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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.

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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

20. Juli 2017

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (3.Teil)

30. Juni 2017

Sie blieben ausdauernd in der Gemeinschaft miteinander.

Das griechische Wort für „Gemeinschaft“ ist „koinonía“; und das ist ein sehr gewichtiges Wort. Unter anderem schliesst es die folgenden Aspekte ein:

Eine persönliche Beziehung tiefen gegenseitigen Verständnisses und Identifikation. – Zwischen zwei echten Christen ist ein gegenseitiges tiefes geistliches Verständnis möglich, weil es derselbe Heilige Geist ist, der in beiden lebt. Sie können sich gegenseitig in ihrem geistlichen Leben ermutigen, und einander helfen, die Dinge Gottes besser zu verstehen. Diese gegenseitige „Auferbauung“ ist keineswegs auf „religiöse Versammlungen“ beschränkt. Sie geschieht spontan, wo immer sich zwei echte Christen begegnen, sei es auf der Strasse, am Arbeitsplatz, oder wo auch immer.
Der Heilige Geist befähigt auch dazu, sich mit den Freuden, Problemen und Leiden anderer Christen zu identifizieren: „Und wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit ihm; und wenn ein Glied Ehre empfängt, dann freuen sich alle Glieder mit ihm.“ (1.Korinther 12,26). „Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15).
Diese Art von Gemeinschaft erfordert Transparenz und Ehrlichkeit: „Aber wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander …“ (1.Johannes 1,7). So heisst es auch von den ersten Christen, dass ihre Gemeinschaft „mit einfachen Herzen“ geschah (Apg.2,46). D.h. sie verstellten sich nicht in ihren Beziehungen untereinander. Sie dachten nicht etwas und sagten etwas anderes. Sie gaben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht waren.
Kennst du die Freuden, die Sehnsüchte, die Lebensziele, die Anstrengungen, die persönlichen Schwierigkeiten der Christen, mit denen du zusammenkommst? Und kennen sie dich auf diese Weise? Nimmst du Anteil am Leben deiner Glaubensgeschwister, um sie zu ermutigen, aufzubauen, für sie zu beten, ihnen zu helfen, ihnen Rat zu geben? Nehmen deine Glaubensgeschwister in derselben Weise an deinem Leben teil?
Wenn wir das geistliche Leben einer christlichen Gruppe messen wollen, dann ist die Qualität ihrer persönlichen Beziehungen untereinander eines der aufschlussreichsten Merkmale. Herrscht da diese transparente und aufrichtige Gemeinschaft, diese echte Identifikation mit dem Leben der Geschwister, diese gegenseitige geistliche Auferbauung? Oder herrschen die „institutionellen“ Beziehungen vor, die nur dazu da sind, die Zusammenarbeit für die Zwecke der religiösen Institution sicherzustellen, ohne dass eine echte Bruderliebe vorhanden wäre? (Siehe dazu auch: „Institution Kirche, Institution Schule – dieselben Probleme“, sowie „Das Tier, das Milgram-Experiment und die Kirchen“.)
– In manchen heutigen Kirchen reden die Mitglieder einander als „Geschwister“ an; aber in Wirklichkeit haben sie längst nicht dasselbe Vertrauen unter „Geschwistern“ wie unter den Mitgliedern ihrer natürlichen Familie. Sie sind Mitglieder derselben religiösen Institution, aber sie können nicht miteinander transparent kommunizieren, weil sie nicht wirklich Geschwister im Geist sind. Wo das der Fall ist, da ist es Heuchelei, die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ zu verwenden, weil gar keine Wirklichkeit dahintersteht, und weil wahrscheinlich ein grosser Teil der Mitglieder dieser Kirchen gar nicht wiedergeboren sind.

Sie entspringt einer Beziehung derselben Qualität mit dem Herrn Jesus selber. – Jede geistliche koinonía unter Christen fliesst aus der persönlichen Beziehung, die jeder von ihnen mit Jesus hat. Ein Christ kann seinen Bruder lieben, weil der Herr ihn liebt (1.Johannes 4,10-11), und weil er den Herrn liebt, der in seinem Bruder lebt. Er kann seinen Bruder trösten, weil der Herr ihn bereits getröstet hat (2.Korinther 1,3-6). Er kann seinen Bruder geistlich auferbauen mit den Gaben, die der Herr ihm gegeben hat (1.Petrus 4,10-11).
Die Beziehung, die der Herr mit uns haben möchte, ist so tiefgehend, dass Paulus schreiben kann: „… (ich wünsche) ihn kennenzulernen, und die Kraft seiner Auferstehung, und die koinonía seiner Leiden, indem ich ihm ähnlich werde in seinem Tod, ob ich irgendwie zur Auferstehung aus den Toten gelangen möge.“ (Philipper 3,10-11). Paulus schreibt hier nicht davon, einfach etwas über die Leiden Jesu zu „wissen“, oder sich seine Leiden „vorzustellen“. Er spricht von seinen eigenen Leiden um Christi willen! Vergessen wir nicht, dass Paulus diesen Brief aus dem Gefängnis schrieb, wo er leiden musste, weil er das Evangelium verkündigt hatte. So schreibt er an die Philipper auch: „Denn euch wurde um Christi willen die Gnade gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt…“ (Philipper 1,29-30). Die Identifikation mit Christus kann unser eigenes Leiden für ihn einschliessen. Und das war die Art von Identifikation, die auch die ersten Christen untereinander hatten. Hier ein weiteres Beispiel: „Grüsst Priszilla und Aquila, … die für mich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben …“ (Römer 16,3-4).
Wie weit geht deine koinonía mit Christus und mit deinen Glaubensgeschwistern?

Geistliche Gaben miteinander teilen, die jeder vom Herrn empfangen hat. – Wir haben schon die gegenseitige geistliche Auferbauung als einen wichtigen Aspekt der koinonía erwähnt. Darüber lesen wir z.B. in 1.Korinther 14,26, Epheser 5,18-19, Kolosser 3,16, 1.Petrus 4,10-11. Die Zusammenkünfte der ersten Christen bestanden nicht darin, passiv einer „Predigt“ zuzuhören. Im Gegenteil, ihre Zusammenkünfte lebten von den geistlichen Beiträgen aller Anwesenden.

Sie schliesst auch das Teilen des täglichen Lebens und materieller Güter mit ein. – Kehren wir zu Apostelgeschichte 2 zurück. Im Vers 46 lesen wir, dass die ersten Christen täglich in ihren Häusern zusammen waren und gemeinsam assen. Sie hatten also keine besonderen Versammlungen an einem besonders diesem Zweck gewidmeten Ort. Sie hatten Gemeinschaft inmitten ihres Alltagslebens, und sie teilten ihren Alltag miteinander. Auch das ist ein Ausdruck der transparenten Beziehungen, die die ersten Christen miteinander hatten. Wenn ich zu meinem Bruder eine Vertrauensbeziehung habe, dann brauche ich nicht vor ihm zu verstecken, wie ich zuhause mein Alltagsleben lebe.
In einer institutionalisierten Kirche, die sich zu besonderen Zeiten an einem besonderen Ort versammelt, ist es allzu einfach, eine Geistlichkeit vorzutäuschen, die in Wirklichkeit nicht da ist. Die Mitglieder lernen das Leben ihrer Geschwister nicht wirklich kennen. Insbesondere die Leiter können sich gut hinter einem „Kanzel-Image“ verstecken. So ist es allzu einfach für einen Heuchler, einen Lügner, einen Ehebrecher, einen Dieb, einen Betrüger, einen Ungläubigen, eine Leiterschaftsposition einzunehmen – und das ist es, was tatsächlich in vielen Kirchen geschieht. Eine Gruppe von Menschen, die in ihrem Alltagsleben keine koinonía haben untereinander und unter ihren Familien (inbegriffen die Familien der Leiter), wird bald sehr weit vom neutestamentlichen Weg abkommen.

Beachten wir den feinen Unterschied zwischen „Gemeinschaft haben“ und „Versammlungen haben“. Tatsächlich kommt das Wort „Versammlung“ in Apostelgeschichte 2 gar nicht vor! Wenn wir von „Versammlungen“ sprechen, betonen wir den „Anlass“, also etwas Abstraktes. Aber wenn wir von „Gemeinschaft“ sprechen, betonen wir die Menschen: „Ich möchte zu Soundso nach Hause gehen, um Gemeinschaft mit ihm zu haben!“ Wenn wir zur neutestamentlichen Gemeinde zurückkehren wollen, dann müssen wir diese ganze institutionelle Mentalität von „Versammlungen haben“ ändern, und stattdessen in den Begriffen von „Gemeinschaft“ denken.

Wir lesen ausserdem, dass sie „alles gemeinsam hatten, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte.“ (Apg.2,44-45).
In den Apostelbriefen wird nichts mehr davon erwähnt, dass sie „alles gemeinsam hatten“; das scheint eine Besonderheit der Jerusalemer Urgemeinde gewesen zu sein. Aber in allen Gemeinden wurde die gegenseitige Hilfe wichtig genommen, die Grosszügigkeit, die Gastfreundschaft, und die Unterstützung der Armen in ihrer Mitte:

„An den Bedürfnissen der Heiligen nehmt Anteil (habt koinonía), pflegt die Gastfreundschaft.“ (Römer 12,13)
„Nur dass wir an die Armen denken sollen; was ich auch fleissig tat.“ (Galater 2,10)
„So wie wir Gelegenheit haben, lasst uns allen Gutes tun, und besonders den Gliedern der Familie des Glaubens.“ (Galater 6,10).
„Wer stahl, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und mit seinen Händen Gutes tun, damit er etwas zu teilen hat mit dem, der Not leidet.“ (Epheser 4,28)
„Nehmt einander gastfreundlich auf ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Wer aber die Güter der Welt hat und sieht seinen Bruder Not leiden, und verschliesst sein Herz vor ihm, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Johannes 3,17)

Das waren keine institutionalisierten „Sozialhilfeprogramme“. Die ersten Christen waren nicht von einer Art „humanitären Verpflichtung“ oder von „Entwicklungshilfe“ motiviert. Ihre Motivation war das Bewusstsein, dass sie alle eine erweiterte Familie bildeten. Deshalb spricht Galater 6,10 von der „Familie des Glaubens“. In einer Familie ist es nur natürlich, dass die Mitglieder einander aushelfen, wo Not herrscht. Und in jenen Zeiten, als die Familien noch gesünder waren als heute, schloss diese gegenseitige Hilfe auch die erweiterte Familie mit ein (Grosseltern, Onkel und Tanten, Vettern und Basen, usw.) Wenn die ersten Christen einander „Brüder“ nannten, dann war das nicht einfach ein „Titel“ oder eine Höflichkeitsformel; es war Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit drückte sich auch in der gegenseitigen materiellen Hilfe aus.
Wenn diese gegenseitige Hilfe als „Sozialhilfe“ institutionalisiert wird, dann geht dieser beziehungsmässige und familiäre Aspekt verloren, der die Stärke der Urgemeinde war. Es ist nicht dasselbe, ob ich meinen Bruder Soundso unterstütze, den ich persönlich kenne, oder ob ich eine „Spende“ an eine unpersönliche Institution gebe, damit diese damit (hoffentlich) einige mir fremde Menschen unterstützt.

Die Qualität einer aufrichtigen und transparenten „koinonia“ ist ein Mass dafür, wie viel oder wie wenig eine Gruppe von Christen mit der neutestamentlichen Gemeinde gemeinsam hat.