oder bei Moses anzusetzen sei. Für die hier vorliegende Betrachtung erscheint es mir sinnvoller, bei Moses anzufangen, weil der Durchzug durch das Rote Meer in 1.Korinther 10,1-2 als „Typus“ der christlichen Taufe beschrieben wird, und mit einer Massentaufe fing auch das neutestamentliche Gottesvolk an (Apg.2,41). Den Zeitraum von Abraham bis Moses könnte man aus diesem Blickwinkel als (keineswegs unwichtige!) „Vorgeschichte“ auffassen, so wie auch das Erdenleben Jesu eine (keineswegs unwichtige) Vorgeschichte zur Kirchengeschichte war.
Vor dem Auszug aus Ägypten stand das Passahmahl. Dabei wurde ein Lamm geopfert, dessen Blut die Israeliten vor dem Todesengel beschützte. In ähnlicher Weise musste Jesus, das „Lamm Gottes“ (Joh.1,29) geopfert werden, damit wir durch sein Blut Vergebung unserer Sünden erhalten können.
Auch diese Parallele ist im Grunde nicht exakt: Das Alte Testament bringt das Passah nicht mit Sündenvergebung in Verbindung; dazu dient das Opfer am Versöhnungstag (3.Mose 16). Dennoch macht der Apostel (und Rabbiner) Paulus diesen Vergleich ausdrücklich: „…denn als unser Passahlamm ist Christus geopfert worden“ (1.Kor.5,7). Tatsächlich wurde Jesus zur Zeit des Passahfestes geopfert.

Exodus

Nach diesem Opfer also konnte der Auszug aus Ägypten stattfinden. Wir können das „Sklavenhaus Ägypten“ als typologisches „Vor-Bild“ der Versklavung unter die Sünde ansehen, aus der die Glaubenden durch das Opfer Jesu befreit werden. Unter dieser Perspektive ist folgende Stelle in der Offenbarung interessant:
„Und ihre Leichname (der zwei Propheten) werden auf der Gasse der grossen Stadt liegen, die bei geistlicher Deutung Sodom und Ägypten heisst, in der auch ihr Herr gekreuzigt worden ist.“ (Offb.11,8)
Wegen des Hinweises auf die Kreuzigung Jesu kann es sich bei der „grossen Stadt“ nur um Jerusalem handeln. Jerusalem, die heilige Stadt, ein „geistliches Ägypten“?? Tatsächlich begann die christliche Kirche in Jerusalem, und aus der Jerusalemer Gesellschaft mussten die ersten Christen ausziehen und herausgerettet werden, ganz ähnlich wie die Israeliten seinerzeit aus Ägypten ausziehen und herausgerettet werden mussten. So heisst es auch in Hebräer 13,12-14:
„Daher hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tores gelitten. So lasst uns nun zu ihm vor das Lager hinausgehen und seine Schmach tragen! Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“
Es stellt sich hier die Frage, ob dann auch das neue, geistliche Jerusalem, d.h. die christliche Kirche, in der letzten Zeit wieder zu einem „geistlichen Ägypten“ werden wird, aus welchem die wahren Gläubigen anlässlich der Wiederkunft Jesu ausziehen und herausgerettet werden müssen? – Aber ich greife vor…

Gesetz und Geist

Die nächste wichtige Station in der Wanderung der Israeliten war der Berg Sinai, wo Moses die Zehn Gebote erhielt (und verschiedene andere Gebote Gottes). Offenbar war es wichtig, dass das Volk Israel möglichst bald nach seiner Befreiung eine klare Richtlinie dessen erhielt, was Gott von ihm erwartete. Dieses Gesetz Gottes war die Grundlage für alles spätere Handeln Gottes mit und an seinem Volk.
Da nun dieses Gesetz Gottes ein für allemal gegeben wurde, war es für das neutestamentliche Gottesvolk nicht nötig, nochmals ein Gesetz Gottes zu erhalten. (Ausser wir betrachten die Bergpredigt als solches; aber dabei handelt es sich im Grunde um eine Auslegung und Erläuterung des bereits gegebenen Gesetzes.) Nach einiger Betrachtung erscheint es mir angebracht zu sagen, dass im Neuen Testament die Ausgiessung des Heiligen Geistes den Platz einnimmt, der im Alten Testament der Gesetzgebung am Sinai zukommt. Zur Begründung stütze ich mich auf folgende Stellen, die diesen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund hervorheben:
– „Nein, das ist der Bund, den ich nach jenen Tagen mit dem Hause Israel schliessen will, spricht der Herr: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben; ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Da wird keiner mehr den andern, keiner seinen Bruder belehren und sprechen: Erkennet den Herrn!, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und gross, spricht der Herr…“ (Jeremias 31,33-34)
(Tatsächlich ist es die Aufgabe des Heiligen Geistes, das Gesetz Gottes „in unser Herz zu schreiben“ und uns die Dinge Gottes zu lehren.)
– „Wenn aber der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben, zu Herrlichkeit gelangt ist, sodass die Söhne Israels nicht in das Angesicht Moses schauen konnten wegen des herrlichen Glanzes seines Angesichts, der verging; wie sollte nicht der Dienst des Geistes noch mehr in Herrlichkeit sein?“ (2.Kor.3,7-8)
(Hier wird genau der erwähnte Unterschied hervorgehoben, dass der Alte Bund „Dienst des Buchstabens war“, der Neue Bund hingegen „Dienst des Geistes“.)

Das Haus Gottes

Eine weitere wichtige Station bestand im Bau der Stiftshütte als „Wohnung Gottes“. Die ganze Anordnung und Ausstattung der Stiftshütte ist sehr symbolträchtig. Für mein Thema hier ist mir als Grundgedanke wichtig: Gott möchte hier auf Erden eine „Wohnung“ haben, wo sich seine Gegenwart in besonderer Weise manifestieren kann. War das im Alten Testament ein materielles Gebäude, so ist es im Neuen Testament ein „geistliches Haus“ aus „lebendigen Steinen“: die Gemeinschaft der Gläubigen selber! (1.Petrus 2,4-10) – „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid, und dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1.Kor.3,16)
Im Gegensatz zum Alten Testament haben wir im Neuen Testament keine ausdrückliche oder ausführliche „Bauanleitung“ zum Bau dieses geistlichen „Hauses Gottes“. Die Apostel müssen aber eine ziemlich klare Vorstellung davon gehabt haben, wie dieses „Gebäude“ – zumindest in den Grundzügen – aussehen sollte. Paulus schreibt nämlich kurz vor der soeben zitierten Stelle, und im selben Zusammenhang: „Nach der mir verliehenen Gnade Gottes habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf weiter. Doch jeder sehe zu, wie er darauf weiterbaut.“ (1.Kor.3,10) – Wenn wir also das Werk und die Anweisungen der Apostel ansehen, wie sie im Neuen Testament überliefert sind, dann denke ich, sollten wir doch den grundsätzlichen „Bauplan“ des neutestamentlichen Hauses Gottes, der Gemeinde, einigermassen erkennen können.

(Fortsetzung folgt)

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika (2. Teil)

9. Dezember 2010

Ich wiederhole hier nochmals die Vorbemerkung aus dem 1.Teil:

Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Ich fahre fort mit ausgewählten Problemen der bibelkritischen Theologie:

Annahme eines späten Abfassungsdatums

“Wir finden keine besondere Ähnlichkeit mit 1.Petrus in der Sprache und in der Lehre. Aus diesem Grund, und wegen der unterschiedlichen Situation der Gemeinde, die in einigen Stellen des 2.Briefs zum Ausdruck kommt, … denken viele, dass es sich hier um die späteste Schrift des Neuen Testaments handelt, vielleicht anfangs des 2.Jh. Ihr Autor könnte ein christlicher Lehrer gewesen sein, der an die Autorität des Petrus apellierte, um seiner Lehre mehr Autorität zu verleihen.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zu 2.Petrus)

Anfangs des 2.Jh. war Petrus schon seit über 30 Jahren tot. Die ursprüngliche Lehre hätte in dieser Zeit verändert werden können, und die historischen Ereignisse in Vergessenheit geraten. So können die Kritiker den ganzen Inhalt des Buches anzweifeln.
Insbesondere im Alten Testament nehmen die Kritiker an, es hätte während vielen Jahrhunderten überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gegeben:

“Obwohl die Schrift sich in Israel während der Konstitution der Königtums formell entwickelte (…), wurden die Erinnerungen früherer Zeiten mündlich bewahrt und von einer Generation zur anderen weitergegeben. Diese mündlichen Erzählungen wurden später von verschiedenen Personen und Personengruppen aufgeschrieben, um die Erzählungen zu bewahren, die ihnen einen Existenzgrund gaben…”
(“Entdecke die Bibel”, S.51)

Die kritischen Theologen stellen das Volk Israel gerne als ein primitives und unwissendes Volk von Analphabeten dar. So können sie sagen, dass nach so vielen Jahrhunderten sich ihre “Traditionen” sehr weit von der historischen Wahrheit enfernt hätten.
Aber die Zivilisation der Israeliten war weiter fortgeschritten, als die Theologen uns weismachen wollen. In Mesopotamien (Babylonien), wo Abraham herkam, war die Schrift schon lange vor Abraham bekannt. Ebenso in Ägypten, wo Mose seine Ausbildung erhielt (am Hof des Pharao!). In 2.Mose 17,14 und 37,24 beauftragt Gott Mose, zu schreiben. In 2.Mose 24,4 heisst es: “Und Mose schrieb alle Worte des Herrn.” Ebenso 4.Mose 33,2 und 5.Mose 31,9. Alle diese Stellen müssten Lügen genannt werden, wenn die Theorie der “mündlichen Überlieferung” richtig wäre.
4. Mose 5,23: “Der Priester soll diese Flüche in ein Buch schreiben…” – Ein israelischer Priester musste schreiben können. – “Lesen”, “schreiben”, “Buch”, usw, werden so oft erwähnt in den ersten Büchern der Bibel, dass es zu weit führen würde, alle Stellen aufzuzählen.

In einigen Fällen gibt es einen zusätzlichen Grund, warum kritische Theologen ein spätes Abfassungsdatum annehmen: Sie streiten ab, dass Prophetie existiere. Wenn eine Zukunftsprophezeiung eingetroffen ist, und diese Erfüllung historisch nachgeprüft werden kann, dann haben wir einen Beweis für die göttliche Inspiration und den übernatürlichen Ursprung der Bibel. Deshalb bemühen sich kritische Theologen zu “beweisen”, dass eingetroffene Prophezeiungen erst nach ihrer Erfüllung geschrieben worden seien.

Dies ist der Grund, warum sie z.B. sagen, das Buch Daniel sei erst im 2.Jh.v.Chr. geschrieben worden (400 Jahre nach Daniel), und die zweite Hälfte des Buches Jesaja erst nach der Rückkehr aus dem Exil (200 Jahre nach Jesaja). Jesaja hat nämlich die Rückkehr aus dem Exil prophezeit und nannte sogar den Namen des Königs Kyrus (Jes.45,1-13); und Daniel prophezeite über die Perser, Griechen und Römer.
So lässt “Entdecke die Bibel” in der ausführlichen Zeittabelle Daniel einfach aus, als ob er keine historische Persönlichkeit wäre; und zitiert Jesaja als “nachexilischen Propheten”.

Nur haben die Bibelkritiker im Fall von Daniel das Problem, dass Daniel auch das Jahr der Kreuzigung Jesu vorhergesagt hat sowie die Zerstörung Jerusalems (Daniel 9,25-26, die “Wochen” als Jahrwochen (je 7 Jahre) verstanden). Hier können sie unmöglich behaupten, das Buch Daniel sei erst nach der Kreuzigung Jesu geschrieben worden!

Im Neuen Testament haben wir insbesondere die Prophezeiung Jesu über die Zerstörung Jerusalems, die sich im Jahr 70 erfüllte. Kritische Theologen argumentieren: “Da die Zerstörung Jerusalems in Matthäus klar vorhergesagt ist (22,7), muss das Abfassungsdatum auf alle Fälle nach 70 liegen.” (…) – denn Jesus kann die Vorhersage nicht wirklich gemacht haben, “weil nicht sein kann, was nicht sein darf” … – Aus der Kirchengeschichte weiss man aber, dass die Jerusalemer Gemeinde die Stadt beim Beginnn der römischen Belagerung verliess, während die übrige Bevölkerung einen Sieg der Juden erwartete. Dies kann nur damit erklärt werden, dass Jesus die Vorhersage tatsächlich gemacht hat und die Gemeinde davon wusste.

Im Jahre 1994 entdeckte der Papyrologe Carsten Peter Thiede ein Fragment des Matthäusevangeliums aus dem Jahre 60. (Der Fund wurde sogar in einer peruanischen Zeitung erwähnt.) Aber die kritischen Theologen ziehen es vor, solche Entdeckungen zu ignorieren.

Rekonstruktion der Geschichte Israels

Wir haben gesehen, dass die modernen Theologen die Bücher Mose in verschiedene “Quellen” aufteilen. Um diese Theorie aufrechtzuerhalten, mussten sie die ganze Geschichte Israels umschreiben. Dies sind einige ihrer Annahmen:

– Das Volk Israel vereinigte sich erst in der Zeit Davids; die Patriarchengeschichten sind nichts als Legenden.
– Weder der Auszug aus Ägypten, noch der Durchzug durch das Rote Meer, noch die 40 Jahre in der Wüste sind tatsächlich geschehen.
– Verschiedene Gruppen kamen nach und nach ins Land Kanaan; es gab keine Eroberung unter Josua.
– Die Ideen Israels über Gott stammen aus den Religionen der heidnischen Umwelt. (Deshalb bemühen sich kritische Theologen, Ähnlichkeiten zwischen heidnischen Religionen und der Bibel zu finden.)
– Erst in der Königszeit begannen die Israeliten, einen einzigen Gott anzubeten.
– 5. Mose wurde in der Zeit Josias geschrieben, um nachträglich die Konzentration des Gottesdienstes in Jerusalem zu rechtfertigen.

Es ist offensichtlich, dass alle diese Annahmen reine Spekulation sind; sie lassen sich weder aus dem Bibeltext noch aus ausserbiblischen Quellen belegen. Dennoch nehmen die meisten theologischen Kommentare diese Hypothesen als gegeben an. Hier nur ein kleines Beispiel:

“Die Funde … öffnen neue Möglichkeiten, die alte Theorien widerlegen oder unterstützen. So im Fall der Besetzung Kanaans durch die Israeliten. Die biblischen Erzählungen ergeben kein einheitliches Bild. Und die Ergebnisse der Archäologie und anderer Hilfswissenschaften führten zu drei Theorien:
1. Friedliche Besetzung des Landes (Schule von Alt und Noth)
2. Gewaltsame Eroberung (Albright)
3. Innere Revolution (Mendenhall, Gottwald, Bright).
Heute scheint die Archäologie am ehesten die Theorie Mendenhalls zu befürworten.”
(“Entdecke die Bibel”, S.113)

Hier müssen wir wieder fragen: Wo bleibt die Bibel als historisches Zeugnis? Im Gegensatz zu den Äusserungen des Theologen bietet die Bibel ein sehr klares Bild; man lese das Buch Josua. Aber der kritische Theologe bringt eine Theorie, die der Bibel widerspricht, unter Berufung auf die Archäologie – aber er nennt keinen archäologischen Fund, auf den er sich abstützen könnte.

Kein Land für Israel?

Natürlich existiert für die kritische Theologie auch die Verheissung nicht, dass Israel das Land besitzen werde. Deshalb benützen die kritischen Theologen und die Bibelgesellschaften in ihren Kommentaren und Landkarten durchgängig den Namen “Palästina” für das Land Israel. Dieser Name existiert nirgendwo in der Bibel! Vor Josua hiess das Land “Kanaan”, nachher “Israel”; und in der Zeit Jesu gab es die Provinzen “Judäa”, “Galiläa”, usw. Erst im 2.Jh. nach Christus, als die Römer alle Juden vertrieben hatten, benannten sie das Land in “Palästina” um, mit dem Ziel, alle Erinnerungen an die Juden auszulöschen. Den Namen “Palästina” zu gebrauchen, bedeutet Gottes Verheissung zu leugnen, dass dieses Land Israel gehört.

Historische Wahrheit oder “Predigt der christlichen Gemeinde”?

“Die Evangelien … gehören zu einem Literaturtyp, wo nicht so sehr die kreative Aktivität des Autors zählt, als vielmehr der Gebrauch von Traditionen, die in einer oder mehreren Gemeinden bewahrt wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1459)
“Man denkt, dass dieses Evangelium das Ergebnis einer langen Reflexion und Weitergabe der Heilsbotschaft darstellt, in Gemeinden, die harte Auseinandersetzungen mit jüdischen Gruppen durchstehen mussten.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zum Johannesevangelium)

In anderen Worten wird hier gesagt, die ersten Gemeinden hätten die Heilsbotschaft verändert, je nach der Situation, in der sie sich befanden. Gemäss der kritischen Theologie ist der “Jesus der Evangelien” nicht derselbe wie der “historische Jesus”. Der “historische Jesus” soll keine Wunder getan haben; soll nie gesagt haben, er sei Gottes Sohn; und soll nicht vom Tod auferstanden sein – dies alles sei Erfindung der christlichen Gemeinden.

Die kritischen Theologen versichern auch, die Schreiber der Bibel hätten nie die Absicht gehabt, ein inspiriertes Buch zu schreiben:

“Als sie (die Autoren des NT, Üs.) schrieben, dachten sie nicht im Traum daran, dass ihr Produkt eines Tages dieselbe Autorität hätte wie die heiligen Schriften, die in der Synagoge gelesen wurden… Nach und nach sprachen die Christen diesen Texten eine bevorzugte Autorität für das Leben der Gemeinde zu…”
(“Entdecke die Bibel”, S.174-175)

Diese Äusserungen sind falsch, und dienen nur dazu, Zweifel zu säen bezüglich der Autorität des Neuen Testamentes. Paulus wusste genau, dass Gott selber ihm seine Botschaft gegeben hatte (Gal.1,11-12, 1.Thess.2,13). Petrus nennt die Paulusbriefe “(Heilige) Schriften” (2.Petrus 3,15-16). Alle Apostel hatten ihren Auftrag direkt aus dem Mund Jesu erhalten: “Geht in alle Welt, und verkündet das Evangelium… und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe” (Mark.16,15, Matth.28,20).

Die Kommentare der Bibelgesellschaften geben (wenn auch nicht sehr offen) die moderne Theologie wieder, wonach…
… die Schriften des NT Produkt des Glaubens und der Predigt der Urgemeinde sind;
… dieser Glaube und diese Predigt nicht auf historischen Tatsachen oder wirklichen Zeugnissen beruhen, sondern auf einem irrationalen psychologischen Erlebnis;
… die Predigt jener Gemeinden ihre Form ständig änderte, je nach den Umständen;
… es gar nicht wichtig ist, ob Jesus wirklich auferstand oder nicht; das einzige, was zählt, ist der “Glaube” (auch wenn er auf einer irrationalen Idee beruht).

Diese Theologie kann z.B. sagen: “Jesus auferstand im Glauben seiner Jünger” (aber nicht in Wirklichkeit). “Dieser Glaube drückt sich in mythologischer Sprache aus.”

Eine solche Theologie führt zu einer neuen Definition des Wortes “Glaube”, und aller zentralen Lehren des Christentums. Nach dieser Theologie müssten wir Hebräer 11,1 folgendermassen umformulieren: “Es ist aber der Glaube die Gewissheit dessen, was man sich selber ausgedacht hat, und die Überzeugung dessen, was nicht existiert.”

Was glauben die kritischen Theologen wirklich?

Viele kritische Theologen “schleichen sich heimlich ein” (Judas 4) in den Gemeinden: Sie sagen nichts über ihre wirklichen Überzeugungen; und wenn sie predigen, geben sie einfach wieder, was die Bibel sagt, wie es ein wirklich gläubiger Christ auch machen würde. Sie kennen die “evangelische Sprache” genügend, um sich als echte Christen auszugeben. Nur ab und zu lassen sie eine Bemerkung fallen wie: “Die theologische Wissenschaft sagt …”; und so verbreiten sie die kritischen Theorien in sehr kleinen, aber wirksamen Dosen.
(Dies gilt vor allem für Perú bzw. Lateinamerika, wo die Gemeinden zumindest “offiziell” noch an der göttlichen Inspiration der Bibel festhalten. In Europa sprechen die kritischen Theologen viel offener.)

In “Entdecke die Bibel” gibt es lange Passagen, wo ein Autor eine biblische Geschichte wiedergibt, immer mit einleitenden Sätzen wie: “Nach der Erzählung von 1.Mose…”, “Gemäss der biblischen Erzählung…”, etc. – Es fällt auf, dass derselbe Autor, wenn er ausserbiblische Ereignisse erwähnt, nie eine Quelle angibt wie z.B: “Nach den babylonischen Chroniken…”. Solche Ereignisse präsentiert er einfach als Tatsachen. Warum dieser Unterschied?
Kritische Theologen geben oft exakt wieder, was die Bibel sagt; aber sie sagen nicht, dass sie selber auch daran glauben. Das ist, als ob ich sagte: “Das Märchen erzählt, dass Schneewittchen in den Wald rannte. Und Schneewittchen kam zu den sieben Zwergen…” – und Sie könnten denken, ich glaubte an Schneewittchen und die Zwerge; aber ich habe lediglich wiedergegeben, was das Märchen sagt. Das ist die Art und Weise, wie kritische Theologen die Bibel behandeln: sie können genau wiedergeben, was sie sagt; aber sie betrachten grosse Teile der Bibel als Märchen.

Während meines Theologiestudiums hatte ich die Gelegenheit, ein Dutzend Teilnehmer einer grossen ökumenischen Konferenz zu interviewen. Alle Befragten gaben an, an die Auferstehung zu glauben. Aber gefragt, was sie unter “Auferstehung” verstehen, sagte keiner von ihnen, Jesus sei wirklich zum Leben zurückgekehrt. Ihre Definitionen von “Auferstehung” waren vielmehr: “Die Erfahrung, die mir Hoffnung zum Weiterleben gibt.” – “Dass die Ideen Jesu weiterleben in den Herzen seiner Nachfolger.” – “Dass es eine Kraft gibt, wieder neu anzufangen”, usw.
Auf ähnliche Weise geben sie auch Ausdrücken wie “Erlösung”, “Wiedergeburt”, “Gericht”, usw, einen anderen Sinn. Sie verstehen alles als ein psychologisches Erlebnis, das nichts mit der historischen Realität des Todes und der Auferstehung Jesu zu tun hat. Die Ausdrücke klingen biblisch, aber die kritischen Theologen verstehen etwas anderes darunter.

Zweifel über den Kanon

Der “Kanon” ist die Liste der inspirierten Bücher der Bibel. Dies ist ein weiterer Angriffspunkt der Bibelkritik: Da es so viele apokryphe Bücher gibt, wurden nicht einfach willkürlich einige Bücher als “kanonisch” ausgewählt und andere nicht?
“Entdecke die Bibel” erwähnt eine gängige Theorie der kritischen Theologen, wonach die Juden erst im Jahr 70 n.Chr. den Kanon des Alten Testaments festlegten, im sogenannten “Konzil von Jamnia”. Glücklicherweise bringt der Autor hier einige gute Argumente gegen diese Theorie:

“In Jamnia führten die Rabbiner keine Änderung des jüdischen Kanons ein; sie untersuchten lediglich die Tradition, die sie empfangen hatten.
… Im Vorwort zur Übersetzung des Buches Sirach sagt der Enkel des Autors Ben Sira, dass sein Grossvater ‚das Gesetz und die Propheten und die anderen Bücher unserer Väter‘ studierte. Wenn diese ‚anderen Bücher‘ die ‚Ketubim‘ sind, dann anerkennt dieses Werk bereits im Jahr 132 v.Chr. die traditionelle Ordnung der hebräischen Bibel.”

In anderen Worten: Der Kanon des Alten Testaments stand bereits fest, als Sirach geschrieben wurde. Sirach ist eines der Bücher, die von der katholischen Kirche als “deuterokanonisch” der Bibel hinzugefügt wurden. Dagegen versichert das Vorwort dieses Buches selber, dass es nicht kanonisch ist.
Es mutet daher merkwürdig an, dass derselbe Autor einige Seiten später die Zusammenarbeit der Bibelgesellschaften mit der katholischen Kirche verteidigt, um Bibeln herauszubringen, die selbstverständlich die Apokryphen mit den kanonischen Schriften auf dieselbe Stufe stellen.

Inbezug auf das Neue Testament vermitteln die Erklärungen der Bibelgesellschaft den Eindruck, der Kanon des Neuen Testaments sei etwas sehr Unsicheres und die Entscheidungen darüber sehr willkürlich; “einige Bücher, die nicht in unserem Neuen Testament stehen, waren Teil des Kanons … nicht alle Christen anerkennen dieselben Bücher als kanonisch” (S.179).
Die “Kanonlisten”, die in den ersten Jahrhunderten aufgestellt wurden, zeigen tatsächlich gewisse Unterschiede. Diese Listen waren vor allem eine notgedrungene Verteidigung gegen Irrlehrer wie z.B. Marcion, der alles vom NT ausschloss, was “jüdisch” anmutete. Es ist bedeutsam, dass diese Kanonlisten erst gegen Ende des 2.Jh. erscheinen, als schon viele apokryphe Bücher existierten und es deswegen zu Auseinandersetzungen kam. Das bedeutet, dass es vorher, während der ersten 150 Jahre der Kirchengeschichte, keinerlei Auseinandersetzung über den Kanon gegeben hatte. Für die Urgemeinde war es klar, welches die inspirierten Bücher waren.
Der Theologe der Bibelgesellschaften kommt zu einer anderen Schlussfolgerung, weil er annimmt, die Autoren des NT hätten nicht gewusst, dass sie inspiriert waren; oder weil er gar nicht mit der Inspiration rechnet.

Folgen der Bibelkritik in den Gemeinden

Was geschieht mit einer Gemeinde, die der sogenannt “wissenschaftlichen Theologie” Raum gibt? – In Europa hat man dieses Experiment seit etwa 150 Jahren gemacht, und das Ergebnis ist verheerend. Die Gemeinden sind geistlich gestorben! Reformierte Pfarrer können in Gefahr kommen, ihr Pfarramt zu verlieren, wenn sie biblisch über Bekehrung und Wiedergeburt predigen. Nach weltweiten Statistiken war Europa im Jahr 2000 der am wenigsten evangelisierte Kontinent der Erde, mit rund 2,4% wiedergeborenen Christen. Dies ist das Ergebnis der Bibelkritik in den reformierten Kirchen.

Vertrauen wir auf Gottes Wort, statt auf bibelkritische Theologen

In Wirklichkeit gibt es keinen “wissenschaftlichen Grund”, der Bibel nicht zu vertrauen. Es gibt keine historisch dokumentierten Belege für die kritischen Theorien!
Das Wort der Bibel ist kräftig, weil es Gottes Wort ist. Wenn wir es im Vertrauen anwenden, erfahren wir diese Kraft. Wenn wir “die Güte des Herrn geschmeckt haben” und seine Liebe erfahren haben, dann ist es nur natürlich, dass wir mehr von seinem Wort möchten, die “unverfälschte geistliche Milch” (1.Petrus 2,2-3). Wenn wir jedoch an der Güte und Ehrlichkeit Gottes zweifeln, oder wenn wir glauben, er sei nicht fähig, uns die Dinge so zu sagen wie sie sind, dann wird unser Verlangen nach Gottes Wort abnehmen, und wir werden geistlich nicht wachsen.
Jesus überwand jede Versuchung des Feindes mit einem “Es steht geschrieben”. Petrus sagte: “Auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen”, und erlebte ein Wunder. An Pfingsten sagte er: “Dies ist es, was der Prophet Joel vorausgesagt hat”, im geschriebenen Wort. Die Gläubigen stützten ihr Gebet auf Gottes Wort, und Gott antwortete in mächtiger Weise (siehe Apg.4,24-31). Diese Kraft des Wortes Gottes ist auch uns zugänglich. Aber wir verlieren sie, wenn wir das Wort nur als fehlerhaftes Menschenwort ansehen.

Einige fragen: “Muss ich wirklich an die ganze Bibel glauben, um gerettet zu werden?” – Das klingt so ähnlich wie die Frage einer Braut, die eine Zeitlang von ihrem Bräutigam getrennt ist und von ihm nur Briefe bekommt: “Muss ich wirklich alle seine Liebesbriefe lesen?” – Wenn sie nicht alle Briefe liest, hört sie deswegen nicht auf, die Braut zu sein. Aber sie wird sich innerlich von ihrem Bräutigam entfremden; und es kann der Moment kommen, wo ihre Liebe völlig erkaltet und es zu einer Trennung kommt.

Richard Wurmbrand berichtet von einem Kind, das eine Zeitlang den Ausführungen eines kritischen Theologen zuhörte, und ihn dann mit der Frage unterbrach: „Wenn Gott nicht meinte, was er sagte, warum sagte er dann nicht, was er meinte?“ – Es täte uns gut, zu dieser kindlichen Einfachheit zurückzukehren und darauf zu vertrauen, dass Gott tatsächlich meinte, was er sagte.

Wenn wir an den Namen der biblischen Autoren zweifeln, dann werden wir auch an der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Gottes zweifeln. Wenn wir an der Schöpfungsgeschichte zweifeln, dann werden wir auch an der Allmacht und Weisheit Gottes zweifeln. Wenn wir an seinem Wort zweifeln, dann werden wir auch an seiner Kommunikationsfähigkeit zweifeln, und an seinem Wunsch, eine persönliche Beziehung mit uns zu haben. Jesus sagte: “Ich habe euch Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch mitgeteilt.” (Joh.15,15). In unseren Händen das offenbarte Wort Gottes zu haben, ist sein Freundschaftsgeschenk an uns.