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DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

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Der Reformator Martin Luther – Teil 9 – Weitere Lehren der Reformation

9. Dezember 2012

Da ich in dieser Artikelkategorie das Schwergewicht darauf legen möchte, was wir von vergangenen Erweckungen lernen können inbezug auf eine Rückkehr zu urchristlichen Prinzipien, möchte ich nicht mehr auf das weitere Leben Luthers eingehen, da ich dort nicht mehr viel Lehrreiches in dieser Hinsicht finde. Stattdessen möchte ich in dieser und der nächsten Folge noch einige weitere Prinzipien und Folgen der Reformation erwähnen.

Andere wichtige Lehren der Reformation

Der direkte Zugang zu Gott und das allgemeine Priestertum

Die katholische Kirche und ihr Klerus sehen sich als „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott: Der Gläubige kann seine Sünden nicht direkt Gott bekennen und von ihm Vergebung erhalten, sondern er muss dem Priester bekennen, und der Priester muss ihm Vergebung zusprechen. Der Gläubige kann auch nicht selber die Bibel richtig verstehen, sondern er muss der Auslegung des kirchlichen Lehramts folgen. (Auch heute noch, obwohl den Katholiken inzwischen das Bibellesen erlaubt ist.)

Dagegen betonte Luther, gestützt auf Bibelstellen wie 1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22, dass jeder Gläubige durch Jesus Christus persönlichen und direkten Zugang zu Gott hat. Das ist eine weitere grosse Errungenschaft der Reformation, dass sie dem Christen den direkten Zugang zu Gott (ohne Vermittlung eines irdischen Priesters) wieder geöffnet hat. (Obwohl die Reformatoren diesen Punkt nicht konsequent in die Praxis umsetzten.)

Francis Schaeffer schreibt dazu:

„Zuvor waren Kirchgänger von dem, was für sie der Mittelpunkt des Gottesdienstes war – der Altar im Altarraum – durch ein hohes Eisen- oder Holzgitter getrennt. Das war der Lettner, häufig von einem Kruzifix unterstützt, oder ein Kruzifix hing über ihm. Aber in der Reformationszeit, als die Bibel in all ihrer einzigartigen Autorität akzeptiert wurde, wurden diese Gitter oft beseitigt. In manchen Kirchen wurde an genau der Stelle, an der sich der Lettner befunden hatte, eine Bibel zur Schau gestellt, um zu zeigen, dass die Lehre der Bibel die Möglichkeit für alle Menschen eröffnete, direkt zu Gott zu kommen.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Leider hat aber die katholisch-priesterliche Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ so nachhaltig gewirkt, dass auch die Reformierten und Evangelikalen bis heute nicht wirklich davon losgekommen sind. Einerseits hat Luther zwar wichtige Änderungen vorgenommen, indem er z.B. das Messopfer, das sakramentale Verständnis der Beichte, das Zölibat, etc. abschaffte. Auch definierte er das Pfarramt nicht mehr als priesterliche (Mittler-)Funktion, sondern als Predigt- und Lehramt. Aber die Idee des Pfarramts an sich hat er beibehalten, und damit auch die geistliche Entmündigung der „Laien“. Versammlungen, zu denen jedes „Glied am Leibe“ etwas beiträgt, wie z.B. in 1.Korinther 14,26 beschrieben, sind bis heute in den meisten Kirchen, die sich von der Reformation herleiten, so gut wie unbekannt. Das wichtige reformatorische Postulat des allgemeinen Priestertums wartet also immer noch auf seine Verwirklichung.

Gesetz und Gnade

Luther schreibt in den „Schmalkaldischen Artikeln“:

„Aber das vornehmste Amt und Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit Früchten und allem offenbart und dem Menschen zeige, wie gar tief und grundlos seine Natur gefallen und verderbt ist, dem das Gesetz sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte oder bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen würde…
(Röm.1,18, 3,19-20, Joh.16,8)

…Und das heisst dann, die rechte Busse (Bekehrung) anfangen. …Aber zu solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheissung der Gnade durchs Evangelium, der man glauben soll. Wie Christus spricht Mark.1,15: ‚Tut Busse und glaubt dem Evangelium‘, das ist: ‚Werdet und macht’s anders und glaubt meiner Verheissung.‘ …Wiederum gibt das Evanglium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durch Wort, Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden; auf dass die Erlösung ja reichlich sei bei Gott – wie der Psalm 130 sagt – wider das grosse Gefängnis der Sünde.“

Dies ist eine zentrale Lehre Luthers, und wichtig zum Verständnis der biblischen Botschaft. Das „Gesetz“, verbunden mit der Gerechtigkeit Gottes (belohnend und strafend) ist nötig zur Überführung des Sünders, und gehört daher unbedingt zur Evangelisation. Das „Evangelium“, verbunden mit der Gnade Gottes, ist nötig zur Rettung und zur Festigung des Christen, und gehört daher unbedingt zum geistlichen Wachstum der Wiedergeborenen. Die Praxis der meisten evangelikalen Gemeinden ist aber genau umgekehrt: Da wird den Unbekehrten die Gnade Gottes verkündet („Gott liebt dich“, „Komm zu Jesus, dann hören deine Probleme auf“) und andere Lockvögel angeboten im Sinne einer „bedürfnisorientierten Evangelisation“. Sind sie aber einmal „bekehrt“ und Teil der Gemeinde geworden, dann werden sie unter das Gesetz gestellt: „Du sollst regelmässig zum Gottesdienst kommen“, „Du sollst dich der Gemeindeleitung unterordnen“, „Du sollst den Zehnten geben“, usw. (wobei die meisten dieser Gesetze nicht einmal biblisch sind).

Diese verfehlte Praxis schafft verschiedenste Probleme. Einerseits die bereits erwähnte „billige Gnade“, wo dem halsstarrigen Sünder Errettung angeboten wird, ohne dass er umkehren muss. So füllen sich die Gemeinden mit Scheinchristen, die den Herrn nie persönlich kennengelernt haben. Das ist die Folge, wenn unbekehrten Sündern die Gnade verkündigt wird statt des Gesetzes.

Und andererseits entsteht eine gesetzliche Frömmigkeit, wo Wohlverhalten und „gute Werke“ benotet werden, sodass der Christ sich auf Menschengebote und auf seine eigenen Anstrengungen zum Gutsein abstützt. Er wird so dazu verleitet, wieder auf seine eigene Gerechtigkeit zu vertrauen statt auf das vollbrachte Werk Christi; er kann sich nicht mehr an seiner Erlösung freuen, und steht in der grossen Gefahr, „von der Gnade zu fallen“ (Gal.5,4). Ausserdem nutzen manipulative Leiter die dadurch entstehenden Schuldgefühle aus, um die Christen von sich selbst abhängig zu halten. Das war genau die Problematik der mittelalterlichen Kirche, und dieselbe Problematik besteht in vielen heutigen evangelikalen Gemeinden. Das ist die Folge, wenn wiedergeborene Christen unter das Gesetz gestellt werden statt unter die Gnade. Die Warnungen Paulus‘ beziehen sich auf genau solche Situationen: „Zu einem Preis seid ihr erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23). „Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer auftreten, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst herzuziehen“ (d.h. sie von sich selbst abhängig zu machen). (Apg.20,30).

Die beiden Probleme, billige Gnade und Gesetzlichkeit, sind eng miteinander verbunden. Wenn wegen der Verkündigung der billigen Gnade unbekehrte Sünder in die Gemeinde kommen und als „Christen“ angesehen werden, dann können sie gar nicht wie Christen leben. Somit „müssen“ sie einer Vielzahl von Regeln unterstellt werden, damit ihr Verhalten wenigstens einen christlichen Eindruck macht. (Warum sonst hat es eine Bibelschule nötig, in ihrem offiziellen Reglement so kleinliche Dinge vorzuschreiben wie: „Es ist verboten, Löcher in die Wände zu machen“, oder: „Es ist den Studenten untersagt, weltliche Musik zu hören“?) Wo der Geist Gottes fehlt, da muss nach Lenins Grundsatz regiert werden: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Wo aber eine wirklich christliche Gemeinschaft vorhanden ist, da kann echtes Vertrauen entstehen. (Bei jenen seltenen Gelegenheiten, wo ich mit einem Mitarbeiterteam aus mehrheitlich wiedergeborenen Christen arbeiten konnte, hatten wir es nie nötig, ein Reglement aufzustellen.)

Was allerdings bei Luther fehlt, ist der notwendige nächste Schritt: Die Gnade Gottes wirkt im Wiedergeborenen dahingehend, dass er den Willen Gottes tut und dadurch effektiv das Gesetz erfüllt (Röm.8,3-4, Titus 2,11-14) – nicht mehr durch äusserliche gesetzliche Anstrengungen, sondern weil Gottes Gesetz jetzt in sein Herz geschrieben ist (Jer.31,33-34).
(Siehe in der vorherigen Folge über die verhängnisvollen Folgen dieser Auslassung Luthers.)

Die Gemeinden heute haben es sehr nötig, zur richtigen Anwendung von Gesetz und Gnade zurückzukehren.

Gott dienen in der Welt

Die Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ führte im mittelalterlichen Katholizismus zu einer scharfen Trennung der Gesellschaft in einen „geistlichen“ Bereich (alles, was zur Kirche gehörte), und einen „weltlichen“ Bereich (alles, was ausserhalb der Kirche war). Richard Stern von „Jugend mit einer Mission“ schreibt darüber:

„…Wir sind zu Christus berufen, um alles, was wir tun, zu seiner Ehre zu tun. Deutlich kommt das heraus, wenn wir uns die Definition von Arbeit in der Bibel anschauen: Arbeiten heisst, Gott dienen mit ganzem Herzen. Unsere Arbeit soll also ein Gottesdienst sein (Kol.3,17.23). Im Hebräischen wird für „arbeiten“ und „dienen“ dasselbe Wort gebraucht. (Vgl. 2.Mose 20,5 mit 20,9).
… Im Mittelalter sah das ganz anders aus. Berufen war nur noch der Geistliche, der Mönch; alle anderen Dienste galten als Dienstleistung für den Geistlichen. Aus diesem Verständnis heraus gab es eine Trennung zwischen „geistlich“ und „weltlich“. Wenn man geistlich sein wollte, zog man sich von der Welt zurück.
… Erst die Reformation brachte eine Änderung. Luther war der erste, der in der Übersetzung von 1.Kor.7,20 das Wort „Beruf“ gebrauchte. Er durchbrach damit die Trennung zwischen geistlich und weltlich. Zum ersten Mal galt der Handwerker wieder als ein von Gott Berufener, um seine Arbeit zur Ehre Gottes zu tun.
… Heute verstehen sich die meisten Tätigkeiten als „Jobs“ zum Brotverdienst. … Viel besser sieht es auch bei den Christen nicht aus. Seit der Erweckung im 19.Jahrhundert gelten wiederum nur Prediger, Missionar und Evangelist als Berufung.“
(Richard Stern, „Wozu bist du berufen?“, Zeitschrift „Der Auftrag“ Nr.28)

Hier liegt der Grund dafür, warum die Reformation nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft entscheidend veränderte. Jeder Christ verstand sich nun als Priester Gottes in der Welt, mit dem Auftrag, in seinem eigenen Lebens- und Arbeitsbereich die Prinzipien Gottes zu verwirklichen. Das führte zu einer ganzen weltanschaulichen Umwälzung Europas (wie wir in einer späteren Folge sehen werden).
Wenn wir unser Christentum auf einen kleinen „geistlichen Bereich“ reduzieren, dann hat dies schwerwiegende Folgen. Entweder wir ziehen uns aus der „Welt“ zurück – dann verlieren wir aber auch jeden evangeliumsgemässen Einfluss auf sie. – Die andere mögliche Folge besteht darin, dass Christen sich zwar in der „Welt“ engagieren, aber ohne christliche Massstäbe. Wenn Gott nur über den „geistlichen Bereich“ regiert, dann kann man sein Wort ja nicht auf die Politik, die Wirtschaft, die Wissenschaft, usw. anwenden, oder? – Dies lässt sich vor allem in den Landeskirchen beobachten, die sich zwar in allen möglichen sozialen und politischen Fragen engagieren – aber die Lösungen, die sie anbieten, unterscheiden sich in nichts von den „Lösungen“ des säkularen, atheistischen Humanismus.

Selbst nichtchristliche Historiker haben anerkannt, dass die „protestantische Arbeitsethik“ entscheidend zum heutigen Wohlstand in Europa und Nordamerika beitrug. Einen Faktor dieser Arbeitsethik haben wir bereits erwähnt: Die Reformatoren betrachteten Arbeit als eine Berufung von Gott und einen Gottesdienst.
Einige Lutherzitate mögen dies unterstreichen:

„Also hat jeder seinen Beruf, in welchem er Gott dient, wenn er desselben fleissig wartet. Eine Obrigkeit, die ihren Untertanen wohl vorsteht und regiert, dient Gott; eine Hausmutter, die ihrer Kinder wartet, ein Hausvater, der sich seiner Arbeit nährt, ein Schüler, der fleissig studiert, dient Gott. … Antonius entweicht und setzt sich in die Wüste, Hieronymus tut Wallfahrten in heilige Lande …. Solches hält die Welt für grosse und treffliche Dinge. Dass aber Sarah bei dem Herde steht, kocht und richetet den Gästen Essen zu, und ist sorgfältig, solches hat nicht allein keinen Schein noch Anschein einigen guten Werkes, sondern lässt sich ansehen, als sei es eine Hinderung anderer guter Werke. Wer aber auf das Wort sieht, wird finden, dass Sarah viel ein heiliger Werk damit getan hat, dennn aller Mönche und Einsiedler Werke sind.“
(In der Auslegung zu 1.Mose 17,9 und 18,15f)

„Das ist eine nötige Lehre, da sehr viel an gelegen ist, dass wir unseren Beruf in Gottes Wort fassen, und ein jeder des gewiss soll sein, dass alles, was er tut und lässt, in Gottes Namen und aus Gottes Befehl getan und gelassen sei. Wer also lebt, dass er nicht weiss, dass sein Tun und Lassen in Gottes Befehl und Wort geht, der ist verdammt. Wer aber weiss, dass er alles tut und lässt aus Gottes Befehl und Wort, der ist in seinem Gewissen und Herzen sicher, und kann dem Teufel Trotz beiten, guter Dinge sein und sagen: Ich habe heute dies und das getan, und hab’s darum getan, dass ich weiss, dass mich’s Gott geheissen und mir befohlen hat in seinem Wort; weiss derhalben, dass es ein gut und Gott wohlgefällig Werk ist. … Es soll aber niemand sich vor der Ehre scheuen, dass er und seine Werke heilig heissen. Denn Christus hat uns die Freiheit erworben, und Gott hat uns sein Wort darum gegeben, dass wir dadurch geheiligt werden. Darum, sowenig wir uns davor scheuen sollen, dass wir Christen heissen, so wenig sollen wir uns auch davor scheuen, dass wir und unser Werk heilig heissen.“
(Predigt, in „Dr. M. Luthers Hauspostille“)

Wir können hinzufügen, dass Gott selber, als der erste „Arbeiter“, unser Vorbild ist:
„Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun; aber der siebente Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. Da sollst du keine Arbeit tun … Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und er ruhte am siebenten Tage …“ (2.Mose 2,9-11)
(Man beachte, dass sowohl die Arbeit als auch die Ruhe geboten werden, und beides als Nachahmung von Gottes eigenem Vorbild.)

Wenn also unsere Arbeit ein Dienst für Gott ist, ja sogar ein „Nachahmen“ von Gottes eigenem Vorbild, dann hat dies Folgen für den Wert, die Würde, und die Qualität unserer Arbeit. Was nach Gottes Willen getan ist, das ist wertgeschätzt von ihm, unabhängig davon, welchen „sozialen Status“ eine bestimmte Arbeit hat. Am Beispiel von Joseph im Gefängnis zeigt uns die Bibel, dass Gott selber solche treue Arbeit sogar materiell und mit „Beförderungen“ belohnen kann. – Wenn Gott mein „Arbeitgeber“ ist, dann kann ich mir natürlich auch nicht erlauben, eine Arbeit von minderwertiger Qualität abzuliefern, oder gar zu versuchen, ihn zu betrügen.

In dieser Hinsicht kann ein grosser Unterschied beobachtet werden zwischen den Reformationsländern und den Ländern, die von der Reformation nicht berührt wurden. Wenn in Nord- und Westeuropa heute noch grosser Wert gelegt wird auf ehrliche und qualitativ hochstehende Arbeit, dann ist das nicht einfach eine Mentalitätsfrage, sondern ein Erbe der Reformation (selbst wenn der geistliche Hintergrund der Reformation längst verlorengegangen ist).
Wer hier in Perú einem Handwerker oder Mechaniker eine Arbeit überlässt, muss damit rechnen, dass die Arbeit nicht seinen Wünschen gemäss ausgeführt wird, oder dass an nicht gut sichtbaren Stellen minderwertige oder schadhafte Teile eingesetzt werden. Angestellte Arbeiter müssen fast ständig kontrolliert und überwacht werden, da sie sonst nicht so arbeiten, wie es erwartet wird. Arbeitgeber ihrerseits bleiben ihren Angestellten oft monatelang den Lohn schuldig; versäumen es, Kranken- und Unfallversicherungen für sie abzuschliessen; und treffen auch an gefährlichen Arbeitsplätzen keine Sicherheitsvorkehrungen. Oft werden Arbeitsmaterialien sinnlos verschwendet. All dies trägt zur herrschenden Armut bei.
Diese Erscheinungen können wir nicht einfach damit erklären, die Peruaner seien eben „unverantwortlich“ oder „unterentwickelt“. Vielmehr kamen sie in ihrer Geschichte nie dazu, eine biblische Arbeitsethik zu entwickeln!