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Warum wird die Frau „durch Kindergebären gerettet“?

25. August 2015

1.Timotheus 2,15 ist einer der rätselhaftesten Aussprüche im Neuen Testament. Ich zitiere ihn hier mit den vorhergehenden und den nachfolgenden Versen, um den Zusammenhang im Blick zu behalten:

„Zu lehren erlaube ich einer Frau nicht, noch über den Mann zu herrschen; sondern dass sie in Ruhe sei. Denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva. Und Adam wurde nicht getäuscht, sondern die Frau kam in Übertretung, indem sie getäuscht wurde. Sie wird aber gerettet werden durch das Kindergebären, wenn sie in Glauben (bzw. Treue), Liebe und Heiligung bleibt mit Mässigkeit (oder: Besonnenheit). Treu ist das Wort. Wenn jemand einen Aufseherdienst anstrebt, verlangt er nach einem guten Werk. Der Aufseher soll nun unbescholten sein, Mann einer Frau, nüchtern, mässig (oder: besonnen), ordentlich, gastfreundlich, fähig zu lehren, kein Trinker, kein Raufbold, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht das Geld liebend, der seiner eigenen Familie gut vorsteht, der Kinder hat in Unterordnung, mit aller Ehrbarkeit; denn wer seiner eigenen Familie nicht vorzustehen weiss, wie kann er für die Versammlung Gottes sorgen?“
(1.Timotheus 2,12-3,5)

Nun haben es schon viele Ausleger unternommen, diesem Wort einen Sinn abzugewinnen, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Ich wage deshalb nicht zu behaupten, meine Ausführungen hierzu seien der Weisheit letzter Schluss. Ich möchte lediglich ein paar Gedanken dazu weitergeben, insbesondere vor dem Hintergrund dessen, was ich in „Das biblische Konzept der Familie“ näher ausgeführt habe.

Warum soll eine Frau Kinder gebären? – Zuerst einmal, weil dadurch das allererste Gebot Gottes an den Menschen erfüllt wird, der Ur-Auftrag Gottes an das erste Menschenpaar und alle folgenden: „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ (1.Mose 1,28). Mutterschaft ist nach Gottes Willen das eigentliche Wesen der Weiblichkeit. Das wird in 1.Mose 3,20 nochmals unterstrichen: „Und der Mensch nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller Lebenden.“ Bedeutsamerweise wurde das gesagt, noch bevor das erste Kind gezeugt wurde.

Seit Adam und Eva, durch das ganze Alte Testament hindurch, war ausserdem jede Geburt ein Vorzeichen auf die Geburt des Messias hin. Gott hatte verheissen, dass durch den „Samen der Frau“ der Kopf der Schlange zertreten würde (1.Mose 3,15). Jede Frau, die ein Kind zur Welt bringt, verkündet damit zeichenhaft Gottes Erlösungsplan. Das mag mit ein Grund sein, warum durch die ganze Bibel hindurch Kinderreichtum als ein Segen, Kinderlosigkeit dagegen als ein Fluch gilt.

Im Abschnitt, der unserem Vers vorangeht, verbietet Paulus einer Frau das „Lehren“, und „über den Mann zu herrschen“. – Ich halte es für müssig, hier eine Diskussion darüber zu beginnen, ob eine Frau „predigen“ dürfe oder nicht. „Predigten“ im heutigen kirchlichen Sinn waren nämlich im neutestamentlichen Gemeindeleben ohnehin eine Ausnahme; das gab es fast nur, wenn ein Apostel oder ein reisender Lehrer zu Besuch kam. Auch die Männer – inbegriffen Älteste – „predigten“ in den normalen Gemeindeversammlungen kaum je. Die Ältesten hatten vor allem die Aufgabe, die Beteiligung aller (!) Anwesenden zu „moderieren“, und wo nötig zu ermutigen, zu ermahnen und zu korrigieren; evtl. auch im gemeinsamen Gespräch geistliche Wahrheiten zu lehren; aber nicht im Alleingang eine „Predigtversammlung“ zu halten.
– Frauen beteten und prophezeiten in den neutestamentlichen Gemeindeversammlungen (1.Korinther 11,5, Apostelgeschichte 21,9). In 1.Timotheus 5,5.10 werden u.a. als Beiträge der Frauen erwähnt: Gebet, Gastfreundschaft, Taten der Barmherzigkeit. Paulus hat also nicht die aktive Beteiligung der Frauen grundsätzlich verboten. Deshalb sollte auch das Wort „häsychía“, das ich oben mit „Ruhe“ wiedergegeben habe, nicht mit „Schweigen“ übersetzt werden. Das griechische Wort für „Schweigen“ ist ein anderes („sigáo“). „Häsychía“ hat vielmehr einen Beiklang von Zufriedenheit, Ungestörtheit, Eintracht, u.U. auch Andächtigkeit.

Was Gottes Wort aber hier verbietet, ist in erster Linie das „Herrschen“ der Frau; insbesondere ihr Herrschen über den Mann. Anscheinend haben Frauen von Natur aus gewisse Eigenschaften, durch die sie weniger geeignet sind als Männer, Leiterschaft auszuüben. (Paulus verweist als Beleg wieder auf Adam und Eva zurück.) Das auszusprechen ist keine Frauenfeindlichkeit, sondern einfach die Anerkennung der Tatsache, dass es grundsätzliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Die Frauen sollen „in Ruhe“ leben dürfen, d.h. ohne von eigenen Herrschaftsansprüchen und ehrgeizigen Ambitionen umgetrieben zu werden.

Und genau hier bringt Paulus nun – auf den ersten Blick zusammenhangslos – das Kindergebären ins Spiel. Könnte die Bedeutung darin liegen, dass Ehe und Mutterschaft (worin die Frau ihren Ur-Auftrag erfüllt) gewisse naturgegebene Schwächen der Frau aufhebt oder zumindest mildert, und zugleich ihre naturgegebenen Stärken potenziert und zu grösserer Geltung bringt? (Berücksichtigen wir, dass das Wort „gerettet werden“ nicht unbedingt die ewige Errettung bedeuten muss; es kann auch übersetzt werden mit „geholfen werden“ oder „geheilt werden“.)

„Mütterlichkeit“ ist ja sehr nahe verwandt mit den Bedeutungsnuancen, die ich oben für „häsychía“ angegeben habe. Zusätzlich könnte man hier noch anfügen: Geduld; Zuwendung; Einfühlsamkeit; Barmherzigkeit; Trost spenden; u.a.m. Nun entwickeln sich aber diese „mütterlichen“ Eigenschaften insbesondere in der Ehe und in der Mutterschaft; und inbesondere dann, wenn eine Frau diese bewusst als ihre Berufung annimmt und ausübt.

Als einen Erfahrungswert vom sogenannten „Missionsfeld“ möchte ich hier noch anführen, dass besonders ungute Einflüsse jeweils dort spürbar wurden, wo eine unverheiratete, kinderlose Frau eine Leiterschaftsposition innehatte. Sie hat nie gelernt, in der Ehe mit einem Mann zusammenzuleben und sich ihm unterzuordnen; und sie hat nie die Fürsorge und Barmherzigkeit einer Mutter für ihre Kinder entwickelt. Die ganze so wichtige Beziehungs- und Charakterschule, die in Ehe und Familie stattfindet, hat sie nie erlebt. Dieser Mangel an Mutterschaft drückt sich dann aus in ihrer Art, Leiterschaft auszuüben, und färbt auf ihre ganze Umgebung ab. Dann gibt es Zwietracht, Parteilichkeit, Verrat, Manipulation, Gemeindespaltungen, Verheimlichung von Sünden und Verbrechen, u.a.m. Und wenn sie sich anmassen, Ehen und Familien zu beraten oder sogar darüber zu bestimmen, dann gibt es viele zerrüttete Familien.
Ich habe oben schon angemerkt, dass das Neue Testament manche andere Möglichkeiten erwähnt, wie Frauen – auch unverheiratete Frauen – nach ihren Kräften und Gaben in der Familie Gottes dienen können. Aber insbesondere wenn sie nicht „durch Kindergebären heil geworden sind“, dann sollten sie sich des Leitens und des Herrschen-Wollens enthalten, zu ihrem eigenen Besten und zum Besten ihrer Umgebung. Organisationen – besonders Missionsgesellschaften -, die solche Frauen in Leiterschaft hieven, leisten der Sache Gottes einen Bärendienst.

Damit stimmt überein, dass auch die „Ältestinnen“ in Titus 2,3-5 selbstverständlich verheiratet waren und Kinder grossgezogen hatten. Wie könnten sie sonst „die jüngeren Frauen anleiten, ihre Männer und Kinder zu lieben“ usw.? Was man selber nie ausgeübt hat, dazu kann man auch niemanden anleiten.

Wie steht es dann mit den Männern? – Unser Abschnitt in 1.Timotheus 2 geht weiter mit den Anforderungen an „Aufseher“, also Leiter in der Gemeinde.

Zwei Anmerkungen:
1. Das griechische Wort für „Aufseher“ ist „epískopos“, wovon unser Wort „Bischof“ herkommt. Es so zu übersetzen, würde aber einer völlig falschen Vorstellung davon Raum geben, was ein „Aufseher“ zur Zeit des Neuen Testaments war. Wie die Parallelstelle Titus 1,5-7 zeigt, war „Aufsicht“ ein Aspekt der Leiterschaft, die von den Ältesten ausgeübt wurde. Es gab also damals neben der Ältestenschaft nicht noch ein anderes, gleich- oder gar höhergestelltes „Bischofsamt“.
2. Unsere Bibelausgaben beginnen nach dem Vers über das Kindergebären ein neues Kapitel. Aber Paulus schrieb seine Briefe ohne Kapitel- und Verseinteilung. Die erst später eingeführte Trennung der Kapitel reisst manchmal Zusammengehöriges auseinander und hindert uns damit, den Gesamtzusammenhang zu sehen. So auch hier: Im Kapitel 2 spricht Paulus zwar ab Vers 8 über „Männer und Frauen“; aber schon in den Versen 11 und 12 (Stichworte „Unterordnung“ und „herrschen“) beginnt der Übergang zum Thema „Leiterschaft“, das sich dann im Kapitel 3 fortsetzt. Wir müssen deshalb den Anfang von Kapitel 3 in unserer Betrachtung mit berücksichtigen.

Der Aufseher soll „Mann einer Frau“ sein. Aufgrund langjähriger Gewöhnung (sowie der römisch-katholischen Tradition) setzen viele hier in Gedanken automatisch hinzu: „Mann höchstens einer Frau“ – als ob es einzig um ein Verbot der Vielweiberei gehe, ein Mann keiner Frau aber durchaus Aufseher sein könne. Doch gibt es keine Hinweise darauf, dass Vielweiberei in den damaligen Gemeinden häufig (oder überhaupt) vorgekommen wäre, sodass eine solche Bedingung ausdrücklich ausgesprochen werden müsste.
Erinnern wir uns, dass die neutestamentliche Gemeindestruktur, genauso wie die jüdische Gesellschaftsstruktur, wesentlich und grundlegend auf der Familie beruht. Verse 4 und 5 machen es dann vollends klar, dass ein Ältester bzw. Aufseher Familienvater sein muss. Sonst könnte er nicht „seiner eigenen Familie gut vorstehen“. Dies ist aber (gemäss Vers 5) eine Bedingung dafür, der Versammlung Gottes vorzustehen. – Gleiches galt übrigens schon für das (politische) Ältestenamt im alten Israel.

Manche wenden hier ein, Paulus sei selber unverheiratet gewesen. Aber Paulus war ein Rabbiner, und ein Rabbiner musste in der Regel verheiratet sein! Wenn also Paulus zur Zeit seiner Missionsreisen keine Frau hatte, dann ist die naheliegendste Schlussfolgerung, dass er Witwer war. (Er muss damals schon um die fünfzig gewesen sein.) Es wäre sonst auch nicht vorstellbar, wie er in seinen Briefen Ratschläge und autoritative Weisungen über Ehe und Familie erteilen könnte. Das pharisäische „sagen und es nicht tun“ (Matthäus 23,3) hat keinen Platz im neutestamentlichen Christentum. Somit müssen wir davon ausgehen, dass Paulus in Tarsus viele Jahre lang durch Ehe und Familienleben geschult wurde, bevor er zu seinen Reisen aufbrach.

Es gilt also für Frauen und Männer gleichermassen: Ehe und Familie sind äusserst wichtige Vorbedingungen, um eine ernsthafte Leitungsverantwortung auf eine Gott wohlgefällige Weise wahrnehmen zu können. 1.Timotheus 3,4-5 wirft in dieser Hinsicht weiteres Licht auf unseren Vers 2,15. Was Mutterschaft für die Frau ist, das ist Vaterschaft für den Mann. Und auch hier gilt: Nur wer als Mann die Ehe und Vaterschaft als seine vorrangige Berufung von Gott annimmt, wird auch deren vollen Segen erfahren.

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„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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Ferienprogramm 2013

7. März 2013

Wieder ist ein Kinder-Ferienprogramm zu Ende gegangen. Hier in Perú sind die grossen Schulferien im Januar und Februar. Viele Kinder haben aber gar keine Ferien: Wenn sie nicht von ihrer Schule zum Nachholunterricht aufgeboten werden, dann werden sie von ihren Eltern an eine der vielen existierenden „Ferien-Akademien“ geschickt. Diese sind im Grunde nichts anderes als eine Fortführung derselben geisttötenden Schulmethoden während der Ferien – nur dass damit erst noch ein Geschäft gemacht wird.

Manche Eltern suchen uns aus demselben Grund auf: sie möchten, dass ihr Kind schulisch „nicht zurückbleibt“ und deshalb auch in den Ferien weiter „lernt“. Wir müssen deshalb viele Gesprächsstunden und Elternabende darauf verwenden, den Eltern zu erklären, dass Kinder, wenn sie sich gesund entwickeln sollen, auch Zeiten der Erholung, des Spiels und der manuellen Arbeit nötig haben. Und dass sich die Intelligenz der Kinder kaum mit Schulbüchern und -heften entwickelt, sondern vielmehr mit praktischen Erfahrungen. (Siehe „Diese falsch verschalteten Gehirnzellen“ und „Wenn das Gehirn keine Hände hat“.) Es gibt einige wenige Eltern, die im Lauf der Jahre (!) dies allmählich zu verstehen beginnen. Andere jedoch entscheiden dann, ihre Kinder nicht zu uns zu schicken.
Interessanterweise ist es aber unsere Erfahrung, dass die Teilnehmer trotz der weniger „akademischen“ Natur unserer Programme deswegen in der Schule keinen Nachteil hatten, sondern im Gegenteil in der Regel in der Schule sogar besser mitkamen als ihre Kameraden, die ihre ganzen Ferien an einer „Akademie“ verbracht hatten.

Es gibt auch Eltern, die einfach jemanden suchen, der zu ihren Kindern schaut. Es scheint heutzutage kaum noch Eltern zu geben, die an ihre eigene Fähigkeit und Verantwortung glauben, ihre Kinder selber zu erziehen. Wie der spanische Kinderarzt Carlos González treffend sagte:

„Die Eltern denken anscheinend, ein Kind aufzuziehen sei eine professionelle Tätigkeit. D.h. dass ich, um mein eigenes Kind zu erziehen, eine Ausbildung machen müsse, mich anstrengen müsse, und da ich es schlussendlich wahrscheinlich doch nicht gut mache, so sehr ich mich auch anstrenge, so überlasse ich das Kind besser gleich einem Professionellen: einem Pädagogen, einem Kinderarzt, einem Psychologen, denn diese wissen, wie man Kinder hütet. Aber so ist es nicht. Die einzigen, die ihre Kinder gut erziehen können, sind die Eltern.
(Im Dokumentarfilm „La educación prohibida“ – vielleicht werde ich ein anderes Mal mehr darüber schreiben.)

Womit natürlich nicht gesagt werden soll, Kindererziehung sei „einfach“ oder benötige keinerlei „Vorbereitung“. Aber diese Vorbereitung besteht bestimmt nicht in der Art und Weise, wie heutzutage berufsmässige Lehrer trainiert werden.

Zurück zum Ferienprogramm. So sind wir also nicht einfach „Programm-Anbieter“, sondern für manche Kinder müssen wir regelrecht Ersatzeltern sein. (Was einschliesst, dass sie z.B. ab und zu bei uns zu Mittag essen oder auch nachmittags, ausserhalbs des Programms, bei uns sind.) – Noch trauriger sind die Fälle, wo Kinder ohne Wissen der Eltern von zuhause fortlaufen, um bei uns zu sein, weil sie sich zuhause nicht wie in einer Familie fühlen. Auch dieses Jahr hatten wir zwei solche Fälle. Im einen Fall hatten die Eltern ein Einsehen und liessen die Kinder „offiziell“ in unser Programm kommen; im anderen Fall leider nicht.

Nach mehreren Jahren solcher Ferienprogramme können wir inzwischen ein bestimmtes „Muster“ beobachten, wie sich Kinder in der Regel verhalten, wenn sie sich allmählich an eine Umgebung gewöhnen, die weitgehend frei von „Schulroutine“ ist. Während der ersten zwei Wochen fühlen sich die meisten Kinder ziemlich ratlos und verloren, wenn sie sich selber eine Tätigkeit, ein Arbeitsmaterial oder ein Spiel aussuchen sollen. (Besonders die grösseren, die schon mehr Schuljahre auf dem Buckel haben.) Sie stehen dann einfach herum und warten, bis jemand ihnen sagt, was sie zu tun haben. Oder sie sehen passiv anderen Kindern zu, die bereits eine Beschäftigung gefunden haben, die sie interessiert. Einige bringen auch von zuhause Schulaufgaben mit, die sie dann – offensichtlich lustlos – lösen. (In diesen Fällen sagen wir den Eltern, sie sollen den Kindern keine solchen Aufgaben mehr mitgeben.)
In dieser Phase sind es oft unsere eigenen Kinder, die irgendein Projekt „anreissen“ (Bastelarbeit, Experiment, Spiel, usw.), worauf die anderen Kinder auch mitmachen möchten. – Manchmal halte ich auch freiwillige anschauliche „Schulstunden“ (aber nur kurz, höchstens eine halbe Stunde) über ein Thema, bei dem viele Kinder in der Schule Mühe haben (meistens aus der Mathematik), und gebe ihnen dann eine praktische Tätigkeit oder eine Forschungsaufgabe im Zusammenhang damit.

Etwa nach zwei Wochen beginnen sich die meisten Kinder etwas freier zu fühlen. Meistens entdecken sie dann, dass sie auch spielen dürfen, und nützen dies nach Kräften aus. So verbringen sie den grössten Teil der freien Arbeitszeit (d.h. die ersten zwei bis drei Stunden des Morgens) mit Brett-, Karten- oder Würfelspielen, oder auch mit Spielen im Freien. (Dabei lernen sie mehr, als ihnen selber bewusst ist. Die meisten solchen Spiele wie Dame, Mühle, Schach, Quartett, usw, erfordern strategisches und mathematisches Denken in einer Art und Weise, wie sie bei Schulaufgaben kaum gefördert wird.)
Diese „Spielphase“ dauert bei den meisten Kindern zwischen zwei und vier Wochen. Dieses Jahr hatten wir zwei Schüler, die während den Ferien dreimal in der Woche zwei Stunden Nachholunterricht an ihrer Schule hatten, weil sie in einem Fach eine ungenügende Note gehabt hatten. Bezeichnenderweise kamen diese während des ganzen Ferienprogramms nicht aus der Spielphase heraus.

Wenn dann das Spielbedürfnis der Kinder gestillt ist, treten einige von ihnen in eine kreative Phase ein: Sie beginnen Experimente zu machen oder sogar eigene Experimente zu erfinden; zeichnen, malen und basteln; oder erfinden eigene Spiele. In dieser Phase beobachten wir auch bei einigen das, was Maria Montessori die „Normalisation“ nennt: Sie sind dann in der Lage, bis zu drei Stunden am Stück interessiert und konzentriert an einem Projekt zu arbeiten, benötigen nur wenig Anleitung und Hilfe von uns Erwachsenen, und so gut wie keine disziplinarische „Aufsicht“. In dieser Phase beginnen manche Kinder auch von sich aus und mit neuer Freude mit eher „schulischen“ Arbeitsblättern oder Materialien zu arbeiten.
Besonders der Ausdruck von Kreativität, etwas „Eigenes“ zu zeichnen oder zu basteln, ist für die Kinder ein sehr grosser Schritt. Sie sind sich derart an das sture Abschreiben und Abzeichnen von Vorlagen gewöhnt – und ausserdem daran, dass andere Kinder und auch die Lehrer ständig nur ihre Werke kritisieren und darüber lachen -, dass sie sich kaum getrauen, von sich aus etwas zu zeichnen. (Das wurde sehr treffend beschrieben von Helen E.Buckley in „Traurige Geschichte von einem kleinen Jungen“.) Wenn sie im Ferienprogramm so weit kommen, ihre diesbezüglichen Hemmungen zu überwinden, so betrachte ich das als einen grossen pädagogischen Erfolg.

Multiplikation und Division mit Flaschendeckeln.

Diese Schülerin – die in der Schule grosse Probleme hat in Mathematik – war nach der Herstellung ihres eigenen Brettspiels sehr erstaunt, als ich ihr erklärte, sie hätte dabei eine Menge Geometrie geübt.

Das wäre der Moment, wo wir gerne mit den Kindern so weiterarbeiten würden, und wo sie bestimmt vieles lernen könnten – auch „Schulstoff“, aber auf anregendere und praktischere Weise als in der Schule. Nur beginnt leider diese Phase bei den meisten Kindern erst kurz vor Ende der Ferien, und manche kommen gar nicht so weit – und dann müssen sie wieder zur Schule gehen. Wir suchen deshalb weiterhin nach Wegen, wie wir mit Kindern arbeiten können, die gar nicht zur Schule gehen: Kinder, die ein Zwischenjahr einschalten (letztes Jahr hatten wir ein solches, und dieses Jahr werden wir voraussichtlich auch wieder zwei solche haben); Förderung von Homeschooling; oder evtl. Gründung einer alternativen Schule.

Von den angebotenen Wahlkursen war wie letztes Jahr Kochen am beliebtesten. Nicht unbedingt, weil die Kinder so gerne kochen würden – aber sie geniessen das anschliessende gemeinsame Mittagessen. Die meisten von ihnen haben zuhause keine gemeinsamen Essenszeiten in der Familie: jeder isst, wann er will; oder die Eltern sind nicht zuhause und lassen den Kindern eine Mahlzeit zum Aufwärmen in der Küche, oder schicken sie in ein Restaurant.

Der zweit-beliebteste Wahlkurs war die Herstellung von Trickfilmen. Da konnte sich auch die Kreativität der Kinder entfalten. Zuerst lernten sie einige Arten kennen, wie man Trickfilme herstellen kann: auf Papier gezeichnete; mit Figuren gelegte; mit Plastillin geformte; am Computer entworfene. Am meisten gefiel ihnen das Material „Plastillin“. Sie stellten mehrere Kürzest-Trickfilme her sowie zwei etwas längere, sogar mit Ton. (Hier ein Link zu einem der Tonfilme – natürlich ist er auf Spanisch.) Hier ein paar Muster aus unserem völlig unprofessionellen Studio:

arbol

pelota

puente

Wir konnten auch einige interessante Ausflüge machen. Einige führten uns aufs Land, wo wir Blumen untersuchen oder einen Orientierungslauf machen konnten. Andere hatten interessante Arbeitsplätze zum Ziel: eine Textilfabrik; sowie die Werkstatt eines Kürschners, der Pelztiere und -mützen aus Lama- und Alpaca-Fellen herstellt, die er selber gerbt. Beide Ausflüge waren sehr interessant für die Kinder.

Leider stellten wir bei den Schülern nur wenig Offenheit für den christlichen Glauben fest. Nicht dass sie Glaubensinhalte direkt ablehnen würden – sie sind einfach gleichgültig. Die meisten hören gern biblische Geschichten, und „theoretisch“ sind sie auch damit einverstanden, dass Gottes Gebote gelten und dass das Opfer Jesu zu unserer Erlösung notwendig ist. Sie sehen einfach anscheinend keinen Anlass, dies mit ihrem eigenen Leben zu verbinden. Wir hatten dieses Jahr nur wenige persönliche Gespräche über Glaubensfragen.
Wir haben ständig einen „Fragebriefkasten“ aufgestellt, wo die Schüler anonym Fragen einwerfen können zu persönlichen oder familiären Problemen, zu Glaubensfragen, und zum Leben überhaupt. Dieses Jahr blieb der Briefkasten während der ganzen Ferien gähnend leer!

Auch die Teenager, bei denen man von ihrem Alter her noch eher eine Auseinandersetzung mit Fragen über die Zukunft, den Sinn des Lebens, Werte, usw. erwarten würde, scheinen mehrheitlich nur daran interessiert zu sein, den Übertritt ins nächste Schuljahr zu schaffen und später eine höhere Ausbildung machen zu können – irgendeine, egal welche, Hauptsache, es gibt ein Diplom dafür.

Die Situation erinnert mich stark an die Analyse Francis Schaeffers über die amerikanische Gesellschaft der siebziger Jahre. Diese Worte scheinen mir heute noch mehr zuzutreffen als damals, und auch hier in Perú:

„Allzuoft geschah es, dass Studenten der frühen sechziger Jahre, wenn sie ihre Eltern fragten, warum man sich ausbilden lassen solle, darauf – zwar nicht immer expressis verbis, aber doch recht verständlich – die Antwort erhielten: ‚Weil statistisch gesehen ein Akademiker ein höheres Jahreseinkommen hat.‘ Und wenn sie dann fragten, weshalb man mehr verdienen solle, sagte man ihnen: ‚Damit du deine Kinder auf die Universität schicken kannst.‘ Bei dieser Art von Antwort (…) hatte weder der Mensch noch die Ausbildung einen Sinn.
(…) Nach dem Tumult der sechziger Jahre dachten viele Leute am Anfang der siebziger Jahre, dass die Zeiten nun viel besser seien, nachdem die Universitäten sich beruhigt hatten. Ich dagegen hätte weinen können. Wenn die jungen Menschen (d.h.die Revolutionäre der 68er-Jahre) auch falsche Lösungen anboten, so hatten sie doch mit ihrer Analyse recht. Es war viel schlimmer, als viele nun die Hoffnung aufgaben und einfach die Werte ihrer Eltern übernahmen – persönlichen Frieden und Wohlstand. (…) In der Revolte gegen ihre Eltern kamen die Jugendlichen in einer Kreisbewegung an ihren Ausgangspunkt zurück und landeten oft auf einem tieferen Niveau mit genau denselben kümmerlichen Werten: ihrem eigenen persönlichen Frieden und ihrem eigenen Wohlstand.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Schaeffer sagt auch voraus, was eine solche Einstellung für gesamtgesellschaftliche Folgen haben wird, nämlich den Verlust der Freiheit. Diese Voraussage ist tatsächlich schon weitgehend eingetroffen, obwohl die wenigsten Menschen in der westlichen Welt sich dessen bewusst sind:

„Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der ’schweigenden Mehrheit‘, Junge und Alte, den Verlust von Freiheiten hinnehmen werden, ohne ihre Stimme zu erheben, solange ihr persönlicher Lebensstil nicht bedroht ist. Und da persönlicher Friede und Wohlstand die einzigen Werte sind, die für die Mehrheit zählen, wissen die Politiker, dass sie nur diese Dinge versprechen müssen, um gewählt zu werden. Politik ist heute weithin nicht mehr eine Angelegenheit von Idealen – Männer und Frauen werden in zunehmendem Masse nicht mehr von den Werten „Freiheit“ und „Wahrheit“ bewegt -, sondern man versucht sich eine Wählerschaft sicherzustellen, indem man den Leuten die ‚Sahnetorte‘ ‚persönlicher Friede‘ und ‚Wohlstand‘ anbietet. Die Politiker wissen, dass sich so lange kein Protest erheben wird, wie die Menschen diese Werte oder zumindest eine Fiktion dieser Werte oder eine Hoffnung darauf haben.“
(Schaeffer a.a.O.)

In unseren Ferienprogrammen möchten wir u.a. den Kindern zeigen, dass das Leben nicht darin bestehen muss, einfach ein „Rädchen im Getriebe“ zu sein. Wir möchten ihnen helfen, vor Gott richtige Entscheidungen zu treffen (das war das übergreifende Thema der „Bibelzeit“ mit der älteren Gruppe während diesen Ferien), und nicht einfach dem Strom der Zeit zu folgen. Aber wir müssen damit rechnen, dass schon dies in näherer Zukunft als „subversiv“ oder zumindest „politisch inkorrekt“ betrachtet werden wird …

Ferienprogramm und „aktive Schule“

15. März 2011

Wieder beginnt (hier in Perú) ein neues Schuljahr. Die grossen Schulferien umfassen hier die Monate Januar und Februar. Für uns sind die Ferien jeweils eine Gelegenheit, unseren „Aufgabenhilfe-Kindern“ ein alternatives Programm anzubieten, frei vom Schulstress und von der schulischen Gleichmacherei.

Leider sind es jedes Jahr weniger Kinder, die dieses Angebot wahrnehmen können, denn die meisten Kinder haben effektiv kaum noch Ferien. Weil sie die völlig unrealistischen Lernziele der Schule nicht erreichen können, müssen sie an schulischen Ferienprogrammen teilnehmen, die nichts anderes sind als eine Fortsetzung des Schulunterrichts während der Ferien – aber von den Eltern zusätzlich bezahlt werden müssen. Man meint also, dieselbe Art Unterricht, die während des Jahres die Schüler nur überfordert und verwirrt, müsste Erfolg haben, wenn sie während den Ferien weitergeführt wird.

In der ersten Januarwoche kamen gegen zwanzig Kinder zu uns. In den folgenden Ferienwochen hörte aber eins ums andere auf zu kommen, bis nur noch zehn übrigblieben: „Meine Eltern sagen (oder „meine Lehrerin sagt“), ich müsse zur Schule gehen.“ – Der Gipfel der Ironie war, als eines Tages der Vater eines dieser Kinder wieder mit seinem Sohn bei uns vor der Tür stand: „Bitte helfen Sie meinem Buben, er kann die Aufgaben nicht lösen, die er in der Ferienschule bekommt…“ (Das war einer der Fälle, wo der Lehrer gesagt hatte, dieser Bub müsse in den Ferien zur Schule gehen, da er nur so seinen Rückstand aufholen könne.) Wir sagten dem Vater, er solle dem Lehrer ausrichten, wenn er schon der Meinung sei, der Bub hätte seinen Unterricht so sehr nötig, dann solle er ihn wenigstens so unterrichten, dass der Bub etwas versteht. – Vielleicht war es nicht ganz nett, das zu sagen. Aber ich denke, irgendjemand muss doch diesem Vater helfen zu verstehen, wie unsinnig es ist, seinen Sohn sogar in den Ferien an eine Schule zu schicken, wo er nichts lernt! (Letztlich hat auch diese Angelegenheit einen geistlichen Hintergrund. „Schule“ und „Bildung“ ist einer der mächtigsten Götzen hier in Perú; und wenn wir wollen, dass die Leute den wahren Gott kennenlernen, dann müssen sie auch aufhören, diesen Götzen anzubeten.)

Inzwischen erfuhr ich von einem interessanten Schulprojekt in Ecuador. Rebeca und Mauricio Wild sind ein deutsch-ecuatorianisches Ehepaar, die eine alternative Schule aufgebaut haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Erziehung zum Sein“, und in mehreren nachfolgenden Büchern. Ihr Ansatz ist ziemlich ähnlich wie die „Moore-Formel“, übertragen auf die Umgebung einer Schule (die sie jedoch nicht „Schule“ nannten, sondern „pädagogisches Experimentierzentrum“). Die Wilds sind zwar keine Christen, aber sie haben mit uns (und mit den Moores) zwei wichtige Überzeugungen gemeinsam: dass der Auftrag und die Verantwortung zur Kindererziehung den Eltern zukommt, nicht dem Staat; und dass Kinder gemäss ihrem eigenen Entwicklungsstand und ihrer Eigenart ausgebildet werden sollen, nicht nach einem starren und gleichmacherischen Lehrplan. Insbesondere der formale Schulunterricht ist überhaupt nicht kindgemäss (zum wissenschaftlichen Hintergrund darüber siehe „Einschulung: Besser spät – oder nie – als früh“).

Dass sie sich trotzdem nicht dem „Homeschooling“ zuwandten, hatte, wie sie in ihrem Buch berichten, vor allem kulturelle Gründe: Sie beobachteten, dass die ecuatorianischen Eltern derart abhängig waren vom staatlichen Schulsystem, dass sie auf keine Art und Weise dazu zu bewegen wären, ihre Kinder selber auszubilden. – Dasselbe beobachten wir hier in Perú, wo die Kultur nicht viel anders ist als in Ecuador. Die Eltern sind weder gewillt, noch halten sie sich für fähig, ihre Kinder selber zu erziehen. Schon im Babyalter werden die Kinder abgeschoben an Onkel und Tanten, Grosseltern, ältere Geschwister, oder in eine Kinderkrippe. Ausserdem haben sowohl Eltern wie Lehrer eine sklavische Ehrfurcht vor den staatlichen Bildungs-Gurus und folgen blindlings deren Rezepte zur Zwangsverschulung. Rebeca Wild beschreibt prägnant die Auswirkungen dieses Systems auf die Schüler:

„Die ’schlauen‘ Kinder lernen alle möglichen Tricks, damit die Erwachsenen den Eindruck schulischen Erfolgs gewinnen. Andere erfahren einen traurigen Zerfall ihrer Persönlichkeit; sie gewöhnen sich daran, mit einer ständigen Angst zu leben und zu lernen, und hassen das Lernen. Einige beginnen zu stottern, andere das Bett zu nässen, oder leiden an Kopf- oder Magenschmerzen. Nicht wenige hängen sich an die Drogen.“
(Rebeca Wild, „Erziehung zum Sein“, rückübersetzt aus der spanischen Ausgabe.)

Wir können diese (und andere ähnliche) Beobachtungen nur bestätigen. Während der letzten Monate des vergangenen Schuljahres stellten wir bei den Kindern eine zunehmende Nervosität, Erschöpfung, Verwirrung und Aggressivität fest, was es uns mit der Zeit fast unmöglich machte, weiter mit ihnen zu arbeiten. Obwohl diese Auswirkungen allen Lehrern und Eltern deutlich vor Augen stehen sollten, haben sie doch nur ein einziges Rezept dagegen: Noch mehr vom selben! (Im Oktober und November letzten Jahres mussten selbst Primarschüler täglich acht Stunden in der Schule verbringen.)

Worin besteht nun die „aktive Schule“?

Die Wilds nennen ihr Modell „aktive Schule“, weil die Kinder dazu angeregt werden, selber aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen, „Entdeckungen“ zu machen und kreativ zu sein – im Gegensatz zur traditionellen Schule, wo sie vor allem dazu angehalten werden, passiv zuzuhören und abzuschreiben, und einem vorgegebenen Lehrplan zu folgen. Die aktive Schule kennt keinen starren Lehrplan und keine Klasseneinteilung. Sie besteht hauptsächlich aus thematischen Arbeitsplätzen mit viel didaktischem und praktischem Material, das die Kinder zum Selber-Entdecken, Selber-Gestalten und Nachforschen einlädt. Erwachsene Betreuer helfen den Kindern beim Gebrauch der Materialien, und geben ihnen bei Bedarf weitere Anregungen; die Kinder können sich aber die Arbeitsplätze und Aktivitäten weitgehend selber aussuchen. So sind sie motivierter zum Lernen, weil sie gemäss ihren eigenen Interessen arbeiten können. Es gibt Arbeitsplätze zu traditionell „schulischen“ Themen wie Rechnen (v.a. mit Hilfe von konkreten Gegenständen), Messen und Wägen, Lesen und Schreiben (Bibliothek), usw; aber auch praktische Arbeitsplätze wie Küche, Schreinerwerkstatt, usw. Dazwischen gibt es z.T. angeleitete Aktivitäten wie Singen, Geschichten hören, Bastelarbeiten, Experimente, usw, die aber nicht obligatorisch sind.
Trotz der grossen Freiheit, die die Kinder geniessen, betonen die Wilds, dass es sich nicht um eine antiautoritäre Schule handelt: „Es gibt viele Mittelwege zwischen autoritär und antiautoritär.“ Ordnung wird aufrechterhalten mit Hilfe der Hausordnung, deren Einhaltung nicht nur von den Betreuern, sondern v.a. von den Kindern untereinander überwacht wird. Sie enthält Richtlinien z.B. zum respektvollen Umgang miteinander und zum achtsamen Umgang mit dem Lernmaterial. – Die strukturierten Materialen enthalten Anweisungen, wozu sie dienen; und Spiele haben natürlich ihre Spielregeln.

Von den Eltern wird erwartet, dass sie mindestens an einem Morgen pro Monat ebenfalls in der Schule anwesend sind, um ihre Kinder zu sehen und um die Arbeitsweise der Schule kennenzulernen.

Lernen denn die Kinder so überhaupt etwas? Natürlich – und auf dauerhaftere Weise als in der traditionellen Schule. Ein Beispiel dafür sind unsere eigenen Kinder, die täglich höchstens eine Stunde formellen „Unterrichts“ haben und dennoch (oder gerade deswegen) den meisten ihrer Altersgenossen im Verständnis weit voraus sind.
Rebeca Wild anwortet auf die Frage, was dann mit Kindern geschieht, die nie lesen oder schreiben lernen wollen: Systematische, vereinheitlichte Schulübungen sind längst nicht die einzige Art, wie lesen und schreiben gelernt werden kann. In unserer Kultur, wo auf Schritt und Tritt Geschriebenes anzutreffen ist, wird es jedermann fertigbringen, geschriebene Wörter zu entziffern, auch ohne formelle Ausbildung. Ein Kind lernt lesen und schreiben auf dieselbe Weise, wie es gehen und sprechen lernt: es probiert aus, sucht Vorbilder, die es nachahmen kann, und bittet um Hilfe, wo es nötig ist.

Wir beschlossen, unser diesjähriges Ferienprogramm weitgehend als „aktive Schule“ zu gestalten. (Wobei sich die Anwesenheit der Eltern nicht verwirklichen liess: sie sind „zu beschäftigt“, um sich um ihre Kinder zu kümmern…) Dazu mussten unsere Wohnräume neu geordnet werden, ein paar zusätzliche Materialien angeschafft oder selbst hergestellt werden, Spiel- und andere Anweisungen geschrieben werden. Als einzelne Familie sind unsere Möglichkeiten natürlich beschränkt; aber peruanische Kinder sind auch nicht so anspruchsvoll, sie fanden immer etwas Interessantes.

Wir waren gespannt, wie dieses Konzept funktionieren würde mit Kindern, die an die traditionelle Schule gewöhnt sind. Während der ersten Wochen hatten sie offenbar ganz einfach ein Bedürfnis nach Ferien. (Ist ja verständlich! Ihre letzten – kurzen – Ferien waren anfangs August gewesen.) Sie wollten vor allem draussen spielen und umherrennen. Wenn sie dann davon genug hatten, spielten sie mit Puppen oder begannen unsere Karten- und Brettspiele zu entdecken. Während dieser Zeit fanden einige Eltern, dieses Programm sei unnütz, ihre Kinder „spielten ja nur“. Genau zu der Zeit stand aber in der Zeitung ein Bericht über eine wissenschaftliche Untersuchung, wonach Brettspiele wie Schach, Dame usw. die Entwicklung bestimmter Gehirnregionen förderten, welche bei anderen Personen nicht entwickelt seien. Damit hatten wir immerhin ein gutes Argument.

Mit der Zeit begannen die kleineren Kinder auch „lehrreichere“ Materialien auszuprobieren wie z.B. Zählrahmen, Perlenketten und Cuisenaire-Stäbchen zum Rechnen; oder sie begannen auf einer alten Schreibmaschine zu tippen. Die grösseren Kinder, die schon mehrere Schuljahre hinter sich hatten, verblieben jedoch länger in der „Spielphase“ und hatten selten neue Ideen.

Etwa nach einem Monat stellte ich fest, dass manche Kinder jetzt länger, konzentrierter und ruhiger arbeiten konnten als am Anfang. Die meisten waren aber weiterhin „Mitläufer“, d.h. sie folgten einfach den Tätigkeiten anderer und hatten kaum eigene Ideen. Nur wenige waren dazu zu bewegen, neue Herausforderungen anzunehmen: „Das kann ich nicht.“ – „Komm, ich zeige dir, wie man es macht.“ – „Nein, ich kann das nicht.“ Ob es darum ging, ein Regenmessgerät herzustellen, unsere Temperaturmessungen graphisch darzustellen, eine unter dem Mikroskop beobachtete Zelle zu zeichnen, oder mit dem Metallbaukasten eine eigene Maschine zu konstruieren, die nicht im Prospekt steht – immer erhielt ich diese Standardantwort. Unsere eigenen Kinder waren die einzigen, die sich an solche neuen Projekte wagten; und einige andere begannen dann mitzumachen.
Um die Kinder auf neue Ideen zu bringen, begannen wir öfters einfach selber etwas zu tun (z.B. mit Buchstaben Wörter zu legen, oder Stoff abzumessen für ein Puppenkleid). Oft wurden dann einige Kinder neugierig: „Was machst du da?“ „Darf ich auch mitmachen?“

Wir stellten auch fest, dass selbst Neun- und Zehnjährige noch nicht in der Lage sind, z.B. die Anzeige eines Thermometers oder einer Waage richtig abzulesen, oder die Mengenangaben eines Kochrezeptes zu verstehen. (Von diesen selben Kindern wird aber in der Schule erwartet, dass sie schriftlich teilen, ungleichnamige Brüche zusammenzählen und Gleichungen lösen!)

Interessant war es, einen Fünftklässler zu beobachten, der zwar seine Schulaufgaben meistens recht gut löste, weil er die Rechenoperationen rein mechanisch beherrscht; der aber im Grunde kaum versteht, was er dabei tut, und deshalb bei Problemen aus dem praktischen Leben völlig verloren ist. Letztes Jahr spielte er manchmal mit dem „Profax“-Übungsgerät, und suchte sich dabei immer die allereinfachsten Aufgaben aus (Zusammenzählen von Zahlen bis 10.) Im Januar hat er mit Eifer gut zwanzig Arbeitsblätter zur Einführung des Einmaleins durchgearbeitet; und im Februar begann er mit weiterführenden Arbeitsblättern zur Multiplikation, mit Themen wie Kommutativ- und Assoziativgesetz, Teilbarkeitsregeln, u.ä. – Interessant finde ich das vor dem Hintergrund der Beobachtung von Rebeca Wild, dass Kinder normalerweise von sich aus Materialien und Tätigkeiten aussuchen, die ihrem eigentlichen Entwicklungsstand entsprechen. Offenbar hatte dieser Bub das Bedürfnis, im Rechnen nochmals ganz von vorne anzufangen, und holt jetzt etwa alle zwei Monate ein Schuljahr nach.

Eine Zeitlang war die Küche gross in Mode: es gefiel den Kindern sehr, Süssigkeiten oder Erfrischungsgetränke herzustellen (und sie lernten dabei auch, Rezepte zu lesen und Zutaten abzuwägen).

Zwei oder drei Kinder fanden Interesse am Lesen der Bibel. Wir hatten als Hilfe dazu kleine Arbeitshefte mit Fragen und Anregungen vorbereitet, die sie mit Interesse durcharbeiteten. Ein anderer Bub begann, die illustrierte Kinderbibel von vorne bis hinten durchzulesen. (Bis Ende Februar kam er etwa bis zur Mitte.)

Während den letzten Ferienwochen entdeckten die Kinder in unserer Bibliothek ein Bastelbuch, aus dem sie immer neue Vorschläge ausprobieren wollten. (Während des Schuljahres hatten sie nie aus eigenem Interesse ein Buch zum Lesen aus der Bibliothek genommen!) Auch hier sind sie sehr auf unsere Hilfe angewiesen, denn sie haben grösste Schwierigkeiten, selber eine Anleitung zu lesen und zu verstehen. Aber immerhin sind sie hier ganz bei der Sache: mehrere Tage lang haben sie jeweils fast den ganzen Morgen mit Basteln verbracht. Leider sind sie noch nicht so weit, etwas Eigenes zu gestalten. Eines Morgens z.B. bastelten sie Masken aus Karton. Alle Kinder zeichneten sklavisch die im Buch abgebildete Maske ab; kein einziges kam auf die Idee, eine eigene Maske zu entwerfen. Die Kreativität ist anscheinend jene Charaktereigenschaft, die in der Schule zuerst und am gründlichsten stirbt … und dann kaum je wieder zum Leben zu erwecken ist, wenn Gott nicht ein Wunder tut.

Dafür staunten wir auf einem Ausflug über die sportlichen Leistungen der Kinder. Wir hatten eine Schnitzeljagd veranstaltet, die zwei Stunden dauerte. Die Kinder waren danach ziemlich erschöpft. Aber auf dem Heimweg kamen wir an der Motocrossbahn vorbei (das ist hier die neuste Attraktion; es werden aber nur selten Rennen abgehalten darauf), und einige Kinder sagten: „Wir wollen ein Rennen machen!“ – „Ja, ich auch, ich auch!“ riefen alle anderen. – Tatsächlich hielten bis auf zwei Kinder alle durch, rennend auf der etwa einen Kilometer langen Rundstrecke mit vielen Hindernissen. Die Kleinsten hatten die meiste Ausdauer! (Und das auf einer Höhe von 3600 Metern über Meer.)

Bei anderen Ausflügen lernten die Kinder u.a. Kartenlesen, Pflanzen und Tiere der Gegend, usw. An einem Tag veranstalteten wir einen Sportwettkampf mit Schnellauf, Weitsprung, Hindernisrennen, Zielwurf usw. Die Kinder mussten dabei selber die Zeiten und Distanzen messen und aufschreiben. Das trug dazu bei, dass sie aus eigener Erfahrung die Masseinheiten kennenlernten, mit denen sie sonst nur theoretisch rechnen lernten.

Die Schule von Rebeca Wild unternimmt auch Ausflüge an Arbeitsplätze des täglichen Lebens wie Werkstätten, Fabriken usw. Leider konnten wir das nicht tun, da wir noch keine Berufsleute oder Unternehmen gefunden haben, die bereit wären, ihre Türen zu öffnen für eine Gruppe von Kindern.

Beim Malen der Theaterkulisse

Ein anderes Projekt, das Anklang fand, war das Theater. Mit einer Gruppe von sechs interessierten Kindern hatten wir zuerst einfach einige Theaterübungen und Improvisationen gemacht. Als ich sie fragte, ob sie gerne ein „richtiges“ Theaterstück einüben wollten, waren alle begeistert. Wir übten dann die biblische Geschichte von Esther, die wir am Schlussabend den Eltern vorführten. (An diesem Abend kamen immerhin einige Eltern, die uns noch nie zuvor besucht hatten.)

 

Theaterprobe

Noch haben wir nicht viele Rückmeldungen darüber, wie es den Kindern jetzt mit dem Neubeginn der Schule geht. Mit Ausnahme der vielsagenden Antwort eines Buben, den meine Frau nach der ersten Schulwoche fragte, was sie diese Woche in der Schule gemacht hätten: „Nichts!“

Ist die „aktive Schule“ christlich?

Da ich mit einem christlichen Hintergrund schreibe und arbeite, musste ich auch der Frage nachgehen, wie weit das Konzept der aktiven Schule „christlich“ ist. Die christliche Homeschool-Szene, soweit ich sie beobachten kann, scheint sich weitgehend von den Ideen Raymond Moores abgewandt und einem schulbuchmässigen Vorgehen nach starrem Lehrplan zugewandt zu haben. Bildungsformen wie die „aktive Schule“ scheinen dagegen vor allem in „alternativen“, „grünen“ und „New-Age“-Kreisen Anklang zu finden. In einem Internetartikel wurde die Auffassung vertreten, einem Kind zu erlauben, seinen Interessen nachzugehen, stünde einer christlichen Disziplin entgegen. Andere Evangelikale haben schon argumentiert, der in Römer 13,1-5 verlangte Gehorsam gegenüber der Regierung schliesse ein, die Kinder in eine staatliche (oder zumindest vom Staat anerkannte) Schule zu schicken. Was sagt die Bibel dazu?

– Die Regierung ist nach Römer 13,1-5 von Gott dazu eingesetzt, Übeltäter zu bestrafen und jene zu loben, die das Gute tun – aber nicht dazu, Kinder zu erziehen. Zur Kindererziehung sind ganz eindeutig die Eltern beauftragt, nicht der Staat (siehe z.B. 2.Mose 20,12, 5.Mose 6,6-7, Sprüche 1,8, 4,1-4 u.v.a, Epheser 6,1-4, Kolosser 3,20-21). Eltern, die ihre Kinder selber erziehen, erfüllen damit auf vollkommene Weise den Auftrag Gottes, tun also damit etwas Gutes und sollten deshalb von der Regierung erst recht gelobt und unterstützt werden. Dasselbe gilt für Schulen, die Kinder aus christlichen Familien im Auftrag deren Eltern nach christlichen Prinzipien ausbilden – auch (oder erst recht) wenn sie zu diesem Zweck ihre eigenen Lehrpläne und Methoden aufstellen, statt einfach die staatlichen zu übernehmen.

– Was die Kindererziehung in der Familie betrifft, so soll diese „in Disziplin und Ermahnung des Herrn“ erfolgen (Epheser 6,4). Derselbe Vers sagt aber auch: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn.“ Oder ähnlich in Kolosser 3,21: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht (wörtlich: zur Eifersucht), damit sie nicht mutlos werden.“ – Wenn Kinder einer Unterrichtsform ausgesetzt werden, die ihnen wesensmässig nicht entspricht, und sie dann noch dafür bestraft werden, dass sie dieser Unterrichtsform nicht folgen können, geschieht dann nicht genau das: sie werden zum Zorn und zur Eifersucht gereizt, und im Endeffekt entmutigt?

Jesus sagte: „Ich versichere euch, wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Grösste im Himmelreich.“ (Matthäus 18,3-4). – Bedeutet das nicht für die Pädagogik, dass Kinder nicht gezwungen werden sollten, wie Erwachsene zu denken; sondern dass im Gegenteil die Erwachsenen sich bemühen („erniedrigen“) sollen, das Denken der Kinder zu verstehen, und ihnen Gelegenheit geben sollen, die Dinge ihrem kindlichen Denken gemäss zu lernen?

Natürlich bedeutet das nicht, Kinder seien an sich gut und man solle sie nur gewähren lassen. Im geistlichen und moralischen Bereich brauchen sie eine klare Führung. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ihre Lernweise und Lerninhalte starr vorgeschrieben oder einem „erwachsenen“ Muster angeglichen werden müssten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Gott selber an mehreren Stellen sagt, dass er von uns Menschen gesucht werden möchte:
„Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt; ruft zu ihm, jetzt, da er nahe ist!“ (Jesaja 55,6)
„Ich habe lieb, die mich lieben; und die nach mir suchen, werden mich finden.“ (Sprüche 8,17)
„Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet werden!“ (Matthäus 7,7)

Gerade die Erkenntnis Gottes kann nicht einem Menschen passiv eingetrichtert werden wie ein Schulstoff; sie muss aktiv gesucht und „entdeckt“ werden. Können wir nicht daraus schliessen, dass Gott selber eine Vorliebe hat für die „aktive Methode“?

Wir könnten auch die Lehrmethoden Jesu untersuchen. Sicher, er hat ab und zu seinen Jüngern Lehrvorträge gehalten. Öfter aber hat er ihnen nur Gedankenanstösse gegeben (z.B. in Form von Gleichnissen) und wartete dann darauf, dass sie selber ihn um nähere Erklärungen baten. Und noch öfter hat er einfach mit ihnen zusammen gelebt, ihnen durch sein praktisches Handeln ein Vorbild gegeben, oder sie zu eigenen Erfahrungen herausgefordert.

Interessant ist auch zu sehen, was in der Bibel nicht geschrieben steht, obwohl es von vielen heutigen Christen als selbstverständlich und „christlich“ angesehen wird. Z.B. steht in der Bibel nirgends, Kinder müssten zur Schule gehen. Ebensowenig steht in der Bibel, die Unterweisung von Kindern (sei es in einer Schule oder in der Familie) müsse einem Lehrplan unterworfen sein, oder Kinder müssten in einem bestimmten Alter bestimmte Inhalte lernen. Die damaligen Lehrer (z.B. die Rabbiner) stellten durchaus solche Pläne auf; aber bezeichnenderweise finden wir in der Bibel nichts davon.

Nochmals zum Thema der Disziplin und Autorität. In der traditionellen Schule beruht die Diszplin weitgehend auf der persönlichen und willkürlichen Autorität des Lehrers: Wenn der Lehrer entscheidet, dass jetzt alle auf Seite 57 im Lesebuch lesen müssen, dann müssen alle Kinder das tun – obwohl ein Kind viel mehr an der Geschichte auf Seite 142 interessiert wäre, und ein anderes viel lieber Blumen abzeichnen würde. Es gibt in dieser Situation keine rationale Begründung dafür, warum es für alle Kinder (angeblich) das Beste sei, genau in diesem Moment genau die Seite 57 zu lesen – wäre nicht die Seite 142 oder das Abzeichnen von Blumen genauso gut?
In der aktiven Schule hingegen beruht die Disziplin auf der zum voraus festgelegten Hausordnung (die sowohl für die Schüler wie auch für die Lehrer gilt), und auf den „Spielregeln“ zum Gebrauch der Spiele und Materialien. Das ist ein objektiver Massstab, der objektiv überprüft werden kann – weshalb z.B. auch die Kinder einander gegenseitig überprüfen können und deshalb in vielen Situationen die Anwesenheit eines erwachsenen Betreuers gar nicht notwendig ist.
Ich behaupte, dass das ein grundlegend christlich inspirierter Gedanke ist (auch wenn er von Nichtchristen vertreten wird). Gottes Autorität ist nicht willkürlich, sondern er hat sich selber auf ein schriftliches „Gesetz“ festgelegt. Ebenso darf auch ein christlicher Leiter (Vater, Lehrer, …) nicht willkürlich „regieren“, sondern soll am Wort Gottes geprüft werden: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Gerade in einem Land wie Perú, wo bis heute auf allen Ebenen die Willkür herrscht, ist es so wichtig, den Kindern beizubringen, dass Gott nicht möchte, dass wir einer Willkürherrschaft unterworfen sind; sondern dass es absolute, unumstössliche Gebote gibt, denen selbst der Staatspräsident (und auch der Vater und der Lehrer…) gehorchen muss. Und dass innerhalb des Rahmens dieser Gebote Gott uns eine grosse Freiheit gibt. Und ausserdem, dass wir verantwortlich sind, Entscheidungen zu treffen (und auch deren Folgen zu tragen…), statt immer andere Menschen über unser Leben entscheiden zu lassen (und dann über die Folgen zu klagen…)
Natürlich stellt sich dann die Frage, wer ermächtigt ist, die Gesetze aufzustellen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von nichtchristlichen Gruppen und Institutionen, indem wir unsere Hausordnung und unsere „Gesetze“ ganz klar auf das Wort Gottes gründen und immer klarstellen, dass die Gebote Gottes über allen von Menschen aufgestellten Regeln und Gesetzen stehen.

Ich glaube also, dass der Grundgedanke der „aktiven Schule“ (sei es als Schule oder – noch besser – als Familie) durchaus mit einem christlichen Leben vereinbar ist (jedenfalls besser als die Idee der Staatsschule). Und ich bin betrübt und beschämt darüber, dass diese Idee bisher fast ausschliesslich von Nichtchristen vertreten und verwirklicht wird (die damit übrigens ein sehr gutes Beispiel geben), während die meisten Christen, die ich kenne, mit dem Strom des staatlichen Systems mitschwimmen und Alternativen bekämpfen. Hier wäre eine Gelegenheit, Pioniergeist zu zeigen…