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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren? (2.Teil)

31. März 2016

Weil sie sich gar nie mit Entschiedenheit von der römisch-katholischen Denkweise losgesagt haben! – Einige Symptome davon habe ich in der vorherigen Folge erwähnt und fahre nun fort damit.

Denominationalismus

Dieser Punkt hängt eng mit den vorherigen zusammen. Wenn man glaubt, die Kirche sei ein Mittel zum Heil, dann setzt sich die Kirche selber an die Stelle Gottes. D.h. die Kirche wird zu einem Götzen.

In der römischen Kirche ist das offensichtlich. Wenn ein Christ die römische Kirche verlässt, wird er als abgefallen betrachtet, auch wenn sein Austritt aus christlichen und biblischen Gründen geschah. – Aber viele evangelikale Kirchen behandeln ein Mitglied, das zu einer anderen Denomination wechseln will, ganz ähnlich: „Aber du bist hier bei uns geistlich geboren, du gehörst zu uns, du musst deiner Gemeinde treu bleiben, du kannst uns doch nicht so verraten …“ Ich kannte sogar jemanden, der von seinen Gemeindeleitern mit bitteren Vorwürfen überhäuft und als Feind betrachtet wurde, weil er zu einer anderen örtlichen Gemeinde desselben Gemeindeverbandes übertreten wollte!

Evangelikale Leiter, die sich als Erben der Reformation betrachten, die sich einst von der römischen Kirche getrennt hatten, sagen jetzt also ihren Gemeindeglieder, Gott würde ihnen nie, nie erlauben, das zu tun, was die ersten Reformatoren taten: der Denomination zu widersprechen, in der sie „geboren“ wurden, oder gar aus ihr auszutreten. Sie lehren die „Treue zur Denomination“. Das ist genau die Denkweise, die sie auf direktem Weg dazu bringt, die Reformation zu verleugnen. Ich habe das schon vor manchen Jahren vorhergesagt, und jetzt geschieht es tatsächlich.

Sakramente und Rituale

Die Sakramente sind ein weiterer Grundpfeiler des Katholizismus. Von den sieben Sakramenten der römischen Kirche anerkannte Luther nur die Taufe, das Abendmahl und die Beichte; und später stellte er auch die Beichte in Frage. Viele Evangelikale verwerfen auch den Ausdruck „Sakrament“ und sprechen von „Verordnungen“ o.ä.

Aber der springende Punkt ist nicht, ob wir sieben Sakramente oder zwei haben, oder mit welchem Namen wir sie benennen. Viel wichtiger ist, was für eine Vorstellung wir von ihrem Wirken haben.

Nach dem katholischen Konzept wirken die Sakramente „aus sich selbst heraus“: Die Taufe bewirkt, dass jemand von neuem geboren wird; die Firmung bewirkt, dass jemand vom Heiligen Geist versiegelt wird; die Absolution bewirkt, dass Sünde vergeben wird, usw. D.h. nach dieser Vorstellung ist ein Sakrament eine äusserliche Handlung, die eine geistliche Realität bewirkt.

Um diese Idee zu widerlegen, wäre es ausreichend, auf die grosse Zahl von Getauften hinzuweisen, die täglich mit ihrem Leben zeigen, dass sie nicht wiedergeboren sind. Dennoch übertragen viele Evangelikale im Grunde dieselbe sakramentalistische Mentalität auf ihre eigenen Riten.

Z.B. haben sie das „Übergabegebet“. Wenn ich einen Evangelikalen bitte, mir zu erzählen, wie er von neuem geboren wurde, dann erzählen fast alle von dem Moment, als sie „das Gebet sprachen“. D.h. sie verrichteten einen äusserlichen Ritus und glauben, dieser Ritus hätte bewirkt, dass sie wiedergeboren wurden. Aber die Wiedergeburt ist ein innerlicher und geistlicher Vorgang. War diese geistliche Realität wirklich gegenwärtig in dem Übergabegebet, oder nicht?
– In einigen Fällen mag das „Übergabegebet“ tatsächlich eine geistliche Realität ausgedrückt haben: dass die Person vom Heiligen Geist von ihrer Sünde überführt wurde; dass sie ihr Verlorensein erkannte; dass sie sich von der Sünde abwandte; dass sie begann, auf Jesus zu vertrauen und für ihn und durch ihn zu leben. Aber in vielen anderen Fällen ist dieses Gebet ein ebenso leeres Ritual wie so und so viele katholische Säuglingstaufen.

Wir müssen verstehen, dass die geistliche Realität vorrangig ist. Ein äusserliches Ritual hat nur dann irgendeinen Wert, wenn es eine geistliche Realität ausdrückt, die tatsächlich existiert. Wenn jemand wirklich durch den Heiligen Geist von neuem geboren wird, dann wird das legitimerweise durch die Taufe ausgedrückt. Aber wo diese geistliche Realität nicht vorhanden ist, da hat alles Wasser der Welt keine Macht, diese Person von neuem geboren werden zu lassen.

Ähnliches müssen wir zu dem Ritual von „Lobpreis und Anbetung“ sagen. Viele glauben, der Herr freue sich mehr, oder seine Gegenwart werde stärker, umso mehr sie singen und musizieren und ihm mit ihren Worten schmeicheln. Das mag dann zutreffen, wenn der Lobpreis ein echter Ausdruck eines wirklich dankbaren Herzens ist, und eines Gott wohlgefälligen Lebens. Aber wo das nicht der Fall ist, da sagt der Herr:
„Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag eure Feiern nicht riechen. … Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören! Aber es ströme wie Wasser das Recht, und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!“ (Amos 5,21-24)

Wir könnten weiterfahren mit dem Ritual der „Kollekte“ (in manchen Kirchen gar „Opfer“ genannt), das nichts gemeinsam hat mit der freiwilligen Grosszügigkeit der ersten Christen; dem Ritual der „Versöhnung“ (das oft nur äusserliche Show ist, ohne dass echte Umkehr oder Wiedergutmachung geschieht); dem Ritual des gemeinsamen Gebets (wo viele der äusseren Haltung oder den „richtigen Worten“ mehr Gewicht geben als dem Suchen des Herrn und der richtigen Herzenshaltung); usw. Ja, es gibt einen evangelikalen Sakramentalismus, der sie dafür anfällig macht, mit der Zeit auch die katholischen Sakramente zu suchen.

Konstantinismus

Mit dem römischen Kaiser Konstantin begann die Vermischung von Kirche und Staat, die so charakteristisch ist für die ganze Geschichte der römischen Kirche bis heute. Konstantin zeigte sich als grosser Beschützer und Wohltäter der Kirche, und die Kirche nahm das bereitwillig an, ohne ihr Unterscheidungsvermögen auszuüben. Im Gegenzug masste sich Konstantin das Recht an, in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen. Z.B. berief er das Konzil von Nicäa (325) und führte dort auch den Vorsitz, obwohl er keinerlei Leiterschaftsstellung in der Kirche innehatte; er war noch nicht einmal getauft.
Fünfzig Jahre später erklärte Kaiser Theodosius das (römische) Christentum zur einzig erlaubten Staatsreligion. Und bereits begannen die ersten Verfolgungen gegen jene, die mit den Lehren Roms nicht einverstanden waren. So schnell wurden die Verfolgten zu Verfolgern!

Diese konstantinische Einstellung lässt sich bis heute beobachten:

– Von seiten der Staatsregierung, Einmischung in die Kirche, indem Kirchen staatliche Bevorzugung erhalten, Regierungsstellen über kirchliche Angelegenheiten entscheiden, und sogar Verurteilungen in Glaubensfragen aussprechen.
– Von seiten der kirchlichen Leiter, ein Suchen nach solchen staatlichen Einmischungen und Hilfeleistungen; Gebrauch der Regierung als Machtinstrument, um kirchliche Entscheidungen mit Gewalt durchzusetzen (so z.B. bei der Aburteilung von „Ketzern“); und ein Streben nach politischer Macht für die Kirchenführer selber.

Die Reformatoren legten dieselbe Haltung an den Tag, was bis heute in fast allen reformierten Ländern nachwirkt. Zur Reformationszeit waren die Täufer die einzige Ausnahme: Sie verzichteten auf jeden staatlichen Schutz, um ihre Unabhängigkeit und geistliche Reinheit zu bewahren.

Auch die heutigen evangelikalen Freikirchen sind eifrig darum bemüht, vom Staat „anerkannt“ zu werden, staatliche Subventionen und „religiöse Gleichberechtigung“ zu erhalten. Sie nehmen in Kauf, dass dafür ihr Glaube kompromittiert wird. Hier in Perú z.B. kann sich eine Freikirche der „religiösen Gleichberechtigung“ nur dann erfreuen, wenn sie dem ökumenischen Nationalen Kirchenrat angeschlossen ist (der hierzulande anstelle der Evangelischen Allianz steht).

Auch viele heutige evangelikale Leiter streben nach politischer Macht. Das ist eine Katastrophe für das Evangelium, weil sich herausstellte, dass viele evangelikale Politiker ebenso korrupt waren wie die weltlichen.

Nur wenige Evangelikale haben gelernt zu unterscheiden, was des Kaisers ist und was Gottes. Auch in dieser Hinsicht haben allzuviele von ihnen eine katholische Mentalität.

Schluss

Die evangelikalen Leiter sind anfällig dafür, zum Katholizismus zurückzukehren, weil sie ihn nie ganz verlassen haben. Statt die Reformation nach biblischen Prinzipien weiterzuführen, blieben sie grösstenteils dort stehen, wo Luther aufgehört hatte, und gingen in einigen Punkten sogar hinter ihn zurück. Deshalb haben auch heute die meisten Evangelikalen eine Mentalität, die dem Katholizismus näher steht als dem neutestamentlichen Christentum. Das ist der tiefere Grund dafür, warum sie sich nun so leicht nach Rom zurückführen lassen.

In früheren Zeiten herrschte immerhin noch eine weitverbreitete Gottesfurcht, und sogar das öffentliche Leben in den reformierten Ländern war stark auf die Bibel abgestützt. So konnte Gott damals als Werkzeuge für Erweckungen auch Menschen gebrauchen, die stark mit diesem „evangelikatholischen“ System verbunden waren, wie z.B. den Lutheraner Zinzendorf, oder den anglikanischen Pfarrer Wesley. Aber heute sind die evangelikalen Kirchen geistlich schwach, moralisch verdorben, und mehr um den äusseren Anschein bemüht als um ihren Herzenszustand. So ist es nur natürlich, wenn sie jetzt allmählich überwunden werden durch die Rückstände des Katholizismus, die sich immer noch in ihrer Mitte befinden. Wenn sie jetzt eine „vollständige und sichtbare Einheit“ mit der römischen Kirche anstreben (so Geoff Tunnicliffe, Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz, und andere weltbekannte evangelikale Leiter), so ist das nur die letzte Konsequenz davon, dass sie sich nie mit der nötigen Entschiedenheit auf das Fundament der Heiligen Schrift gestellt haben.

„… weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden; deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“
(2.Thessalonicher 2,10-12)

Ich hoffe, dass wenigstens einige wenige die Zeichen der Zeit verstehen, die Liebe zur Wahrheit aufnehmen, und sich auf die Seite Gottes stellen.

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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)

Grosse Überraschung: Der Papst ist katholisch!

23. April 2015

Warum soll das eine Überraschung sein, fragen Sie sicherlich. Aber lesen Sie weiter.

Da hegen z.B.gewisse Leiter der deutschen Landeskirchen die Hoffnung, der Papst könnte inzwischen reformiert geworden sein. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet zum Reformationsjubiläum 2017 einzuladen. Man lese und staune:

„EKD-Ratschef Nikolaus Schneider (…) hat Papst Franziskus zur Teilnahme am Reformationsjubiläum 2017 eingeladen. (…) Der Ratschef und Franziskus beteten gemeinsam ein Vaterunser und sprachen einander mit „Bruder“ an. (…) Es war die erste Audienz des neuen Papstes für einen Deutschen. Wie Franziskus indes auf die Einladung zum Reformationsjubiläum reagierte, wurde zunächst nicht bekannt.“
(Aus dem „Newsletter der Lutherdekade“ auf luther2017.de)

Schon seit längerem laufen Vorbereitungen, die lutherischen und katholischen Kirchen wiederzuvereinigen. Bereits 1999 veröffentlichten der Lutherische Weltbund (LWB) und der Vatikan zusammen eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Kurz gesagt wird darin erklärt, Lutheraner und Katholiken stimmten jetzt in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein, und die noch verbleibenden Differenzen seien unwesentlich.
Nun folgt der nächste Schritt:

Lutheraner und Katholiken „gemeinsam unterwegs“
(…) „Auch im Internet kann man ernsthaft über Theologie und Glauben diskutieren!“ Dies konstatierten der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Bückeburg), und der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des ökumenischen Internetprojekts „2017 gemeinsam unterwegs“.
(…) Auslöser für das Projekt war die Bitte von LWB und Päpstlichem Einheitsrat, das 2013 gemeinschaftlich publizierte Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ in ökumenischer Verbundenheit zu rezipieren. Im Verlauf der Veranstaltung unterstrichen Manzke und Feige, dass der Weg zum Reformationsjahr 2017 ökumenisch begangen werden müsse. (…)
(Aus den offiziellen Nachrichten der EKD auf ekd.de, 18.Dezember 2014)

Dieses neue Dialogdokument (dessen Genehmigung durch den Vatikan jedoch noch aussteht) nimmt in seinem Artikel 25 ausdrücklich auf die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 Bezug.

Aber nicht nur Lutheraner sind versessen darauf, nach Rom zu pilgern. Die evangelikalen Freikirchen sitzen im selben Boot. Ein entscheidender Mittelsmann in dieser Hinsicht war anscheinend der letztes Jahr verstorbene anglikanische Bischof Tony Palmer. Einzelheiten über ihn können u.a. in dieser längeren Reportage aus der Zeitung „Boston Globe“ nachgelesen werden (auf Englisch). Hier kurz zusammengefasst:

Palmer schloss schon 2006 in Buenos Aires eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Bergoglio. Er wollte sogar zum Katholizismus konvertieren, aber Bergoglio riet ihm, stattdessen seinen Einfluss unter evangelikalen Leitern geltend zu machen: „Wir brauchen Brückenbauer“. Palmer hatte nämlich zugleich einen guten Draht zu wichtigen evangelikalen und pfingstlichen Leitern. (Wir müssen ihn also als einen richtiggehenden Geheimagenten des Vatikans in den evangelikalen Reihen ansehen.)

Im Januar 2014 lud der neugewählte Papst Palmer in den Vatikan ein und übergab ihm u.a. eine (auf Video aufgezeichnete) Grussbotschaft an eine evangelikale Leiterkonferenz, wo Palmer in der folgenden Woche sprechen würde. An dieser Konferenz, organisiert von Kenneth Copeland, nahmen dreitausend evangelikale Leiter teil. Palmer liess sie die Botschaft des Papstes sehen und sagte dazu: „Wir protestieren nicht mehr gegen die Heilslehre der katholischen Kirche. Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium. Luthers Protest ist vorbei. Deiner auch?“ – Damit erntete er stürmischen Applaus, und in den darauffolgenden Tagen wurde er (so „Boston Globe“) „überschwemmt von Anfragen evangelikaler Leiter, die selber ein Teil dieser Geschehnisse werden wollten“.

So organisierte Palmer im Juni 2014 einen Besuch im Vatikan, an welchem mehrere wichtige evangelikale Leiter teilnahmen, die zusammen „über 700 Millionen Evangelikale weltweit vertreten“. Wenn Sie einer anerkannten evangelikalen Denomination angehören oder sonstwie mit der Evangelischen Allianz o.ä. verbunden sind, dann sind Sie in diesen 700 Millionen inbegriffen. Diese Leiter sagten dem Papst, sie „nähmen seine Einladung an, die sichtbare Einheit mit dem Bischof von Rom zu suchen“.
Bei diesem Treffen übergab Palmer dem Papst einen Entwurf für ein gemeinsames „Glaubensbekenntnis in Einheit für die Mission“, das am Tag des 500-jährigen „Reformationsgedenkens“ in Rom vom Papst und von den Leitern der wichtigsten protestantischen Kirchen gemeinsam unterzeichnet werden soll. Der genaue Inhalt dieses Bekenntnisses ist noch nicht veröffentlicht worden, aber es ist bereits bekannt, dass darin vorkommen:

  • das Nicänische Glaubensbekenntnis (das ausdrücklich den Glauben an „die eine katholische Kirche“ bezeugt),
  • die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999,
  • sowie eine gemeinsame Erlärung in dem Sinne, dass Katholiken und Evangelikale nun in der Mission vereint seien, weil sie dasselbe Evangelium verkündeten.

Wer war damals alles beim Papst?

  • Geoff Tunnicliffe, der Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Die WEA ist der Zusammenschluss aller Evangelischen Allianzen weltweit, und repräsentiert damit (fast) alle Evangelikalen.
  • Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA. Schirrmacher profilierte sich früher als bibeltreuer, konservativer Theologe, der Artikel schrieb für Organisationen bzw. Internetportale der calvinistisch-rekonstruktionistischen Richtung wie „Chalcedon“ und „Contra Mundum“. Er lehrt u.a. an einer bibeltreuen (?) evangelikalen Hochschule (FTA Giessen). Das alles hinderte ihn aber nicht, gleichzeitig als Mitinitiant und Mitautor des ersten „Joint Venture“ zwischen der WEA, dem Weltkirchenrat und dem Vatikan zu fungieren. Folgerichtig schreibt er neuerdings auch für „Current Dialogue“, die offizielle Zeitschrift des ökumenischen Weltkirchenrats.
  • Brian Stiller war Präsident der Kanadischen Evangelischen Allianz, von „Youth for Christ“, und des „Tyndale Seminary“ (das grösste theologische Seminar Kanadas); und reist seit 2011 als „Globaler Botschafter“ der WEA um die Welt.
  • James und Betty Robison. James Robison ist ein bekannter „Televangelist“, der mit seinen Programmen Millionen von Zuschauern erreicht und schon mit Billy Graham verglichen wurde.
  • Der bereits erwähnte Kenneth Copeland ist Leiter von „Wort des Glaubens“, einer Bewegung, die das sogenannte Wohlstandsevangelium verkündet.
  • Zu guter Letzt: John und Carol Arnott, Gründer und Leiter der umstrittenen „Toronto Airport Church“.

Es scheint also, dass jetzt plötzlich alle in der evangelikalen Welt vertretenen Strömungen nach Rom wollen: von konservativen Calvinisten über Mainstream-Evangelikale und -Pfingstler bis hin zu den Extremcharismatikern.

Die in diesen Kreisen nun oft gehörte Aussage „Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium“ wird offenbar von vielen Evangelikalen dahingehend verstanden, als ob Rom nun auf ihren Kurs eingeschwenkt sei. Auch manche Katholiken fassen das anscheinend so auf, wie ich aus besorgten Kommentaren auf katholischen Internetseiten schliesse.

Wer so urteilt, hat das Wesen des Katholizismus nicht ganz verstanden. Dieser fusst nämlich entscheidend auf der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche. Aufgrund dieser Lehre gelten päpstliche und Konzilsdekrete als unfehlbar, gleichrangig mit der Bibel oder sogar dieser übergeordnet – also als von Gott selbst inspirierte bzw. autorisierte Wahrheiten. Dazu gehören u.a. die Verurteilungen der reformatorischen Lehren, und die Dekrete zur Ausrottung der Häretiker. Selbst wenn die obersten Kirchenführer eine dieser Lehren als falsch erkannt hätten, so könnten sie sie dennoch nicht zurücknehmen, aus dem eben erwähnten Grund.
(Es ist also immer noch offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass sogenannte „Häretiker“ getötet werden sollen. Wenn diese Lehre gegenwärtig nicht praktiziert wird, so liegt das nicht an einem grundsätzlichen Gesinnungswandel der Kirche, sondern lediglich daran, dass sie nicht mehr die nötige politische Macht hat dazu.)
Genau an diesem Punkt entzündete sich auch der Streit zwischen Luther und dem Papst. Das Problem war nicht Luthers Polemik gegen den Ablasshandel; das wurde in Rom als „harmloses Mönchsgezänk“ abgetan. Auslöser des Konflikts war vielmehr Luthers Aussage: „Auch Konzilien können irren.“ (Konkret ging es dabei um die Verurteilung und anschliessende Verbrennung von Jan Hus.) Damit stellte er die Grundlage der römischen Kirche in Frage. Würde diese Kirche auch nur ein einziges Dekret eines Konzils oder Papstes widerrufen, so würde sie damit ihre ureigenste Identität preisgeben und Luther recht geben. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass das demnächst geschehen sollte.

Sollte es also wahr sein, dass Katholiken und Evangelikale jetzt „dasselbe Evangelium verkünden“, dann können es nur die Evangelikalen gewesen sein, die ihr Evangelium abänderten, aber nicht die Katholiken.

Dennoch – für diese evangelischen Leiter, die den Papst schon beinahe einen der ihren wähnen, dürfte es eine grosse Überraschung sein, dass er auch ganz anders sprechen kann. Paolo Ricca hat letztes Jahr in einem Artikel auf riforma.it bekanntgemacht, was der Papst wirklich von der Reformation hält. Leider war der Originalartikel schon nicht mehr abrufbar, als ich davon erfuhr; aber auf einem spanischsprachigen Blog wurde der Inhalt wie folgt zusammengefasst:

„Herzlich und voller Lob. Immer bemüht, das Gemeinsame zu unterstreichen und die Unterschiede beiseite zu lassen. Das war bis jetzt das populäre Bild des Papstes Franziskus in seinen Beziehungen zu den Nichtkatholiken.

Viele sind beeindruckt von seinem gefälligen Stil, mit dem er oft andere zu beeinflussen versucht. Das mag bisher die Norm gewesen sein, aber nun gibt es eine sehr bedeutsame Ausnahme. Die kürzliche Neuherausgabe (in Buchform) einer Konferenz über die Geschichte der Jesuiten, die der (damalige) Erzbischof Bergoglio 1985 in Argentinien hielt, bezeugt die harte Kritik, die er an der protestantischen Reformation übt, und insbesondere an Johannes Calvin. Diese Konferenz wurde 2013 in Spanien von neuem veröffentlicht, und wurde dann auch auf Italienisch übersetzt (Chi sono i gesuiti [Wer sind die Jesuiten?], Bologna: EMI, 2014). Da nichts darauf hinweist, dass er seine Gesinnung geändert hätte, müssen wir den Inhalt dieses Buches als eine exakte Wiedergabe dessen ansehen, was Franziskus noch heute über die protestantische Reformation denkt.

Der Protestantismus als die Wurzel allen Übels

(…) Wie er sagt, bestehen die unausweichlichen Folgen der Reformation entweder in der Vernichtung des Menschen in seiner Bedrängnis (was zum existenziellen Atheismus führt), oder in einem Sprung ins Dunkel als eine Art „Übermensch“ (wie es Nietzsche voraussah). Beide Ergebnisse führen zum „Tod Gottes“ und zu einer Art „Heidentum“, das sich u.a. im Nationalsozialismus und im Marxismus äussert. All das soll aus dem „Standpunkt Luthers“ hervorgegangen sein! Bergoglio argumentiert, die Reformation sei die Wurzel aller Tragödien des modernen Abendlandes, von der Säkularisierung bis zum Tod Gottes, von den totalitären Regimes bis zu den ideologischen Selbstmorden.

(…) Bergoglio hat diese Ansicht nicht erfunden. Aber er bestärkt sie neu, als ob es seit dem Konzil von Trient nie eine gründlichere historische Forschung oder kulturelle und theologische Analysen gegeben hätte. Was sollen wir dann mit seinen freundlichen Tönen den Protestanten gegenüber anfangen, wenn er in Wirklichkeit glaubt, der „lutherische Standpunkt“ sei schuld an allen Übeln der westlichen Zivilisation?

Johannes Calvin, der geistliche Scharfrichter

(…) Calvin sei noch schlimmer, weil er den Menschen, die Gesellschaft und die Kirche zerrissen hätte: Inbezug auf den Menschen trennte Bergoglios Calvin die Vernunft vom Herzen und brachte so das „calvinistische Elend“ hervor. Inbezug auf die Gesellschaft hetzte er das Bürgertum gegen die anderen arbeitenden Klassen und wurde so zum „Vater des Liberalismus“. Aber die schlimmste Spaltung geschah in der Kirche. Dort „enthauptete Calvin das Volk Gottes von seiner Einheit mit dem Vater“. Er liess das Volk Gottes ohne seine Heiligen zurück. Und er enthauptete die Messe, d.h. die Vermittlung des „realpräsenten“ Christus. Kurz, Calvin war ein Scharfrichter, der den Menschen zerstörte, die Gesellschaft vergiftete, und die Kirche ruinierte!

Zu sagen, dass Bergoglio Calvin nicht mag, wäre eine Untertreibung. Er empfindet heftigste Gefühle gegen ihn. Aber versteht er Calvin wirklich, über die antiquierten und völlig einseitigen Klischees hinaus? Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Jubiläum der protestantischen Reformation sein, und da hätte Franziskus eine Gelegenheit, über die neusten Geschichtsbücher zu gehen und ein gerechteres und genaueres Bild darüber zu gewinnen, was seit dem 16.Jahrhundert geschah. Solange er seine Bewertung der Reformation nicht revidiert, bleiben seine ganzen „ökumenischen“ Reden eine oberflächliche Maske, die einen wahren Hass auf Luther und (insbesondere) auf Calvin verbirgt.“

Im deutschsprachigen Raum scheint kaum jemand diesen Artikel zur Kenntnis genommen zu haben. Ich fand lediglich einen Kommentar auf einem katholischen Blog, dessen Verfasser u.a. sagt: „Dass so klare Aussagen den Calvinisten der heutigen Zeit nicht gefallen, kann man nachvollziehen, die sich im Rahmen der 500-Jahrfeier der Reformation schon auf von katholischen Standpunkten ungestörte Feierlichkeiten  freuten und für die Protagonisten der Kirchenspaltung vom Hl. Stuhl irgendwelche Ehrentitel einforderten, wenn schon nicht Kirchenlehrer so doch etwas Ähnliches…“

Ich muss ihm recht geben. Zu erwarten, dass der Papst Luther und Calvin offizielle kirchliche Anerkennung verleihen würde, ist ein leerer Wahn. Eine „vollständige und sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche“, wie sie jetzt von den Lutheranern angestrebt wird (und, wie wir sahen, auch von manchen Evangelikalen), kann von katholischer Seite aus nicht stattfinden ohne eine ebenso „vollständige und sichtbare“ Unterwerfung der Evangelischen unter Rom. Das hat der Papst bei den jüngsten Gesprächen zwar nicht offen gesagt; es ist aber katholischerseits schon mehrmals klargestellt worden.

Dem Papst kann in dieser Hinsicht von seiner eigenen Warte aus kein Vorwurf gemacht werden. Er handelt konsequent und in Übereinstimmung mit seiner eigenen Lehre; nur heuchlerisch, aber Heuchelei ist meines Wissens in der katholischen Theologie nicht verboten. Wenn er evangelikale Leiter mit offenen Armen im Vatikan empfängt, beruht das offenbar auf der alten Weisheit, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Im übrigen hat er meines Wissens sowohl zur Einladung der EKD als auch zum Entwurf Palmers für ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch gar nicht Stellung genommen.

Wer jedoch inkonsequent und verräterisch handelt, sind die Leiter der Lutheraner und Evangelikalen. Entweder haben sie ihre Wallfahrt nach Rom angetreten, ohne sich je mit den Grundlagen katholischer Kirchenlehre zu befassen – was ich mir aber z.B. bei einem Theologen vom Kaliber Schirrmachers kaum vorstellen kann. Oder aber sie führen die Weltöffentlichkeit bewusst in die Irre.

Nehmen wir es also zur Kenntnis: Der Papst ist – oh Wunder – immer noch katholisch.

Die Täufer – Teil 4 (Menno Simons)

4. April 2013

Menno war ein niederländischer katholischer Priester. Er trat sein Priesteramt an, ohne je die Bibel selber gelesen zu haben. Aber während zwei Jahren hatte er starke Zweifel an der Transsubstantiationslehre (d.h. dass im Messopfer die Hostie und der Wein sich physisch in den Leib und das Blut Jesu verwandeln). Da diese Zweifel weder durch Gebet noch durch Beichten und Bussübungen verschwanden, beschloss Menno schliesslich, die Sache in der Bibel zu untersuchen. Da fand er zu seiner grossen Überraschung, dass diese katholische Lehre keine biblische Grundlage hat.
Nach dieser Entdeckung begann sich Menno reformierten Lehren zuzuneigen. Er begann die Autorität der Bibel anzuerkennen, über den kirchlichen Leitern. Er begann auch einige Werke der Reformatoren zu lesen, und nahm Kontakt zu Täufern auf. (Einige von diesen waren Anhänger Müntzers.) In der Tauffrage fand er, dass die Reformatoren „jeder seinem eigenen Sinn folgte“ und sie sich gegenseitig widersprachen. Er kam zum Schluss, dass die täuferische Auffassung die biblische war.
Andererseits sah er auch, dass die Anhänger Müntzers irrten in ihrem Unterfangen, ein „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu gründen. Er ermahnte sie ab und zu, sich von ihrem Irrtum abzuwenden, und hatte bei einigen von ihnen Erfolg. Aber er lebte weiterhin das bequeme und luxuriöse Leben eines Priesters.

Sein Leben änderte sich dramatisch nach der Schlacht von Münster (und einem ähnlichen Vorfall in den Niederlanden). Menno war entsetzt über die Nachricht und zutiefst verstört. Er fühlte sich an dem Blutvergiessen mitschuldig, weil er – wie er später sagte – die Möglichkeit gehabt hätte, viele Anhänger Müntzers zu konfrontieren und von ihrem Irrtum abzubringen, aber er hatte nur einige wenige gewarnt. Seine eigene Bequemlichkeit war ihm wichtiger gewesen als das geistliche Leben seiner Brüder.
So demütigte sich Menno zutiefst vor Gott und beschloss sich definitiv den Täufern anzuschliessen. Er gab sein Pfarramt auf und begann ein Leben im Untergrund: Da er verfolgt werden würde, konnte er keinen festen Wohnsitz mehr haben. Während vielen Jahren seines Lebens konnte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen.
Schon als Priester hatte Menno die biblische Wahrheit verkündigt, sobald er sie verstanden hatte. Aber sein Leben entsprach nicht der Wahrheit, die er predigte. Deshalb wurden seine Predigten zwar gut aufgenommen, brachten aber kaum geistliche Frucht. Seine Entscheidung, das Pfarramt aufzugeben und die katholische Kirche zu verlassen, um „das Kreuz Christi zu tragen“, war seine eigentliche Bekehrung. Er selber schreibt über diesen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben:

„… Nachdem das geschehen war, fiel das Blut der Opfer, obgleich sie verführt waren, so heiss auf mein Herz, dass ich es nicht ertragen, noch Ruhe in meiner Seele erlangen konnte. Ich überdachte mein unreines, fleischliches Leben, dazu meine heuchlerische Lehre und Abgötterei, die ich täglich im Schein der Gottseligkeit gegen meine Seele verübte (gemeint ist das Zelebrieren der Messe); sah mit Augen, dass diese eifrigen Kinder (die Anhänger Müntzers) Leib und Gut, wiewohl nicht in heilsamer Lehre, für ihre Lehre und ihren Glauben freiwillig hingaben. Und ich war einer derer, die einige von ihren Greueln zum Teil auch entdeckt hatte, und blieb doch noch bei meinem losen Leben und bekannten Greueln; allein darum, dass ich das Gemach meines Fleisches pflegen und ausserhalb des Herrn Kreuz bleiben konnte.
Bei dieser Betrachtung hat mich meine Seele also genagt, dass ich es nicht länger aushalten konnte. Ich dachte bei mir selbst: Ich elendiger Mensch, was soll ich machen? So ich bei diesem Wesen bleibe, und meines Herrn Wort in meiner empfangenen Erkenntnis nicht belebe; der Gelehrten Heuchelei, und das unbussfertige, fleischliche Leben, und ihre verkehrte Taufe, Nachtmahl und falschen Gottesdienst nicht nach miner geringen Gabe mit des Herrn Wort bestrafe; den rechten Grund der Wahrheit um der Furcht meines Fleisches nicht entdecke; die unschuldigen, irrenden Schafe, die so gern recht tun möchten, wenn sie es nur recht wüssten, nicht nach besten Kräften zu der rechten Weide Christi weise; – ach, wie wird das vergossene Blut, wiewohl es im Missbegriffe floss, in dem Gerichte des allmächtigen und grossen Gottes gegen dich auftreten und über deine arme, elendige Seele vor deinem Gott das Recht aussprechen.
Das Herz erbebte in meinem Leibe; ich bat meinen Gott mit Seufzen und Tränen, er wolle mir betrübten Sünder die Gabe seiner Gnade geben; mir ein reines Herz verleihen; meinen unreinen Wandel und eitles Leben, durch die Verdienste des roten Blutes Christi, gnädiglich vergeben; mich mit Weisheit, Geist, Freimütigkeit und einem männlichen Mut beschenken, damit ich seinen anbetungswürdigen, hohen Namen und sein heiliges Wort unverfälscht predigen, und seine Wahrheit zu seinem Preise an den Tag bringen möchte.“

Danach sagt er:

„Ich fing an im Namen des Herrn das Wort einer wahren Busse von der Kanzel öffentlich zu lehren; das Volk auf den schmalen Weg zu weisen; alle Sünden und Gottlosigkeit, dazu alle Abgötterei und falschen Gottesdienst, mit Kraft der Schrift zu bestrafen; den rechten Gottesdienst, auch Taufe und Nachtmahl, nach dem Sinn und der Lehre Christi, öffentlich zu bezeugen, nach dem Grade meiner zu jener Zeit von Gott empfangenen Gnade.
Auch habe ich einen jeglichen gegen die Münsterschen Greuel, als gegen König, Vielweiberei, Reich, Schwert, etc. getreulich gewarnt, bis mir der gnädige, grosse Herr, nach einer Zeit von etwa neun Monaten, seinen väterlichen Geist, seine Hilfe, Kraft und Hand reichte, dass ich meinen guten Ruf, Ehre und Namen, welche ich bei den Menschen hatte, und alle meine antichristlichen Greuel, Messen, Kindertaufe, eitles Leben, und zwar alles auf einmal, freiwillig verliess, mich in alles Elend und Armut unter das drückende Kreuz meines Herrn Christi williglich begab; in meiner Schwachheit meinen Gott fürchtete; nach gottesfürchtigen Menschen suchte, und auch etliche, wiewohl wenige, in gutem Eifer und Lehre fand; zu den Verkehrten redete; einige, durch Gottes Hilfe und Kraft, aus den Banden ihrer Verdammnis mit Gottes Wort erlöste und Christo gewann, und die Halsstarrigen und Verstockten dem Herrn befahl.“
(In: „Die Bekehrung Menno Simons und sein Ausgang aus der römischen Kirche“.)

Da erfuhr Menno, was jeder Erweckungspionier erlebt: Solange man mit der institutionellen Kirche Kompromisse schliesst und ihren Leitern zu gefallen sucht, kann man die Wahrheit verkünden, so viel man will, ohne in grössere Schwierigkeiten zu kommen – aber man wird auch keine echte Umkehr bewirken unter den Zuhörern. Sobald man jedoch konsequent den Weg des Herrn geht und die institutionelle Kirche direkt zurechtweist, verliert man jeglichen guten Ruf und muss alle Arten von Verleumdungen und Verfolgungen erleiden, wie der Herr sagt:
„Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen schmähen und verleumden, und lügnerisch alles Böse gegen euch reden. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist gross in den Himmeln; denn so verfolgten sie die Propheten vor euch.“ (Matthäus 5,11-12)

In Mennos eigenen Worten:

„Ich bin gottlos gewesen, und habe das Panier der Ungerechtigkeit getragen manches Jahr; der erste war ich in aller Torheit; unnütze Worte, Eitelkeit, Spielen, Saufen, Fressen, waren mein Zeitvertreib alle Tage, Gottesfurcht war nicht vor meinen Augen, dazu war ich auch ein Herr und Fürst in Babel geworden, ein jeglicher suchte und begehrte mein, die Welt liebte mich und ich die Welt, der erste Platz war mein bei den Gastmahlen und in Synagogen (…) Sobald ich aber das alles mit Salomon für Eitelkeit, und mit Paulo für Schaden achtete, das hoffärtige, gottlose Leben dieser Welt verliess, dich und dein Reich suchte, das ewig bleiben wird, habe ich allenthalben das Gegenteil gefunden: zuvor war ich geehrt, nun bin ich entehrt, zuvor lieb, nun verhasst, zuvor ein Freund, nun ein Feind, zuvor weise, nun ein Tor, zuvor fromm, nun böse, zuvor ein Christ, nun ein Ketzer, ja ein Greuel und Missetäter bin ich einem jeglichen geworden.“
(In: „Der fünfundzwanzigste Psalm, gebetsweise ausgelegt“.)

Man sollte verstehen, dass „die Welt“ sich hier nicht nur auf die ungläubige Welt bezieht. Menno meint damit auch jene Glieder seiner Pfarrei, die zuvor schon die Wahrheiten angenommen hatten, die er predigte. Schon vor seiner Bekehrung war Menno Simons als „evangelischer Prediger“ bekannt gewesen, weil er reformierte Lehren predigte. Die niederländische Kirche war ziemlich tolerant inbezug auf die Predigten der Priester: sie waren frei, reformierte Lehren zu predigen – solange sie nicht versuchten, direkt die Praxis der Kirche zu ändern. Deshalb war Menno „von allen geliebt“, solange er lediglich predigte; aber diese Liebe verwandelte sich in Hass, sobald er anfing, seine Predigt in die Praxis umzusetzen.

Etwa ein Jahr später kam eine Gruppe von sieben oder acht Täufern zu Menno, „welche mit mir ein Herz und eine Seele waren, und deren Glauben und Leben, soweit menschliche Beurteilung reicht, unsträflich waren; sie waren in Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Schrift von der Welt abgeschieden, dem Kreuze unterworfen; hatten nicht allein gegen die münstersche, sondern auch wider die Verfluchungen und Greuel aller Welt Sekten einen herzlichen Abscheu“, wie Menno sagt. Sie baten ihn inständig, das Talent zu gebrauchen, das Gott ihm gegeben hatte, indem er ihr Leiter und Prediger würde.
Menno wurde angesichts dieser Bitte von Furcht übermannt. Er fühlte sich ungenügend und zu schwach für diese Aufgabe; aber andererseits sah er auch die grosse Not: Die niederländischen Täufer waren in jener Zeit tatsächlich „wie Schafe ohne Hirten“. Er versprach, über der Sache zu beten, und bat die Brüder, dasselbe zu tun. So wurde er schliesslich davon überzeugt, dass es Gottes Wille für ihn war, die Leiterschaft der niederländischen Täufer zu übernehmen.
Damit begann ein ruheloses Leben: ständig war Menno unterwegs, lehrte die Brüder, evangelisierte die Ungläubigen, und taufte die Bekehrten. Die Regierung erfuhr bald von seiner Tätigkeit. Überall wurde er gesucht, weshalb er ständig von einem Ort zum nächsten flüchten musste. Um 1540 schrieb er, dass es ihm nicht möglich war, eine kleine Hütte oder auch nur einen Schweinestall zu finden, wo seine Frau und seine kleinen Kinder ein Jahr lang oder auch nur ein halbes Jahr hätten ungestört leben können. Mehrere Brüder wurden zum Tod verurteilt, nur weil bekannt wurde, dass sie Menno bei sich untergebracht hatten. Aber Gott gebrauchte ihn mächtig, um die niederländischen Täufer auf den Grund der Schrift zurückzubringen (denn viele waren durch die Lehren der Extremisten verwirrt worden), sie zu einigen, aufzubauen, und in ihrem Glauben zu stärken. Da er ihr anerkannter Leiter war, wurden sie bald „Mennoniten“ genannt. (Die Denomination dieses Namens existiert noch heute.)
Seine Reisen führten ihn durch die ganzen Niederlande und auch in das benachbarte Deutschland. Er hatte mehrere Dispute mit reformierten Leitern, sowohl schriftlich wie auch persönlich; aber auch mit den Anhängern von Thomas Müntzer und von David Joris.
Öfters wurde Menno auf übernatürliche Weise vor der Verfolgung bewahrt. Einmal hatte ein Mann, der die Versammlungen der Brüder besuchte, der Regierung versprochen, gegen eine bestimmte Geldsumme Menno in ihre Hände zu überliefern. Er versprach sogar, mit seinem Leben zu bezahlen, falls er sein Versprechen nicht einhielte. Aber jedesmal konnte Menno entrinnen. Einmal war der Verräter zusammen mit einem Offizier auf der Suche nach ihm, als unerwartet Menno in einem Boot auf dem Kanal an ihnen vorüberfuhr. Aber der Verräter sagte nichts, bis Menno in einiger Entfernung ans andere Ufer sprang. Da sagte der Verräter: „Siehe, der Vogel ist entflohen.“ Der Offizier stellte ihn wütend zur Rede, warum er nicht rechtzeitig etwas gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: „Ich konnte nicht sprechen, denn meine Zunge war gebunden.“
Im Jahre 1554 fand Menno schliesslich eine Zuflucht in Oldesloe, wo ein wohlgesinnter Adliger auf seinen Besitztümern verfolgte Täufer aufnahm. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre mit dem Schreiben und Drucken von Büchern, bis er 1561 starb.

Einige Autoren bezeichnen Menno Simons als den eigentlichen Reformator der Niederlande. Im Unterschied zu den übrigen reformierten Ländern begann die niederländische Reformation in ihrer radikalen oder täuferischen Form. Erst nach Menno gewannen auch die anderen reformierten Strömungen (insbesondere die calvinistische) an Einfluss. Wie der Biograph John Horsch sagt, liegt das daran, dass die reformierten Prediger das Land verliessen, sobald die Verfolgung zu stark wurde. Die Täufer waren die einzigen, die bereit waren, die Verfolgung und selbst den Tod zu erdulden. Später, als die Calvinisten stärker wurden und Macht erlangten, waren sie sich bewusst, dass sie in der Schuld der Täufer standen. Deshalb war ihr Regent Wilhelm von Oranien der einzige europäische Machthaber seiner Zeit, der die Täufer in Ruhe liess. Während vielen Jahren waren die Niederlande das einzige Land Europas, wo die Täufer in relativer Sicherheit leben konnten; und das erste Land, das offiziell die Religions- und Gewissensfreiheit erklärte. Das ist in grossem Mass dem täuferischen Erbe zu verdanken.

(Fortsetzung folgt)

Die Täufer – Teil 3

27. März 2013

Die Extremisten

Wie die Lutheraner, so hatten auch die Täufer ihre Extremisten. Einer von ihnen, der Niederländer David Joris, wurde ein extremer Mystiker und sagte, die Bibel könne unmöglich richtig verstanden werden, es sei denn, man erhalte besondere Offenbarungen Gottes (und er sagte, er selber erhielte solche spezielle Offenbarungen). Aber Menno Simons, der Leiter der niederländischen Täufer, wies ihn zurecht und warnte vor ihm als einem falschen Propheten. Wenig später floh Joris in die Schweiz und wohnte dort unter einem falschen Namen, indem er sich als Reformierter ausgab. Erst nach seinem Tod wurde der Betrug aufgedeckt.

Besonders traurig war der Fall von Thomas Müntzer. Er und seine Anhänger lehrten, das Tausendjährige Reich sei im Anbruch, und sie seien dazu bestimmt, jetzt mit Christus zusammen zu regieren. Tatsächlich gelangten sie 1534 in Münster an die Macht. Einige unter ihnen liessen sich von ungeprüften persönlichen Eingebungen leiten, indem sie z.B. sagten, die Polygamie sei erlaubt, da sie im Alten Testament existierte. Einer von ihnen sagte sogar, er sei der neue König David, und liess sich als solcher krönen.
In dieser Situation schlossen sich Katholiken und Reformierte zusammen und vereinigten ihre Truppen, um die Stadt zu erobern. Daraufhin griffen die Anhänger Müntzers ebenfalls zu den Waffen. In einem schrecklichen Gemetzel wurden sie besiegt.
Durch diese Vorkommnisse verlor die Täuferbewegung ihr Ansehen in den Augen grosser Teile der Bevölkerung. Aber in Wirklichkeit waren die Anhänger Müntzers keine typischen Täufer. J.H.Yoder und Alan Kreider machen die folgenden Beobachtungen:

„Jahrhundertelang nahmen Kirchen und Regierungen die Ausschreitungen dieser Wochen vor dem Fall der Stadt (Juni 1535) zum Anlass, das Täufertum insgesamt mit Fanatismus und Anarchie gleichzusetzen. Es ist aber auffallend, dass viele Merkmale dieses Täuferreichs (etwa die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit, die Gültigkeit alttestamentlicher Sozialordnungen oder die Anwendung von Gewalt durch Christen) eher typisch sind für die offiziellen Kirchen als für die übrigen Täufer.“
(John H.Yoder und Alan Kreider, „Die Täufer“, in Tim Dowley, „Handbuch Die Geschichte des Christentums“.)

Tatsächlich missachteten die Anhänger Müntzers die Prinzipien der Trennung von Kirche und Staat, und des Nicht-Widerstehens; beides wesentliche Prinzipien der Täuferbewegung. Sie waren somit keineswegs typische Vertreter dieser Bewegung. Es trifft hier dasselbe zu wie auf die lutherische Reformation: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er einige ihrer Anhänger zu Extremen und Exzessen verleitet.“

Luther und die Täufer

Martin Luther war es, der die Bezeichnung „Wiedertäufer“ populär machte. Aber er verstand diese Bewegung nicht wirklich, noch hatte er nähere Kontakte mit ihnen. Anfänglich ging er gegen sie auf dieselbe Weise vor wie gegen andere „Ketzer“ (d.h. die von ihm als solche wahrgenommen wurden):

„Die Ketzer müssen mit der Schrift überwunden werden, nicht mit dem Feuer. Wenn es eine Kunst wäre, die Ketzer mit Feuer zu besiegen, dann wären die Henker die gelehrtesten Doktoren der Welt.“
(in: „Sendschreiben an den christlichen Adel der deutschen Nation“, 1520)

Noch 1524 schrieb er:
„Lasst sie nur predigen, soviel sie wollen und mit aller Zuversicht; denn wie ich sagte, ist es nötig, dass Sekten auftreten, und das Wort Gottes muss auf das Schlachtfeld gehen und streiten.“
(In: „Sendschreiben an die sächsischen Fürsten über den aufrührerischen Geist“)

(Anm: Beide Zitate sind aus dem Englischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem deutschen Original überein.)

Deshalb schrieb Luther mehrere Artikel gegen die „Wiedertäufer“ und predigte mehrmals gegen sie. Er hoffte, sie so zu überzeugen. Aber seine Enttäuschung war gross, als sie umso mehr an ihren Überzeugungen festhielten und seine Argumente widerlegten. (Es kam ihm nie in den Sinn, dass in dieser Sache er selber derjenige sein könnte, der sich der Schrift widersetzte. Seine biblischen Argumente zugunsten der Säuglingstaufe waren recht schwach, und widersprachen zudem den Argumenten Zwinglis und Calvins.) Deshalb begann sich seine Haltung den Täufern gegenüber zu verhärten.

Ausserdem begann Luther die Auseinandersetzung als eine mehr politische als geistliche Angelegenheit zu sehen. Nach der Schlacht von Münster war er davon überzeugt, alle Täufer seien Rebellen und Aufrührer. (Mangels richtiger Information unterschied er nicht zwischen den Anhängern Müntzers und den pazifistischen Täufern.) Deshalb ordnete er an – wie schon Zwingli vor ihm -, die „Wiedertäufer“ seien politisch zu verfolgen und zu töten.

Wenn wir den Weg Luthers betrachten, dann scheint es unglaublich, dass er zu einem Christenverfolger werden könnte. Er selber war während vielen Jahren seines Lebens um seines Glaubens willen verfolgt worden. Nachdem er selber so viel gelitten hatte, konnte er nicht mit den Täufern mitfühlen? Sie gingen denselben Weg wie er. Nur wagten sie, einige Schritte weiter zu gehen; Schritte, die Luther selber nicht zu tun wagte.

Tatsächlich ist diese Geschichte schwer zu verstehen; aber sie ist nicht die einzige ihrer Art. Im Gegenteil, es handelt sich um ein Muster, das in der Kirchengeschichte mehrmals wiederkehrt. Bei Calvin und Zwingli beobachten wir dasselbe: Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit gibt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die Strömung, für die er steht, beginnt „angesehen“ und „offiziell“ zu werden. Aus dem verfolgten Pionier wird ein einflussreicher und mächtiger Leiter. In diesem Moment scheint er zu vergessen, was er in der Vergangenheit leiden musste, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die noch weiter gehen als er selber.

So geschieht es auch in der Gegenwart. Ich weiss von mehreren evangelikalen Leitern, die einen recht radikalen Glauben vertraten und deshalb von den Gemeinden abgelehnt wurden. Wegen ihres Bestrebens, dem Herrn nachzufolgen, auch entgegen allen Strömungen der Zeit, wurden sie „Rebellen“, „Kirchenspalter“, „konfliktiv“ und „lieblos“ genannt, und weitere Schimpfnamen, die die evangelikale Welt für solche Fälle auf Lager hat. Aber sie gingen vorwärts in den Überzeugungen, die Gott in ihr Herz gelegt hatte, trotz allen Angriffen. Mit der Zeit begann um sie herum eine kleine Erweckung, der Herr veränderte Leben, und sie wurden zu Leitern eines eigenen „Werkes“, von Gott gesegnet, von den einen bewundert und von den anderen beneidet. Aber gleichzeitig wurden ihre Besonderheiten, die einmal Ausdruck einer echten Erweckung gewesen waren, zu einer neuen Tradition. Einer Tradition, die nicht hinterfragt werden durfte, da sie doch in ihren Anfängen so von Gott gesegnet gewesen war. Einige Gottesmänner in diesen Bewegungen begannen das zu sehen, suchten authentischere Wege und begannen zu protestieren. Aber dann griff der Pionier-Leiter sie an und schloss sie aus, genau so, wie er selber in seinen Anfängen angegriffen worden war. Jetzt war er es, der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ forderte, selbst wenn die Leiterschaft im Irrtum war. Er wollte den anderen nicht das Recht zugestehen, dasselbe zu tun wie er selber einige Jahrzehnte früher. (Tatsächlich sind die meisten gegenwärtig existierenden evangelikalen Denominationen unter so ähnlichen Umständen entstanden.)

Tatsächlich ist diese traurige Erscheinung so häufig, dass jemand sagte: „Die Erweckung von gestern verfolgt immer die Erweckung von morgen.“ Wie nötig ist es da, ständig Gott zu erlauben, uns zu prüfen und zurechtzuweisen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir einmal in diese Situation kommen!

– Es gibt hier noch einen weiteren beachtenswerten Punkt. Wir finden in dieser Geschichte auch die Wurzeln des gegenwärtigen Konfliktes zwischen der ökumenischen Bewegung und dem echten Christentum. Nicht zufällig begann die moderne ökumenische Bewegung gerade mit den reformierten Staatskirchen. Für die Reformatoren waren Kirche und Staat eins. Sie wollten, dass die Kirche alle einschlösse – deshalb zwang Zwingli alle Bürger, ihre Kleinkinder taufen zu lassen. Damit wurde angenommen, jedermann sei Christ, ob bekehrt oder nicht. Das war der grösste Skandal, den die Täufer verursachten: Sie wagten es, den getauften Kirchenmitgliedern zu sagen, sie seien noch gar keine Christen, und sie müssten sich erst bekehren. Wir werden sehen, dass John Wesley zweihundert Jahre später in der anglikanischen Kirche denselben Skandal verursachte – obwohl Wesley sich nicht gegen die Säuglingstaufe aussprach. Im Kern ging es nämlich nicht um die Säuglingstaufe, sondern um den Ruf zur Umkehr.
Die ökumenische Bewegung hat im Grunde dasselbe Kirchenverständnis wie Luther: Alle Getauften sind Christen, bekehrt oder nicht; und niemand hat das Recht, ihnen zu sagen, sie müssten sich bekehren. Daher die Politik des „Neins zum Proselytismus“ des Weltkirchenrates. Diese Politik verbietet jede Evangelisation unter Namenschristen. Inzwischen hat sich auch die grosse Mehrheit der Evangelikalen dieser ökumenischen Politik der Nicht-Evangelisation angeschlossen. (Siehe „Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan“.) Heute ist der Zankapfel nicht mehr die Säuglingstaufe. Tausende und Millionen Erwachsener erhalten heutzutage ihre „Glaubenstaufe“ in evangelikalen Kirchen, ohne sich wirklich zu Christus bekehrt zu haben. Aber die heutigen evangelischen Kirchen, im Zuge der weltkirchenrätlichen Politik, reagieren sehr aggressiv, wenn jemand ihnen sagt, sie müssten zuerst von neuem geboren werden, oder eine „Bekehrung“ ohne Lebensumkehr sei keine Bekehrung. Das ist im Kern dieselbe Kontroverse wie zwischen den Reformatoren und den Täufern. Nur dass sich heute auch die „täuferischen“ Kirchen in dieser Sache mehrheitlich mit dem Standpunkt der Reformatoren identifizieren (welcher in diesem Punkt nicht wesentlich vom katholischen abweicht).

Die katholische Kirche und die Täufer

Die katholische Kirche unterschied nicht gross zwischen Reformierten und Täufern. Vom katholischen Standpunkt aus gesehen waren beide gleichermassen Ketzer und wurden gleichermassen verfolgt.
Doch selbst die erbittertsten Gegner der Täufer konnten nicht umhin, deren tugendhaftes Leben anzuerkennen. Nur argwöhnten die Katholiken dahinter ein teuflisches Täuschungsmanöver. Der katholische Priester von Feldsberg (Österreich) schrieb 1603:

„Von all den Ketzern und Sekten …, welche hatte je eine schönere Erscheinung und grössere äussere Heiligkeit als die Wiedertäufer? Andere Sekten, wie zum Beispiel die Calvinisten, Lutheraner und Zwinglianer, sind zum grössten Teil aufrührerisch, grausam, und fleischlichen Genüssen ergeben. Nicht so die Wiedertäufer. Sie nennen einander Brüder und Schwestern, sie gebrauchen keine profanen oder Schimpfworte, sie schwören nicht, sie gebrauchen keine Waffen, und anfänglich trugen sie nicht einmal Messer. Sie sind nicht unmässig im Essen und Trinken; sie tragen keine Gewänder zur weltlichen Zurschaustellung. Sie gehen nicht vor Gericht; sie ertragen alles mit Geduld und im Heiligen Geist, wie sie vorgeben. Wer würde glauben, dass sich unter diesen Schafskleidern lauter reissende Wölfe verbergen!“
(Christoph Andreas Fischer, „Von der Wiedertäufer verfluchten Ursprungs“)

Auch die reformierten Feinde der Täufer bezeugten, dass sie ein tugendhaftes Leben führten, doch machten sie ihnen gerade dieses zum Vorwurf: sie übten Werkgerechtigkeit und verleugneten die Rechtfertigung aus Glauben. (Wie wir oben schon sahen, beruht dieser Vorwurf auf dem Unverständnis der täuferischen Lehre, und auf einem grundlegenden Fehler in der reformierten Gnadenlehre.)

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 10 – Die weltanschauliche Umwälzung Europas

19. Dezember 2012

Man muss wahrscheinlich einige Jahre in einem katholischen Land gelebt haben, um die Reformation wirklich wertschätzen zu können. Im gegenwärtigen ökumenischen Klima sind ja die Unterschiede zwischen „katholisch“ und „reformiert“ so verwischt, dass der Durchschnittsbürger gar nicht mehr weiss, worin die Unterschiede bestehen. In Perú ist das ganz anders: da wird z.B. in den Kirchen und Schulen gelehrt, es sei eine Todsünde, eine evangelische Kirche zu betreten; evangelische Schüler an staatlichen(!) Schulen werden gezwungen oder überredet, sich katholisch taufen zu lassen und an Erstkommunion und Firmung teilzunehmen, usw. Es macht offensichtlich einen grossen Unterschied, ob die katholische Kirche in einem säkularisierten Land in der Minderheit ist, oder ob sie an den Schalthebeln der Macht sitzt (wie in Perú). Dieser Kontrast bewegt einen zum Nachdenken darüber, was die Reformation in Europa ausgelöst hat.

Wir sprechen jetzt nicht mehr spezifisch von Luther, sondern von der Reformation im allgemeinen. D.h. von den weltanschaulichen und gesellschaftlichen Folgen, die sich aus der reformatorischen Grundlage ergaben, Gottes Wort als oberste Autorität für das Leben, den Glauben, die Kirche und die Gesellschaft anzusehen.

Am Beispiel der Arbeitsethik (in der vorherigen Folge) haben wir bereits gesehen, dass die Reformation nicht nur die Kirchen veränderte, sondern die ganze Gesellschaft. Diese Veränderung beruhte auf einer neuen Grundlage für die europäische Weltanschauung. Ganz kurz und vereinfacht zusammengefasst:

Vor der Reformation hatte die weltanschauliche Grundlage Europas gelautet:
„Nur mittels der (katholischen) Kirche kann der Mensch Zugang zu Gott haben, und man muss der Kirche (d.h. ihren Leitern) in allem untertan sein.“

Nach der Reformation lautete die Grundlage:
„Jeder Mensch hat durch Jesus Christus freien, direkten Zugang zu Gott. Gottes Wort in der Heiligen Schrift ist die absolute Wahrheit und die oberste Autorität über die Kirche, über den Glauben und über das Leben.“

Wenn sich die Grundlagen bzw. Denkvoraussetzungen ändern, dann ändern sich auch alle Schlussfolgerungen, die darauf aufgebaut sind. Damit bewirkte die Reformation indirekt u.a. folgende Errungenschaften der Neuzeit:

– die Gewissensfreiheit,
– den modernen Rechtsstaat,
– die Grundlage der modernen Wissenschaft,
– materiellen Fortschritt.

In der weltlichen Geschichtsschreibung werden diese Errungenschaften teilweise oder ganz dem säkularen Humanismus und der Aufklärung zugeschrieben. Tatsächlich sind sie etwa zeitgleich mit der Aufklärung in grossem Massstab verwirklicht worden. Aber die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse beweist noch nicht, dass das eine das andere verursacht hätte. Vielmehr müssen wir in Betracht ziehen, dass neue Ideen (und erst recht eine grundsätzlich neue Weltanschauung) sich nicht von einem Tag auf den andern durchsetzen. Bis ein solcher Umdenkprozess breitere Volksmassen „durchsetzt“, kann es ein Jahrhundert dauern – und dann nochmals ein Jahrhundert, bis das veränderte Denken ein allgemein verändertes Handeln bewirkt und dadurch die ganze Gesellschaft sichtbar geprägt wird. Deshalb sehen wir erst etwa im 18.Jahrhundert gesellschaftsweite sichtbare Auswirkungen einer auf die Bibel gegründeten Denkweise, deren Grundlagen im 16.Jahrhundert gelegt worden waren.
Die wahren Früchte der Aufklärung des 18.Jahrhunderts müssen wir ihrerseits im 20.Jahrhundert suchen: Die verschiedenen Ausprägungen von Materialismus und Atheismus, die Feindseligkeit dem biblischen Christentum gegenüber, und der daraus folgende Wertezerfall, der inzwischen die ganze westliche Gesellschaft auch mit dem materiellen Zerfall bedroht – das sind die wahren Auswirkungen des rationalistischen aufklärerischen Denkens, das erst etwa ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wirklich gesellschaftsprägend wurde.

Die Gewissensfreiheit

Gewissensfreiheit hat unmittelbar mit dem direkten Zugang zu Gott zu tun. Wer unter einem priesterlichen System steht, ist mit seinem Gewissen an dieses System gebunden. Er kann sich nicht erlauben, anders zu denken als die Priester, da er sonst mit der Strafe Gottes rechnen muss (gemäss der Lehre der Priester).
Wenn der Gläubige direkten Zugang zu Gott hat, dann bedeutet das sofort, dass er auch mit seinem Gewissen niemandem verpflichtet ist ausser Gott selbst. Gewissensfreiheit, im reformatorischen Sinn, bedeutet also nicht, dass jeder sich seine eigenen Normen setzt; aber dass jeder seine eigene Verantwortung vor Gott hat, ohne Einmischung Dritter.
Die Reformatoren selber haben leider den Menschen in ihrem Einflussbereich eine solche Gewissensfreiheit noch nicht zugestanden. Aber in dem auf die Reformation folgenden Jahrhundert kam man in den Reformationsländern allmählich zur Einsicht, dass dies tatsächlich die logische Folge der reformatorischen Prinzipien war. Die Denker der Aufklärung haben in dieser Hinsicht lediglich auf das bereits vorhandene reformatorische Erbe zurückgegriffen, wie wir weiter unten am Beispiel Voltaires sehen werden.

Ein anderer Aspekt ist die Verbindung von religiöser und politischer Macht im Katholizismus. Da die katholische Kirche damals auch politische Machthaberin war, sah sie sich dazu berechtigt (und sogar verpflichtet), Andersdenkende mit sehr weltlichen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Auch diese Verbindung zwischen religiöser und politischer Macht wurde durch die reformatorische Weltanschauung grundsätzlich in Frage gestellt. (Obwohl sich die Reformatoren selber dessen anscheinend nicht bewusst waren; es brauchte da noch eine längere Zeit, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte.) Siehe dazu weiter unten bei „Die Autorität über die verschiedenen Gesellschaftsbereiche“.

Der moderne Rechtsstaat

1644 veröffentlichte der schottische Presbyterianer Samuel Rutherford ein Buch mit dem Titel: „Lex Rex“ („Das Gesetz ist König“). Es geht darin um die Frage: Darf ein König Gesetze erlassen wie er will und willkürlich regieren, oder muss er sich dem Gesetz unterstellen? Rutherford vertritt Letzteres: Der König ist dem Gesetz untertan – und das Gesetz basiert auf der Grundlage von Gottes Gesetz in der Bibel.
Dies ist eine direkte Anwendung des reformatorischen Prinzips auf die Politik: So wie in der Kirche nicht der Papst bzw. eine menschliche Leiterschaft die endgültige Autorität ist, sondern Gottes Wort, so ist auch im Staat nicht die Regierung die letzte Autorität, sondern Gottes Gesetz. Daraus folgt direkt die konstitutionelle Regierungsform (die dann auch in Grossbritannien zuerst eingeführt wurde): Der Staat hat ein Grundgesetz, eine Verfassung, die über der Regierung steht.

Dieses Prinzip ist übrigens gar nicht so modern; es galt schon im alten Israel:

„Und wenn er (der König) dann auf seinem Königsthron sitzt, soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben lassen nach dem, das sich bei den levitischen Priestern befindet. Und er soll es bei sich haben und soll darin lesen sein Leben lang, damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lerne und alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen getreulich halte, dass sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe und dass er nicht abweiche von dem Gesetze…“
(5.Mose 17,18-20)

In lateinamerikanischen Ländern findet man oft das Phänomen, dass eine diktatorische Regierung sich äusserlich eine verfassungsmässige Gestalt gibt. Der argentinische Evangelist Alberto Mottesi kommentiert dazu:

„Der lateinamerikanische Staatsmann unterstellt sich im allgemeinen dem Gesetz nicht; besonders wenn es ein selbstgemachtes Gesetz ist. Unsere Regierungsphilosophie ist machiavellisch: der König macht das Gesetz. … Obwohl unsere Länder die nordamerikanische konstitutionelle Form anwenden, haben sie den Geist nicht verstanden, der dahintersteht. Deshalb haben unsere Imitationen nicht funktioniert. … Sowohl die Regierenden wie die Regierten brechen das Gesetz gewohnheitsmässig, wenn es keine Überwachung gibt und keine Strafe droht. Wir glauben, das Gesetz sei ein menschliches Machwerk, und eine Regierungsposition gebe uns Vorrechte. So erstaunt es nicht, dass wir den Regierenden als einen Potentaten ansehen, der nach allen Kräften die Gelegenheit ausnützen muss, solange er sie hat.“
(Alberto Mottesi, „Amerika 500 Jahre danach“, 1992)

Dieser Kommentar beleuchtet deutlich den Kontrast zwischen den Ländern, die vom reformatorischen Gedankengut geprägt wurden, und den Ländern, die von der Reformation (noch) nicht erreicht wurden.

Die Autorität in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen

Sowohl im Katholizismus wie in der Reformation wird gelehrt, dass Gott der Herr der ganzen Welt ist. Aber die Art und Weise, wie wir Menschen an der Ausübung dieser Herrschaft beteiligt sind, wird ganz verschieden aufgefasst.
Im Katholizismus ist einzig die Kirche (als Institution verstanden) Gottes „Interessenvertreterin“ in dieser Welt. Somit versuchte der Katholizismus, alle Gesellschaftsbereiche unter die Kontrolle der Kirche zu bringen. Damit begann die Kirche, in viele Bereiche einzugreifen, in welchen sie vom Wort Gottes her gar keinen Auftrag hatte, und es kam zu allen möglichen Arten von Machtmissbrauch. In Perú ist dies noch heute sichtbar, wo die katholische Kirche z.B. in der Regierung, in den staatlichen Schulen, u.a, grossen Einfluss ausübt.
Luther versuchte dies zu ändern, indem er die Kirche der Staatsregierung unterwarf: der Fürst sollte über die Religion seines Volkes bestimmen. Damit änderte er aber noch nichts Grundsätzliches; er setzte einfach den Staat an die Stelle der Kirche. (Es ist interessant, dass die im 20.Jahrhundert einflussreichsten totalitären Staatsideologien, der Marxismus und der Nationalsozialismus, beide im reformierten Deutschland ihren Ursprung haben.)
Erst Calvin begann, den einzelnen Gesellschaftsbereichen eine unabhängige Autorität unter Gott zuzugestehen. Es ist nicht wahr, dass das calvinistische Genf von „der Kirche“ regiert worden sei. Calvin lehrte, dass die Regierung, als Gottes Dienerin, die Gebote Gottes durchzusetzen hätte; und die Ratsmitglieder als Personen waren Mitglieder der Kirche; aber die Kirche als Institution hatte in der Regierung nichts zu suchen. Ebenso hatte auch die Regierung nicht die Oberhoheit über andere Gesellschaftsbereiche.

Der niederländische Theologe und Staatsmann Abraham Kuyper schreibt dazu:

„Im calvinistischen Sinn verstehen wir, dass die Familie, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Kunst, usw, soziale Sphären sind, die ihre Existenz nicht dem Staat verdanken, und die ihr Lebensgesetz nicht von der Autorität des Staates ableiten. Sie gehorchen einer Autorität innerhalb ihres eigenen Kreises; einer Autorität, die durch Gottes Gnade regiert, genauso wie die Autorität des Staates. (…) Diese Autorität nennen wir die Souveränität in den individuellen sozialen Sphären, um entschieden auszudrücken, dass diese sozialen Sphären nichts über sich haben als Gott allein, und dass der Staat sich hier nicht einmischen und befehlen darf. Wie Sie sofort sehen, ist dies das interessante Thema unserer bürgerlichen Freiheiten.
(…) Diese „Souveränität im eigenen Kreis“ behauptet sich also, z.B: in den gesellschaftlichen Kreisen; in den korporativen Kreisen der Universitäten, Vereine, usw; im häuslichen Kreis der Familie und Ehe; und in der Autonomie der Gemeinden. In allen diesen Sphären darf die Regierung keine Gesetze aufzwingen, sondern muss das angeborene Gesetz des Lebens ehren. Gott regiert diese Sphären mittels seiner ausgewählten „tugendhaften und hervorragenden Menschen“, in ebenso souveräner Weise wie er den Staat regiert mittels seiner ausgewählten Magistraten.“
(Abraham Kuyper, „Vorlesungen über den Calvinismus“, 1898)

Das Zusammenspiel zwischen diesen Gesellschaftssphären und der Regierung wurde bewerkstelligt durch den Rat, in welchem Vertreter dieser verschiedenen Sphären sassen. Dies wurde später weiterentwickelt zur Idee des vom Volk gewählten Parlaments, gebildet aus Vertretern der verschiedenen existierenden „Kreise“ der Gesellschaft. Im reformierten England wurde bereits 1688 die parlamentarische Demokratie eingeführt.

Die Denker der Aufklärung haben dieses System also nicht erfunden, sondern von der Reformation übernommen. Francis Schaeffer schreibt darüber:

„Voltaire wurde während seiner Zeit im Exil dort (in England) sehr von den Ergebnissen dieser blutlosen Revolution und der sich daraus ergebenden Redefreiheit beeindruckt, wie wir in seinen Briefen über die englische Nation (1733) sehen können, wo er schrieb: „Die Engländer sind das einzige Volk auf Erden, denen es gelungen ist, der Macht der Könige Grenzen zu setzen, indem sie sich ihnen widersetzten; und die in einer Reihe von Auseinandersetzungen schliesslich … eine weise Regierung etablierten, in der der König alle Macht besitzt, Gutes zu tun, aber daran gehindert wird, Böses zu tun… und wo das Volk an der Regierung teilnimmt, ohne dass das zur Verwirrung führt.“
… Als die französische Revolution versuchte, englische Bedingungen ohne die Grundlage der Reformation zu reproduzieren (nur auf der Grundlage der humanistischen Aufklärung von Voltaire), war das Ergebnis ein Blutbad und ein rapider Zusammenbruch, der in der autoritären Herrschaft von Napoleon Bonaparte endete.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Grundlagen der modernen Naturwissenschaft

Die erkenntnistheoretische Grundlage

Francis Schaeffer macht die interessante Beobachtung, dass Naturwissenschaft im heutigen Sinne (als systematische Erforschung und Beschreibung der Naturgesetze) erst mit der Reformation möglich wurde. – Im Mittelalter war das Ideal, sich ausschliesslich mit der geistlichen Welt zu befassen und sich aus der materiellen Welt zurückzuziehen. Die Renaissance und der Humanismus gaben einen entscheidenden Anstoss dazu, sich wieder der materiellen Welt zuzuwenden. Aber dies allein genügte nicht; dieses Element war schon in der griechischen und römischen Kultur vorhanden, und trotzdem entwickelte sich dort auf Dauer keine systematische Naturwissenschaft.

Ich möchte einige Abschnitte aus dem entsprechenden Kapitel bei Schaeffer zitieren:

„An einem kritischen Punkt beruhte die wissenschaftliche Revolution auf der Lehre der Bibel. Sowohl Alfred North Whitehead als auch J. Robert Oppenheimer haben darauf hingewiesen, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild heraus entstanden ist. … Soweit ich weiss, waren beide keine Christen und hätten sich selbst nicht als Christen bezeichnet; jedoch erkannten sie beide ohne Einschränkung, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild geboren wurde.
… Whitehead erklärte, das Christentum sei die Mutter der Wissenschaft wegen „der mittelalterlichen Lehre von der Rationalität Gottes“. Whitehead sprach auch von Vertrauen auf die „verständliche Rationalität eines persönlichen Wesens.“ Er erklärte, dass die frühen Naturwissenschafter wegen der Rationalität Gottes einen „unumstösslichen Glauben daran bessassen, dass jedes einzelne Ereignis zu den vorausgegangenen Ereignissen in einer Weise in Beziehung gesetzt werden kann, in der allgemeine Prinzipien zum Ausdruck kommen. Ohne diesen Glauben wären die unglaublichen Anstrengungen der Wissenschafter ohne Hoffnung gewesen.“
… Ihre Überzeugung, dass die Welt von einem vernünftigen Gott geschaffen worden war, gab den Wissenschaftern die Zuversicht, dass es ihnen möglich sein würde, durch Beobachtung und Experimente etwas über die Welt herauszufinden. Das war ihre erkenntnistheoretische Grundlage – die philosophische Grundlage, durch die sie sicher sein konnten, dass Erkenntnis möglich sei.
Die Griechen, die Moslems und die Chinesen verloren schliesslich ihr Interesse an der Naturwissenschaft. Joseph Needham erklärt …, warum sich das nie zu einer vollen Wissenschaft entwickelte: „Es gab keine Zuversicht, dass der Code der Naturgesetze je entschlüsselt und gelesen werden könnte, weil sie keinerlei Zusicherung besassen, dass es ein göttliches Wesen gab, das, noch rationaler als wir selbst, je einen solchen Code formulierte, der von uns gelesen werden könnte.“
Robert Boyle, Isaac Newton und die früheren Mitglieder der Royal Society waren religiöse Männer, die die skeptischen Lehren von Hobbes ablehnten. … Es wurde geglaubt, dass diese (wissenschaftlichen) Methoden nie zu Schlussfolgerungen führen könnten, die mit biblischer Geschichte und übernatürlicher Religion unvereinbar wären. Newton lebte und starb in diesem Glauben.“
(Francis Schaeffer, a.a.O.)

Abraham Kuyper erwähnt hierzu die calvinistische Lehre von der Souveränität Gottes, der durch seinen Ratschluss die ganze Welt lenkt. Ein Teil dieses Ratschlusses sind offensichtlich die Naturgesetze. Wir dürfen das Wort „Naturgesetz“ nicht so verstehen, als würden diese Gesetze von selbst der Natur innewohnen; es sind vielmehr Gesetze, die Gott der Natur auferlegt hat.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Gott den Menschen in seinem Bild erschuf; der Mensch ist also z.B. fähig, rational und geordnet zu denken, weil Gott rational ist. Ausserdem muss es eine gewisse Übereinstimmung geben zwischen der Denkstruktur des Menschen und der Struktur des Universums, da beide vom selben Gott erschaffen wurden. (Für viele moderne Philosophen ist das alles andere als selbstverständlich! Deshalb können heutige moderne Naturwissenschafter nicht erklären, warum z.B. die Naturgesetze in mathematischen Formeln ausgedrückt werden können, oder warum es überhaupt Naturgesetze gibt.)

Auf diesen Grundlagen also baut die moderne Naturwissenschaft auf – bis heute, obwohl dies den meisten heutigen Wissenschaftern nicht mehr bewusst ist. Die wissenschaftlichen Fortschritte brachten dann ihrerseits – in Verbindung mit der erneuerten Arbeitsethik – auch technische und wirtschaftliche Fortschritte hervor. Das alles ist indirekt die Frucht einer erneuerten Denkweise, welche das Wort Gottes ins Zentrum stellte.

Exkurs: Wissenschaftliche Methode und Weltanschauung

Die obigen Ausführungen mögen befremdend wirken, wenn wir die gegenwärtige Situation betrachten. Gibt es da nicht einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Glaube? Sagt nicht die moderne Wissenschaft, dass alle Prozesse des Universums ohne Gott erklärt werden können, auf rein natürliche Weise?

– Um in dieser Frage klar zu sehen, wollen wir einmal genauer betrachten, worin die „wissenschaftliche Methode“ besteht. Vereinfacht gesagt, besteht sie darin, Beobachtungen und Experimente zu machen, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, und diese nach Möglichkeit als allgemeingültiges „Modell“ zu formulieren, welches die gemachten Beobachtungen erklärt.
Wenn das alles wäre, dann müssten eigentlich alle Wissenschafter auf der Welt zu denselben Schlussfolgerungen kommen. In Wirklichkeit habe ich in meiner vereinfachten Beschreibung einen wichtigen Schritt ausgelassen: Um zu Schlussfolgerungen zu kommen, müssen die Beobachtungen interpretiert werden. An diesem Interpretationsvorgang ist der Wissenschafter mit seiner ganzen Person beteiligt! Er muss seine Überlegungen und Schlussfolgerungen irgendwo logisch abstützen können.

In der Mathematik geht das folgendermassen: Um einen Beweis folgerichtig durchführen zu können, muss man mit bereits bewiesenen Prinzipien arbeiten. Aber irgendwann kommt man zu einem Punkt, wo man nicht weiter nach Beweisen fragen kann, weil die benutzten Prinzipien so „offensichtlich einleuchtend“ sind. Man spricht dann von „Axiomen“. Z.B. dass auf Eins Zwei folgt. Oder dass es zwischen zwei Punkten genau eine gerade Linie gibt. Diese Prinzipien kann man vielleicht „einsehen“, aber man kann sie nicht logisch beweisen. In anderen Worten: Man muss sie im Glauben annehmen.

Ein Naturwissenschafter muss ebenfalls gewisse „Axiome“ zur Grundlage haben. In diesem Fall handelt es sich um seine persönlichen Denkvoraussetzungen, d.h. die Grundlagen seiner Weltanschauung. Auch diese kann man nicht beweisen; man kann sie nur im Glauben annehmen. Diese Grundlagen können aber von Person zu Person unterschiedlich sein. (Einer glaubt z.B, das Universum sei von Gott erschaffen worden; ein anderer glaubt, es sei durch Zufall entstanden. Beide Aussagen können mit rein naturwissenschaftlichen Methoden weder bewiesen noch widerlegt werden.)
Die Weltanschauung des Wissenschafters (in anderen Worten: sein Glaube) wird aber seine Interpretation der Beobachtungen beeinflussen!
– Dazu ein unwissenschaftliches Beispiel: Ein Professor wollte seine Studenten vor den Gefahren des Alkohols warnen. Zu diesem Zweck bereitete er zwei Gläser vor, eines mit Wasser und eines mit Alkohol. In jedes Glas liess er einen lebendigen Regenwurm fallen. Der Wurm im Wasserglas schwamm fröhlich umher, während der Wurm im Alkohol unter Zuckungen verendete. Der Professor fragte die Studenten: „Nun, was schliessen wir daraus?“ – Ein Student, der als Trinker bekannt war, antwortete: „Dass Alkohol gut ist gegen Würmer.“
– Ein anderes Beispiel ist die Evolutionstheorie. Beweisen nicht die Fossilien, dass das Leben durch Evolution entstanden ist? – Nein, die Fossilien beweisen gar nichts. Versteinerungen werden nicht mit Aufklebern gefunden: „Ich lebte vor 50 Millionen Jahren und habe mich aus einem primitiven Einzeller entwickelt.“ Das ist Interpretation des Wissenschafters. Wenn der Wissenschafter von vornherein an die Evolution glaubt, dann wird er diese Funde im Sinne der Evolutionstheorie interpretieren. Aber ein Wissenschafter, der an die Wahrheit der Bibel glaubt, kann dieselben Versteinerungen untersuchen und zu einem ganz anderen Schluss kommen: Diese Tiere ertranken in der Sintflut.

Jeder Wissenschafter muss also bei seinen Schlussfolgerungen von einem „Glauben“ ausgehen, d.h. von unbeweisbaren Denkvoraussetzungen – sei dies nun ein christlich-biblischer oder ein anderer Glaube. Wenn moderne Wissenschafter zu atheistischen Schlussfolgerungen kommen, dann nicht deshalb, weil Wissenschaft zwingend zum Atheismus führen müsste, sondern weil sie bereits mit atheistischen Voraussetzungen an die Wissenschaft herangingen!

Wie kam es dann zur heutigen Vorstellung, der Glaube an Gott habe in der Wissenschaft (genauer: in den Naturwissenschaften) nichts zu suchen? – Naturwissenschaft beschränkt sich per Definition auf die Untersuchung dessen, was sich beobachten und messen lässt. Offensichtlich kann man Gott und die geistliche Welt weder beobachten noch messen. Lange Zeit sah man darin keinen Widerspruch zum biblischen Glauben. Gott war zwar kein Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaft, aber seine Existenz war vorausgesetzt; und für die „Erforschung“ Gottes gab und gibt es andere, angemessenere Methoden.
In der Aufklärung ging man aber einen Schritt weiter und kam zur (falschen) Schlussfolgerung: „Was man nicht beobachten und messen kann, existiert nicht.“ Seither sagen Atheisten: „Wenn es einen Gott gäbe, hätten die Wissenschafter ihn gefunden.“ Dabei haben die Wissenschafter sich selber darauf beschränkt, Gott nicht zu untersuchen! Das ist, als ob jemand versuchen würde, mit einem Barometer Radiowellen zu messen, und dann sagte: „Mein Experiment hat bewiesen, dass es keine Radiowellen gibt.“

Der Reformator Martin Luther – Teil 9 – Weitere Lehren der Reformation

9. Dezember 2012

Da ich in dieser Artikelkategorie das Schwergewicht darauf legen möchte, was wir von vergangenen Erweckungen lernen können inbezug auf eine Rückkehr zu urchristlichen Prinzipien, möchte ich nicht mehr auf das weitere Leben Luthers eingehen, da ich dort nicht mehr viel Lehrreiches in dieser Hinsicht finde. Stattdessen möchte ich in dieser und der nächsten Folge noch einige weitere Prinzipien und Folgen der Reformation erwähnen.

Andere wichtige Lehren der Reformation

Der direkte Zugang zu Gott und das allgemeine Priestertum

Die katholische Kirche und ihr Klerus sehen sich als „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott: Der Gläubige kann seine Sünden nicht direkt Gott bekennen und von ihm Vergebung erhalten, sondern er muss dem Priester bekennen, und der Priester muss ihm Vergebung zusprechen. Der Gläubige kann auch nicht selber die Bibel richtig verstehen, sondern er muss der Auslegung des kirchlichen Lehramts folgen. (Auch heute noch, obwohl den Katholiken inzwischen das Bibellesen erlaubt ist.)

Dagegen betonte Luther, gestützt auf Bibelstellen wie 1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22, dass jeder Gläubige durch Jesus Christus persönlichen und direkten Zugang zu Gott hat. Das ist eine weitere grosse Errungenschaft der Reformation, dass sie dem Christen den direkten Zugang zu Gott (ohne Vermittlung eines irdischen Priesters) wieder geöffnet hat. (Obwohl die Reformatoren diesen Punkt nicht konsequent in die Praxis umsetzten.)

Francis Schaeffer schreibt dazu:

„Zuvor waren Kirchgänger von dem, was für sie der Mittelpunkt des Gottesdienstes war – der Altar im Altarraum – durch ein hohes Eisen- oder Holzgitter getrennt. Das war der Lettner, häufig von einem Kruzifix unterstützt, oder ein Kruzifix hing über ihm. Aber in der Reformationszeit, als die Bibel in all ihrer einzigartigen Autorität akzeptiert wurde, wurden diese Gitter oft beseitigt. In manchen Kirchen wurde an genau der Stelle, an der sich der Lettner befunden hatte, eine Bibel zur Schau gestellt, um zu zeigen, dass die Lehre der Bibel die Möglichkeit für alle Menschen eröffnete, direkt zu Gott zu kommen.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Leider hat aber die katholisch-priesterliche Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ so nachhaltig gewirkt, dass auch die Reformierten und Evangelikalen bis heute nicht wirklich davon losgekommen sind. Einerseits hat Luther zwar wichtige Änderungen vorgenommen, indem er z.B. das Messopfer, das sakramentale Verständnis der Beichte, das Zölibat, etc. abschaffte. Auch definierte er das Pfarramt nicht mehr als priesterliche (Mittler-)Funktion, sondern als Predigt- und Lehramt. Aber die Idee des Pfarramts an sich hat er beibehalten, und damit auch die geistliche Entmündigung der „Laien“. Versammlungen, zu denen jedes „Glied am Leibe“ etwas beiträgt, wie z.B. in 1.Korinther 14,26 beschrieben, sind bis heute in den meisten Kirchen, die sich von der Reformation herleiten, so gut wie unbekannt. Das wichtige reformatorische Postulat des allgemeinen Priestertums wartet also immer noch auf seine Verwirklichung.

Gesetz und Gnade

Luther schreibt in den „Schmalkaldischen Artikeln“:

„Aber das vornehmste Amt und Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit Früchten und allem offenbart und dem Menschen zeige, wie gar tief und grundlos seine Natur gefallen und verderbt ist, dem das Gesetz sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte oder bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen würde…
(Röm.1,18, 3,19-20, Joh.16,8)

…Und das heisst dann, die rechte Busse (Bekehrung) anfangen. …Aber zu solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheissung der Gnade durchs Evangelium, der man glauben soll. Wie Christus spricht Mark.1,15: ‚Tut Busse und glaubt dem Evangelium‘, das ist: ‚Werdet und macht’s anders und glaubt meiner Verheissung.‘ …Wiederum gibt das Evanglium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durch Wort, Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden; auf dass die Erlösung ja reichlich sei bei Gott – wie der Psalm 130 sagt – wider das grosse Gefängnis der Sünde.“

Dies ist eine zentrale Lehre Luthers, und wichtig zum Verständnis der biblischen Botschaft. Das „Gesetz“, verbunden mit der Gerechtigkeit Gottes (belohnend und strafend) ist nötig zur Überführung des Sünders, und gehört daher unbedingt zur Evangelisation. Das „Evangelium“, verbunden mit der Gnade Gottes, ist nötig zur Rettung und zur Festigung des Christen, und gehört daher unbedingt zum geistlichen Wachstum der Wiedergeborenen. Die Praxis der meisten evangelikalen Gemeinden ist aber genau umgekehrt: Da wird den Unbekehrten die Gnade Gottes verkündet („Gott liebt dich“, „Komm zu Jesus, dann hören deine Probleme auf“) und andere Lockvögel angeboten im Sinne einer „bedürfnisorientierten Evangelisation“. Sind sie aber einmal „bekehrt“ und Teil der Gemeinde geworden, dann werden sie unter das Gesetz gestellt: „Du sollst regelmässig zum Gottesdienst kommen“, „Du sollst dich der Gemeindeleitung unterordnen“, „Du sollst den Zehnten geben“, usw. (wobei die meisten dieser Gesetze nicht einmal biblisch sind).

Diese verfehlte Praxis schafft verschiedenste Probleme. Einerseits die bereits erwähnte „billige Gnade“, wo dem halsstarrigen Sünder Errettung angeboten wird, ohne dass er umkehren muss. So füllen sich die Gemeinden mit Scheinchristen, die den Herrn nie persönlich kennengelernt haben. Das ist die Folge, wenn unbekehrten Sündern die Gnade verkündigt wird statt des Gesetzes.

Und andererseits entsteht eine gesetzliche Frömmigkeit, wo Wohlverhalten und „gute Werke“ benotet werden, sodass der Christ sich auf Menschengebote und auf seine eigenen Anstrengungen zum Gutsein abstützt. Er wird so dazu verleitet, wieder auf seine eigene Gerechtigkeit zu vertrauen statt auf das vollbrachte Werk Christi; er kann sich nicht mehr an seiner Erlösung freuen, und steht in der grossen Gefahr, „von der Gnade zu fallen“ (Gal.5,4). Ausserdem nutzen manipulative Leiter die dadurch entstehenden Schuldgefühle aus, um die Christen von sich selbst abhängig zu halten. Das war genau die Problematik der mittelalterlichen Kirche, und dieselbe Problematik besteht in vielen heutigen evangelikalen Gemeinden. Das ist die Folge, wenn wiedergeborene Christen unter das Gesetz gestellt werden statt unter die Gnade. Die Warnungen Paulus‘ beziehen sich auf genau solche Situationen: „Zu einem Preis seid ihr erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23). „Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer auftreten, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen“ (d.h. sie von sich selbst abhängig zu machen). (Apg.20,30).

Die beiden Probleme, billige Gnade und Gesetzlichkeit, sind eng miteinander verbunden. Wenn wegen der Verkündigung der billigen Gnade unbekehrte Sünder in die Gemeinde kommen und als „Christen“ angesehen werden, dann können sie gar nicht wie Christen leben. Somit „müssen“ sie einer Vielzahl von Regeln unterstellt werden, damit ihr Verhalten wenigstens einen christlichen Eindruck macht. (Warum sonst hat es eine Bibelschule nötig, in ihrem offiziellen Reglement so kleinliche Dinge vorzuschreiben wie: „Es ist verboten, Löcher in die Wände zu machen“, oder: „Es ist den Studenten untersagt, weltliche Musik zu hören“?) Wo der Geist Gottes fehlt, da muss nach Lenins Grundsatz regiert werden: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wo aber eine wirklich christliche Gemeinschaft vorhanden ist, da kann echtes Vertrauen entstehen. (Bei jenen seltenen Gelegenheiten, wo ich mit einem Mitarbeiterteam aus mehrheitlich wiedergeborenen Christen arbeiten konnte, hatten wir es nie nötig, ein Reglement aufzustellen.)

Was allerdings bei Luther fehlt, ist der notwendige nächste Schritt: Die Gnade Gottes wirkt im Wiedergeborenen dahingehend, dass er den Willen Gottes tut und dadurch effektiv das Gesetz erfüllt (Röm.8,3-4, Titus 2,11-14) – nicht mehr durch äusserliche gesetzliche Anstrengungen, sondern weil Gottes Gesetz jetzt in sein Herz geschrieben ist (Jer.31,33-34).
(Siehe in der vorherigen Folge über die verhängnisvollen Folgen dieser Auslassung Luthers.)

Die Gemeinden heute haben es sehr nötig, zur richtigen Anwendung von Gesetz und Gnade zurückzukehren.

Gott dienen in der Welt

Die Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ führte im mittelalterlichen Katholizismus zu einer scharfen Trennung der Gesellschaft in einen „geistlichen“ Bereich (alles, was zur Kirche gehörte), und einen „weltlichen“ Bereich (alles, was ausserhalb der Kirche war). Richard Stern von „Jugend mit einer Mission“ schreibt darüber:

„…Wir sind zu Christus berufen, um alles, was wir tun, zu seiner Ehre zu tun. Deutlich kommt das heraus, wenn wir uns die Definition von Arbeit in der Bibel anschauen: Arbeiten heisst, Gott dienen mit ganzem Herzen. Unsere Arbeit soll also ein Gottesdienst sein (Kol.3,17.23). Im Hebräischen wird für „arbeiten“ und „dienen“ dasselbe Wort gebraucht. (Vgl. 2.Mose 20,5 mit 20,9).
… Im Mittelalter sah das ganz anders aus. Berufen war nur noch der Geistliche, der Mönch; alle anderen Dienste galten als Dienstleistung für den Geistlichen. Aus diesem Verständnis heraus gab es eine Trennung zwischen „geistlich“ und „weltlich“. Wenn man geistlich sein wollte, zog man sich von der Welt zurück.
… Erst die Reformation brachte eine Änderung. Luther war der erste, der in der Übersetzung von 1.Kor.7,20 das Wort „Beruf“ gebrauchte. Er durchbrach damit die Trennung zwischen geistlich und weltlich. Zum ersten Mal galt der Handwerker wieder als ein von Gott Berufener, um seine Arbeit zur Ehre Gottes zu tun.
… Heute verstehen sich die meisten Tätigkeiten als „Jobs“ zum Brotverdienst. … Viel besser sieht es auch bei den Christen nicht aus. Seit der Erweckung im 19.Jahrhundert gelten wiederum nur Prediger, Missionar und Evangelist als Berufung.“
(Richard Stern, „Wozu bist du berufen?“, Zeitschrift „Der Auftrag“ Nr.28)

Hier liegt der Grund dafür, warum die Reformation nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft entscheidend veränderte. Jeder Christ verstand sich nun als Priester Gottes in der Welt, mit dem Auftrag, in seinem eigenen Lebens- und Arbeitsbereich die Prinzipien Gottes zu verwirklichen. Das führte zu einer ganzen weltanschaulichen Umwälzung Europas (wie wir in einer späteren Folge sehen werden).
Wenn wir unser Christentum auf einen kleinen „geistlichen Bereich“ reduzieren, dann hat dies schwerwiegende Folgen. Entweder wir ziehen uns aus der „Welt“ zurück – dann verlieren wir aber auch jeden evangeliumsgemässen Einfluss auf sie. – Die andere mögliche Folge besteht darin, dass Christen sich zwar in der „Welt“ engagieren, aber ohne christliche Massstäbe. Wenn Gott nur über den „geistlichen Bereich“ regiert, dann kann man sein Wort ja nicht auf die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, usw. anwenden, oder? – Dies lässt sich vor allem in den Landeskirchen beobachten, die sich zwar in allen möglichen sozialen und politischen Fragen engagieren – aber die Lösungen, die sie anbieten, unterscheiden sich in nichts von den „Lösungen“ des säkularen, atheistischen Humanismus.

Selbst nichtchristliche Historiker haben anerkannt, dass die „protestantische Arbeitsethik“ entscheidend zum heutigen Wohlstand in Europa und Nordamerika beitrug. Einen Faktor dieser Arbeitsethik haben wir bereits erwähnt: Die Reformatoren betrachteten Arbeit als eine Berufung von Gott und einen Gottesdienst.
Einige Lutherzitate mögen dies unterstreichen:

„Also hat jeder seinen Beruf, in welchem er Gott dient, wenn er desselben fleissig wartet. Eine Obrigkeit, die ihren Untertanen wohl vorsteht und regiert, dient Gott; eine Hausmutter, die ihrer Kinder wartet, ein Hausvater, der sich seiner Arbeit nährt, ein Schüler, der fleissig studiert, dient Gott. … Antonius entweicht und setzt sich in die Wüste, Hieronymus tut Wallfahrten in heilige Lande …. Solches hält die Welt für grosse und treffliche Dinge. Dass aber Sarah bei dem Herde steht, kocht und richetet den Gästen Essen zu, und ist sorgfältig, solches hat nicht allein keinen Schein noch Anschein einigen guten Werkes, sondern lässt sich ansehen, als sei es eine Hinderung anderer guter Werke. Wer aber auf das Wort sieht, wird finden, dass Sarah viel ein heiliger Werk damit getan hat, dennn aller Mönche und Einsiedler Werke sind.“
(In der Auslegung zu 1.Mose 17,9 und 18,15f)

„Das ist eine nötige Lehre, da sehr viel an gelegen ist, dass wir unseren Beruf in Gottes Wort fassen, und ein jeder des gewiss soll sein, dass alles, was er tut und lässt, in Gottes Namen und aus Gottes Befehl getan und gelassen sei. Wer also lebt, dass er nicht weiss, dass sein Tun und Lassen in Gottes Befehl und Wort geht, der ist verdammt. Wer aber weiss, dass er alles tut und lässt aus Gottes Befehl und Wort, der ist in seinem Gewissen und Herzen sicher, und kann dem Teufel Trotz beiten, guter Dinge sein und sagen: Ich habe heute dies und das getan, und hab’s darum getan, dass ich weiss, dass mich’s Gott geheissen und mir befohlen hat in seinem Wort; weiss derhalben, dass es ein gut und Gott wohlgefällig Werk ist. … Es soll aber niemand sich vor der Ehre scheuen, dass er und seine Werke heilig heissen. Denn Christus hat uns die Freiheit erworben, und Gott hat uns sein Wort darum gegeben, dass wir dadurch geheiligt werden. Darum, sowenig wir uns davor scheuen sollen, dass wir Christen heissen, so wenig sollen wir uns auch davor scheuen, dass wir und unser Werk heilig heissen.“
(Predigt, in „Dr. M. Luthers Hauspostille“)

Wir können hinzufügen, dass Gott selber, als der erste „Arbeiter“, unser Vorbild ist:
„Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. Da sollst du keine Arbeit tun … Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und er ruhte am siebenten Tage …“ (2.Mose 2,9-11)
(Man beachte, dass sowohl die Arbeit als auch die Ruhe geboten werden, und beides als Nachahmung von Gottes eigenem Vorbild.)

Wenn also unsere Arbeit ein Dienst für Gott ist, ja sogar ein „Nachahmen“ von Gottes eigenem Vorbild, dann hat dies Folgen für den Wert, die Würde, und die Qualität unserer Arbeit. Was nach Gottes Willen getan ist, das ist wertgeschätzt von ihm, unabhängig davon, welchen „sozialen Status“ eine bestimmte Arbeit hat. Am Beispiel von Joseph im Gefängnis zeigt uns die Bibel, dass Gott selber solche treue Arbeit sogar materiell und mit „Beförderungen“ belohnen kann. – Wenn Gott mein „Arbeitgeber“ ist, dann kann ich mir natürlich auch nicht erlauben, eine Arbeit von minderwertiger Qualität abzuliefern, oder gar zu versuchen, ihn zu betrügen.

In dieser Hinsicht kann ein grosser Unterschied beobachtet werden zwischen den Reformationsländern und den Ländern, die von der Reformation nicht berührt wurden. Wenn in Nord- und Westeuropa heute noch grosser Wert gelegt wird auf ehrliche und qualitativ hochstehende Arbeit, dann ist das nicht einfach eine Mentalitätsfrage, sondern ein Erbe der Reformation (selbst wenn der geistliche Hintergrund der Reformation längst verlorengegangen ist).
Wer hier in Perú einem Handwerker oder Mechaniker eine Arbeit überlässt, muss damit rechnen, dass die Arbeit nicht seinen Wünschen gemäss ausgeführt wird, oder dass an nicht gut sichtbaren Stellen minderwertige oder schadhafte Teile eingesetzt werden. Angestellte Arbeiter müssen fast ständig kontrolliert und überwacht werden, da sie sonst nicht so arbeiten, wie es erwartet wird. Arbeitgeber ihrerseits bleiben ihren Angestellten oft monatelang den Lohn schuldig; versäumen es, Kranken- und Unfallversicherungen für sie abzuschliessen; und treffen auch an gefährlichen Arbeitsplätzen keine Sicherheitsvorkehrungen. Oft werden Arbeitsmaterialien sinnlos verschwendet. All dies trägt zur herrschenden Armut bei.
Diese Erscheinungen können wir nicht einfach damit erklären, die Peruaner seien eben „unverantwortlich“ oder „unterentwickelt“. Vielmehr kamen sie in ihrer Geschichte nie dazu, eine biblische Arbeitsethik zu entwickeln!

Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 4 – Die Kirche verachtet das Wort Gottes

27. Oktober 2012

Die Auseinandersetzung beginnt

Zu jener Zeit bereiste der Mönch Johannes Tetzel die Gegenden, wo Luther lebte, um Ablässe zu verkaufen. Die Kirche lehrte, dass auch Christen nach ihrem Tod die Strafen des Fegefeuers erleiden müssten, und dass die Ablässe Autorität hätten, diese Strafen zu verkürzen oder zu erleichtern. Der Papst brauchte damals Geld, um den Petersdom zu erbauen. Die Ablässe dienten dazu, ihm die nötigen Mittel zu verschaffen.

Tetzel und seine Nachfolger manipulierten die Leute, indem sie ihnen anschaulich die Folterstrafen vor Augen malten, die ihre verstorbenen Eltern oder Grosseltern angeblich im Fegefeuer erleiden müssten; und sie sagten ihnen, es sei grausam, sie so leiden zu lassen, wenn sie ihnen doch mit einem Ablass die Befreiung erkaufen könnten. So gaben selbst sehr arme Leute ihr Geld für Ablässe aus, statt für ihre Familien zu sorgen.

In den Jahren 1516 und 1517 begann Luther gegen den Ablasshandel zu predigen. Er hatte bereits verstanden, dass man die Vergebung Gottes nicht mit Geld erkaufen kann. Auch ärgerte er sich über die Missbräuche, die von Tetzel und seinesgleichen begangen wurden (und die bereits zu einigem Unwillen unter dem Volk geführt hatten).
Dann beschloss Luther, vor eine breitere Öffentlichkeit zu treten, indem er zu einer öffentlichen Debatte über den Ablasshandel einlud. Diese Einladung geschah in der Form von „95 Thesen“, die er an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg anschlug. (Diese Tür diente zugleich als Anschlagbrett der Universität.)
Luther war selber davon überrascht, wie schnell diese Thesen verbreitet wurden: nach zwei Wochen waren sie bereits in ganz Deutschland bekannt. Es war vor allem das „gewöhnliche Volk“, das sich dafür interessierte: die Menschen, die unter der kirchlichen Ausbeutung litten.
Die Theologen und Kirchenführer nahmen sich mehr Zeit mit ihrer Antwort. Und diese fiel nicht so aus, wie Luther erwartet hatte: Sie gingen auf das Thema des Ablasshandels gar nicht ein. Stattdessen klagten sie Luther an, gegen die Autorität des Papstes zu rebellieren. (In Wirklichkeit stellten die „95 Thesen“ die Autorität des Papstes noch gar nicht in Frage. Sie erklärten nur, die Gnade Gottes im Evangelium sei den päpstlichen Ablässen weit überlegen.) Sein prominentester Gegner, ein gewisser Dr.Eck (von Luther verächtlich „Dreck“ genannt), sagte, Luther lehre dasselbe wie Jan Hus, und da Hus als Ketzer verurteilt worden war, sei Luther ebenfalls ein Ketzer.

Die Kirche verachtet das Wort Gottes

Hier kommen wir wieder zu einem ganz aktuellen Bezug.

Als Luther seine „95 Thesen“ veröffentlichte, hatte er (noch) nicht die Absicht, die Kirche zu reformieren oder gar zu spalten. Er rief lediglich zu einer öffentlichen theologischen Debatte auf. Diese Debatte fand jedoch nie statt, weil die kirchlichen Leiter Luther sofort – und unter Ausschluss der Öffentlichkeit – zum Widerruf seiner Thesen zwingen wollten. Als Luther verlangte, sie sollten ihn auf Grund der Heiligen Schriften widerlegen, gingen sie nicht darauf ein. Einerseits, weil sie keine Argumente hatten. Und andererseits, weil ihnen die Vorstellung unerhört erschien, ein einzelner Mensch könnte es wagen, gegen die Autorität der Kirche anzugehen, auf nichts anderes gestützt als auf die Bibel.
– Seit Luther gilt es als Fundament der reformierten und evangelikalen Gemeinden, dass die Autorität des Wortes Gottes über der Autorität der menschlichen Leiterschaft steht. So wenigstens in der Theorie. Wie sieht es in der Praxis aus?

Vor einigen Jahren versuchte ich ebenfalls, eine Diskussion in Gang zu bringen über einige Punkte wie: Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel; Bekehrung und Wiedergeburt; neutestamentliche Gemeindeleitung; u.a; und drückte meine Überzeugung aus, die meisten evangelischen Gemeinden seien in diesen Punkten von der biblischen Wahrheit abgewichen. (Siehe „95 Thesen über die Lage der evangelischen/evangelikalen Kirchen“.) Die Antwort der Gemeinden glich in erschreckender Weise der Antwort der katholischen Kirche an Luther: Niemand hat bis heute auch nur ein einziges biblisch begründetes Argument gegen eine meiner Thesen vorgebracht. Dafür hat ein Mitarbeiter der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaft allen Gemeinden in der Region gesagt, sie sollten nicht auf mich hören; meine Veröffentlichungen gelten als „verbotene Bücher“; und die Bibelschule, wo ich früher arbeitete, hat mir den Kontakt mit meinen eigenen ehemaligen Schülern verboten.
(Bücher- und Kontaktverbote sind typisch sektiererische Praktiken. Ich bin aber verschiedenen Leitern im evangelikalen Raum begegnet, sowohl in Europa wie in Perú, die so handeln; und bisher hörte ich von keinem von ihnen, dass er sich klar von dieser Praktik distanziert hätte. Siehe „Von der evangelikalen Zensur“.)

Aufgrund dieser Erfahrungen muss ich feststellen, dass die evangelikalen Gemeinden heute nicht besser sind als die katholische Kirche zur Zeit Luthers: Sie setzen ihre eigene Autorität (in Form ihrer Traditionen und ihrer leitenden Persönlichkeiten) über die Autorität des Wortes Gottes; und sie sind nicht gewillt, eine faire Diskussion auf biblischer Basis zu führen. Stattdessen unterdrücken sie „Dissidenten“ mit sehr unchristlichen Machtmitteln. Dies gilt nicht etwa nur für liberal-modernistische Gemeinden, sondern leider auch für viele, die „Bibeltreue“ auf ihre Fahne geschrieben haben. In der Theorie predigen sie die Bibel als autoritatives Wort Gottes; aber in der Praxis betrachten sie ihre eigene Interpretation als autoritativ, und handeln sehr unbiblisch, wenn die „heiligen Kühe“ ihrer Gemeindetradition angetastet werden.

Wer hat die Kirche gespalten?

Bis heute klagt die katholische Kirche Luther und die Protestanten an, „die einzige Kirche Jesu gespalten zu haben“. Wir haben bereits gesehen, dass das keineswegs Luthers Absicht war. Aber die Auseinandersetzung über den Ablasshandel wurde auch in Rom bekannt, und während der darauffolgenden Jahre musste Luther mehrmals päpstlichen Theologen gegenübertreten. Diese waren jedoch nie an einer offenen Diskussion interessiert. Wie schon erwähnt, hatten sie nur ein Ziel: Luther zum Widerruf seiner Thesen zu zwingen.

Luther war überzeugt, die Anklagen gegen seine Person seien irrtümlich erfolgt. Er hegte noch keine Zweifel an der Integrität des Papstes. Er nahm immer noch an, der Papst sei gewiss nicht einverstanden mit den Missbräuchen Tetzels und mit dem Benehmen seiner Höflinge. Noch 1520 richtete er sich an den Papst mit diesen respektvollen Worten:

„Deshalb, hochverehrter Leo, rufe ich Sie an, meine Verteidigung anzunehmen, die ich in diesem Brief vornehme, und sich überzeugen zu lassen, dass ich nie etwas Schlechtes über Ihre Person gedacht habe; und dass ich Ihnen den ewigen Segen wünsche …
Aber darüber habe ich mich empört, dass das Volk Christi unter Ihrem Namen und unter dem Vorwand der römischen Kirche betrogen wird … Während Sie, Leo, wie ein Schaf, wie Daniel, inmitten von Löwen sitzen … Wie können Sie allein diesen bösen Ungeheuern entgegentreten? … Ich war immer betrübt darüber, dass Sie, hochverehrter Leo, die Sie eine bessere Zeit verdient hätten, in diesen Zeiten zum Papst ernannt wurden. Denn der römische Hof ist Ihrer nicht würdig… Sehen Sie, Leo, mein Vater, mit was für einem Vorsatz ich gegen diesen Sitz der Pest (den römischen Hof)angerannt bin. Ich bin so weit davon entfernt, irgendeinen Zorn gegen Ihre Person zu empfinden, dass ich sogar hoffte, Ihre Gunst zu erwerben und zu Ihrem Wohlergehen zu helfen, indem ich so heftig auf Ihr Gefängnis einschlug … Vielleicht bin ich unverschämt kühn zu versuchen, ein so grosses Haupt wie Sie zu belehren, durch den alle Menschen belehrt werden sollten, und von dem die Richterthrone ihr Urteil erhalten; aber ich ahme St.Bernhard nach in seinem an (Papst) Eugen gerichteten Buch ‚Considerationes‘, ein Buch, das jeder Papst auswendig kennen sollte. …“

Als Antwort wurde Luther exkommuniziert. Er hat sich also nicht von der katholischen Kirche getrennt, sondern der Papst schloss ihn aus. Die historische Wahrheit ist deshalb, dass es nicht Luther war, sondern der Papst, der die Kirche spaltete.

Aber fast alle Erweckungsprediger und Reformatoren der Geschichte mussten diese selbe Anschuldigung hören, von Luther über Wesley und Booth bis zu den heutigen Erweckungspredigern: „Du bewirkst Spaltungen!“ – „Du bist ein Fanatiker!“ – „Du bist zu radikal!“ – „Du bist konfliktiv!“
Die laue Kirche ist nie bereit, die volle biblische Wahrheit zu hören. Die laue Kirche hat schon immer versucht, die Prediger der Wahrheit in Verruf zu bringen und auszuschliessen. Und leider sind auch die erweckten Kirchen nach zwei oder drei Generationen ihrerseits wieder lau geworden. Das ist es, was auch heute geschieht.

Auch in dieser Hinsicht sollten die evangelischen und evangelikalen Kirchen von heute nicht denken, sie seien besser als die römische Kirche, nur weil sie Erben der Reformation sind.

In der nächsten Folge werden wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung genauer ansehen. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 1

14. Oktober 2012

Dies ist mein dritter Versuch, etwas über Luther zu schreiben. Diesmal wage ich es, das Ergebnis zu veröffentlichen, obwohl ich auch jetzt mit der Artikelserie noch nicht wirklich zufrieden bin. Aber ich kann mir nicht vorstellen, diese neue Artikel-Kategorie über „Erweckung und Erweckungsgeschichte“ mit irgendjemand anderem als Martin Luther zu beginnen. Man mag Luther schätzen und ihn leidenschaftlich verehren, oder man mag ihn schmähen und ihn seiner Fehler wegen ablehnen – aber man kommt einfach nicht an ihm vorbei. Dieser Mann steht wie ein Koloss mitten in der Kirchengeschichte und lenkt deren Strom in eine veränderte Bahn. Nachfolgende Erweckungsbewegungen haben zwar Luther in wichtigen Punkten widersprochen und korrigiert. Dennoch stehen sie alle – Calvinisten, Täufer, Puritaner, Pietisten, Herrnhuter, Methodisten, Heiligkeitsbewegung, Pfingstbewegung, usw. – direkt oder indirekt auf seinen Schultern. Wie verschieden diese nachfolgenden Bewegungen auch von der Reformation Luthers sein mögen, sie sind alle nicht denkbar, ohne dass Luther den Stein ins Rollen gebracht hätte. „Zurück zur Schrift!“ – „Zurück zum Ursprung!“ – das war der entscheidende Weckruf, der durch Luther erstmals wieder weithin hörbar gemacht wurde, und der viele andere nach ihm ermutigte, in dieser Richtung noch viel weiter zu gehen als Luther selber.

Anm: Zitate von deutschsprachigen Autoren sind in der Regel aus dem Spanischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem Original überein.

Reformatoren vor Luther

Luther war nicht der erste Reformator. Es gab andere vor ihm, die ähnlich wie er lehrten, und die die Kirche zur Wahrheit des Wortes Gottes zurückbringen wollten. Die bekanntesten unter ihnen waren John Wyclif in England (1320-1384) und Jan Hus in Böhmen (1374-1415), der den Märtyrertod starb. Beide konnten eine beträchtliche Anzahl Nachfolger hinter sich scharen, aber sie erreichten nicht wirklich die Reformen, die sie wünschten.

Warum konnte Luther den Erfolg sehen, den sie nicht erreicht hatten? – Ich glaube nicht, dass die „Vorreformatoren“ Luther unterlegen waren. Ich glaube, dass einfach die Zeit Gottes noch nicht gekommen war. Eine so weitreichende Reformation geschieht nicht von heute auf morgen. Es war nötig, den Weg dazu vorzubereiten. In der Zeit Luthers gab es in ganz Europa einen grossen „Hunger“ nach Gott und seinem Wort. Ohne die Arbeit der „Vorreformatoren“ wäre wahrscheinlich dieser Hunger nicht vorhanden gewesen; und damit hätte Luther nicht so viele Zuhörer gefunden.

Jeder von uns hat von Gott seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Platz in der Geschichte zugewiesen erhalten. Einige sind gerufen zu säen, andere zu begiessen und andere zu ernten. Einige sind gerufen, Pioniere zu sein; und andere sind gerufen, auf dem Werk der Pioniere weiter aufzubauen. (Siehe 1.Korinther 3,5-13). Einige sind gerufen, in einer Zeit allgemeiner geistlicher Finsternis zu leben und in dieser Umgebung ihren Glauben zu bewähren; andere sind gerufen, Gott in Erweckungszeiten zu dienen.
Die Pioniere oder Vorläufer werden oft dazu gerufen, sogar ihr Leben hinzugeben, damit andere leichter nachfolgen können auf dem Weg, den sie vorbereiteten. Wie Abraham müssen sie im Glauben sterben, „ohne das Verheissene zu empfangen; sondern sie schauten es von ferne und glaubten es und begrüssten es, und bekannten, dass sie Fremde und Pilger auf der Erde waren.“ (Hebräer 11:13). Johannes der Täufer bereitete den Weg vor für den Messias, aber er musste sterben, bevor das Werk des Messias vollendet war. Der rumänische Pfarrer Josef Tson, der unter dem Kommunismus verfolgt wurde, schreibt: „Für jedes Land, das sich dem Evangelium öffnete, war der Preis dafür sehr hoch. Ein Botschafter Gottes musste sein Blut vergiessen für jenes Land …“ Gilt vielleicht dasselbe für jede grosse Reformation in der Kirche?

Ein interessantes Detail: Im Jahr 1415 wurde Jan Hus vom Konzil zu Konstanz zum Tod verurteilt. Während er zum Scheiterhaufen geführt wurde, sagte er prophetisch: „Jetzt verbrennt ihr diese alte Gans („Hus“ bedeutet „Gans“), aber in hundert Jahren wird ein Schwan aufstehen, den ihr nicht werdet verbrennen können.“ – Fast genau hundert Jahre später (1517) begann die Reformation mit den 95 Thesen Luthers.

Der katholische Luther

Luther war kein Feind der Kirche. Im Gegenteil, er war ein treuer Katholik und wollte Gott dienen gemäss den Traditionen dieser Kirche.

„Nach dem Wunsch seines Vaters begann er ein Jurastudium. Aber alles änderte sich, als er 1505 in ein Gewitter geriet. Ein Blitz schlug ganz in seiner Nähe ein, während er sich auf dem Rückweg von einem Besuch nach Hause befand. Erschreckt rief er aus: ‚Hilf, heilige Anna! Ich will Mönch werden.‘ Er überstand das Gewitter unversehrt und gab das Studium auf, verkaufte alle seine Bücher ausser jene von Vergil, und trat am 17.Juli 1505 ins Augustinerkloster Erfurt ein.“ (Nach Wikipedia.)
Obwohl Luther später dieses übereilte Gelübde bereute, fühlte er sich verpflichtet, es zu erfüllen, da Gott als Antwort darauf im Gewitter sein Leben gerettet hatte. Später sah er darin die Hand Gottes in seinem Leben, denn so hatte ihn Gott zum Studium der Heiligen Schrift geführt. Im Kloster war es, wo Luther zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel in der Hand hatte.

Wir sehen in dieser ersten Berufung Luthers einige Aspekte, die nicht der Bibel gemäss sind:
– Er rief nicht zu Gott um Hilfe, sondern zur „Heiligen Anna“.
– Um Gott zu dienen, kannte er keinen anderen Weg, als Mönch zu werden.
Werden wir ihm deswegen Vorwürfe machen? – Erinnern wir uns, dass Luther als treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche aufwuchs und kaum irgendwelche davon abweichende Information finden konnte. Erst nachdem er selber die Bibel gründlich studiert hatte, konnten ihm diese Fehler bewusst werden. Schon vorher hatte er den glühenden Wunsch, Gott zu dienen, „aber nicht mit Erkenntnis“ (Römer 10,2). Es war dieser Wunsch, den Gott sah und ernstnahm; und so konnte er Luther allmählich zum Licht der Wahrheit führen. „Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Matthäus 5,6).

Da, wo Luther auch nach seinem Bibelstudium weiter den toten Traditionen der Kirche diente, da müssen wir ihn tadeln. Aber nachdem er das Wort Gottes kennengelernt hatte, hatte er den Mut, in vielen Dingen auf die Wahrheit hin zu handeln, die Gott ihm gezeigt hatte, auch entgegen allen kirchlichen Traditionen.

Das ist der Punkt, wo Gott uns auch heute herausfordert. Wenn Du ein „guter Evangelischer“ bist, dann willst Du wahrscheinlich Gott nach Kräften dienen, nach den Traditionen Deiner Kirche: zum Gottesdienst gehen, Verantwortung für eine Gruppe oder einen Hauskreis übernehmen, neue Mitglieder für die Gemeinde gewinnen… Wenn das Deine Vorstellung ist, dann bist Du wie Luther in seiner Jugend: Du möchtest Gott dienen, aber Du tust es in einer von Menschen übernommenen Weise. Es ist nötig, selber den Willen Gottes zu suchen.
Wenn Du das tust, dann wirst Du feststellen, dass der Wille Gottes über die Traditionen Deiner Kirche (egal welcher Denomination) hinausgeht. Wie Luther wirst auch Du in einigen Punkten die Tradition Deiner Kirche brechen müssen, wenn Du Gottes Willen ganz folgen willst.
Hierin wird sich entscheiden, ob Du wirklich „reformiert“ bist. Bist Du bereit, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun, auch wenn sein Wille der Tradition Deiner eigenen Kirche entgegensteht?

Luther und ich

Dies ist einer der Punkte (ich werde später noch andere nennen), wo ich mich persönlich mit dem Leben Luthers identifiziere und deshalb aus eigener Betroffenheit schreibe.
Ähnlich wie Luther sah ich als junger Christ nur einen Weg, auf Gottes Ruf zu antworten: mein Leben als vollzeitlicher Mitarbeiter in den Dienst der Institution „christliche Gemeinde“ zu stellen. (Nur dass ich, im Unterschied zu Luther, diesen Schritt tat, als ich bereits die Rechtfertigung aus Glauben erfahren hatte. Anscheinend war da noch ein grosser Rest von „klösterlichem“ bzw. „kirchlich-institutionellem“ Denken in mir.) Es kam mir damals – und bis vor einigen Jahren – nicht in den Sinn, dass es einen Widerspruch geben könnte zwischen „Dienst in den Gemeinden“ und „Dienst im Reich Gottes“.

Luther kam in seinem späteren Leben zur Einsicht, dass das Entscheidende am „Gottes-Dienst“ weder in der äusseren Absonderung noch im „institutionellen Umfeld“ liegt, sondern in der persönlichen Hingabe an Gott, die in jeder Umgebung gelebt werden kann. Schliesslich widerrief er sogar seine Mönchsgelübde, da er darin nichts als Menschengebote sah, die ihn in Wirklichkeit sogar daran gehindert hatten, Gottes Willen zu tun. So musste auch ich erkennen, dass der Dienst in den heutigen christlichen Gemeinden ebensosehr Dienst an Menschengeboten ist, wie es Luthers Mönchsdienst im Kloster war. Und dass es gerade die existierenden Strukturen und Verhältnisse in den Gemeinden sind, die allzuoft einen echten „Gottes-Dienst“ verunmöglichen.

Luther hat zwar bis zu seinem Lebensende als Amtsträger der Kirche gearbeitet, die sich durch seinen Einfluss immerhin halbwegs reformierte. Das war wahrscheinlich das Äusserste, was er in seiner persönlichen Situation und zu seiner Zeit erreichen konnte. Könnte er aber heute auf 500 Jahre Reformationsgeschichte zurückblicken, dann käme er wahrscheinlich auch zu dem Schluss, dass die existierenden Kirchen sich nicht wirklich von Grund auf reformieren lassen.

(Fortsetzung folgt)