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Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.

John Wesley und die Methodisten – Teil 8: Wesley und die Kinder

12. Oktober 2013

(Zur vorherigen Folge)

Wesley interessierte sich besonders für die Kinder. In seiner eigenen Kindheit hatte er die bestmögliche Erziehung erhalten: Bis zum Alter von elf Jahren wurde er zusammen mit sieben seiner Brüder von seiner eigenen Mutter gelehrt. Susanna Wesley war eine gottesfürchtige Frau mit strengen christlichen Prinzipien, und säte fleissig die Samen des Wortes Gottes in die Herzen ihrer Kinder. Gleichzeitig lehrte sie sie Disziplin, Ordnung und Respekt. Jede Tätigkeit der Familie – Familienandachten, Mahlzeiten, Unterricht – fand zur dafür festgesetzten Zeit statt. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Familienumgebung für ein Kind ist, und verteidigte immer die christliche Familie. Andererseits beobachtete er den schädlichen Einfluss der Schulen auf den Glauben der Kinder:

„Am Nachmittag war ich zum Tee bei A.O. Aber wie schockiert war ich! Die Kinder, die mir früher zu folgen pflegten und aufmerksam auf jedes meiner Worte hörten, waren zu einer der besten Schulen gegangen. Dort hatten sie jede Frömmigkeit und jede Ernsthaftigkeit verlernt, und hatten den Stolz, die Eitelkeit und die Heuchelei gelernt, und alles, was sie von der Erkenntnis und der Liebe Gottes abbringt. Methodistische Eltern, wenn ihr eure Kinder direkt zur Hölle schicken wollt, dann schickt sie an eine dieser eleganten Schulen!“

In einer Predigt über „Die Religion in der Familie“ sagt Wesley:

„Insbesondere sollst du dich bemühen, deine Kinder von frühem Alter an deutlich, oft und geduldig zu lehren. Lehre sie von der ersten Stunde an, wo du ihren Verstand erwachen siehst. Die Wahrheit kann ihren Sinn viel früher erleuchten, als wir annehmen. Wer die ersten Öffnungen des Sinnes des Kindes beobachtet, wird allmählich für den Stoff sorgen, womit er arbeiten kann, und wird die Augen seines Kindes zum Guten hinlenken. Wenn ein Kind zu sprechen beginnt, kannst du sicher sein, dass sein Verstand am Arbeiten ist. In diesem selben Moment müssen die Eltern beginnen, zu ihm über die besten Dinge zu sprechen – Gottes Dinge. Und von da an sollte keine Gelegenheit versäumt werden, ihnen alle Wahrheiten einzuflössen, die sie aufzunehmen imstande sind.
„(…) Ich frage euch also: Wozu schickst du deine Kinder zur Schule? – ‚Natürlich, damit sie auf das Leben in der Welt vorbereitet werden.‘ – Von was für einer Welt sprichst du denn, von dieser oder von der zukünftigen? Vielleicht denkst du nur an diese Welt, und vergisst, dass es eine zukünftige Welt gibt, und eine, die ewig dauern wird! Bitte denke ernsthaft daran, und schicke deine Kinder zu solchen Lehrern, die diese zukünftige Welt immer vor ihren Augen haben. Sonst – erlaubt mir, es klar zu sagen – ist es kaum besser, sie zur Schule zu schicken, als sie zum Teufel zu schicken. Und auf jeden Fall, wenn dir die Seele deiner Kinder irgendetwas bedeutet, schicke sie nicht an eine dieser grossen öffentlichen Schulen (denn diese sind Brutstätten von aller Art Bosheit), sondern an eine private Schule, wo ein frommer Mann unterrichtet, der sich bemüht, eine kleine Anzahl Kinder sowohl in der Lehre wie auch in der Religion zu unterrichten.“

Als die Erweckung schon ziemlich fortgeschritten war, konnte Wesley die Frucht seiner Bemühungen um die Kinder sehen. Bei einer Gelegenheit gab er das folgende bewegende Zeugnis:

„Um drei Uhr traf ich mich mit gegen tausend Kindern unserer Sonntagschulen. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Alle waren vollkommen sauber, und sehr einfach gekleidet. Alle waren ernsthaft und von gutem Betragen. Viele, sowohl Jungen wie Mädchen, hatten die schönsten Gesichter, die es in England oder Europa gibt. Wenn alle zusammen sangen, und keiner den Ton verfehlte, klang es besser als jedes Theater. Und das Beste davon: viele von ihnen sind wirklich gottesfürchtig, und einige erfreuen sich ihrer Erlösung. Diese sind der ganzen Stadt ein Beispiel. Gewöhnlich verbringen sie ihre Zeit damit, die armen Kranken zu besuchen (manchmal gehen sechs, acht oder zehn Kinder zusammen), um sie zu ermahnen, zu trösten, und mit ihnen zu beten. Oft tun sich zehn oder mehr von ihnen zusammen, um zu singen und zu beten, manchmal bis zu dreissig oder vierzig zusammen, und sie sind so ernsthaft damit beschäftigt, abwechselnd zu singen, zu beten und zu weinen, dass sie gar nicht aufhören können. Ihr Kinder, die ihr dies hört, warum geht ihr nicht hin und tut dasselbe? Ist Gott nicht hier derselbe wie in Bolton? Möge Gott aufstehen und für seine eigene Sache kämpfen, auch ‚aus dem Munde der Kinder und Säuglinge‘!“

(Fortsetzung folgt)

Die christliche Gemeinde ist auf Familien aufgebaut

12. Juni 2013

Mit „christlicher Gemeinde“ meine ich die Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird – denn das ist etwas ganz anderes, als was heute allgemein unter „Kirche“ oder „Gemeinde“ verstanden wird. Die neutestamentliche Gemeinde hatte ihr irdisches Zentrum in den Familien.

Natürlich ist das eigentliche Zentrum der Gemeinde im Himmel, in der Person von Jesus selber. Aber in diesem Artikel möchte ich über die irdische Organisation der Gemeinde sprechen. Und auf dieser Erde ist die Familie das zutreffendste Bild der göttlichen Dreieinigkeit. Wenn wir eine echte „Reformation“ der Gemeinde wollen, dann müssen wir die Familie als irdisches Zentrum der Gemeinde wiederentdecken, und die Gemeinde um die Familien herum strukturieren und die Familien stärken, statt sie auseinanderzureissen, wie das allzu viele heutige Gemeinden tun.

Vorläufer der christlichen Gemeinde war Israel, das erwählte Volk Gottes des Alten Testaments. Dieses Volk war während seiner ganzen Geschicht durchgängig nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert.
Das ganze Volk hat seinen Urprung in drei Generationen von Familien: die Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von jedem Sohn Jakobs entsprang einer der Stämme Israels. Wir lesen über die Organisationsform des Volkes:

„Die Israeliten lagerten sich jeder bei seinem Banner, unter dem Feldzeichen der Familien ihrer Väter…“ (4.Mose 2,2) – Die Fortsetzung des Kapitels gibt für jeden Stamm den Ort an, wo sie sich während der Wüstenwanderung lagern sollten.

„Und ihr sollt das Land durchs Los als Erbe zugeteilt erhalten, nach euren Familien; (…) nach den Stämmen eurer Väter sollt ihr es als Erbe zugeteilt erhalten.“ (4.Mose 33,54) – Jeder Stamm erhielt ein bestimmtes Gebiet des verheissenen Landes zugeteilt. (Siehe auch Josua 14 – 19.)

„Tretet also morgen nach euren Stämmen herzu; und der Stamm, den der Herr (durchs Los) bestimmen wird, soll nach seinen Sippen herzutreten; und die Sippe, die der Herr bestimmen wird, soll nach ihren Familien herzutreten; und die Familie, die der Herr bestimmen wird, soll Mann für Mann herzutreten …“ (Josua 7,14). – Das war das Vorgehen, mit welchem ermittelt wurde, wer vom Volk gesündigt hatte. Die Organisation des Volkes nach Verwandtschaftsgraden ist klar ersichtlich. Dasselbe Vorgehen wurde angewandt, um die Wahl Sauls zum König zu bestätigen (1.Samuel 10,20-21).

Noch viele Jahrhunderte später organisierte Nehemia das Volk nach Familien, um die Stadtmauer zu verteidigen:
„Da stellte ich an den tiefer liegenden Orten hinter der Mauer, und an den offenen Stellen, das Volk nach Familien auf, mit ihren Schwertern, Lanzen und Bogen. Dann sah ich sie an, und erhob mich und sagte zu den Adligen und den Offizieren, und zum übrigen Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den grossen und furchtbaren Herrn, und kämpft für eure Brüder, für eure Söhne und Töchter, für eure Frauen und für eure Häuser!“ (Nehemia 4,13-14)

Das wichtigste jüdische Fest, das Passah, wird in den Familien gefeiert:
„Am zehnten Tag dieses Monats soll jeder ein Lamm nehmen nach den Familien ihrer Väter, ein Lamm für jede Familie.“ (2.Mose 12,3)
„… Das sollt ihr halten, ihr und eure Kinder, als ein ewiges Gebot. … Und wenn eure Kinder euch fragen: Was bedeutet dieser euer Brauch?, dann sollt ihr antworten: Das ist das Passahopfer des Herrn, der an den Häusern der Israeliten in Ägypten vorüberging … „ (2.Mose 12,21-27)
Während der Passahfeier muss ein Kind (normalerweise das jüngste) mit dieser Frage das Gespräch beginnen. Als Antwort erzählt der Vater seiner Familie die Geschichte des Passah und leitet die Feier.

Dieses Familienbewusstsein ist auch im heutigen Israel noch gegenwärtig:

„In dieser Zeit (in Israel) ging mir auf, wie sehr die jüdische Kultur eine Familienkultur ist, bei der der Tisch mit Essen und tiefen Diskussionen über die heiligen Schriften im Mittelpunkt steht. Durch diese Erfahrungen in Israel ging mir auf, wie sehr das Gemeindeleben, wie ich es in verschiedenen Frei- und Grosskirchen kennengelernt hatte, vom griechischen Geist geprägt ist. Im griechischen Geist entwerfen wir schöne Theorien und gehen in Gottesdienste, bei denen die wenigsten aktiv teilnehmen. (…) Demgegenüber lebt das Judentum davon, dass man sieht, wie etwas gemacht wird. Dabei trifft man sich um den Tisch herum. Dort behandelt man sowohl Fragen des Alltags als auch geistliche Themen. Das Ganze geschieht im Gespräch miteinander. Für mich war mein sechsjähriger Aufenthalt in Israel eine Zeit, in der Gott mir den Filter wegnahm, durch den ich die Bibel vorher gelesen hatte.
(…) Gleichzeitig ist die Kernfamilie immer Teil eines grösseren Zusammenhanges, d.h. der Grossfamilie bzw. der Sippe. Auf diese Weise überlebten die Juden als Minderheit in einem ihnen feindlich gesonnen Umfeld, der Diaspora. Die Juden waren sich bewusst: ‚Wir als Juden, als Gottes auserwähltes Volk, gehören zusammen.‘ Trotz dieses gemeinschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühls geht der Einzelne nicht unter im ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘, sondern man fördert die Fähigkeiten, Talente und Gaben der Einzelnen.
Wer aber aus dem Volk herausragt, indem er an Geld, Macht und Einfluss in der Gesellschaft gewinnt, hat immer auch eine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. Das sieht man bis heute in Israel, wo reiche Juden aus aller Welt für de Armen, Schwachen und Benachteiligten spenden. Zudem ist man sich bewusst, dass man zu einer Grossfamilie gehört, einer Sippe, die sich gegenseitig unterstützt. In einer solchen Grossfamilie gibt es immer einen zusätzlichen Teller, ein zusätzliches Bett oder sonstige materielle, ideelle oder praktische Hilfe. Lebt man in erreichbarer Nähe, so trifft sich die Grossfamilie regelmässig – nicht nur zu den herausragenden Zeiten im Leben ihrer Mitglieder – und sitzt gemeinsam um den Tisch, isst miteinander und tauscht sich aus.“
(Markus Jerominski, in „Väter und Mütter, die die Welt prägen“.)

Diese selben Prinzipien galten in der Urgemeinde. Die ersten Christen verstanden sich wie Israel als Grossfamilie. Das ganze Leben der christlichen Gemeinschaft war familienzentriert.

Ihr bevorzugter Versammlungsort war das eigene Haus. In den Ursprachen der Bibel ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Das Neue Testament erwähnt u.a: „die Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquila“ (1.Kor.16,19), „die Gemeinde im Haus von Nympha“ (Kol.4,15), „die Gemeinde im Haus von Philemon“ (Phm.2). Von Gayus wird gesagt, „der mich und die ganze Gemeinde beherbergt“ (Röm.16,23). In Apg.2,46 heisst es von den ersten Christen: „Sie brachen das Brot in den Häusern, assen zusammen mit Freude und Einfachheit des Herzens.“ Da wird deutlich der „Familientisch“ der jüdischen Kultur sichtbar. Ebenso in Apg.5,42: „Und jeden Tag, im Tempel und in den Häusern, hörten sie nicht auf, Jesus Christus zu verkünden und von ihm zu lehren.“ (Siehe auch Apg. 2,2, 8,3, 11,11-15, 12,12, 16,31-34, 16,40.)

Diese „Hausgemeinden“ (wahrscheinlich Gemeinschaften von mehreren Familien, die in der Nähe wohnten) bildeten also etwas wie geistliche „Sippen“, und zusammen mit anderen „Sippen“ der Stadt bildeten sie die geistliche Grossfamilie ihrer Stadt („die Gemeinde in Ephesus“, „die Gemeinde in Korinth“, usw.). So sagt Paulus in Eph.2,19, dass wir als Christen „Mitglieder der Familie Gottes“ sind.

Insbesondere ist das „Abendmahl“ die Fortsetzung des jüdischen Passahmahls (Matth.26,17-29). So wie das Passah in den Familien gefeiert wird, so auch das Abendmahl in der Urgemeinde. („Sie brachen das Brot in den Häusern„, Apg.2,46). So wie der jüdische Familienvater die Passahfeier leitet, so leitete der urchristliche Familienvater das Abendmahl. Dazu war kein „Priester“, „Pfarrer“ oder „Pastor“ notwendig.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Hausgemeinden nicht einfach „Zellen“ oder „Hauskreise“ einer grösseren zentralisierten Kirche waren, so wie sich heute manche Freikirchen organisieren. Die Hausgemeinde war eine vollgültige, weitestgehend unabhängige Gemeinde. Paulus spricht die Hausgemeinden in seinen Briefen immer als „Gemeinden“ an, nicht als „Gruppen“ oder „Zellen“.

Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass sich die Hausgemeinden nicht einfach dadurch auszeichneten, dass sie sich in Privathäusern versammelten statt an irgendeinem anderen Ort. Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie Familiengemeinden waren. Ihr Kern bildete eine Familie, und ihr Zusammenleben hatte die Struktur einer Familie.
Offenbar waren die Familien in diesen Versammlungen vereint. Einige Abschnitte in den apostolischen Briefen richten sich direkt an die Kinder (Eph.6,1-3, Kol.3,20, 1.Joh.2,12-13). Die Kinder waren demnach anwesend, wenn diese Briefe vorgelesen wurden. Die Urgemeinde spaltete die Familien nicht auf in „Männerklub“, „Frauentreffen“, „Jugendgruppe“ und „Sonntagschule“, wie es die meisten gegenwärtigen Kirchen machen. Im Gegenteil, sie versammelte sich als eine „Familie von Familien“.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament lesen wir oft davon, dass ganze Familien sich entscheiden, dem Herrn nachzufolgen. So sagt Gott in seiner Berufung an Abraham: „… und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet sein.“ (1.Mose 12,3).
Josua verpflichtete sich, zusammen mit seiner ganzen Familie dem Herrn zu dienen: „… aber ich und mein Haus werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15).
In der Apostelgeschichte lesen wir, dass sich Cornelius „mit seinen Verwandten und seinen engsten Freunden“ zum Herrn bekehrte (Apg.10,24.44). Ebenso „Lydia und ihre Familie“ (Apg.16,15), und der Gefängnisaufseher mit „allen, die in seinem Haus waren“ (Apg.16,31-34).

Rückblick auf ein Ferienprogramm

29. Mai 2010

Eigentlich ist es viel zu spät, diesen Rückblick zu schreiben. Unser Ferienprogramm mit den Kindern fand im Januar/Februar statt (= grosse Schulferien in Perú). Aber bis jetzt kam ich nicht dazu…

Die Schulferien gaben uns eine Gelegenheit, die Kinder nach einem eigenen Plan zu unterrichten, ohne den Druck der staatlichen Lehrpläne, der sich in der „gewöhnlichen“ Hausaufgabenhilfe immer niederschlägt. Ganz frei vom Leistungsdruck sind die peruanischen Schulkinder aber selbst in den Schulferien nicht: Wer im Vorjahr in einem Fach eine ungenügende Note hatte, ist verpflichtet, auch in den Ferien die Schule zu besuchen oder den Besuch eines entsprechenden Nachhilfeunterrichts nachzuweisen. (Das hängt zusammen mit einer unsinnigen und undurchführbaren neuen Verordnung des Erziehungsministeriums, wonach sämtliche Kinder im selben Alter dieselben Lernziele zu erreichen haben, d.h. es sollten möglichst keine Kinder spät eingeschult werden und keine Klassen wiederholt werden – für Kinder, die die Ziele nicht erreichen, wird das Unterrichtspensum erhöht bis zum Umfallen. Wie es den Kindern dabei geht, fragt niemand…)

Interessant war jetzt aber zu sehen, dass manche dieser „nachhilfebedürftigen“ Kinder nach den Ferien ihre Schulleistungen verbessert hatten, obwohl wir gar nicht den Stoff durchgenommen hatten, den sie „offiziell“ hätten nachholen sollen. Statt nach theoretischen Erklärungen für dieses Phänomen zu suchen, erzähle ich einfach ein wenig davon, was wir machten.

Wir hatten drei Hauptziele: Den Kindern eine „Verschnaufpause“ vom Schulunterricht zu geben; ihnen etwas vom christlichen Glauben mitzugeben; sowie einige Lücken in ihren schulischen Fähigkeiten zu stopfen, nicht als „Wissensanhäufung“, sondern auf sinnvolle Weise. – Das Gleichgewicht zwischen diesen drei Zielen zu finden, war nicht immer einfach, aber ich denke, wir haben einen einigermassen gangbaren Mittelweg gefunden. (more…)

Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum

1. März 2010

Der folgende Artikel ist schon einige Jahre alt, aber immer noch aktuell. Ich möchte ihn hier hineinstellen als logische Folge des Artikels „Meine zweite Bekehrung“ – d.h. er stellt den darauffolgenden Schritt in meiner Lebensgeschichte dar. Ursprünglich schrieb ich ihn zur Gebetsinformation für Personen, die mich damals via eine Organisation unterstützten. Leider stiess der Artikel auf wenig Gegenliebe: Die Organisation, die ihn damals zur Veröffentlichung angefordert hatte, strich (ohne Rücksprache mit mir) die wesentlichen Abschnitte weg. Er erscheint deshalb hier in der Kategorie „Zensurierte Artikel“.


Gerne würde ich Euch mit diesem Bericht den Beginn einer neuen Etappe in unserem Dienst ankündigen; aber Gottes Zeit ist anscheinend noch nicht gekommen. Eine Etappe ist zu Ende gegangen; den Neuanfang suchen wir noch.

In den vergangenen Jahren haben wir viele Sonntagschulmitarbeiter ausgebildet, Teenager gelehrt, und evangelistische Kinderlager durchgeführt. An diesen Anlässen sahen wir manche Teilnehmer Glaubensschritte tun, Dinge in ihrem Leben in Ordnung bringen, oder zum ersten Mal überhaupt ihr Leben in Gottes Hand legen.

Leider war aber die langfristige „Frucht“ nicht dementsprechend. Nachdem sie der „Obhut“ ihrer Gemeinden überlassen wurden, haben die meisten Sonntagsschullehrer ihren Dienst aufgegeben, sind die meisten Teenager im Glauben zurückgefallen, und sind die Lagerkinder in ihrem Glauben nicht weitergeführt worden.

Es tut weh, dies zu sehen. Ich musste meinen eigenen Dienst, und die Realität der Gemeinden, neu überdenken:

  • Bisher nahm ich an, meine Lehrangebote seien eine Ergänzung zu den bestehenden Gemeindeprogrammen, und die Gemeinden täten das übrige. Leider ist das nicht (mehr) so. Insbesondere werden junge Christen in den Gemeinden nicht in ihrem Glaubensleben weitergeführt.
  • Ich habe das Evangelium zuwenig klar verkündigt. Die meisten Gemeinden verstehen unter „Sünde bereuen“ einfach: „ein Gebet sprechen“, und unter „Jesus nachfolgen“ verstehen sie „sich einer Gemeinde anschliessen und deren Tradition folgen“. Solange ich solche Ausdrücke ohne klare Erklärung verwendete, wurden sie in diesem Kontext verstanden, und das führte zu mehr Scheinbekehrungen als echten Bekehrungen. Nur eine Minderheit der evangelischen Gemeindeglieder ist wirklich wiedergeboren. Sie brauchen eine viel deutlichere Erklärung des Evangeliums.
  • Viele Gemeinden haben sich vom neutestamentlichen Christentum entfernt. Drei Symptome möchte ich nennen:
    1. Autoritäre Strömungen machen die Mitglieder von menschlichen Leitern abhängig statt von Gott. An einigen Orten wird gelehrt, man dürfe den Pastor nie in Frage stellen, selbst wenn er in Sünde lebt oder Irrlehren verkündigt. Das führt zu einer Art „Papsttum in evangelischem Gewand“. Nur wenige Christen lesen selber in der Bibel, und noch weniger prüfen die Lehre ihrer Leiter anhand der Bibel.
    2. Bibelkritische Theologie ist in fast alle Denominationen eingedrungen. Und selbst manche „bibeltreue“ Leiter nehmen in der Praxis die neutestamentlichen Berichte und Anweisungen über das Gemeindeleben nicht ernst. Deshalb werden Entscheidungen immer mehr nach menschlich-politischen Erwägungen, statt nach biblischen Kriterien getroffen.
    3. „Organisation“, „Tradition“ und „Routine“ sind im praktischen Gemeindeleben wichtiger geworden als die persönliche Herzensbeziehung zum Herrn. Z.B. wird die „richtige“ Durchführung des Gottesdienstprogramms wichtiger genommen als die geistliche Auferbauung und Gemeinschaft der Mitglieder.

Nachdem ich all dies gesehen hatte, fragte ich mich: Wo sind Christen, die ernsthaft ein biblisches Christentum leben wollen?

Mit einer Gruppe von jugendlichen Mitarbeitern konnte ich einige Wochen lang im Hochland „von Haus zu Haus“ „Gemeinschaft und Brotbrechen“ praktizieren (Apg.2,42), wo jeder etwas beiträgt zur Auferbauung der anderen (1.Kor.14,26). – Auch konnte ich in einigen Gemeinden und Gruppen über Bekehrung und Wiedergeburt lehren, und über die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes. Aber das waren seltene Ausnahmen. Besonders als ich das Thema der Bibelkritik ansprach, wurde ich von Vertretern der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaften heftig angegriffen.

Deshalb bin ich weiterhin auf der Suche, bis Gott irgendwo, irgendwie eine Türe öffnet. Wir sind dankbar, wenn Ihr dieses Anliegen in Euren Gebeten mittragt. – Bis es so weit ist, reduziert sich unser Kinderdienst auf die Nachbarskinder, die uns besuchen für Spiele, Aufgabenhilfe oder improvisierte Kinderstunden.


Aktuelle Nachbemerkung: Die erwähnten Gruppen jugendlicher Mitarbeiter existieren nicht mehr, weil die Gemeinden ihren Jugendlichen die Teilnahme verboten. Dafür haben die zuletzt erwähnten Aktivitäten mit den Nachbarskindern im letzten Jahr zugenommen, wie ich im Artikel „Sie sehnen sich nach Familie“ berichtete.

„Sie sehnen sich nach Familie“ – nicht nach Institution! Ein Nachtrag.

21. Januar 2010

Vor einigen Wochen schrieb ich einen Bericht über unsere gegenwärtige Tätigkeit unter dem Titel „Sie sehnen sich nach Familie“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/12/12/sie-sehnen-sich-nach-familie/).

Ein – im übrigen wohlmeinender – Verfechter des institutionalisierten Christentums schrieb mir, als Argument für die Eingliederung in eine „institutionelle“ Gemeinde: „Wie schön und wichtig für diese gute Arbeit wäre ein Netzwerk von Mitarbeiter mit weitern Gaben, die auch helfen könnten, dass diese punktuelle Arbeit eine Fortsetzung und Weiterführung finden würde!“
Ja, das wäre eigentlich schön und gut. Im Grunde habe ich nichts dagegen, wenn Freunde oder Mitarbeiter im institutionellen Kirchentum involviert sind – solange sie ihrerseits uns zugestehen, unseren Weg zu gehen. Und weitere Mitarbeiter zu haben, die diese Arbeit mittragen, wäre auch nicht schlecht. Aber persönlich würde ich es vorziehen, Mitarbeiter zu haben, die wie wir dazu bereit sind, unabhängig vom institutionellen Kirchensystem zu arbeiten. Ich habe genügend Zeit in diesem System verbracht – etwa zwei Jahrzehnte -, um mir vorstellen zu können, was geschähe bei dem Versuch, unsere gegenwärtige Tätigkeit im Rahmen einer solchen Institution auszuüben.

Wäre ich noch Mitglied der Missionsgesellschaft, mit der ich erstmals nach Perú kam, dann hätte ich nicht einmal die Frau heiraten dürfen, mit der ich inzwischen viele glückliche Ehejahre verbracht habe. Ich hätte also höchstwahrscheinlich bis heute nicht einmal eine Familie. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Bevor ich anfangen könnte, den Nachbarskindern zu helfen, müsste ich der Leiterschaft „meiner“ Institution eine möglichst überzeugende Projektbeschreibung vorlegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mehrere dicke Umschläge mit vergangenen Projekten, Grundsatzerklärungen, Visions- und Missionsbeschreibungen, Anforderungsprofilen für Mitarbeiter, usw. usw. – lauter wertloses Papier, weil die darin enthaltenen Vorschläge vor Jahren inmitten der Unmöglichkeiten institutioneller Bürokratien versickert sind.

Es würde also eine lange Reihe von Kommissionssitzungen, Abklärungsgesprächen, Korrespondenzen, usw. beginnen.

Dann würde die Institution – falls ich wirklich ihr Wohlwollen für mein Projekt gewinnen könnte – mit 99%iger Sicherheit darauf bestehen, für dessen Durchführung eine Räumlichkeit zu kaufen oder zu mieten, weil eine solche Unternehmung in unserer eigenen Wohnung zu sehr den Anstrich einer eigenwilligen Privatinitiative hätte (oder was auch immer als Grund angegeben würde). Dieser Schritt würde aber unweigerlich zu einer langen Diskussion über Budgetfragen, Mittelbeschaffung usw. führen.

Dann käme bestimmt irgendein schlauer Kopf auf die Idee, wenn wir schon so etwas machten, dann sollten wir es doch gleich „richtig“ machen, d.h. als staatlich anerkannte „Akademie“ usw. Das würde uns viel mehr Türen öffnen und den Einfluss unserer Arbeit ausweiten. (Trifft nach den Massstäben dieser Welt sicherlich zu.) – Somit würde ein Bewilligungsverfahren beim Erziehungsministerium eingeleitet. Auf den Unterlagen dafür könnten wir aber nicht als Verantwortliche figurieren, da weder meine Frau noch ich ein gültiges Lehrerdiplom haben. Es müsste also zuerst ein „Alibi-Lehrer“ gesucht werden, der für uns unterschreiben würde. Das wiederum würde zu einem Kompetenzenkonflikt zwischen diesem Lehrer und uns führen, was von Anfang an den Erfolg des Projektes in Frage stellen würde.

Über diesen mehrfachen Bewilligungsverfahren (zuerst bei unserer eigenen Institution, dann bei den staatlichen Instanzen) wäre der grösste Teil des Schuljahres bereits verstrichen. Aber angenommen, diese Verfahren hätten Erfolg und wir könnten wirklich beginnen: auch dann wäre unsere Arbeit noch nicht sicher. Wir müssten jederzeit damit rechnen, dass die Institutionsleitung willkürlich unsere besten Mitarbeiter in andere Arbeitszweige versetzen würde und uns (wenn überhaupt) andere, unerfahrene und ungeeignete Mitarbeiter zuteilen würde. (Ich schreibe aus Erfahrung. Die meisten meiner vergangenen – institutionellen – Projekte sind genau aus diesem Grund eingegangen.)

Jetzt komme ich erst zum Hauptpunkt: Schon ziemlich am Anfang dieses institutionellen Hürdenlaufs wäre das Wesentliche verlorengegangen, das für die meisten Kinder der eigentliche Grund ist, überhaupt zu uns zu kommen und nicht zu einem anderen existierenden Hilfsangebot: nämlich dass wir eine Familie sind und eben nicht eine Institution. Genau jene Kinder, die gegenwärtig am meisten unsere Hilfe nötig haben und davon profitieren, wären gar nicht erst zu uns gekommen.

Ganz zu schweigen davon, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Hausaufgabenhilfe einer „Sekte“ senden würden. Wir haben herausgefunden, dass viele unserer Nachbarn religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind – und die meisten von ihnen haben gute Gründe zum Misstrauen. (Etwa ein Drittel von ihnen sind ehemalige Mitglieder evangelischer Gemeinden.) Gerade der Umstand, dass wir keiner solchen Organisation angehören, ermöglicht unbefangene Glaubensgespräche. Wir hoffen, dass so einige von den Gemeinden enttäuschte Menschen dennoch wieder einen Zugang zu Jesus finden können, unabhängig von vergangenen schlechten Erfahrungen und ohne den Druck, „Mitglied“ einer „Organisation“ werden zu müssen. Viele von ihnen sind nicht grundsätzlich dem Glauben abgeneigt; sie stossen sich nur an dessen verzerrter Form, der sie in den Gemeinden begegnet sind. – Ein gemeindlich-institutionalisiertes Hilfsprogramm wird dagegen – mit wenigen Ausnahmen – nur solche Menschen anziehen, die sich bereits im Dunstkreis evangelischer Tradition bewegen, und die gerade deshalb „Glauben an Jesus“ mit „Mitgliedschaft in einer Organisation“ verwechseln.

Die Kinder, die zu uns kommen, sind noch weit davon entfernt, das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Aber ihre „Sehnsucht nach Familie“ zielt in die richtige Richtung – im Gegensatz zur „Sehnsucht nach Institution“ oder zur „Sehnsucht nach religiöser Betätigung“, die ich in einigen anderen Menschen beobachte. Christliche Gemeinde ist in erster Linie Familie, nicht Institution. Wenn ein Attribut Gottes es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, dann ist es: „VATER“. Nicht nur der Vater von Jesus, sondern auch der Vater einer Familie, zu der jeder wahrhaft Gläubige gehört.

Hierzu ein beachtenswerter Denkanstoss von Wolfgang Simson:

„Die Art von Gemeinde, die wir hier auf Erden haben, hängt stark davon ab, wie wir uns Gott im Himmel vorstellen. Wenn wir glauben, wir hätten einen ‚Lehrer im Himmel‘, dann wird die Gemeinde zu einem Schulzimmer, wo wir uns Notizen machen und sie gleich anschliessend vergessen. Wenn wir glauben, Gott sei ein Richter, dann sieht die Gemeinde wie eine Polizeistation aus. Wenn wir glauben, Gott sei ein Arzt, dann wird die Gemeinde wie ein Spital, wo wir einander die Wunden verbinden und dann einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, Gott sei ein General, dann wird die Gemeinde zu einer Armee. Aber wenn wir verstehen, dass Gott in erster Linie ein Vater ist, dann wird die Gemeinde wie eine Familie sein.“

Deshalb glaube ich, ein Kind, das nach einer echten Familie sucht, hat die besten Voraussetzungen dafür, den Vater im Himmel zu finden und kennenzulernen.

Sie sehnen sich nach Familie…

12. Dezember 2009

Ich denke, es ist an der Zeit, unserer gegenwärtigen Tätigkeit einen Artikel zu widmen. Seit mehreren Monaten besteht unsere Hauptbeschäftigung darin, Kindern aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben zu helfen und/oder sie in Abwesenheit ihrer Eltern zu hüten.

Wir haben diese Arbeit nicht eigentlich „geplant“. Sie ist eher die vorläufige Antwort auf unsere Frage an Gott: „Was möchtest Du, was wir tun?“, und auf unsere Bereitschaft, „nach unseren Kräften zu tun, was uns vor die Hände kommt“, wie in Prediger 9,10 steht.

Vor gut einem halben Jahr fielen uns zwei kleine Mädchen auf, die öfters in der Nähe unseres Hauses spielten. Sie sahen ziemlich verwahrlost und schmutzig aus. Zudem hatten sie die Angewohnheit, sich mit ihren Puppen und Zubehör an den Rand einer Strasse zu setzen – oder manchmal auch mitten auf die Strasse -, wo immer wieder Motorräder und Autos vorbeifahren. Als „Spielplatz“ ein ziemlich ungeeigneter und gefährlicher Ort. So luden wir die beiden eines Tages zu uns nach Hause ein. Von da an kamen sie öfters, und da die ältere der beiden zur Schule geht, halfen wir ihr auch ab und zu bei den Hausaufgaben. Manchmal assen sie auch bei uns zu Mittag oder zu Abend.

Zugleich erfuhren wir mehr über ihre Familiensituation. Sie wohnen zusammen mit ihrer Mutter und zwei weiteren (älteren) Geschwistern in einem einzigen Zimmer mit zwei Betten. Eine bessere Wohnung können sie sich nicht leisten. Ihre Mutter arbeitet den grösseren Teil des Tages auswärts. Manchmal kümmert sich ihre vierzehnjährige Schwester um sie, aber manchmal sind sie auch ganz sich selber überlassen. Ihr Vater war schon monatelang nicht nach Hause gekommen. Er arbeitete in einer weit entfernten Stadt, und es wurde gemunkelt, dass er dort eine andere Frau hätte. Einmal hatte er ihnen ein wenig Geld geschickt; aber meistens schickte er keines, weil er es vertrank. Ihre Mutter ist ein wenig unberechenbar. Manchmal sagt sie, es sei gut, dass ihre Kinder zu uns kommen könnten; dann wieder verbietet sie es ihnen aus unerfindlichen Gründen. Ab und zu kommt auch sie betrunken nach Hause.

Der zehnjährige Bruder kam manchmal auch zu uns, aber nur selten. Es war auch nicht so einfach, etwas anzufangen mit ihm: er hatte sich schon zu sehr daran gewöhnt, seine Tage ohne Aufsicht auf der Strasse spielend zu verbringen. (In den letzten Wochen kam er aber wieder öfter und brachte ein paarmal sogar seine Hausaufgaben mit.)

Eines Tages fragte uns die ältere der beiden Mädchen: „Darf ich morgen eine Freundin mitbringen?“ – Ihre Freundin ist zehn Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Grossmutter, die nur Quechua spricht und ihr deshalb bei den Aufgaben nicht helfen kann. Ihre Mutter sieht sie nur an den Wochenenden und ihren Vater noch seltener. Einmal erzählte sie uns, dass sie als Kleinkind überfallen und entführt worden war.

Nach einiger Zeit kamen zwei weitere Kinder dazu. Auch sie sehen ihre Eltern höchstens an den Wochenenden; unter der Woche sind sie allein mit ihrer fünfzehnjährigen Schwester, die für sie kocht und den Haushalt besorgt.

Dann kamen zwei Buben mit ihrer Mutter: „Wir haben gehört, dass es hier eine Akademie gibt; können wir auch teilnehmen?“ („Akademie“ nennen sich hierzulande die bezahlten ausserschulischen Förderungsangebote, von denen es viele gibt. Manche Lehrer machen anscheinend ein gutes Geschäft damit: Die Kinder lernen in der Schule in der Regel nicht allzuviel, und die Eltern lassen sich leicht davon überzeugen, dass sie mit „mehr vom Gleichen“ mehr lernen würden. Aus meiner Sicht ein Trugschluss: meistens bewirkt es nur Übermüdung und Überforderung.)
Wir erklärten ihnen, nein, wir seien eigentlich keine „Akademie“; aber wenn sie mit unserer informellen Arbeitsweise zufrieden seien, könnten wir ihnen schon helfen. Seither kommen sie fast jeden Tag.

Offenbar begann es sich unter den Kindern im Quartier herumzusprechen: „Hier ist das Haus, wo sie dir helfen.“ Inzwischen sind es rund zwanzig Kinder, die mehr oder weniger häufig zu uns kommen. Das Hauptmotiv ist jetzt Aufgabenhilfe und Nachhilfeunterricht. Aber wenn wir mit unserem „Programm“ fertig sind, wollen die meisten gar nicht nach Hause gehen. Wenn wir sie fragen, um welche Zeit sie zuhause sein müssen, bekommen wir oft Antworten wie: „Ich darf so lange fortbleiben, wie ich will.“ – „Meine Eltern sagen nichts, sie sind gar nicht zuhause.“ – Das einzige, was anscheinend viele Eltern interessiert, sind die Schulnoten. Es gab schon Eltern, die ihre Kinder nicht mehr zu uns kommen lassen wollten, weil sich ihre Schulnoten nicht verbessert hatten.

Die Kinder interessiert aber offenbar etwas anderes. Nachhilfeunterricht könnten sie ja auch woanders bekommen. Aber es scheint, dass sie nirgendwo sonst eine Familienatmosphäre gefunden haben. Sie kommen mit der Idee, in eine „Schule“ zu gehen, und überrascht finden sie etwas vor, von dem sie gar nicht wussten, dass es existiert: eine Familie. Eine Schülerin brachte dies auf rührende Weise in einem Brief zum Ausdruck, als sie einige Tage nicht kommen konnte: „Ich bitte Gott meinen Vater, dass ich Euch bald wiedersehen kann. Ich liebe Euch wie meine Eltern, denn Ihr habt mir elterliche Liebe gegeben, und ich danke Euch vielmals für alles, was Ihr mich gelehrt habt.“ – Auch jene, die nicht so vernachlässigt sind wie die eingangs beschriebenen Kinder, erleben anscheinend zuhause viel Konflikte, Willkür und Gleichgültigkeit. Nur schon dass man sich zum Essen zusammen an einen Tisch setzt, kommt in den meisten Familien kaum noch vor. Dass Eltern sich Zeit nehmen, ihren Kindern zuzuhören oder mit ihnen etwas zu unternehmen, ist noch seltener. Aber das ist das Ideal dieser Zeit: die Eltern „emanzipieren“ sich, und die Kindererziehung wird vom Staat übernommen. Dass die Kinder darunter leiden, scheint nicht viele zu interessieren…

Unsere Arbeit ist da natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber es ist das, was Gott uns zur Zeit „vor die Hände gelegt hat“. Und so wollen wir den Kindern auch nahebringen, wer Gott als Vater ist. Er ist das „Urmodell“ aller Elternschaft: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde ihren Namen hat…“ (Epheser 3,14-15) Er ist ein Vater, der immer Zeit hat für seine Kinder. Ein Vater, der immer guten Rat weiss. Ein Vater, der alle seine Kinder gerecht behandelt. „Ein Vater der Vaterlosen und Beschützer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung. Gott lässt die Verlassenen in einer Familie wohnen…“ (Psalm 68,5-6) Und deshalb hat Gott uns Menschen von Anfang an nicht in eine Schule, eine Institution oder einen Wirtschaftsbetrieb gestellt, sondern in eine Familie.

Manchmal bleiben einige der Kinder auch zum Abendessen bei uns, weil ihre Eltern spät nach Hause kommen.

Wir können ja nicht wirklich „Ersatzeltern“ sein für alle diese Kinder; und wir wollen auch nicht den Platz ihrer leiblichen Eltern einnehmen. Aber wir können sie auf Gott, den himmlischen Vater, hinweisen, und sie ermutigen, vor ihm ihr Herz auszuschütten und bei ihm Hilfe zu suchen. Wenn die Kinder bei uns etwas finden, was (vorübergehend) ihre Sehnsucht stillt, dann kommt das ja nicht aus uns selber. Was wir ihnen an „Elternschaft“ geben können, ist höchstens ein Abglanz der Vaterschaft Gottes. Deshalb wünschen wir uns, dass sie zum Ursprung dieser Elternschaft finden können: zum Vaterherz Gottes. Nur dort wird ihre tiefste Sehnsucht wirklich gestillt werden.

Zusätzlich haben wir angefangen, ab und zu Elternabende anzubieten. So hoffen wir, mit der Zeit auch die Eltern auf ihre Aufgabe und Verantwortung anzusprechen. Das ist nicht einfach: viele von ihnen haben ja ihrerseits auch kein elterliches Vorbild gehabt. Und jahrzehntealte Vorstellungen und Gewohnheiten ändern sich nicht leicht. Wir werden sehen, was daraus wird…

Anscheinend ist wirkliche „Familie“ tatsächlich nur da möglich, wo die Kultur von der Offenbarung Gottes erleuchtet wird. Alfred Edersheim, ein grosser Kenner der Antike und des antiken Judentums, schreibt (in „Sketches of Jewish Social Life“):

„Aber wenn wir die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Jungen und Alten betrachten, dann erscheint der riesige Unterschied zwischen Judentum und Heidentum am auffälligsten. Sogar die Beziehung, in der Gott selber sich seinem Volk vorstellte, als ihr Vater, verlieh den Banden zwischen irdischen Eltern und ihrem Nachwuchs eine besondere Stärke und Heiligkeit.“
(Kap.6)

Und etwas weiter unten:

„So ungewöhnlich es auch klingt: Ausserhalb der Grenzen Israels konnte man kaum von einem wirklichen Familienleben sprechen; nicht einmal von Familie wie wir sie verstehen. Es ist bedeutungsvoll, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus es als etwas Aussergewöhnliches unter den Juden hervorhebt – ein Merkmal, das sie einzig mit den alten barbarischen Germanen gemeinsam hatten -, dass sie es als ein Verbrechen betrachteten, ihren Nachwuchs zu töten!
Es ist hier nicht Raum, das Aussetzen von Kindern zu beschreiben, oder die verschiedenen Verbrechen, mit denen die alten Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Kultur versuchten, die aus ihrer Sicht überflüssige Bevölkerung loszuwerden. Wenige, die gelernt haben, die klassische Antike zu bewundern, haben wirklich eine Ahnung von ihrem sozialen Leben – weder über die Stellung der Frau, noch über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, noch über die Sklaverei, die Kindererziehung, die Beziehung der Kinder zu den Eltern, oder den Zustand der öffentlichen Moral. (…) Und all das nicht nur als die Zustände unter den niederen Bevölkerungsschichten, sondern völlig zu eigen gemacht und gutgeheissen von jenen, deren Namen zu allen Zeiten bewundert wurden als Denker, Weise, Dichter, Historiker und Staatsmänner. Paulus‘ Beschreibung der alten Welt im ersten und zweiten Kapitel des Römerbriefs muss jenen, die wirklich dort lebten, noch als zart und mitleidsvoll erschienen sein; das vollständige Bild ans helle Licht zu bringen, wäre unerträglich gewesen. Für eine solche Welt gab es nur die Alternative: entweder das Gericht von Sodom, oder das Erbarmen des Evangeliums und die Heilung durch das Kreuz.“
(Kap.8)

Das wurde übrigens vor mehr als hundert Jahren geschrieben. Was würde Edersheim heute sagen, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur inzwischen den Zuständen des alten Rom bedenklich nahe gekommen ist?

Ausbildung der Kinder zuhause („Homeschooling“) nach Raymond Moore

23. Juli 2009

Die Vorschläge von Raymond und Dorothy Moore sind jene, die uns am meisten überzeugt haben. Sie können sich auf eine immense Zahl von Forschungen abstützen, und dazu auf ihre eigene langjährige Erfahrung als Lehrer, Schulpsychologen und -direktoren, und Eltern. Dadurch kamen sie zum Schluss:

Erziehung der Kinder zuhause („Homeschooling“) ist:
– das Beste für eine gesunde Entwicklung der Kinder,
– möglich und gar nicht so schwierig für die Eltern, unabhängig von deren schulischem Niveau,
– kein „Schulunterricht zuhause“, sondern etwas viel Natürlicheres und Kindgemässeres.

Ich gebe zu, unsere eigene Anwendung der nachfolgenden Prinzipien ist nicht ideal. Aufgrund unserer Lebensumstände haben wir auch keine „Mentoren“ o.ä. in unserer Nähe, die uns in dieser Hinsicht helfen könnten. Aber unsere Kinder lernen trotz unserer Unzulänglichkeiten. Und vielleicht können gerade unsere „halbfertigen“ und pionierhaften Erfahrungen andere Eltern ermutigen, die ihren Kindern eine gesunde Entwicklung und Lernerfahrung abseits vom schulischen Druck bieten möchten. Deshalb gedenke ich weiterhin ab und zu in der Rubrik „Aus der Schule geplaudert“ einige unserer Erfahrungen zu berichten.

Nachstehend also die „Moore-Formel“, wie sie von Raymond Moore auf seiner Homepage (http://www.moorefoundation.com/) beschrieben wird:

Die Moore-Formel

Wie man mit wenig Stress, wenig Aufwand und grossem Erfolg Kinder unterrichten kann.

(…)

DIE FORMEL:
1) Lernen,
von wenigen Minuten bis zu einigen Stunden am Tag, je nach der Reife des Kindes.
2) Körperliche und Handarbeit, mindestens so viel wie Lernen.
3) Dienst zuhause oder am Wohnort, etwa eine Stunde täglich.
Konzentrieren Sie sich auf die Interessen und Bedürfnisse der Kinder; seien Sie ein Beispiel an Ausdauer, Neugier und Geduld. Leben Sie mit ihnen! Sorgen Sie sich weniger um Prüfungen. Wenn Sie Ihre Kinder lieben und lesen, schreiben, zählen und klar sprechen können, dann sind Sie mit der Moore-Formel ein meisterhafter Lehrer.

LERNEN: Moore bietet einige Lehrgänge zum selber Entdecken an. Benutzen Sie weniger Schul- und Arbeitsbücher. Im allgemeinen sind die Eltern die besten Lehrer für ihre Kinder. Eine Untersuchung des Smithsonian-Instituts über zwanzig Genies der Weltklasse hob drei Faktoren in ihrer Entwicklung hervor:

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