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Die erste Gemeinde, Vorbild für alle Zeiten

13. April 2017

Das deutlichste Bild der neutestamentlichen Gemeinde finden wir, wenn wir die Urgemeinde in Jerusalem betrachten. Wenn Gott etwas Neues schafft, dann stellt er es immer am Anfang in seiner reinsten und klarsten Form vor. Dann vertraut er es Menschen an, und nach einiger Zeit lässt er zu, dass allmählich verändert und verdorben wird; wobei er aber immer wieder dazu aufruft, „zu den Anfängen zurückzukehren“. Aber wenn das Volk auf dem verkehrten Weg weitergeht, dann lässt er schliesslich zu, dass sie völlig abfallen und die entsprechenden Konsequenzen erleiden. Dieses Muster können wir durch die ganze biblische Geschichte hindurch beobachten:

Die ursprüngliche Schöpfung war vollkommen, und die ersten Menschen waren vollkommen. Am Anfang erklärte und offenbarte Gott seine Absichten mit der ganzen Schöpfung. „Am Anfang … war alles sehr gut.“ Dann, mit dem Sündenfall, begann die ganze Schöpfung zu verderben.

Als Gott anfing, Israel als eine unabhängige Nation zu gründen, da achtete er besonders darauf, sie während ihrer Wüstenwanderung zu reinigen. Während jener Zeit rief jede Sünde und jeder Ungehorsam ein strenges Gericht Gottes hervor. Das sehen wir auf Schritt und Tritt im zweiten und vierten Buch Mose. In jener Zeit erhielt Israel das Gesetz Gottes, den vollkommensten Ausdruck seines Willens für sie. Die Gegenwart Gottes war sichtbar mit ihnen und bewirkte in ihnen eine tiefe Ehrfurcht. – In späteren Zeiten entfernte sich das Volk von Gott und verdarb immer mehr; und gleichzeitig nahm die Kraft ihres Zeugnisses unter den Völkern ab.

Es sollte uns also nicht verwundern, wenn auch bei der Gründung der christlichen Gemeinde Gott auf dieselbe Weise vorging. In ihren Anfängen, in der Jerusalemer Urgemeinde, stellte Gott das deutlichste und reinste Beispiel auf, was „Gemeinde“ nach seinem Willen ist. Auch dort konnte keine Sünde verborgen bleiben. Die Gegenwart Gottes war mit ihnen und schuf eine Atmosphäre der Reinheit und heiligen Ehrfurcht.

Sechzig bis siebzig Jahre später, in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung, ruft der Herr die von ihm abgewichenen Gemeinden dazu auf, zu ihren Anfängen zurückzukehren: „Erinnere dich also, wovon du gefallen bist, und kehre um, und tue die ersten Werke …“ (Offb.2,5) – „Erinnere dich also, was du erhalten und gehört hast; und halte es, und kehre um.“ (Offb.3,3) – Er sagt ihnen nicht: „Entwickelt euch weiter, wachst mehr, reift mehr“; nichts von dem.

Angesichts dieses deutlichen Musters kann ich nicht mit jenen einverstanden sein, die die Urgemeinde als „die unreife Kindheit der Gemeinde“ beschreiben und denken, mit den späteren Entwicklungen sei die Gemeinde „reifer“ und „besser“ geworden. Es gibt keine biblische Grundlage für diese Idee.
(Im Neuen Testament wird zwar davon ausgegangen, dass die einzelnen Gläubigen reifen und „in der Gnade wachsen“ und an Weisheit und Unterscheidungsvermögen zunehmen. Aber das hat nichts mit einer angeblichen „Reifung“ der Gemeinde als ganze Körperschaft zu tun.)
Im Gegenteil, die späteren Entwicklungen sind ein Abweichen vom ursprünglichen Vorbild. Das ist, wie wenn ich von einem schönen Bild eine Photokopie mache, und dann eine Kopie dieser Kopie, und dann eine Kopie dieser neuen Kopie, und so weiter. Jede neue Kopie wird minderwertiger sein als die vorhergehenden; ihre Qualität verschlechtert sich ständig und verbessert sich nicht. So ist es auch mit der Entwicklung der Gemeinde: Wenn jede Generation kopiert, was die vorherige Generation tat, und noch ihre eigenen Ideen hinzufügt, dann nimmt die Verderbnis zu. Nur wenn die Gemeinde zum ursprünglichen Vorbild der Urgemeinde zurückkehrt, kann sie ihre geistliche Qualität verbessern.

Deshalb kann ich als Vorbilder von „Gemeinde“ nicht die grossen katholischen und evangelischen Kirchen sehen, die viel Macht erworben haben und beeindruckende institutionelle Strukturen errichtet haben, aber ihren eigenen Wegen folgen und die Wege des Herrn verlassen haben. Auch die Gemeinden des zweiten und dritten Jahrhunderts sind nicht das Vorbild; und nicht einmal die Gemeinde von Korinth, die wir aus den Paulusbriefen kennen. (Einige missbrauchen das Beispiel dieser Gemeinde, indem sie sagen: „Siehst du, die damalige Gemeinde war auch voll von Problemen und Sünden, sie waren nicht besser als wir.“ Und daraus wollen sie ableiten, dass sie nun unbekümmert weitersündigen können. Aber das ist eine ganz verkehrte Schlussfolgerung, die weder dem Fall von Korinth noch dem Gesamtbild des Neuen Testamentes gerecht wird.) – Nein, wenn wir ein historisches Vorbild suchen, das die neutestamentliche Gemeinde auf richtige Weise verkörpert, dann müssen wir zur Jerusalemer Gemeinde in ihren Anfängen zurückkehren.

Einmal sprach ich mit einer Gruppe von Theologiestudenten eines evangelikalen Seminars, die gerade einen Kurs über die Apostelgeschichte besuchten. Ich fragte sie, ob sie in jenem Kurs Vergleiche zogen zwischen den Gemeinden, die in der Apostelgeschichte beschrieben werden, und ihren eigenen heutigen Kirchen. „Nein“, anworteten sie. Ich fragte sie, ob sie wenigstens von sich aus einmal einen solchen Vergleich gemacht hätten. „Nein, nie“, war die Antwort.
Das scheint die traurige Haltung vieler gegenwärtiger Kirchen und ihrer Leiter zu sein. Sie lesen die Apostelgeschichte nur wie eine vergangene Geschichte, die nichts mit ihnen selber zu tun hätte und auch nicht mit den Kirchen, denen sie vorstehen. Sie sehen nicht, dass in dem Beispiel der Urgemeinde die Medizin verborgen liegt gegen die geistlichen Krankheiten, an denen sie selber leiden. Das ist eine Form von Unglauben: Sie glauben nicht, dass Gott heute derselbe ist wie in jener Zeit; und sie glauben nicht, dass sein Wort heute noch ebenso gilt wie damals.

Um nun dieses Prinzip nicht ins Extrem zu führen, möchte ich es mit einem zweiten Prinzip ergänzen: Nicht alles, was historisch in der Urgemeinde geschah, sollte als Norm für die Gemeinde aller Zeiten verallgemeinert werden. Gott wirkt manchmal auf ganz spezielle Arten, und es gibt historisch einzigartige Situationen. Wir sollten nicht denken, dass solche Ausnahmesituationen sich durch die ganze Geschichte hindurch ständig wiederholen sollten. Deshalb möchte ich das erwähnte Prinzip auf folgende Weise ergänzen: Die Urgemeinde ist das Vorbild für die Gemeinde aller Zeiten in jenen Aspekten, die durch die Lehre der apostolischen Briefe bestätigt werden. In diesen Briefen haben wir die authentische „Lehre der Apostel“ (Apg.2,42). Diese Briefe lehren eindeutig zeitlose Prinzipien für die Gesamtgemeinde. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir auf sicherem Grund stehen, wenn wir das Vorbild der Urgemeinde mit der Lehre der Apostel auf die eben beschriebene Weise kombinieren.

Mit diesen Prinzipien im Hintergrund wollen wir, so Gott will, in zukünftigen Betrachtungen einige wichtige Stellen der Apostelgeschichte analysieren, und dabei auch die Apostelbriefe zum Vergleich heranziehen, wo es nötig ist. Die Schlüsselstelle zum Verständnis der ersten Gemeinde ist sicher Apg.2,36-47, wo die Eigenschaften der „neugeborenen“ Gemeinde beschrieben werden. Wir werden deshalb das Hauptgewicht auf diese Stelle legen.

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