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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (2.Teil)

24. Juni 2017

Einige Anmerkungen über den „Tempel“:
Es heisst mehrmals im Neuen Testament, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“. Manche wollen hiervon die heutige Praxis kirchlicher „Gottesdienste“ und spezieller Kirchengebäude ableiten. (In einigen Sprachen, wie z.B. im Französischen und im Spanischen, werden Kirchengebäude bis heute „Tempel“ genannt.) Lasst uns die biblische Bedeutung des Wortes „Tempel“ untersuchen, um zu sehen, ob es wirklich einen Zusammenhang mit heutigen „Kirchen“ gibt.

Das 5.Buch Mose enthält viele Gesetze darüber, was die Israeliten tun sollten, wenn sie einmal im Gelobten Land lebten. Eines dieser Gesetze sagt, dass Gott einen einzigen Ort erwählen würde, wo sie ihre Opfer darbringen sollten. (5.Mose 12,4-7.11-14). Dieser Ort würde der Tempel in Jerusalem sein. (Siehe 1.Könige, Kapitel 8.) Das ist also er einzige Ort auf der ganzen Welt, der rechtmässigerweise „Tempel Gottes“ oder „Haus Gottes“ genannt werden darf. Gott selber hat gesagt, dass es keinen anderen geben wird oder darf.
Der Tempel bestand aus einem relativ kleinen Hauptgebäude und einem weiten Platz darum herum, dem „Vorhof“. (Um genau zu sein: In der Form, wie der Tempel zur Zeit Jesu existierte, hatte er mehrere Vorhöfe.) Im griechischen Urtext des Neuen Testamentes werden zwei verschiedene Wörter für „Tempel“ verwendet, welche in den meisten Bibelübersetzungen unterschiedslos als „Tempel“ übersetzt werden:

„Naós“ bedeutet das eigentliche „Haus“ des Tempels, also das Hauptgebäude. Dieses enthielt das „Heiligtum“ und das „Allerheiligste“ mit verschiedenen symbolischen Gegenständen wie z.B. den goldenen Leuchter, den Schaubrottisch, den Räucheraltar, und ursprünglich auch (im Allerheiligsten) die Bundeslade. (Siehe 2.Mose 40 über die „Stiftshütte“ in der Wüste, deren Anordnung als Vorbild für den Tempel diente.)
Der „naós“ war also kein Versammlungsgebäude. Sein einziger Zweck bestand darin, dass die Priester dort Gott dienten, indem sie regelmässig die Schaubrote erneuerten, das Licht des Leuchters unterhielten (3.Mose 24,1-9), Räucheropfer darbrachten (2.Mose 40,26-27), usw. – und manchmal dort Offenbarungen Gottes erhielten. Infolgedessen konnten nur die diensthabenden Priester in den „naós“ hineingehen und niemand sonst.

„Hierón“ ist abgeleitet von „hierós“ (heilig, geweiht) und bedeutet also wörtlich „Heiligtum“ oder „geweihter Ort“. Im Neuen Testament beschreibt dieses Wort das gesamte Tempelareal, und insbesondere die Vorhöfe. Es ist deshalb missverständlich, wenn „hierón“ mit „Tempel“ übersetzt wird. Zutreffender wäre ein Ausdruck wie „heiliger Platz“.
Dreimal im Jahr musste das ganze Volk Israel nach Jerusalem reisen zu den grossen Festtagen (3.Mose 23). An jenen Tagen war der heilige Platz voll von Pilgern und Opfertieren, die aus allen Gegenden des Landes gekommen waren. – Der heilige Platz diente auch als ständig offene Gebetsstätte, und ausserdem als Marktplatz (!).

Während vielen Jahrhunderten seiner Geschichte kannte das Volk Israel überhaupt keine örtlichen Lehr- oder Bibelversammlungen, wie sie die meisten heutigen Kirchen pflegen. Ihre religiösen Aktivitäten wie Gebet, Bibellese, Opfer, usw. konzentrierten sich auf zwei Orte: Der Privatbereich des eigenen Heims, und der heilige Platz in Jerusalem unter freiem Himmel.
Erst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft begannen sie Synagogen als Versammlungsorte zu bauen, wo Rabbiner lehrten. Das ist die jüdische Institution, die am ehesten mit den heutigen christlichen Kirchen und ihren Pfarrern vergleichbar wäre. Aber wir müssen hier anmerken, dass die Synagogen und die Rabbiner nicht von Gott angeordnet waren und in keinem Vers des Alten Testamentes erwähnt werden. Sie sind eine menschliche Erfindung, die im Wort Gottes so nicht vorgesehen war.

Wenn die Bibel sagt, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“, dann verwendet sie immer das Wort „hierón“ (heiliger Platz oder Vorhof). Sie gingen nie in den „naós“, da sie keine levitischen Priester waren.
Und das geschah nur in Jerusalem, denn wie schon erwähnt, kann es an keinem anderen Ort ein „Haus Gottes“ geben. Der Jerusalemer Tempel war kein christliches Gebäude. Er war ein jüdisches Gebäude, und die ersten Christen versammelten sich dort und lehrten dort, weil sie alle Juden waren. Aber die Mehrheit der Juden folgten Jesus nicht. Die Mehrheit der Menschen, die sich dort auf dem heiligen Platz befanden, waren also keine Christen. Was die Apostel dort taten, kann nicht mit den „Gottesdiensten“ heutiger Kirchen verglichen werden. Viel eher ähnelte ihre Tätigkeit dort dem, was wir heute „Evangelisation unter freiem Himmel“ nennen würden.

Zudem müssen wir verstehen, dass der Tempel zur alttestamentlichen Ordnung gehörte. Im Jahr 70, etwa vierzig Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, wurde er von den Römern vollständig zerstört. Das war ein klares Zeichen Gottes, dass die alttestamentliche Ordnung vorbei war. Bis heute ist der Tempel nicht wieder aufgebaut worden.
Die ersten Christen bauten keine „Tempel“ und auch keine „Synagogen“. Ausserhalb von Jerusalem versammelten sie sich immer in ihren eigenen Häusern, oder (solange sie nicht verfolgt wurden) auf öffentlichen Plätzen. Noch anfangs des 3.Jahrhunderts schreibt ein christlicher Verteidiger des Glaubens: „Wir haben weder Tempel noch Altäre.“ (Minucius Felix, „Octavius“, Kap.32).

Zusammengefasst: Die „Lehre der Apostel“ geschah nicht in formellen „Versammlungen“ oder „Gottesdiensten“, sondern öffentlich, unter freiem Himmel, zugänglich für jedermann. – Ausserdem gab es die Versammlungen in den Häusern, über die wir bei anderer Gelegenheit sprechen werden.

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10

12. Dezember 2016

Nachdem wir einige Worte des Herrn in Matthäus 18 und 23 betrachtet haben, gehen wir nun zu Johannes 10. In diesem Kapitel kommt zwar das Wort „Gemeinde“ nicht vor; aber Jesus spricht symbolisch von der „Schafherde“ und vom „Hirten“. Offenbar ist das ein Gleichnis über die christliche Gemeinde. Untersuchen wir einige Aspekte dieses Gleichnisses.

Die Tür zu den Schafen

Es gibt eine Tür zur Schafhürde, wo die Schafe ein und aus gehen. Jesus sagt: „ICH bin die Tür zu den Schafen“. (Johannes 10,7). Das ist sehr wichtig, um die neutestamentliche Gemeinde zu verstehen. Es gibt eine einzige Art, wie man Teil der Gemeinde werden kann und mit ihr in Kontakt kommen kann: Man muss durch Jesus hineingehen.
Der Herr fährt weiter: „Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden; und er wird ein und aus gehen und Weide finden.“ (Vers 9). Wir erinnern uns an ein Lied Davids, das er wahrscheinlich komponierte, während er Schafe hütete: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Auf saftigen Weideplätzen lässt er mich ausruhen. An ruhigen Wassern weidet er mich. Er tröstet meine Seele.“ (Psalm 23,1-3) Wenn jemand durch die Tür hineingeht, die Jesus ist, dann führt ihn der Herr auf eine gute Weide. Und dort wird er auch die anderen Schafe antreffen. Wenn wir durch Jesus hineingehen, finden wir auch die Gemeinschaft mit seinen anderen Schafen.

Es ist so wichtig, dies zu verstehen, weil die katholische Kirche diese Ordnung auf den Kopf gestellt hat, und die evangelischen und evangelikalen Kirchen sind ihr darin nachgefolgt. Der römische Katholizismus lehrt, dass die Errettung von der Kirche kommt: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Und ganz ähnlich sagen die Evangelikalen: „Komm zur Kirche, damit du den Herrn kennenlernst.“ In dieser Sichtweise ist die Kirche eine Institution zur Verwaltung des Heils; eine Institution, die ein Eigenleben führt, unabhängig von den einzelnen Christen. Diese Institution stellt sich zwischen den Herrn und die einzelnen Christen. Von daher kommt die Abhängigkeit vom Priestertum, die macht, dass die Christen von einer Institution abhängig werden, oder von den Leitern dieser Institution, statt vom Herrn selber abhängig zu sein.

Das Gleichnis vom Guten Hirten zeigt uns eine andere Sichtweise: Die Gemeinde ist die „Schafherde“, die Gemeinschaft aller Christen. Sie ist weder ein Gebäude noch eine Institution; die Gemeinde ist eine Gruppe von Menschen. Sie besteht aus all jenen Menschen, die „durch Jesus hineingingen“, d.h. die eine persönliche Begegnung mit Jesus hatten und aufgrund dieser Begegnung errettet wurden. Sie sind definitionsgemäss „Gemeinde“, unabhängig von der äusseren Form, welche die Gemeinschaft unter ihnen annimmt. Sie sind in Gemeinschaft miteinander, weil sie zu Jesus gehören; nicht wegen einer gemeinsamen Mitgliedschaft in irgendeiner Institution. – Andererseits darf sich keine Institution rechtmässig „christliche Gemeinde“ nennen, wenn ihre Mitglieder durch irgendeinen anderen Prozess hineingekommen sind als eine persönliche Begegnung mit Jesus. Anstelle des katholischen Mottos sollten wir richtiger sagen: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Gemeinde.“

Damit verachten wir keineswegs die Rolle, die den Christen dabei zukommt, andere Menschen zum Herrn zu führen. Nur müssen wir zwischen zwei Aspekten des christlichen Lebens unterscheiden:

Einerseits die Tätigkeit individueller Christen in ihrem Zeugnis für den Herrn und der Verbreitung des Evangeliums, was sowohl privat wie auch öffentlich geschehen kann;
und andererseits die Gemeinde im eigentlichen Sinn als Versammlung der Christen.

Das Zeugnis von Christen hat den Zweck, dass andere Menschen den Herrn persönlich kennenlernen können. Das geschieht nicht in Form eines „Rituals“ oder einer „institutionellen Handlung“. Es kann nur geschehen, wenn der Herr selber diesen Personen begegnet und sich ihnen offenbart. (Vgl. Lukas 10,22: „Niemand kennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater; und [niemand kennt,] wer der Vater ist, als nur der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ Und Galater 1,15-16: „Als es aber Gott gefiel, … seinen Sohn in mir zu offenbaren…“) Die „Eingangstür“ ist immer Jesus selber; sie kann nicht durch einen Prediger oder eine Institution ersetzt werden.

Eine Evangelisationsveranstaltung ist nicht „Gemeinde“. Die Gemeinde ist die Gemeinschaft jener, die bereits errettet sind; Evangelisation richtet sich an Unerrettete. Für die ersten Christen war dieser Unterschied sehr klar. Sie bezeugten Jesus privat und in der Öffentlichkeit, wo immer sich eine Gelegenheit bot; aber das nannten sie nicht „Gemeinde“. Wenn sie sich hingegen unter sich versammelten, dann luden sie keine Aussenstehenden dazu ein. Es wird sogar berichtet, dass „von den übrigen sich niemand getraute, sich ihnen anzuschliessen“ (Apostelgeschichte 5,13).

Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

Kirche im Sturzflug

1. April 2015

Das tragische „Germanwings“-Unglück hat auch hier im fernen Perú Schlagzeilen gemacht. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ich diese Woche eines Morgens erwachte mit dem Bild eines Piloten vor Augen, der verzweifelt an die verschlossene Cockpit-Tür klopft. Nur war in meinem Bild der Pilot Jesus, und das Flugzeug war die „offizielle“ christliche Kirche.

Nun ist Jesus natürlich nicht verzweifelt, denn er hat ja schon immer gewusst (und vorausgesagt!), dass so etwas passieren würde, und er hat weiterhin alles unter Kontrolle. Und Jesus flucht auch nicht wie jener Pilot. Aber im übrigen gibt es frappierende Parallelen.

Seit Jesus nicht mehr auf der Erde ist, hat er das „Steuer“ seiner Gemeinde unzulänglichen Menschen überlassen. Das heisst aber nicht, dass er als „Pilot“ abgedankt hätte! Nicht wie es hier auf gewissen frommen Autoaufklebern heisst: „Jesus ist mein Copilot.“ Nein, wirklich von Jesus beauftrage Leiter bleiben sich ständig bewusst, dass Jesus nicht nur der Copilot ist, sondern der wahre Pilot, und dass sie ständig und vollständig von ihm abhängig bleiben müssen, um auf dem rechten Kurs zu bleiben.

Aber im Lauf der Geschichte und bis heute haben sich unzählige kirchliche Leiter selber das Amt des „Piloten“ angemasst. Auch wenn sie sich offiziell „Stellvertreter Christi“ oder „Diener Gottes“ nennen, so haben sie doch durch ihre Taten und Entscheidungen gezeigt, dass sie sich selber am Ruder wähnen. Und so kam der Moment, wo sie begannen, die ihnen anvertrauten Organisationen in den geistlichen Sturzflug zu lenken – ob absichtlich oder in geistiger Umnachtung, bleibe dahingestellt.

Für die Evangelischen und Evangelikalen geht dieser Sturzflug offenbar – aus ihren Aktivitäten und Verlautbarungen der letzten Jahre zu schliessen – in Richtung Rom. Und zugleich – da das Wort Gottes zunehmend verharmlost, bezweifelt, oder überhaupt beiseitegeschoben wird – in Richtung einer erschreckenden moralischen Verderbtheit, die höchstens noch mit der römischen Hierarchie des Spätmittelalters vergleichbar ist. Hier in Perú zumindest – ich weiss nicht, wie es diesbezüglich in Europa steht – werden manche Gemeinden und Gemeindeverbände von Personen geleitet, die, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, im Gefängnis sitzen müssten.

Hat nicht Jesus solche Dinge schon vorausgesagt? „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie räuberische Wölfe!“ (Matthäus 7,15). – Oder im Gleichnis von den guten und bösen Knechten:

„Wer ist also der treue und kluge Knecht, den sein Herr dazu über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Speise zur rechten Zeit zu geben? Wohl jenem Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! …“ (Ein guter, gottesfürchtiger Leiter ist ein solcher vom Herrn eingesetzter „Knecht“ oder „Copilot“.) „Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit den Trunkenen isst und trinkt …“ (das böse Ende ist in Matthäus 24,45-51 nachzulesen.)

Jesus hat sogar vorausgesagt, dass diese „bösen Knechte“ der offiziellen Kirchen die echten Nachfolger Jesu verfolgen werden: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschliessen; ja, die Stunde kommt, wo jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott eine Opfergabe darzubringen.“ (Johannes 16,2)

Ja, in solchen Zeiten steht Jesus draussen vor der Tür und klopft an (Offenbarung 3,20), weil die „bösen Knechte“ ihn aus der Kirche ausgesperrt haben, wie jener Copilot den Piloten. Glauben Sie nur nicht, dass ein solcher Copilot den Piloten wieder hereinlassen wird! Er wird zwar viele schöne Worte machen; aber wenn er sich einmal vorgenommen hat, das Flugzeug auf Sturzflug zu schicken, dann wird er dieses Vorhaben verbohrt bis zum katastrophalen Ende führen.

Tatsächlich können aussergewöhnliche und rätselhafte Unglücksfälle wie dieser Flugzeugabsturz ein Anklopfen Gottes sein an die Tür einer Kirche oder Gesellschaft, die für andere Arten seines Redens bereits taub geworden ist. „Oder jene achtzehn, die der Turm von Siloah bei seinem Einsturz tötete, meint ihr, sie seien schuldiger gewesen als alle Menschen, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise umkommen.“ (Matthäus 13,4-5)

Die gute Nachricht ist, dass es (gegenwärtig noch) möglich ist, aus dem „Flugzeug Kirche“ auszusteigen. Wenn „böse Knechte“ an der Tür stehen, die verhindern wollen, dass Jesus hereinkommt und die Führung übernimmt, so können sie doch nicht verhindern, dass Sie und ich zu Jesus hinausgehen und uns aus eigenem Entschluss seiner Führung unterstellen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo auch dieses Flugzeug abhebt zu seinem letzten Flug, der in den Untergang führt. Dann werden seine Passagiere nicht mehr aussteigen können. Nicht weil es nicht mehr möglich wäre; aber weil sie dann zu verblendet sein werden, um das überhaupt noch zu wünschen. Denn „Gott sendet ihnen eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“ (2.Thessalonicher 2,11-12)

In welchem Flugzeug sitzen Sie?

Was ist Erweckung? – Teil 2

30. März 2015

Wann geschieht Erweckung?

Wir haben gesehen, was „Erweckung“ bedeutet: Die Gemeinde, die geistlich am Sterben ist, beginnt wieder zu leben.

So seltsam es also erscheinen mag: Erweckungen geschehen, wenn die Gemeinde sie nötig hat, d.h. wenn die Gemeinde am Sterben ist.

Tatsächlich wiederholt sich dieser Kreislauf von Abfall und Erweckung, neuerlichem Abfall und neuerlicher Erweckung, durch die ganze Kirchengeschichte. Und fast immer gab es vor einer Erweckung eine Zeit „geistlicher Dürre“. Eine Zeit zunehmender Unmoral in Kirche und Gesellschaft; eine Zeit, wo die Menschen dachten, das Wort Gottes hätte nichts mit ihrem täglichen Leben zu tun; eine Zeit, wo die Christen sich damit zufriedengaben, ihre kirchlichen Rituale zu erfüllen, aber ihre Leben änderten sich nicht.

So ist die heutige Zeit!

Täuschen wir uns nicht. In Lateinamerika, wo ich lebe, wachsen zwar die evangelischen Gemeinden (noch), aber das ist keine Erweckung! Gemeindewachstumsprogramme, gefühlvoller Lobpreis, gute Organisation und Mitgliederwerbung… nichts von dem ist Erweckung. Solange die Leben nicht zutiefst vom Heiligen Geist durchgeschüttelt und verändert werden, vervielfachen wir nur die Zahl von schlafenden und sterbenden Christen.

Aber damit Erweckung geschieht, muss ein zweiter Umstand erfüllt sein:

Eine genügend grosse Anzahl von Christen muss die Augen öffnen. Sie müssen sich bewusst werden, in welch traurigen Zuständen wir leben. Sie müssen zuerst ihr eigenes Leben vor Gott in Ordnung bringen, und dann zum Herrn schreien um Erweckung.

„Und er rief laut in meine Ohren: ‚Die Gerichtsvollstrecker der Stadt sind gekommen, und jeder hat in seiner Hand seine Zerstörungswaffe.‘ … Und der Herr rief den in Leinen gekleideten Mann, der an seinem Gürtel das Schreibzeug hatte, und sagte zu ihm: Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die seufzen und schreien wegen all der Greuel, die in ihr geschehen.“ (Ezechiel 9,1-4)

Wen bezeichnet Gott auf diese Weise? Nicht einfach jene, die an den Greueln in der Stadt „nicht teilnahmen“. Zusätzlich war es nötig, „zu seufzen und zu schreien“ wegen dieser Greuel.
Für uns als Christen können wir „Jerusalem“ auf die Gemeinde anwenden. Es ist nötig, dass einige Christen anfangen „zu seufzen und zu schreien“ über den Greueln, die in der Gemeinde geschehen. Der Herr sucht Fürbitter mit offenen Augen, die den wahren Zustand der Gemeinde sehen können und zu Gott schreien um Erweckung. Alle Erweckungen in der Geschichte begannen mit der persönlichen Umkehr und dem eifrigen Gebet einiger Christen.

Ezechiel fährt fort:
„Und zu den anderen sagte er, während ich es hörte: Geht hinter diesem durch die Stadt und tötet; eure Augen sollen nicht schonen und kein Mitleid haben. Tötet Alte, junge Männer und Frauen, Kinder und Frauen, bis niemand mehr übrigbleibt; aber jene, die das Zeichen an sich haben, sollt ihr nicht anrühren. Und fangt an bei meinem Heiligtum! – Und sie fingen an mit den Ältesten, die vor dem Tempel standen…“ (Ezechiel 9,5-6)

Das Volk, das nicht umkehrt, wird ein schreckliches Gericht Gottes erleben. Und wo fängt dieses Gericht an? Beim Tempel, und bei den religiösen Leitern!
– „Aber das war im Alten Testament“, wirst du sagen; „leben wir jetzt nicht im Zeitalter der Gnade?“

Täusche dich nicht. Das folgende Zitat ist aus dem Neuen Testament:
„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Haus Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird dann das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn der Gerechte nur mit Mühe gerettet wird, wo bleibt dann der Gottlose und der Sünder?“ (1.Petrus 4,17-18)

Es ist nötig, dass eine genügende Anzahl Christen wirklich „verzweifelt “ wird für eine Erweckung. Der Reformator John Knox betete so: „Gott, gib mir Schottland, oder gib mir den Tod!“ Er gab sich nicht mit weniger zufrieden; Schottland musste gerettet werden, und Knox würde sein eigenes Leben darum geben.

Andrew Strom schreibt (in „Die Geheimnisse der frühen Kirche“):

„Wie die Geschichte zeigt, kann die Gemeinde nur dann eine echte Erweckung erwarten, wenn ein Rest von Gottes Volk „verzweifelt“ wird – verzweifelt über den abgefallenen Zustand der Gemeinde, verzweifelt über die Lauheit in ihnen selber und den Menschen um sie herum, verzweifelt über die Tatsache, dass Gott nicht verherrlicht wird, dass Er nicht wirklich Herr der Gemeinde ist, dass Seine Worte verspottet werden oder als irrelevant angesehen werden von einer sterbenden Welt. Erweckung wird kommen, wenn Gottes Volk sich wirklich demütigt; wenn sie ihre „positiven Phantasien“ („Steh auf, du Volk der Kraft“, usw.) ersetzen durch die Realität von Jakobus‘ Klage: „Fühlt euer Elend, und trauert und weint! Euer Lachen soll sich in Trauer verwandeln, und eure Freunde in Niedergeschlagenheit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen!“ (Jak.4,9-10)
Wie von Evan Roberts gesagt wurde: „Er zerbrach vor Gott und weinte bitterlich, dass er sie vor ihm beugen möge, in einer Agonie des Gebets, während Tränen über seine Wangen liefen und sein ganzer Körper sich vor Schmerz krümmte.“ – Und John Wesley fragte: „Hast du Tage des Fastens und Gebets? Stürme den Thron der Gnade und verbleibe dort, und Erbarmen wird aus der Höhe herunterkommen.“ Geschwister, wir müssen VERZWEIFELT werden in unseren Gebeten!“


Was ist also eine Erweckung?

Soweit können wir verstehen, dass Erweckung alles zu tun hat damit, zu einer richtigen Beziehung mit Gott zurückzukehren.

Auf persönlicher Ebene bedeutet dies:
Die Christen erleben eine tiefe Umkehr von ganzem Herzen.
Ein Christ, der erweckt wird, begnügt sich nicht damit, nur die offensichtlichsten Sünden hinter sich zu lassen (wie z.B. Trunkenheit, Diebstahl und Betrug, sexuelle Sünden…). Er prüft sich selbst, um auch jene verborgenen Sünden aus seinem Leben zu verbannen, von denen niemand weiss: die kleinen Notlügen, die Falschheit im Denken, die neidischen, habsüchtigen oder boshaften geheimen Absichten gegen andere Menschen, die sexuellen Phantasien, den versteckten Stolz, die Undankbarkeit und Gleichgültigkeit Gott gegenüber, den Gehorsam, der nur äusserlich ist und nicht von Herzen, die Feigheit, wo es darum geht, Zeugnis abzulegen oder für die Gerechtigkeit aufzustehen, usw. Oft sind es diese „kleinen“ versteckten Sünden, die eine Erweckung verhindern.

Auf der Ebene der Gemeinde bedeutet es:
Die Gemeinde wird wieder zu dem, was sie nach der Lehre Jesu und der Apostel sein sollte.
In einer Erweckung verwirft die Gemeinde die menschlichen Traditionen und Gewohnheiten, denen sie bis dahin gefolgt ist, und beginnt die Worte des Herrn ernsthaft in die Tat umzusetzen. Die Gemeinde wagt es wieder, die Erwartungen der Welt (und selbst der Christen) radikal zu ignorieren, um dem Herrn allein zu gehorchen.

Zwar hat die Gemeinde während ihrer ganzen Geschichte in keiner Erweckung je wieder die Höhe der Urgemeinde erreicht. Aber in jeder Erweckung wurden einige biblische Wahrheiten wiederentdeckt, die die Gemeinde in den Zeiten des Abfalls verloren hatte. Wenn wir die heutigen Gemeinden mit dem Wort Gottes vergleichen, dann sehen wir, dass es noch viele biblische Wahrheiten gibt, die wiederhergestellt werden sollten!

John Wesley und die Methodisten – Teil 6: Wesley und die offizielle Kirche

24. August 2013

Wir haben in der vorhergehenden Folge gesehen, wie Wesley grundlegende Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde wiederentdeckte und wiedereinführte. Es erhebt sich jetzt die Frage nach seiner Beziehung zur offiziellen Kirche. Wesley war in der anglikanischen Kirche geboren und aufgewachsen, und war zum Pfarrer dieser Kirche ordiniert worden. Zeit seines Lebens blieb er der anglikanischen Kirche treu. Wie konnte Wesley diese Treue zur offiziellen Kirche mit seinem Wunsch vereinbaren, zur Urgemeinde zurückzukehren?

Gewiss muss er selber diese Spannung in seinem eigenen Leben zutiefst verspürt haben, und noch mehr innerhalb der methodistischen Gesellschaften. Immer wieder brach in diesen Gesellschaften die Kontroverse darüber aus, ob sie sich von der Kirche trennen sollten oder nicht. In dieser Kontroverse vertrat Wesley immer kategorisch die Meinung, sie könnten sich nicht von der Kirche trennen, und die Methodisten müssten weiterhin die anglikanischen Gottesdienste besuchen. Anscheinend war er sich nicht darüber im Klaren, dass die Trennung von der Kirche eine logische Konsequenz des Weges war, den er selber eingeschlagen hatte. Und tatsächlich verliessen die Methodisten kurz nach Wesleys Tod die anglikanische Kirche und konstituierten sich als eigenständige Denomination.

Bei einer einzigen Gelegenheit, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Wesley zu, dass er nicht verhindern konnte, dass seine Nachfolger diesem Weg bis zu seiner letzten Konsequenz folgen würden. Er schrieb in seinem Tagebuch über seinen Geburtsort:

„Was kann dann getan werden? Ich würde gerne verhindern, dass die Mitglieder hier die Kirche verlassen; aber ich kann es nicht. Da Herr C. (der Pfarrer) kein gottesfürchtiger Mann ist, sondern im Gegenteil ein Feind der Gottesfurcht, und oft gegen die Wahrheit predigt und gegen jene, die sie festhalten und lieben, kann ich mit all meinem Einfluss sie nicht davon überzeugen, ihm zuzuhören oder an dem Sakrament teilzunehmen, das er verwaltet. Wenn ich nicht auf diesem Punkt bestehen kann, solange ich lebe, wer kann es dann tun, wenn ich tot bin? Und was in Epworth der Fall ist, das ist in jeder Kirche der Fall, wo der Pfarrer das Evangelium weder liebt noch predigt. Die Methodisten werden an ihren Gottesdiensten nicht teilnehmen. Was kann dann getan werden?“

Es ging hier nicht so sehr um eine lehrmässige Frage, als vielmehr um ein sehr praktisches Problem. Das wird durch den folgenden Tagebucheintrag illustriert, der etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurde und von einer landesweiten Konferenz der Methodisten handelt:

„Einer der wichtigsten Punkte, die an dieser Konferenz behandelt wurden, war die Frage des Verlassens der Kirche. Das Ergebnis einer langen Diskussion war:
1) Dass wir in unserem fünfzigjährigen Bestehen niemals auch nur von einem einzigen Artikel der Lehre oder der Disziplin der Kirche bewusst abgewichen waren.
2) Dass wir nichts davon wussten, in irgendeinem Lehrpunkt mit der Kirche uneins zu sein.
3) Dass wir im Lauf der Jahre, aus Notwendigkeit und nicht weil wir es gewollt hätten, in einigen Punkten allmählich von der Disziplin abgewichen waren, indem wir auf freiem Feld predigten, spontan beteten, Laienprediger aussandten, Gesellschaften bildeten und reglementierten, und jährliche Konferenzen durchführten. Aber wir taten nichts von all diesen Dingen, solange wir nicht davon überzeugt waren, dass wir sie nicht länger lassen konnten, ohne unsere eigenen Seelen in Gefahr zu bringen.“

Wesley bemühte sich immer, so weit es möglich war, gute Beziehungen zu den anglikanischen Pfarrern zu unterhalten. Und gegen das Ende seines Lebens scheint er damit tatsächlich Erfolg gehabt zu haben, denn bei einer Gelegenheit schrieb er: „Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt habe ich mehr Einladungen, in Kirchen zu predigen, als ich annehmen kann.“
Andererseits hatte Wesley bereits 1746 seine Überzeugungen über die richtige Art der Gemeindeleitung geändert, und war zu einer Position gelangt, die der Urgemeinde viel näher stand. Seine früheren Überzeugungen beschreibt er als ein „vehementes Vorurteil meiner Ausbildung“:

„Ich reiste ab nach Bristol. Auf dem Weg las ich die ‚Chronik der Urgemeinde‘ von Lord King. Trotz des vehementen Vorurteils meiner Ausbildung war ich bereit zu glauben, dass dies ein ausgeglichener und unparteiischer Bericht war. Aber wenn es so war, dann musste ich schliessen, dass Bischöfe und Älteste im wesentlichen von derselben Ordnung waren, und dass ursprünglich jede christliche Versammlung eine Kirche unabhängig von allen anderen war!“

Warum hielt dann Wesley derart an der anglikanischen Kirche fest? Unterhielt er vielleicht eine ähnliche Hoffnung wie Luther in seinen ersten Jahren, die Kirche von innen her reformieren zu können, ohne sich von ihr zu trennen? – Vielleicht dachte er, mehr Grund für eine solche Hoffnung zu haben, da es sich in seinem Fall ja nicht mehr um die römische Kirche handelte. Es handelte sich jetzt um eine Kirche, die sich zu den Prinzipien der Reformation bekannte. Aber das Rad von Erweckung und Abfall hatte inzwischen eine neue Umdrehung ausgeführt; und jetzt waren es die reformierten Kirchen, die sich weit vom Evangelium entfernt hatten. Wesleys Kommentar über die Pastoren, „die das Evangelium weder lieben noch predigen“, ist Beweis genug dafür.

Es ist schwierig, diesen Widerspruch im Handeln Wesleys zu erklären. Einerseits ermahnte er seine Nachfolger ständig, die Kirche nicht zu verlassen. (Möglicherweise dachte er, viele evangelistische Gelegenheiten zu verlieren, wenn sie sich von der Kirche trennten.) Aber andererseits tat er Schritte, die unweigerlich zu einer Trennung zwischen Methodisten und Anglikanern führen mussten. Er sandte nicht anerkannte Prediger aus, und ordinierte sogar Pastoren für die Arbeit in Amerika, ohne von der Kirche dazu autorisiert zu sein. Er gründete eine ganze von der Kirche unabhängige Organisationsstruktur.

Der Biograph John Telford gibt folgende Erklärung:

„Das Glaubensbekenntnis Wesleys, seine Ordinationen, und die Lizensierung seiner Kapellen und Prediger (…) beweisen, dass es ihm mehr am Fortbestand der Arbeit gelegen war, als an der formellen Verbindung mit der Kirche von England. (…) Wesley traf alle möglichen Vorkehrungen, damit der Methodismus nicht nach seinem Tod zugrunde ginge. Die Verbindung zur Kirche lockerte sich allmählich, und die Gesellschaften wurden allmählich zu einer eigenen vollständigen Organisation. Der Tod Wesleys beseitigte die letzte Schranke gegen die völlige Unabhängigkeit. Bestimmt war es besser, im Interesse der Religion, dass die Methodisten die Sakramente ordnungsgemäss von ihren eigenen Predigern erhielten, anstelle des unbefriedigenden Abkommens, das am Ende von Wesleys Leben bestand, nur um eine Trennung zu vermeiden.“

Wenn diese Beurteilung zutrifft, dann war in Wesley die Loyalität zur anglikanischen Kirche sehr stark; aber noch stärker sein Wunsch, dass die begonnene Arbeit fortdauern möge. Bis zu seinem Lebensende versuchte er, diese beiden widersprüchlichen Prinzipien zusammenzuhalten. Aber nach seinem Tod obsiegte die Fortdauer der Arbeit als das wichtigere Prinzip, womit die Trennung von der Kirche unvermeidlich wurde.

– Trotz seiner starken Bindung an die offizielle Kirche hatte Wesley keine Vorurteile gegen andere Konfessionen, wie die folgende Begegnung zeigt:

„Als ich zu einem Dorf namens Sticklepath ritt, hielt mich jemand auf der Strasse auf und fragte abrupt: ‚Ist dein Name nicht John Wesley?‘ Sofort erschienen zwei oder drei weitere und sagten mir, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich tat es, und bevor wir viele Worte gewechselt hatten, verbanden sich unsere Seelen freundschaftlich. Ich entdeckte, dass sie Quäker waren; aber das störte mich nicht, da ich sah, dass die Liebe Gottes in ihren Herzen war.“

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 3

27. Juli 2013

Erweckung ist nötig, wenn die Kirche am Sterben ist

Der Aufruf zur Wiedergeburt war die wichtigste Botschaft überhaupt, die Wesley der Kirche seiner Zeit bringen konnte. Tatsächlich kann die Situation der Kirche vor der Erweckung nur als „geistlicher Tod“ beschrieben werden. Die englischen Protestanten hatten „einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugneten ihre Wirksamkeit“ (2.Tim.3,5). So beschreibt ein Historiker die englische Kirche anfangs des 18.Jahrhunderts:

„Die Anglikaner fürchteten die Extreme (Katholiken auf der einen, Puritaner auf der anderen Seite). Dies führte zu einer Mässigung, die leidenschaftliche Überzeugungen jeder Art beargwöhnte. Die Predigten verdorrten zu kraftlosen moralischen Traktätchen.
Das Fehlen einer persönlichen Glaubensüberzeugung führte zum Absinken der moralischen Kraft und Überzeugung. Eine grenzenlose Toleranz war an der Tagesordnung. Die orthodoxen Theologen führten zwar einen siegreichen Federkrieg mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen des Deismus. Leider aber war das ’neue Leben in Christus‘, das sie theoretisch verteidigten, in der Wirklichkeit nirgendwo zu sehen.
(…) Wesley selbst sprach unmissverständlich von der Areligiosität der Zeit: ‚Was ist das Hauptkennzeichen des englischen Volkes in der Gegenwart?‘, fragte er. ‚Seine Gottlosigkeit. … Gottlosigkeit ist unser Nationalcharakter im allgemeinen und im besonderen!‘
(…) ‚Genau zu dieser Zeit‘, erinnert sich Wesley, ‚begannen zwei oder drei Pfarrer der Kirche von England ernsthaft, die Sünder zur Busse zu rufen … In zweien oder dreien brannte das Feuer der Liebe zu Gott.'“
(A.Skevington Wood und Renate Biebrach, „Pietismus und Erweckung“, in „Handbuch Die Geschichte des Christentums“, Wuppertal 1979)

So ist es oft vor einer Erweckung: die Kirche ist tot, ausgetrocknet, gottfern. Aber einige wenige treue Christen erkennen die Situation, rufen zu Gott um Erweckung, und beginnen Umkehr zu predigen.
Diese „Dürre“ der Kirche wird meistens von ihren eigenen Leitern und Pastoren verursacht. George Whitefield bemerkte zu jener Zeit: „Die Gemeinden waren so tot, weil tote Männer ihnen gepredigt hatten.“

Die Situation hat viele Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Auch heute sind die Kirchen voll von Unmoral und Korruption, sodass sie sich kaum noch von der Welt unterscheiden. Auch heute haben die Kirchen einen „Anschein der Frömmigkeit“, aber sie bringen keine veränderten Leben hervor. Die oben zitierte Beschreibung der englischen Kirche vor zweihundert Jahren könnte genausogut heute geschrieben worden sein. Wo sind heute die treuen Christen, die zu Gott um Erweckung rufen, und die das evangelische und evangelikale Volk zur Umkehr aufrufen?

Bekehrungen und eine Reform der ganzen Gesellschaft

Wesley predigte klar die Notwendigkeit einer Umkehr und Wiedergeburt. Aber er machte keine „Bekehrungsaufrufe“ im Stil vieler heutiger Evangelisten. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott zuerst ein tiefgehendes und intensives Werk der Überführung tun muss, bevor sich jemand wirklich bekehren kann; und dieses Werk Gottes braucht Zeit. Wesley vertraute auf Gott, dass er dieses Werk zu seiner Zeit tun würde. So sagte Wesley nach einer Predigt: „Ich habe mein Brot über das Wasser gesandt. Möge ich es nach vielen Tagen wiederfinden.“ (Nach Prediger 11,1). – Und bei einer anderen Gelegenheit, an seinem Geburtsort: „Es denke niemand, diese Liebesmühe sei vergeblich, nur weil die Frucht nicht sofort erscheint! Fast vierzig Jahre arbeitete mein Vater hier, aber er sah wenig Frucht von all seinen Bemühungen. Auch ich machte einige Anstrengungen unter diesem Volk, und auch mir schien es, ich verbrauchte meine Kräfte umsonst. Aber jetzt erschien die Frucht. … Der Same, der vor so langer Zeit gesät wurde, ist jetzt aufgegangen, und hat Umkehr und Vergebung der Sünden bewirkt.“

Wesley zählte also nicht die Anzahl der Bekehrten, wie es in heutigen Evangelisationsveranstaltungen getan wird. Er überliess das Werk Gott, und bei einigen Gelegenheiten konnte er später Frucht sehen. Die heutigen Evangelisationsmethoden bringen eine immense Zahl an oberflächlichen Scheinbekehrungen hervor, die nichts anderes sind als das Ergebnis von Manipulation. Die methodistische Erweckung hatte dieses Problem nicht, denn es wurde erwartet, dass die Bekehrten von selber kommen würden, um die Veränderung zu bezeugen, die Gott in ihnen bewirkt hatte. Und diese Veränderung geschah normalerweise beim Suchen nach Gott im stillen Kämmerlein.
(Wir werden später sehen, dass es auch spektakuläre öffentliche Bekehrungen gab. Aber Wesley förderte dies nie bewusst zu „Showzwecken“. Er predigte einfach Umkehr, und überliess es Gott, zu tun, was er für gut hielt.)

Im folgenden zwei Zeugnisse, wie Wesley im Nachhinein von der Frucht seiner Verkündigung erfuhr:

„Eine Frau hielt mich auf der Landstrasse auf und sagte: ‚Mein Herr, erinnern Sie sich nicht, als Sie vor zwei Jahren in Prudhoe waren und bei Thomas Newton frühstückten? Ich bin seine Schwester. Sie sahen mich beim Hinausgehen an und sagten: ‚Seien Sie ernsthaft.‘ Ich wusste damals nicht, was Ernsthaftigkeit bedeutet, und dachte nicht daran; aber die Worte drangen in mein Herz ein, sodass ich nicht ruhig bleiben konnte, bis ich Christus suchte und fand.“

„‚Vor zwei Jahren‘, sagte W.Row, ‚war ich auf dem Weg nach Gulval Downs und sah viele Leute versammelt. Ich fragte sie, worum es ging, und sie sagten mir, ein Mann würde predigen. Ich sagte: Nein, das ist kein verwirrter Mann. Sie hatten darüber gepredigt, wie Gott die toten Knochen auferweckte, und seit jener Zeit hatte ich keine Ruhe, bis Gott in seinem Wohlgefallen über mich blies und meine tote Seele auferweckte.'“

Ganze Städte wurden von der Erweckung umgewandelt, wie die folgenden Zeugnisse zeigen (ebenfalls aus dem Tagebuch Wesleys):

„Im letzten Winter sagten mehrere im Scherz über Herrn Whitefield: ‚Wenn er Heiden bekehren will, warum geht er dann nicht zu den Bergarbeitern von Kingswood?‘ – Im Frühling tat er es tatsächlich. Und da Tausende von ihnen nie zu einem Ort der öffentlichen Anbetung gehen würden, folgte er ihnen in ihre eigene Wüste, um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Als er anderswohin gehen musste, führten andere die Arbeit weiter und ‚gingen auf die Landstrassen und an die Hecken, um sie zu nötigen, hereinzukommen.‘ Und durch die Gnade Gottes war seine Arbeit nicht vergeblich. Die Atmosphäre hat sich bereits verändert. Kingswood widerhallt nicht mehr von Flüchen und Lästerungen wie letztes Jahr. Es ist nicht mehr voll von Trunkenheit und den sich daraus ergebenden Unreinheiten und eitlen Vergnügungen. Es ist nicht mehr voll von Krieg und Schlägereien, von Geschrei und Bitterkeit, von Zorn und Neid. Friede und Liebe herrschen jetzt dort. Viele Leute sind jetzt sanftmütig, freundlich und umgänglich. Sie schreien nicht mehr und sind nicht mehr eifersüchtig, (…) und ihr Vergnügen besteht jetzt darin, ihrem Gott und Retter Loblieder zu singen.“

Über die Provinz Cornwall schreibt er:

„Diese abscheuliche Gewohnheit, den König zu betrügen (durch Schmuggel), findet sich nicht mehr in unseren Gesellschaften. Und seit sie sich von dieser verfluchten Sache losgesagt haben, hat das Werk Gottes überall zugenommen.“

Predigten im Freien

Wir haben in der vorherigen Folge gesehen, wie Wesley aus einer Kirche nach der anderen ausgeschlossen wurde. Die Kirche tolerierte Unmoral und geistlichen Tod, aber nicht Wesleys klare Predigten über die Wiedergeburt. Bald gab es in ganz England keine Kirche mehr, wo Wesley hätte predigen dürfen.
Damals hatte sein Freund Whitefield bereits begonnen, im Freien zu predigen – etwas völlig Neues zu jener Zeit. Whitefield begann Wesley in diese Art des Predigens einzuführen. Wesley schreibt darüber: „Anfangs konnte ich mich kaum an diese fremdartige Art des Predigens auf freiem Feld gewöhnen, wovon er (Whitefield) mir am Sonntag ein Beispiel gab. Mein ganzes Leben lang und bis vor kurzem hatte ich eisern an allem Anstand und Ordentlichkeit festgehalten, sodass es mir beinahe als Sünde erschien, Seelen zu retten an irgendeinem anderen Ort ausser in der Kirche.“

Aber wenig später erinnerte sich Wesley an die Bergpredigt und sagte, dies sei ein beachtenswerter Präzedenzfall einer Predigt im Freien. Wenn Jesus selber auf freiem Feld predigte, warum sollte John Wesley nicht dasselbe tun? – Am nächsten Tag predigte Wesley von einer kleinen Anhöhe neben der Landstrasse aus, am Ausgang der Stadt, und hatte dreitausend Zuhörer.

In Epworth, seinem Geburtsort, wurde ihm nicht nur verboten, in der Kirche zu predigen, sondern der Pfarrer weigerte sich auch, ihn zum Abendmahl zuzulassen, und sagte, Wesley sei „nicht tauglich“. Somit ging Wesley am Nachmittag desselben Sonntags zum Friedhof, stellte sich auf den Grabstein seines Vaters und predigte von dort aus; und er hatte mehr Zuhörer, als der Pfarrer in der Kirche gehabt hatte.

Von da an widmete sich Wesley dem Predigen im Freien; und meistens kamen Tausende, um ihm zuzuhören. So erwies es sich als vorteilhaft, dass er aus den Kirchen ausgeschlossen worden war, denn er konnte ausserhalb der Kirchen viel mehr Menschen erreichen, als es ihm innerhalb möglich gewesen wäre. Bei einer Gelegenheit, als er schon 70 Jahre alt war, hatte er ein Publikum von über 30’000 Personen. Es wird geschätzt, dass Wesley im Lauf seines Lebens etwa 40’000 Predigten hielt.

Der Neid der Pastoren

Es war unter diesen Umständen nur zu erwarten, dass die Pastoren noch neidischer wurden auf Wesley. Abgesehen davon, dass sie mit dem Inhalt seiner Predigten nicht einverstanden waren, klagten sie ihn an, er hätte kein Recht, ihren Gemeindegliedern zu predigen. Das ist ganz ähnlich wie bei den gegenwärtigen Pastoren, die jeden als „Schafsdieb“ bezeichnen, der ohne ihre Erlaubnis zu ihren Gemeindegliedern über das Evangelium spricht. Damals wie heute denken die Pastoren, ein Eigentumsrecht zu haben über die Mitglieder ihrer Gemeinden; und sie vergessen, dass nicht sie es waren, sondern Jesus, der mit seinem Leben für ihre Erlösung bezahlte.

Wesley gab seinen Kritikern folgende Antwort:

„Ihr denkt, dass ich in der Zwischenzeit still sitzenbleiben sollte, da ich sonst in ein fremdes Amt eindränge, mich in die Geschäfte anderer Leute einmischte, und mit Seelen zu tun bekäme, die mir nicht gehören. Deshalb fragt ihr: Wie ist es, dass ich Christen versammle, die nicht unter meiner Fürsorge stehen, um Psalmen zu singen, zu beten, und die Auslegung der Schrift zu hören?, und ihr denkt, es sei aufgrund katholischer Prinzipien nicht zu rechtfertigen, dass ich dies in den Pfarreien anderer Leute tue? (Anm: Heute würden sie sagen: „evangelische“ oder „ökumenische“ Prinzipien; aber im Grunde kommt das auf dasselbe heraus…)
Erlaubt mir, frei heraus zu reden. Wenn ihr euch mit „katholische Prinzipien“ auf irgendein Prinzip bezieht, das nicht schriftgemäss ist, dann hat dies für mich keinerlei Gewicht. Ich lasse keine andere Regel für den Glauben oder für die Praxis zu, ausser der Heiligen Schrift. Aber aufgrund schriftgemässer Prinzipien scheint es mir nicht schwierig zu rechtfertigen, was ich tue. Gott gebietet mir in der Schrift, nach meinen Kräften die Unwissenden zu lehren, die Bösen zu reformieren, die Tugendhaften zu bestärken. Die Menschen verbieten mir dies in ihren Pfarreien zu tun; was in Tat und Wahrheit bedeutet, es mir überhaupt zu verbieten, da ich keine eigene Pfarrei habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nie eine haben werde. Auf wen soll ich also hören, auf Gott oder auf die Menschen?
Ich betrachte die ganze Welt als meine Pfarrei; d.h. wo immer auf der Welt ich bin, betrachte ich es als angebracht, rechtmässig und meine auferlegte Pflicht, allen, die zuzuhören bereit sind, die gute Nachricht der Erlösung zu verkünden. Das ist die Arbeit, wovon ich weiss, dass Gott mich berufen hat sie zu tun; und ich bin sicher, dass sein Segen sie begleitet. Deshalb bin ich ausserordentlich dazu ermutigt, die Arbeit, die er mir zu tun gab, getreu zu erfüllen. Ich bin sein Diener, und als solcher bin ich gemäss der klaren Führung seines Wortes damit beschäftigt, ’soweit ich die Gelegenheit habe, allen Menschen Gutes zu tun‘; und seine Vorsehung stimmt klar mit seinem Wort überein, denn er befreite mich von allem anderen, damit ich mich einzig ebendieser Sache annehme, und damit fortfahre, das Gute zu tun.“

(Fortsetzung folgt)

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Fortsetzung)

21. Juli 2013

Der erste missionarische Versuch

In Georgia wurde Wesley ein Pfarramt unter den Engländern zugewiesen. Dort geschah dasselbe wie in England: Seine starke und strenge Predigt über die Heiligkeit erregte allgemeine Aufmerksamkeit, aber alle wandten sich gegen ihn. Nur wenige liessen sich von ihm überzeugen, und Wesley sah sich ständig in Streitigkeiten, Intrigen und Bedrohungen verwickelt. Ein Mitglied seiner Kirche warf ihm eines Tages vor:
„Mir gefällt überhaupt nichts von dem, was Sie tun. Alle Ihre Predigten sind Satiren über bestimmte Personen, und deshalb will ich Ihnen nicht mehr zuhören, und die ganze Gemeinde sagt dasselbe, denn wir wollen nicht länger beleidigt werden. Ausserdem sagen sie, sie seien Protestanten; aber von Ihnen kann niemand sagen, was für einer Religion Sie angehören. Niemand hier hat je von einer solchen Religion gehört. Die Leute wissen nicht, was sie davon halten sollen. Und ausserdem Ihr persönliches Verhalten – alle die Auseinandersetzungen, die es durch Ihre Schuld gegeben hat, seit Sie gekommen sind. Überhaupt kümmert sich kein Mensch in dieser Stadt auch nur um ein einziges Wort von dem, was Sie sagen. Sie können predigen, soviel Sie wollen; aber niemand wird kommen, um Ihnen zuzuhören.“
Wesley fügt in seinem Tagebuch hinzu: „Er war zu erhitzt, um einer Antwort zuzuhören. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihm für seine Offenheit zu danken und wegzugehen.“

Wesley verwickelte sich ausserdem in eine Liebesaffäre, wo er sehr unweise handelte. Eine junge Frau, die anscheinend Gott liebte, begann sich für ihn zu interessieren. Sie gefiel Wesley auch, aber er hatte oft gesagt, es sei besser, ledig zu bleiben, um Gott besser dienen zu können. Deshalb zweifelte er, ob Gott ihm erlauben würde zu heiraten. Aufgrund dieser eigenen Unsicherheit schwankte er ständig zwischen zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen: auf der einen Seite machte er der jungen Frau Hoffnungen, und auf der anderen Seite distanzierte er sich wieder von ihr. Dieses Verhalten verwirrte sie so sehr, dass sie schliesslich in ihrer Verzweiflung überstürzt einen anderen Mann heiratete.

Mit all diesen Problemen in der Gemeinde und in seinem eigenen Leben konnte Wesley nie seinen eigentlichen Vorsatz ausführen, die Indianer zu evangelisieren. Seine Arbeit unter den Eingeborenen beschränkte sich auf einige wenige Kontakte.

Während dieser ganzen Zeit versammelte sich Wesley weiterhin mit den Herrnhutern, die am selben Ort lebten. Ab und zu suchte er Rat bei ihnen. Anscheinend waren sie die einzigen Menschen, vor denen er sein Herz öffnen konnte. In einem Gespräch mit einem ihrer Leiter, Spangenberg, fragte ihn dieser:

– „Mein Bruder, ich muss dir zuerst eine oder zwei Fragen stellen. Hast du das Zeugnis in dir? Bezeugt der Geist Gottes zusammen mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist?“
John Wesley war angesichts dieser Frage so sprachlos, dass er nicht antworten konnte.
– „Kennst du Jesus Christus?“, fuhr Spangenberg fort.
– „Ich weiss, dass er der Erlöser der Welt ist.“
– „Gewiss; aber weisst du, dass er dich erlöst hat?“
– „Ich hoffe es“, antwortete Wesley, „er starb, um mich zu erretten.“
– „Kennst du dich selber?“
– „Ja“, sagte Wesley, aber er sagte es nicht mit Überzeugung.

Die Überführung durch den Heiligen Geist

Schliesslich verliess Wesley vor der Zeit Georgia und kehrte fast fluchtartig nach England zurück. Während der Schiffsreise hatte er mehrere Wochen Zeit, um über seinen Misserfolg und dessen Ursachen nachzudenken. Und da war es, wo Gott ihm ganz klar die Wahrheit zeigte: Er selber war noch nicht wiedergeboren!

Während dieser Reise schrieb Wesley die folgenden beeindruckenden Worte in sein Tagebuch:

„Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren; aber ach! wer wird mich bekehren? Wer wird mich von diesem boshaften Herz erlösen? Ich habe eine Sommer-Schönwetterreligion. Ich kann gut reden, ja, und kann auch glauben, solange keine Gefahr herrscht; aber wenn mir der Tod ins Gesicht schaut, verstört sich mein Geist. Ich kann auch nicht sagen: ‚Sterben ist Gewinn‘.
Ich habe eine Sünde der Angst, dass wenn ich
meinen letzten Faden gewebt haben werde,
am Ufer zugrunde gehe!“

Und etwas später:

„Es ist jetzt zwei Jahre und fast vier Monate her, seit ich mein Land verliess, um die Indianer von Georgia über das Christentum zu belehren. Aber was habe ich selber in dieser Zeit gelernt? Was ich am wenigsten erwartete: dass ich, der ich nach Amerika ging, um andere zu bekehren, selber nie zu Gott bekehrt worden war.“

An dieser so wichtigen Stelle in Wesleys Leben müssen wir einen Moment innehalten. Er war ein Theologe, ein ordinierter Pfarrer, ein Prediger, ein Missionar. Er kannte und glaubte alle wichtigen Lehren des Christentums, und belehrte andere darüber. Dennoch musste er anerkennen, dass er selber noch nicht wiedergeboren war. Ja, er glaubte, dass Jesus für ihn gestorben war. Aber auf der Reise und in Georgia war sein Glaube auf die Probe gestellt worden – und zu leicht befunden worden. Wesley musste eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens keinen Glauben hatte.

Wenn wir nur die grosse und schreckliche Lehre verstehen könnten, die in dieser Geschichte für unsere heutigen Kirchen liegt! Wie schnell sind wir dabei, jemanden als „Christ“ und „Bruder“ zu bezeichnen. Wir geben uns damit zufrieden, dass jemand zur Kirche geht, die Bibel liest, betet, Geld spendet, und „auf christlich“ sprechen kann. Und wenn wir ihn sein „Übergabegebet“ sprechen gehört haben, dann zweifeln wir überhaupt nicht mehr daran, dass es sich um einen echten, bekehrten Christen handelt. In einigen Gemeinden wird es sogar als eine Todsünde betrachtet, die Errettung einer solchen Person in Frage zu stellen. Aber Wesley hatte all das getan, was diese „Durchschnittschristen“ tun, und noch viel mehr. Er hatte seine Ordinationsgelübde abgelegt. Er war unter Lebensgefahr über das Meer gereist, um die Indianer zu bekehren. Er hatte ein disziplinierteres und frömmeres Leben geführt als alle seine Kameraden. Dennoch war er nicht wiedergeboren.

Ist es da nicht logisch anzunehmen, dass viele der angeblichen „Geschwister“ in den Gemeinden ebensowenig wiedergeboren sind? – und dass sogar viele der gegenwärtigen Pfarrer und Prediger nicht wiedergeboren sind?

Manche Jahre später sagte Wesley in einer Predigt, dass er während all dieser Jahre nur ein „Beinahe-Christ“ gewesen sei. Einer, der sich bemüht, Gottes Gebote zu halten; der sich bemüht, gute Werke zu tun; und der den ehrlichen Wunsch hat, Gott zu gefallen. Einer, der von Herzen alle seine religiösen Pflichten erfüllt. Ist es nicht das, was in vielen Kirchen unter einem Christen verstanden wird? Und gibt es etwa nicht viele „Geschwister“ in den Kirchen, die nach Wesley nicht einmal „Beinahe-Christen“ wären, weil sie noch in bewusster Sünde leben und in ihren Herzen nicht ehrlich sind? Wie können sie dann glauben, sie seien errettet?
Aber auch als „Beinahe-Christ“ fehlte Wesley noch das Entscheidende (wie er in jener Predigt sagte): die echte Liebe Gottes und der echte Glaube. Seine Frömmigkeit und seine guten Werke waren nichts als menschliche Anstrengungen. Er hatte das Leben eines echten Christen nachgeahmt; aber Gott hatte nicht wirklich in seinem Leben gewirkt.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley, dass er während all jener Jahre den Glauben eines Sklaven gehabt hätte; aber dass ihm nachher Gott den Glauben eines Sohnes gegeben hätte.

Das Leben Wesleys sollte als Beispiel dienen, um all jenen die Augen zu öffnen, die meinen, Christen zu sein, während sie in Wirklichkeit nur religiöse Gewohnheiten haben.
Hat dich Gott je zutiefst von deiner Sündhaftigkeit und deinem Unglauben überführt?
Gab es in deinem Leben ein echtes Wirken Gottes, das dein Leben veränderte und den Sünder, der du warst, in ein heiliges Kind Gottes verwandelte?
Oder ist deine ganze Religiosität nur dein eigenes menschliches Werk?

Wichtige Anmerkung: Ich sagte oben, dass in Georgia der Glaube Wesleys als zu leicht befunden wurde. Das hat aber nichts damit zu tun, was die Leute über ihn sagten. Einige „Christen“ meinen, sie seien „bewährt“, wenn die ganze Gemeinde gut von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Und sie meinen, sie seien „unbewährt“, wenn die Gemeinde schlecht von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Das ist ein grosser Irrtum. Nur in deiner persönlichen Beziehung zu Gott zeigt es sich, ob dein Glaube bewährt ist. Wir werden weiter unten sehen, dass Wesley nach seiner Wiedergeburt noch viel mehr kritisiert und misshandelt wurde – insbesondere von den Pastoren. Aber da war sein Glaube fest und bewährt.

Die Wiedergeburt

Bei seiner Rückkehr nach London lernte Wesley einen anderen Herrnhuter kennen, Peter Böhler, der vor kurzem aus Deutschland gekommen war. Er sprach mit ihm über seine Verzweiflung, und während der folgenden vier Monate war Böhler sein Ratgeber in seinen geistlichen Stürmen. In einem dieser Gespräche sagte Böhler zu ihm: „Mein Bruder, mein Bruder, du musst von dieser deiner Philosophie gereinigt werden.“

Wesley erwähnt das folgende Gespräch, einige Wochen später:

„Am Sonntag wurde ich klar vom Unglauben überführt, vom Mangel an jenem Glauben, durch den wir als einziges errettet werden können.
Sofort kam mir der Gedanke: ‚Hör auf zu predigen. Wie kannst du anderen predigen, wenn du selber keinen Glauben hast?‘ – Ich fragte Böhler, ob ich aufhören sollte zu predigen. Er antwortete: ‚Keinesfalls.‘ – Ich fragte: ‚Aber was kann ich predigen?‘ – Er sagte: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast.‘ „

Bei einer anderen Gelegenheit, als Wesley nochmals dasselbe fragte, antwortete Böhler: „Nein, vergrabe das Talent nicht, das Gott dir gegeben hat.“

So fuhr Wesley fort zu predigen, und die Wahrheit Gottes schaffte sich allmählich Raum in seinem eigenen Herzen.

Am 24.Mai 1738, vier Monate nach seiner Rückkehr von Amerika, befand sich Wesley in einer Versammlung, wo Luthers Vorrede zum Römerbrief vorgelesen wurde. Wesley berichtet:

„Etwa um viertel vor neun, während er den Wechsel beschrieb, den Gott im Herzen bewirkt durch den Glauben an Christus, fühlte ich, dass mein Herz seltsam erwärmt wurde. Ich fühlte, dass ich auf Christus vertraute, auf Christus allein, für meine Errettung; und es wurde mir eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, sogar die meinen, und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst hatte.
(…) Wenig später flüsterte mir der Feind ein: ‚Das kann nicht Glaube sein, denn wo ist deine Freude?‘ – Darauf wurde ich belehrt, dass der Friede und der Sieg über die Sünde wesentlich sind im Glauben an den Anführer unserer Erlösung; dass aber das Gefühl der Freude (…) Gott manchmal gibt und manchmal zurückbehält, nach dem Ratschluss seines eigenen Willens.
(…) Die Versuchungen kamen immer wieder zurück. Jedesmal hob ich meine Augen auf, und Er ’sandte mir Hilfe aus Seinem Heiligtum‘. Und darin fand ich den hauptsächlichen Unterschied zwischen meinem neuen Zustand und dem vorherigen. Ich strengte mich an und kämpfte mit all meiner Kraft, sowohl unter dem Gesetz wie unter der Gnade. Aber damals wurde ich oft besiegt; jetzt war ich immer Sieger.

J.E.Hutton schreibt über diese Veränderung: „Von diesem Moment an, trotz einiger wiederkehrender Zweifel, war John Wesley ein veränderter Mensch. Obwohl er keine neue Lehre gelernt hatte, hatte er doch gewiss eine neue Erfahrung gemacht. Er hatte Frieden in seinem Herzen, war seiner Errettung gewiss, und von da an, wie alle Leser wissen, war er imstande, sich selbst zu vergessen, seine Seele in Gottes Hand zu lassen, und sein Leben zur Errettung seiner Nächsten zu verwenden.“

Es ist sehr interessant zu lesen, wie Wesley die Wirkung seiner Predigten während jener Zeit beschreibt:

„4.Februar. Am Nachmittag wurde ich gebeten, in St.John the Evangelist’s zu predigen. Ich tat es, über diese starken Worte: ‚Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung‘ (2.Kor.5,17). Danach wurde ich darüber informiert, dass die Besten in der Versammlung sich so beleidigt fühlten, dass ich nie mehr hier predigen sollte.
Sonntag, 12. Ich predigte in St.Andrew’s, Holborn, über: ‚Auch wenn ich all meine Güter gäbe, um die Armen zu speisen, und auch wenn ich meinen Körper hingäbe zum Verbrennen, aber hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.‘ (1.Kor.13,3). Oh, harte Worte! Wer kann sie anhören? Auch hier scheint es, dass sie mich nie mehr predigen lassen werden.
Sonntag, 26. Ich predigte um sechs in St.Lawrence, um zehn in St.Catherine Cree’s, und am Nachmittag in St.John’s, Wapping. Ich glaube, es gefiel Gott, die erste Predigt am meisten zu segnen, denn sie erregte am meisten Anstoss.
(…) Sonntag, 7.Mai. Ich predigte morgens in St.Lawrence, und danach in St.Catherine Cree’s. An beiden Orten wurde ich befähigt, starke Worte zu sprechen; und war deshalb nicht überrascht, als ich informiert wurde, ich dürfe in keiner dieser beiden Kirchen mehr predigen.
Sonntag, 14. Ich predigte morgens in St.Ann’s, Aldersgate; und am Nachmittag in Savoy Chapel, die freie Erlösung durch den Glauben an das Blut Christi. Man sagte mir sofort, dass ich auch in St.Ann’s nicht mehr predigen dürfe.
Sonntag, 21. Ich predigte in St.John’s, Wapping um drei, und in St.Bennett’s, Paul’s Wharf, am Abend. Auch in diesen Kirchen darf ich nicht mehr predigen.“

Was war so anstössig an diesen „neuen“ Predigten Wesleys? – Nun, es war genau das, was er selber erfahren hatte: dass es nötig war, von neuem geboren zu werden. Wesley verstand sehr gut, dass sich die Mitglieder (und Pastoren) der Kirchen in derselben Situation befanden wie er vor seiner Wiedergeburt: Sie dachten, sie seien Christen, aber sie waren höchstens „Beinahe-Christen“. Somit bewies ihnen Wesley aus der Schrift, dass sie von neuem geboren werden mussten. Das ist die anstössigste, aber zugleich notwendigste Botschaft für die Kirche. Nicht nur zur Zeit Wesleys, sondern auch heute. Wo sind heute die Prediger, die den Mitgliedern und Pastoren der evangelischen und evangelikalen Kirchen aus der Schrift zeigen, dass sie erst von neuem geboren werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.

Die christliche Gemeinde ist auf Familien aufgebaut

12. Juni 2013

Mit „christlicher Gemeinde“ meine ich die Gemeinde, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird – denn das ist etwas ganz anderes, als was heute allgemein unter „Kirche“ oder „Gemeinde“ verstanden wird. Die neutestamentliche Gemeinde hatte ihr irdisches Zentrum in den Familien.

Natürlich ist das eigentliche Zentrum der Gemeinde im Himmel, in der Person von Jesus selber. Aber in diesem Artikel möchte ich über die irdische Organisation der Gemeinde sprechen. Und auf dieser Erde ist die Familie das zutreffendste Bild der göttlichen Dreieinigkeit. Wenn wir eine echte „Reformation“ der Gemeinde wollen, dann müssen wir die Familie als irdisches Zentrum der Gemeinde wiederentdecken, und die Gemeinde um die Familien herum strukturieren und die Familien stärken, statt sie auseinanderzureissen, wie das allzu viele heutige Gemeinden tun.

Vorläufer der christlichen Gemeinde war Israel, das erwählte Volk Gottes des Alten Testaments. Dieses Volk war während seiner ganzen Geschicht durchgängig nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert.
Das ganze Volk hat seinen Urprung in drei Generationen von Familien: die Familie Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von jedem Sohn Jakobs entsprang einer der Stämme Israels. Wir lesen über die Organisationsform des Volkes:

„Die Israeliten lagerten sich jeder bei seinem Banner, unter dem Feldzeichen der Familien ihrer Väter…“ (4.Mose 2,2) – Die Fortsetzung des Kapitels gibt für jeden Stamm den Ort an, wo sie sich während der Wüstenwanderung lagern sollten.

„Und ihr sollt das Land durchs Los als Erbe zugeteilt erhalten, nach euren Familien; (…) nach den Stämmen eurer Väter sollt ihr es als Erbe zugeteilt erhalten.“ (4.Mose 33,54) – Jeder Stamm erhielt ein bestimmtes Gebiet des verheissenen Landes zugeteilt. (Siehe auch Josua 14 – 19.)

„Tretet also morgen nach euren Stämmen herzu; und der Stamm, den der Herr (durchs Los) bestimmen wird, soll nach seinen Sippen herzutreten; und die Sippe, die der Herr bestimmen wird, soll nach ihren Familien herzutreten; und die Familie, die der Herr bestimmen wird, soll Mann für Mann herzutreten …“ (Josua 7,14). – Das war das Vorgehen, mit welchem ermittelt wurde, wer vom Volk gesündigt hatte. Die Organisation des Volkes nach Verwandtschaftsgraden ist klar ersichtlich. Dasselbe Vorgehen wurde angewandt, um die Wahl Sauls zum König zu bestätigen (1.Samuel 10,20-21).

Noch viele Jahrhunderte später organisierte Nehemia das Volk nach Familien, um die Stadtmauer zu verteidigen:
„Da stellte ich an den tiefer liegenden Orten hinter der Mauer, und an den offenen Stellen, das Volk nach Familien auf, mit ihren Schwertern, Lanzen und Bogen. Dann sah ich sie an, und erhob mich und sagte zu den Adligen und den Offizieren, und zum übrigen Volk: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den grossen und furchtbaren Herrn, und kämpft für eure Brüder, für eure Söhne und Töchter, für eure Frauen und für eure Häuser!“ (Nehemia 4,13-14)

Das wichtigste jüdische Fest, das Passah, wird in den Familien gefeiert:
„Am zehnten Tag dieses Monats soll jeder ein Lamm nehmen nach den Familien ihrer Väter, ein Lamm für jede Familie.“ (2.Mose 12,3)
„… Das sollt ihr halten, ihr und eure Kinder, als ein ewiges Gebot. … Und wenn eure Kinder euch fragen: Was bedeutet dieser euer Brauch?, dann sollt ihr antworten: Das ist das Passahopfer des Herrn, der an den Häusern der Israeliten in Ägypten vorüberging … „ (2.Mose 12,21-27)
Während der Passahfeier muss ein Kind (normalerweise das jüngste) mit dieser Frage das Gespräch beginnen. Als Antwort erzählt der Vater seiner Familie die Geschichte des Passah und leitet die Feier.

Dieses Familienbewusstsein ist auch im heutigen Israel noch gegenwärtig:

„In dieser Zeit (in Israel) ging mir auf, wie sehr die jüdische Kultur eine Familienkultur ist, bei der der Tisch mit Essen und tiefen Diskussionen über die heiligen Schriften im Mittelpunkt steht. Durch diese Erfahrungen in Israel ging mir auf, wie sehr das Gemeindeleben, wie ich es in verschiedenen Frei- und Grosskirchen kennengelernt hatte, vom griechischen Geist geprägt ist. Im griechischen Geist entwerfen wir schöne Theorien und gehen in Gottesdienste, bei denen die wenigsten aktiv teilnehmen. (…) Demgegenüber lebt das Judentum davon, dass man sieht, wie etwas gemacht wird. Dabei trifft man sich um den Tisch herum. Dort behandelt man sowohl Fragen des Alltags als auch geistliche Themen. Das Ganze geschieht im Gespräch miteinander. Für mich war mein sechsjähriger Aufenthalt in Israel eine Zeit, in der Gott mir den Filter wegnahm, durch den ich die Bibel vorher gelesen hatte.
(…) Gleichzeitig ist die Kernfamilie immer Teil eines grösseren Zusammenhanges, d.h. der Grossfamilie bzw. der Sippe. Auf diese Weise überlebten die Juden als Minderheit in einem ihnen feindlich gesonnen Umfeld, der Diaspora. Die Juden waren sich bewusst: ‚Wir als Juden, als Gottes auserwähltes Volk, gehören zusammen.‘ Trotz dieses gemeinschaftlichen Zusammengehörigkeitsgefühls geht der Einzelne nicht unter im ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘, sondern man fördert die Fähigkeiten, Talente und Gaben der Einzelnen.
Wer aber aus dem Volk herausragt, indem er an Geld, Macht und Einfluss in der Gesellschaft gewinnt, hat immer auch eine Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. Das sieht man bis heute in Israel, wo reiche Juden aus aller Welt für de Armen, Schwachen und Benachteiligten spenden. Zudem ist man sich bewusst, dass man zu einer Grossfamilie gehört, einer Sippe, die sich gegenseitig unterstützt. In einer solchen Grossfamilie gibt es immer einen zusätzlichen Teller, ein zusätzliches Bett oder sonstige materielle, ideelle oder praktische Hilfe. Lebt man in erreichbarer Nähe, so trifft sich die Grossfamilie regelmässig – nicht nur zu den herausragenden Zeiten im Leben ihrer Mitglieder – und sitzt gemeinsam um den Tisch, isst miteinander und tauscht sich aus.“
(Markus Jerominski, in „Väter und Mütter, die die Welt prägen“.)

Diese selben Prinzipien galten in der Urgemeinde. Die ersten Christen verstanden sich wie Israel als Grossfamilie. Das ganze Leben der christlichen Gemeinschaft war familienzentriert.

Ihr bevorzugter Versammlungsort war das eigene Haus. In den Ursprachen der Bibel ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Das Neue Testament erwähnt u.a: „die Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquila“ (1.Kor.16,19), „die Gemeinde im Haus von Nympha“ (Kol.4,15), „die Gemeinde im Haus von Philemon“ (Phm.2). Von Gayus wird gesagt, „der mich und die ganze Gemeinde beherbergt“ (Röm.16,23). In Apg.2,46 heisst es von den ersten Christen: „Sie brachen das Brot in den Häusern, assen zusammen mit Freude und Einfachheit des Herzens.“ Da wird deutlich der „Familientisch“ der jüdischen Kultur sichtbar. Ebenso in Apg.5,42: „Und jeden Tag, im Tempel und in den Häusern, hörten sie nicht auf, Jesus Christus zu verkünden und von ihm zu lehren.“ (Siehe auch Apg. 2,2, 8,3, 11,11-15, 12,12, 16,31-34, 16,40.)

Diese „Hausgemeinden“ (wahrscheinlich Gemeinschaften von mehreren Familien, die in der Nähe wohnten) bildeten also etwas wie geistliche „Sippen“, und zusammen mit anderen „Sippen“ der Stadt bildeten sie die geistliche Grossfamilie ihrer Stadt („die Gemeinde in Ephesus“, „die Gemeinde in Korinth“, usw.). So sagt Paulus in Eph.2,19, dass wir als Christen „Mitglieder der Familie Gottes“ sind.

Insbesondere ist das „Abendmahl“ die Fortsetzung des jüdischen Passahmahls (Matth.26,17-29). So wie das Passah in den Familien gefeiert wird, so auch das Abendmahl in der Urgemeinde. („Sie brachen das Brot in den Häusern„, Apg.2,46). So wie der jüdische Familienvater die Passahfeier leitet, so leitete der urchristliche Familienvater das Abendmahl. Dazu war kein „Priester“, „Pfarrer“ oder „Pastor“ notwendig.

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Hausgemeinden nicht einfach „Zellen“ oder „Hauskreise“ einer grösseren zentralisierten Kirche waren, so wie sich heute manche Freikirchen organisieren. Die Hausgemeinde war eine vollgültige, weitestgehend unabhängige Gemeinde. Paulus spricht die Hausgemeinden in seinen Briefen immer als „Gemeinden“ an, nicht als „Gruppen“ oder „Zellen“.

Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass sich die Hausgemeinden nicht einfach dadurch auszeichneten, dass sie sich in Privathäusern versammelten statt an irgendeinem anderen Ort. Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie Familiengemeinden waren. Ihr Kern bildete eine Familie, und ihr Zusammenleben hatte die Struktur einer Familie.
Offenbar waren die Familien in diesen Versammlungen vereint. Einige Abschnitte in den apostolischen Briefen richten sich direkt an die Kinder (Eph.6,1-3, Kol.3,20, 1.Joh.2,12-13). Die Kinder waren demnach anwesend, wenn diese Briefe vorgelesen wurden. Die Urgemeinde spaltete die Familien nicht auf in „Männerklub“, „Frauentreffen“, „Jugendgruppe“ und „Sonntagschule“, wie es die meisten gegenwärtigen Kirchen machen. Im Gegenteil, sie versammelte sich als eine „Familie von Familien“.

Sowohl im Alten wie im Neuen Testament lesen wir oft davon, dass ganze Familien sich entscheiden, dem Herrn nachzufolgen. So sagt Gott in seiner Berufung an Abraham: „… und in dir werden alle Familien der Erde gesegnet sein.“ (1.Mose 12,3).
Josua verpflichtete sich, zusammen mit seiner ganzen Familie dem Herrn zu dienen: „… aber ich und mein Haus werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15).
In der Apostelgeschichte lesen wir, dass sich Cornelius „mit seinen Verwandten und seinen engsten Freunden“ zum Herrn bekehrte (Apg.10,24.44). Ebenso „Lydia und ihre Familie“ (Apg.16,15), und der Gefängnisaufseher mit „allen, die in seinem Haus waren“ (Apg.16,31-34).