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Retraite ins Land der Mathematik

29. Mai 2019

Lange habe ich mich mit dem Thema „Autoritarismus in ‚christlichen‘ Kirchen“ beschäftigt. Länger als mir lieb war. Leider ist es, wie mir sogar ein freikirchlicher Pastor bestätigte, nötig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber es hat meinem persönlichen Wohlbefinden ziemlich zugesetzt, von so vielen hässlichen Dingen Kenntnis nehmen zu müssen, die in „frommen“ Kreisen vor sich gehen.

Deshalb befinde ich mich gegenwärtig in einer Art persönlichen Retraite. Neben der persönlichen Gemeinschaft mit Gott, habe ich festgestellt, dass auch das „Land der Mathematik“ ein guter Rückzugsort ist. So verbringe ich einen Teil meiner Zeit damit, mathematische Probleme auszutüfteln, und an meinen Büchern zum aktiven Mathematiklernen weiterzuarbeiten.

Die Mathematik ist in gewisser Hinsicht ein Abbild oder Gleichnis von Gottes Reich. Die Zahlen folgen treu ihren Gesetzen. Sie haben nie gelernt zu lügen oder zu betrügen, oder übereinander herrschen zu wollen. In mathematischen Zusammenhängen zu forschen, ist fast wie ein Gebiet der Schöpfung zu betreten, das vom Sündenfall noch unberührt geblieben ist. (Allerdings ist dieses „Land“ von keinem Menschen bewohnt, sondern nur von abstrakten Geschöpfen.)

Die Mathematik ist verlässlich. Ihre Gesetze sind keinem zeitbedingten Wandel unterworfen. Sie brauchen sich nicht um „politische Korrektheit“ zu kümmern. Allen Relativisten zum Trotz, ist die Mathematik eine Wissenschaft von unveränderlichen, universellen Wahrheiten.

Was die Menschen betrifft, die die Mathematik erforschen oder anwenden, so mögen diese sündhaft sein und die Mathematik zu sündhaften Zwecken missbrauchen. Aber damit vermögen sie nicht die Mathematik an sich mit ihrer Sündhaftigkeit anzustecken.

In der Mathematik kann es keine Willkürherrschaft geben. Niemand, auch nicht die mächtigste Regierung, kann ein mathematisches Gesetz nach Belieben abändern, in Kraft setzen oder aufheben. Niemand kann einem anderen vorschreiben, wie er die Gesetze der Mathematik anzuwenden hat. (Auch wenn das in manchen Bildungseinrichtungen immer wieder versucht wird – aber das Ergebnis ist dann nicht echte Mathematik, sondern Bürokratie.)
Wenn auch manche mathematischen Gesetze unter dem Namen einer bestimmten Persönlichkeit bekannt sind, so kann doch diese Persönlichkeit keinen Eigentumsanspruch darauf erheben. Sie hat das Gesetz nur entdeckt, aber nicht geschaffen.

In der Mathematik gibt es deshalb keinen Raum für menschliche Herrschaft, weder in der Form von Demokratie noch in der Form von Monarchie und Diktatur. Mathematische Gesetze unterliegen weder Mehrheitsbeschlüssen, noch Volksabstimmungen, noch Regierungsdiktaten, noch den Doktrinen von Päpsten und anderen religiösen Machthabern.
In der Mathematik erfüllt sich daher in gewisser Weise der Ausspruch von Jesus: „Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matth.23,8) Nur einer hat je mathematische Gesetze geschaffen und „in Kraft gesetzt“: Gott selber.
Es gibt zwar Personen, die wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse der Mathematik als „Autoritäten“ auf diesem Gebiet gelten. Aber diese Art von Autorität ist nicht im Sinne von „herrschen“ oder „Macht ausüben“ zu verstehen, sondern im Sinn einer besonderen Befähigung, anderen ihr Verständnis der mathematischen Gesetze zu vermitteln. Und das sollte eher als eine „Dienstleistung“ angesehen werden.

So ist es auch in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, wie sie ursprünglich von ihm selber vorgezeichnet wurde, nicht vorgesehen, dass einer über den andern „herrsche“. Es mag „Lehrer“ geben in dem Sinne, dass einige ein besseres Verständnis von Gottes Wesen und seinen Gesetzen haben, und dieses Verständnis andern vermitteln können. Aber auch diese hat Jesus nie beauftragt, anderen Vorschriften zu machen, ihnen ihre besondere Auslegung aufzuzwingen, oder gar eigene Gesetze aufzustellen. Im Gegenteil, sie sollen „Diener“ sein (Matth. 23,11; 20,25-27). Wie die Wahrheiten der Mathematik, so können auch die Wahrheiten Gottes niemandem aufgezwungen, sondern höchstens erklärt werden.

Es braucht auch niemand eine Genehmigung, ein Diplom, oder eine Mitgliedschaft in einer akademischen Vereinigung, um Mathematik treiben zu dürfen. Die Mathematik ist Allgemeingut, „public domain“. Nur eines ist notwendig: die Bereitschaft, die Gesetze der Mathematik selber als verbindlich anzuerkennen und zu befolgen.
In derselben Weise hat auch jeder Zutritt zu Gott durch Jesus Christus, der bereit ist, ihm zu folgen. Man braucht dazu weder einem irdischen Leiter seine Loyalität zu erklären, noch in der Tradition einer bestimmten kirchlichen Richtung geschult zu sein, noch Mitglied einer religiösen Vereinigung oder Kirche zu werden.

Noch hätte ich Stoff für viele Artikel zum Thema „Autoritarismus“. Aber diese müssen noch einige Zeit warten. Interessierten Lesern kann ich empfehlen, in der Zwischenzeit im Internet nach „geistlicher Missbrauch“ zu suchen. Auch interessant ist eine Suche nach „Robert Lifton“ und „Mind Control“. Liftons Kriterien beruhen zwar nicht auf der Bibel, sondern auf der Psychologie. Sie zeichnen aber ein deutliches Porträt jener Gruppen und Leiter, die die Menschen „hinter sich selbst her“ ziehen wollen; was nach Apg.20,30 ein klares Kennzeichen falscher Geschwister und falscher Leiter ist. Es mag hilfreich sein, Gruppen und Organisationen nach diesen Kriterien zu beurteilen – nicht nur jene Gruppen, die im Verdacht der Sektiererei stehen, sondern auch jene, die als „Mainstream-Evangelikale“ gelten, oder sogar als „liberal“. Ja, auch die universitäre Bibelkritik kommt im Licht von Liftons Kriterien nicht sonderlich gut weg.

Genug damit; ich kehre zurück in meine Retraite.

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FIFA zensuriert Jesus

19. Januar 2016

Auf Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch kann man im Internet bereits jede Menge Meldungen und Kommentare zu der Affäre finden; in den deutschsprachigen Medien hat es anscheinend noch niemand zur Kenntnis genommen: Anlässlich der Verleihung des „Ballon d´Or 2016“ am 11.Januar in Zürich hat die FIFA ein Video des brasilianischen Fussballers Neymar kräftig retuschiert, weil dieser auf dem Original-Video ein Stirnband mit der Aufschrift „100% Jesus“ trug.

Auf Deutsch fand ich bisher einzig auf einer katholischen Webseite einen Bericht und Kommentar dazu.

„Ihr werdet von allen Völkern gehasst werden um meinetwillen“, hat Jesus einmal seinen Jüngern für die letzten Zeiten vorausgesagt. Aber wenn das eintrifft, dann ist auch der Untergang dieser Völker nicht mehr weit.

„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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John Wesley und die Methodisten – Teil 3

27. Juli 2013

Erweckung ist nötig, wenn die Kirche am Sterben ist

Der Aufruf zur Wiedergeburt war die wichtigste Botschaft überhaupt, die Wesley der Kirche seiner Zeit bringen konnte. Tatsächlich kann die Situation der Kirche vor der Erweckung nur als „geistlicher Tod“ beschrieben werden. Die englischen Protestanten hatten „einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugneten ihre Wirksamkeit“ (2.Tim.3,5). So beschreibt ein Historiker die englische Kirche anfangs des 18.Jahrhunderts:

„Die Anglikaner fürchteten die Extreme (Katholiken auf der einen, Puritaner auf der anderen Seite). Dies führte zu einer Mässigung, die leidenschaftliche Überzeugungen jeder Art beargwöhnte. Die Predigten verdorrten zu kraftlosen moralischen Traktätchen.
Das Fehlen einer persönlichen Glaubensüberzeugung führte zum Absinken der moralischen Kraft und Überzeugung. Eine grenzenlose Toleranz war an der Tagesordnung. Die orthodoxen Theologen führten zwar einen siegreichen Federkrieg mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen des Deismus. Leider aber war das ’neue Leben in Christus‘, das sie theoretisch verteidigten, in der Wirklichkeit nirgendwo zu sehen.
(…) Wesley selbst sprach unmissverständlich von der Areligiosität der Zeit: ‚Was ist das Hauptkennzeichen des englischen Volkes in der Gegenwart?‘, fragte er. ‚Seine Gottlosigkeit. … Gottlosigkeit ist unser Nationalcharakter im allgemeinen und im besonderen!‘
(…) ‚Genau zu dieser Zeit‘, erinnert sich Wesley, ‚begannen zwei oder drei Pfarrer der Kirche von England ernsthaft, die Sünder zur Busse zu rufen … In zweien oder dreien brannte das Feuer der Liebe zu Gott.'“
(A.Skevington Wood und Renate Biebrach, „Pietismus und Erweckung“, in „Handbuch Die Geschichte des Christentums“, Wuppertal 1979)

So ist es oft vor einer Erweckung: die Kirche ist tot, ausgetrocknet, gottfern. Aber einige wenige treue Christen erkennen die Situation, rufen zu Gott um Erweckung, und beginnen Umkehr zu predigen.
Diese „Dürre“ der Kirche wird meistens von ihren eigenen Leitern und Pastoren verursacht. George Whitefield bemerkte zu jener Zeit: „Die Gemeinden waren so tot, weil tote Männer ihnen gepredigt hatten.“

Die Situation hat viele Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Auch heute sind die Kirchen voll von Unmoral und Korruption, sodass sie sich kaum noch von der Welt unterscheiden. Auch heute haben die Kirchen einen „Anschein der Frömmigkeit“, aber sie bringen keine veränderten Leben hervor. Die oben zitierte Beschreibung der englischen Kirche vor zweihundert Jahren könnte genausogut heute geschrieben worden sein. Wo sind heute die treuen Christen, die zu Gott um Erweckung rufen, und die das evangelische und evangelikale Volk zur Umkehr aufrufen?

Bekehrungen und eine Reform der ganzen Gesellschaft

Wesley predigte klar die Notwendigkeit einer Umkehr und Wiedergeburt. Aber er machte keine „Bekehrungsaufrufe“ im Stil vieler heutiger Evangelisten. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott zuerst ein tiefgehendes und intensives Werk der Überführung tun muss, bevor sich jemand wirklich bekehren kann; und dieses Werk Gottes braucht Zeit. Wesley vertraute auf Gott, dass er dieses Werk zu seiner Zeit tun würde. So sagte Wesley nach einer Predigt: „Ich habe mein Brot über das Wasser gesandt. Möge ich es nach vielen Tagen wiederfinden.“ (Nach Prediger 11,1). – Und bei einer anderen Gelegenheit, an seinem Geburtsort: „Es denke niemand, diese Liebesmühe sei vergeblich, nur weil die Frucht nicht sofort erscheint! Fast vierzig Jahre arbeitete mein Vater hier, aber er sah wenig Frucht von all seinen Bemühungen. Auch ich machte einige Anstrengungen unter diesem Volk, und auch mir schien es, ich verbrauchte meine Kräfte umsonst. Aber jetzt erschien die Frucht. … Der Same, der vor so langer Zeit gesät wurde, ist jetzt aufgegangen, und hat Umkehr und Vergebung der Sünden bewirkt.“

Wesley zählte also nicht die Anzahl der Bekehrten, wie es in heutigen Evangelisationsveranstaltungen getan wird. Er überliess das Werk Gott, und bei einigen Gelegenheiten konnte er später Frucht sehen. Die heutigen Evangelisationsmethoden bringen eine immense Zahl an oberflächlichen Scheinbekehrungen hervor, die nichts anderes sind als das Ergebnis von Manipulation. Die methodistische Erweckung hatte dieses Problem nicht, denn es wurde erwartet, dass die Bekehrten von selber kommen würden, um die Veränderung zu bezeugen, die Gott in ihnen bewirkt hatte. Und diese Veränderung geschah normalerweise beim Suchen nach Gott im stillen Kämmerlein.
(Wir werden später sehen, dass es auch spektakuläre öffentliche Bekehrungen gab. Aber Wesley förderte dies nie bewusst zu „Showzwecken“. Er predigte einfach Umkehr, und überliess es Gott, zu tun, was er für gut hielt.)

Im folgenden zwei Zeugnisse, wie Wesley im Nachhinein von der Frucht seiner Verkündigung erfuhr:

„Eine Frau hielt mich auf der Landstrasse auf und sagte: ‚Mein Herr, erinnern Sie sich nicht, als Sie vor zwei Jahren in Prudhoe waren und bei Thomas Newton frühstückten? Ich bin seine Schwester. Sie sahen mich beim Hinausgehen an und sagten: ‚Seien Sie ernsthaft.‘ Ich wusste damals nicht, was Ernsthaftigkeit bedeutet, und dachte nicht daran; aber die Worte drangen in mein Herz ein, sodass ich nicht ruhig bleiben konnte, bis ich Christus suchte und fand.“

„‚Vor zwei Jahren‘, sagte W.Row, ‚war ich auf dem Weg nach Gulval Downs und sah viele Leute versammelt. Ich fragte sie, worum es ging, und sie sagten mir, ein Mann würde predigen. Ich sagte: Nein, das ist kein verwirrter Mann. Sie hatten darüber gepredigt, wie Gott die toten Knochen auferweckte, und seit jener Zeit hatte ich keine Ruhe, bis Gott in seinem Wohlgefallen über mich blies und meine tote Seele auferweckte.'“

Ganze Städte wurden von der Erweckung umgewandelt, wie die folgenden Zeugnisse zeigen (ebenfalls aus dem Tagebuch Wesleys):

„Im letzten Winter sagten mehrere im Scherz über Herrn Whitefield: ‚Wenn er Heiden bekehren will, warum geht er dann nicht zu den Bergarbeitern von Kingswood?‘ – Im Frühling tat er es tatsächlich. Und da Tausende von ihnen nie zu einem Ort der öffentlichen Anbetung gehen würden, folgte er ihnen in ihre eigene Wüste, um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Als er anderswohin gehen musste, führten andere die Arbeit weiter und ‚gingen auf die Landstrassen und an die Hecken, um sie zu nötigen, hereinzukommen.‘ Und durch die Gnade Gottes war seine Arbeit nicht vergeblich. Die Atmosphäre hat sich bereits verändert. Kingswood widerhallt nicht mehr von Flüchen und Lästerungen wie letztes Jahr. Es ist nicht mehr voll von Trunkenheit und den sich daraus ergebenden Unreinheiten und eitlen Vergnügungen. Es ist nicht mehr voll von Krieg und Schlägereien, von Geschrei und Bitterkeit, von Zorn und Neid. Friede und Liebe herrschen jetzt dort. Viele Leute sind jetzt sanftmütig, freundlich und umgänglich. Sie schreien nicht mehr und sind nicht mehr eifersüchtig, (…) und ihr Vergnügen besteht jetzt darin, ihrem Gott und Retter Loblieder zu singen.“

Über die Provinz Cornwall schreibt er:

„Diese abscheuliche Gewohnheit, den König zu betrügen (durch Schmuggel), findet sich nicht mehr in unseren Gesellschaften. Und seit sie sich von dieser verfluchten Sache losgesagt haben, hat das Werk Gottes überall zugenommen.“

Predigten im Freien

Wir haben in der vorherigen Folge gesehen, wie Wesley aus einer Kirche nach der anderen ausgeschlossen wurde. Die Kirche tolerierte Unmoral und geistlichen Tod, aber nicht Wesleys klare Predigten über die Wiedergeburt. Bald gab es in ganz England keine Kirche mehr, wo Wesley hätte predigen dürfen.
Damals hatte sein Freund Whitefield bereits begonnen, im Freien zu predigen – etwas völlig Neues zu jener Zeit. Whitefield begann Wesley in diese Art des Predigens einzuführen. Wesley schreibt darüber: „Anfangs konnte ich mich kaum an diese fremdartige Art des Predigens auf freiem Feld gewöhnen, wovon er (Whitefield) mir am Sonntag ein Beispiel gab. Mein ganzes Leben lang und bis vor kurzem hatte ich eisern an allem Anstand und Ordentlichkeit festgehalten, sodass es mir beinahe als Sünde erschien, Seelen zu retten an irgendeinem anderen Ort ausser in der Kirche.“

Aber wenig später erinnerte sich Wesley an die Bergpredigt und sagte, dies sei ein beachtenswerter Präzedenzfall einer Predigt im Freien. Wenn Jesus selber auf freiem Feld predigte, warum sollte John Wesley nicht dasselbe tun? – Am nächsten Tag predigte Wesley von einer kleinen Anhöhe neben der Landstrasse aus, am Ausgang der Stadt, und hatte dreitausend Zuhörer.

In Epworth, seinem Geburtsort, wurde ihm nicht nur verboten, in der Kirche zu predigen, sondern der Pfarrer weigerte sich auch, ihn zum Abendmahl zuzulassen, und sagte, Wesley sei „nicht tauglich“. Somit ging Wesley am Nachmittag desselben Sonntags zum Friedhof, stellte sich auf den Grabstein seines Vaters und predigte von dort aus; und er hatte mehr Zuhörer, als der Pfarrer in der Kirche gehabt hatte.

Von da an widmete sich Wesley dem Predigen im Freien; und meistens kamen Tausende, um ihm zuzuhören. So erwies es sich als vorteilhaft, dass er aus den Kirchen ausgeschlossen worden war, denn er konnte ausserhalb der Kirchen viel mehr Menschen erreichen, als es ihm innerhalb möglich gewesen wäre. Bei einer Gelegenheit, als er schon 70 Jahre alt war, hatte er ein Publikum von über 30’000 Personen. Es wird geschätzt, dass Wesley im Lauf seines Lebens etwa 40’000 Predigten hielt.

Der Neid der Pastoren

Es war unter diesen Umständen nur zu erwarten, dass die Pastoren noch neidischer wurden auf Wesley. Abgesehen davon, dass sie mit dem Inhalt seiner Predigten nicht einverstanden waren, klagten sie ihn an, er hätte kein Recht, ihren Gemeindegliedern zu predigen. Das ist ganz ähnlich wie bei den gegenwärtigen Pastoren, die jeden als „Schafsdieb“ bezeichnen, der ohne ihre Erlaubnis zu ihren Gemeindegliedern über das Evangelium spricht. Damals wie heute denken die Pastoren, ein Eigentumsrecht zu haben über die Mitglieder ihrer Gemeinden; und sie vergessen, dass nicht sie es waren, sondern Jesus, der mit seinem Leben für ihre Erlösung bezahlte.

Wesley gab seinen Kritikern folgende Antwort:

„Ihr denkt, dass ich in der Zwischenzeit still sitzenbleiben sollte, da ich sonst in ein fremdes Amt eindränge, mich in die Geschäfte anderer Leute einmischte, und mit Seelen zu tun bekäme, die mir nicht gehören. Deshalb fragt ihr: Wie ist es, dass ich Christen versammle, die nicht unter meiner Fürsorge stehen, um Psalmen zu singen, zu beten, und die Auslegung der Schrift zu hören?, und ihr denkt, es sei aufgrund katholischer Prinzipien nicht zu rechtfertigen, dass ich dies in den Pfarreien anderer Leute tue? (Anm: Heute würden sie sagen: „evangelische“ oder „ökumenische“ Prinzipien; aber im Grunde kommt das auf dasselbe heraus…)
Erlaubt mir, frei heraus zu reden. Wenn ihr euch mit „katholische Prinzipien“ auf irgendein Prinzip bezieht, das nicht schriftgemäss ist, dann hat dies für mich keinerlei Gewicht. Ich lasse keine andere Regel für den Glauben oder für die Praxis zu, ausser der Heiligen Schrift. Aber aufgrund schriftgemässer Prinzipien scheint es mir nicht schwierig zu rechtfertigen, was ich tue. Gott gebietet mir in der Schrift, nach meinen Kräften die Unwissenden zu lehren, die Bösen zu reformieren, die Tugendhaften zu bestärken. Die Menschen verbieten mir dies in ihren Pfarreien zu tun; was in Tat und Wahrheit bedeutet, es mir überhaupt zu verbieten, da ich keine eigene Pfarrei habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nie eine haben werde. Auf wen soll ich also hören, auf Gott oder auf die Menschen?
Ich betrachte die ganze Welt als meine Pfarrei; d.h. wo immer auf der Welt ich bin, betrachte ich es als angebracht, rechtmässig und meine auferlegte Pflicht, allen, die zuzuhören bereit sind, die gute Nachricht der Erlösung zu verkünden. Das ist die Arbeit, wovon ich weiss, dass Gott mich berufen hat sie zu tun; und ich bin sicher, dass sein Segen sie begleitet. Deshalb bin ich ausserordentlich dazu ermutigt, die Arbeit, die er mir zu tun gab, getreu zu erfüllen. Ich bin sein Diener, und als solcher bin ich gemäss der klaren Führung seines Wortes damit beschäftigt, ’soweit ich die Gelegenheit habe, allen Menschen Gutes zu tun‘; und seine Vorsehung stimmt klar mit seinem Wort überein, denn er befreite mich von allem anderen, damit ich mich einzig ebendieser Sache annehme, und damit fortfahre, das Gute zu tun.“

(Fortsetzung folgt)

Was ich am Bildungssystem ändern würde

18. April 2013

In einem Blog fand ich diese Frage: „Was würdest du am Bildungssystem ändern?“ – Ich fand die Frage interessant und schrieb eine Antwort, und ich denke, sie würde auch in mein eigenes Blog gut hineinpassen:

Was ich am Bildungssystem ändern würde? (Ich nehme an, der Verfasser der Frage meint „Schulsystem“.) Nun, nichts. Ja, im Ernst! Ich würde es nicht einmal versuchen. Ich würde einfach mich selber und meine Familie davon fernhalten, und mich nicht weiter darum kümmern. (Das ist es ja, was ich effektiv tue – weitgehend.)

Warum? – Weil Bildung und Erziehung kein „System“ ist. Es ist vielmehr etwas, was wir natürlicherweise in unseren täglichen persönlichen Beziehungen tun, wann immer wir mit Menschen zusammen sind, die etwas von uns lernen können (und wollen). Das gilt natürlich zuallererst für Eltern ihren Kindern gegenüber; und dann für alle Menschen, die irgendwelche besonderen Kenntnisse oder Fähigkeiten haben, von denen andere Menschen lernen können. Das einzige „Problem“, das hierbei möglicherweise auftritt, besteht darin, wie die beiden miteinander in Kontakt kommen können: derjenige, der sich eine bestimmte Fähigkeit aneignen möchte, und derjenige, der das nötige Wissen und die nötige Erfahrung anbieten kann, um diese Fähigkeit zu lernen.

So hat Erziehung und Bildung schon immer – und gut – funktioniert, in den meisten Kulturen und Gesellschaften bis um die Mitte des 19.Jahrhunderts. Zuerst bildeten die Eltern ihre Kinder in den grundlegenden Fähigkeiten und Werten des Lebens aus. Wenn diese ins Teenageralter kamen, suchten sie einen „Lehrmeister“, der sie in einen Beruf, ein Handwerk oder ein akademisches Wissensgebiet einführen würde.
Das funktionierte für die griechischen Philosophen und ihre Schüler; es funktionerte für das alte Israel und für Jesus mit seinen Jüngern; es funktionierte für die mittelalterlichen Handwerker und Universitätsstudenten; es funktionierte für die Gründer und Pioniere der USA; und es funktionierte für die meisten grossen Wissenschafter, Entdecker, Staatsmänner, Prediger, Künstler, und alle möglichen berühmten Leute der Vergangenheit. (Siehe „Genies ohne Schule“.)

Es ist also überhaupt nicht nötig, Bildung und Erziehung in ein „System“ einzuschliessen, zu normieren und Gesetze darüber aufzustellen, staatliche Aufseher darüber einzusetzen und Steuergelder dafür auszugeben. Das alles tötet nur die wirkliche Bildung.

Was wir wirklich brauchen, sind wiederum „Meister“, die tatsächlich wertvolle Fähigkeiten und Kenntnisse anzubieten haben, sodass andere von ihnen lernen können – und das auf persönliche und unterschiedlichste Arten. (Wusstest Du, dass es bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert niemand gewagt hätte zu sagen, er sei „Lehrer von Beruf“? Es war einfach unannehmbar, dass jemand „nur Lehrer“ wäre und nichts weiter. Man musste zusätzlich zumindest eine wirklich sinn- und wertvolle Fähigkeit beherrschen; und dann wurde es als selbstverständlich angesehen, dass man auch in der Lage war, diese Fähigkeit andern zu vermitteln.)
Wir hätten dann tausende von Menschen, die andere auf tausend verschiedene Arten lehren würden; und so hätte jeder Schüler die Chance, einen Lehrer oder Meister zu finden, der ihn auf eine wirklich seinen persönlichen Bedürfnissen angemessene Weise lehren könnte. Damit wäre es überhaupt nicht mehr nötig zu diktieren „wie gelehrt werden soll“; es wäre nicht mehr nötig, sich die Haare zu raufen über Schüler mit „Lernstörungen“ (welche durch genau dieses Diktieren und Normieren überhaupt erst verursacht werden); es wäre auch nicht mehr nötig, Lehrer dazu „auszubilden“, die Forderungen der Bürokratie zu erfüllen (diese Fähigkeit ist so etwa das einzige, was offiziell ausgebildete Lehrer vor nicht offiziell ausgebildeten auszeichnet).
Einige dieser „Meister“ werden ihre Schüler oder Jünger in Klassenzimmern versammeln wie eine traditionelle Schule. Andere werden sie individuell im persönlichen Kontakt lehren. Andere werden sie zu Reisen, Exkursionen, praktischen Experimenten und Arbeitserfahrungen mitnehmen. Andere werden ihnen anspruchsvolle Aufgaben zum Selber-Erarbeiten geben und werden sie nicht zum voraus „lehren“, ausser als Antwort auf die Fragen und Hilferufe des Schülers. Andere werden wieder andere Methoden anwenden, oder eine Kombination von all diesen, oder werden neue erfinden. Falls einer von diesen „Meistern“ wirklich unfähig sein sollte, seine Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzuvermitteln, dann würde er das mit der Zeit selber herausfinden, denn er hätte bald keine Schüler mehr.

Natürlicherweise würde dieses „Lehren“ und „Lernen“ (in den Teenager- und frühen Erwachsenenjahren) zum grössten Teil am Arbeitsplatz stattfinden. Das ist es ja, was sogar das gegenwärtige Bildungssystem zu tun vorgibt (obwohl es dies in Wirklichkeit kaum tut): junge Menschen auf ihre zukünftige Arbeit vorzubereiten. Warum also sollen wir sie nicht gleich von Anfang an arbeiten lassen – während sie aber gleichzeitig von einem „Meister“ lernen? (Die Schweiz hat z.Z. immer noch ein so ähnliches System der Berufslehren für die meisten nicht-akademischen Berufe; und ich hoffe sehr, diese Idee kapituliert nicht so bald vor der Verschulung der Gesellschaft.) Dann würden sie selber sehen, was für Fähigkeiten und Kenntnisse sie für ihre spezifische Arbeit benötigen; und dies wiederum würde sie zum Lernen motivieren. Ganz anders als wenn man in einem Klassenzimmer sitzt, von der wirklichen Welt isoliert, und über Dinge lesen und schreiben muss, die man noch nie im Leben gesehen hat, nur weil man „dies später (wann?) brauchen wird“.

Warum fangen wir nicht einfach an, jeder von uns da, wo wir gerade sind? Suche „Meister“, von denen du lernen kannst, und bitte sie inständig, dich zu lehren. Und lehre die Menschen, mit denen du natürlicherweise zusammen bist, jene Fähigkeiten, die Du bereits beherrschst. Ich weiss, daraus wird sich kein Bildungs“system“ ergeben; aber es würde eine Menge von Bildungsangeboten, -alternativen und -innovationen schaffen. Und wenn sich diese Art der Bildung durchsetzt, dann wird sie möglicherweise das ganze Bildungssystem überhaupt unnötig und überflüssig machen.

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 2)

25. August 2010

In der ersten Folge habe ich einige Wesenszüge des „Tieres“ in Offenbarung 13 untersucht. Wir haben gesehen, dass es sich dabei um eine „Instutionalisierung“ handelt, die den Einzelmenschen entpersönlicht. Ich habe dann kurz das Milgram-Experiment beschrieben; ein psychologisches Experiment, das die Bereitschaft von Menschen zur blinden Unterordnung untersucht. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass 60 bis 70% der Bevölkerung auf die Anordnung einer Autoritätsperson hin so weit gehen, einem Mitmenschen grausame Schmerzen zuzufügen und ihn sogar in Lebensgefahr zu bringen!

Da ich vorwiegend an christliche Leser denke, stelle ich mir jetzt die Frage: Wie gross ist die Gefahr der christlichen Kirche, zu „vertieren“?

Auf meinem Weg durch eine Vielzahl christlicher Gemeinden und Institutionen begegneten mir leider auf Schritt und Tritt die Anzeichen einer solchen Institutionalisierung oder „Vertierung“.

Ein Gemeindeleiter sagte mir, als ich gewisse administrative Gebräuche seines Gemeindeverbandes ausser acht gelassen hatte: „Du weisst noch nicht, wie die Dinge im Reich Gottes funktionieren.“ (Womit er anscheinend die Gebräuche seines Verbandes mit dem Reich Gottes gleichsetzte.)
Ein anderer Gemeindeleiter, der sich durch eine meiner Schriften angegriffen fühlte, fragte mich: „Hast du etwas gegen die organisatorische Struktur unseres Verbandes?“ Von der Bibel her hatte er jedoch nichts zu antworten auf das, was ich geschrieben hatte.
An Vorstandssitzungen einer sogenannt christlichen Organisation wurden anstössige Vorfälle innerhalb der Organisation nicht darnach beurteilt, was Jesus dazu sagt, sondern ob die Leute draussen darüber redeten oder nicht, und ob dies dem Ansehen der Institution schadete oder nicht. Je nachdem konnte ein und dieselbe Handlung entweder mit Schweigen zugedeckt oder drakonisch bestraft werden.
In einer anderen Organisation herrschte die Ansicht, man könne ohne weiteres lügen oder eine Unterschrift fälschen, wenn dies den Zwecken der Organisation diente.

Solche Anzeichen deuten darauf hin, dass in allzuvielen „christlichen“ Organisationen die „Interessen der Institution“ und das „Ansehen der Institution“ mehr gelten als die Interessen Gottes und das Ansehen Gottes. Diese Institutionen sind zu ihren eigenen Götzen geworden; sie haben sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt.

Demgegenüber fällt auf, dass das Neue Testament keine „institutionelle“ Sprache benützt – zumindest wenn man diese nicht von aussen her hineinliest. Manche Bibelübersetzungen sind leider sehr von der gegenwärtigen institutionellen Kirche geprägt und übersetzen daher „Gemeinde“ (oder „Versammlung“) als „Kirche“, „Aufseher“ als „Bischof“, „Diener“ als „Diakon“, „Hirte“ als „Pastor“, „Dienst“ als „Amt“, usw. Ursprünglich hatte aber keines dieser Wörter eine „institutionelle“ Bedeutung. Sie beschrieben einfach, was diese Menschen taten, ohne dass dies mit einer hierarchischen „Stellung“ oder „Amt“ verbunden gewesen wäre.

Jesus und die Apostel bewegten sich ausserhalb jedes institutionellen Rahmens. Sie hatten keinerlei offizielle Anerkennung oder „Position“. Es ist bezeichnend, dass sie ihre schärfsten Zusammenstösse genau mit den religiösen Institutionen ihrer Umgebung hatten: mit den Synagogen und deren Leitern, und mit dem Hohen Rat. Sie traten zwar nicht aus der Synagoge aus, aber ihr ganzes Leben und ihre Lehre stellten dieses System radikal in Frage.

Sie gründeten auch keine neue Institution. Die neutestamentliche Gemeinde wurde nicht von Organigrammen, Reglementen und Statuten zusammengehalten, sondern von einer Person: vom auferstandenen Herrn selber. Sein Konzept von „Kirche“ war äusserst einfach: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

In einer kleinen Begebenheit zeigte Jesus, dass er keine „Institution“ zu verteidigen hatte:

„Johannes antwortete: ‚Meister, wir haben jemanden gesehen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, aber er folgt uns nicht; und wir haben es ihm verboten, weil er uns nicht folgte.‘ Aber Jesus sagte: ‚Verbietet es ihm nicht; denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, wird darauf Böses sagen können über mich.'“ (Markus 9,38-39)

Auch als die Gemeinde wuchs und die Aufgaben und Dienste vielfältiger wurden, war dies kein Anlass zur Bildung einer Hierarchie. Interessanterweise benutzt das Neue Testament nie die Wörter „über“ oder „unter“, wenn es von den Beziehungen zwischen verschiedenen Gliedern der Gemeinde spricht. Stattdessen ist die Rede von Dienern oder Aufsehern, die „bei euch“ oder „in eurer Mitte“ arbeiten, also auf gleicher Ebene. Die „Unterordnung“ in der neutestamentlichen Gemeinde war gegenseitig (Epheser 5,21).

Auch finden wir im Neuen Testament nicht „die Kirche“ als abstrakten Begriff mit einem institutionellen Eigenleben. „Kirche“ bzw. „Gemeinde“ bezieht sich jeweils klar auf die Gesamtheit der einzelnen Mitglieder als Menschen; öfters erscheint „Gemeinde“ austauschbar mit „die Jünger“ oder „die Heiligen“.

Einen interessanten Kontrast dazu bildet in der Apostelgeschichte der Silberschmied Demetrius, der mit der Anbetung der Göttin Artemis ein Geschäft machte. Als er durch den Einfluss von Paulus sein Geschäft gefährdet sah, wandte er sich an seine Angestellten und Berufskollegen mit den Worten:
„…Und nicht nur unser Handwerk läuft Gefahr, in Verruf zu geraten, sondern auch, dass der Tempel der grossen Göttin Artemis geringgeachtet wird, und ihre Grösse niedergerissen wird, die ganz Asien und die ganze Erde verehrt.“ (Apostelgeschichte 19,27)
– Demetrius spricht nicht über seine persönliche Betroffenheit, sondern apelliert an den „guten Ruf der Institution“ (seines Berufsverbandes) und deren Statussymbols, des Artemistempels. Somit sehen es die Silberschmiede als ihre „institutionelle Pflicht“, Demetrius zu unterstützen; und er bringt es fertig, die ganze Stadt in Aufruhr zu versetzen. Dieser Volksauflauf war eine deutliche Konfrontation zwischen der „Tiernatur“, die sich im „Geist einer Institution“ manifestiert, und dem Geist Gottes, der in seinen Dienern lebt. Nie hat hingegen ein Apostel das „Ansehen der christlichen Gemeinde“ als Vorwand benützt, um die Christen auf seine Seite zu ziehen, und sei es für ein noch so berechtigtes Anliegen.

Aber sobald die Apostel nicht mehr da waren, begannen sich die Gemeinden zu institutionalisieren, und gaben damit der „Tiernatur“ in ihrer eigenen Mitte Raum. Schon anfangs des 2.Jahrhunderts begann sich eine hierarchische Struktur auszubilden, indem in einigen Städten ein „Bischof“ sich eine Art „Befehlsgewalt“ über die anderen Ältesten der Gemeinde zusprach. Und „Ältester“ zu sein, war plötzlich nicht mehr eine natürliche Anerkennung geistlicher Reife, sondern wandelte sich zur Mitgliedschaft in einem „Leitungsgremium“.

Später kam es so weit, dass bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Christenheit die Leiter der jeweiligen Parteien einander gegenseitig „aus der Kirche ausschlossen“. Eine solche Handlung hat eine ganz andere Färbung als die Anweisungen Paulus‘ an die Korinther (1. Korinther 5), mit unbussfertigen Sündern keine brüderliche Gemeinschaft zu haben, oder in einem besonders anstössigen Fall den Betreffenden „dem satan zu übergeben“. Letzteres, obwohl es hart klingt, ist immer noch eine persönliche Entscheidung auf der Basis persönlicher Beziehungen (die bei einer Umkehr des Schuldigen auch persönlich wiederhergestellt werden können, wie der 2.Korintherbrief bezeugt). Ersteres jedoch, „Ausschluss aus der Kirche“, ist eine offizielle Handlung im Namen einer „Institution“, unpersönlich und mitleidslos.

In einer „tierischen“ Institution werden selbst die mitmenschlichen Beziehungen und Freundschaften „institutionalisiert“. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele, die man miteinander teilt – nicht anders als in einem Wirtschaftsbetrieb. Das hat sehr traurige Folgen, die ich in meinem eigenen Leben mehrmals erlebt habe:
Man täuscht sich selber über die Qualität der Beziehungen, die man zu anderen hat. Was man als Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft wahrnimmt (bei sich selbst und bei anderen), ist oft nur ein zweckgebundenes Mittel, die Zusammenarbeit innerhalb der Institution zu verbessern. Bei einer institutionellen Krise zeigt sich dann das wahre Gesicht der Beteiligten, und es kommt zur grossen Enttäuschung.
Wenn sich die Institution aus irgendeinem Grund gegen einen wendet, dann verliert man mit einem Schlag alle Freundschaften, die man dort gehabt zu haben meinte. Diejenigen, die nur eine „zweckgebundene“ Beziehung pflegten, haben keinen Grund mehr, diese weiter zu pflegen; und jene, die echte Freunde waren, getrauen sich nicht mehr, die Freundschaft weiterzuführen, weil sie sonst selber von der Institution als „Feinde“ angesehen werden könnten.

Diese Institutionalisierung des Christentums kam zu ihrem Höhepunkt, als im 4.Jh. die Kaiser Konstantin und Theodosius die christliche Gemeinde praktisch dem Römischen Reich einverleibten (oder umgekehrt), indem das Christentum zuerst unter den persönlichen Schutz des Kaisers gestellt und dann zur Staatsreligion erklärt wurde. Jetzt wurde die Hierarchie der Kirche vollends dem römischen Verwaltungsapparat gleichgestaltet. (Man beachte, dass das Römische Reich die deutlichste Verkörperung des „Tieres“ in der damaligen Zeit war. Johannes spielt in der Offenbarung sogar an mehreren Stellen direkt auf Rom an.) Daraus entstand die römisch-katholische Kirche und ihre Zwillingsschwester, die orthodoxe Kirche Osteuropas.
Diese „konstantinische Wende“ ist von der Christenheit bis heute nicht überwunden worden. Der reformierte und evangelikal-pfingstliche Flügel del Christenheit hat zwar in den letzten 500 Jahren verschiedene Änderungen vorgenommen. Aber auch diese Gruppe blieb in ihrer Grundhaltung weitgehend konstantinisch und nicht biblisch: Kirche wird als eine Institution verstanden, die in irgendeiner Weise dem Staat angegliedert oder ihm nachgebildet ist. „Nicht-institutionelle“ Christen führten während der ganzen Kirchengeschichte nach dem Tod des letzten Apostels ein Schattendasein oder wurden blutig verfolgt; seien es die Waldenser im Mittelalter, die Täufer in der Reformationszeit, oder manche heutigen Hausgemeindebewegungen in China und anderswo.

Die Mehrheit der Christenheit denkt und lebt in institutionellen Paradigmen und bezeugt damit ihre Affinität zur „Tiernatur“. Diese Mehrheit wird sich sehr wahrscheinlich widerstandslos in das weltweite „tierische“ System eingliedern, wenn es so weit ist. Wer das nicht glaubt, der möge darüber nachlesen, wie die Mehrheit der deutschen Kirchenführer enthusiastisch Hitler unterstützten im Glauben, er sei einer der ihren. (Etwas mehr darüber im übersetzten Artikel: „Wir brauchen verzweifelt eine Bekennende Kirche“.)

Ein weiteres Anzeichen dafür ist, wie die Kirchen während der letzten 150 bis 200 Jahre es nicht nur zugelassen, sondern aktiv unterstützt haben, dass die Regierungen dieser Welt ihnen ihre ureigensten Handlungsräume weggenommen haben. Während Jahrhunderten war es zumindest im Einflussbereich des Christentums klar, dass die Regierung für die Rechtsprechung und die Landesverteidigung zuständig war (Römer 13,3-5) und für nichts anderes. Aber heute scheint die Mehrheit der Christen und der christlichen Leiter nichts dabei zu finden, wenn der Staat z.B. die Kranken pflegt, die Armen versorgt und die Kinder erzieht – und alle diese Bereiche entsprechend kontrolliert und überwacht.

Früher wurden alle diese Aufgaben in erster Linie von der Familie und Verwandtschaft wahrgenommen, und in zweiter Linie von der „geistlichen Familie“, der christlichen Gemeinde. Aber mit der zunehmenden Institutionalisierung der Kirche wurden auch diese sozialen Aufgaben immer mehr von der Kirche als Institution übernommen. Damit fand eine Akzentverschiebung statt: Wenn ein Christ oder eine Gruppe von Christen aus persönlichem Mitleid einen Kranken pflegt oder einen Armen versorgt, den er persönlich kennt, dann ist dies eine Tat der Nächstenliebe. Wenn aber die Kirche als Institution dies tut, und die Christen wiederum dieser Institution ihr Geld oder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, dann werden diese Handlungen entpersönlicht. Der Christ, der hilft, erfüllt jetzt eine „institutionelle Pflicht“; und der, dem geholfen wird, sieht sich zu einem „institutionellen Fall“ degradiert.

Es war also nur der natürliche Fortgang dieser Entwicklung, als die Kirchen allmählich ihren politischen Einfluss verloren und die Staatsregierungen erstarkten, dass diese sozialen Aufgaben an die „Institution Staat“ übergingen. Institutionalisiert waren sie ja schon. Ich wäre deshalb nicht überrascht, wenn dieselben Kirchen zu einem zukünftigen Zeitpunkt dem Staat auch ihren letzten übriggebliebenen Handlungsraum überliessen: den eigentlichen „religiösen Bereich“. (Auch hierfür gibt es in der Geschichte bereits Präzedenzfälle.)

Als Folge wird der Staat totalitär. Alles, was der Staat leistet und finanziert, das überwacht er auch. Die „tierischen“ Bestrebungen werden immer ausgeprägter, der Institution (in diesem Fall dem Staat) immer mehr Macht und Einfluss zukommen zu lassen, und die Institution vor der Kontrolle durch die Öffentlichkeit abzuschirmen. Gleichzeitig nimmt die Feindseligkeit gegenüber jenen zu, die aus irgendeinem Grund als Bedrohung der „Interessen der Institution“ empfunden werden.

Ich zitiere nochmals John Taylor Gatto:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich etwas verändert in Amerika. Es werden massive Anstrengungen unternommen, um eine zentral organisierte Kontrolle der Arbeitsplätze mit einer zentral organisierten Verwaltung der Schulbildung zu verbinden. Das wäre die amerikanische Entsprechung zum chinesischen „Dangan“ – eine persönliche Datei, die im Kindergarten begonnen wird (sie verzeichnet Schulleistungen, Haltungen, Verhaltensmerkmale, die Krankheitsgeschichte, und andere persönliche Daten), und mit allen Arbeitsmöglichkeiten verbunden wird. In China kann man dem Dangan nicht entfliehen. Er ist ein Teil eines Netzes der gesellschaftlichen Überwachung, die die Stabilität der Gesellschaftsordnung sichert; Gerechtigkeit hat nichts damit zu tun. Der Dangan kommt in die Vereinigten Staaten unter dem Deckmantel von geschickt ausgedachten Änderungen in der Medizin, Arbeitswelt, Schule, Sozialdiensten, usw, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Tatsächlich werden diese Teile koordiniert durch eine Verbindung zwischen Stiftungen, Regierungsstellen, die Subventionen vergeben, der Werbeabteilungen von Unternehmen, wichtigen Universitäten, und ähnlichen Stellen, die sich ausserhalb des Gesichtsfeldes der Öffentlichkeit befinden.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

Dasselbe geschieht schon fast weltweit – auch hier in Perú. Im hiesigen Gesundheitswesen ist z.B. jetzt eine neue interne Regelung in Kraft, wonach Kinder, die zu einer Untersuchung oder Behandlung zu einem staatlichen Gesundheitsposten gebracht werden, vom Personal nach ihrer Familien- und Schulsituation befragt werden und die entsprechenden Informationen an die übergeordnete Regionalstelle weitergeleitet werden müssen. Teenager werden zusätzlich nach ihrem Sexualleben befragt. Da praktisch das ganze Gesundheitswesen verstaatlicht ist, kann sich keine Familie dieser Überwachung entziehen (ausser man wird nie krank).

Schon vor vielen Jahren hat der Autor George Orwell diese „tierische Dynamik“ sehr gut verstanden, angesichts der damaligen Machtausweitung des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Sein Klassiker „1984“ ist in dieser Hinsicht sehr instruktiv, wenn auch sehr pessimistisch. Leider scheint dieser Roman gegenwärtig – zu Unrecht – in Vergessenheit zu geraten.

Ich möchte aber nicht an diesem Punkt aufhören. Das Buch der Offenbarung wurde hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben, eine „Ewigkeitsperspektive“ in die Weltereignisse hineinzubringen. Alle paar Kapitel, zwischen den Beschreibungen schrecklicher Dinge auf der Erde, wendet sich der Blick des Johannes wieder zum Himmel, von wo ihm Jesus erschienen ist, der Auferstandene und Lebendige. Dort sieht er Gott auf seinem Thron, wie er Engelsheere kommandiert und mit starker Hand die Weltereignisse regiert. Nichts kann geschehen ohne seine Einwilligung. Er sieht auch eine unzählbare Schar Erlöster, die nach einem leidvollen Leben jetzt vor Gottes Thron stehen, und „sie werden nicht mehr Hunger oder Durst haben, und die Sonne oder Hitze wird nicht mehr auf sie fallen; denn das Lamm (Jesus), das in der Mitte des Thrones ist, wird sie hüten und sie zu Quellen des Lebenswassers führen; und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen.“ (Offenbarung 7,16-17)

Das macht natürlich nur Sinn für jemanden, der erfahren hat, dass „Himmel“ und „Ewigkeit“ nicht leere Worte sind, sondern wirklichere und beständigere Realitäten als die gegenwärtige sichtbare Welt. (Aber wer diese Perspektive nicht kennt, wird vermutlich auch dem Rest dieses Artikels nicht viel Sinn abgewinnen können.)
Es gibt also in der letzten Zeit, wie in der Offenbarung beschrieben, nicht nur die institutionalisierte „Tier-Kirche“. Es gibt auch noch wirkliche Nachfolger von Jesus, die ihm wirklich begegnet sind und ihn persönlich kennengelernt haben. Diese echten Nachfolger Jesu lassen sich nicht so einfach in ein institutionalisiertes „System“ einspannen. Sie haben über sich eine höhere Autorität: Jesus selber. Und genau das ist den Anführern der institutionalisierten Kirchen ein Dorn im Auge: Sie möchten gerne selber die höchste Autorität sein. Sie ärgern sich über die einfachen Nachfolger Jesu, die sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).
Aber wir lesen in der Offenbarung auch, dass es dem „Tier“ nur für kurze Zeit erlaubt wird, die Welt zu beherrschen. Jesus selber wird kommen und das „Tier“ und sein Reich zunichte machen. Die Zukunft wird den einfachen Nachfolgern Jesu gehören, die zur Zeit noch verachtet, verfolgt und ausgeschlossen werden. Wenn wir sehen, wie sich gegenwärtig in der Welt alle die „tierischen“ Entwicklungen bewahrheiten, die in der Bibel vorausgesagt sind, dann haben wir allen Grund zu glauben, dass sich auch diese Voraussage bewahrheiten wird.

Wer oder was ist ein Christ? (Teil 1)

18. Juli 2009

Viele Menschen bezeichnen sich als „Christen“. Aber was sie darunter verstehen, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Ich möchte deshalb ein wenig diese verschiedenen Verständnisse untersuchen, und dann zum Ursprung des Wortes „Christ“ zurückgehen.

„Christ ist, wer Mitglied einer christlichen Kirche ist.“
Das ist eine weitverbreitete Bedeutung des Wortes „Christ“. Wer Mitglied einer Kirche ist, oder sich der christlichen Religion im weitesten Sinne verbunden fühlt, bezeichnet sich als „Christ“. Das ist z.B. die Definition des ökumenischen Weltkirchenrates. Dieser bezeichnet als Christen, „die im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden“. Nach dieser Definition wären u.a. Karl Marx, Adolf Hitler und Benito Mussolini Christen gewesen. In der Reformationszeit soll ein Leiter der Täufer zu dieser Definition gesagt haben: „Dann könnte ich meinen Melkstuhl taufen, und er wäre auch ein Christ.“ – Kein weiterer Kommentar hierzu…

„Christ ist, wer die rechte Lehre über Jesus bekennt.“
Diese Definition war in der Nachreformationszeit ziemlich verbreitet. In unserem relativistischen Zeitalter kommt sie allmählich aus der Mode, aber in gewissen reformierten und evangelikal-fundamentalistischen Kreisen kommt sie weiterhin zum Zug. Man kann gewisse Bibelstellen zur Bekräftigung heranziehen, wie z.B. 1.Johannes 4,2-3: „Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist von Gott; und jeder Geist, der nicht bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, ist nicht von Gott…“
– Man kann aber nicht aus der Bibel einwandfrei begründen, dass „Rechtgläubigkeit“ und „Christsein“ identisch sei. Jakobus sagt: „Du glaubst, dass Gott einer ist, und du tust gut daran. Sogar die Dämonen glauben … und zittern.“ (Jakobus 2,19) Offenbar macht Rechtgläubigkeit noch keinen Christen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass die „rechte Lehre“ je nach Konfession sehr unterschiedlich definiert wird. Wir müssten dann annehmen, dass nur eine einzige Konfession „christlich“ wäre (Preisfrage: welche?), und alle anderen falsch.

Damit kommen wir zur nächsten, damit verwandten Definition:

„Christ ist, wer Mitglied meiner Kirche ist.“
Das ist die Definition jener, die ihre eigene Kirche oder Konfession als die „einzig wahre“ ansehen. Dazu gehören einige exklusive Splittergruppen; aber insbesondere auch die römisch-katholische Kirche. Seit Urzeiten hat die römisch-katholische Kirche erklärt, dass es ausserhalb von ihr kein Heil gibt. Nach dem 2.Vatikanischen Konzil hat sie zwar diesen Aspekt ihrer Lehre lange Zeit heruntergespielt. Im Grunde ist sie aber nie davon abgerückt, und der neue Papst spricht in dieser Hinsicht wieder deutlicher. (Man muss sich hierbei bewusst sein, dass die katholische Kirche historische Konzilsbeschlüsse und päpstliche Dekrete gar nicht zurücknehmen kann, da solche per Definition „unfehlbar“ sind.)
Die Probleme dieser Definition liegen auf der Hand. Es kann nicht mehrere „einzig wahre“ Kirchen geben. Wer dieser Definition folgt, der tut, was Paulus in 1.Korinther 1,11-13 verurteilt: „Denn ich bin über euch informiert worden, …dass es unter euch Spaltungen gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch sagt: ‚Ich gehöre zu Paulus, und ich zu Apollos, und ich zu Kephas (Petrus), und ich zu Christus.‘ Ist etwa Christus zerteilt? …“

Im Gegensatz hierzu gibt es noch eine andere landläufige Definition:

„Christ ist, wer sich christlich verhält.“
d.h. z.B: wer seinen Mitmenschen Gutes tut; wer regelmässig zur Kirche geht; wer sich für soziale Reformen einsetzt; wer ein guter Staatsbürger ist; usw. – Nach dieser Definition muss also den „Tatbeweis“ antreten, wer als Christ gelten will. Aber wie schon die wenigen angeführten Beispiele zeigen, gehen in der Praxis die Meinungen weit auseinander, was „christliches Verhalten“ sei. Insbesondere wo es um politische Fragen geht…
Diese Definition kann zwar gewisse Bibelstellen für sich beanspruchen. Z.B. Matthäus 25,34-35: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, und erbt das Reich, das für euch bereitet ist seit der Grundlegung der Welt. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen; (etc.)“
– Aber ebenso wie bei der Definition der „rechten Lehre“, kann man auch hier nicht einwandfrei aus der Bibel begründen, dass „Rechttun“ und „Christsein“ identisch sei. Paulus sagt: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben; und das nicht von euch aus, denn es ist ein Geschenk Gottes; nicht aus (guten) Taten, damit sich niemand rühme.“ (Epheser 2,8-9) Und über sein eigenes Leben sagt Paulus, dass er „untadelig“ war, was „die Gerechtigkeit des Gesetzes“ betrifft; aber dass er das alles jetzt als Verlust betrachtet, weil er damals Christus nicht kannte (Philipper 3,4-9). Jemand kann also „rechttun“ und dennoch kein Christ sein.
Andererseits zeigt die Lektüre der vier Evangelien, dass Jesus selber den landläufigen Vorstellungen eines „christlichen Verhaltens“ sehr wenig entsprach. Er war z.B. sehr wenig „liebenswürdig“; öfter erregten seine Reden und Taten Ärger und Anstoss. Er hat zwar ab und zu auf wundersame Weise Menschen geheilt und Menschenmengen gespeist; aber er hat nie ein regelmässiges Sozialprogramm daraus gemacht. Er ging zwar gemäss der jüdischen Gewohnheit zur Synagoge; aber meistens nicht als braver Zuhörer, sondern eher als Störefried. Er vertrat keinerlei politisches Programm; aber ebensowenig war er ein angepasster Bürger: er kam derart mit der Obrigkeit in Konflikt, dass er schliesslich von ihr hingerichtet wurde. Ich wage zu behaupten, dass Jesus selber von der Mehrheit derer, die „christliches Verhalten“ betonen, nicht als „Christ“ akzeptiert worden wäre.

Noch eine weitere Definition möchte ich betrachten:

„Christ ist, wer sein Leben Jesus Christus übergeben hat.“
Das ist sozusagen die klassisch-evangelikale Definition. Auch diese kann sich auf verschiedene Bibelstellen abstützen; z.B. Matthäus 16,24-25: „Wenn jemand mit mir gehen will, verleugne er sich selbst, und nehme sein Kreuz, und folge mir nach. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“
Meine Meinung zu dieser Definition ist: Sie kommt von allen genannten der Wahrheit am nächsten. Aber in der Praxis ist sie so gründlich missverstanden worden, dass sie effektiv nicht mehr viel taugt.
Das Missverständnis kommt hauptsächlich von den sogenannten „Evangelisationen“. Da werden Menschen aufgerufen: „Übergib dein Leben Jesus!“ Aber in der Praxis meint der Prediger damit: „Komm hier nach vorne und sprich ein Gebet, das ich dir vorsage.“ Das ist nicht „Jesus das Leben übergeben“, das ist nur ein (zumeist leeres) Ritual. Es gibt kein einziges Beispiel in der Bibel, wo jemand auf solche Weise Christ geworden wäre!
In Wirklichkeit und in der Praxis ist also obige Definition abgewertet worden zu: „Christ ist, wer das evangelikale Bekehrungsritual durchgeführt hat.“ Diese Vorstellung ist nicht mehr weit entfernt von der erstgenannten, landeskirchlichen und ökumenischen: „Christ ist, wer im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurde.“ Es ist Zeit, dass die Evangelikalen aufwachen und erkennen, dass ihr Bekehrungsritual in vielen Fällen genauso leer ist wie das landeskirchliche Taufritual. Das Christsein hängt nicht an einem „Ritual“ oder an einer „Entscheidung“. Christsein hängt an einem übernatürlichen Werk Gottes – und das ist das Entscheidende, was alle bisher genannten Definitionen ausser acht lassen. Darüber mehr in einem zweiten Teil…

Wie Jesus mich fand

21. Mai 2009

Eigentlich suchte ich nicht Jesus. Ich suchte lediglich Hilfe in einer tiefen seelischen Not und Einsamkeit, und ich kannte niemanden, den ich um Hilfe hätte bitten können. Da ich damit rechnete, dass Gott mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit existierte, begann ich zu ihm um Hilfe zu rufen. Und er antwortete, indem er mir Menschen über den Weg schickte, die mir tatsächlich in gewisser Weise helfen konnten. Zuerst einen Religionslehrer, der nicht einfach seinen „Stoff“ durchnahm, sondern uns Schüler als Menschen ernstnahm und Verständnis zeigte. Später eine Schulkameradin, die mich zu einem Treffen christlicher Schüler einlud.

So erhielt ich persönlich Hilfe, aber damit bin ich nicht schon Christ geworden. Ich nahm zwar an christlichen Veranstaltungen teil, las in der Bibel und betete ab und zu, und versuchte ein gutes Leben zu führen. Deshalb dachte ich, ich sei ein ziemlich guter Christ und Gott könne einigermassen zufrieden sein mit mir.

Leider funktionierte das aber nicht. Es gab Zeiten, da interessierten mich all die geistlichen Dinge überhaupt nicht, und ich blieb den christlichen Treffen fern. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe, weil ich so „lau“ war, und versuchte „verbindlicher“ zu sein. Aber ich entdeckte immer schlimmere Fehler in mir selber, und stiess Leute vor den Kopf, die ich eigentlich als meine Freunde betrachtete, und verstand selbst nicht, warum ich das tat. Es ging mir wie Martin Luther, der als junger Mönch versuchte sich von seinen Sünden zu reinigen, und entmutigt ausrief: „Je mehr man versucht sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie!“

Einige Worte von Jesus trafen mich besonders. So z.B. in der Bergpredigt:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten.‘ … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, ist vor dem Gericht schuldig …

Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘ Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen. …

Und ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deine Schwüre halten.‘ Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören … sondern euer Ja sei Ja, und euer Nein Nein; denn was darüber hinausgeht, kommt vom Bösen.“

(aus Matthäus Kapitel 5)

Wenn ich mein eigenes Herz und meine Gedanken ehrlich untersuchte, begann ich mich zu fragen, ob ich wirklich ein Christ war.

An einem grossen christlichen Schülertreffen wurde gefragt: „Wer von euch möchte Jesus dienen?“ – Ich dachte: Natürlich, wer möchte das denn nicht?, und erhob die Hand. Später kam einer der Leiter auf mich zu, sprach mit mir und betete mit mir. Meine christlichen Kameraden werden gedacht haben, ich hätte mich damals „bekehrt“. Aber in Wirklichkeit hatte ich noch gar nicht verstanden, worum es bei einer Beziehung zu Jesus geht.

In jener Zeit hatte ich einen Traum, der mir später zu einer grossen Verständnishilfe wurde, wie ich von neuem geboren werden konnte. Ich habe diesen Traum in diesem Artikel beschrieben:
https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/06/22/der-weg-zum-anderen-ufer/

Schliesslich kam ich in eine so grosse Krise (die ich jetzt nicht im Einzelnen beschreiben möchte), dass ich mir sagen musste: „Mein Leben bringt Jesus solche Unehre, dass er ganz recht hätte, wenn er mich jetzt in die Hölle schicken würde. Und dass ich dabei sage, ich sei Christ, macht das Ganze nur noch schlimmer. Ich verdiene überhaupt nicht mehr zu leben.“ – Mir kam aber noch jemand in den Sinn, den ich um Rat fragen konnte; eine Person, von der ich wusste, dass sie Jesus liebte. Diese Person stellte mir eine wichtige Frage: „Als du so schreckliche Dinge getan hast – glaubst du, dass Jesus auch in jenen Momenten bei dir war, und dass er am Kreuz gestorben ist, um dir genau diese Dinge zu vergeben?“

Nein, das konnte ich nicht glauben. Ich hatte Jesus derart beleidigt – und er würde mir einfach so vergeben? Solange ich dachte, mein Leben sei in Ordnung, war es einfach gewesen zu sagen: „Ja, ich glaube, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist.“ Aber in diesem Moment, wo ich von konkreten Sünden überführt war, stellte ich fest, dass ich im Grunde meines Herzens nicht auf Jesus vertraute.

Jesus sagte, der Heilige Geist werde kommen, um die Welt von der Sünde zu überführen, „dass sie nicht an mich glauben“ (Johannes 16,8-9). Genau das tat der Heilige Geist mit mir in jenem Moment.

Es folgten mehrere Monate geistlichen Ringens: ich wollte glauben, aber ich konnte es nicht. Ein weiser Seelsorger half mir, schliesslich zum Durchbruch zu kommen, sodass ich mein ganzes Leben mit all seinen Fehlern und Sünden in die Hände von Jesus legen konnte und ihm sagen konnte: „Mache damit, was du selber willst.“

Damit änderte sich mein Leben nicht schlagartig. Aber ich lernte nach und nach, mein Leben im Vertrauen auf Jesus zu leben, statt aus eigener Kraft zu versuchen, mich selbst zu verbessern. Damit wurden die Dinge tatsächlich besser. Und ich bekam die Gewissheit, dass Gott mich wirklich als sein Kind „adoptiert“ hat.

Lange Zeit erzählte ich diese Geschichte niemandem. Im evangelikalen Raum ist es heute üblich, dass man an einer Evangelisationsveranstaltung ein „Übergabegebet“ spricht und sich damit auf einfachste Weise „bekehrt“ und von heute auf morgen ein „Christ“ wird. Ich beobachtete andere, die das taten, und fragte mich: Warum ist es bei mir nicht so einfach gegangen? War ich wohl ein besonders schwieriger Fall für Jesus? Und ich schämte mich, weil ich kein so handliches, einfaches „Zeugnis“ zu erzählen hatte.

Inzwischen fand ich aber heraus, dass viele grosse Gottesmänner der Vergangenheit auf eine Weise zu Jesus fanden, die eher meiner Geschichte gleicht als den heutigen Evangelisationsveranstaltungen. Martin Luther, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und viele andere, gingen durch eine lange, schwierige Zeit der Überführung von der Sünde und des Ringens um den Glauben, bevor Jesus sie zum Durchbruch brachte. Die heutigen Evangelisationsveranstaltungen und Instant-Bekehrungsaufrufe sind dagegen eine Neuerung der letzten hundert Jahre.

Ich will damit nicht sagen, dieser Bekehrungsprozess müsse immer lang sein. Gott kann einen Menschen auch augenblicklich zum Glauben bringen, wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus. Aber wenn das Element der tiefen Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit und Unfähigkeit nicht dabei ist, dann zweifle ich, ob es sich um eine echte Bekehrung handelt.

Aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel…

Zum Anfang: Warum „christlicher Aussteiger“?

18. Mai 2009

Ich wage es jetzt einmal, dieses Blog zu eröffnen. In erster Linie soll es als Kommunikationsmittel zu meinen Freunden, Verwandten und sonstigen Interessierten – alten und neuen – im deutschen Sprachgebiet dienen.

Warum „christlicher Aussteiger“?

„Christlich“, weil ich für Jesus Christus leben möchte. Was ich darunter genau verstehe, hoffe ich in einem späteren Beitrag auszuführen.

„Aussteiger“, weil ich mich im Lauf meines Lebens immer wieder geführt sah, aus den verschiedensten Umgebungen, Organisationen und Systemen „auszusteigen“ – meistens eben gerade um Jesu willen.

Das sollte nicht überraschen. Hat nicht Jesus selber von seinen Nachfolgern einen radikalen „Ausstieg“ verlangt aus allem, was sie kannten und was ihnen lieb und wert war?

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer nicht sein Kreuz nimmt und mit mir geht, ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10,37-38).

„Willst du vollkommen sein, dann geh, verkaufe was du hast, und gib es den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, geh mit mir.“ (Matthäus 19,21)

„Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62 – übrigens mein Konfirmationsspruch.)

Als ich Christ wurde, bedeutete das einen persönlichen „Ausstieg“ aus manchen Gewohnheiten, Denkmustern und Ansichten, die mir bis dahin selbstverständlich und „natürlich“ gewesen waren.

Seit gut 15 Jahren wohne ich im Hochland von Perú. Das bedeutete den „Ausstieg“ aus meinem Heimatland, aus der mir vertrauten Kultur und Umgebung, und aus manchen Annehmlichkeiten, die mir bis dahin selbstverständlich gewesen waren (wie z.B. eine geheizte Wohnung, Trinkwasser aus dem Wasserhahn, zuverlässige Verkehrsmittel, etc.)

Als Familie sind wir aus dem gegenwärtig als „normal“ angesehenen Schulsystem „ausgestiegen“, weil wir fanden, dass es unseren Kindern nicht zuträglich war – und in Wirklichkeit ist es auch nicht „normal“; aber davon vielleicht ein anderes Mal.

Zudem kam es auch zum „Ausstieg“ aus den meisten Gemeinden und Organisationen, die sich „christlich“ nennen. Das ist wahrscheinlich der „anstössigste“ Aspekt an meinem Leben und an diesem Blog – zumindest für jene Freunde und Bekannten, die sich (noch) zu solchen Organisationen zählen. Aber auch das hat Jesus schon vorausgesehen, und sogar noch Schlimmeres:
„Sie werden euch aus den Synagogen (Kirchen) ausschliessen; und es kommt sogar die Stunde, wo jeder, der euch tötet, denkt, er leiste Gott einen Dienst. Und das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich kennen.“ (Johannes 16,2-3)

Ich hoffe alle diese Aspekte mit der Zeit gebührend beleuchten zu können.

Soviel für den Anfang.