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Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 4)

7. Juni 2016

In einer Erweckung ist alle Ehre für Gott, nicht für dich oder für deine Gemeinde.

Einige Christen, insbesondere Leiter, beten um Erweckung, weil sie denken, damit würde ihre Gemeinde mehr Mitglieder gewinnen, oder sie selber würden dadurch bekannt werden. („Wir sind die schnellstwachsende Gemeinde in unserer Stadt!“) Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Heute werden Männer der Vergangenheit wie Martin Luther, John Wesley, William Carey, und viele andere als Glaubenshelden gepriesen. Aber zu Lebzeiten hatten diese Prediger keinen guten Ruf. Luther wurde exkommuniziert und geächtet, und seine Feinde taten alles, um zu erreichen, dass sein Ruf wenig besser war als des Teufels. – Über Wesley und die frühen Methodisten sagten die zeitgenössischen christlichen Leiter: „… Er und seine unbeholfenen Laien – seine zerlumpte Legion von Kesselflickern, Kutschern und Strassenwischern – schreiten voran und vergiften das Denken der Menschen.“ – An einer Pastorenkonferenz wurde der Missionspionier William Carey „ein erbärmlicher Schwärmer“ genannt, als er vorschlug, der Missionsbefehl (Matthäus 28,18-20) könnte für die gegenwärtige Kirche weiterhin gültig sein.

Jesus sagte: „Kein Prophet ist willkommen in seiner eigenen Heimat“ (Lukas 4:24). Ähnlich könnten wir sagen: „Kein Prophet ist willkommen, solange er lebt.“ Wenn du Erweckung wünschst, so bereite dich darauf vor, abgelehnt, verleumdet, verfolgt, misshandelt und aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Weder in der Welt noch in der Kirche wirst du einen guten Ruf haben, ausser vielleicht nach deinem Tod.

Jesus kümmerte sich nicht darum, was er vor den Menschen für einen Ruf hatte:
„Aber ich suche nicht meine eigene Ehre; es gibt einen, der sie sucht, und richtet.“ (Johannes 8,50)
„Ehre von Menschen nehme ich nicht an … Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, aber nicht die Ehre sucht, die vom einzigen Gott kommt?“ (Johannes 5,41.44)

Und Paulus sagte:
„… Denn wenn ich noch den Menschen gefiele, wäre ich kein Diener Christi.“ (Galater 1,10)
„Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Letzten ausgestellt, als zum Tod Verurteilte; denn wir sind vor der Welt, vor den Engeln und vor den Menschen zum Schauspiel geworden. … Wir mühen uns ab, indem wir mit unseren eigenen Händen arbeiten; wir werden verflucht, und segnen; wir werden verfolgt und ertragen es. Wir werden verleumdet und beten; wir sind bis jetzt wie der Abschaum der Welt geworden, der Kehricht aller.“ (1.Korinther 4,9-13)

Was das Ansehen der Gemeinde betrifft, so kann keine Erweckung kommen, ohne dass zuvor ein Zerbruch der Gemeinde stattfindet. Ein Sünder muss zuerst „sein Leben verlieren“, um errettet zu werden. Er muss sich bewusst werden, wie schrecklich und abscheulich seine Sünde in den Augen Gottes ist; er muss diese ganze Hässlichkeit seines Lebens ans Licht bringen und bekennen; und es ist gut möglich, dass er seinen guten Ruf verliert, wenn er das tut.
Die Gemeinde, welche die Sünde in ihrer eigenen Mitte zugelassen hat, wird durch denselben Prozess gehen müssen, wenn sie Erweckung erleben will. Sie wird zulassen müssen, dass ihre Lauheit ans Licht kommt, der Mangel an Gottesfurcht in ihren Mitgliedern und Leitern, die Falschheit ihrer Worte und Taten, die Missbräuche und Betrügereien, die von ihren Leitern begangen werden, usw. Die Gemeinde wird „ihr Leben verlieren“ müssen und ihr Ansehen, damit Gott ihr vergeben und sie reinigen kann, und sie so tauglich wird für eine Erweckung.
Sowohl eine Einzelperson wie auch eine christliche Gemeinschaft muss zuerst durch einen Zerbruch gehen, bevor Gott von neuem in ihrer Mitte wirken kann.

Da die meisten Gemeinden unfähig dazu sind, in diesem Sinn „ihr Leben zu verlieren“, bringt Gott normalerweise „neue Weinschläuche“ hervor, wenn er eine Erweckung bringen will. Er sieht, dass die existierenden Gemeinden niemals eine Erweckung innerhalb ihrer eigenen Ordnungen und Traditionen aufnehmen könnten, und deshalb beginnt er etwas völlig Neues. Wenn du also Erweckung wünschst, dann denke daran, dass eine solche mit grösster Wahrscheinlichkeit NICHT in „deiner Gemeinde“ beginnen wird.

Und auch wenn eine Gemeinde wirklich geistlich erneuert wird und eine Erweckung beginnt, so wird Gott eifersüchtig über seiner Ehre wachen. Er wird nicht erlauben, dass die Leute sagen: „Wie tiefsinnig sind doch die Predigten von Pfarrer Soundso!“, oder: „Wie beeindruckend sind doch die Versammlungen in der Gemeinde XY!“, wo sie sagen sollten: „Wie barmherzig und gnädig ist unser Gott!“

Hören wir noch einmal Finney:
„Der Geist kann betrübt werden, wenn Menschen sich der Erweckung rühmen. Manchmal, wenn eine Erweckung beginnt, wird sie in den Zeitungen angepriesen. Sehr oft wird sie dadurch getötet.
Bei einer gewissen Gelegenheit begann eine Erweckung. Sofort kam ein Brief des Pfarrers an, in welchem er die Erweckung rühmte. Ich sah den Brief und sagte zu mir: ‚Das wird das letzte sein, was wir von dieser Erweckung hören.‘ Nach wenigen Tagen war die Heldentat zu Ende. Das ist nicht aussergewöhnlich. Die Leute veröffentlichen Dinge, die die Gemeinde stolz machen, und dann kann nichts mehr getan werden, um die Erweckung zu retten.
Unter dem Vorwand, etwas zur Ehre und zum Lob Gottes zu schreiben, veröffentlichen einige von uns Dinge, die uns selbst erhöhen, indem wir unseren eigenen Anteil an der Sache hervorheben. Das ist nicht hilfreich, sondern hat im Gegenteil eine schlechte Wirkung.“

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann wird sich kein Leiter und keine Gemeinde dessen rühmen können. Viel wahrscheinlicher ist es, dass viele Leiter und viele Gemeinden ihren guten Ruf und ihr Ansehen verlieren werden. Gott gibt seine Ehre niemandem sonst (Jesaja 42,8).
Bist du bereit, diesen Preis zu bezahlen?


Schluss

Ich begann diese Artikelserie mit der Ankündigung, mich auf einige „negative“ Aspekte von Erweckungen zu konzentrieren. Ich nannte sie „negativ“, weil viele Gemeindechristen heute denken, diese Dinge seien negativ. Wir haben so viele Predigten darüber gehört, dass man sich der Leiterschaft und der Ordnung der Gemeinde unterordnen solle (insbesondere unserer eigenen Denomination); dass es nie Spaltung geben solle in der Gemeinde (während seltsamerweise viele Pastoren, die das sagen, „ihre Schafe“ eifersüchtig vom Einfluss anderer christlicher Denominationen absondern); dass Gott nicht zulassen wird, dass ein Christ leidet; und dass wir uns für das Wachstum „unserer Gemeinde“ einsetzen sollen. Angesichts derartiger Lehren werden die vier Aspekte von Erweckungen, die ich hier beschrieben habe, unweigerlich „negativ“ erscheinen.

Wir haben gesehen, dass in Wirklichkeit alle diese Aspekte dem Willen Gottes gemäss sind. Alle diese Aspekte waren im Dienst Jesu und der Apostel zu beobachten. Jesus und die Apostel verursachten Unordnung und Spaltung; sie erlitten Verfolgung und sogar den gewaltsamen Tod; und sie erhielten für ihr Werk keinerlei Ehre oder Ansehen von Menschen. Was für ein Recht haben wir, „negativ“ zu nennen, was eindeutig der Wille Gottes ist?

Es möge mich also niemand missverstehen. In keiner Weise möchte ich sagen, Erweckung sei etwas „Negatives“. Vielmehr möchte ich dieses sagen: Wenn die Ordnungen und Traditionen deiner Gemeinde dir noch „heilig“ sind; wenn das Ansehen und das Wachstum „deiner“ Gemeinde und „deines“ Dienstes dir noch wichtiger sind als die Ehre Gottes, dann denke nochmals darüber nach, ob es dir wirklich ernst ist mit dem Wunsch nach einer geistlichen Erweckung.

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Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 3)

18. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Verfolgung.

Viele Leiter und Anhänger vergangener Erweckungen mussten Verfolgung leiden. Manchmal kam die Verfolgung von seiten der Heiden, die sich dem Christentum widersetzten. Aber noch häufiger waren es gerade die Leiter der „christlichen“ Kirchen, welche die Erweckung verfolgten.

Von der Opposition der katholischen Kirche gegen Luther haben wir schon gesprochen. Nachdem er exkommuniziert worden war, wurde Luther auch noch vom Kaiser unter die Reichsacht gestellt. Das bedeutete praktisch sein Todesurteil, denn jeder, der ihn fand, konnte ihn straflos töten. Luther überlebte nur, weil der Kurfürst von Sachsen ihm wohlgesinnt war und ihn auf der Wartburg verborgen hielt. – Während die Reformation fortschritt, wurden Tausende von „Protestanten“ von der Inquisition und von katholischen Herrschern ermordet.

So unglaublich es erscheint, verfolgten doch die Leiter der Reformation ihrerseits die Täufer mit fast derselben Grausamkeit. Tausende von Täufern wurden in Flüssen und Seen ertränkt – eine grausame Art, sich über ihre Überzeugungen lustig zu machen, indem die Reformierten erklärten: „Da ihr euch gerne ein zweites Mal taufen lässt, taufen wir euch jetzt ein drittes Mal.“
Es ist gesagt worden: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen die Erweckung von morgen“. Hier haben wir ein Beispiel dieser traurigen Wahrheit.

John Wesley schien an Verfolgung gewöhnt zu sein. Dies ist eine Zusammenfassung von Tagebucheinträgen Wesleys in der Anfangszeit der Erweckung:
„Sonntag, 5.Mai, morgens – Predigte in St.Anna; sie sagten mir, ich solle nie mehr zurückkommen.
Sonntag, 5.Mai, nachmittags – Predigte in St.John; die Diakone sagten: ‚Geh raus und bleibe draussen.‘
Sonntag, 12.Mai, morgens – Predigte in St.Judas; dahin darf ich auch nicht mehr zurückkehren.
Sonntag, 12.Mai, nachmittags – Predigte in St.George, auch da wurde ich hinausgeworfen.
Sonntag, 19.Mai, morgens – Predigte nochmals woanders; die Diakone beriefen eine ausserordentliche Sitzung ein und sagten, ich könne nicht mehr hierher zurückkommen.
Sonntag, 19.Mai, nachmittags – Predigte auf der Strasse; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 26.Mai, morgens – Predigte auf einer Wiese; ich musste fliehen, als jemand während des Gottesdienstes einen Stier auf mich losliess.
Sonntag, 2.Juni, morgens – Predigte am Eingang der Stadt; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 2.Juni, nachmittags – Zum Nachmittagsgottesdienst predigte ich draussen auf dem Feld; zehntausend Personen kamen.“

Eine andere Anekdote über Wesley:
Eines Tages war Wesley zu Pferd unterwegs, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass drei ganze Tage ohne Verfolgung vergangen waren. Man hatte ihm nicht einmal einen Stein oder ein Ei nachgeworfen. Wesley hielt sein Pferd an und kniete nieder: „Könnte es sein, dass ich gesündigt habe oder zurückgefallen bin?“, fragte er, und bat Gott, ihm zu zeigen, ob er irgendwie fehlgegangen war. – Ein rauher Bursche, der auf der anderen Seite der Hecke vorüberging, hörte das Gebet, erkannte Wesley und dachte: „Ich werde diesem Prediger eine Lektion erteilen.“ Er ergriff einen Backstein und warf ihn nach Wesley. Der Backstein verfehlte sein Ziel knapp; aber Wesley erhob sich und rief aus: „Danke, Herr, alles ist gut! Ich bin noch in deiner Gegenwart.“

Eines der bekanntesten Werke der christlichen Literatur, und der Weltliteratur überhaupt, ist John Bunyans „Pilgerreise“. Dieses Buch wurde im Gefängnis von Bedford geschrieben. Was für ein Verbrechen hatte Bunyan begangen? – Er hatte ohne eine offizielle Erlaubnis der Kirche von England das Evangelium gepredigt. Dafür wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch die Heilsarmee war in ihren Anfangsjahren oft das Ziel von Verfolgung. Andrew Strom fasst zusammen: „Während des Jahres 1882 wurden allein in England 669 Heilssoldaten körperlich angegriffen, und 56 Lokale der Heilsarmee ganz oder teilweise zerstört. Es formten sich ‚Skelett-Armeen‘ von Verbrechern und Schlägern, um die Heilsarmisten anzugreifen … Und erstaunlicherweise waren an vielen Orten die örtlichen Pastoren daran beteiligt, diese Mobs aufzureizen.“

Gegenwärtig findet eine der erstaunlichsten und am längsten dauernden Erweckungen in China statt. Aber China ist gleichzeitig eines der Länder mit der stärksten Christenverfolgung. Viele christliche Leiter sind im Gefängnis und werden gefoltert. Es gibt sehr wenig religiöse Freiheit.

Verwundern wir uns darüber nicht. Jesus selber wurde verfolgt, und nach nur drei Jahren öffentlichen Dienstes wurde er getötet. Die Wirkungszeit seines Wegbereiters, Johannes des Täufers, war noch kürzer. Und Jesus warnte seine Jünger zum voraus, sie sollten sich auf dasselbe Schicksal vorbereiten:
„Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 16,24.25)
„Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet von allen Völkern gehasst sein um meines Namens willen… Aber wer bis zum Ende ausharrt, wird gerettet werden.“ (Matthäus 24,9.13)
„Sie werden euch aus den Synagogen ausschliessen; und es wird sogar die Stunde kommen, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er leiste Gott einen Dienst.“ (Johannes 16,2)
„Fürchte nichts, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet zehn Tage lang Drangsal haben. Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10)

Aus der Geschichte der alten Kirche weiss man, dass elf der zwölf Apostel den Märtyrertod starben. Johannes war der einzige, der eines natürlichen Todes starb; aber auch er erlitt die Verbannung nach Patmos. Paulus zählt folgende Gründe auf, sich zu rühmen:
„Sind sie Diener Christi? Ich spreche, als ob ich wahnsinnig wäre: Ich noch mehr. Unter viel mehr Mühen; unter unzähligen Schlägen; öfter in Gefängnissen; viele Male in Todesgefahr. Von den Juden erhielt ich fünfmal die vierzig Schläge weniger einen. Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen; einmal gesteinigt; dreimal erlitt ich Schiffbruch; eine Nacht und einen Tag lang trieb ich als Schiffbrüchiger auf hoher See; …“ (2.Korinther 11,23-25)

Über diese Dinge kann ich nur mit Furcht und Zittern schreiben, weil ich von mir selber nicht weiss, wie ich solche Situationen überstehen würde. Ich glaube, es ist überhaupt nur durch die Gnade Gottes möglich, solche Verfolgung um Christi willen auszuhalten. Paulus schrieb an die Philipper: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden …“ (Philipper 1,29)
Es ist eine Gabe Gottes und ein besonderes Vorrecht, für den Glauben an Jesus zu leiden. Nachdem die Apostel geschlagen worden waren, „gingen sie von dem Rat fort, voll Freude, dass sie für würdig erachtet worden waren, um des Namens (Jesu) willen Schmach zu leiden.“ (Apostelgeschichte 5,14)

Bist du bereit, mit den Aposteln dieses Vorrecht zu teilen?

Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 2)

6. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Spaltung.

Fast alle Leiter von Erweckungen wurden angeklagt, „die Kirche zu spalten“. Im allgemeinen hatten sie nicht die Absicht, Spaltungen zu verursachen. Aber Gott wirkte sichtbar durch sie; und die Leiter der etablierten Kirchen widersetzten sich diesem Werk Gottes. So wurde eine Spaltung unvermeidlich: die Nachfolger des Wirkens Gottes auf der einen Seite, und die Nachfolger der etablierten Leiterschaft auf der anderen Seite.

Am klarsten sehen wir das wohl bei Martin Luther. Bis heute wirft ihm die katholische Kirche vor, „die einige Kirche gespalten zu haben“. Aber Luther hatte nie diese Absicht. Er war ein katholischer Mönch, der katholischen Kirche verpflichtet, und hatte ein einziges Ziel: die Kirche auf den Weg der Heiligen Schrift zurückzuführen. Er gelangte mit seinen Anliegen bis vor den Papst, in der Hoffnung, wenigstens der Papst wäre daran interessiert, die Kirche aus ihrer Verdorbenheit herauszuholen. Aber die Antwort des Papstes bestand darin, dass er zuerst Luther einfach ignorierte; dann Theologen sandte, die ihn widerlegen und zum Widerruf zwingen sollten; und als das nichts fruchtete, ihn zu exkommunizieren. (Somit ist die historische Wahrheit, dass nicht Luther die Kirche spaltete, sondern der Papst, indem der Luther und seine Anhänger ausschloss.)
Da die kirchlichen Leiter sich nicht reformieren wollten, wurde es nötig, eine gesonderte reformierte Kirche zu bilden. Dasselbe geschah in vielen anderen Erweckungen.

John Wesley war anglikanischer Pfarrer. Aber als er über die Wiedergeburt zu predigen begann, verschloss ihm eine Kirche nach der anderen ihre Türen, bis er sich gezwungen sah, auf freiem Feld zu predigen. Damit begannen seine Anhänger nach und nach zur Kirche auf Distanz zu gehen, bis sie schliesslich eine eigene Kirche bildeten (die Methodisten).

William Booth war ein methodistischer Prediger, der etwa hundert Jahre nach Wesley lebte. Er hatte einen starken Ruf, die Heilsbotschaft zu den Leuten auf der Strasse zu bringen: zu den Arbeitslosen, den Armen, den Trinkern, den Landstreichern. Sein Motto war: „Sucht die Seelen, und sucht die schlimmsten von ihnen!“ So begann er auf eine Art zu evangelisieren, die diese Art von Menschen anzog: mit Märschen in den Strassen, mit lauter und volkstümlicher Musik, und mit sehr einfachen und direkten Predigten auf der Strasse. Aber die christlichen Leiter (inbegriffen die Methodisten) fanden, diese Methoden seien eine „Entweihung des Evangeliums“. Es kümmerte sie nicht, dass Tausende von Menschen durch Booths Dienst gerettet wurden. So musste er sich aus der methodistischen Kirche zurückziehen und seine eigene Bewegung gründen, die Heilsarmee.

Ich bin sicher, dass alle diese Gottesmänner eine Erweckung ohne Spaltung vorgezogen hätten, wenn es möglich gewesen wäre. Aber die Opposition der etablierten Leiter verunmöglichte dies. Deshalb zogen die Erweckungsprediger die Spaltung vor, denn die einzige Alternative dazu wäre gewesen, die Erweckung zu ersticken.

Jesus selber warnte seine Nachfolger: „Denkt nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Mann mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert…“ (Matthäus 10,34-37)
Jesus selber war sehr „konfliktiv“. (Tatsächlich bewirkte er eine radikale Spaltung unter den Juden seiner Zeit.) – Wir können die oben zitierten Verse auch auf unsere „geistlichen Väter“ anwenden, d.h. auf die Kirche und die Tradition, die uns ins Christentum eingeführt hat. Wenn eine Erweckung kommt, dann werden die „geistlichen Söhne und Töchter“ viel radikaler in ihrem Eifer für den Herrn. Die lauen Kirchen werden sich diesem Radikalismus entgegenstellen, und das wird zu Entzweiung zwischen „geistlichen Eltern und Kindern“ führen.

Im 1.Korintherbrief spricht Paulus mit starken Worten gegen die Spaltungen unter Geschwistern, und betont, dass der Leib Christi eins ist. Aber im selben Brief spricht er auch von einer Art Spaltung oder Trennung, die nötig ist: „Denn zuallererst, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt, höre ich, dass es unter euch Spaltungen gibt; und zum Teil glaube ich es. Denn es ist nötig, dass es unter euch Entzweiungen gibt, damit jene unter euch offenbar werden, die bewährt sind.“ (1.Kor.11,18-19). – Er spricht auch von Fällen, wo es nötig ist, sich abzusondern: „… dass ihr euch mit niemandem zusammentut, der sich Bruder nennen lässt, aber ein Unzüchtiger ist oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trinker oder Dieb. Mit einem solchen sollt ihr nicht einmal zusammen essen.“ (1.Kor.5,11) – „Lasst euch nicht mit den Ungläubigen unter dasselbe Joch spannen. … Deshalb, sagt der Herr, zieht aus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, und rührt das Unreine nicht an; dann werde ich euch aufnehmen…“ (2.Kor.6,14-18)
In anderen Worten: Es ist nötig, dass es eine Trennung gibt zwischen den echten Gläubigen (den „Bewährten“), und jenen, die es nicht sind. Wenn es in der Kirche „Geschwister“ gibt, die gar nicht wiedergeboren sind, dann wird es notwendigerweise eine Trennung geben zwischen ihnen und den echten Christen – unabhängig davon, ob jemand diese Trennung bewusst sucht oder nicht. Es ist nicht möglich, dass das Licht und die Finsternis miteinander Gemeinschaft haben; und alle Versuche, eine solche Gemeinschaft herbeizuführen, sind zum Scheitern verurteilt. (Das ist der Fehler des Ökumenismus.)

Daraus können wir lernen, dass eine Spaltung nicht das Schlimmste ist, was einer Kirche passieren kann. Viel schlimmer ist es, wenn sich die Kirche von falschen Christen infiltrieren und sich schliesslich von ihnen dominieren lässt. In diesem Fall stirbt die Kirche geistlich, erstickt auch das geistliche Leben der wenigen echten Christen, die sich noch in ihr befinden, und verunehrt den Namen des Herrn vor der ganzen Welt.

Eine Erweckung geschieht normalerweise in einer Situation, wo die Kirche lau geworden ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass in einer solchen Situation viele Mitglieder und Leiter der Kirchen blosse Namenschristen sind, die nie wiedergeboren wurden. Natürlich empfinden sie es als Bedrohung, wenn einige ihrer Mitglieder das echte, biblische Christentum wiederentdecken. Sie werden sagen, „die Gemeinde spaltet sich“. – In Wirklichkeit ist es nicht „die Gemeinde“, die sich spaltet. Es ist nur die falsche Vereinigung von echten Christen mit Namenschristen, die auseinanderbricht (wobei die Namenschristen gar nie „Gemeinde“ im Sinne des Wortes Gottes waren).

Manchmal sagen mir Gemeindeleiter: „Man muss bei seiner angestammten Denomination bleiben und seine Kirche so annehmen, wie sie ist. Schliesslich gibt es keine vollkommene Gemeinde.“ Ich antworte, wenn wir so denken wollen, dann war die Reformation von Anfang an ein Fehler, denn dann hätten die Reformatoren die katholische Kirche annehmen sollen, wie sie war. Leiter, die so denken, sollten deshalb konsequenterweise nach Rom zurückkehren. (Mittlerweile tun sie es tatsächlich!)
Wenn wir andererseits auf dem Wort Gottes aufbauen wollen und mit den Reformatoren und Täufern darin einverstanden sind, dass sich die katholische Kirche vom Wort Gottes entfernt hat, dann müssen wir anerkennen, dass sich auch die evangelischen und evangelikalen Kirchen in vielen Aspekten vom Wort Gottes entfernt haben, und dass es deshalb richtig ist, eine neue Reformation zu fordern.

Charles Finney sagte:
„Wir vergleichen unseren geistlichen Zustand immer mit einem bestimmten Massstab. Wenn wir Christus in seiner Fülle als Massstab nehmen, dann bekommen wir eine angemessene Einschätzung unseres Zustandes. Aber wenn wir unsere Kirche oder unsere Freunde als Messrute nehmen, dann werden wir uns wahrscheinlich (irrtümlich) als geistliche Riesen sehen.
Deshalb haben wir manchmal so gegensätzliche Ansichten über den Zustand der Kirche, und unserer eigenen Herzen. Wir gebrauchen unterschiedliche Massstäbe. Während der eine demütig ist und den Zustand der Kirche beklagt, glaubt ein anderer, solche Klagen seien ‚richtend‘. Diesem anderen scheint die Kirche gesund zu sein, aber sein Vergleichsmassstab ist nicht Christus. Wer die Augen verschliesst, wird den Staub nicht sehen, der ihn bedeckt. Er mag glauben, er sei rein, während alle anderen wissen, dass er schmutzig ist.“

Zusammengefasst: Wenn Gott Erweckung sendet, wird es sehr wahrscheinlich eine Spaltung geben zwischen echten und falschen Christen; zwischen den Nachfolgern der Bewegung Gottes und der etablierten Leiterschaft der Kirchen. Sehr wahrscheinlich werden die Nachfolger der Erweckung angeklagt werden, „die Kirche zu spalten“. Mit Jesus und den Aposteln geschah dasselbe.
Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?


 PS: Zur obigen (schon viele Jahre alten) Originalfassung des Artikels möchte ich noch hinzufügen, dass leider alle historischen Erweckungs- und Reformationsbewegungen nach kürzerer oder längerer Zeit selber wieder zu (traditionellen) „Kirchen“ wurden, und damit selber wieder erweckungs- und reformationsbedürftig. Ich möchte deshalb keine dieser Bewegungen konkret als Beispiel für heute verstanden wissen, sondern als Beispiel vielmehr ihr anfängliches Prinzip nehmen, kirchlich-traditionelle Formen hinter sich zu lassen und zu dem zurückzukehren, „was von Anfang an war“.

Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Schluss

9. November 2013

Wesleys Sorge um die sozialen Bedingungen

Wir haben bereits gesehen, wie Wesley sich um die Armen innerhalb der methodistischen Gesellschaften kümmerte. Bei einigen Gelegenheiten äusserte er sich auch deutlich über die allgemeinen sozialen Bedingungen. Aber für Wesley war das keine Angelegenheit „sozialer Gerechtigkeit“ in dem Sinne, wie es heute verstanden wird. Für ihn handelte es sich um Angelegenheiten der christlichen Moral und Ethik. „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein weltliches Konzept, das den Menschen über alles stellt. Die christliche Moral, wie Wesley sie predigte, legt dagegen das Hauptgewicht auf die Ehre Gottes.

Ein Beispiel ist die folgende Erfahrung, wie Wesley sie in seinem Tagebuch beschreibt:

„Ich ging nach Knowle, eine Meile von Bristol entfernt, um die französischen Gefangenen zu besuchen. Wie wir informiert wurden, waren etwa 1100 von ihnen an diesem kleinen Ort eingesperrt, ohne Schlafstätte ausser ein wenig schmutzigem Stroh, und ohne etwas um sich damit zuzudecken, ausser einigen wenigen dünnen und verfaulten Lumpen, sodass sie starben wie kranke Schafe. Ich wurde sehr berührt davon und predigte am Abend über 2.Mose 23,9: ‚Du sollst den Ausländer nicht bedrücken; denn du kennst das Herz eines Ausländers, denn ihr wart auch Ausländer im Land Ägypten.‘ – Sofort wurden achtzehn Pfund gespendet, und am nächsten Tag hatten wir vierundzwanzig. Damit kauften wir Leinen- und Wollstoff, um Hemden, Jacken und Hosen anzufertigen. Dazu kamen einige Dutzend Socken; und das alles verteilten wir, wo die Not am grössten war. Wenig später sandte die Korporation von Bristol eine grosse Anzahl Matratzen und Wolldecken. Und bald waren Beiträge aus London und aus verschiedenen Teilen des Landes unterwegs. So glaube ich, dass sie von da an ziemlich gut versorgt waren mit dem Lebensnotwendigsten.“

Eine Zeitlang befand sich Wesley in der Stadt Newcastle, die wegen unmittelbarer Kriegsgefahr unter militärischer Bewachung stand. Nachdem Wesley das Verhalten der Soldaten gesehen hatte, schrieb er dem Gouverneur folgenden Brief:

„Sehr geehrter Herr:
Die Furcht Gottes, die Liebe zu meinem Vaterland, und meine Wertschätzung für Seine Majestät den König George, zwingen mich dazu, einige offene Worte zu schreiben an jemanden, dem diese Handlungsprinzipien nicht fremd sind.
Meine Seele schmerzte Tag für Tag, wenn ich durch die Strassen von Newcastle ging, angesichts der Gefühlslosigkeit, der boshaften Schamlosigkeit, der unwissenden Weltlichkeit der armen Männer, denen unsere Leben anbefohlen sind. Die ständigen Flüche und Verwünschungen, die oberflächlichen Lästerungen der Soldaten im allgemeinen, müssen eine Folter sein für das nüchterne Ohr jedes Christen oder auch jedes aufrichtigen Ungläubigen. Kann jemand, der Gott fürchtet oder seine Nächsten liebt, dies ohne Besorgnis anhören? Insbesondere, wenn wir die Interessen unseres Landes, und dieser unglücklichen Männer selber in Betracht ziehen. Denn können wir erwarten, dass Gott sich auf die Seite jener stellt, die ihn täglich ins Angesicht beleidigen? Und wenn Gott nicht auf ihrer Seite steht, wie wenig hilft uns dann ihre Anzahl, oder ihr Mut, oder ihre Kraft?
Gibt es niemanden, der sich um diese Seelen sorgt? Zweifellos sollten einige es tun. Aber viele von diesen, wenn ich richtig informiert bin, erhalten grosse Löhne, aber tun einfach nichts. Ich wünschte, bei Gott, es stünde in meinem Vermögen, auf irgendeine Weise ihren Mangel an Dienst auszufüllen. Ich bin bereit zu tun, was ich kann, um diese armen Sünder zur Umkehr zu rufen, ein- oder zweimal am Tag (solange ich in dieser Gegend bleibe), egal zu welcher Stunde und an welchem Ort. Und ich wünsche keinerlei Bezahlung dafür, ausser was mir mein Herr bei seiner Wiederkunft geben wird.“

Auch um „profanere“ Angelegenheiten sorgte sich Wesley, wie dieser Ausschnitt aus einem Brief beweist, den er an eine grosse Tageszeitung in Edinburgh schrieb:

„(…) Und die Hauptstrasse, so breit und fein gepflastert, mit den erhabenen Häusern auf jeder Seite (viele davon sieben- oder achtstöckig), ist besser als alle in Grossbritannien. Aber wie ist es auszuhalten, dass aller Art Unrat ständig auf diese selbe Hauptstrasse geworfen wird? Wo sind die Magistraten, die Regierung, der Adel des Landes? Kümmern sie sich nicht um die Ehre ihrer Nation? Wie lange soll die Hauptstadt Schottlands, und ihre Hauptstrasse, ärger stinken als eine gewöhnliche Kanalisation? Gibt es niemanden, der sein Land liebt, oder den Anstand und den gesunden Menschenverstand, sodass er ein Mittel dagegen fände?“

Jemand, der zutiefst beeindruckt wurde von der sozialen Sorge Wesleys, war der Parlamentarier William Wilberforce (1759-1833). Insbesondere zwei Menschen trugen zu seiner Bekehrung bei: seine methodistische Tante, und der Prediger John Newton, der vor seiner Bekehrung ein Sklavenhändler gewesen war. So beschloss Wilberforce, sein ganzes Leben dem Kampf gegen die Sklaverei zu widmen. Im Alter von nur 21 Jahren wurde er ins Parlament gewählt, und von da an legte er unermüdlich seine Gesetzesvorschläge gegen die Sklaverei vor, obwohl sie eins ums andere Mal abgelehnt wurden. Aber mit seiner Ausdauer errang er schliesslich den Erfolg: 1807 wurde der Sklavenhandel verboten, und 1833 (in seinem Todesjahr) schaffte England die Sklaverei ganz ab. Das war tatsächlich das ganze Lebenswerk Wilberforces.
Ausser diesem Kampf war Wilberforce auch einer der Leiter einer Gruppe christlicher Parlamentarier, die sich um eine christliche Politik in all ihren Aspekten bemühten. Und bei einer Gelegenheit sagte er, er hätte ein politisches Ziel, das ihm noch wichtiger sei als die Abschaffung der Sklaverei: Freiheit für die Missionsarbeit in Indien (das damals eine englische Kolonie war). Und auch in dieser Sache errang Wilberforce den Sieg.

Schluss

Die methodistische Erweckung – zusammen mit ihrem Gegenstück, der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika – ist eines der beeindruckendsten Beispiele, wie Gott in einer Erweckung handelt. Ich versuche die wichtigsten Punkte zusammenzufassen, die wir aus dieser Geschichte lernen können:

  • Eine Erweckung ist in erster Linie eine „Reinigung“ innerhalb der Gemeinde, mit einer „Überführung von der Sünde“, die von Gott kommt. Die Gemeindeglieder – und die Pastoren! – müssen zuerst erkennen, dass sie noch keine echten Christen sind und wiedergeboren werden müssen.
  • Deshalb ist eine Erweckung immer ein Skandal für die offizielle Kirche. Die bestehenden Gemeinden sind es, die sich einer Erweckung am stärksten widersetzen.
  • Jene Gemeindeglieder, die sich „erwecken“ lassen, beginnen mehr wie die Urchristen zu leben. So entsteht eine erneuerte, geheiligte Gemeinde, die mehr der Urgemeinde gleicht als den zeitgenössischen Gemeinden.
  • Mit einer so erneuerten Gemeinde kann Gott in grösserem Massstab handeln als normalerweise:
    – Grosse Mengen von Menschen beginnen sich für geistliche Dinge zu interessieren und bekehren sich zu Christus.
    – Übernatürliche und aussergewöhnliche Zeichen Gottes geschehen.
    – Die ganze Gesellschaft wird umgewandelt.
  • Vergessen wir aber nicht, dass die soeben genannten Auswirkungen nur „Nebeneffekte“ einer Erweckung sind. Das Wesentliche ist die Rückkehr der christlichen Gemeinde zu dem, „was im Anfang war“.

Die Geschichte der methodistischen Erweckung illustriert alle diese Prinzipien deutlich. Sie gibt uns damit ein Beispiel, in welche Richtung wir auch heute „zielen“ sollten.

John Wesley und die Methodisten – Teil 10: Aussergewöhnliche Manifestationen

3. November 2013

Wesley berichtet mehrmals in seinem Tagebuch über aussergewöhnliche Manifestationen, die während seines Dienstes geschahen, oder im Leben von Menschen, die sich durch seinen Dienst bekehrt hatten. Dies ist ein Beispiel:

„Ich sprach lange Zeit mit Anna Thorn und zwei weiteren, die mehrmals in Trance gewesen waren. Alle stimmten darin überein, dass: 1) wenn sie ‚weg waren‘, wie sie es nannten, war es immer in Momenten, wo sie am erfülltesten waren mit der Liebe zu Gott; 2) das kam in einem Moment über sie, ohne Vorwarnung, und nahm alle ihre Sinne und Kräfte in Anspruch; 3) im allgemeinen – mit ein paar Ausnahmen – waren sie von diesem Moment an in einer anderen Welt und wussten nichts mehr davon, was die Menschen um sie herum taten oder sagten.
(…) Herr B. kam auf mich zu und sagte, die fünfzehnjährige Alice Miller sei in Trance gefallen. Ich ging sofort hinunter und fand sie auf einem Schemel sitzend, an die Wand angelehnt, mit offenen Augen nach oben schauend. Ich machte eine Bewegung, als ob ich sie schlagen wollte, aber sie bewegte sich überhaupt nicht. Ihr Gesicht drückte eine unbeschreibliche Mischung aus Ehrfurcht und Liebe aus, während ein paar Tränen über ihre Wangen rollten. (…) Nach einer halben Stunde sah ich, dass sich ihr Gesichtsausdruck in Furcht, Mitleid und Verzweiflung wandelte; dann brach sie in ein Meer von Tränen aus und rief aus: ‚Lieber Herr, sie werden verdammt werden! Sie alle werden verdammt werden!‘ Aber fünf Minuten später kam ihr Lächeln zurück, und da war reine Liebe und Freude in ihrem Gesicht. (…) Später sagte sie: ‚Rufe laut! Halte nichts zurück!‘ Dann sagte sie: ‚Gebt Gott die Ehre.‘ – Um sieben Uhr kehrten ihre Sinne zurück. Ich fragte sie: ‚Wo warst du?‘ – ‚Ich war bei meinem Erlöser.‘ – ‚Im Himmel oder auf der Erde?‘ – ‚Ich weiss es nicht; aber ich war in der Herrlichkeit.‘ – ‚Und warum hast du geweint?‘ – ‚Nicht um mich, aber um die Welt; denn ich sah, dass sie sich am Rand der Hölle befinden.‘ – ‚Und zu wem sagtest du, sie sollten Gott die Ehre geben?‘ – ‚Zu den Predigern, dass sie laut zur Welt rufen sollen; denn wenn sie es nicht tun, werden sie stolz werden, und dann wird Gott sie verlassen, und sie werden ihre eigenen Seelen verlieren.'“

Wesley gibt auch das folgende Zeugnis von einem gewissen John Pearce wieder:

„Während er in Helstone wohnte, rief während einer Versammlung seiner (methodistischen) Klasse eine Frau in einem ungewöhnlichen Tonfall: ‚Lasst uns nicht hier bleiben; gehen wir nach …‘ (ein Haus in einem anderen Stadtteil). Alle standen sofort auf und gingen, obwohl niemand von ihnen – nicht einmal die Frau selber – wusste warum. Kurz nachdem sie gegangen waren, fiel ein Funke in ein Pulverfass, das sich in einem angrenzenden Raum befand, und das Haus explodierte. So beschützte Gott die auf ihn vertrauten …“

Wesley berichtet auch von verschiedenen Dämonenaustreibungen.

Anscheinend gab es auch viel Kritik an solchen Manifestationen. Als Antwort verwies Wesley auf die geistliche Frucht:

„Während jener Zeit wurde ich fast ständig gefragt (…): ‚Wie können diese Dinge sein?‘ Und ich erhielt unzählige Warnungen (normalerweise aufgrund schwerer Missverständnisse), den Visionen und Träumen keine Beachtung zu schenken, und mir auch nicht einzubilden, die Menschen erhielten Sündenvergebung aufgrung ihres Schreiens oder ihrer Tränen oder ihrer äusserlichen Zeugnisse. Meine Antwort an jemanden, der mir wiederholt deswegen schrieb, war zusammengefasst wie folgt:
Das Problem zwischen uns reduziert sich hauptsächlich auf eine Frage der Tatsachen. Sie leugnen, dass Gott heute solche Wirkungen schafft; oder zumindest, dass er sie auf diese Weise schafft. Ich sage, doch, denn ich habe diese Dinge mit meinen eigenen Ohren gehört und mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich habe viele Menschen gesehen (so weit man das sehen kann), die in einem Moment von einem ängstlichen, erschreckten und verzweifelten Geist umgewandelt wurden zum Geist der Liebe, der Freude und des Friedens; und von einem sündigen Verlangen, das sie beherrschte, zu einem reinen Verlangen, den Willen Gottes zu tun. Das sind Tatsachen, wovon ich beinahe täglich Zeuge bin.
Was die Visionen und Träume betrifft, habe ich dies zu sagen: Ich kenne mehrere Personen, bei denen diese grosse Veränderung in einem Traum geschah, oder während eines starken Eindrucks vor ihrem geistigen Auge über Christus am Kreuz oder in der Herrlichkeit. Das ist die Tatsache; möge es jeder beurteilen wie er will. Und ich urteile nicht nur nach den Tränen, oder aufgrund einer Trance oder Schreiens (wie Sie anscheinend annehmen); sondern nach der Veränderung ihres ganzen Lebens: vorher böse auf vielerlei Weise; nachher heilig, gerecht und gut.
Ich will Ihnen den zeigen, der zuvor ein Löwe war und jetzt ein Lamm ist; den, der ein Trinker war und jetzt vorbildlich nüchtern ist; den, der ein Unzüchtiger war und jetzt sogar das vom Fleisch befleckte Kleid verabscheut. Das sind meine lebendigen Argumente für meine Versicherung: dass Gott heute genauso wie in den alten Zeiten uns und unseren Kindern die Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes gibt; und das in einem Augenblick, soweit ich weiss; und oft in Träumen oder Visionen von Gott. Wenn es nicht so ist, werde ich vor Gott als falscher Zeuge erfunden werden.“

Wir haben in einer früheren Folge gesehen, wie Wesley einige tiefsitzende Vorurteile überwinden musste, als Whitefield ihm zeigte, wie er unter freiem Himmel predigte. Jetzt, in dieser Sache der aussergewöhnlichen Manifestationen, scheint Whitefield derjenige gewesen zu sein, der mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Wesley berichtet:

„Ich hatte eine Gelegenheit, mit ihm (Whitefield) über diese äusseren Zeichen zu sprechen, die oft das innere Werk Gottes begleiteten. Ich fand, dass seine Einwände hauptsächlich auf schlimmen Verdrehungen der Tatsachen beruhten. Aber am nächsten Tag konnte er sich eines Besseren vergewissern; denn kaum begann ich (in der Predigt) alle Sünder einzuladen, auf Christus zu vertrauen, als vier Personen in seiner Nähe fast gleichzeitig ohnmächtig wurden. Einer von ihnen blieb bewusst- und bewegungslos liegen. Ein anderer zitterte überaus heftig. Der dritte hatte Krämpfe an seinem ganzen Körper, aber er gab keinen Laut von sich ausser einigen Seufzern. Der vierte, ebenfalls unter Krämpfen, schrie zu Gott mit lauter Stimme und unter Tränen. Von diesem Moment an vertraue ich, dass wir alle Gott erlauben werden, sein eigenes Werk in der Art zu tun, die ihm gefällt.“

Dennoch nahm Wesley diese Manifestationen nicht besonders wichtig. Er war sich bewusst, dass nicht alles Aussergewöhnliche von Gott ist, und dass Unterscheidungsvermögen nötig war. Bei einer anderen Gelegenheit schreibt er:

„Am Nachmittag war Gott auf besondere Weise unter uns gegenwärtig (…) Aber ich beobachtete einen bemerkenswerten Unterschied seit dem letzten Mal, als ich hier (in Everton) war. Jetzt war niemand in Trance, niemand schrie, niemand fiel zu Boden oder hatte Krämpfe; nur einige zitterten stark, man hörte ein leises Murmeln, und viele wurden mit einer Fülle des Friedens erfrischt.
Die Gefahr bestand darin, die aussergewöhnlichen Umstände zu wichtig zu nehmen, wie z.B. Schreien, Krämpfe, Visionen und Trancen; als ob diese wesentlich wären für das innere Werk (…) Eine andere Gefahr besteht darin, all dieses zu verurteilen und zu denken, nichts davon sei von Gott. Aber die Wahrheit ist:
1) Gott überführte viele augenblicklich und heftig davon, dass sie verlorene Sünder waren; und eine natürliche Folge davon waren die plötzlichen Schreie und die Krämpfe.
2) Um die Gläubigen zu stärken und zu ermutigen, und um sein Werk offensichtlicher zu machen, begnadete er mehrere von ihnen mit göttlichen Träumen, und andere mit Trancen und Visionen.
3) Bei einigen dieser Gelegenheiten mischte sich nach einiger Zeit die Natur unter die Gnade.
4) Ebenso ahmte satan dieses Werk Gottes nach, um das ganze Werk in Verruf zu bringen; dennoch ist es nicht weise, diesen Aspekt zu verwerfen, ebensowenig wie es weise wäre, das ganze Werk zu verwerfen. Anfangs war zweifellos alles von Gott. Jetzt ist es noch teilweise so, und er wird uns befähigen zu unterscheiden, inwieweit in jedem Fall das Werk rein ist, und wo es vermischt oder degeneriert ist.“

In der Gegenwart herrscht eine grosse Auseinandersetzung über solche und ähnliche Manifestationen. Einerseits gibt es eine „Sucht“ nach immer aussergewöhnlicheren und seltsameren Manifestationen. Und andererseits gibt es Verdächtigungen und Ablehnung gegen alles, was ein wenig über das Gewöhnliche hinausgeht. Wesleys Anmerkungen können uns helfen, in dieser Sache ein wenig klarer zu sehen:

Erstens hat Gott oft durch Träume, Visionen, und andere „aussergewöhnliche“ Mittel gewirkt. Die Schrift bezeugt es, die Erfahrungen Wesleys bestätigen es, und nichts spricht dagegen, dass Gott in unserer Zeit ähnliche Dinge täte. Gewisse aussergewöhnliche Manifestationen – aber nicht alle – werden vollauf von der Bibel bestätigt. Ausser Träumen und Visionen erwähnt die Bibel auch verschiedene übernatürliche Gaben des Heiligen Geistes.

Zweitens, was das Umfallen, Zittern, Krämpfe, usw. betrifft, so bezeugt Wesley, dass diese Dinge geschahen; aber er sagte nie, diese Dinge seien „geistlich“. Im Gegenteil, er sagt, es handle sich um „natürliche Folgen“ einer heftigen Überführung von der Sünde. In anderen Worten, es handelte sich um Reaktionen der menschlichen Natur angesichts der Überführung durch den Heiligen Geist. Und wenn diese Sünder zum Frieden mit Gott gelangten, dann verschwand diese Art von Manifestationen, und an ihrer Stelle erlebten sie den Frieden und die Freude, erlöst zu sein.
Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zu gegenwärtigen Bewegungen, wo Menschen ebenfalls massenweise umfallen. In diesen gegenwärtigen Bewegungen wird das Umfallen, Zittern, usw. als ein „geistlicher Segen“ angesehen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage, und die Erfahrungen Wesleys widersprechen dieser Anschauung. Wenn Zuhörer Wesleys umfielen, sagten sie nicht, sie hätten „einen besonderen Segen Gottes“ empfangen. Im Gegenteil, sie waren erschreckt über ihre eigene Sündhaftigkeit, der sie sich plötzlich bewusst wurden; und über die Heiligkeit und Reinheit Gottes. Und sie wussten, dass sie von neuem geboren werden mussten, um vor Gott bestehen zu können. Die Erfahrungen Wesleys können also nicht als Präzedenzfall für das heutige „Umfallen im Geist“ herangezogen werden; im Gegenteil.
Ein weiteres Zitat von Wesley möge dies unterstreichen:

„Ich predigte über die Gerechtigkeit des Gesetzes und die Gerechtigkeit des Glaubens. Während ich sprach, fielen einige wie tot um, und unter den übrigen hörte man ein solches Schreien der Sünder, die um die Gerechtigkeit des Glaubens flehten, dass es meine Stimme beinahe übertönte. Aber viele von diesen erhoben bald ihre Häupter voll Freude und brachen in Lobpreis aus, weil sie die Sicherheit empfangen hatten, dass jetzt der Wunsch ihrer Seele, die Vergebung ihrer Sünden, erfüllt worden war.“

Wenn noch seltsamere und unbiblische Dinge geschahen – wie z.B. unkontrollierbares Lachen, tierisches Verhalten, usw. -, dann zögerte Wesley nicht, sie als Fälschungen des Teufels anzuprangern.

Drittens ist das Vorkommen von „seltsamen“ Manifestationen kein Grund, eine ganze Bewegung oder Erweckung zu verurteilen. Wesley sagt, dass in seiner eigenen Bewegung auch solche teuflischen „Fälschungen“ aufgetreten seien; und er rief seine Mitarbeiter dazu auf, Unterscheidung zu üben. – Wenn nun eine Bewegung sich auf solche „seltsamen“, unbiblischen Manifestationen gründet und diese aktiv fördert, dann muss sie als fehlgeleitet eingestuft werden. Aber wo eine echte, geistlich gesunde Erweckung stattfindet, da sollte nicht die gesamte Bewegung verworfen werden, nur weil auch einige seltsame oder „falsche“ Manifestationen auftreten. Vielmehr sollten die Leiter einer solchen Bewegung Vorsichtsmassnahmen ergreifen, damit die Bewegung nicht von solchen Manifestationen dominiert wird.

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 9: Die Lehre von der christlichen Vollkommenheit

18. Oktober 2013

Wesley betonte, dass das Ziel eines christlichen Lebens die Vollkommenheit ist. Das ist wahrscheinlich die umstrittenste und die am meisten missverstandene Lehre Wesleys. Er betonte sehr die Verse 1.Johannes 3,6 und 9:
„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen und hat ihn nicht gekannt. (…) Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht die Sünde, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“
Einige missbrauchten diese Lehre, um zu sagen, dann gäbe es für einen Christen auch keine Versuchungen mehr, und sie könnten sorglos leben, ohne sich gegen das Böse vorzusehen. Umgekehrt dachten andere, sie seien verdammt, sobald sie einen kleinen Fehler begingen, und sie seien keine wahren Christen, wenn sie es nicht fertigbrachten, ein vollkommenes Leben zu führen. So legten sie sich ein zu schweres Joch auf, und Wesley wurde eines unbiblischen „Perfektionismus“ bezichtigt.

Diese Extreme waren nicht im Sinne Wesleys. Er schrieb ein ausführliches Werk, „Ein freimütiger Bericht von der christlichen Vollkommenheit“, um seinen Standpunkt zu erklären. Zugleich zeigt dieses Werk, dass Wesley nur mit grossen Schwierigkeiten definieren konnte, was er überhaupt unter „christlicher Vollkommenheit“ verstand. Einerseits stellte er klar, dass ein Christ nach der Schrift jemand ist, der „Gott von ganzem Herzen liebt“, sodass in seinem Herzen kein Raum mehr ist für irgendeine Bosheit (denn sonst würde er ja Gott nicht mehr von ganzem Herzen lieben). Aber andererseits betonte er, dass auch ein „vollkommener Christ“ noch versucht werden kann und Irrtümer sowie unbewusste Sünden begehen kann. Er sagte, es sei einem Christen möglich, „vollkommen“ zu sein; aber er wagte nie zu sagen, es sei möglich, „sündlos“ zu sein.

Eine andere Anklage gegen diese Lehre besagte, wenn jemand sich „vollkommen“ nannte, dann würde er ja die Notwendigkeit des Opfers Jesu leugnen. Aber Wesley antwortete: Im Gegenteil, die Vollkommenheit ist nur aufgrund dieses Opfers und aufgrund der Gnade Gottes überhaupt möglich. Der Sieg über die Sünde ist kein menschliches Werk oder Verdienst (siehe Johannes 15,4-5).

Die folgenden Abschnitte mögen einen Eindruck davon geben, wie Wesley um die Definitionen der Ausdrücke „Sünde“ und „sündlos“ rang:

„(…) Auch die besten Menschen benötigen weiterhin Christus in seinem priesterlichen Amt, um ihre Unterlassungen zu sühnen, ihre Begrenzungen, ihre Fehler im Urteil und in der Praxis, und ihre Mängel aller Art. Denn das alles sind Abweichungen vom vollkommenen Gesetz, und müssen deshalb gesühnt werden. Aber das sind keine Sünden im eigentlichen Sinn, wie aus den Worten des Paulus ersichtlich ist: ‚Wer liebt, hat das Gesetz erfüllt; denn die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes‘ (Röm.13,10). Aber die Fehler, und jegliche Schwäche, die sich notwendigerweise aus dem vergänglichen Zustand des Körpers ergibt, sind keineswegs der Liebe entgegengesetzt; deshalb sind sie keine Sünden im Sinne der Schrift.
Um mich über dieses Thema etwas genauer zu erklären:
1.) Nicht nur die Sünde im eigentlichen Sinn (d.h. eine willentliche Übertretung des Gesetzes) erfordert das sühnende Blut; sondern ebenso die Sünde im uneigentlichen Sinn (d.h. eine unfreiwillige Übertretung eines bekannten oder unbekannten göttlichen Gesetzes).
2.) Ich glaube, dass es in diesem Leben keine solche Vollkommenheit gibt, dass sie diese unfreiwilligen Übertretungen ausschlösse, welche natürliche Folgen der Unwissenheit und der Fehler sind, die untrennbar mit der Sterblichkeit verbunden sind.
3.) Deshalb gebrauche ich nie den Ausdruck „sündlose Vollkommenheit“, damit ich nicht mir selber zu widersprechen scheine.
4.) Ich glaube, dass ein Mensch, der voll von der Liebe Gottes ist, dennoch diesen unfreiwilligen Übertretungen unterworfen bleibt.
5.) Ihr könnt solche Übertretungen Sünde nennen, wenn ihr wollt; ich nenne sie nicht so, aus den erwähnten Gründen.

Frage: Was für einen Rat würden Sie jenen geben, die es Sünde nennen, und jenen, die es nicht so nennen?

Antwort: – Dass jene, die es nicht Sünde nennen, niemals denken sollen, sie oder irgendein anderer Mensch würden je einen Zustand erreichen, in welchem sie ohne einen Mittler vor der unendlichen Gerechtigkeit bestehen könnten. So etwas zu behaupten, wäre tiefste Unwissenheit, oder höchste Überheblichkeit und Anmassung.
Dass jene, die es Sünde nennen, aufpassen sollen, dass sie diese Mängel nicht mit der Sünde im eigentlichen Sinn verwechseln. Aber wie sollen sie es anstellen, es nicht zu verwechseln, wenn sie alles ohne Unterschied Sünde nennen? Ich fürchte, wenn wir zulassen, dass die Sünde mit der Vollkommenheit vereinbar sei, dann würden nur wenige diese Idee nur auf jene Mängel beschränken, die keine Sünden im eigentlichen Sinn sind.“

Das grösste Problem in dieser Lehre Wesleys besteht darin, dass er Heiligung und Rechtfertigung auseinanderriss. Er lehrte, die „völlige Heiligung“ sei ein „zweites Werk“ des Heiligen Geistes, das in einem einzigen Moment geschehen kann und den Christen von allen bösen Gedanken und Haltungen befreit. Infolgedessen gab Wesley zu, dass er selber diese „völlige Heiligung“ noch nicht erfahren hatte, und dass es überhaupt nur sehr wenige Christen gab, die sie erreicht hatten. Dieser Aspekt ist natürlich problematisch und kann nur sehr begrenzt biblisch begründet werden. Meines Erachtens hätte es vollauf genügt, wenn Wesley versichert hätte, es sei einem Christen möglich, durch die Gnade und Kraft Gottes, keine vorsätzliche Sünde zu begehen (wie tatsächlich aus seiner Lieblingsstelle 1.Johannes 3,6-9 geschlossen werden kann). Schon das ist in der gegenwärtigen Situation der Gemeinde eine höchst umstrittene Behauptung, aber sie ist schriftgemäss. Wesley dagegen wollte eine im Detail ausgearbeitete „Lehre“ von der christlichen Vollkommenheit darlegen, und damit ging er „über das hinaus, was geschrieben steht“.

Aber statt über lehrmässige Fehler Wesleys zu debattieren, möchte ich einen wichtigeren Punkt hervorheben: Warum fand Wesley es überhaupt nötig, über die „christliche Vollkommenheit“ zu predigen? War es nicht deshalb, weil die Christenheit seiner Zeit sich von dieser Vollkommenheit so weit entfernt hatte, dass kein Unterschied mehr zu sehen war zwischen den Christen und der Welt? Tatsächlich ist es ein gemeinsames Kennzeichen aller Erweckungen, dass sie die Heiligkeit neu betonen.
In Zeiten des Abfalls folgen die Gemeinden immer irgendeiner Variante der „billigen Gnade“. Sie predigen Vergebung der Sünden ohne Umkehr. Manchmal wird – wie in der katholischen Kirche – die Umkehr durch etwas anderes ersetzt: die Rituale und Sakramente der Kirche, der Kauf eines Ablasses, die Anpassung an die äusseren Gewohnheiten der Kirche, und ähnliches. In anderen Fällen – wie in vielen reformierten Kirchen – wird eine „automatische Vergebung“ gelehrt, als ob Gott einfach über die Sünde hinwegsehen würde. In allen diesen Fällen gibt es keine Umkehr von Herzen mehr, und die Kirche verdirbt.
Die Erweckungsprediger konfrontierten immer direkt diese Verderbnis der Kirche. Sie betonten neu, dass die Gemeinde des Herrn heilig ist; und dass deshalb eine unheilige Gemeinde nicht die Gemeinde des Herrn ist. Sie betonten, dass ein echter Christ „der Heiligung nachjagt, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Hebräer 12,14). Um die Gemeinde von ihrem Abfall zurückzubringen, muss Heiligkeit gepredigt werden.

Das muss Wesleys Motiv gewesen sein, um über die „christliche Vollkommenheit“ zu lehren. Er wollte aus der Schrift zeigen, worin der Charakter eines echten Christen besteht, und so seinen Nachfolgern eine Zielvorgabe vorhalten, als Gegensatz zu den Namenschristen.
So sagt es Wesley in einem Brief von 1767:

„Vor 35 oder 36 Jahren bewunderte ich sehr den Charakter eines vollkommenen Christen, wie er von Clemens von Alexandrien beschrieben wird. Vor 25 oder 26 Jahren kam es mir in den Sinn, selber einen solchen Charakter zu beschreiben, nur auf schriftgemässere Weise, und hauptsächlich in den eigenen Worten der Schrift. Ich gab ihm den Titel: ‚Der Charakter eines Methodisten‘, und dachte, die Neugier würde mehr Menschen dazu verleiten, es zu lesen, und so würden einige naive Menschen von einigen Vorurteilen befreit werden. Aber damit niemand denke, ich hätte eine Verteidigung meiner selbst oder meiner Freunde im Sinn, versicherte ich mich dagegen schon auf der Titelseite, wo ich in meinem eigenen und ihrem Namen sagte: ‚Nicht dass ich es schon erreicht hätte, oder schon vollkommen wäre.‘ Dasselbe sagte ich am Schluss: ‚Dies sind die Prinzipien und Praktiken unserer Gruppe; dies sind die Kennzeichen eines wahren Methodisten‘; d.h. eines wahren Christen, wie ich gleich darauf erkläre: ‚und nur durch diese möchten sich jene, die Opfer von Schmähungen sind, von anderen Menschen auszeichnen‘. ‚Wir bemühen uns, uns durch diese Kennzeichen auszuzeichnen vor jenen, deren Sinne oder Leben nicht dem Evangelium von Christus entsprechen.'“

Angesichts der Verderbnis und Lauheit der Kirche war es nötig klarzustellen, was die Kennzeichen eines echten Christen sind. In diesem Sinn war es sehr notwendig, dass Wesley über Heiligkeit und Vollkommenheit predigte. Und dieselbe Notwendigkeit besteht auch in den heutigen Kirchen, seien es Landes- oder Freikirchen.

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 8: Wesley und die Kinder

12. Oktober 2013

(Zur vorherigen Folge)

Wesley interessierte sich besonders für die Kinder. In seiner eigenen Kindheit hatte er die bestmögliche Erziehung erhalten: Bis zum Alter von elf Jahren wurde er zusammen mit sieben seiner Brüder von seiner eigenen Mutter gelehrt. Susanna Wesley war eine gottesfürchtige Frau mit strengen christlichen Prinzipien, und säte fleissig die Samen des Wortes Gottes in die Herzen ihrer Kinder. Gleichzeitig lehrte sie sie Disziplin, Ordnung und Respekt. Jede Tätigkeit der Familie – Familienandachten, Mahlzeiten, Unterricht – fand zur dafür festgesetzten Zeit statt. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Familienumgebung für ein Kind ist, und verteidigte immer die christliche Familie. Andererseits beobachtete er den schädlichen Einfluss der Schulen auf den Glauben der Kinder:

„Am Nachmittag war ich zum Tee bei A.O. Aber wie schockiert war ich! Die Kinder, die mir früher zu folgen pflegten und aufmerksam auf jedes meiner Worte hörten, waren zu einer der besten Schulen gegangen. Dort hatten sie jede Frömmigkeit und jede Ernsthaftigkeit verlernt, und hatten den Stolz, die Eitelkeit und die Heuchelei gelernt, und alles, was sie von der Erkenntnis und der Liebe Gottes abbringt. Methodistische Eltern, wenn ihr eure Kinder direkt zur Hölle schicken wollt, dann schickt sie an eine dieser eleganten Schulen!“

In einer Predigt über „Die Religion in der Familie“ sagt Wesley:

„Insbesondere sollst du dich bemühen, deine Kinder von frühem Alter an deutlich, oft und geduldig zu lehren. Lehre sie von der ersten Stunde an, wo du ihren Verstand erwachen siehst. Die Wahrheit kann ihren Sinn viel früher erleuchten, als wir annehmen. Wer die ersten Öffnungen des Sinnes des Kindes beobachtet, wird allmählich für den Stoff sorgen, womit er arbeiten kann, und wird die Augen seines Kindes zum Guten hinlenken. Wenn ein Kind zu sprechen beginnt, kannst du sicher sein, dass sein Verstand am Arbeiten ist. In diesem selben Moment müssen die Eltern beginnen, zu ihm über die besten Dinge zu sprechen – Gottes Dinge. Und von da an sollte keine Gelegenheit versäumt werden, ihnen alle Wahrheiten einzuflössen, die sie aufzunehmen imstande sind.
„(…) Ich frage euch also: Wozu schickst du deine Kinder zur Schule? – ‚Natürlich, damit sie auf das Leben in der Welt vorbereitet werden.‘ – Von was für einer Welt sprichst du denn, von dieser oder von der zukünftigen? Vielleicht denkst du nur an diese Welt, und vergisst, dass es eine zukünftige Welt gibt, und eine, die ewig dauern wird! Bitte denke ernsthaft daran, und schicke deine Kinder zu solchen Lehrern, die diese zukünftige Welt immer vor ihren Augen haben. Sonst – erlaubt mir, es klar zu sagen – ist es kaum besser, sie zur Schule zu schicken, als sie zum Teufel zu schicken. Und auf jeden Fall, wenn dir die Seele deiner Kinder irgendetwas bedeutet, schicke sie nicht an eine dieser grossen öffentlichen Schulen (denn diese sind Brutstätten von aller Art Bosheit), sondern an eine private Schule, wo ein frommer Mann unterrichtet, der sich bemüht, eine kleine Anzahl Kinder sowohl in der Lehre wie auch in der Religion zu unterrichten.“

Als die Erweckung schon ziemlich fortgeschritten war, konnte Wesley die Frucht seiner Bemühungen um die Kinder sehen. Bei einer Gelegenheit gab er das folgende bewegende Zeugnis:

„Um drei Uhr traf ich mich mit gegen tausend Kindern unserer Sonntagschulen. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Alle waren vollkommen sauber, und sehr einfach gekleidet. Alle waren ernsthaft und von gutem Betragen. Viele, sowohl Jungen wie Mädchen, hatten die schönsten Gesichter, die es in England oder Europa gibt. Wenn alle zusammen sangen, und keiner den Ton verfehlte, klang es besser als jedes Theater. Und das Beste davon: viele von ihnen sind wirklich gottesfürchtig, und einige erfreuen sich ihrer Erlösung. Diese sind der ganzen Stadt ein Beispiel. Gewöhnlich verbringen sie ihre Zeit damit, die armen Kranken zu besuchen (manchmal gehen sechs, acht oder zehn Kinder zusammen), um sie zu ermahnen, zu trösten, und mit ihnen zu beten. Oft tun sich zehn oder mehr von ihnen zusammen, um zu singen und zu beten, manchmal bis zu dreissig oder vierzig zusammen, und sie sind so ernsthaft damit beschäftigt, abwechselnd zu singen, zu beten und zu weinen, dass sie gar nicht aufhören können. Ihr Kinder, die ihr dies hört, warum geht ihr nicht hin und tut dasselbe? Ist Gott nicht hier derselbe wie in Bolton? Möge Gott aufstehen und für seine eigene Sache kämpfen, auch ‚aus dem Munde der Kinder und Säuglinge‘!“

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 7: Verfolgung und Leiden

1. September 2013

Wie alle grossen Männer Gottes musste auch Wesley durch Verfolgungen und Leiden gehen; besonders während der Anfangszeit der Erweckung. Manchmal predigte er unter unvorstellbaren Umständen:

„In Chelsea erklärte ich den Glauben, der durch Liebe tätig ist. Ich war sehr schwach, als ich in den Saal trat; aber je mehr die ‚Bestien von Menschen‘ tobten und rasten, desto mehr wurde ich gestärkt an Körper und Seele; sodass ich glaube, dass niemand in dem überfüllten Haus auch nur einen Satz von meiner Rede verlor. Tatsächlich konnten sie mich nicht einmal sehen, noch einander auf ein paar Meter Abstand, wegen des dichten Rauches von dem Brand, den sie (die Störefriede) verursacht hatten, und anderer Dinge, die sie ständig hereinwarfen. Aber jene, die Gott loben konnten inmitten von Feuern, hatten keine Angst vor einem bisschen Rauch.“

(Während einer Versammlung im Freien trieben einige Männer einen Stier mitten unter die Zuhörer.) „Nachdem sie sich Bahn geschafft hatten bis zu dem Tisch, auf dem ich stand, versuchten sie ihn mehrmals umzuwerfen, indem sie den Stier gegen den Tisch stiessen, aber er stiess ihn nicht um. Ein- oder zweimal stiess ich seinen Kopf mit meiner Hand zurück, damit das Blut nicht über meine Kleider tropfte; und ich nahm mir vor, fortzufahren, sobald die Unterbrechung vorbei wäre. Aber der Tisch fiel um, und einige unserer Freunde fingen mich in ihren Armen auf, und trugen mich auf ihren Schultern. In der Zwischenzeit rächten sich die Eindringlinge an dem Tisch, indem sie ihn Stück für Stück auseinanderrissen. Wir entfernten uns ein wenig von dort, und ich beendete meine Rede ohne weiteren Lärm oder Unterbrechungen.“

Aber Wesley berichtet auch von Gelegenheiten, wo ihm Gott eine übernatürliche Gnade gab vor seinen Verfolgern:

„Als ich nach Hause kam, fand ich einen unzählbaren Haufen vor der Tür, und alle öffneten ihre Rachen, sobald sie mich sahen. Ich wollte, dass meine Freunde ins Haus gingen; und dann ging ich mitten unter den Leuten umher und proklamierte ‚den Namen des Herrn, gnädig und barmherzig, und der sich des Unheils gereut.‘ Sie sahen einander nur an. Ich sagte ihnen, dass sie vor dem Angesicht dieses grossen Gottes nicht fliehen konnten, und ermahnte sie deshalb, gemeinsam ihn um Erbarmen anzurufen. Damit waren sie schnell einverstanden. So empfahl ich sie seiner Gnade an und ging zu der kleinen Versammlung im Haus, ohne weiter belästigt zu werden.“

„Wir kamen etwa um fünf Uhr nachmittags nach Bolton. Kaum waren wir zur Hauptstrasse gelangt, als wir feststellten, dass die Löwen von Rochdale Lämmer waren im Vergleich mit denen von Bolton. Eine derartige Wut und Bitterkeit hatte ich kaum je zuvor in menschengestaltigen Kreaturen gesehen. Sie folgten uns laut schreiend zu dem Haus, zu dem wir gingen; und sobald wir eingetreten waren, besetzten sie alle Zugangswege und füllten die Strasse von einem Ende zum anderen.
Nach einiger Zeit brüllten die Wellen nicht mehr so laut. Da dachte Herr P, er könne sich nach draussen wagen. Sofort schlossen sie ihn ein, warfen ihn zu Boden und wälzten ihn im Dreck. Als er sich von ihnen befreien konnte und wieder ins Haus kam, konnte man kaum sagen, was oder wer er war. Als der erste Stein durch das Fenster in unsere Mitte flog, erwartete ich, dass ein ganzer Schauer folgen würde; dies umso mehr, als sie nun eine Glocke besorgt hatten, um alle ihre Kräfte zusammenzurufen. Aber sie hatten nicht vor, den Angriff auf Distanz weiterzuführen: sogleich rannte jemand auf uns zu und sagte uns, dass der Haufe ins Haus eingedrungen sei; und fügte hinzu, sie hätten J.B. in ihrer Gewalt. So war es; und er benützte die Gelegenheit, um ihnen von ‚den Schrecken des Herrn‘ zu erzählen. In der Zwischenzeit beschäftigte D.T. einen anderen Teil von ihnen mit sanfteren Worten.
Ich dachte, meine Zeit sei nun gekommen, und ging mitten in das dichteste Gedränge hinein. Sie füllten jetzt alle Räume des Erdgeschosses. Ich verlangte einen Stuhl. Der Wind legte sich, und alles war ruhig. Mein Herz war erfüllt mit Liebe, meine Augen mit Tränen, und mein Mund mit Argumenten. Sie waren erstaunt; sie waren beschämt; sie schmolzen dahin; sie verschlangen jedes Wort. Was für eine Wende war das! Oh, wie hat Gott den Rat des alten Ahitophel in Narrheit verkehrt und hat alle Trunkenbolde, Lästerer, Sabbatschänder und gewöhnlichen Sünder an diesen Ort gebracht, damit sie von seiner reichlichen Erlösung hören durften!“

Manchmal wurden die absurdesten Verleumdungen über Wesley verbreitet:

„Einer der Reiter sagte: ‚Mein Herr, ich werde Ihnen den Grund von all diesem erzählen. Alle Herren dieser Ortschaften sagen, dass Sie lange Zeit in Frankreich und Spanien verbracht haben, und dass Sie jetzt vom Thronanwärter hierher gesandt wurden; und dass diese Gesellschaften dazu dienen, sich ihm anzuschliessen. Bestimmt werden nicht alle Herren dieser Ortschaften gegen ihr eigenes Gewissen lügen!“

„(Die von Breage) waren vor zehn Jahren so wild, und das ist kein Wunder, hatte ihnen doch ihr unglücklicher Pfarrer von der Kanzel aus gesagt, dass ‚John Wesley wegen schlechten Betragens von der Schule ausgeschlossen wurde, und seither sehr verwirrt gewesen sei; und dass alle Methodisten in ihren privaten Gesellschaften das Licht zu löschen pflegten‘, usw.“

„Montag, 7.Dezember. Ich predigte über: ‚Vertraue auf den Herrn, denn im Herrn ist ewige Kraft‘ (Jes.26,4). Ich zeigte, wieviel Grund wir haben, auf den Anführer unserer Erlösung zu vertrauen, als jemand mitten im Saal ausrief: ‚Und wer war Ihr Anführer letzthin, als Sie sich erhängten? Ich kenne den Mann, der Sie sah, als das Seil durchgeschnitten wurde, um Sie herunterzuholen.‘ – Es scheint, dass diese schlaue Geschichte von vielen Leuten in Bristol fleissig verbreitet und von Herzen geglaubt worden war. Ich wünschte, dass sie dem Mann Platz machten, damit er sich mir nähern konnte. Aber in dem Moment, als er sah, dass der Weg frei war, rannte er mit höchster Geschwindigkeit nach draussen, ohne sich auch nur umzusehen.
– Samstag, 12.Dezember. Am Nachmittag wollte jemand mit mir sprechen. Ich sah ihn in äusserster Verwirrung, sodass er einige Zeit lang nicht sprechen konnte. Schliesslich sagte er: ‚Ich bin es, der am Montag Ihre Versammlung unterbrochen hat. Seither hatte ich Tag und Nacht keine Ruhe, bis ich mit Ihnen gesprochen hätte. Ich hoffe, dass Sie mir vergeben können, und es wird mir für den Rest meines Lebens eine Warnung sein.'“

Die Verfolgungen richteten sich nicht nur gegen Wesley selber, sondern auch gegen seine Prediger und Nachfolger. In einer gewissen Ortschaft war ein Erlass ergangen, alle, die als Methodisten bekannt waren, zwangsweise zur Armee einzuziehen:

„(Der Erlass) war vom Verwalter von Sir John St.Aubyn mit den Namen von sieben oder acht Personen bekräftigt worden. Von den meisten von ihnen war wohlbekannt, dass sie einer gesetzmässigen Arbeit nachgingen und davon ausreichende Einkünfte hatten. Aber das spielte keine Rolle: sie wurden ‚Methodisten‘ genannt, und deshalb mussten sie Soldaten werden. Darunter war hinzugefügt: ‚Eine Person unbekannten Namens, die den Frieden der Pfarrei stört.‘
Ein Wort an die Weisen: Die guten Leute verstanden mit Leichtigkeit, dass dies kein anderer als der methodistische Prediger sein konnte; denn wer ’stört den Frieden der Pfarrei‘, wenn nicht einer, der allen Trinkern, Hurern und Fluchern sagt, sie befänden sich auf dem direkten Weg zur Hölle?“

Dies sind einige weitere der vielen Vorfälle, die Wesley in seinem Tagebuch vermerkte:

„… Alle Bauern hier hatten vor gewisser Zeit vereinbart, alle ihre Knechte zu entlassen und keinem Arbeit zu geben, der einem Methodistenprediger zuhören würde. Aber kein Rat hat Bestand gegen den Herrn. Einer der wichtigsten unter ihnen, Herr G., wurde kurz darauf von der Wahrheit überzeugt, und wünschte, dass diese selben Männer in seinem Haus predigten. Viele der anderen Verschwörer kamen und hörten zu, und ihre Knechte und Arbeiter folgten ihnen fröhlich. So fiel der ganze Plan des Teufels dahin, und das Wort Gottes wuchs und blieb bestehen.“

„Am Nachmittag predigte ich auf einem Platz in Colne vor einer grossen Menge, alle voll Verlangen, das Wort zu hören. Selten sah ich eine Versammlung, wo Männer, Frauen und Kinder so aufmerksam zuhörten; und das ist die Stadt, wo vor dreissig Jahren kein Methodist wagen konnte, sein Gesicht zu zeigen! Der erste, der hier predigte, war John Jane. Er ritt unschuldig durch die Stadt, als der eifersüchtige Haufe ihn von seinem Pferd riss und sie ihn in den Block schlossen. Er ergriff die Gelegenheit und ermahnte sie inbrünstig, ‚dem kommenden Zorn zu entfliehen‘.“

„Ich ritt zu einer Nachbarstadt, um einen Friedensrichter zu besuchen, einen verständigen Mann. Ich war informiert worden, dass ihm einige verärgerte Nachbarn einen Wagen voll von diesen neuen Ketzern vorgeführt hatten. Aber als er fragte, was sie getan hätten, herrschte tiefes Schweigen; denn das war der Punkt, den ihre Ankläger vergessen hatten. Schliesslich sagte einer: ‚Sie sagen, sie seien besser als die anderen; und ausserdem beten sie von morgens bis abends.‘ – Der Richter fragte: ‚Aber sonst haben sie nichts getan?‘ – ‚Doch, mein Härr‘, sagte ein alter Mann, ‚mit Verlaub, euer Ähren, sie haben meine Frau bekährt. Bevor sie sich ihnen anschloss, hatte sie solch ein Maul! Und jetzt ist sie still wie ein Lamm.‘ – ‚Bringt sie zurück, bringt sie zurück‘, antwortete der Richter, ‚und lasst sie alle zänkischen Mäuler in der Stadt bekehren.'“

Wesley war sich derart gewöhnt an die Verfolgungen und die Feindschaft der Leute, dass er sich verwunderte, wenn sie ihn freundlich behandelten. Wenn eine längere Zeit ohne Verfolgung verging, begann er sich vor Gott zu prüfen, ob er sich vielleicht in etwas verfehlt hätte:

„Die Freundlichkeit der Leute, wo immer ich hinging, überraschte mich sehr. Niemand zeigte mit dem Finger auf mich, niemand beschimpfte mich wie früher; sie lachten nicht einmal über mich. Was bedeutet das? Bin ich der Menschen Knecht geworden? Oder ist das Kreuz kein Ärgernis mehr?“

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 6: Wesley und die offizielle Kirche

24. August 2013

Wir haben in der vorhergehenden Folge gesehen, wie Wesley grundlegende Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde wiederentdeckte und wiedereinführte. Es erhebt sich jetzt die Frage nach seiner Beziehung zur offiziellen Kirche. Wesley war in der anglikanischen Kirche geboren und aufgewachsen, und war zum Pfarrer dieser Kirche ordiniert worden. Zeit seines Lebens blieb er der anglikanischen Kirche treu. Wie konnte Wesley diese Treue zur offiziellen Kirche mit seinem Wunsch vereinbaren, zur Urgemeinde zurückzukehren?

Gewiss muss er selber diese Spannung in seinem eigenen Leben zutiefst verspürt haben, und noch mehr innerhalb der methodistischen Gesellschaften. Immer wieder brach in diesen Gesellschaften die Kontroverse darüber aus, ob sie sich von der Kirche trennen sollten oder nicht. In dieser Kontroverse vertrat Wesley immer kategorisch die Meinung, sie könnten sich nicht von der Kirche trennen, und die Methodisten müssten weiterhin die anglikanischen Gottesdienste besuchen. Anscheinend war er sich nicht darüber im Klaren, dass die Trennung von der Kirche eine logische Konsequenz des Weges war, den er selber eingeschlagen hatte. Und tatsächlich verliessen die Methodisten kurz nach Wesleys Tod die anglikanische Kirche und konstituierten sich als eigenständige Denomination.

Bei einer einzigen Gelegenheit, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Wesley zu, dass er nicht verhindern konnte, dass seine Nachfolger diesem Weg bis zu seiner letzten Konsequenz folgen würden. Er schrieb in seinem Tagebuch über seinen Geburtsort:

„Was kann dann getan werden? Ich würde gerne verhindern, dass die Mitglieder hier die Kirche verlassen; aber ich kann es nicht. Da Herr C. (der Pfarrer) kein gottesfürchtiger Mann ist, sondern im Gegenteil ein Feind der Gottesfurcht, und oft gegen die Wahrheit predigt und gegen jene, die sie festhalten und lieben, kann ich mit all meinem Einfluss sie nicht davon überzeugen, ihm zuzuhören oder an dem Sakrament teilzunehmen, das er verwaltet. Wenn ich nicht auf diesem Punkt bestehen kann, solange ich lebe, wer kann es dann tun, wenn ich tot bin? Und was in Epworth der Fall ist, das ist in jeder Kirche der Fall, wo der Pfarrer das Evangelium weder liebt noch predigt. Die Methodisten werden an ihren Gottesdiensten nicht teilnehmen. Was kann dann getan werden?“

Es ging hier nicht so sehr um eine lehrmässige Frage, als vielmehr um ein sehr praktisches Problem. Das wird durch den folgenden Tagebucheintrag illustriert, der etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurde und von einer landesweiten Konferenz der Methodisten handelt:

„Einer der wichtigsten Punkte, die an dieser Konferenz behandelt wurden, war die Frage des Verlassens der Kirche. Das Ergebnis einer langen Diskussion war:
1) Dass wir in unserem fünfzigjährigen Bestehen niemals auch nur von einem einzigen Artikel der Lehre oder der Disziplin der Kirche bewusst abgewichen waren.
2) Dass wir nichts davon wussten, in irgendeinem Lehrpunkt mit der Kirche uneins zu sein.
3) Dass wir im Lauf der Jahre, aus Notwendigkeit und nicht weil wir es gewollt hätten, in einigen Punkten allmählich von der Disziplin abgewichen waren, indem wir auf freiem Feld predigten, spontan beteten, Laienprediger aussandten, Gesellschaften bildeten und reglementierten, und jährliche Konferenzen durchführten. Aber wir taten nichts von all diesen Dingen, solange wir nicht davon überzeugt waren, dass wir sie nicht länger lassen konnten, ohne unsere eigenen Seelen in Gefahr zu bringen.“

Wesley bemühte sich immer, so weit es möglich war, gute Beziehungen zu den anglikanischen Pfarrern zu unterhalten. Und gegen das Ende seines Lebens scheint er damit tatsächlich Erfolg gehabt zu haben, denn bei einer Gelegenheit schrieb er: „Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt habe ich mehr Einladungen, in Kirchen zu predigen, als ich annehmen kann.“
Andererseits hatte Wesley bereits 1746 seine Überzeugungen über die richtige Art der Gemeindeleitung geändert, und war zu einer Position gelangt, die der Urgemeinde viel näher stand. Seine früheren Überzeugungen beschreibt er als ein „vehementes Vorurteil meiner Ausbildung“:

„Ich reiste ab nach Bristol. Auf dem Weg las ich die ‚Chronik der Urgemeinde‘ von Lord King. Trotz des vehementen Vorurteils meiner Ausbildung war ich bereit zu glauben, dass dies ein ausgeglichener und unparteiischer Bericht war. Aber wenn es so war, dann musste ich schliessen, dass Bischöfe und Älteste im wesentlichen von derselben Ordnung waren, und dass ursprünglich jede christliche Versammlung eine Kirche unabhängig von allen anderen war!“

Warum hielt dann Wesley derart an der anglikanischen Kirche fest? Unterhielt er vielleicht eine ähnliche Hoffnung wie Luther in seinen ersten Jahren, die Kirche von innen her reformieren zu können, ohne sich von ihr zu trennen? – Vielleicht dachte er, mehr Grund für eine solche Hoffnung zu haben, da es sich in seinem Fall ja nicht mehr um die römische Kirche handelte. Es handelte sich jetzt um eine Kirche, die sich zu den Prinzipien der Reformation bekannte. Aber das Rad von Erweckung und Abfall hatte inzwischen eine neue Umdrehung ausgeführt; und jetzt waren es die reformierten Kirchen, die sich weit vom Evangelium entfernt hatten. Wesleys Kommentar über die Pastoren, „die das Evangelium weder lieben noch predigen“, ist Beweis genug dafür.

Es ist schwierig, diesen Widerspruch im Handeln Wesleys zu erklären. Einerseits ermahnte er seine Nachfolger ständig, die Kirche nicht zu verlassen. (Möglicherweise dachte er, viele evangelistische Gelegenheiten zu verlieren, wenn sie sich von der Kirche trennten.) Aber andererseits tat er Schritte, die unweigerlich zu einer Trennung zwischen Methodisten und Anglikanern führen mussten. Er sandte nicht anerkannte Prediger aus, und ordinierte sogar Pastoren für die Arbeit in Amerika, ohne von der Kirche dazu autorisiert zu sein. Er gründete eine ganze von der Kirche unabhängige Organisationsstruktur.

Der Biograph John Telford gibt folgende Erklärung:

„Das Glaubensbekenntnis Wesleys, seine Ordinationen, und die Lizensierung seiner Kapellen und Prediger (…) beweisen, dass es ihm mehr am Fortbestand der Arbeit gelegen war, als an der formellen Verbindung mit der Kirche von England. (…) Wesley traf alle möglichen Vorkehrungen, damit der Methodismus nicht nach seinem Tod zugrunde ginge. Die Verbindung zur Kirche lockerte sich allmählich, und die Gesellschaften wurden allmählich zu einer eigenen vollständigen Organisation. Der Tod Wesleys beseitigte die letzte Schranke gegen die völlige Unabhängigkeit. Bestimmt war es besser, im Interesse der Religion, dass die Methodisten die Sakramente ordnungsgemäss von ihren eigenen Predigern erhielten, anstelle des unbefriedigenden Abkommens, das am Ende von Wesleys Leben bestand, nur um eine Trennung zu vermeiden.“

Wenn diese Beurteilung zutrifft, dann war in Wesley die Loyalität zur anglikanischen Kirche sehr stark; aber noch stärker sein Wunsch, dass die begonnene Arbeit fortdauern möge. Bis zu seinem Lebensende versuchte er, diese beiden widersprüchlichen Prinzipien zusammenzuhalten. Aber nach seinem Tod obsiegte die Fortdauer der Arbeit als das wichtigere Prinzip, womit die Trennung von der Kirche unvermeidlich wurde.

– Trotz seiner starken Bindung an die offizielle Kirche hatte Wesley keine Vorurteile gegen andere Konfessionen, wie die folgende Begegnung zeigt:

„Als ich zu einem Dorf namens Sticklepath ritt, hielt mich jemand auf der Strasse auf und fragte abrupt: ‚Ist dein Name nicht John Wesley?‘ Sofort erschienen zwei oder drei weitere und sagten mir, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich tat es, und bevor wir viele Worte gewechselt hatten, verbanden sich unsere Seelen freundschaftlich. Ich entdeckte, dass sie Quäker waren; aber das störte mich nicht, da ich sah, dass die Liebe Gottes in ihren Herzen war.“

(Fortsetzung folgt)